Nr. 8S. Berlin, Sonntag den 22. April 1866. Zweiter Jahrgang. Socilll-Dtmoluat. friede der 1 vor' gicni setzt unt S sleher der Z Untei u. t Diese Zeitung erscheint drei Mal wöchentlich und zwar- Dienstags, Donnerstags und Sonnabends Abends. Organ der social-demokratischen Partei. Redigirt von I. 8. v. Hosstetten und I. 8. v. Schweitzer. Redaction und Expedition- Berlin, Alte Jakobstraße Nr. 67. Abonnements> Preis für Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 15 Sgr., mo- natlich 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post. ämtern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- land 121/» Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(st. 1. 10. südd., st. 1. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt« aus allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jevem soliden Spediteur, von der Expreß-Tompagnie, Zimmerstraße 48», sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigespallene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoucen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. berechnet. tujzl soll, Recht 'erb licl thün> Allan ein, u Revol sche's gebenl deöha sirovis Zum{ fctrb csterre Prinz ;jt diu seinen In de vier» Blältc dem% zu zwl tu ein vnl di du da, Oußero 4in ad dohl i Agentur für England, die Eolonieen und die überseeischen Länder: itr. Louller, 8. I.ittls lisv-k'ort-Strest, Leicester-Squsre W. C. London. Agentur für Frankreich:<1. A. Alexandre, Strassboarg, 5. Rue Brnlee; Paris, 2. Conr du Commerce Saint-Ändrd-des-Arts. Bestellungen für das zweite Quartal 1866 werden fortwährend(auswärts auf den Post- ämtern) angenommen. politischer Theil. Rundschau. Berlin, 21. April. Wie es scheint, werden wir noch längere Zeit von keiner wesentlichen Veränderung der Situation in Deutschland sprechen können, die freilich auf die Dauer unmöglich wird. Unterdessen ist nach einem Wiener Telegramm des„Dresd. Journ." am 19. d. M. die Habsburgische Antwort auf die letzte Hohenzollern'sche Note vom 15. d. abgegangen. Sie soll„sachlich und formell" friedlich lauten und einen nahen Termin zu gegenseitiger Abrüstung vorschlagen. Nach einem neuesten Telegramm soll es dem Grafen Bismarck geglückt fein, sich ein Original-Exemplar einer für den Kriegsfall bereits vorbereiteten Habsburgischen Proclamation an die Völker Oesterreichs und der deutschen Bundesstaa- ten zu verschaffen, und glaubt man, daß er dadurch den preußischen König zur Entscheidung für den Krieg werde bewegen können.— Bezüglich der HabSburgischen Circulardepesche an die deutschen Regierungen vom 16. vor. Mts. will man wiffen, daß dieselbe gleichlautend mit der Note Mensdorff's an das Kabinet von St. James sei. Wenn dem so ist, und wir glauben an die Richtigkeit dieser Behauptung, so haben die Freunde des Grafen Bismarck Recht, wenn sie sagen, daß derselbe seit Wochen das eigentliche Programm Oesterreichs in der Herzogthllmerfrage wohl kenne und daß das Bundesreformprojekt die einzige Möglichkeit war, welche den Plan des Wiener Kabinets kreuzen konnte. Jndeffen hegt man in denselben Kreisen, trotz offi- ciöser Beschwichtigungen, die Meinung, daß die Ein« schüchterung der Mittel- und Kleinstaaten nicht ge- lungen und daß andere Mittel in Bewegung gesetzt werden müßten, um die Annexion der Herzogthümer möglich zu machen. So schreibt auch die„Bayer. Zeitung"- Heber den Stand der Tagesfragen cirkuliren die ver- schiedenartigsten, theilweise sehr wenig begründeten Nach- richten, besonders über die Stellung der deutschen Re- gierungen und namentlich der Baierischen zudem Refom- Antrage. E« ist unmöglich, allen diesen Gerüchten entgegen zu treten. Wir empfehlen dem Publikum eine vorsichtige Aufnahme derselben, besonder« auch betreffs der letzten Wiener Nachrichten über das Berhältniß Bayern« zu dem Refvrmantrage. Die Bayerische Re- gierung ist, wie schon erwähnt, bereit, die Seilen« Preußen« zu machenden Vorschläge einer sehr sorgfältigen Prüfung zu unterstellen. Ueber da« Materielle der Frage hat sie schon au« dem Grunde bisher nach keiner Seite sich zu äußern vermocht, weil ihr die betreffenden Preußischen Vorschläge zur Zeit noch unbekannt find. Und neuestens erklärt dasselbe officiöse Blatt die ; Nachricht, die bayerische und sächsische Regierung hätten ein Programm in Beziehung auf die dem preußischen Reform- Antrage gegenüber zu beob- achtende Hallung vereinbart, für grundlos, und fügt hinzu, die bayerische Regierung habe sich bis- her nach keiner Seile hin über ihre Ansichten, be- züglich der Aenderung der Bundes-Verfassung, ge- äußert, sie behalte sich vielmehr ihre Entschließun- gen bis zu demjenigen Zeitpunkte vor, wo sie von dem materiellen Inhalt der preußischen Vorschläge Kenntniß erlangt haben werde.— Der„Staats- Anzeiger für Württemberg" meldet, daß eine Eini- gung zwischen Württemberg, Bayern und Baden ! bezüglich der Buntesreformsrage in allen wesent- lichen Punkten feststeht.— Der bayerische Premier, i Herr v. d. Psordten, reist heule zur Minister-Eon- serenz nach Augsburg, wo die Herren v. Beust, v. Varnbüler, v. Dalwigk und vermuthlich auch v. Edelsheim zusammentreffen.— Nach einer tele- graphisch gemeldeten Mitlheilung der„Wiener Abendpost" wäre die durch den(amtlichen)„Staats- Anzeiger für Württemberg" veröffentlichte öfter- reichische Depesche, in welcher Graf Mensdorff i es für eine Schmach erklärt, wenn Oesterreich eS nickt hinderte, daß die Herzogthümer in den Besitz Preußens kämen, vollständig apo- kryph(gefälscht).— Die„N. A. Ztg." bemerkt hierzu:„Die„Wiener Abendpost" hat wohl ver- gessen, daß der„Staatsanzeiger für Württemberg" ein amtliches Organ ist, welches füglich nickt „apokryphe" Nachrichten verbreiten kann, während wir in der„Abendpost" häufig genug Dinge ge- funden haben, die sich in der That nachher als „apokryph" erwiesen. Wir müssen daher Auf- klärungen aus Stuttgart erwarten." Merkwürdig ist dabei, daß die osficielle„Wiener Zeitung" die angeblich fälschliche Note, ohne jede Bemerkung, wörtlich abgedruckt hat.— Die Kreuzzeitung be- \ merkt zu dem Dementi der„Wiener Abendpost": „Vielleicht ist's nur keine„Antwort", sondern sonst ! ein Schreiben des Grafen Mensdorff an den eng- ! tischen Gesandten in Wien— denn daß eine in- , directe Friedensmahnung des englischen Ministers j an das Wiener Kabinet existirt, ist gewiß. Viel- leicht hat es auch der österreichische Gesandte in London auf eigene Hand nach.Wiener Aufzcich- nungen abgefaßt und dem Lord Russell übergeben, so daß es um deswillen keine„Antwort" aus Wien ist. Jedenfalls steht fest, daß man schon früher von allerlei sonderbaren Eröffnungen hörte, die Oesterreich an die Westmächte hätte gelangen lassen, und daß das vorliegende Actenstück gewiß durchaus— Bicgeleben'sch ist. Was es mit dem- selben auch im Besonderen für eine Bewandtniß habe,— daß es im wesentlichen österreichische Gedanken ausdrückt, wird unzweifelhaft sein." (Siehe das Weitere unter London.) Hinsichtlich der Stellung der Mittelstaaten ist noch bemer- kenSwcrth, daß das„Dresdener Journal" auch die ! Zeitungsnachricht dementirt, daß das Wiener Ka- binet ein von Bayern und Sachsen vereinbarte« Programm in der Bundesreformfrage genehmigt hat. Weder die bayerische noch die sächsische Re- gierung hätten in Wien derartige Vorschläge ge- macht.— Ueber die heute staltfindeikde Bundes- tagssitzung verlautet, daß eine die Entwaffnung«- Frage als erledigt constatirende Kundgebung er- folgen soll. Oesterreich stimmt für die Urberwei- sung des preußischen Reform-Antrages an einen Ausschuß ad hoc.— Ferner heißl es, es bestätige sich, daß Habsbnrg zuerst entwaffnen wolle, indem es am 25. April damit beginnen würde, in der Er- Wartung, daß Hohenzollern am andern Tage, dem 26., seinerseits mit der Abrüstung beginnen würbe.-- Am 22. d. M. soll eine Würzburger Conferenj zusammentreten, in welcher vertreten sein werden: Dar» stadt, Nassau, Würtemberg, Baden, Bayern und Sachsen.— Anderweitig verlautet, Hohenzollern werde bei seinem Antrage der Parlamentsberufung mit bestimmtem Termine vor der speciellen Ver- Handlung über die Reform- Vorlagen unbedingt stehen bleiben, wahrscheinlich sogar seine weitere Verhandlung mit dem gegenwärtigen Bunde davon abhängig machen. Kurz, statt der Friedenstauben können immernoch Sturmvögel zum Fliegen kommen. In Frankreich ward im gesetzgebenden Körper das Decret eingebracht, welches die biesjährigk Session bis zum 21. Juni verlängert. Die Di«' cussion über die Kauffahrtei-Schifffahrts-Aclc ward fortgesetzt, ohne baß sie Momente von besonderem Interesse darbot.— Der„Eonstituticnnel" vom 18. April be- schäftigt sich in einem längeren Artikel mit den Donaufürstenthiimern und meint, wenn ein ausländischer Fürst den Thron der Fürstenthümed bestiege, so würde ein solches Arrangement mit den Wünschen des Landes wohl mehr übereinstimmen, aber die Einwendungen und der Widerwille, den es an anderer Seite provociren würde, scheine bi« zu einem gewissen Punkte ein Opfer zu verlangen. Die einzige Combination, welche geeignet scheine» möchte, die verschiedenen Tendenzen miteinander auszusöhnen und allen Interessen Genüge zu leisten, wäre die, einen Hospodar zu wählen, den man beauftragen sollte, die Moldau und die Walachei während eines festgesetzten Zeitraumes zu beHerr- scheu. Wenn der Fürst sich dieser Misston würdig zeige, dann könnte eine Verlängerung der ihm an- vertrauten Gewalten eintreten, der die Türkei wie die garantirenden Mächte nicht anstehen würden, ihre Bestätigung zu ertheilen.— Die Wahl des Prinzen Carl v. Hohenzollern zum Fürsten von Rumänien, über deren Annahme oder Nichs' annähme die officiösen Organe noch fortwährend i» §weifel lassen, werden jetzt auf eine tief angelegte ntrigue zurückgeführt, deren Fäden nach Berlin und Paris auslaufen. Man schließt es daraus, daß der Führer der demokratischen Partei, Bra- kano, welcher zu Gunsten des jungen preußisches kolda Bei eil dersam Onsgesz ■n erst. iateinis Ober f mnimei soft III ulben Haupts tiefe V sintert! vuchar in seil darb i Zehen i Am jebaite, ! einzuschlagenden Weg consnltircn.— Layard erklärte �e ans Stuttgart gekommene Mittheilung von einer i Wiener AntwortS-Nete auf eine englische Note für total unwahr. In Italien mehren sich die kriegerischen An- zeichen. Das neapolitanische Blatt, die„Jtalia" erzählt, daß die Admiralität Befehl erhalten habe, Alles zur Mobilmachung der Flotte bereit zu hat- ten. Die Truppeii-Concentration bei Capua dauere fort. Auch Kriegsmaterial gehe nach dem Norden. In den Arsenalen werde Tag und Nacht gearbeitet. — In der Sitzung der Depulirtenkammer vom 18. April erklärte der Finanzminister in Beant- wvrtling einer an ihn gerichteten Interpellation, daß die Gerüchte über die ungünstigen Creditver« hältniste Italiens entweder von Ausländern, die Italien feindlich gesinnt seien, oder von Italiens unwürdigen Angehörigen verbreitet seien. Der Mi- .uister stellt es absolut in Abrede, daß die Regierung die Absichi habe, die Bankbillets mit einem Zwangs- course zu belegen. Die Auszahlung der im Juli fälligen Zinsen sei durch die vorhandenen gewöhn- lichen Staatsmittel gesichert. Die Regierung werde die Urheber verläumderischer Gerüchte in Gemäß- . heit des Strafgesetzbuches verfolgen.— Am 16. \ April legte der Abgeordnete Raeli dem italienischen I Abgeordnctenhause den Bericht über das Gesetz °us Abschastung der geistlichen Corporationen vor. Gegenüber den Versicherungen der Wiener und Pariser Blätter erhielt die„Opinione" vom9. April den Auftrag, aus das Bestimmteste zu dcmentiren, »daß die italienische Regierung weder am 27. Piarz, noch später gegen Preußen eine Verpflich- �dg zur gemeinsamen Aclion gegen Oesterreich "der zu einem andern Zwecke übernommen habe." — Am 12. April fand die feierliche Eröffnung des großen Cavour-Canals statt. In Spanien scheint eine neue Erhebung be- vorzustehen. Wenigstens läßt sich so viel aus einer Erklärung des Ministers des Innern in der s Depulirtenkammer entnehmen, wo derselbe ver- stcherte, er kenne die Vorbereitungen der Verschwörer, ssber er fürchte keineswegs, daß die Ruhe ernstlich gestört werden würde.— Sonst ist noch zu er- lvähnen, daß der Finanzminister krank darnieder- liegt, und daß die Commission der Deputirtcnkam- wer, welche mit Prüfung des Gesetzes bezüglich ber neuen Bank beauftragt ist, den Beschluß gefaßt hat, nicht eher zusammenzutrete», alö bis der Mi- uister ihren Sitzungen beiwohnen kann. Wie aus London versichert wird, hat der dortige Gesandte Brasilien s ein Telegramm erhalten, demzufolge bestätigt wird, daß die Gesammt- »lacht der Verbündeten unter dem Schutze des �anzergeschwaders den Uebergang über den Parana glücklich bewerkstelligt hat. Neuere Mitiheilungen auS Nord-Amerika »leiben, daß die Debatte über das Veto des Prä- "denten im Senate sehr erregt war. Ein Scna- lor erklärte, daß die Annahme der Bill den Bür- girkrieg nach sich ziehen würde. Herr Lane brachte Resolutionen für die Zulassung südlicher Congreß- Aiitglieder unter gewissen Bedingungen ein; und '» Washington hatte eine Massen-Versammlnng »attgefunden, die die Politik des Präsidenten gut- �ß.— Wie bereits vom Senate, so ist auch letzt ?»m Repräsentantenhause die Bürgerrechts-Bill mit ier erforderlichen Zweidriltel-Majorität gegen das Jjclo des Präsidenten angenommen.— Es sollen Gerüchte im Umlaufe sein, wonach binnen Kurzem Utie allgemeine Amnestie proclamirt werden wird. � Zu der fenischen Bewegung wird mitge- ä theilt, daß Doran Killian mit einer fenischen Streit- macbt von New-Uork abgegangen sei, um sich der Insel Campo Bello in der Fundhbai zu bemächti- gen. Auch circullrte das Gerücht von einer feni- schen Expedition gegen die Bermudas; es ist jedoch hierüber noch Weiteres abzuwarten. Aus Mcriko werden verschiedene angebliche Ersolge der Kaiserlichen gemeldet. Was die Be- Ziehungen der Vereinigte» Staaten zu dem mexika- nischen Kaiserreiche anbelangt, so wollen New- Norker Journale die Antwort kennen, welche Herr Seward auf die Depesche der französischen Regie- rung vom 9. Januar gerichtet hat. In derselben soll der amerikanische Minister nichts weniger als freundschaftlich gegen das mexikanische Kaiserthum gesinnt sein, aber die Depesche mit den Worten schließen:„Die vereinigten Staaten werden mit Vergnügen bestimmte Mittheilungen über den Zeit- Punkt entgegennehmen, zu welchem die militärischen Operationen der Franzosen in Mexiko aufhören." — Der New-9)orker„Herald" bringt eine Nach- richt, die, wenn sie sich bestätigen sollte, leicht zu Verwicklungen Veranlassung geben könnte. Das Blatt versichert nämlich, daß der juaristische Ge- neral Bega die Insel Carmen an eine Gesellschaft californischer Kapitalisten verkauft habe. Die Insel liegt in dem Golf von Catifornien, der die mexika- nische Provinz Alt-Californien von den Provinzen Einaloa und Sonora trennt. Die geographische Lage der Insel ist für das Kaiserreich Mexiko von großer Wichtigkeit, weil sie die Schifffahrt auf dem Golfe und den Seeweg von den Häfen von Guay- mas und Mazatlan beherrscht. Die Insel befand sich bisher in Besitz einer Seitenlinie der Familie Bega, und bildet dieselbe durch großartige Salinen eine bedeutende Einnahme-Quelle. Der Verkauf der Insel an nordamerikanische Staatsbürger könnte selbstverständlich Collisionen zwischen den Privatrechten amerikanischer Bürger und den„Sou- veräneiSrechten" Mexiko' s hervorrufen. Berlin, 21. April. Gegen die herrschende ResolutionS- Epidemie, die im gegenwärtigen Augenblicke in Deutschland ärger wülhet, als jemals, muß sich jeder gesunde politische Menschenverstand empören, sobald man den Inhalt des größten Thciles der Resolutionen, die jetzt gefaßt werden, näher be- tracktct. Nichts ist natürlicher, als daß sich in politisch erregten Zeiten das Bedürfniß, seine Ansichten über die Fragen des Tages öffentlich auszusprechen und in Resolutionen, als Ausdruck der Volksmei- »ung, niederzulegen, nichts ist, sagen wir, natllr- licher, als daß sich in solchen Augenblicken dieses Bedürfniß in erhöhtem Grade einstellt. Ebenso ist es nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht des Volkes, in ernsten Zeitläuf- ten seine Meinung über wichtige, seine Interessen berührende Fragen kundzugeben, und Niemand, keine Regierung, darf dieses Recht des Volkes beschränken wollen, niemals und unter keinen U m st ä n d e n. Denn eine freie, daS Interesse des Volkes wirk- lich vertretende Regierung braucht die Stimme des Volkes nicht zu fürchten. Ein Blick nach Amerika, wo während des gan- zen furchtbaren Bürgerkriege« das freie Versamm- lungsrecht und die Freiheit der Presse niemals be- schränkt wurden, lehrt uns, welch' heilsame Arzenei die Freiheit und wie richtig unser obiger AuS- spruch ist. Was nun die gegenwärtig bei uns in Deutsch- land tagenden Volksversammlungen und ihre Be- schlösse betrifft, so ist es selbstverständlich, daß wir nichts dagegen haben können, daß man sich da und dort gegen einen Krieg zwischen Habsburg und tohenzollern ausspricht, obwohl wir ganz anderer nsichi sind. Mögen nur diejenigen, welche jene Meinungen nicht theilen, ebenso freimüthig und unerschrocken die ihrige aussprechen, wenn sie wünschen, daß die- selbe zur Geltung und Anerkennung gelange. Und das sollten sie, das soll Jeder wollen, der überhaupt eine politische Meinung hat, und nicht, wie eine Wetterfahne, bald hierhin bald dorthin schwankt. Thun sie eS nicht, so haben sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben, wenn ihre Meinung keine Beachtung findet. Wenn wir nun also nichts weiter gegen die Friedensresolutionen zu sagen haben, als daß sie, unserer Ansicht nach, unverständig sind, so müssen wir uns entschieden gegen solche Resolutionen wen- den, in denen das politische Biaulheldenthum zum Ausdruck gelangt, gegen Resolutionen, in welchen von Dingen die Rede ist, an deren Ausführung man auch nicht im Entferntesten denkt, gegen Re- solutionen, denen Thäten folgen müßten, wenn sie einen Sinn haben sollten. Sehr treffend meint das„Frankfurter Journal": „Hypertrophie des Herzens bei krankhafter Verstim- mnng des Gangliensystems und Verkümmerung des Gehirns" scheinen die hauptsächlichsten Ursachen dieser Resclutionskrankheit zu sein,„deren Symp- lome in sinnlosen politischen Kraflausdrücke» bei vollständiger Lähmung des WillenSvermögens zur Erscheinung konimen." Resolutionen der gedachten Art wurden unter anderen auch von einer am verflossenen Sonntag zn Dresden stattgehabten Volksversammlung ange- nonimen und wir stimmen vollkommen mit dem „Franfurter Journ." überein, welches darüber sagt: Die Dresdener Beschlilsse gegen den Krieg nnd gegen das Bismarck'sche Parlament sind es also nicht, die unsre Mißbilligung hervorgcruse» haben, sondern, cS sind die Beschlüsse, welche auf Einberufung einer Nationalver- sammlung und auf das Zusammentreten der Mitglieder des Stuttgarter Rumpfparlaments als Vorparlament gerichtet sind. Und auch gegen diese Beschlüsse hätten ivir an nnd für sich nichts zu erinnern, wenn etwa« andere« darauf gefolgt wäre, als das, waS darauf gefolgt ist, nämlich-in friedliches Auseinandergehen, um sich nach so tapferer Thal— bei einem Glase Bier von den Anstrengungen des Tages zu erholen. Das aber ist es, was wir Mißbrauch der Stimme des Volkes nennen und nicht entschieden genug verurtheilen können, denn es entnervt da« Volk, es gewöhnt es an das leere Wortemachen, an das Maulheldenthum, an das Säbel- rasseln, e« benimmt ihm die Fähigkeit zur wirklichen Begeisterung, wie zum politischen Denken, und setzt seine Theilnahme an den politischen Ereignissen in seinen eigenen wie in den Augen seiner Feinde herunter. Wenn die Herren in Dresden wirklich den Muth haben, über einen Antrag der preußischen Regierung auf Bnndesreform nnd Eiitberusung eines Parlaments zu Gunsten der deutschen ReichSversasiung zur Tagesordnung überzugehen, wenn sie den Muth haben, aus einer constitnirende» Nationalversammlung zu bestehen, wenn sie gar den Mitgliedern de« Stuttgarter Rnmpsparla- menis zuniulhen, al« Vorparlament zusanimen zu treten, dann mögen sie es auch, wir bitten sehr darum, nicht bei den bloßen Worten belassen, dann mögen sie auch den Muth haben, die Vorbedingungen zur Herbeiführung aller dieser Herrlichkeiten zu schaffen, d. h. mit der Re- volution zu beginnen. Der erste Schritt hierzu aber hätte sein müssen, die Regierung zu stürzen, die im Mai 1849 den Aufstand zu Gunsten der Reichsver- saffung in den Straßen Dresden« blutig niederschlug, und der zweite Schritt hätte sein müsse», auch die Re- gierung zu Fall zu bringen, die diese Bewegung durch ihre Truppen getreulich niederschlagen hals. Also zu- nächst reinen Haushalt geinacht mit Herrn v. Beust und dann aufgebrochen gen Berlin, um dort das begvunene Werk fortzusetzen. Wir sagen nicht daß die« Beginnen große Aussicht auf Erfolg gehabt hätte und wir wollen es auch keineswegs angerathen haben; daS aber sagen wir, daß solchen Beschlüffen nur solche Thaten folgen dursten, wenn sie nicht als klägliche Strohrenommisterei beurlheill werden sollten. Ja, ekelhaft ist dieses politische Maulhelden- thum und es wäre an der Zeit, daß sich aller Orten das Volk, so weit es nicht wie eine unselbst- ständige, willenlose Heerde jenem Fortschrittler- und Schwätzer- Schwann nachläuft, entschieden ausspreche und erhebe gegen die wahnwitzige Zun- gendrescherei. Deutschland. ». Hagen, 20. April. sAllgemeines glei- ches Wahlrech t.j Es wird von Seiten der Li- beralen dem Volke jetzt immer zugerufen: Nehmt Euch in Acht vor dem allgemeinen gleichen Wahl- reckt des Herrn v. Bismarck— es ist nur ein Danaergeschenk; Herr v. Bismarck will Euch be- thören und— benutzen! Nun wohl, er mag eS versuchen; wir glauben, daß der Nutzen gerade nicht sehr groß sein wird. Aber nicht des Volkes