Nr. lOl. Berlin, Freitag den 1. Juni l86K. Zweiter Jahrgang. pcmoiunt Diese Zeitung eriiieint drei Mal wSchentlich und zwar: Dienstag«, Donnerstag« und Sonnabend« Abend«. Organ der social-demokratischen Partei. Redigirt von J.>. v. Hofstetten und I. v. v. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berlin, Alte Jakobstraße Nr. 67. Abonnement«-Preis silr Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 15 Sgr., monatlich 5 Sgr., einzelne Nummern I Sgr.; bei den Königl. preußischen Postämtern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichlpreußischen Deutsch- land 12'/s Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(fi. 1. 10. siidd., fl. 1. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt» auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition. von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Eompagnie, Zimmerstraße 48», sowie auch unentgeltlich von jedem„rolhen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigespalrene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Ännoncen mit 3 Sgr. berechnet. Agentur für England, die Tolonieen und die überseeischen Länder: Mr. Bender, 8. Linie Kew-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Franlreich: G. Ä. Alexandre, Strassbourg, 5. Bue Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-AndnS-des-Arts. Mit der heutigen Nmnmcr beginnt für Berlin ein neues Monats-Abonnement zum Preise von 5 Sgr. incl. Bringerlohn. politischer Theil. Rundschau. Verlin, 31. Mai. Die äußere Situation in Deutschland wird sich wohl in der nächsten Zeit bis zum Zusammen- tritt der Conserenz und während derselben wenig ändern. Ueber die Reihenfolge der Beraihungen auf der Conferenz ist noch nicht« festgestellt. Meh- rere Regierungen wünschen mit Veneticn zu be- ginnen. Die Vertheidiger der Ansicht, daß die schleswig-holstein'sche Frage zuerst erörtert werde, stützen sich darauf, daß die EinladungS- Depeschen in der Einleitung das Zerwürfniß wegen der Herzog- thümer als den Ursprung der gegenwärtigen KrisiS bezeichnen. Dem am Schluffe der Einladungs- Depeschen ausgesprochenen Wunsche, daß während der Berathunge» den militärischen Bewegungen und Operationen keine weitere Ausdehnung gegeben werde, wird, wohl schwerlich aufrichtig entsprochen werden.— Die Stellung der österreichischen Regierung zur Conferenz wird in einem Wiener Telegramm vom(Aestrigen in Folgendem bezeichnet: „Graf Mensdorff geht vorläufig nicht nach Paris. Ein höherer Beaniter der StaatSkanzlei überbringt heute dem Fürsten Metternich die Instructionen Oesterreichs. Das Programm geht wesentlich auf Ablehnung eines etwaigen Vorschlages wegen Ab- tretung Venetiens, in der schlesw ig- Holsteini- scheu Frage auf Befragung der Stände und auf Ablehnung der Competenz der Conferenz hinsichtlich der Bund es reform."— Die in Frankfurt a. M. erscheinende„Europc" veröffentlicht den Inhalt der EinladungS-Depesche, die dem Freiherrn v. Kübeck durch den beim Bundestag accreditirten französischen Gesandten übergeben worden ist. Die vom 28. d M. datirte Mittheilung lautet im Wesentlichen: Die zwischen Oesterreich und Preußen in der Schle«- wig-Holstein'schen Angelegenheit ausgebrochene Differenz ist zum Gegenstände großer Sorgen für Europa gewor- den. Die öffentliche Meinung ist durch die Möglichkeit eines Kriege« ausgeregt, durch welche so viele der ver- schiedenen Interessen berührt werden. Frankreich, Groß- britannien und Rußland konnten selbst nicht ohne Un< ruhe der Möglichkeit eines Waffenkampfes in'« Auge se- hen, bei welchem Staaten, siir die sie gleiche Freund- schaft hegten, einander gegenüberstehen würden. Die gewichtigsten Erwägungen haben sie bewogen, die Mittel hervorzusucken, durch welche diese Gefahr beschworen werden kann. Die drei Mächte sind in Bezug auf diesen Gegen- stand in ein und demselben Gedanken de« Frieden« und der Versöhnung mit sich zu Raihe gegangen und haben fich darüber verständigt, um zu gemeinsamen Berathun- � gen die Regierungen einzuladen, welche in die Streit- frage mit verwickelt sind, oder in dieselbe hineingezogen werden können, nämlich Oesterreich, Preußen, Italien und den Deutschen Bund. Der Gegenstand dieser Be- rathunzen drängt sich von selbst allen Gemllthern auf. E« handelt sich in dem Jntercffe des Frieden«, auf vi- plomatischem Wege über die Herzogthsimersrage, über die Frage der Italienischen Differenz und endlich über die Reformen, welche in der Bundesakte vorzunehmen sind, in so weit die Erhaltung de« Europäischen Gleichgewicht« ein Interesse daran nehmen kann, Beschlüsse zu fassen. Wenn der hohe Deutsche Bund darein willige, diesem Rufe zu folgen, so möge sein Bevollmächtigter sich in Pari« denen Frankreichs, Großbritannien« und Rußlands anschließen. Die Depesche schließt: Die Regierung des Kaiser« hegt da« Vertrauen, daß die Mächte, welche sich gegenwärtig mit den Vorberei- Inngen zum Kriege beschäftigen, geneigt sein werde», die- selben, indem sie dem Vorschlage der drei Höfe beitreten, z» suspendiren, selbst dann, wenn sie Anstand nehmen sollte», ihre Streitkräfte ans den Frieden«suß zurückzu- führen. In einer gestern stattgehabten Bundestagssitzung ist die Annahme der Einladung zur Pariser Eon- serenz und die Vertretung des Bundes durch Bayern beschloffen worden. Da die Uebernahme der Mis- sion von Seiten des Freiherrn v. d. Pfvrdten nicht zweifelhaft ist, so wird seine Wahl in der dazu auf Freitag anberaumten Bundestagssitzung erfolgen.— Was die Haltung der preußischen Regierung zur Confercnzfrage betrifft, so sagte dieselbe in den Borverhandlungen die Theilnahme an der Confe- renz nur unter der Voraussetzung zu, daß eine Ein- Mischung in innere Angelegenheiten des deutschen Bundes nicht beabsichtigt werte. Die Mächte sind aufmerksam gemacht, daß die preußischen Bundes- reform-Vorschläge jeden Anlaß zu fremder Jnter- venlion vermeiden. Die preußische Antwort auf die Einladung zu den Conferenzen ist nach Empfang der identischen Depeschen noch an demselben Tage, 28. Mai, zustimmend nach Paris abgegangen.— In Preußen constatirt der Rundschauer der„Kreuz- zeitung", daß die conservative Partei im gegenwärtigen Augenblicke allerdings gespalten sei, daß er aber diese Spaltung für keine„unheilbare" halte. In der ministeriellen„Nordd. Allg. Ztg." wird er in einem Entrefilet dieses Blattes mit Herrn Frese (der auf dem Frankfurter Abgeordnetentage bedin- gungsweise für Oesterreich gegen Großpreußen ge- sprechen) auf eine Stufe gestellt.— Wie man in Oesterreich den Krieg auffaßt und wie die öfter- reichische Regierung die Ansprüche auf ihre„Stel- lung in' Deutschland" auf eine sehr sonderbare Weise rechtfertigt, geht aus einigen höchst inter- effante» Artikeln der Wiener„Presse" hervor, die wir, da sie zu charakteristisch und lehrreich sind, be- sonders hervorheben zu müssen glauben. Es wird darin einerseits ganz naiv zugestanden, daß man auch in Oesterreich die deutsche Frage nur als eine Machtfrage für den habSburgischen Staat betrachtet und andererseits erfährt Oesterreichs „deutscher Beruf" eine eigcnthümliche Beleuckitung: Die„Presse" also schreibt das eine Mal: Heute macht Oestreich die gewaltigsten Anstrengungen, um seine tausendjährige Stellung in Deutschland zu wahren. Die ganze Kraft der Monarchie wird auf- geboten, um diese« Ziel zu erreichen. Ein Heer, wohl- ausgerüstet und zahlreicher als Oestreich jemal« eine« in« Feld geführt hat, sammelt sich an den Nordgrenzen de« Reiche«. Aus allen Kronländern dränge» Freiwillige sich zum Kampfe, die Opsersreudigkeit der Bevölkerung ist allgemein, sie nöthigt dem Auslände Achtung ab Der Krieg ist populär, nicht blos unter ven Deutsch. Lcsterreichern. Di- Gebildeten wissen, daß da« Reich in seinem Grunde bedroht ist; die Masse» be« lehrt der p»litische Jnstinct, daß es sich um die Existenz und die Machlbedingungen des Staate« handelt. Ans diesem Gebiete giebt es keinen Gegensatz zwischen dem ! Bolkc und der Regierung. Solche Anstrengungen macht man nicht, wenn man an ibre Nothwendigkeit nicht glaubt. Unsere leitenden Staatsmänner müssen Überzeugt sein, daß die Opfer an Blut und Gut nicht erspart werden können, daß e« Leben«-Jntereffen find, die aus dem Spiele . stehen. Und das andere Mal: Es giebt bei un« eine Partei'). die unter der Maske de« Oesterreicherihnm« da« deutsche Element bekämpft und die nicht-deutschen Nationalitäten fördert. Diejeni- gen, deren Zwecke man durch solche« Vorgehen in der inner» Politik unterstützt, bezeigen ihren Dank damit. daß sie in der äußern Politik Opposition machen. Die „Narodni Listv" niid die„Moravoka Orlice". unter allen österreichischen Blättern die einzigen, werden nicht müde, den Krieg, zu dem wir rüsten, täglich al« eine» politi- scheu Mißgriff unserer Regierung, als ein anti-ösierrei- chische« Beginnen zu bezeichne». Es ist eine merkwür- dige Erscheinung, daß Oesterreichs deutscher Beruf nach außen mit aller Kraft in einer Zeit hochgehalten wird, wo man denselben im Innern, gelinde gesagt, als ein zweiselbasles Postulat behandelt. Aeußere». innere Politik geh» bei un« gesonderte Wege, die weit auseinander führen. Man ziehe nur die unabweislichen Eonsequenzen. Wenn wir siegen gegen Preußen, wa« dann? Glaubt man in der That, daß es auch in diesem Falle möglich fei» wird, festzuhalten an dem gegenwärtigen Regierungssystem? Gelingt es uns, Preußen nieverzuschmettern, so sind da« mit die berechtigten Wünsche Deutschland« noch nicht be« friedigt. Das unauslöschliche Begehren nach einer zeit- � gemäßen Reform und freiheitlichen Entwickelung de« Bunde? wird wie ein Sturmwind durch die deutschen Gauen ziehen. Eroberungen können in Deutschland nicht bloß mit den Waffen, sie müssen auch mit der Industrie, mit Wissenschast und Kunst, mit der Eultur gemacht werden. Verzichtet man aus diese Mittel, so bricht man mit der Möglichkeit, in Deutjchland Propaganda zu machen. Wir haben es nöthig, um Sympathien in Deutschland zu werben, das beweist der Abgeordneten« tag, beweist da« Zaudern der Mittelstaaten, fich auf unsere Seite zu stellen. Die denische Frage in Oester« reich ist keine Nationalitätsfrage, sondern eine politifche, eine Frage der Macht. Sicherlich werthvolle Geständnisse, aus denen, wenn es noch»ölhig wäre, nur zu lernen sein *) Es ist die gegenwärtige Regierung, die auch a. a. O- von der Redaction deutlich bezeichnet wird. Anm. d. Red. de«„Soc.-Dem." würde, daß die Nation von Niemandem etwas zu hoffen hat, als von sich selbst�— Die„Wiener Zeitung" dringt in ihrem amtlichen Theile ein Gesetz vom 25. d., wodurch eine Zwangsanleihe von 12 Millionen Gulden für das Lombardo-Ve- netianische Königreich ausgeschrieben wird. Die Einzahlungen haben in sechs gleichen, für die Provinzen Venedig, Vicenza und Belluno mit Ende Juli, für die übrigen Provinzen mit Ende Juni 1866 beginnenden Monatsraten in Silber oder Gold zu erfolgen.— Aus Ungarn, Pest, 29. Mai, wird telegraphirt, daß in einer unter Vorsitz de» Oberbürgermeisters stattgefundenen Sitzung des BürgerauSschusieS eine LoyalitätSadrefse an den Kai- ser beschlossen wurde. Dagegen circulirt ein Brief Jlossuth'S, aus welchem hervorgeht, daß der unga- rische Agitator im Einverständniß mit der italie- Nischen Regierung an einer Revolutionirung Ungarns arbeitet und bereits mit revolutionären Comitees in Ungarn in innigem Verkehr steht Kossuth ist überzeugt, daß die gesammte ungarische Nation sich gegen das Habsburger Haus erheben und Italiens Unabhängigkeit und Integrität mit der seinigen zu sichern wissen wird.„Diejenigen Ungarn", schreibt er,„welchenoch anOesterreich glaub- ten, trotz drcihundertjährigen VerrathS an Ungarn Wh seinen'Rechten, haben in den letzten Tagen ihren Jrrthnm eingesehen, und Deak wird sich bald, wie er eS 1848 lhat, ins Privatleben zurückziehen und den einbrechenden Sturm an sich vorüber- ziehen lassen." Klapka weilt noch immer in Brüssel und steht in Unterhandlungen, welche mit dem Kossnth'schen Projekt zusammenhängen.— In Bat, er» wurden die umlaufenden Gerüchte über Ministerveränderungen officiös dementirt. Die dortige Regierung verlangt von der Kammer einen außerordentlichen Militärcredit von 31'/z Million Gulden, welche durch ein Anlehe» und durch andere inanz- Operationen aufgebracht werden sollen.— n Sachsen hebt ein Ministerial-Erlaß provisorisch die Bestimmung der Telegraphen-Ordnung auf, welche Chifferschrift auch bei Privatdepeschen ge- stattet.— In Baden bewilligte die zweite Kammer einstimmig den von der Regierung verlangten Mili- tärcredit von 1,070,80» Fl. Zugleich sprach sie ihre volle Uedereinstimniung aus mit der von der Regierung befolgten Politik, welche darauf gerichtet fei, den Friedens- uud Vermittlungsversuchen durch Bewaffnung im Verein mit den übrigen Mittel- staaten Nachdruck zu verleiben. Ebenso wurde der Antrag Eckart's, die Regierung möge im Verein mit ihren Bundesgenossen auf Berufung deS Parlaments und Bewaffnung des Volkes hinwirken, ein- stimmig angenommen.— In Frankreich hat die Presse eine kleine na- pvleonische Evolution ausgeführt. Während wir am verflosseue» Dienstag von einem„Moniteur"- Artikel zu berichten hatten, worin alle Lä»ber-Ab- tretungs-, CompensationS- und geheime» Vertrags- gerächte für falsch erklärt wurden, müssen wir heute eines Artikels der„France" Erwähnung thnn, der im Wesentlichen etwa Folgendes ausführte(Sardinien ist von Italienern, die Rheinlaude sind von Deutschen bewohnt� damit hat also Napoleon nichts zu schaffen; allein seine Politik ist eine französische, und die europäischen Interessen sind französische Interessen und diese fran- zösischen Interessen erheischen, daß dem Saar- districte und Luxemburg gegenüber„Frank- reich sich freie Hand behalte." Des sehr be- achtenswerthen halbofsiciellen„Pays"- Artikels, der unstreitig ein Fühler der Tuilerien, das Congreß- Programm betreffend, haben wir schon in unserer jüngsten Rundschau(in Nr. 100) gedacht. Die in demselben angeregten Ländervertheitungen wer- den natürlich eventuell desavouirt. Was die Hat- tung der übrigen französischen Presse betrifft, so ist die„Patrie" wüthcnd darüber, daß der Deutsche Bund sich gegen eine Berathung deutscher Angelegenheiten auf dem Eongresse ausspricht; das sei eine unzulässige Prätension, meint sie. Dagegen räth die„Opinion nationale" dem Kaiser Napoleon, es mit der Länder-Flickschneiderei zu Gunsten Frank- reichs nickt zu weit zu treiben; es könnten sonst die 1>/z Millionen in Deutschland unter den Was- fen stehenden Männer am Ende gar die Schneide des Schwertes gegen jene 600,000 Straf-Franzo- sen kehren.— Prinz Napoleon soll, wie die „Presse" meldet, mit einer Mission nach Berlin betraut sein und daselbst erwartet werden.— Der Admiral Laronciere le Noury, ein Freund des Prinzen Napoleon, ist mit einer Mission nach Flo- renz gesandt worden.— Die„Hamb. Nachr." ha- den folgende Depesche erhalten i Auf der am 28. d. in den Tuilerien stattgehabten Soiree haben der Kaiser und die Kaiserinn sich im Sinne der Erhaltung des Friedens ausgesprochen. Der sraniöstschc Gesandte am Wiener Hose, Herzog von Grammont, hat Aussichten aus eine versöhnliche Politik Oesterreich» eröffnet. Es ist die Rede davon, die Bank von Frank- reich habe sich anheischig gemacht, von der englischen Bank auf die ersten BanquierS von Paris gezogene Wechsel z» acceptiren. In militairischer Beziehung soll die Ausrechthaltung des Ltatus guo während dar Dauer des EongresseS vereinbart sein. Die Vorgänge in den Donausürstenthümern beschäftigen in Paris die Aufmerksamkeit der poli- tischen Welt in erster Reihe. Wie man hört, ist ein höherer Stabs- Offizier mit vertraulichen Mittheilungen an den Prinzen von Hohen- zollern abgeschickt worden.— Fürst Jon Ghika ist wiederum in das Kabinet getreten und hat das Ministerium der öffentlichen Arbeiten übernommen. Der bisherige Minister Fürst Sturdza ist zum Secretair des Fürsten ernannt worden. .In London erwiderte Layard am 28. Mai, aus eine Interpellation Griff ith's im Unter- Hause: die Donaufürstenthümer-Conferenz betrachte die Wahl des Prinzen von Hohen zollern für illegal, autorisire aber keine Intervention.— In der Ab- stinimung über ein Amendement zur Reformbill ist die Regierung mit 10 Stimmen in der Minorität geblieben. In Italien hat die Regierung das Gesuch deS ehemaligen Jnsurgentenchefs Bosak um Ge- nehmigung der Formirung einer polnischen Legion für Italien, obwohl dasselbe von Garibaldi drin- gend befürwortet war, abschlägig beschieden.— Die „Opinione" meldet, daß der König am 30. ein Decret unterzeichnet habe, durch welches zwei Bataillone freiwilliger BersaglieriS gebildet werden. Em zweites Decret vermehrt das Freiwilligencorps um 20 Bataillone.— In Florenz glanbt man allen Ernstes, die preußische» Kriegsschiffe würden sich von Kiel in das adriatische Meer begeben, um an der Befreiung von Venctien theilzunehmen.— Fast alle Deputirten der Linken im Florentiner Parlament sind zu Offizieren in den Freiwilligen- Regimentern ernannt worden. Briefe aus Spanien lassen den baldigen Aus- brück einer neuen progressistischen Bewegung voraussehen. So wird den„Hamburger Nachr." aus Paris gemeldet. Ein Rundschreiben des Staats- Ministers an Spaniens Vertreter im Auslande ent- wickelt die Gründe, aus denen das Bombarde- m ent Valparaiso' s verfügt worden, und fügt hinzu, daß Spanien stets bereit sei, einen ehren- vollen Frieden zu schließen. Der Pariser„France" zufolge würden die Regierungen Frankreichs und Englands von der spanischen vollständigen Ersatz verlangen für den Schaden, den der pflichttreue Admiral Men dez Runez an dem neutralen Eigen- Ihum angerichtet hat. Die englischen Besitzer haben bei dem Bombardement ca. 20 Millionen Piaster Schaden gehabt. In Rußland demeutirt die„Gaz. Warsz." die Nachricht der Wiener Blätter von dem Ein- rücken russischer und türkischer Truppen in die Mol- dau, uud fügt die Bemerkung hinzu, daß letztere schwerlich in die Moldau, die sie nur aus der Do- brudscha über Galacz erreichen könnten, sondern in die Walachei, deren Grenzen sie bereits besetzt hielten, einrücken würden. Die russische Regierung habe sich bis jetzt mit einem Protest begnügt, doch haben die an der Grenze concentrirlen Truppen den Befehl, sofort in Jassy einzurücken, wen» die Türken die Grenze der Fürstenthümer überschreiten sollten. Rußland halte fest an dem Vertrage der Schuyniäckte, wonach weder Ausländer zu Hofpo- daren gewählt werden, noch die Türken mit Mili- tair in die Fürstenthümer einrücken dürfe». Sollte eines von beiden geschehen, so sei der Vertrag ver- nichlet, und Rußland behalte sich freie Hand vor. — Der Riß zwischen dem päpstlichen Stuhl und dem Petersburger Kabinet ist durch die Eröffnung des polnischen PristerseminarS in Rom unter Lei- tung des Resurrectionistenordens bedeutend wieder erweitert worden. Die russischen Zeitungen sind indignirt über dieses„Brutnest der importirten Re- bellion." Laut Nachrichten aus Amerika, nach einem Lissaboner Telegramm der„Börsenhalle" auS Lima vom 27. April, war das spanische Geschwader vor Callas erschienen. Der spanische Admiral hatte als Termine für den Beginn der Feindseligkeiten� den 1. Mai und für den Anfang der Blokade den 3. Mai notisizirt. Sämmliche Waaren sind in Sicherheit gebracht.— Dasselbe Blatt erfährt aus Valparaiso vom 16. April, daß die Blokade des Hafens aufgehoben und die gewöhnlichen Zölle wieder eingeführt sind. Deutschland. l. Chemnitz, 29. Mai. sBolkSversammlung.j Die alle Gemütber bewegende» TageSsragen haben auch hier zu Volksversammlungen Veranlassung gegeben. Der „Forlschrittsverein" bat am 15. d. Ä. eine solche in den Saal der Liude abgehalten, welcher er verschiedene wei- ter unten bezeichnete Resolutionen zur Annahme vorlegte. Wenn auch in der Hauptsache der Zweck dieser Resolutionen eine Demonstration zur Erhaltung de« Frieden« sein sollte, so läßt sich doch eben so wenig verkennen, daß die Versammlungen in Dresden und Leipzig nicht ohne Eindruck gebliebe» sind, indem man sich mir für einen bedingten Frieden aussprach und keineswegs für ein unbewaffnetes Zusehen der Mittelstaaten, Vorzugs- weise Sachsens, auszutreten wagte. Der Vorsitzende leitete die Versammlung mit einer Ansprache ein, in weichet e« unter Anderm beißt:„Wir wollen unsere Forderung erheben, drittens im Namen einer zahlreichen, fleißigen und genügsame»(verwünschte Tugend I) Arbeiterbevölkerung, welcher der Krieg den einzigen und letzten Bissen Brod vom Munde reißt."— Die Befürwortung der ersteren drei Resolutionen hatte Herr Noack übernommen, welcher, nachdem er die deutschen Einheit«-»iid FreiheitSbestrebuiigen seit 1813 beleuchtet, wobei er allerdings bei Schilderung der 1848er Ereignisse und der daraus solgeudeu Reactionsperiode Röckel'S bekanntes Werk:„Sachsens Erhebung tc." etwa» zu wörtlich benutzte, den Grund zu dem jetzt drohenden Kampfe in den staatlichen Verhältnissen von Deutschland erblickt. Er folgert daraus, daß die deutschen Mittel- staaten, speciell Sachsen, in diesem Kampfe sich nicht an Oesterreich, dessen Schwerpunkt nicht mehr in Wien, sondern in Pesth z» suchen sein, eben so wenig aber an das jetzige Preuße» mit-- -------— anschließen dürfen. Ausgabe der Mittelstaaten sei, so lange neutral zu bleiben, bis eine allgemeine Bewegung der deutschen Nation zum Durchbruch gekommen sein werde und diese Bewegung dann, deren Ziel die Wiederherstellung der deutschen Reichsverfassung vom 28. März 1849 und das deutsche Parlament sein müsse, kräftigst zu»nlerstützen. Herr Dr. Schafsrath begründete in kräftiger Rede die viert« Resolution. Nach ihm sprachen noch Herr Stadtrath Lorenz au« Leipzig, Herr Advokat Jttdeich an« Dre«. den und Herr Dr. Döhn ebendaher. Natürlich halten wir da Gelegenheit, geflügelte Worte zu hören und be« sonders ergötzlich war es für uns, von dieser Seite zu vernehmen:„DaS allgemeine, gleiche und directe Wahl- recht ist außerdem da« Mittel, wodurch auch der„sehr chrenwerthe" Stand der Arbeiter zu seinen Rechten ge- laugen wird." Ob die Resolutionen wirklich einstimmig angenommen wurden, mag dahin gestellt bleiben; Thalsache ist nur, daß dieselben sn bloc zur Abstimmung kamen und daß Niemand dagegen stimmte. Herr Adv. Jüdeich brachte hieraus»och einen von ihm uud Gesinuungsgenossen ausgearbeiteten Ausruf an das deutsche Volk ein, den er al« Zusatz zu den Resolutionen empfahl. Der Ansang der Versammlung war ans 7>/z Uhr festgesetzt, der Saal aber bereit« Vi Stunde früher gedrängt voll, so daß später kommende Arbeiter i» Masse wieder umkehren mußten. In Folge dessen entschlossen wir im«, dieselben Fragen nochmal» mit besonderer Berücksichtigung ihrer Bedeutung für den Arbeiterstand zu besprechen und be- riefen deshalb eine öffentliche Versammlung auf Sonnabend, den 19. d. M. in den Saal zu Stadt Köln ein. Derselbe war gut gefüllt, zum großen Theile von Ar- beitern; desto unangenehmer mußte es un« sein, daß Herr Försterling, seinem Versprechen, anwesend zu sein, nicht nachkommen konnte; zu unserer große» Freude erschien etwa« später noch Herr Schneidemeister Riha au» Dresden. Herr Nebel, vom Allg. deutsch. Arb.-Verein er- öffnete die Versammlung, indem er die Mängel unserer politischen und socialen Verhältnisse bloß- legte! er wie« nach, wie drückend dieselben besonder» aus den Arbeitern lasten. Der Grund dieser traurigen Erscheinung sei die Ungleichheit, und Gleichberechtigung