Nr 143. Berlin, Sonntag den 2. September 1866. Zweiter Zahrgaag. Diese Zeitung erlckeint drei Mal wöchentlich und zwar: Dienstags. Donnerstags und Sonnabend« Abends. Organ dcr social-dcmolratischcn Partei. R.daction und Expedition: Berlin, Alte Jakobstrage Nr. 67. KiouncmcntS-Preis für Berlin iucl. Bringerlohn: vierteljährlich 15 Sgr., monatlich 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post- ämtern 15 Sgr�, bei den preußischen Postämtern im nirdlpreußiichen Deuttch- land 12 Vi Sgr.. im übrigen Deutstland 20 Sgr.(fl. 1. 10. südd., st. 1.»sterr. Wäbr.) pro OnaNal. Bestellungen werden auswärt« aus allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Zimmerstraße 48», sowie auäz unentgeltlich von ledem„rothe» Dienstmann" entgegen genommen, Inserate sin der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoneen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 6 Sgr,>vr�chiier. Agentur für England, die Colonieen und die überseeischen Länder: blr. öcnäer, 8. Lättls New-Port-Street, Leicester-Sqtiare W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre. Strassbonrg, 5. Kue Brnlee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. politischer Theit. Berlin, 1, September, das französische Arbeiter- organ zu Paris, befindet sich in schlimmer Lage. Nicht etwa TbeilnahntSlosigkeit der Arbeiter, nicht etwa innere Schwierigkeiten der Führung haben solches veranlagt, sondern die Verfolgung Seitens der französische» Regierung, Unser» Lesern ist das Blatt„r,'.As80(;intion� wohl bekannt, tdeils durch mancherlei Auszüge aus demselben oder Notizen darüber, theils, und wohl vorzugsweise, durch die interessanten Mittheilungen unseres Pariser II.- Correspo�identen. Es wird unsere Leser daher jetzt auch interessiren, Näheres über das Schicksal eines Blattes zu erfahren, das ebenso wie das unsere unter schwierigen Verhält- nissen die Arbeitersache in dcr Presse z» vertreien sich zur Aufgabe gemacht hat. Der Standpunkt des Journals„D'AssocitUion� war nicht, wie der unsere, ein streng socialistischcr; aber eS war immer- hin ein dem unsrigen sich nähernder Standpunkt*) und jedenfalls müssen die Arbeiter mit Sympa- thieen auf die Bestrebungen ihrer unter so ungün- stigen Verhältnissen und unter so schwerem Druck vorwärts ringenden Brüder blicken. Tic Redaction des Blattes hat nnS angezeigt, daß dasselbe zweimal hintereinander confiscirt wurde, und zwar daS zweite Mal„wegen seiner Ten- denz im Allgemeinen", daß in Folge dessen der Redactenr, Herr Elie RecluS, zurückgetreten ist und das Aushören beS Blattes in Aussicht steht, Wir brücken der Redaction und den Lesern des französischen BruderblatteS im Namen der deutscheu Arbeiterpartei daS tiefste und aufrichtigste Bedanern aus und aeben uns der Hoffnung hin, daß es die- sen Kämpfern für die Arbeilersache gelingen werde, bei weiteren Versuchen glücklicher zu sein. Können wir doch mit Freuden constatiren, daß man den Muth nnd die Zuversicht nicht verloren hat, son- der» unter veränderter Forai das Werk auf's Neue zu beginnen gesonnen ist! Ausführliches über den ganzen Vorgang bringt die französische Zeitung„Pdnre de la Loire", ui Nantes erscheinend. Wir geben nachstehend den betreffenden Artikel in Uedersetzung wieder: Der„Phare de la Loire" hat die doppelte Beschlagnahme, deren Opfer die„Association" gewesen ist, schon angezeigt. Die Lage, in welche„das internationale Jour- nal der Arbeitergenossenschaften" dadurch gebracht ist, ist so bedenklich, daß der VerwaltungSrath sich die Frage hat vorlegen müssen, ob das Journal weiter er- scheinen soll, eine Frage, die er der Generalversammlung bald wird unterbreite» müsse». Wenn e« sich nur um einen Artikel handelte, welcher zufällig der BelwaltungSbehörde mißfallen hätte, die *) Man darf nämlich nicht vergessen, daß unsere Collezen in Paris in noch weit höherem Grade als wir nicht Alles sagen dürfen, wa« sie sagen möchten, darüber zu wachen bat, daß nicht eine der freien DiS- cussion der verschiedenen Blätter untersagte Idee von Besgien nach Frankreich berllberdringt, so würde die „Association" selbst diese Existenzfrage wahrbafliz nicht ausstellen. Sehr überrascht, sich ans den Postbnrea»« mit Beschlag belegt zu sehen, weil sie sich erlaubt hatte, eine» kleinen, rein'ocial-öconomischen Artikel über die Sparkassen zu veröffentlichen, der iiiir die Ausführung einer anderen, im vorigen Jahre veiöffentlichten Arbeit entbielt, ohne damals mit dem Preßbureai, in Conflict zu gcrathen, hielt sich die„Association" für verpflichtet, den angeschuldigten Artikel zu unterdrücken und eine neue Nummer zu veranstalten. Die Berwaltung bat sich m:l diesem Opser nicht zusriedengestellt erklärt; sie will nicht eine, wenn auch so gemäßigte Schreibweise, wie die des Bollswirthes I. E. Horn, welcher Ungar ist und wie man weiß, mit keiner der alten französischen Par- teien in Verbindung steht; sie ist überhaupt mit den all- gemeinen Tendenzen der„Association" nicht einverstan- den, so daß dies unglückliche Blatt eine permanente mi- nisterielle Ungunst sürchten muß und demzufolge sich außer Stande sieht, seinen Pflichten gegen Actionäre und Publikum nachzukommen. Fürwahr, wer die 45 Nummer» die internationalen Zeitung der Arbeitergenossenschasten gelesen hat, weiß, daß dies Journal sich niemals den geringsten politischen Angriff erlaubt hat, weiß, daß es, um sich in seinem besonderen Fache zu ballen, mit einer Sorgsalt zu Werke gegangen ist, die vielen seiner Leser. Redacteure und sogar Verwalter lästig geworden ist. Wenn es nicht An- stand genommen bat, zwei Gesehesvorlagen, welche dem gesetzgebenden Körper betreff« der Arbeitergenossenschasten gemacht worden sind, seiner Kritik zu unterwerfen, so hat e« die« mit einer Zartheit gethan, die vielen seiner Leser ans den Arbeiterkreisen mißfallen hat, jener Kreise, welche die nackte Wahrheit wünschen und wenig nach den Schwierigkeiten fragen, unter denen wir die Kunst de« Schreibens üben müssen, wenn wir unsere Gedanken im Ganzen und Einzelnen klar auseinander setzen wollen,-) Wenn die Presse freier wäre, so würde die„Asso- ciation" der Furchtsamkeit beschuldigt werden können, Denn obgleich sie in Brüssel erschien, wo sie nicht« hinderte, gleich anderen Wochenblättern, die ihre Abonnen- ten in Frankreich haben, sich mit allem Möglichen gleich- zeitig zu beschäftigen, so hat die« Blatt doch niemals die Tagespolitik in die Socialöconomie gemischt, Wir können sogar sagen, daß Redaction und Per- waltung der„Association" während zweier Jahre einen wahren Gewaltstreich gegen Vernunft nnd Moral dadurch begangen haben, daß sie fortwährend eine Schranke zwischen der VolkswirthschastSlehre und der Politik gezogen haben, welche weder in dem Gesetze noch in der Vernunft existirt, Um die« zu vollführen, war e« nöthig, einerseits nichts gegen die Regierung zu sagen, andererseits aber auch nicht« für sie. Doch während man dadurch nicht miß- fallen wollte, vermochte man auch nicht zu gesallen, u. ge- rade in dem Moment, wo das winzige Blatt, welche», so zu sagen, die GenossenschaflSbewegung in Frankreich hinein- geschlendert hat, mit dem Tode bedroht ist, erscheinen und eilen, gleichsam um die mit dem Schweiße anderer ge- netzleErndte einzusammeln, mehrere andere Eorperations- Organe herbei, deren Versahren, um ungehindert zu erscheinen, darin besteht, daß sie sich von einer Politik -) DieS möge man sich überall merken. D. Red. d,„Soc.-Dem," fern halten, die verwundet, aber nicht von einer solchen, die schmeichelt, Die„Association" wollte den Arbeitern folgenden Dienst erweisen: sie wollt- sie lehre», sich einzig durch sich selbst zu befreien, durch �ie einfache freie Bereinigung ihrer häuslichen Einrichtungen, ihrer Fähigkeiten unv Kräfte, außerhalb jede« officiellen Beistandes, jeder Unter- stützung, sei es durch die Berwaltung, sei e« durch daS Capital, Da« Ziel, welche« wir durch Mäßigkeit, Geduld und AnSdauer zu erreichen hoffte», war nicht allein die Verbesserung de« Loose« der großen Masse, die allmählige Zerstörung de« PanperiSmnS, sondern auch die sittliche Hebung des Arbeiters, die Beherrschung seines Willens, die Hebung feines Bewußtsein«,„Alles für die Freiheit, Alles durch die Freiheil," das war die Dtvise der „Associalion". Und deshalb ist sie jetzt dahin gekommen, sich zu fragen:„soll ich weiter erscheinen?" Unser FreunK M. Elie Reclus, hat sich stet» als den Vertreter der itbv'ralischeii und»lateriellen Interessen der Actionaire, welche'ihn zum verantwortliche» Ches-Redac- ! tenr gewählt haben, angesehen und geglaubt, dem Aus- �sichtSrath anzeigen zu müssen, daß er sich von jetzt an außer Stande hält, die Verantwortlichkeit der Verössent« lichung, Leitung und Unterzeichnung der„Affocialion" noch zu übernehmen. Unter acht anwesenden' Mitgliedern in der letzten Sitzung des AufstchlsrathS haben vier gegen diesen Be- schlug Widerspruch erhoben und erklärt, daß da« Organ, es koste, wa» es wolle, bis zur nächsten Generalver- sammlung der Actionaire weiter erscheinen müsse. Bier andere Mitglieder, zu denen sich ein sünstcr durch eine telegraphische Depesche gesellte, stimmten dem Redactenr bei, indem sie mit ihm erwogen, daß der Geist der vollständigen Unabhängigkeit de« Journals in Gefahr sei und daß sie, ebenso wie er, die Berantwort- lichkeii weder übernehmen wollten, noch könnten, wenn seine Sprache, die streng aber maßvoll, irgend eine Aenderung erfahren müßte. Die„Associalion" wird also nicht erscheinen, bi« die ordentliche und außerordentliche Versammlung, welche aus den 28. August berufen ist, die Entlassung de« Redac- tenr» angenommen und über die fernere Existenz des Jour- »als entschieden hat,-) Es wäre möglich, daß die„Association", welche jetzt durch ein Comitee aus Gelehrten und Arbeitern geleitet ist, ausschließlich an Repräsentanten von Associationen abgetreten würde, die dann auf ihre Gefahr und Kosten die Fortsetzung eines Specialwerkes übernehmen, das von der Deinokralie ohne Unterschied der Klassen ver- sucht worden ist. E« würde dadurch sowohl die Beein- flussung verniieden werden, welche dem Kapital der Bourgeoisie zugeschrieben, als auch die Farbe, welche ge« wissen politischen Persönlichkeiten zum Borwurf ge- macht wird. Wir wissen nicht, welches Schicksal eine solche Com- i bination vor der General-Versammlnng der Actionaire haben wird. Wen» sie angenommen würde, so würden wir un« freuen, daß die Arbeiter-Associationen, wenn sie in direcle Beziehungen zu dem Preßbureau treten, selbst die Erfahrung machten, mit wieviel Freiheit ihre In« tereffen heutzutage vertreien und vertheidigt werden können. ___ Eh. L- Chassin. *) Ueber den Ausfall der Generalversammlung ist noch keine Nachricht eingetroffen, D, Red. d. ,,Soc,-Dem." ß Schließlich geben wir einen Corrsspenden�nrtikel iibcr diesen Gegenstand wieder, den wir in wehre- ren größeren deutscheu Blättern finden. Derselbe lautete t Jene Pariser Arbeiter, die im vorigen Jahr eine Reihe von Schreiben Über da« AssociaiionSwden und andere Arbcilersragen im..Pays" verüfseiillicht und ihre unbedingte Ergebenheit und Dankbarkeit gegenüber der slir den Arbeiterfiaud immer so besorgten kaiserlichen Re- giernng an den Tag gelegt ballen, lassen jetzt ein? Monals- Ichrist, unter dem Titel„�nnales du trav'ail, Monitenr des Socidtds coopdratives", erscheinen, als deren Mit- arbeiler aus dem Titelblait angegeben sind,„alle, die den- ken und alle, die arbeiten". Da« Bemerkenowerlbeste in dem ersten Hesl ist die im altteslamenttichen Styl an«- geführte Begründung de« Wahlspruch« der Aniialem„Alle für einen und einer für alle", ans der Weltgeschichte von der Ermordung Kain« an bi« auf unsere Tage berab. In- zwischen ist das u» a b h ä n g ig e Arbeiterblatt„Association". dem Eoncurrenz gemacht werden soll, zum zweitenmal cvnfiscirt worden, und zwar diesmal ohne Angabe eine« Grundes, während man neulich als Grund einen Artikel von Horn angegeben hatte. Diese« Uomento mor! wurde denn auch wobl verstände». Eine Petsammlung von Arbeitern und Schriftstellern trat gestern Abend zur Be> rathung zusammen, wa« jetzt zu geschehen sei. Man wird das Blatt„Association" eingehen lassen und ein neues unter dem Titel„Eoopöration" gründen. Zunächst tritt E. Reclns, um nicht von vornherein der Regierung ein Anstoß zu sein, al« Geranl zurück, wenn auch da« neue Blatt verfolgt wird, so wird man ein drittes und ein vierte« gründen, die hierzu nöthigen sehr bedeutenden Geldmittel sind bereits vorhanden. In wieweit nianche hierin enthaltene Andeu- tungen richtig sind, erfahren wir vielleicht demnächst von unseren Pariser Freunden.— Rundschau. Berlin, 1. September. Der im Namen der Einheit DeutfcbloitdA geführte Krieg hat Preußen allein Ivb! Millionen Thaler Kriegskosten verursacht. Eine hübsche Sulunie! Möge unS dafür wenigstens der fromme Wunsch gestattet sein, daß dasür ein Strick ent- sprechender Einheit erkauft ist und das deutsche Boll in Nord und Süd Kiaft und ernstliche» Wil- len gewinne, das Fehlende durch die Energie einer friedlichen unv»lannhaflen Agitation zu ergänzen! Der Austausch der Raiifikaiionen des österreichisch- preußischen Friedcnsverirages hat am 30. August in Prag staltgesunden. Die osficielle Beröffentli- chuug des FiiedetiSverirages soll am Sonnabend den l. September von österreichischer wie von preu- ßischer Seile ertolgen. Beide Regierungen haben v sich darin die Zusage gemacht, Nlemanden, sei es Oesterreicher oder Preuße, der während des Krieges Beranlassung zum Mißfallen gegeben haben niag, irgendwie deshalb zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Etwa am 13. September wird Böhmen von den preußischen Truppen vollständig geräunil sein. In dem Berlrage ist aus den Wunsch des Kaisers von Oesterreich die Integrität des Königreichs Sachsen zwar gesichert, Preußen hat sich aber die Regelung seiner Beziehungen zu Sachten und der Stellung dieses Staates im norddeutschen Bunde durch einen besonderen Bertrag mit dem Könige Johann vor- behalten. Doch trägt man sich, wie der„D. A.Z." aus Berlin von guter Hand geschrieben wird, in gewissen staatSmäiinische» Kreisen mit der Besorg- niß, die sächsische Frage könne leicht den Ausgangs- Punkt eines europäischen Krieges bilden, wosern nicht eine entschiedene Parteinahme des sächsischen Volkes selbst für die Unterordnung Sachsens unter die preußische Führerschaft und gegen jeden Ver- such, einer solchen Unterordnung etwa mit fremder Hilse zu entgehen, diese Gefahr beschwöre. Auch aus Paris wirb wiederholt geswriebcn, daß die sächsische Frage zu neuen Berwickelungen führen könnte, bei welchen man Frankreich und Oester- reich in demselben d�ager finden würde, wenigstens wird die Reise des sächsischen Gesanv- te» Frankreichs, Baron Fort-Rouen, nach Berlin ebenfalls mit den Friedensverhandlnngen in Ver- bindung gebracht. Eine Anlage zum Friedensver- trage mit Bayern bezeichnet die von Bayern abzu- tretenden Gebietstheile in folgender Weise: 1) Be- zirksami Gersselb mit 23,361 Einwohnern(nach der Volkszählung vom Dezember 1864); 2) d'and- gericht Orb ohne Aura mit 9109 Einwohnern, zu- sammen 32,470 Einwohner. Hierzu Bevölkerungs- Vermehrnng in l'/z Jahren um 4,4 Prozent, also um 1430 Einwohner; im Ganzen also 33,900 Ein- wohner. Die„Debats" wollen, wenn auch unter Vorbehalt, wissen, daß die preußische Regierung bei den Sudstaaien daraus gedrungen hat, von ihnen unter der Form geheimer Artikel zu dem Friedens- vertrage oder unter der Form geheimer Verträge eine Art von Verbindlichkeit zum Abschluß eines Schutz- und Truybündnisses zu erlangen, kraft wel- cher Preußen im Fall eines Krieges über ihre Armeen verfügen und deren Oberbefehl übernehmen würde. Inwieweit sich die Sütstaaten dieser Forderung Preußens unterworfen haben, läßt das Blatt dahln gestellt sein.— In der preußischen Politik soll, Darmstadt gegenüber, neuerdings eine Wen- düng eingetreten sein. Das Ministerium Dalwigk zeigt sich, gestützt auf die bisherige Fürsprache Ruß- lanbS und Englands, den nationalen Zwecken Preu- ßens so feindselig, daß dieses in den nächsten Tagen mit allem Ernste gegen das Großherzogthum vor- schreiten wird, und die Jnkorporirung der Provinz Ober Hessen in diesem Augenblicke so gut wie eine beschlossene Sache sein soll.— Die Mitglieder der Linken der bayrischen Kammer der Abgeordneten haben folgenden Antrag einge- bracht, der laut eingegangener telegraphischer De- pesche von der Abgeordnetenkammer angenommen und dem von der Regierung vorgelegten Anleihe- gescy beigefügt worden ist: 1) Wtr verwerfen die Zerreißung Deutschlands nach Nord und Süd und die Bildung de« südwestdeutschen Bundes. Wir erstreben ein unter Parlament und ein- heitlicher Zentralgewall geeinigte« Vaterland mit Auto- nomie seiner Glieder in ihren besonderen Angelegenheiten und mit gesicherten Freiheiten deS Volke«. 2) Um einen Anhaltspunkt zur Erreichung diele« Zieles zu gewinnen, werden wlr unS, wenn auch die Gesetze»nd Einrichninge» des im Rorden Deutschlands in der Gründung begrif feilen Bunde« sich anfänglich noch als mangelhaft dar- stellen und ihre Verbesserung erst erkämpft werden muß, dadurch nicht abhalten lasse», sobald der Einlriit der Südstaalen in diesen Bund möglich sein wird, auf de» Eintritt Baierns zu dringe». 3) Mo lange eine organische politische Verbindung de« Süden« mit dem Norden nicht erreicht ist, erachten wir die Herstellung eines engen Bündnisses mit Preußen für die dringendste Aufgabe der bairischen Politik,»nd verlangen die Erhaltung des Zollverein« uuler Umgesialliiug seiner Verfassung mit uiewährschafie» sür die Stetigkeit und Entwickelung seiner Einrichtungen. 4) Ungeschmälerte Erhaltung de« dent- schen Gebietes und Abwehr aller Einmischung de« Au«- lande« ist Pflicht des bairischen wie jede« deutschen Staate«. Sollte eine auswärtige Macht deutsche« Gebiet bedrohen, so verlangen wir sofortigen Anschluß an die nordbenlsche Kriegsmacht bebnfs gemeinschaftlicher Bertheidignng unter preußischer Führung. Die Meinungsverschiedenheit in den ossiciellen Kreisen über die Politik, welche Frankreict» An- gesickts der in Deutschland vor sich gegangenen Veränderungen zu beobachten hätte, dauert fort. Herr Drouyn de Lhuys gilt als Vertreter der kriegerischen Politik, während die Herren Rouher und Lavalette als die Spitzen der Frietenspartei bezeichnet werde». Welche Stimmung die Oberhand gewinnen wirb, ist die Frage. Jedenfalls hat man sich zunächst zu einer Vertagung in der Verwirk- lichung seiner Pläne verstanden. Doch bestätigt es sich, daß viel Pferdeausläufe veranstaltet werden und es sollen auch Gewehr-Ankäufe in den Ver- einigten Staaten angeordnet sein. Das Haupt- sämlichste Hinderniß der französischen Kriegöbe- strebungen bleibt immer der gestörte Gcsundheils- zustand des Kaisers, in dem wieder eine ungünstige Wendung e.»getreten ist. Man glaubt, mit nächstem die Nachricht von der Abdankung Maximilians zu hören. Die sran- zösische Regierung denkt nickt daran, zu Gunsten Mexiko'? mit den Vereinigten Staaten anzubinden und Hai jetzt keine andere Sorge als die, mit heiler Haut und mit Anstand aus jenem Reiche heraus- zukommen. I» Italien erwartet man einen febr befriedi- gendcn Verlauf der Friedens-Unterhandlungen mit Oesterreich. Die Formfrage über die Abtretung VenetienS ist durcki die persönliche Vermirtelung deS Kaisers der Franzosen erledigt worden, und zwar nach einem Plaue, wie er schon durch den Prinzen Napoleon in Anregung gebracht worden war. Zunächst wurde die vorläufige Abtretung der Provinz an den Kaiser durck einen besonderen Bertrag zwischen Oesterreich und Frankreich formell bestätigt. Die Art der Rückgabe an Italien aber wurde durch den von uns schon erwähnten Brief des Kaisers an Victor Emanuel festgestellt. Der König von Italien trat den darin gemachten Bor- schlügen bei und sandte seine Antwort durch den General Angiolini nach Paris, worauf den directen Unterhandlungen zwischen Italien und Oesterreich nichts mehr im Wege stand.— Je mehr die Be- richtigung über die Erledigung der venetianischen Frage über Italien vorherrschend wird, schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.", desto aufmerksamer aber wer- den die Blicke auf Rom gerichtet. Vorläufig sieht man der Eröffnung von �Negoziationen zwischen dem Vatikan und Florenz entgegen; aber, wie bis- her, widersprechen sich auck jetzt die �Nachrichten darüber. Die„Nazione" erklärt die Gerüchte von Unterhandlungen zwischen Italien und Rom für errichtet, Italien hat gar keine Eröffnungen für diese Unterhandlungen erhalten. Dagegen behanp- tet die„Opinion nationale",„die römische Frage sei ganz bestimmt in den Weg der Unterhandlungen getreten." Telegraphische Nachrichten aus Rom, via Marseille, scheinen auch die Ansicht der„Opinione" zu bestätigen; denn in denselben wird versichert, daß der Papst die Vorschläge des Herrn v. Sar- tiges Betreffs Uebertragung eines Theils der päpst- lieben Schuld geprüft habe, während Italien be- züglich dieser Vorschläge nur einen untergeordneten Einwurf gegen die Zinszahlung der Schuld gemacht habe. Uebrigens dürfte der Vatikan wohl veran- laßt werden, mit Ernst an eine Regelung der Frage zu denke», da die Rückkunft deS Generals Monte- bello für die nächste Zeit erwartet und sodann wieder ein französisches Regiment nach Frankreich abniarschiren wird. Die Reform-Meetings in England nehmen denn doch einen zu kolossalen Umfang an, als daß nicht auch die„Times" von ihr Notiz nehmen rnüß- len. lieber die letzte Versammlung in Birmingham sagt ihr Berichterstatter: Wenn die Vereinigung einer unermeßlichen Menschen- menge al« ein Beweis von Entbusiasmns und Hin- gebung an eine Sache gelten kann, so ist der Beweis von der heutigen Versammlung geliefert worden. Den Eharakter des Ursprung« anS dem Volke halte die Demon- slration in, höchsten Grade, organisirt und ausgeführt von der arbeilenden Klaffe, war sie wesentlich eine Be- wcgunz de« Volkes. Ferner berichtet der„Economist": Ans den Städten und Dörfern der Umgegend strömte es von Morgens früh herbei, in Birmingham ruhte den ganzen Tag fast alle Arbeit gänzlich und blieben die Fabriken mit wenigen Ausnahmen geschloffen, da man e« vorzog, de» Tag ganz z» feiern, al« bis Mittag zu arbeiten, wo der Zng sich nach dem nngefähr eine Stunde enlsernteu Orte der Versammlung in Bewegung setzen sollte. Gegen 12 Uhr erschien der Mayor von Birming- ham, Albermen und Siadträihe, Bright und der andere Vertreter im Unterhause, Mr. Sholesicld, der Präsident der Resormliga, Edmund Beates, nebst anderen Führern der Vollsparlei im Stadthause, das den VereinigungS- piinkl für; die Massen bildete. Von hier au« setzte sich dann der unabsehbare Zug in schönster Ordnung nach dem für da« Meeting bestimmten Platze in Bewegung, den man gegen 2 Uhr erreichte. Zum Unglück halte sich über der Versammlung, die gegen zweimalhiiudert Tausend Menschen zählen mochte, ein Wetter zusammen- gezogen, und während zwanzig Minuten goß der Regen in Ströme» herab auf die Versannuelren, was diese jedoch nicht abbielt, tapfer auszuhallen, den Reden zuzu- hören und Resolutionen zn fasse». Nur Bright stand wegen de« Wetters davon ab, zum Volke zu reden. Die einmüthig beschlossenen Resolutionen lauicn:„Da« gegen- wärliae Hau« der Gemeinen hat durch seine Perwersung des sehr geinäßigicn Reformvorschlages der Regierung sich nnseres Vertrauens und unserer Uulerstützung gänzlich unwürdig erwiesen und es vertritt in keiner Weise die Wünsche der Gemeinen von Großbritannien. Wir verpflichten uns darum, alle gesetzlichen Mittel anznwen- den, um da« Stimmrecht zu erlangen für alle ansässige» lelbststäudigen Männer, als die einzige gerechte Grund- läge der Volksvertretung und die geheime Abstimmung, um un« vor ungebührlicher Beeinflussung und Einschüchterung bei den Wablen zu schützen."„Die Versammlung spricht ibren wärmsten Dank au« gegen den Righl Hon. H. E. Gladstone, Job» Bright, John Stuart Mill und alle die anderen treuen Freunde der Resorm, die während