Nr. 87, Berlin, Freitag den 27. April 1866. Diese Zeitung ersckeiut drei Mal wöchentlich und zwar: Dienstags, Donnerstag« und Sonnabends Abends. Organ der social-dcmolrntischcn Partci. Redigirt von I.». v. Hofstetten und I.«. v. Schweitzer. Zweiter Zahrgang. Redaction und Expedition: Berlin, Alte Jatobstrajje Nr. 67. SbonnementS- Preis für Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 15 Sgr., mv- natlich 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post« ämlern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nubtpreußischen Deutsch- lanv 1272 Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(st. 1. 10. slldd., st. 1. österr. Wäbr.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärts auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Lompagnie, Zimmerstraße 46a, sowie au4 unentgeltlich von jedem„rolhen Dienstmann" entgegen genominen. Inserate(in der Expevition auszugeben) werden pro dreigespaltcne Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. berechnet. Agentur sür England, die Colonieen und die überseeischen Länder: blr. Ij>mäer, 8. Linie New-Port-Street, Leicester-Sqnare W, C. London. Agentur sür Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Eue Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrä-des-Arts. Herr Ziegler, e in altprcußlscber bürgerlicher Demokrat und Mitglied des preußischen Abgeord- netenhauses, hat, preußischen Blättern zufolge, am 19. April, im Breslauer Handwerkerverein die Erklärung abgegeben, er sei—„So cialist von altem Datum." Welche Neuigkeit! In der Thal ist diese Erklärung eben so neu als merkwürdig. Neu muß sie genannt werde», weil nian bis zum 19. April im Jahre des Heils 1866 auch nicht ei» Sterbenswortchen von dem socialistiscben Standpunktc des Herrn Ziegler vernommen hat, und merkwürdig: theils eben deshalb, theilö wegen der Beschaffenheit deS Ziegler'sche» SocraliSmuS, von der wir uns leider nur durch die ZeitungS- berichte über die von Herrn Ziegler in jenem Arbeiter-Verein gemachten„Mittheilungen aus seiner Erfahrung und seinem Leben"*) Kenntniß ver- schassen konnte». Jene Erklärung ist aber noch um so merkwürdiger, als Herr Ziegler zwei Tage vorher in einer an-' geblich von 4000 Personen besuchten Urwähler« Versammlung eine politische Wahlrede gehalten und dabei nur vergessen hat, seines socialistischcn Stand- Punktes zu erwähnen, der doch offenbar für seine Wähler ein Punkt von höchster Wichtigkeit sein mußte, den nicht zu verschweigen um so mehr eine Pflicht des Wahlredners war, als er ausdrücklich erklärte, ganz sagen zu wollen:„So bin ich; so fühle ich; dies ist mein Verhältniß zu den od- schwebenden Fragen" u. s. w.**) Wir haben in jener Wahlrede Herrn Ziegler als altpreußischen constitutionellen De- mokraien, Anhänger der schleichenden An- nexion und— wenn er diesen Punkt auch schlau zu umgehen bemüht war— der allmählichen Borussificirung Deutschlands kennen gelernt und haben dagegen weiter nichts zu sagen, als daß dieses Programm wenig oder gar keine Aussicht auf � Berwirklichnng hat, weil, so lange Hohenzollern auf preußischem Throne sitzen, der Consiittitiona- 1 liSmus nach englischem Muster eine Utopie bleiben wird, und weil ihm(jenem Programm) vor Alleni die Tympalhieen des weitaus größten TheileS des deutschen Volkes fehlen, und ferner, daß wir Herrn Ziegler den Vorwurf machen müssen, sich nicht hinlänglich klar und unzweideutig über seinen Standpunkt in der deutsch-nationalen Frage aus- gesprochen zu haben. Offen Visir thul aber in diesem Augenblicke mehr noth als jemals und ist gerade jetzt doppelte Pflicht der Demokratie, die nicht, wie dies die Staats- *) S.„BreSl. Ztg." Beilage, zu Nr. 184 vom 21. April d. I. **) S.„BreSl. Ztg." Nr. 180, Hanptblatt der! Morgen-AuSgabe vom 19. April. männer können, welche die Gewalt in Händen haben, mit Hintergedanken operiren darf. Demokratische Agitationen mit Hintergedanken verwirren nur das Volk und machen es untauglich, im entscheidenden Augenblick einheitlich den richtigen Schlag zu führen. Wirke vielmehr nur Jeder offen und klar in seinem Kreise, damit man erkenne, mit Wem und womit nian es zu thun hat, und scheue er sich nicht, selbst tief eingewurzelten Vorurtheilen rücksichtslos entgegenzutreten; denn nur durch Entschiedenheit kann man sie zu besiegen hoffen. Nach dieser kleinen,.den Politiker Ziegler be- treffenden Abschweifung kehren wir zum Socia- listen Ziegler zurück, niit welchem allein wir eS heute hauptsächlich zu lhun haben. Die BreSlauer„Morgen-Zeitung" berichtet über die fragliche Vercins-Versammlung unter Anderem, daß Herr Z. erklärt habe,„er werte weder eine Rede noch einen Vortrag halten, denn er habe eben nur zugesagt, zu kommen und zu sprechen. Es liege ihm daran, dieser Körperschaft seine Ach- lung zu beweisen, denn er wisse wohl, daß ihm der Arbeiterstand sei» Vertrauen geschenkt, daß er es zum großen Theile gewesen, der seine Wahl mir durchgesetzt habe. Zu einer politischen Rede habe ihm die Urwähler-Versammlung Gelegenheit geboten, einen Vortrag wolle er nicht halten, weil er die Bedürfnisse deS Vereins nicht kenne. Er werde also wohl weit hinter den Erwartungen der Versanimelten zurückbleiben, wenn er eben nur über sein Verhältniß zu den Arbeitern spreche." Sodann heißt es in dem Bericht wörtlich: Er sei ein Nationalökonom und Socialist von altem Datum. Um dies nachzuweisen, führte er einige seiner Broschüren an. Dann ging er auf sein Verhältniß zu Lassatle ein. Er werde dwsen großen Geist, der sein Freund gewesen, nie verleugnen. Er habe sich nur in letzter Zeil von ihm getrennt, weil Lassalle mit seinen Ideen zur Unzeit eine politische Agi- talion hervorgerufen habe, aus der ein Riß zwischen den Arbeitern und den Arbeitgebern entstehen mußte. Ebenso wenig wolle er leugnen, daß iye Statuten von ihm herrühren, auf denen der deutsche Arbeiter. Berein jetzt noch besteht. Lassalle habe ihn, wegen seiner reicheren Lebensersahrnna, gern zu seinem Genossen machenwollen. Lassalleselbst sei mehrTheore- tiker und Philosoph gewesen; sein Fehler habe darin gelegen, daß er selbst erst die Rational- ökonomie lernte, während er unterrichtete. Im Uebrigen wären Lassalles Ideen dieselben, welche die französischen Socialisten bereit« vor 30 Jahren ausgesprochen, und Ziegler selbst hatte bereit« vor 12 Jahren in seiner Vaterstadl eine solche(!) Produktiv- Genossenschäst der Tuchmacher zu gründen versucht, wurde aber von anderer Seite darin gestört. Lassalle� Ideen seien keineswegs unausführbar und die verlangte„StaalShülfe" nicht so schlimm, wie man sie hingestellt habe. Es sei eben«in„Staatskredit" der auch sonst zu andere» Unternehmungen gegeben werde. Freilich sei die Sache schwer auszuführen und Lassalle hätte keine politische Agitation damit ver- binden sollen. Nach der„Brest. Ztg." lauten die bezüglichen Stellen: Er sei Lassalle'S Freund und Arbeitsgenosse gewesen, den er wegen seiner großen Kenntnisse und seiner bedeutenden Anlagen hochgeschätzt habe, obwohl ihn Mangel an Erfahrung auf falsche Bahn geführt und von ihm getrennt habe. Sein Hauptmangel sei der gewesen, daß Lassalle seldst erst beim Unterriditen gelernt habe, und ihm die praktischen Kenntnisse abgegangen seien, die zur glücklichen Durchführung solcher gesellschasilichen Resoriuen nothwendig sind. Redner ging hieraus näher auf die Erfahrungen ein. die er auf diesem Gebiet, z. B. bei Gründung einer Tuchmacher- Association gemacht habe, und der Mittel, die er angewendet, um dem Produ- zenten selbst die Vortheile zu verschaffen, die der Kauf- mann sonst genieße. Er wie» aus die von Lassalle nicht erkannte Schwierigkeit hin, geeignete Männer zu finden, welche die Millionen, die der Staat der Arbeit nach dessen Ansicht dienst- bar machen solle, richtig verwenden. Nach dem„Neuen Allg. VolkSbl.", welches allem Anscheine nach auch aus einein Breslauer Blatte geschöpft hat, sagte Herr Ziegler unter Andcrm Folgendes: Ich bin ein Freund Lassalle'S gewesen; allein ich habe mich von ihm im letzten Monate getrennt, weil er sein Prinzip an ein politische« System knüpfte, zu welchem c« nicht an der Zeit, und da« wohl geeignet war, einen Riß unter den Liberalen bervorzurusen. Noch sind die Grundbedingungen wirthsibastlichen LebenS: Gewerbefreiheit, Freizügigkeit uns nicht gegeben Sic zu erringen, mußte die nächste Aufgabe sein. Von mir rührt da« Statut des allgemeinen Arbeiter-Vereine« her. Lassalle nahm Interesse daran, mich zum Mitarbeiter �zu gewinnen, weil ich praktisch auszuführen geeignet, was als Idee in ihm lebte. Dies ist mein Verhältniß zu Lassalle. Ich mußte desselben gedenken, da es bei meiner Wahl auch zur Sprache ge- kommen. Lassalle hatte den Fehler, daß er bei aller Genialität erst lernte, währender unter- richtete. Uebrigen« sind seine Ideen keineswegs neue gewesen. In ToussenelS„feodalite" ist seine ganze Theorie bereits niedergelegt. Lassalle glaubte, es sei damit gethan, wenn der Staat 100 bis 200 Millionen dazu hergäbe, den Handwerker in den Stand zu setzen, selbst ständig für sich zu arbeiten. In den 50er Jabre» machte ich in meiner Vaterstadt den Versuch, eine solche Produktionsgenossenschaft zusammenzubringen. Die Lage ver Tuchmacher an jenem One war der Art, daß sie die Tuche halb fertig machten, da« Uebrige den Kausleutcn überließen. Dabei konnten die Tuchmacher noihdürftig leben, während die Kaufleute— reich wurde». Ich gewann einen Banquier, welcher Geld vorschoß. Redner setzt nun auseinander wie er die Produktionsgenossenschaft geordnet, die schließ- lich au« andern Gründen nicht zu Stande gekommen si>- Er setzt ferner auseinander, daß eine solche PrvduktionSge- nossenschaft nur von einem ganz in die Sache eingeweihffu Organisator ausgehen kann, und daß also jede« Geschält besondere Männer von Specialkenntniß erfordert.„Lassalle meinte: Dergleichen Männer werden sich'U Menge finden. Ich glaube e« nicht. Ja, bin der Ueberzeugung, dab, wenn der Staat beute decretirte, 100 oder 200 Millionen zur Verfügung der Handwerker(!!) zu stellen, nur geringe Summen davon in Anspruch genommen werden würden.—————----- --------- Schul ze ist mein Freund; er hat stch ungeheure Verdienste»in die Förderung der Associaiionen erworben; wie Lassalle verharrt er aber bei einem Exlrem, und ein zu langes Fest- halten desselben kann leichl Gefahr bringen. Keine Idee tritt in'S Leben, ohne wenigstens eiwas Nützliches zuriUk- Zulassen. Ich erinnere an die Homöopathie, gegenüber der Allopathie. Sie sind nicht ohne Einfluß aus ein- ander gewesen, und wenn der Kranke jetzt nicht mehr eine so ungeheure Menge complicirter Arzneimittel zu verschlucken braucht, wie früher, so hat er dies, ohne Homöopath ZU sein, doch der Homöopathie zu verdanken. Aebnlich ist es mit allen Ideen, und dies wird jeden- falls auch-ine Folge der L af s al l e'f ch en sein. Ich will damit keineswegs diese Fragen ergründen, ich erwähne ihrer bloS, um mein Verbällniß zu Lassallc, diesem außergewöhnlichen Manne, zu bezeichnen. Gott sei Dank, mit dem Citiren dieses Thee- Klatsches find wir fertig. Wir wollten eben nur, so weit uns dies nacb dem vorhandenen Material möglich war, Herrn Z. Gerechtigkeit widerfahren und ihn ganz zu Worte konimeu lassen. Eö ist schauderhaft, über alle Maßen schauder- hast und jammervoll! Man glaubt seinen eigenen Augen nicht trauen zu könne», wenn mau so absurdes Zeug lesen muß, von einem Menschen, der sich einen„Socialisten von allem Datum" und überdies einen„Freund Lassalle's" nennt. Es iß, baß eS einen Hund erbarmen könnte! Doch bat" die Sache leider auch ihre ernste Seite und darum müssen wir uns nolhwcndig über einige Punkte aussprechen, ohne uns auf eine Widerlegung der massenhaften Jrrthümer, Gut- stellungen und Abgeschmacktheiten einlassen zu kön- nen, die Jedermann in die Augen springen, der nur im Entferntesten mit Lassalle's Schriften oder mit der Socialökonomie überhaupt sich bekannt ge- macht hat.. Die Punkte, die wir zu berühren haben, bezie- hen sich hauptsächlich auf Zieglers so sehr betontes ..freundschaftliches" Perhältniß zu Lassalle, über welches wir ganz genau unterrichtet sind. Welche Ansicht Lassalle von rem„Socialisten" Z. hatte und wie der„Socialist" Z. sich zu Lassalle's social-dcmokralischer Agitation stellte, geht sehr deutlich aus einem Privatbriefe Lassalle's, ci. cl. Berlin. 9. März 1869 hervor, in welchem er über sein damals eben vom Stapel lausendes „Antwortschreiben an das Leipziger Eomits" schrieb: Ich las dieses Manifest im Mannscript zweien ineiner Freunde vor.——--------~~ --- Per Andere(Zicgler). freilich ein politischer Revolutionär,(sonst Bourgeois vom Scheitel bis znrZehe), war, während ich ihm das Manifest vorlas, ganz damit einverstanden, daß ich es loslasse. Am Abend aber schrieb er mir einen d>ei Bogen langen Brief: ich sei, wenn ich das verössentlichte, ein todter Mann; ich hätte mich ans immer ruinirl; es seien horreurs; die Fortschrittspartei würde himmelhoch jubeln, daß ich mich selbst gestürzt und unmöglich gemacht hätte; ich würde einen Haß gegen mich erregen, in dem ich unter- ginge w.. �. Ich antwortete auf die« Alle« nur mit dem alten Luther:„Hier stehe ich, ich kann nicht anders; Gott helle mir, Amen!" Lassallc, dem nichts ferner war, als ungerechte Beurtbeilung Anderer, nannte also seinen Freund, den„Socialisten" Z., einen„Bourgeois vom Stbeitel bis zur Zehe." Und er hatte vollkommen Recht. Herr Z. lie- ferl noch nackträglich den Beweis dafür, wenn dies überhaupt nöthig und nickt schon durch die Argu- mentc bewiesen wäre, welche Herrn Z. veranlaßlen, sich hinterher gegen Lassalle's Veröffentlichung des „Antwortschreibens" auszusprechen. Denn wer behauptet, daß ein„Riß zwischen den Arbeitern und Arbeitgebern" uui jeden Preis zu vermeiden sei oder mit andern Worten, daß die Arbeiter nickt zur Erkenntniß ihrer Klassenlage ge- langen dürsten; wer ferner behauptet, daß man mit dem socialen Programm keine politische Agitation verbinden dürfe, vielmehr jenes von dieser fern halten müsse, der ist ein Lügner. Wer aber Alles dieses behauptet und sich dabei für einen Socialisten ausgibt, der ist ein un- verschämter Lügner, ist kein Socialist, son- dern ein Bourgeois, der mit dem Socia- lismus ein frevelhaftes Spiel treibt und die Arbeiter hintergeht. Oder sollte der Gedanke an eine Naivetät denk- bar sein, welche so weit gehl? Wie? Nein, nein, das ist unmöglich! Damit, daß man die sogenannte„Selbsthülfe" für unmöglich erklärt und sich für das Prinzip der „StaatShlllse" ausspricht und eine isolirte Tuch- macker- Producliv-Genosienschafl einrichtet, ist nian nock lange kein Socialist und noch viel weniger ein socialer Demokrat. Herr Z. kann sich demnach, wie wir zu seinen Gunsten annehmen wollen, nur in einem ihm selbst unwissentlichen Jrrthum besinden, von welchem man ihn so bald als möglich befreien muß. Gelingt dies, so werden wir uns sehr darüber freuen, wenn nicht, so mag er uns und Anderen mit seinem SocialismuS vom Halse bleiben! Und nun noch eine Kleinigkeit. Wie Herr Z. dazu kommt, der Verfasser der Statuten des Allgemeinen deutschen Arbeiter- Ver- einS sein zu wollen, ist uns wahrhaftig unbegreif- lich und es sieht dies einer Erfindung so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Denn als es zur Entwerfung jener Statuten kam, war der Bruck zwischen Herrn Z. und Lassalle längst vollzogen, und Beide hatten sich seit Mo- naten nickt wieder gesehen, nachdem Ersterer(das „Antwortschreiben" war bereits erschienen) noch einmal brieflich bei Lassalle angefragt, ob er ihm rathe, ein Mandat zum Äbgeordnetenhanse anzu- nehmen, und dieser ihm die lakonische Antwort er- theilt hatte:„Wenn Sie dies auch noch thun, dann sind Sie fertig!" Schließlich haben wir nur nock in jener Er- klärung eines bürgerlichen Demokraten eine Erschei- rning zu begrüßen, welche nichts weiter ist, als der Ausdruck einer sich mit innerer Nothwendigkeit voll- ziehenden Partei-Zcrsetzung und Partei-Entwickelung durch die Arbeiterbewegung, eine natürliche Folge der von Lassalle hervorgerufenen Agitation unserer Arbeiterpartei. Wir begegnen dieser Erscheinung nicht zum ersten Male und werden ihr in der Folgezeit immer häufiger begegnen. Die bürgerliche Demokratie, welche sieht, wie sich mit jedem Tage die Geisler der Arbeiter mehr unserer Richtung zuneigen und die social-demo- kratische Partei die Massen um sich versammelt, ist gezwungen, den Arbeitern Ccncessionen zu ma- chen»m sie sich zu erhalten. Aber dies wird nichts nützen; unsere Arbeiter werden sich nickt täuschen lassen, sondern ihr gan- zes volles Rech» und dessen Anerkennung for- dern von Jedem, der ein Demokrat heißen und sein will. Unsere Arbeiter werden nicht vergessen: daß sie die Treiber, Jene aber die Getriebe- u c n sind. Politischer THcit. Rundschan. Berlin, 26. April. In Deutschland fangen nun, wie da« vor- auszusehen war, auch die Friedenspolitiker der Fi- uanz- und Börsenwelt allmählich wieder an, in Be- lreff der Ha bsburg-Hohen zollern' schen Si- luation neuerdings mißtrauisch zu werden. Die Friedensbotschaft scheint in der That etwas vorlaut gewesen zu sein. AllerwärtS, auch in dem unab- hängigen Theile der österreichischen Presse faßt man die gegenwärtige Lage keineswegs friedlich und beruhigend auf. Der von uns nach der„Köln. Ztg." mitgetheilte Inhalt der jüngsten Hohenzol- lern'schcn Depesche an das Habsbnrgische Kabinet ist von der„Köln. Ztg." der Hauptsache nach voll- kommen richtig angegeben worden. Die Aenderung der Situation besteht lediglich darin, daß der Streit sich statt darum, ob und inwieweit der eine Theil schon mobilisirt hat, vielmehr darum dreht, ob und inwieweit der eine Theil fthon demobilisirt hat. Die„Norddeutsche Allgemeine" hat auch bereits diesen Streit recht tapfer geschürt, indem sie die „zuverlässigen Correspondenton aus Böhmen" wie- der hat austreten und von allerhand den friedlichen Erklärungen widersprechenden wiliiäirischen Maß- nahmen Oesterreicks berichten lasse». Da wir eben bei der„Norddeutscheu Allgemeinen" sind, wollen wir noch des CuriosumS Erwähnung ltzun, daß sie der„National-Ztg." den Bonvurf„eines tiefer stylistischen Kniffe" macht,„ohue welche die Fortschrittspresse nun einmal nickt leben zu können scheint," weil die„National-Ztg."— wie alle Blätter, welche uns zu Gesicht gekommen sind, und wie auch wir— den„glänzenden Erfolg" registrirte und besprach, den, nach der„Norddeutscheu Allge- meinen," Graf Bismarck vorbereitet habe. Die „Nordreulsche Allgemeine" behauptet nämlich jetzt. nur von einem„Erfolge" schlechtweg gesprochen zu haben, während doch ihre DienstagS-Nummer(94). wörtlich die Stelle enthielt: Und wie lief beschämt müssen von den iiineien Aar- teien jetzt diejetiig-n dastehen, welche während der Krisis in Resolutionen Mio Adressen die Maßregeln der Re- gierung tadelten, Mißtranen gegen dieselben zu erwecken suchten und sür den Rücktritt des Grafen Bismarck in demselben Augenblick agilirten, in welchem dieser Staats- mann für Preußen einen glänzenden Erjplg vorbereitete! Sollte sich ettvä gar rer Setzer erlaubt haben, die„Erfolge" des Grafen Bismarck zu„glänzen- den" zu machen, und der Eoneclor dies übersehen haben? In der That, äußerst putzig!— Zur weitere» Maßgabe des ÄeriHes der Argumente, mit welchen die Frietens-Saiiguiniker ihre Hoffnungen begrünten, ist eine Antwort nicht zu über- sehen, welche der preußische König durch den Grafen Bismarck der hiesige» Kaufmannschaft auf ihre Friedensadresse erlheilen und worin er aussprechen ließ: er werde den Frieden bestmöglich zu erhalten suchen, wenn er mit der„Würte, Ehre und den Interessen Preußens" zu vereinbaren sei. König Wilhelm hall aber bekanntlich die Annexion der Elbberzoglhümer sür ein Gebot der Ehre und der Interessen Preußens. So lange daher die Formel zur friedlich?!! Löiung der schleswig-holsteinischen Frage nickt gefunden sein wird, kann auch von definitiver Beilegung de? habsburz- hohenzollern- scheu Couflicts nickt die Rede sein. Uebrigens ist das habsburgiscke Kabinet nichts weniger als in der Lage,„abrüsten" z» können. Im Gegeutheil ist cS den Absichten Italiens gegenüber erst reckt gezwungen, zu rüsten. Aus Florenz kommt schon die Nachricht, daß die„Opinione" meldet:„Du österreichische Regierung hat die Kriegsbereitschaft der Land- und Seetruppen Benetiens zum 1. Mai angeordnet. Die Urlauber sind einberufen und Maßregeln für die Einquartierung getroffen wor- den. In der Provinz Rovigc finden außergewöhn- liche Truppenansammlungen statt."— Die Be- hauplüng, daß die angebliche habsbnrgische Ant- wortsnole auf eine englische FrudeuSmahliuiig unecht sei, Hai sich bestätigt. Der„Württemberger Staatsanzeiger sagt jetzt endlich selber: Unsere Note,— wir wollen sie so heißen, obgleich sie nach diplomatischem Sprachgebranch eigentlich keine Note, sondern höchstens ein vertraulicher Meinungsaus- drnck wäre, und obgleich sle allem Anschein nach nicht einmal dieses, sondern gar nichts, eine reine Fiction und polinsche Seifenblase ist— unsere Note stammt schwer- lich vom„eisernen Rudolph" her. der uns hier ein Kukuts-Ei hätte unterschieben wolle», sie kam mis direct von Paris zu, wo sie schon vor längerer Zeit in der „Ga;elte de France" und anderen Journale» zu lesen war und, wie wir positiv zu wissen glauben, in oen höchsten politischen Kaeisen sehr ernstlich und deisällig besprochen wurde. Ueber die Stellung derMitlelstaaten zum mylhen- haften Bnndesresorm-Project des Grasen Bismarck schreibt die officiöse„Bayer. Z>g.": Das Ergebniß der Minister-Conterenz in Augsburg besteht in einem allseitigen Eiiiverstäiidniß darüber, daß der preußische Resorm-Antrag nicht zurückgewiesen wer- den dürfe, vielmehr daß derselbe zum Ausgangspunkte von Verhandlunge» über die zeitgemäße Reform der deutschen BundeS-Versastung zu machen sei. Ueber die Slellmig, welche die bayerische Regierung zu dem An- trage selbst nehmen werde, wird Nähere« sich erst bei den Verhandliltigeit de« von der Bundes-Versammlung zu diesem Zwecke zu wählenden AnSschuffeS erhebe». Nach der„Köln. Ztg." hätten die süddeutschen