Nr. 137. Berlin, Sonntag den 7. October 1866. Zweiter IahrgaG S o cMG enurk rat. Diese Zeitung erslbeint drei Mal wSeheutlich und zwar: Dienstag«, Donnerstag« und Sonnabend« Abend». Organ der social-demokratischen Partei. Redigirt von I. v.». Hofstetten und I. V. v. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berlin, Alte Jakobstraße Nr. 67. Abonuement«- Prei« für Berlin incL Bringerlohn: vierteljLhrlich 15 Sgr., mo« Bestellunge» werden a u» w ä r t« auf allen Postamtern, in B e r l i n auf der Expeditio», natlnh 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post- von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Tompagnie, Zimmerstraße 48», sowie ämteru 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im uichtpreußischen Deutsch- auch unentgeltlich von jedem„rochen Dienstmann" entgegen genommen. land iL'/i Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(st. 1. 10. südd., st. 1. österr. Inserate(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Wäbr.) pro Quartal. Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. berechnet. Agentur für England, die Eolonieen und die überseeischen Länder: Mr. Bender, 8. Linie New-PdH-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: Q. A. Alexandre, Strasebonrg, 5. Rue Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. politischer Theil. Berlin, K. October.' Tie beabsichtigte Ernennung des Herrn v. Beust znM M i n i st e r des Auswärtigen in Oesterreich erregt in der politischen Welt großes Aufsehen. Zwar wurde noch unlängst von einigen Seiten her die Wahrheit der Nachricht in Abrede gestellt; allein da sich von Wien aus neuer- Vings die Bestätigung derselben in sehr bestimmter Form wiederholt, dürfte an der Wahrheit der Sache kaum mehr zu zweifeln sein, und eS stände also zu erwarten, daß Herr v. Beust wirklich die auswärtige Politik Oesterreichs leiten wird. Daß dieser Schritt ein feindseliger gegen Preußen ist, kann nicht in Frage gezogen werden. Herr v. Beust war mehr als irgend ein anderer Staatsmann in Deutschland der Vertreter der mittel- staatlich-bundestaglichen Politik und er vor Allen hat Oesterreich in seinem Widerstande gegen die preußischen Pläne bestärkt. Herrn v. Beust zum auswärtigen Minister Oesterreichs machen, heißt erklären: wir haben zwar den Prager Frieden, der uns aus Deutschland hinausdrängt, nothgedrungen abschließen müssen, allein wir gedenken eine Politik einzuschlagen, welche diesen Frieden wieder rück- gängig zu machen hoffen kann. Daß man in Oesterreich also denkt— wer wollte sich hierüber wundern? Ist es doch keine Kleinig- keit für das Kaiserhaus, das Jahrhunderle lang an der Spitze Deutschlands gestanden, aus diesem sel- den Deutschland sich herausgedrängt zu sehen. Ist es doch keine kleine Demüthigung, von dem gehaß- ten, einst gering geschätzten und verachteten Preußen vor den Augen der Welt so schnell, so entscheidend darniedergeschlagen worden zu sein. Wundern können wir uns nicht darüber, daß der Unmnth über das Geschehene und die Hoffnung, dieses Geschehene rückgängig machen zu können, bei den maßgebenden Kreisen zu Wien die Oberhand behalten— wohl aber können wir es bedauern; bedauern, weil darin die Keime neuer Wirren und neuen Unglücks liegen. Wir haben in unserem deutschen Baterlande ein« mal genug gehabt an den Folgen des dynastischen Dualismus— wir wollen nicht ein zweites Mal den Bürgerkrieg um dieser Dinge willen. Das Berhängniß hat für Preußen entschieden. Traurig, daß überhaupt nur die Wahl zwischen Oesterreich und Preußen stand; allein es war ein- mal so und Preußen, wie gesagt, hat sich empor- geschwungen zur alleinigen deutschen Großmacht. Mag es denn dabei bleiben— die Nation will keinen Krieg, bloß damit Oesterreich sich an die Stelle Preußen zu setzen hoffen könne. Wir glauben nicht, daß die Ernennung.deS Herrn v. Beust zum auswärtigen Minister Oester- reich«, wenn ffe wirklich erfolgen sollte, sofort, wie ! Manche glauben, zu einem Abbruch der diplomati- meister und ritterschaftliche Patrimonial- Richter schen Beziehungen zwischen Oesterreich und Preußen Hofrath Wulffleff auS Sternberg hervorragte, ward führen werde. Aber was man mit ziemlicher Sicher- beschlossen, der Protest als wegen Unangemesseuheit heit erwarten darf, ist die«: daß von dem Augen- des Inhalts für das Landtags-Protokoll nicht ge- blicke jener Ernennung ein politisches Jntriguenjpiel eignet, dem Antragsteller zurückzugeben.— Ein An- beginnen wird, welches die Rückgängigmachling>-der trag der beiden Vertreter der Stadt Rostock auf letzten Ereignisse, die Demüthigung Preußens und~■' 1 j die Verherrlichung Oesterreichs zum Zieke'hol. Möge die deutsche Nation Mit aller Klarheit des VersammlungS- und Vereinsrechtes ahlen, zu dessen Einreichung sie durch Rath ifftd Bürgervertretung der Stadt NosW beauftragt kyaren, wurde lebhaft von den Feudale« tzekämpsrz welche den Nutzen der VersammlungS' und VereinSsreiheil für die Wahlen, wie sie sagten, nicht einzusehen vermochten. Eine Einigung übel den zu wählenden Abgeordneten fanden sie voll» kommen unizöthig. Die in Frage kommenden Per- soueo seieu.genügend im Lande bekannt und brauch' ten datz«°hl in Einklang bringen, wenn die Wiener„Presse" ! Ichreibt, daß die Verhandlungen jetzt wid im An- lange stehen oder vielmehr noch ungünstiger, weil � Preußen jetzt auf die strenge Durchführung seiner ursprünglichen Forderungen bestehen zu müssen � Klaubt; man spreche sogar von der Verschärfung einiger jener Forderungen. Die„Presse" zieht daraus ben Schluß, daß Preußen nur deshalb immer här- lere Forderungen stelle, damit kein Frieden zu Stande komme und schließlich, bei etwaiger gllnsti- ger Gelegenheit, die Annexion Sachsens vollzogen lverde. So leicht annexirt es sich nun allerdings uicht, dafür sorgt schon der Mann jenseits des Rheines. Aber die sächsische Bevölkerung wird da» durch vorläufig auch ihre Kriegslasten nicht los lverden.— Das am 3. October erschienene Ver- crdnungSblati des HerzoglhuinS Nassau hat auch Illr die nassauische Bevölkerung das Gesetz über die Einverleibung von Hannover, Kurhessen, Nassau Und Frankfurt in den preußischen Staat veröffent- licht.— Aus dem Haag wird berichtet, daß die niederländische Regierung darauf beharrt, nach Auflösung des deutschen Bundes bezüglich Luxem- bürg's aller Verbindlichkeiten gegen das in der Neuconstituirung begriffene Deutschland entledigt zu sein, und daß die Regierung sogar, um einer etwaigen Action Preußens gegenüber ihrer Stellung Nöthigenfalls'Nachdruck geben zu können, sofort mit der Forderung eines außerordentlichen Credits zur Vermehrung der Armee und der Flotte vor die i Kammern zu treten entschlossen sei.(!?)— Der I Friedensvertrag zwischen Oesterreich und Italien ist am 3. October durch die beiderseitigen Bevoll- wächtigtcn, Graf Wimpsscn und General Mcnabrea, Unterzeichnet worden und zur Notificirung an die beiderseitigen Souveraine abgegangen. Zugleich ist der während der Dauer der letzten Knegsverhält- Nisse über niehrere LandeStheile des Kaiserreichs verhängte Belagerungszustand aufgehoben worden. Damit im Zusammenhange wird nunmehr auch die Einberufung des ungarischen Reichstages demnächst erfolgen. Auch wird zu nicht geringer Ueberraschung der Eintritt des früheren sächsischen Premiers,.tco Herrn v. Beust, in den österreichischen Staatsdienst von allen Seilen bestätigt. Mau erkennt darin eine sehr deutliche Demonstration gegen Preußen, während die österreichische Regierung sich Frankreich möglichst zum Freunde zu macheu sucht. Die preußische Regierung hat in Form eines vom 25. September datirlen, an den preußischen Botschafter in Pnris gerichteten Depesche Antwort auf das Rundschreiben Lavalettc's gegeben. Die preußische Regierung spricht sich darin mit hoher Anerkennung über die Weisheit des französischen Feuilleton. Eine Nirsrn-Leihbililiothck. Unter vorstehendem Titel bringt die kausmännische Zeitschrift„Vorwärts" ein Schilderung von Mudie's Leihbibliothek i» London, welches Jnstitnl durch seine Großartigkeit die deutschen Roman-Apotheken vollständig verdunkelt, wie den» iiberhaiipl in England alle Unter- nehmungen einen riesenhaften Eharacter haben, gegen welchen die Art der festländischen Unlernebmuiigen als Phgmäenhast erscheint. Wir entnehmen der anziehenden Beichreibung was folgt: Zunächst besteht in Mudie's Leihbibliothek die Hauptmasse der Bücher nicht aus Romanen und Novellen— diese machen höchstens den dritten Theil aller circulirenden Bücher ans— sondern die große Mehrzahl umfaßt Reisebeschreibungen, Abcu- teuer, Biographien, geschichtliche und wissenschaftliche Werke, Genrebilder und dergleichen. Um einen Begriff von der Natur derjenige» Werke zu geben, welche dort am meisten gelesen werden, wollen wir den Umlauf er- wähnen, den einige von ihnen erlangt haben. Macau- lay's„Geschichte von England" Halle die Ehre, zuerst bas System Mudie's dem Publikum vor Augen zu führen; Kaisers aus, welcher den berechtigten Bestrebungen der deutschen Nationalität Rechnung zu tragen ge- wüßt und erkannt habe, daß die neue Ordnung der Dinge im Herzen Europa's nicht eine Gefahr für Frankreich, sondern eine Garantie des festländischen Friedens sei.„Brauche ich Ihnen, Herr Graf, erst zu sagen," heißt eS ferner,„daß diese An- schauungsweise auch die unsrigc ist, daß auch nach unserer Meinung die Zeiten vorüber sind, da jede Nation ihre Stärke in der Schwäche und Abhän- gigkeit der andern Völker suchte und eö nur mit Mißtrauen sah, wenn diese ihre Kraft dadurch kon- solidirteu nnd vermehrten, daß sie Bevölkerungen, welche dieselben Sitten nnd denselben Nationalgeist haben, mit sich vereinigten?" Trotz dieses zu- vorkommende» Schreibens wird jedoch der„Jndep. Belg." aus Paris geschrieben, daß in den Bezie- Hungen zwischen Frankreich und Preußen eine ge- wisse Spannung eingetreten ist; die Annäherung zwischen Preußen und Bayern soll die Ursache da- von sein. Auch � will nian dies daraus schließen, daß die officiösen Pariser Blätter bis jetzt wenig- stcns die preußische Antwort auf das französische Rundschreiben, die doch für die kaiserliche Politik so schmeichelhaft ist, keines lobpreisenden Leitartikels gewürdigt haben. Die Vorarbeiten zur französischen Militair-Reorganisation sind, wie versichert wird, beendet und alle von den Generalstabs-Offizieren der französischen Armee abgegebenen Gutachten be- finden sich in den Händen des Marschalls Randon, welcher daraus einen Gesammtbericht anfertigen lassen wird.— Die französischen Blätter lassen dem Pabst in Rom keine Ruhe. Der„Monde" schickt ihn fort und fort in'S Exil, während es dem Pabste in Rom ganz gut gefällt und er selbst nach Aus- führung des Septemder-Vertrages(der Rückziehung der französischen Truppen) dort zu verbleiben ge- denkt. In Florenz verkündeten am Morgen deS 4. Oktober 101 Kanonenschüsse die Unterzeichnung deS Friedens mit Oesterreich. Gleich nach der Ratification durch den König soll, italienischen Zeilungen zufolge, die Auflösung der Deputirien- kaminer stallfindeii und sobald die Volksabstimmung in Venetien erfolgt ist, werden dann sämmtlichc Äahlkörper deS Königreichs zusammentreten, damit dem neugewählten vergrößerten Parlament der Friedensvertrag mit Oesterreich zur Annahme und die dadurch bedingte Neugestaltung deS Staates zur Berathung vorgelegt werden kann.— Dem Vorgänge der übrige» europäischen Staaten folgend, wird aztch dort im KriegSministerium ein Plan zur Aruicereorganisation ausgearbeitet; die National- garde soll abgcschassl werden und eine umsasseudere und solidere Einrichtung des Heerwesens erngeführt werden.— Der Polizei-Director von Palermo ist in Untersuchung, weil er den Minister des Innern nicht von dem wahren Charakter der Jnsurrection in Kenntniß gesetzt habe, und das Parlament wird es wahrscheinlich mit dem Minister deS Innern eben so machen. Die Presse Englands macht sich mit dem Gesundheitszustande deS Kaisers der Franzosen im Dezember 1855, als der 3. und 4. Band dieses Werkes veröffentlicht waren, kündigte Mudie an, daß 2500 Exemplare davon für seine Bibliothek angeschafft wären Man staunte allgemein: da« war ja a» und für sich eine an« sehnliche Bibliothek. Allein diese Zahl ist überlroffen worden. Von Livingstone'S„Reifen in Afrika" waren 3250 Exemplare auf einmal in Umlaus; hier vereinigten sich religiöse Leser und solche, welche sich für Wissenschaft- liche Reisen und Abenteuer interessire«. Nach der geringsten Berechnung müssen aus diese Weise nicbl weniger als 30,000 Personen in das Werk des berühmten Afrika- Reffenden eingesührt worden sein. M'Clintok's„Reise zur Aussuchung Franklin's" wurde in mehr als 3000 Exem- plaren gelesen! von Tennyson'S Gedicht„Idyllen des Königs" waren 1000 Exemplare nölhig, um die Nach- frage des Publikums zu befriedigen, trotzdem jetzt Nie- mand mehr Gedichte lese» will, wie man zu sage» pflegt. Die elassischen Romane von Thackcray, Dickens und Trollope werden natürlich stets verlangt; Carlyle und KingSley kommen nie aus der Mode. Von dem bekannten Roinane„Silas Marner" von Frl. Evans maißten 3000 Exemplare vorräthig gehalten werden. Manche Bücher haben freilich auch hier ihre Schicksale. Als »nü Reviews" zuerst veröffentlicht wurden, blieb der geringe Vorrath von 50 Stück in der Ecke stehe»; viel zu schaffen.„The Lancet"(ein medizinisches Wochenblatt) behauptet aus guter Onelle vernom- men zu haben, daß der Gesundheitszustand deS Kaisers Napoleon keine Besorgnisse zu erregen brauche. Aber der„Adverttser" bleibt dabei, daß eS mit Louis Napoleon zur Neige gebe. Die Re- publikaner in Paris seien der Meinung, daß die republikanische Verfassung wieder rechtskräftig sein werde im Augenblick, da die Welt den„Uebelthäter" los ist, und daß es wenigstens in Paris keine Schwierigkeit haben werde, sie unmittelbar nach dem erwarteten Ereigniß wiederherzustellen. Man spreche anch von einer Bewegung unter den Orle- anisten, welche die Absicht haben sollen, ein Mani- fest an die Nation vorzubereiten und darin halb und halb mit den Republikanern eine Verständigung zu suchen. Aber die Orleanisten Härten wenig Aussicht, ans Ruder zu gelangen; die orleanistischen Prinzen, die sich an die Spitze der Partei stellen sollten, hätten während der ganzen Regierungszeit Louis Napoleons keinen Versuch gewagt, eine Ini- tiative zu ergreifen, und würden auch jetzt sich einfach mit ilner zuwartenden Stellung begnügen. Gewiß sei, daß in ganz Frankreich die entschiedenste Mißstimmung über den Mangel an Freiheit und über die schlimme Finanzwirthschaft herrsche, ein Ge« fühl, daß um so mehr wurme, als die Nation in neuerer Zeit nicht einmal durch glmre entschädigt worden. Wie die kommende französische Republik sich zu England, zu Deutschland, zur römischen und orientalischen Frage stellen werde, darüber ist der „Advertiser" noch nicht näher unterrichtet.— Auch der(radikale)„Sun" beschäftigt sich mit der Ge- sundheit des Kaisers der Franzosen. Er ist näm- lich empört darüber, daß der„Skandal auf dem Kontinent"(d. h. der deutsche 5!rieg) diese für ganz Europa kostbare Gesundheit angegriffen habe und noch immer angreife, indem die„Jntrignanten" aus Berlin und Petersburg dem Kaiser auch in Biarritz nicht Ruhe ließen.— In Folge der letzten Rede Bright's in Manchester ist es jetzt zwischen den Radikalen und Reformers zu einer Spaltung gekommen. Die Liga hat i» einer ihrer letzten Sitzungen beschlossen, gegen Herrn Bright Front zu machen oder ihn doch nur dann als Haupt der liberalen Partei anzuerkennen, wenn er sich von Gladstone definitiv losgesagt habe und unbedingt für das allgemeine Stimmrecht eintreten würde. Aus dem Orient hat rie Levanlepoft einige neuere Nachrichten gebracht. Ein Athener Bericht vom 29. September spricht von einem zwcitäligen Kampf in der Nähe von Canea, dessen Resultate in Athen noch nicht bekannt waren. Jedenfalls ist dieses Gefecht identisch mit dem letzlich gemeldeten, nur dürfte man sich in Korfu mit der Verkündigung des Sieges möglicherweise übereilt haben. Daß die Candioten Vortheile errungen haben müssen, erhellt ans der Tdatsache, daß sie nur drei Stun- den von Canea entfernt schlagen konnten, und daß die candiotische Nationalversammlung keineswegs gesonnen ist, ihre Sache aufzugeben, beweist idr Aufruf an alle Grieche», sich an dem Ausstände zu betheiligen. Nur ist eS fraglich, ob es den anßer- Niemand wollte daS Buch lesen. Sobald aber die Tbeo- logen mit ihrer Kritik darüber herfielen und es ver- dämmten, mußten noch 1500 Exemplare dazu angeschafft werden. Au« dem Gesagten läßt sich schon zur Genüge bemessen, von welcher Ausdehnung diese« Bürchergeschäst sein muß; allein wir wollen es noch etwa« genauer an- sehen. Seil dem verhältnißniäßig kurze» Bestehen der An- stall sind nicht weniger als 1,263,000 Bände an die Abonnenten ausgegeben worden, und gegenwärtig besitzt sie im Gebrauche 800,000, also gerade so viel, als die bändereichste Büchersamnilnng in Deutschland, nämlich die königliche Bibliothek in München. Es würde» enorme Räuinlichkcilen zur Aufbewahrung dieser Büchermenge nöthig sein, wenn nicht der größte Theil derselben steiS im Umlauf wäre. Im oberen Stock des Hause« befindet sich der Hauptvorralb, der den großen Saal unten mir den erforderlichen Bücher» versieht. Dieser Saal ist schon allein ichenSwerth. Er ist nicht ein dunkle« Maga- zin, sondern bietet dem Auge einen angenehmen Anblick dar. Er ist geschmückt mit jonischen Säulen und groß genug, um als schöner Concertsaal zu gelten. Die Wände sind ring« mit Büchern dccorirt und bedürfen keines anderen Schmuckes. Hier glänzen einige tausend Exem- plare irgend einer berühmten Reifebeschreibung in grüner candioliscben Griechen möglich kein werde, dem Rufe ihrer bedrängten Stammesbrüder zu folgen, indem die Westmächte sich fortgesetzt der griechischen Be- wegung abhold zeigen. Hr. Marquis de Moustier soll auf seiner Durchreise durch Athen mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen gedroht haben, wenn es der griechischen Regierung einfallen sollte, aus der Neutralität hervorzutreten. So wird aus Athen gemeldet, obwohl ein vorgängiger Be- richt aus der griechischen Hauptstadt nur anzeigt, daß Hr. de Moustier eine längere Unterredung mit dem»önige Georgios gehabt habe. Doch heigt es gleichzeitig in der späteren Athener Depesche, daß der französische und der englische Konsul in Canea der Jnsurrection feindlich gesinnt seien. Auch un- terläßt die Pforte keine Vorsichtsmaßregel, welche sie gegen Verlegenheiten schützen würde, die ihr aus Griechenland erwachsen könnten. Nach Monasti und in andere Punkte an der griechischen Grenze sind Truppenverstärkungen abgesandt worden, doch hat der Gouverneur von EpiruS Instructionen er- halten, jeden Conflict womöglich auf gütlichem Wege zu begleichen. Nachrichten aus Mepiko lauten dahin, daß die kaiserlichen Truppen immer mehr von den Re- publikanern in die Enge getrieben werden. Die Kaiserlichen besitzen nur»ock zwei Häfen: Vera- Cruz und Acapulco. Die Straße zwischen Vera» Cruz und der Stadt Mexiko wird von den Repu- blikanern beherrscht, die Franzosen verhallen sich lediglich defensiv. Zwischen den kaiserlichen und den französischen Behörden herrscht große Uneinig- keit. Wie es heißt, will Marschall Bazaine mit dem nächsten Dampfer nach Frankreich abgehen, falls er, ohne einen großen Theil der Armee zu seiner Escorte mitzunehmen, sicher nach Vera-Cruz gelangen kann. Auch hieß es, daß Maximilian abreisen wolle, daß Bazaine es ihm jedoch nicht gestatte. General EScobcdo stand im Begriff, mit 12,000 Mann auf San Louis de Potasi zu mar- schiren; er erwartete, daß andere Befehlshaber zu ihm stoßen würden. Alles Gebiet östlich von der Sierra Nevada ist in den Händen der Republikaner. Neueste Depeschen: Wien, Freilag 5. Ociober, Abend«. Einer Mi'lhei- lung der„Neuen freien Presie" zufolge hat die Conserenz dentsch-österreichischer Abgeordneter gestern resolvirt, daß die soforlige Einberufung des RcichSrathe« das einzige legale und wirksame Mittel zur Lösung der Bersasiungs- wirren sei. Petersburg. Wie gerüchtweise verlautet, ist in «iner heute stattgehabten Sitzung des Ministerralhes ein weittragender Vorschlag des Finanzministers zur Finanz- reforui diskutirt worden. Derselbe soll außerordentliche Ersparnisie im Budget, eine euergischc Belebung der Industrie und eine Erweiterung der Eisenbahnbauten, aber kein? Veränderung de« Tarif« umfassen. Vermischtes. �(Ein für Preußen interessantes Erkennt- n iß.) Am 28. Sept. befanden sich in Gratz Herr Moritz W-ngraf, als Heransgeber, und Joseph Oesterreicher, als Redacleur des„Telegraf", auf der Anklagebank, weil sie durch Verbreitung falscher Thalsachen das Pnbliknin in Aufregung und Beunruhigung versetzt hatten. Am 28. Juli was nämlich in einem Exirablatt de«„Telegraf" mitgetheilt worden, daß zwischen Oesterreich und Preußen ein Waffenstillstand abgeschlossen worden sei, und als Bedingungen des künftigen Friedensschlusses eine Kriegs- enlschädigung mit 200 Millionen Gulden, welche Oester- reich an Preußen zu zahlen hätte, sowie eine Verzicht- leistung Oesterreichs auf eine Entschädigung von Seite Italiens vereinbart worden seien. Aus diese Miltheilun- gen gründete sich die Anklage. Da« Urtheil der Richter sprach jedoch den Herausgeber gänzlich frei und verur- theilfp den Redacteur zu 5 fl. wegen Uebertretnug. Dem Urtheil des k. k. Landesgcrichls entnehmen wir folgende inier- essanie Stelle:„Es fehlt das erste Kriterium de« 8.308 St.-G., daß die Nachricht falsch war, weil gar nicht» vorliegt, daß der Angeklagte eine Nachricht verbreitet, von deren Richtigkeit er nicht überzeugt war. Seine Nachricht war nicht beunruhigend, es fehlte also das zweite Kriterium; denn jede andere Nachricht, besonders von Gebietsabtretungen, auf die man sogar gesaßt war, wäre weit mehr beunruhigend gewesen. Noch weniger war die Nachricht für die öffentliche Sicherheit beun- ruhigend; denn Jedermann hat sich überzeugen können von der damaligen, einer Apathie ähnlichen Glcichgiltig- keil, und die Bevölkerung war durchaus nicht in einer Stimmung, daß sie sich durch die Nachricht von einer Vermehrung der Staatslast um 200 Millionen Gulden zu irgend einer die öffentliche Sicherheit bedrohenden Bewegung hätte bestimmen lassen. Was die Polizei darüber sagt, ist für den Richter nicht maßgebend, und die Stallhalterei selbst vermag nicht von einer Beun- rnhigung der öffentliche» Sicherheit zu sprechen. Daß übrigens zureichende Gründe vorhanden waren, diese Nachricht für wahr zu halten, ist nach den fabelhaften Erfolgen der preußischen Waffen gegenüber den Be- mühungen der in einigen Tage» zerstreut gewesenen österreichischen Nordarmee umsomehr außer Zweifel, als -ebensowohl die öffentlichen Blätter verschiedener politi- scher Farbe, wie auch im Wege von Privalnachrichten nebst einer derlei Entschädigungssumme auch von Ge- bietSabtretung gesprochen wurde und Über den Umstand die bei weil meisten Stimmen darüber einig waren, daß die Mäßigung, welche von Seite Preußen« später ein- getreten ist, einem wohlthätig wirkenden fremden Ein- flusse zuzuschreiben sei. Unter solchen Prämissen hatte der Angeklagte vollen Grund, die zur Oeffentlichkeit ge- brachte Nachricht für wahr zu hallen, nnd es kann auch seinen Augaben von der Verläßlichkeit seines. Correspon- dentcn unter den obwaltenden Umständen Glauben bei- gemessen werden." (Zu„berechtigten Eigenthümiichkeiten") Nassau's rechnet man seit dem Jahre 1819 die Abschas- fnng der Todesstrafe. Zum Verdruß aller Eiferer für das' biblische„Ang' um Aug' nnd Zahn um Zahn" ist die Welt in Nassau um deswillen nicht schlechter gewor den, es ist nicht mehr geraubt»nb gemordet worden als anderweit, wo man die Todesstrafe(trotz alles Abling- nens) der Abschreckungstheorie wegen hat bestehen lassen. Die liberale Bürgerschaft Nassau'« wünscht deshalb, daß Preußen, da es nun einmal beim Annectiren begriffen ist, sich auch die« geläuterte Halsverfahren anneictren möge. -f(VolkSgesang in Darmstadt.) In der groß- herzoglich hessische» Metropole singt man, wie �lnS von dort geschrieben wird, folgendes Liedchen auf den Straßen: E« gibt nur a' Kaiserstadt, Es gibt nur a' Wien, Es gibt nur a' Räuberstadt, Und das ist Berlin. -j-(Ein verschwundener Komet.) In der„Post" theilt Herr Professor Schenk aus Bremen in einem län- geren astronomischen Artikel mit, daß der Bielassche Komet, welcher bisher alle sieben Jahre wiederkehrte,(beobachtet seit 1826) verschwunden ist. Es ist dies derselbe Komet, welcher im Jahre 1846 unter den Augen der Astronomen sich in zwei Stücke theilte, welcher Vorganz allem Anschein nach auch die Veranlassung zu seinem gänzlichen Verschwinden geworden. Die Entfernung twi- jchen jenen beiden Theilen war schon im Jahre 1852 acht mal so groß geworden, al« sie 1346 gewesen war; im Jahre 1859 war der Komet wegen seiner ungllnstigen Stellung z» Sonne und Erde nicht zu beobachten ge« wese» und diesmal nun ist er, wie gesagt, gänzlich an«- geblieben. —(Zwei vernünftige Priester.) Die„Kreuz- zeilung" theilt ein Bruchstück aus dem Briese eines evan- gelischen Feldprcdiger» mit, worin es heißt:„Gestern bin ich von einer amtlichen Rundreise(im östlichen Böhmen) zurückgekehrt. Ich hielt Gottesdienst in sieben Orten. In O. begegnete mir Folgende», was in den Annale» der katholischen, wie evangelischen Kirche wohl einzig dastehen möchte. Al« ich de« Abends ankam, mel- dete mir der Feldwebel, daß der Lieutenant mit dem ka- tholischen Pfarrer Alle« abgemacht habe und daß uns die Benutzung der katholischen Kirche Tag« daraus früh 7 Uhr erlaubt sei. Ich fand die Soldaten um 7 Uhr zur Andacht bereit; der Lieutenant fehlte indeß noch. Die Kirche war geöffnet und leer. So gingen wir denn hin- ei»; wir fingen den Gottesdienst mit Gesang an. Andere Eivilpersone» de« Städtchens erschienen, wie ich meinte, aus Neugier. Ich stand am Eingange der Altarnische. Plötzlich erscheint der katholische Geistliche: ich mache ihm Platz; er geht durch die hölzernen Schranken bin- durch nach der Sacristei. Ich dachte, es solle eine Taufe geHallen werden nnd amtire weiter. Von mir wird Li- lurgie gehalten; da erscheint auch der katholische Geist- lichc im Ornat, geht auf den Altar und hält eine stille Messe. Die Chorknaben gehen hin und her, es wird ge- klingelt, die Moustranz wird gezeigt; ich aber predige über 11. Tim. 2:„Sei ein guter Streiter Jesu Christi", unbekümmert in dem Glauben, daß ich eine» katholischen Priester von großer Liberalität hinter mir habe, der evan- gelischen und katholischen Gottesdienst wohl vereinbar halte. Ziemlich zu gleicher Zeit sind wir Beide fertig; wir begegnen un« in der Sacristei, wo sich herausstellt, daß Niemand den Geistlichen um die Benutzung der Kirche ersucht habe. Der Pfarrer war sehr liebenswürdig und sagte, das schade Nichts, Jeder habe nach seiner Weise demselben Gölte gedient. Draußen eilte un« nun in großer Bestürzung der Lieutenant entgegen; er klagte sich al» den allein Schuldigen an; er habe versäumt, sich mit dem Pfarrer in Verbindung zu setzen k. Er datte in der Kirche wie aus Kohlen gesessen und der Dinge gewartet, die da kommen könnten. So haben denn ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher(in Einer Kirche) zusammen sungirt, gewiß zum größten Er- stauen der Stadtbevölkerung." —(Die Armenpflege Berlins) hat wegen ihres Hobe» Budgets, das dafür verausgabt wird, einen guten Namen. Man kann rechnen, daß alles in Allem jähr- lich eine Million Thaler daraus verwendet werden. Doch da« hohe Budget allein thnt« nicht, wie aus nachstehendem, nicht aber erbaulichen Fall zu sehen ist. Während der Cholerazeit hat es in Berlin vorkommen können, daß die Leiche eine« an der Cholera Verstorbenen erst am siebenten Tage beerdigt worden ist. Der V.rsiorbene lag in Schlafstelle. Da er nichts hinterließ, so war er nach seinen, Tode eine„Armenleiche", der Todessall sollte also dem Armen-Commissions-Vorsteher gemeldet werden; derselbe war aber an zweien Tagen, dem 20. und 21. September, nicht anzntreffen. Daraus entstand die erste Verzögerung. Die Leiche blieb fünf Tage lang in färbe; dort prangt eine ganze Wand in den blauen inbänden einer beliebten Novelle; hier wiederum schimmern mehrere Reihen irgend eines vielgelesenen historischen Werkes in hellroth». f. w. Leichte eiserne Galerien führen zu de» obersten Fächer»; nette Wägelchen, mit Büchern beladen, rollen von Zimmer zu Zimmer; ganze Bücherhansen sind aufgestapelt, ungefähr wie man Ziegel ans einander gelegt sieht»eben im Bau begriffenen Häusern. Auf einer eisernen Treppe gelangt man in die hellerleuchteten, gut geheizten Kellerräume, welche mit anderen Büchern in Paketen von braunem Wachspapier angefüllt sind: das sind diejenigen, welche schon gelesen find. Einige davon werden»nr eine zeitlang zurückge- stellt: wenn die Verfasser(vorausgesetzt, daß sie populär sind) neue Werke herausgeben, so leben sie wieder aus; andere aber werden als dienstülitanglich ausrangirt und verlassen die Anstalt. Sie werden in besonderen Zimmern mit andere» Büchern, die nicht mehr in Nachfrage stehen, zum Verkauf zurechl gemacht, nm eine neue Wanderung in Leihbibliotheken aus dem Lande anzutreten, bevor sie endlich zur Ruhe kommen. Natürlich kommt es häusig vor, daß Bücher bei dem beständigen Gebrauche beschädigt werden. Solche Patienten komme» in eine eigene Heil- -»nstalt, wo zerbrochene Decken und zerrissene Blätter wieder hergestellt werden und an« welcher werthvolle und noch brauchbare Bücher in stärkerem»nd glänzendcrem Einbände als vorher wieder zum Vorschein kommen. Es giebt aber auch so etwas wie ein Leichenhaus in dieser Anstalt, wo Tausende von Bänden, die zu Tode gelesen worden sind, aus einen Hausen zusammengeworfen werden. Zu schmutzig, um zum Einwickeln zu diene»; zu fettig, um zum Tapezieren der Wände und alter � Kasten zu tauge»: was bleibt übrig, als sie zu— Dünger zu verwenden! So schließt da« Buch seine würdige Lauf- bahn: im Leben gab e» Nahrung dem menschlichen Geiste, im Tode hilft e« Nahrnng für den menschlichen Körper producirc»! Die Einrichtung nun, vermittelst welcher alle diese Bücher über ganz Großbritannien und Irland, ja selbst nach Frankreich und Deutschland verlheilt werden, gleicht an Großartigkeit dem Gesagten. Wenn man es ehedem schon für etwa« Großes hielt, 12 Bände auf ein- mal aus einer Leihbibliothek beziehen zu können, so liefert Mudie seinen Abonnenten ganze Bibliotheken ans einmal. Für die höchste Abonnentenclasse werden Kundert neue Bücher zugleich versendet und so oft gewechselt, als man will. Auf diese Weise brauchen Cassinv«, Lesegesellschafte» und wissenschaftliche Vereine auf dem Lande ihre Bücher ! nicht zu kaufen, sondern sie beziehen sie am Besten im Großen von Mudie und können ihren Mitgliedern für da« nämliche Geld eine größere Anzahl und eine größere Auswahl bieten, als früher. Abonnenten in der Stadt wechseln gewöhnlich ihre Bücher selbst, und man wird sich einen Begriff von dem Leben nnd Treiben machen können, welche« am langen Ladentische herrscht, wenn man erfährt, daß durchschnittlich 1000 Personen täglich erscheinen, welche also mindesten« 3000 Bücher umtauschen. Abonnenten in der Vorstadt bekommen ihre Bücher ver- mittelst besonders dazu eingerichteter Karren zugeschickt, und diejenigen, welche auf dem Lande wohnen, haben ihre eigene Kasien. Diese Kasten sind von allen Größen: es giebt solche, die vier Bände hallen, bis zu solche», die 100 saffen. Mehr als 100 solcher Kasten werden täglich in Empfang genommen nnd spedirt. Rechnet man Alle« zusammen, so stellt sich heraus, daß aus letztere Art allein täglich nicht weniger als 10,000 Bände durch die Anstalt in Umlauf gesetzt werden. Diese Thatsache zeigt, welche erziehende Macht diese« Institut auf die besseren Classen der Gesellschaft ausübt. Es ist nicht zu verkennen, daß dadurch das Bedürfnis), gute Bücher zu lesen, allgemeiner wird und somit wieder einen fördernden Einfluß auf die Verbreitung und Production derselben hat. der Wohnung liegen. Während dieser Zeit wurde durch den Arnien-EonitnissionS-Vorsteher für einen Sarg gesorgt; da aber eine Abholung der Leiche nicht erfolgte, so wurde dieselbe von dem Inhaber der Wobnuug mit dem Sarge ans den Hof gesetzt. Aus die Beschwerde der HanS- wirthin bei dem Polizei-Lieutenant wurde die Leiche am siebenten Tage abgeholt. Der Leichenwagen kam als- dann ohne Träger. Der WohnungS-Jnhaber, dessen IKjäbriger Sohn(der nachher an der Eholera erkrankte) und noch ein Hausbewohner legten Hand an und hoben den Sarg in den Wagen. Daß ein Fall wie dieser hier vorkommen kann, ist gewiß eben so erstaunlich als be- trübend! —(Eentralverein Arends'scher Stenographen.) Sitzung vom 2. October 18ö6. Nach Eröffnung der Sitzung werden erfreuliche Nachrichten und Eorrespvn- denken über das Fortschreite» der Arends'schen Stenographie mitgetheilt, namentlich au« Potsdam, Görlitz und Sprottau; desgleichen vom Auslande, au» Riga und ans Genf. In letzterem Orte sind e» dort weilende Nordamerikancr, welche die Kunst Pflegen und nach ihrer demnächst stattfindenden Rückreise in die Heimalh auch dort in den nordamerikanischen Südstaaten für die Verbreitung des Arends'schen Systems thätig sein wollen. In dem nördlichen Theile der Union hat die ArendS'sche Kurzschrist bereits ihrer Vertreter, wie in srüberen Berichten gemeldet worden.— Auch am hiesigen Orte ist jetzt, nach beendetem Kriege der Unterricht wieder in verschiedenen Kreisen begonnen worden, namentlich wird die Kunst jetzt mehr denn je von Damen erlernt, wie die von mehreren Seiten eingelaufenen Berichte, über begonnene Lehrcurse mit Damen, ergeben. Auch über einen in nur wenigen Tagen durchgeführten Eursus mit lLjährigen Knaben wird Mittheilung gemacht.— Die Nr. 6 der Zeitschrist„Antitironia" wird ausgegeben.— Der Plagiat Grote, der kürzlich mehr als einen Tenlner seiner„Schreib-Lese-Schule" in einem Schlächterladen verkauste, um sie nur irgendwie zu Verwertben, lauert jetzt die Schnlknaben aus der Straße ab, um sie durch Ueberredung und Einhändigung eines Zettels, der die lächerlichsten Angaben über das Grote'sche„System"(l) enthält, zur Theilnahme am Unterricht zu bewegen.— Am nächsten Sonnabend findet das bereit« erwähnte estesien, welches der Verein zu Ehren seiner au« dem riege heimgekehrten Mitglieder veranstaltet, im neuen Saale des Herrn Pfuhle, Landsbergerstr. 32, statt. —(Vater und Sohn.) In Pari» starb dieser Tage im hohem Alter ein Herr, der vor vierzig Jahren in einen Prozeß verwickelt war, welcher damals sehr großes Aussehen machte, seither aber in Vergessenheit ge- rathen ist. Der erwähnte Herr war ein Mann von Rechtlichkeit und strengen Sitten. Sein Sohn, ein jun- ger Mensch vo» achtzehu Jahren, machte ihm vielen Kummer; derselbe war von niedrigen Leidenschaften be- herrscht, die nicht zu bändigen waren. Eines Tage» empfing der Herr in seinem Landhause den Besuch eines Geschäftsmannes, welchem er in Gegenwart de« Sohne« eine bedeutende Geldsumme einhändigte. Noch Tisch entfernte sich der Geschäftsmann, um nach Hause zurück- zukehren. Unterwegs wurde er in einem kleinen Gehölz von einem Menschen mit geschwärztem Gesichte angefallen, welcher ihm die Läufe eines Doppelpistol» an die Brust setzte, und die Börse oder da« Leben verlangte. Der Geschäftsmann halte anfangs den Gedanken, sich zu ver- lheidigcn, als er aber den Räuber zu erkennen glaubte, warf er ihm die Börse mit dem Gelde zu, und eilte von dannen. Bei Tagesanbruch kehrte er zu dem Herrn, von dem er das Geld empfangen hatte, zurück, und sagte: „Sprache, Haltung und Gesichtszüge, so weit ich sie trotz der Schwärze erkennen konnte, geben mir die Gewißheit, daß der Räuber Niemand Anderer, al« Ihr Sohn war." —„Davon wollen wir uns sofort überzeugen", sagte der Herr,„kommen Sie." Er trat in da« Zimmer sei- ne« Sohnes, welcher fest schlief. Ein Handtuch mit schwarzen Flecken, ein Doppelpistol und die Börse de« Geschäftsmannes, die in dem Zimmer de« Sohne« lagen, gaben dem zitternden Vater die schreckliche Gewißheit, daß'der Verdacht nicht unbegründet war. Er ergreift das Pistol, und ehe noch der andere es hindern konnte, schoß er seinem Sohne eine Kugel durch den Kopf.— Er wurde zur Deportation verurtheilt; zehn Jahre später erhielt er die Erlaubniß, nach Frankreich zurückzukehren. Er lebte seither ganz isolirt in Pari«, versunken in stete Trauer. —(Die Schilderungen de» Elend«), daß in Folge der Uederschwemmungen in einzelnen Departement« Frankreichs herrschen muß, lauten ungemein betrübend. So schreibt man aus dem Lozere-Departement dem Mes- saget du Midi, daß durch den Uebcrtritt sämmllicher Flüsse daselbst alle Wege beschädigt und über 70 Brücken svrtgerissen sind. Uederall kann mau nur noch zu Pferde over zu Fuß durchkommen. Die Gärten, Wiesen und Weinberge sind ausgewaschen und versandet, die Obst- bäume entwurzelt. In Chadenet sind über 100 Schafe der Gemeindehecrde umgekommen. Im Ardöchc-Deparlc- ment ist die reiche Kastanienernte glänzlich verloren; die Bäume liegen am Boden und an den meisten Stellen ist da« Erdreich weggeschwemmt und der FelSgrund bloß- gelegt. Nicht minder groß ist das Unheil in einem nicht unbeträchtlichen Theile von Savoyen. Die Postverbin- dung mit Italien findet auf Maulthierpfaden Statt, die schon sei langer Zeit nicht mehr betreten worden waren. Eine der großen Brücken der Victor-Emanuel-Bahn ist sortgerissen worden; zwei andere sind schwer beschädigt und in so fern unbrauchbar, al« da« Wasser sich ein an- deres Bett gewühlt hat und nun nicht mehr unier den Brücken durch, sondern neben ihnen vorüber fließt. Der Schaden, den die Montceni«- Straße allein erlitten hat, wird von deu Ingenieuren auf 1,200,000 Fr. geschätzt. Vor Ende November werden schwerlich Personen und Waareu zwischen Frankreich und Italien befördert wer- den können. Auch sind in Savoyen, wie anderwärts, verhältnißmäßig nicht wenige Verluste an Menschenleben zu beklagen. —(Wahnsinn in der höchsten Potenz.) Ame- rikanische Blätter erzählen schnurrige Dinge von dem Wahnsinn eines Deutschen, Namen« Adolph Balluf, der in Wheeling(Virginien) lebt und der selbst in Amerika auffällt, wo doch Jeder das Recht hat, so toll zu sein, als er Lust hat. So ist er zu Zeiten überzeugt, daß er in den Mond versetzt ist, und giebt nun die abeuteuer- lichsten und phantastischesten Beschreibung von den Be- wohnern und Sitten seine« neuen Baterlande«. Zu an- deren Zeiten glaubt er, sein HauS liege mitten in der Sonne und er habe dort eine kleine Anstellung erhallen, nämlich alle Morgen den Schieber aufzuziehen, um Licht und Wärme herauszulasseu. Kürzlich sagte er, seine Schwester sei in eine Maus verwandelt und benage da« Brod und den Käse im Hause, weßbalb er ihr auslauerte, um sie zu erschlagen, woran er noch glücklich verhindert wurde. Seit dem deutschen Kriege hält er sich für einen Verwandten de» König« von Baiern, der jetzt ein mit Gold beladene« Schiff an ihn abgesendet, damit er zwei Paläste erbaue, einen für ihn selbst, den anderen für den König. Und in der letzteu Zeit suchte er alle Winkel de» Hause» aus, um sich zu verstecken, denn er glaubt. mit einer Dame verloht zu sein, die ihn durchaus küssen wolle, vor der er aber flieht, weil— ihr Warzen auf der Nasenspitze gewachsen seien! —(Der halbjährliche Bericht de«„dcut- schen Rechtschutzvereinö in London") liegt vor un« und giebt einen erfreulichen Beweis von der fegen«- reichen Wirkung dieses wohlthätigen Institut«. Die Zwecke des Verein« sind: unbemittelten Deutschen in London, so lange dieselben kein fremde« Bürgerrecht er- langt haben, und deren minorennen Kindern Rechtshülse zu gewähren, sie gegen Eivil- und Eriminalklagen in Schutz zu nehmen oder ihnen für in dieser Weise erlit- tenen Schaden Entschädigung zu verschassen. Wer da weiß, wie einsam und verlassen sich der einzelne, der Sprache und Landessitten unkundige Fremde in der Riesenstadt London sühlt und besonder« wie schwer und kostspielig e« in England für den Fremden ist, den Schutz der Gesetze mit Nutzen sür sich in Anspruch zu nehmen, der wird den kräftigen Rückhalt, den ein solcher Verein von Landsleuten ihm zu gewähren vermag, zu schätzen wissen, und eS wäre darum wünschenswerth, daß auch von Deutschland au« al« ein Zeichen der Anerkennung seiner Verdienste dem Vereine recht reichliche Beiträge zur Förderung seiner edlen Zwecke zuflössen. —(Erkannt.) In Berlin hatte sich ein Eomitö nicht weiter nahmhaft gemachter Personen gebildet, da« damit umging, dem Kronprinzen einen Ehiendegen und dem Prinzen Friedrich Carl einen Ehrensäbel zu Über- reichen. Man erfuhr indessen Über diese Angelegenheit nicht« weiter, als daß zu beregtem Zwecke 5000 Thaler zusammengebracht seien, sür welche die Waffen in einer renommirtcn Handlung gefertigt werden sollten. Jetzt bringt die„StaatSb.-Ztg." folgende« Nähere au« guter Quelle über die Ueberreichung der Geschenke: Der Ehren- degen wurde dem Kronprinzen durch eine Deputation überreicht, welche aus mehreren Hotelbesitzern der Linden- Promenade und sonstigen, in spekulativem Patriotismus arbeitenden Leuten bestand. Sie wurden keineswegs gnädig empfangen und erhielt auf ihr Anerbieten eine entschieden zurückweisende Antwort de« Inhalt«: Der Kronprinz liebe e« nicht, Geschenke anzunehmen, die von Personen veranstaltet würden, welche sich dadurch blo« einen Namen machen wollten, noch dazu aus Kosten ihrer Mitbürger. Wenn ihm eine besondere Corporation, eine HandwerkS-Jnnung, eine Stadl oder dergleichen ein An- denken oder Geschenk überreichte, so würde er e« mit Stolz und Freude annehmen; ein aus solche Weise zu Stande gekommenes aber nicht. Die Deputation mußte also mit ihrem Ehrendegen wieder abziehen.— Wir wissen nicht, ob sie denselben vielleicht dazu verwenden wird, sich nach Art der alten Römer in ähnlicher Lage hineinzustürzen.— Beim Prinzen Friedrich Carl kam die Deputation noch ein wenig besser resp. schlechter weg, sie wurde mit ihrem„Sabul" gar nicht vorgelassen. —(Zu den Doctortitelverleihungen) bringt die Berliner„Ger.-Ztg." folgende ergötzliche Geschichte: Die Universität Gießen ist durch ihre Dvctortitelver- leihungen, womit sie bekanntlich auch einige gelehrte Berliner erfreut hat, in der ganzen Welt so berühmt, daß, wie man ja vor Kurzem in den Zeitunzen hat lesen können, verschiedene Deutsche Universitäten den Antrag gestellt haben, man möge dieser Anstalt da« Recht, Docto» ren der Philosophie zu ernennen, entziehen. Der Antrag ist glücklicherweise nicht durchgegangen und zwar, wie man hört, eines Ausspruchs halber, der den Gelehrten der Gießner Universität alle Ehre macht. ES hatte sich nämlich ein m Frankfurt a. M., der ehemals freien Stadt, wohnender Engländer an die erwähnte Universität ge- wendet, ihr eine Sireitschrift und 50 Thaler eingesendet, auch bald daraus das erwähnte Doctordiplom erhalten. Kurze Zeil nachher verwendete sich derselbe Engländer bei derselben Universität um denselben Titel für seinen Stallmeister, der ausgezeichnete Kenntnisse in der Pferde- Wissenschaft besitze. Dem Schreiben waren 50 Thaler bcigcsügt und der Stallmeister erhielt den Doctvrtitel. Der Engländer aber war unermüdlich. Er schrieb einen dritten Brief an die Universität in Gießen und erbat sich, unter Beifügung von 50 Thaler, für sein Pferd den Doctortitel, da dasselbe die ausgezeichnetsten Eigenschaften besitze und von Gelehrsamkeit strotze. Zu seinem Er- staunen erhielt er seine 50 Thaler jedoch in einem Briefe zurück, in welchem ihm mitgetheilt wurde, die Universität habe wohl zweien Eseln den Doctortitel verleihen kön- ne», vermöge da« aber nicht bei einem Pferde.— Dieser denkwürdige Ausspruch soll die Professoren von Gießen vor der Entziehung ihrer 50 Thaler-Renten geschützt haben. b.(Wahre Anekdoten.) Der Friedensrichter in der rheinischen Kreisstadt* hat gar oft viel zu richten; da trifft es sich denn manchmal, daß sein sriedenSrichter- licher Eifer zu schnell zu Werke geht, und dadurch die ergötzlichsten Dinge zum Vorschein kommen. So«er- hörte er neulich einen Zeugen, und nachdem er demselben die Wichtigkeit eines Eide« an« Herz gelegt, sagte der Richter: Nun sprechen Sie mir Alle« nach: Richter. Ich schwöre— Zeuge. Ich schwöre— Richter. Nicht so schnell! Zeuge. Nicht so schnell! Richter. Maul halten! Zeuge. Maul halten! Nun wurde aber da« Gelächter so groß, daß dcir Herr Richter die Polizei requiriren mußte, um die Ruhe wieder herzustellen. Ein ander Mal wurde derselbe Richter durch den Hau«- knecht eine» allen Fräulein« zu Kaffee geladen, als ihn derselbe aber zu Hause nicht fand, ging er in da« Ge- richtSlokal wo er den Richter in völliger Aktivität de« Eidabuehmens fand. Er trat also zu ihm heran, machte seinen Diener und sagte: Herr Richter, eine Empfehlung— Der Richter ließ ihn aber nicht aussprechen, wäh- nend, er sei ein Zeuge, und rief ihm barsch entgegen: Erst schwören!— Hausknecht. Aber Herr Richter ich wollte nur— Richter. Nicht« da, hier ist kein„Aber", erst schwören. Hausknecht. Ja die Fräulein— Richter(streng). Schwören, erst schwören. Der Hausknecht mochte wollen oder nicht, er mußte erst den Eid ablegen. Nun sagte der Richter: WaS haben Sie zn sagen? Der Hausknecht: Eine Empfehlung von Fräulein L— Sie möchten heute Nachmittag auf eine Tasse Kaffee zu ihr kommen. Da rief unser eifriger Herr Friedensrichter: Aber Mensch, warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Annoncen. Kapital und Arbeit. Erster Bortrag in Arnim's Hotel, Unter den Linden 44, Dienstag, den 9. October, AdendS 8 Uhr. Social- demokratischer Arbeiter-Verein. Montag, den 8. October, Abend« 8Ve Uhr, im „Kaisergarten", alte Jakobstraße 120, öffentliche Versammlung. Der Zutritt steht Jedermann unentgeltlich frei. Der Vorsitzende. Buchdrucker-Gehülfen-Verein. Lokal: Alrrandrinen-Straße 36. Dienstag, den 9. October. Vortrag von Herrn Dr. Scheye. per vorstand. Verantwortlicher Redacteur und Verleger: I. B. v. H offtetten in Berlin. - Druck von F. Hossschlä-ger in Berlin.