Nr. 136. Berlin, Freitag den 17. August 1866. Zweiter Jahrgang. Socilll-Dcinolirnt. Diese Zeitimg ersckeint drei Mal wöchentlich und zwar: Dienstags, Donnerstags und Sonnabend« Abends. Organ der social-demottaUschen Partei. Redigirt von I. 8. v. Hofstetten und J. B. v. Schweitzer. Redaction und Expedition- Berlin, Alte Jakobstrajje Nr. 67. Udonnements- Preis für Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 15 Sgr., wo- natlich 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Sönigl. preußischen Postämtern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- land 12Vs Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(fi. 1. 10. sitdd., sl. L österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt» auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Zimmerstraße 46», sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienkmann" entgegen genommen. Zoscrate(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit ll Sgr. berechnet. Agentur für England, die Eolonieen und die überseeischen Länder: dir. Bvcder, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Squaro W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassboarg, 5. Kue Brnlee; Paris, 2. Cour dn Commerce Saint-Andre-des-Arts. politischer Theil. Rundschau. Berlin, 16. August. Schnell wie das Gespenst von GedielSadtre- lungen Deutschlands an Frankreich hcraufbe- schworen wurde, suchen die officivscn Organe Frankreichs mit dein Sckweif der übrigen Presse quf gegebenen Wink die öffentliche Meinung wie- der abzuwiegeln. Es würden sich ihnen zufolge nach diesen« Zwischenfall die freundschaftlichen Be- ziehungen Frankreichs und Preußens sogar noch fester knüpfen. Man hat jedoch taS aufregende Gelärm der officiellen Allarmirommeln wie das jetzt konimandirle Friedensgeflöte mit gleicher Vor- sicht aufzunehmen, wenn auch vor der Hand zu keinerlei kriegerischen Befürchtungen Anlaß zu sein scheint. Zunächst läßt sich die preußische„Prov.- Corr." über diesen diplomatischen Zwischenfall ans wie folgt: Die Stellung de« Kaiser« Napoleon zu den wichtige» Entwickelungen in Deutschland hat demselben seither die einmüthige Anerkenming aller deutschen Patrioten zuge- wandt und die Achtung erhöht, welche seiner einsichtigen und gemäßigten Politik seit Jahren in immer steigendem Maße gezollt worden ist. Um so mehr mußte ee über- raschen, al« französische Blätter und Korrespondenten vor etwa acht Tagen mit einer gewissen Zuversicht meldeten: die französische Regierung habe zur Ausgleichung de« Machtzuwachses, welchen Preußen in Folge des letzten Kriege« gewonnen habe, auch für Frankreich eine Ge- bietSerweiternng und zwar auf Kosten Deutschlands in Antrag gebracht. Die Bestimmtheit, mit welcher die Nachricht auftrat, rief überall in Preußen nnd in ganz Deutschland eben so großes Befremden, wie lebhafte Be- sorgniffe wegen einer neuen Störung de« Frieden« her« vor. Diejenigen freilich, welche die Politik des Kaisers Napoleon mit Aufmerksamkeit verfolgt hatten, hielten sich von vorn herein für berechtigt, an der Bcgründuiig jener Besorgnisse zu zweifeln. Sie waren überzeugt, daß der Kaiser die Politik der Weisheit nnd Gerechtig- keit, welche ihm die Anerkennuitg der Regierungen und der Völker nnd eine Stellung voll Autorität in Europa eingetragen hat, nicht plötzlich ausgeben würde, daß er zumal von der Achtung vor berechtigten nationalen Wünschen und Bestrebungen, welche ihn in seiner Hand- lungSweise seither geleilet hat, Deutschland gegenüber nicht abweichen würde. Die Anerkennung, welche die Politik des Kaisers überall in so vollem Maße gesunden hat, ist eine Quelle der Genugthuung und der Beriihi- gung für Frankreich eben so sehr, wie eine Grundlage mehr für die danernde Befestigung des Kaiserhauses in- mitten der europäischen Fürstenhäuser geworden. Die widerstrebendsten Geister haben sich der Macht dieser Thatsache nicht entziehen können. Welche« Interesse, welche Begehrlichkeit nach unbedeutendem Ländererwerb sollte den Kaiser bestimmen könneii, durch Abwendung von seiner bisherigen Politik die Gemüther, die er für sich gewonnen hat, sich zn entfremden?— Die Thal« fachen stehen mit solchen Erwägungen im Einklänge. In dem Meinnngs-AuStausch über die politische Nenge- staltung Deutschlands hat sich stets und bis zur Stunde gezeigt, daß es der Regierung des Kaisers Napoleon, so sehr sie über den berechtigten Interessen Frankreichs wacht, doch fern liegt, au« den gegenwärtigen Verhält- nissen einen Anlaß zu Schritten zu entnehmen, welche die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Preußen irgendwie stören könnten, daß der Kaiser vielmehr in voller Uebereinstimmung mit de» bisherigen Grundsätzen seiner Politik entschlvsse» ist, Deutschland in der EntWickelung wahrhast nationaler Einrichtungen »ngehindert gewähren zu lassen. Wenn entgegengesetzte Aiiffaffungen auf Grund inißyerstaiidener Andeutungen über die Absichten de» Kaisers Verbreitung gefunden haben, so scheint die« vorzugsweise von dem Einflüsse der Parteien in Frankreich herzurühren, welche in Oppo- sition gegen die kaiserliche Regierung die französische Po- fitik in bedenkliche Bahnen zu drängen suchen. Gleicherweise gehl der vorgestrige„Abendmoni- leur" in seinen friedlichen Versicherungen noch wci- ter als die mehrfach angezogene Note des„Consti- lutionell." Die cfficiöse französische Presse bemüht sich, die Meinung hervorzubringen, daß Frankreich der Gedanke eines Bruches fern liege. Doch muß man daran festhalten, daß die Verhandlungen we- gen Gebietscompensationen mit Frankreich nicht ge- schlössen sind. Die französische Regierung hat bis jetzt noch nicht auf jedes eigene Interesse für ihre Vermittlerrolle verzichtet und dehält sich ihr eigenes Programm vor, bis sie von Preußen die gewünsch. ten Aufklärungen erhalten. In demselben Sinne faßt auch der gewöhnlich gut unterrichtete Cor- rcspondent der„Köln. Ztg." die Sachlage auf. Hoffentlich, sagt er, wird sich auch in dem weiteren Verlauf der Verhandlungen eine wirklich friedliche Absicht der französischen Regierung kund geben. Er will die Angabe auf sich beruhen lassen, daß Frankreich zn einem bedrohlichen Vorgehen, nament- lich mit seinem Pferdebestande, im Rückstände sei und was der pessimistischen Auffassungen mehr seien. Die Friedensverhandlungen zwischen Preußen und Oesterreich, schreibt die„Prov.- Corr.", dürften bald zu einem erwünschten Abschluß führen; sie haben nur durch unumgängliche Aus- einandersetzungen eine kurze Verzögerung erfahren. Nicht geringe Schwierigkeiten bietet namentlich die Auseinandersetzung über den Antheil am Bundes- eigcnlhum dar. Die Verhandlungen mit den süddeutschen Staaten werden in Berlin von dem Ministerpräsidenten Grafen Bismarck selbst ge- leitet. Mit Würteniberg ist bereits ein Friedens- vertrag zu Stande gekommen, ein Gleiches dürfte Baden gegenüber bald erfolgen. Mit Darmstadt schweben die Verhandlungen noch. Mit Bayern haben die Verhandlungen eine Unterbrechung er- fahren, während der Wassenstillstand mit Bayern am 22. August abläuft. Als Grund der Unter- brechung wird bald das Verlangen Preußens wegen gewisser Gebietsabtretungen zur Entschädigung Hessen-Darmstadts angegeben, bald die Höhe der KriegSkostcn, welche in unverbürgter Weise auf 20 Millionen Gulden veranschlagt worden. Man vermuthet, daß partikularistische Einflüsse, die auf einen Conflict mit dem Auslände spcculiren, auf Bayern einwirken. Wie die„Kreuz-Ztg." erfährt, hat sich Würkemberg verpflichtet, an Preußen 8 Millionen Gulden zu zahlen, wogegen dem Groß- herzogthnni Hessen-Darmstadt eine Kontribution von 7 Millionen auferlegt sei.— Wie bestimmt verlautet, ist die Einverleibung von Hanno- v e r, K u r h e s s e n, Nassau und Frankfurt in Preußen entschieden und sollen die betressenden Vorlagen sogar schon in nächster Zeil den preußi« schcn Kammern— die„Rhein.-Zig." will wissen, schon in nächster Sitzung— unterbreitet werden. Die Verhältnisse Oberhessens können nur durch den Friedensschluß mit Darmstadt geregelt werden, welcher wieder mit dem Friedensschluß mit Bayern insofern zusammenhängt, als das letztere zu einer GebielSentschädigung an Darmstadt veranlaßt wer- den soll. Die„Prov.-Corr." äußert sich folgender- gestalt über die bevorstehende Einverleibung der von Preußen besetzten norddeutschen Staaten: Die norddeutschen Staate», welche auf Grund des rechtswidrigen Beschlusses de« früheren Bundestage« vom 14. Juni die Waffen gegen Preußen ergriffen haben, sind in Folge der Siege unserer Heere durchweg i» Preußens Hand. Unsere Regierung ist nach dem Böl- kerrecht befugt, die betreffenden Länder dauernd in Besitz zu nehmen, und bei den seitherigen Friedensverhand- lungen ist dafür gesorgt worden, daß ihrer völlig freien Verfügung darüber, außer in Betreff Sachsen?. kein« Bedenken entgegentreten. Bei der weiteren Entscheidung über die in Rebe stehenden Länder kann nur da« ge- ineinsame Interesse Preußen» und Deutschlands maßge- bend sein, vor welchem alle sonstigen Rücksichten unbe- dingt zurücktreten müssen. Vor Allem muß dabei in Betracht kommen, daß jene Länder, wenn sie in ihrer volle» Ausdehnung oder auch in geringerem Umsauge eine selbstständige Regierung behielte», vermöge ihrer Lage mitten inne zwischen den bisher getrenuten Thei- len Preußens bei einer feindlichen oder irgend iinsichere» Stellung den Aufgaben unserer Politik die erheblichsten Hindernisse bereiten und einen Heerd gefährlicher Wüh- lereien gegen Preußen bilden könnten. Die preußische Regierung wird daher von dem Recht, welche« sie durch die Entscheidung der Waffen errungen hat, vollen Ge« brauch machen und mit den erforderlichen Maßregeln zur Vereinigung der betreffenden Länder mit Preußen unverweilt vorgehen. Sie darf vertrauen, durch Festig- keit und zugleich durch schonende Behandlung berechtig- ter Eigenthiimlichkeiten und Empfindungen die Bevölke- rungen der neu erworbenen Länder allmälig eben so fest und innig mit dem Scepter der Hvhenzollern»nd mit dem preußischen Staate zu verknüpfen, wie alle die Lan- destheile, welche im Laufe einer wunderbareu Geschichte im Osten und Westen zu dem ursprünglich kleine» Kern der brandenburgischen Lande hinzugetreten sind.— Be- reit» sind Schritte geschehen, um die Verwaltung der in Besitz genommenen Staaten weiter zu regeln. Der Ge- ueral v. Voigts-Rhcy, einer utiserer angesehensten Generale(bisher Ehef de« Generalstabes der zweiten Armee), ist zum General-Gonverneur von Hannover er- nannt,— der frühere Finanzminister, Freiherr v. Pa- tow, mit der oberen Leitung der gesammten Berwal- tung der»euerding« von der Main-Armee okkupirten Staaten(Frankfurt a. M., Nassau, Oberhesseu nud Franken) beauftragt worden. Die Verwaltungsverhältnisse namentlich die Stellung und Verpflichtung der seitherigen! Beamten, gegenüber der preußischen Regierung, werden letzt in alle» jenen Ländern unverzüglich eine festere und Zuverlässigere Gestaltung eichalten. Bei Sckluß der Redaction ging noch nach- stehende Tepesche ein: Die„Bayerische Zeitung" ist gegenüber den Aeuße- Zungen verschiedener Blätter in den Stand gesetzt zu ver- sichern, d»ß die Friedensverhandlungen zwischen Bayern Und Preußen nminterbrochen Fortgang haben. In Mainz geben sich im Schooße der Bür- 1 gerschaft Agitationen kund, welche sich gegen die' �Heilung Deutschlands richten und eine genieinsame Centralgewalt mit dentschem Parlamente verlangen. � Die„Köln. Ztg." fühlt sich darüber verschnupft,! Weil nicht absolute Annexion verlangt worden. »Jenen Standpunkt," sagt sie,„zähle Preußen schon längst zu den überwundenen, aus welchen es kein Gewicht legen werde."— Conservalive Bür- ger Wiesbadens haben der Herzogin von Nasian eine Adresie zur Zustellung an ihren Gemahl über- reicht, in welcher sie um Frieden mit Preuße» und Rückkehr des Herzogs bitten. Stolz wie eine Spanerin verweigerte die Herzogin jedoch die An-! nähme, weil der Herzog am besten wisse, was er j zu lhun habe, auch verhalte es sich mit den Sie- gen Preußens nicht so, wie es die Zeitungen schrieben: ein Umschwung stehe nahe bevor.— In Wien ist der Finanzminister Gras Larisch von seinem dornenvollen Posten zurückgetreten und an seiner Stelle hat vor der Hand Frhr. v. Hock die Geschäfte des Finanzministeriums übernommen. Die unmiitelbare Ursache, welche den Grasen Larisch zum Rücktritie bewogen hat, ist die Finanzlage des Reichs. Der Graf wollte zn den weiteren sinan- jiellen Maßregeln und namentlich zu einer Zinsen- reduction der Staatsschulden nicht die Hand bieten, welche einem chalben StaatSbankerolt gleichkommen würde.— Der„A. A. Ztg." wird aus Wien über die Friedensverhandlungen zwischen Oesterreich, Preußen und Italien geschrieben: Heute glaube ich Ihnen mit aller Bestimmtheit mit- thcileu zn können daß wir, während die.Zeitungen fast ausschließlich von Friedensverbandlmigen zwischen Oesterreich, Preußen und Italien sprechen, neuen kriegerischen Verwickelungen näher stehen,-als man allgemein annimmt. Wahr ist, daß Preußen die Lerechtigimg Frankreichs Kompensationen zu verlangen, vorläufig nicht anerkennt, Und wahr ist es auch daß der prcußisch-italienische Ver- trag sich nur ans Veneticn bezieht. Allein der Bertrag hat eine geheime Clansel, welche mit der französisch- Preußischen Eompensationssrage in indirectem Zusammen- hang steht. Preußen gesteht nämlich Italien eine der preußischen Gebietsvergrößerung entsprechende AuSdeh- nnng zu. Der Arrondirung PrenßenS im Norden ent- spricht jene Italien« durch Venedig. Für den Fall aber daß Preußen zn weiteren Erwerbungen schreiten sollte, find auch für Italien solche in Ansicht gestellt. Nun stützt sich Preußen in feiner Zurückweisung der französischen Eompensationsfordernng darauf, daß die GebietSver- änderungen in Deutschland eine innere deutsche Frage, Dentschlauv um Oesterreich sogar verkleinert wor- den sei, Frankreich sich also keiner Gebietserweiterung Deutschlands gegenüber sehe, mitbin auch seinerseits keine«erlangen dürfe. Die Anerkeminng französischer EompensationSfordernngen wird mithin ziemlich unvcr- btllmt davon abhängig gemacht, daß Frankreich weitere Preußisch«Eroberungen in Oesterreich zulasse. Geschieht dibß, dann erhielte gemäß der pbbn erwähnten geheimen Elcrtisel auch die italienisch-preusirsche Allianz ncne Objecte. In ParjA stimnie» nach dem Beispiele des „Momtrur" auch die halbamtlichen Blätter plötzlich einen ganz anderen Ton an. Das„Pays" geht sogar so weil, zu behaupten, der Kaiser habe nie- Wals durch persönliche Ansprüche den moralischen Sieg verringern wollen, den seine Ideen und seine! Grundsätze im Triumphe Preußens gefeiert haben, i Wenn dieses aber,„durch sein Billigkiitszefiihl' veranlaßt," dem Kaiser„eine Entschädigung oder' sonst Bürgschaft anzubieten geneigt wäre, so würde dieser ihm Dank wissen." Die bekannten Gerüchte � deinen! in das„Pays" unbedingt. Hiermit wäre, also der Charakter des weiteren Ganges der fran- zösssch- preußischen Unterhandlungen gekennzeichnet.! � Außerdem wird der„Rhein. Ztg." aus Paris geschrieben: Nach Allem, was an« zuverlässigen Quellen verlautet, will Napoleon in der That in erster Linie den Frieden, sowohl in Italien wie in Deutschland, und wenn er die Eompensationssordernngen fallen läßt, so wird er seine Friedensliebe thalsächlich glänzend docmnenlirt haben. Was die Form betrifft, in welche Frankreich seine Wünsche eingekleidet hat, so dient als Anknüpfnngspilnkt die von Preußen beabsichtigte über das ursprüngliche Programm hinausgebende Annexion in Norddeutschland. Frankreich findet, daß durch dieses Verfahren die nene Organisirung Dentschlaiids zu sehr ibren deutschen Charakter verliere und lediglich als Vergrößerung Preußens erscheine; d. h. Frankreich bar sich ohne vorherige Verabredung mit Rußland in dem Wunsche für die Erhallung der Dynastien begegnet und das gewiß nicht im Interesse der deutschen Machtentwickelung. In Voraussicht einer so umfassenden MachterweNmmg Preußens wurde also die Frage der Garantieen für Frankreich angeregt und ganz hypothetisch die Grenze von 18l4 als Basis einer Verständigling vorgeschlagen, eine formelle Forderung also nicht aufgestellt.— Ueder die Wünsche der Kaiserin vo» Mexiko verlautet folgendes Nähere. Sie betreffen ver- schiede»? Punkte- Der erste davon ist: eine Ver- schiebung deS Abmarsches des ersten französischen Truppentheils vom November auf April nächsten Jahrs zu erlangen, bis die' zur Zeit in Bildung begriffene einheimische Armee erheblichere Fort- schritte gemacht haben werde. Als zweiter Punkt wird die sofortig« Abberufung des Marschalls Ba- zaine, über welchen Kaiser Maximilian durch das Organ seiner Gemahlin bittere und, wie sich so- fort ergeben wird, sehr begründete Beschwerde führen läßt, erbeten. Der dritte zu erörternde Punkt betrifft die eigentliche Achillesferse des jun- gen Staats, die Finanzen. Nach den getroffenen Vereinbarungen sollte derselbe im Januar 18L7 an den sranzösiichen Staatsschatz die Summe von 30 Millionen Franken auf die empfangenen Vorschübe zurückbezahlen— eine Leistung die, wie jetzt schon klar am Tage liegt, eine inaterielle Unmöglichkeit ist. Die Kaiserin verlangt hierfür eine Verlange- rung der Zahlungsfrist um zwei Jahre. Sobald die Kaiserin jedoch auf die Geldfrage zu sprechen koniint, hört alle Geimilhlichkeit auf und man ver- muthet, daß ste unverrichteter Sache nach Hause gehen oder vielleicht auch in Europa bleiben wird. — BemerkenSwerrh ist es, daß die hohe Dame, als sie bei ihrer Ankunft in Europa zuerst von dem Kriegsnnglück Oesterreichs hörte, sich nichts weniger als detrübt über diese Nachricht geäußert hat. Eine Correspondcnz der„Jndependance" berich- tet über den Verlaus des diplomatischen franzöfisch- preußischen Zwischenfalles Folgendes: Die Ausregung, welche die iu Berlin angeknüpften Unterhandliliigen hervorgerufen haben, scheint sich bernhi- gen zu wollen, wenigstens, was die Regionen der vsfieiel- len Welt und der Diplomatie betrifft. Herr Benedetti, welchen diese Verhandliingeii zurückrufen, trotz seines Wunsches, einige Zeit in Paris zuzubringen und der noch beute Abend wieder aus seinen Posten abgeht, bringt Worte des Frieden« und der Freniidschast mit. Dieser Diplomat,«elcher während seine« Ausenthalte« in Frank- reich foitwährend»lil dem Kaiser Napoleon konseririe, hat sich hinreichend in den Gedanken und die Wünsche des StäatSoberhaupleS einweihen könne». Es steht fest, daß Frankreich durchaus entschlosien ist, sich nicht mit PrenßeÜ zn Überwersen; der Kaiser hat dieS sehr offen erklärt und da« Verbalteil des Herrn Benedetti vollst«»' big gebilligt, der in Berlin stets die Theilnahme betvnt bat, welche der Kaiser für dag Werk der Wiedergeburt Deutichland« und ganz besonder« für Preußen empfindet. Die Besprechungen, weiche in, Folge so bedeutender Ver- änderungen jenseits de« Rheins augeknüpst worden sind, haben keinen Augenblick den freundschastlichen und ver. traulichen Character überschritten, den-sie bis jetzt be- saßen. Man konnte die durchgreifenden. Aeiiderungen. des preußischen Programms in Betreff der Annexionen im Norden nicht unbemerkt lassen, aber die* Eompensa« tivnsfrage ist erst in zweiter Linie erhoben worden. Die Bemerkungen Benedetti'« ballen sich in erster Linie, nur aus die der norddeutschen Staaten im Einklang mit den Interessen Europa'« z» gebende Orgainsatio» bezogen. Es scheint mit andern Worten, daß, ohne sich gegensei- tig verständigt zu haben, Frankreich sich bis zu eine, in gewissen Punkte mit Rußland in den Bemerkungen he- gegnete, welche Herr Benedetti gegen die zukünftigen Pläne des Berliner Kabinets mitziitbeilen hatte. D'«f« Pläne hätten den Fehler, nicht deutsch genug zu sein, (indem sie die deutschen Verhältnisse im Großen und Ganzen in der Schwebe ließen) und andererseits zu sehr den Character preußischer Vergrößerungen zu tragen. Aus dem Gesichtspunkte guter Beziehungen zwischen den beide» Staaten und dem feriieren Gesichtspunkte mili- tärischer Sicherheit wäre man dann auf die etwa Frank- reich zu gewährenden materiellen Garantieen zn sprechen gekommen. Wenn ein Programm formulirt worden ist, so geschah die« nur zur Information, als Basis gleich- ! sam, um die Idee Preußens auf das, was etwa gethan werden konnte, zu richten; aber man versichert, daß bis I beut keine formelle Forderung weder in dem einen, noch dem andern Sinne gestellt worden ist, d. h. daß Frank- reich sich nicht über die Arrangements erklärt hat, die ihm in Deutschland zusagen würden, und daß e« keine ! bestimmten Ansprüche in Betreff der etwa zu erlangen- � den Gebietstheile aufgestellt hat. Indessen wurde aller- Vings von fianzösischer Seile zu verstehen gegeben, daß j die Grenzen von>814 eine billige Compensation und die Basis für ein den engagirten Interessen entsprechendes i Arrangement sein würden. ! Es muß nun weiter bemerkt werben, daß die den Eröffnungen Benedetti'« von Seiten des Herrn v. Bis- marck gewordene Ausnahme eine derartige gewesen ist, daß man augenblicklich die Kluft ermessen konnte, welche die Anstchten der beiden Regierungen trennt. Herr v. Bismarck erklärte, daß e« für jede deutsche Regierung, welche es auch sei, unmöglich wäre, Abtretungen beut- schen Gebietes zu machen; die Frage nach dem Umfang dieses Gebietes sei eine vollständig sekundäre. Er er- kannte wohl a», daß es Gründe geben möge, welche die sranzönsche Regierung zum Handeln bestimmen und zu einer Veränderung der bisher von ibr befolgten Politik bewegen könnten; aber Preußen befinde sich von einer noch viel grbieterischeren Rorhwendigkrit beherrscht, da ihm jede Verletzung der Gefühle der nationalen Begeisterung unberechenbare Folgen eintragen müßte. Die preußische Regierung, die ihr Werk, trotz und gegen den Willen der Mehrheit der deutschen Regierungen vollführt habe, müsse nvthwendig das Vertrauen der Völker ge- Winnen»nd verdienen; jede Abirrung von der»ationa- len Richtung aber würde ihr so viel Unheil wie eine Niederlage bringen. Ich weiß nicht, welchen Eindruck diese oder ähnliche Erwägunzen ans den Geist des Kaiser« gemacht haben, aber ich kann versichern, daß der Wunsch, das Werk Preußen« bei der Rekonstituirnng Deutschlands nicht unmöglich oder doch allzu schwierig zn machen, vom Kaiser klar ausgesprochen worden ist. Man sagt mir, daß der Kaiser schmerzlich von dem Lärm berührt wor- den sei, welcher sich in den französischen Blättern ge- legentlich der letzten so delikaten Uiiterbandlnngen er- hoben hat, und daß auf sein persönliches Berlangen die Note des„Colistitulionnell" heule Morgen erschienen ist. Der zu große Eifer, welchen man bewiesen hat, um eine Differenz ins Licht zn setzen, welche mit der größten Vorsicht behandelt zn werden verlangt, ist ihm sehr nn- zeitig erschienen, und ich gebe nicht zu weit, wenn ich sage, daß der„Constitutionnell" fortan für die osficiösen Blätter, bis zn einer neuen Parole, wenigstens den Ton angeben wird. Ich freue mich, ankündigeii zn können, daß die durch jene Artikel und die so kilustlich in« Leben gernsene Agi- latiou erregten Besürchtungen sich nicht verwirklichen und daß die Besprechungen zwischen Framreich und Preußen keineswegs jene Verwicklungen herbeiführen werden, welche gewissen Geistern in Frankreich so sehr behagen würden. Der Kaiser glaubt, dag freundschaftliche Beziehnnäen zu Deutschland, aus Vertrauen und gegenseitiger Ächtung beruhend, beiden Ländern und der zukünftigen Politik Europas nützlicher sein werden als Gebieisveränderun- gen, sie verhältnißmäßig zu uubedeutend sino, um gegen die Möglichkeit eines Krieges zwischen zweien Ländern in die Wagschase gelegt werden. zu können, welche be- rufen sein dürften, für die Konsvlwirung der wahrhaften Interessen de« Fortschritts znsauimenzuwirken. Nach dem zwischen Italien und Oesterreich adgeschlossenen Waffenstillstände ist folgende Grenz« linie für beide während der Zeit des Waffenstill« standes festgestellt: Im Friaul wirb sie vom Meer zum Flusse Torre und dem Laufe des Tom folgend bis Tarento zwischen Gemona und Osopo gehen zu den Füßen der Hügel bis nach dem Tagltamcnko, längs des Tagllainento bis»ach Tol-. niezzo, dem Bergrücken von Tinnea, Avenis, Ero- stis und Eagliano, folgend. Der Fluß Älpone bildet dann bis Tyrol die Grenze. Gleichzeittg ist stipulirt worden, daß die Eisenbahn in der Zone von Molghira benutzt werden dürfe, so wie die Freiheit der Schiffsahrt der Kanäle und Flüsse, die auf italienlsches Gebiet ausmünden. Den in Oester- reich internirten Benelianern steht es frei, in ihre Heimalh wieder zurückzukehren. Es geht gleichzeitig ans diesen Nachrichten hervor, daß die Sradt Udine von italienischen Truppen besetzt bleibt. Nachdem in England trotz der allsonntaglichen Gebete um Aufhörung der Rinderpest noch die Cholera hinzugelrelen, sollen die Sonntagsgebete jetzt beide Plagen umfassen. In Älnicrika bat sich der Eongreß der Ver» einigten Staaten trotz starken Widerspruches von Seiten mehrerer Radikalen auf unbestimmte Zeit