Nr. 89. Berlin, Mittwoch den 2. Mai 1866. Zweiter Jahrgang. ZWUWmökmt. Diese Zeitung erscheint drei Mal wöchentlich lötlltl' Redaction und Expedition-. und zwar: Dienstags, Donnerstag« und"' i/ r Berlin, Sonnabend« Abend«. R.digirt von I. v. v. Hofstetten und I. B. v. Schweitzer. Al* �-kobstraße Nr. 67. Utonncmeutß- Preis für Berlin incl. Bringerlobn: vierteljährlich 15 Sgr., mo« Bestellungen werden auswärt« auf allen Postämtern, in Berlin auf der Ervediliou, natlich 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post« � von jedem soliden Spediteur, von der Expreß.Lvmpagiiie.Zimmerstrahe 48», sowie ämlern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. land 12'/- Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(fl. 1. 10. slldd., fl. I. Lsterr. Ansernte(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaliene Petit-Zeile bei Währ.) pro Quartal. 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Denn wem anders sollten sie angehören, als derjenigen Partei, die allein sich in vollkommener Uebercinstimmung befindet ebenso sehr mit deni unwiderstehlichen Drange der Nation nach politi- scher Einheit und gebührender Stellung im Rathe der großen Völker, wie mit der Richtung des Zeit- geistes, und die eben deshalb, wie keine andere Partei, jene flammende Begeisterung zu erzeugen vermag, deren ein Volk bedarf, um großer Thaien und Opfer für einen idealen Zweck fähig zu sein! Freilich, noch sieht es verworren und trübe aus und das Auge des Patrioten, des FreiheitSfreun- des. vermag nur wenig gewahr zu werden, worauf es mit Wohlgefallen verweilen könnte; im Gegen- theile muß es sich mit Ekel und Abscheu abwenten, hier— von hinterlistigen Versuchen, das heiligste Streben der Nation zur Förderung frevelhafter Sonderzwecke und zur Unterdrückung der Freiheil zu mißbrauchen, dort— von wahnwitzigen Hoffnungen und thalkraftlosem VertrauenSdusel politi- scher Narren oder selbstsüchtiger Schwachheit seiger Mammonshelden. Dies das erschreckenve Bild, das uns entgegenstarrt hüben und drüben, im Lager der Machthaber und im Kreise der tyrannenvernichtenden, frieden- beschließenden Zungenhelden. Darum gibt es für uns nur die Eine Hoffnung: daß nian zuletzt doch noch aufhören werde, zu hoffen, was sich nimmer erfüllen kann. Aber noch steht der HoffnungS-Weizen in voller Blüthe. Nock lebt vor Allem das zahlreiche Ge- schlecht der Gothaer, die das„D. W." köstlich schildert: Die Gothaer sind schon wegen ihrer Hiobsgeduld bekannt; sie stecken Ohrfeigen Naglo« ein, in der Hoff« nung, einst Minister zu werden; sie lasten sich mit Fü- ßen treten und vertrauen doch; je mehr Püffe sie cm- pfangen, nm so mehr durchdringt sie der Respekt vor der Macht und der materiellen Gewalt.——— Die Gothaer hängen sich an jeden Strohhalm und sind sort und fort bereit, sich am eigenen Zopfe au« dem Sumpfe zn ziehe». Nun klammern sie sich wieder an die Reise Roggenbach's nach Berlin. Dieser sei vom Könige berufen, um über die Stimmung in Süddeutsch« land und unser Verhalten zu dem preußischen Parlaments- Antrage zu berichten! Wenn e« nur nicht im Tone der ! letzten Roggenbach'fchen Kammer-Rede geschieht, hinter der fort und fort die ganze„materielle Macht" unter holprichten Destauer-Klängen auszog! Hier endet wieder ein schöne« Talent im Gothaismu«, weil e« lein Ver- ! trauen zn der ideellen Macht in degz Volke hat! Die . Gesinnungsgenossen träumen wohl auch von einer neuen Aera, von einer Eavour Epoche, von einem' Ministerium Bismarck- Roggen dach... E« ist möglich';» was aber unmöglich ist, da« wäre eine dadurch verän- derte Stimmung in Süddeutschland. Wir wür- den nur Roggenbach verlieren, er aber nicht mit dem zehnten, nicht mit dem zwanzigste» Theile seiner Verehrer im preußischen Lager anlangen. Von Truppen entblößt, wie Wallenstein in Eger. Folgen dann die aus Haß gegen da« Schwarz- weißlhum schwarz-gelb gewordenen Bertheidiger Oesterreichs und des Bundesrechls, ü 1-»„Volks- Ztg.",„Rhein. Ztg.",„N. Franks. Ztg.", die kaum ist cS glanblich— Oesterreich, sage Oester- reich(!) den Rath ertheilen, Preußen durch ein � liberales Regiment aus dein Sattel zu heben. „Unsere Freunde", meint das„D. W.",„haben wohl Recht, wen» sie Oesterreich anzutreiben suchen", !(aber wozu denn umsonst Worte machen und das Volk mit thörichlcn Hoffnungen erfüllen?)„vielleicht(?) befolgt auch Oesterreich den guten Rath, nur eine Stunde zu spät; aber was gewinnen wir denn, wenn wir dem Volke, dem ertrinkenden, statt der preußischen Spitze ein österreichisches Käppi hin- halten? Warum gehen wir nicht lieber Alle auf das letzte Ziel los und ersparen unö Leidens- Stationen?" Das genannte Blatt fährt dann fort: Die„Neue Franks. Ztg." denkt sich den Verlaus als einen bnndeSgesetzllchen, als einen Streit, der noch durch eine Mehrhcii«-Abstii»»»ing erledigt werden kann. Es korrespondirte dieser Gang mit dem früheren in Nord- Amerika und in der Schwei; und würde mit einer krie- gerischen Bekämpfung der Minderheit, de«„Sonder- bunbes", Preußen«, enden. Wenn nur am Bundestage wir säßen und nicht Krähen, die sich im entlcheidenden Augenblicke doch nicht die Augen aushacken und Uber uns hin, die wir gurmüihig uns raufen, Winke und Blicke zuwerfen! Sehr richtig! Treffend ist auch, was das„D. W." über die Triarier, die demokratischen(?!) Freunde der Triäselei sagt: So fortwandelnd, koinmen wir zu andern Gesinnung«- genoffen, welche den Mittel« und Kleinstaaten Freiheit und Nationalität predigen. Diese Stäälchen fühlen, daß sie doch gefressen werden sollen und nur bie Wabl haben, ob— von Unten oder von Oben. Man kann es ihnen nicht verargen, wenn sie die nobleren Verdauungsorgane vorziehen, um so mehr, da sie sich auf diesem Wege viel- leicht Einkünfte und den Titel„kaiserjicher Prinz" retten können. Man kann diesen Herren lange predigen, sie sollen sich auf un« stützen, sie trauen der Stütze nicht und finden e« auch wobl nicht gentil, sich mit einer plumpen Krücke in den Salon zu schleppen Oder sollen wir sie gar zwinge», sich auf un« zu stützen? Etwa« Andere« ist e«, wenn die Herrschaften sich selbst einigen wollen; wir werden es nicht hindern. Nur möchten wir keine leere oder doch höchst ungewisse Hoffnung zu un- serem Programm machen. Der cilirtc Artikel kommt dann zu folgendem Schluß, der bekanntlich mit unsercni Programm vollständig harmonirt und wie folgt laute«: Unser Programm ist heute der Kultu« deb Hoffnungslosigkeit. Wir kommen nicht eher vorwärts, als bi« wir e« un« zur größten Entnüchleriing klar gemacht haben, daß wir gar keinem angeblichen Halle vertrauen dürfen, daß die Hoffnung auf Preußen, Oesterreich, die Mehrheit der Mittel- und Kleinstaaten gleich lhöricht sind. Wir haben Niemand al« un«, da« Volk. Freilich, wo ist dieses Volk? Obwohl die Brüter im Norden leiden, obwohl ein Bürgerkrieg droht, wir essen und trinken wie sonst, Heirathen und tansen wie sonst, versichern«unser Leben und-bonniren un« im Tbeater wie sonst. Aber diese« schlummernde Volk wird auch nicht früher rege, al« bi« man ihm sagt, daß e« die Hände nicht länger in de» SchoS lege» dürfe, daß es keinen Freund habe, al« sich selbst. Ans irgend einen Ander» verweisen, aus irgend einen noch möglichen Aueweg vertröste», ist eine— wenn auch gut gemeinte, doch gefährliche Tänschung. Nur au« der Hoffnungslosigkeit steigt die berechtigte Hoffnng, nur au» der Verzweiflung eine« Volke« die Thal empor. In einem anderen, jedock nickt von der Re- daction ausgehenden Artikel macht der Verfasser Grünte geltend für die Wahrscheinlichkeit der An- nähme des preußischen Parlamentsvorschlages und meint: Wa« Graf Bismarck durch sein Parlament erreiche» will: zunächst die preußische Oberherrschaft über die militärischen und maritimen Streitkräste Norddeutschland» und dadurch gleich oder allmälig de« ganzen Deutschland«, die preußische Hegemonie, ist bekannt. Auch den Plan der anti. preußischen Koalition kennt man schon: Vereinbarung der 34 Regierungen mit Preußen über da« Wahlgesetz nebst Resormprogramm, dann Berathung der ParlameiilSsrage erst im engeren Rathe, dann im Plenum de« Bundestage« zur Erzielung eine« ein- stimmigen Beschlnffe«. Das heißt, von einem auf Leben und Tod Angeklagten(hier der allseitig al« un- brauchbar anerkannte Bundestag) verlangen, daß er sich selbst guillvtinirt. Die Sache würde damit ad calendas graecas(hi« zum gricchiichen Kalender) vertagt. Ginge die« durch, so würde Preußen wahrscheinlich au« dem Bunde auStreleu und jeden Beitrag zu den Bundeskosten verweigern. Dann aber sind die Kleinstaaten aufgegebene Personen; denn Preußen würde aus sie keine Rücksicht mehr nehmen können. Da« werden sie fühlen, und de«- halb glauben wir an da« Znstandekomme» eine« Par« lameut«. Daß dieses Parlament ein solches werde, aus dem Deutschlande Einheit und Freiheit hervorgehe, dafür, meint der Verfasser, habe die Volkspartei zu sorgen, so wie sie auch einen künftigen Krieg der beiden Großstaateu zu verhindern habe, der, nach der Ansicht des Verfassers, keineswegs eine Natur- nothwendigkcit sei, dagegen für Deutschland so ver- derblich werden müßte, wie der Kampf zwischen Athen und Sparta für das alle Griechenland. Wir müssen uns hier schon erlauben, ein paar kleine Bemerkungen über des Verfassers so äußerst glatte und elegant« Deductionen zu machen, die sich auf dem Papier ganz vortrefflich ausnehmen, wäh- rend sie in der Wirklichkeit verschiedene sehr ge- wichtige„Wenn" und„Aber" zur Voraussetzung haben und sich niäil so glatt und elegant zu ge- stalten pflegen. Allerdings wird die demokratische Nationalpartei, unter Umständen, suchen müsien, auS einer con- pituirenden Versammlung heraus im geeigneten Wiomente den zündenden Funke» in die Nation zu werfen, sie zur Vertheidigung ihrer unveränsterlichen natürlichen Rechte zu veranlassen und so Deutsch- land die Einheit und die Freiheil zu geben. Doch setzt dieses Alles eine zu solcher Action geeignete und durchaus günstige politische Eonstclla- tion überhaupt voraus, welche herbeizuführen nicht so ganz in der Macht einer solche» Partei steht, wie der Verfasser anzunehmen scheint. Revolutionen lassen sich eben nicht künstlich erzeugen, sondern kommen von selbst, wenn die Verhältnisse dazu reif geworden. So wenig man sie dann zu verhindern vermag, eben so wenig kann Jemand sie früher herbeiführen, als cS an der Zeit ist. Nicht minder wird, unter Umständen, die demo- kratische Nationalpartei auch zu verhindern haben, daß sich die beiden antagonistischen Großstaalen in einem brudermörderischen Kampfe gegenseitig auf- reiben. Aber wohl gemerkt: unter Umständen! Wenn sie nämlich vor Allem i» der Lage ist, dies thun zu können, was gleichfalls wieder eine Constellation der günstigsten Art voraussetzt, eine Constellation, welche sie eben so wenig unter allen Umständen herbeizuführen im Stande ist. Die Ber- Hinderung eines Habsburg-Hohcnzollernschen Krieges setzt nichts Geringeres als die— durch eine auswärtige Macht oder durch eine Revolution im Innern bereits herbeigeführte— Zertrümmerung eines der beiden oder beider Staaten voraus. S» steht die Sache. Freilich minder glatt als die De- ductionen deS Verfassers, auf dem Papiere! Schließlich heben wir noch eine Stelle aus einer Leipziger Correspondenz hervor, welche sich über die sächsischen(überhaupt gothaischen) ReichSversas- fungS-Schwärmer sehr beachtenSwerth ausläßt. Der Correspondent schreibt: Bor diesem RcichSverfassiingS-Taschenspielerstitckcheii gilt e« jetzt M« Boll zu warnen. Die Gothaer versuchen es überall. Sie predigen Reichsversassung und meinen preujjische Spitze: sie scheinen vergessen zu haben, daß die erste Kugel, die l84S——————-- aus die Bertheidiger der Reichsversassung ab- geseuert wurde, die preußische Spitze von der Reichsversassung heruntergeschossen hat! „Ihr seid Freunde der Spitz-MauS, wir nicht im Geringsten." Das aber darf»iemals außer Acht gelassen werden, daß die deutsche Einheit erst durch eine Veränderung der reale» Machtstellung der in Be- tracht kommenden beiden Staaten realiter ermöglicht, diese Veränderung aber nicht durch bramarbasirende Redensarten, sonder» in der-That nur durch„Blut und Eisen" herbeigeführt werden kann. Rundschau. Berlin, 1. Mai. Es wird immer kriegerischer! Sogar die gute „Kölnische", die sich bisher an Oesterreicks angeb- liche und allerdings auch begründete„Friedens- liebe" anklammerte, fängt daran zu verzweifeln an und meint zu den österreichischen Rüstungen: Es sei nicht bloS Graf Bismarck und die Kriegspartei, denen diese echt wienerisch-gemnthliche Politik nicht einleuchte» wolle, sondern selbst sie, die gewiß zur Fnedenspartei gehöre, finde dieses Verfahren Oester- reicks dock über alle Maßen dumm. Zur Erhal- tung des Friedens macht jedoch die sonst so schwarz- weiße Kölnerin neuerdings wieder den nichts we- niger als gutpreußischen Vorschlag der„Compen- sation", d. h. einer Abtretung Schlesiens a» Oester- reich, womit auch wir nickt llrsacke hätten, zusrie- den zu sein, da dadurch Oesterreich nur neuerdings gestärkt und seine der deutschen Einheit tödtliche Existenz verlängert würde.— Bezüglich der diplomatischen Verhandlungen zwischen dem habsburgl- schen und hohenzollern'scke» Kabinete scheint in den letzten Tagen, am 2b. oder 2o. April, hier eine habsburgiscke Depesche übergeben worden zu sein, welche die Abrüstungsfrage erörtert und dabei aus die Italien gegenüber nothwendig gewordenen Rüstungen Bezusj nimmt. Dagegen scheint eben so gewiß zu sein, daß Hohenzollern diese Motivirung der Fortdauer der habsburgischen Rüstungen nicht gelten lassen wirb. Der Kriegslär», aus und gegen J'ialien dauert-dabei ungeschwächt fort. Habsbnrg stellt bereits den Privatverkehr aus den südliche» und italienischen Bahnen ein und österreichischer- wie italienischer- seits werden die Rüstungen offen und energisch be- trieben. Ferner spricht man noch von einer zwei- te» habsburgischen Note, welche die Eröffnung von Verhandlungen über die schleswig-holsteinische Frage vorschlage. Diese zuerst von der„Presse" gebrachte Nackrickt wirdjetzt von der glaubwürdigeren„Ostd. Post" wiederholt und auch der„Köln. Ztg." auS Berlin mit der Einschränkung gemeldet, daß die Zugeständnisse Hadsbnrgs in einer der De- pesche beigefügte» Denkschrift eniwickelt seien. Darin stinunen beide Angaben überein, daß Habsburg an der augustenburgischen Erbfolge festhalte und sich niebr oder weniger den hohenzollern'schen Februar- forderungen anbequeme, Es ist sehr zu bezweifeln, daß diese Vorschläge von hohenzollernscher Seite jetzt noch annehmbar befunden werden. Es ist, so scheint es,„zu spät" für diesen Vorschlag, und das preußische Kabinet hat leichtes Spiel, um diesen Schack- zug des Grasen Mensdorff zu pariren, wen» eS sich auf die Antwort beschränkt, daß die schlcswig- holsteinische Frage jetzt nur noch in und mit der BundeSrcform ihre Erledigung finden könne. Wo ist HabsburgS geschickte Diplomatie von ehedem? — Auch von Hohenzollernscher Seite sind in den letzten Tagen zwei Depeschen ausgegangen: eine Cir- cular-Depesche an die deutschen Regierungen über die „Bundcsreform" und eine blos an die Adresse des sächsischen Kabinels gerichtete, welche Auf» schluß über die Rüstungen in Sachsen verlangt. Dieselbe soll das sächsische Kabiner geradezu auf- fordern, auf's allerschleunigste zu entwaffnen. Hinsichtlich der in der Depesche in Aussicht ge- stellten eventuellen hohenzollern'schen Maßregeln vcrmuthet man, daß im Fall einer ablehnenden Antwort des in hoher Politik machenden Herr» v. Bcust das hohenzollern'fche Kabinet fest entschlos- sen sein soll, ein preußisches TrnppencorpS gegen die sächsische Gränze vorrücken zu lassen. Doch ist hierüber erst Näheres abzuwarten. Ein Ber- liner Correspondent der„Köln. Ztg." berichtet derselben, daß Hohenzollern dem Neuner-AuSschuß am Bundestag einen Termin setzen will, bis zu wel- chem der Beschluß über die Berufung des Parla- ments gefaßt sein muß, widrigenfalls der preußische Bundestagsgesandte abberufen werden soll. Mit der Abberufung des Gesandten soll jedoch Preußen nicht etwa aus dem Bunde, sondern nur aus dem Bundestag austreten wollen— eine Unterscheidung, die mikroskopisch untersucht zu werden verdient.— Daß Herr v. Beust der widerhaarigste aller mittel- staatlichen Staatsmänner werden würde, ließ sich unschwer voraussehen, daß er aber gar für Herrn v. Bismarck die diesem unter Umständen willkom- mene Veranlassung biete» wird, den Strauß be- ginne» zu können, gehört jetzt schon nicht mehr zu den Unmöglichkeiten und das sächsische Volk, mit- inbegriffen dessen Regierung, werden eS dem„großen Slaalsmanne" schwerlich Dank wissen. In Frankreich fängt man gleichfalls an, an den Krieg zu glauben. Ein Artikel der neuesten „Constilulionnel"-Nunimer, der Limayrac gezeich- net ist, sucht zu beiveisen, daß, im Falle der Krieg ausbricht, Frankreich dafür nicht verantwortlich sei. Zum Schluß heißt eS:„Der Conflict hat bedauer- liche Verhältnisse angenommen. Indessen ist der Krieg noch nicht erklärt; die Symptome, welche von Bedenklichkeilen und Zögerungen auf jeder Seite gegenüber der furchtbaren Verantwortlichkeit des ersten Angriffs zeugen, sind nicht verschwunden. Man klagt sich gegenseitig an, man rüstet; oder, um richtiger zu sprechen. Jeder erklärt sich bedroht, aber noch hat Nieinand den Entschluß gefaßt, die Feindseligkeiten zu beginnen. Diese Situation läßt noch immer für Rathschläge und gütliche Ausglei- chung eine Thür offen. Wenn jedoch der Krieg ausbricht, wird Frankreich in keiner Weise dafür die Verantwortlichkeit tragen. Frankreich ist in eine Kriegsidee weder engagirt, noch kann es durch dieselbe compromitlirl werden. Es bleibt vollständig neutral, hat seine ganze Actionsfrei- hcit bewahrt und könnte durch keinen Zwischen- fall gegen seinen Willen mit fortgerissen werden." Ein Artikel der„Presse" vom 29. April sagt: Fürst Metternich hatte gestern eine Unterredung mit Drouvn de Lhich«. in welcher er erklärte, Oesterreich sei bereit, in Benetien eine vollständige Entwaffnung eintrnen zu lassen, falls Frankreich die Bersichernng ab- gebe, daß Italien Oesterreich nicht angreisen würde. Die Antwort Drouyn's ist noch nicht bekannt. Es ist al« gewiß anzunehmen, daß Oesterreich Alles aufbietet, um den Ausbruch eines Krieges zu vermeiden. Gerüchte sprechen von einer Vermittlerrolle Louis Bonaparte's im habsburg-hohcnzollern'schen Conflicte. Der Kaiser soll einen Brief an den habsburgischen Kaiser geschrieben uud darin ver- bürgt haben, daß von italienischer Seite kein Frie- denöbruch zu erwarten sei, und Oesterreich daher im Interesse von ganz Europa handeln werde, wenn eS zu einer Entwaffnung schreite, um Preußen den letzten Borwand zu einem Zwiste zu entziehen. Die Nachricht bedarf jedoch der Bestätigung.— Gras Walewski ist zum Herzog ernannt worden und die„Presse" in die Hände von MireS über- gegangen. In den Donaufürstenthiimern hat sich die Bncharester Bürgerschaft bereit erklärt, durch alle waffenfähigen Einwohner den Sicherheitsdienst ver- richten zu lassen, damit das reguläre Militär der Regierung stets zur Hand sein könne, wo es gelte, die inneren und äußeren Feinde der Union nieder- zuschlagen. Der Minister Demeter Ghika ver- sicherte den, Gcmeinderathe, der sich für die in Jassy bewiesene Energie der Regierung bedankte, daß die Regierung keinen Zoll breit von dem schon im Divan-rck tioo ausgesprochenen Programm ab- weichen werde, nämlich: Union der Fürstenthümer, ein fremder Fürst mit erblicher Krone, Garantie der Selbstständigkeit und eine constitulionelle Regie- rung aus breitester demokratischer Grundlage. Aua Italien wird, ck. ck. Florenz 3V. April, von der Benetianischen Grenze gemeldet, daß von morgen ab täglich 8 TranSportzüge mit Trup- pcn im Benetianischen anlangen sollen. Wie ver- lautet, soll das ganze Armeekorps um Vicenza concentrirt werden.— Die„Opinione" meldet, daß das Ministerium beschlossen habe, dem Parlamente einen Gesetzvorschlag in Betreff derjenigen finan- ziellen Maßregeln zu machen, welche durch die ge- genwärtige Situation geboten seien.— Der Gesetzvorschlag soll die Annahme des der Deputirtenkam- mer schon vorgelegten Finauzplanes in sich schließen. — Die„Italic" sagt: Die von einigen Journalen gebrachte Nachricht, daß das Kabinel zurückzutreten beabsichtige, ist, wie wir glauben, unbegründet.— Nach einer Depesche der„Berl. Börsen-Zlg." waren in Paris am 30. April folgende Gerüchte au« Jta- lien verbreitet: Lamarmora, Cialdini und Garibaldi stehen im Begriff, nach der Grenze abzureisen, der Eintritt Crispi's und Mordiui's in das Ministerium, so wie die Einführung des ZwangscourseS wird als wahrscheinlich bezeichnet. Die Mailänder Börse tritt in ausgedehntestem Maße als Verkäufer auf. Aus»Petersburg kommt der Wiener„Presse" die Nachricht zu, daß daselbst die Königin von Württemberg und der Herzog Georg von Mecklen- bürg eine ganz besondere Thätigkeit' in der gegen- wärtigen politischen Situation entwickeln sollen. In England ist im Parlament am verflossenen Sonnabend die zweite Lesung der Resormbill er- ledigt worden, indem die Lesung mit 318 gegen 313 Stimmen, also mit einer Majorität von nur fünf Stimmen, angenommen wurde. Em solcher Sieg der Regierung hat mehr das Gepräge einer Niederlage. Jedenfalls ist das in Rede stehende Votum nicht geeigner, die Stellung des Kabiners zu befestigen, uud es muß abgewartet werben, ob das Ministerium nicht Veranlassung nehmen wird, zurückzutreten, wie es von vielen Seiten voraus- gesetzt wird. In»Amerika ist ein weiterer Schub von Ober- offizieren der Freiwilligen, darunter General Sher- man, aus dem Dienste der Union ausgemustert worden.— In der Liste von 127 exconsöderirtcn Generalen, die beim Präsidenten Johnson um Begnadigung eingekommen sind, vermißt man den Namen von General Roberl E. Lee.— Durch