Nr. 62. Berlin, Donnerstag den i5. März 1866. Zweiter Jahrgang. ux Diese Zeitung erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn« und Festtage. Organ der social-demokratischcn Partei. Redigirt von I. 8. v. Hofstetten und Z. B. v. Schweitzer. Redaction und Expedition- Berlin, Dresdnerstraße Nr. 85. AiounementS- Preis für Berlin incl. Bringerlobn: vierteljährlich 18 Sgr., mo- natlich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.t bei den KSnigl. preußischen Postämtern 2272 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- land 1874 Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr.(st. 1. 4b. südd., st. 1. 50. ijsterr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt» auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition von jedem soliden Spediteur, von ver Expreß-Compagnie, Scharrenstraße 1, sowie auch unentgeltlich von jedem„rolhen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition Aufzugeben) werden pro dreigespaltcne Petit-Zeile bei Arbeiter Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. berechnet. Agentur für England, die Eolonieen und die überseeischen Länder:>lr. Leo6«r, 8. Mittle Kew-l'ort-lStrsec, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich- G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Rne Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. politischer Theil. Dentsehland. * Berlin, 14. März. sZur Habsburg- Hohe n z o l l e r n' s ch e» Allianz� glaubt der Wif- ner Ofsiciöse der Hamb.„Börsenhalle" bestimmt versichern zu können, daß in Karlsruhe und Hannover von Seiten Oesterreichs lebhafte Ver- Handlungen gepflogen werben,»m für den Fall eines Bruches zwischen beiden deutschen Groß- mächten eines Rückhaltes für zwei gegenwärtig sehr bloßgestellte Theile der österreichischen Armee(Ra- statt und Holstein) sicher zu sein. — sD as Gespenst eines europäischen Congrcsses) spukt nock beharrlich hier uno dort in der Presse. So will die Augsburger„AUg. Ztg." wissen, daß sogar der Preußische Gesandte v. v. Goltz den Auftrag erhalten hätte, bei seiner Rückkehr nach Paris dem Kaiser die Erweiterung der Fürstenthümer-Conferenz zu einem Europäischen Congreß vorzuschlagen, jedoch von Napoleon keine andere Antwort erhalten habe, als Glückwünsche. daß Preußen die Entscheidung der Schleswig-Hol- steinischen Frage nicht abermals durch de» Krieg suchen zu müssen glaube.— Bon den englischen Blättern ist es die„Post," welche behauptet, daß ein derartiger Congreß eifrig von den Mächten betrieben werde. Der Pariser Cor- respondent der„Post" meint jedoch, daß nach der Aufnahme, die der Congreßvorschlag des Kaisers in England früher gefunden habe, eine Initiative dazu nicht leicht wieder von Paris aus- gehen werde.„Jndeß", fügte er hinzu,„sähe die Diplomatie, namentlich die deutsche, eine Zusam- menkunft der europäischen Mäcbte gern. Insbe- sondere fühlt sich Preußens Premier unbe- haglich und weiß nicht genau, bis zu wel- chem Punkte es ihm gelingen wird, seine Absichten auszuführen und aus Preußen eine Land- und Seemacht von zweimal so großer Stärke als früher zu machen. Ein Congreß aber wäre eine treffliche Gelegenheit, Frankreich und England den Puls zu fühlen und die Einverleibung der dänischen Herzogthümer zur Anerkennung zu bringen. Italien möchte gern die venetianische Frage auf's Tapet bringen, und hätte nicht Frankreich vielleicht ein Wort über Polen zu reden? Rußland hat eine unermeßliche Arbeit im Orient vor; die Donaufürstenthümer werden wieder einmal in seiner Hand sein. Rußland denkt vielleicht daran, bis Konstantinopel vorzudringen, in dem Maße, als sein Eisenbahnnetz sich aus- breitet. Rußland weiß, daß England und Frank- reich nicht wieder das Schwert für das ottomanische Reich ziehen werden. Auf einen Congreß könnte irgend etwas auftauchen, was den künftigen Plänen Rußlands förderlich wäre." Wir halten, wie wir schon früher gesagt, daS Zustandekommen eines solchen Congresses für durchaus unwahrscheinlich. — sPreußische Preß- Schicksale.) In Duis- Iburg wurde am 12. d. M. im Redaktionslokale des �„Bolen vom Niederrhein" polizeilich Haussuchung nach dem Manuskripte des Leitartikels Nr. 24 gehalten. Der inkriminirte Artikel„Vom Landtage" enthält eine Stelle ! aus der Rede Twesten'S in der Adreßdebatte. Wien, 13. März. fMinisterkrisis.) In Folge der demnächst zur Verhandlung kommenden Antwortsadresse des ungarischen Landtages, in wel- cher die Forderung eine« eigenen Ministeriums auf- recht erhalten wird, steht eine MinisterkrisiS in Aus- ficht. Man glaubt, daß Majlath seine Demission erhalten werde; die Stellung Belcredi'S erscheint gesichert. � München, 12. März. sUeber sociale Zustände) schreibt man ver„Wescrzcitung"- Die Roth der Landwirthe aus dem flachen Lande und der Hausbesitzer in München ist im rapidesten Steigen begriffen. Der Gaulstuhl(eine eigenlhllm- liche Münchener Einrichtung) verschwindet seit Wochen nicht mehr von seinem Platze vor dem Rathhause; Hypothekenprozesse, ZwangSversteige- rungen, Schuldhaft, Selbstmorde, da« ist die Sig- natur der wirthschastlichen Zustände Münchens und Bayerns. Diese Krisis zu raschem Ende zu brin- gen, liegt außer menschlicher Macht und alle Mit- tel, welche die offiziellen Slaatsweisen anwenden und vorschlagen, dienen nur dazu, sie zu steigern. Die Regierung gab der Bank die Erlaubniß zur Ausgabe von neuen 30 Millionen Pfandbriefen, und obgleich die Bank mit äußerster Borsicht zu Werke ging und nur die geringe Summe von 95,000 Gulden begab, so folgte dem Bekanntwer- ! den der Erlaubniß fast unmittelbar ein Sinken des CourseS der Pfandbriefe von 3 pCt.. was für die Besitzer der Pfandbriefe erster Emission einem Ver- luvt von 900,000 fl. entspricht. Trotz dieses un- günstigen Resultates will die Regierung, und zwar auch diesmal unaufgefordert, der Bank die Erlaub- � uiß zu einer neuen sehr bedeutenden Emission er- . theilen, in der übrigens sehr durchsichtigen Absicht, die Land- und Hauswirthe glauben zu machen, sie lhue alles, was in ihrer Kraft stehe, der Bedräng- i niß ein Ende zu machen. Diese Absicht vermochte sie auch, den Projekten des bekannten Finanzmanncs ! Langrand so geneigtes Ohr zu schenken, daß die von demselben im Verein mit Fürst Taxis und an- deren reichen Hochtories verlangte Bankconcession in den nächsten Tagen ertheilt werden wird. Das ; Langrand'sche Projekt hat jedoch recht schwindet- Haftes Aussehen. Nicht eine besondere Bank, son- dern nur eineFiliale derLangrand'schcn„Jnternatio- , ualen Ackerbau-Credit-Gesellschaft" soll in Regens- bürg ihre Thätigkeil damit beginnen, daß sie mit ; den in solchen Dingen dem größeren Theile nach höchst unerfahrenen Landwirthe» ein großartiges „Wechselvcrhältniß" eröffnet, d. h. sie will den Landwirthe» Darlehne gegen Wechsel zu börsen- ! mäßigen Zinsen gewähren. ES ist dies der ge- ! fährlichste Credit, der einem Landwirth eröffnet werden kann und erinnert sehr lebhaft an die Ma- növer der sogenannten Güterschlächler und Bauern- schinder, an denen Bayern ohnedies keinen Mangel leidet. Daß die Regierung zu solchen Unterneh- mungen ihren Consens giebt, zeigt, daß sie in wirthschastlichen Dingen auf demselben Standpunkte steht, wie etwa auf medicinischem das Publikum, das die Prahlereien eines Charlatans und Wunder- doctors für den Gipfel der Weisheit ansieht. Ausland. * Paris, 12. März.(Tagesbericht: Die Land-Bevölkerung. Baron Budberg. Die Donaufürstenthümer- Conferenz. Suez- kanal-Gesellschafts-Vertrag. CoalitionS- freiheit. Das Haus des Prinzen Napo« leon. Kusa. Centralisation der Kirch- böse. Die„Liierte".) Die Diskussion über die landwirthschaftlichen Frage» ini gesetzgebenden Körper hat aus deni Lande eine solche Aufregung hervorgebracht, daß die Regierung sich veranlaßt gesehen hat, den Befehl zu crtheilen, sofort die Untersuchung der Lage des Ackerbaues zu beginnen. Die„Patrie" enthält darüber folgende Note:„Wir erfahren, daß alle Präfecten in den Departements Befehl erhalten haben, die Eröffnung der land- wirthschastlichen Untersuchung zu erleichtern, welche der Kaiser in seiner Rede vom 22. Januar ange- kündigt bat. Die ersten Maßregeln sollen darauf hinausgehen, eine Untersuchung der Lage der kleinen Ackerbauer und ihre Bedürfnisse festznstelle»." Die Regierung ist sehr besorgt.— Baron Budberg wird am 14. d. MtS. von Petersburg hier wieder eintreffen.— Am gleichen Tage soll auch, wie man versichert, die zweite Sitzung der Donaufürsten- thümer- Conferenz stattfinden.— Aus Konstanti- nopel voni 12. d. meldet ein Telegramm, daß der �ultan dem zwischen dem Vice-Könige von EgYP- ten und der Suezkanal- Gesellschaft abgeschlosse- neu Vertrage seine Genehmigung ertheilt hat.—- Der CassationShof hat in Bezug auf die Arbeits- einstellung ein Urtheil erlassen, welches in dieser wichtigen Frage zum ersten Male seit der Bekannt- machung deS neuen Gesetzes die Anschauungen des höchsten Gerichts über CoalitionS- und Vereinsrecht feststellt. ES hatten nänilich die wegen unerlaubter Coalition zu mehrmonatlichem Gefängnisse verur- theilten Sammtarbeiter von Lyon ein Cassations- gesuch eingereicht, das jedoch in der Sitzung vom 23. Februar von der Criminalkammer abgewiesen wurde. Das von dem Moniteur mitgetheilie, aus- sührlich motivirle Erkenntniß des CassationShofes bestätigt: 1) daß daS CoalitionSrecht, wie eS in dem Gesetze vom 25. Mai 1864 gestattet ist, nicht das Recht bedingt, Vereine von mehr als 20 Personen zu bilden; 2) daß das von den Arbeitseinstellern � zur Vertretung und Wahrung ihrer Interessen ein- gesetzte Central-Comite sich des Vergehens deS Ar- � beitSverbols schuldig macht, wenn es die Erlaubniß, ' zu arbeiten, denjenigen Arbeitern, die es um diese Erlclui>niß ansehen, verweigert. Man hat also nun die offkielle Bestätigung dafür, daß, was man be- reits dem Berichterstatter dieses Gesetzes, Em. Ollivier, in der Kammer entgegenhielt, jede Arbeits- einstellung, die sich nicht der ausdrücklichen Zustim- mung der Obrigkeit, erfreut, ein für die Arbeiter gefährliches Unternehmen ist.— Prinz Napoleon hat die Mauern von Paris mit Anschlägen be- decken lassen, worin die Bersteigerung seine» antiken Hauses, das als>Ini8on de Diomede in der Avenue Montaigne bekannt ist, auf de» 20. Mär; ange- zeigt wird. Am 21. und den drei folgenden Tagen läßt Se. Königliche Hoheit die Marmorslatuen, Bronzen und sonstigen Kunstgegenstände seines Musensitzes versteigern.— Die„Liberte" will wissen, der Haupt-Kaufliebhaber für Haus und Kunstsachen sei der rumänische Goldmacher Kusa, der es verstanden, in wenigen Jahren vom Bettler zum Millionär zu werden; Kusa wird in den nächsten Tagen in Paris erwartet. � Die Stadt Paris hat in der Gegend von Pontoise ein Terrain von 600 Morgen angekauft. Dasselbe liegt un- gefähr zwei Stunden von Paris entfernt. Es sollen dort alle Pariser Kirchhöfe concentrirt werden. Eine specielle Eisenbahn wird die Verbindung zwischen Paris und seinem Kirchhofe unterhalten.— Girardln hat der„Liberte" Glück gebracht, wie vorauszusehen war. Das Blatt soll seit seinen, Redaciionsanlritt einen Aufschwung genommen haben, wie nur die„Opinion Nationale" seiner Zeit ein AehnlicheS aufzuweisen hatte. Die„Liberia", welche bei Uebernahme Girardin'S bei einer Abon- nentenzahl von vier bis fünfhundert in den letzten Zügen lag, ist im Laufe einer einzigen Woche auf MXX) Abonnenten herangewachsen. Ein so plötzliches Wachsthum einer Zeitung ist nur dadurch erklärlich, daß der Hauptverkauf der Französischen Blätter täglich in einzelnen Nummern stattfindet; zugleich ist dergleichen aber auch nur möglich bei starker politischer Erregtheit der Pariser Bevölkerung, oder doch wenigstens bei einer lebhaften Theilnahme an den politischen Vorgängen. ze>>. Lviiton, 12. März.(Amerika. Arbeiter- Angelegenheiten. Reform-Angelegenheit.� Die englische Presse lobt die Rede des Präsidenten Johnson ebenso sehr, wie sie dessen frühere Reden getadelt hatte. Zum Beispiel die„Post" behauptet, daß die extreme Partei, welche Präsident Johnson in seiner Rede denuncirt, die wirklichen Urheber des Bürgerkrieges gewesen, und daß man mit Recht hoffen könnte, daß die weise und feste Politik des Präsidenten die Nation für sich habe. Die„Times" können über die Stellung, welche Mr. Johnson in seiner anßerordentlichen Rede eingenommen und über die Kraft, mit welcher er sie behauptet, ihre Bewunderung nicht zurückhalten. Die Bestimmung von Millionen Menschen hängt von ihm ab und er steht sicher auf der Höhe dieser Aufgabe. Das amerikanische Volk muß jetzt entscheiden, ob es den Bürgerkrieg für die Union geführt hat, denn jetzt da sie wieder hergestellt, scheint eine große s Partei geneigt gerade dieses Ziel zu verwerfen. Es scheint, daß es keine andere Wahl habe, als den Süden in die Verfassung des Landes wieder aufzunehmen oder ihn niit Waffengewalt niederzu- .halten. Es befindet sich in Gefahr, wieder von den besiegten Feinden regiert zu werden, oder die- selben unterjocht hallen zu müssen. Die„Times" ! zweifeln nicht, daß der Präsident den weiseren Weg eingeschlagen und wünschen ihm Erfolg in seiner Mission für Gnade und Gerechtigkeit.„Kein Mann � hat in einer edleren Sache gekämpft, und es ist besser bei einem solchen Unternehmen zu unterlie- gen, als durch Tyrannei, EonsiScation und Pro- fcription zu siegen." Der„Herald" glaubt die Hcf- ligkeit des Präsidenten durch die erhaltene Provo- caiion entschuldige» zu müssen und heißt den Weg, den er eingeschlagen, gut. Er zweifelt nicht, daß derselbe über die radicale Partei siegen werde, denn der größte Theil des Volkes theile das rachsüchtige Ge- müth der Radicalen nicht; er sei nicht von der Negromanie eines Stevens und Sumner besessen, noch spmpathisire er mit deren wildem Hasse ge- gen die Slldener. Der„Telegraph" sagt,„John- sons Rede zu der großen Menge vor dem weißen Hause war der Schall einer Trompete und ihre Wirkung muß ungeheuer gewesen sein. Der große Einfluß des Herrn Seward über die Republikaner wird die große Masse der conservativen Mitglieder derselben dazu bestimmen, sicb um ihn zu schaaren I zur Bildung einer Johnson-Partei, mit welcher sich die Demokraten sogleich vereinigen werden; und ohne Zweifel wird diese Partei die große Majorität des Volkes ausmachen. Wir werden die südlichen Staaten in ihr altes Recht wieder eingesetzt sehen und die ganze Nation wird die Restauration mit derselben Freude begrüßen, wie sie das englische Volk bei dem Entzug Karls II. in London kund gab, da er die Versicherung war, daß der Bürgerkrieg wirk- lich geendet hatte und daß der Bürgerkrieg das Land nickt wieder verheeren sollte. Eine Stelle seiner Rede klingt dem englischen Ohr schlecht, nämlich, daß die Führer des Südens die Todes- strafe verdient hätten." Der„Telegraph" kann nicht glauben, daß damit gesagt werden sollte, man wolle den Davis aus das Schafsot bringen.„Herr Johu- son kann nicht durch d>e Sanction einer solchen Handlung, seinen eigenen Ruhm verdunkeln wollen, welche einen Ausruf des Abscheus in allen civili- sirlen Ländern hervorrufen und ein Schandfleck für unser Zeitalter sein würde!" Der„Star" macht Herrn Johnson in Bezug auf sein Geschwätz von Mordversuchen gegen ihn darauf aufmerksam, daß er durch seine gegenwärtige Politik und die Reden, durch welche er sie aufrecht erhält, die ein- zigc Partei, die Sklavenhalter, von welcher er Ge- walt oder einen Märtyrer-Tod befürchten konnte, ent- wassnet habe. Die Rede ist eine Gasconade, aber der Unterschied zwischen ihrem Autor und dem Eon- greß ist radikal. Sobald die jetzige Freedmens- Bureau-Bill abgelaufen ist, kann keinerlei Gewalt zwischen dem Neger und seinem frühern Herrn ent- scheiden. Der gehaßte schwarze Mann wird seinem früheren Unterdrücker entgegen stehen. Herr Trum- sbull hat die Nothwendigkeit seiner Bill hinlänglich vertheidigt und das Veto des Präsidenten Punkt für Punkt widerlegt. In Bezug der Zulassung der Volksvertreter des Südens hat der Eongreß das constitutionelle Recht, den verschiedenen Staaten eine republikanische Regierungsform zu sichern; und wenn das Volk eines Staates seiner Wahlstimme beraubt ist, so hat der Eongreß das Recht, die Zulassung zu verweigern. Aber es gibt noch höhere Rücksich- ten. Der Eongreß fühlt, daß es so lange der fatale Racenunterschied nicht gänzlich abgeschafft ist, Feuilleton. Arbeiter-Schule. Von Hustav K. 3. Geschichte der(constitnirende», französischen) Nationalversammlnng. a) Von»er Ginberufunz der Ucichsliöiidc bis zum Geburtstage der Vevolution. Bei dem traurigen Anblick, den da« preußische Ab- geordnelenhaus darbietet, ist es für Jeden, der sich nach Thaten sebnt und leeres Phrasengeklingel verabscheut, doppelt erbebend, die Geschichte der französischen National- Versammlung zu verfolgen. Da« gesammtc französische Volk und nicht bloS einen Theil derselben vertretend, entwand sie ihren Gegnern nach kurzem aber gefährlichem Kampfe, in welchem sie kühn Freiheit und Leben einsetzte, da« Scepter Frank- reich«, und führte es mit so glücklichen Erfolgen, daß sie noch den spälksten Generationen Staunen und Bewunde- rung abzwingen werden. Die Geschichte der französischen Nationalversamm- lung beginn! mit Einberufung der Reichsstände. Da die Ursachen erslerer gerade für den„inneren Evnflict" in Preußen sehr bezeichnend und daher doppelt interessant sind, so wollen wir sie hier folgen lassen. Da« Elend Frankreichs, erzeugt durch Verschwendung und Sitteulosigkeit de» Hoses, unheilbar gemacht durch die Privilegien der Geistlichkeit und des Adels, bedurste so dringend der Abhülfe, daß sich selbst der Hos und die � herrschenden Klassen mit daraus hinzielenden Reformen i beschäftigten. Hauptsächlich srng es sich nun, aus wessen Kosten zumeist dieselben ausgeführt werden sollten, da sich weder der Hos noch die Privilegirten zu bedeutenden i Opfern entschließen wollte». So kam es, daß die Vorschläge de« Hofes fast regel- mäßig an dem Widerspruch der Privilegirten scheiterten und mehrere Minister gezwungen wurden, ihre Ent- lassnng zu nehmen.. �. Dasselbe Schicksal erlebte der Finanzminister Calonne, der, vorsichtig gemacht durch die Ersahrungen seiner Vor- gänger, annahm, daß ohne Zustimmung der Privilegirten die Ausführung einer jeden Reform überhaupt unmöz- lich sei und demgemäß seine Vorschläge erst immer den Abgeordnete» der Privilegirten zur Genehinigung vorlegte. Die letztere» fanden jedoch nicht die Billigung, die er voraussetzte und im Lause der Zeil ging der Haß der Notabeln gegen ihn so weit, daß sie zu mehreren Vorschlägen des HofcS ihre Zustimmung geben zu wollen erklärte», wenn nur mit deren Ausführung ein Anderer als Calonne beauftragt würde. Diese Erklärung hatte denn auch Calonnes Entlassung zur Folge und sein eifrigster Gegner, der Erzbischos de Brienne, trat an seine Stelle. Es zeigte sich indeß auch bei diesem Minister bald, daß die Bereitwilligkeit der Privilegirten nur geheuchelt war, denn auch gegen ihn verwahrten sie ihre vermeint- lichen Recht- auss Aengstlichste und wiesen seine R-sormen schroff zurück, wenn sie sich in ersteren nur im Geringsten gekränkt glaubten. Dagegen griffen sie den Hof ans das Heftigste an, und einer ihre« kühnsten Redner ging so weit, denselben, natürlich mit Recht, der Verschwendung anzuklagen und verlangle den Stand der Einnahmen und Ausgaben zu wissen. Da erscholl ein verhänguißvolles Wort! Wozu den Stand? srng einer. Stände brauchen wir. Mit der Schnelligkeit des Blitzes durcheilte dies Wortspiel Frankreichs Gauen, enthielt es doch den Wunsch von Millionen, und unter Zustimmung des gesammten Volkes faßten denn auch die Privilegirten den kühuen Beschluß: daß nur allgemeine Reichsstände zur Bewilli- gung von Abgaben berechtigt wären. Wir haben hier wohl die Motive zu erwägen, durch welche dieser Beschluß ermöglicht wurde. Keinensalls, und die nachfolgenden Ereignisse bestätigen es, leiteten die Privilegirten dabei die Interessen des Volkes, sondern einzig und allein die eignen; sie betrachteten den Be- schluß eben nur als ein Hilfsmittel gegen den Hos. Diese Männer, aufgewachsen in den Vorurtheilen ihres Standes, kannten durchaus nicht die Kräfte, die in dem niedergedrückten Volke schlummerten und die, einmal geweckt, den Hof und die Privilegirten, kurz ihre ge- samnnen Widersacher zermalmen mußten; sie ahnten nicht, daß die Lehren jener Männer, die man zu Zeiten Lud- wigs XIV. und seiner Nachfolger verbrennen oder im Kerker verschmachten ließ, bereit« Früchte»uzen. Der Hof durchschaute die Beweggründe jenes Beschlusses sehr wohl und decrelirte ohne Zögern die Verbannung des Parlaments nach Trohes, freilich ohne damit an der all« gemeinen Sachlage etwa« ändern zn können. Im Gegen- theil zwang ihn die zunehmende Äeldnoth, das Parlament wieder nach Paris zurückzuberufen. Er stieß jedoch auch hier auf so hestigei, Widerstand, daß er schließlich die Einberufung der Reichsstände binnen 5 Jahren verhieß, vorher jedoch drei der heftigsten Red- ner au« Paris»ach entferiiten Orten verwies. Das Parlament berief dieselben jedoch zurück und al« der König diesen Beschluß kafsine, bestätigte e« ihn von Neuem. Die« war offene Widersetzlichkeit und der Hos entschloß sich deshalb, durch einen kühnen Schlag vie Wichtigkeit de« Parlaments gänzlich zu vernichten. Es sollte dies vermittelst des„vour planiere"(Ober- gericht) bewerkstelligt werden, rief jedoch nicht blo« den heftigsten Protest der Privilegirten hervor, sondern das Volk selbst wurde in inehrcren Orten unruhig und nahm selbst gegen da« Militair eine drohende Haltung an, ja, man fing stellenweise an, sich zu bewaffnen. Die« erschien dem Hofe so bedenklich, daß er, um sich gegen die Anmaßung des Adels zu schützen, den Landtag einberief und zwar sollte dies schon am 1. Mai 178!) geschehen. ES handelte sich vorläufig nun darum, zn bestimmen i» welcher Anzahl der dritte Stand vertreten sein sollte. Der Hof, dem Alles daran gelegen war, die Popu- larität der Privilegirten zu schwächen, forderte dieselben ans, über jenen Punkt zu berathen. Was er erwartete, geschah, denn die Notabeln erklärten sich fast einstimmig' für eine Anzahl, die derjenigen eines jeden andern Standes gleich wäre und nun entschied dem entgegen der Hof- Aus den Wunsch der Minorität(Minderheit) de« Par- laments zc. soll die Zahl des dritten Standes derjenigen der beiden andern Stände gleich sein. Dies war natürlich von unberechenbarer Wichtigkeit, wenn nicht nach Ständen, sondern nach Köpfen bestimmt wurde, sonst fiel die Bestimmung des Hoses allerdings nicht weiter in's Gewicht. Am 5. Mai sollten die Reichsstände eröffnet werden. Es waren dazu in Eile die erforderlichen Locale herze- richtet. Der dritte Stand oder die„Gemeinen" befanden sich im Hinlergriinde desselben, rechts vom Thron befand sich der Adel, links der Clerus. Die Sitzung wurde vom König dnrch eine Rede eröff-