Nr. 175. Berlin, Sonntag den l8. November 1866. Zwriter Zahrgang. Social-Demolirat. Dieie Zeitting erscheint drei Mal wöchentlich und zwar: Dienstags� Donnerstags und Sonnadend« Abends. Organ der social- dmokratischen Partei. Redigirt von I. B. v. Hosstetten und I. B. t>. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berlin, Alte Jakolstraße Nr. ö7. Abonnements-Preis für Berlin incl. Bringerlobn: vierteljährlich IS Sgr., mo> natlich b Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Stönigl. preußischen Postämtern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch» land l2Vi Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(fl. 1. 10. südd., st. 1. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt« auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Eompagnie. Zimmerstraße 4«», sowie auh unentgeltlich von jedem„rolhen Dienstmann" entgegen genommen. Znscriitr(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoneen mit I Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr.»»-rechnet. Agentur für England, die Colonieen und die itberieeischen Lander: dir. ch-enäer, 8. b-ittl« New-Porl-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Eue Brnlee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. politischer Theil. Berlin, 17. November. Die zwingende Macht der Logik, d. h. des menschlichen Denk- und Schlußvermögens, muß einen jeden, der einmal klar den thatsächlichen öko- nomischen Zusammenhang in der jetzigen Gesell- schafl erkannt hat, zuletzt zu socialistiscker An- schauung bringen. In der Thal besteht die Schmie- rigkeit eigentlich nur darin, aus der Hunderlfach in einandergreisenden Verwickelung der jetzigen ökono- mischen Verhältnisse deren große Grundstructur herauszugreifen und deutlich der Erkenntniß vorzu- stellen; ist dies einmal geschehen, sieht einer einmal, ungetäuscht von der trügerischen Oberfläche der öko- nomischen Gesellschaft, wie diese in ihrer Tiefe aus- sieht, so muß er auch dazu kommen, diese Gesell- schaft als eine auf Ungerechtigkeit beruhende zu er- kennen; ja man kann sagen, daß jene Einsicht und diese Erkenntniß nothwendig ineinander fallen' und daher auch gleichzeitig auftreten müssen. Wie sehr ein jeder, der auch nur mit einiger Ge- nauigkeil die Grundlagen der jetzigen Gesellschaft er- kennt, fast unwillkürlich unserer Anschauungsweise ver- fällt, darauf glaubten wir vor Kurzem in einer Anmer- kung zu der vom„Berliner Arbeiter-Verein" aus- gegangenen Petition in Betreff der Kranken- und Sterbekassen aufmerksam machen zn sollen. In dieser Petition kommt nämlich folgende Stelle vor: Um die Eoncurreuz auf dem Weltmarkte mit Eng« land, Frankreich, Belgien und Italien bestehen zu tön- neu, wird es sich mehr um die bessere als nm die billigere Arbeit handeln. Soll diese aber in Deutsch- land und besonders von Berliner Arbeiter» erzielt werden, so wird die äußerst mögliche Grenze der Theilung der Arbeit und die Verwerlhuug der vollkommensten mecha- nischen Hilfsmittel wie der Naturkräfte zur Fertigstellung von Waaren in Anwendung gebracht werten müssen. Dadurch aber wird es dem Arbeiter immer mehr erschwert sein, au« seinem Arbeitsverhältniß heraus zur Selbstständigkeit zu gelangen, weil e« ihm dazu an den erforderlichen Kapitalien fehlt, die er selbst durch die größte Geschicklichkeit, den ausdauerndsten Fleiß und die opferbereiteste Sparsamkeil nicht zu er- werben vermag. Wir hatten dazu Folgendes bemerkt: Wir finden diese, übrigen« sehr richtige Hervorhebung der Unmöglichkeit der Selbsthülse zu nachhaltiger Besse- rung der Lage de« Arbeiters sehr auffällig in einem von Schulze'scher Seite ausgehenden Schriftstück. In Folge dieser Bemerkung nun ist uns von Herrn R. Krebs, dem Vorsitzenden des„Berliner Arbeiter-VereinS" ein Schreiben zugegangen, wel- ches wir, unl dann weiter auf die ganze Sache einzugehen, zunächst unsern Lesern mittheilen wollen. Dasselbe lautet: Berlin, 14. November 1866. Geehrter Herr Nedatleur! Indem ich für die Beröfsentlichnng der Petition de« Berliner Arbeiter- Vereins vom 29. Oktober durch den „Social- Demokral" Ihnen hiermit meinen besten Dank ausspreche, kann ich nicht umhin einige Worte der Eni- gegnung in Bezug aus die von Ihnen gemachte Rand- bemerkung an Sie zu richten. E« ist mir fast unglaublich, wie Sie in dem bezeixh- neten Satze eine Hervorhebung der Unmöglichkeit der Selbsthilfe finden können. Fast scheint es mir, als ob Sie die Petition nur sehr flüchtig übersehen und deshalb zu einem so unglaublichen Jrrlhum verleitet worden sind. Wenn wir in der Petition sagen:„dadurch wird es dem Arbeiter immer mehr erschwert sein, aus seinem Arbeitsverhältniß heraus zur Selbstständigkeit zu gelan- gen u. s. w." glaube ich Wohl, wird jeder unbefangene Beuribeiler mit diesem„erschwert" nicht die Unmöglich- keit ausgesprochen finden. Wir Alle, die wir dem Prin- cip der Selbsthilfe huldigen, erkennen sehr wohl an, daß es keine leichte Ausgabe für den Arbeiter ist, vorwärts zu kommen; dessen ungeachtet müssen wir an dem Prin- cip festhalten und darnach trachten und streben, daß alle Hindernisse au« dem Wege geräumt werden, welche das weitere Fortkommen des Arbeiters erschweren.— Daß bei der bereits vorgeschrittenen und noch weiter vorschreitenden ArbeitStheilung es nicht jedem Arbeiter möglich ist selbstständig zu werden, eine eigene Fabrik zu besitzen, ist selbstverständlich. Dadurch ist aber jedoch nicht ausgeschloffen, daß demselben die Möglichkeit ge- geben wäre, seine Lage nach Kräften zu verbessern, und das kann eben am nachhaltigsten nur dadurch ge- schchen, wenn er selbst arbeitet und schafft und nicht erst wartet ans ein unbestimmtes Etwas, welche« selbst erst geschaffen werden soll. Sollte unsere Petition Be- rllcksichtigung finden, und die in derselben angedeuteten Mängel abgeschafft werden, so werden Sie selbst einge- stehen müssen, daß uns voraussichtlich ein materieller Nutzen erwächst, welchen wir dann anderweitig verwerthen können. Mit Achtung ergebenster Rodert Krebs. Zunächst sprechen wir unsere Freude aus über das warme Interesse an der Arbeiterfrage und den damit in Verbindung stehenden wissenschaftlichen Anschauungsweisen, welches in diesem Schreiben hervortritt; aber zugleich sind wir genöthigt, dem- selben entgegenzutreten. Der Herr Briefsteller wundert sich darüber, daß wir„in dem bezeichneten Satze eine Hervorhebung der Unmöglichkeit der Selbsthülfe finden können." Aber wie lautet der bezeichnete Satz? „Es wird dem Arbeiter immer mehr erschwert sein, aus seinen Arbeitsverhältnissen heraus zur Selbstständigkeit zu gelangen." Betrachten wir, wie die Petition diesen Satz begründet und wir werden erkennen, daß derselbe zwar die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit enthält. Die Petition begründet nemlich den erwähnten Satz ganz richtig nnt der Hinwcisung darauf, daß „die äußerst mögliche Gränze der Theilung der Arbeit und die Verwcrlhung der vollkommensten mechanischen HülfSmittel wie der Naturkräfte zur Fertigstellung von Waaren in Anwendung gebracht werden müssen," oder, mit anderen Worten, daß nicht nur unier möglichst großer Theilung der Arbeit, sondern auch, waS die äußeren Hülfsmitlel betrifft, mit möglichst großem Kapital gearbeitet werden soll. Da nun die Theilung der Arbeit auch ihrerseits, je weiter sie getrieben wird, desto grö- ßeres Kapital voraussetzt, so kann man obige Doppel- forderung in die eine Forderung:„Es soll mit möglichst großem Kapital gearbeitet werden" zu- sammenziehen. Wenn nun aber Kapital und Arbeit nicht in denselben Händen, sondern von einander getrennt sind, so ist klar, daß die Arbeit dem Kapital gegen« über um so wehrloser und abhängiger ist, in je größeren compacten Massen das letztere ihr gegen- übersteht. Die Petition hätte also eigentlich, um die volle Wahrheit zu sagen, nicht nur erklären müssen:„Es wird dem Arbeiter inimer mehr erschwert, zur Selbst- ständigkeit zu gelangen," sondern:„Es wird dem Arbeiter immer mehr erschwert, überhaupt ir- gendwie seine Lage zu verbessern." Allein merkwürdig!— Selbst so, wie die Pe- tilion den Satz gefaßt hat, ist er vollständig aus- reichend, die Bemerkung, über welche der Vorsitzende des„Berliner Arb.-VereinS" in obigem Brief fein Erstaunen ausspricht, zu begründen. Wir sagten: In der fraglichen Stelle sei ganz richtig die Unmöglichkeit der Selbsthülse zu nach- halliger Besserung der Lage des Arbeiters(das heißt also doch nicht eines einzelnen Arbeiters, son- der Arbeiterklasse überhaupt,„des Arbeiters" schlecht- hin) hervorgehoben. Ist nun eine nachhaltige Besserung des Arbei- terS möglich, ohne daß derselbe selbstständig würde? Antwort? Nein! Die Arbeiter von der Rich- tung des„Verl. Arb.-VereinS" zeigen, daß sie der- selben Ansicht sind, da auch sie die Productiv- associationen, d. h. die Gesellschaften, worin die Arbeiter ihre eigenen Herren sind, worin die Eigen- schaffen von Unternehmer und Arbeiter in den- selben Personen vereinigt sind, für das oberste Ziel, ja für die einzig wirklich bedeutungsvollen Associationen unter den Arbeitern hallen. Nun versichert aber die Petition selbst, daß es dem Arbeiter immer„mehr erschwert" werde, sclbstständig zu werden, und zwar immer mehr er- schwer! darum, weil die Theilung der Arbeit zc. zu- nehmen müsse; daS heißt also wohl, da man vor- wärts und nicht rückwärts will, daß man zwar für Fortentwickelung der Industrie sein müsse, sich aber dabei nicht verhehlen könne, wie, der Natur der Sache nach, mit innerer Nothwentigkeit auf Grund läge der jetzigen Productionsbedingungen, die Ab- hängigkeit der Arbeit von dem ihm getrennt gegen- überstehenden d. h. im Eigenthum einer andern Klasse befindlichen Kapital immer zunehme. Wenn nun, wie dies ja der Herr Vorsitzende des„Berk. Arb.-Vereins" in seinem Briefe zugibt, schon jetzt der Arbeiter nur schwer dieser Abhängig- keit sich entziehen kann, wenn ferner, was ja auch zugegeben wird, die schlechte Lage des Arbeiters gerade in dieser Abhängigkeil ihren Grund hat, so, daß man bestrebt ist, ihn dem Kapital selbststän- biger gegenüberzustellen; und wenn nun endlich, stall daß man hoffen konnte, diese Abhängigkeit sich vermindern zu sehen, ausdrücklich und unter ganz richtiger Begründung versichert wird, diese Abhängigkeit müsse nothwendig immer zunehmen, es müsse dem Arbeiter„immer mehr erschwert" werden, zur Selbstständigkeit zu gelangen— welche andere Folgerung kann dann aus diesem ganzen Sachverhalt gezogen werden, als daß, je weiter die Industrie auf ihren heutigen Grundlagen sich fortentwickelt, desto mehr die nachhaltige Besserung der Lage der Arbeiterklasse auf dem Wege der Selbsthlllse zur thatsächlichen Unmöglich- keil wird. Nur zwei Fälle sind möglich: Entweder der„Berl. Arb.-Ver." ist der Anficht, daß es bei der Forlentwickelung der Production auf ihren heutigen Grundlagen dem Arbeiter immer mehr erleichtert werden müsse, zur Selbstständigkeit zu gelangen. Dann kommt er mit den Thatsachen und der Wissenschaft in Conflict. Oder aber— und dies ist ja der Fall— er giebt zu, daß es mit der Forlentwickelung der In- duslrie dem Arbeiter immer mehr erschwert wirb, zur Selbstständigkeit zu gelangen; dann muß er auch zugeben, daß die Unmöglichkeit einer nachhal- tigen Verbesserung der Lage des Arbeiters durch Selbsthlllse hervortritt. So will eö die Logik nnd dieser wird sich äuch der„Berl. Arb.-Verein" fügen müssen. Wer die Prämisse zugiebt, kann sich dem Schluß nicht ent- ziehen wollen.— Runds chau. Berlin, 17. November. Ju den deutschen Angelegenheiten steht an Be- deulung unstreitig die Frage deö„Norddeutschen Bundes" oben an. Das daraus bezügliche, auch von unS jüngst mitgetheille Zeitungsgerücht von einer im Ministeriuni stattfindenden Berathung der Grundzüge für die künftige Verfassung jenes Bun. des ist unterdessen von der ministeriellen„Nordd. Allg. Ztg." dementirl worden. Eine solche finde erst statt, wenn Graf Bismarck nach Berlin zurück- kehrt, was nicht vor Ende dieses Monats zu er- warten sei. Sonst gut informirte Personen wollen wissen, daß Vorarbeiten allerdings in Angriff ge- nommen, aber, auf andere Weisung hin, seit vielen Wochen nicht mehr gefördert worden seien. Die mehrfache HinauSschiedung des Termins zur Ein- berufung deS„Norddeutschen Reichstages" hat denn auch, besonders in allen preußenfeindlichen Kreisen, zumal in Oesterreich, nicht verfehlt, zu gehässigen Auslegungen zu führen. So nennt die Wiener „Presse" in einem angeblichen Correspondenzartikel aus Dresden den ganzen Norddeutschen Bund einen„Aprilscherz," der vielleicht schon in wenigen Monaten durch den Einheitsstaat seine Auflösung erhalten dürfte. Sachsen hat man sich dann zu- nächst ausersehen, um Befürchtungen zu erregen. Dieses Land, heißt es, würde das erste sein, dessen man sich so bald als möglich zu entledigen ver- suchen würde. Von preußischer Seite werde man beständig herausfordern und bis zur Unerträglich- keit das Volk beleidigen und den König demllthigen, dann kurzen Prozeß machen und mit dem Schwerte nehmen, was man nicht gutwillig erlangen konnte. „Schwerlich aber," meint die„Presse,"„werden, wenn nur ihre Heere erst„Hinierladungsgewehre" besitzen, Oesterreich, Frankreich und Rußland einer Eroberung Sachsens ruhig zusehen." Im Ansang des nächsten Jahres, meint die„Presse", wird � Europa wieder in Waffen starren, und sie schließt ihre Auslassung mit den Worten:„Nordamerika trat mit der Erklärung der Freiheit, der Menschen- rechte und der Republik in die Reihe der Staaten, I der„Norddeutsche Bund" mit einem verbesserten M ordinstrument." Diese Hallung der österreichischen Presse stimmt wahrlich schlecht zu den angeblich aufrichtig gemeinten Bemühungen des Herrn v. Beust, sich mit Preußen in bestes Einvernehmen zu setzen und Preußen und Süddeutschland gegen- über die möglichste Passivität zu beobachten. Daß es Oesterreich in diesem Augenblicke darum zu thun ist und sein muß, einen freundschaftlichen Verkehr mit dem norddeutschen Nachbarstaat anzubahnen, stebt freilich außer Zweifel, denn sein eigenstes Interesse heischt dieS; fraglich aber ist, ob diese Bestrebungen ehrlich und auf die Dauer gemeint sein werden, ob man es nicht vielniehr, freilich vergeblich, darauf abgesehen hat, Preußen einzuschläfern. Wir hallen das Letztere für das Wahrscheinlichere. Die Zeit wird es lehren. Vorläufig können wir nur die vorliegenden Thatsachen referiren. Eine solche liegt in einer angeblich am 8. d. hier überreichten öfter- reichischen Note vor, worin das preußische Kabinet i aufgefordert wird, in Gemäßheit des April-, sowie des Prager Friedensvertrages auf eine VerHand-! lung einzugehen, rücksichtlich der Revision des erst- genannten Vertrages, der die Zoll- und Handels- Verhältnisse mit dem Zollvereine regelt. Zugleich soll darin die Hoffnung ausgesprochen sein, daß dieser entgegenkommende Schritt seine Wirkung zur Annäherung nicht verfehlen werde, da die österrei- chische Regierung entschlossen sei, die sreihändlerische Bahn nicht aufzugeben und die in Aussicht gestellten Tarifermäßigungen im internationalen, also auch im preußischen Interesse lägen.— An der am 11. November in Stuttgart abgehaltenen„großdeut- schen" Versammlung hatte, wie unsererseits schon erwähnt worden ist, der Redakteur des„Beobach- ter" keinen Antheil genommen. Diese auffällige Sonderung eines Theils der„Volkspartei" von einer Versammlung, an der andererseits wieder bekannte Führer derselben, wie Oestcrlen und Becher, theil- genommen haben, wird von dem„Beobachter" in einer Erklärung motivirt, die die„BolkSpartei" be- reitS in einem vollkommenen Zerklüftungsprozeß begriffen erscheinen läßt, bei welchem die„bestehen- den Parteiorgane" bittere Klage über das Hervor- drängen neuer Organisationen führen. Dies Thema der Rangstreitigkeiten wird wohl den nächsten Stoff für die weitere Thätigkeit jener Partei abgeben. Auch enthält der„Schwäb. Merk." einen Bericht über die eben erwähnte Versammlung, nach wel- chem die Verhandlungen vertrauliche waren und schließlich das Programm gemäßigter ausgefallen wäre, als sich nach den Angaben des„Würl. St.- A." annehmen ließ.— Ferner hält es der,, Schwäb. Merkur" für nöthig, die Badenser gegen die Infi- nuation in Schutz zu nehmen, als beabsichtigten sie mit dem erstrebten Anschluß an Norddeutschland den süddeutschen Staaten mit dem„Opfer ihrer Verfassung und Dynastie" zu Gunsteu Preußens vor- anzugehen. Als ob Preußen das beansprucht hätte!— In Dresden wurde am 15. d. die sächsische Ständekammer eröffnet. Die vom König gehaltene Thronrede zerfällt in zwei Theile. Der erste be- trifft die Vergangenheit,— der zweite verheißt einen frisch-fröhlichen Anschluß an Preußen und allerhand innere Verbesserungen. Die Stelle der Thronrede, es habe sich sin Sachsen) gezeigt, baß „die Anhänglichkeit an ein angestammtes Fürsten- Haus kein leeres Wort" sei, wurde mit Acclamation begrüßt.— Aus Dresden wurde telegraphisch be- richtet, daß in der Sitzung der 2. Kammer von 16 Liberalen beantragt wurde, derzeitige Stände- Versammlung aufzulösen und eine Volksvertretung Feuilleton. tiokmäßler u. Virsterweg iu drr Ärbciterfrage. (Von I.?. in Hamburg.) Ende 1862, als die Arbeiterbewegung anfing, hoch- gehende Wellen zu schlagen, befragte das provisorische Eentral-Eomits zur Einberufung des deutschen Arbeiter- tages den Naturforscher und Volksschriststeller Roßmäßler (1848 auch Mitglied de« deutschen Parlaments) über seine Ansicht, in welcher Weise dem Arbeiterstande wahr- hast zu Helsen sei. Und auf diese Frage, die eigentlich doch sagen wollte, wie bekommen wir Brod, wurde von ihm geantwortet: Gehet in die Vildungsvereine, da wer- den Euch tiefe Blicke in die Natur gestattet; so könnt Ihr allesammt Erfinder werden und habt dann Brods die Fülle!— Die Mitglieder des ComiteS, auch die, welche bald die eifrigsten Anhänger Lassalle'S sein sollten, gaben freudig Beifall.„Das Wort an die deutschen Ar- beiter" wurde in allen damaligen Arbeiterversammlungen verkauft, ja in vielen sogar öffentlich verlesen. Denn Lassalle war noch nicht dareingesahren. Mancher Paulus unter uns war noch ein Saulus, und das Wort:„Es werde Licht!" dem deutschen Arbeiterstande noch nicht so wirksam zugerufen. Was Anfang 1863 allseitigen Beifall errang, veranlaßt heute 1866 uns zu dem Ruf:„O heilige Einfall!" Doch hören wir Roßmäßler'« eigene Worte!- „Unsere Zeit, welche in immer weiteren Kreisen durch Aufhebung des Zunftzwanges die Arbeit frei giebt und die volle Konkurrenz herstellt,— unsere Zeit, die immer tiefer in die Gesetze der Natur eindringt und der Werk- statt immer mehr neue Mittel nnd Stoffe zusllhrl, macht an den Arbeiter höhere Anforderungen als die Gottlob! überwundene Zeit de« alten Schlendrians, wenn er nicht im Gedränge der Konkurrenz in« Hintertreffen gedrängt werden soll. Sie verlangt von ihm Kenntniß der Natur, denn mit heuchlerischem Augenver- drehen lassen sich keine besseren Stiefel und kein dauerhafterer Lack machen."---- „Der Arbeiter unserer Zeit bedarf Wissen und Bildung, da« erfiere macht ihn tüchtig zu seinem Berufe, und das zweite befähigt ihn, eine geachtete Stellung in der bür- gerlichen Gesellschaft eiiizunehmen."--- „Bewahret aber die Bewegung vor politischen Aus- schreitungen. Daß die Arbeilerbewegnng verloren ist, so bald sie sich zu solchen hinreißen läßt, ist da« geringere Unglück. Wa« aber da« größere Unglück wäre, ist Fol- gendes: An vielen Orten Deutschlands, namentlich in demjenigen große» Theile, welcher Preußen ausmacht, hat sich die besitzende Klasse, mit wenigen Ausnahmen, aus die Seite der Fortschrittspartei gestellt, während sie bis vor kurzer Zeit fast durchgängig auf der Seite der Reaktion stand, die sie nach„Ruhe und Ordnung um jeden Preis" als ihren Götzen anbetete.— Aus diese Weise hat die Reaktion ihre Hauptstütze verloren. Wir können unS denke», daß sie darüber außer sich ist, und viel darum geben würde, wenn sie die besitzende Klasse wieder aus ihre Seile bringen könnte. Bielleichk, ja sagen wir, wahrscheinlich rechnet in diesem Augenblicke die Reaktion sehr stark darauf, daß ihr dieser heilige Wunsch in Erfüllung gehen werde. Und Ihr sollt ihr dazu verhelfen." O heilige Einfalt! Hierzu den Gegensatz! Während Roßmäßler Bildung fordert, weil ohne diese keine materielle Hiebung des armen Volke« möglich sei, stellt Diesterweg, wo er über die„Erziehung der unteren Klassen" spricht, als erste und nothwendige Bedingung dazu die materielle Wohlfahrt der unleren Klassen aus; ohne körperliches Wohl könnte an eine erfolgreiche Erziehung und Bildung nicht gedacht werden. Nicht, daß das überhaupt gefordert, wohl aber, daß solches von Diesterweg gefordert, muß für uns von Interesse sein. Und zwar nicht allein, weil die unten angeführten Aeuße- rungen Diesterweg« bereits vor 34 Jahren, wo ja die Arbeitersrage wenigsten« in den meisten Gegendeu Deutsch- land» noch nicht so brennend war, gethan wurden. Auch nicht allein weil Diesterweg als hervorragendes Mitglied der Fortschrittspartei und des preußischen Abgeordnelen- Hauses unfern Gegner» bis zum letzten Augenblicke treu ergeben war. Auch nicht allein, weil diese Aeußerungen von einem Manne herrühren, der als Scminardirektor für die Stadtschulen Berlins lange Zeit eine hohe Staats- stellung in Preußen bekleidete und mehr als einmal selbst die Erziehung der jüngeren Mitglieder des könig- lichen Hauses beeinflußt hat. Es ist aber Diesterweg« Entscheidung über die Frage: ob erst Bildung und da« durch körperliches Wohl, oder aber: zuerst körper- liches Wohl für nns von vollem Interesse, weil Deutsch- land in ihm seinen größten Pädagogen der letzten Jahre verehrt, der also nicht mir, wie Herr Roßmäßler als ge- bildeter Mann, sondern als Fachmann über obige Frage entscheidet. Weil er so scharf wie möglich gegen die Mißstände im deutschen Erziehungswesen sein Lebelang auftritt, ist er aufs Bitterste gehaßt, auf« Tiefste verehrt worden, von dem größten Theil der Lehrerwelt als Vorkämpfer für freie Volksbildung gepriesen. Auch werden Herr Roßmäßler und seine Anhänger(die Mitglieder de« deutschen Humboldt-Vereins) Diesterweg nicht Gering- schätzung der Naturwissenschaft vorwerfen können, indem ihnen ebenso wie uns bekannt ist, daß er sich durch das Wort:„Jeder Lehrer soll Naturforscher sein!" manche Kränkung zugezogen bat. In Diesterwez's Aufsatz über die Erziehung der un- tern Klassen heißt es: „Wenden wir den Grundsatz Jacotot'S:„etwa« lernen und alles Andere daraus beziehen," auf's Praktische an, indem e« dann heißt:„das Elend und das Unrecht, das unser GesellschaflSorganismuS dem gemeinen Manne zusügt, erst recht angeschaut und alles Andere daraus be- zogen;" so werden wir wohl einen Schritt weiter kommen."-- „Für irgend eine bestimmte Zeit lassen sich wohl Merkmale nennen, aus welchen sich erkennen läßt, ob die Armuth Einzelner oder Vieler einen solchen Grad erreicht habe, daß sie für diese und da« Ganze ein offenbare« Uebel wird, da» weggeschafft werden sollte. Zu diesen Merkmalen gehören: