Rr. 92, Berlin, Mittwoch den 9. Mai 1866. Zwtittr Iahrgasg. Demskmt Diese Zeitung ersckeinl drei Mal wöchentlich und zwar: Dienstags, Donnerstag« und Sonnabends Abends. Organ der social- demokratischen Partei. Redigirt von Z.».». Hofstetten und I. B. v. Schweitzer. Redaktion und Expedition- Berlin, Alte Jakobstrabe Nr. 67. Abonnements-Preis stlr Berlin incl. Brivgerlohn: vierteljährlich 15 Sgr., mo- natlich 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post- ämtern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im niibtpreußischen Deutsch- land l2Ve Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(st. 1. 10. südd., st. 1. Lsterr. Wäbr.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt« aus allen Postämtern, in Berlin aus der Expeditiv». von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Eompagnie, Zimmerstraße 48», sowie auch unentgeltlich von jedem„rorhen Dienstmann" entgegen genommen. 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In Preußen speciell ist die Mobilmachung sämmtlicher auf Kriegsbereitschaft gc- stellten Armeecorps erfolgt, und die Friedenshoffnun- gen schweben so ziemlich in der Luft, d. h. erman- geln begründeter Anhaltspunkte; denn vorläufig ist nicht abzusehen, wie aus dem Dilemma herauszu- kommen. Zwischen Habsburg und Hohenzollern schweben bekanntlich zwei Streitpunkte: die Ab- rüstungs- und die schleswig-holsteinsche Frage. Be- -üglich der Abrllstungsfrage ist bereits unterm 30. April eine hohenzollernsche Antwort auf die Habs- bnrgische Note vom 26. April nach Wien abgegangen. Nun wird in diplomatischen Kreisen behauptet, Habsburg wolle erst antworten, wenn Hohenzollern sich auch über die zweite habsburgische Depesche vom 26. April über Schleswig-Holstein aus- gesprochen habe. Dies bleibt noch abzuwarten und es ist möglich, daß in dieser Frage noch eine Anfrage nach Wien gerichtet wird. Aber die hohenzollernsche Regierung wird— so viel läßt sich aus dem bis- berigen Gang ihrer Politik ermessen— schwerlich aus den Vorschlag eingehen, die Entscheidung der Herzogthümerfrage dem Bunte zu überlassen, weil sie die im Wiener Frieden und im Gasteiner Ver- trage erlangten Vortbeile nicht ausgeben will. Dazu kommt, daß nach Ansicht des Berliner Kabinets das zu berufende deutsche Parlament als Factor bei der definitiven Regelung der schleswig-holstein- schen Frage mitwirken soll, während die Absicht der habsburgischen Depesche auf eine Erledigung der Herzogthümerfrage vor der Bundesreform ausgeht. Es dürfte also schwer in dieser An» gelegenbeit eine Uebereinstimmung zwischen den beiden Grossmächten herbeizuführen sein.— Ein- zelne Friedens- Sanguiniker setzen ihre Hoffnungen auf einen neuerdings wieder, diesmal nicht von Pa- ris aus, sondern von England und Rußland an- geregten europäischen Congrcss. Russlands Znstim- mung zu einem solchen Congress soll, wie behauptet wird, nur dadurch zu gewinnen gewesen sein, daß nach dem englisch-russischen Plane die Erörterung der polnischen Frage ausgeschlossen wurde. Das habsburgische Kabinet dagegen soll seinerseits gleich- falls in London zu verstehen gegeben haben, daß es die venctianische Frage ausgeschlossen wünsche und nun wird wohl dem hohenzcllern'scben Kabinet nichts übrig bleiben, als baß es ebenfalls auf die Congressidee eingeht, vorausgesetzt, daß die schles- wig-holstein'schc Frage ausgeschlossen wird. Man sieht, daß es mit dem Congress, wie wir schon bei einer früheren Gelegenheit sagten, eine winvize Sache ist. Gordische Knoten werden nicht mit Congressen gelöst und bösartige Geschwüre nicht mit Rosen- wasser behandelt. Seit 1848 ist Europa noch zu keiner dauernden Ruhe gelangt und die Risse, welche jenes Völkererdbeben dem morschen europäischen Staatenbau beigebracht hat, sind noch klaffende Wunden im Organismus der Nationen. Die Risse, »ur hier und dorr noihdürflig gestopft, müssen über kurz oder lang den Einsturz des altes Gebäudes herbeiführen und Jedermann fühlt, daß dieser Schaukelzustand eine Veränderung erleiden muß, diese Veränderung aber nur dann eine befriedigende werden kann, wenn sie eine Unigestallung der euro- päischen Verhältnisse im Großen wird. Ob dies heute oder morgen geschieht, ändert nichts au der Thalsacke, daß es geschehen wird, geschehen muß. Und wir hegen die bestimmte Ueberzeugu.ig, daß die deutsche Nation, das deutsche Volk einig sein und den Weg seiner Selbstbefreiung finden wird, wenn nur erst die Sitnalion sich geklärt hat. - Daß unter dem KriegSgerassel die hohenzollern- schen Parlaments- und Bundesreform- Pläne keine Fortschritte machen können, versteht sich wohl von selbst.„Unter den Waffen schwelgen die Gesetze." — In Oesterreich hat die Regierung durch ein StaatSnolcn- Decret die Kriegsgefahr nach Außen hin und die Dictatur im Innern feierlich procla- mirt. Die amtliche„Wiener Ztg." publicirt nämlich ein vom 5. d. Mts. datirtes Gesetz, durch welches die Banknoten zu einem und fünf Gulden vom Tage der Publizirung an zu Slaatslasten über- nommen, zu Staatsnoten erklärt, und vo» allen landesfürstlichcn Kassen und Aemtern an Zahlungs- statt zu dem vollen Nennwerthe angenommen, und eben so bei den Zahlungen de« Staates gegeben und unter Ueberwachung der Staatsschulden-Eon- IrolS-Commission gestellt werden. Letztere hat die Höhe des Umlaufes vom Tage der Uebernahme an festzustellen und mynatliche Ausweise über den jeweiligen Umlauf, der 150 Millionen nicht über- steigen darf, zu veröffentlichen. Die Nationalbank ist verpflichtet, den Betrag der Summe für die Uebernahme der Noten dem Staate sofort in Bank- noten höherer Apoints zu leisten. Der Zeitpunkt der Einlösung, so wie die Art derselben wird durch ein besonderes Gesetz bestimmt werden. Ferner hat die genannte Regierung am 4. d. MlS. den Journalen sehr höflich, aber zugleich sehr nach- drücklich im Wege des Preßbureau'S aufgegeben, jetzt weder von der Constitution, noch vom Reichsrath zu reden, da das nicht an der Zeit sei und die Redacteure sich überdies selber sagen könnten, daß mit dem Septemberpatente sachlich die ganze Februar- Verfassung beseitigt sei, wenn auch Graf Belcredi nominell nur das Gesetz über die Reichsvertreknng sistirt habe.— Das Mannheimer„Deutsche Wochen- blatt" hingegen scheint sich von einem Rathschlage, den es Habsburg ertheilt, Erfolg zu versprechen. Es rälh ihm nämlich:„Venedig frei zu ge« ben, aber als Republik, unabhängig von Italien und Deutschland, und es neutral zu erklären;" ferner:„den Völkerbau auf die Freiheit zu stütze», die Ungarn zu ver- söhnen und der deutschen Nation eine con- stituirende Nationalversammlung zu bie- ten, aber rasch, um dann getrost die HecrcS- pauken gegen Bismarck wirbeln zu lassen"! DaS „Deutsche Wochenblatt"— daS wir seiner Phantasie wegen bewundern müssen— könnte eben so gut einem Stockblinden anrathen, sich seiner beiden Augen zu bedienen.— Sachsen hat in einer außeror« deutlichen BundestagS-Sitzung vom 5. d. Bk. einen Antrag eingebracht, der einen Beschluß des BundeS fordert, durch welchen Preußen auf Grund des Ar- likels 1l der Bundesakie(in welchem die Bundes- glieder sick verpflichten, einander unier keinerlei Vorwand zu betriegeu, sondern chre Streitigkeiten bei der Bundesverianiinlung anzubringen) um eine beruhigende Erklärung ersucht wird, damit die Bun- tes-Bersammlung nicht in die Lage komme, den Artikel 19 ver Wiener Schlußakte(wenn Tbätlich- keilen zwischen Bundesgliedern zu besorgen sind, s» ist die Bundes-Versammluug berufen, vorläufig� Maßregeln zu ergreisen, wodurch jeter Selbsthilfe vorgebeugt wird) in Anwendung zu bringen. Die Abstimmung über ten Antrag wird in der morgigen Sitzung stattfinden. In Sachsen ist man allgemein mit der Kriegslust des Herrn v Beust unzusriedeN und faßt Resolutionen, welche diese Politik verur- theilen.— Ueber die jüngste Augsburger Conferenj und die augenblicklichen Verhandlungen der Mittel- staaten circuliren allerlei wunderliche Gerüchte. Von der einen Seite wird versichert, Hr. v. d. Pfordten habe in Augsburg jedes Einvernehmen mil dem Grafen Bismarck von der Hand gewiesen und ver- sichert, daß er etwaigen Reformanlrägen mit der Tendenz, Süddeutschland unter Bayerns Militair- Hoheit zu gruppiren, entgegentreten werde. Der „Kölnischen Ztg." erzählt man dann wieder, die Einigkeit sei in Augsburg gar nicht weit her gewesen, wenn sie sich auch äußerlich in schöne» glatten Worten zu erkennen gegeben habe. Zur Feststellung eines bestimmten Programms und besonders zur feierlichen Verpflichtung, dasselbe un- bedingt durchzuführen, fei es jedenfalls nicht i1' kommen. Herr v. d. Pfordten habe sich geweigert sich willenlos der Führung des Herrn v. Beust jrl unterwerfen, denn, wenn auch der Letztere eM besserer Redner sei, so stelle doch Bayern 50, W" Mann und Sachsen nur 20,000, Bayern gebührr also die Oberleitung des neuen Büntuisse«."" Ferner wird versichert, daß man in Darmstad j VvlbereilunFen Kriegsbereilscbaft treffe.— Auch läuft ein Gerücht umher, wonuch Bayern, WllrtemberZ und Darmstadt einen förmlichen Ber- trag mit Oesterreich abgefchloffen und darin gegen die Garantie ungeschmälerter Sduveränetät Hülfe- leistung zugesagt hätten.— Das 7. uuv 8. Bundes- armeekorpö sollen molnl geniackt werden. Die kom- Menden Ereignisse treten somit immer schärfer hervor. S: yL B Aus Frankrei�t, aus Paris, wird dem „Kölner Allg. Anz. f. Rh.-W.", einem vorsichtigen und in der Regel gut unterrichteten Handelsblatte, vom 3. d. Mts, telegraphirt:„In ganz Frankreich werden in aller Stille alle beurlaubten Soldaten einberufen, die Armee wird für alle Eventualitäten kriegsbereit gestellt." Und in der That scheint, trotz aller Friedensvelsicheruttgen, der diplomatische Reinecke in den Tuilerien nicht müßig zu sein. Wenn auch das„PayS Ordre erhalten hat, den Besitzern ! italienischer Renten-Obligationen officzpS anzurathen, ( um keinen Preis dieses Papier jetzt zu verkaufen, läßt man doch zugleich Mac Mahon von Algier zurückberufen. Der Marschall soll Ende Mai in ! Paris eintreffen. Für dieselbe Zeit ist vom Ma- , rine- Minister eine Confereuz sämmtlicker im activen Dienste befindlicher Ad Mirale und Eon- tre-Abmirale, so wie sonstiger höheren Marine- -�fsiciere in Paris anberaumt. In der Donaufürstenthümer-Angelegenheit wird, in einem in Bucharest erscheinenden Jour- nal,„Legalität", die Wahl des Prinzen v. Hohen- i zollern durch PlebiScit als gegen die Verträge und Landesgebräuche verstoßend und daher als un- I gesetzlich bezeichnet und die Regierung aufgefordert, das stattgehabte Verfahren als illegal zu erklären und den gesetzlichen Weg auf Grund der bestehen- den Tractate zu betreten.— Eine offizielle Depesche aus Paris, welche die Verwerfung der Wahl des Prinzen v. Hohenzollern Seitens der Conferenz Meldet, fordert die Bttcharester Regierung aus, diese l Entscheidung durch das Amtsblatt bekannt zu machen. — Nach der gestrigen Pariser„Patrie" ist es, nach Bliesen aus Düsseldorf gewiß, daß der Prinz ! von Hohenzollern die Rumänische Krone an- nehmen wird.— Ein Decret der Statthalterschaft hat die Kammer zum 10. Mai einberufen.— Der ehemalige Kriegsminister Obrist S al o m on ist we- | gen Eomplots gegen die Regierung verhaftet worden. In Velgie» werden ebenfalls Vorbereitungen I zur Kriegsbereitschaft getroffen. In der Scliwet; hat der Bnndeörath bereits 1 die Truppen bezeichnet, welche im Falle eines Krie- ges zwischen Italien und Oesterreich die italienisch schweizerische Grenze besetzen sollen, und soll jetzt die Frage berathen haben, ob nicht der Augenblick günstig sei, von den Mächten die NeutralitätS-Er- klärung des Veltlin zu verlangen, welche, um die I Neutralität des schweizerische» Gebiets an der ita- lienischen Grenze in wirksamer Weise behaupten zu können, durchaus nothweudig ist. Ja, in der schwetzertscheu Presse geht man sogar noch weiter, ! indem man dem Bundesrathe den Rath giebt, eine solche Neutralttäts-Erklärung, falls der Krieg all- > gemeiner werden sollte, auch für daS ganze Rhein- thal, den Botensee mit seinen Wasserstraßen und die Eisenbahnen zwischen Constanz und Basel zu beanspruchen.— Die Pariser„Patrie" vom 7. d. Mts. theilt mit, daß die Schweiz von den Groß- mächten die Zusicherung der Neutralität erhal- ten habe. In Italien verfügt ein Rundschreiben des Kriegsministers die Zulaffui'g von Freiwilligen in die reguläre Armee mit einjähriger Dieustver- pflichtung.— Die„Opinione" meldet, das Decret über die Bildung von Freiwilligencorps und und Ernennung eines Comitst zur Orgauisirnng derselben sei unterzeichnet.— Ein königliches Decret vom 6. Mai verfügt die Mobilisirung von 50 Bataillonen Ralionalgarde für den Kriegsdienst auf die Dauer von drei'Monaten vom 20. Mai ab | gerechnet.— Die im Hafen von Toulon liegende ! ttalieuifche Panzerfregatte„Varese' ging am 7.Mgi auf von Florenz eingegangene Ordre in See, nach- I dem sie vorher in aller Elle ihre Bemannung aus Matrofen der Handelsmarine gebildet halte.— Ai»0 Brest ja wird unterm 6. d. M. gemeldet, daß die. Festungsgräben von Maniua unter Wasser gesetzt und daß die Befestigungen Pefchieras und Legnanos verstärkt worden sind.— Nach Berichten aus Messina ist Mazzini daselbst mit 329 gegen 209 Stimmen zum Deputirten gewählt worden.— Ueberall finden begeisterte Kundgebungen für den Krieg statt. AuS Spanien erfährt man zu dem chilenischen Confl-ckte, daß, wie den„TimeS" aus Santiago geschrieben wird, dem Bündnisse gegen Spanien sich auch die Republiken Neu-Granada und Venezuela nächstens anschließen werden. Dem Beitritte der argentinischen Republik und Urnguay's stände hauptsächlich nur der Krieg mit Paraguay ent- gegen. Im Uebrigen schleppt sich der Krieg fort, ohne daß eine Entscheidung abzusehen wäre. In C'ngland brachte Gladstone in der gestri- gen Sitzung die bereits angekündigte ReiributionS- bill(Bill in Betreff der Bertheilung der Parlamentssitze) ein. Dieselbe nimmt 49 bisher je zwei Parlamentsglieder deputirenden Burgflecken je ein Mitglied, gruppirt kleinere Burgfleckeu mit größeren und giebt von den 49 disponiblen Sitzen 26 den Grafschaften und 23 den Burgflecken. Peel kündigte seine Opposition gegen die Bill an. Die Bill pafsirle alsdann die erste Lesung, ebenso die fchottisch-irifche Reformbill.— Demnächst erwiderte Layard auf eine Interpellation Salomon'S� „Die Regierung bedauere es, keine befriedigende Information über die Lage auf dem europäischen Kontinente mittheilen zu können. Die Ansichten der englischen Regierung über die ursprüngliche Veranlassung seien bekannt; Preußen wie Oesterreich und Italien wüßten vollkommen, daß England freudig seine Freundschaftsdienste leisten würde, wenn sie gewünscht würden und Gutes bewirken könnten. Die englische Regierung habe der franzö- fischen den Wunsch ausgedrückt, dieses Ziel gemein- sam anzustreben, denn allein könne England offenbar nickt hanteln. Aus Amerika nieldet„Reuters Office", d. d. New-Vork 26. April, daßSeward den auierika- nischen Gesandten in Wien instruirt habe, gegen weitere Truppensensendungen nach Mexiko Protest einzulegen, da die Vereinigten Staaten bei einer Fortsetzung des Krieges gegen die mexikanische Republik nicht län- ger neutral bleiben könnten.— Dagegen hat, nach den„Times", der Senat die Ernenttung des Herrn Lewis Campbell zum nordamerikanischen Ge- sanhten bei der„Republik" Mexiko nicht bestä- tigi hat. Deutschland. • Verlin, 8. Mai. sUeber Bismarck's Politik und Frankreichs Berhältniß zu derselben� enthält die Pariser„Opinion nationale" vom 3. v. Mts. einen stellenweise sehr interessanten Artikel, in welchem es lt. A. heißt: In Frankreich machen die ntouarchischen Blätter aller Farben tein Heht aus den Befürchtungen, welche ihnen die in Sachsen und Benetien mit einem Ausbruch dro- heube Krisis einflößt. Sie sind unerschöpflich in ihren Angriffen aus Herrn«. Bismarck. Ist Hr. v. Bismarck denn ein Demokrat, ein Agent der europäischen Revo- lntion, der sich als Minister des Rechts von Gottes Gnaden verkleidet hat?— Nichts weniger als das. Hr. v. Bis- marck ist ein kühner und energischer Ilaaismanii, den keine der Regierungen der Vergangenheit verleugnet haben würbe. Weder das Frankreicb von 1789, noch das junge Deutschland leiten seine Gedanken und seinen Ehrgeiz Allein die Verhältnisse sind stärker als die Menschen. Indem Herr von Bismarck vielleicht etwas ganz Anderes will, dient er der Sache der Revolution, ungefähr wieRiche- lien, der Kardinal der römischen Kirche, Sieger von 1'a Rochelle, Herr von Frankreich kraft des Henkerbeils, der Sache der religiösen Freiheit während des dreißigjährige n Kriege« dienen mußte. Die Geschicke schlagen ihre eigenen Bahnen ein, mögen die Menschen wollen oder nicht. Während wir in einem stebenjährigen Waffenstillstand von de» friedlichen Errungenschaften der gesetzlichen Frei- heit träumten, bereitete sich eine neue Situation vor, welche die Ausgabe der Tribtlne aus die Schlachigefitde llbkrtrug. iinD Deren füsunj nicht mehr den ReDneen, sondern den Joldaten anheimgiebt. Diese Situatidn haben wir nicht geschaffen, und viele von un« haben sie nicht gewünscht, aber wir müssen sie hinnebmen, und e« bleibt uit« nur übrig, uns die Frage vorzulegen, welchen Vorthest wir au« ihr für das allgemeine Besreinngswerk ziehen können.— In der That, wir haben weder zur Verzweiflung, noch zur Betriibniß irgend einen Anlaß. Italien bat sich erhoben, wie in den Tagen von Palestro und Marsala, und von Neuem erschallt der Name Venebig, Allen so tbeuer, die das koos der unterdrückten Völker beklagen.und für ibre Freibeilsliebe keine Grenzen kennen. In Deutschland sab Preußen selber sich gezwungen, vom allgemeinen Stimmrecht, zu reden: der Bund sucht sich tu einer den Intercssen und den Bestrebniigen der Neu- zeit entsprechendeu Weise umzugestalten, und Ungarn, das Oesterreich mit gefalteten Händen anfleht, überlegt es sich, ob es noch einmal die von ihin so oft schon gerettete Monarchie retten oder ob es für eigene Rechnung handeln soll. Was bleibt un« zu thui, übrig? Sollen wir un« in eine unfruchtbare Zurückbaldung einschließen, welche völlig den Cbarakter eines ohninächtjgen Schmollens an sich tragen würde? Oder sollen wir nicht Einsicht und Uneigennützigkeit genug besitzeu, um zu begreifen, daß Europa nicht länger mehr in diesem Zustande de« gegen- seitigeu Mißtrauen«, de« schlecht veihaltenen Grolls, de« bewaffneten Friedens und de« latenten Krieges leben konnte. Jedes Ding hat seine Zeit, und wenn es wahr ist, daß da« erste ltderatc Erwachen Frankreichs in die Zeit de» ersten italienischen Kriege« fällt, sind wir als- dann nicht wohl zn der Hoffnunz berechtigt, daß auch diese« Mal wieder die Errungenschaften der Nationalität jenseits der Alpen zum Forlschritte unserer Freiheiten im Innern beitragen mllssen? Ob Herr v. Bismarck der deutsch-demvkratischen Einhettssache in ähnlicher Weise dienen wird wie seiner Zeit Richelieu der Glaubensfreiheit, wird grvßtenihetls von der Einsicht und Kraft des deul- scheu Volkes und feiner Führer abhängen. — sEitt Attentat aus den Grasen Bis- ntarckj wurde im Laufe deS gestrigen AbendS versucht. Der Minister soll jedoch nur einen unge- fähriicheit Slretffchnß erhalten haben.(Siehe das Weitere unter der Rubrik:„Vermischtes.") —(Herr von Rodberiusj hat an die „A. A. Z." eine Zuschrift gerichtet, worin er eine Zeitungs-Nachücht, wonach er an der Ausarbeitung der preußischen Reformvorfchläge mitbeauftragt fei, für aus der Luft gegriffen erklärt. Zur Verhütung von Mißverständtiissen fügt Herr von Rodbertus hinzu, daß er dte preußische Politik, soweit er sie zu benrtheilen vermöge, vollständig thetle, da er sie vor allem füt deutsch halte. Was heißt„deutsch"? Vorläufig haben wir noch gereckte Bedenken gegen die Deutschheit dieser Politik und müssen sie bis auf Weiteres für großpreußifch halten, deutsch wird sie nöthigenfalls wohl erst gemacht werden mllssen; aber dann hat sie eben aufgehört, eine Politik aus freiem Antriebe zu sein.— Sehr zu bedauern hinsichttich deS PnblicandumS der „Allg. Ztg." ist, daß sie die Motivtrung der neuesten Ansichten des Hrn. v. RodbertuS, vermuthlich aus Parteirücksichten, verschweigt. Unstreitig, wäre es interessant gewesen, zu erfahren, wie der Genannte feine früheren großdeutfchen(stark habSburgischen) Ansichten mit den hoheitzollern'fchen des Herrn v. Bismarck in Einklang zu bringen versteht. Be- kanntlich forderte er in einer Flugschrift, die er mit den Herren Lothar Bücher und v.Berg heraus- gab, mit ungeheurer Leidenschaft,„au Oesterreich (d. h. an der ganzen HabSburgischen Monarchie, wie sie ist) festzuhalten, um nicltt„dessen großen Colonisationsberuf im Osten zu schwächen". Das deutsche Volk dürfe nicht dafür gestraft werden, daß die Habsburger diese schwierige Aufgabe unge- schickt angriffen und Versehen und Frevel begingen. Zum Schluß jener Schrift heißt es: Um Venetien besteht zwischen den beiden Völkern ein verhängnißvoller Conflikt, wie die antike Tragödie ihn zn behandeln liebte. Sagt nicht, d er Theil sei schuld, jener Theil sei schuld, da« Verhängniß ist schuld. Wird der Conflikt redlich vertagt, so mag er einst in Güte ge- löst werden. Es läßt sich ein Abkommen nach dem Muster de« Barrieren-Trakiates mit Italien treffen.— Wenn ein Volk der Erde sähig ist. solche Opfer zu bringen, so sind wir Deutiche es. Aber beute bleiben die vier Schlöffer unserer Thür hängen. Daß, wenn die Italiener die Freibeit gewonnen, ihr keine Gefahr an» dieser Thür drohen soll, dafür bürgt ihnen, daß Oesterreich de« Rück- halt« am Deutschen Volke nicht entbehren kann. Nahen sie un« aber mit falschen Worten ober drohender Geberde. so rufen wir ibne» mit ihrer fflrößeflen einem, mit Dante, zu:„Wissel, daß atit.lva« durch Gollesurlh iil der Waffe» gewonnen wird, ehrlich, von Recht«- wegeu gewonnen i st.—