Nr. 161. Berlin, Mittwoch den 17. October 1866. Diese Zeitung erscheint drei Mal wöchentlich und zwar: Dienstag«. Donnerstag« und Sonnabend« Abend«. Organ der social-demokratischen Partei. Redigirt von I. B. V. Hofstetten und I. B. v. Schweitzer. Zweiter Jahrgang. Redaction und Expedition- Berlin. Alte Jakobstrage Nr. 67. Abonnement«-Preis für Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich IE) Sgr., monatlich 5 Sgr., einzelne Nummern I Sgr.; bei den Königl. preußischen Post« ämtern 1b Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- land iLVs Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr. sfl. 1. 10. südd., st. 1. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt« auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Tompagnie, Zimmerstraße 48», sowie au.ü unentgeltlich von jedem„rolhen Dienftmann" entgegen genommen. Inserate sin der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltcne Petit-Zeile bei Arbtiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mir Sgr.»-rechnet. Agentur für England, die Colonieen und die überseeischen stäpder: dir.»rucker, 8. I,>ttls New-Port- Agentur für Frankreich: 0. A. Alexandre, StrasBbonrg, 5. Kue Brnlee; Paris, 2. Cour Street, Leicester-Square W. C. London. du Commerce Saint-Andre-des-Arts. Politischer Theil. Berlin, IK. October. Die Productiv-Assoctallonen haben uns in unserm vorige» Artikel beschäftigt und heule sollen sie noch einmal der Gegenstand unserer Be- sprechung werden. Auch die Bourgeoifie-Oekonouiie befürwortet die Gründung von Productiv-Asiociationen— freilich auf Grund de«„SparenS"; allein worin unter- scheiden sich die Productiv-Associationen, welche die Bourgeoisie für die Arbeiter will, von jenen Associationen, deren Idee sich auS der Arbeiterklasie selbst heraus entwickelt hat? Blicken wir aus Frankreick, dieses merkwürdige Land, wo seil länger als einem Menichenaltcr der Socialismus nicht' nur tief wissenschaftliche Fehden mit den Vorkämpfern der liberalen Bourgeoisie ge- führt, wo er auch Schlachten in den Straßen der großen Hauptstadt geschlagen und wo er friedlich und ruhig, aber zäh und beharrlich, in lebendigen Einzelschöpfungen sich versucht hat. Worin unterscheiden sich im innersten Grunde alle jene französischen Arbeiter-Asiocialionen von den Provuctiv- Associationen, welche die Bourgeoisie den Arbeitern anrälh? Die von der Bourgeoisie befürworteten Produc- tiv-Asiociationen sind Schöpfungen, welche auf dem Boden des Bestehenden fußen. Es sind industrielle Unternehmungen wie alle andern, nur mit dein Un- terschiede, daß eine Anzahl Arbeiter in kleine Bour- geois verwandelt werden sollen: die Arbeiter näm- lich, die sich zur Association zusammenthun. Die Productiv-Asiociationen hingegen, die auS dem treibenden Inner» der französischen Arbeiter- klaffe hervorgegangen sind, waren von jeher auf die Erkenntniß gegründet, daß sie der Sacke der Zu- kunst, einem neuen Zustande, Bahn zu brechen hät- ten. Sie waren nicht gewöhnliche ErwerbSvereini- gungen zum Geldvertienen, sondern sie hatten einen allgemein socialen Charakter. DieS zeigte sich nicht nur in allen Einzelheiten. es zeigte sich vor Allem in zwei Punkten: einmal darin, daß in den Statuten immer ausdrücklich da- für Vorsorge getroffen war, daß nicht nur die ersten Begründer, sondern auch in Zukunft alle Arbeiter, unter gewiffen unerläßlichen Voraussetzungen, an der Association und ihren Voriheilen sollten Theil nehmen können, und ferner darin, daß, mit ersterer Bestimmung i» Zusammenbang stehend, immer ei» gemeinsamer Fond gegründet und zu allmähligem Anwachsen bestimmt ward; ein Fond, der nickt den einzelnen Associirlen gehörte, sondern der als wirklich gemeinsames Eigenthum der Gesammtheit, allen gegenwärtigen und künftigen Mitgliedern der Association, zustand. Mit einem Wort: Die Productiv-Asiociationen, wie sie die Bourgeoisie für die Arbeiter will, sind gewöhnliche Erwerbsunternehmungen und Gelb- spekulationen ohne irgend eine liefere sittliche Grund- läge; die Productiv-Asiociationen, wie sie aus der französischen Arbeiterklasie sich entwickelt haben, sind sociale, den ganzen Menschen berührende, auf einer tief sittlichen Grundlage beruhende Versuche zur Verwirklichung einer großen civillsatorischen Idee. Darum dort gewöhnlicher Krämergeist— hier der großartigste Genieinsinn und Opfermuth! Wovon vielleicht ein ander Mal mehr!— Rundschau. Berlin, 16. October. Fast könnte es jetzt scheinen, als wenn in ganz Deutschland, v. h. auch zwischen Preußen und Sachsen, ein Friedensschluß zu Stande kowmeu sollte. So berichten wenigstens die meisten große- ren sächsischen und preußischen Zeitungen. Ueber den Inhalt herrscht freilich noch völlige Unsicherheit. Nach der„B. B.-Z." ist preußischerseits als ras Mindeste die Räumung des linken ElbuferS von sächsischen Truppen verlangt worden, während letz- lere das rechte Elbufer innehalten sollen. Nach der„N. Pr. Ztg." lst es gerade umgekehrt. Eine Correiponvenz der„Nat.-Ztg." aus Dresden be- stätigl die Anordnung der„N. Pr. Zig.". fügt aber bei, daß jetzt gar nicht ein definitiver Friede, sondern nur ein Abkommen zu. Stande gebracht werde, das seine endgillige Regelung durch den norddeutschen Bund erhalten solle. Die öffentliche Meinung, wie auch ein großer Theil der Presse Preußens zeigen sich jedoch einer solcher Berein- barung wenig geneigt.— Die liberal-nationale Partei in Sachsen hat nach zweimonatlicher, in Folge des Verbots politischer Versammlnng erfolg- ter Unterbrechung in einer sehr zahlreich besuchten Versammlung in Leipzig folgenden Beschluß ein- stimmig angenommen: Wir fordern wiederholt die sofortige Enttasiunz der sächsischen Soldaten in ihre Heimath und können nicht anerkennen, daß irgend eine andere als dynastische Rück- ficht den Ausschub dieser Entlassung rechtfertige. Wir pro'esliren zugleich dagegen, daß zur Erhaltung dieser Armee im fremden Lande der au« Sachsen sortgesührte Staatsschatz oder auch nur diejenigen Mittel serner ver- wendet werden, welche sogar von der letzten Stände- Versammlung nur zur Führung eine« BundeSkriege«, der nunmehr beendet ist, verwilligt worden sind. In Stuttgart ist die Adreßdebatle am 13. Oct. unter Annahme des Fünfzehnerentwurfs mit 61 gegen 2b Stimmen beendet worden. Holder, Streich, Feiger, der Kammerpräsident Weber u. A. hatten sich im Laufe ter Debatte für die„zwingende Roth- wendlgkeit des Anschlusies an Preußen" gegen den Commissionsanlrag ausgesprochen. Scholl, Mehl und besonders die Föderativ-Republikaner Oesterlen und Becker sprachen mit großer Heftigkeit gegen „die Gewaltpolitik, den preußischen Militärstaai"»c, und trugen den Sieg davon.— In Franksurl wurde am 8. October während der Feierlichkeit der Verkündigung des Besitzergreifungspalentes im Kaisersaal zu Sachsenhausen eine schwarz-roth-gol« dene Fahne auf polizeilichen Befehl sofort nach dem Aufhissen wieder entfernt. Ebenso wurde die mit rpthen und weißen Rosen geschmückte ThemlS auf dem Brunnen vor dem Römer ihres Schmuckes entledigt, weil die Polizei darin eine Demonstration gegen die neue Ordnung der Dinge zu erblicken glaubte. Neuerdings ist jedoch das durch den Gc» neral VoigtS-Rheetz erlassene Verbot des Gebrauchs von außerpreußischen Flaggen wieder aufgehoben worden Ferner fand in voriger-Wocke zum ersten Male eine Ueberwachung der Frankfurter Mitglie- der des Allg. deutsch. Ärb.-Vereins statt, wie dies von jetzt an bei allen politischen Versammlungen der Fall sein wird.— Aus Wien wird der Rück- tritt des Grafen Meusdorsi als eine beschlosienc Sacde bezeichnet. Die Stimmung im Innern Oeslerreichs macht einen trostlosen Eindruck. Die Nothwendigkeit innerer Refornieu ist alle» Parteien klar, aber sie stellen die verschiedenartigsten Partei» . Programme auf und befehden sich dieserhalb auf das heftigste, ohne irgend welche Annäherung gegen- scitig finden zu können.— In Hollund bringt der„Staats-Courant" vom 12. October nach der Auflösung der zweiten Kam- iner der Generalstaaten eine königliche Proclaniation, aus welcher wir folgende bezeichnende Stelle her- � vordeben: Die Erfahrungen der letzten Zeit haben überzeugend bewiesen, daß eine Uebereinstimmung und ein Zusammen- wirken mit der zweiten Kammer der Generalstaaten in ihrer jüngsten Zusammensetznng nicht zu erlangen war; da« fortwährende Wechseln Meiner verantwortlichen Rathgeber muß aus die Dauer schädlich werden für die moralischen und materiellen Interessen der Nation; e« erlabmt dadurch die Kraft der Regierung, während die Beständigkeit einer Richtung dieselbe in ihren Absichten und deren Ausführung stärkt. Belgien hat gegenwärtig, just wie vor Kurzem Deutschland, seine Freude an einem großen Schützen- feste. Nur daß man in letzterem die Einigkeit Deutschlands beloastete, und in Belgien die Ver- einigung der Völker.„Seid umschlungen Millio- nen, diesen Kuß der ganzen Welt", könnte dabei ge- jungen worden sein. In Paris erwartet man durchgreifende Verän« derungen im Ministerium und zugletck eine neue Epocke inneren Ausbaues und ökonomischer Ent- Wickelung. Von politischen Reformen ist dabei jedoch nickt die Rede. Persigny's Idee ter Friedens- Milliarde zur Ausführung öffentlicher Bauten und zum allgemeinen Landesbesten unter Leitung des Herrn Haußmann, als Minister der öffentlichen Arbeilen, spielt dabei eine große Rolle. Das kranke Kaiserreich macht krampfbafte Anstrengungen zur Erhaltung seiner Dynastie und wird dabei m demselben Maße conservaliv, als es die Begehrlichkeit der Masse zufrieden stellen möchte.— In Tülle sind 50,000 Chasiepol'sche HinterladunzSgewehre bestellt worden zum Preise von 70 FrcS. d as Stück, wäh' tent das bisherige Jnfanteriegcwehr nur 35 FrcS. ästete.— Die Nachricht, baß Graf Goltz die gegen �S„Mcm. tipl." anhängig gemachte Klage zurück- gezogen habe, ist nach der„Nordd. Allg. Ztg." un- begründet. Ein Telegramm aus Bern meldet, daß der drr- �ige Gesandle Englands, E. Harris, gegen die »cauianner Ztg." wegen eines Artikels, der Ber- leumdungen der Königin Victoria enthält, eine Be- fchwerde beim Bundesratb eingereicht hat. Der Daily-New-Correspondcnt aus Paris schreibt daiu: Ich sehe mit schmerzlichem Bedauern, daß ein briti- scher Botschafter zum ersten Mal das von Frankreich seit dein Staatsstreich aegebene Beispiel nachgeahmt und von ausländischen Zeitungsartikeln diplomatisch Notiz genom- wen bat. Ich kann keinen Augenblick zweifeln, daß Herr E. Harri« im vorliegenden Falle nach seiner eigenen und der sehr übel berathenen Meinung gehandelt hat und daß Lord Derby's Regierung bei ehester Gelegenheit diese servile Nachahmung napoleonischer Methode des- avouiren wird. England sollte es. wie bisher immer verschmähen, au« jedem Zeitungsartikel eine internationale Angelegenheit zu machen. Auö Italien wird berichtet, daß die Volksab- ftimmung in Venetien am 2l. stattfinden wird.— Die italienischen Truppen haben bei Unterdrückung des Aufstandes, wie jetzt gemeldet wird, sehr be- bedeutende Verluste erlitten. Die Aufständischen leisteten verzweifelten Widerstand. In Spanien gährt es gewaltig. General Prim ist verschwunden. Man glaubt, daß er an der Spitze der republikanischen Partei wieder zum Vorschein kommen werde. Nach Mittheilungen aus dem Orient sind die Forderungen der Montenegriner von der Pforte befriedigt worden. Aus Candia lauten die Nach- richten sich widersprechend. Augenblicklich haben die Insurgenten den Osten der Insel besetzt, wäh- rend im Westen 40,000 Türken stehen. In de» Vereinigten Staaten Älmerika's wird der Parteikampf für die Congreßwahlen täglich er- bitterter, doch behalten die Rabicalen bis jetzt meist die Oberhand. Die neueste Depesche lautet: Paris, 16 Oct. Der„Moniteur" meldet: Nach den Berichten, welche der am 12. d. von ttandia abgereiste Adjutant des Sultans, Djemil Pascha, nach Konstanli- nopel überbracht hat. war eS bis zu jenem Tage zu einem Zusammenstoß von Bedeutung nicht gekommen. Die Türke» hatten ihre Offensivbeweguug begonnen und eine wichtige Position vor Apokronio, dem Eentrum der In- snrgenlen, in Besitz genommen. Der Angriff aus Apo- tronio wurde sür den 14. d. beabsichtigt. Unter den In- jurgenlen beginnt Uneinigkeit zu herrschen. Deutschland. Berlin, IL. Ociober. fBetrefss der Krank- heil des Grase» Bismarckj meldet der„Publi- eist", daß die Nervenabspannung sich jetzt auf die ganze Constitution deffelben erstrecke und eine voll- ständige Ruhe, ein Enthalten von allen Geschäften beringe, und zwar nicht auf Wochen, sondern viel- leicht sür lange Zeit. sEonsiscatiouen.j Da« Lte Blatt ver„Rheini- scheu Zeitung" vom 14. October, sowie das gestrige Ile Blatt derselbe» Zeitung sind ohne Angabe der Gründe polizeilich mit Beschlag belegt. Gleiches Schicksal traf die Postauslage ver heutigen Nummer ver„Bolls-Zei- tung" wegen ihres Leitartikels:„Eine Besorguiß." Ausland. R London, 13 October.[Der social- wissenschaftliche C o n g r e ß j Hai am 10. October seine Sitzungen beschlossen. Unmittelbar praktische Resultate darf man von cerartigen Vereinen nicht erwarten. Ihr Hauptzweck kann immer nur sein, die allgemeine Aufmerksamkeit auf gewisse gemein- nützige Gegeustäube zu richten und so unmittelbar Anregung zur Durchsühruiig gewisser Bestrebungen zu geben. Und ras hat ber Verein in seinen dies- jährigen Sitzungen in vollem Maße gelhan. So- wohl die Belheiligung überhaupt, als auch ins- besondere die Theilnahme hoher Gönner war in diesem Zabre eine ungewöhnlich starke. 1815 Kar- ten sind im Ganzen gelöst worden, während im vorigen Jahre, als der Congreß in Sheffield lagie, nur gegen 1000 ausgegeben wurde». Eine»ich! unbeträchtliche Theilnehmerzahl hat Amerika gestellt; darunter die Newyorker Aerzlin— nicht Frau Doc- lorin— Maria Walker, die sich durch eifrige Be- theiligung an den Debatten auszeichnete. Nicht geringes Aufsehen erregle letztere durch ihre Kleidung. Sie erschien in der Uniform, in welcher sie als Wundärztin bei der Unionsarmee während des Bür- gerkrieges gedient hatte. Auf einem Congreß, den die andere und schönere Hälfte des Renschen- geschlechls in ziemlich starker Zahl beschickt hatte, konnte es nicht fehlen, daß auch der Frauenfrage eine hervorragende Stelle zugewiesen wurde. Das schöne Geschlecht erwies sich hierbei ihatkräfliger als ihre männlichen Partner; sie wollten nicht bloS Resolutionen fassen. Was es mit solchen Reso- lutionen auf sich habe, meinten sie, hätte man in Deutschland mit seinem Resolutionsorkan von dem Rheine bis zur Memel genugsam erfahren. Sie beschlossen vielmehr, nach bei» Vorbilde Londons und Dublins auch in Manchester einen Verein zu gründen, der den Frauen des Mittelstandes ein weiteres Feld der Thätigkeit eröffne, waS um so nöthiger, wenn man bedenke, daß die weibliche Be- völkerung deS Königreichs die männliche um mehr als eine Million überrage. Da man aber einmal bei der Frauenfrage war, so sollte sie— darin ließen die zarten Theilhaberinnen ihr Recht nicht nehmen— auch gleich aus dem Fundament erörtert werden. Man behandelte auch gleich die Frage der Frauen-Emaucipation. BemerkenSwerlh sind hier- bei einige spezielle Gründe, welche Madame Bar- bara Bodichon in einen, Vortrag für Ertheilung deS Stimmrechts an selbstständige Frauen vor- brachte. Nicht selten soll es nämlich vorkommen, daß Grundbesitzer den Wittwen verstorbener Päch- ter die Pachtungen zu verlängern sich weigern, um nicht der Stimmen verlustig zu gehen. Madame Bodickon wies ferner hin auf die aus der Nicht- Vertretung der Frauen erklärliche ungerechte Ver- theilung öffentlicher Dotationen zwischen ErziehungS- anstalte» für Knaben und Mädchen, auf die Stär- kung, die dem Patriotismus und Gemeinsinn erwachsen würde durch die politische Gleichstellung der Frauen mit den Männern, und appellirte in Bezug auf die vorgebliche Unfähigkeit der Frauen, sich über die Verdienste ter Candidaten ei» Urtheil zu bilden, an die Erfahrung jedes Parlaments- Mitgliedes im Kreise seiner Bekanntschaft. Der energische Vortrag(welcher übrigens nur für nicht durch Männer vertretene Frauen Wahlrecht for- derle), fand auch unter den anwesenden Männern allgemeinen Beikall— ob aus Galanterie, soll hier nicht entschieden werden; von den Theilnehmerinnen erklärte E)r. Maria Walker gar nicht übel es gradezu für eine Beleidigung der Beherrscherin Großbritanniens, ihrem Geschlechte die gleichen Rechte mit den Männern vorzuenthalten. Vereins-Theii. -ll- Berlin, 16. Oct.(Socia l>dem okro tiscker Arbeiter-Berein. Oessenlliche Versammlung.) Die gestern Abend im„jiaiserg.crlen" stattgesundcne Ver- sanimlung wurde bald nach 9 Uhr vom Vorsitzenden Herrn Schilling eröffnet, und das Protokoll der letzieu Versammlung demnächst verlesen, welches von der Ver- sanniiluug angenommen wurde. Auf der TageS Ordnung siebt ein Vortrag des Herrn vr. W. Angerstein; je- doch wird vor Beginn desselben die Frage erörtert, ob es �vünschenswertb sei, für den Winter die Vereinsver- sammlnnzen nur alle vierzehn Tage stallfinden zu lassen. In dieser Sache sprachen die Herren Roller, Preuße, Kaper und Schilling, doch wird hiernach die Be- schlußsaffung darüber verlagt, und erst der Vortrag eut- gegenzenommen. Herr Angersteiii sprach etwa wie iolgl: Meine Herreu! Ich habe schon viele Vorträge in Handwerker- und Arbeitervereinen gehalten, habe aber meist gefunden, daß sie nichts weiter waren, als eine bloße Zeitaussüllung. Ihr Verein aber hat eine histo- rjiche Vergangenbeil hinler sich, und da kam mir ber Gedanke, ob hier nicht der Ort wäre, eine neue Idee, wenn auch freilich nicht absolut neue Idee, eine wiffeuschasiliche Theorie vorzubringen. Ich will zunächst die„socialpolitische" Frage berüh- ren, denn ich glaube nämlich, daß Politik und Socialis- mus von einander untrennbar sind. Mein eigener Standpunkt i» dieser Beziehung ist folgender: Ich bin Gegner Laffalle« gewesen: ich bin freilich nie gegen ihn öffeullich ausgetreten, habe niemals gegen ihn geschrieben noch ge- sprechen, bin aber einer seiner Gegner und habe dessen ungeachtet doch mit den Mitgliedern seine« Arbeiterverein« zu Eöln in einem freundschaftlichen Verkehr gestanden. Daß ich niemals weder die Feder noch da« Wort gegen Laffalle oder seine Theorie gerichtet habe, hatte besonder« leinen Grund darin, daß ich e« unter meiner Würde hielt, mick mit den Leuten auf eint Linie zu stellen, die gegen Lassalle schimpften, ohne seine Schriften zu kennen. Die liberale Presse und die Volksredner sprachen sich ge- gen Laffalle au«, ohne ihn eigentlich nur annähernd zu kennen. Ebenso nun, wie ich aus ber einen Seite ein Gegner LassallcS bin, bin ich aus der anderen Seile ein Gegner der BourgcoiSökonomie, bin ich ein Gegner Schulze-Deliyschs gewesen und bin cS noch deute, habe aber niemals gegen Schulze-Delitzsch agilirl. Ich er- kenne vollkommen an, daß Schulze Verdienste bat und halte seine Genossenschasten sür Lkutzen. Dieser ist srei- lich gering, aber ein Schade liegt darin durchaus nicht. Nur bin ich der Ueberzeugung, daß Derjenige, der in Schulze'S Genossenschasten da« Radicalmittel gegen die socialen Schäden scheu will, entweder ein beschränkter Kops, oder ein Charlalan ist. Ich bin überzeugt, die Genossenschaften sind aus der einen Seite unschuldig, auf der anderen für kleine Ortschaften von geringem Nutzen, aber sür die große Stadt, für den wirklich darniederlie- genden Arbeiter, das eigentliche Proletariat im Großen, sind sie von sehr geringem Juteresse. Die Agitation Schulze'« ist von derselben Grundidee ausgegangen, von der Lassalle's Agitation ausging. Die Grundidee war die, daß dem ntedergedrückten Volke geHolsen werden müsse. Schulze hat das in einer Weise gelhan, die sei- »er Anschauungsweise gemäß war, da er in einer kleinen Stadt groß geworden, und er sür das kleinstädtische Pfahlbllrgertbum etwas leisten wollte. Lassalle hat die- selbe Idee gehabt, daß man dem Volke helfen müsse, er hat aber gefunden, daß ihm mit jenen kleinen Mitteln wenig zu Helsen sei, daß Schulze'S Ausführungen auf falschen Theorieen beruhen, und daß man in ganz ande- rer Weise für daS großstädtische Proletariat, überhaupt sür das Proletariat in den großen Fabrikdistrikten wirken müsse. Die sociale Grundidee ist sicherlich gut und richtig, wie Ihnen ja Herr v. Schweitzer die« in seinen Vor- trägen in Arnims Hotel philosophisch auseinandergesetzt und historisch begründet hat. Ich möchte zu diesen Ausführungen de« Herrn v. Schweitzer einen kleinen Nachtrag liefern. Nämlich: wenn eine Idee sich überall zur Geltung bringt, wenn sie an allen Ecken und Enden, selbst da, wo noch gar keine oder geringe Civilisatiou ist, wie ein leuchtender Funken erscheint nnd immer wieder anstritt und sich von Zeit zu Zeit immer wieder zur Geltung bringen möchte, und zwar mit der Gewalt, die au« der Vergangenheit erzeugt worden ist, bann kann man wohl sagen, daß eine solche Idee, eine solche Thalsache, ihre historische Be- rechligung bat. Ein Beispiel dafür, wie sehr die sociale Idee eine solcbe ist, möchte ich Ihnen angeben: In Asien nämlich befindet sich aus den ostindischen Inseln eine Gesellschaft, von Ehinesen begründet, welche „Noei Tinte liuy" heißt, aus deutsch:„Gesellschaft der reinen Vernunft", die sehr verbreitet ist, und sich mit vielen tausenden Mitgliedern über da« ganze Ehina erstreckt. Diese Bruderschaft des Himmels und der Erde nnd der reinen Vernunft, spricht es nnumwunden au«, daß sie sich vom höchsten Wesen dazu berufen hält, den furchtbaren Conlrast unter den Klassen der Menschen auszugleichen. Ich werde Jbnen au« den Satzungen dieser Bruderschaft wörtlich vorlesen. In dem Werte de« bekatinlen Sinologen Pros. I. Neu- mann findet sich au« denselben folgende Stelle übersetzt: „Die Bruderschaft des Himmel« und der Erde spricht es unumwunden aus, daß sie sich vom höchsten Wesen dazu berufen hält, den snrchtdaren Eon traft zwischen Reichthum und Armulh aufzuheben. Die Inhaber der irdische» Macht und des Vermögen« sind nach ihrer An- ficht unter denselben Eeremonien in die Welt gekommen, und gehen ans dieselbe Weise hinaus, wie ihre be- Irogeuen Brüder, die Unterdrückten, die Armen. Das höchste Wesen wollte nicht, daß Millionen zu Sclaven einzelner Tausende verdammt werden. Vaier Himmel und Mutter Erde haben nie und niemals den Tausenden ein Recht gegebe», das Eigenthum der Millionen Brüder zur Befriedigung ibrer Ueppigkeil zu verschlingen. Den Großen und Reichen war der Besitz ihre« Vermögens vom höchsten Wesen nie als Sonderrecht verpachtet; es besteht vielmehr in der Arbeit und in deni Schweiße ibrer Millionen unterdrückter Brüder. Die Sonne mit ihrem strahlende» Antlitz, die Erde mit ihre» reichen Schätzen, die Welt mit ihren Freuden ist gemeinschaft- liche« Gut, welche« zur Bestreitung der Vedürfniffe von Millionen nackler Brüder au« de» Händen der Taufende zurückgenommen werden muß. Die Welt soll endlich einmal von allein Druck und Jammer erlöst werden; dies muß mit Vereinigung angefangen, mit Muth und Kraft fortgesetzt und vollendet werden. Der edle Same der Brüderschaft darf nicht unter dem Unkraut erstickt werden; vielmehr ist es Pflicht, das Alles überschattende Unkraut zum Vorlheil des guten Samen« zu vernichten Die Ausgabe ist freilich groß und schwierig, allein man bedenke, es kommt kein Sieg, keine Erlösung ohne Sturm und Kampf. Bis die größte Zahl der Einwohner aller Städte einer Provinz den Eid der Treue geleistet, mag jeder scheinbar den Mandarinen gehorchen, sich durch Geschenke mit der Polizei befreunden. Unzeitige Ans- stände schaden dem Plane. Ist die größte Zahl der Ein- wobner in den Städten und in den Provinzen mit dem Bunde zur Einheit verschmolzen, dann sinkt das alte Reich in den Schutt zusammen, und man kann das neue aus den Trümmer» des alten gründen. Die Millionen glücklicher Brüder werden einst die Gründer dieser segens- vollen Ordnung an ihre» Gräbern verherrlichen, einge- denkt der großen Wohlthat, die ihnen zu Theil geworden: Der Erlösung ans den Fesseln und Klammern der verdorbenen Gesellschaft." Das ist also eine Uebersetzung aus den Satzungen der geheimen chinesischen Gesellschaft; natürlich die An- schauungsweise ist eine andere, wie bei uns, aber die Ideen sind im Grunde dieselben, wie die unsrigen, die die social- ökonomisch? Bewegung eigentlich tragen. Und wenn eben so an allen Enden der Erde, selbst der nn- civilisirten, sich dasselbe Bedürsniß herausstellt, so hat dies doch gewiß eine historische Berechtigung. Ich habe mir die« als Zusatz zu Schweizer« Vorträgen erlaubt, er wird es mir verzeihen und damit einverstanden sein. Sie werden hieraus gehört haben, daß ich kein Gegner der social-demokratischen Bewegung überhaupt bin, ich bin nur Gegner der social-demokratischc» Rtchlung, wie sie augenblicklich dasteht. Ich sage nftt Lassalle und Allen, die die sociale Richtung vertheidigen: ich bin be> reit und wir müssen All? einsteben und mitwirken an einer Umgestaltung der socialen Verhältnisse. Die Idee ist nicht neu, sie ist eigentlich ausgetaucht in demselben Augenblick, in welchem die erste französische Revolution in's Leben trat. Freilich damals waren andere Beweg- gründe, andere BewegnngSmitlel, aber ganz besonders ist ein Mangel, der damals geblieben ist, das Festhalten an den politischen Institutionen, an den alten Einrichtungen, Die Reoolution hat einen großen Fehler in sich getragen, namentlich im Jahre 1848. Die Demokratie hatte damals das Messer in der Hand, sie war reich an Ideen zur socialen Umgestaltung, aber schrecklich arm an Kraft, diese socialen Idee» zur Dnrchsllhrnng zu bringen. Das lag daran, daß man sich an veralteten Dinge aus der einen Seile anklammerte, aus der anderen Seite, daß mau einen dritten Stand anerkannte und keinen vierten; daß man eben glaubte, der dritte Stand umfasse Alles, wa« sich nicht z»r Geistlichkeit und Adel rechnete. Da« waren zwei Fehler; den zweiten Fehler lasse ich für heute fallen, aber der andere Fehler, der von der De- mokratie gemacht worden ist, ist der, daß man sich an- klammerte an eine Jnstilution aus vergangener Zeit, nämlich an das Institut der„Volksvertretung", der Repräsentativ-Verfaffung! Ich verwerfe jede Volks- Vertretung, jedes Repräsentativ- System, denn solches scheint mtr vollständig unvereinbar mit den Ideen der Demokratie!— Meine Herren! Das ist eine Idee, die Ihnen jetzt vielleicht eigenthümlich erscheint. Lassalle bezeichnete als ein Mittel, die socialen Verhältnisse zu ändern, daß mau dag allgemeine gleiche und dirccte Wahlrecht fordern müsse, und sagte: Jeder, der mit dem demokratischen Prinzip einverstanden ist, muß dafür sein, denn es ist eines der Mittel, welche die socialen Schäden zu heilen im Stande sind. In diesem Punkte hin ich Gegner Lassalle's, denn Lassalle und alle Anhänger des allgemeine» Wahlrechts sagen: Das demokratische Princip verlange dieses. Ich sage: Rur so lange eine Volks- Vertretung besteht, haben wir die Pflicht, aus ein all- gemeines Wahlrecht hinzuwirken. Aber es wird uns nichts helfen. Allerdings hat dann auch der Proletarier die Macht scheinbar die der reiche Mann hat; schein- bar aber nur, in Wirklichkeit nicht, und cs liegt nicht an der Wahlart, sondern daran, daß überhaupt die VolkSrepräsentation auf einer Fiction beruht! Das ganze Repräsentativ ist gar nicht angethan, um eigentlich da« Volk zu vertreten, es ist nur ein Geschenk, das aus dem mittelalterlichen Feudalstaate herüber gekommen ist. Denken Sie einmal, Daß Sie gar nicht im Stande sind unter den jetzigen und sogar unter sreieren Verhältnissen z. B. denen der nordamerikanischen Republik frei zu wählen! Alle Wahlen die geschaffen werden, ob mit all gemeinem Stimmrecht oder mit Census, ergeben eine Repräsentation, die keine VolkSrepräsentation ist. Wahr ist es nämlich, daß der Ignorant dem talentvollen Men- schen eine Concurrenz machen kann, der Reiche wird ge- wählt, das arme Talent vielleicht nicht; und außerdem, ist eine Wahlmannschast denn überhaupt im Stande den Character de« z» Wählenden so genau zu prüfen, daß jeder Einzelne sagen kann: ich bin vollkommen überzeugt, daß er iu meinem Sinne handeln wird oder im Sinne der Majorität handeln wird?! Das kann Keiner! und wie Hilst man sich darum? Weil man begreift, daß das unmöglich ist, so sagt man, wir setzen einen Ausschluß nieder, der schlägt uns einen Eandidaten vor, gefällt rnis dieser, dann wählen wir ihn. Solche EomiiS« sind immer nur Cliquen gewesen, und das ist ein sehr großer Uebelstand. Darum behaupte ich, daß eiue Repräscn- lantenkammer niemals eine wirkliche Volksvertretung ist. Und angenommen, daß die Repräsentanten in der voll- sten Ueberzengung der Wähler gewählt worden sind,— sobald sie Abgeordnete geworden, haben sie aufgehört in dem Stande zu stehen, der sie gewählt hat. Denke» Sie Sich einen Arbeiter der täglich 20 Sgr. verdient, aber mit dem Hammer iu der Hand, denken Sie, er würde nach dem allgemeinen Wahlrecht gewählt mit drei Thaler Diäten täglich, und er würde sich von diesem Augenblicke an bewußt, welchen Einfluß er auf die Ge- setzgebung ausübt, glauben Sie, daß er noch der Arbeiter bleibt, der er eben gewesen? Er würde sich als einflußreichen Mann fühlen, und daun ist er nicht mehr der. der er vorher war; er müßte nicht ein Mensch sein, wenn es nicht so käme. Und wirken so die Verhältnisse aus ihn ein, da wird er darans hinwirken, daß er Re- Präsentant de« Volkes bleibt d. h. er wird mit dem Strom zu schwimmen suchen. Das hat uns die letzte Zeit gezeigt, daß wir Volksvertreter haben, die immer mit dem Strome schwimmen. Wa« vertritt denn aber eigentlich eine solche Körperschaft? Sie vertritt nicht die Anschauungen de« Volkes sondern ihre eigenen!(Sehr richtig!) Man sagt:„der Kreis wählt den Vertreter", aber der Vertreter vertritt nicht de» Kreis." Die Herren Volksvertreter sind also in Wahrheit unverantwortlich. Emile de Girardin erklärte nach der Junischlacht: „Wir sind nicht im Stande mit dem Repräsentativsystem etwas zu machen, wir müssen zu dem System Richelieu« zurückkehren;" daß ist ohngefähr da« System, welches in Preußen herrscht: ein starke« Ministerium! Der Mi- nister macht Alle«, die Anderen machen gar nicht«! diese« System aber, obschon es auch sein Gutes hat, oft von Erfolg ist, ist da« System des Absolutismus, und wenn wir dasselbe betrachten, werden wir uns als Demokraten schwerlich damit einverstanden erklären können. Die SlaatSform beruht im Allgemeinen auf der Trennung zweier Gewalten, der Executivgewalt von der beschließen- den Gewalt. Sind diese beiden Gewalten in einer Hand so ist das der einfache Absolutismus, die Monarchie in ihrer äußersten Form, in welcher auch wieder Abstnfun- gen sein können. Ist die Executivgewalt in der Hand eines Einzelnen und die beschließende Gewalt zum Theil iu den Händen des Fürsten, zum Theil in den Händen des Volkes, so ist das eine konstitutionelle Verfassung. Ist beides in Händen des Volke«, so ist es die Republik. M. H.! Die beschließende Gewalt denke ich mir nicht von einer Körperschaft ausgeübt, sondern vom Volke seihst, also einen gesetzgebenden Körper. Also die„Volks- Vertretungen", die„Landtage" ic. möchte ich fallen lassen, und ich sage, daß in der Theorie die ich Ihnen jetzt noch Weiler ausführe, daß sociale Heilmittel liegt, welche« die sociale Demokratie sälschlich im allgemeinen gleichen und directen Wahlrecht zu finden glaubt. Ich erkläre: ich will die Gesetzgebung direct durch das Volk und Volksversammlungen. Sie werden mir sagen: das ist nicht möglich, wie kann das Volk selbst Gesetze geben? Es ist möglich, m. H.! Nehmen Sie die im Jahre 1848 von Waldeck und D'Ester in Vorschlag gebrachte Gemeindeordnung, so finden Sie darin eine Organisation die für den Zweck passen würde. Ich schließe niich derselben an, obgleich sie iiiemals zur Annahme gekommen ist. Ich sage: man bilde Bezirke, diese diese stehen unter einem Borstand, der Bezirksvorsteher heiße oder sonst irgend ähnlich; eine Anzahl solcher Be- zirke steht unter einem Kreisvorstande; eine Anzahl von Kreisvorständen steht unter einem Provinzialvorstande, und diese sämnitlichen Provinzialvorstände stehen unter der Regierung, resp. dem Ministerium. Soll nun ein Gesetz erlassen werden, so wird ganz in der- selben Weise, wie gegenwärtig den Kammern die Vorlage gemacht wird, vom SlaatSministerium eine Vorlage den Provinzial-, den Kreis- resp. Bezirks- Vorständen gemacht. In den Bezirken wird darüber be« ralhen, und schließlich eine beschließende Versammlung durch den Bezirksvorstand einberufen, die Vorlage de- battirt und nach der Debatte schließt man. Die Bezirks- vorstände melden dann dem Kreisvorstande, so und so viel Bezirke haben dasllr gestimmt, die anderen da- gegen, und so und so haben sich die Stimmen verlheilt. Die Kreisvorstätide machen den Provinzialvorständen diese dem Ministerium die Vorlage, und so wird durch- gestimmt, ob die Sache angenommen wird oder nicht.— Freilich ist die Sache nicht so leicht durchführbar, als es scheint. Zunächst kann man dagegen sagen, daß das Volk gar nicht reif sei, um große Gesetze durchzuberathen. Natürlich, wenn man unseren letzten Staatshaushalts- etat ansieht(ich habe mir ihn einbinde» lassen, er wiegt 4 Psund) so hat der gewöhnliche Mann allerdings keine Zeil, denselben dnrchzustudiren, aber die Gesetzgebungen aller Staaten sind sehr complicirt und seit Jahren ist das Bedürsniß hervorgetreten, die Gesetzgebung zu ver- einfachen. Bei einer directen Gesetzgebung nur wurde sich sofort das Bedürsniß herausstellen, die Gesehe zu vereinfachen. Fragt man etwa, wo würden dann die erforderlichen Beamten herkommen?— Nun, schlielK» wir uns doch an das Bestehende an! Man lasse d't jetzigen Beamten auf ihren Posten, aber nian setze Hs aus den Aussterbeetat; dann werden die Beamten dura! Wahlen geschaffen, wie jetzt die Wahlen zur Kammer. daß der Beamte aus der Wahl der Bezirks-, der Kreis'- der Provinzialmitglieder auf bestimmte Zeit, in der« sogar abgesetzt werden kann, wenn die Majorität es ver- langt, gewählt wird. Meine Herren! die Furcht vt>l der politische». Nichtreise des Volkes,— die Furcht habe ich nicht. Wissen Sie, wann diese Furcht zum erstell Male ausgesprochen wurde? Es war damals, al« ma» daraus drang, neben den privilegirten Ständen aut die Bourgois in die Gesetzgebung aufzunehmen! sagte man sich, daß die Bourgeoisie nicht die nöthigell Kenntnisse und Bildung dazu hätte. Dasselbe wird heult von der Bourgeoisie Ihnen bei dem allgemeinen Wahl' recht vorgeworfen. Wenn die Nothwendigkeit da ist, d>l> ich überzeugt, ist da« Volk im Allgemeine» ebenso im Stande. Gesetze zu sassen, wie die privilegirten Stände- Es fehlt der Allgemeinheit der Sporn, sich fortznbil- den. Wenn aber jeder Einzelne zum Gesetzgeber berufen ist, dann tritt auch an jeden Einzelnen die zwingende Nothwendigkeit heran, sich um die Landesversassung und um die Zustände zu kümmern, und um die Lage seiner Mitmenschen. Der Wunsch, sich politisch zu bethätigen wird gehoben durch die Freiheit, daß der einzelne Mann mitrathen kann; durch die Freiheit:„Du darfst mit- raihen," ist sür Jeden auch die Pflicht vorhanden, sich darum zu kümmern. ES wird sich also ersten« die Roth- wendigkeit herausstellen, die Gesetzgebung zu vereinfachcS! zweitens, daß die Bürger sich um de» Slaat mehr küm? mern als jetzt; auch paßt sich diese Form der con- stiiutionellen StaalSform ebenso an, wie der repnblika- nische. Die constitntionelle Form giebl die Gewalt mehr oder weniger in die Hand Einzelner, und das ist aitch bei der direkten Gesetzgebung möglich. Also diese Forin ist durchführbar unter den jetzigen StaatSformen wie unter denen die sich etwa in Zilkiinft bilden können, oder die in anderen Staaten vorhanden ist. M. H.l Es ist noch ein anderer Vortheil dabei, nämlich der, daß nicht mehr der Einzelne abhängig ist von Dem, der ihn zu etwa« gemacht hat. Der Wähler macht den Gewählten zu dem privilegirten Gesetzgeber, der unverantwortlich ist. Er wird unveraniworlltch in seinen Aenßernngen dem Monarchen gegenüber, er ist unverantwortlich, dem Volke gegenüber und steht also mit einem solchen Privilegium da, wie e« der König in einein constitutionellen Staate nicht hat. Dieses Privilegium wird dem Einzelnen abgenommen und nimmt das Volk wieder in seine eigene Hand. M. H., da« ist ein Vor- theil, und ich glaube, daß, wenn überhaupt da« gleiche politische Recht im Stande ist, zur Hebung socialer Schäden etwas beizutragen, es dann nur aus dem Wege der directen Gesetzgebung möglich ist und nicht aus dem Wege der Volkstepräsentaiion! M. H.l Da« ist da« Ergebniß langer und ein- gehender Reflexionen. Es ist natürlich nicht möglich, in einem Vortrage ein solche« System Ihnen ganz vor- zulegen. Dies System ist auch ausgebildet nach der socialen Richtung, aber gegenwärtig noch nicht in die Oessentlichkeit gelangt. Da« erste Mal ist's hier vor Ihnen geschehen.— Ich möchte nun aber auch gern Ihre Ansicht hierüber hören. Nach diesem Vortrage, der mit dem größten Beifall ausgenommen wurde, spricht der Vorsitzende dem Redner im Namen der Versammlung seinen Dank an« und ordnet eine kleine Pause an. Nach derselben Dr. v. Schweitzer: Der Vortrag, de» die Ver- sammlung soeben gehört habe, sei ein äußerst interessanter. In der Sache selbst habe er nichts hinzuzufügen; jeden- sall« liege kein Grund vor, die vym Vortragenden de- fllrwortete Einrichtung principiell zn dekämpsen. Allein einen anderen Umstand müsse er besprechen. Der Vor- tragende habe sich als einen Gegner Lassalle's bezeichnet; cs sei aber schlechterdings nicht einzusehen, worin diese Gegnerschaft bestehen solle. Auf dem socialen Felde herrsche Einigkeit zwischen Beiden und in der Politik gingen die Ansichten Beider angeblich darin ausein- ander, daß Lassalle einen ans dem allgemeinen Wahlrecht hervorgegangcneu gesetzgebenden Körper vorgeschlagen habe, während Herr Angerstein die gesetzgebende Gewalt direct ins Volk gelegt wissen wolle. Redner führt nun au«, daß diese Meinungsverschiedenheit eine nur schein- bare sei, indem es ganz außer Zweifel stehe, daß Lassalle ein Parlament nach dem allgemeinen Stimmrecht als nächste« Kampfmittel, aber durchaus nicht als Endziel der socialen Demokratie ausgestellt habe. Was Angerstcin vorschlage, scheine ihm,'dem Redner, einen bereits be- festigten demokratischen Staat voranszusetze», während Lassallc zur Anbahnung eine« solchen Staates zunächst die Kraft des Volke« in einer angesehenen, aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegangenen Bersammlung habe concentriren wollen. Lassalle habe das nächste Ziel im Auge gehabt; Herr Angerstein spreche von den Ein- richtnngeu, welche einem bereits erruiigene» demokratische» Staatswesen de» letzte» Ausbau verschassen sollten. Ob �ssalle mit der Anzerstein'scken Idee einverstanden ge- [�sen sein wiirde, laste sich mit voller Gewißheit aller- nicht entscheiden; obschon eZ wahrscheinlich sei, daß �»e Idee, wenigstens zum Tbeil und in bedingter An- Sendung, auch seinen Beifall gesunden haben würde; was aber zweifellos feststehe, das sei dies: daß die �en Lastalle begonnene Agitation für da« allgemeine Stimmrecht nicht im Geringsten im Widerspruch mit �er von Herrn Angerstein angeregten Idee stehe. Der vortragende habe sich also nur mißverständlich als einen Gegner Lastalle's bezeichnet. Vorerst müste durch« aus an dem von Laffalle vorgezeichneien Weg festgehalten tderden. Hieraus erhält das Wort Herr Dr. Stolp. (Schluß de« Bericht« in nächster Nummer.) Vermischtes. Berlin, lk. October. V' ,.Ein Vorschlag zum Wohle der Arbeiter" � was man darunter nicht Alle« versteben kann und wie wunderlich sich dock die Welt im Kopfe mancher Menschen, die im Wohle der arbeitenden Klassen machen, abspiegelt I Der Fabrikant Nioriy Müller in Psortz- heim macht den Vorschlag, die Arbeitsstunden, statt auf fech«, auf sieben Arbeitstage zu rertheilen, um den Ar- beitern auf diese Weise mebr Zeit und Muße für höhere geistige Zwecke und Ausbildung zu verschaffen. Der Vorschlag mag gut gemeint sein, aber er ist nziudestens zwecklos. Mit den Sonn- und Feiertagen ist es ja ohnehin für den Arbeiter eine fragliche Sache, gleich« wie mit den gebrauchsiuäßigen Arbeitsstunden. Hat eine Fabrik viel Beschäftigung, drängt die Arbeit, so kann sich schon jetzt ern Arbeiter schwer der Ansorderuug de« Arbeitsgebers entziehen, auch Sonntag«, wenigstens bis Mittag, und an den Arbeitstagen ein bi« zwei Stunde» über die gewöhnliche Arbeitszeit zu arbeiten. Be- trachten wir aber, wie die Sache sich bei DurchsUhrung diese» Vorschlage» stellet, würde. Der deutsche Arbeiter arbeitet jetzt durchschnittlich 1l Stunden, von Morgen« i> bis Abends 7 Uhr nach Abzug der Freistunden. Ver- lheilt man die Arbeitsstunden der Wochentage auch aus die Sonntage, so würden die Arbeitsstunden von Mor« gens 6 bis Abends 5 Uhr fallen. Herr Müller will, daß die Arbeiter dann ihre Mittagsmahlzeit nach der Arbeitszeit verlegen und dadurch wiirde alletding« noch eine Stunde gewonnen werden, so daß da« Tagewerk der Arbeiter, wenn stets nur d-c gewöhnliche Arbeitszeit iiuje gehatien würde, um 4 Uhr vollendet wäre. Da« mag sich für einen Fabrikanten recht schön an- hören. Aber wir haben schon angedeutet, daß es mit dem strengen Innehalten der vorgeschriebenen Arbeits- Zeit seine Bedenken bat. Der Vorthetl einer verkürzten Arbeitszeit liegt weniger darin, daß der Arbeiter da- durch nicht so lange z» arbeiten braucht, als darin, daß er dann für die Uederstunde», in denen er arbeitet, einen größeren Verdienst hat. Doch wir sehen hiervon ab. Man muß wie ein Arbeiter fühlen und denken können, Um zu wissen, was es heißt, ihm seinen Sonntag neb- weil. Arbei'en Sie einmal z. B. 5 Jahre hinter ein- ander weg, Herr Müller, wie ein gewöhnlicher Arbeiter «der Handwerker zu arbeiten hat. und Sie werden er- iahren, was es sagen will, nach sechs schweren Arbeits lagen, in denen man sich die Knochen mürbe gearbeitet hat, einen ganzen, vollen Tag ein freier Mensch zu setn, einen ganze», vollen Tag ruhen zu können. Der Ge danke, sein ganze« Leben lang Tag aus Tag ein ar- beiten zu sollen, wie ein Arbeiter zu arbeiten hat, hat geradezu etwas grauenhafte«. Höhere geistige Zwecke und Bildung sind etwas Schönes, und wir möchten uni keinen Preis dem Ar- dciter diese Regungen entziehen oder verschlossen sehe»; aber Wald und Feld und Wielen und Gottes Natur sind auch schön, und wir möchten dem Arbeiter eben so wenig die Gelegenheit nehme»,.während die Herren Fa- brikanten sich Wochen und Monden lang in Bäveru und aus den Bergen und an dem schönen Mceresstrande des Sftden« erdolen und ergötzen, wenigsten» an einigen Tagen des Jahre« sich von Morgens bis Abends der vollen Freude und dem Genüsse i» Wald und Feld und Flur hinzugeben, Sie müssen es sich nur einmal mibe- langeneu Si.ine« an einem schönen Sonntag hier in Berlin ansehen, wie es auszieht, da« Volk der Arbeiter Mit Frau und Kind ans allen Thoren, wo nur ein schöner, grüner Fleck, nah oder seru, zur Erholung und Freude sich darbeut. Sie imiffen e« einmal sehen, Herr Müller, und begreifen, mit welcher Glückseligkeit und Innigkeit sich da« Volk der Arbeiter an einem solchen Sonntage, an dem c« sich frei und unabhängig fühlt, bem bescheidenen Gennsse selbst einer theilwei« beschnitte- »en Natur hingiebt, und niebr als bei anderen Gelegenheiten hat sich uns ost hier Charakter und Wesen der Volksseele offenbart. Und schließlich ist ja gerade der Sonntag für höhere Heist ige Zwecke und für die Bildung des Arbeiter« wie gemacht. An alles, was er an diesem Tage treibt, kann er mit Frische und ohne Abspannung heran gehen. Wo- zu also ihn zerreißen? Man stelle sich iinr in Wirklich- keil vor, wie sich die Tage des Arbeiters nach dem Vor- schlage des Herrn Müller gestalten würden. Bis Nach- mittag 4 Ubr also wird gearbeitet, dann Mittag gegeffen bis etwa 5 Uhr. Hierauf wird der Körper eine Stunde der Ruhe verlangen bis 6 Uhr. Demnächst wird der Arbeiter entweder Geschäfte in oder außer der Familie zu besorgen habe», oder er ergeh' sich in freier Luft und dergleichen. Endlich wird er eine bi» zwei Stunden sich geistiger Thätigkeit widme» und damit ist das Tage- werk ei»e>i Tag wie de» anderen im Durchschnitt voll- bracht. Das Leben de« Ardeiters wiirde, wie er sich die Zeil von 4—10 Uhr Abends auch einrichtet, aus die Daner zu einem ermüdenden und abspannenden Einerlei werden. Körper nnb Geist aber verlangen zur Bewahrung ihrer Spannkraft zeitweise größere Abwechselung und längere Erholung...Einen Tag in der Woche will der Mensch doch für sich allein haben," pflegte bezeichnend der Arbeiter zu niurren, wenn er zu häufig auch Sonntags von seiiiem Arbeitsgeber zur Arbeit herangezogen wirb; unv dabei, Herr Müller, mag's denn, denken wir, vor der Hand auch bleiben. Nachstehende Zuschrift geht uns, mit dem au«- drücklichen Verlangen, dieselbe zu veröffentlichen, zu. Geehrte Redactiou! Mir ist der angenehme Auftrag zu Theil geworden, Ihnen im Namen vieler meiner Mitmeister hiermit öffentlich z» danken sür die bereitwillige Ausnahme des die Militair-Licfernng belreffeiiden Satze«, wo so vielen Berliner Schuhmacher-Meistern sowohl vom Vorstande der Jnunng, als auch von der belreffendeit Behörde, so große Nachtheile erwachsen sind, und worüber auch schrist- liche Beweise vorliegen. Sie, geehrte Redaction, waren die einzige, die für die Arbeiter und gegen die Au«- bentung derselben durch da« Kapital uns die Spallen Ihres geschätzten Blattes öffnete; die Redacteurc der Bolkszeilung, desPublicist, der Staatsbürger- Zeit n u g, der Jllustrirten Berliner Zeitung, der Vossischen Zeitung und der Nordd. Allg. Zeitung baden es nicht gewagt, einen Aussatz auszu- nehme», der gegen die Kapitalisten gerichtet war. Man scheut sich, sür die Arbeiter nnzntrelen; Fortschritllerthum und Rcaction sind vollkommet, einig, wenn es sich um Arbeiter-Reckite handelt; dann ist Keiner da, der für uns eine Feder ansetzt. O möchten doch die Arbeiter endlich einsehen, daß man von allen Seiten darauf ausgeht, die- selben ansznsangen; Sleuern müssen wir zadlen, Sch lachten müssen wir schlagen und Rechte sollten wir nicht verlange» dürfen?— Judeiti wir hoffen, daß die coMpetente Behörde durch diese Einsendung sich bewogen siiblen wird, dieser Lieferung«-Angelegeali eil eine gründliche Uiitcrsuchiing zu Tbeil werden zu lassen u»v die Schuldigeii zu eriiulteln und zu bestrafe», bitte» wir Sie nochmals nm Anfnabme dieses Satzes Berlin, den 15. Ocl. 1866. Im Auftrage L. Schuiiiaun, Schuhmacher-Mstr. Ackerstraße Nr. 58. (Vom atlantischen Kabel) die„New Jork Times" giebt nicht undeutlich zu verstehen, daß bei einigen kürzlich stattgehabt.» Uiiterbrechiingen des Telegraphen ans Neusnndland diese dem Publikum, einer Spekula- tivn Wenlger willen vorenlhallen worden. Aehnliches haben wir schon früher berichtet. Besagtes Blatt schließ! hieraus, ist es im Interesse des Publikum« noihwendig sei, daß Coiuurenzliinen eröffnet werbe». Die Privat- speculation wird indeß in Fällen, in denen durch Voreni Haltung von Telegrammei! Millionen zu verdienen sind, immer gemeinschastliche Sache machen. Es bleibt hier- bei wieder die Frage zu erörern, ob Staats- oder Privat- eisenbahnen, ob Staats- oder Privatkabel. (Epperiment.) Arn 27. September wurde aus der Rhede von Kronstadt das Panzerboot„Ssmerlsch", um dessen Stoßkrast zu erproben, im vollen Lause auf den vor Anker liegenden alten Dampsklippcr ,,Rasboinik" gerichtet, den man diesem Versuche zum Opfer gebracht. Einige Sekunden vor dem Znsammenstoß wurde die Maschine angedalten und rückwärts in Bewegung gesetzt. Trotzdem war der Stoß so stark, wie der..Spenerschen Zeiinng" berichtet wird, daß der Widder des„Ssmerlsch" in die Seile des Klipper« wie ein gules Messer in ein weiche« Kröv einschnilt und eine surchlbare Oeffnung machte. Auf dem„Ssmerlsch" waren ntzr einige Bretter, die man zur Verhütung der-Beichädigung aiisgenagelt, abgerissen worden»nd die Erilbütterung im Augenblick de« Zusammenstoßes wurde beinahe gar nicht gefühlt. Der Klipper wurde am Abend in den Hafen bugfirt. —(Südamerikanischer Bergbau.) Dem„Pro- gr«s de Lyon" zufolge ist in Paris eine Sammlung von 1000 Pfund Goldstaub und zahlreiche Mineralien ange- kommen, welche das erste Resultat des von einer französi' scheu Gesellicha't unternommenen Bergbaues in Costa Rica sind. Die Mineralien sind der Bersgchule in Pari« übergeben worden, während das Gold natürlich in die Münze wandert. —(Verunglückte Sckisfe.) Ein schreckliches Un- glück ist geschehen! der Dampfer„Evening Slar" ist auf der Fahrt von New-Jork nach New-Orlenn« ge- scheitert, dreihundert Menschen verloren dabei da« Lebe».— Auch die französische Fregatte Niobe ist zufolge i» Liver« Pool eingetroffener Nachrichten an der Küste von Neu- sundland mit allen darauf Befindlichen untergegangen. —(Die Dauziger Arbeitseinstellung der SchisfSzimmerge seilen), welche längere Zeit aus« recht erbalten worden, ist infolge Nachgeben« seitens der- selben wohl al« beendet anzusehen. Die Meister haben den Gesellen den seither üblich gewesenen Loh» auch serner bewilligt, jedoch die Berechtigung, eine Ouaiitität Hauspähne vom Bau mitzunehmen, fernerhin nicht zu- gestanden, weil diese Compelettz auch nicht bei den könig- lichen Schiffsbautcn gewährt wird. Infolge der Einigung wnrde denn auch in der verflossenen Woche schon fleißig gearbeitet. —(Ein schauerlicher Roman.) I» einem Buche des Herrn Kauimann in Pari«, über den Schcinlod ge- schrieben, ist folgende angeblich wahre Geschichte berichlet; Im 18. Jahrhunderl wurde Fräulein v. B. gegen ihren Willen mil einem ältlichen lönigliche» Ratbe, dem Herrn v. E., verheiralhet, und an demselben Tage verließ der Chevalier v. D., ein junger Offizier von den schwarzen Muskelieren, den sie liebte, verzweifelt sein Vaterland. Nach acht Jahren kehrt er aus den Colonieen zurück, kommt in die Stadt, die Heimatb seiner ehemaligen Liebe, begegnet einem glänzenden Leichenzug und erfährt, daß man die Person, die er so sehr geliebt, zu Grabe trägt. Die schlecht vernarbte Wunde öffnet sich; er will, wenn auch tobt, seine ehemalige Gelieble wieder zu sehen. Er besticht den Todtengräber und begiebt sich in der Nacht mit diesem auf den Friedhos. Sie graben die Erde aus, der Sarg kommt zum Vorschein; er öffnet ihn, reißt daS Leichentuch ab»nd bedeckt das kalte, bleiche Gesichl mil Küssen. Der Todlengräber, mit ciiiein hemisch von Achtung»nv Entsetzen, hat sich sür einen Augenblick kiilferiit Plötzlich fühlt der Chevalier v. D., wie e« in den Adern der Leiche, die er in den Armen hält, zu pochen begiiinl; außer sich, wahnsinnig vor Freude und Schmerz, flieht er vom Kirchhof»»d lrägi seine unheimliche Berne mit sich fort. Eine Stunde später er- wacht Frau v. C. völlig in de» Arme» ihre« Geliebten und nach zwei Tagen reisen Beide nach den Colonien ab. Der Todtengräber hatte klugerweise, ehe der Tag anbrach, das Grab wieder ausgesUUl und die Enlsührung der Leiche nicht angezeigt, in der Furcht, sich und den Entsllhrer in'« VerVerben zu stürzen. Wieder nach sechs Jahren wurde Frau v. C., die man in den Colonieen nur als Frau v. D. kannte, vom Heimweh ergriffen. Der Chevalier macht ihr vergebliche Vorstellungen; er mußte sie iu ihre Vaterstadt zurückbringeii, wo sie den sonderbaren Einsall hatte, aus ihrem eigenen Grabe beten z» wollen. Dort begegnete sie ihrem Gatten, der den Kops nicht verlor, sie verhaften ließ und vor dem Ge- ritble ihre Rückkehr in's eheliche HauS verlangte. Frau v. C. blieb dabei, daß sie Frau v. D. sei und be- wie« ihre Behauptung mit einer Anzahl von Do- kumenlen, die in den Colonieen fabrizirl worden waren, und die Richter wollten ihrem Gatten mit seiner Klage und Forderung eben abweisen, als Frau v. C. beim Anblick ihrer kleinen Tochter, die sie seit sechs Jahren nicht gesehen, in Thränen ausbrach und das Kind mil Küssen bedeckte. Das Parlament sprach Herrn v. C. sei» Recht zu, aber er wurde seines Siegeö nicht froh. Frau v. C. vergiftete sich an demsel- den Tage und der Chevalier erschoß sich aus dem dies- mal unwiederrnslichen Grabe der unglücklichen jungen Frau. —(Dem Kinde wird geholfen werden.) Da» amerikanische Prairie Journal bringt folgende Anzeige: „Der Häuptling der Haynse bietet 1000 Pferde einem respectablen jungen wetßeii Manne, der gut empfohlen ist und seine l8jährize Tochler heiralhen will. Er muß sich im Territorium der Indianer niederlassen und sich aus den Ackerbau verstehe», den er die Indianer lehren soll. Die Pferde sind 60- bis 80,000 Dollars Werth. Die junge Indianerin ist von mittlerem Wüchse, mit regelmäßigen Zügen, schwarzen Augen, prächtigen Haaren und starken Formen. Sie bat viel Anstand und Grazie." —(Wie man Bücher titel macht.) Durch die Pariser Journale lauft folgendes! Ein französischer Aulor, Herr Eduard Ourliac, wurde von einem seiner Freunde consullirt, welchen Titel er einem neuen von ihm ver- faßten Roman geben solle.„Wicht« leichter wie da«!" antwortete jener.„Kommt in Jdrem Romane ein Tam- bour vor?"—„Wein."—„Auch kein Trompeter?"— „Nein."—„Nun so betiteln sie denselben„Ohne Pauken und Trompeten".— Verantwortlicher Revacteur und Verleger: I. B. v. Hofstetten in Berlin.— Druck von F. Hossschläger in Berlin.