Rr. 172. Berlin, Sonntag den U. November 1866. Zweiter Jahrgang. = II c in o It rn t. Diese Zeitung erscheint drei Mal wöchentlich unte zwar: Dienstag«, Donnerstag« und Sonnabend« Abend«. Organ der social-dcmolratischen Partei. Redigirt von I. B. D. Hosstettcn und I B. v. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berlin, Alte Jakobstraße Nr. 67. Abonnement«> Prei« sür Berlin incl. Bringerlohn:«ierteljäbrlich 15 Sgr.. monatlich 5 Sgr., ein, eine Nummern I Sgr.t bei den Königl. preußischen Postämtern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- land iL'/i Sgr., im übrigen Teutschland 20 Sgr.(fl. 1. 10. iüdd., st. 1. österr. Wäbr.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt« aus allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition. von jedem soliden Spediteur, von der Ejrpreß-Eompagnie, Ziminerstraße 48», sowie auch unentgeltlich von iedem„rolhen Dienftmann" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition ausziizeben) werde» pro dreigespaltene Peiit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. Vretünet Agentur sür England, die Eolonieen und die überseeischen känder:>lr. Lrväer, 8. lüttle New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Rne Brnlee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Audrd-des-Arts. politischer Theil. Berlin, 10. November. Die Bourgeoisie fürchtet bekanntlich nichts mehr, als daß die Arbeiter zur Erkenntnis; ihrer Klassenlage kommen kbnnten, d. h. zur Erkenntnis, daß ihre Jnteresien in Staat und Ge- sellschaft nur theilweise, vorzugsweise in politischer Beziehung, nemlich dem Absolutismus und den altprivilegirten Ständen gegenüber, mit den Jnteb- essen der Bourgeoisie zusammenfallen, daß aber in andern, sehr wesentlichen, ja in den wesentlichsten Punkten die Jnteresien der Arbeil zu den Jnteresien des Kapitals, auf welchen die Bourgeoisie fußt, in schroffem Gegensatz stehen. Wir haben in letzter Nummer einer aus Ar- beiterkreisen, welche bisher der Schulze'schen Rich- tung huldigten, hervorgegangenen Manifestation erwähnt, und dabei bemerkt, wie ein starkes Hin- neigen dieser Kreise zu unserer, der social-demotra- tischen, Anschauung unverkennbar sei. Die unzweifelhaft hervorgetretene Thalsache bat denn auck nicht verfehlt, verschiedene Bourgeoisie- kreise in einige Aufregung und Entrüstung zu ver- setzen. Die„Berl. Ref." bringt in dieser Sache einen langen Leitartikel, dem wir Merkwürdigkeitö halber einige Stellen entnehmen wollen. In An- knüpfung an daS zu wählende„Norddeutsche Par- lament" wird gesagt: Fasten nun unsere Arbeiter die ihnen zufallende Stel- hing zur Parlamentssache in'« Auge, so müssen sie ein- sehen, daß eine große Verantwortung aus ihnen beruht, und daß e« ihre Pflicht ist, sich volle Klarheit über die jetzige Lage der Dinge zu verschaffen. Sie werden sich sage» müssen, daß sie sich dabei der Einwirkung einseitiger Schlagworte der Parteien und Fraktionen zu entziehen und da« große illatioual-Jiitereste, da» jetzt alle liberalen Parteien durchdringen muß, in'« Auge zu fassen haben. E« kann ihnen nicht entgehen, daß sie als deutsche Bür> ger zu handeln haben, und daß sie ihr Bürger-Jnteresie nicht von dem Arbeiter-Jnleresse trennen dürfen, weil sie da» letztere nur als deutsche Bürger erreichen können. Nicht ai« besondere Arbeitcr-Partei können sie wirken und agitiren, dabei zersplittern sie sich zunächst selbst und schwächen die eigene Kraft, und in weiterer Eonsequenz entsteht daraus leicht die Folge, daß die Menge, welche von ihnen Auiklärung empfangen soll, irre an ihnen ge- macht und Demagogen in die Hände getrieben wird,! welche unter dem Schein der Sorge für da» wahre Bolkswohl für Machthaber wirken, denen sie sich in«- geHeini verkauft haben.— Die Arbeiter kennen derartige Ersdieinnngen ja au« dem Jahre 1848 zur Genüge, und die späteren Jahre haben ihnen gezeigt, wie viele von den damaligen Schreiern für da» VolkSwohl sich zu cha- rakterlosen Söldlingen entpuppt und als Verräther an den Volksinteressen erwiesen haben. Deshalb müssen, dünkt un«, die Arbeiter mißtrauisch gegen alle Agitationen sein, welche sie von dem all- gemeinen Interesse ablenken und sie veranlassen wollen, sich al« besondere Arbeiter-Partei zu constituiren und Sonder-Jnteressen zu verfolgen. E« ist un« au« Nürnberg ein Ausruf an die Freunde, Brüder, Arbeiter Deutschland« von dem Vorsitzenden � Arbeit, die Arbeitsfähigen in die Wahl zwischen de» Zwölser-Ausschusse« deutscher Arbeitervereine, P. Stau-> Hunger oder Lohnsclaverei stellen konnten, wonach dinger, zugegangen, welcher un« mit großem Mißtrauen- jm freilich sich der letzteren unterwerfen mußten gegen die Absichten der süddentschen Arbe.t.r erfüll., weil Wir sehen mit Einem Won die Klasse p« ,avb.' wir darin neben großer politischer Unklarheit höchst un-" n i c. a 1 ä'.t!.pl wahre, verderbliche Schlagworte und eine Sucht zum p' ll�si��uberftehen der Klasse der ka- Aufhetzen der Arbeiter gegen die liberalen Parteien fin- pltalbefltzenden Unternebmer und nicht arbeitenden den, au« denen nur zu deutlich die alte Begier nach der Zinjenbezieher, jene erstere Klasse in der schlech» Bildung einer großen Arbeiterpartei hervorgeht, welche testen, die zweite in der besten materiellen Lage. die Staatsgewalt und da« Bürgenhum zugleich bekäm- Dazwischen allerdings eine Mittelschicht von Leuten, pfen�soll, um-sich zum Herrn de«� Staates zu machen.� die ihre Arbeitskraft durch einiges wenige eigene Den Arbeitern wird in dem Ausruf gesagt, daß sie sich über die Spaltung der Fortschrittspartei zu freuen haben,„weil, e« dieser niemals mit der Durchlührung eines rationellen socialen Programms Ernst war und ihre bisherigen Scheinexperimente nur die Furcht vor einer socialen Umwälzung waren, eine Furcht, von der sie sich seit der Neubesestigung de« Militairstaate« befreit fühlen. Kapital unterstütze» können, welche Mittelschicht aber, in Gemäßhcit der naturgemäßen Fortent« Wickelung der Industrie auf ihren jetzigen Grund- lagen, immer mehr verschwindet. Der Klassengegensatz ist also thatsächlich vor- Händen, und in Folge dessen sind auch ihatsäch- � lich die Jnteresjen verschiedene, ja entgegen- Welche niedrige, unmännliche Verdächtigung! Welche i gesetzte. Die K-pitalistenklaffe muß wünschen daß falsche, unreife Benrtheilung unserer Norddeutschen Zu-■ pj,. bisherigen, die Ausbeutung der Arbeil ermöa- st-nd-l Hätte u, cht da« geringste Nachdenken Herrn>,ch„�en Grundlagen der Protuclion fortbestehen: staiidinger sagen müssen, dag eine Partei, der Schulze- ,,.,1 Jz.s• u•<..., 1 V V Delitzsch noch jetzt angehört, und deren Entwickelung die!•-£!,'' p im Gegentheil wunfchen. daß tiefsten Grundprincipien de« Deutschen Nationalleden« klkfe l. runtlagen im Interesse des Rechtes der in sich schließt, nicht auf solche leere, phrasenhafte Weise«rbeit verändert werden. abgetban werden kann? Aber freilich, hier haben wir ja das von der j Der Artiikcl schließt dann mit folgenden Worten:„Berl. Ref." so schwer getadelte, gefährliche Schlag- Während ferner Herr Staudinger über den Zerfall wort! In jenem Erlaß ist ja von bisherigen An- der Fortschrittspartei jubelt, übergeht er die heftige hängern Schulze's eine Umänderung der Pro- Spaltung, welch- noch in den Arbeiterparteien herrscht. � puctionszrundlagen verlangt worden mit zarter Schonung. Er meint, e« sei jetzt wohl kein s» konnte nickt anders kommen- es muß »'"V° Masse der Fortschrittler verstärkten Gegner wenden. Also 1 Klassenlage erkannt haben der Stand als solcher soll sich gegen da« Bürgerthum Wo aber Klassengegensätze vorhanden sind, da und die Staatsgewalt wenden; da« ist der alte«lassen- kann es nicht verwerflich sein, sie offen auszusprechen kämpf, den jeder verständige Arbeiter al« das Verderb- und auf eine Abänderung des Mißstandes zu drin- lichste aller Principe, da« die Geschichte längst verurtheilt hat, ansehen muß. Und dabei wird wieder von der Staatsgewalt gerühmt, daß die Staatsgewalt da« allge- gen. Darum wird allerdings die Arbeiterpartei in Deutschland sich fortwährend kräftigen— darum meine und direkte Wahlrecht anerkannt habe, während dieuß es um eine Sacke stehen, die im Voraus zu so die Arbeil jener crsteren bloß darum ausbeuten slenden und feigen Kampfmitteln greifen muß! können, weil sie, im Besitz der Vorbedingungen der!-- 3r Ar (vi me Mi fev bei we fch de> h'i ge. das alt hel Rundschau. Berlin, 10. November. In den deutschen Angelegenheilen haben wir unsere Ausmerksamkeil zuvörderst den schon gemeldeten in Sütdeuischland neuestens ausgetauchten, aber glück- licher Weise auesichtslosen Bemühungen zuzuwen- den, welche auf daS Zustandekommen eines„Süd- bundeS" gerichtet sind. Zu den Nachrichten über die auf den 11. d. festgesetzte Versammlung süd- deutscher Politiker in Stuttgart bemerkt eins der verbisiensten Organe jener sogenannten Volkspartei, dast die Idee der projectirlen Besprechung(denn nur eine solche sei zunächst in Aussicht genommen) nicht unmittelbar von würllembergischen Kammermitgliedern ausgegangen sei. Die Anre- gung sei vielmehr aus Baden, speciell auS Hei« delberg gekommen. Die„Augsb. Abdztz." mache eine Reihe von Männern namhaft, welche„die Einladung" zur gedachten„Versammlung" unter- zeichnet hätten. Dem sei aber nicht so. Die Liste des Augsburger Blattes bezeichne nur zunächst Namen solcher Männer,„welche ihre Zustimmung zur Besprechung ertheilt haben"; eine Einladungs- schrift im Sinne eines sonst gewöhnlichen Pro- gramms fei nicht abgefaßt, auch sei es vor der Be- sprechung jedenfalls durchaus verfrüht, die einzel- neu Zielpunkte abgegrenzt bestimmen zu wollen. Dazu kommt nun noch, daß der Präsident der zweiten bayrischen Kammer. Prof. Pözl, der unter den bezeichneten Namen u. A. als Einladender sungirt, in der„AugSb. Abtztg." nunmehr erklärt hat, daß,„wie er die Dinge heule ansehe", er glaube, sich nicht an der Versammlung be- theiligen zu können. Ebenso erklärt Prorector Hitzig aus Heidelberg im„Frkfrt. Journal", er habe nicht eingeladen, werde auch nicht in der Versammlung erscheinen. Und so will es uns renn bedünken, als ob diese Sache schon in ihrem ersten Vorbereilungsstadiuni von dem Mißgeschick begleitet werden solle, welches sich mit zwingender Nolhwendigkeil aus ihrer innersten Be- schafsenheit ergiebt und welches man im Jnteresie einer ruhigen, gesicherten Entwickelung des gesammt- deutschen ZukunflSstaales nicht bedauern kann, sondern lebbaft wünschen muß. Gleichzeitig kann man mit Befriedigung einen gewissen Umschwung in der Haltung derjenigen preußischen Organe wahrnehmen, welche mehr oder minder der Re- gierung nahe stehen. So hat die„Kreuzztg." be- reits in mehreren Artikeln ihre» specifisch preußischen Standpunkt in der deutschen Frage wen» auch»och nicht ganz aufgegeben, so doch sehr gemildert und wünscht, daß Alles geihan werde, um den baldigsten Anschluß der Südstaatcn an den Norddeutschen Bund zu ermöglichen. Aehnlich zollt auch die ministerielle„Nordd. Allg. Ztg." allerneuesten Datums den Bestrebungen der Anschlußpartei in den süddeutschen Kammern warme Anerkennung. Nur, meint sie, sollen sie nicht fürchten, daß, wenn die Vereinigung niit dem Norden sich nicht sofort voll- ziehe, dann im Süden ein neuer Rheinbund enl- stehen könne; die Macht des Natiorialitätsprinzips bürge dafür, daß ein solcher sich nicht wiederholen werde. Wenn politische Erwägungen einen engen Anschluß Norddeutschlands für den Augenblick im Interesse Süddeutschlands selbst verzögern möchten, so könne derselbe immerhin nur„eine Frage der Zeit" sein. DaS Blatt sagt am Schlusie eines solchen Artikels: Jene patriotischen Männer Baierns und Badens mögen jn ibrer wabrbah deutschen Haltung selbst, die wir, von allen sonstigen Differenzen abgesehen, aufrichtig anerkennen, die beste Bürgschaft gegen die Unmöglichleit der Wiederkehr der Zustände von 1806 finden, Sie mögen gerade in dem Umstände, daß die Regierung Preußens, dessen Herrscher gelobte, keinen Fuß breit deutschen Landes abtreten zu lassen, mit der engeren Ver- einigung mit dem Süden noch zögern kann, die ge- wisseste Bürgschaft erblicken, daß diesmal keine Gefahr im Verzuge ist. Zur Enlkräftung der Gerüchte über neue Al- lianzen Preußens schreibt ein offiziöser Corres- pondenl der Ausgsburger„A. Ztg." von hier, die Allianzen, welche Preußen»lit europäischen Mäch- ten bei gegebener Gelegenheit eingehen könnte, seien durch die in den jüngsten Tagen in den Zeitungen auftauchenden Gerüchte gleichsam„anticipirt," denn die Combinationen hätten fast alle Möglichkeiten erschöpft. Eine Allianz zwischen Preußen und Schweden gegen Rußland habe der„Globe" vom 26. Octobcr gekannt, von der beabsichtigten Verbindung Preußens mit Dänemark durch dessen Aufnahme in den deutschen Bund dasselbe Blatt vom 29. Octobcr zu erzählen gewußt, dann sei eine Allianz Preußens mit Oesterreich und Frankreich gegen Rußland, wie der„Allg. Ztg." aus Konstantinopel unter dem 23. Octobcr berichtet wurde, gekonimen, und zuletzt habe die französische „Presse" vom 31. Octobcr in einem gut stylisirten SensationSartikel versichert:„die Allianz zwischen Preußen und Rußland ist eine vollendete Thatsache." Der Officiöse meint, Preußen werde niemals auf jenen Irrweg in der Politik zurückkehren, Allianzen zur Begegnung von Ereignissen der Zukunft abzu- schließen und seine Kraft im voraus fremden Mächten zur Verfügung zu stellen. Em Bündnis; der Kabinette von Berlin und St. Petersburg würde zur Eoalition Oesterreichs, Frankreichs und Eng- lands führen. Welchen Gewinn hätte Preußen von dieser Verbindung? Das französische Blatt finde ihn in der Zulassung der norddeutschen An- nexionen von Seilen Rußlands und verschweige, daß die Nikolsburger Präliminarien durch Frank- reichs Vermittelung zu Stande gekommen seien. War dies der Fall, so hätte Preußen keiner Ver« pflichtungen gegen Rußland für komniende Ereig- nisse bedurft.— Jn Betreff der inner» Politik Oesterreichs müssen wir uns, wie in Folge Mangels an Raun, in unserer heutigen Rund« schau überhaupt, möglichst kurz fassen uud dar- auf beschränken, nur der Reformen im Heer- wesen zu gedenken, welche nach einem Artikel der„Abendpost" in Aussicht stehen. Dieselben sollen sich auf die nachfolgenden Punkte erstrecken: Allgemeine Wehrpflicht, Bewaffnung der Armee mit Hinterladungsgewehren, ein neues Verrechnungs- system, Vereinfachungen rm Militärgebübrensystem und in den Verwaltungsvorschrifien, beschleunigte Controle im Rechnungswesen, Verbesserung der Bildungsanstalten, Errichtung von Offizierschulen, strenge Prüfungen der Offiziers- und StabSoffi- ziersafpiranten, ein neues Beförderungsgesetz, Aen- tcrungen in der Organisirung des Generalstabes, Reform der Strafgesetzgebung, Erleichterung des Staatsschatzes durch bedeutende Berminderung des Osfizierstandes, besondere Verordnungen über Beur- laubungen und DiSponibilität. Die„Norddeutsche Allg. Ztg." meinte vor einigen Tagen, es sei zweifelhast, ob bei den eigenthümlichen Be- völkerungsverhältnissen in Oesterreich alle bcabsich- tigten Reformen sich in der Praxis ausführbar zeigen werden. Die allgemeine Wehrpflicht werde ohne Zweifel in einigen Provinzen, namentlich in Ungarn, wo bis zum Jahre 1848 die freie Wer- bung bestand, auf Schwierigkeiten stoßen und jedes neue Beförderungsgesetz würde in dem ausschließ- lich an die Regel der Anciennetäl gewöhnten Ossi- �zierskorps viel Aergerniß bereiten. Erst eine neue Generation könnte sich in die neu zu schaffenden Verhältnisse gehörig hineinleben; bei der gegenwär- ligen würden die reformatorischen Absichten der Regierung so wenig Beifall finden, wie er dem politischen Reformgrogramm zu Theil geworden fei. Die Journale aller Färbungen hätten sich»lit den Intentionen des MinisteriuniS nicht zufrieden erklärt, und nicht einmal die ungarfreundlichen Zeitungen hätten ein Wort des Dankes für die bedeutsame Rolle gehabt, welche das Kabinet dem ungarischen Landlage zugedacht hat. Die Gerüchte, welche den Abschluß eines Ver- tragS zwischen Preußen und Holland i» der Luxemburger Angelegenheit nielden, entbehren jeder Begründung. Preußen verhandelt darüber im Haag gar nicht, wie denn alle auf die Entwicklung des Feuilleton. „Laffrc für's Volk." Zu Puris fand am 27. Oclober d. I. folgende Ge- richtSverhandlung statt: Die Kaffeesabrikanlen Gebrüder Vansteentisse, Rue des Vanve« Nr. 123, find vor das Zuchtpolizeigericht geladen, um sich wegen Jrrefübrung des Publikum« durch Marktschreierei über Unüdertrefflichkcit ihrer Volkskafsee- Mixtur zu rechlserligen. Die Annoncen, Äsfichen und Vignetten liegen bei den Vorunlersuchungs. Akten und der Präsident verwendet sie al« BeweiS-UebersnbrungSmittel. Sie tragen mit Rie> senlettern die Ueberschrist:„Einladung an MilchfrüHstück- Liebhaber", dann kommt solgender Anschauung« Unlerrichl in bildlicher Form: Ein Mann im eleganten Schlafrock schlürft mit dem höchsten Behagen die Volkskassee-Mixtur und ruft ent- zückt: O, wie deltciös! Ein Kammermädchen trägt auf einer silbernen Tasse eine dampfende Flüssigkeit und ser- virt sie mit dem Ausrufe: Welch' heriliche« Aroma! Aus anderen Plakaten siebt man einen ungeheuren Kessel mit schwarzem Mokkakassee; ein veritabler Teufel stößt mit einer Heugabel eine Menge unglücklicher Kaffee- trinker in den Kessel. Nach den Intentionen de« Malers sollen sie alle da- rin umkommen unter den Wirkungen des schleichenden Giftes. Gegenüber dem Teufel(dem Kalodaunon des arabischen Kaffee'«) steht ein Schutzengel(der Erfinder der Vollslaffee-Mixtur); er zieht die Unglücklichen, dem Tode Geweibten aus dem Kaffeekessel und wirft sie köpf- über in ein schönes glückliches Land, wo sie fett und blühend werden, weil sie nur die Kaffee-Mixiur de« Hause« Gebrüder Vansteenkisse trinken. Darunter stehen die wunderbaren Verse: he cafs, ce nectar venu de l'empyree De son suc excitant irrite les mortels, Quand, pour le temperer, sa soeur la cbicoröe Vient et leurs doux parfums embaument les botels. Jn vernünftigem Deutsch ungefähr:„Der Kassee, jener Nectar, an« dem Elvsium stammend, regte init seinem prickelnde» Saft die Sterblichen auf, al«, ihn zu mäßi- gen, die Eichorie kam und alsbald balsamischer Dust die Paläste durchzog." Die gerichtliche Expertise hat sichergestellt, daß die Firma Gebrüder Vansteenkisse zur Calmirung der auf- geregten Gemülher Frankreichs folgendes Recept für zu- reichend hält: Reeipe: echten Kaffeesatz aus Frauen- klöstern, gerösteten Weizen, gebrannten Candiszucker und Eichorie, uud nenne es: Kaffee-Mixtur von Gebrüder Vansteenkisse, alle Morgen zwei Kinderlöffel voll. Präs.(zum Angeklagten, Ehef der Firma): Der Kuuslbestmd ist nicht zur Ehre Ihres Fabrikate« ausge- fallen; er sagt»ns, daß die Wirkung Ihrer Kaffee- Mixtur gleich Null ist und daß ein Extrakt au« Sägespänen, an Geschmack, Kraft und Aroma Ihrer Kaffee-Mixtur vollständig gleichkäme. Ihre Annoncen waren im schreienden Widerspruche mit diesem Knnstbefund und auf offen« bare Irreführung de« Publikum« gerichtet. Aug-kl.: lieber den Geschmack ist nicht zu streiten; wa« aber die Kraft, das Aroma unsere« Fabrikais au- belangt, so erfordert die Gesundbeil der Mitbürger und eine merkantil wohlberechnete Fabriksleitunz eine nähere Würdigung. Präs.: Sic sagen in Ihren Annoncen, daß Sie Ihre» Kaffeesatz an« den größten Etablissements, und insbesondere au« dem„Invaliden- Palaste und dem. Kloster der Frommen Schwestern der Armen" beziehen.- Es ist das als unrichtig nachgewiesen und wurde in«- besondere erhob«», daß die Frommen Schwestern ihren Kaffeesatz für ihre Pensionärinnen selbst verwenden. Der Vertheidiger Dr. Boke tot: Hier liegt ein Miß- verständniß vor, Herr Präsident, ein reine« Mißverständ- »iß. Die Annoncen meiner Clienten sagen nicht, daß sie ihren Kaffeesatz von den Frommen Schwestern be- zieben, sondern blos, daß sie ihn aus denselben Quellen beziehen, wie die Frommen Schwestern, welche bekannt- lich nur den allerbesten Kaffee trinken, stark und gut ge- nng, daß sie selbst noch den Satz für ihre Pensionärinnen verwenden können. Uebrigens ist die Täuschung de« Publikum« eben keine arge, denn während ein Kilogramm guten echten Kaffees, wie ihn die Invaliden des Kaiser- reichs und die Frommen Schwestern Irinken, notorisch drei Francs kostet, haben meine Clienten das Kilogramm »in nur Einen Francs verkauft. Ich gebe zu, daß die Annoncen und Äsfichen der Angeklagten etwas hyperbo- lisch und undeutlich sind, das kann jedoch leicht geändert werden, da ja selbst Ministerial Rundschreiben, wenn sie an gleichen Gebrechen leiden und das Publikum irre- sübren könnten, derartigen Modificationcn unterzogen werden. Präs.: Der Gerichtshof kann eine solche Parallele zwischen marklschreiereien, auf absichtliche Uebervorlhei- lung des Publikums gerichteten Kaffee-Mixiur-Anküiidi- giingen und Manifestationen einer volksfreundlicheu wohl- wollenden Regierung nicht zulassen. Er wird übrigen« die Umstände würdige»; er will indulgent sein, erwartet jedoch die sofortige Aenderung in der Redaclion der Fabrik«- Manifeste.(Heilerkeil im Auditorium.) Die„Unistände" sind den» auch sehr indulg in„ge- würdigt" worden, die Parallele bat ihre gute Wirkung gehabt, die Strafe ist nur eine Geldbuße von 25 Francs für jeden der beiden Cbefs der Volkskaffee-Fabrik.