Rr. 112. Berlin, Sonntag den 24. Juni 1866. Zweiter Zahrgaaz. Lorial-Dtmollllit. Dies« Zeitung erscheint drei Mal wöchentlich und zwar: Dienstag«, Donnerstag« und Sonnabend« Abends. Organ der social-dcmokratischcn Partei. Redigirt von Z. 8. v. Hosstetten und Z. 8. v. Schweitzer. Redaclion und Expedition: Berlin, Alte Jakobstraße Nr. 67. Abonnement«-Preis für Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 15 sgr., monatlich 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den König!, preußischen Post- ämtern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichlpreußischen Deutsch- land 12'/» Sgr., im übrigen Deutschland 2V Sgr.(st. 1. 10. südd., st. 1. östcrr. Wäbr.) pro Quartal. Seftellungen werden auswärt« auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Eompagnie, Zimmerstraße 4«», sowie auch unentgeltlich von jedem„rolhen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition aufzugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. berechnet. Agentur für England, die Colonieen und die überseeischen Länder: blr. Bender, 8, Little New-Port- Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Kue Brulee; Pari«, 2. Cour da Commerce Saint-Audrä-des-Arts. politischer Theil. Berlin, 22. Juni. Die Wahlen in Preußen betreffend er- geht an uns mehrfach die Frage, wie, unseres Er- achtens, die Unseren bei diesen Wahlen sich zu ver- hallen hätten. Die Antwort kann eine sehr einfache sein. Wir haben als das Nolhwendigfte, als das- jenige, was die Vorbedingung zu allem weiteren Wirten des Volkes ist, die Einftihrung des allgc- meinen, gleichen und dirccten Wahlrechts erkannt. Und Lassalle hat richtig gesagt: Dies ist das Ge- hcimniß wirksamer, practischer Agitation, daß man sich mit aller Kraft aus einen einzigen Punkt wirft. Wenn ein Eandidar sich verpflichtet, sofort, ohne Zögerung, Weigerung und Ausrede, mit allen Kräften auf die Einführung des allgemeinen, gleichen und directen Wahl- rechts dringen zu wollen, so haben ihm die Unseren ihre Stimme zu geben, ganz einerlei, was sonst sein GlaubenSbekennlniß ist. Weder reactio- näre Marotten, noch fortschrittlicher Krimskrams haben uns zu beirren, wir kennen nur Eins: die Einführung deS allgemeinen Stimmrechts und wis- sen, daß alles andere uns nicht vorwärts führt, am wenigsten fortschrittliche, seit Jahren abgenutzte und abgelebte Mannöver. Finden sich irgendwo zwei Candidaten, die solche B-rpflichtung eingehen wollen(z. B. ein con- servativer und ein liberaler), so haben die Unfern weiter zu fragen: Wie sie sich zu anderen wichti- gen, die Arbeiterklasse betreffenden Fragen(z. B. daS CoalitionSrecht), zu stellen verpflichten— um je nach erfolgender Antwort ihre Entscheidung zu treffen. Findet sich irgendwo kein Candidat, der obige Verpflichtung eingeht, so haben unseres Erachtens die Unseren überhaupt keinen Grund, sich bei den Wahlen zu beiheiligen. Denn der Grund, den seinerzeit Lassalle angegeben, warum man für die Fortschrittler stimmen sollte: nämlich, damit sie sich völlig ruinirten, ist jetzt weggefallen, da dieselben ihren vollständigen Ruin inzwischen glücklich zu Wege gebracht haben.— Rundschau. Berlin, 23. Juni. Vom Kriegssckauplatze in Deutschland melden die preußischen„Amtl. Nachr." jc. bis zur Zeil, wo wir dieses schreiben, aus Schlesien nichts Neues. Nach einem Briefe der„Bresl. Ztg." aber hat am 21. Mittags ein Zusammenstoß zwischen Preußen und Oesterreichern stallgefunden.— Die Sprengung der Brücke bei Oderberg ist vollständig vorbereitet. Es ist nur noch ein Lieutenant dort stationirt, welcher im gegebenen Moment die Mine anzünden solt.— Die Schlesischen Blätter melden das Eintreffen zahlreicher Deserteure.— Aus Ratibor, 20. d., berichtet die„BreSl. Ztg.": Soeben Nachmittag« 4 Uhr, erfahren wir au« zuvor- lässiger Quelle, daß heute Vormittag« wiederum eine starte, ungarische Husaren-Patrouille bei Klingedentel die preußische Grenze überschritten, und aus eine preußische Jnfanterie-Patrouille gefeuert hat. Die Preuße» feuerten wieder, und hat die ungarische Husaren-Patrouille einen Verlust von 5 Todten, darunter einen Offizier zu be- klagen. Preußischerseils ist weder Jemand gefallen, noch verwundet worden. Aus dem Umstände, daß die Höben des rechten ElbuferS bei Dresden mit Kanonen besetzt und Bc- festigungen angelegt worden sind, schließt man, daß man dort von preußischer Seite einen Angriff für möglich hält.— Ein Theil der hannoverschen Truppen soll durch das Werrathal marschirt und dadurch der Abschneidung entgangen sein. Die S'auptmasse der hannoverschen Armee steht noch um öttingen und hat sich dort verschanzt. Man will in Berlin wissen, daß diese Truppen von vier Sei- ten durch die preußische Armee umzingelt sind und daß sie zur Capitulation werden gezwungen werden können.— Daß die Besatzung von Emden*) sich so leicht ergeben hat, macht großes Aufsehen, und man erwartet nach diesem Vorfall, daß die Hannover- schen Soldaten keine große Lust mehr verspüren können, für eine Regierung, welche die Volksinter- essen niemals achtete, sondern auf's Gröbste ver- letzte, ihr Blut zu vergießen.— Die bayrischen Truppen sammeln sich in Bamberg und scheinen von dort aus mit den Oesterrcichen in Böhmen und Schlesien vereint handeln zu wollen. Man sträubt sich aber, wie es heißt, gegen die Unter- orbnung unter den österreichischen Oberbefehl.— Nach den Berichten aus Braunschweig wird die Regierung des Herzogs zwar an der Neubildung des deutschen Bundes Theil nehmen, aber sich an den militairischen Operationen Preußens nicht betheiligen.— Der Kurfürst von Hessen ist in Kassel unter preußischer Bewachung. Der kurhessische Kriegs- Minister General von Meycrfeldt ist in Minden als StaalSgefan- gener internirt.— Der König von Hannover be- findet sich bei seinen Truppen in Göltingen.— Die„Köln. Ztg." erklärt in einem aus Gießen datirten Artikel ihre Meldung von der„Schlacht bei Friedberg" jetzt selbst für unbegründet.„Kutfcher- Nachrichten!"— Aus Frankfurt, 20. Juni, wird eine Nachricht, daß daS Hauptquartier des Prinzen Alexander von Hessen(8. Bundes-Armeekorps) voll- ständig organisirt und die Concentrirung von 60,000 Mann nahezu bewerkstelligt ist, sowie daß 12,000 zu diesem Corps stoßende Oesterreicher im Anmärsche sind, als officiell bezeichnet.— Nachstehend folgen die neuesten telegraphischen Depeschen: Nordhauseu, Freitag, 22, Juni.(W, T, B.) Die hannoverschen Truppen, welche keine Aussicht haben, *) Siehe„Tel. Dep." und„Amtl. Nachr." , nach Kassel und Hersfeld zu den Kurheffen zu stoßen, i haben sich in ungeordnetem, nicht kriegsmäßigen Zustande von Söllingen über Reinhausen und Duderstadt nach dem l Preußischen gewendet. General v. Arnschild verlangt in einer Proclamation friedlichen Durchmarsch nach Gotha und Eisenach. Hamburg. Freitag, 22, Juni.(W. T. B.) Nach j einem Telegramm der„TimeS" vom gestrigen Tage con« cenlrirl sich da« 8. BundeSkorp« in Baireuth. Hannover, Freitag, 22. Juni.(W. T. B.) Die ! Stimmung der Bevölkerung ist sehr aufgeregt gegen die Ralhgeber de« König«, welche da« Land ohne Grund in > Unruhe und Verluste gestürzt haben. Da« Osfizierkorp« der hannoverjchen Armee ist erbittert, daß die Truppen ohne Kriegsrüstung die Hauptstadt haben verlassen müssen. Die Mannschafleu haben die neuen Gewehre in Hannover i zurückgelassen und sind mit Exerziergewehren in'« Feld gerückt. Der Artillerie fehlte Munition. Hildesheim, Freitag. 22. Juni.(W. T. B.) Die Preußen sind vorgestern hier eingerückt. 700 Gewehre wurden vorgefunden. Eisenach, Freitag, 22. Juni.(W. T. B.) Au« Kassel wird gemeldet, daß der Kursürst die Ernennung de« Erbprinzen zum Oberbefehlshaber widerrufen habe. Frankfurt a. M.. Freitag, 22. Juni. Morgen«. (W. T. B.) Heute wird eine Sitzung der am Bunde»- tage versammelten Regierungen stattfinden. Man erwartet, daß der Vertreter Oldenburg« erklären werde: Da durch den Austritt Preußens der Bund thatsächlich aufgelöst ist, sei ein ersprießlicher Erfolg nicht weiter zu erwarten, und stelle er daher seine Thätigkeit ein. Der Gesandte Bückeburgs, Herr von Strauß, hat Frankfurt in aller Eile verlassen. Frankfurt a. M., Donnerstag, 21. Juni./z Millionen Gulden nach Hanau nicht einwilligten, Emden, Freitag, 22. Juni.(W.T.B.) Die hau- noversche Garnison hat die Waffen gestreckt und die Stadt nebst den Batterien an der Nesserlander Schleuse durch Kapitulation unter den Stader Bedingungen an den Kommandanten de« königl, preußischen Kanonenboote« „Tiger", Lieutenant zur See Stenzel, übergeben, nachdem es preußischerseit« geglückt war, die Strand- batterien aus der Knocke bei Emden zu vernageln. Emden, Freitag, 22. Juni.(W.T.B.) Die Mann- schasten der Besatzung, welche die Waffen niederlegten, sind bereit« in ihre Heimatb entlassen, die Offiziere kön- neu mit Beibehaltung de« Seitengewehr« in allen Ehren nach eignem Ermessen ihren Aufenthalt nehmen. Die neuen„Amll. Nachr. v. Kriegsschauplatze" lauten wie folgt: Kassel, 21. Juni, früh. Die Hannoveraner stehen »och bei Göttingeu und haben sich dort verschanzt. Die Stadt ist verpallisadirt. Eine schwache hannoversche Ab- theilung überschritt bei Tagesanbruch die preußische Grenze unweit Heiligenstadt, Kassel, 21. Juni, früh 5 Uhr. Die Eisenbahn nach Eisenach ist wieder fahrbar, an mehreren Stellen derselben stehen starke preußische Piket«. Kassel, 21. Juni, früh 8 Uhr. General v, Beyer ist mit seinem Corps beute in der Richtung auf Göttin- gen abmarschirt. Starke Detachements werden gegen die Werra-Uebergänge vorgeschoben. Minden, 22. Juni, früh 8 Uhr. Der kurhessische Kriegsminister General Meverfeld ist als Slaatsgefan- gener soeben auf hiesiger Festung abgeliefert worden. Eisenack, 21. Juni, srllh. Während der Nacht ist Jnsanterie, Artillerie und Kavallerie hier eingetroffen, um mit General v. Beyer vereint ,u operiren. Ein De- tachement au« Magdeburg traf während der Nacht in Nordhausen ein, um bei der Einschließung der Hannover- schen Truppen mitzuwirken. Hannover, 21. Juni, Mittags. Die Corps V. Faltkenstein und v. Manteuffel rücken nach Göttin- gen vor. Mühlhausen, 21. Juni, Mittags. Ein kleines De- tachement von Hannoveranern hat heute Mittag Heili- genstadt passirt und ist aus Dingelstädt marschirt; die Abiheilung scheint fich durchschlagen zu wollen. Kassel, 21. Juni, Abends. Die preußischen Trup- Pen haben alle Werra-Uebergänge besetzt. Die Truppen von Eisenach sind in nördlicher Richtung marschirt. Der Kurfürst befindet sich noch in Wilhelmshöhe. Gotha, 22. Juni, Mittags 1 Uhr. Die von Heili- genstadt auf Mühlhausen marschirenden Truppen der Hannoveraner haben wenig Aussicht zu entkommen, da sowohl die Werra Uebergängc, als auch Eisenach und Gotha von preußischen und gothaischen Truppen schon seit gestern besetzt sind. Die hannoverschen Abtheilungen können selbst bei angestrengtem Marsche kaum vor dem 23. d. VI. Abend« Gotha oder Eiseuach erreichen. Ein preußisches Detachement, welches gestern in Worbis ein- getroffen ist. steht den Hannoveranern in der Flanke. Geestemünde, 22. Juni, Mittags. DaS preußische Flottengeschwader setzt seine Thätigkeit längs der han- noverschen Nordseeküste mit Erfolg fort. Alle die alten, zum Schutze gegen dänischen Landungen gebauten Strand- tatlerien müffen, da sie ohnehin»ach der Landseite zu offen liegen und einem Angriffe von dorther nicht wider« stehen können, die hannoversche Flagge streichen und die preußische aufhiffen. Der wichtigste Erwerb ist der des Geestemünder Ha« fen«, der zur Ausnahme eine« noch größeren Geschwaders, als wie im Jahdebusen möglich, geeignet ist.— Nach Besatzung der dortigen Batterien fiel ein reiches Material in die Hände der Preußen. Die Hannoverschen Kassen wurden mit Beschlag belegt. Mühlhausen, 22. Juni, Vorm. 11 Uhr. Der bei Heiligenstadt auf preußische? Gebiet getretenen Hannover- schen Abtheilung sind in der vergangenen Nacht stärkere Streitkräfte der Hannoveraner gefolgt, welche sich in Ort- schaflen an der preußischen Grenze eng einquartiert hat- tev.— Heute srüh sind dieselben in der Richtung aus Mühlhausen abmarschirt. Emden, 22. Juni, Mittag« 2 Uhr. Die Strand- Batterien auf dem Knocke bei Emden sind heute durch Mannschaften von Sr. Majestät Kanonenhoot„Tiger" in Besitz genommen worden. Die Besatzung der Stadt und der Batterien hat die Waffen gestreckt. Die neuesten heute Nachmittags 2 Uhr ausge- !(ebenen„Amtl. Nachrichten" vom Kriegsschauplatze ind folgendem Berlin, 23. Juni. In die hiesige Presse hat ein aus Frankfurt a. M. verbreitete« Gerücht Eingang ge- funden, welchem zufolge die Oesterreicher bei Görlitz einen Sieg erfochten haben sollten. Dieses Gerücht ent« behrt jeder thatsächlichen Begründung und ist wohl in Franksurt einfach au« der Absicht entstanden, durch falsche Nachrichten über angebliche Erfolge der österreichischen Waffen den süddeutschen Contingenten Muth zu machen. Auch das wiederholt auftauchende Gerücht von einem Gefecht bei Pirna beruht lediglich auf Erfindung. Die in Schlesischen Blättern aus Neiffe vom 22. d. M- Abends 9 Uhr gebrachte Mittheilung, daß die 11. Di« Vision bei Weidenau ernstlich mit dem Feinde engagirt sei, muß gleichfall« als unwahr bezeichnet werden. Ein Zusammenstoß der preußischen mit den österreichischen Truppen hat außer den bereits amtlich gemeldeten Vorsällen bei Guhrau, Klingcbeutel zc. bis jetzt nicht stattgefunden. Gotha, 29. Juni früh. Die hannöverschen Trup- Pen, welche in vergangener Nacht bei Mühlhausen gele- gen haben, befinden sich auf dem Marsch nach Gotha, welches disseil« stark besetzt ist. Der König von Hannover soll mit schwacher Be- deckung über Döllstedt in der Richtung aas Erfurt zu entkommen suchen. Leipzig, 23. Juni Morgens 10 Uhr. Hier sind für mehrere Tage starke Truppen-Transporte in der Rich- tung auf Hof angesagt. Die ersten Züge trafen bereits gestern Abend ein. In der Nacht ist Artillerie durch- passirt. Heute soll Infanterie und Kavallerie ankommen. lieber die Bestimmung der Truppen verlautet nichts. Man vermulhet, daß es sich um eine Unternehmung gegen Hos handelt. Berlin. 23. Juni. Die preußische Armee ist heute in Böhmen eingerückt. Berlin, 23, Juni 11 Uhr. Die bis jetzt von der Armee eingegangenen Nachrichten melden, daß nach Ueberschreitung der böhmischen Grenze vom Feinde nichts bemerkt worden ist. Das Austreten der Hansestädte aus dem„Deut- schen Bunde" soll Gegenstand der Verhandlungen zwischen den drei Städten Hamburg, Bremen und Lübeck sein, auch der am 21. Juni stattgehabten Senatssttzung zu Hamburg.— In Hamburg er- schienen und wurden verbreitet: Manifestationen zu Gunsten Preußens enthaltende Plakate. Die an allen Straßenecken der genannten Stadt angeschlagenen Schriftstücke enthalten nachfolgende Stellen. In dem ersten derselben heißt es: Nach länger als einem halben Jahrhundert ist durch eine preußische That die unnatürliche Nationalverbin- dung, durch welche das gemeinsame Vaterland seind« selig getrennt worden, für immer gelöst. Die deutsche Bundesacie, durch, von fremdländischem Einfluß herbei- geführte, Ueberstürzung am 8. Juni 181b in'« Leben ge- treten, ist vernichtet zum Segen, zum Heile Deutsch- land»! Schiffsahrt, Handel, Landbau, Gewerbe, welche länger als fünfzig Jahre unter ihrem erdrückenden Sy- steme geseuszt haben, harren der Befreiung au« schmach- vollen Fesseln!— Eine Ehrfurcht gebietende Vertretung Deutschlands im europäischen und außereuropäischen Ans- lande— Rechtsschutz für den Einzelnen, da wo der Rechtszustand verwahrlost ist, alle berechtigten Forderun- gen der Nation sehen noch am Grabe de« alten Reiches ihrer endlichen Erfüllung entgegen. Seit langer Zeit zum ersten Male wieder ist die Nation berufen, ihre lebenskräftige Stimme zu erheben! Das deutsche Volk ist berufen, zu zeigen, daß es selbst den Krieg will, um den Frieden und Freibeit zu genießen. Der Austritt Preußens au« dem deutschen Bunde und die dadurch vollzogene Auflösung dieses unglückseligen Bündnisses machen es jedem patriotischen Manne zur heiligsten Pflicht, diesen Beruf zu üben— sich in den Stand zu setzen, zu bandeln, um Deutschland aus den Gefahren de« Krieges zu retten. Als Mittel hierzu wird Folgendes empfohlen: 1. Der König von Preußen muß den Titel Be- schützer von Deutschland annehmen. 2. Der König von Preußen muß al« Beschützer de« deutschen Volkes das Reichswahlgesetz von 1849 procla- miren und die Vertreter des deutschen Volke« sofort nach Berlin zur Eröffnung de« deutschen Parlaments zusam- menberufen. 3. Der König von Preußen muß sämmtlichen beut- schen Regierungen befehlen, sofort die Wahlen zum deut- schen Parlamente vorzunehmen. 4. Der König von Preußen muß sofort diejenigen deutschen Fürsten suspendiren, welche diesem Befehle nicht Folge leisten. Deutschland, wo Wissenschast und Künste am tiefsten ergründet werden, das Reich der Treue, der Kraft, der Mäßigung, des Fleißes und der Rcchtschaffenbeit, unser dennoch unbeschreiblich elende«, jede« Element politischer Hoheit und StaatSwohlfahrt entbehrendes Vaterland, soll und darf nicht seine besten Söhne für obnmächtige Herrscher opfern. Für das dynastische Interesse herrsch. süchtiger Thoren, deren mattes Herz keinen Raum hat sür da« erhebende Gefühl der Vaterlandsliebe, die den armseligen Flitterstaat einer Krone höher schätze» al« die Majestät einer Bevölkerung von vielen Millionen Men- schen, darf kein Tropfen deutschen Blutes fließen. Die Selbstständigkeit Deutschlands nach außen hin, das Da- fein der deutschen Nation darf nicht vernichtet werden, da« Vaterland nicht aus'« neu- gedcmüthigt werden sür das eingebildete persönliche Glück einer Anzahl klei- ner Despoten. Das Vaterland, befreit von seinem saul- sten Kerne— Oesterreich, bedarf eines Oberhauptes und Beschützers. Im zweiten Schriftstücke heißt es: Auf, deutsches Volk! Jetzt ist der große Augenblick gekommen, wo du alles Kleinliche vergessen und nur an Deutschlands Zukunft und Freiheit denken mußt. Auf der einen Seite stehen Oesterreich und seine verbündeten Basallenfürsten, die ihr Land in's Unglück stürzen, aber die Ersten sind, es zu verlassen, um in Wien die HeereSsolg« der vertriebene» Fürsten von To Scan a, Modena ic. zu vermehren; aus der andern Seite steht Preußen, jung, lebenskräftig, wie Oesterreich morsch und altersschwach, und selbst die Partei, die früher Preu- ßen so viel wie möglich aus sich selbst beschränkt wissen wollte, ist jetzt genöthigt, die Fahne der deutschen Zukunft zu entrollen. Ihr habt jetzt, deutsche Landsleute, was Ihr 1848—1849 so schmerzlich vermißtet, ein Preußen, welch.'« entschlossen ist, mit voller Macht für die Bunde«- reform und eine einheitliche Verfassung einzutreten. Ber- laßt Ihr jetzt die Fahne, so mag der Fahnenträger mit ehrenvollen Wunden fallen, aber Eure Sache ist so gut verloren, wie die seinige. Klagt dann künftig nicht, wenn Zeiten, schlimmer als die Metternich'schen, über Deutsch- land hereingebrochen sind, wenn die Ketten an der Nord- see klirren, wie an der Adria, klagt dann nicht, klagt dann über Niemanden, als über Euch selbst. Aber nein, Ihr werdet den großen Augenblick nicht verkennen. Ihr werdet Euch erbeben und Eure Fürsten, die auf Oesterreich blicken, wie ehedem die kleinen griechischen Tyrannen nach dem Macedonier als Oberschutzherrn, zwingen, die Waffen niederzulegen, oder noch besser, zwingt sie, die Waffen sür Deutschlands Unabhängigkeit von dem Habsburgischen Joche zu ergreifen. Die Ketten klirren, aber Der Gott, der Eisen wachsen ließ, Der wollte keine Knechte! Was sagt wohl die niinisterielle„Nordd. Allg. Ztg." zu diesem„Machwerk des Ocsterreichisch- Äugustenburgischen Prcßdürcau'S", nachdem sie fei- nerzeit ausgerufen:„Derartige Fabrikate werben niemals die Befürchtung in Deutschland erwecken, daß die Revolution sich an die preußischen Hahnen heften könnte"? In Paris theilt die„Agence HavaS" ein Rund- schreiben des Kabinets von St. James mit, in welchem erklärt wird, daß, sowie England alles gethan hat, um den Krieg zu vermeiden, es nun alle Anstrengungen machen wird, um neutral blei- den zu können, baß eS aber aus dieser Neutralität in dem Augenblicke würde heraustreten müssen, wo die große orientalische Frage von Neuem auf die Tagesordnung käme, und die genannte Cor- respondenz fügt hinzu, daß Rußland große Trup- penmassen in der Krim concentrire. Ferner spricht man in diplomatischen Kreisen von einem Circulare Gortschakoff's, in welchem zwischen den Zeilen zu lesen sein soll, daß, trotz aller persönlichen Sym- pathieen dieses Staatsmanns für Preußen, Ruß- land bock niemals eine Vernichtung Oesterrreichs zugeben werde. Die„France" bemerkt dazu, daß Rußland keineswegs beabsichtige, in dem bevor- stehenden Kampfe unbetheiligter Zuschauer zu blei- den, während die häufig zu ofstciösen Fühlern ver- wendete„Presse" dabei bleibt, daß Rußlands Haltung sich nach der Frankreichs richten werde. Zugleich conftatirt der diplomatische Correspondent der„Jndependance", daß die von Rußland einzu- nehmende Haltung mehr als alles Andere die„po- litischc Welt"(wohl den französischen Kaiser) be- schäftige. Dabei ist auch nicht zu llberseben, daß schon jetzt immer häufiger die„Nolhwendigkeil" eines früher oder später zu erfolgenden Rücktritts deö eng- tischen Whigministeriums ventilirt wird, nothwen- big,„um einem Toryministerium Platz zu machen, welches in der Lage wäre, der Politik Englands eine„den jetzigen Zeitumständen angemessenere" Richtung zu geben, und unter Anderm eine Ver- ständigung mit Rußland über die orientalische Frage herbeizuführen. Kurz: England und Ruß- land bleiben so lange neutral, als Frankreich neu- tral bleibt. Wenn aber Frankreich sich an dem jetzi- gen Kriege betheiligte, ohne durch seine eigenen Interessen dazu gezwungen zu sein, so würde,' nach der Ansicht der„Jndependance", Europa in zwei große Lager getheilt werden, es würden Schlachten geschla- gen werden, so entsetzlich mörderisch, wie zu Zeiten des ersten Kaiserreichs. Das fühle auch der Kaiser, und darum sei seine Haltung reservirter als je; er übernehme die Vertretung preußischer Interessen in Wien und München, um, wie dem Wiener Kabinel erläuternd erklärt worden ist, einen Beweis seiner Unparteilichkeit zu geben, und er lobe gleich. zeitig den Kaiser Franz Josef wegen der ge- mäßigten Sprache, welche in dessen Kriegs-Manifest vorherrscht,„ein günstiges Vorzeichen für die Wen- dung, welche der bedauernswerthe Kampf nehmen werde, den Europa so gerne vermieden hätte." Nichtsdestoweniger ist kein Mensch von der Auf- richtigkeit der Napoleonischen Friedensversicherungen überzeugt. Wenigstens schreibt man aus Paris, daß alle diese Versicherungen, alle die friedlichen Artikel der Regierungsorgane, ja sogar der gänz- liche Mangel an kriegerischen Vorbereitungen, nicht im Stande seien, die diplomatische Welt zu beruhigen, daß im Gegentheil jeden Tag neue Symptome zu Tage träten, welche darlegten, daß man in Europa durchaus nicht ohne Unruhe sei über die Absichten und Pläne Napoleons.— Gerüchts- weise verlautet, der österreichische Botschafter in Paris habe Einsprache gegen die Vertretung der preußischen Interessen in Oesterreich durch Frank- reich erhoben. In der Donaufurstenthümer-Angelegenheit treten die Gerüchte vom Abschluß eines rumänischen Bündnisses mit Serbien mit großer Bestimmtheit auf. Man bringt� Details über eine geheime Mif- sion, in welcher sich Demeter Bratiano beim Für-