Nr. 21. Berlin, Freitag den 26. Januar 1866. Zweiter Jtohrganq. Social Demokrat. Diese Zeitung erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Festtage. Organ der social- demokratischen Partei. Redigirr von I. B. v. Hofstetten und Z. B. v. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berlin, Drcsdnerstraste Nr. 85. Abonnements- Preis für Berlin incl. Bringerlobn: vierteljährlich 18 Sgr., mo- Bestellungen werden auswärts aus allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, natlich 6 Sgr.� einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post- von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Spandauerbrücke 3, sowie ämtern 22Vs Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichlpreußischen Deutsch. auch unentgeltlich von jedem„rolhen Dienstmann" entgegen genommen. land 13� Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr. sfl. 1. 45. südd., sl. 1. 50. östett. Inserate(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Währ.) pro Quartal.. Arbeiter-Anuoucen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 sgr. berechnet. Agentur für England, die Colonieen und die überseeischen Länder: Nr. Benäer, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich:(1. A. Alexandre, Strassbourg, 5. Rue Bruleej Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andre-des-Arts. Der todteZchlche gegen de« lebenden Lassalle. 1. „Die Abschaffung des geschäftlichen Risico durch Herrn Lassalle"— so lautet der Titel der endlich (nach zwei Jahren!) erschienenen Antwort deö Herrn Schulze-Delitzsch auf Lassalle's„Herr Bastiat- Schulze, der ökonomische Julian." Wir haben Ihre Schrift gelesen, Herr Schulze, — es thut uns leid: aber wir müssen auf's Neue die Geißel über Sie schwingen. „Ein neues Capitel Ihres Katechismus" nennen Sie Ihr opus— gut, das neue Capitel soll das Schicksal des alten theilen. Doch bevor wir ökonomisch werden, Herr Schulze, eine kleine gramatikalische Bemerkung. „Die Abschaffung des geschäftlichen Risico"! Nominativ: das Risico. Genitiv: des Risicos. Dativ: dem Risico. Accusativ: das Risico. Also, Herr Schulze, nicht:„die Abschaffung des Risico", sondern:„die Abschaffung des Risicos." Sollten Sie in Ihrem Hause einen Schuljungen haben, so fragen Sie ihn doch, was geschieht, wenn er in der Schule schreibt: das Buch des Vater, der Kopf des Mann, der Schall des Echo. Er wird Ihnen antworten, daß ihm dann sein Lehrer das Heft um die Ohren schlägt. Aber freilich, Herr Schulze, Sie haben einmal sagen hören, daß man schreiben soll: des Cato, des Cicero, und daraus haben Sie geschlossen, daß man auch schreiben müsse: des Ecko, des Risico. Sie sind entschuldigt, Herr Schulze! Der Schuljunge aber bekommt nach wie vor sein Heft um die Ohren geschlagen. Nach dieser grammatikalischen Vorbemerkung zur Sache! Wir beginnen mit dem Nachtrag. Nachdem Sie nämlich die saure Arbeit Ihres unschätzbaren Werkes glücklich hinter Sich haben, können Sie es nicht über's Herz bringen, den Schauplatz zu verlassen, ohne Sich selbst noch wie folgt beglückwünscht zu haben: Obschon das gegenwärtige Schriftchen seinem Zwecke nach mit den vorstehenden drei Abschnitten schließt, kann ick doch nicht umhin, nachträglich zweier Borkommnisse zu gedenken, welche während der Abfassung desselben ein- traten, und von denen das eine von praktischer, das andere von theoretischer Seite die Richtigkeit der darin vertretenen Grundsätze und Bestrebungen in schla- gender Weise bestätigt. Das erste„Borkommniß", welches Sie meinen, ist, wie wir weiter erfahren, der in Ihrem„re- gelmäßig erscheinenden Jahresbericht für 1864"— Wie, Herr Schulze, Sie lassen nicht nur einen Jahresbericht für 1864 erscheinen, Sie lassen einen solchen sogar regelmäßig erscheinen? Glücklicher Verleger! Armer Schuljunge!— also der in gedachtem, regelmäßig erscheinenden Jahres- bericht für 1864„statistisch nachgewiesene außer- ordentliche Fortschritt der auf Selbsthülfe gegrlln- deten deutschen Genossenschaften des kleinen und mittleren Gewerbestandes, namentlich der Hand- werker und Arbeiter." Sie versichern uns, daß im Jahre 1864 455 Borschuß- und Creditvereine eine 173,350 Thlr. betragende Dividende an ihre Mitglie- der gezahlt haben. Da wir aber aus Ihren Mitthei- lnngen auch ersehen, daß jene 455 Vereine zusam- men 135,013 Mitglieder zählen, so kommt es uns vor, als erhielte das Mitglied im Durchschnitt noch nicht l'/s Thlr., was uns nicht sonderlich imponi- reu will. Aber freilich, wir werden ja außerdem belehrt, daß jene Vereine im Laufe des Jahres 1864 Vorschüsse im Belaufe von 48/147,495 Thlr. an ihre Mitglieder gegeben haben. Aber damit diese Angabe die beabsichtigte Wirkung auf uns hervorbrächte, Herr Schulze, müßten Sie uns doch gezeigt haben, daß jene Vereine ihren Mitgliedern einen Credit verschafft haben, den dieselben sonst nicht genossen hätten, d. h. Sie müßten uns gezeigt haben, daß die Bedingungen, oder die Voraussetzungen, unter denen jene Mitglieder Credit bekamen, günstigere als die gewöhn- lichcu waren. Aberjmdlich, Herr Schulze, was in aller Welt wolle» Sie denn überhaupt mit Ihren Vorschuß- und Creditvereinen? Sie beabsichtigen als Kämpe des Unternehmergewiuns oder, wie Sie Sich ausdrücken würden,„deö Unternehmergewiun", uns gegenüberzustehen— und da führen Sie uns Ihre Credit- und Rohstoff-Vereine vor? Hat denn irgend wer behauptet, daß das Bestehen des Unternehmer- gewinnes mit Handwerker-Credit-Operationen oder mit dem gemeinsamen Ankaufe von Rohstoffen durch Vereine unverträglich sei? Logik, Herr Schulze, Logik! Das zweite„Vorkominniß", ob dessen Sie Sich beglückwünschen, bezeichnen Sie, wie folgt: Die theoretische Bestätigung der volkswirthschast- lichen Grundsätze des Verfassers, deren gedacht wurde, ist in dem Werke des ersten der jetzt lebenden Forscher, des berühmten Amerikaners Carey:„Die Grundlagen der Socialwissenschaft" enthalten, welche« 1860 vollendet, in, vorigen Jahre durch die Uebertragung des Dr. Adler, München 1863— 64(E. A. Fleischmann'sche Buchhandlung) dem deutschen Publikum zugänglich ge- macht wurde, auf welches wir nicht unterlassen mögen, bei dieser Gelegenheit als auf eine der bedeutendsten Erscheinungen dieses Gebietes aufmerksam zu machen. DasFalscheundVerwerflichederLehrenderneu- eren Englischen volkswirthschaftlichen Schule, insbesondere der Theorien des Ricardo und Malthus, auf welche L. seine Hauptsätze stützt, ist hier schlagend nachgewiesen, und e« ist merkwürdig, daß der mit der ganzen Bildung des Jahrhunderts be- w asfnete L. die frühern Werke des Mannes, worin dessen wahrhaft Epoche machenden Entdeckungen auf national- ökonomischem Gebiete seit länger als zwei Jahrzehnten einzeln auftreten, gar nicht gekannt hat. Wie? Was steht da gedruckt? „Das Falsche und Verwerfliche der Lehren der neuere» englischen volks- wirthschaftlichen Schule, insbesondere der Theorieen des Ricardo und Malthus." Haben wir recht gelesen? Steht das wirk- lich da? Wie, Herr Schulze? Sie wagen es? Sie unter- stehen Sich? Haben Sie denn gar keine Vorstellung von dem, was England ist? Haben Sie nie gehört von jenen Docks, die das Staunen und die Bewunderung des Fremden sind,— nie gehört von jener großen, jener einzigen Stadt, „Wo vier Welten ihre Schätze tauschen"? Wissen Sie nicht, Herr Schulze, daß dort ein Tempel steht— ein Tempel des neunzehnten Jahr- Hunderts!—, wo das Gold nicht gezählt, wo es gewogen wird, ein Tempel, nach dem in breiten goldenen Strömen die„Tauschwerthe" des Erd- freiseg zusaiumenfließen, um in breiten goldenen Strömen wieder hinaus zu wallen der Quelle Siloah gleich über alle Lande? Wissen Sie nicht, daß dort eine Zeitung er- scheint, worin eine einzige Annoncenjpalte den „Tauschwerth"— denn der Tauschwerlh, Herr Schulze, der Tauschwerlh, nicht etwa der Gebrauchs- Werth ist ja der Lebensnerv der bürgerlichen Ge- sellschaft!— den Tauschwerth Ihrer' sämmtlichen Volks- und National-Zeitnngen aufwiegt? Wissen Sie nicht, mit Einem Wort, daß, wenn das Ideal der Bourgeoisie entscheiden soll— das Ideal der Klasse, die Sie vertreten— England der Riese ist, gegen den alle anderen Läu- der verschwindende Zwerge sind? Und wissen Sie— ferner!— nicht, daß Robert Malthus und David Ricardo Riesen sind in der Wissenschaft dieses Riesenlandes? Ein Gefühl der Wehmuth, der stillen Trauer überkam uns, als wir Ihre Worte lasen! Denn wir gedachten jener ernsten, jener ver- dienstvollen Manner der Wissenschaft, die wahrlich nicht verdienen, herabgezogen und verunglimpft zu werden. Inmitten deö Treibens und Rauschens des erwachsenden Weltverkehrs ini rastlosen England, mitten unter den Freuden und Leiden des„Tausch- Werths", bei seinen Triumphen im„immer steigen- den Nationalreichthum" wie in den Sündfluthen seiner Handelskrisen, inmitten dieses Drängens und Treibens, still betrachtend bald und bald lhat- kräftig hineingreifend, ist anderthalb Jahrhunderte lang die classische englische Oekonomie ihren Weg gegangen, um zuletzt ihren Gipfelpunkt in "Robert Malthus und vor Allem— glänzend und eclatant— in David Ricardo zu finden, ihren Gipfelpunkt, da sie endlich, nach anderthalb Jahrhunderten das bürgerliche England begriff— England, Herr Schulze! Und nun kommen Sie aus Delitzsch oder PotS- dam, und wagen es--- Aber warten Sie, Sie kleiner Rebell! Wir werden gegen Sie die Könige Ihrer Wissenschaft vor Maiestätsbeleidigung zu sichern wissen. politischer Theil. Berlin, 25. Januar.. Die diesjährige französische Thron« rede, so sagten wir gestern, läßt unS eine erfreu- liche Wahrnehmung machen: Der Kaiser altert, während Frankreich sich verjüngt. Ja, er altert, der Mann deS 2. DecemberS, und seine Augen, die sonst nur„den Zerfall der alten europäischen Ordnung",„die Hinfälligkeit der Wiener Verträge", die„Nothwendigkeit eines euro- päischen Congresses", Frankreichs Beruf,„an der Spitze der europäischen Bewegung und Civilisation zu marschiren", und ähnliche Dinge zu sehen ge- wohnt waren, werden allmählich schwächer und er- blicken von alledem nichts mehr. Die blaue conjervalive Glasbrille, mit welcher der alternde Herr ihrer geschwächten Sehkraft zu Hülfe kommt, läßt sie die Welt in anderer Beleuch- tung und in anderer Gestalt schauen, zwar nicht als romantische„mondbeglänzte Zaubernacht" und „wunderbare Märchenwelt", aber nicht minder un- wahr und illusionär wie diese, wenn auch äußerst hausbacken und prosaisch. Wir haben drei Tonarten in dieser Rede unter- schieden, welche nur eine neu umgearbeitete Variation über das bekannte Thema ist, daß„das Kaiserreich der Friede" sei. Die officielle Kundgebung hebt an im Tone des officiösen Journalisten, der Betrachtungen über aus- wärtige Politik anstellt, geht dann in den Ton des conseroativen Leitartikelschreibers über und endet im Tone eines Quäkers. Betrachten wir uns zuvörderst den officiösen Journalisten. Die Stelle in Betreff Mexiko'S macht uns ganz den Eindruck des mir mühsam mit allerlei Phrasen verdeckten vollständigen Rückzuges: Ich verständigte mich mit dem Kaiser Maximilian über die F-ftsetzung eines Zeitpunktes sllr die Rllckberusung unserer Truppen, damit ihre Rlllltehr sich bewerkstelligeli lasse, ohne die Interessen Frankreichs z» compromittiren, zu deren Vertheidigung wir in jene fernen Lande gegangen sind«.... Die Aufregung, welche in den Vereinigte» Staaten durch die Gegenwart unserer Truppen ans dem mexicanischen Boden hervorgerufen worden ist, wird sich beschwichtigen vor der Offenheit unserer Erklärungen. Der Imperator, der in Amerika dem demokra- tischen Princip, dem RepublikaniSmus, an der Wurzel zu Leibe gehen wollte, indem er in Mexiko einen Cäsarentbron zu gründen gedachte, der im sklavcuhalterischen Süden Nachahmung finden würde, hält es jetzt, nachdem seine Pläne an der Ausdauer und Energie der amerikanischen Volkes kläglich ge- scheitert, für nützlich und klug, die alten Ermnerun- gen an die französisch-amerikanische Allianz wieder aufzufrischen und die Amerikaner zu versichern,„daß die mexikanische Expedition ihren Interessen nicht hatte entgegenstehen" sollen. Der Rückzug ans Mexiko hat aber noch eine andere, sehr wichtige Bedeutung. Das Scheitern dieser Expedition, welche so viele Tausende von Menschenleben und Millionen an Geld verschlungen, wird seinen Eindruck auf die Franzosen nicht verfehlen, die nichts mehr hassen als verunglückte abenteuerliche Unternehmungen auf Kosten Frankreichs. Hinsichtlich Deutschlands gedenkt der Thron- redner seine Politik der Neutralität beizubehalten, d. h. Deutschland vorläufig in seiner Ohnmacht und Uneinigkeit nicht zu stören und sich an der Un- fähigkeit seiner Regierungen, aber leider auch an der Schwäche und Gleichgültigkeit deS deutschen Volkes zu ergötzen, das noch immer nicht seine Geschicke selbst in die Hand nehmen will. In Betreff Italiens wird der pünktlichen Aus- führung des September- Vertrages die„unerläß- liche Ausreckthaltung der Macht des heiligen VaterS" aleicbsam als Dämpfer aufgesetzt, die Räumung Rom's nur eine scheinbare werden, dieS aber, gleich- wie der Rückzug aus Mexiko nicht verfehlen, dem Kaiser neue Schwierigkeiten im eigenen Lande zu verursachen. Dem conservativen Leitartikclsckreiber Napoleon ergeht es wie einem fortschrittlichen Banquier, der zwar den Fortschritt fortwährend auf der Zunge hat, aber doch nichts mehr fürchtet, als einen wirklichen Fortschritt, der nur zu leicht über ihn fortschreiten könnte: Inmitten diese« immer wachsenden Gedeihens möchten unruhige Geister unter dem Verwände, den freisinnigen Fortgang der Regierung zu beschleunigen, die Regierung am Fortschreiten behindern, dadurch, daß sie ihr alle Kraft und alle Initiative zu entziehen suchen. Sprach der kaiserliche Fortschrittsmann noch im verflossenen Jahre z. B. von der halbwegs socia- listischen Maßregel der Aufhebung der Sckuldhaft, so erscheinen ihm Heuer derartige Dinge als zu ge- wagte Fortschritte, als daß sich davon reden ließe; dagegen ist er über die Ungefährlichkeit der sogenannten„Cooperativ- Gesellschaften"(nach Schulze'schem Prinzip) außer allem Zweifel, daher er sich denn auch mit viel Behagen darüber ausläßt. Und doch mag sich der kluge Mann in dieser Hinsicht vielleicht täuschen und mag es dabei nach dem bekannten Sprüchworte gehn, wonach der Appetit während des Essens kommt. Im Uebrigen der alle Schwindel: Militär- Reduction, Zunahme der Handelöbewegung, Ver- mehrung der Volksschulen u. s. w. u. s. w. Neu dagegen ist: die Aehnlichkeit der jetzigen Institutionen Frankreichs mit den amerikanischen, eine Entdeckung, der Originalität nicht abzustreiten ist und deren Priorität dem gekrönten Entdecker gleichfalls von Niemandem bestritte» werden wird, um so weniger, als sich nicht leicht Jemand finden dürfte, der die gleiche Beobachtung zu machen im Stande wäre. Kurz überall macht sich, wohin wir in dieser Rede blicken, die seichte, alltägliche Phrase breit und wuchert üppig das Giftkraut der mit dem Scheine der Wahrheit prunkenden Lüge. Doch das wären wir längst gewohnt und böte uns keinen sonderlichen Anlaß zur Freude. Was unS freuen kann, ist vielmehr die Jncon- sequenz, in die sich der alte Reinecke zu verstricken begonnen hat, wie aus dieser seiner neuesten Rede unverkennbar hervorgeht. Einmal ist er auf dem besten Wege, mit seiner conservativen Politik die Franzosen zu langweilen; daS aber halten sie nicht lange aus, und werden sie sich am allerwenigsten von denijcttigen begreiflich machen lassen, der unaufhörlich gesagt und wieder gesagt hat, daß er berufen sei, der„morschen alte» europäischen Weit neue Grundlagen zu verleihen." Je weniger er aber den lebhaften Geist des französischen Volkes nach außenhin zu beschäftigen vermag, desto mehr iilid desto schneller müssen ihm die Schwierigkeiten im Innern über den Kopf wachsen. Und gerade diese fortwährend wachsenden Schwierigkeiten im Innern sind es, die ihn zu cineiii neuen System der Politik nach außen ge- drängt haben, z» einem System, welches seine Ver- legenhcite» nur vermebren kann. Während der Kaiser und das Kaiserthum alt geworden, ist in Frankreich eine neue Generation herangewachsen, welcher die Tage vor dem Staats- streich und während desselben nur aus der Ge- schichte bekannt sind, eine Jugend, die sich nach Neuem sehnt, und die kein Lerständniß hat für das alternde verlogene Kaiserthum, eine Jugend, die sich wieder mit Ideale» und Hofsnungen trägt. Und wie diese Jugend kein Verständniß hat für den Kaiser, so bat er keines für sie. So viel wenigstens scheint uns fest zu stehen, daß diese Jugend nickt wie ihr zum Quäker ge- wordener Kaiser die Verbesserung ihrer politischen und socialen Lage von„dem höchsten Willen" er- wartet, der, nach den Schlußworte» der Thronrebe, „über der menschlichen Eiiisickt, über den Anstren- gungen der Wissenschaft und der Vernunft wallet und die Geschicke der Einzelnen so wie die der Na- tione» regelt." Deutschland. * Berlin, 25. Jan. sJn der Elbherzog- thümerfragej soll Bayern in Hessen den Versuch gemacht haben, die großherzoglich hessische Regieriing zur Stellung eines»enen Antrages in der fchleswig-holftein'schen Frage beim Bunde zu bewegen; es sei aber— heißt es— den Bemühungen Oesterreichs gelungen, den schon halb und halb gewonnenen Herrn v. Dalwigk wieder von dem Gedanken abzubringen, da man in Wien selbst die Absicht habe, mit sehr umfassenden An- trägen bei dem Bundestag vorzugehen. So ver- sichern wenigstens Wiener ofsiciöse Federn. Ob die Drohung in Ausführung kommen wird, ist ab« zuwarten. — fJnBetreffLauenburgsjistdie„Prov.- Corresp." der Ansicht, daß eine Rechtsungültiger- klärung der Erwerbung desselben bis zur erfolgten Zustimmung des Landtags im Widerspruch mit der preußischen Verfassung stehe, da Lauenburg nicht als„fremdes Reich" im Sinne der Verfassung zu betrachten sei, wobei sich die„Prov.-Corresp." auf Rönne beruft. —(Die„Provinzial-Correspondenz") erklärt die Rede deS Präsidenten Grabow für un- berechtigt, mißt ihr jedoch nur insofern Bedeutung bei, als darin„ein Anzeichen für die Erneuerung des Parteitreibens im Abgeordnetenhause" zu er- kennen sei, und stellt in Aussicht, daß die Regierung der klaren Erkennlniß dieser Bedentung„zur rechten Zeit ein festes Handeln im Interesse des Friedens und der ungefährdeten Entwickelung des Landes folgen lassen werde." — sUeber die französische Thronredej äußert sich die„Provinzial-Corresp." in äußerst schmeichelhafter Weise, indem sie von der„offenen und frcimüthigen Weise" und von der„Klarkeit" spricht, welche alle Kundgebungen des Kaisers Na- poleo» auszeichne, und darauf hinweist, daß dadurch alle Gerüchte von einem österreichisch- französischen Bündniß widerlegt seien. — sPreußischc Preßschicksale.) Die„Königs b. Nene Ztg." bietet in ihrer neuesten Nummer wieder einen jener inhaltsschweren weißen Räume, ist also wahr- scheinlich vorher consiscirt worden.— Der Redakteur und Verleger des„Schulblattes", E. Sack, hat aus seine Remonstration gegen die Verfügung de« könig- lichen Polizeipräsidiums, die ihm in Folge seiner erst« instanzlichen Vernrlheilung zum Verlust der Konzession als ZeilnngSverkänser, die Ausübung des Gewerbe«, also den Verlag seines SchulblatteS bei l5 Thlr. Strafe untersagt, einen neuen Bescheid von eben gedachter Behörde erhalten, nach dem es bei der ersten Verfügung bleibt.— DaS Wittenberger Wochenblatt ist in der Person seines Redacteurs W. Ant. Niendors und seine« Verlegers W. Fiedler der Beleidigung eine« Beamten im Dienst angeklagt. Das Blatt brachle nämlich vor einem halben Jahre eine kleine Notiz darüber, wie der Bürgermeister Dörfsling zu Pretzsch ein aus der Elbe gerettetes Kind, daS ihm ein Schisser bringt, nicht an- nehmen will, bevor er weiß, wem das Kind gehöre, worauf der Schiffer erwiderte, daß man so nicht gefragt habe, als das Kind mit der lobten Mutter an« dem Wasser gezogen wurde. Der Vorgang ist thatsächlich und von dem Bürguineister selbst eingeräumt. Die Fori» der Mittheilung wird von der Anklage sllr beleidigend erachtet.— I» Breslau stand am 22. das„Schles. Morgenblatt" vor Gericht, angeklagt der Verspoltung des heilige» Rockes zu Trier. Der Verfasser, Herr Sig. Haber, wurde z» einer Woche Gefängniß, der vera.tw. Redacleur zu 20 Thlr. Geldbuße verurtheilt. Die Plaidoyers waren von kanonischem Werthe. ZZ München, 24. Januar. sEinc merk- würdige Brocküre.j Ungeheures Aufsehen er- regt hier dermalen eine soeben unter dem Titel: „Ach, wie dlinini geht es in Bayern zn!" erschie- neue Brvchürc. Abgesehen von dem merkwürdigen Inhalt, der eine schonungslose Geißel über das Elend der Kleinstaaterei schwingt, ist es besonders die persönliche Stellung des Autors, die, auf eine unbegreifliche Weise mit diesem wahrhaft Vernich- tende» Pamphlet sich zu schaffen macht. Es ist nämlich ein offenes Geheimniß, daß sie aus der Feder eines eben erst ernannten Staatsrathes, dcS Herrn v. Daxenberg er herrührt, bei dem allerdings aus früheren Erfahrungen allerlei miß- liebige Eindrücke hafte» geblieben sein mögen. Daxenberger war früher als excenirischer(?) Poe» bekannt; man graiulirt ihm deßhalb allgemein zr dem nützlichen Forlschritte, de» mit dieser Schrift�) der malcontenle StaatSsrath sicherlich gelhan hat. * Nürnberg, 22. Januar, j A l l g e m e i n e s deutsches Turn er fest.) Der hiesige Turnrath erläßt nachstehenden Aufruf„an Deutschlands Turnerschaft": *) Wir werden nicht verfehlen, unsere Leser mit der wirklich interessanten Brochüre näher bekannt zu wachen. Ahm. d. Red.