Nr. 119«. Berlin, Mittwoch den N. Juli 1866. Zweiter Zchrgang. Locial-Wemokrat. Diese Zeitung ersiteint drei Mal wöchentlich und zwar: Dienstags, Donnerstag« und Sonnabend« Abend«. Organ der social-dtmokratischcn Partei. Redigin von Z. 8, B. Hosstetten und I. 8. v. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berlin, Alte Jakobstraße Nr. 67. Abonnements-Preis für Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich IS Sgr., monatlich 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.: bei den Königl. preußischen Post- ämlern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- land Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(st. 1. 10. südd., st. 1. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt« auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Tompagnie, Zimmerstraße 4L», sowie auch unentgeltlich von jedem„rolhen Dienstmann" entgegen genommen. 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Jedes Eingehen auf die österrei- chisch-französische Jntrigne wäre eine unauslösch- lichc Schmach für das aufstrebende junge Italien gewesen; eine Nation, welche eine Armee von 400,000 Mann unter den Waffen hat und wider- standslos dulden würde, daß fremde Mächte belie- big über ihr Land verfügten— eine solche Nation müßte nicht einen Funken Ehrgefühl haben. Wir freuen uns aber des italienischen Ent- schlusses nicht nur darum, weil er einer im Geiste der Neuzeit ausstrebenden Nation Ehre macht— wir freuen uns jenes Entschlusses vor Allen: darum, weil er Preußen, d. h. Deutschland und der dent- schcn Sache zu Gute kommt. Denn wir müssen festhalten und dürfen fortan nicht mehr auS den Augen verlieren, daß von dem Momente an, wo das Haus Lothringen anS Haß gegen Preußen die Einmischung Frankreichs in die deutschen Angelegenheiten provocirt hat, die Sache Preußens zur Sache Deutschlands geworden ist. Welches Unheil auch im Innern unseres Vater- landes entstehen könnte, niemals könnte es so ver- Verblich und schmachvoll sein, als eine Einmischung des bewaffneten Auslandes, die auf eine Verkleine- rung unseres Vaterlandes, wo möglich auf eine Theilung desselben abzielen würde. Kann in diesem Augenblicke noch ein Zweifel sein, daß, wenn wir noch etwas für Deutschland zu hoffen haben, nicht Oesterreich und die Bundes- wirthschaft, sondern nur Preußen die Stütze unse- rer Hoffnung sein kann. Was ist Oesterreich? Man lese die Wiener Blätter; sie sagen es selbst: ein geschlagener, gebrochener Staat, alters- schwach und ohnmächtig. Was sind die Bundesstaaten? Wohl bat man niemals allzugroßes Vertrauen auf die Widerstandskraft dieses Staatengesindels gehabt— aber daß dem ersten kräftigen Anprall gegenüber eine so gänzliche und unglaubliche Ohn- mackt zu Tage treten würde, das hat doch schwer- lict, irgendwer geglaubt. Und inmitten all' dieser Schwäche und Zer- nssenheit steht Preußen mit festgegründeter Macht da, mit slaunenswerther organisatorischer Kraft, einheitlich fest. Wenn, Dank dem Hause Lothringen, franzö- fische Armeen deutschen Boden zu betreten sich un- terfangcn sollten— wer könnte, wie jetzt die Dinge in Deutschland liegen, diesen Armeen ein neues Waterloo bereiten? Ganz allein die Armee, welcke die Schlacht von Königgrätz gewonnen! Und auch diese nur, wenn sie unterstützt und getragen würde von dem erwachten Volksgeist dcut- scher Nation. Als man das preußische Kabinel in Verdacht hatte, deutsches Land an den Franzosenkaiser ver- bandelt zu haben, da rief man aus großdeutscher Seite: Kein Fuß breit deutschen Landes darf ver- loren gehen! Als man also rief, da wollte man Oester- reich gegen Preußen unterstützen. Mögen diejenigen, die eS ehrlich gemeint haben, jetzt confcquent sein! Die Rollen sind vertauscht: Oesterreich hat die Einmischung Frankreichs herbeizuführen gesucht— gegen Preußen. „Kein Fuß breit deutschen Landes soll verloren gehen!"— ja wohl, Ihr Herren, wir sind einver- standen. Aber habet Acht, daß der drohende Ruf an die richtige Adresse gelange! Oder zweifelt Ihr noch, wo die richtige Adresse ist. Höret, was daS officiöse schwarzgelbe Organ zu Frankfurt a. M., die„Frankf. Postztg." schreibt: Man erwartet stündlich die Nachricht eines Waffen- stillstände« und der Berufung eines Friedens-Cougresses. Bi« dahin wird der zwischen den Bayern, dem 8. Bun- des-Armeecorp« einerfeil« und den Preußen andererseii« schon begonnene Kampf seinen Forlganz haben, mit wel- chem Ausgang, läßt sich nicht beuriheile». Eine momen- tane Besetzung der hiesigen Stadt durch preußische Trup- Pen liegt nicht außer der Grenze de« Möglichen, doch dürfte den sich bereil» zeigenden Besorgnissen der Ein- wohnerfchaft gegenüber daran erinnert werden, daß der mächtige Monarch, welchem jetzt die Vermitt- lerrolle zugesallen ist, schwerlich feindliche Maßregeln gegen Bundesstadt und Bunde«- b e h ö r d e zulassen wird. Der„mächtige Monarch" in Paris soll die deutsche„Bundesstadt" und die„Bundesbehörde" schützen. Das ist die„deutsche" Gesinnung Oester- reichs und seines Anhangs!— N u n d s ch a u. Berlin, 10 Juli. In Dentseiiland setzt Preußen seinen Sie- geSmarsck, auf Wien und auf Frankfurt a. M. fort, unbekümmert um die habsburgische Cession Veneliens an den französischen Imperator, unbe- kümmert um dessen WaffenstillstandSvorschlag im preußischen Hauptquartier und um die Annahme des Waffenstillstands„im Princip" sin solcher Weise soll er nämlich angenommen sein), während in Süd- deutsch land immer zahlreicher und immer mächti- ger die mahnenden Stimmen sich hören lassen, die da fordern, für die Sache der Fürsten und ihres ParticularismuS nicht weiter unnützes Blut zu ver- gießen, sondern es zu schonen für den Tag, wo der Kampf gegen den gemeinsamen Feind deutscher National-Ehre und Selbstständigkeit wird beginnen müssen. Hinsichtlich des französischen Waffenstill- standsvorschlages und der Haltung der preußischen � Regierung hat man es bis jetzt nur mit Mulh- maßungen zu lhun. Allgemein wird als»nbe- zweifelbar ange»omn:en, daß der König von Preu- ßen sich über jene Borschläge erst erklären wird, wenn er von„ehrenvollen" Anträgen für Frie- denspräliminarien Einsicht genommen hat. Auch darf als feststehend betrachtet werden, daß bei den jüngsten Verhandlungen Oesterreichs über die Ab- irerung Veneliens in Paris auch Bayern mit in's Vertrauen gezogen worden ist. Der Ausgang der ersten entscheidenden Schlacht ist zunächst abgeivar-. ret worden. Hätte hierbei Oesterreich den Sieg davon gelragen, so würde vielleicht Venclien gleich- falls abgetreten worden sein, jedoch nicht ohne Eom- pensativn für Oesterreich. Wie der König von Preußen noch vor Kurzem die Situation auffaßte, mag daraus geschlossen werden, daß er noch kurz vor seiner Abreise in's Hauptquartier der französi- schcn Regierung erklärt hat.�er beabsichtige nicht die Annexion Hannovers,»Sachsens und Kur- Hessens, sondern nur die Durchführung der Re« sormvorschläge; er werde aber andererseits in die Abtretung keiner Scholle deutschen Landes willigen. Das preußische Volk stimmt dem zweite» Theile des ProgrammeS bei, ist aber ganz entschieden gegen die Wiederaufrichtnng der vacant gewordenen Fürstenposten. Und wir denken, daß auch das deutsche Volk, so weit es nicht zum Troß jener Fürsten gehört, nichts dagegen haben wird. Ueber die Haltung Louis Napoleon'S und die daran sich knüpfenden Gerüchte schreibt der Pariser Correspondent der„Kreuz-Ztg." auS Paris vom 7. d. Mis.: Ich glaube die Ueberzengung aussprechen zu dürfen, daß der Kaiser weit entfernt davon ist, Preußen die Früchte seines Siege« verkümmern zu wollen; aber er würde ohne Zweifel seine Vorbehalte machen, wenn Preu- ßen— gleichviel in welcher Form— die Suprematie über ganz Deutschland anstrebte. Für Recht scheint er es zu halten, daß Preußen in den definitiven Besitz der Elbherzogthümer komme und an die Spitze de« nörd- lichen Denischland«(mit oder ohne Annectirung der be« treffenden Länder) trete, nicht aber würde er e« statthast finden, daß der deutsche Bund mit Ausschließung Oesterreichs reorganisirt werden sollte. So läßt man sich in den maßgebenden Kreisen au«. Was sonst jetzt schon gesagt und geschrieben wird, sind Eonjecturen und Erfindungen.— Der Wassenstillstands-Vorschlag ist llbri-, gen«„principiell" von Preußen und Italien angenommen worden. Einige Abendblätter wollen schon die Bcdin- gungen kennen: ich weiß jedoch nicht, ob sie gut unter- richtet sind. Diese Bedingungen wären: die Italiener besetzen eine Festung de« Bierecks, die Preußen bleiben in ibren Posttionen und werden aus Kosten Böhmen« verpflegt und Oesterreich macht sich verbindlich, weder sein Kriegematerial, noch die Zabl seiner Truppen l» vermehren.— Da« Gerücht, der Kaiser Napoleon werde Jieiutien nur gegen Compensationen an Italien wie- der abtrete», ist ans der Luft gegriffen. Die wichtige Nachricht, welche telegraphisch ans Italien kommt, daß nämlich General Cial- dini am 8. Juli über den Po gegangen und in's Venetianische Gebiet eingedrungen ist, wird die jubelnden Pariser wohl nüchtern gemacht und überzeugt haben, daß sie zu früh geflaggt und ittuJiiinirt haben, daß vielmehr der Krieg vielleicht erst recht zu beginnen im Begriffe steht. Nach der Metternichschen„France" nämlich theilt England die Ansicht Rußlands, daß die Organisation des deutschen Bundes durch einen europäischen Ver- trag zu Stande gekommen sei, also auch nur durch einen neuen europäischen Vertrag verändert werden könne. Keime genug sür einen allgemeinen Welt- krieg, in welchem auch Amerika eine Rolle spielen dürfte und auf den sich die Pforte bereits vorbe- reitet. In Oesterreich selbst hegt man die schlimm- sten Befürchtungen sür die Zukunft des Kaiferstaa- teS und die„Presse" erlheilt einstimmig der Re- gierung die ernstesten Rathschläge. So schreibt die Wiener„N. fr. Pr.": Ist es wahr, was man verbreitet, daß feit der ver- hängnißvollen Schlacht bei Königgrätz eine Nordarmee als taltische Größe nicht mehr vorhanden ist, ist es wahr, daß eine der schönsten Armeen, die Oesterreich jemals ins Feld gestellt Hai, von den Preußen nicht nur ge- schlagen, sondern zersprengt, gefangen und vernichtet wurde, ist e« wahr, daß diese« Preußen einen Sieg er- rungen, wie es einen solchen niemals zu träumen ge- wagt: so fürchten wir, daß auch die Südarmee nicht � mehr rechtzeitig aus dem Platze erscheinen kann, um den Feind aufzuhalten, die Reichshauptstadt erfolgreich ,u vertheidige» uud die siegreich vorrückende preußische Ar- mee zurückzuschlagen. Giebt es sür den Feind, der in diesem Augenblicke bereits die Elbe überschritten und die Prag-Olmlltzer Bahn beherrscht, kein militairisches Hin- derniß mehr, so ist Wien direct bedroht, und die Preu- ßen werden weit rascher in unserer Nähe sein, als die Slldarmee nns zu Hilfe kommen kann. Geht die Re- oierung nicht mit dem Gedanken um, ihren Sitz von Wien wegzuverlegen und die Reichshauptstadt gleich der Hauptstadt Böhmens dem Feinde preiszugeben, so ist dieser Plan unpraclisch. Mit den militairischen Mitteln allein ist überhaupt an eine Fortsührung des Kriege» mit Ersolg nicht zu denken. Unsere jetzige Regierung oder eine andere muß sich entschließen, die politischen Hebel in Bewegung zu setzen, die ihr zu Gebote stehen. Dazu gehört vor Allem die Berufung der Volksverire- tung dies- und jenseits der Leitha, die Berufung an da« Rechts- und Ehrgefühl, an die Begeisterung der Völker Oesterreichs und die Lösung der ungarischen Frage durch eine kaiserliche Initiative im großen Style. Im weiteren Verlvufe des Artikels bespricht die genannte Zeitung die Möglichkeit, daß Friedens- Verhandlungen mit Preußen eingeleitet werden könn- ten, und sagt in dieser Beziehung: Wa« denkt man wohl, das Preußen fordern wird? Sachsen, Hannover. Kurhesien. die Anerkennung der Oberherrschaft Preußens in Deutschland nicht allein; Preußen wird von uns die Abtretung mindestens einer unserer nördlichen Provinzen verlangen, und ist denn Oesterreich durch eine einzige Niederlage so furchtbar ge- schwächt, daß es keine andere Wahl hat, als feinen Schwerpunkt definitiv nach Ofen zu verlegen und zum Mittel staat herabzusinken, oder im Falle der Mäßigung Preußens fein Dasein von Gnaden des siegreichen Kö- nigs Wilhelm fortzufristen? Nein, wir fühlen uns tief, furchtbar gedemüthigt; aber daß eine einzige verlorene Schlacht uns so tief beugen könnte, dagegen empört sich selbst in dieser Stunde des Unglücks und der Verzweif- lung unser österreichisches Bewußtsein. Dazu herrscht im rumpfbundcSstaatlichen Lager gegenseitiges Mißtrauen. So beleuchtet der„wür- tembergische StaatSanzeiger" die Schlacht bei Sadowa(Königgrätz) in folgender, für die beut- fchen Verbündeten charakteristischer Weise: Die entscheidende Schlacht bei Horzitz(Sadowa) ist am 3. Juli geschlag« worden und ganz entschieden zum Nachtheile der Oesterreicher ausgefallen. Nach den zu- verlässigsteu Berichten von österreichischer Seite selbst war e« eine Schlacht, wie Europa seit Waterloo keine mehr gesehen hat. Die unglücklichen Sachsen müffe» fast ganz aufgerieben sein, da« edelste Blut ist mit beispielloser Hingebung vergossen worden. Fragen wir nach den Ursachen diese« ungeheuren Mißerfolge«, so werden aller- ding« die numerische Ueberlegenheit der Preußen und ihre Zündnadelgewehrc in erster Linie genannt werden. Der letzte Grund ist aber gewiß nicht in solchen Aeußer- lichkeiten zu suchen, er liegt viel tiefer.... Es kann jetzt keinem Zweifel mehr unterliegen, daß der preußische Angriffsplan nicht erst feit Monaten, sondern fett Jahren feststand, daß er mit außerordentlicher Eonsequenz vor- bereitet wurde, und daß man im entscheidenden Augen- blicke sich auch nirgend« einen Skrupel daraus machte, das wirklich zu wollen und zu thun, was man bisher im Geheimen gewünscht und erwogen hatte. Wie stand es dagegen ans der anderen Seite? Oesterreich und die Mittelstaaten haben sich fast bis auf den letzten Augen- blick gegenseitig paralisirt. Auch in Berlin hat man von einer Friedenspartei gesprochen; aber sie war unmächtig und verschwindend gegen den schon so lange und so fest stehenden Entschluß der eigenilich maßgebenden Kreise. In Wien dagegen konnte die Kriegspartei noch immer nicht entschieden dnrchdringen, als der Krieg längst nn- vermeidlich war. Allgemeine politische Rücksichten und die Rücksicht auf die noch z» gewinnenden deutschen Bundesgenossen, die sich nie positiv, sondern nur negativ gegen den Friedensbrecher eugagiren wollten, hielten die Kräfte gebunden. Deswegen waren die so oft denun- cirten miltelstaatlichen Rüstungen im entscheidenden Augen- blicke nirgends vorhanden und die österreichischen scheinen ebenso wenig in dem Grade vollendet gewesen zu sein, wie man vorauszusetzen berechtigt sein durfte. Von den 800,000 Mann, die aus den Beinen sein sollten, hatte Benedek bei Horzitz vielleicht 150,000 Mann beisammen gegen 240,000 Preußen, t??) Die„Bayer. Ztg." aber hält es endlich für ge- ralhen, ihr bisheriges Zaudersystem in einer länge- ren officivsen Auslassung zu entschuldigen. Darin heißt eS u. A.: Militärische Operationen können uud dürfen nicht von dem Regierungssitze aus geleitet werden, sondern nur von den Hauptquartieren der Feldherren aus. So ist es auch gegenwärtig. Sowohl zwischen dem Haupt- quartier der österreichischen Armee und dem der bayeri- schen, als zwischen diesem letzteren und dem Besehlshaber des 8. Bundes-Armeecorps haben Verabredungen statt- gefunden und besteht eine ununterbrochene Verbindung. In die Ausführung der festgestellten Pläne greist keine der Regierungen ein. Daß die Entsetzung des Hanno- ver'schen Corp« nicht gelungen, ist eine beklagenswerthe Thatsache. Die Ursachen hiervon werden seiner Zeit genau nachgewiesen werden können. Wir werden vorerst noch hervorheben, daß die Hannoveraner, welche zuerst in Eschwege standen, in welcher Richtung denselben die bayerischen Truppen entgegen zogen, plötzlich aus noch »nbekannten Gründen östlich nach Mühlhausen und Lan- gensalza sich wandten. Sobald hiervon Nachricht in das bayerische Hauptquartier gelangte, wurde auch die Marsch- richtung der bayerischen Truppen geändert, aber der hierdurch veranlaßte Zeitverlust blieb natürlich. Anderen, auf persönlichen Verdächtigungen be- ruhenden Gerüchten tritt das officielle Blatt sodann folgendermaßen entgegen: Der bisherige bayerische Gesandte am preußischen Hofe, Graf Montgelas, ist schon am 17. Juni abberufen worden und hat bald darauf Berlin verlassen, hat jedoch seinen Aufenthalt auf dem Lande in der Nähe von Pots- dam genommen, weil der Gesundheitszustand seiner schwer kranken Gemahlin im Augenblicke eine Reise gefährlich erscheinen ließ. Es ist demselben jedoch unter dem 30. v. M. eröffnet worden, daß, so sehr auch die Regierung auf Privatverhältnisse schonend Rücksicht zu nehmen ge- neigt sei, sie doch auf seiner baldmöglichsten Entsernung aus Preußen bestehen müsse. Das„Mainzer Journ." läßt sich indeß durch diese officiösen Eröffnungen in seinem Mißtrauen nicht stören. Es beschuldigt gleichwohl die bayer'- sche Regierung des geheimen Einverständnisses mit der preußischen Regierung, indem es sagt: Die Preußen handelten, natürlich unofficiell, so lange, bis sie da« verlassene und preisgegebene Hanno- versche Heer niedergelegt, bis sie die alleingelassenen und durch keine strategische bayerische Bewegung unterstützten oder erleichterten Oesterreicher mit ihrer ganzen verei- nigten Streitmacht umdrängt und theilweise besiegt hatten. Das Blatt fährt hierauf fort: Nach solchen Erfolgen glaubt man in Berlin auch des Possenspieles mit Bayern, das sich au« was immer sür Gründen dazu hergegeben halte, nicht mehr zu be- dürfen. Man brach die„Verhandlungen" ab. So er- klären wir uns einerseits den Abgang des bayerischen Gesandten von Berlin, während nian andererseits durch den Unwillen des Volke« sich gezwungen fand, den Ge- sandten wirklich abzuberufen.... Im Allgemeinen haben auch ganz nüchterne Beobachter aus dem bisherigen Thnen oder Nichtsthuen der Bayern wenigstens den Eindruck behalten, daß man sich in Bayern auf beiden Seiten, mag dann Oesterreich oder Preußen siegen, „möglich" erhalten, die Vorthcile der„bewaffneten Neu- tralität" ohne deren Nachtheile sichern möchte. Jedem von beiden möchte man im Falle de« Siege« sich zu- wenden und Anspruch auf Dantbarbeit bei ihm erheben können. Das Mißtrauen der Oesterreicher und Rumpf- bundesgenossen gegen Bayern scheint uns jedoch nicht gerechtfertigt. Die neuesten Actionen Bayerns gegen Preußen dürf'en dies bereits dargethan haben. Der Grund der auffälligen Säumigkeit in den Operationen der bayerischen Truppen scheint viel- mehr in anderweitigen Verhältnissen zu liegen. Die „N. Frkf. Ztg." erwähnt in dieser Hinsicht vor Allen; ein Gerücht, wonach die Unthätigkeit der bayerischen Armee in Bezug auf die Hannoveraner theilweise durch einen Etikeltestreil herbeigeführt worden sein soll, weil nämlich Prinz Karl von Bayern sich nicht einem bürgerlichen(oder einem im militairischen Rangverhältnisse niedriger stehen- den?) General(Benedek) habe unterordnen wollen, d. h. wohl, weil wegen eines solchen Etikette- streites die Frage der Bundesfeldherrnschaft nicht rechtzeitig habe gelöst werden können. Das„Schw. W." behauptet sogar in einer, für Bundesgenossen ziemlich seltsamen Sprachweise, daß die Operationen der bayerischen Armee sich deshalb verzögert hätten, weil ihr Obercommandant Prinz Karl seinen Auf- enthalt in München um fünf Tage verlängert habe, um die Ablieferung eines, zu seiner Feld'- ausrüstung bestimmten„Nachtstuhles" abzuwarten. Die Hülfe, die sonach von den Bayern den Han- noveranern nicht gebracht wurde, scheint man auch in den süddeutschen Städten nicht zu erwarten ober, wenn sie kommen sollte, nicht als ausreichend zu betrachten. In Rastatt werden für die Möglichkeit einer Belagerung Borbercitungsarbeiten getroffen. Aus der bayerischen Pfalz wird dem„Schw. M." geschrieben: Ein äußerst reger Verkehr von nächtlichen Extra- zügen mit hohen Offizieren zwischen Mainz-Landau- Germersheim-Rastatt mag darauf hindeuten, daß eine Umgehung der'Bundessestung Mainz durch einen starken Einfall der Preußen in Rheinhesseo von Kreuznach au» nahe bevorsteht, indem von Saarbrücken bis Kreuznach alle preußischen Truppen daselbst zusammengezogen wur- de». In Landau werden die schönen Alleen um die Stadt seit acht Tagen gefällt. Am Unbehaglichsten steint sich Frankfurt a. M. zu fühlen. Auf der rechten Mainscite werden Feldschanzen errichtet; aber man bezweifelt, daß durch diese Maßregel die Stadt genugsam geschützt sein werde. Das„Franks. Journ." will auch be- reits wissen, daß die Vcrschanzungen wieder einge- stellt seien. Hiernach scheinen die Väter der freien Stadt in ihrer Angst selbst nicht mehr zu wissen, was sie thun sollen. Die„Franks. Postztg." kommt ihnen daher mit einem guten Rathe entgegen, indem sie die Frankfurter auffordert, in der zu gewärti- genden Hülfe Napoleons Trost zu suchen.— Die Nachrichten aus Sachsen stellen eine Action gegen den für uneinnehmbar gehaltenen Königstein in Aussicht. Die wichtigste Thatsache, welche von Italien zu melden, ist, baß, wie schon erwähnt, am 8. d. Mts. General Cialdini mit seinem Armeekorps den Po überschritten und das venetianische Gebiet be- treten hat. Es scheint, daß die öffentliche Meinung Italiens durch die allerdings für Italien ehren- rührige Abtretung Venedigs an Frankreich im höch- sten Grade verletzt ist. Selbst wenn Victor Ema- nuel geneigt sein sollte, sich den Wünschen des Kaisers Napoleon zu fügen, er würde einen schweren Stand haben. DaS ministerielle Journal„Jta- lia" erklärt sich in folgender Weise: Also Oesterreich macht, da es nun nicht mehr im Stande ist, gegen Preußen und Italien da» Feld zu be- Haupte» und die Rache unserer Armee fürchtet, den Ver« such, uns zu entwischen, indem es uns dabei noch eine Beschimpfung in'S Angesicht schleudert I Oesterreich bildet sich wirklich ein, es könne sich Italien vom Halse schaf. sen, wenn es dasselbe zuerst demüthigte und dann Ve- netien räumte? Oesterreich, wir bedauern e«, hat sich einmal wieder gründlich getäuscht. Italien bleibt seinem Verbündeten treu; Italien steckt da« Schwert nicht eher in die Scheide, als bis, au« Deutschland und Ungarn verjagt, das Haus Habsburg ausgehört hat, eine Gefahr für die Nationen zu bilden. Wenn Erzherzog Albrecht die Räumung Venetien» beginnt, so kann er sich darauf ver- lassen, daß er bis Wien verfolgt wird. Das ist die Antwort der italienischen Armee auf die neue Frechheit de« österreichischen CabinetS. Am 5. Juli haben aber auch die kriegerischen Opera» tionen wieder begonnen, doch sind sie bis jetzt ohne Belang. Das bedeutendste Ereigniß war die Be- schießung des Brückenkopfes von Borgosorte am