Nr. 134. Berlin, Mittwoch den 15. August 1866. Diese Zeitung erscheint drei Mal wöchentlich und zwar: Dienstags, Donnerstags und Sonnabends Abends. Organ der social-dcmokra!lschcn Partei. Redigirt von I. v. V. Hosstetten und I. B. v. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berlin, Alte Jakobstratzc Nr. 67. Abonnements-Preis siir Berlin incl. Bringerlobn: vierteljährlich 15 Sgr., mo- natlich 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post. ämtern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Demsch- land l2Vi Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(st. 1. 10. südd., st. 1. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärts auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jevem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Zimmerstraße 48», sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeirer-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mir 3 Sgr. berechnet. Agentur für England, die Colonieen und die überseeischen Länder: dir. Bl-nder, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich:<1. A. Alexandre, Strasebonrg, 5. Rue Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. politischer Theil. Berlin, 14. August. Aus Augsburg erhallen wir umfangreiches Material über eine grcße Nclksversammlung, welche dort auf Veranlassung der Unfern zusaminengelrelen istj und auf welcher auch der verantwortliche Re- dacteur dieses Blattes in einer längeren Rede die dermalige politische Ausgabe der, deutschen Demo- kratie beleuchtet hat. Es ist kein Zweifel, daß die Nachwirkung dieser Versamnilung wesentlich dazu beitragen wird, unsere Sache im Süden festere Wurzeln fassen zu lassen und zu größerer Verbrei- tung zu bringen. Um das erwähnte Material unseren Lesern vollständig und baldigst mittheilen zu können, lassen wir morgen eine Extranum- mer erscheinen.— Rund schau. Berlin, 14. August. ES macht einen überaus komischen Eindruck, wenn man steht, wie in den obschwebenden großen Angelegenheiten Deutschlands ein Theil der preu- ßischen Presse, der sich in letzter Zeit mit einer wahrhaft„affenartigen Geschwindigkeit" in die „Logik der thatsächlichen Verhältnisse" zu finden ge- wüßt hat, mit einem Male, da die Probe ans das Rechenexempel der Mainlinie gemacht werden soll, die allerergötzlichsten Burzelbäume, oft bis zum Selbstmord schießt. Hier aus vielen einige Pro- ben. Die„Kölnische Ztg." schrieb am 8. August c.: Jetzt ist e« dem Grafen Bismarck gelungen, am 26. Juli durch den Frieden zu Nikolsburg einen deut- scheu Staat zu gründen, dessen Gleichen die We.lt- geschichte in ihrem langen Lause noch nicht ge> sehen. Der Fluch der Zerrissenheit hat über Ger- maniens Polksstämmen vom ersten Ursprünge an geruht, und was wollen die Völkerbündniffe, wie sie im vierten(?) Jahrhundert nach Christus auftauchten, sagen gegen den großen Völkerbund, der jetzt zu Stande gekommen ist. -- Allgemein wurde gefürchtet, daß vielleicht auch für Deutschland der hinkende Bote nachkommen, daß Napoleon III. zur Vergrößerung Preußen« nur unter der Bedingung einer kleinen„Grenzberichtigung" seine Zustimmung gegeben haben möchte. Bismarck ist ein Mann, dem man früher wenigstens dergleichen zutraute, und hätte Frankreich auch nur ein einziges deutsche« Dorf verlangt, so wäre ein Sturm des Unwillens gegen die preußische Regierung in ganz Deutschland ausge- krochen. Alle Feinde Preußens lauerten darauf, und die Lage unserer Regierung war eine bedrängte und ver- zweifelte geworden. Napoleon III. hat sich niäßiger, weiser und hochherziger gezeigt. Er hat die abnehmende Zahl seiner Feinde in Deutschland tief beschämt, er hat die wachsende Zahl seiner Freunde und Verehrer(Köln. Ztg.) hoch erfreut durch die von ihm bewiesene völlige Uneigennützigkeit. Er hat, indem er eine bessere, den nommen, als den schönsten, welchen es geben kann: die dankba, e Anerkennung einer ganzen Nation. „Kölnische Ztg." vom 12. August, also 4 Tage päter: Die Ursachen der Wandlung(Frankreichs) sind nicht schwer zu erralben. Wte zur Zeit, als Sartimen Mittel- Italien annectiren wollte, die sranzösijche Eifersucht aus das heftigste gegen die Bildung eines mächtigen Staates in Italien aufbrauste, so auch jetzt. Wie damals die Einheit Italiens, so wird jetzt die Einheit Deutschland« mit dem Iletnltchsten Neide in Frankreich angegriffen und angefeindet und als eine Gesahr sllr Frankreich dar- gestellt. E« ist geradezu widerlich in der jüngsten Rum- mer der„Revue des deux Mondes" alle die Phrasen lesen, mit welcher das französische Volk gegen die Be< mllhungen Deutschlands, sich eine bessere Versassung zu geben, aufgehetzt wird rc.-- So lange der Kaiser von Frankreich seine bisherige uneigennützige Politik fest- hält, kaitii er erwarten und hat jede Bürgschaft, daß Preußen sich auf den norddeutschen Bundesstaat beschränkt. Preußen mit seinen neuen Erwerbungen wird kaum 24 Millionen Einwohner zählen, mit sämmtlichen Bundes- staaten ungeiähr 28 Millionen, und es wird lange dauern, ehe die Einheit de« neuen Bundesstaates einen Vergleich aushalten kann mit der französischen seit Ludwig XI. und feit Richelieu so fest gegründeten Staatseinbeit. Das gewaltige Frankreich mit seinen 38 Millionen Ein- wohnern allein in Europa ist dem norddeutschen Bnn- besstaate zu Land und zur See noch weit überlegen. Welche Gefahren hätte Frankreich also von Preußen zu erwarten? Zählt doch Preußen mit allen Erwerbungen noch nicht so viel Einwohner, als Italien.-- Macht Frankreich mit feinen Forderungen Ernst, so würde die deutsche Einheit, über die sonst noch Jahrhunderte verfließen könnten, mit Einem Schlage ge- schassen. So sinkt jener Staat, der am 26. Juli durch den NikolSburger Frieden zu gründen dem Grafen Bismarck gelungen ist und„dessen Gleichen die Weltgeschichte in ihrem langen Laufe noch nicht gesehen", mit einem Male vor den noch ganz un- bestimmten und in der Luft schwebenden Drohungen Frankreichs nach der„Köln. Ztg." zu einem schwa- chen Staat herab, von dem Frankreich„keine Ge- fahren zu fürchten habe." Das also ist nach der emphatischen Herzensergüssen der„Köln. Ztg." durch den Frieden von NikolSbnrg aus Deutsch land geworden, aus jenem Deutschland, das vor 50 Jahren trrtz seiner Zerrissenheil, als es sich zusammenraffte, groß und gewaltig, daS mächtige und tapfere Volk der Franzosen unter der gran- diosen Führung des Onkel« unseres Neffen über den Rhein zu Paaren zu treiben vermochte. Wie hätte es je einem deutschen Blatte vor dem Ni- kolSburger Frieden in den Sinn kommen können, eine so klägliche Sprache unserem Nachbar im Westen gegenüber zu führen? Und um seinen früheren Lobpreisungen des Nikolsburger Friedens endlich den Gnadenstoß zu geben, gesteht das bie- dere Blatt endlich gar ein, daß auf dem einge- schlagenen Wege noch Jahrhunderte über die deutsche Einheit hingehen können, wenn nicht Frankreich Wünschen der Nation entsprechende Gestal... �, rc tung(!) der Dinge nicht blos nicht hinderte, sondern! tlttl jemen �.rooungen �.inst mache und dadurch sogar besörderte, keinen andern Lohn in Anspruch ge- � uns mit einem Schlage die deutsche Einheit bringe. Das Schmählichste und Schamloseste aber in Verleugnung deutscher Ehre und deutschen Naiio- nalgefühlS leistet die„Berliner Reforni". Bon einem Ende Deutschlands bis zum andern hallten die männlichen Worte König Wilhelms 1. von Preußen wieder, daß kein Fuß breit deutscher Erde abgetreten werden dürfe, und nun ist es so weit gekommen, daß die„Berliner Reform" in ihrer SonntagSnummcr zu schreiben sich erfrechen durfte, wie folgt: ES würde für Preußen die sehr ernste Frage ent- stehen, ob es nicht lieber ein Opfer bringen soll, UM feine Machtentwickelung durchzusetzen und ein Bündniß mit Frankreich zu schließen, das leine nächste Zukunft sicher stellte, oder ob da« neu gekräftigte Preußen, daS den österreichischen Kaiserstaat in sieben Tagen besiegte, als Repräsentant der deutschen Nationalehre austreten und Fraukreich« Forderung zurückweisen soll. Der An« sang zu einer solchen Nationalpolitik ist, wie c« scheint, gemacht, aber es wird sich immer wieder die Frage aufdrängen, ob die Verhandlungen mit Frankreich absolut zurückzuweisen sind. Man wird e« jedenfalls hören müssen, denn als Vermittler de« Friedens ist es dazu berechtigt, einen Lohn für feine Mühe zu verlangen. Und zwar versteht die„Berliner Reform", wie sie gleich hinzufügt, unter diesem Loh» die Abtre- tung deutschen Landes! Von officiöser Seite bemüht man sich jetzt, die so urplötzlich hereingebrochene Nachricht französischer EompensationSgelüste abzuleugnen. Die„Spcn. Ztg." schreibt: Die Berliner Abendblätter reproduciren auswärtige Telegramme, wonach die sranzöfische Regierung an Prem ßen aus Gebietsabtretungen hinauslaufende Forderungen gestellt habe. Wir sind in den Stand gesetzt, diese Nach« richl sllr unbegründet zu erklären und zu versichern, daß die freundschaftlichen und vertraulichen Beziehungen bei« der Regierungen durch keine der schwebenden Fragen be« einträchligt worden sind. Man muß die officiöse Sprache kennen, um auS diesem Dementi zuvörderst das zu entnehmen, daß jedenfalls Fragen über Gebietsabtretungen zwischen dem französischen und dem preußischen Cabinet schweben; daß sie sich nicht noch auf der Borstufe freundschaftlichen Ideenaustausches befinden sollten, ist bis jetzt von keiner Seite behauptet worden. Noch einen bestimmleren Blick in den sreundfchast« licheu Ideenaustausch läßt eine officiöse Mitthei« lung des Pariser„Constilutionell" thun. Auch er verweist auf die Grundlosigkeit der ausgestreuten Vermuthungen. Doch fügte er hinzu: Ohne Frage kann �s geschehen, daß Frank« reich sich ein Recht auf Compensalionen zu« schreibt, aber an ein bereits entworfene» Programm und an die erfolgte Verwerfung de« PrograM' me« zu glauben, das heißt denn doch den gewöhnlichen Gang diplomatischer Verhandlungen verkennen, das heißt die sehr srenndschasllichen Beziehungen, welche zwischen beiden Mächten bestehen, außer der Berechnung lassen? das beißt namentlich übersehen, daß das wirkliche Jntec« esse Frankreichs darin besteht, nicht einige unbedeutende Gebielsvergrößerungen zu erlangen, sondern Deutschland 'dabei zu unterstützen, daß e» sich auf die für seine In' teressen wie fitr diejenigen Europa'« Vortheilhafteste Weise 'constiiliire. Es kann keinem Zweifel mehr unterworfen sein, daß von Frankreich Gebietsabtretungen in Anregung gebrachr worden sind> Fraglich ist nur die Form, in weicher di« Vorschläge oder Andeutungen gemacht sind. Nach gUt unl'reichten Quellen stelh'sich die Sache �etwa so: Der französische Gesandte, Herr Benedetti, hatte in Wien zu verstehen gegeben, Frankreich habe sich dafür verwendet, daß die. Preußen nicht in Wien einrücken und Oesterreichs wie Sachsens Integrität unangetastet lassen würden. Gegen Annexionen Preußens in Äkorddeutschland habe Frankreich nichts einzuwenden, soweit sie sich auf den Zusammenhang des preußischen Gebietes beziehen. Darauf wurde jedoch bei den directen Verhandlungen im Hauptquartier zu Nikolsburg i die österreichische Integrität noch in Frage gestellt, und um sie nebst der sächsischen zu erlangen, habe Oesterreich Preußen ganz und gar im Norden freie Hand gelassen. Dies sei aber über Frankreichs Absichten hinausgegangen und darauf hin sei dann eine weitere Besprechung wegen der an Frankreich zu leistenden Compensationen erfolgt. Dem gegen- über wird jedoch versichert, daß Preußen dem be- dingungsweisen Ansinnen Frankreichs auf Gebiets- ablretunzen eine entschiedene Ablehnung entgegen- gesetzt habe, und man beharre in officiellen Krei- sen bei dem Zweifel, daß Frankreich es auf einen I Krieg ankommen lassen werde. Das kann aber auch mit anderen Worten heißen, daß Preußen von | dem beabsichtigten Umfange der Gebietseinverlei- düngen in Norddeuischland nachlassen werde. Nach der Schlacht von Königgrätz wurde die unerwartet aufgetauchte Nachricht von einer bewaffneten Ver- mittlung Frankreichs auch sehr bald wieder deinen- tirt. Dies hatte aber seinen Grund darin, daß die Vorschläge Frankreichs von Preußen angenommen wurden. Die Gebietsabtretungen, um die es sich jetzt handelt, würden sich auf die deutschen Gebiets« theile von Saarlvuis, Saarbrücken und Landau beziehen, d. h. auf die Wiederherstellung der fran- zösischen Grenzen gegen Deutschland von 1814. Die Unterhandlungen des Pariser Vertrages von 1815 halten nämlich nicht blos die Grenzen Frankreichs von 1790 wiederhergestellt, sondern noch einige Streifen hinzugefügt, u. A. die Festungen Landau und Saarlouis. Nach der Schlacht bei Waterloo wurde dann von de» Alliirtcn im Jahre f 1815 festgestellt, daß Frankreich nicht mehr zu ge- währen sei, als es vor der Revolution besessen und so verlor es jene Landestheile wieder, aus die sich jetzt seine Aufmerksamkeit gerichtet hat. Auf alle Fälle ist in Preußen die Beschleunigung des Ersatz- gcsckästcs angeordnet. Die Friedensverhandlungen in Prag haben am 10. August begonnen und besindcn sich, nachdem der Waffenstillstand auch zwischen Oesterreich und Italien geschlossen, im besten Gange. Der Frie- denSabschluß zwischen Preußen und Oesterreich wird schon in allernächster Zeil erwartet. Der Friede zwischen Oesterreich und Italien wird entweder gleichzeitig abgeschlossen oder doch nur im vcllkom- menen Einvernehmen mit Preußen. Die Vorbereitungen zu den von Preußen in Aussicht genommenen Annexionen sind, sicherem Vernehmen nach, in ununterbrochenem Gange. Es wird sogar behauptet, daß noch in dieser Session dem Landtage von der preußischen Regierung die auf die bevorstehenden Erweiterungen des preußi- schen Staatsgebiets bezüglichen Vorlagen gemacht werden. Die Nachricht, daß den sächsischen Städten er- hebliche Contributionen auferlegt werden, bestätigt sich nicht, doch unterliegt es keinem Zweifel, daß die von Sachsen zu leistende Kriegsentschädigung erheblich ausfallen wird, und man nimmt an, daß Preußen sich auch ein BefestigungS- und Besayungs- reckt in Dresden ausbediugen wird wegen der Nolhwenbigkeit, den Elbübergang durch eine» Brückenkopf zum Schutze Berlins dauernd z» sichern.— Die von der sächsischen Landescoinmis- sie n angeordneten Confiscalionen der Brochllie von Treilschke und des„offenen Briefes" von Arnold Rüge sind von dem preußischen Regierungskom- Niissar v. Wurmb wieder ausgehoben.— Die„Zig. f. Nordd." bezeichnet die Aufhebung des Preßdüreaus als eine Wvhllhat der provisorischen Verwaltung Hannovers. Durch dasselbe wurde die Provinzial- presse(in Hannover, fügt die„Nat.-Ztg." wahr- scheinlich zur Berhiudernng mißliebiger Berwechse- lnngen hinzu) vielfältig für reactionäre Zwecke be- nutzt. Die„Ztg. für Nortdeutschl." wird recht bald Gelegenheit bekouimen, nunmehr auch Ersah- ruiigen über das preußische Preßbüreau zu sammeln. — Aus Luxemburg erfährt die„Kreuz-Ztg.", daß die Bewohner des Großherzogthums einen lächer- licken Haß gegen Preußen zur Schau tragen, die „Rhein'sche Ztg." dagegen schreibt lhiien Angst vor einem �Anschluß au Frankicich zu � und dem zur deutschen Seite tiegenden Theile des Großherzog- lhuniS Neigung zur Annexion durch Preußen. Da- bei fällt uns die Anecdoie von jenem Correspon- denten ein, der für zwei Zeitungen entgegengesetzter Farbe schrieb und die Correspondenzen eine's guten TaaeS verwechselte. Die Wiener„Presse" zweifelt nicht mehr an einem Kriege zwischen Preußen und Frankreich und fügt mit frömmeln Augenverdrehen bei, baß sie das im Interesse Deutschlands höchlich bedauern würde. — Nach einem officiösen Artikel der„Const. Oesterr. Ztg." ist die Verfassungsfrage jetzt noch gerade eben so unreif, wie zur Zeit der Sistirung des Februarpatents. Man könnte, meint sie, durch eine unbedachte Beschleunigung die Zukunft des Staa- tes großen Wirren und Gefahren preisgeben. Ans PnriS wird gemeldet, daß der auswärtige Minister Rußtands, Gortschakow, zwar nicht offen- kundig und geradezu, doch desto eifriger unter der Hand und durch seine diplomatischen Agenten die Einmischung in die deutschen Angelegenheiten zu Gunsten der landflüchtigen Fürsten durch einen Kongreß betreibt.— Sämmtliche Pariser Blätter beschäftigen sich auf das Lebhasteste mit der deut- schen CompensationSfrage.— Die Mission der Kaiserin Charlotte scheint hauptsächlich eine Anleihe zum Zweck zu haben. Deutschland. Berlin, 13. August. sHerrenhaus.j Dritte Sitzung am 16. August. Auf der Tagesordnung stand die Adreßdebatle. Es liegen zwei Entwürfe vor. Der eine ist von der gewählten Adreßcom- iniision entwoi sen, der andere ist von dem Ober- bllrgermeister Hobrecht eingebracht, der sich in con- stitutionelle Opposition gegen die Adresse der Commitsion setzt. Herrn v. Kleist-Retzow paßt das in der Thronrede gebrauchte Wort„Indemnität" nicht. Das Herrenhaus dürfe dem Gedanken nicht Raum lassen, als hätte es seine bisherige Auf- fassung des Budgetrechls, mit welcher die Regierung übereinstimiiie, aufgegeben. In Betreff des Bor- Parlaments erwartet Redner, daß die Regierung alle demokratischen Ausschreitungen abschneiden und jede Gemeinschaft mit revolutionären Ideen weit von sich weisen werde. Oberbürgermeister Deetz erklärt, daß die bisherige„Stabilität" des Herren- Hauses sich nicht der Sympathieen des Bürger- thums erfreue. Diese Aeußerung wird von de» Mitgliedern des Herrenhauses jedoch übel verwen- del und Herr Waldow v. Steinhövel bemerkt, daß die Stabilität die constiiuiionelle Aufgabe aller Kammern sei. Schließlich wird der Entwurf der Adreßconimiision angenommen und der Hodrechtsche abgelehnt. — j Abgeordnetenhaus.) 5. Sitzung am 13. August. Der Handels mini st er überreicht die ociroyirte Verordnung wegen Aufhebung der Wuchergejetze zur nachträglichen Genehmigung. Der Minister res Innern überreicht die octro- yirle Verordnung über die Zuweisung der in Schlcs- wig-Holstein stehenden Truppen zum I. Potsdamer Wahlbezirk, ferner den Entwurf eines Wahlgesetzes „für den Reichstag des norddeutschen Bundes." Dieser lautet: Wir Wilhelm, von Gölte« Gnaden König von Preußen ic., veroronen unter Zilstimmnng der beiden Hauler de« Landtages der Monarchie, was folgt:§. 1. Wähler ist jeder unbescholteiie Preuße, welcher das 2b Lebensjahr zurückgelegt hat.§. 2. Bon der Be- rechtigung zum Wählen sind ausgeswlosseii: 1) Personen, welwe unter Vormundschaft oder Kuratel stehen; 2) Per« jouen, über deren Vermögen Konkurs- oder Fallitzustand gerichtlich eröffnet worden ist lind zwar während der Dauer dieses Konkurs- oder Fallitversahrens; 3) Per- sonen, welche eine Armen-Unterstützung ans öffentlichen oder Gemeindemittel» beziehen oder im letzlen der Wahl vorhergegangenen Jahre bezogen haben.§. 3. Als be« schölten, also von der Berechtigimg zum Wählen anSge- schössen, sollen angesehen werden: Personen, denen durch rechtslräfiiges Erkenntniß der Vollgennß der staatsbür« gerliche,, Rechte entzogen ist, soicrn sie in diese Rechte nicht wieder eingesetzt worden sind. ß. 4. Wählbar zum Abgeordneten ist jeder wablberechtigie Preuße, welcher das 25. Lebensjahr zurückgelegt und seit mindestens drei Jahren dem Staate angehört hat. Verbüßte oder durch Begnadigung erlassene Strafen wegen politischer Ver- brecben schließen von der Wahl nicht aus. tz. 5. Per- sonen, die ein öffentliches Amt bekleiden, bedürfen zum Eintritt in den Reichstag keine« Urlaubs, s 6. Aus durchschniltlich 100,000 Seelen der nach der letzten Volks- Zählung vorhandenen Bevölkerung ist ein Abgeordneter zu wählen. Ei» Ueberschuß von wenigstens 50,000 See- len der Gesammtbevölkernng wird vollen 100.000 Seelen gleich gerechnet. Jeder Abgeordnete ist in einem beson- deren Wahlkreise zu wählen, z. 7. Die Wahlkreise werden zuin Zwecke des SlimniabgcbenS in kleinere Be- zirke eingetheilt. F. 8. Wer das Wahlrecht in einem Wahlbezirle ausüben will, muß in demselben zur Zeit der Wahl seinen Wohnsitz haben. Jeder darf nur an Einem Orte wählen. K. 9. In jedem Bezirke sind zum Zwecke der Wahlen Listen anzulegen, in welche die zum Wählen Berechtigten»ach Zu- und Vornamen, Alier, Gewerbe und Wohnort eingetragen werden. Diese Listen sind spätestens 4 Wochen vor dem zur ordenllichen Wahl bestimmte» Tage z» JederniannS Einsicht auszulegen und ist dies öffentlich bekannt zu machen. Einsprachen gegen die Listen sind binnen 3 Tagen nach öffentlicher Bekanntmachung bei der Behörde, welche die Bekannt- inachnng erlassen hat, anzubringen und innerhalb der nächsten 14 Tage zu erledigen, worauf die Listen ge- schlössen werden. Nur diejenigen sind zur Theil nähme an der Wahl berechtigt, welche in die Listen aufgenom- men sind. K. 10. Die Wahlhandlung ist öffentlich; bei derselben sind Gemeinde- Mitglieder zuzuziehen, welche kein Staat«- oder Gemeinde-Amt bekleiden. Das Wahl- recht wird in Person durch Stimmzettel ohne Unterschrift ausgeübt, tz. 11. Die Wahl ist direot. Sie erfolgt durch absolute Stimmen-Mehrheit aller in einem Wahl- kreise abgegebenen Stimmen. Stellt bei einer Wahl eine absolute Stimmen-Mchrheit sich nicht heraus, so ist nur unter den 2 Kandidaten zu wählen, welche die ineisten Stimmen erhalten haben. Bei Stimmengleichheit ent- scheidet da« Loos.§. 12. Slellverlreier der Abgeordneten sind nicht zu wählen. Z. 13. Die Wahlkreise und Wahlbezirke, die Wahl-Directoren und da« Wahlverfah- ren, insoweit dieses nicht durch das gegenwärtige Gesetz festgestellt worden ist, werden von der Slaatsregiernng bestimmt. Der Wahlgesetzentwurf wird einer besonderen Commission von 21 Mitgliedern überwiesen. Außer- dem wurden noch zwei Adreßenlwürse von den Abgg. Gneist und Walbeck eingebracht. Nächste Sitzung Dienstag 1 Uhr. Tagesordnung: Entgegennahme von Regierungsvorlagen und Wahlprllfungen. Ausland. H. Paris, 12. August. sDas Drängen der Franzosen nach„Grenzberichtigungeii." Unvermeidlicher europäischer Krieg.) Die ganze französische Presse, ohne Unterschied der Par- teien, stinimt plötzlich das Lied von der„Grenz- berichligung" an. Die„Oesterreicher von Paris" schüren den Brand, um einen Conflikt zwischen Frankreich und Deutschland heraufzubeschwören, der eine franco-österreichische Allianz herbeisühreu, und die errungenen preußisch-deutschcn Resultate wieder in Frage stellen würde. Aehnliches erwarten die Oppositionsjournale von der Farbe der„Temps," die in jeder Centralisation, auch in der deutschen unter preußischer Leitung, ein Attentat auf die Freiheit erblicken, da ihr Liberalismus wesentlich föderalistischer, separatistischer und individualistischer Natur ist. Diese Farbe war sonst immer für den Frieden a tout prix, weil sie sich von ihm die langsame aber sichere Entwickelung der Macbt der Bourgeoisie versprach. Heute aber will sie um jeden Preis den Krieg gegen Preußen, damit zwei centralisirte Staaten, Frankreich und das vereinigte Deutschland, sich gegenseitig aufreiben.— Endlich erhebt auch die bisher preußenfreundliche Presse, an deren Spitze„Siecle" und„Opinion Nationale" stehen, ihre Ansprüche auf eine Grenzberichtigung, weil Preußen mehr errungen habe, als man er- wartete, d. h. weil Deutschland, statt sich in Süd