Nr. 72, Berlin, Dienstag den 27. März 1866. Zweiter Jahrgang. Äocinl-Veiuolirlit. Diese Zeitung eridieint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Festtage. Organ der social- demokratischen Partei. Redigirt von I. B.». Hosstetten und I. B. v. Schweitzer. Redaction und Expedition- Berlin, Dresdnerstrafec Nr. 85. Abonnement?- Preis für Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 18 Sgr., mo- natlick 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post- ämtern Ästt/z Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- land 18�/e Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr.(st. I. 4b. slldd., st. l. 50. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärts auf alle» Postämtern, in Berlin aus der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Zumnerstraße 48», sowie auch unentgeltlich von jedem„roihen Dienstmann" entgegen genommen. 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Währ.) politischer Theil. Deutschland. * Jscrlin, 26. März. sHadSbiirg-Hohen- zcllern'sche Allianz-Frage.s Die Situation ist noch ziemlich unverändert dieselbe geblieben. Das Zünglein der Allianz-Waage in den officio. sen Blättern schwankt behutsam hin und her. Die„stkorddeutsche Allgemeine Zeitung" be-! merkt, indem sie Angaben der„Ostdeutschen Post" über die preußischen Rüstungen widerspricht, zu- gleich über die Anwesenheit des italienischen Gc- nerals Gavone, derselbe sei nur hier, um die preu- ßischen Militair- Anstalten kennen zu lernen, und sein Aufenthalt sei nie in Geheim» iß gehüllt gewesen. Aus Wien wird telegrapbirt, daß Nachrichten aus Flensburg zufolge der Gouverneur v. Man- teuffcl bei der Feier des Geburtsfestes des Königs von Preußen gegen den Civil-AdlatuS Herrn v. Hoffniann geäußert habe, ein Handstreich gegen Holstein sei unmöglich, weil er noch Befehlshaber in Schleswig sei. Zugleich soll der Herr Gou- verneur die wärnisten Wünsche für einen Ausgleich der obwaltenden Meinungs-Differenzen ausgedrückt haben. Dagegen wurde noch vorgestern der„Koburger Zeitung" auS Berlin telegraphirt: Die Hoffnung auf Erhallung des Friedens ist nicht begründet. Die Mobilmachung der preußischen Armee ist in Kürze zu erwarten. An einen Rücktritt des Gra- fen Bismarck ist nicht zu denken, er hat bis jetzt die Oberhand. Wir glauben an Krieg durchaus nickt. Der roclier de bronze vermag zwar den In- triguen eines verbündeten Condominus, einem Frankfurter BundeSleicknam und einer fortschritt- lichen Bourgeois-Opposition gegenüber Stand zu halten, möchte aber doch in Gefahr kommen zu zerbröckeln in einem ernsten Kriege niit Deutsch- land und in dem Sturm, den ein solcher herauf- beschwören könnte;— Gründe genug, ernsten Er- wägungen Raum zu geben und schließlich das Diplomatisiren dem verwegenen„Blut und Eisen" vorzuziehen. Uebrigens können auch wir— warten. —[Üeber die sogen,„deutsche Volks- Partei"� schreibt man vom Mittelrheine, 2. Febr., dem Genfer Organ der„Jnteruationalen Arbeiter- Association",„Der Vorbote", sehr treffend wie folgt: Währenddem ein aewisser Opsermuth in jedes wahren Manne? Brust;» Bürgertugeud drängle und ein wahres kräftiges Wort zur That entflammen konnte, ist heute erste Bürgerpflicht! rücksichtsloser Erwerb und Schacher auf breitester Basis und nebenbei, soweit es da« Gesetz erlaubt, Jesuitenbaß! die wohlseile Tugend die populär macht. Selbst in der neu gegründeten„Bolls- Partei" sind wir noch tauge nicht den 1848er Gesinnungen nahek Au? praktischen Gründen wie die Herren meinen! Die Herreu, die in den Flitterwochen des Na- tional-VereinS die Größe Deutschlands herannahen sehen, währenddem der schlichte Bürger-Verstand im klaren und bestimmten Fordern seiner ganzen Sache allein seine» Erfolg suchen will, der deshalb sicherer gehl, weil er durch das Fordern seines ganzen Rechts, die ihm Gegenüberstehenden ans sein Feld zieht und nicht in die Falle geht, in die alle Halben dadurch gerathen. daß sie sich aus das parlamentarische Feld unserer sür solche Äämpse gewappneten Regierungen wagen. Wie der dahinsiechende Nationalverein in seiner kurzen Glanzperiode nur eine Eintagsfliege am politischen Horizont gewesen (entschiedene Demokraten waren bei uns höchstens über Nacht darin), so muß ich leider auch dem neuen Volks- verein(Organ„Deutsche Wochenblatt" in Mannheim) seine Hoffnungen deuten, so lange in demselben die bekannten Redensarten heutiger LandtagS-Abgeordneten und Vertreter der Bourgeoisie zu sprechen wagen und so lange nicht die Grundübel des ganzen Volkes vor Allem in dem Programm klar zu erkennen sind! Will aber, und das erkennt die Majorität dieser Partei sehr wohl, der Verein dieses Grundübel, durch einige Entschiedene darin, in Discussion ziehen lasten, so sieht er das sociale Element gespenstermäßig heranziehen, er er- schrickt und legt verlegen grüßend ein phrasenbestrichene» politisches Pflaster auf die sociale Mißgestalt. Demnach sind diese Nachfolger des Nationalvereins angethan! So bat deren Organ, das genannte„Deutsche Wochenblatt" zwar das Manifest der Internationalen Arbciterassociaiion*) gebracht, es aber mit einem so schüchternen Geleitszettel, ohne das Kind mit Namen zu nennen, seinen Lesern vorgeführt, daß man es den Schlau- köpfen gleich anmerkt, daß sie mit der Arbeiterklaste nur insoweit liebäugeln wollen, al« sie es mit der Demokratie per Excellenz nicht verderben. Wir begegnen diesen trefflichen Worten eines Arbeiters mit um so größerem Jntereste, als wir eben daran sind, dasselbe Thema zu besprechen. —[lieber den inneren Conflict in Preußens schreibt das„Mainzer Journal"- Der preußische VerfassnngSsteit ist serner nicht so fast ein Kampf politischer Parteien, als vielmehr ei»- RivalitätS-Krieg socialer Klassen. Das Volk in seiner großen Masse sieht dem Streite auch darum mit kaltem Gleichmulhe zu, weil e« in diesen Kammern keines- wegs seine eigene Vertretung erblickt. In Folge de«| ») Dasselbe ist bekanntlich in unserem 1. Jahrgang veröffentlicht. Anm. d. Red. d.„Soc.-Dem." ' Dreiklassen< Wahlsystems entspringe» die Abgeordneten durchgängig au» MinoritätSwahlen; sie sind die Erwähl- ten einer einzelnen übermächtigen Volksklasse, nämlich der Bourgeoisie, sie sehen nur mit deren Augen und ver« treten nur deren Juleressen. Nachdem das geldreiche Bürgerthum die communistischen Schrecken von 1848 überwunden hatte und seit der Gründung der neuen Aera wieder llbermülhig geworden war, verlangt es nun in Preußen wie überall die Alleinherrschaft im Staat, und um diese« Principal führt es den Kamps mit den alten historischen Ständen de« grundbesitzenden Adel«, der ini- litärrschen und geistlichen Aristokratie. Jede Tagesordnung giebt Zeugniß von diesem Charakter de« Streites; jedes noch so dringende Bedllrfniß des Landes muß zurückstehen vor den Geboten der Parteitaktik und vor dem parlamentarischen Interesse der einzelnen Klaffe. Zum Ueberfluffe sagen die Herren es selbst: die Entscheidung de« großen Kampfe« werde ganz und gar davon abhängen, ob die Masse» des niederen Volke« auch bei den nächsten Wahlen wieder zu den reichen Fabrikanten und den mit ihnen verwachsenen Kreisen halten würden oder nicht.*) Sehr richtig! —[Ein neuer Preßprozeß wegen Beleidi« gung de« Kaisers Napoleon Ill.j wurde gester» vor der 7. Deputation de« hiesigen Eriminalgericht« verhan- delt. Tie Anklage war gerichtet gegen den Buchhändler Werner Große Hierselbst, in dessen Verlage im Laufe deS vorigen SomnierS der Roman:„Louis Napoleon, oder Schicksalskampf und Kaiserkrone, vo» Ernst Pita- wall" erschien, in welchem die Staatsanwaltschaft, aus Antrag de« französischen Botschafters, einige zwanzig Stellen incriminirt hat. Bevor in die Verhandlung der Anklage eingetreten wurde, gab der Präsident Kennt- »iß von einem Autrage de« Buchhändlers Mecklen- bürg, der als Beschlagnahme-Jnteressent zuge- zogen zu werden beantragte, weil bei ihm 82 Exemplare des Werkes in Beschlag genommen worden. Der Staats- anwalt Zöllner bezeichnete diesen Antrag als unbegründet, da Beschlagnahme-Jnleressenten nur vorgeladen wllr- den, wenn eine verantwortliche Person nicht vorhanden sei. Der Vertheidiger, R.-A. Lewald, führte an«, daß nach§. 50 des Preßgesetzes die Zuziehung des Beschlag« nahme-Jnteressenten in jedem Falle erfolgen müsse, wenn derselbe e« verlange. Der Gerichtshof lehnte den An- trag des Herrn Mecklenburg ab. Der Angeklagte gab zu, daß das Werk in seinem Verlage erschienen, will in- dessen den Verfasser nicht nennen; er bestritt, den In« halt des Werkes vor der Veröffentlichung gekannt zu ha- ben, will vielmehr nur i-u Allgemeinen darüber mit dein Verfasser Rücksprache genommen haben. R.-A. Lewald erhob abermals die in einer srllheren Verhandlung be« reit« gemachten Einwendungen; er erklärte, daß er daS Gutachten des französischen Ministers über den Fortbe- stand de« Gesetzes vom Jahre 1819 nicht anerkenne und stellte demnächst den Antrag, vom polizeilichen Druck- schristen- Bureau Auskunft darüber zu verlangen, dag früher fortdauernd ähnliche Schriften erschienen seien, ohne daß Strafanlräge Seilen« der sranzösischeu Regie- rung gestellt seien, daß die« vielmehr erst seit zwei Iah- reu geschehe. Der Staatsanwalt und der Gericht?« Hof erkannten diese letztere Thatsache als notorisch an, der Staatsanwalt bezeichnete die in dem Werke e»t« halteneu Beleidigungen als unzweifelhaft und dielt e« nicht für glaublich, daß der Angeklagte den Inhalt de« *) S. darüber einen sehr bezeichnenden Artilel im „Wochenblatt de» Nationalvereines" vom 1. März 1866 Buches vor der Beröfsentlichung nicht gekannt habe. Er beantragte 3 Monate Gefängniß gegen den Angeklagten und Vernichtung des Werkel R> A. Lewald: Ihm liege nur der politische Tbeil der Angelegenheit am Her- Zen; wenn die französische Regierung mit einem Male anfange, ein Gesetz anzuwenden, welches 40 Jahre lang nicht angewendet worden, so liege dabei eine große Ge- fahr. Das Oberhaupt eines fremden Staates solle geschützt werden, aber es sei ein großer Unteischied, ob der Prätendent, der im Gesllngniß gesessen, oder der Kaiser beleidigt sei, und von dem letzleren sei im ganzen Werke nicht die Rede� Im Jahre 1856 habe man einen Antrag aus Bestrafung gegen die ,, National- Zeitung" zuriltfgezogen, weil man annahm, daß da« Gc- setz wegen der Reeiprocität in Frankreich nicht mehr exi- stire. Preußen mllffc seine Angehörigen gegen Frankreich so weit schützen, daß ihnen die Vertheidigung nicht ab- geschnitten werde, und die Verweigerung der dazu noth- wendigen Mittel steigere die Achtung vor der preußischen Justiz nickt. Der Richter müsse prüsen, ob das betr. Gesetz in Frankreich noch gelle; dies könne nicht auf die Auskunsl eines VerwaltungSbeamteu, eines Ministers hin geichehen, e« müsse der Ausspruch de« Pariser KassalionS- Hofes einzesorderl werden. Er verweise hierbei ans den Traktat zwischen Preußen, Oesterreich, Großblilaunien und Rußland vont 20. Nov. 1815, der noch heule zu Recht bestehe und im Art. 2 sage, daß diejenigen An- ordnungen, durch welche Napoleon Bonaparte und seine Familie in Folge de« Vertrages vom 11. April 1814 von der höchsten Gewalt in Frankreich für immer ans- geschlossen, in voller Kraft beständen und nölhigensalls mit Anwendung aller Macht ausrecht zu erhalten seien. Die hohen Conirahenteu hatten sich durch diese Akte noch- malS ausdrücklich dazu verpflichtet. Er beantragte Frei- sprechnng de« Angeklagten. Der Gerichtshof er- kannte aus einen Monat G e s ä n g n i ß gegen den An- geklagten»nd auf Vernichtung de« ganzen Werkes. Der Gcrichshos»ahm an, daß der Ltrasantrag genügend ge- stellt sei und daß eine Gegenseitigkeit in Frankreich statt- finde. Der Gerichtshof hatte keine Veranlassung, über den niedrigsten Grad der Strafe hinauszugehen, da die langjährige Praxis eS dahin gebracht, daß der Angekl. der Meinung sein konnte, er brauche den Inhalt de« Werke« nicht so genau zu untersuchen. — s P r e u ß i s ch e Pre ßsch icks a l e.j Nach Gnmbi»- neu ist an Stelle deS, wie der„Bürger- und Bauern- freund" ihn bezeichnet,„geachteten und beliebten Staats- anwaltS" Seckt, Herr Dr. Tuchen versetzt, welcher von Königsberg her durch seinen unermüdliche» Preßeiser wohlbekannt ist. Auch ist seit seiner Ankunft in zwei Tagen aus seine Requisition die drille ConfiSeatioii dez „Preuß. Lilth. Ztg." versügl, diesmal der Nr. 66, wegen einer von den Todleu des 18. März sprechende» Ber- liner Eorrespondenz des Blatte«.— Berurtheilt wurde in Posen der Buchhändler Jolowicz zu 10 Tblr». Geldbuße wegen Verkauss der immer von Neuem ausschlagenden„Gartenlaube".— Die Vernichtung wurde vorgestern hier vo» der Preßdeputation verhängt über die„Weserztg." vom 8. Februar, wegen Beleidigung de« Odert ribnnal« aus Veranlassuiig seines bekaiiiiten Be- schluffe», ferner Nr. 111, 112 und 113 der„Neuen freien Presse". Dieselben waren wegen dreier Artikel incrimiitirt, welche die Politik der Regierung iu der Lauenbnrger Angelegenheit und den bekannten Obertri- bunalsbeschluß besprechen und Beleidigungen verschiede- ner Behörden enthalten. Breslau, 25. März. sMilitairische Vor- kehrungen Oesterreichs.� Die Befestizuiigen Zirakau's werden arniirt; es wird mit großer An« strengung Tag und Nacht gearbeitet. Die»ach Böhmen abgegangene Garnison wird durch galizische Truppen ersetzt. In Tesche» rückte ein Jäger- Bataillon ein, in Troppau eine Infanterie- Ablhei- Inng. In Ernsdorf, Matzdorf, Riegersdorf, zwi- scheu Bielitz und Tesche» sind Truppen angesagt. Kiel, 24. März.[Gedenkfeier. j Ain hen- tisten Jahrestage der Erhebung von 1848 hat die Einweihung der Gedenktafeln mit den Namen der im Kriege Gefallenen unter Belheiliguiig vo» mehr als 3000 Menschen Statt gefunden. Die Weihe- rede in der überfüllten Kirche hielt Pastor Schräder. Der Erbprinz von Angnstenburg war anwesend. Hefsen-Darmstadt.[Das Grost-Herzog- thum Hesse»! ist jetzt noch großer geworden, in- dem ihm Hotiiburg durch den Tod des letzte» stand- grasen anheimgefallen ist. Es hat bereits von seinen Rechten Besitz ergriffen. Wieder ein Bun- desstaat weniger! Es gehl langsam, aber es geht. Anstand. * Paris, 24. März.[Tagesbericht: Kam- merauflösung.„Memor. Diplom." über den Habsburg-Hohenzvllern'fchen Eon- flict. Das Haus deS Prinzen Napoleon. Sittcnpolizeiliches.j Kammerauflösung— so, wird behauplet, heißt das neueste Recepl des kaiser- liche» SiaatsküustleiS an der Seine. Der Kaiser soll zuerst auf dieses Auskunstsmiltel verfallen sein, indem er von einer neuen Appellation an die'Na- tion(mit den unvermcirlichen obligaten und wohl- bekannten Hülfskünsten), von einer abermaligen Diclatnr Heil erwarten soll. Jetzt ist aber auch von der äußersten Rechten derselbeRnf laut geworden. Granier aus Cafsagnac führt nämlich den Reigen. Zu gleicher Zeil aber gehen die entschiedeneren Mitglieder des Tiers- Parti, wie statour Dumoulin, Talhouet, Janze u. i. w., niit deni Plane um, ihterseiis ebenfalls an da« stand zu appelliren, indem sie, den, Beispiele Bnssiere's folgend, ihr Mandat niederlegen würden. Daß der Granrer'sche Vorschlag beim Kaiser Anklang finde, ist indeß nickt wahrscheinlich; das System der Mandais- Rieeerlegung aber könnte um so eher von der Miltelpartci zur Wahrung ihrer„Würde" ergriffen werden, als die officiösen Sticheleien sie beinahe direct dazu treiben. So ergieß: die„Patrie" diesen Abend ihren Spott über den Tiers-Parli, der in ihren Augen nichts als ein politisches Curiosum ist, und sie wirst seinen Mitgliedern vor, daß sie nicht ebenfalls wie der Baron Bussiöre ihre poli- tische Anschauung durch die Feuerprobe einer Neu- wähl bestätigen lassen. Ueberall dasselbe Schau- spiel, das Schicksal der Gothaer.— Das Meiter- nich'sche„Memor. Diplom." bringt heule sehr fried- liche'Nachrichteit über die stage der Dinge in Deutschland. Dasselbe läßt sich aus Wien vom 23. per Telegraph melden: Behaupten Sie kühn, daß die seit einige» Tagen verbreiteten Gerückte über den nahen Ausbruch eines Krieges zwischen Preußen und Oesterreich ohne alle Be- gründung sind. Seit der Absendung der Antwort des Grasen von Mensdorss-Pouilly vom 9. Februar ist kein einziger Zwischenfall vorgekommen, welcher die Befürchtung rechisertigen könnte, daß eine der beiden deutschen Groß- mächte den Boden der diplomatischen Unterhandlungen verlassen will, nn. die Waffen entscheiden zu lassen. Ma« Oesterreich anbelangt, so ist eS osficiell cvnstatirt, daß der Finanz-Minifler bis jetzt nicht die geringste Ausgabe in Aussicht auf eine kriegerische Eventualität gemacht hat. Unsere Regierung wird keinen Augenblick lang von der ruhigen urio klugen Haltung abgehen, welche sie sich Betreffs Preußens auferlegt hat. Indem sie die Rechte ausrecht erhält, in deren Besitz sie kraft der Gasteiiier Eonveniioii ist, vermeidet sie selbst jeden Schein einer Provocation. Es ist gleichfalls sicher, das die letzte Reise deS Grafen v. d. Goltz nach Berlin eher dazu beigetragen hat, die Lage zu verbessern, als sie zu ver- schlimmer». Die Ereignisse werden bald auch die Un- gläubigsten davon überzeugen. Zu dieser Depesche fügt das„Mem. Diplom." noch Folgendes hinzu: Das vorstehende Telegramm, da« uns aus authen- tischer Quelle zugeht, bestätigt unsere übrigen beruhigen- den stiachrichte» und gestaltet uns, den Ursprung der kriegerischen Gerüchte anzugeben. Die Bemühungeii des Grasen Bismarck gehen daraus ans, neben dem Coudo- minium eine gemeinschaitliche Souveraiiietäl über die beide» Herzoglhümer zu coustituireu Durch diese« Mittel will sich der preußische Minister-Präsident eine Uebcr- wachnng über die österreichische Verwaltung anmaßen und so der Sympathie für den Prinzen von Augusten- bürg einen Damm entgegensetzeu. Um zu seinem Zwecke zu gelangen, wollte Graf Bismarck vor eiuem Monate ungefähr einen großen„Coup" ausführen, für dessen Erfolg er aber der Sympathie Frankreichs sicher fein mußte. Er richtete deshalb an Herr» v. d. Goltz eine vertrauliche Depesche, welche diesen bestiimme, sich»ach Berlin z» begeben. Wir kennen den Wortlaut die- ser Depesche nicht, aber wir sind sicher, daß die Rathschläge des Grafen v. d Goltz viel dazu beige- trage» haben, um seine Negierung über die Gesab- ren einer z» schroffen Politik auszuktäre», der sich Frankreich anzuschließen nicht geneigt sei. Indessen hatte die oificiöse preußische Presse einen To» angeschlagen, der Oesterreich einschllchieru sollte. Die Wiener Bläl- ter nahmen den Handschuh aus: Es eiitstand daraus eine Polemik, die darauf schließen ließ, daß Preußen und Oesterreich im Begriffe ständen, handgemein zu wer- den. Wenn wir miS nicht irren, so bedauert man so- wohl in Berlin wie in Wien die Heftigkeit der Sprache dieser Journale, und eS scheint, daß die eine Macht die andere nun dafür verantwortlich mache» will. Mittler- weile deiiienliren die beiden deutschen Großmächte, so wie auch Sachsen die Gerüchte, denen zufolge sie rüsten sollen. E« ist beule Thalsache, daß nach Böhmen nur wegen der dortigen Unruhen Truppen abgegangen sind und daß die Anwesenheit des Generals Bsnedek in Wien dadurch zu erklären ist, daß derselbe jedes Jahr beim Beginne de« Frühling« wegen der militarrifchen Auge- legenbeiteii in Benetien nach der österreichescheu Haupt- stadt kommt. Es ist überflüssig, die Gerirckle Betreff« der Vorstelluiigen zu widerlege», welche die Westmächtc in Wien gemacht habe». Was Frankreich anbelangt, so braucht ma» nur au die Wort« zu erinnern, welche der Staats- Minister über die streng- Neutralität sagte, die Frankreich in oer schleswig-holsteinische» Frage beob- achte» will. Die betreffenden Debatten sollen Hrn. von Bismarck a»ch den Wunsch bkiiommen haben, aus der Gasteiiier Eonveulio» herauszutreten. Die Unterhand- lunge» zwischen Oesterreich und Preußen bleiben also in einem 8t»tus quo, der keineu beunruhigenden Charakter für den Weltfrieden darbietet. Jedenfalls darf man auch nickt übersehen, daß, falls der Cvuflict in einen Krieg ausarten sollte, derselbe nur das Resultat eines prenßi- , che» Ulliinalumo sein laiin. Wenn man der„Presse" Glauben schenken darf, so ist das römische Haus des Prinzen Napoleon nur aus Speculation gekauft worden. Man will nämlich daraus ein Museum niachen, das während der Ausstellung gegen Eintrittsgeld zu besuchen sei» soll. Später, so fügt die„Presse" hinzu, würde der Prinz Napoleon das Haus wieder zu- rückkauscn.— Der neue Polizei-Präsect Pietri hat angeordnet, daß die Damen auf den Bühnen nicht niehr so nackt austreten dürfen, niid anßerdein ver- boten, daß die ziveideutigeu Frauenzimmer die Bonlevard-Eafus besuche» So lange aber die höhere» und höchsten Klassen kein besseres Beispiel geben, wird sich in dieser Beziehung nichts bessern; auch wird das Volk, so lange es nicht im vollen Genüsse seiner Freiheil ist, in der Unmoralitär eine Entschädigung suchen, wie die Geschichte dies zur Genüge lehrt. Spanien.[Der Belagerungszustand. j Die spanische Regierung hat zwar den Belagerungs- zussand der Hauptstadt und im Kreise Madrid end- lich aufgehoben, dagegen hat sie nicht gewagt, die Ausnahuiegesetze auch in Valencia, Altcaslilien, Ära- gouicn und Eaulonien Z» beseitigen. Halb Spanien steht nach wie vor unter dem Standrechle. * Donaufiirstenthümer.[Zur Lage/] Die Ereignisse scheinen verwickelter werden zu sollen. Nachrichten aus Marseille melden, daß die Pforte die Reserven einzuberufen im Begriff stehe. Gleich- zeitig wird bestätigt, daß der türkische Gesandte in Paris den Austrag erhalten habe, gegen jeden, die Rechte der Pforte kraft des Pariser Vertrages und der Konvention vom Jahre 1858 beeinträchtigenden Konfercnzbeschluß zu prolestiren, eventuell die Konfe- renz zu verlassen. Außerdem Iheilt die„General- Eorrespondenz" mit, daß die rumänischen Delcgirten, welche die Donaufürstenihümcr bei den Pariser Conserenzen vertreten sollen, bereit seien, sich auf den Weg zu machen. Bekanntlich steht aber eine derartige Delegirten- Abordnung mit den Ansichten der Pforte im Widerspruch. Diese Delegirten sind, nebenbei gesagt, die Herren Bratiano, Falcoiano für die provisorische Regierung, Costaforö und Sleege aus dem Senat, E. Costachi und Boöreseo aus dem Abgeordnelenhause. Alles dies dürfte darauf hindeuten, daß die Pforte eher an ernstere Ereignisse, als a» eine glatte Abwickelung der Frage glaubt.— Inzwischen haben die Pariser Vertrags- mächte der provisorischen Regierung in Bucharest von dem Beginn der Conserenzen Keiintniß gegeben und gleichzeitig durch die respeklioen Consuln darauf aufmerksam machen lassen, baß weder die provisorische Regierung, noch die Kammern das Recht hätten, die Eulschcidungcn der Conscrenz zu anticipiren.— Bei dieser Gelegenheit wollen wir die„Palrie" an- führen, die jener Frage wieder einen besonderen Artikel widinel. Das offiziöse Blatt erklärt, daß die Suzerainelät der Pforte im Jahre 1857 aner- kannt worden sei und aufrecht erhalten werde» müsse, weil die Farstcnlhünier sonst bald genug von ihren mächtigen Nachbarn getheilt werden dürften. Hiermit ist aber noch nicht die Frage erledigt, wie sich das französische Kabinet zu der Besetzung des Thrones der Donau- Fürstenlhümer stellen wird. Die Pforte hat sich deutlich genug darüber ausge- sprechen, daß sie gegen die Einsetzung eines fremden Fürsten prolestiren müsse; die Rumänen dagegen sehen nur in der Berufung eines Prinzen auS dem Auslande ihr Heil; dies aber nicht etwa deshalb,