Rr. Ii» Berlin, Sonnabend den 20. Januar 1866. Zweiter Jahrgang» Social-Demokrat. Diese Zeitung erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Festtage. Organ der social-demokratischen Partei. Redigirt von I. B. v. Hosstetten und I. B. V. Schweitzer. Redaction und Expedition- Berlin, DreSdnerstrasje Nr. 85. NbonncmeotS- Preis für Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 18 Sgr., mo- natlich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post- ämtern 22Vsi Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichlvreußischen Deutsch- land IM/« Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr. sfi. 1. 45. südd., st. 1. 50. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärts auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition. von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Eompagnie, Spandauerbrücke 3, sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition Auszugeben) werden pro dreigespaltcne Petit-Zeile bei Arbeiler-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. berechnet. Agentur für England, die Eolonieen und die überseeischen Länder: �1r. Bender, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Square W, C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Rue Brnlee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. politischer Theil. Deutschland. * Berlin, 18. Jan. sLandtagsvcrhand- lungen.� Das Abgeordnetenhaus hielt heute seine 3. Sitzung. Präsident Grabow zeigte an, daß vom vr. Jacobi ein Schreiben eingelaufen sei, in welchem er melde, daß er verhindert iei, im Hause zu erscheinen, da er eine 6 monatliche Freiheitsstrafe verbüße.— Der Justiz mi- n ist er zeigte in einem Schreiben an, daß er den in Be- trcff des Abg. v. d. Leeden gefaßten Beschluß de« Hau- ses dem ApellativnS- Gericht zu Breslau sofort zu Tele- aramm mitgetheilt habe.— Abg. Dr. Buchow hat folgende» Antrag gestellt:„Das HanS wolle beschließen, zu erklären: Die von dem Minister-Präsidenten in der Eröffnungsrede im Namen der Regierung abgegebene Erklärung über die Vereinigung des Herzogthum« Lauen- bürg mit der Krone Preußens widerspricht deutlich den Bestimmungen der Preußischen Verfassung. Das Haus der Abgeordneten erklärt daher jede Vereinigung von Lauenburg mit der Krone Preußens so lange als rechts- ungültig, als die Zustimmung des Preußischen Land- tages nicht erfolgt ist." Auf Antrag des Abg. Dr. Virchow wird dieser Antrag einer besonderen Lvm- Mission von 14 Mitgliedern überwiesen. Abg. Dr. Becker(Dortinnnd) überreicht den Antrag: Das Hau« wolle beschließen:„Der zwischen der Königl. Staatsregierung und der Köln-Mindener Eisenbahnge- sellschaft unter dem 10. August 1855 geschlossenen und durch die Gesetzsammlung veröffentlichten Verlrag, be- treffend die Aushebung der dem Staate zustehenden Amortisation der Köln-Mindener Eisenbahn-Aklien nach seiner Berfassungsmäßigkeit zu prüfen." Auch dieser Antrag geht an eine besondere Kommission von 14 Mit- gliedern. In Betreff zweier Anträge der Abg. Virchow und v. Höver beck wegen Einstellung de» Strafverfahren« gegen die Abg. Dr. Frese(Minden) und Dr. Lünig ward Schlußberalhung im Hause beschloffen und der Präsident eruennt den Abg. Astermann zum Referenten. Der Finanz-Minister überreicht den Staatshaushalt- Etat für das Jahr 1866. Derselbe schließt ab mit einer Einnahme und Ausgabe von 157,237,199 Thlr., und zwar 147,932,243 Thl. an fortdauernden u. 9,364,956 Thl. an einmaligen außerordentlichen Ausgaben. Der Finanz-Min ister fügt dieser Borlage einige Erläuterungen hinzu, ans denen sich die günstige Lage unserer Finanzen ergeben soll. Ueber die Behandlung«- weise de« Budgets erhebt sich eine lange Geschäfts- ordnungs-Debatte, indem Abg. T Westen zunächst den Antrag stellt, die Beschlußsaffnng auszusetzen, bis das Haus Kenntniß vom Etat genommen. Dieser Antrag wird vielfach bekämpft und vom Antragsteller zurück- gezogen, der dafür nunmehr den Antrag stellt, eine Vor- berathung im Hanse über das Budget eintreten zu lassen. Auch über diesen Antrag erhebt sich eine kurze Debatte, nach deren Schluß der Antrag abgelehnt wird. Es stimmt mir ein Theil der Fortschrittspartei dafür. Der F i n a n z m i n i st e r überreicht serner Verträge mit Anhalt, mit Luxemburg und mit Bremen wegen Fort- dauer des Zollvereins, sowie den Schiffsahrls-Vertrag mir England. Die Verträge gehen an die Kommission für Finanzen und Zölle und Handel und Gewerbe. Der HandelS-Minister Graf Jtzenplitz überreicht den Handelsvertrag mit Italien. Der Vertrag wird einer besondern Kommission überwiesen. Ferner Überreicht der HandelS-Minister einen Gesetz Entwurf betreffend die Festsetzung de« Medicinal- Gewichts. Der Gesetz Entwurf soll erst gedruckt werden. Es folgen Wahlprüfungen. (So weit bis Schluß der Redaction, Uhr.) —[Ueber die Habsburg-Hohe nzollern- sche Allianz[ schreibt die Wiener(alte)„Presse": Ja, wir müssen in der deutschen Frage c« gründlich ausgeben, von Berpstichlnngen zu sprechen, welche wir gegen Andere haben sollen, aber kein Anderer für uns haben will; von Verträgen zu reden, welche nur eine Seite binden solle», und zwar unsere eigene. Wie jetzt die Dinge stehen, so könnte es leicht Passiren, daß wir gegen die preußischen Prätcnsionen in de» Herzogthü- mern ernstlich auftreten müssen, daß England und Frank- reich»nsere Ansichten secundiren und daß Preußen uns dann auffordert, ein Armeecorps an den Rhein zu stellen, weil es gerade dieser Frage wegen sich von Frankreich bedroht sieht. Wir müßten dann unsere Bunde«« genossen bekämpfen und unseren Feinden zu Hülfe eilen. Deutschland ist bedroht, aber nicht von Frankreich, sondern von Preußen. Der Angriff aus den Augusten- burger ist die Ouvertüre zum Angriff aus Mecklenburg und Hannover, aus Braunschweig und Sachsen, auf Hamburg und Lübeck. Jener Theil von Deutschland, der nicht an Preußen fallen will, bedarf unseres Schutzes und kann ihn haben, wenn er nicht, wie bisher, des Glaubens lebe» will, daß dieser Schutz unsere Pflicht sei, in unserem eigensten Interesse liege und daß er uns dafür weder einen Dank, noch eine Leistung schuldig sei. Jenes gefährdete Deutschland, dem Preußen an die Gurgel und an das Leben greift, wird und muß sich eines Tage« in einem engeren Bund zusammenschlie- ßen, welcher die deutsche Frage weiter bringen wird, weil er sie von jenen Dunkelheiten und Nebeln befreit, unter deren Schutz jetzt der Wols aus seinen Raub auszugehen vermag. Daß wir diesen Standpunkt ebenso wenig als einen deutschen gelten lassen können, wie den der gesammten �roßpreußischen particularissischen Presse, brauchen wir nicht erst zu sagen. Wir führen eine solche Stimme, welche wohl ebenso berechtigt ist, wie die der Großpreußen, nur an, weil daraus ein Jever, der noch nicht zur Einsicht gekommen ist, ersehen muß, daß die Lösung der deutschen Frage im deutschnationalen Sinne weder durch Oester- reick, noch durch Preußen, noch auf dem Wege der Bundesreform möglich ist, da alle diese Wege nur zur Zerstückelung und zum Untergang Deutschlands führen müssen. Der einzige Weg zur Einheit im Sinne der Nation ist die Ermannung des Volks zu einmüthigem Handeln, trotz Phi- listern und Bayonetten. —[Die„Volkszeitung"[ leitartikelt heute wieder einuial über„den gesunden Sinn des Volkes", der„einerseits die Träume der social-demokratischen Führer als solche erkannt", während„andererseits die„Kreuzztg." durch ihre Liebäugeleien wahre Wunder bewirkt und so manche» Phantasten er- nüchtert habe durch ihre Agitationsschlinge»."„WaS im vorigen Jahre noch als bedenkliche Bewegung ! erschien", fährt die„Volksztg." fort,„ist in diesem - Jahre nur noch eine Regung der Geister, welche sich mehr und mehO zu richtigerer Würdigung der socialen Frage abklärt." Der„gesunde Sinn" deö Volkes habe bewirkt, daß„die Agitationen des vori- gen Jahres, die Arbeiter gegen die liberale Partei zu mißbrauchen, nunmehr gründlich gescheitert", daß„die Arbeiterbewegung sich nicht für die Reaction habe ausbeuten lassen." Ganz richtig; aber eben deshalb war auch diese Furcht sehr unnöthig, eine Furckt, übrigens, welche niemals ernstlich von jenen Herrn gehegt wurde; dagegen fürchteten sie allerdings, daß der von ihnen so sehr betonte gesunde Sinn des Volkes ihren Schlichen aus die Spur kommen und es mit der Freiheit und Gleichheit einmal ernst nehmen möchte. Und deshalb nahmen sie ihre Zu- flucht zu Verdrehungen, Lügen, Verdächtigungen und Verleumdungen, zu einem System, dessen sie sicb bei den ihnen zu Gebote stehenden pecnniären Mitteln, fast im Alleinbesitze der ganzen Presse und umgeben von dem Nimbus freiheitlichen StrebenS, mit aller Aussicht auf einstweiligen Er- folg bedienen konnten. Jene Furcht aber war sehr, sehr begründet und ist es glücklicher Weise noch heute. Unzweifelhaft wird jedoch der gesunde Sinn des Volkes auch nock jenen Mißbrauch gründlich scheitern lassen, welchen die Agitationen der„liberalen" Partei mit den Arbeitern treiben. Der gesunde Sinn des Voltes wird mit der Zeit eben so sehr die„Liebäugeleien" und„Agita- tionSschlingen" der„liberalen" Partei nach ihrem wahren Werthe taxiren und noch gar Mancher wird in dieser Hinsicht„ernüchtert" werden, der heute noch für jene Art von Voltsfreunden schwärmt. Daher nur nicht zu früh gejubelt! —[Die Freilassung I. B. v. Schweitzer'S aus der Untersuchungshaft betreffend�, hat daS Kammergericht, trotz ärztlicher Zeug- nisse, welche eine längere Haft während deS Winters für den Gesundheitszustand des Gesänge- nen als unzulässig erklärten, einen abschlägigen Beschluß gefaßt. �[Johann Jacobyj macht, wie die Blätter melden, keinen Anspruch darauf, während der Dauer des jetzigen Landtag« seine Gefängnißstrafe, welche in etwa fünf Wochen abläuft, unterbrochen zu sehen. Dagegen wünscht er, die nachträglich wegen des Buches über Simon gegen ihn verhängte Gefängnißstrafe erst nach Schluß des Landtages zu verbüßen. * BZieit, 17. Jan.[Die preußische Thronrede. Von den Landtagen. Wahlrecht der Frauen. Die deutsche Sprache im Univer- sitätSunterricht. Verkauf der Staats- domänen. Die venetianischen Emigrirten.) Die preußiscke diesjährige Kammereröffnungsrede Bismarcks wird in den hiesigen diplomatischen Kreisen als Beweis der in Berlin gegen Oester- reich herrschenden Verstimmung angesehen, da in . derselben nicht, wie es im Vorjahre geschehen ist, des„getreuen äldürten," Oesterreichs, gedacht wurde. Ilm. Auch die Zeitungen lassen ihr keine allzu wohlwol- —- lende Beurtheilung zu Theil werden. Die ministe- rielle„Oesterr. Ztg." pelemisirt bescnders gegen die auf die Elbherzogthiimerfrage bezügliche Stelle. Diese stolze und zuversichtliche Sprache, sagt das genannte Blatt, sei durch die Sachlage nicht ge- rechtfertigt. Tie Deutschen Interessen und die Preußischen Ansprüche in der Schleswig-Holsteini- . scheu Sache seien nicht Eins.(Sehr richtig, so- � wohl im vorliegenden Falle, wie überhaupt.)„Die Deutschen National-Jntereizen bedingen die Achtung des Rechtes und der Selbstständigkeit jedes einzcl- nen Bundesgliedes, die Preußischen Ansprüche...." Die„Oesterr. Ztg." leugnet, daß der Gasteiner Vertrag ein Pfand constituirt habe, wie die Thron- rede behauptet. Gastein habe das Provisorium neu geregelt, aber kein Pfand für die eine oder die ->wii ändere schließliche Entscheidung bestellen wollen. „Es bedurfte Gasteins nickt, wenn Preußen jede bei Lösung, die ihm nicht genehm, in SchleSwig-Holstein t. hintanhalten wollte; dazu genügte das von ihm im Wiener Frieden erworbene Recht."„Wenn einmal der Anfang gemacht werde"— schließt daS ministerielle Blatt drohend—„das Gebiet der bloßen Thalsachen zu betreten, dann könnten von anderen Seiten her andere Thatsachen heranwachsen, welche ent«< urit noch zwingenderer Gewalt sprechen, als selbst eine Preußische Thronrede."„Ein Staatsmann, Zlats und wäre es selbst der Graf Bismarck, soll unter keinen Umständen„unter alle» Umständen" sagen." über Auch die„Neue freie Presse" macht sich dar- "'fil* über lustig.„Presse" und„Ostdeutsche Post" � sprechen sich ähnlich aus. Die Verleihung des n schwarzen Adler-Ordens durch den König v. Preu- Cur- ßen an Victor Enianuel wird von den Blättern „k. als eine Demonstration gegen Oesterreich aufgefaßt. Aus den Landtagen liegt Einiges von Interesse und vor. In Gratz ist eine Denkschrift über die trau- da« rige Finanzlage des Landes zur Diskussion gekom- batte„len, welche mit sehr großer Freimülhigkeit die '9 ta Schäden, soweit die Regierung dafür verantwortlich d-r ö" machen ist. bespricht. Auch die Ueberbürdung e m. des Landes durch die Biilitärpflicht findet darin ihre Stelle. In Plößnitz(Mähren) hat sich bei doch der Wahl eines Czechischen Abgeordneten auch das Des- schöne Geschlecht stark betheiligt und das ist in e ein Brünn Anlaß zu einer lebhaften Debatte über das au- Wahlrecht der Frauen geworden. Der Statthalter larte erklärte, die Ansicht der Regierung nächstens mit- bren, jheilen zu wollen, einstweilen sei er gegen jenes nas- Wahlrecht. Der Liebling der Schonen hatte außer- dem auch die Majorität der Männer erhalten und nüsse so verlies die Sache ohne Resultat.— In Prag auch ist Einführung des Sprachenzwiespaltes auch im jigen Universitätsunierricht beantragt und wird wahr- dem scheinlich durchgesetzt werden. Aus„Deutschland" als(Deutsch-Oesterreich) werden dann wohl schwerlich ®et' mehr Universitätsbesucher kommen.— Die ent- "che schiedene Adresse des Vorarlberger Landtages, deren wir schon einmal Erwähnung gelhan, hat der Kaiser Fi, nicht angenommen, sondern an den LandeShaupl- math mann zurückweisen lassen. Gelesen muß er sie An- also doch wohl haben.— Aus Paris ist eine für Riß- Oesterreich ungünstige Nachricht eingelaufen: Die hme. Vorverhandlungen der Oesterreichischen Regierung st? mit dem s. g. v. Habcr'schen Consortium wegen �'jst Verkaufs der Staatsdomänen haben gezeigt, daß die zu erlangenden Preise mit dem wahren Wcrthe nken der Güter nickt im gehörigen Verhältnisse stehen. ung Herr v. Beke hat deshalb de» Auftrag empfangen, seine Bemühungen daraus zu richten, nur für jung 40 Mill. Grundstücke zu verkaufen, den Rest hin- gegen für eine neue Anleihe von 350 Mill. hypo- gen thekarijch zu verpfänden.— Die in Floren; woh- ar" nenden Benetianischen Emigrirten haben in einer heute abgehaltenen Versammlung die Amnestie für �ea nickt annehmbar erklärt. ge)* Kassel, 17. Jan. Ministerkrisis. Der jen, Churfürst.j Wie die„Bankztg." meldet, steht lelle abermals eine Ministerkrisis bevor, die freilich auf weil den Gang der Weltereignisse keinen Einfluß üben, eich auck an dem gewohnten Regiment nichts ändern mde wird. Der Churfllrst befindet sich fortwährend in Er- der bekannten reizbaren, einem Personenwechsel itte, günstigen Stimmung, in Folge deren die Krisen lelle nicht nur im Kabinete, sondern auch in der kur- fürstlichen Familie chronisch geworden sind.— Einer der vom Hof verbannten Söhne des Kurfürsten hatte die Absicht kundgegeben, auf dem Landtage in Kassel in seiner Eigenschaft als ritterschaftlicher Abgeordneter zu erscheinen. Der Vater war außer sich, dock hat der Sohn sich angeblich bereit finden lassen, seine Absicht aufzugeben. Ausland. * Paris, 17. Jan. sTagesberichl: Mi» nisterralh. Das Gelb buch. Die„France" über die preußische Thronrede. Prinz Achille Mural.) Heute war Ministerrath in den Tuilerieen.— Die Aktenstücke, welche im gelben Buche Aufnahme finden sollen, sind noch inimer nicht alle beisammen, oder vielmehr die Auslese ist noch so wenig vorgerückt, daß die Eröffnung der Session der Vertheilung dieser Belegstücke um Tage, wenn nicht um Wochen vorausgehen dürfte. Man will auf diese Weise eine lange und auf die aus- wärtige Politik eingehende Adreßdebatte abschneiden. — Die„France", welche die Preußische Kammer- eröffnungsrede bespricht, findet, daß überhaupt „in Preußens auswärtiger Politik sichtbar ein Stillstand eingetreten sei; man vertage die Fragen, weil man sie zu lösen nicht vermöchte".— Vor ungefähr vierzehn Tage» figurirte der Prinz Achille Mural in dem Prozesse, den ein Pferdehändler der bekannten Größe der Dcmi-Monde, der Engländerin Cora Pearl, ge- mackt halte. Der edle Prinz hat dieser ein schriftliches Zeugniß ausgestellt. Graf Henri de Rochefort, ein Mitarbeiter am Figaro, hatte sich in dem genannten Journal einige ganz passende Bemerkungen darüber erlaubt. Der„Prince Achille", wie man ihn hier fast allgemein zu nen- nen pflegt, nahm dieses aber sehr übel und sandte ihm durch den Prinzen Jerome Bonaparte-Patter- son(ein Sohn des amerikanischen Bonaparte; er steht in französischen Kriegsdiensten und man glaubte längere Zeil, der Kaiser wolle ihn zum Kaiser von Mexiko machen) und den Marquis von Ezpclletla eine Herausforderung zu. Das Duell fand auf Degen und, da es stark regnete, in einer Reitschule Statt. Der Kampf war lebhaft, aber schnell been- det. Das Hemd. des Prinzen wurde von dem Degen Rockefort's aufgerissen, der dagegen eine unbedeutende Verwundung am Schenkel erhielt. Prinzliche Beschäftigungen!— * London, 18. Jan.(Irland. Fenier- proceß. Bericht der„Commission für Ueberwachung der Kinderarbeit".) Die von dem Lord-Statthalter von Irland auf Grund der FriedenSwahrungs-Acte von 1856 erlassene Proc- lamation des Ausnahmezustandes bezieht sich nicht nur auf Stadt und Grafschaft Dublin, sondern auch auf Waterford und mehrere Theilc der Graf- schaft Tipperary. Sie soll den Zweck haben, der Polizei die Auffnchung der angeblich an manchen Orten in großer Zahl verheimlichten Waffen zu erleichtern; doch findet eine andere Erklärung, daß die Behörden eine so ernste Maßregel in Folge be- unrnhigender Wahrnehmungen und Benachrichti- gungen ergriffe» hätten, eben so großen Glauben. Die irische Hauptstadt zeigt jedoch keine Spur von Aufregung und eS soll auch im Lande die tiefste Ruhe herrschen.— Ueber die Schuld des Ange- klagten O'Mahony, der Stephens' Secretair und Buchhalter in der Expedition des„Jrish People" gewesen war, hatte sich bekanntlich die Jury nicht einigen können. Es wurde eine zweite Jury gebildet nnd diese hat gestern, wie der„Times" aus Dublin telegraphirt wird, das Schuldig in allen Punkte» ausgesprochen, aber den Gefangenen zugleich der Gnade des Richters empfohlen. Die Sentenz des letzteren erfolgte sodann und lautete auf 5 Jahre Strafarbeit. Heute werden sämnitliche verurtheilte Fenier von Irland nach England herübergebracht.— Die„Kommission für Ueberwachung der Kinder- arbeil in England" hat ihren Bericht abgestattet. Es geht daraus hervor, daß Tausende von Kindern, Mädchen und Knaben mit Arbeite» belastet sind, die ihre Kräfte übersteigen, wodurch die Kinder jeder geistigen Kultur entbehren. Die Commission schätzt die Zahl der Beschäftigten unter 18 Jahren, welche den ganzen Tag und selbst einen Theil der Nacht arbeiten müssen und niemals Gelegenheit haben, sich auch nur die geringste Schulbildung anzueignen, auf mehr als 70,000. Der Bericht stellt überdies fest, baß die Mehrzahl der erwähnten Mißbräuchc am hellen Tage, ohne jede Heuchelei und unter Berufung auf die bestehende Sitte voll- führt werden. Aus einer amtlichen Nachfor- schung über die Arbeit der Kinder, in den Stroh- geflecht-Fabriken vorgenommen, geht nach Zeugen- aussage ehrenwerther Männer hervor, daß die Kinder schon im zartesten Alter zu flechten be- ginnen müssen. Einige fangen erst mit fünf Jahren an, die größere Mehrzahl aber lernt vom dritten bis vierten Jahre. Mr. White, ein Com- missions-Mitglied, sah so ein armes Geschöpfchen, das noch nicht das zweite Jahr erreicht hatte, seine ersten Versuche darin beginnen. Gewöhnlich hält man diese Kinder in ungesunden Zimmern, wo sie wie die Häringe zu dreißig und vierzig zusammen- gedrängt sind. Manchmal sind die Zimmer so sehr gefüllt, daß man selbst im Winter kein Feuer anmachen kann. Dann werden einige irdene oder blecherne Töpfe mit einigen Kohlen als Heizmate- rial benützt. Die Schule wird manchmal mit der Werkstatt verbunden. Sobald die Kinder groß genug erscheinen, unterrichtet sie eine Lehrerin in den Geheimnissen ihrer Kunst. Es scheint dies eine harte Arbeit für die Lehrende sowohl, wie für die Lernenden.„Man beginnt damit ihnen Stock- schlüge zu geben"(tlle� have the stick at first). Ehe man sie zum Flechten nimmt, müssen die Würm- chen die Slroh-Endcn abschneiden, welche aus dem Gewebe hervorstehen. Zu diesem Zwecke giebt man ihnen ganz kleine Schecre», die mit eineni Bind- faden an ihren Gürtel befestigt sind. Diese armen Unglücklichen arbeiten während secks Stunden des Tages, von 9 bis 1 nnd von 2 bis 4 Uhr. Mit 7 Jahren gehen die Knaben auf den Feldern ar- beiten, aber den Mädchen wird ihr Tag um 3 Stunden verlängert, sie kehren zum Flechten von 5 bis 8 zurück. Unter solchen Umständen wird die Erziehung natürlich möglichst vernachlässigt. Die Kinder lernen nur, wenn die Geschäfte stocken. Mitleidige Personen erboten sich, das Schulgeld für die Kinder zahlen, doch die Elter» nahmen es nicht an, da sie die 6—12 Sous(2�— 41/j Sgr.) die ihnen die arme» Kleinen täglich brachten, nicht entbehren mochten. Es ist nicht zum wundern, wenn die Kinder, wenn sie nach und nach groß werden, sich sehr wenig um die Eltern kümmern, die sie mit solchem Egoismus behandelt haben. Ein eben erwachsener Arbeiter gewöhnlichster Gattung verdient 12 Frcs.(3 Thlr. 6 Sgr.) wöchentlich; eine Arbeiterin kann das Doppelte verdienen, beson- ders wenn sie Nähterin wird. Sehr wenig junge Frauen können ihren Namen schreiben. Man zählt unter 100 Geburten 10 uneheliche. An und für sich ist daS Flechtgeschäft der Gesundheit nicht nach- theilig; die Sittlichkeit aber leidet bedeutend in solchen Fabrikkreisen. * Spanien.(Der Aufstand. Pareja.) Aus Bayonne wird vom 18. d., Nachmittags, tele- graphirt: Von der Spanischen Regierung am 16. Mittags ver- össentlichte Depesche» lassen General Prim nach wie vor nach der Portugiesischen Grenze marschire», geben aber zu, daß derselbe sich leicht nach Andalusien wenden könnte Die neuesten Depeschen aus Madrid melden, daß sich die Insurgenten am 16. d. in Zalamea, nahe der Portugiesischen Grenze befanden. Also noch immer das alte Lied: Flucht Prim's nach Portugal und noch immer nickt die Nachricht von seiner Ankunft daselbst. Aus Paris wird indessen vom 18. d. telegraphirt: Der heutige„Abendmoniteur" sagt, es sei möglich, dag Prim sich nach Andalusien gewendet habe, da die Königliche» Truppe» ibm den Weg nach Portugal ver- legt haben. Die Berge der Provinz Tarragona werden von einer bewaffneten Bande durchstreift. Auch fängt man in Paris wieder an, eine Er- Hebung Cataloniens in Berechnung zu ziehen, da ans Toulon, 17. Jan., telegraphirt wird, daß der Dampfer„Eaton" Befehl erhalten hat, vor Barce- lona und den übrigen catalonischen Häfen zu kreuzen und sich im Nothfalle den französischen Consuln