Pr. 145. Kbomlements• Hedingungen: Abonnement»- Vrel» vrinumerando: vterteljährl. SL0 Mb, monatl, l.io Mt,, wöchentlich 28 Pfg, lrei tn» Hau». Sinzeine Nummer s Pfg, Sonntag«. Nummer mit illustriner Sonmag». Beilage»Die Neue Welt" lv Pfg. Pol». Abonnement: 8.30 Marl pro Quartal. Singetragen in ver Post- Zeitung». Preisliste lilr 1898 unter Er. 7579. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich> Ungarn 2 Marl, für da« übrige Auiland 3 Marl pro Monat. Srscheinl luglich Ulcher Wonlug«. Nevlinev Volksbl�tk. 15» Jahrg. Die Inftrtwns- Gebühr betrögt sür die lechSgespaltene kolonel» »eile oder deren Raum»o Pfg., für verein»- und PeriaimnIungS-Anzetgcn, lOTOi« ArbettSmarli 20 Pfg. gnserate für die nächste Nummer müssen bi» t Uhr nachmittag» in der Slvedttion abgegeben werde». Die Srpedtlion ist an Wochentagen di» 7 Uhr abend», «i Sonn- und Festlagen bi» S Uhr oorintitag» geöffnet. Fernsprecher: Amt I, Er. 1508. ielegramm. Adresse: ..So>i»ldrm»kr«l verltn". Zentrawrgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Veuth-Stratze 2. Freitag, den Ä4 Juni 1898. Expedition: SW. 19, Veutlz-Stratze 3. Arbeiter! Vürger! Ve�mte! An Euch alle, die Ihr kärglich von der Hand in den Mund lebt, ja. die Ihr oft bitter mit des Lebens Noth zu kämpfen habt, ergeht heut unser Mahnruf in letzter, ernster Stunde. Bedenkt Euch wohl, wenn Ihr heute zur entscheidenden Wahl an die Urne heran- tretet! Die Urne birgt Euer Schicksal für lange Jahre. Wählt so, daß Ihr nicht in wenigen Monden sagen müßt:„Der Mann, dem wir unser Leben, unsere Wohlfahrt, unsere Freiheit anvertraut haben, hat uns verrathen. Er gehört nicht zu uns; in seinen Adern fließt nicht unser Blut; mit seinem Denken und Wollen steht er im Lager derer, d i e das Volk beherrschen und es beherrschen wollen, die das Volk für sich arbeiten lassen und es in alle Ewigkeit für sich arbeiten lassen wollen. Der Mann unserer Wahl gehört zu denen, die sich von dem Schweiße des Volkes gute Tage machen, während sich die Arbeitermassen ihr Leben hindurch im Staube winden und von der Arbeit erdrückt werden, wenn sie nur das nackte Leben gewinnen wollen." Wählt so, daß Ihr dies nicht in wenigen Monden sagen und klagen müßt! Bedenkt Euer Schicksal und das Eurer Kinder, und wählt einen Mann des Volkes, einen Sozialdemokraten, der mit Euch leidet, mit Euch fühlt, dessen Leben und Streben Euch gehört, der für Euch arbeiten. Eure Interessen vertreten, Euren Vortheil verfechten wird, so weit er es zu thun vermag! Wählt keinen Freisinnigen, der sich„freisinnig" nennt, aber gegen Euer Interesse und für das Interesse Eurer Herren und Unterdrücker arbeitet und denkt! Wählt einen Mann des Volkes, einen Sozialdemokraten! Arbeiter! An Euch nur ein kurzes Wort! Ihr, die Lohnarbeiter, wißt in Berlin längst, auf welcher Seite Ihr zu stehen habt. Ihr gehört zur Sozialdemokratie seit langen Jahren und wählt keinen anderen als einen Sozialdemokraten. Darum nur diese Mahnung: Seid nicht lässig im Wählen! Geht Mann für Mann zur Urne I Rüttelt die Schläfrigen auf, gebt ihnen den St i m m z e t t e l des Arb eiterkandidaten und sorgt dafür, daß heute nicht eine Stimme fehle! Ihr wißt, daß die Berliner Wahlkreise, in denen heute Stichwahl ist, bedroht sind. Es gilt, sie zu erhalten, zu gewinnen. Ihr wißt, daß die Freisinnigen, deren Kandidaten uns hier in Berlin entgegenstehen, kein Geld scheuen, um alles, was kapitalistisch denkt, an die Urnen zu treiben. Sorgt dafür, daß nicht durch unsere eigene Lässigkeit aus unseren Reihen Stimmen fehlen, die vorhanden sein könnten; daß nicht durch unsere eigene Schuld die Feinde des Volkes als Erwählte aus den Urnen hervorgehen I Thut Eure Schuldigkeit, Arbeiterl Wir haben das Vertrauen, daß Ihr sie thun werdet. Nun zu Euch. Bürger, Handwerker, Ksi Ufteute, Angestellte! Auch an Euch geht unser Ruf. Wollt Ihr Eure Stimme einem Freisinnigen geben? Bedenket wohl, daß der Freisinnige Euch nur umschmeichelt, um durch Eure Hilfe ein Mandat zu gewinnen. Aber er vertritt nicht Eure wirklichen Interessen. Der Freisinn ist hinter den Anschauungen und Bedürfnissen der Zeit zurückgeblieben. Die große soziale Frage existirt nicht für den freisinnigen Kandidaten. Jede gesunde Reform auf sozialem Gebiet weisen die Freisinnigen ungeprüft von der Schwelle, weil solche Reformen in ihr veraltetes politisches System nicht passen. Und doch werden solche Reformen heute nicht nur von den Arbeitern, sondern von den weite st en Kreisen des Bürger- thums verlangt! Die vielen tausende kaufmännischer Angestellten, die jetzt sich wenigstens an den Sonntagen als Menschen fühlen dürfen, haben die Einführung der gesetzlichen Sonntags- ruhe nicht der freisinnigen Partei, sondern den Sozialdemokraten zu verdanken. Die freisinnige Partei setzt sich in unbegreiflicher Verblendung allen sozialen Reformen entgegen, trotzdem nur die wenigen großkapitalistischen Geschäfte, die ihre Angestellten für sich arbeiten lassen können, Vortheil von der unbegrenzten Ausbeutung ihrer Angestellten haben, während die Angestellten und die weitaus größte Zahl der selbständigen Handwerker und Geschäftsinhaber beispielsweise die Sonntagsruhe nicht mehr missen möchten und weiteren Schutz gegen zügellose Konkurrenz verlangen. Unbefriedigt verlassen heute nicht nur die kaufmännischen Angestellten, sondern auch tausende von Selbständigen den verknöcherten, in veralteten Parteidoktrinen festgefahrenen Freisinn und wenden sich zur jungen, lebensfrischen, die soziale Wohlfahrt des ganzen Volkes erstrebenden Sozialdemokratie. Sie strömen hinein in unsere Reihen. Aber auch den noch zögernden Männern des Bürgerthums, des Handwerks, des Handels- und Gewerbestandes, besonders den taufenden von Angestellten rufen wir zu: „Brecht mit alten Vorurt heilen! Die freisinnige Partei hat sich unfähig erwiesen, mit der Zeit fortzuschreiten. Die neue Zeit verlangt neue Männer. Darum helft einmüthig dem Sozialdemokraten zum Siegel Es wird Eurem Wohl und dem Wohl Eurer Kinder zu gute kommen!" Und auch an Euch. BettlNke, wenden wir uns mit der Mahnung: Wählt sozialdemokratisch! Ihr wißt, wer alle Zeit für die Besserung Eurer Lebenslage ein- getreten ist: einzig und allein die als vaterlandslos verschrieene Sozialdemokratie! Laßt Euch nicht durch Schlagworte blenden! Die Sozialdemokratie wurzelt fest im deutschen Volksthum. Die Millionen von sozialdemokratischen Arbeitern in Deutsch- land, stehen sie Euch nicht in jeder Beziehung am nächsten? Sind sie nicht Eure Brüder? Stammt Ihr nicht mit ihnen aus denselben Volksklassen? Ist Eure w i r t h- schaftliche Lage nicht ebenso schlecht wie die ihre? Wenn Ihr aber mit der Arbeiterklasse dieselben Interessen habt, müßt Ihr dann nicht auch politisch dieselben Wege gehen wie sie? Bedenkt, daß die Sozialdemokratie allein für die Aufbesserung der Unterbeamten- gehälter, für die Verkürzung Eurer Dienstzeit, für den Schutz von Leben und Gesundheit, für menschenwürdige Behandlung der Unterbeamten und staatlichen Arbeiter ein- getreten ist! Alle anderen Parteien verrathen Euch, wo sie an der Macht sind! Die Sozialdemokratie tritt ein für alle ausgebeuteten, durch mühselige Arbeit sich des Lebens Nothdurst erwerbenden Volksgenossen: also auch für Euch, Staatsarbciter und Unterbeamte I WoUt Ihr, daß Eure Interessen energisch verfochten werden, so wählt heute sozialdemokratisch! Fürchtet aus dieser Wahl auch keine Maßregelungen und Unannehmlichkeiten I Die Reichstagswahlen sind geheim! Niemand ist im stände. Eure Wahl zu kontrolliren. Fünf lange Jahre steht Ihr nach den Wahlen wieder unter der eisernen Disziplin und müßt stillschweigend gehorchen. Heute aber seid Ihr frei! Heute könnt Ihr durch sozialdemokratische Wahlen die Politik des Landes bestimmen helfen! Heute könnt Ihr durch die Abgabe eines sozialdeni akratischen Stimmzettels Eure Interessen fördern! Handelt danach! Und noch ein Wort an unsere alten, bewährten, treu zur Fahne des Sozialismus stehenden Genossen! Spornt nicht allein Eure Arbeitsgenossen an, sozialdemokratisch zu wählen! Richtet Euer Augenmerk auch auf die anderen Gesellschaftsklassen! Wo Ihr in Eurem Hause oder Eurer Nachbarschaft oder Eurer Familie solche habt, die zwar nicht Lohnarbeiter sind, aber doch wirthschaftlich und politisch zu uns gehören: zu denen geht in die Wohnung und ermahnt sie zur sozialdemokratischen Wahl! Gebt ihnen und ihren Frauen diesen Aufruf zu lesen, damit sie alle sich überzeugen können, wer es ehrlich mit ihnen meint. Und dann feuert sie an, den Tag der Freiheit zu benutzen und ihre Stimme sür den sozialdemokrasischen Kandidaten in die Wagschale zu werfen! Jede Stimme ist nöthig! Jede fehlende Stimme kann die Ursache sein, daß der gemeinsame Gegner siegt! Das muß verhindert werden, und es wird verhindert werden, wenn Ihr alle Eure Schuldigkeit thut! Und nun, Genossen, Glück auf zur Wahl! Sorge jeder dafür nach seinen besten Kräften, daß»vir den Sieg erringen! Hoch die Völkerbefreinng! Hoch die Sozialdemokratie! Die Kandidaten unserer Partei zn den Stichwahlen in Serlin und dem Mahlkreise Teltow- Keeskow-Charlottendnrg find: 1. Berliner Reichstags-Wahlkreis: Redakteur Dngo Poetzsch in Berlin. 2. Berliner Reichstags-Wahlkreis: Kich. Fischer in Berlin, Kreuzdergstr. 25. 3. Berliner Reichstags- Wahlkreis: RechtsanwaltMolfgang Heine in Berlin. 5. Berliner Reichstags-Wahlkreis: Redakteur Rodert Schmidt in Berlin. Reichstags- Wahlkreis Teltow- Beeskow- Storkow- Charlottenburg: Gastwirth Fritz Zndeil in Berlin. Eine Extra-Ausgabe des„Vorwärts" wird am Sonnabend Nachmitttag 4 Uhr erscheinen und alle Resultate von den Stichwahlen enthalte», die bis dahin in unsere Hände gelangt sind. AebevUrszk. Berlin, den 23� Juni. Grohe Erinnerungstage der 1848 er Revolution beginnen mit dem 23. Juni. Wir meinen die schreck- liche Pariser I u n i s ch l a ch t, in der sich zum ersten Mal in der Weltgeschichte das moderne Arbeiterproletariat und die Bourgeoisie im bewußten Klassenkampf gegen- überstanden. Das Pariser Proletariat, dem die Februarrepublik das„Recht auf Arbeit" vorgegaukelt hatte, wurde von der kapitalistischen Bourgeoisie vor die Wahl ge- stellt, entweder in hoffnungslosem Kampfe sein Blut zu verspritzen, odermit einem Bettelalmosen von derpolitischen Bühne abzutreten.Die Pariser Arbeiter wählten denKamPf. Vier Tage lang — vom 23. bis 26. Juni— rangen sie in der Juni» sch lacht, dieser furchtbarsten aller Straßenschlachten. Hie Proletarier I hie Bourgeois l, kämpften sie unter der schwarzen Jahne des Hungers und der rothen Fahne der Menschen- befreiung— kämpften, bis sie der fünffachen Neberumcht erlagen. Es war nicht der erste Arbeiteraufstaud und nicht die erste Schlacht, die Arbeiter der bestehenden„Ordnung der Dinge" geliefert hatten. Die Ausstände von Lyon, dessen verhungernde Seidcnweber in den dreißiger Jahren die schwarze Fahne mit der furchtbaren Inschrift: vivrs en travaillant ou mourir en combattant,*) aufgepflanzt hatten, waren blutige, erschütternde Tragödien gewesen; aber dort hatte die Verzweiflung ge� kämpft, und hier kämpfte der K l a s s e n h a tz. Dort hatten niedergetretene Glieder der bürgerlichen Gesellschaft sich gegen sie empört, um von ihr Brot zu erhalten— hier war es das zur Klasse gewordene Proletariat, das die Bourgeoisie als Älasse bekämpfte und der bürgerlichen Gesellschaft den Krieg «uf Leben und Tod erklärt hatte. Dort eine Hungerrevolte— hier ein Klassenkampf,— der erste Klassenkampf mit "bewaffneter Hand. Zum ersten Mal stand das Proletariat der Bourgeoisie Macht wider Macht gegenüber, entschlossen, ihr die politische Gewalt zu entreißen und ihre ökonomische Macht zu brechen. Das war ein Mbinsnto mori I Und ging die Gefahr für das Bürgerthum auch noch einmal vorüber, die Lehre war nicht verloren— die Bourgeoisie wurde eine andere. Sie begriff, daß ihre früheren Freiheitsideale nicht mehr patzten für ihre jetzige Stellung, daß die Freiheit nur dem Proletariat Waffen gegen sie selber liefern würde. Und auf dem Festland Europa's— zuerst in Frankreich, dann in Deutschland und den übrigen Staaten vollzog sich, als Wirkung des Klassenkampfes und unter dem Einfluß des Klassen- iutcrcsses jener Umschwung, der zur Diktatur des Kapitalismus führte, weil die Bourgeoisie eine„starke Regierung" brauchte, die mit eiserner Faust oder durch Bettelalmosen und schnöden Betrug die arbeitenden Klassen niederhielt und möglichst üo der Politik ablenkte. In einer der nächsten Nuiumem werden wir noch auf die Junischlacht zurückkommen und in einem ausführlichen f Feuilleton eine Schilderung jener weltgeschichtlichen Nieder metzelung des Pariser Proletariats veröffentlichen. Nene Kriscngcrüchte. Die„Köln. Bolks-Ztg." schreibt gegen über den offiziösen Dementis ihrer Meldungen, es stehe bombenfest, daß mau in konservativ- hochagrarischcn Kreisen den Reichskanzler sowie von Vülow beseitigt und als Nach folger Hohenlohes einen General sehen möchte. Die nächste Zeit werde noch mehr Anhaltspunkte Zeitung" fragt, ob die Quelle „Figaro" von der Demission vielleicht in' Petersburg zu suchen sei. damit erwiesen, daß die von der dafür bringen. Die„Volks der Meldung des Pariser dcS Reichskanzlers nicht Wenn dies der Fall, dann wäre Fronde ausgegangene Jntrigue auch schon in der russischen Hauptstadt ihre Wurzeln geschlagen und dort die Meinung hervorgenifen habe, der Rück- tritt des Kanzlers stehe bevor. Der Ausfall der Wahlen habe die Jntrigue vorläufig zu Nichte gemacht, werde sich aber demnächst schon wieder heranwagen. Mobilmachnng gegen die dcntsche Soziltldemokrntic. Jn> Vatikan wird, der„Franks. Ztg." zufolge, erzählt, daß der Kardinal- Staatssekretär Rampolla mit den deutschen Kardinalen Stcinhuber und Ledochowski lange Konferenzen abgehalten habe, um dem deutschen Zentrum ein energisches Vorgehen gegen oie Sozinldcmo- kratie anzuempfehlen. Ledochowski ist beauftragt, über die Haltung des Vatikans dem Kaiser Wilhelm zu berichten.— Hödek-Stölker. Das hiesige Stöckerblatt ist sehr böse, weil Wir, der Wahrheit die Ehre gebend— was an sich schon in den Augen dieser christlichen Leute cm Verbrechen ist—, Hödel einen „besoldeten Agenten Stöckels" genannt haben. Wir wollen dem Stöckerblatt blos ins Gedächtniß rufen— Herr Stöckcr weiß es—, daß 1873 in der Untersuchung wider Hödel zivar nicht festgestellt ward, daß Hödel's Terzerol geladen war— was er noch auf dem Schaffst bestritt—, ivohl aber, daß Hödel einen .Monat vor dem Attcnwt in Leipzigv e r d e ii(!!), von der Burg iuS Justizpalais und übernahm dort die Präsidialgeschäfte." Ist das nicht großartig? Am Ende gelingt eS dem Ober- landesgerichtS-Prästdenten noch einmal, in eine Geiellschast zu gehen, ohne daß ihm ins Gesicht gespuckt wird!— Tic Bcnrthcilnng der galizischcn Unruhen durch die sozial- demokratische Presse findet nicht den Beifall der„Tägl. Rundsch.". Das deutsch-uationale Blatt glaubt Ursache zu haben, die galizischcn Junker gegen den Vorwurf zu vertheidigen, daß! sie mitverantwort- sich seien an dem Elend, das in diesen Hungerkrawallcn zum AuSdnick kommt und es findet, daß der„Vor- wärts" und die Wieiier„Arbeitcr-Zeiwng" nur darum diese sinnlose Angeberei und Hetzerei gegen die polnischen Stanczyken betreiben, weil die sozialdemokratische Presse von denselben Leuten gemacht wird, die in Galizien den Bauer an den Bettelstab bringen. Wir möchten den Herren von der„Tägl. Rund schau" doch rathen, sich bei ihren österreichischen Gesinnungsgenossen nähere Auskunft über die Qualitäten des galizischcn Grundadels zu holen. Sie würden dort die Auskunft bekommen, daß die armen galizischen Bauern ihr Elend nicht nur den Schnapsjuden, sondern mindestens ebenso sehr den Schnapsgrafcn verdanken. Wenn man den Parasitismns der kleinen Juden, die den galizischcn Bauer aussaugen, richtig beurtheilcn will, muß»inn ivisscn, tver das Volk dort so absolut wehrlos gemacht hat. Die lliitvissen- hcit, die geistige und wirthschaftliche Schwäche der bäuerlichen Be- völkerung Galiziens mit seinen 85 pCt. Analphabeten ist durchaus ein Werk der unumschränkten Beherrscher dieses unglücklichen Landes, des polnischen Grundadels. Wenn die Sozialdemokratie nun darauf hinweist, daß der kleine, schmutzige, selber verelendete Dorfjude, der heilte der sehr erklärlichen Wuth der verzweifelnden Bauern zum Opfer fällt, nicht der einzige Schuldige ist, daß vielmehr die hochgeborenen Herren, die jetzt die Roth mit Mannlichergewehren kurircn lassen, verantwortlich sind für den entsetzlichen Zustand des Landes, thnt sie durchaus ihre Pflicht. Wir sind gerne bereit, dem deutsch-nationalen Organe den Milderungsgrund der durch keinerlei Sachkenntniß getrübten Ignoranz zuzubilligen und begreifen, daß sie keine Ahnung davon hat, welche uinige Freundschaft und unzerrcißliche Solidarität zwischen den Junkern und Juden in Galizien besteht, natürlich nur den großen Juden, die in Krakau, Lemberg und Wien ruhig und sicher sitzen, i»i reichsräthlichen Polenklub alle Verbrechen der Stanczyken misinachen und sich an Liebesgaben in Schnaps und t ucker und was sonst der Junker Freude ist, die Taschen füllen. :aß ein deutschnationales Blatt in Berlin sich veranlaßt sieht, die schmutzigsten der Badcnitcn in seinen Schutz zu nehmen, ist ein Kuriosum, dessen Genuß wir unS durch die dabei inj gewohnter Weise mitlaufenden geschmacklosen Beschin, pftmgen der sozialdemokratischen Presse nicht vcrmindcni lassen ivollcn. So groß die Abneigung der österreichischen Freunde des Blattes gegen die polnischen Juden ist, so iverden sich die Herren Schönerer und Wolf doch baß darüber wundern, daß den polnischen Junkern ein so wehrhafter Schützer in deutschen Landen erstanden ist. Lciilberg, 22. Juni. In der Reichsraths-Ersatzivahl im Land- gcnicindebezirk Tariiopol-Zbaraz wurde der geinätzigteNuthenc Gladys- zowski gewählt.— Schweiz. Vern, 23. Jnni. Der N a t i o n a l r a t h hat mit großer Mehr- hcit die Einführung des Proportionalwahlverfahrens für die Wahlen zum Nationalrath abgelehnt.— Zürich, 22. Jnni.(„Magdeb. Ztg.") Der kantonale zürcherische demokratische und sozialdemokratische Preßverband beschloß ein- stimmig, Maßregeln zur Abschaffung der eidgenössischen polisischen Polizei zu treffen.— Grnf, 20. Jnni.(Eig. Ber.) DaS Asylrecht in der S ch w c i z. Bekanntlich hatten sich während der letzten Unruhen in Italien größere Gruppen von italienischen Arbeitern hier gebildet in der Absicht, der revolutionären Bewegung im Heimathlande, über deren Natur und Aussichten falsche Vorstellungen herrschten, zur Hilfe zu eilen. Eine dieser Gruppen, bei ihrem Eintritt in den Kanton Tcssin 500—000 Mann stark, schmolz dort auf genauere Kunde ans der Heimath hin bis auf 160 Mann zusammen, die sich aber entschlossen, als sie von der völligen Niederwerftmg des Mai- ländischcn AufstandeS hörten, von dem Unternehmen abzusehen. Diese Arbeiter wollten, wie den Lesem bekannt ist, den Zug der sie iiber die Grenze führen sollte, verlassen, wurden aber von den eidgenössischen Behörden daran gehindert und von Schweizer Soldaten der italienischen Polizei ausgeliefert. Die allgemeine Entrüstung iiber dieses Verfahren fand in zahlreichen Protestversaminlungen Ausdruck, die eine klare Stellungnahme der Regierung dem Asylrecht gegenüber forderten und sich gegen die erst seit' einigen Jahren bestehende politische Partei wandten. Die Antwort aus diese Volksbewegung konnte der Bundesrath nicht schuldig bleiben und er veröffentlichte in diesen Tagen einen Bericht, der bei den nächsten Parlamentsfitzungen zu längeren Diskussioiien Anlaß geben dürften. In diesem Bericht kommt eine eigenthümliche Auffassung des Asylrcchts im ollgcnieincn, tvie seiner Anwendung auf den vorliegen- den Fall zum Ausdruck: ES könne sich nicht um eine Verletzung des Asvlrcchtes handeln bei einer Angelegenheit, bei der nicht ein einziges Individuum bctheiligt war, das seiner politischen Ansicht willen Zn- flucht in der Schweiz gesucht hätte. ES seien keine politischen Fliicht- singe, sondern Arbeiter gewesen, die ihre Absicht, in ihr Vaterland zurückzukehren, ans das deutlichste an den Tag gelegt hätten. Von einer Auslieferung könnte da nicht die Rede sein, wo weder eine Straf- Verfolgung, noch ein Auslieferungsgesuch vorläge. Die den italienischen Behörden überlieferten Jndividncii seien ohne Snbsistenz- mittel gewesen und deshalb ausgeliefert ivordcn. Diese Maßnahme sei von ihnen selbst verschuldet worden. Jeder Staat hätte das Recht, Fremde ohne Subsistcnzmittel der Heimathsbehörde zu- zuweisen, ein Recht, das auch der AnfiedelungSvertrag mit Italien garantirt und von dem man Individuen gegen- iiber Gebrauch machen müsse, die keine Schonung verdienten.(!) Und in diesem Stile geht eS weiter. Der Bericht, der ein- geräumt hat, daß die in Frage stehenden Arbeiter nach Italien gehen wollten, um an der rcvolutioiiären Bewegung ihrer Heinmth theilzu«! nehmen, stellt in Abrede, daß es sich um einen Appell an das Asyl- recht handelt, wenn diese Arbeiter, in ihrem Entschlüsse wankend geworden, sich von der von Soldaten betvachten italienischen Grenze in die Schweiz zurückwandten! Diese Schaaren, die sich vielleicht durch die Machinationen der italienischen Posizci gebildet hatten, deren Aufbruch den italienischen Behörden gemeldet war, die von italienischen Soldaten an der Grenze ertvartet wurden, und die sich in einein Momente der Besomicnheit entschließen, den Schweizer Boden nichfj Heute wird gewählt! Die Wahlzeit ist von Ist Uhr vormittags bis 6 Uhr nachmittags. Um 6 Uhr wird die Wahlhandlung geschloffen. Jeder Wähler hat sein Stimmrecht in dem Wahlbezirke auszuüben, wo er dei der Aufstellung der Mastlerliste gewohnt hat. Auch wer au der Hanptwahl am Itst. Jmn nicht theilnahm, hat das Necht zn wählen. Kein Wahlberechtigter darf an der freien Ausübung seines Stimmrechts gehindert werden. Etwaige Unregelmäßigkeiten in den Wahllokalitäten sind sofort den Zentral- Wahlbnreans der sozialdemokratischen Partei bekannt zu machen.(Die Adressen siehe in der Beilage der heutigen Nummer.) Um den Andrang am Abend zu vermeiden und um unseren Parteifreunden das Herbeiholen der säumigen Möhler z» erleichtern, möge jeder Wähler es so einrichten, daß er bis etwa 4 Uhr nachmittags seine Stimme abgegeben hat. Wir machen hierbei insbesondere die in den Vororten wohnenden Mahlberechtigten, die in Kerlin in Arbeit stehen, darauf aufmerksam, daß sie zu diesem Zwecke die Arbeit einige Stunden früher beenden können als sonst, ohne daß der Arbeitgeber ein Recht hätte, dies als Grund zur sofortigen Entlassung geltend zu machen. zu verlassen, sollen nicht politischen Flüchtlingen gleich geachtet werden? Allein die Pressionen der italienischen Regierung, die tophistik der eidgenössischen Behörden konnten eine solche, mit dem chwcizcr Recht unvereinbare Interpretation der Tessiner Vorgänge zu tage fördem. Im Beivnsitsein der lSchwäche seiner Beweisführung 'wuh der Bericht denn auch zu einer Fälschung der Thatsachen seine Zuflucht nehmen, indem er sagt, daß die Arbeiter freiwillig die Grenze überschritten hätten, während sie von Schweizer Soldaten eskortirt und gegen Ueberlassung einer Quit- t u n g den italienischen Truppen ausgeliefert worden sind. Was die Mittellosigkeit betrifft, so waren es Arbeiter, die für ihr Geld reisten und wenn sie arbeitslos waren, so hatten sie frei- willig ihre Arbeit niedergelegt. Alle hatten übrigens die Aufenthalts- berechtigung, wie konnten sie also ausgewiesen, ja noch mehr, ihrer Hcii»athSbehörde ausgeliefert werden, was um so verhängnißvoller war, als ein Theil von ihnen desertirt war? Sicherlich hätte kein Knltmfftaat, auch wenn er sich nicht der glor- reichen Traditionen der Schweizer Gastfreundschaft zu rühmen hätte, eine solche Infamie begangen und den italienischen Galeeren Männer ausgeliefert haben, deren einzige Schuld in dem Wunsche bestand, fiir die Freiheit ihres Landes und für den Sieg ihrer Ideale zu kämpfen. Die Presse ist von dem Berichte so wenig befriedigt, daß ihre llrtheile darüber womöglich noch schärfer sind, als über die Aus- liefcrung selbst. Selbst die immer nach oben Rechnung tragende liberal> konservative„Neue Züricher Ztg." übt schärffte Kritik. Sie schreibt:„Die Hoffnung, daß es gelingen werde, die Geschehnisse von Chiasso in einem anderen, als dem ziemlich grellen Lichte dar- zustellen, in dem sie nach den ersten Berichten erschienen, ist nicht xn Erfüllung gegangen.... Es ist ein ganz vergebliches Bemühen, als einen Akt der Armenpolizei hinzustellen, was sich hier jedem unbefangenen Blick als eine politische Maßregel darstellt, die in der Schweizergeschichte kein Präzedenz hat und in der Zukunft hoffentlich niemals Nachahmung finden wird." Die„Züricher Post" sagt:„Wenn die Tendenz waltete, eine nach jeder Hinsicht ungenügende Darstellung zu liefern, so ist dieselbe glänzend gelungen. Zur bösen That das faule Wort." Der„St. Galler Stadt-Anz." führt aus, daß die Arbeiter von der schweizerischen Republik ausgeliefert wurden, weil sie kein Geld mehr in der Tasche hatten, weil sie mittellos, d. h. arme Teufel waren l Der„Winterthurer Landbote" redet von Be- schönigung und empörender Scheinhelligkeit und fragt: Was hätte man den Ausgelieferten noch schlimmeres antbun können, als sie wehrlos ihren Henkern zu übergeben? Der Genfer„Genevois" stellt fest, daß Bundesrath Bachenal jede Verantwortung für die Affäre und für den Bericht ablehne und bezeichnet als die Schuldigen Bundes- rath Müller, Bundesanwalt Scherb und Sekretär Graffina. Selbst- verständlich verurtheilt wie das Vorkommniß selbst so auch den Bericht unsere Partei presse aufs schärfste.— Warten wir die für Dienstag vorgesehenen Verhandlungen im Parlament ab. Unterdessen genüge folgendes zur Belcnchttmg der reaktionären Tendenzen der eidgenössischen Regierung. Mau erinnert sich der por einiger Zeit im Kanton Zürich ge troffenen Verfügung, der zufolge Ocstcrreicher und Italiener das Aufcnthaltsrecht im Kauton nur nach Vorweisung eines von der Heimathsbehörde ausgestellten Leumundszeugnisses erhalten sollten, eine Verfügung, die wegen entgegenstehender internationaler Vcr träge keine praktischen Folgen hatte. ES wird nun gemeldet, daß in Rom und Wien Verhandlungen angebahnt seien, zu dem Zwecke, in den Niederlassungs-Verträgen diejenigen Modifikationen einzuführen, die die Züricher Verfügung als ein Gesetz der Bundesregierung er- möglichen. Die Nützlichkeit dieser Maßregel leuchtet der bürgerlichen Presse„angesicht der jüngsten Ereignisse im Tessin" ganz de- sonders ein. Ginge ein derarttges Gesetz durch, so würde seine Wirkung sich in erster Linie den Sozialisten fühlbar machen, die gegen den Sturm der Reaktion bisher in der kleinen Schweiz eine Zuflucht fanden, denn es ist offenbar, daß die Hcimntsbehörden den Opfern der Landespolitik nicht durch Atteste und Zeugnisse eine Freistatt zu öffnen geneigt sein werden. Frankreich. Paris, 22. Juni. In unterrichteten Kreisen meint man, t e y t r a l würde neben dem Präsidium des von ihm zu bildenden abinets das Portefeuille des Innern übernehmen. Die anderen Portefeuilles dürften wie folgt vertheilt werden: Frcycinet Ans- wärtiges, Cavaignac Krieg, Delombre Finanzen, Dupuy Unterricht, Delcassö Marine, Sarrien Justiz, Jonnart Kolonien, Leygues öffent- liche Arbeiten, Maruejouls Handel und Viger Ackerbau. In der Angelegenheit der Bildung des neuen KabinetS erklärt die Mehrzahl der Blatter, Peytral babe schon ans dem Grunde mehr Aussicht auf Erfolg, weil ihm Präsident Fante größere Bewegungsfreiheit gelassen. Die radikalen Organe sprechen die Ueberzeugung aus, Peptral werde in der Kammer eine ansehnliche Mehrheit finden.„Libre Parole" greift Peytral an, weil er für die Koulissc eingetreten, und behauptet ferner, Peytral hätte gestern Abend eine Besprechung, mit Traricux und Thevenet gehabt, die das Blatt als Dreyfus freundlich gesiunt bezeichnet. Dem„Eclair" zufolge hätte die Meldung, daß Lockroh den Posten des Marincministcrs erhielte, unter den Admiralcn Verstimmung hervorgerufen. Der Kommandeur deS Mittelniecrgeschwaders fei eigens nach Paris gekommen, um die Ernennung zu verhindern.— PartS, 22. Juni. Vor dem Zuchtpolizeigericht begann heute Nachmittag der Ehrenbeleidigungs- Prozeß der Schreib- Stich- verständigen gegen Zola. Nachdem die Vertreter der Kläger ihre Strafanträge gestellt hatten, wurde die Verhandlung um 14 Tage vertagt.— Belgien. Brüssel, 23. Juni. Wegen des Fernbleibens mehrerer fremder Delegirter von der internationalen Zucker-Konferenz schließt man auch hier, daß die Verhandlungen v o l l st ä n d i g gescheitert sind. Italien. Rom, 22. Juni. Die Abendblätter melden übereinstimmend, F i n a l i habe es abgelehnt, die Bildung eines neuen Kabinets zu übernehmen. Die„Opinione", die„Tribuna" und der„Fanfulla" vorzeichnen das Gerücht, daß der König nunmehr Visconti Venosta mit der Kabinetsbildung betraut habe; die„Jtalia Militare" da- gegen versichert, von vielen Seiten werde General Pelloux als der voraussichtliche Ministerpräsident bezeichnet.— Die Schergeu Rudiui's haben dem italienischen Parlament die Zumuthung gestellt, die sozialdemokratischen Abgeordneten auszuliefern, damit ihnen wegen„Aufteizung zum Bürgerkrieg" jjiid wegen einiger anderen schweren Verbrechen der Prozeß gemacht werden könne. Dem Auslieferungsbegehren ist— man weiß nicht, warum? wenn nicht des Spaßes'halber— eine Begründung bei- gegeben, in der das„Beweismaterial" enthalten ist, auf das sich die Anklage gegen die auszuliefernden Abgeordneten stützt. Wäre die Sache nicht so furchtbar ernst, man wäre versucht, sich über dieses Beweismaterial zu Tode zu lachen. Eine solche Beweis- führung ist wohl noch nie vorgekommen, nicht einmal in Operetten. Da soll zum Beispiel durch einen Brief, den der Abgeordnete C o st a an einen anderen Sozialisten geschrieben hat, der Beweis erbracht werden, daß eine auf den Ilmsturz der Monarchie abzielende Verschwörung der Sozialisten be- standen habe! Das Schreiben hat folgenden Wortlaut: „Es ist uns nach langen Anstrengungen endlich gelungen, die revoluttonäre, sozialistische Patte: in der Romagna zu konstiwiren. Sie umfaßt ungefähr fünfzig Ortschaften und sechzig bis siebzig Organisationen. Könntet ihr es nicht ebenso in Venctien machen? Aus der Vereinigung dieser Provinzorganisationen würde die große revolutionäre, sozialistische Partei Jtäliens hervorgehen." Und aus diesem Briefe, der überdies im Jahre 188t geschrieben worden ist. soll bewiesen werden, daß der Aufstand in Mailand 17 Jahre später das Werk sozialistischer Verschwörer war I Zum Glück sind noch andere Beweise da. Bei dem Abgeordneten Tnrati wurde eine Visitenkarte geftmden— man denke: eine wirkliche Visitenkarte I—. auf der ganz deutlich die Einladung zu einer Besprechung der Republikaner in der Redaktion der„Jtalia oel Popolo" zu lese» war. Noch schwerer belastet erscheint der Abgeordnete Mor- gatt, der überwiesen ist, einem Bekannten telegraphisch seine Abreise von Turin nach Mailand angezeigt zu haben. Ganz klar ist auch, daß die Abgeordneten Costa, Morgan und Burtest den Aufruhr in Mailand angestiftet, da sie am 9. Mai— also kaum zwei Tage nach der Unterdrückung des Aufftandes— nach Mailand reisten. Bei dem Abgeordneten Vissolatt wurde— ein nothwendiges Attribut jedes Verschwörers— ein Chiffrenverzeichnitz gefunden. Daß er es bei seiner Verhaftung noch bei sich trug, beweist keineswegs die Harmlosigkeit dieser Gcheimschttft, sondern nur die besondere Frechheit Bissolati's. Der„Avanii" will ihm freilich jetzt aus der Klemme helfen und erzählt, daß diese Chiffren es ermöglichen sollen, verschiedenen sozialistischen Zeitungen Nachttchtcn über die Unruhen zukommen zu lassen, ohne daß man ihre Jnhibirung befürchten mußte. Das gravireudste Bcivcisstllck ist aber ein Schreiben, das anonym an die„Critica Soziale" gerichtet worden mr. Der General Heusch hat zwar selber erklärt, daß er dieses Schrei'en für eine Mystifikation halte, mit der die Irreführung der Behörden oder die boshafte Schädigung der kompromitiittcn Sozialisten beziveckt fei. Aber mangels besserer Be- weise beweist auch dieses Schreiben genug. Der„Avanti" meint mit prächtigem Hohn: Wenn Karl Marx nicht schon todt wäre, er würde wegen Anstiftung der Mailänder Unruhen angeklagt worden sein, da sein„Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" eine nicht niißzuverstehcnde Aufforderung zum Barrikadenbau in Mailand enthalte. In der That: Wenn Rudini nicht ebenso stupid wie brutal wäre, so könnte man glauben, daß er in der Anklage gegen die sozialistischen Abgeordneten nicht nur eine Probe seiner Schurkerei, sondern auch seines salirischcn Talents habe geben wollen. Die Begründung dieser Anklage liest sich wie eine blutige Selbstvcrhöhnung der Staatslcnkcr Italiens.— Mailand, 23. Juni. In dem Prozeß vor dem Militär- g e r i ch t gegen 24 wegen der Riihestörungen im Mai verhaftete Personen verkündete der Gerichtshof heute Vormittag das Uttheil. Fünf, darunter der ehemalige Deputtrte Zavattari, wurden freigesprochen. Verurtheilt wurden der Direktor der„Jtalia dcl Popolo" Chicsi zu sechs Jahren Kerker; Frcihcits- strafen erhielten ferner der Direktor des„Secolo" Romusfi vier Jahre zwei Monate, der Direktor des„Osscr- vatore cattolico" Don Albertario drei Jahre, und Frau Kulichoff zwei Jahre. Die übttgcn Angeklagten erhielten Freiheitsstrafen von einem Monat bis zu drei Jahren.'— Rußland. Klottenvermehrung. Die„Politische Korrespondenz" meldet aus Petersburg, die russische Regieniug habe bei der Nikolajcw- Werft zwei Kreuzer 1. Klasse und vier Torpedobootzerstörer bestellt, welche zur Verstärkung der Flotte im Schwarzen Meere bestimmt seien.— Türkei. Konftantinopel, 28. Juni. Nach hier eingetroffenen Berichten herrscht gegenwättig an der montenegrinischen Grenze Ruhe. Die Albanesen kehren in ihre Ortschaften zurück. Die Pforte setzt ihre Bemühungen in Petersburg fort, um das russische Kabinet zu bewegen, daß es nicht weiter auf dem Ver- laugen nach Beförderung in die Hcimath der nach dem Kaulasus gefluchteten Armenier bestehe. Inzwischen haben bereits mehrere hundert Armenier die Grenze überschtttten, um in die Heimath zurück- zukehren, ohne anscheinend bis jetzt auf Schwierigkeiten von feiten der ottomanischen Behörden zu stoßen. Asien. Weitere Eröffnung China'S. Die„Times" melden aus Peking, die kürzlich veröffentlichen Bestimmungen über die Dampf- schifffahtt auf den Binnengewässern beschränken dieses Pttvilegiuiu auf die Provinzen, in denen sich Vcrttagshäfen befinden. Die Provinzen Schaust und Houan werden somit von dem Abkommen nicht berührt. Den Dampfern wird ferner untersagt, Schiffe der Eingeborenen zu schleppen. Die Nothwendigkcit einer Abänderung dieser Klausel bezüglich des Jangffckiang springt in die Augen.— Bokohama, 22. Juni. Der Zusammenschluß der japanischen Oppositionsparteien ist vollendet. Die Versuche, eine Partei zu schaffen, durch welche die Regierung unterstützt werde, haben keinen besonderen Erfolg. Das bürgerliche Gesetzbuch ist gestern veröffentlicht worden.— Slfrikn. Pretoria, 22. Juni. Freiwillige Streitkräfte ans Transvaal überschritten die Grenze von Swaziland in verflossener Nacht mit einer Avantgarde von Vurghers. Boten gehen durch das ganze Land und rufen alle Kraals auf, sofort gegen Swaziland aufzubrechen und in Mampandwcni sich zu sammeln. Unter den Swazi sind die Pocken aufgetreten.— Kapstadt, 22. Juni. Die gesetzgebende Versammlung nahm mit 41 gegen 36 Stimmen einen Beschlußantrag Schreiner an, durch welchen dem Ministettum ein Mißtrauensvotum ausgesprochen wird. Der Beschluß bedeutet eine Niederlage der Rhodespartei und einen Siea der Aftikanerpattei.— HWtthlkttinpf. Sozialdemokratische Stichwahltaktik. In Guben empfiehlt Genosse Wagner, der sozialdemokratische Kandidat, den Parteifreunden bei der Stichwahl zwischen Prinz Carolath und dem Konservattven v. Hehdebrand Stimmenthaltung. In Duisburg werden unsere Parteifreunde für den Zentrums- kandidaten gegen den Nattonallibcralen stimmen. Im Fürstenthum Lippe, in Minden und Herford-Halle haben unsere Patteigenoffen erklätt, für den freisinnigen Kandidaten zu stimmen. Stichwahltaktik der bürgerlichen Parteien. In Görlitz wollen die Kartellparteien und daS Zentrum den freisinnigen Kandidaten gegen den Sozialdemokraten unterstützen. In A r n s w a l d e- F r i e d e b e r g hatten sich die Konservativen an Rickert gewandt, damit er seine Parteifreunde veranlasse, gegen Ahlwardt für Ring zu stimmen. Herr Rickett soll geantwortet haben, daß er zwar nicht glaube, uöthig zu haben, seine Gesinnungs- genossen im dortigen Wahlkreise noch besonders dazu aufzufordern, bei der Stichwahl für Herrn Ring zu stimmen, da dies eine selbstverständliche politische Pflicht sei, daß er aber gleichwohl bereit sei, an seine Gesinnungsgenossen in diesem Sinne zu schreiben." Wir können es nicht begreifen, wie man einen Agrarier der extremsten Richtung zun, Siege verhelfen kann; ihm gegenüber ist der politisch bedeutungslose Ahlwardt das kleinere Hebel, tz In Königsberg-Land �Ostpreußen) fordert der ft-eisinnige Kandidat seine Parteigenossen auf, in der Stichwahl für denKonser-, Dativen Grafen v. Dönhoff gegen den Sozialdemokratei, zu stimmen. So sieht der Kampf der Freisinnigen gegen das Junker- thum aus. Der Vorstand des Vereins der Konservattven in D a n z i g erläßt eine Aufforderung, bei der Sttchwahl zur Bekämpfung der sozialdemokratischen Kandidatur Herrn Rickert die Stimme zu geben. In Mainz hat die nationalliberale und freisinnige Patte» beschlossen, gegen unsern Kandidaten für den Zentnimsinann zu stimmen, während die Demokraten für unsern Kandidaten Dr. David eintreten wollen. In Pforzheim und Mannheim will das Zenttum für den Kandidaten der Sozialdemokratie stimmen. Die liberale Pattei in Würz bürg verpflichtete sich, in der Stichwahl für das Zentrum gegen den Sozialdemokraten zu stimmen. Infolge dessen unterstützt das Zentrum in München I den fraftionS« losen Liberalen Schwarz gegen unseren Patteigenoffen. Dagegen lvollcn die Bauernbündler in W ü r z b u r» für unseren Kandidateil stimmen. Jeder Berliner freisinnige Kandidat und Herr Kreitling in, besonderen machen darauf Anspruch, als anständiger Mann und ehrlicher Liberaler angesehen zn werden. Bisher hat er cS freilich unterlassen, gegen die ordinäre Kampfweise seines WahlkvmitecS sich auszusprechen. Er muß es sich daher schon gefallen lassen, daß man ihm sagt:«Brüderchen, mitgegangen, mit- gcsangcn, mitgchangcn." Herr Kreitling präscntirt sich jetzt als gemeinsamer O r d n u» g s k a n d i d a t, als Vertreter der arbeiterfeindlichsten und reaktionärsten lliiternehmerschichten. Für seine Versprechungen gcgcn die Sonntagsruhe, gegen die Bäckerei- Verordnung» gegen die Konsumvereine ze. hat er jetzt sogar den Dank der Jnnuiigsbriidcr des deutschen Bäckcrtagcs erhalten, und die schwärzesten NeaktionS-Eulen, lvic der konservative O b e r in e i st e r B e r n a r d, der antisemitische Hofkonditor Gäde und der liebenswürdige Schlächtermeister Karl Gäde, treten sogar in einem eigenen, an- gcblich von den Freisinnigen bezahlten und ohne Drnckfirma er- schienenen Flugblatt für den OrdnnngSmann Kreitling gegen den ll in st ri r z! a n d i d a t e n ein. Während des Wahlkarnpses tönte es anders! Vor uns liegt ein offiziöses Flugblatt zur Stich Ivahl am 24. Juni, das schon vor 14 Tagen erschienen ist— also zu einer Zeit, da die Re- gicrung und Sammelpolitiker noch hofften, im ersten Wahl- gange die Sozialdemokratie niederzuwerfen, um dann bei den Stichwahlen dem armen Freisinn das bischen Lehens- licht ausznblaseu. In diesem Flugblatt heißt es:„daß in der Sttch« wähl nur ein Mann gewählt werden dürfe, der voll und ganz einstehe „sür des Reiches Macht und Ansehen, „für deS Vaterlandes Sicherheit und Gedeihen, „fiir des Thrones Festignug und Würde, „für der Nation Wohlergehen und Entfaltung, „sür der nationalen Arbeit Schutz und Förderung. „Wer dieser Fahne folgen tvill, darf keiucu Freisinnigen wählen!" Und warum nicht? Damals hieß es wörtlich: „Der Freisinn „bezeichnet, er kämpfe unter dem nationalen Banner des Gemein- „wohls. Das ist e i t e I H en ch e l ei.... Der Freisiiin wird „nicht mit Unrecht als die„Vorfrucht der Sozial« „d e m o k r a t i e" beichnet. Der Freisinn „hat die wichttgsten Mahnahmeii zur Stärkung der Machtstellung „deS Deutschen Reiches mit fanatischer Zähigkeit bekämpft.... Der Freisinn „hat das Unsehe« und die Würde des deutschen KaiserthroncS „wiederholt in unverantwortlicher Weise verunglimpft.... Der Freisinn „schürt den nationalen Hader und treibt die verwerflichste Klassen- „verhetznng... Der Freisinn »liebäugelt mit den Sozialdemokraten n. s. w. „Hinweg mit dem Freisinn. Das Vaterland ruft!" So vor vierzehn Tagen. Und heute fordere dieselbe Regierung, dieselben Konservativen und Anttsemiten zur Wahl desselben Frei- sinnskandidaten auf. Sehet, welch' ein Bild politischer Mannes- würde I Und vor denselben Leuten bückt sich und demiithigt sich der Freisinn, blos um ein paar Sttmmen zu ergattern I Pftii Teufel I Um ein paar Stimmen zu erhalten, läßt sich der„30jährige Arbeiterfreund", Kreitling zu liberalen Versprechungen an die Zunftbrüder herbei und läßt sich als Beschützer der Intelligenz, des Eigenthums, der Ehe und des Familienlebens hinstellen. Man sollte fteilich meinen, gerade im zweiten Wahlkreis sollten bei dieser Wahl die Herren Freisinnigen mit dem heiklen Thema der Ehe und des Familienlebens sehr vorsichtig umgehen. Aber all' diese freisinnigen Praktiken, die nur die politische Charatterlosigkeit und den Ausbeuterstandpunkt des Berliner Freisinns bolumentiren, werden an dem gesunden Sinn und der politischen Reife der Berliner Arbeiterklasse scheitern, die über diese Gesellschaft, die sich heute schlägt und morgen verträgt, siegreich hinwegschrcitet, wenn sie ihre Pflicht ernst erfüllt. Wer ist Fischer? Die Freisinnigen des zweiten Berliner Wahlkreises sind mit ihreni Latein zu Ende. Da sie sachlich nichts gegen die Sozial- demokratie vorbringen können, ergehen sie sich in persönlichen Ver- unglimpfungen unseres Genossen Fischer, den sie für eine politische Null erklären und von dem sie behaupten, das; er das Vertrauen aller seiner Wähler von 1893 gröblich enttäuscht habe. Wie un- sinnig diese Behauptung ist, beweist schon die einfache Thatsache, daß mehr als 26 000 Wähler im ersten Wahlgange für Fischer gestimmt haben. Wie kann man angesichts dieser gewaltigen Ziffer davon reden, daß Fischer das Vertrauen seiner Wähler getäuscht habe. Im Gegentheil, der zweite Berliner Wahlkreis hat mit seinem bisherigen Vertreter Ehre eingelegt. Wie warm ist Fischer jederzeit bei den Etatsberathungen an der Hand der Berichte der Gcwerbe-Jnspektoren für die Besserung der Verhältnisse der Arbeiter eingetreten, während die Freisinnigen sich in tiefes Schweigen verhüllten— ein Beweis, wie wenig die Genossen des Herrn Kreitling sich für die Lage der Ar- beiter interessireu. Ebenso hat Fischer bei der Besprechung des Kon- fektionsarbeiterstreiks im Reichstage rückhaltlos die Interessen der armen ausgebeuteten Konfektionsarbeiter wahrgenommen und die unheilvolle Wirkung des Schwitzsystems geschidert. Von den Freisinnigen hat es niemand der Mühe für Werth ge- halten, seinen Mund aufzuthun— es handelte sich ja nur um die Interessen von Arbeitern. Auch sonst hat Fischer stets seinen Mann gestanden, wir erinnern nur an seine glänzende Begründung des Antrages auf Einführung des Achtstundentages und seine Reden bei der Zentrums- Interpellation über die Nichtdurchfübrung der f ebruar- Erlasse. Und hat er nicht noch kürzlich für das freie oalitionsrecht der Arbeiter eine Lanze gebrochen, so daß jdem attentatslüsternen Grafen Posadowsky und seinem Anhange angst und bange wurde? Nur mangelhafte Kenntniß der parlamentarischen Vorgänge oder grobe Verleumdungssucht kann es diesen Thatsachen gegenüber wagen, unseren Genossen Fischer als parlamentarische Null hinzu- stellen und so zu thun, als ob es eine Schande wäre, wenn der früher von Virchow vertretene Kreis jetzt durch Fischer vertreten werden soll. Als Mann der Wissenschaft steht Virchow freilich un- übcrtroffen da, aber bei den Rcichstagswahlen haben wir es nicht mit dem wissenschaftlichen Forscher, sondern mit dem Politiker Virchow zu thun, und die Wähler, die schon von Virchow als Politiker nichts wissen wollten, werden von einem Kreitling sicher nichts wissen Wösten. Die freisinnige Partei hat abgewirthschaftet, und vergebens wird man ihr durch die Aufzählung klangvoller Namen neues Leben einhauchen können. Eine Partei, für die die so brennende Arbeiter- frage nicht existirt, eine Partei, die auch in politischen Fragen durchaus unzuverlässig ist, hat kein Recht auf Existenz, und wie die Wähler im Lande am 16. Juni gezeigt haben, daß sie die Freisinns- mannen nicht zu Volksvertretern haben wollen, so werden auch die Wähler des zweiten Berliner SEreises am 24. Juni beweisen, daß der Mann, zu dem sie trotz aller Verleumdungen auch fernerhin Zu- trauen haben, nicht Robert Kreitling, sondern Richard Fischer ist. Ehrensache der Wähler ist es, dafür zu sorgen, daß jedem, der am Abend des Stichwahltages ftagt: „Wer ist Fischer?" geantwortet werden kann: „Fffcher ist der erwählte Abgeordnete dcS zweiten Berliner Reichstags-Wahlkreises." Konservative Krücken für Dr. Paul Lang erhanSl Die Konservativen vertheilen am Abend vor der Stichwahl massenhaft Flugblätter, damit jede konservative Stimnie für die Wahl des Freisinnigen aufgeboten wird. Wir müssen deshalb die Wähler Mann für Mann an die Urne heranziehen, die dem Junkervolke, der Regierung und den Volksfeinden ein Dorn im Auge ist. Also deshalb jeder Volksfteund, jeder Gegner der Konservativen, jeder Gegner der bisher herrschenden Politik: heran an die Wahlurne für Wolfgang Heine! Einst und jetzt. Als im Jahre 1877 zum ersten Male der vierte und sechste Berliner Wahlkreis sozialdemokratische Abgeordnete in den Reichstag geschickt hatte, äußerte sich eine zwischen Hauptwahl und Stichwahl erschienene konservative Flugschrift dahin, daß dem Deutschen Reiche seit dem französischen Kriege kein größeres Glück widerfahren sei, als die Wahl der Sozialdemokraten in Berlin; eine Gefahr entstehe daraus nicht, hingegen sei der Vortheil, den dieses Ereigniß' der deutschen Freiheit verheiße, unermeßlich. Andererseits' sei die Fortschrittspartei mehr als gefährlich, und deshalb sei es Pflicht des deutschen Volkes, diese Partei allmälig völlig ans dem Reichstage auszuschließen.„Mögen wir statt dessen' noch einige Sozialisten mehr bekommen— was thut's? Wir werden eine An- zahl halber und unzuverlässiger Frermde los und taufchen dafür einige offene und ehrliche Feinde ein— ist der Gewinn nicht doppelt?" So schrieben die Konservativen 1877— und heute? Heute können sie die sozialdemokratische Gefahr nicht schwarz genug malen und fordern ihre Mannen auf, cinmüthig für die Freisinnigen gegen die Sozialdemokraten einzutreten. Werden die Konservativen sich als Stimmvieh gebrauchen lassen? 'Im freisinnigen Lager scheint sich über die unentschlossene Stellung der fteisinnigen Partei zu den Stichwahlen, ihrem Liebäugeln mit den Junkern und Brot- Wucherern doch unter einigen Anhängern eine starke Mißstimmung bemerkbar zu machen. In der gestrigen Nummer der„Neuen Zeit", dem freisinnigen Organ in Charlottenburg, finden wir einen Artikel, der sich direkt gegen' die Unterstützung der Kandidatur des Genossen Zubeil ausspricht. Wir erhalten dazu aus freisinnigen Kreisen eine Zuschrift, die wir ohne Kommentar abdrucken. Sie lautet: Ich bin entrüstet über diese Floskeln der Charakterlosigkeit. Zuerst wird hingewiesen auf die vielen Wähler, welche in der Hauptwahl ihre Stimmen noch nicht abgegeben hatten. Augen- scheinlich soll damit eine eventuell charakterlose Stellungnahme der frelftnnigeu Wähler bei der Stichwahl entschuldigt werden. Zum Schluß wird wegen der angeblich„ungenügenden Bildung" des sozialdemokratischen Kandidaten eine Stimmenthaltung den freisinmgen Wählern anempfohlen. Ein solcher Jesuitismus ist abscheulich. Schreiber dieses hatte bis jetzt stets den Standpunft der Demo- kratie vertreten und auch die Prinzipien der Sozialdemokratte nicht in allen Punkten billigen können. Aber derselbe ist ehrlich genug, zu bekennen, daß die sozialdeniokratischen Abgeordneten und Wähler in innigster Ueberzeugung energisch und charattervoll die Sache der Freiheit vertreten und für sie gelitten haben. Die Sozial- demokraten haben einen Bildungsdrang gezeigt, der sie hoch ehrt, den man aber bei allen übrigen Patteien vermißt. Die An- deutungen der Charlottenburger„Neuen Zeit" sind daher nichts als unberechtigte Anmaßungen. Wir sind gewarnt. Viele gewandte, schlagfertige Redner haben trotz des Brusttons ihrer Ueberzeugung die Sache der Frei- heit verrathen und das Volk getäuscht. Aber auch andere Parteien haben Vertreter im Reichstage gehabt, die keine akademische Bildung besaßen und kein Wort gesprochen hatten. Heute, in der Zeit ödester Charakterlosigkeit, ist doch der höchste Werth eines Volksvertreters sein festes Rückgrat, seine treue Ueberzeugung und sein charaktervolles Handeln. Und ein solcher Manu ist Herr Zubeil, der sozialdemokratische Kandidat, dem getrost diejenigen, die es mit der Sache der Frei- heit ehrlich meinen, die Verttetung ihrer Rechte anvertrauen können. Ein früherer Freisinniger. Ein unglückliches Wahlflugblatt, schreibt die demokratische„Volks-Zeitung", ist im zweiten Berliner Reichstagswahlkreise für den freisinnigen Kandidaten erlassen wor- Verantwortlicher Redakteur: Aiiflust Jacobey in Berlin. Für den Jnse den. Es heißt darin:„Im Gegensatz zu den Sozialdemokraten ist Robert Kreitling jederzeit für die Mehrung der Macht unseres Deut- schen Reiches eingetteten."— Dieser Paffus ist vielleicht darauf be- rechnet, besonders konservattve Wähler für Kreitling günstig zu stimmen. Die Stelle hat aber nach den uns zugegangenen Zu- fchristen in freisinnigen Kreisen vielfach den Eindruck hervorgerufen, als stehe die Stärkung des Militarismus im Programm der frei- sinnigen Volkspartei. Das Ergebnist der erste» Stichwahl liegt vor. Um den bürgerlichen Patteien Sachsens und inbesondere Dresdens, die seit dem sozialdemokratischen Ansturm vom 16. Juni in Angst und Zittern um ihren Besitzstand leben, Muth ins schlotternde Gebein zu träufeln, hat es der berühmte Wahl- minister v. Metzsch zu fügen gewußt, daß der dem Ordnungsmischmafch zur Zeit noch sichere Kreis Stadt Leipzig mit der Sttchwahl voranging. Dieser Kreis ist, wie gesagt, jetzt noch nicht von den Arbeitern zu erobern. Unser Kandidat Konrad Schmidt hat gestern 14 411 Stimmen, 188 mehr als bei der engeren Wahl im Jahre 1893, und 2672 Stimmen mehr als bei der Hauptwahl am 16. Juni d. I. erhalten. Sein Gegner Hasse, für den auch die Führer der Nationalsozialen und Antisemiten in entschiedenster Weise eintraten, behielt das Mandat init einer Stimmenzahl von 17 631, 5275 Stimmen mehr, als er am 16. Juni, und 816 Stimmen mehr, als er bei der engeren Wahl im Jahre 1893 erhalten hat. Wir dürfen dem sächsischen Ordnungsklüngel diesen billigen Triumph neidlos gönnen.— Heute werden die Arbeiter Dresdens, der Hoch- bürg der Reaktion, dem System Metzsch-Ackermann-Mehnett das Urtheil sprechen! Selbst vor der gemeinsten Fälsch»»« schreckt ein gewisser Theil der Nationalliberalen im hannöverschen Kreise Harburg nicht zurück, um bei der Stichwahl den Sieg über unseren Kandidaten Baerer zu erlangen. Die Oberleittmg der welfischen Partei in Hannover hatte den Welsen in einem Aufruf Stimmenthaltung empfohlen. Jetzt erschien in der„Wümme-Zeitung" in Lilienthal ein Inserat, laut welchem das Wahlkomitee der Weifen im 17. Kreise durch Herrn A u g. R u st angeblich erklärt, die Welsen sollten bei der Stichwahl für den nationalliberalcn Kandidaten Depken stimmen. Dieses Inserat war gefälscht. Von unseren Parteigenossen auf den Bubenstreich aufmerksam gemacht, sandte Herr Ruft der„Wümme-Zeitung" eine Berichtigung, worin er erklärt, daß er niemals einen derartigen Aufruf erlafsen habe; er verlangt nun von der Redaktion die Nennung des Einsenders, andernfalls er gegen sie selbst Strafantrag stellen werde.s Freisinnige Opfcrwilligkcit. Ein freisinniges Blatt in der Nähe von Berlin schreibt: Zur Wahlarbeit für die Stichwahlen in Berlin werden noch dringend Hilfskräfte gebraucht. Personen, die sich gegen Honortrnng an der Wahlarbcit zu betheiligen geneigt sind, mögen sich in der Expedition unseres Blattes melden, wo ihnen das weitere mitgctheilt werden wird." Armer Freisinn, für den man sich nur noch gegen Honottrung zu begeistern vermag! Mit Regierungsapparat soll Herr Superintendent Max Vorberg, für den so musterhaft christ- liche Flugblätter geschtteben werden, in den Reichstag gewählt werden. Obgleich die Konservativen im Wahlfteise Teltow-Beeskow- Storkow keine Wählerliste hatten, erhält doch jeder der Wahlurne ferngebliebene Wähler eine besondere Aufforderung, an der Wahlurne zu erscheinen. Dies kann nur durch Benutzung der amtlichen Wählerlisten möglich sein. Ohne hohe Protektion, aber durch den Eifer und die Hingabe des Volkes wird nicht Vorberg, sondern Zubeil heute zum Reichstags- Abgeordneten gewählt.— In Stahnsdorf, Kreis Teltow, hat der Gemeindevorsteher Liebeidt für die Stichwahl durch amtliche Bekanntmachung aufgefordert, die Stimmen„für den reichstreuen Kandidaten" abzugeben. Hochdruck. Das Personal der Rheinischen Eisenbahn in Dortmund. selbst die, die Nachtschicht gehabt hatten, wurden am Dienstag von vorgesetzter Stelle znsammenberufen und ihnen vorgehalten, daß sie Hilbck wählen müßten. Auch aus Staßfurt wird gemeldet, daß der Ober-Bcrgrath Schreiber an die Arbeiter der königlichen Werke Staßfutt und Loder- bürg die Aufforderung gerichtet hat, dem Kandidaten der Ordnungs- Partei in der Stichwahl die Stimme zu geben. Die Herren scheinen wieder mit allem Hochdruck gegen den sozialdemokrattschen Kandidaten zu arbeiten. Einen letzten Appell an die Wähl?r richtete die Sozialdemokratie am Vorabend der Stichwahlen in einer Reihe glänzend besuchter Versammlungen. Die Wähler des erste» Wahlkreises versammelten sich ini Feen- Palast, Ivo Genosse B e u t l e r in warmen und eindringlichen Worten darlegte, welche Bedeutung ein sozialdemokratischer Wahlsieg im ersten Reichstags-Wahlkreise hätte. Mit großem Bcifalle wurde die Ansprache unseres Kandidaten Hugo Poetzsch gelohnt. Zu- versichtlich trennten sich die Wähler, um morgen energisch die Wahl- arbeit zu betreiben. Drei Versammlungen wurden im zweiten Wahlkreise abgehalten. Bei Bickcl in der Hasenhaide lauschten etwa 1000 Personen der zündenden Rede des Genossen Arthur Stadthagen, der die politischen Sünden des Freisinns bloßlegte und dann ausführte, daß dieVolksftenndlichkeitundFrciheitsliebe d'ieserPartei durch das jetzt auch im zweiten Wahlkreise proklamirte Eintreten der konservativen Vaterlandsfeinde und Umstürzler für sie ins rechte Licht gerückt werde. Mehrfach wurde der Redner von lebhaftem Beifall unter- brachen. Sein Aufruf, am Stichwahltage den vereinigten Gegnern eine zerschmetternde Niederlage zu bereiten, fand begeisterte Zu- stimmung. In der B o ck b r a u e r e i geißelte Genosse Singer vor über- fülltem Saale das schmähliche, verleumderische Flugblatt, das noch in letzter Stunde gegen Fffchcr verbreitet worden ist. Er sagte, er halte es nicht für möglich, daß dieses Flugblatt nnt Wissen des freisinmgen Kandidaten Kreitling veröffentlicht worden sei. Ein in der Diskussion sich produzirender. freisinniger Herr er- klärte jedoch, daß der liberale Kandidat mit dem Inhalt des ver- leumdettschen Flugblattes voll einverstanden gewesen sei. Auch das Werben der Freisinnigen um konservative und antisemittsche Stimmen und die Gegendienste, welche von den Frei- sinnigen diesen Reaktionären erwiesen werden, wurden von Singer unter stürmischem Beifall in drastischer Weise be- leuchtet. Einige fteisinnige Zwischenrufer und Diskussions- redner hatten nur den Erfolg, unter schallender Heiterkeit der Ver- fammlung von Singer abgeführt zu werden. Alles in allem war diese Versammlung eine der animittesten, der wir während des Wahlkampfs beigewohnt haben. Bei Z ll h l k e. Dennewitzstraße. sprach vor überfüllter Versamm- lung der Genosse Richard Fischer. Er schloß mit einem warmen Appell, morgen Mann für Mann für die Sache der Sozialdemokratie einzutreten. In der Diskussion Polemisitte zu wiederholten Malen von freisinniger Seite ein Herr W a r b u r g gegen Fischer und unsere Partei, wobei es ihm auf ein paar Lügen und Verleumdungen nicht ankam. Er wurde jedoch von unseren Genossen Paul Hirsch, Leschinsky und Timmel abgefertigt. Hirsch geißelte des weiteren ein in letzter Stunde verbreitetes freisinniges Flugblatt mit der Ueberschrift:„Wer ist Fischer?" In einem glänzenden Schlußwort des Genossen Fischer wurde der Freisinnsmann gänzlich heimgeführt. Die Wähler des dritten Wahlkreises waren in zwei Versamm- lungen zusammengekommen. In den„Arminhallcn" war der große Saal überfüllt; eine große Anzahl Besucher mußte in den Neben- räumen Platz nehmen. Genosse W. Heine deckte in überzeugenden Motten die niedrige Kampfesweise der Freisinnigen auf und kenn- atentheil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von V zeichnete das Verbreiten eines Flugblattes an die Konservattve» deS 3. Wahlkreises durch die Freisinnigen als plurnpen Wahlschwindel. Im dritten Wahlkreise steht uns nur eine reakttonäre Masse gegen- über und darum müßte morgen jeder Mann alle Kraft einsetzen, damit die Freiheit und nicht die Reaktion siege. Die Genossen Bosse und S w i e n t y forderten noch energisch zur Arbeit am Wahltage auf. Der Saal des Handwerker-Vereins, wo die Genossen deS fünften Wahlkreises tagten, war von einer dicht gedrängten Menge bis auf den letzten Platz gefüllt. Robert Schmidt hob klar und scharf das Trennende zwischen Freisinn und Sozial- demokratie hervor, er kennzeichnete die schamlos verleumdettsche Kampfesweise der Freisinnigen im Kreise, sowie das sonstige undemokratische Verhalten dieser Partei und kam zu dem Schluß: Wer für ruhige Fottentwickelung auf dem Wege moderner Kultur und für eine wahrhaft demokratische Vertretung der Reichshauptstadt fei, der könne nicht anders, als der Sozialdemokratte zum Siege zu ver- helfen. Dem Vortrage folgte stürmischer Beifall und begeisterte Hoch- rufe auf die Sozialdemokratte und auf Rob. Schmidt. In Charlottenburg tagte eine mehr als 2000jköpfige Versammlung im Lokal„Bismarckshöhe", wo Genosse Ledebour sich folgendes Thema zu seinem Vortrag gestellt hatte;„Wie ver- trägt sich Herrn Vorberg s Gewaltpolitik und Brotvertheuerung mit dem Christenthnm?" Deni wiederholt von lebhaftem Beifall unter- brochenen Referat folgte keine Diskussion, so daß der Vorsitzende die äußerst begeistert verlaufene Versammlung mit einem dreifachen Hoch auf die internattonale Sozialdemokratie schließen konnte. Die Versammlung, die am Donnerstag im Schöncberger Klub- hause tagte, war sehr gut besucht, besonders hatten sich die Frauen sehr zahlreich eiirgeftlnden. Frau L i l y Braun entfesselte mit ihrem schlichten aber zündenden Vortrag wahre Begeisterungsstürmc. Auch die Diskussionsredner erzielten reichlichen Beifall. Mit Be- geisterung stimmten die Versammelten zum Schluß in ein Hoch auf unfern Kandidaten Zubeil ein. *»* Die deutsche Volköpartei hatte zu gestern Abend nach der Linienstraße im Schiitzenhause eine Wählerversammlung einberufen, mn zu den Berliner Stichwahlen Stellung zu nehmen. Folgende Resolution gelangte einstimmig zur Annähme:„Der Wahlausschuß der deutschen Volkspartei empfiehlt allen wahrhaften Demokraten, bei der bevorstehenden Stichwahl zum deutschen Reichstage im 5. Berliner Wahlkreis den„Kandidaten der sozialdemokratischen Partei Robert Schmidt zu wählen. Die Versammlung erwartet von allen Gesinnungsgenossen in den übrigen Berliner Wahlkreisen, daß sie nach der gleichen Richtung Stellung nehmen."_ Der Krieg. Die Landung der Truppen der Amerikaner auf Kuba glückt. Von Bord des in der Nähe von Daiguiri befindlichen Prcßschiffes wird von gestern gemeldet: Heute Vormittag kurz nach 9 Uhr eröffneten die Geschütze plötzlich das Feuer auf die Hügel, welche die Ortschaft Juragua umgeben. Zur selben Zeit begannen Dampfschaluppen, welche eine Anzahl von Booten im Schlepptau hatten, zwischen den Transportschiffen hin und her zu fahren. Nach und nach füllten die Boote sich mit Truppen. Um 93/4 Uhr erschienen kubanische Auf- klärungspatrouillcn westlich von Daiguiri und in diesem Augenblicke begannen die Schiffe„NewOrlenns",„Machias",„Detroit",„Suwanee" und„Wasp" das von der Küste nach dem Innern zu liegende Gebiet M beschießen, um die Landung der Truppen zu decken. In der ersten Viertelstunde wurden 45 Schuß ans schweren Geschützen und zahl- reiche Salven ans Schnellfencrgcschützen auf das Gebüsch abgegeben. Von den Spaniern wurde das Feuer nicht erwidert. Um 9 Uhr 50 Minuten fuhr das erste Boot nnt Mannschaften in der Richtung auf die Küste ab, die anderen Boote folgten schnell. Sobald die Truppen gelandet waren, begaben sie sich in vollkommener Ordnung an ihre Plätze. Die Landung vollzog sich ohne Zwischenfall und unter großer Begeisterung.' Kurz darauf erschienen die be- rittenen Streitkräfte der Aufständischen, die während der Beschießung in Deckung gestanden hatten, und sprachen den Landungstruppen ihre Glückwünsche aus. Während der Landungsoperationen war die See ruhig, es herrschte schönes Wetter und ein leichter Wind milderte die Hitze. In Jmagua waren keine Beschädigungen zu bemerken, nur das Lokomotivhaus, das rollende Material und das Stationsgebäude hatten die Spanier zerstört. Die Landung der Truppen Shafter's hat bei Daiguiri, siebzehn Meilen östlich von Santiago begonnen. Nach in Madrid ans Santiago de Kuba eingetroffenen amtlichen Telegrammen begann der Angriff gestern 3 Uhr früh. Der Feind häufte seine Landungstruppen an der Punta de Berracos im Osten der linken Flanke der Spanier an. Wie ein amtliches Telegramm aus Havana meldet, berichtete der Kommandant von Santagio, die Be- schießnng seitens des feindlichen Geschwaders begann gleichzeitig mit dein Versuch, in Daiguiri und an der Punta de Berracos zu lande». Ein amerikanisches Kriegsschiff beschloß an der Küste von Cienfuegos ein kleines im Gehölz liegendes Fort. Dasselbe wurde zerstört. Zwei Offiziere und fünf Mann wurden leicht verwundet. Ein Telegramm aus Havana meldet nach Madrid, daß die spanische Annee auf Kuba in vier Armeekorps eingetheilt worden >ei.— Die Blockade von Havana wird von 14 amerikanischen Schiffen ausgeführt.— Vorgestern gelang es einem spanischen Schiff, den Hafen zu verlassen und in' den Hafen von Cardenas einzulaufen, woselbst es Lebensmittel, Munition und Waffen beschlagnahmte, welche die Amerikaner den Insurgenten zuführen wollten. Wie aus Kingston gemeldet wird, wurde von einem Dampfer ein Bericht hierher gebracht, welcher besagt, daß die Stadt Trinidad bei Cienfuegos blockirt worden sei. Der amerikanische Senat nahm eine Resolution an, in welcher der Marinesekrctär Long aufgefordert wird, dem Senat Auskunft zu geben, ob Lieutenant Hobson und seine Genossen an einem Orte gefangen gehalten werden, wo sie dem Feuer der amerikanischen Kriegsschiffe ausgesetzt waren, und ferner, ob die bei Santtago gefallenen Seeleute von den spanischen Truppen verstümmelt worden sind. Ein zum Geschwader Sampson's kommandirter Chirurg hat be- stimmt erklärt, daß die gefallenen amerikanischen Soldaten nicht verstümmelt worden seien. Die Verwundungen, welche man für Verstümmelungen gehalten habe, seien durch Schüsse aus Mauser- gewehren verursacht worden. Der amerikanische Generaladvokat hat beschlossen, die an Bord spanischer Handelsschiffe gefangen genommenen Mannschaften und Passagiere, welche Nichtkombattanten sind, den Botschaftern Frank- reichs und Oesterreich- Ungarns behufs ihrer Heimschaffung nach Spanien zu übergeben._ Letzte Llaitzetitzfen unti Dezrefitzen» Hamburg, 23. Juni. jPrivatdepesche des„Vorwärts".) Unter Betheiligung von vielen Tausenden wurde heute der Dichter der „Arbeiterinarscillaise", Jakob Audorf, zur Erde bestattet. Ans allen Gauen Deutschlands waren Beileidstelegramme eingegangen. Die Gedächtnißrede hielt F r o h m e. Hamburg, 23. Juni. sPrivatdcpesche des„Vorwärts".) B ä ck e r st r e i k. Bis jetzt sind in 288 Bäckereien die Forderungen der Gehilfen bewilligt. Es ist gute Aussicht auf einen vollständigen Sieg vorhanden. Petersburg, 23. J»ni.var das Wasser mehrere Zoll hoch gestiegen; wer nur irgend konnte, trat auf die Rednerbiihne oder suchte über Tische und Stühle hinweg den Weg ins Freie zu gewinnen. Trotz des Unbehagens, das sich namentlich auf den Gesichtern der Bcsucherinncn zeigte, fand die mehr als 2000 Personen zählende Menge dennoch ohne Unfall nach erfolgtem Nachlassen des Regens den Ausgang. Die Gegner aber können konstatiren, daß nun endlich doch einmal eine sozialdemokratische Ver- sanmilung buchstäblich„zu Wasser" geworden ist. Ein Naturschansstiel, das für unsere Breiten außerordentlich selten sei» dürfte, konnte mau am Mittwoch Abend von Charlotten- bürg aus in der Richtung nach Picheiswerder beobachten. Mitten in dem Zickzack der rasch aufeinanderfolgenden Blitze glitt mit einem Mal in vcrhältnißmäßig niedriger Höhe, dem Anscheine nach mochten es etwa kaum hundert Meter sein, eine rothviolettc Feuerkugel von einen: halben Meter Durchmesser in nordwestlicher Richtung langsau: am Himmel entlang. Dieses Schauspiel mochte ungefähr eine bis einundeinehalbe Minute gedauert haben, als die Feuerkugel mit kurzen: Donnerknall sich m drei breite Strahlenblitze auflöste und von: Hinimel verschwunden war. Derartige Kugelblitze, wie man diese Phänomene bezeichnet, sind solvohl ihren: Vorkommen in der Natur nach, sowie auch in unserer Gegend äußerst selten. Wege» Kindesraubes ist nach einem Lokalberichterstatter gegen den Rentier Bernhard Mcrtins ans Berlin von der königl. Staatsanwaltschaft ein Hastbefehl erwirkt worden. MertinS, welcher von seiner Ehefrau geschieden und für den allein schuldigen Theil erklärt worden ist, hat derselben am 17. Mai d. I. ihre auf den Namen Tora und Götz hörenden Kinder iveggcnonimen und ist flüchtig. Auf die Wiedererlangung der Kinder hat die Ehefrau jetzt eine Belohnung von 200 M. ausgesetzt. Ein Mord und Sclbflmordstcrsiich rief gestern Morgen um 4 Uhr in dem Hause Marienstr. 7 eine große Aufregung hervor. Laute Hilferufe weckten die Anwohnerschaft ans den: Schlafe. Im Quergebäude ivohnte hier der Koppelknecht Anton Falnsi mit seiner Ehefrau. Falnsi stannnt aus Ungarn und ivar ineist bei Pferde- Händlern an: Schiffbauerdmnm' beschäftigt. Seine Frau, eine 41 Jahre alte Wittwe Christine Strauß, geb. Glampus, ivar vor Jahren bei einen: Gemüsehändler in der Marienburgerstraße 7 beschäftigt und lernte hier Falusi kennen. der sie in: Oktober 1896 heirathctc. Die kinderlose Ehe war glücklich. Falnsi war ein fleißiger Mensch; die Leute tvaren gut eingerichtet und hatten schon cttvas zurückgelegt. Vor einige: Zeit verlor der Main: seine Stellung und hatte nun die Absicht, nach auswärts zu gehen. Seine Frau ivar gegen diesen Plan, ivollte aber, wem: er demtoch ausgeführt würde, unter keinen Um- ständei: den Mann allein gehen lassei:. Darüber ist es wohl zu Zerivürfiiissen gekommen. Mittwoch Abend kau: Falusi erst spät nach Hause und kurz darauf iourde es laut in seiner Wohnung. Die Rachbarn drangen in die Wohnstube des Ehepaares ein. Hier saß Falusi mit dem blutigen Taschenmesser in der Hand auf seinem Bette. Er blutete aus Wunde» in der Brust, in der Gegend des Herzens nick» an: Halse. Auf dem Fußboden lag die Frau bewußtlos auf einen: Kopfkissen in einer Blutlache. Sie hatte Stichwunden im Unterleib, in den Beinen, den Arinei: und im Genick. Befragt, was er dem: gemacht habe, erwiderte Falusi, daß seine Frau ihm eine heftige Szene gemacht habe, weil sie durchaus mit ihm Berlin verlassen ivollte. Die Frau, die bald wieder zu sich kam, äußerte nur den Wunsch, gemeinsam mit ihrem Manne zu sterben. Als die Polizei erschien, um Falusi zu verhasten, fragte dieser höhnisch seine Frau, ob sie jetzt auch noch mitgehen wolle. Die Polizei ließ einen Koppffchen und einci: Chariteewagen kommen und die beiden Schwerverletzten in die Charitee bringen. Hier wird der Mann als Polizeigefangener ge- halten. Er hat sich über seine That nicht weiter geäußert. Auch die Frau sprach darüber nicht mehr, sondern bedauert nur fortwährend ihren Mann. Selbstmord ans Hunger. Aufsehen erregte am Mittwoch Nachnuttag um halb 3 Uhr e:n Selbstmord in: Hause Lindenstr. 113. Der 60 jährige Buchhalter Ferdinand Ncugebauer, der bei den: Kauf- mann Apitzsch in der Teltowerstr. 19 seit einem Jahr ein möblirtcs Zimmer bewohnte, hatte seit April keine feste Stellung mehr. Gegen halb 3 Uhr kam er nach dem Hause Lindenstr. 113, wahrscheinlich um die reiche Besitzerin Frau Schuster, seine Schwester, in der Roth um Hilfe anzusprechen. Ob Frau Schuster nicht zu Hause tvar oder ihren Bruder nicht vorlassen wollte, ließ sich nicht feststellen. Die Nachbarn aber wurden plötzlich dirrch eine» Knall alarmirt und fanden auf den: Flur einen ihnen unbekannten Mann in seinen: Blute schwimmen. Neugebauer hatte sich vor der Thür seiner Schwester erschossen. Einen interessanten Fang hat, wie sich nachträglich heraus- stellte, ein Kriminalbeamter am Montag Abend gemacht. Der Beamte sah im Osten der Stadt auf der Straße in' der Begleitung eines Menschen, der unter polizeilicher Beobachtung steht, einen Mann mit einem schweren Sack, als er eben eine Droschke besteigen wollte. Seine Begleitung machte den Sackträger verdächtig und der Beamte hielt ihn deshalb an. Der Mann suchte sich seiner zu erwehren. „Lassen Sie inich zufrieden", so suchte er ihn zu be- schwichtigen,„ich bin der Moses Goldstein, ich habe die Sachen reell gekaust." Moses Goldstein war nun der Gestellte in der That, aber damit war die Angelegenheit noch nicht so einfach abgethnn. Vorläufig wurden die beiden nach den: Polizei- Präsidium gebracht. Hier fand man in dem Sack einen großen Posten Seide, der gestohlen war. Unser Goldstein Ivar zwar nicht der Dieb, aber der Hehler. Erst nachträglich aber ermittelte man, daß man in ihm auch einen Fahnenflüchtigen erwischt hatte. Gold- stein ist vor sieben Wochen vom 11. Fiitzartillcric-Regiment in Thon: durchgebrannt, Strastcnspcrrnugc». Die Jerusalcmerstraße von der Kronen- bis zur Krausenstraße, jedoch ausschließlich der Leipzigerstraße, wird behufs Umbaues der Geleise vom 27. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt.— Der Schisfbauer Damm von der Straße„Am Zirkus" bis zur Friedrichstraßc wird behufs Unipflasterung von: 24. d. M. ab bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gc- sperrt; der Kreuzdanm: der Kaiser Wilhelm- und der Hciligegcist- stratze vom 27. d. M. ab, desgleichen die Altonaerstraße vom Hansa- platz bis zur Stadtbahn._ Slns den Nachbarorten. Tchöucbcrg. Parteigenossen, welche heute, an: Tage der Stichwahl, für die Partei thätig sein»vollen, um den Sieg unseres Genossen Fritz Z u b e i l herbeizuführen, mögen sich heute früh 8>/2 Uhr beim Genossen O b st. Grnncwaldstr. 110, einfinden. Thne ein jeder seine Pflicht! Es genügt nicht, daß unser Kandidat als Sieger aus der Wahlurne hervorgehe; auch die Stimmcnzahl soll unsere Gegner, die Konservativen,' belehren, daß alle Verkenn:- düngen gegen die Sozialdemokratie und unseren Kandidaten Fritz Zubeil nur das Gcgentheil der beabsichtigten Wirkung ausgeübt haben. Im Austrage des Wahlkomitecs: W. Nagel, Fcnrigstr. 4. Aus Rixdorf. In der letzten Sitzung der hiesigen Gemeinde- .Vertretung thciltc der Vorsitzende zunächst mit. daß auf die Petition an das Abgeordnetenhaus, betr. die Hcranzichnng der Beamten zur vollen Gemeindesteuer eine Antwort des Burcandircktors des Abgeordnetenhauses eingegangen sei, nach welchem die Sache dem Staats- Ministerium als Material überwiesen worden ist.— Mit dem Bau der neuen Eiscnbahn-Haltcstelle, sowie dem Umbau der Brücke im Zuge der Hermann- straße wird nach Mitthcilung der Eiscnbahnbchörde demnächst bc- gönnen werden.— Nachdem der südliche Theil der Hasenhaide bereits an die Rixdorfcr Ticfknnalisation angeschlossen ist, wurde die Gemeinde ersucht, denselben auch mit Gas zu versorgen. Die Gemeindevertretung genehmigte den Abschluß eines dicSbezng- lichci: Vertrages.—' Im öffentlichen Verkehrsinteresse ist es er- forderlich, die Hcnnannstraßc auf der Strecke zwischen Steinmetz- und Thomasstraße zu verbreitern. Da die Anliegerin, die Kirchengeuicinde St. Thomas in Berlin, sich weigert, das erforderliche Terrain abzutreten, soll das Enteigmmgsvcrfahrcn eingeleitet werden.— Im Mai v. I. gericth der Droschkenkutscher Lorenz aus Berlin in der Trunkenheit in dci: Wicsengrabcn und ertrank. Die Angehörigen des L. haben nun die Gemeinde für den Unfall haftpflichtig gemacht und klagen gegen dieselbe. Als Vertreter der Beklagten wird Justizrath Bürlner ernannt.— Genosse Ostermann brachte die ungcrcchtfcrtigte Entlassung eines Kutschers auf den: Riesclgut Waßmannsdorf zur Sprache und kritisirte bierbci die' schlechte»: Lohn- verhältnisse in Waßmannsdorf, vtcdncr stellte den Antrag, den Kutscher wieder einzustellen. Die Sache rief eine lebhafte Diskussion hervor, in welcher Schöffe N i e m e tz bestritt, daß die Löhne in Waßmannsdarf niedriger seien, als auf anderen Gütern. Die Entlassung des betreffenden Kutschers sei wegen Ungehorsams er- folgt.— Schließlich einigte man sich dahin, daß das Guts- kuratorium die Angelegenheit prüfen und demnächst darüber Bericht erstatten soll. Tic kouscrvatibc Sippe im Wahlkreise Tcltow-Bccskow, welche den Mangel sachlicher Gründe für ihre verderbliche Sache durch die dümmsten persönlichen Schimpfereien zu ersetzen sucht, ist jetzt auf einem Punkt angelangt, der denn doch gerade die w a h r- Haft ch r i stl i ch- konservativen Leute zu lebhaften: Wider- s p r n ch herausfordern müßte. In einem Flugblatt, das gestern angeblich zu gnnsten des Superintendenten Max V o r b e r g Verbreiter worden ist und das die Unterschrift des reaktionäre» Landtags-Abgcorduetcn Ernst R i n g trägt, tvird das zweite Gebot:„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen", durch folgende Worte in den Schmutz gezerrt: „Wenn die alten Deutschen m den Kampf zogen, riefen sie Wotan um Hilfe!" „Wem: die deutschen Landsknechte die Spieße senkten, beugten sie vor Gott das Knie!" „Wenn die deutschen Truppen die altbewährten rnhmgckröntcn Feldzeichen entrollten, erflehten sie des Allmächtigen Hülfe zum Kampfe und Siege!" „Wir rufen allen deutschen Männern heute zu: Mit Gott zun: K a n: P f gegen den U m st u r z für ehrliche Arbeit!" Wir nehmen an, daß der Superintendent Vorberg das Manuskript dieses Flugblattes nicht gelesen hat, dem: sonst hätte er nicht umhin können, gegen die Profanirung seines Gottes durch den schmählichen Mißbrauch, der mit dessen Namen getrieben wird, gerade im Namen des C h r i st e n t h u m s, dem er doch dienen will, feierlich und voller Abscheu Protest zu erheben. Oder sollte der Herr Superintendent wirklich ein Auge zugedrückt und cS gutgeheißen haben, daß der Name des„Allerhöchsten" durch gc- waltsame Hereinzcrrnng in eine so rein irdische, in eine so profane Handlung wie den W a h l k a in p f aufs schmählichste verunglimpft werde?' Wie dem auch sei, das gestrige Flugblatt wird in allen Kreisen, denen das Christenthum mehr ist, als ein schätzbares Mittel, sich nach oben hin beliebt zu machen, Abscheu er- regen und der konservativen Sache den schwersten Schaden zufügen. Es war ja stets das Berhängniß der reaktionären Gewalten, daß sie selber weit mehr zur Diskreditirung ihrer schlechten Sache beitrugen, als ihre Gegner je vermocht hätten. Uns Sozialdemokraten kann es schon recht sein, wenn auch hier wieder die alte Wahrheit bekräftigt wird. Ein Liebesdramn. In dem Gasthanse von Schcer in Char- lottenburg. Spnndaucrberg, suchte gestern früh gegen 6 Uhr der in Berlin, Stallschreiberstr. 11, wohnhaste 20jährige Fritz Fechtner zu» nächst seine Geliebte, die 26jährige Margarethe Leve, welche vorher verdünnte Schwefelsäure getrunken hatte, zu erschießen und darauf sich selbst durch Revolverschüsse zu entleiben. Nach vorgefundenen Briefen ist die Veranlassung zur That unglückliche Liebe. Ans dem Tegeler See gelandet wurde am Mittwoch Abend ein junger Mann,'der bei einem Ausflug der Musehold'schen Fabrik in der Rykestraße ertrunken ist. Der Ertrunkene ist der 22 Jahre alte Schlosser Karl Tischmeyer, ein Stiefsohn des Kanftnanns Münich aus der Kleinen Alexanderstraße 7. Gevichks-'Dettung. Warum ha» das Volk die Pflicht, durch sei» Votum dem Polizeistaat ein Ende zu bereiten? Am 27. April 1893 brannte es auf dem Gute Hcnriettenthal bei Idstein im Regierungsbezirk Wiesbaden. Als das Feuer schon im Erlöschen war, richtete der Gendarm Voigt an eine größere Anzahl Zuschauer— es sollen mehrere Hundert gewesen sein— die Anffordernna, sich von dem Gehöft zu entfernen. Die Art, wie er das that, erregte das Publikum sehr, besonders der Vergleich mit Maulaffen, den mehrere aus seinem Munde gehört haben wollen. Die Zuschauer gingen nicht fort, sondern gaben ihrem Unwillen in deutlichen Worten Ausdruck. Voigt zog jetzt den Säbel, packte als ersten den Fabrikarbeiter Merling an der Vnist und bemühte sich, ihn zurückzudrängen. Hierbei wurde Merling am Kopfe ver- wundet. Er soll gegen ein Wagenrad gestürzt sein, andererseits be- zeugten aber verschiedene der Nmstchendcn später, der Gendarin h a b e i h n mit d e m S ä b e l g e s ch l a g e n. Jedenfalls nahm die Wnth der Menge über das Vorgehen des Herrn Voigt so zu, daß sogar Rnfe, wie„Ins Feuer mit ihm!" ertönten. Auch wurde Voigt durch Steinwürfe verletzt. Anstuhrprozesse und eine Be- lcidigungsklage gegen den Redakteur Hoch, der das Ver- halten' des' Gendarmen in der Zeitung gerügt hatte, waren die nächsten Folgen. Hoch wurde freigesprochen, weil. daS Gericht annahm, es sei der Belvcis der Wahrheit dafür erbracht, daß Voigt den Meiling gegen den Wagen geworfen und mit dem Säbel über den Kopf geschlagen habe. Meiling verklagte dann den Gendarm Voigt wegen seiner Kopfwunde auf Schadenersatz in Höhe von 112 M. Das Landgericht zu Wiesbaden nahm an, M. sei mit dem Kopf gegen den Wagen gefallen, weil ihn der Gendarm zu heftig angepackt habe, und vcrnrtheilte Voigt, Schadenersatz zu leisten. Voigt hätte gegen M. nicht thätlich vorgehen dürfen. Nach- dem der Gendarm Berufung eingelegt hatte, erhob die Regierung zu seinen Gunsten den Konflikt und machte geltend, er sei über seine Amtsbefugnisse nicht hinausgegangen. Voigt sei ein pflicht« treuer und energischer Beamter, der sich bei den Sozialdemokraten durch sein Einschreiten gegen sozialdemokratische„Umtriebe" verhaßt gemacht habe. Das Ober- V e r w a I t u n g s g e r i ch t erklärte den Konflikt der Regierung nur zum theil für! be- gründet, so daß der Zivilstreit seinen Fortgang zu nehmen hat. Präsident Pcrsins gab folgende, äußerst bcincrlensimihe Begründung: Der Gendarm habe die Leute fort- weisen können, wenn er es nach seiner pflichtmäßigen Uevcrzeugnng im Interesse der öffentlichen Sicherheit und Ordnung für nvthia erachtet hätte. Die Anordnung verliere auch nicht S von ihrer Recht- Mäßigkeit, wenn sie in schroffer F o r m erfolge. Werve die be« rcchtigte Anordnnng nicht befolgt, dann könne der Gendarm sie zlbangStveise durchsetzen. Auf die Rufe ans der Menge, die er habe ansehen können als Ausdruck des Willens, der- An- ordnnng nicht zu folgen, habe er die Leute mit Gewalt zurückdrängen dürfen. Auch hier sei er b e r e ch tig t gewesen, den Kläger an der Brust z u packen, da er habe a n n e h m r» können, daß Rk. mit zn den Schreiern gehörte. sWicso? Infolge höherer Eingebung?> Insofern habe Voigt seine Aintsbeftigniffe nicht überschritte n. Dagegen liege eine Uebcrschreitnng der AmtSbcfnguisse insoweit vor. als Voigt»ach den AuS- sagen einer großen Anzahl Zeugen mit dem Säbel geschlagen habe, lind insoseru ici der Konflikt unbegründet. Wie ein rhrrnhaftrs Mädchen zur Verbrecherin werden kann, schildert eine von unsere»: Mainzer Partei-Organ gebrachte Gerichts- Verhandlung. Vor den: Schwurgericht halic sich wegen Mord- Versuchs. begangen an ihrem zwei Monate alten Kinde, die 20jährige Büglerin Luise Schlicht zu Vcrantlvorten. Die Be- schuldigte, welche von allen Zeugen alS ein braves und fleißiges Mädchen geschildert wurde, Ivar im vorigen Jahre von dem S o h n e ihrer Dienstherrschaft angeblich im Schlafe über- f a l l c n n n d v e r g e w a l t i g t ivorden. Die Folge dieser Ver« gcwaltignng war die Geburt eines Mädchens, das die junge Mutter nach dem benachbarten Hechtsheim in Pflege gab. Bei einem Wochcnlohn von 7 M. und freier Station fiel es ihr sehr schwer. die wöchentlich 2 Mark betragenden UntcrhaltlingSkosteu für das Kind anfznbriiigcn und nachdem sie vergeblich den Vater desselben um Unter st ü tz u u g g e- beten hatte, faßte sie in ihrer Verzweiflung den Entschluß. ihr Kind zu t ö d t e n, inn die Last los zn werden. Sic kaufte in der Apotheke ein sogenanntes Griinmensäftchen, vermischte dies mit 22 Phosphorftreichhölzerköpfen und gab das ganze in einer Sangflaschc dem Kinde. Am Himmelfahrtstag begab sie sich mit der eingewickelten Giftflasche zu ihrem Kinde nach Hechtsheim, schreckte aber vor der That zurück, als ihre Kleine sie anlächelte. Am Pfingstmontag führte sie indessen doch die That aus. indem sie noch etwas Milch dem Gifte beimischte und dem Kinde zu trinken gab. Hierauf begab sie sich nach Rtainz und kaufte einige Kleinigkeiten für das Kind, verschaffte sich aber auch gleichzeitig noch ein Fläschchen mit Phosphorsäure, da sie. der Wirkmig des von ihr zubereiteten Trankes nicht recht traute. Während der Abwesenheit der Angeklagten bemerkte die Pflegemutter den veränderten Znstand deS Kindes, dessen Ange» verdreht innren und dem der Schanni vor dem Mund stand und holte rasch den Arzt, welcher sofort Vergiftung konslatirte und Gegenmittel an- wandte, durch die das Leben' des KindcS erhalten blieb, so daß sich dasselbe gegcnlvnrtig wohl befindet. Staalsamvalt und Per- lheidigcr rügten in scharfen Worten das Verhalten des als Z c n g c n auwcsciidei! Verführers, was auf die Geschworenen einen solchen Eindruck machte, daß sie die Frage des Mord- Versuchs verneinten und mir mit Ilelierleginig ausgeführten TodfchlägSversnch ohne mildernde Umstäiide zuzubilligen nimnhmcii. Der Obcrstaatsanlvalt bcanlragte 6 Jahre Zuchthaus, xdas Gericht erkannte auf 3 Jahre Zuchthaus. llnscr Partciblatt ist leider nicht in der Lage, den Urheber deS BcrbrechciiS durch NaiiiciiSnemiimg an den Pranger zu stellen. Viel- leicht kann dies Vcrsäuinniß nachgeholt werden. Auch sollte man denken, daß der Staatsanwalt noch Gelegenheit findet, sich mit dein Elenden zn beschäftigen. Mit siinf Jahren Zuchthaus hat der 24jährige Schleifer Autoii B e f c l e r aus Berlin einen haarsträubenden lliifiig zn büßen, den er am 26. Februar dieses Jahres in der Triinkcii- heit bcgniigeii hat. Er war in schwer bezcchtcm Zustande bei Pankow auf das Bahngeleife geklettert, hatte dort Weichen- laterueu ausgelöscht und zertriimmert. sowie ciiieit Kiirveupfahl niisgerifsen und über das Geleise geworfen, so daß der bald heran- brausende Kremmener Zug nur durch einen Zufall der Entgleisung und dem Abstürze vom Bahndainni entging. Bcscler stand gestern wegen dieser gemeingefährlichen Haiidlungeii vor dem Schwurgericht ain Landgericht ll unter der Anklage, vorsätzlich einen Eisenbahn- Transport gefährdet zu haben und wurde zu der vorhin mitgetheilte» schweren Strafe vernrtheilt. Als der in der Kubc'schru Schlosserei angestellte Werkführer Lange am 24. April d. I. einen Zug aus der SchnapSflaschc that. spie er die Flüssigkeit mit Schrecken und Ekel wieder ans. Der Schnaps mußte von böswilliger Hand mit einer ätzenden Flüssigkeit versetzt worden sein, denn Lange spürte heftige Schmerzen im Munde und seine Zähne lockerten sich. Gerichtschemiker Dr. Jescrich. stellte denn auch fest, daß die Flasche ein Gemisch von zwei Theilen Schnaps und einem Schelle Salzsäure bestand. Der verdacht, diesen niederträchtigen Streich begangen zu haben, lenkte fich deshalb au' den ISjährigen Schlosserlehrling Wolfram, weil dieser kürzlich eine körperliche Züchtigung von Lange erhalten hatte und deshalb ihm feindlich gesinnt war. Wolfram erhielt eine Anklage wegen schwerer Körperverletzung, wurde aber vom Schöffengericht mangels genügen- den Beweises freigesprochen. Hiergegen legte der Staatsanwalt Be- rufung ein, mit der Begründung, daß der vorliegende Verdacht zu einer Verurtheilung ausreiche. Im gestrigen Termine wurde auch der Nebenlehrling des Angeklagten, der löjährige Otto Liebsch vernommen, welcher ebenfalls Gelegenheit gehabt hatte, die Salz- säure in die Schnapsflasche zu ziehen. Dem Zeugen wurde wieder- holt begreiflich gemacht, daß er auf die Frage, ob er selbst die That begangen habe, die Antwort verweigern könne. Der Zeuge machte von diesem Rechte Gebrauch und gab somit indirekt zu, das; er selbst der Thäter sei. Unter diesen Un, ständen zog der Staatsanwalt die von ihm eingelegte Berufung zurück. Gewevkfchnfkliches« Berlin und Umgegend. Achtung, Gewerbegerichtswahl! In nachstehenden Lokalen können die Arbeiter Berlins sich For- mulare zum Einzeichnen in die Wählerlisten für die Gewerbegerichts- Wahl beschaffen: Mörschel, Jüdenstr. 36/36. Linke, Zimmerstr. 33. Pr euß, Neue Friedrichstr 20. Werner, Bülostr. 59. Schonheim, Gräfestr. 8. Mülle r, Gräfestr. 31. K i tz i n g, Bellealliancestr. 74a. Zubeil, Lindenstr. 100. W. Börner, Ritterstr. 15. Pönitz, Brandenburgstr. 64. D o r n, Spittelmarkt 1, Ecke Seydelstr. Erbe, Cuvrhstr. 26. T o l k s d o r f, Görlitzerstr. 58. Streit, Naunhustr. 86. Heinrich, Nauuynstr. 78. G o I z, Grünauerstr. 3. S e i d l e r, Ratiborstr. 16. Zabel, Frankfurter Allee 90. S ch e e r e, Blumen- straffe 38. Lock, Grüner Weg und Koppeustr.-Ecke. Köpnick, Schilling- und Magazinstr.-Ecke. Neul, Barnimstr. 42. Schmidt, Louisenstr. 5. W i t t ch o w, Kl. Hamburgerstr. 27. S ch a p p a ch, Marienburgerstr. 9. I. Pfarr, Puttlitzstr. 10. Köhler, Calvin- straffe 11. Gleinert, Müllerstr. 7b. Bringmann, Prinzen- Allee 21. K n o b l i ch, Soldinerstr. 36. Klose, Hutmacher, Anklamerstr. 41. Augustin, Kastanien-Allee 11. Blaurock, Gipsstr. 16. Arbeitsnachweis der Lithographen Neue Friedrich- straffe 86. Arbeitsnachwels der Buchdrucker, Ritterstr. 83. Arbeits- Nachweis der Holz- und Metallarbeiter, Annenstr. 89. Arbeits- Nachweis der Buchbinder, Annenstr. 60. Im Gewerkschastsbureau, Annenstr. 161. Nur noch bis zum 30. Juni dauert die Ein- Zeichnung der Wählerlisten. Aufnahme Wochentags von 6—8 Uhr und Sonntags von 12—3 Uhr in folgenden Lokalen: P o st st r. 16, Zentralbureau, und in den Turnhallen der folgenden Gemeindeschulen: TempelhoferUfer 2; Strausbergerstrahe 9; Schmid st raffe 38; Skalitzer st raffe 55/56; Kastanien-Allee 82; Gips st raffe 23a; Pank st raffe 8 und Thurm st raffe 86. Die Berliner G e w e rks ch a fts- K o mmissio n. I. A.: Rud. Millarg. Sattler! Die Stockholm erSattler haben am 20. d. M. in der Anzahl von 120 Manu die Arbeit niedergelegt. Mittheilungen über den Grund des Ansstandes fehlen noch. Arbeitsangebote nach Stockholm sind zichückzuiveisen. Der Vor st and des Ver- b an d e s der Sattler und Tapezirer. Deutsches Reich. Eine sehr beliebte Nuternehnierpraktik ist die, Lohnabzüge mit dem Hinweis auf die biNiger arbeitende Konturrenz zu begründen. Diese Taktik befolgte vor kurzem Herr Gutfeld, Mechanische Stickerei im Andreashof, Berlin, indem er auf einen Artikel (Blousen), die bisher mit 8,50 M. bezahlt wurden, einen Lohnabzug von 2,50 M. ankündigte und das damit begründete, daß bei F r i t s ch e in A p o l d a dieselbe Arbeit für diesen Preis hergestellt werde. Die Arbeiter fragten bei genanter Firma an und es stellte -sich heraus, daff die Angaben des Herrn G u t f e l d unrichtig sind. Der Briefschreiber wurde sofort entlassen. Die Berliner T e x t i I- arbeiter richten an ihre Kollegen im Reiche, besonders an die in Apolda und Mülhausen, das Ersuchen, das obige zu beachten und falls sie bei G u t f e l d in Arbeit treten wollen, sich vorher an die Ortsverlvaltung Berlin I, K. Voigt, Frankfurterstr. 124, zu wenden. Zur Lohubewegung der Hamburger Bäcker ist zu berichten, daff die Arbeit fast ennnuthig niedergelegt ist; selbst die unorgani- sitten Gehilfen haben sich der Bewegung angeschlossen. Die Bäcker- meister suchen überall in der Provinz Bäckergesellen gegen hohen Lohn. Eine Anzahl Droschken haben diese Herren bereits in ihre Dienste genommen. Die»ach hier gelootsten Leute werden also per Achse nach ihrem neuen Wirkunskreise befördert werden. Die„Herren in der Backswbe" lassen sich's jetzt, wie zur Zeit des Hafenarbeiter- Streiks die„Herren im Hafen", etwas kosten; die nöthigen Mittel dazu haben diese Klein-Protzen ja. Es ist vor allem nothig, daff die Bäckergesellen im Reiche den Zuzug fern halten. Die Lohiikommission der Magdeburger Zimmerer ist mit dem Arbeitgeber-Verband in schriftliche Unterhandlungen zwecks Beilegung des Streiks getreten. Die Arbeiter beschweren sich namentlich darüber, daff die Unternehmer den im April festgesetzten Lohntarif nicht innegehalten haben, während die Meister das Gegen- theil behaupten. Den Schlnff der Arbeit an Sonnabenden um 5 Uhr wollen die Unternehmer bewilligen. Die Zimmerer Hauau's legten, 85 an der Zahl, die Arbeit nieder, weil ihre Forderungen: 40 Pf. Sttmdenlohn bei 10 stündiger Arbeitszeit(bisher 11 Stunden) nicht bewilligt wurden. Im Schnhmachcrstreik bei Regensteiner in München haben Unterhandlungen zwischen den Arbeiten! und dem Firnieninhaber stattgefunden. Der mit anwesende Fabrikinspektor war sichtlich be- müht, eine Einigung herbeizuführen, die Verhandlungen scheiterten jedoch an der Hartköpfigkeit des Unternehmers. HVtthlvovlÄjnmlungen. Im ersten Wahlkreise wurden am Mitttvoch Abend zwei Ver- sammlungen abgehalten. Die eine tagte bei B r ü n s ch, Jäger- straffe 69, und erfreute sich eines guten Besuches. Der Kandidat des Kreises Genosse Pötzsch kennzeichnete nochmals die Gefahren, die dem deutschen Volke drohen, wenn eine reaktionäre Reichstagsmehrheit zusammen kommen sollte und forderte die Anwesenden auf, im Interesse des Friedens und der Volksfreiheit am 24. Juni sozial- demokrattsch zu wählen. Seine Ausführungen fanden lebhasten Beifall und wurden von mehreren Genossen in wirksamer Weise unterstützt. Mit einem warmen Appell an die Versammelten, am Stichivahltage ihre Pflicht zu thun, schloff der Vorsitzende die Ver- samnilung. Im Lokale„Spreehallen" sprach Genosse T ä t e r o w über das Thema:„Wen wählen wir?" Nachdem er die Haupt- fragen, um die es sich bei dieser Wahl hai'delt, erörtert hatte, wandte «r sich den einzelnen Parteien zu und kritisirte namentlich die stet- finnige Volkspartei, die in polittscher wie wirthschaftlicher Beziehung das Vertrauen des Volkes sich längst verscherzt habe. Das Ver- trauen der grohen Masse des Volkes verdiene nur die Sozial- demokratte. Pflicht eines jeden sei es daher, am Tage der Stich- wähl für diese einzutreten. Da sich zu dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag Gegner nicht zum Wort meldeten, schloff der Vorsitzende die Versammlung mit einem dreifachen Hoch auf die Sozialdemokratte. Die Sttchwahl im dritten Berliner ReichStagS-Wahlkreise beschäftigte am Mittwoch Abend zwei Wähler-Versammlungen. In Brochnow's Saal, Sebasttanstrahe, referirte der Kandidat Genosse Wolfgang Heine, der eingangs bemerkte, daff Nur etliche 400 Stimmen es seien, die im ersten Wahl- gange für den Sieg der Sozialdemokratte fehlten. Er Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey i giebt der Hoffnung Ausdruck, daß bei entsprechender Agitation feiten» der Genosse« der dritte Kreis glänzend behauptet werde. Redner bespricht nun ein seitens der steifinnigen Bolkspartei heraus- gegebenes, von Naivetät und Unwahrheiten strotzendes Flug- blatt, in welchem für die Kandidaturen des Freisinns die Reklametrommel gerührt und die Sozialdemokratte, deren Endziel ein„Nattonal- Zuchthaus" bedeute, mit emem Schlage vernichtet werden soll. Den im Flugblatt niedergelegten Versprechungen der „Forttchrittsmänner" stellt er in kurzen Zügen unter wiederholtem Beifall der Anwesenden das bisherige Verhalten der Vertreter des Freisinns in den verschiedenen Parlamenten gegenüber, den Beweis erbringend, daß gerade die Freisinnigen es waren, die in letzter Legislaturperiode zur Enttechtung und Unter- drückung des Volkes das möglichste leisteten. In einem geharnischten Appell bittet er schließlich die Versammelten dringend, am 24. Juni den steismnigen Wahl-Schnorrern und-Moglerii die rechte Antwort für ihr Verhalten durch rastlose Agitatton für den Sieg der Sozialdemokratte zu geben. Eine Diskussion fand nicht statt. Nachdem der Vorsitzende noch ersucht, alle Kräfte für die Stichwahl zusammenzuziehen, damit der Sieg ein glänzender zu nennen sei, schließt die Versammlung mit einem Hoch auf die Sozial- demokratte. In Krieger's Salon kennzeichnete R o b. S ch m i d t die unzuverlässige Freisinnspolitik, die vorgiebt, demokratisch zu sein, aber nur zu oft die Interessen des Volkes verrathen und im Stiche gelassen hat. Der Kandidat des Kreises, W o l f g a n g Heine, wurde bei seinem Erscheinen lebhaft begrüßt. Unter jubelnder Heiterkeit zerlegte er mit wenigen kernigen Worten die spieffbürger- liche Kirchthurmspolittk der Freisinnigen, die in ihrem neuesten Flugblatt ihren Kandidaten besonders dadurch anpreisen möchten, daß er immer in der Luisenstadt gewohnt Habel Genosse M a a ff erinnerte bezüglich der Reden vom braven Herrn Dr. Langerhans daran, daß dieser im Jahre 1871 Arm in Arm mit dem damaligen Polizeipräsidenten an der Wahl- urne erschienen sei, um den damals noch demokratischen Fortschritts- mann sich neniienden Johann Jaeoby aus seinem Wahlkreise zu ver- drängen, was selbst bei freisinnigen Führern wie Franz Ziegler Widerwillen und Entrüstung erregte. Die Versammliing schloff mit stürmischen Hochrufen auf die Sozialdemokratte und den Kandidaten Heine. Fünfter Wahlkreis. Mehr als 2000 Personen hatten sich am Mittwoch zu der Volksversammlung des fmiften Wahlkreises ein- gefunden, welche im Grand-Hotel Alexanderplatz tagte.— Vor Eintreten in die Tagesordnung ehrten die Versammelten das Ableben des Dichters und Genossen Jakob Audorf durch Erheben von den Plätzen.— Dann nahm Genosse Stadthagen das Wort zu einem Referat, welches sich mit den Reaktionären aller Parteien be- schästigte. Eine ungeheure Begeisterung ließ den Redner zu wieder- holten Malen minutenlang nicht zum Wort kommen. Dann schritt man zur Diskussion, in welcher sich verschiedene Genossen im Sinne des Referenten aussprachen, bis unter allgemeinem, lautem und an- haltendem Jubel der noch in vorgerückter Stunde eingetroffene Kandidat des Kreises, Genosse Robert Schmidt, einige Worte an die Anwesenden richtete. Nach einem domierndeii Hoch auf die Sozialdemokratie und auf Robert Schmidt schloß die Versaminlung. Tie Freisinnigen deö dritten Wahlkreises hielten am Mitt- woch eine Wählerversammlung bei Buggenhagen ab. Der Saal war vollständig gefüllt, jedoch wenigstens zu einem Drittel von Sozialdenlokraten. Der Referent, Rektor Bandt, bekämpfte die Sozialdemokratie nach der bekannten steisinnigen Schablone zum theil mit sehr kleinlichen Mitteln. Im übrigen machten sowohl das Referat wie namentlich die Ausführuiigen der Herren Dr. Lange r- hans, Rosenolv und anderer Redner den Eindruck, als ob im dritten Wahlkreise nicht zwei in ihren Gruiidanschauuilgen ganz entgegen- gesetzte Parteien, sondern zwei verschiedene Personen um das Mandat kämpfen. Von freisinniger Seite wurden immer wieder die persön- lichen Eigenschaften des Herrn Dr. L a n g e r h a n s, sein uubeug- sanier politischer Charakter, seine Ehrenhaftigkeit gerühmt und dem- gegenüber der sozialdemokratische Kandidat als der unbekannte Mann hingestellt, von dem man nichts weiter wisse, als daß er im Herzen gar kein Sozialdemokrat sei, denn er befinde sich ja im Wider- sprach mit seinen eigenen Genossen. Die Freisinnigen scheinen des naiven Glaubens zu sei», sie könnten mit derartigen Redensarten, und indem sie sich als Arbeiterfreunde hinziistellen bemüht sind, Stinimen aus dem sozialdemokratischen Lager an sich ziehen. Daß sie auf Unterstützung der Anttsemiten nicht rechnen können, sagte ihnen ein antisemitischer Redner mit deutlichen Worten. Der Verlauf der Versammlung war ein äußerst stürniischer und tumultuarischer. Schon vor Eröffnung derselben sollte jemand hinaus- geworfen werden, der den Versuch machte, ein Flugblatt der sozial- demokratischen Handlungsgehilfen auszulegen. Es kam deshalb zu lebhasten Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Freisinnigen und Sozialdeinolraten. Waren die Geniüther schon durch diesen Vorfall erhitzt, so steigerte sich die Erregung noch, als der Vorsitzende jedes- mal, wenn von unseren Parteigenossen Zwischenrufe gemacht wurden, mit der Drohung antwortete, er werde von seinem HanSrecht Gebrauch machen. Der erste Redner unserer Partei, der, wenn auch nicht mit großer Redekunst, so doch durchaus sachlich gegen das Referat polemisirte, wurde von den Freisinnigeii nieder- gebrüllt und muffte infolge dessen abtreten. Beim Länn- niachen thaten sich ganz besonders einige behäbig aus- sehende Herren mit goldenem Kneifer, schweren Ilhrketten und Brillantringen an den Fingern hervor. Es war ihnen offenbar un- bequem, eine andere Meinung zu hören und deshalb machten sie einen solchen Radau, das imsereni Redner das Weitersprechen un- möglich wurde. In ähnlicher Weise wurden auch andere Redner unserer Partei unterbrochen. Dies Verhalten der Freisinnigen reizte begreiflicherweise unsere Parteigenossen, die nun auch durch laute Zwischenrufe dagegen protestirten. Nachdem mehrere freisinnige Redner gesprochen hatten, meldete sich unser Parteigenosse Timmel zum Wort. Man machte erst Schwierigkeiten, weil er nicht im dritten Wahlkreise wohnt, auch wurde bezweifelt, ob er das wahlfähige Alter habe, dann wurde ihm aber doch das Wort ertheilt. S i m m e l begann:„Meine Herren, es wird bezweifelt, ob ich wahlberechttgt bin. Ich höre vom Vorftandsttsche her allerlei faule Bemerkungen"...(Wie Timmel später unserem Berichterstatter mittheilte, bezog sich diese Aenßernng auf Redensaften wie:„grüner Bengel", dummer Junge", „Sie haben noch gar nicht mitzureden" und so weiter, die von Herren am Vorstandstische gemacht wurden.) Nun erhob sich ein wüster Tumult. Timmel wurde auf Verlangen der steisinnigen Mehrheit das Woft entzogen, und als er den Platz auf der Redner- bühne nicht sogleich verließ, faßte ihn ein Herr vom Vorstande an den Arm, schob ihn unsanft nach dem Hintergründe der Bühne und stieß ihn zur Ausgangsthür hinaus. Hierdurch auf das höchste erregt, kam ein Theil unserer Genossen, meist junge Leute, aus dein Hintergrunde des Saales bis vor die Bühne, gab ihren Unwillen über die Behandlung Sinimel's kund und verlangte, er solle das Woft erhalten. Vor der Bühne bildete sich ein dichter Knäuel wild durcheinander schreiender Menschen, aus dem sich Fäuste drohend gegen den Vorstandsttsch emporstreckten. Heftige Wofte wurden hinüber und herüber ge- ■chlcudcrt. Der Tumult hatte eine solche Ausdehnung angenommen, daff es auch dem lungenstästigsten Redner nicht mehr gelingen wollte, sich Gehör zu verschaffen. Die Pafteileidenschaft ans beiden Seiten hatte die parlamentarische Ordnung unterdrückt und das Weitertagen der Versammlung vereitelt. Einen tumultuarischen Verlauf nahm die Versammlung, die der Verein.Waldeck" am Mittwoch nach dem Alten Schützen- hause, Liniensttaße, einberufen hatte und in der Herr Dr. Zwick, der Kandidat der Freisinnigen und Herr F i s ch b e ck referirten. Bei den Ausführungen desHermZwick, der sich fast ausschliefflich mit derSozial- demokratte beschäftigte, machte sich bereits eine lebhaste Unruhe bemerkbar. Ms nun nack, Beendigung dieser„Rede" auf die Aufforderung des Vorsitzenden hin, Herrn Zwick ein Hoch ausgebracht wurde, beantworteten dies unsere Parteigenossen mit einem stäftigen Hoch auf unseren Kandidaten, den Genoffen Robert Schmidt. Das » Berlin. Für den Jnseratentheil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin.' verankaßte den Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt Sonnenfeld, der vordem schon mit dem Hinanswerfen gedroht hatte, den Sozialdemokraten den Saal zu verweisen, die auch, nach- dem ein Genosse dazu aufgefordeft hatte, in beträchtlicher Anzahl die Versammlung verließen. Ebenso wie Herrn Zwick, der sich wenigstens gegen die ostelbischen Junker und den Bund der Landwifthe mit einigen Worten wendete, interessiften auch Herrn F i s ch b e ck das Wahlrecht, die Koalitionsfreiheit, das Vereins- und Versammlungsrecht u. f. w. nicht im geringsten. Der ganze Rede- schwall der beiden Neserenteii ergoß sich aus die Sozialdemokratte und es hatte den Anschein, als hätten die Redner alle im letzten Wabl- kämpf von erzreaktiouären Parteien gegen die Sozialdemokratie heraus- gegebenen Flugblätter gesammelt und zusammen mit Eugen Richter's Irrlehren als Unterlage und Material zu ihren Reden benutzt. Was hier in dieser kurzen Zeit an Verdrehungen, Verdächtigungen und Entstellungen über die Ziele der Sozialdemokratie geleistet wurde, spottet jeder Beschreibung. Es lohnt sich aber auch nicht, auf die längst abgedroschenen Phrasen, womit die Freisiiinigeii höchstens noch in Ostelbien Stimmenfang treiben können, und auf das öde Geschimpfe gegen die Sozialdemokratie und ihrerFührer einzugehen. Charakteristisch für den„Freisinn" ist es, daff die Aussühningen den Beifall eines Vertreters der Konservativen fanden, der den Freisinnigen die Stimmen der Konservativen, Christlich- Sozialen und Antisemiten für den Kandidaten Zwick versprach und als Gegenleistluig„nur einige kleine Nachrichten in der freisinnigen Presse, daff die Freisinnigen im Lande eventuell auch für die Konservativen eintreteil", verlangte. Der Dank, den der Vorsitzende Rechtsanwalt Sonnenfeld für diese Unterstützung erstattete und die Angabe, daß die Freisinnigen des fünften Kreises keinen Einfluß auf die Partei im Lande ausüben können, genügte dem Vertreter der Konservattven nicht und er forderte noch energischer eine bestimmte Zusage, die er mit der Drohung verquickte, daß sonst die Unterstützung für den Kandidaten Zivick ausbleiben würde. Herr Sonnenfeld nahm nunmehr Veranlassung, die Berühruiigspiinkte der Konservativen mit den Freisinnigen hervor- zuHeben, die Liebe zum Vaterland, zum Königthnm, zur gegen- wärtigen Gesellschaftsordnung u. dgl. und schildefte in bombastischen Worten„den gemeinsamen Feind des Bürgerthums", die Sozial- demokratte, die die Monarchie bekämpft, die gegenwäftige Gesellschnfts- ordnung umstürzen will, die Existenz auch der konservativen Kreise gefährdet, das Privateigenthum beseitigen will u.s.w. Keiinzeichiiend für die steisinnigen ManneSscelen ist es, daff die wenigen, die gegen dieseZu- muthung iiiid gegen ein derartiges Bündniff protestirten, durch den Jubel ob der Versprechungen der Konservattven übertönt wurden. Obwohl man den Vertreter der Konservattven zweimal zum Woft kommen ließ, wurden selbst die eigenen Pafteisteunde, die sich zur freisinnigen Partei bekannteii, niedergebrüllt, wenn sie es wagten, die Kampfes- weise gegen die Sozialdemokratie zu kftttsiren oder gegen das Bündniff'mit den Konservativen zu sprechen.„Der macht uns alles zu schänden! Der verdirbt uns wieder alles I" Das waren die Zwischennise, die man trotz des ohrenbetäubenden Lärms, der mit wenigen Unterbrechungen fast während der ganzen Versammlung herrschte, vernehmen konnte. Ebenso muffte ein Vertreter der deutschen Volkspartei, der seine Stellung zu den bevorstehenden Stichwahlen präzisiren wollte, abbrechen, da er sich bei den Versammelten, die gruppenweise wie bei einem Jahrmarktsttubel herumstanden, kein Gehör verschaffen konnte. Die Koryphäen des Freisinns hüllten sich zu den Forderungen des Konservativen in Schweigen und die Ver- sammluiig wurde, während dem Herr Fischbeck und andere Herren noch mit dem konservativen Vertreter privatim eifrigst unter- handelten und wahrscheinlich auch das Geschäft, das man nicht öffent- lich abmachen wollte, zum Abschluß brachten, nach der obigen Er- klärung des Vorsitzenden schleunigst geschlossen. Neue Anhänger hat die steisinnige Partei durch diese Versammlung gewiß nicht ge- Wonnen. Charlottenburg. Eine ganz außerordentlich gut besuchte Per- sammlung, bei welcher der Andrang so groß war, daß die Tische entfernt iverden mufften, fand am Dienstag in„Bismarckshöhe" statt. Genosse Arthur Stadthagen behandelte in sachlichen und zündenden Worten den Kampf der vereinten bürgerlichen Pafteien gegen die Sozialdemokratte bei der in wenige» Tagen stattfindenden Stichwahl. In seinen Ausführungen nagelte der Referent alle die Angriffe der Junkersippe auf die Rechte und auf die Freiheit des Volkes fest. Mit allen Kräften müßte diesen konservativen Volksausplünderern entgegengearbeitet iverden. Und gerade in diesem Wahlkreise, speziell in Charlottenburg, sei eS die Ausgabe der Arbeiterschaft, nicht nur ihren Kandidaten Ffttz Zubeil zum Siege zu verHelsen, sondern in überwälttgender Stimmen- Majorität den Gegnern zu zeigen, auf wen die eigentliche Wahl des Volkes falle. Brausender Beifall lohnte dem Redner für seinen voftrefflichen Vortrag. Man trat nunmehr in eine Diskussion ein. Genosse Ledebour nahm das Wort, um mit einigen Worten die Taktik der Gegner in ihren Versammlungen gegenüber anwesenden Sozialdemokraten zu belenchten. Genosse Sigrist forderte die An- wesenden zur regsten Agitation auf und ersuchte, am Tage der Stich- wähl sich doch' den eiiizelnen Bureaus zahlreich zur Verfügung zu stellen. Hierauf schloff die begeisternd verlaufene Versamniluug mit einem dreifachen Hoch auf die Sozialdemokratte. VerfolnrurlttNAett. I» der Vcrsaninilung der Freien Vereinigung der Bau- nrbcitcr sprach am 12. d. M. Fritz Erfurth. Sodann wurde der Vorstand gewählt: E r f u r t h und B e r e n d t als Vorsitzende. I Ilm an n und Furch, ixx„ls Schriftführer, Kiekeber und T h r a n als Kassirer, B a r t h e l s, Schuh mann und Aberham als Revisoren. Die Freie Vereiiligung der Zivil-BcrufSuiusiker hielt am 21. Juni ihre ordentliche Mitgliederversamnrlnng ab. Auf der Tages- ordnung standen nur Vereinsangelegenheiten. Ausgeschlossen wurden drei Mitglieder, die sich gegen die Statuten vergangen hatten. Nack-- dem noch Hoch die Kollegen aufgefordert hatte, sich recht zahlreich an der Wahlarbeit zur Stichlvahl zu betheiligen, erreichte die Ver« sammlung ihr Ende. Im Fachvcrcin der Holz- und Vrcttcrträgcr wurden nach einem Vortrage von Bruno P ö r s ch 10 neue Mitglieder nus- genommen. Nach Erledigung verschiedener Vereiusaugelegenheiten wurde die Versamniluiig geschlossen. Die nächste Versammlung findet am 17. Juli bei Ewald, Schönleinstr. 6, statt. Zlllgeuietiie Kranken- und Sterbckasse der Nketallarbeitcr (E. H. 28, Hamburg,) Filiale Berlin ö. Sonntag, den 26. Juni, vormittags 10 Uhr: Mitgliedelvcrsamniliuig bei Diecke, Ackerstr. 12s. Briefkasten der Redaktioir. Tie juristische Sprechstunde findet am Montag, Donnerstag und Freitag von t» bis 7 ilhr abends statt. Slin Freitag fällt diesmal wegen der Stichwahl die Tprechstnnde ans. G. H. 15. Mädchen bedürsen bis zun» zurückgelegten 24., Männer bis zulil 25. Jahre der väterlichen Einwilligung zur Heirath. Vom l. Januar 1900 ab genügt die Znrücklegnng des 21. Lebensjahres.— Stöcker. Ja. WItternngsnbersicht vom 83. Juni 1898. morgens 8 ilhr. Wetter-Prognose für Freitag, 84. Juni 1898. Nachts etwas kühler, am Tage wärmer, zeitweise heiter, vielfach wolkig mit etwas Regen und schwachen südwestlichen Winden. Berliner Wette rbureau. )ruck und Verlag von Max Bading in Berlin Nr. 145. 15. Inlirpig. 2. jlriliiit Ks Jotmiitls" Srtliiitr loMInlt. Freitag, 24. Jini 1898. Nttsere Postabomicuten wollen«mgehend das Abonnement ernenern, damit in der Zustellung keine Untcrbrechttttg eintritt. Was hat sich der Wähler für die Stich- wähl am 34. Jmn zu merken? Einladungen zur Wahl werden nicht versandt. Jeder über 25 Jahre alte Wähler des Kreises, in dem die Stichwahl stattfindet, muß nneiugeladen am 24. Juni nach seinem Wahllokal kommen. Ge- wähli wird nach den Listen, die bei der Hauptwahl benutzt wurden. Jeder nrnß in den: Wahllokal wählen, welches für den Bezirk bestimmt ist, in dem seine Wohnung bei Aufstellung der Wählerlisten lag. Bevor der Wähler das Wahllokal betritt, versieht er sich mit einem Stimmzettel. Die Stinnnzettel sind außerhalb des Wahllokals mit dem Namen des Kandidaten, welchem der Wähler seine Stimme geben will, ge- schrieben oder gedruckt zu versehen. In Berlin werden den Wählern genügend gedruckte Stimm- zettel zur Verfügung stehen und ist vom Wahltisch eine Kontrolle, für welche Partei der Wähler stimmt, ausgeschlossen, da sich sämmt- liche Parteien geeinigt haben, Stimmzettel von gleichem Papier und gleicher Größe auszugeben. Wird dem Wähler etwa von einem Vorgesetzten oder sonstwie ein Stimmzettel aufgenöthigt, so kann er sich dadurch helfen, daß er den darauf gedruckten Namen durchstreicht und einen anderen, also den von ihm gewünschten Namen darauf schreibt. Solche Zettel haben volle Giltigkeit. Der Stimmzettel muß von weißem Papier sein und darf nur den Namen eines Kandidaten enthalten. Ungiltig sind Stimmzettel, die I. nicht von weißem Papier oder mit einem äußeren Kennzeichen versehen; II. keinen oder keinen lesbaren Namen enthalten; III. aus welchem die Person des Ge- wählten nicht unzweifelhaft zu erkennen ist; IV. auf welchem mehr als ein Name oder der Name einer nicht wählbaren Person ver- zeichnet ist; V. Stimmzettel, die einen Protest oder Vorbehalt ent- halten; VI. Stimmzettel, die den Namen eines nicht zur Stich- wähl stehenden Kandidaten enthalten. Hat der Wähler den Stimmzettel, den er abgeben will, in der Tasche, so mag er ruhig die von gegnerischer Seite angebotenen Zettel nehmen und diese dann mit dem ihm passenden vertauschen. Es ist gut, eine Legitimation(Miethskontrakt, Heirathsurkunde, Steucrquittung u. s. w.) mit in das Lokal zu bringen, wenn auch die Wahlvorsteher kein Recht haben, eine solche zu fordern. Der Wähler muß sich möglichst zeitig am 24. Juni in das Wahllokal begeben. Denn die Wahlhandlung beginnt am 24. Juni um 10 Uhr vormittags und wird bereits um 6 Uhr nach- mittags geschlossen. Der Wähler, welcher seine Stimme abgeben will, tritt an den Tisch, an dem der Wahlvorstand sitzt, nennt seinen Namen und giebt seine Wohnung, Straße und Hausnummer an. Der Wähler über- giebt, sobald der Protokollführer seinen Namen in der Wählerliste aufgefunden hat, seinen Stimmzettel dem Wahlvorsteher oder dessen Vertreter, der den Zettel uncröffnet in das auf dem Tische stehende Gefäß zu legen hat. Der Stimmzettel muß derart zusammengefaltet sein, daß der auf ihm verzeichnete Name verdeckt ist. Das Sitzen im Wahllokal und das Notiren der Abstimmenden darf niemandem untersagt werden, soweit Platz im Lokal vorhanden ist. Eine durchaus ungesetzliche Verfügung ist zum Beispiel die, daß nur Wahlberechtigte oder nur Ortsangehörige im Lokal sich aufhalten dürfen. So ist vom Reichstage und vom Kammcrgericht bei Gelegenheit früherer Reichstagswahlen entschieden. Wahlvorstände, welche irgendwie ungesetzlich vorgehen, können unter Umständen mit sehr langen Freiheitsstrafen belegt werden. Zur gefälligen Beachtung für gewisse Lente unter unseren Gegnern: Z 109 des Strafgesetzbuchs lautet:„Wer in einer öffentlichen Angelegenheit eine Wahl stimme kauft, wird mit Gesängniß von einem Monat bis zu zwei Jahren bestraft; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden."_ Briefkasten der Redaktion. H. K. v. Rügen. Büßende ließen sich früher den Kopf ganz kahl scheeren, diesem Beispiel folgten die Mönche, und von diese» ging eS im sechsten Jahrhundert auf die katholische Christenheit über. Die römische Tonsur unterscheidet die höheren geistlichen Würden von den niederen. Scherf. Ein überlautes Schreien kann verboten werden. Geschieht die Anpreisung in, wenn auch lebhafter, aber nicht überlauter Art, dann ,s ein Einschreiten unbegründet. Bob. Nein. St., Görlitzerstr. OS. Sie können es in jedem Wollwaarengeschäft erfahren. st WäKIei*.' Heute, am Tage der Stichwahl zum Reichstag, htn 34. Juni, abends 8% Uhr: Mks-Versammlnngen. 1. Wahlkreis: Feenpalast, Burg-«. Wolfgangftr.-Ecke. 2. Wahlkreis: Bockbranerei, Tempelhofer Berg. Bickel, Hasenhaide 52153* 3. Wahlkreis: Armin-Hallen, Kommandantenstr. 30. Ressource, Kommandantenstr. 57. Brochnow, Sebastianstr. 39. Spielberg, Köpnickerstr. 63. Möhring, Admiralstr. 18 c» Sanssouci, Kottbnserstr. 4a. 5. Wahlkreis: Brauerei Friedrichshain(sr. Lips.) Griindel, Brnnnenstr. 188. Altes Schiitzenhans, Linienstr. 5. Miiiiipiig der WahlresMe. Um zahlreiches Erscheinen ersuchen 214/1 Die Einberufer. Achtung! Parteigenossen Berlins. Aclltllng! Sonntag, den 26. Juni, im„Müggelschlösschen"(Friedrichshagen): Grosses sozialdefliokratisches Uolks-Fest arrangirt von den Partelsenossen de» 4. Berliner Relchatngs-Walilkrelse». Gi*OSSes Instrumentcil-IConzert unter Leitung des Hrn. Grass. �fokal-Koaizert, ausgeführt von Mitgliedern des Arbeiter-Sängerbundes unter Leitung des Herrn B l o b e l. GrostcS Schan-Turuen des Turnvereins„Fichte", ausgeführt von 800 Mitgliedern. Schwiinmklnv. Rudervereiii. Bolksfeftzug. Volköbelustignugen jeder Art. unter anderen besonders hervorzuheben: „(Dhinssisn." Großes chinesisches Ordenssest der Ritter vorn Orden der Ouadderbacken, den lieben La-us-ej-nn-gc-ns gegeben vom stummen Heiligen von Sa-ar-ar-ab-i-e». Z1b/10 Großer chinesischer Stadtbau init Theater». Museen. Arena« vielen Bataren, Thechänsern. echten arbeitenden Handwerkern». f. w. Gegen 10 Pf. Zollgebühr ist jedem anständigen Fremden unter dem Schutz der vorzüglichen Schaild-arin-erie der Eintritt gestaltet. Alle Aufführungen werden von Künstlern ersten Ranges ausgeführt. Die Kaffecküchc ist den ganze» Tag zu eruiäfttgtein Preise geöffnet Für Transportmittel hin und zurück ist bestens gesorgt. Um zahlreiche Bctheiligung bitten Billet inkl. Urbcrfahrt 80 Pf. Kinder frei. Die Vertrauensiiersonen. Mm! Volks-Fest in Friedrichsliagen! Mtinis! pfT* Dampferfahrt noit Cllft Alfen(»nhe der Tisileslslhen Briilke) nach dm Jestplah Müggelschloß. Die Genossen des Süd-Ostens fahren präzise 7 Uhr früh ab, die Genosse» des Osteils präzise 8 Uhr früh. Die Fahrzeuge, welche von den einzelnen Fahrgästen zu benutzen sind, sind durch Plakate erkenntlich gemacht. Theilnchmer wollen die Fahrkarten bis spätestens Sonnabend Abend an den unten bezeichneten Stellen in Empfang nehmen. Für den(Siid-Oaten bei Erbe. Euvrhsir. 25; Tolksdorf, Gärlitzerstr. 58; Streit. Naunhnstr. 86; Goltz. Grünauerstr. 3,— Für den Osten bei Otto Franke, PaNisadeustr. S; Franz Thielke.Pallisadenstr. 52; Fritz Wilke. Andreasstr. 26. 215/13 Fahrpreis 80 Pf. Das Comlt€. Parteigenossen von Teltow-Beeskow-Storkow-Cliarlottenlmr�! Sonntag, d. 26. Juni, im Strandschloss am Müggelsee: bei freiem Entree. IM- Arrangirt von de» Parteigenossen Clipeniehs. Konzert, Perloosung, UM** Gr. Wald-Fest Gesangsanfführnnge», Volksbelnstigunge» aller Art. Im Säalc Tan?.. Die Kaffeelüche ist den ganzen Tag geöffnet.— Dauipferverbindung von Cöpenick(Station Schütze, Wilhelmstr.) um 8 u. 12 Uhr. Person 15 Pf. Um zahlreiche Bclheiligulig bitten s205/10j I. A.: Die Festordner._ uar Atsjkung!'HW Teltow-Beeskow-Storkow- Cha rlo tt eu bur g. Di« Vertrauensmänner resp. Vorsitzenden der Wahlkomitee'S werden dringend ersucht, die Wahlresultate Nlit Stiminenangabe der ein- zelnen Wahlbezirke auf dem schnellsten Wege nach Lindeustrafte 106, behufs Feststellung des Resultats, gelangen zu lassen 205/12 Da» Zentralleoiultee. I. A.: Zubell. , Zahlstelle Berlin. Montag, den 37. Juni 1898, abends 8 Uhr. im Lokale des Herrn Sodvnlnx, Köpuickerstrafte 68: Versammlung der Einsetzer. Tagesordnung: Unserere Arbeitsverhältnisse Die Mitglieder werden gebeten, recht zahlreich zu erscheinen Verschiedenes. 81/18 Große öffentliche Versammlung heute Freitag, abeuds 10 tthr, im Lokale des Herrn Zubeil, Lindeustraffe!<)<». Tages-Ordnung: Vevlründignttg dev IVnszlvvZ'altÄte. 205/11 Da» Zentral»■WaUlhoniltee für Teltow- Heeskow- Storkow- Große WiiOkMtlk mit M«M (Uli Toillltilg, Seil 26, Juili, nach Uediltz bei PotsSm veranstaltet vom 1"0/g Uerein deutscher Schuhmacher (Filiale Charlottenburg). BilletS für Hin- und Rückfahrt i 1.35 M.(Kinder frei) sind noch am Dampfer zu haben. Abfahrt vom..Schlütersteg"(am Bahnhof Friedrichstraße) morgens 6 Uhr; in Charlottenburg, Wegencrs Kohlen- platz, an der Ichloßbriicke, morgens 7 Uhr; in Spandau, Charlottenvrücke, morgens 8>/z Uhr. Um geneigten Zuspruch bittet Das Komitee. Verband der in Buchbindereien, der Papier- und Leder-Galauteriewaaren-Jlidustrie beschäft. Arbeiter und Arbeiterinnen Dentschlands. (Zahlstelle Berlin.) Die nhekste M itglleder- Versammlung findet am Montag, den 4. Juli| Alte Jakobftr. 75. statt. Heute, Feeikng, bleibt unser Bureau geschlossen. Formulare zur Eiiitraguug in die Wählerlisten zur Gewerkc- gerlchtswahl sind im Bureau, Aunenstr. 50, zu haben. 24/13 Bontag, den 18. Juli 1808: Grosses Sommer-Fest zur Feier des Outen Montag-s In der„Kcnen Welt", Hasenhalde Xo. 14/15. Konzert, Spezialitäten I. Ranges, Grosser Ball. Billets ä 20 Pf. sind in allen mit Plakaten belegten Handlungen, in unseren Zahlstellen sowie beim Komitee zu haben._ Sonnabend, de» 25. Juni, abends SVa Uhr. Melchiorstrafte 15; ÜäF" Versaniinlung."WG xss/is Tagesordnung: Vereinsangelegenheiten. Der Vorstand. Verem deutscher Schuhmacher. Filiale V(8el>Uktehranehe). Sonnabend, den 25. Juni, bei Schiller, Rosenthalerstraft« 57: Berfammluug. 170/8 llrtsvereiu Lerlmer Luedäruekvr, Scbriitgiesser und verwandter Bernfsgesossen. Sonntag, den 26. Juni 1898: 35/7» Sommer-Fest in den»Arminhallen», Kommandantenstrafte 20. Vokal-Konzert: Arbeiter-Gesangverein„Nordwacht"(Mitgl. des A.-S.-B.) Jnslruniental-Konzert: Musikdir. Haschet(Fr. V. der Z.-B-M.) Anfang 4 Uhr. Im Saal: Ta»�. Entree 30 Pf. Billets in den Arminhallen und beim Komitee. DaS Festkomitee. Ordrntl. Gkneml-VeOmmlum der Banhandwerke:- Krankenkasse für Berlin Inb Umgegend (Eingeschriebene Hilfskasse No. 118) Sonntag, den 24. Jnll, vormittags 10(Jbr, bei Herr» HoiTmann, Alexunderstr. 27c. Tages-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes und Abrechnung dcs Kasstrers vom II. Quartal, sowie Revisionsbericht. 2. Bericht des Ausschusses. 3. Wahl färnmtlicher Hilfskasstrer. 4. Innere Kasicnangelcgenheitcn. Die Versammlung wird piiiiltltch eröffnet. Mitgliedsbuch legitimirt. 38/6 Der Vorstand. I. A.: H. Mctzke. Allen Freunden und Bekannten die traurige Nachricht, daß mein über alles geliebter Man», der Schanklvtrth Heinrich Oottwald im 63. Lebensjahre nach kurzem Krankenlager am 22. Juni sanft ent- schlafen ist. Um stilleS Beileid bittet Die trauernde Wittwe Auguste Gottwald, geb. G r v f ch k e. Die Beerdigung findet Sonnabend, nachmittags 3 Uhr, voni Trauerhausc, Koppenstr. 32, aus nach dem Georgen- Kirchhof, Landsberger Allee, statt. Ein kaufen aligbarcs Milchgeschäft zu ver- ssixborf, Schöncweidcrstr. 13. ArbeitsllllM W. Fahr Brnnnenstr. 112. Zimmer, 2 gut möbl., sind bill. zu verm. Scydclftr. 1, r. 4 HOB Carl Becker ßigarren, Gigarretten, Tabake Gertchtstr. 28, Bahneingang pari. Arbeitsliillrkt. Für meine Schlosserei suche ich einen Schlosferiueifter. Ernst SeknliE, Drahtzann-Fabrik, Köpnickerstr. 56. 54572* Tüchtige Kolsillttiisührer ll. iU'btitm 5482«. Nil Astiltöiistrilktioiltn finden dauernde gutbezahlte Stellung. Herrmann Fritzsche, Leipzig. Gothisches Bad, Berliner Bahnhof. Farbigmacher und Berstlberer Verl. 4108b Andreasstr. 10. Metlllldl'iicktt nur für Ov°l v°rl. _ Voeltzkow, Ritterstr. 15, dittdatt Arbeiterinne» verlangt plllllüll5 Neue Friedrichstraße 48. 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