Rr. 170. Berlin, Mittwoch den 7. November 1866. Zweiter Zahrgavg. Sorial-Demolirnt. ! drei Ma Diese Zeitung erscbeint dreimal wöchentlich und zwar: Dienstage Donnerstags und Sonnabends Abends. Organ der social-demokratischen Partei. R-digirt von I. B. v. Hosstettcn und I. B. v. Schweitzer� Redaction und Expedition- Berlin. Alte Jakobstra�e Nr. 67. Abonnements-Preis für Berlin incl. Briugerlohn: vierteljährlich 15 Sgr., mo- natlich 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post- ämrern 1b Sgr., bei den preußischen Postämtern im nidbtpreußischen Deutschland IS'/z Sgr., im übrigen Deutschland ü» Sgr. lfl. 1. 10. südd., il. 1. österr. Wäbr.) pro Quartal. � � Bestellungen werden auswärts aus allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Zimmerstraße 48», sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate sin der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile de- Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. ivi-echnel. Agentur für England, die Tolonieen und �e überseeischen Länder: Mr. Bender, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. AIeiHi?9re, Strassbonrg, 5. Rue Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andre-des-Arts. politischer Theil. Berlin, L. November/ Die Hecker' scken Briefe wurden von unS nach der„Köln. Ztg." mitgeiheilt. Nunmehr wer- den in der„N. Bad. LanteSztg." auch die in dem erstgenannten Blatte ausgelassenen Stellen mitge- theilt. Es sind vorzugsweise solche Stellen, welche sich gegen die politische Natur der in Preußen inaß- gebenden Elemente richten. Indessen, die Nachtrag- liche Veröffentlichung dieser Stellen ändert durch- aus nichts an der Gefammttendenz und der Be- deutung des Briefes. Denn es versteht sich von selbst, daß ein Republikaner mit dem in Preußen herrschenden inneren Regime nicht zufrieden s.-in kann, ja man braucht hierzu noch lange nicht Re- publikaner zu sein. Was den Briefen Hecker'S Interesse verleiht, das ist die Frage der nationalen Einheit, und in dieser Beziehung treten drei Ge- sichtspunkte deutlich hervor: 1) Hecker freut sich der Demüthigung und Nie- derlage Oesterreichs. Diese seine Anschauung con- centrirt sich in den Worten: „Daß Oesterreichs Einfluß auf Deutschland dahin ist, halte ich �iir eins der glücklichsten Ereig- nisse. Diese mehr slavische Macht benutzte ihren Einfluß seit fast drei Menschenaltern nur gegen die Kraft- und Machtentwickelung der deutschen Nation." 2) Hecker ist der Ansicht, daß durch das Bor- gehen Preußens die deutsche Nation der Einheit, der nationalen Macht und Größe näher gebracht ist. DieS spricht er vorzugsweise in folgenden Worten aus: „Eines hat die Nation heute bereits gewon- neu. Sie fühlt, glaubt und sagt es, daß sie am Punkte steht, eine Machtstellung einzunehmen eine gewaltige Stellung innerhalb der Grenzen von Europa. Der Parlikularismuö versinkt. Die getrennten Glieder des Körpers formiren sich zum gewaltigen Leib." 3) Hecker— und dies ist selbstverständlich— hofft, daß aus dem absolutistisch einheitlichen Deutsch- laud zuletzt ein freies einheitliches Deutschland werde. Ntan hat so gethan, als werde durch die nachträgliche Veröffentlichung der erst ausgelassenen Stellen der Briefe der Character dieser letzteren völlig geändert. Es ist zwar klar, daß man jene Stellen von Anfang an mit zu veröffentlichen ver- pflichtet war; allein der Character der Briefe im Großen und Ganzen ist durch jene Auslassungen wenig verändert worden. Der dritte Gedanke Heckers ist nämlich, wie bereits angedeutet, der: daß die Sache der Freiheit schließlich doch triumphiren müsse. Dieser Gedanke aber liegt, sehr kräftig ausgesprochen, vollständig in der von Anfang an veröffentlichten Stelle des zweiten Briefes, welche lautet: „Vergeblich wird der Absolutismus sich dem freien Menschengeist entgegenstemmen. Die Rä- der der geistigen Vorwärtsbewegung werden chn erreichen, erfassen, zermalmen...." Wir werden auf diese Gesichtspunkte zurück- komnien, wenn wir in Anknüpfung an die Arbeit, welche wir eben unter dem Titel„Unser Partei- skandpunki" veröffentlichen, unsere social- politische Stellung beleuchten werden.— Rundschau. Berlin, 6. November. Noch immer ist es der Ministerwechsel in Oester- reich, sind es die sich daran knüpfenden Befürcki- tungen und Hoffnungen für die künftige Gestallung der Dinge in Deutschland, welche als Haupt- thema der politischen Tagesdiscussion erscheinen. Zur Beurtheilung des erwähnten Ereignisses liege» inzwischen neue Materialien vor. Herr v. Beust selbst hat gesprochen und die österreichische Regie- rung in halb officiellen Stimme» sich vernehmen lassen. Ein gleichzeitig mit der Publikatiou des Rücktritts der Grafen Mensdorff und Esterhazy von der„Wiener Zeitung" veröffentlichtes Rundschreiben an die kaiserlichen Missionen im Auslande, welches Herr v. Beust bei seinem Antritte erlassen hat, enthält nachfolgende Stellen: So sehr es mein Wunsch ist, die aus eineni anderen Felde der Thätigkeit gesammelten Er- fahrungen diesem Dienste nutzbar zu machen, so betrachte ich michgleichwohl als von meiner politischen Vergangenheit von dem Tage an gelrennt, wo ich nach dem Willen Sr. kaiserlichen Apostolischen Majestät Oesterreicher werde und ich will davon in meine neue Stellung nur das Zengniß eines tiesverehrten Fürsten hinübernehmen, dem ich mit Esser n»d Treue gedient zu habe» mir bewußt bin. Nament- lich würde es heißen, mir bei dem Beginne meiner ' neuen Laufbahn ein seltsames Vergessen meiner Pflichten zutrauen, wollte man mich für sähig halten, Vorliebe oder Groll hineinzutragen, wovon ich mich übrigens � vollkommen frei fühle.—————---- Die kaiserliche Regierung, die heute alle ihre An- strengnngen dahin richten muß, die Spuren eine«»n- heilvollen Krieges verschwinden zu machen, wird, daran möge man nicht zweifeln, jener Politik des Friedens und der Versöhnlichkeit treu bleiben, die sie jederzeit geübt hat. Wenn aber der unglückliche Ausgang eines jilngstbe- standenen Kampfes ihr daraus eine Nothwendigkeit macht, so legt ihr derselbe zugleich die Pflicht auf, mehr als je sich auf ihre Würde eifersüchtig zu zeigen. Die halbosficielle„Wiener Abendpost" vom 3. November constatirt in längerem halbofficiellem Artikel, daß unter den Friedenswerken die Lösung des inner» VerfassungsconflictS die erste Ausgabe der Regierung sei. Der Weg, den die Regierung bisher betreten, sei der Weg der Vereinbarung mit � den Vertretungen der Länder der ungarischen Krone;! ! die Regierung halte entschieden an dem Gedanken: fest, daß das einzig bindende Moment nicht in einem zwangsweisen Zusammenfassen von Elemen- ten liege; daS Princip der Rechtsverwirkung sei unverträglich mit politischer Freiheit. In den letz- ten Ereignissen sehe die Regierung eine Mahnung zur beschleunigten Verfolgung der betretenen Bahn. Die mit dem ungarischen Landtage über eine ge- meinschaftliche Behandlung der gemeinsamen Inter- essen gepflogenen Verhandlungen seien nun wieder aufzunehmen. Der Entwurf der Subeommission des Landtags biete beachtenswerthe Anknüpfungs» punkte für die Grundlage zur Verständigung dar. Der Gedanke von der Zusammengehörigkeit der einzelnen Reichsrheile zur Sicherung der wichtigsten Interessen sei darin anerkannt. Die Aufgabe der Regierung sei es, ihre Ansichten dem ungarischen Landtage in voller Offenheit darzulegen, damit bei der Fortsetzung der Verhandlung diese Grundsätze consequenr durchgeführt würden und practisch zur Geltung kämen. Das officiöie„Wiener Journal" vom 4. November bringt einen längeren Artikel, worin es u. A. mit Beziehnng aus Beust heißt: Die Vermuthungen, welche' die Oppositiousblätter ihren Lesern mit großer Beharrlichkeit innibeillen, daß zwischen diesem Staalsinanne und dem Ministerpräsiden- ten ein politisches Einvernehmen gar nicht herfnstellen sei, sind in den letzten Tagen verstummt. Sie wurden selbstverständlich nie von besser unterrichteten Personen gehegt und verdanken ihren Ursprung keinen Thatsache», sondern nur gewissen frommea Wünschen. Das Ministe- riuni hat jetzt an Krast gewonnen, ohne im Geringsten etwas an Einigkeit eingebüßt zn haben... Oesterreich hat viele Gründe, sich auf sich selbst zurück; u- ziehen, um fremden Interesse» weder nahe zu treten, noch dieselben zu seinen eigenen zu machen. Wir sind vorAllem derRuhe bebüis- tig und müssen danach trachten, diese für uns zu erhal- ten, selbst wenn andere Mächte, thatendurstiger als wir, den Frieden nicht als ihr erstes Ziel in's Auge fassen sollten. Was Rußland nach dem Zirimkriege versuchte, sich im Innern zu sammeln, Kraft zu gewinnen durch innere Thätigkeit, das ninß auch jetzt unsere Aufgabe sein.——---——-----— Obgleich die diplomatische Thätigkeit des neuen Ministers wohl zumeist in's Gewicht fallen muß, so legen wir darum keinen geringeren Werth aus den Nutzen, welchen sein Eintritt in die Regierung auch für die Entwicklung der inner» Angelegenheiten haben wird. Freiherr v. Beust hat sich in einer langen öffentlichen Laufbahn als ein treuer An« Hänger des konstitutionellen Prinzips bewährt(?). Wä- ren die Anschuldigungen in Wahrheit begründet gewesen, welche öfters, wohl nicht in gutem Glanben, gegen an- dere Minister der Krone gemacht wurden, daß sie An- Hänger des Absolutismus wären, so würde allerdings unmöglich gewesen sein eine Einigung zwischen ihnen und dem jetzigen Minister der auswärtigen Angelegen- heilen. Man kann ähnliche Ausstreuungen wohl jetzt als definitiv beseitigt ansehen. Noch in diesem?Ao- nate werden im ganzen Kaiscrstaate die Be- strebungen der Regierung, eine Einigung des Reichs aus parlamentarischer Grundlage zu erzielen, in so unverkennbarer Weise hervor« treten, daß wohlNiemand h infort wagen wird, den konstitutionellen Charakter des Ministe- rinms in Frage zu stellen. Wenn man nun den Staat oW eine organische Einheit auffaßt, bei dem die engste Berbinknng zwischen den inner» und äußeren Fragen stattfinden muß, so darf man wohl voraussetzen, daß die Thätigkeit des Herrn v. Beust nicht nur einem Deparlement der Regierung, sondern dem ganzen Staate dienlich sein wird. Seine parlamentarische Schulung, seine Beredlsamleit, seine großen Erfahrungen, sein« an- erkannten Talente werden in dein großen Kaiserstaate den weitesten Spielraum zur freien Entfaltung finden. Die Freunde de« konstitutionellen Systems, welche die Eiitwicklung des Staats auf Grundlage» wünschen, die im Einklänge stehen mit dem Geiste des Jahrhunderts werden hoffentlich Ursache finden, sich zum Ämtsantritte diese« hochbegabten und energischen Staatsmannes auf- richtig zu beglückwünschen. Daß die Einigung Deutschlands durch'allmäh- lichen Umschwung der Stimmung und Gesinnung im Volke wie in der Preffe auf dem Wege dM Fortschreitens ist, wird Niemand verkennen, welcher die gesummte Presse verfolgt und die besonders in Süddeutschland zu Tage tretenden Erscheinun- gen zu beobachten Gelegenheit hat. Sehr beach- tenswerih in in dieser Beziehung die Haltung der AugSburgcr„Allg. Ztg." In einem„Die Auf- gäbe Bayerns" überschriebenen Leitartikel fragt dieses wahrlich nicht allzu preußenfreundliche Blatt, was nun die Aufgabe Bayerns heute sei; der Leiter der bayerischen Politik habe drei Wege angegebein den süddeutschen Bund, den norddeutschen und Ab- warten. Der dritte Weg, sagt der Verfaffer des Artikels, sei derjenige, ans dem man sich dermalen befinde. Diese Richtung wird nun bitter getadelt. Der Versuch zur Bildung eines süddeutschen Bun- des habe gar keine Aussicht des Gelingens, und dies sei ein ersreuliches Zeichen. Es wird dann zugegeben, daß da« Aufgehen der Einzelsouveraine- tat in Preußen am wenigsten von einem bayerischen Minister befürwortet werden könne, nicht minder richtig aber sei eS, daß der deutsche Norden durch eine mehr als tausendjährige Vereinigung der na> türlichc Bundesgenosie sei, und daß die Aufgabe des letztern darin bestehe, eine Form zu finden, welche diese BundeSzenosienschaft neu gründet und aller Welt offen darlegt. Die bayerische Selbst- ständigkeit könne neben solcher Form bestehen(b), wenn nur nicht vergeffeu würde, daß einzelne Hohhcitsrcchte. wie namentlich der Oberbefehl im Bundeskrieg, den einzelnen Sauveratnen schon durch die deutsche Bundesakte entzogen waren, und jetzt offenbar an die Centralgcwalt abzugeben seien, welche an die Stelle des Bundestags zu treten hat. Der Artikel schließt mit den Worten.-„Offene Adoptirung des Programms der bayerischen Ab- geordnetenkammer unier Wahrung der bayerischen Souvcrainetäl, also ohne bedingungsloses Auf« gehen in den preußischen Staat, ist Aufgabe der bayerischen Politik."— Dagegen schreibt man der »Rh- Ztst-" aus Berlin von einem angeblichen Umschwung in den Regionen der süddeutschen Höfe. Man sei dort erschrocken über den„parlamentari- scheu Zug nach dem Norden", der anfänglich ge- billigt worden sei, weil er ein Ableitungsmittel gegen die eigene Eonstituirung einer Union mit parlamentarischer Beibülfc zu sein schien. Seitdem wurde es jedoch zweifellos, daß der Liberalismus mit dem norddeutschen Bund eine dauernde Presston auf seine eigenen Regierungen ausüben würde und diesen Zustand finde man für die Daner unerträg- lieh und gefährlich. Zwischen dem norddeutschen Bund und der süddeutschen Union schweben zu wol- len, sei keine Position für die betreffenden Regie- rungen, die sich als haltbar anffaffen ließe. Die Politik Oesterreichs und Frankreichs nillffe greifbarere Formen annehmen, um die Absorbtion der südwestlichen Gruppe zu hindern. Der erste Schritt, die Ernennung Beust'S, gebe Hoffnung, daß der zweite und die übrigen folgen werden. Von dem Tage, an welchem die französisch-östreichischc Allianz geschloffen ist, wären die noch selbstständigen Re- gierungen Deutschlands von der Furcht befreit, daß mit der„Revolution von oben" ihrem Dasein ein Ende gemacht werde. Auch die diplomattschen Berichte aus Paris schie- nen wenig mit.den Aenßerungen des Herrn von Beust üoereinzustimmen, welche er über seine „freundliche Politik gegen Preußen" gelegentlich seines Amtsantritts auch gegen die ihm vorgestell- ten Beamten seines Ressorts abgab. In Paris dürfte man vielmehr die Rückkehr Benedetti'S auf seinen Berliner Gesandtschaftsposten als eine Gewähr dafür betrachten, daß man die Linie der französischen Jnterventionepolitik nicht verlassen dürfe, welche den kriegführenden und friedenschlie- ßenden deutschen Mächten in Nikolsburg mit der Ziehung der Mainlinie auferlegt wurde.— Gleich- zeitig wird von anderer Seite aus Paris geschrie- ben, daß die Beziehungen zwischen dort und Berlin sich neuerdings auf das allerfreundlichste gestaltet hätten und die ofsiciösen Blätter angewiesen worden seien, sich in ihrer Besprechung öfter- reichischer Zustände weiter keiner rücksichtsvollen Milde zu befleißigen. Weßhalb, durch wen und auf wie lange diese Parole ausgegeben wurde, wird nicht gesagt.— Ferner erfährt man aus Paris, daß der Kaiser wieder so rüstig arbeite, wie früher. Am 31. October hat er dem Ministerrathe präsidirl und sich ganz besonders eingehend mit der Armeeorganisation beschäftigt.— Gestern hat die Revue über die kaiserliche Garde und die Gar- nison von Paris, von herrlichem Wetter begünstigt, im Boulogner Wäldchen stattgesunden. Der Kaisew war zu Pferde und kehrte erst nach dem Vorbei' marsch sämmtlicher Truppen nach St. Eloud zu- rück.— Die Mittheilungen über Verhandlungen, welche zwischen Frankreich und Belgien wegen Abschlusses einer Militair- Convention stattfinden sollen, werden als unbegründet bezeichnet.— Für den möglichen Fall eines Ablebens des Kaisers, sagt man, bätte dieser, sowie auch die Kaiserin, ihre ganze Hoffnung auf General Fleury gesetzt, der dann an die Spitze der Armee treten solle. Es heißt, der Prinz Napoleon(Jeröme) flöße Mißtrauen ein. In England, in Plymouth, hatHr.W. Mor- rison, Vertreter der Stadt Plymouth, eine der jetzt fast obligat gewordenen Ferienrcden gehalten, worin er über die ausländische Politik sprach und besonders über Deutschland sehr beachtenswerthe Aeußerungen that, welche ihm vor einem halben Jahre noch als baare Keyerei angerechnet worden wären: die deutsche Einheit sei ungleich wichtiger, als die Einheit Italiens. Beim Ausbruche des Kampfes in Deutschland, bemerkte Morrison, seien die Sympathieen Englands mit Oesterreich gegen Preußen gegangen; seinem Urtheil nach: ungerecht- fertigter Weise. Eine starke deutsche Großmacht im Herzen Europa's, vierzig Millionen Deutsche unter Einer Regierung und unter Einem Oberbe- fehl, beruhe dieser nun bei einem Ministerium, einem Könige oder einem Parlamente, das sei die beste Schutzwehr gegen Uebergriffe der zwei einzigen Mächte, von denen man eine S.örung des europäische» Friedens zn fürchten habe— Frankreich und Rußland. Das Haus Habsburg wünschte der Redner gänzlich von Dentschland ausgeschlossen und sein Kaiserthum als ein slawisch-magyarisches Reich constituirt zu sehen; als Entschädigung für die deutschen Provinzen weist er ihm, um zugleich die orientalische Frage zu erledigen, die halbslawischcn Länder südlich von der Donau an, da er an die Lebensfähigkeit der otlomanischen Herrschaft nicht glaubt und den Griechen, die sich nicht einmal selbst regieren könnten, die Fähigkeit abspricht, die Ver- waltung eines so großen Reiches in die Hand zu nehmen. Oesterreich allein sei im Stande, durch die Gründung eines neuen Staates im Süden, einen Damm gegen das Vordringen des nordischen Nachbars zu erricbten und die europäisch-türkischen Provinzen vor der Einverleibung in Rußland zu bewahren.— Herr Bright, über den die„Titnes" wegen seines Vorschlags bezüglich Irlands selbst- verständlich entsetzlicb hergefallen sind, hat schon an- gefangen, zu retiriren. Er hat sich bereits sehr entschieden gegen die Auslegung verwahrt, welche seinem Vorscdlaz von Freund und Feind gegeben wurde. In einer allerneuesten Dubliner Rede er- klärt er, daß er nicht an„Konfiskation oder zwangs- weisen Verkauf" irischer Güter denke, sondern an eine parlamentarische Kommission, die ermächtigt wäre mit den aristokratischen Gutsbesitzern zu unterhandeln und ihnen einen um 10 Prozent Hähern Preis zu bieten, als ihre Güter auf dem Du- bltncr oder Londoner Markt realisircn würden. Er, den man als Aristokraienfrcsser verschreie, lebe der Ueherzeugung, daß eS unter den englischen Aristokraten nicht wenige edle Menschenfreunde und Patrioten gebe, die selbst ohne den Zuschlag der 10 Procent der guten Sache, wenn sie ihnen recht vorgestellt werde, bereitwillig ein Opfer bringen würden. Das und nicht eine Coufi�kationsmaßregel habe er gemeint. Inzwischen chat der„Star" schon die' Uebereilung begangen, einen zwangsweisen Güter- verkauf rechtfertigen zu wollen. Köstlich! Nachdem im Ministerium des Auswärtigen der Bertrag unterzeichnet worden, durch welchen Italien zur Zahlung von je 26 Millionen jährlich während 42 Jahre an die päpstliche Regierung sich verpflichtet und somit die Staatsschuld für die ehemaligen Kirchenstaaten, wie in der Septemberconvention vorgesehen, übernommen hat, ist General Fleury in besonderer Mission des Kaisers und als Uber- bringer eines Handschreibens der Kaiserin nach Ron, gereis'I. Die Tuilerien empfehlen dem Balkan auf's dringendste, das Königreich Italien anzuer- � kennen und der September-Convention, soweit sie auf den päpstlichen Staat Bezug hat, beizutreten. In Spanien geht es dem„Revolutionär", dem „Demagogen" Rarvaez(so wird er nämlich am (Hofe genannt) wie allen Werkzeugen der Reaction: so lange sie willig gehorchen, werden sie geduldet, bei dem ersten Anflug von Ungehorsam aber zer- brechen, wie ein Spielzeug, an dem ein Kind seine Freude verloren hat. Die Camarilla zuckt mitlei- dig die Achseln über die Großthaten Narvaez's— sie verlangt Besseres. Pater Claret, der Beichtvater der Königin, MeneseS, der Günstling des Königs und der SchWster Patrocinio, und Biluma erschie- nen vor einigen Tagen beini Ministerpräsidenten und geboten ihm int Namen seiner allmächtigen Gönner die Ausführung dcS folgenden Programms: Auflösung der Deputirtenkainmer, Umänderung der Verfassung, Fortdauer der Dictaturgewalt in den Händen der Regierung, Aufrechthaltnng deS Be- lagerungsstandes, Reinigung und Vermehrung ver Armee, stiückerstattung aller Kirchengüter, die noch nicht verkauft worden sind. Narvaez hat sich Be- denkzeit ausgebeten und diese zaudernde Haltung kann genügen, ihn in den Augen der Camarilla zu Grunde zu richten. So spricht man denn auch schon jetzt von seinem Rücktritt und nennt den Marques' Biluma als seinen Nachfolger. Pezuela, ein Schwa- gcr Viluma'S, würde Unterrichtsminister, Calonge Kriegsminister, Arroznela Justizminister und Nocedal Minister dcS Innern im neuen Kabinet werden. Diese Herren sind es, welche die Aufgabe lösen sollen, deren Erfüllung man von Narvaez sich ver- sprochen halte, sie sollen„die Monarchie und die Religion retten". Erst diese Herren sind in der/ Meinung deS mächtigen Triumvirats der echte Aus- druck der„katholischen Idee, wie sie zum Heile des Staats sieb geltend machen muß". Die Königin Isabel hat sich willenlos in die Hände der drei ge- geben und sie wird alles unterzeichnen, was ihr vorgelegt wird. Die russische Regierung hat gegen den Emir von Buchara militärische Zwangsmaßregeln ins Werk gesetzt, um denselben zur Erfüllung mehrerer an ihn gerichteten Vorschläge zu»öthigen. Die ersten Operationen der russischen Truppen waren mit Erfolg gekrönt, da es denselben gelungen ist, einen wichtigen Grenzpunkt einzunehmen.— Der für daö ganze Reick ausgeschriebenen RecrutenauS- Hebung haben wir bereits kurz Erwähnung gethan. Obschon hierdurch die russische Armee um weit mehr als 200,000 Mann vermehrt wird, so würde mau unseres Erachtens dennoch die Bedeutung dieser Maßregel Überschätzen, wenn man derselben einen unmittelbar bedrohenden Charakter beilegte. Die Petersburger Regierung wendet gewöhnlich den obenbezeichneten Maßstab an, wenn sie die wassen- säbige junge Mannschaft heranzieht, damit dieselbe thr halbes Leben unter Entbehrungen und Mißhand- lungen aller Art dem Vaterlande diene. Doch rccrutirt Rußland nicht in jedem Jahre, und inso- ferne ist das Ereigniß immerhin beachtenswerth, da dasselbe lehrt, daß auch Rußland nicht verab- säumt, sich für die Zukunft zu rüsten. Mit dem Fürsten von Rumänien hat die Pforte ein gutes Einvernehmen herzustellen gesucht. Der„Abendmoniteur" äußert in seiner Wochen- rundschau, daß der Empfang deS Fürsten in Kon- stantinopel das günstigste Vorzeichen für seine Be»