Nr. 79. Berlin, Sonntag den 8. April 1866. Zweiter Zahrgang. Social-Dtmokmt. Diese Zeitung erscieint drei Mal wöchentlich und zwar- Dienstags, Donnerstags und Sonnabends Abends. Organ der social-demokratischen Partei. Redigirt von I. L. v. Hofstetten und Z. B. v. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berlin, Dresdnerstraste Nr. 85. Abonnements-Preis für Berlin incl. Bringerlobn: vierteljährlich l5 Sgr., mo- natlich 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post« Ämtern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im uichtpreußischen Deutsch- land 121/» Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(st. 1. 10. südd., st. 1. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärts auf allen Postämtern, in Berlin auf der Erpedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Zimmerstraße 48», sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate sin der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. berechnet. Agentur siir England, die Eoloniee» und die überseeischen Länder: dir. öonäer, 8. Inttls New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Rue Bmlee; Paris, 2. Conr du Commerce Saint-Andre-des-Arta. Bestellungen für das zweite Onartal 1866 1 werden fortwährend(auswärts auf den Post- ämtern) angenommen. politischer Theil. Rundschau. Verlin, 7. April. In Deutschland ist in der durck den Habö- burg-Hohenzollern'sche» Dualismus und Partie ularismuS hervorgerufenen Situatio» noch immer keine Veränderung eingetreten. Die Kriegs- rüstungeu nehmen auf beiden Seilen ihren Fort- gang und die Mittel- und Kleinstaaten fangen gleich- falls an, ihre Armeen und Armee'chen zu mobili- firen. Wie man hört, weist die Antwort des preu- ßischen Kabinets auf die österreichische Note nach-' drllcklich auf die österreiästschen Rüstungen hin, welche durch die Juden-Crawalle schon aus lokalen Grün- den nicht hervorgerufen sein könnten; auch könnte� sich Oesterreich nicht bedroht glauben, da eö sonst nach seiner eigenen Erklärung de» Artikel ll der Bundes-Acte angerufen haben würde. Preußens militärische Vorkehrungen seien nur durch Oester- reichS drohende Haltung hervorgerufen, welche die Spannung der Lage geschaffen hätte. Preußen weise die Anklage der österreichischen Note, daß es den Frie- den stören wolle, zurück, und erkläre, daß es Oester- reich nicht angreifen werde. Tie persönlichen freund- schaftlichen Gefühle des Königs für den Kaiser bleiben von der politischen Lage unberührt. Die Gefühle Oesterreichs für den preußischen Staat durch Handlungen zu bethätigen, werde sich Gelegenheit bieten. Auch spricht man von einer am 2. April hier eingetroffenen zweiten österreichischen Depesche, die sich in der Richtung der Note vom 31. März bewege. Oesterreich soll darin auf Grund des Artikels 11 der Bundesactc den Vorschlag machen, den obwaltenden Conflict vor ein Bund es schied s- g er ich! zu bringen. Die neueste„Nordd. Allg. Ztg." schrieb gestern:„In der Situation hat sich nichts geändert". Das ministerielle Blatt nimnit seine, ein paar Tage sistirten Mittheilungen über österreichische Truppenbewegungen wieder auf. Von den Mittelstaatcn verlautet, daß sie be- reitö Einleitungen zu einem Antrage beim beut- schen Bunde getroffen haben sollen, welcher die Kriegsbereitschaftsstellung der Bundes-Conlingente von BnndeSwegen verlangt. Der Antrag soll, falls die Gefahr der Friedensstörung nicht beseitigt wird, ohne Aufschub gestellt werden. Natürlicl' kann eine Aufstellung der Bundes-Contingente auf den Ausgang des ConflictS zwischen Habsburg und Hohenzollern um so weniger von Einfluß sein, als sich die Mittclstaaten— so viel bis jetzt bekannt geworden— für bewaffnete Neutralität entschieden, haben. Aus Flensburg wird gemeldet, daß Sachsen chaselbst Pferdeeinkäufe machen läßt.— Die Gerüchte von den Friedensvermittelungs-Versuchen des Her- zogs von Coburg bestätigen sich. Welchen AuS- gleichungsvorschlag aber der Schützen- Herzog kind weiland deutsche KaiserthronS- Candidat ausfindig gemacht haben soll, wird nirgends angegeben. Wahr- scheinlich ist er ihm selbst unbekannt.- In Frankreich begegnen wir als der wich- tigstc» sttachricht, der von der Räumung Mexi- ko's. Der„Moniteur" hat die Bteldung gebracht: „Die französischen Truppen werden Mexiko in drei Abthcilungen räumen; das erste Detachemcnt rückt im November 1866, das zweite im März 1867 und das dritte ini November 1867 ab. Es sind zwischen Frankreich nnd Mexiko Verhandlungen im Gange, um Bürgschaften für die Vorschüsse Frank- reichs und für die in niexikanische» Anleihen ange- legten französischen Kapitalien zu erlangen." In Mexiko soll jedoch dieses Abkommen, namentlich in den französischen Kreisen, ungünstig aufgenommen worden sein. Selbst der französische Gesandte am Hofe Maximilians hat, wie mexikanische Berichte behaupten, gegen Negoziationen auf einer derarti- gen Basis förmlich protestirt, und Marschall Bazaine soll seinen entgegenstehenden Ansichten noch in ent- schiedenerer Weise Luft gemacht haben, weil vom militairischen Standpunkte ans für die Armee Nichts bedenklicher sei, als ein Rückzug der französischen Truppen unter einer Art amerikanischer Pression. Auch sollen die in Mexiko etablirten Franzosen in große Aufregung versetzt worden sein und eine Denkschrift an den französischen Gesandten ge- richtet haben, worin sie besagen, daß sie ihre Niederlassungen nur in deni Vertrauen auf den per- niancnten Schutz Frankreichs in Mexiko gegründet hätten. Dagegen soll Maximilian sich ohne Weiteres damit einverstanden erklärt, d. h. gute Miene zum bösen Spiel gemacht haben. Die Ina- risten suchen selbstverständlich die Situation so gut als möglich zu verwerthen. So soll der juaristische Gesandte in Washington, Sennor Nomero, an Herrn Seward einen Brief geschrieben haben, wo- nach, wie Romero aus den zuverlässigsten Pariser Quellen erfahren haben will, der Kaiser Napoleon beabsichtige, in der mexikanischen Frage den Weg einzuschlagen, Maximilian aufzugeben und die mexikanische Republik mit dem Marschall Bazaine als Präsidenten nck interim wiederherzustellen. Doch bedarf diese vorläufig noch unwahrscheinliche Nach- richt sehr der Bestätigung.— Ueber die Haltung Frankreichs zum HabSburg-Hohenzollern'schen Eon- flict spricht sich nun auch die„France" in dem- selben Sinne aus, wie es„Constitutionnel" und „Paps" gethan haben: für vollständige Neutralität des Kaiserreichs.— Die Conferenz für die Do- naufürstcnthiimer-Frage hat am 7. d. M. ihre vierte Sitzung abgehalten. Ueber die Berhandlun- gen herrscht das tiefste Schweigen. Die„Postztg." läßt sich sogar aus Paris telegraphircn, die Con- ferenz habe sich der Kriegsevcntualitat gegenüber auf unbestimmte Zeit vertagt.— In Rumänien mehren sich die Anzeichen ernster Ereignisse. Die Berichte der französischen Agenten sprechen von einer großen Aufregung unter dem Landvolke, und man befürchte den Ausbruch anarchischer Zustände, gegen welche fremde Hülfe in Anspruch genommen werden müsse. BemerkenSwcrlh ist hierbei eine Mittheilung I der„Gen.-Corr." aus Bucharest, wonach, bei dem Ausbruche eines Krieges zwischen Oesterreich und Preußen, Rußland die Walachei und die Moldau 1 durch eine Armee occupiren werde. Bon großer Be- ! deutung ist daher ohne Zweifel die jetzt schon im Süden Rußlands aufgestellte Militairmacht. ES � sollen dort 45 Bataillone Infanterie und 20 Schwa- dronen Kavallerie, sowie 140 Geschütze in der Nähe ! von Balta zusammengezogen sein, welche auf der Eisenbahn in wenigen Tagen- nach der rumänischen Grenze geschafft werden können. Und aus Bucharest erfährt man, daß man auch dort sich mit Rüstun- � gen beschäftigt. Der Kriegsminister hat einen Auf- .uf an die rumänische Jugend erlassen, worin er � den Wunsch ausspricht, daß dieselbe zwei Batail- lone Jäger und zwei Batterien Artillerie formire. Am 1. April bat eine große Truppenschau in Bucharest stattgefunden. Wozu alle derartigen kriege- rischen Schauspiele, zumal da der Telegraph ver« sichert, daß die Wahlversammlungen in Rumänien mit der größten Ordnung vor sich gingen? Diese ! Ruhe scheint indessen nur auf der Oberfläche zu � walten. Andere Nachrichten wollen wissen, daß die � Bevölkerung der Moldau bis auf eine verschwindend kleine Minorität gegen die Vereinigung der beiden Fürstenthümer sei, und daß man fast allgemein den Herzog von Lcuchtenberg zum Hospodar für die Moldau verlange. Weiteres ist allerdings noch ab- zuwarten; aber jedenfalls findet man in den oben- angeführten militairischen Vorkehrungen, wobei auch die türkischen besonders in Betracht kommen, cinen neuen Grund zu Vermuthnngen, daß die Donaufürstenihümer-Frage ohne gewaltsamere Er- schütterungen nicht gelöst werden dürfte. In England nimnit die Reformbewegunz fortwährend die Bemühungen der Radicalcn a la Bright in Anspruch. In Sheffield und Edinburg wurden Meetings zu Gunsten der Regierungsbill zu Stande gebracht und die Freunde der Regierung sprengen das Gerücht aus, daß sich das Kabinet jetzt gesicherter fühle und auf eine Majorität von 12 bis 14 Stimmen rechne. Gleichzeitig erfährt man aber auch, daß die Gerüchte von einer Par- lamentsauflösung wieder im Umlauf seien. Die Reformfreunde glauben nämlich, daß eine solche Drohung eine gewisse Pression auf das Parlament ausüben und den Erfolg der Reformbill sicher» werde, da eine Menge von Mitglieder» lieber für die Bill stimmen, als sich den Kostspieligkeiten einer neuen Wahl unterwerfen würden.— Hinsichtlich der Stellung Englands zum„Habsburg-Hohen- zollern'schen Conflict ist eS nach der feudalen „Zeidl. Correfp." unrichtig, daß das Londoner Kabinet an die Regierung deS Kaisers der Fran- Sofen die Frage gerichtet habe, ob dieselbe mit' England zum Zwecke einer vermittelnden Jnter- vention cooperiren wolle. England habe im Ge- genlheil den wiederHollen Versuchen des französi- schen Gesandlen in London, es über die schleSwig- holsteinische Angelegenheit neuerdings zum Sprechen zu bringen, die bestimmte Versicherung entgegenge- stellt, daß es der ganze» Sache fern zu bleiben ge- denke. Die britische Regierung soll es sich sogar in Paris haben sehr angelegen sein lassen, den Eindruck hervorznrnsen, als ob sie selbst durch die ernste Eventualität eines Eingreifens Frank- reichs in die Ereignisse nicht bewogen werten würde, ihre Passivität aufzugeben. In Rußland soll seit einigen Tagen wieder große Bewegung unter den Truppen im Königreich Polen herrschen, die so aufgestellt werden sollen, daß ein EorpS von 40— 50,000 Mann innerhalb drei Tagen an jedem beliebigen Punkte des König- reichS kriegsbereit erscheinen kann. Jngenieur-Ot« siciere bereisen die Linien längs den Grenzen und sammeln topographische Bemerkungen. Man be- reitet sich für alle Fälle unter der Aegide des noch bestehenden Kriegszustandes vor. Nach einer neuesten Nachricht sollen jedoch alle militärischen Maßregeln sistirt sein. Auch aus Dänemark dringen kriegerische Mel- düngen� In der Sitzung des Reich sralhs-LandS- thingS vom 5. April forderte Ploug den Marine- Minister mit Hinweisung auf die Möglichteil eines Krieges zwischen Preußen und Oesterreich auf, die dänisiben Panzerschiffe anszurüste» und vor Kopen- Hägen zu concentriren, um Kopenhagen und Seeland gegen einen etwaigen Ueberfall Seitens der preu- ßischen Flotte zu sichern. Orla Lehmann unter- stützte de» Ploug'schen Antrag, während Andrae es für inopportun erklärte, der Regierung dergleichen Rathschläge zu erlheilen.— In der Sitzung des ReichsrathsfolkethingS vom 3. April legte der KncgSminister eine Reihe Abänderungsvorschläge für die Schlußberathung des Kriegsbudgets vor, darunter eine Creditbewilligung für unvorhergesehene Extra-Ausgaben gegen Ablegung eines Rechen- schaftsberichtes. Eine wichtige Nachricht liegt aus Griechen- land vor. Dieser zufolge erwartet man in Athen täglich den Ausbruch einer Revolution; der Hafen PiraeuS füllt sich bereits mit fremden Kriegsschiffen, Uni im Falle der Roth ihre Staatsangehörigen zu beschützen. Ter jugendliche König ist völlig rathlos geworden. Die angedrohte militairische Besetzung Seitens der Schutzmächte macht auf das Volk ge- rade den umgekehrten Eindruck des beabsichtigten. König Georg wird demnach schwerlich so lange, wie seine Vorgänger aus deni Throne sitzen. Fer» ner meldet die neueste Levantepost aus Athen, vom 31. März, daß die Regierung beabsichtige, mit der jouischen Bank in Corfu ein Anlehen im Betrage von 4 Millionen Drachmen abzuschließen. Laut Nachrichten aus Aonstantinopel hat die Pforte beschlossen, das erste Armeekorps, welches die großhcrrliche Garde umfaßt, auf die volle Stärke von 25,000 Mann zu erheben; die Ka- vallerie- Regimenter aller sechs Armeekorps sollen auf volle Feldstärke gebracht werden. AuS Spanien ist ein von der„Epoca" ver- öffentlichteS Schreiben des Gouverneurs von Spa- nie» von Interesse, worin derselbe seine Demission motivirt. Er erklärt, deshalb zurückgetreten zu sein, weil die Regierung nicht, wie eS nothwendig sei, der Bank Baarvorrälhe geschafft habe. Die Panik auf dem spanischen Geldmarkt sei eine Folge der schwierigen Situation dieses Etablissements. Ans Nordamerika melret der„New-Aork- Herald", daß die Regierung von Washington ein fliegendes Geschwader nach der britisch-nordamerika- Nischen Küste beordert hat. Tie Gründe, die dafür angeführt werden, sind: Die Versammlung der britisch-westiubischen Flotte bei Halifax, die Fenier- bewegung und die Folgen deS Ablaufes des Reci- prvci'tälsrerlrages für die amerikanischen Fischereien. Aus Brasilien wird berichtet, daß die Para- guiten zwei Mal über den Parana gingen, und daß Seilens der Alliirten die Ueberschreitung des Flusses Wohl nächstens stallfinden werde.— Berlin, 7. April. Die„Kölnische Zeitung" und die„euro- päische Rev olutionSpartei" haben sich ein Rendezvous gegeben. Ob wir verrück! geworden sind, wird der stau- nende Leser fragen, dem die gestrige„Köln. Ztg." nicht zu Gesicht gekommen ist. Nein, müssen wir antworten; es ist wirklich so; die„europäische Revolutionspartci" hat der„Köln. Mg.," oder»mgekebrt, die„Köln. Ztg." hat der„euro- päischen RevolutionSpartei" einen Besuch abgestattet. Ist es möglich? So ist es. Sie sind zusammengekonimen, gestern, in der Nähe des Nedaclionö-BürcauS der„Köln. Ztg.", in denjenigen Räumen, wo der Jnseratentheil des Blattes redigirl wird, ,n der Expedition der„Köln. Zeitung". Od das fragliche Inserat als zu[enen gehörig angesehen wurde, deren Aufnahme, ihres bedenk- liche» Characters wegen, von einer Entscheidung der Redaction des Blattes abhängig gemacht zu werden pflegt— wer kann das witzen? Es bleibt uns daher nichts übrig, als es dem Ermessen unserer Leser anheimzustcllen. Bevor wir aber zur Mittheilung des höchst be- ackitenSwcrthen Inserates schreiten, welches der un- crmüdlichen„europäischen republikanischen Partei" in die Spalten der„Köln. Ztg." zu bringen gelun- gen ist, wollen wir nur eine ganz kurze Betrach- tung anstellen über die„Köln. Ztg." selbst, welche so gefällig war, ihre Jnsertions-Spalten deni ano- nymen Republikaner zu öffnen, der es�sich freilich ein schön Stück Geld hat kosten lassen müssen, — umsonst wird es die„Köln. Zig." doch wohl nicht gethan haben?— seinen Ansichten über die Habsburg-Hohenzollern'schen Hegemoniebestrebungen in der„Köln. Ztg." Ausdruck zu geben; denn— man höre und staune— das fragliche Inserat ist mit größerer Schrift und alle hervorragenden, in unserem Abdruck durch gesperrte Schrift ange- zeigten Stellen sind mit großer feller Schrift ge- druckt. Also zur„Kölnischen"! Sie ist bekanntlich dasjenige Bourgeoisblatt, welches die innere Politik des Grafen Bis- marck von, schwarz weißen Standpunkte aus so löwenkllhn bekämpft, daß es außer aller Fassung geräth und thut, als ob die Welt«ingestürzt wäre, wenn es cinnial, was selten vorkomnit, confiscirl wird und zwar nicht etwa wegen eines Redactions- artikels, sondern ob eines ihm von außerhalb zur Veröffentlichung zugehenden Schriftstücks, das nicht gut zurückzuweisen ist. Ebenso bekannt wie durch ihre Bekämpfung der inneren Politik des Grafen Bismarck ist die„Köln. Ztg." als Bertheidigerin und Lobpreiserin der aus- wärtigen Politik des preußischen Premiers, in so weit sich dieselbe innerhalb der schwarz-weißen Grenzen bewegt. Damit genug! Hören wir nun den inserlionsbedürftigen Re> publikancr. Er schreibt: An Se. Excellenz Gras Bismarck. Excellenz! Es war wenige Tage vor dem Treffen bei Missunde, als ein Mann bei Ihnen einige Stunden verbrachte, welcher zu Ihren Feinden zahlte. An Ew. Excellenz Schreibtisch saßen an jenem Sonntage mehr als zwei Menschen, es saßen einander zwei Priiicipien gegenüber- der R o y a l i s m u s und der R epu b ii ka nid m ns. Beide verständigten sich über den eine» Punct, daß das Wohl des Vaterlandes höher stehe, als die Interessen der Parteien, und Ew. Excellenz zewannen eine politi- sche Arbeitskraft, welche zu viele Beweise erhalten hat, daß man sie nicht unterschätzt, um sich nicht das Recht vindiciren zu dürfen, heute, Angesichts der drohenden Lage unseres Vaterlandes, ein offenes Wort an E. E. zu richte». Excellenz! Mit derselben Ruhe und Kaltblütigkeit, mit welcher der Republikaner Ihnen vor zwei Jahren erklärte, die Aufgabe Preußens sei Niederwersung des modernen Parlamentarismus und die Annexion der Elb« herzvgthümer, mit derselbeu Unbefangenheil behauptet er heute, daß Plumpheit und Ungeschicklichkeit der Sub- alternen eine große Idee dermaßen verfahren haben, daß es, um diese Idee zu retten, einer Anstrengung bedarf, welche das gewöhnliche Geleise der Staatskunst zu verlassen hat. Jener Plumpheit rnid Ungeschicklichkeit, ist es zuzn- schreiben, daß E. E. heute in der öffentlichen Meinung von ganz Europa isolirier stehen, als je zuvor, daß E. E. für die Sunden von Existenze» zu büßen haben, welche mit E. E. entweder einen servilen Götzendienst trieben oder im blinden Eifer eine Wachtstnben- Atmosphäre an die Stelle einer gesniidr» politische» Luftströmung brach- ten. Der Speer deS Achilles, der die Wunden, die er schlägt, zu heilen versteht, ist den Händen E. E. ent- wunden. Der Vortheil der Situation, einen Krieg zu führen, der, als solcher populair ist, und wo die Er- folge dem Unverstand der Menge Schweigen gebieten. dieser Vortheil existirl heule nicht. Man wird sich nicht gegen die Waffen Oesterreichs allein zu schlagen haben, sondern gegen den unsichtbaren Feind der gefährde- ten materiellen Interessen von ganz Enropa. Bedurfte es aber vor 2 Jahren einer neuen Idee, »in eine Diversion in die Reihen der Feinde E. E. zu bringen, zündele der Gedanke der Annexion positiv und negativ»nd lähmte er E. E. Widersacher: so ist der gegenwärtige svloment ungleich kritischer, da es sich darum handelt, einen deutschen Bruder- und Bürger- krieg zu entzünden. Ein solcher Krieg ist kein lokaler, bei welchem man über die öffentliche Meinung zur Tages- ordnnng schreiten darf, um an den Erfolg zu appelliren, denn die Erfolge sind in ihm selber stets mit dem Odium vergossenen Bruderblutes behaftet, und das drohende Gespenst der„orientalischen Frage" lauert im Hintergründe, um die Brandfackel in ganz Europa zu werfe». Die Analogie des 7jährigen Krieges mit der heutigen Situation ist ebenso falsch. Der große König hatte eine öffentliche Meinung in Europa für sich, welche heute fehlt. Diese öffentliche Meinung z» schaffen, muß daher die Aufgabe sein, wenn anders der Krieg sich nicht ver« meiden läßt, und ist dazu ein neues Wort der Loosung erforderlich. Ich habe nicht zu fragen, ob dieses Wort gm oder schlecht ist; es handelt sich nur um die Zweckmäßigkeit desselben, und habe ich daher zu konstatiren, daß, wenn der Krieg unvermeidlich ist, er über sein ostensibles Ziel hinaus zu geben, und ei» Eroberungskrieg zu wer- den hat. Zwingt Preußen Oesterreich zum Krieg, oder umgekehrt, so ist cS ein Krieg um die Alleinherrschaft in Deutschland, es ist ein Krieg von wesentlich revolutio- närem Charakter, und cS liegt in der Natur der Sache, daß der Tbeil, welcher die Kriegserklärung ergehen läßt, als der Repräsentant der Revolution augesehen wird. Man kann in diesem Kriege nicht zwei Herren dienen; man hat sich zu entscheiden zwischen der Legiti- milät und der Revolution; die Nothwcndigkeit gebietet hier, daß man aufhöre, specifisch preußisch zu sein, denn der Krieg wird auf beiden Seilen den alten kriegerischen Stamm der Armeen hinwegraffen und jüngere, unge- schultere Elemente in die Bataillone bringen, welche von einem Geiste beseelt sein wollen, um z» ersetzen, was ihnen an militairischer Routine fehlt. Aus den Krieg hofft»nd wünscht ihn— die revo- lutionäre Partei in ganz Europa; die republica- nische Partei, sie, welche sich bewußt ist, daß in Deutsch- land die Bedingungen zu einer Republik fehlen, fürchtet den Krieg wenigstens nicht, denn es ist ihr um die Einheit des Vaterlandes zu thun. Der Rest der Na- tion— ich gebe zu, die Majorität— ist gegen den Krieg, und die Kriegspartei in Preußen ist so durch ein« in der Geschichte nicht nclie Verkettung von Umständen der Bundesgenosse der Revolution und des Repnblikanis- mus geworden. Hat man diese Allianz— weil sie nothwendig war— in dem dänische» Kriege nicht desavouirt, so ist sie heute um so mehr zu accepliren, wen» man den Bürgerkrieg zu führen entschlossen ist. Nicht der Schreiber dieser Zeilen predigt einen solchen Bürgerkrieg, wohl aber den« tet er auf die Nolhwendigkeit hin, daß E. E. ans Ihrer Jsolirthcit in demselben herauszutreten und durch eine Loosung ohne Beispiel die Geschicke Preußens mit denen Deutschlands z» identificiren haben.— Es giebt also nur zwei Wege für die preußische Staatskunst: Entweder die revolutionären und republicanischen Ele- mentc in Europa an die preußischen Fahnen zu fesseln; oder: Frieden mit Oesterreich. Guter Wille auf beiden Seilen, ehrenvolle Ausein- anderfetzung Beider. Bürgerkrieg oder Compensation. J Florenz, den 31. März 1866. Wir kalte» es für völlig überflüssig, auf den Inhalt dieses neuen, immerhin aus gewissen Grün- den sehr beachlenswerthen Fabrikates näher einzu- gehen, das, wie es fast den Anschein hat, von der- selben Firma ausgeht, wie die jüngst mitgetheilten Altonaer und Brüsseler Maniseste. Bisher hat es uns als eine müßige Sache ge-