Nr. 78. Berlin, Freitag den 6. April 1866. Zweiter Jahrgang. Zocial-Demolirat. Diese Zeitung ersckeint drei Mal wöchentlich und zwar: Dienstag«, Donnerstags und Sonnabends Abends. Organ der social-dcmokratisthcn Partei. Redigirt von I. B. v. Hosstettrn und I. B. d. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berlin, Dresdncrstratze Nr. 85. Abonnements- Preis sltr Berlin incl. Bringerlobn: vierteljährlich l5 Sgr., mo- nallick 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post« amtern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch« lanb l2>/e Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(fl. 1. ll). südd., fl. 1. Lsterr. Wäbr.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt« auf allen Postämtern, in Berlin auf der Erpedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Zimmerstraße 48», sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genoimnen. Inserate(iii der Expedition aufzugeben) werden vro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mir 3 Sgr. beiechnet. Agentur für England, die Colonieen und die überseeischen Länder: dlr. Bender, 8. Linie New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbourg, 5. Rue Brnlee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. Bestellungen für das zweite Quartal 18(56 werden fortwährend(answärts auf den Post- ämtern) angenommen. Politischer Theil. Rundschau. Berlin, 5. April. In Deutsclilnnd ist i» der Habsburg- Hdhenzolleru'sche» Kriegs- und Friedensfrage keine wesentliche Veränderung eingetreten. Die naheliegenden medrerwähntcn Ärstiive, welche auf einen friedlichen AuSlrag des Coiiflicrs mit ziem- licher Sicherheit schließen lassen, haben sich als maßgebend dewährd. Man Hüter sich so viel als möglich, es auf's Aeußerste ankommen zu lasic», und diplomalisirt mit gegenseitigen FriedenSver- sicherlingen und KriegSriistungen. Die neueste „Proviittial-Correspondenz", unstreitig die zuver- lässigste ÜIueUe prenßischcrseitS, giebt»ns über den Stand der Dinge Aufschlüsse. Einmal verbreitet sie sich über das von uns bereits erwähnte preu- ßische Rundschreiben in einem Artikel, worin sie sagt: Einige deutsche Regierungen haben ans die Preußische Eröfsiiuiig mit der Hinweisung auf Artikel 11 der deut- scheu Bundesverfassung geantwortet, nach welchem Bun- desgliedec sich unter einander nicht bekriegen, sondern ihre Ztreiligkeiten bei der Bundesversammlung anbrin- gen sollen, welche nölhigen Falls ein Bersahreu vor einem Bundes« Schiedsgericht anordnet, dessen Ausspruche die streitenden Theile sich zn unterwerfen haben. Es versteht sich von selbst, daß die preußische Regie- rnng sich bei solchen Antworten nicht, beruhigen kann, in welchen lediglich eine Umgehnag de« Punktes zu erkennen ist, um welche» e« sich in dem Rundschreiben handelt. Unsere Regierung hat ja eben geltend gemacht, daß der Bund niil seiner bisherigen Einrichtung und Verfassung die Bürgsibasteii nicht gewähre, welche Preußen für siib und für Dentschand sordern muß: wie kann man daher wäbnen, daß die preußische Regierung die wichtigen In- teressen, um welche es sich zur Zeil handelt, einem Schiedsgerichte des Bundes nnterwersen möchte. Die Regierung hat klar und bestimmt ausgesprochen,' daß die„Reform des Bundes" um so dringlicher er- icheinen würde, je wcnigex sie von den deulschen Regie- rungen auf ihre jetzige Frage eine befriedigende Antwort erlange. Die Antworten, die sie bisher erhalte» hat, werden sie denn nur in der Absicht bestärken können,„eine den thatsächlichen Verhältuisseii entsprechende Reform de« deutschen Bundes" ungesäumt ins Auge zu fasten. Also noch immer die fabelhafte„Bundesreform". Auch Oesterreich hat unterdesien durch seine» hiesigen Gesandten eine Äkote an daö preußische Kablnet millheilen lassen, deren Inhalt im AUge- meinen schon l» unserem jüngsten Rundschau-Ar- likel bezeichnet wurde. Der Eharakter dieses Aktenstückes ist, wie der des erwähnten preußischen, ein vorwiegend friedcnsfreundlicher. Die„Provinzial- Ccrrefpondenz" schreibt jedoch darüber: Die Depesche betont freilich von Neuem die freund- fchasllichen Gesinnungen de« Kaisers für die Person des; Königs sowohl, wie für den preußischen Staat, und sie Verwahrt die Kaiserliche Regierung i» aller Form gegen die Absicht eines Angrists gegen Preußen. Beide Er- klärnngen sind an und für sich gewiß erfreulich und willkommen. Aber die thatlächliche Bedeutung derselben wird durdi den llmstand in hohem Grade beeinträchtigt, daß die Rüstungen Oesterreicks trotzdem ihren Gang weitergehen, ohne daß die jenseitige Regierung sich ver- anlaßt findet, jetzt bestimmtere und befriedigendere Er- klärnngen als seither darüber zn geben, daß vielmehr Oesterreich auch in der jetzigen Erklärung die Berant- Wartung der beiderseitigen Maßnahmen im Widerspruche mit offenbaren Thalsadien Preußen znzuschieben versucht. Wa« aber die srcnndschastlichen Gesinnungen der Kaiser« ticken Regierung für Preußen betrifft, so legt die Re« gierung unseres Königs ans dieselben bekanntlich einen sehr hohen Werth,— doch muß nach den Vorgängen, welche die jetzige Lage herbeigeführt haben, vor Allem erwartet werden, daß jene Gefisuiuugeu sich durch die Thai, d. h. durch eine wahrhaft bnndeSsrenndliche Be« Handlung der gemeinsamen Angekegenheiten bewähren. Hierzu ist leider in jener Erklärung ein bestimmter An« halt keineswegs gegeben. Die preußische Regierung hat daher i» dieser Erklä« rnng, welche den Stand der Dinge an und für sich nicht ändert, auch nicht, wie behauptet wird, den Anlaß zu einer besonderen Sendung nach Wien, noch auch zu einer Aenderung in den seither getroffenen Maßnahme» sinden können. Gerüchte der letzteren Art scheinen lediglich durch den' Umstand hervorgerufen zu sein, daß die Bildung der Miinitions-Koloiinen ans militärisch-lechniscken Rück- sichten nicht sofort zur AnSführnttg gekommen ist, wäh- rend die befohlenen Rüstungen in allen übri- gen Beziehungen ihren vorgeschriebene» Gang gehen. Die preußische Regierung wird sich ernsten Anzeichen einer friedlichen und bnndesfreundlichen Gestnnung Oester« reich« gewiß nicht verschließen: in den Maßregeln, w:lche sie nach langem Zögern und im Bewußtsein einer schwe- ren Verantwortung gegenüber den österreichischen Rllstnn- gen getroffen hat, wird sie Aenderungen nicht eher eintreten lassen können, als bis ihr volle Bürgschaften für Erhallnng des Friedens ge< gehen sind. Man darf annehmen, daß auch die Antwort des preußischen Kabinetles in diesem Sinne ans- fallen werde.— Die„Kreuzztg.� constatirt wieder- holt,„daß kein preußischer Minister, wer es auch sei, in den Elbherzogthümern eine andere Politik treiben könne und dürfe, als die, welche der jetzigen Action des preußischen Kabinetö zum Grunde liegt, und daß ein Verlassen dieser Bahn überhaupt nicht zu den Dinge» gehört, welche als möglich gedacht werden können."— AuS Bayern verlautet, daß man dort noch immer den Gedanken an Triaseleie» nicht aufgegeben hat. Nach einer telegraphischen Depesche vom gestrigen Datum hätte das dortige Kabinet das preußische Rundschreiben unter Hinweis auf die Bnndesinstanz beantwortet, jedoch seine Bereitwilligkeit erklärt, Reformvorschläge zu prüfen, wenn Oesterreich und Preußen darauf eingehen. Ferner soll tarin der Gedanke an Or- ganisiruug der militairischen Kräfte des„dritten Deutschlands" außerhalb der preußischen und österreichischen betont sein. Und so träumt ' man denn auch a» der Isar Großmachtsträume am 1„Vorabende großer Ereignisse".— In P r e u ß e n fährt die bürgerlich-liberale Partei fort, Versammlungen zu veranstalten, welche Resolutionen gegen de» Krieg zu sasseu-haben. So sollen auch hier in Berlin solche Versammlungen stattfinden. Sonderbar! Dieselben sseute, welche die Vernichtung Oesterreichs und des deulschen Bundes durch Preußen fortwährend auf der Zunge trugen, und die am meisten von Preußens deutscher Mission fabelten, ganz die- ! selben Leute fallen jetzt auf's Knie vor dem längst begraben gewähnten deutschen BundeSleichnam in der Eschenheimer Gasse zu Frankfurt. Natürlich ge- schieht es bei diesen Leuten nur aus'Neid gegen Bismarck und aus der angeborenen Furckt vor jeder wirklichen That, bei der das Geldinrercsse aikf dem Spiele steht, endlich aus Mangel an Selbst- vertrauen und an dem Glauben an die Dhäikrafb, FreiheitS- und Vaterlandsliebe des deutschen Volks. So, wie sie selber sind, die Herren Bourgeois, so wähnen sie, sei auch das deutsche Volk beschaffen. Aber zum Glück ist in unserein Volke noch nicht erstorben aller Muth, alles Selbstvertrauen und alle Thatkraft, sondern gibt eö vielmehr schlum- mernde Elemente in Deutschland, die nur geweckt zu werden brauche», um auf's Neue zu bewähren die alte Wundermachl der deutschen Bolkskraft. In Frankrcielt erhält sich die Meinung von der französischerseits einzunehmenden Neutra lität gegenüber dem HabSburg-Hohenzollern'schen Eonflict. Das„Päys" spricht sich über die möglichen Eventualitäten, wie neulich der„Eon- stitutionnel," dahin aus, daß die Politik Frankreichs in dieser Frage eine absolut neutrale sein müsse, und wenn selbst zur Ausgieichnng der Differenz eine Conferenz vorgeschlagen würde, könne Frank- reich, so zu sagen, nur eine passive Stellung ein- nehmen, da dasselbe jedes active Einschreiten in einer Angelegenheit verweigern müsse, wo seine per« sönlichen Interessen nicht engagirt seien.— Die „Pakdie" versichert i» Betreff Mexiko's, daß die Mission des Baron Saillard von Erfolg gewesen, und daß die Rückkehr der Truppen gegen Ende September oder in den ersten Tagen des kommenden Oktober ihren Anfang nehmen wird. Wenn sich diese Nachricht bestätigt, so ist sie insofern von Bedeutung, als die Aussicht auf ernste Berwicke- lungen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten an Wahrscheinlichkeit verliert. In der Dvnausürstenthiimer-Angelegenheit ist bervorzuheben, baß die Pforte neuerdings den Befehl gegeben hat, ras erste Armee-Corps bis auf 25,tltXl Plann zu conipletire», sowie die Ein- stellung einer Reserve von 70.(X)0 Mann vorzubereiten. Die Kavallerie Rumeliens ist auf Kriegs- fuß gesetzt worden.— Die schon gemeldete Kam- merauflösung i» Bukarest scheint als eine Art Staatsstreich der provisorischen Regierung gegen die Volksvertretung angesehen werden zu müssen. In dem Auftösungs-Decrete heißt es nämlich: In Folge der don der Bersammlung in der gestrigen Sitzung angenommenen Haltung, eine Haltung, die nichts weniger beabsichligle, als einen National Cvnvent einzn- richten— ist die Versammlung krast Artikels 17 der Verfassung aufgellisl und die Regierung appellirl an die Nation. Der Act der Kammerauflösting wurde üdrigens von der Vukarester Bevölkerung niit Enthufuismus aufgenomnien. Dvch gehl aus alledci» hcrvvr, haß die Lage der Tinge deri immer ernster wird, da man nicht wissen kann, ob sich nicht eine Contrerevolution geltend macht. Tie Pforte scheint so etwas anzu- nehmen. Dabei gehen die Verhandlungen der Pariser Confercn� so langsam, daß leicht neue ru- manische Ereignisse dazwischen treten könneti. In Italien agitiri die republikanische Actions- Partei mit erneuter Kraft. In Betreff des Kammer- beschlusseS, welcher die Wahl Biazzini's annullirt, hat die radicale Partei ein Klugblatt verbreitet, das jene Annullirung für eine schmähliche Bestäti- gung des Todesurtheils einer große» Nation er- klärt, und die Nanien sämmtlicher Depntirten, welche für dieselbe gestimmt, aufzählt, um sie für den Tag der Rache zu bezeichnen. Die„Unita italiana" veröffentlicht einen Brief Mazzini's an seine Wähler. Das Schreiben ist vom 21. März datirt, und es findet sich darin folgende Stelle: Vor vier und dreißig Jahren habe ich einem einigen und republikanischen Italien Treue geschworen. Die con- stilutionelle Monarchie, der ich mich anschließen zu können glaubte, vermag Italien nicht einig, frei, glücklich und groß zu machen, und ich habe durchaus keine Absicht, meineidig zu werden. Mazzini hätte also keinenfalls die Wahl angenom- men.— Die Kriegsrüstnngen werden bald bestätigt, bald dementirt. So dementirten, laut telegraphischer Depesche, die Florentiner Morgenzeitungen die Gerückte von wilitairischen Vorbereitungen. Es sei von Truppenkoncentrationen weder zu Bologna Nock sonstwo die Rede, sondern cS habe nur eine Dislocation einiger Regimenter� zum Zwecke des gewöhnlichen Garuisondienstes stattgefunden. Am 3. d. Mts. meldete die„Nazione", daß die an- gesehensten Generale der italienischen Armee ans den 6. d. Mts. nach Florenz berufen seien; ferner versickert sie, daß Maßregeln getroffen seien, um bei Brindisi Kriegsschiffe zusamnienzuziehen. Nack- richten aus Venetien bestätigen die Kriegsvorbe- reitungen von Seiten Oesterreichs. Aus Florenz wird ein von der Pariser Börse verbreiletes Ge- rückt dementirt, wonach die italienische Regierung ein Anlehen von 200 Millionen mit Hrn. v. Roth- schild abgeschlossen habe. Für Spanien lauten die bis zum 7. v. M. reichenden Nachrichten über den chilenischen Conflict nicht günstig. Die beiden spanischen Fregatten, die Jagd auf die vereinigte chilenisch- peruanische Flotte gemacht, sind unverrichteler Sache, und zwar die eine in sehr beschädigtem Zustande, zum Geschwader vor Valparaiso zurückgekehrt. Sie hatten die Verbündeten in einem Flusse, durch Befestigungen an der Mündung desselben gedeckt, vor Anker gefunden und ein Feuer auf die Letzleren eröffnet, das von diesen aus mit solchem Glücke erwidert wurde, daß es ihnen großen Schaden zufügte und sie zur Rückkehr zwang. Man betrachtet dies als einen großen Erfolg der Verbündeten, geeignet neuen Muth und doppelten Eiser zu tapferem Widerstande ihnen ein- zuflößen. Eiue noch ernstere Nachricht ist die, daß auch Bolivia dem Schutz- und Trutzbündniß zwischen Chi.e und Peru beigetreten sein soll. In Peru wur- den die Rüstungen gegen Spanien niit Eiser betrieben. Briefe ans Lima bestätigen, daß der General Mel- garejo, Präsident der Republik Bolivia, der Allianz Chile's mit Peru gegen Spanien beigetreten ist. Spanien wird dadurch in Südamerika an der Küste des stillen Oceans keinen einzigen Hafen mehr haben, wo es im Falle der Roth seine Schiffe der- gen könnte. Chile soll dem Vernehmen nack in Nordamerika Brander fabriciren lassen, niit denen man die spanische Escadre zu zerstören hofft. Der spanische Admiral soll dagegen, was� allerdings etwas unwahrscheinlich klingt, die Absicht ausgesprochen haben, zur Beschießung Valparaiso's schrei- tcn zu wollen, sofern die Chilenen sich derartiger Zerstörnngsmaschinen bedienen würden. Die Re- Präsentanten des Auslandes, welche in Santiago 'residiren, lassen sich inzwischen noch immer ange- legen sein, eine friedliche Lösung zu vermitteln; roch waren die Erfolge ihrer Anstrengungen bisher j nicht glücklich.— Die P r o g r e s s i st e n halten sich nock lortwähteud von den Kaunnersitzungen fern und O'Donnell erklärte, in dieser Haltung liege eine pcrnianenle Drohung, gegen welche die Regie- ning vollständig gerüstet bleiben müsse; an Reduclionen sei nicht zu denken. Dabei ist die Finanznolh entsetzlich und der Staatsbankerott jeden Augeizblick möglich. Aus Amerika, New-Uork'2i. März, wird gemeldet, daß dieFenier sorlfahren, sich zu organi- 1 siren. Sweeny Hase öffentlich erklärt, der erste An- griffspunkt der Fenier sei noch ungewiß. Die ! canadische Aufregung habe nachgelassen, jedoch dauerten die Schutzrüstungen fort.— Das Reprä- , sentantcnhauS nahm die Anleihc-Bill an mit Amendements, welche das Papiergeld im erste» hal- � den Jahre um zehn, dann monatlich um vier Millionen vermindern.— Zwei spanische Fregatten sind, vor der Insel Chiloe durch die Batterieen � der Alliirten geschlagen und beschädigt, nach Val- paraiso zurückgekommen.— Aus Südamerika ist I zu erwähnen, daß in de» Bereinigten Staaten Columbiens von neun Staaten sieben den Ge- neral Mosquera, der von seiner Reise nach Europa zurückerwartet wurde, zum Präsidenten der Republik erwählt haben. Die Wahlen wurden ausnahms- weise diesmal durch Unruhen nicht gestört.— In N e u- G ra n a d a fand die Eröffnung des Congresses am 1. Februar statt.— Auf der Insel St. Domingo hatte Präsident Baöz eine sehr ge- mäßigte Proklamation an die Kamnier gerichtet, und er ging damit um, alle politischen Gefangene» — mit wenigen Ausnahmen— auf freien Fuß zu setzen.— In Haiti herrschte Ruhe, doch war man nickt ohne Befürchtungen vor dem Präsidenten Baöz; denn trotz aller Demonstrationen des Frie- dens und der Freundschaft soll derselbe seine Feind- seligkeit nicht ganz verbergen können. Deutschland. Berlin, 5. April. Ein neues mysteriöses Manifest der „republikanischen Partei in Europa und besonders in Italien" geht uns in einem ge- druckten Rundschreiben zu, welches, wie wir ver- mnthen, gegenwärtig an die Organe der deutschen Presse verschickt wird. Das Circular, niit einem belgischen Poststempel versehen, scheint von Brüssel auszugehen, ist anonym und lautet wie folgt: Als Vertreter eine« Theils der öffentlichen Meinung diene Ihnen zu wissen: l. Daß i» dem bevorstehenden Kriege zwischen Preußen und Oesterreich die republikanische Partei in Europa von dem Staate Preußen Nichts Geringeres er- wartet, als den Kamps, der in Italien gegen die Vielherrschaft gesiibrt wurde. 2. Die Hülfe, welche Italien Preuße» versprochen hat, wird im Abwarte» bestehen; die Italiener werde» nicht eher zum Kriege drängen, als bis die preußische Regierung mit dein ersten Siege zugleich die De- vise der Freiheit an ihre siegreichen Fahne» gehes- tet hat. 3. Die republikanische Partei in Europa und beson- derS in Italien protestirt gegen jeden Krieg, der nur den Character eines Cabinetskrieges hat. Die Macht, welche einen solchen führt, ist der naliir- liche Feind, den sie mit allen Mitteln bekämpfen wird; in dem Maaße, als sich die kriegführenden Mächte einander abschwächen, wird die republika- uische Partei in den Vordergrund treten. 4. Entschließt sich dagegen Preußen, eine bessere Rolle zu spielen, als Victor Emanuel in Italien gespielt hat, so wird die republikanische Partei ihre An- spräche vertagen und dem König von Preußen zur Seite stehen in dem Kampfe gegen Oesterreich. Die Vertreter der Presse weiden daher aufgefordert, der preußischen Regierung begreiflich zu machen, daß es für sie nur eine Hoffnung de« Sieges giebt. Die Niederwerfung de« P a r tikularismus in ganz Deutschland und die Einführung des allgemeinen Stimmrechts. Entschließt sich der König von Preuße» dazu, statt sich wie ein Despot nur auf die Macht der Bajonnette zu stützen, so wird die republikanische Partei zu ihm stehen. Wo nicht, so sehe er zn, wie weit er in unserer Zeit ohne die öffentliche Meinung kommt. Wenn der Krieg die alten Soldaten abgenutzt hat, wird, eine Europäische Revolution die Antwort ertheilen. Will der König dagegen, wenn er das Schwerdt ziebt, die Scheide wegwerfen und den Krieg zu einem volkslbüuckichcn inachen, so ruft auch die republikanische Partei: Es lebe Preußen! Es lebe König Wil- Helm der Eroberer! Wird die„Nordd. All». Ztg." auch darin ein Machwerk des„ österreichisch- augustcnburgischen Preßbureau's" erblicken und die Versicherung ab- geben: daß kein Grund zu„Befllrchlungen" vor- liege,„daß die R ev o luti o n sich an die preu- ßische» Fahnen hefte» könnte"? —[Zur neuesten Eon fiscal ion des „S o c i a l- Dem o kra t"j erfahren wir, daß die mit Beschlag belegte Nummer 75 unseres Blattes wie- der freigegeben wurde. �Stuttgart, 2. April.[Der Verein zum Wohl der arbeitenden Klassen und der „Beobachter". Lithograph Krauß und 72 Steindrucker. Ein offenes Sendschreiben von Ludwig Wittig. Die Residenzge- schichten der„Schwäb. Volksztg."[ Vera»- laßt durck eine Einsendung kommt der„Beobachter" in seiner 71. Rümmer endlich auch auf den neuen, „zun, Wohl der arbeitenden Klassen" gegründeten Verein zu sprechen, den wir schon in unserer letzten Korrespondenz erwähnten. Die Agitation für die- sen Verein machte sich zu derselben Zeit bemerklich, in der einige Artikel in der Beilage zu der„Augs- burger Allgemeinen Zeitung" erschienen, welche die von der Arbeiterbewegung drohenden Gefahren richtig würdigten und zu denselben Maßregeln auf- forderten, die der hiesige Verein befolgt. Diese Gleichzeiligkeit und der Umstand, daß Herr v. Cotta an der Spitze des schon am 26. Februar d. I. provisorisch zusammengetretenen Comitös steht, lassen auf einen geheinien Zusammenhang der Stullgarter Agitation mit jenen Artikeln in der Beilage zur „Augsburger Allgemeinen Ztg." schließen. Als nächste Aufgabe des Vereins wurde die Herstellung eines Hauses mit den geeigneten iffäumlichkeiten für eine Speiiegenossenschaft in größerem Maaßstabe und zum Aufenthalte für die Arbeiter in den Abend- stunde», mit Lehr« und Lesezimmern, die Beischaffung geeigneter Lehrmittel, die Errichtung einer allgemeinen Wasch- und Badeanstalt bezeichnet. Zu diesem Zweck sind bereits 15,000 fl. gezeichnet und stehen noch weitere namhafte Beiträge in Aussicht. Der Einsender jenes Artikels im„Beobachter" be- hauptet nun, daß das Selbstbewußtsein und die Selbstständigkeit der Arbeiter gefährdet sei, wenn sie dieses Almosen annehmen würden, und fragt ferner, ob es ehrlich wäre, dieß zu thun. Was letzteres anbelangt, so sehen wir nicht ein, warum es unehrlich sein sollte, wenn die Arbeiter einen so unendlich kleinen Theil des systematischen Raubes, den die Bourgeoisie unter der Kapitalherrschaft an ihnen begangen hat und fortwährend be- geht, jetzt, wo dieselbe freiwillig diesen winzigen Theil herausgeben will, nicht zurückweisen sollten. Auf die Gefährdung der Selbstständigkeit des Ar- bcilerS durch Annahme dieser Bagatelle von Ersatz kommen wir weiter unten zu sprechen, wo wir mit dem„Beobachter" selbst verhandeln werden. Schließ- lich läßt der Einsender noch den Hanswurst auf's Seil; er sagt nämlick:„Erlauben Sie mir mit eini- gen Worten von Schulze-Delitzsch zu schließen: die Autonomie des Menschen, das ist der Kern- punkt aller Bestrebungen."[Der Kernpunkt aller Bestrebungen von Schulze-Delitzsch und Genossen ist, 91 pCt. der Menschheit in ewiger Abhängigkeit von. Geldsack zu erhalten. Was nützt die Auto- nomie einem Menschen, der entweder Hungers ster- den oder sich als Lohnarbeiter an einen Fabrikan- ten verdingen muß, der ihn nicht nach seinen Lei- stungcn bezahlt, sondern ihm gerade nur soviel zu- kommen läßt, als er braucht, um sich vor dem Huugertode zu schütze».�„Die Gegner suchen da- durch zn verwirren, daß sie mit den volkswirth- schaftlichen Interessen kokettiren."[Welche Gegner? Kokettircn?! Im Munde des Herrn Schulze neh- men sich solche Redensarten ganz genau so aus, wie wenn eine feile Dirne bei ihrer Keuschheit schwören würde.[„Aber diese materiellen Jnter- essen sind nur Mittel zum Zweck, wie die Basis