Nr. 179. Berlin, Mittwoch den 28. November 18K6. Zweiter Jahrgang. Social-Demokriit. Diese Zeitung ersiteint drei Mal wöchentlich und zwar: Dienstags, Donnerstags und Sonnabend« Abend«. Organ der social- demokratisKen Partei. Redigirt von I. B. v. Hofstetten und I. K v. Schweitzer. Redaetion und Erpedition: Berlin, Alte Iakobstrage Nr. 67. Adounement«- Prei« für Berlin incl. Bringerlobn: vierteljährlich tb Sgr., wo- natlich 5 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Aönigl. preußischen Postämtern 15 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischeu Deutsch- land 121/2 Sgr., im übrigen Deutschland 20 Sgr.(st. 1. 10. südd., st. 1. österr. Währ.) pro Quartal. Pestelluagru werden auswärt« auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Zimmerstraße 48», sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genomnien. Inserate sin der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeiter. Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mir S Sgr. berechnet. Agentor für England, die Eolouieen und die überseerschen Länder: Mr. Boeder, 8. Littie New-Port-Street, Leicester-Square W. C. Londou. Agentur für Frankreich:<1. A. Alexandre, Straesbonrg, 5. Rüe'Brtilee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. ______ politischer Theil. Berlin, 27. November. Die ultgarische und die römische Frage sind die beiden Angelegenheiten, welche im Augen» blicke die öffentliche Aufmerksamkeit Eurvpa'S feffeln. Die ungarische Frage ist die österreichische Frage und vielleicht kann man auch sagen: die römische ist die italienische Frage. Die österreichische Regierung ist den Ungarn in so fern entgegengekommen, als sie Vorschläge ge- macht hat, welche nicht nur Ungarn, einen hohen Grad der Autonomie sichern, sondern daffelbe geradezu als Schwerpunkt, als bestimmendes Ele- ment der Gesammtmonarchie voraussetzen. Aber die Ungarn— fest und unerschütterlich auf dem Boden ihre« nationalen Rechtes verharrend— ver- langen, daß die österreichische Regierung vor jeder Beraihung irgend einer Vorlage die Gesetzgebung von 1848 anerkenne und ein verantwortliches Ministerium errichte. Dann erst wollen sie dar- über unterhandeln, welche Rechte Ungarn im In- teresse des Fortbestandes des Gesammtstaates Oester- reich an die kaiserliche Regierung abzutreten hätte, während diese letztere die für den Fortbestand der Gesammtmonarchie für unerläßlich gehaltene» Rechte vorher anerkannt wissen will. Hierum dreht sich ' dermalen noch die Meinungsverschiedenheil und es fragt sich nun: Wird es gelingen, diese Meinungs- Verschiedenheit auszugleichen? Offenbar könnte die Regierung den Ungarn dann nachgeben, wenn sie sich vorher, gewissermaßen privatim, z B. durch Verständigung mit den maßgebenden Führern, sicher- gestellt hätte, unmittelbar nach Erfüllung des Wunsches der Ungarn(nach formeller Anerkennung des vollen nationalen Rechtes und Ernennung eines verant- wortlichen Ministeriums) die für die ReichSeinheit für unerläßlich erachteten Rechte von diesen be- willigt zu erhalten. Als solche Rechte werden von beiden Seiten der Hauptsache nach betrachtet die eigentlichen Macht- : mittel des Staates(Armee, Flotte und ein Theil der Finanzen) nebst dessen Vertretung nach außen. s Freilich liegen auch hier noch Meinungsverschieden- heilen vor, allein nach Erledigung der Hauptsache dürften diese wohl kaum als unauSgleichbar er- scheinen. Die ungarische Frage aber ist die österreichische, ' weil es sich sowohl in früheren Jahrhunderten als auch in der letzteren Zeit deutlich gezeigt hat, daß c Oesterreich nur dann kräftig dasteht, wenn daS große, mächtige Ungarn mit vollem Herzen der Monarchie anhängt. , Die Aufgabe des Freiherrn von Bcust j ist eine schwierige und er wird sie wohl kaum zu - lösen vermögen. Er soll Oesterreich in Europa wieder zu Ehren bringen, insbesondere die Wir- kungen der Ereignisse dieses Jahres möglichst rück- gängig machen; allein dazu gehört vor Allem, daß er Oesterreich in sich selbst zu ordnen und zu kräftigen wisse. Oesterreich aber würde nach dem Ausgleich mit Ungarn nicht mehr al« Einheitsstaat, sondern gewissermaßen nur als ein besonders straf- fer Bundesstaat erscheinen. Es kann aber gefragt werden, ob heutzutage, wo überall größte Concen» tration derKräfte erforderlich ist, ein solches Staaten- gebilde mit nachhaltiger Kraft aufzutreten vermöchte. Bei all dem, so schwierig die Aufgabe auch ist, für unlösbar können wir sie nicht halten. Schon Manches in der Geschichte der Staaten und Völ- ker, was man kaum für möglich gehalten hätte, ist erreicht worden durch staalsmänniscke Kunst und vermessen wäre es, absprechen zu wollen über die ungeheure Fülle lebendigem Kräfte, über die großen eivilisatorischen Elemente, welche die österreichische Monarchie in sich birgt. Schon oft im Laufe der Jahrhunderte hat man sich gewundert, wenn das todt geglaubte Oesterreich sich in verjüngter Kraft erhob— wer weiß, ob wir nicht noch einmal wer- den staunen müssen?— Die römische Frage ihrerseits ist sicherlich für das junge Königreich Italien von gleichfalls ver- hängnißvoller Bedeutung. Nicht eher wird der neue Staat Italien feststehen ini Bewußtsein des italienischen Volkes, nicht eher also auch wird er festgegründeten Bestand haben, als bis Rom, die altehrwürdige Hauptstadt der Republik und der Cä- saren, die Hauptstadt auch des jungen Italiens ge- worden ist. Was wird geschehen, wenm demnächst die letzten französischen Truppen den Boden des Kirchenstaates verlassen? Wird nicht die ganze Bevölkerung un- zweideutig ihren Willen, zum einigen Italien zu gehören, in großartiger Manifestalion an den Tag legen? Wird man es wagen, dem gerechten Willen des römischen Volkes und dem Rechte Italiens auf seine Hauptstadt entgegenzutreten? Wir glauben nicht— mögen auch manche Schwierigkeiten aus dem Widerstande des Papstthums, aus dem offenen oder geheimen Beistande mancher Kabinete und kirchlich-politischen Elemente erwachsen, der endliche Ausgang kann nicht zweifelhaft sein. Die Logik der Thalsachen verlangt, daß das gesammte Volk Italiens sich eine und daß dieses geeinte Volk Italiens über seinen ganzen Boden Herr sei. Die Logik der Thatsachen wird sich zu vollziehen wissen und wir werden den Tag erleben, wo die vollendete Einheit Italiens nach so vielen, vielen Jahrhun- derten der Zerrissenheit vom Kapitolc Roms herab verkündet werden wird.— Rundschau. Berlin, 27. November. Die„Nordd. Allg. Ztg." hat die jüngst auch von uns, bezüglich der Eonstltuirung Deutschlands, mitgetbeilie Nachricht inzwischen bestätigt, daß die ! Mitglieder des Norddeutschen Bundes von der preußischen Regierung eingeladen wurden. Bevoll- ' mächtigte zur Feststellung der Bundesverfassung zu ernennen. Ebenso hat eine Depesche aus Hannover die Meldung gebracht, daß der Zusammentritt des Parlaments auf den 1. Februar festgestellt sei, und die Weimar'sche Zeitung jene jüngst erwähnte De- i pcsche der„H. B. H." bestätigt, daß die Confe- renzen wegen der Norddeutschen Bundesverfassung am 15. Dezbr., die Wahlen in der zweiten Hälfte des Januars, die ReichStags-Eröffnung am i. Februar 1867 erfolgen sollen. Sollte eine amtliche Beglaubigung dies begründet erscheinen lassen, so ließe sich wohl annehmen, daß die Session des preußischen Landtags sich nicht weit über daS jausende Jahr hinauserstrecken dürfte. Hier soll man, so wollen gut Unterrichtete wissen, in den Regierungs- und conservativen Kreisen sich eines günstigen Aussalls der Wahlen so versichert halten, daß man— ob wohl mit Recht?— glaubt, selbst eine— wie eS heißt im Falle der Annahme des v. Vaerst'schen Antrages in der Dotationsfrage in Aussicht genommene— Auflösung des Landtages werde an dem Schlußergebniß in dieser Beziehung nichts ändern. jS. über die Verhandlungen über diesen Gegenstand den heutigen Kammerbericht.j So erklärt die heutige„Kreuzztg." wiederholt, daß die Regierung entschlossen sei, den Antrag des Abg. v. Vaerst, nach welchem ein Pauschquanium für den Milnäretat bewilligt werden soll, unbedingt zurück- zuweisen.„Die"Regierung verlangt eine definitive budgetmäßige Anerkennung der Militär- Reorgani- sation," und wird, wie die„Kreuzztg." hinzufügt, „den Tendenzen derer keinen Vorschub leisten, welche den Austrag dieser Sache zu vertagen wünschen, weil sie nach Verlauf von einiger Zeit eine gün- stigere Strömung zu gewinnen und ihre Reihen aus den neuen Provinzen zu verstärken hoffen." Der Vaerst'scke Antrag würde nach der„Kreuzztg." —„wenn ihm nicht die Absicht zu Grunde liegt, doch— jedenfalls bei seiner Annahme die Wirkung baben, alle einschlagenden Fragen abermals in der Schwebe zu lassen, und damit einen neuen, mit Rücksicht auf mögliche Eventualitäten vielleicht ge- fährlicheren„Militärconflict" in Scene zu setzen." Und in der That haben verschiedene Kanimer-Vor- ganze der jüngsten Zeit, besonders die Rede des Ministers des Innern über„die zwei Seelen im Ministerium" ic., die Behandlung der Dotalions- Angelegenheit von Seiten der Regierung u. s. w., die verschiedenen liberalen Fraktionen und ihre Presse neuerdings etwas stutzig gemacht.„Wohl" — sagt z. B. die„Berl. Ref."—„wenn das der Fall ist(die Versicherung des Grafen Eulenburg, daß daS Ministerium in allen wichtigen Punkten einig sei), so hat der Com pro miß, den das Ministerium früher zu wünschen schien, seine Kraft und Bedeutung verloren, und es wird der Fortschrittspartei nichts übrig bleiben, als in geschlossenen Reihen, wie früher, zu wirken."— Run, wir wollen's ab- warten. Viel wird, denken wir, wohl nicht dabei herauskommen.— lieber die Politik, welche Herr v. Beust Preußen und Deutschland gegenüber zu befolgen gedenkt, hört man neuerdings aus Wien, daß eS keinem Zweifel unterliege, dieser öfter- reichische ZJHriister des Aeußern werde dahin be- strebt sein, den Zusammenhang zwischen"Oester- reich und Deutschland, langsam wieder herzustellen, wenn man auch nicht gerade den preußischen Wün- schcn entgegentreten wolle.— Wiederholt taucht das Gerücht vom bayerischen Ministerwechsel (Rücktritt des Herrn v. d. Pfordten) aus. Man spricht vom Eintritt der Herren v. Edelsheim(des barischen großdeutschen ExministerS) oder des Fürsten Hohenlohe(preußenfrenndlich). Herr v. Neumayer, der künstige neue„liberale" Kabinetschef und ehe- malige Minister des Innern, soll die Haltung deS jetzigen Leiters des bayerischen Kabinets(von der Pfordten), sowohl dem Grafen Bismarck, als auch Herrn v. Beust gegenüber, gar nicht günstig beur» theilen, und man meint, Herr v. Edelsheim würde in Wien eine gern gesehene Persönlichkeit sein.— In Wien soll eine Ministerkrisis im Ausbrechen fein. Entweder Graf Belcredi oder Herr v. Beust werde zurücktreten.— Die Wiener„Abendpost" de- mentirt ein dem neuen Minister von der„Presse" uniergelegtes Programm. Auch glaubt man, daß dem- nächst eine officiöfe Manifestation über das eigent- liche Regierungsprogramm für Organisation der westliche» Hälfte des Reiches erscheinen werde. In diesem Programm würde zweifelsohne ein Central- vertretuugskörper der Länder diesseit der Leitha, oder eine Art von engerem Rcichsrath, in Aussicht gestellt werden. Ferner wird die Ansicht geltend gemacht, daß die Regierung den im Rescript an den ungarischen Lanvtag dargelegten Standpunkt als die äußerste Feuilleton. Ein social-politischer Teiidenjroman in der Lonrgroislrprtjsk. (Fortsetzung.) Bevor wir zn der äußerst charakieristischen Roman- besprechung der„Bert. Reform" übergehen können, schein! ti»uS angemessen, zu erwähnen, daß wir inzwischen zwei neuen Kriiiken anderer liberaler Blätier über jene liurarischc Rovilät begegnet sind, die deßhalb eine be- sondere Beachtung verdienen, weil sie sich von der seich- ten und gehässigen Tendenzhascherei der„Volkszlg." und der„Berl. Ref." wesentlich unterscheiden, den Gegen- stand ungleich tiefer greisen, und, um es kurz zu sagen, viel würdiger und geistvoller gehalten sind. Da wir un«, wie schon der Titel dieses unsere eigene Kritik einleitenden Artikels anzeigt, in demselben die Ans- gäbe gestellt haben, unser» Lesern zn zeigen, in welcher Weise jener politische Tendenzroman„in der Bour- geoisiepressc" besprochen wird, nehmen wir selbstver- ständlich und mit Vergnügen auch davon Notiz, wo und wenn die« mit Geist und Würde, mit Verstand und An- stand geschieht. In dieser Hinsicht müssen wir bis jetzt vor allen die Berliner„Nation.-Ztg." rühmend erwähnen, in welcher, wenn wir nichl irren, der geistvolle Essayist Karl Frenze! begonnen hat, den Spielhagen'scheii Roman eingehend zu kriiisiren. Diele Kiitik ist einschneidend scharf, geistreich nnd gerecht: sie lrisst den wundesten Fleck dieses politischen Teudenz-RomanS. Für den völlig objecliven, wissenschaftlichen Stand- Punkt und die Urlheilsschärfe dieses Kritikers mögen hier nur wenige nachfolgende Stellen Zeugniß ablegen. Leider gestattet uns die Beschränktheit des uns zu Gebote sie- henden Raumes nicht, unsere Leser mit den geistvollen Ausführungen Frenze!'« weiter bekannt zu machen, und wir müssen sie deshalb aus die„Nation.-Ztg." Nr. bbl u. ss. selbst verweisen. Dieselbe schreibt nemlich dort u. A.: „Ueber die behutsame, fast schüchterne Kritik der poli- tischen Anschauungen und Grundsätze, die sich in jenen Werken(G. Freitag'« nnd Auerbach'«) findet, geht er (Spielhagen) in Schärfe und Bitterkeit des Urtheils weit hinan«; der Held seines neuen Romans- ,,Jn Reih' und Glied", Leo Gutmann, kritisirt die liberalen Par« teien, wie c» schlagender und schneidender in der Wirk- lichiest Lassallc nicht gelban. Damit ist der Gedanke der Dichtung angedeutet. Sie führt uns in die jüngste Ver- gangenheit vor dem Kriege zurück, als der Liberalismus mit der socialistischeu Idee, die Fortschrittspartei mit dem Arbeiterbunde, zunächst theoretisch zusammenstieß. Grenze der Concessionen betrachte, die Ungarn gemacht werden können. Aus Paris wird glaubwürdig versichert, der Kaiser habe seiner Umgebung mitgetheilt, daß die Kaiserin trotz mehrfach ausgesprochener Bedenken der Minister entschlossen sei, nach Rom zu reisen. Sic würde daselbst 14 bis 20 Tage verweilen und dann Florenz besuchen. Zweck der Reise solle die Aussöhnung des heiligen Stuhles mir Italien sein. — Der geforderte Rücktritt veS Finanzministers Foulb ist wohl ein Zeilungsgerücht gewesen, denn neuestens verlautet, baß man in den Beralhungen der Militair-Commission noch immer nicht zu einem definitiven Entschlüsse gekommen. Jetzt hat der Kaiser wieder einen neuen Plan ausgeheckt, an welchem aber eigentlich weiter nichts neu ist, als daß die jährliche Aushebung auf 160,000 Mann festgestellt werden soll. Die Dienstzeil bliebe auf 10 Jahre bemessen, nur mit dem Unterschiede, daß hiervon 5 Jahre vom aciiven Dienste und 5 Jahre von der Reserve in Anspruch genommen würden. Die römische Frage scheint bis jetzt einen ruhigen Verlauf nehmen zu sollen. Französischer SeitS soll kein Mittel unversucht bleiben, um die Besorgnisse, welche in Rom noch gehegt werden könnten, zu beschwichtigen.— Mazzini hat an den Herausgeber des„Daily Telczr." einen Brief gerichtet, worin er erklärt, daß der von jenem Journal der„Patrie" entnommene und angeblich von ihm herrührende Brief vollständig unecht sei. Mazzini schließt sein Schreiben mit den Worten: „Es ist im Augenblick überflüssig zu sagen, welchen Rath ich den Römern in der bevorstehenden Krise zu geben hätte oder geben würde; aber ich wäre sicherlich der Letzte, die glorreichen Thalen Roms aus dem Jahre 1849 als unbesonnen zu brand- marken." !Für den Augenblick scheint freilich diese Frage zu- > rückgedrängt zu sein, dennoch wird sie in kurzer Frist wieder emportauchen. Die Veränderun- gen der Karte Europa'«, der Fall oder Aus- bau eine« Staates sind nicht im Stande, auf die sociale Frage, auf den uothwendigen, un- �vermeidliche ii Umbildungsprozeß der europäi- 'scheu Gesellschaft einen entscheidenden Ein- sluß auszuüben. Wie für die Sklaven des Allerthums und die Leibeigenen des Mittel- alters wird auw für die Arbeiter der Neuzeit die Stunde der Erlösung schlagen."---- „Durch eine Verwickelung der Umstände, eine Reibe von Zufällen, die zum Theil vom Dichter glücklich er- sunden sind, gelangt Leo, ein neuer Marquis Posa, in die sttähe de« König«. Sein Wesen, seine Haltung und Rede üben die mächtigste Wirkung auf den Monarchen ans, Leo wird sein Berather und Günstling. Unwillkür- lich erwartet mau von dem Apostel der Arbeiter Vor- jchläge für ihr Wohl; es ist für die Dichtung gleich- gültig, ob diese Vorschläge praktisch ausführbar sind, aber sie würden nn« die einzige Möglichkeit geben, Leo's Berechtigung zu der Stellung, die er sich anmaßt, zu prüfen; mit den zwei Sätzen: Da« Elend ist groß in der Welt, es muß ein Mittel zu seiner Linderung gefunden werden, kann man doch kaum in der Gegenwart als Apostel der Arbeiter austreten. Ueber diese Formel aber kommt Leo nicht hinaus, er baut weder Fourier'« Phalanstere, noch grün- det er Eabel's Jkarien; selbst iu den Fabriken, die er mit dem Gelde des Königs kauft, wagt er keine focialistischen Experimente, ja statt sich um sie zu kümmern, bleibt er in der Nähe des Königs, hält philosophische Monologe und verbindet sich mit Hofschranzen und pietistischen Psassen, um die Macht zu behaupten. Hier übertraf der„reale" Lassalle um Haupteslänge fein ideales Schattenbild. Durch die Menge wollte sich Lassalle in dieKammer, vielleicht auf einen Ministersitz tragen lassen, er hätte danndurch das allgemeine Stimmrecht die Staatsgewalt dem Arbeiterstande dienstbar zu machen ver- sucht. Von, Standpunkt der Dichtkunst ein lllhner, großartiger Plan, gegen den Leo's Gedanke, mit einer verhältnißmäßig unbedeutenden Summe aus der„Privat- schatulle" des Königs die Regelung der Arbeiterfrage zu unternehmen, doch gar zu lief in den Schalten tritt. Da« ganze Karlenhaus der königlichen Gunst wie des Socialismus stürzt vor einem Kriegssturm, der au« Süden herbraust, der italienische Krieg von 1859 ist wohl gemeint, zusammen. Man bemerkt, wie sehr die Zeiter- eignisse auf die Dichtung nichl zu ihrem Vortheil einge- wirkt haben. Dieser Krieg ist ein ckeu» ex maebina, der den Prinzen und seine Anhänger in die Höhe bringt." Die Dinge im Orient scheinen sich ernster ge- stalten zu sollen: Die griechische Regierung macht sich zweifel- los auf Krieg gefaßt und der Aufstand auf Can- dia dauert fort. Griechische Berichte melden zwei Niederlagen der Türken. Dagegen behauptet; eine neueste türkische Depesche, daß die Griechen massenhaft Candia verlassen und die Pforte den Candioten eine sechstägige Unterwerfungsfrist gestellt habe. Auch Terbien wird nicht zögern, die Verlegen- heilen der Pforte energisch auszunützen. Die Hat- lung der zahlreichen Christen in der Türkei würde:! im Falle eines Krieges nkit Griechenland für dieses sehr vortheilhaft sein. Rumänien würde kraft seiner neuen Stellung! von den Ereignissen vorerst nicht unmittelbar be- rührt werben. Dagegen könnte die Unzufriedeuheit in Kroato- Slavonien leicht für Oesterreich höchst bedenk-: liche Dimensionen annehmen, wenn jenseits der Save ein Kampf ausbräche. Aus Amerika wird der„Jndep. belge" über die Wahlen zum Kongreß geschrieben, daß die Ra° j. dikalen selbst dann die Majorität haben würden, wenn die Südstaaten für den auf sie entfallenden' Theil von 50 Abgeordneten nur Demokraten nach Washington senden würden. Aus Mexiko fehlen alle näheren Berichte und sind namentlich über das Berbleiben des Kaisers Maximilian die sonderbarsten Gerüchte verbreitet. � Einem Börsenberichte der Pariser s.Liberle" zu- folge verlautet, daß er mit 13'/z Millionen Francs,' welche für die Zahlung der Coupons der mexika- nischen Obligationen bestimmt waren, in Vera-Cruz � angekommen sei. „Spiegell sich in dem Verlauf de« Romans die Idee: „In Reih upd Glied" wirklich ab? Hätte dann Leo nicht untergehen müssen, weil er allein stand und die Kolonne ihm nicht folgte? Was aber hat Ferdinands*) Rache mit der Politik zu thim? Diesem leichtsinnigen Trunkenbold liegt nichts serner al« die Politik, al» die Herrschaft. Eine gefüllte Börse, ein volles Gla«, ein üppiges Weib: das sind die Gottheiten Ferdinands, ihretwegen geräth er in Streit mit Leo. Ob sein Feind innerbalb oder außerhalb der Reihe der Liberalen steht, ihn berührt es nicht. Der Zwiespalt, der im, weilen Bande genau so ausbricht, wie Lassalle'« Streit mit der Fortschrittspartei, endet im fünften mit einem— künstlerisch unberechtigten Pistolenschuß, gerade so wie Lassalle's tragische Geschichte. Tragisch? Ist e« vielleicht nicht eher tragikomisch zu nennen, daß ein Mann, der fort und fort gegen den Adel eifert, sich um ein adeliges Fräulein bewirbt, sich vom Könige adeln läßt und zuletzt echt junkerhaft im Duell stirbt? Großmannö-( il sucht und Gesiniiungslosigkeir, nicht politische Gegensätze,' stürzen den Apostel der Arbeiter, werfen aber für den i Leser zugleich einen häßlichen Scharten auf sein Bild."' (Der Kritiker meint hier offenbar Zpielhagen's Leo,• während es in Folge einer zweideutigen Wortstellung („Lassalle's tragische Geschichte") den Anschein gewinnen muß, als ob Lassalle's Lebensende als„tragikomisch" be- � zeichnet würde.)----------- „Spielhagen kleidet seine Helden gern in die Do» Juan-MaSke;»m Leo bewerben sich vier Grazien, Silvia und Emma, Josepha und Eva.„Leo", heißt es einmal, „stand noch immer wie gebannt. Er verglich im Geiste das Mädchen, das soeben in seinen Armen gelegen, und dessen Küsse er noch auf seinen Lippen fühlte, und jenes; andere, das er als seine Verlobte betrachten mußte, mit � qiesem hier!" Wie in der Politik bandelt Leo auch in der Liebe selbstsüchtig, von unlauteren Leidenschaften be- wegt; wer, wie Paulus und Walter, der Pflicht folgt, wird von ihm Tugendschwätzer gescholten; sich nur von, seiner Laune, seiner Willkür bestimmen lassen, nennt er: sich über die gemeine Pdilistermoral erhaben. Ich weiß nicht, wie andere diese Handlungsweise beuriheilen, ob sie darin, mit dem Dichter, das Zeichen des Genius j; sehen; aber Keiner, der Worte nnd Tdaten zu unterscheiden versteht, und die feierlichen Reden Leo'« über die sociale Frage mit seinen Hand- lungen vergleicht, wird etwas andreS.in ihm entdecken, als einen Gecken und Cbarlatan. Statt einer Lösung der Frage in verDichtung, ja mir statt einer Debatte über Leo's Staat«- Hilfe und die wahrhaft demokratische Idee der Association, der jener Grundsatz:„In Reih' *) Ferdinand ist im Roman der Name der dem Leo (Lassalle) feindlich gegenüberstehenden Persönlichkeit.