Ztr. 149. Absmuments-gedingungen: Abonnements-Preis pränumerando: vierteljährl. Z,so Mb, monatl. l,l0Mb, wöchentlich 2S Pfg. frei ins Hau», Smzelns Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit illuftrtrter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: Z.M Marl pro Quartal. Singetragen in der Post-ZettungS- Preisliste für 139» unter Dr. 7S7S. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland S Marl pro Monat. Erscheint täglich nufter Montag«. Vevltnev Volksvl�kt. 15» Jahrg. Die Instrtwns- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel» »eile oder deren Raum so Pfg., für Vereins- und BersainmlungS-Anzeige», fowte Arbeitsmarkt 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis t Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis S Uhr vormittags geössnet. Fernsprecher: Amt I. Nr. IVOli. Telegramm- Adresse: „SoiialdemoKrak Serltu". Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Redaktion: SW. 19, Veuth-Slratze 2. Mittwoch, den Ä9. Juni 1898. Expedition: SW.�, Beutlz-Stratze 3. Bezugs- Einladung. Am 1. Juli 1898 beginnt ein neues Abonnement auf den mit der illustrirte» Sonntags-Beilage „Die Vvnv LVrlk." Wir ersuchen unsere Parteigenossen und Parteigenossinnen um eifrige Mitarbeit zur Heranziehung neuer Leser des„Vorwärts" und damit neuer Kämpfer für unsere Partei. Für Berlin nehmen sämmtliche Zeitimgsspediteure sowie«nsere Expedition, Bcuthstr. 3, Bestellungen entgegen zum monatlichen Preise von l Mark 1« Pfennigen frei ins Hans. Für außerhalb nehmen sämmtliche Postanstalten Abonnements zum Preise von S Mark S« Pfennigen fiir die Monate Jnli, Angnst und September entgegen.(Eingetragen ist der„Vorwärts" in der Post-Zeitungsliste für 1898 unter Nummer 7576.) Die Redaktion des„Vorwärts". Deutschland und die Schweiz. Alles, was geeignet ist, dem Volke das neue Deutsche Reich angenehm zu machen, das Wahlrecht, das Koalitionsrecht, die Freizügigkeit, die Pretzfreiheit, welche Rechte und Freiheiten zusammen die Lichtseite gegenüber der weit größeren Schattenseite in Gestalt des Militarismus und Marinismus, der indirekten Steuern und der Bureaukratie, der Klassenherrschaft auf dem Gebiete der Verwaltung und Justiz, ausmachen, alle die Aequivalente für die schweren, dem Volke auferlegten Lasten sollen. nach Meinu.ig der Reaktionäre, beseitigt und das Deutsche Reich zu einem nackten Klassenstaate der Schlot- und Krautjunker gestaltet werden. Liest man die Gründe der Gegner fiir ihre reaktionären Pläne, so könnte man meinen, Deutschland hätte bisher unter der Geltung jener Einrichwngen schwer gelitten. Man könnte meinen, das Reichs-Wahlrecht habe zu einer rohen, bar- barischen Pöbelherrschaft geführt, das Koalitionsrecht habe die EntWickelung des ivirthschaftliche» Lebens gehindert. Die Freizügigkeit habe alles Bestehende in Frage gestellt und endlich die Preßfreiheit habe eine namenlose Verwildern» aller guten Sitten zur Folge gehabt. Aber in That un Wahrheit kann von alledem nicht die Rede sein. Die Reichstagswahlen verlaufen regelmäßig in aller Ruhe. Der deutsche Reichstag zeichnet sich durch'Ruhe, Sachlichkeit und Würde der Verhandlungen aus und steht damit nicht blas über den nach dem Zensus- und Klassen-Wahlrecht gewählten ungarischen, österreichischen, spanischen u. s. w. Parlamenten, sondern mich über den preußischen und sächsischen ic. Landtagen und insbesondere über den ersten Kammern oder Hcrrenhäuseni, deren besonderes Merkmal physische Indolenz und geistige Impotenz ist. Das K o a l i t i o n s r e ch t hat die Ivirthschaftliche Entwickelun Deutschlands nicht nur nicht aufgehalten, sondern gefördert, so da wir heute eine ausgedehnte, kapitalkräftige und leistungsfähige Industrie haben, die auf dem Weltmarkte neben der englischen und amerikanischen Industrie die hervorragendste Stellung einnimmt, sodaß sie die alte französische Industrie vielfach verdrängte und der früher die ganze Welt beherrschenden englischen Industrie die empfindlichste Konkurrenz bereitet. Nach England hat Deutschland den bedeutendsten aus- wältigen Handel. Der deutsche Export hat seit 1880, wo er 2800 Millionen Mark betrug, um eine volle Milliarde zugenommen, da er 1897 über 3800 Millionen betrug. 1871 gab es in Deutsch- land erst einige wenige Aktiengesellschaften, jetzt zählen wir deren zirka 3700 mit zirka 7 Milliarden Mark Aktienkapital und Jahr für Jahr werden hunderte neuer Aktienunternehmungen ge- gründet. Die Kapitalsgewinne haben gerade in den letzten Jahren, da Deutschland fast allem eine Periode beispielloser wirthschaftlicher Prosperität erlebte, eine geradezu schwindelhafte Höhe erreicht, und Dividenden wurden an die Aktionäre vertheilt von 10, 20, bv, ja selbst 100 bis 500 pCt. I Ebensowenig wie Wahlrecht und Koalitionsrecht haben Frei- ügigkeit und Preßfreiheit irgendwie den allgemeinen 'ritt gehindert oder kulturfeindliche Folgen gehabt. Wären Volksrechte und politische Freiheit schädliche Einrichtungen, so müßte die Schweiz das elendeste und verbittertste Staatsivesen der Welt und Rußland das höchstentwickelte Gemeinwesen sein. Jedermann weiß aber, daß gerade das Gegentheil wahr ist. Kein Land der Welt weist mehr innere Fänlniß, mehr Roth und Elend, Unwissenheit und Rohheit, Korruption und Gewaltihätigkeit, wirthschaftliche Impotenz und allgemeine Arnmth auf als Rußland. Man könnte ihm nur noch Italien und Spanien zur Seite stellen, wo die herrschenden Klassen ein auf Ausbeutung, Raub. Diebstahl (siehe Crispi), Schwindel und Betrug basirendeS Schmarotzerlebcn führen und die Hungerrevolten der gequälten Armen zu den ständigen Einrichtungen gehören. Wie unvergleichlich hoch steht dagegen die demokratisch- republikanische Schweiz, wo das Volk der Souverän ist und alle Rechte und Freiheiten genießt und darauf ans ist. die- selben noch immer weiter zu vermehren und auszubauen. Jeder zwanzigjährige Schweizerbürger ist nicht nur be- rechtigt. wie der deutsche Staatsbürger mit 25 Jahren das Reichs Parlament, in der Schweiz den Nationalrath zu wählen, sondern er wählt auch mit völlig uneingeschränktem Wahlrecht alle seine Gemeinde- und Landes-(Kantons- behördcn), also den KantonSrnth und die Regierung, sodann die Bczirksbchörden, wie z. B. die B e z i r k s g e r i ch t e, die B e- zirksanwälte(NntersnchungSrichtcr), den Statthalter fLandrath), die Lehre r und die G e i st l i ch e n u. s. w. und er hat endlich das Recht, die A b b c r n f n n g d e r B e h ö r d e n, die Revision der Verfassung oder Gesetze zu verlangen und über alle Verfassungsänderungen und Gesetze abzustimmen. Vor fast 100 Jahren, im Jahre 1801, fand die erste Abstimmung des gcsammten Schwcizervolkcs über die neue Verfassung statt, das Referendum besteht also fast hundert Jahre lang, aber es ist trotz mancher Niederlagen der bürgerlichen Gesetzgeber noch von keinem derselben angefeindet oder gar seine Wicderabschaffung verlangt worden. Erst kürzlich hat ein schweizerischer Mini st er im Amte, Herr Regierungsrath Curti in St. Gallen eine Schrift über die Resultate des schweizerischen Referendums publiziert und dessen Wirksamkeit alle Anerkennung gezollt. Er rühmt dem Referendum Eigenschaften nach, welche nicht genug geschätzt werden können.„ES ist für das Volk eine p o liti s ch e Schule und dadurch ein eminentes K u l t u r e l e m e n t. Wo es waltet, beschäftigen sich alle Vevölkerungsklassen mit dem Staate und seinen Aufgaben; sie nehmen eine Fülle politischer Kenntnisse in sich auf. Die Verbesserung des llnterrichtswesens selbst geht mit der Uebung der Volksgesetzgcbung Hand in Hand und häufig hat man in der Schweiz Ausgaben für die Volks- und Fortbildungsschulen mit der Begründung beschlossen, daß dem Bürger, welcher über die Gesetze abstimmt, reichere Mittel zur Bildung beschafft werden mußten. Freilich wird mir da eingewendet: So gcb� ihm doch diese Mittel zuvor und dann führt dnS Referendum ein' Aber die ganze Frage ist nicht blas eine Bildnngssragc, sondern auch eine Jntcr essenfrage. Das Volk unseres Zeitalters will sich nicht bescheiden, eine misera contribueus piebs zu sein. ES will nicht warten, bis man es für reif hält, größere Rechte nützlich zu gebrauchen. Es fühlt wohl, daß ihm diese Reife noch gar lange nicht zuerkannt würde und daß der Eifer, ihm die nöthigc Vor- bildung angedeihcn zn lassen, kein so großer wäre. Desto besser, daß es seine Rechte ergreift und diese nächher selber dazu führen, es unterrichtet und geschult, ökonomisch unabhängig und geistig frei zu macheu!" Bezüglich der Verwerfung von Gesetzes- oder Vcrfassmigs- vorlagen durch das Volk erinnert Herr Curti an einen Ausspruch Burke's, welcher meinte:„Wenn Regierung und Volk entzweit sind hat die Regierung gewöhnlich unrecht", und er meint dann schließlich weiter, daß das Referendum nur wenig Gutes, was gethan werden wollte, verhindert, dagegen manches Böse durch sein' bloßes Vor handenscin verhütet hat. Noch viel weniger kann es selbstverständlich einem schweizerischen Politiker, und sei er auch ein sehr konservativer M kommen, die Abschaffung oder Verschlechterung Vereins- und Versammlungsrechts, Mann, in den Sinn deS Wahlrechts, des der Freizügigkeit und der Preß fteiheit zu fordern. Wer dies thun wollte, müßte darauf gefaßt sein, von niemand ernst genommen zu werden, während Zweifel an seiner geistigen Gesundheit laut werden würden. Selbst durch- gefallenen Politikern fällt so etwas nicht ein. lind welche Ersolge hat in den letzten Jahren das allgemeine Wahlrecht den Sozialdemokraten gebracht! In den KantonSregierungen und Magistraten von Genf und Zürich sitzen neben Liberalen und Demokraten Sozialdemokraten, in Bern, Winterthur und anderen Orten in den letzteren Behörden ebenfalls. Während in Deutschland der Staatssekretär Graf v. Posadowsky, der offenbar das Deutsche Reich als einen landwirthschaftlichen Großbetrieb ansieht, wie Stumm, Krupp ic. fiir einen industriellen Großbetrieb, mit vielen Redensarten �um Kampfe gegen die„gefährliche" Sozialdemokratie auffordert, wählt in der Schweiz das Volk selbst Sozialdemokraten als Minister, Magistratsräthe, Stadtverordnete B e z i r k s r i ch t e r, L e h r e r und Geistliche, lehren an den Universitäteu, z. B. in Bern und Zürich, Sozialdemokraten als Professoren, in ersterer Stadt deren drei, und marschirt niit einem Worte die Sozialdemokratie auf der ganzen Linie vorwärts. Die Phrase von der Gefährlichkeit der Sozialdemo- kratie betrachtet man in der Schweiz läng st als Mittel zur Irreführung des Volkes, um auf dessen Kosten die Jntereffeu des Geldsacks zu fördern Bei seinen freien Eiurichwiigen erfreut sich das Schweizervolk einer guten Gesetzgebung. Namentlich auf den Gebieten des Arbeiter- schutzes, des Schulwesens, des Steuerweseus zc., bietet die Schweiz das Bild eines blühenden, von aller Welt hochgeachteten Gemein- wesenS, und es hängt niemand mit größerer Liebe und Begeisterung an seinem Vaterlande, als der Schweizer. Alle diese Thatsachcn sind selbstverständlich den deutschen Ne aktionären gang gleichgiltig. Sie wollen herrschen, sie wollen das Volk von allem ausfchließcn, und was auch immer für sonstige Phrasen als„Gründe" für die Entrechtung der großen Masse, der 97 pCt. deS Volkes angeführt werden, es ist eitel Spiegelfechterei zur Herbei- führuua eines kraut« und schlotjunkerlichen Ge- schlechter-RegimentS. politische Aebeelkchl. Berlin, den 28. Juni. Gegen das Reichstags-Wahlrecht wird auch jetzt nach der Wahl lustig fortgewühlt. Die„Schlesische Zeitung" weist auf daö Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen hin und malt die schwersten Gefahren für das Reich an die Wand, wenn einmal künftig die Sozialdemokratie in einer Stärke in den Reichstag einziehen würde, die ihr die Möglichkeit iebt, im Verein mit Welsen, Polen, Elsässern, rotcstlern und radikalen bürzerlichen Demokraten„die deutsche Gesetzgebung völlig zum Stillstand zu bringen". Dieser Gefahr müsse die Regierung vorbeugen, denn dann würden „ganz andere Mittel" angewendet werden müssen, als„die ig des geltenden Wahlrechts". Die Beseitigung des Reichstags-Wahlrechts ist also bereits eine Art Minimuniprogramm unserer Konservativen. Am liebsten wollen sie die Sozialdemokratie mit Feuer und Schwert ausrotten und halten es für ein besondere Milde, daß sie sich mit der Beseitigung des Wahlrechts begnügen wollen. Wundervoll ist die„Begründung", welche die„Schlesische Zeitung" für ihre dunklen Pläne beibringt. Die Sozialdcmo- kratie könnte, so faselt sie, die deutsche Gesetzgebung zum Stillstand bringen. Als ob nicht gerade jetzt bereits die Reichsgesetzgebung in den wichtigsten Zweigen zum Stillstand gebracht wäre und zwar durch konservative Treibereien! Man denke vor allem an den völligen Stillstand der Sozial- reform, die man sogar rückwärts revidiren möchte. Die Sozial- demokratie bringt die Gesetzgebung nicht zum Stillstand, sondern, je mehr sie wächst, um so mehr wird auch in die Gesetzgebung Leben und EntWickelung gebracht. Aehnlich wie die„Schief. Ztg." setzt auch das Organ der sächsischen Regierung, die„Leipziger Ztg." ihre Treibereien gegen das politische Grundrecht des deutschen Volkes fort. Sie schreibt: „Der Gesinnungslosigkeit eines guten TheilcS der bürgerlichen Wähler verdankt die Umsturzpartei diesen neuen Erfolg. Gegen solche Erbärmlichkeit der Gesinnung ist auch mit einem Sozialisten- gefetz nichts auszurichten. Hier kann nur die Erfüllung deS Wunsches helfen, daß es so weiter gehen möge. Dann werde» auch die bürgerliche» Mitläufer der Umsturzpartci am eigenen Leibe verspüren, wohin wir mit diesem Wahlgesetz treiben. Wir sind die einzigen gewesen, die sich auch in diesem. Wahlkampfe noch zu der Ueberzeugung von der Verderb- lichkeit dieses Gesetzes bekannt und der Angst vor der Unpopularität dieses Standpunktes keine Konzession gemacht haben. Nicht lange und man wird uns in diesem Punkte vermuthlich auch in weiteren Kreisen recht geben. Das ist der eine Erfolg, den wir von diesen Wahlen erwarten." In Sachsen hat man das Landtagswahlrecht zerstört, weil dnS Volk nicht so wählte, wie es den regierenden Par- tcieu und ihren ministeriellen Dienern passte. Darauf hat das sächsische Volk bei der Reichstagswahl die gebührende Ant- wort gegeben, und nun ist man wieder erstaunt darüber und bohrt gegen das Reichstags-Wahlrecht. Den Volksfeinden er- scheinen die Volksrcchtc immer nur so lange gut, wie sie vom Volke zu ihren, der Volksfeinde Gunsten, benutzt werden!— lieber de» Grafen Posadowsky als Sozialrcformer glaubt die„Augsb. Abendztg." näheres mittheilen zu können, nachdem früher schon andere Zeitungen feierlich die Schonung des Handwerks als Strebeziel deS neuen Leiters im ReichSamt des Innern verkündet hatten. Nach dem süddeutschen Blatte ist die Umgestaltung der Unfall Versicherungsgesetze auf unbestimmte Zeit zurück- g e st e l l t. Das würde vollständig der Weisung des Zentral- Verbandes deutscher Industrieller entsprechen, der offen seine Furcht vor neuen Belastungen durch einen Reichstag nach Art des alten aussprach und dannn von jeder Reform auf diesem Gebiete abrieth. Dagegen soll die Revision der Alters- und Invaliden- Versicherung sofort in Angriff genommen werden— nicht etwa, um den Versicherten mehr zu bieten, sondern um die Versicherungsanstalten der agrarischen Gebiete, vor allem also in Ostpreußen und Obcrbayern, aus ihrer finanziellen Ver- legcnheit zu befreien. Diese sind bekanntlich schon längst nicht mehr in der Lage, aus den ihnen zn- fließenden Beiträgen die erforderliche Kapitaldecknng für die fällig werdenden Renten zu beschaffen, während andere Versicherungsanstalten, wie beispielsweise diejenigen für die Stadt Berlin und für die Hansastädte, übergenügend starke Vermögensbestände aufsammeln.„Mit dem Griff der leeren Kassen nach den vollen, mit der agrarischen Theilerei soll also Ernst gemacht werden, nachdem der An- lauf von 1897 gescheitert ist. Nun bestreiten wir durchaus nicht, daß die örtliche Ver- th eilung der Lasten manches zu wünschen übrig läßt. Aber für den neuesten Kurs in der Sozialreform ist das Verhalten' des Grafen Posadowsky gewiß überaus charakteristisch: Still- stand in der Unfallversicherung, weil die Groß- industriellen es gebieten— Reform der Jnvalidcu- gesetzgebung, soweit die Agrarier Wünsche haben— Ver- schonung des Handwerks mit Arbeiterschutz-Vorschriften, weil die I n n u n g s m e i st e r schon bei der Bäckerei-Verordnung zu toben begannen. Die deutschen Arbeiter haben freilich auch mancherlei auf dem Herzen. Jndeß für Arbeiter treibt man heute keine Sozialreform, wenigstens nicht im Reichsamt des Innern.— Internationale Solidarität. Wir erhielten noch folgende Glückwunsch-Telegramme von unseren ausländischen Partei- genossen. Aus Kopenhagen telegraphirt uns K n u d s e n: „Die Sozialdemokratie Dänemarks beglücklvünscht unsere beut- scheu Parteigenossen zum gläiizenden Wahlsieg, der gelvonnen wurde trotz der Koalition aller Gegner. Es lebe die intcrnatio- nale Sozialdemokratie!" Aus L a i b a ch wird uns telegraphirt: „Zu Eurem glänzenden Siege senden wir Euch herzlichste Glückwünsche. Hoch die internationale Sozialdemokratie I Für die südslapische Sozialdemokratie: Z e l e z n i k a. Unser Chefredakteur Liebknecht erhielt aus Rom folgendes Schreiben: „Im Namen der Sozialisten und der sozialistischen Kammer- fraktion sende ich Ihnen, dem alten ruhmvollen Soldaten für die sozialistischen Ideen, geliebt und bewundert von uns, und durch Sie der deutschen Sozialdemokratie die Grüße, die Glück- wünsche und den Dank für die Siege des deutschen Proletariats, der Avantgarde der internationalen Kämpfer fiir die neue Hnmanitat. Durch den neuen Vormarsch der deutschen Brüder, die durch ihren Muth, ihre Ausdauer und ihre Energie die Sache des Proletariats schon stets gefördert, wird auch das italienische Proletariat von neuem mit Muth beseelt. In seinen Hoffnungen mtb Wünschen weiß es sich einig mit den Proletariern der ganzen Welt. Immer Vorwärts! Sempre avantü' Enrico F e r r i, Chef-Nedaktellr des„Avanti"." Herzlichen briidcrlichen Glückwunsch zn unseren Wahl- erfolgen sendet uns semer die Redaktion der„Nieuwe Tyd" in Amsterdam. Regierung ohne Parlament. Die„Wiener Zeitung", das Amtsblatt der österreichischen Regierung, veröffentlicht eilte kaiserliche Verordnung vom 25. Juni, welche auf grund des 8 14 des Staatsgrund- Gesetzes die Negierrmg zur Forterhebung der Steuern und Abgaben und zur Bestreitung des Staatsaufwandes vom 1. Juli biL zum 31. Dezember 1898 ermächtigt. Der Finanzmiuistcr wird gleichzeitig er- mächtigt, zur Bestreitung des durch das Finanzgesetz für 1893 festzustellenden Jnvestitions- Bedürfnisses nach Maßgabe des Bedarfs einen Betrag von 20 Millionen vor- schußweise zu beschaffen. Graf Thun war unfähig, das Parlanient in Gang zu bringen. Aber die Geschäfte laufen weiter und was das -Parlament nicht lefftet, besorgt die Verordnung. Die Obstruk- tionsparteien haben das feste Vertrauen zur österreichischen Regierung, daß sie gesetzlich oder widergesetzlich das Uhrwerk in Gang halten werde und gerade deshalb fehlt ihnen jedes Gefühl der Verantwortlichkeit. Es ist nicht wahr, was behauptet wird, daß die parlamentslose Negierung eine Folge der Obstruktion ist. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: iveil der berühmte K 14 das Parlament im Nothfalle über- flüssig macht, gerade deshalb überschreiten die Obstrnktions- Parteien in Oesterreich in anderswo unerhörter Weise alle Grenzen. Sie verlassen sich darauf, daß sie den Staat nicht rniniren werden und daß die Regierung schließlich doch machen wird, nms sie will oder muß. Nun hat diesmal Graf Thun sein Nothverordnungs-Recht ganz ungenirt überschritten, indem er nicht nur die Steuern forterheben läßt, sondern sich selbst die Erlanbntß giebt, für Investitionen 20 Millionen zu pumpen. Uns soll wundern, ob er Geld kriegt, denn es ist klarer Ver- fassungsbruch, und die„vorschußweise Beschaffung" von Geld schlägt jeder einzelnen Bestimmung des Nothverordnungs- Paragraphen ins Gesicht.— Die französische Ministerkrisis ist gelöst. Geändert bat sich nichts weiter als die Namen der Minister und ihre Partcibezeichnnng, im übrigen ist das Kabinct das alte Kabinet Meline: eine reine Vertretung der Interessen der Groß- bourgcoisie, gegen die progressive Einkommensteuer, gegen die Ernnißigung derHochschutzzollpolitik, gegen die Verminderung der Brotvertheuerung, gegen jede soziale Reformpolitik. Das neue Kabinet Brisson bedeutet die Waffenstreckung der radikalen Partei und ihrer Wortführer vor dem Großkapitale und dem Großgrundbesitze. Es liegen die folgenden Meldungen über die Pläne des Kabinets vor: In der Wohnung Brisson's fand gestern Nachmittag eine lang dauernde Besprechung der Mitglieder des neuen Kabinets, Bourgeois, Sarrien, Pcytral, Cavaignac, Lockroy, Delcass«, Viger, Maruöjouls und Trouillot, statt. Uebcr folgende Punkte wurde llcbcreinstinnnung erzielt: Die Programm-Erklärung des neuen Ministeriums in den Kammern wird im Geiste der republikanischen Union abgefaßt sein. Die Frage einer Revision der Verfassung wird für den Augenblick offen gelassen werden. In betreff der Dreifus-Angelegenheit wird es m der Erklärung heißen: Das Ministerium ist entschlossen, der Armee und dem rechtskräftigeu Urlheil Achtung zu verschaffen. Die Getreide- zolle sollen vom 1. Juli ab wieder eingeführt werden, an welchem Tage überdies die GclUmgsdauer des die Zolle provisorisch aus- hebenden Dekrets abläuft. Was die Steuerreform betrifft, wird das Kabinet das von Dclombre aufgestellte System der Einkommensteuer akzeptircn, welches eine umfassende progressive Besteuerung des Einkommens verwirft und die Personal- und Mobiliensteuer umgestaltet. Das Kabinct ist bezüglich des Finanz- Marktes entschlossen, das Amendement Flcnry- Ravarm zur Anwendung zu bringen, welches die Kammer angenommen hat.— Die Minister- ErncnnungSdckrcte werden morgen vom Präsidenten Faure unterzeichnet werden.— Der Senat ist auf morgen Nachmittag einberufen worden. Dem'„Eclair" zufolge wird Brisson am Donnerstag in der Kammer eine Regierungserklärung verlesen. Diese wird die Noth- wendigkeit von Finanzreformcn und besonders Erhebung der Gc- tränkestcuer betonen und eine energische und besonnene aus- wärtige Politik versprechen. Eine sehr scharfe Stelle der LtegierungS- erklärung wird gegen die Dreyfns-Agitatiou gerichtet fein. Brisson wird eine etwaige Interpellation sofort annehmen.— DaS Kabinet wird vorläufig mit Zurückhaltung bcurthcilt. Einzelne Blätter nennen eS ein radikales Ministerium ohne radikale Politik. „Libre Parole" behauptet, Cavaignac habe darauf bestanden, daß Brisson, der ein Freund Drcysus' sei, keinesfalls das Justizministerium übernehmen dürfe, und Brisson habe sich diesem Verlangen schließlich gefügt.— Das Ministerium hat sich endgilttg in folgender Zusammen- setzung konstituirt: Brisson Vorsitz und Inneres, Dclcasss AeußereS, Pcytral Finanzen, Sarrien Justiz, Bourgeois Unterricht, Cavaignac Krieg, Lockroy Marine, Trouillot Kolonien, MaruejoulS Handel, Viger Landwirthschaft, Senator Tillaye öffentliche Arbeiten, Vallö Sekretär des Innern, Mougeot Posten und Telegraphen. Deutsches Reich. Die Rcichökommission für Arbeiterstatistik trat am Montag zu einer Sitzung im Ncieysaint des Innern zusammen. Zum ersten Gegenstand der Tagesordnung:„Erhebungen über die Arbeitszeit in Getreidemühlen" hatte der Referent Dr. WvriShoffer seine Vor- schlüge formulirt. Die Vorschläge, welche wir unseren Lesern bereits vor drei Monaten nn Wortlaut mitthcilten, bestanden darin, daß den Arbeitern in Wassermühlen mit einer Hilfskraft täglich eine ununterbrochene Ruhepause von acht Stunden gewährt werden soll. In Wassermühlen niit wenigstens zwei Hilfskräften die tägliche Arbeitszeit höchstens 14 Sttmden betragen soll und den Lehrlingen unter 1ö Jahren die Nachtarbeit verboten werden. Die Korreferenten wollten sich aus eine Vorschrift über die uuunterbrocheue Ruhezeit beschränken und ein Verbot der Nachtarbeit für jugendliche Arbeiter aussprechen, während ein Mitglied der Kommsiston die Schutz- bcstnmnnngen auch aus die Handmühlen ausgedehnt wissen wollte. In vorläufigen Abstimmungen schloß sich die Möhr- heit der Ansicht der Korreferenten au. Die eudgiltige Feststellung des Berichts wird im Oktober d. I. stattfinden. Zum zweiten Gegenstand der Tagesordnung:„Erhebung über die Verhältnisse der in Gast- und Schaiikwirthschaftcn beschäftigten Personen", wurde beschlossen, eine Anzahl von Ai'.sknnstspersonen zu ventehmcn. Ungefähr 60 Per- fönen sollen zu der im Herbst stattfindenden Sitzung gc- laden werden. Bei der Vorladung sollen Wirthe, Kellner, Kellnerinnen und Leute aus dem Küchenpersonal berücksichttgt werden und bei der Auswahl der Personen soll darauf gesehen werden, daß sowohl alle Gegenden des Reiches, wie die verschiedenen Größen- klaffen der Orte und die verschiedenen Arten des Getverbes wie Hotels, Restaurattoncn, Saalwirthschaften, Cafes u. s. w. ver- treten sind. Der dritte Gegenstand:„Erhebung über die Sonntagsarbeit im Binnenschi fffahrts- und Flößereibetricbe" wurde vertagt, weil ein Mitglied der Kommission, welches besondere Fackstenntniß in dieser Frage besitzt und bereits einem Ausschuß angehörte, welchem die Vorarbeit zu dieser Frage überwiesen war, nun durch Krankheit ver- hindert war, au der Sitzung theikznnehmen.— Ter Bebcl'schc Herrensitz. Unter den zahlreichen persönlichen Angriffen, Verdächtigungen und Verleumdungen gegen bekannte Parteigcnoffcn im zu Ende gegangenen Wahlkampf, befindet sich auch die gegen Bebel, daß er am Züricher See einen Herrensitz habe, der mindestens eine halbe Million Mark Werth sei, die natürlich aus Arbcitergroschcn zusammengebracht wurde. Nachdem nunmehr die Wahlen' vorüber sind und ein Dementi dieser lügenhaften Angabe unseren Gegnern keine Stimme mehr kostet, werden wir die Anfrage mehrerer unserer Leser, waS an den Behauptungen wahres sei, kurz beanttoorteu. Bebel theilt uns auf Aufrage mit, daß die Mittheilung der Gegner, sein Grundstück mit Haus in Küsnacht repräsentire einen Werth von einer halben Million Mark, einfach erfunden ist. Das bescheidene HauS ist an mehrere ftemde Familien vermiethet, Bebel selbst hat für sich, seine Frau und die Familie seiner in Zürich vcrheirathcten Tochter, 3 Stuben, Kammer und Küche in der Dach- ctage für den Sommer im Besitz. Nach diesen Angaben kann jeder crmessen, welch schamlose Anffchneiderei sich der wegen Preßvergehens feigcrweise nach der Schweiz ausgerissene Journalist Knorr aus Charlottenbnrg, der Verfasser jenes LügenarttlelS ist, zn Schulden kommen ließ. Daß überhaupt Bebel in den Besitz eines kleinen Vermögens kam, verschuldet nicht die sozial- demokratische Arbeiterschaft, die keinen Groschen dazu lieferte, sondern hauptsächlich die— deutsche Bourgeoisie. Bebel hat als Schriftsteller das Glück gehabt, daß sein viel verlästerte« Buch„Die Frau" bisher in weit über bnndert- tausend Exemplaren verbreitet wurde, und davon kommen volle vier Fünftel auf die deutschen Bourgeois und ihre Frauen und Töchter; sie also sind die Urheber und Erbauer des Bebel' s che» Herren- sitzeS."— Einige freche Blätter, darunter die„Deutsche Tagesztg.". sprechen weiter von einem„sozialdemokratischen Aufruhr" in Heil- bronn u. dergl. Wir haben den Thatbcstand bereits ausführlich und objektiv geschildert und es hat sich gezeigt, daß die Hegelmaier'scheu Radauschaarcn den Skandal aus dem Marktplatz zu Heilbronn ver- ursacht haben. Wenn jene Blätter trotzdem fortfahren, diese Vor- gäuge der Sozialdemokratie in die Schuhe zu schieben, so ist das nur ein dummdreister Versuch, die Schuld ihrer eigenen Leute zu ver- tuschen.— Einen Arbeitsnachweis für landwirthschaft- liche Arbeiter— Saisonarbeiter sWanderarbeitcr, Sommer- arbciter, Fcldarbciter), Arbeiterfamilien, verheirnthcte und lcdige Knechte, Schiveizcr, Knhfüttcrer, Mägde für Hans und Stall, Gärtner. Aufscher, Handwerker und sonstiges landwirthschaftliche Personal— hat die L an dw i r t h s chsi f t§ k a m m e r für Schlesien eingerichtet. Das ist ihr gutes Recht, das wir ihr in keiner Weise verkümmern wollen. Indes; zeigt sich auch in diesem Falle die Macht- und Rechtlosigkeit der Landarbeiter wiederum recht deutlich. Selbst das letzte HandwerkcrorganisativnS-Gcsctz, gcivisz kein Erzeugnis; eines besonders liberalen Geistes, schrieb eine gewisse Bctheiligung der Gehilfen an den Jnmiiigseiiirichttmgen bor: sowie für eine solche Einrichtung Aufwendungen seitens der Gehilfen zu machen waren, sind Meister und Gesellen unter allen Umständen zu gleichen Thcilrii für die Leitung herauzuzicheu. Bei den entsprechenden ZwaugSorganisattonen der Landwirthschaft fehlt sogar jede solche Vorschrift. Die Landarbcitcrklasse existtrt für unsere Gesetzgebung überhaupt noch nicht. Aus dem Rege» der pribatcu Stellen- vcrmitteluug wird sie nun bei den Arbeitsnachweisen der durch Gesetz organisirteu Arbeitgeber gehörig unter die Traufe kommen. Denn alles, was die Agrarier gegen„kontrakt- brüchige" und sonst mißliebige Landprolctarier vom Staate verlangt haben, werden sie in ihren' Nachweisen ans eigener Kraft zu vtzr- wirklichen suchen. Wie lange wird man die Landproletarier noch in dieser Rechtlosigkeit festhalten können?— xLu den Licgnitzer Ruhestörungen schreibt uns Genosse StäTl) n, der bisherige Abgeordnete für Rcichenbach-Nenrode: f„Am 22. Juni er. war ich als Referent zu einer am Abend dieses Tages von unserer Seite in Liegnitz veranstalteten Wahl- Versammlung gerufen. Etwa eine Stunde vor Beginn dieser Ver- sammlima lies; mich der Polizci-Jnspcktor von Licgnitz ans dem Versammlungslokal zu sich rufen: ich ging auch sofort in Bc- glcitting dcS Handschuhmachers Max Mobring, der bereits mehrere Jahre Vertrauensmann unserer Partei in Licguitz ist, in daS Polizei- Bureau. Dort erklärte uns der Herr Polizci-Jnspektor: daß bei den Ruhestörungen weder nnsere n o ch eine andere Partei direkt oder indirekt bctheiligt oder an denselben schuld sei! Und der Herr fügte noch hinzu: daß er dies, weint c S nöthig werden sollte, auch vor Gericht eidlich bestätigen könne und m ü s s e. Die Ruhestörungen in Licguitz, welche von einem Thcile der Presse der Sozialdemokratie in die Schuhe geschoben werden sollen, hatten am Abende des 18. Juni begonnen und sich au den Abenden des 10., 20. und 21. Juni wiederholt. Am Abend des 22. Juni und bis heute ist es dagegen in Licguitz vollständig ruhig geblieben. Die Ruhestörungen waren also beendet, als der Herr Polizei- Inspektor gegen Mohring und mich die oben wiedergegebene Er- klärnng machte, die ich nur deshalb bis heute zurück hielt, um der Hetz- und Lügenpresse der rcaktiouärcn Volksfeinde Zeit zu lassen, ihr wahrhcitSschändendeS Gewerbe ungestört ausüben zu können, damit dann jeder Denkfähige umso besser zu erkennen vermag, WaS diese Hetz- und Liigengescllschaft ohne jede tatsächliche Unterlage zu leisten im stände ist. Der Polizci-Jnspektor hatte mich zn dem Zwecke rufen lasten, um mir nahe zu legen, daß von einer Besprechung der Vorkomm- nisse in unserer Versammlung Abstand genommen werden solle. Chronik der MajestätSbeleidignngs- Prozesse. Jst�S eine Majestiitsbeleidigiing, die Reden des Kaisers mit einer Marktwaare z u vergleichen? Das Landgericht Hagen hat am 16. April de» Schmied Eduard G r n n e w a l d ans Rotthauserbriicke von der Anklage, den deutsche» Kaiser beleidigt zu haben, freigesprochen. Der Wirth H. in Vörde hatte dem Angeklagten die Ucberlassung seines Saales zu einer sozialdemokratischen Versammlung verweigert und geäußert, Grunewald möge doch einmal sehen, ob er nicht den Saal im„Deutschen Kaiser" bekommen könne. Gr. meinte darauf, in ein solches Lokal könnten doch die Sozialdemo- kraten nicht gehen. Er sprach dann über den Kaiser selbst und verglich die Reden desselben mit einer bekannten Kieler Fischwaare. Hierin fand die Anklage eine Beleidigung des Kaisers. Das Landgericht dagegen sagte im Urtheile: Es ist nicht einzusehen, weshalb Inder allerdings wenig geschmackvollen Acußeriuig eine Mißachtung der Person des Kaisers enthalten sein soll. Aus der That- fache., daß Kieler Sprotten eine Handelswaare sind, die in großen Mengen versandt werden, zu schließen, daß der Angeklagte die Kaiscrredcn init einer mmderwerthigen Markttoaare habe vergleichen wollen, geht deshalb nicht a«.> weil Reden keine Markttoaare sind; auch sind Kieler Sprotten nichts minderwcrthigeS. Weiter ist festgestellt, daß dem Angcllagtcn nach Lage der Sache das Bewußtsein des ehrcukränkenden Charakters seiner Aeuße- rung gefehlt. Der Angeklagte spricht sehr schnell und es kann augeuommen werden, daß ihm die Aeußeruug ent- schlüpft ist, ohne daß er an etwas anderes dachte, als daran, seinem politischen Gegner durch eine witzige Bemerkung zu imponircu. — In der von ihm eingelegten Revision führte der Staatsanwalt ans; Eine derartige Aeußeruug ist objektiv ehrenkränkend, mag man die Marttivaare„Kieler Sprotten" noch so hoch be- werthen. Das Beleidigende liegt eben darin, daß Reden und Marktwaare als gleichwerthig hingestellt werden.— Obgleich der Reichsanwalt die Ansicht vertrat, daß das Vorhandensein des objektiven wie des subjektiven Thatbestandes ausreichend verneint sei, hob das Reichsgericht das Urtheil aus, und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Schon die Feststellung, daß der objektive Thatbcstand nicht vorliegt, so hieß es in der Begründung, giebt zu Bedenken Veranlassung insofeni, als festgestellt ist, daß die Vergleichung einer geistigen Leistung mit einer Marttivaare nicht als ehrenkränkend im Ssmie des Gesetzes anzusehen sei. Aber auch Abficht und Bewußtsein sind von der Vorinstanz nicht genügend erörtert worden. Wenn gesagt ist, der Angeklagte habe nur einen Witz machen wollen, so lag um so mehr Veranlassung vor, den Unterschied zwischen Absicht und Bewußtsein hervorzuheben, als es sich um die Person des Kaisers handelte. Oesterreich. Lemberg, 27. Juni. Das Blatt„Gazeta Lwowska"t meldet aus Rcusandec: Sonnabend früh wurde das Eigenthum von Juden geplündert, Kaufläden, Wirthshäuscr, Spirituslager und Gebäude, die Gutsbesitzern gehören, angegriffen, Abends fanden in Akffaudec ebenfalls Ausschrcittmgcn statt. Die Bauern stürzten sich auf ein Losungswort auf einen Kaufladen. Eine Kompagnie Infanterie schritt ein. In diesem Augenblick entströmten den Häusern ungefähr 2000 Ortsiiisassen, welche' mehrere Juden gehörige Geschäfte' überfielen. Das Militär machte. von der Waffe Gebrauch und vertrieb die Menge. Mehrere Bauern wurden verivundet. Weitere zwei Jnfauterie-Kompagnicn sind nach Altsaudcc abgegangen. 60 Verhaftungen wurden vorgenoinmcu.— Iii Koniuszowa wehrte ein Gendarm den Ansturm auf zwei Wirths- Häuser ab. Die Ruhestörer wurden verhaftet.— Lemberg, 23. Juni. Der Mnistcrpräsident verfügte in seiner Eigenschaft als Minister des Innern im Einvernehmen mit dem Ju'stizministcr die Verhängung des Standrechtes über die politischen. Bezirke Limanowa und Neusandcc für die Verbrechen des Mordes, Raubes, der Brandlegung und der öffentlichen Geivaltthätigkeit im Sinne des§ 8ö des Strafgesetzes.— Nngaru. Budapest, 23. Juni. Die beiden Häuser des Reichstages sind heute durch königliche Verordnung bis zum S. September vertagt ivordcn.— Frankreich. PartS, 27. Juni. S u d a n. Handel und Ge- werbe lebten sicher, wenn auch langsam, auf. Diese Ergebnisse kosteten nur 1 860 000 Pfund(37 Millionen Mark). Der Bor- marsch auf Khartum könnte allerdings ernsterer Natur sein, als die bisherigen Operationen, aber Kitcheucr-Pascha sei auf alle Möglichkeiten vorbereitet, und seine Streitkräfte würden durch eine größere Anzahl britischer Truppen verstärkt, als je zuvor dort ver- wendet wurden. Ileberdies habe sich die Kraft und die moralische Haltung des egyptischen Heeres ungemein verbessert, während die Derwisch« durch die Niederlagen enttuuthigt seien. Es sei nicht zn erwarten, daß die Nothwcndigkcit eintreten werde, die zum Vor- marsche aus Kharttnn vcrivandte große britische Streitmacht lange in Khartum oder dem Sudan zu belassen. Wahrscheinlich werde nur ein kleiner Thoil dieser Streitkräfte und nur zeitweilig dort verbleiben müssen. ES seien keine weiteren Operationen in großem Maßstabe, welche große Ausgaben mit sich bringen würden, für die Zurückerobcrung der großen Provinzen südlich von Khartum beabsichtigt. Es könnten Expeditionen durch eine Kanonenboot- Flotille von Zeit zu Zeit imtcmommen werden, um den Nil und das Innere des Landes, soweit auf dem Wasserwegs Handel getrieben werden könne, von jeder Beeinttächtigung der völligen Handelsfreiheit frei zu halten. Ans diesem Wege lind durch Herstellung freundschaftlicher Beziehnngcn zwischen den Stämmen südlich von Khartum und der Verivaltting Khartnms werde es möglich sein, diese Gegend zum Segen für Egypten und England zn erschließen. Die Kosten für den Vormarsch auf Khartum würden auf 16 Millionen Mark veranschlagt und seien von Egypten zu tragen. Wenn Egypten die im Jahre 1807 geivährte Anleihe erlassen werde, könne es diese Kosten tragen. Dann betrage der Beitrag Englands zur Einnahme KharttimS wenig über 20 Millionen Mark. Der Antrag HickS- Beach wurde schließlich mit 166 gegen 81 Sttmmeu angenommen. Im Laufe der Debatte über den Auttag HickS-Bcach siihrte Harcourt aus, die Hauptfrage sei diejenige der Verantwortlich» teit, welche das Haus ans sich nehmen solle, indem es britische Truppen trotz der geringen Stärke der Armee in Kharttim ein- schließen lasse. Erprotcstire gegen den dort eingeschlagenen Weg, de» nicht von einer gesunden finanziellen Basis ausgehe und fti> die Zukunft reich an Gefahren sei. D i l k e sagte, das Land möcht« gern wissen, welche Verantwortung es denn über die Einnahme von Khartum hinaus eigentlich übernehmen solle.— Hicks-Beach bemerkte in seiner Entgegnung, er könne keine weiteren Ver- sicheruugeu über das, was die Zukunft im Sudan bringen möge, abgeben als diejenigen, die bereits gegeben seien. Er glaube indessen, es könne gar nicht im Ernste erivogcu werden, daß England nicht zur Eroberung Khariums schreiten solle, nachdem es einmal so weit gegangen sei.— Der Korrespondent der„Morning Post" in Kairo erfährt aus zuverlässiger Quelle, daß die Nachricht, die Derwische hätten ihre Stellung bei Shabluca aufgegeben, der Begründung entbehrt. Den eingegängenen Berichten zufolge hielten die Streitkräfte des Khalifen diesen wichtigen Posten noch besetzt.— Jtalieu. Rom, 27. Juni. Die Blätter nielden, Pelloux habe mit di Riidini u»d Zanardelli vertrauliche Besprechungen gehabt. Die Krise gehe einer schnellen Lösung entgegen. Rom, 28. Juni. Der Senat genehmigte die Wieder- einführuna der Gctrcidezölle gemäß dem Beschlutz der Kannner vom 26. d. M.— General Pelloux soll eS gelungen sein, ein Kabinet zu bilden, dem zwar kein Parteiftihrer, aber Vcrttcter der wichtigsten parlamentarischen Gruppen angehören. Eine offizielle Ministerliste liegt noch nicht vor, sondern blos Zeittmgsvcrmuthungcn, die leicht noch rektifizirt werden können.— Afie«. Dokohama, 28. Juni. Die Grafen Okuma und Jtagaki wurden gestern in den kaiserlichen Palast berufen und erhielten den Auftrag, das Kabinet zu bilden. Die Rücktrittsgesuche des Marineministcrs Saigs und des Kriegsmiuiftcrs Kaffura sind nicht angenommen worden; diese beiden Minister dürften daher ihren Posten behalten.— Amerika. Mißstimmung in Kanada. Der„Int. Korresp." wird folgende Dirt>5jtineldung aus Montreal zur Verfügung gestellt: In den kanadischen NegierungSkreisen ist man über die Haltung der Ver- einigten Staaten-Regwrnng aufs höchste entrüstet. Anfangs, als die Kriegsaussichten für die Nordamerikancr noch ungünstig waren und sie von Kanada aus feindselige Handlungen befürchteten, ließ die Washingtoner Regierung in Ottawa weitgehende Versprechungen be- treffs Aenderungen des Zolltarifs und Zugeständnisse in der Streit- frage des Robbenfangs machen. D Von Kanada aus sandte man des- halb bereitwilligst Unterhändler nach Washington, die jedoch seit zwei Wochen, seitdem sich die Lage für die Vereinigten Staaten auf dem Kriegsschauplatze gebessert hat, von Mac Kinley mit geflissentlicher Nichtachtung behandelt werden, sodaß ihre Abberufung allgemein ge- fordert wird.— Ist Kreitling oder Fischer gewählt? Man schreibt uns: Die gestern erfolgte amtliche Feststellung über das Resultat der Reichstags-Stichwahl ergab, daß chatsächlich Fischer gewählt ist, amtlich aber als gewählt Kreitling proklamirt werden mußte. Die Ernnttelung des Wahlresultats war außerordentlich interessant. Zu Beginn der Sitzung theilte Stadtrath Sellberg mit, daß er— ganz im Geiste Eugen Richter's— vom Magistrat die Instruktion erhalten habe, nicht, wie es bei der Hauptwahl ge- s ch e h e n war, die von der Feststellungs- Kommission im Gegensatz zum Wahlborstond für g i I t i g erachteten Stimmen als giltige, sondern als ungiltige zu zählen, die Ansicht der Kommission zwar zu Protokoll zu nehmen, aber bei Feststellung des Wahlergebnisses nicht zu berücksichtigen, vielmehr lediglich die offensichtlich falsche Ansicht der Wahlvorstände zu gründe zu legen. Durch diese die §Z 26, 27 des Wahlreglements verletzende Instruktion, die auf völlig mißverständlicher Auslegung des Wahlgesetzes beruht, wurde erzielt, daß folgendes unrichtige Resultat als amtliches verkündet werden mußte:„Bei einer Wählerzahl von 76 727 wurden 67 100 „giltige" und 263 ungiltige Stinnnen abgegeben; von den„giltigcn" entfielen auf Kreitling 28 662, auf Richard Fischer 28 647, mithin ist Kreitling mit einer Majorität von 16 Stimmen gewählt." In- dessen hielt es die Kommission für ihre Pflicht, 12 Stimmen, die den durch st richenen Namen Kreiling und den geschriebenen Namen Fischer enthielten und von den Wahl- vorständen der Wahlbezirke 38, 61. 63, 72(2), 97, 93, 105. 116, 133, 141, 147 für ungiltig erklärt waren, als zweifellos g i l t i g ein- st i m m i g zu erachten und diese Ansicht zu Protokoll zu erklären. Ferner hat im 39. Bezirk ein gewisser Strubel gewählt, ist aber »ach amtlicher Mittheilung am 7. Juli 1373 geboren. Auch dessen Stimme ist mithin ungiltig und von der Drei-Stimmen- Mehrheit abzuziehen. Bleiben übrig für Kreitling 2 Stimmen Mehr- heit. Von einem Beisitzer wurde angeregt, auch die Stimmen der wegen zu großer Jugend nicht wahlberechtigten Niclos(geboren am 20/8. 1873) aus dem 230. und Ed er(23 Jahre alt) aus dem 96. Bezirk für ungiltig zu erachten. Da aber über die Jugend dieser beiden „Wähler" nichts amtliches vorlag, hielt die Kommission dafür, diese Feststellung eventuell der Aburthcilung des Reichstags über- lassen zu müssen. Das gleiche geschah bezüglich dcS Almosen- empfängers L., der im 163. Bezirk das Wahlrecht ausgeübt hat. Bei der Abrechnung dieser drei ungiltigcn Stimmen wandelt sich K.'s Mehrheit in euie Minderheit von einer Stimme. Unberücksichtigt blieb ferner, daß leider 16 Wähler Fischer s und 6 Wähler Kreitling'» ihren Namen dem Stimmzettel beigefügt hatten. Auch diese Stimmen waren für ungiltig erklärt, hätten aber für giltig er- klärt werden müssen, weil es sich um eine Stich wähl handelte. (Hier defindet sich unser Mitarbeiter entschieden im Jrrthum. D, R.) Resultat: 11 Smnmen Minderheit für Kreitling. Ferner wurde ein Wahlzettel nnt Unrecht für ungiltig erklärt(Wahlbezirk 76), der den Namen Fischer zweimal(einmal Fiescher geschrieben) ent- hielt.. Mithin ergiebt sich schon jetzt, daß chatsächlich Fischer mit 12 Stimmen Mehrheit von den Wählern gcivählt ist. Hinzu tritt noch, daß unter den bei der amtlichen Feststellung n i ch t ge- prüften, von den Wahlvorständcn für giltig erachteten Stimmzetteln eine große Anzahl Kreitling'schcr durch Risse äußerlich kenntlich ge- macht, auch solche als für Kreitling giltig erachtet sind, auf denen Kreitling's Name durchstrichen ist. Man ersieht schon hieraus, daß im Herrschaftsgebiet des Hörigen der Konfcrvativen und Anti- scmiten, des_ tapferen Eugen, klare Ungerechtigkeiten zu gunsteu allein des freisinnigen Kandidaten vorgekommen sind, die die Kassation der Kreitling'schen Wahl'und die Emberuftmg Fischer's an stelle Kreitlina's zur Nothwendigkeit machen, wenn etwa Kreitling eine in dieser Weise zustande gekommene Wahl annehmen sollte.(Auch hier befindet sich der Einsender im Jrrthum. Es kann nur von einer Kassation der Kreitling sehen Wahl und einer eventuellen Neuwahl, niemals aber von einer Einbcrufuitg Fischer's an stelle KreitlingL'S die Rede sein. D. Red.) Hinzu tritt noch, daß geradezu horrende Wahlbeeinflussungen von feiten der Frei- sinnigen vorgekommen sind. So hat ein Wahlvorsteher von den Arbeitern, die ihm zweimal z u s a m n, c n g e f a l t e t e Stimmzettel übergeben wollten, verlangt, daß die Wahlzettel nicht so geknifft übergeben würden; es haben deshalb eine Anzahl Wahl- berechtigter auf Ausübung ihres„geheimen" Stimmrechts verzichten müssen. Man darf nach all dem begierig sein, ob Herr K r e i t l i n g die Wahl annehmen oder dem Wahlkommifsar crkären Ivird, daß er solche Wahl ablehnt. Wenn Herr Kreitling völlig den Befehlen des Herrn Eugen Richter folgt, wird er annehmen und einige Wochen bis zu seiner Entfernung aus dem Reichstag durch dessen Abtheilung den Reichstagssessel zieren. Jedenfalls aber dürften unsere Genossen gut thun, baldmöglichst die ihnen bekannten Thatfachcn, welche die Ungiltigkcit der Kreitling'schen Wahl noch weiter begründen könnten, baldigst dem Vertrauensmann des zweiten Reichstags- wahlkreises unter Angabe der Beivcismittel zu übcrinitteln. Bittere Tropfen in den freisinnigen Freudenkelch träufelt die konservative Presse. So schreiben die„Berliner Neuesten Nachrichten": „Hätten die apderen bürgerlichen Parteien dem Freisinn die Hilfe an den Stichwahlen versagt, so würde er nur noch von der Gnade der Sozialdemokratie oder garnicht fortleben. Wir freuen uns, daß jene sich über alle nur zu berechtigte Abneigung hiiiivcggesctzt und in vollem Maße ihre Pflicht gegen das Vaterland erfüllt haben. Diese Anerkennung gebührt besonders den Konservativen und de» Nationalliberalen m Berlin. Selbstverständlich möchte der Freisinn am liebsten glauben machen, daß seine Erfolge in der Reichs- Hauptstadt seinen eigenen Reserven zu verdanken seien. Wer sich, mit emiger Personalkenntniß ausgerüstet, am Stichwahltage in den betreffendcnBerliner Wahlkreisen umgesehen hat, weiß, daß die Erfolge lediglich durch eine überaus eifrige Mit- Ivirkung der nichtfreisinnigen Parteien er- r u n g e n s i n d." Wie mögen die Kreitling und Zwick gegen Junker und Mucker- regiment kämpfen, nachdem sie durch eiftige Junker- und Muckerhilfe gewählt worden sind! Tante Boß ist böse darüber, daß wir die Freisinnigen und die Patent-Demo- kraten der„Franks. Ztg." in ihrer Eigenschaft als Handlanger der Reaktion gekennzeichnet haben. Sie sucht Entschuldigungen hervor für die freisinnigen und auch-demokratischen Wähler, welche den ver- stocktesten Reaktionären, Brotvcrtheucrern und Wahlrechtsfeinden zum Siege über den Sozialdemokraten verholfen haben. Diese Ent- schuldigungsversuche sind aber mir geeignet, den Freisiun der Vossin noch mehr zu diskreditiren, sofern dies überhaupt möglich ist. Als Hauptgrund des Ilcberlaufs der freisinnigen Wähler zum Samniel- brci wird die„aufhetzende Sprache" des„Vorwärts" und anderer sozialdemokratischer Zeitungen und Flugblätter angeführt. Die �.Voss. Ztg." meint da: „Diese Gehässigkeit, die auch den in jedem Sinne liberalsten Arbeitgeber als einen herzlosen Ausbeuter und Hungerpeitschen- schwinger brandmarkte, brachte taufenden und zehntausenden frei- heitlich gesinnter Bürger wieder zum Bewußtsein, daß sie eine Kluft von der Sozialdemokratie trennt, daß diese Partei den sozialen Frieden untergräbt und zurückgedrängt werden muß, soll sie nicht in wachsendem Ilebermuth immer bedenklicher das Ein- vemchnien zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern stören." Das ganze Gerede von„aufhetzender Sprache" und dergleichen ist natürlich albern; wir gestehen allerdings, daß wir so langweilig wie die„Voss. Ztg." nicht schreiben möchten. Es ist auch nicht wahr, daß die sozialdemokratische Presse auch den liberalsten Arbeitgeber als herzlosen Ausbeuter sc. bezeichnet habe. Auch im Wahlkampfe hat unsere Partei nicht die einzelnen Personen der Unternehmerklasse angegriffen, sondern sie hat das kapitalistische System bekämpft und über die Klassengegensätze Aufklärung geschafft. Wenn den Unter- nehmern das nicht gefällt, so haben wir nichts dagegen. Wenn aber die„Bossische Zeitung", wie sie in den obigen Zeilen gethan, die Unternehmer ohne Unterschied zu schützen für ihre Aufgabe hält, so beweist sie nur von neuem, daß ihre Partei lediglich eine Partei von Unternehmern für Unternehmer ist. Wenn ferner die„Voss. Ztg." davon redet, daß die Sozialdemokratie den fozialen Frieden untergraben und das Einvernehmen zwischen Unternehmern—„Arbeitgebern", wie das Blatt mit gut kapitalistischem Instinkt sagt— und Arbeitern stören, so kann das Blatt so etwas nur sagen, sofern es unter„sozialem Frieden" und „Einvernehmen zwischen Unternehmern und Arbeitern" die vollständige Unterwürfigkeit des Arbeiters unter das Szepter deS Kapitalisten versteht. Und dies mag allerdings das Ideal der„Vossischen Zeitung" sein.— Auf höhere» Befehl. Die konservative Presse rühmt sich setzt sehr ihreS eifrigen Ein- treteiis für den Freisinn. Die„Kreuz-Zeltung" giebt dabei selbst zu, daß ihrer Partei die Unterstützung der Freisinnigen recht schwer ge- worden sei und daß ihr Verhalten dem konservativen Partei-Jnteresse selbst nicht entsprochen habe. Sie meint: „Es liegt auf der Hand, daß uns vom konservativen Parteistandpünkt aus die völlige Zerschmetterung des Frei- sinns werthvoller hätte erscheinen müssen, als selbst der Kampf gegen hie Sozialdemokratie. Einmal wäre dadurch die Eventualität einer„liberalen Aer a", einer liberalen Regierung auch für die Zukunft s o gut w i e ausgeschlossen worden, ferner läßt sich eine Opposition vom konservativen Standpunkte auS um s o leichter bekämpfen, je radikaler die Gewandung ist, in der sie austritt...." Da entsteht denn noch nachträglich die Frage: Wie ist eS denn gekommen, daß die Konservativen sich so fteisinnsftcundlich verhalten haben? Die Antwort lautet: Auf höheren Befehl! Die Regierung, speziell der schlaue Mann, der ,m Kastanienwäldchen als preußischer LandeS-Säckelmeister wirkt, hat die Verstärkung der Sozialdemokratie längst kommen sehen. Und daS gleiche befürchteten anderen maß- gebenden Kreise. So erging der Ruf an die Konservativen: An die Gewehre für den Freisinn I Die Konservativen mußte» natürlich Ordre Pariren. Man trägt nicht umsonst Regierungslivree. Schweren HerzenS hauten sie den armen Freisinn noch ein wenig heraus. Maffregelunge» gegen Beamte, die der badischen Zentrumspartei zu- gehören, fordert eine Karlsruher Zuschrift der„Verl. Neuest. Nachr.". Die Zuschrift zeigt zunächst, wie groß der Zorn der badischcn Nationalliberalen über die dorsigen Erfolge der Sozialdemokratie ist. Das Ergcbniß in Karlsruhe wird als ein„tragisches" bezeichnet und die Person des GroßherzogS wird gegen das Zentrum ausgespielt, das aus Haß gegen die Nationalliberalen den Sozialdemokraten Unterstützung gewährt habe. Da heißt es: „DeS C-rfolgcs kann die badische Parteileitung des Zentrum? inn so weniger sroh werden, als die knappe Niederlage in Karlsruhe höchststcheiideu Personen die bedenkliche Politik der Stützen von Thron und Altar erst recht zum Bewußtsein ge- bracht hat. Jeder mit dem öffentlichen Leben in Baden vertraute Bürger weiß eL, daß dem Lande s h c r r n das Herz blutete, als im Vorjahre unter Mitwirkung des Zentrums seine Resident an die Sozialdemokratie ans- geliefert wurde. Er hoffte, daß sie dieses Mal für die bürgerliche Vertretung gerettet werde und war s o g e spannt auf den Ausgang, daß er seine Sommer- frische unterbrach und in der Residenz das W a h l e r g e b» i ß abwartete. Der viel angefeindete Minister Cisenlohr, der in der Kammer lediglich der Sozialdeino- kratie den unerbittlichsten Kampf angekündigt hatte, war dazu bc- rufen, seinem Landesherr» das Ergebniß mitzutheilcn; er hatte ihm nm eine schmerzliche Kunde zu bringen. Das Ränkespiel des Zentrums hat zu demselben Ergebniß geführt wie bei der LandtagSwahI. Die Residenz» ans deren Treue der Großherzog gebaut hatte, fiel zum zweiten Male in die Hände der Sozial- dcmokraiic." Man kann den Schmerz des badischen GroßherzogS wohl bc- greifen. Moni kann ihn um so mehr begreifen, wenn man sich an die zahlreichen Rede» des Großherzogs in Militärvercincn und bei allen möglichen Festlichkeiten epimiert, durch welche die Sozialdemo- lratie vernichtet iverden sollte, die aber nicht hindern konnten, daß diese Partei im Gegenthcil sehr bedeutende Fortschritte im„liberalen" Musterläudle gemacht hat../ Anstatt»IM endlich die Fehler des Nationalliberalismus und der bisherigen Ncgicrimgspolitik, wodurch selbst viele Zentrums- Wähler auf die Seite der Sozialdemokratie gedrängt wurden, einzn- sehen, fahren die badischcn Nationalliberalcn in ihrer alten Weise fort und' ziehen leine andere Konsequenz ans ihren Mißerfolgen als: Die Zcntrnms-Bcamten müssen gematzregelt werden! Die Zuschrift fährt nämlich fort: „Den sozialistisch srenndlichen Beschluß der Parteileitung haben höhere Staatsbeamte mitberathen, wie auch der demokratische Prof. Dr. Heimbnrger offen seine Wähler für die Sozialdemokratie kommandirt hat. Kann und darf der Staat dagegen keine Schritte thun? Wir sollten meinen, es müßte, möglich sein, diese Staatsbürger, die als Beamte der heutigen Staatsordnung die Treue geschworen haben, an einer Verbrüderung mit der revolutionären Sozialdemokratie zu hindern. Wenn der Staat den Einflnß ans seine Tiener nicht anwendet, dann ist zu befürchten, daß bei den bürgerlichen Parteien die Neigung abnimmt, den Kampf gegen die Sozialdemokratie fortzuführen, der für diese siegreich sein muß, da bürgerliche Parteien sich nnt ihr unter dem Patronat von Staatsbeamten vcreimgen!" Durch Unterdrückungen und Maßregelungen haben sich die au der Regierung sitzenden Nationalliberalcn verhaßt gemacht. Da mm der Haß des Volkes sich gegen ihre Herrschaft ivcndet, Pässen sie keine andere'Weisheit, als vermehrte Unterdrückungen und verdoppelte Maßregelungen zu fordern. Auf diese Art werden diese ebenso brutalen wie kurzsichtigen Eleniente ihre vollständige und endgiltige Abwirthschaftung in Baden nur beschleunigen. Auch die' Mißstimmung de« Großherzog» wird daran nichts ändern können. Herr Pansche. Die endgiltige Beseitigung des geschäftigen Dauerredners ans dem Reichstage scheint auch gar niemanden zu schnurzen, Herrn Professor Paasche natürlich ausgenommen. Sogar die„National- Zeitung" konnte die Freude über den Schaden ihres Parteigenossen nur mühsam verbergen. Wir finden das durchaus verständlich, denn nichts förderte den Einfluß der Agrarier im letzten Reichstage besser, als daß ein Nationalliberalcr, der früher sogar den Sezessionistcn unter Bamberaer und Rickert angehört hatte, jederzeit alle agrarischen Wünsche nicht nur unterstützte, sondern sie sogar— gewandter und findiger wie die nieist etwas schwerfälligen Herren der Rechten— immer im Handumdrehen gleich in Anträge und Gesetzentwürfe umzugießen wußte. Wie oft hat in den landwirthschastlichen Kommissionen, wenn die Bündler mit ihrem Latein zu Ende waren, Herr Paasche den abgerissenen Faden wieder aufgenommen und den Berathungen so zu einem äußerlichen Abschluß verholfen. Freilich, wie der Abschluß aussah, das stand gewöhnlich auf einem ganz anderen Blatte. Jndeß danach fragte Herr Paasche weniger, und durch diese nonchalante Art des Politisirens wurde seine parlamentarische Betriebsamkeit und Gesetzfabrikation Ivesentlich erleichtert und gefördert. Ging die Sache schließlich schief, so war der Charlottenburger Professor auch um Ausflüchte nie verlegen, obwohl ihn das in seinem Ansehen bei allen Parteien noch tiefer herunterbrachte.— Bei der jetzigen Wahl rühmte sich Herr Paafche, daß man ihm aus 17 Wahlkreisen ein Mandat angeboten habe! In Rostock ließ er sich vom Bunde der Landwirthe auf den Schild heben, und in Rheinland-Westfalen donnerte er gegen die Junker. In Meiningen brachte er es schließ- lich mit Ach und Krach bis zur Stichwahl; seine Freunde hatten am Stichlvahltaae bereits Militärmusik bestellt, um den Sieg gebührend zu feiern. Es sollte nicht sein, obwohl Vater Plötz noch in letzter Stunde die BundeStrnppen zu den Waffen gerufen hatte. Der Frei- sinnige überholte den Mischmaschvertreter mit 10 000 gegen 6300 Stimmen. Möge dem Begrabenen eine ewige Ruhe beschieden sein! Ein Aufsehen erregendes Renkontre spielte sich, wie nachträglich bekannt wird, am Tage der Stichwahl gelegentlich der Feier de? Schützenfestes in N e u h a u s a. Elb e ab. Im Schützenzelte daselbst hatten der erst vor kurzem nach dort versetzte Amtsrichter Deonte und der Ritterguts- b e s i tz e r v. d. Decken an einem Tische Platz genommen und unterhielten sich beide über die Stichwahl. Im Laufe des Gespräches entstand zwischen ihnen ein lebhafter Wortwechsel, in dessen weiterem Verlaufe v. d. Decken der Ausdruck„Schw... ent- schlüpfte, worauf Deonte entgegnete:„Dafür haben Sie eine Maul- schelle verdient I" Infolge dieser Aeußerung sprang v. d. Decken plötzlich von seinem Sitze auf und versetzte dem Amtsrichter etneOhrfeige, dieser erwiderte den Schlag', und'zwar so kräftig, daß b. d. Decken zu Boden fiel. An, nächsten Tage über- der Bruder des Rittergutsbesitzers v. d. Decken, der in Preten wohnende Rittergutsbesitzer Ernst v. d. Decken, dem Amtsrichter Deonte eine F o r d e r u n g seines Bruders auf P i st o l e n. Der Amtsrichter lehnte diese jedoch verständiger Weise ab und erstattete bei der S ta a t s a n w a l t s ch a f t von dem Vorfalle Anzeige. Wahlprotcst in Kassel. Gegen die Wahl des Nationalliveralen Dr. Endemann in Kassel ist von' unseren Parteigenossen bereits ein Wahlprotest abgesandt. Als Beweismaterial ist aufgeführt die verschiedenen VersammlungS- Verbote, Verbreitung der Stimmzettel durch die Ortsdicner,?!icht- eintraguug in die Wählerlisten der in Kassel wohnenden auswärtigen Arbeiter und eine Reihe anderer Unregelmäßigkeiten. Die Wahlbccinflnssungen. denen sich der Werstdirektor v. Wietersheim in Danzig schuldig gemacht hat, stellen sich insoweit noch weit schlimmer dar, als wir am Sonntag berichteten, als der Herr mit den famosen„Tagesbefehlen" nicht der Schichan-Werft, sondern der kaiserlichen Werft vor- steht. Herr v. Wietersheim ist also kaiserlicher Beamter und hat als solcher die Sozialdemokraten beschimpft und die auf der Werft beschäftigten Arbeiter zu aunsten des„staatserhaltenden" Kandidaten zu beeinflussen gesucht. Mithin liegt ein um so stärkerer Anlaß für die Wahlprüstings- Kommission vor, der Art, wie der Erwählte für Danzig in den Reichstag gekommen ist, ihre Aufmerksamkeit znzu- wenden. Ter Steg der Sozialdemokratie in Zttta« gewinnt eine größere Bedeutung, wenn man'die Mittel in betracht zieht, welche von den nationalliberalen Geldprotzen und von Be- hör'/jT angewendet wurden, nm unseren Sieg zu verhindern. Zu- nächst Vdrden von nationnlliberalcn Großfabrikanten die Arbeiter eingeschüchtert oder auch mit Versprechungen zu ködern gesucht. Die haarsträlibendsten Dinge wurden ferner über die Sozialdemokratie' verbreitet und als letzter Koup wurde der Versuch unternommen, am Wahltage die sozialdemokratische Wahlorganisation zu zerstören. linsern Parteigenossen tvurde es schwer, bei dem herrschenden Druck von feiten der Unternehmer geeignete Hilfskräfte für die Wahl zu bekommen. Wie bei früheren Gelegenheiten stellten sich auch. diesmal eine Anzahl Parteifreunde aus Böhmen als Stinmizettel- vertheilcr zur Verfügung— eine Praxis, die auch bisher von den Nationallibcralen geübtwurde. Wie nun die„Leipz.Volks-Ztg." berichtet, geschah das Unglaubliche, am Freitag mittags um �12 Uhr, also' zu der Zeit, wo der größte Andrang ist, wurden plötzlich sämmtliche Stimmzettclvertheiler vor den Wahllokalen in Zittau verhastet und in Polizcigewahrsam gebracht. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von der Verhaftung durch die Stadt und rief eine große Erbitterung nicht nur unter den Arbeitern, sondern auch in bürger- liehen Kressen hervor. Hatte die Polizeibehörde, deren oberster Chef der Bürgermeister ist, geglaubt, mit der Verhaftung uns in eine be- drängte Lage zu bringen, so hat sie gerade das Gegentheil erreicht! Dutzcndwesse kamen nun die Arbeiter zum Wnhlkomitee und stellten sich zur Verfügung die Gefahr gemaßregelt zu iverden, nicht mehr beachtend! In kurzer Zeit Ivarcn nicht nur die Lokale wieder be- setzt/ sondern auch die ausländischen Stimmzettclvertheiler in den Dörfern durch deutsche Genossen abgelöst, um so eine Verhaftung zu verhindern. Hatte es dem Wahlkomitce zuerst an Leuten' ge- mangelt, so waren jetzt mehr als 20 überzählig! Die verhafteten Genossen wurden nachmittags 3 Uhr von der Polizei über die Grenze gebracht. Bezeichnend für� die''' politischen Zustände in diesem Kreise ist, daß bis jetzt keine einzige hiesige Zeitung den Muth gehabt hat, die Vcrhafttnig zu vcnirthcilen. Bemerkt nmß ferner werden, daß die große Aufregung unter den Arbeitern über dieses ungesetzliche Vorgehen das sozialoemolratische Wnhlkomitee verautahte. gegen Abend ein Flug-- blatt in der Stadt zu verbreiten, durch welches zur Ruhe und Be- sonncnheit ermahnt ivird. Als aber abends 8 Uhr der Sieg bekannt wurde, da trat Freude und Jubel an die Stelle der Erregung und Erbitterung, ja die Freude war nun doppelt groß. Aber die einmal geschaffene Entrüstung und Erbitterung über den behördlichen Ein-. griff hat sich über den ganzen Kreis verbreitet. Denn wer noch nicht wußte, wie die nationalliberale Gerechtigkeit aussieht, der hat es am 24. Juni aufs deutlichste erfahren!— In Württemberg tritt das langsame aber sichere Anwachsen der Sozialdemokratie klar in die Erscheinung, wenn man die Wahlergebnisse der letzten vier Wahlen zusammenstellt. Es entfielen dabei auf 1837 1890 1893 1893 die Sozialdemokratte 11 103 26 669 42 801 62 452+ 19 661 die VolkSpartci..' 41 152 95 541 106 617 76 105— 30 612 daS Zentrum... 62 186 66 960 67 018 73 816+ 6 798 die„Nationalen"*). 206 196 121 126 92 490 96 427+ 2 937 In der Stichwahl hat unsere Partei in glänzender Weise! ihre Geschlosseicheit und Disziplin an den Tag gelegt. Unsere Ge-' nosscn haben der vom Landesvorstand ausgegebenen Parole getreu- lich gefolgt und Mann für Mann für die Volkspartei gestimmt, so daß es gelang, dem reaktionären Mischmasch die Mandate im 4., 6., 6., 7., 11., 12. und 14. Wahlkreise zu entreißen� trotzdem in der Sttchlvnhl selbst das Zentrum sich dem Mischmasch angeschlossen hatte, nm für sich das Mandat im 9. Wahlkreis dem Volksparteilcr E. Hanßmann zu cnttcißen. DaS Zentrum hat so dazu beigetragen, das Mandat des 3. Wahlkreises dem seitherigen bolksparteilichen Vertreter G a l l e r zu entwinden, nm dem Gcwchrkönig und Reichs- mnnitions-Aktionär M a n s e r den Weg zur Gesetzgebung frei zu. machen, und für Krupp Ersatz zu schaffen. Der Liebesdienst wnrda aber schlecht belohnt, indem die Deutschparteiler das Zentrum im #j Deutsche, konservative Partei und Bauerndund. 0. Kreis schmählich im Stich Tiegen. In den drei Wahl kreisen, in welchen die Sozialdemokratie gegen den Misch masch in Stichwahl stand, bot dieser alles auf, um den Wählern vor der Sozialdemokratie gruselig zu machen. Trotzdem die Führung der Volkspartei die Parole ausgegeben hatte, gegen den Mischmasch zu stimmen, kann nur von den Volksparteilern des Oberamts Göppingen gesagt werden, daß sie ehrlich die Parole hielten, in Cannstadt und Heilbronn theilten sich die Stimmen, so daß es unseren Genossen nicht möglich war. den Vorsprung der Gegner einzuholen. So müssen wir uns diesmal mit einem Vertreter ans Württemberg genügen und danach trachten, in den anderen Kreisen es dahin zu bringen, daß wir bei der nächsten Wahl aus eigener Kraft die Mandate erringen können; der dieS- malige Ausfall berechtigt uns vollständig zu dieser Hoffnung.— Sozialdemokratische Stimmenzahl im Großherzogthum Hessen. In den neun hessischen Wahlkreisen wurden am 16. Juni ins- gesannnt 144 250 Stimmen abgegeben. Davon kamen auf die Sozialdemokratie 48 92S(33,9 pCt.), auf die Natioualliberalcn lsammt Bund der Landwirthc) 40677(28,2), die Antisemiten 19409(13,5), 5»s Zentrum 18 599(12,3), die freisinnige Volkspartei 9125(6.3). frei- sinnige Vereinigung 4804(3,3), deutsche Volkspartei 1373(0.9). National- soziale 1337(0,9). Danach marschirt die Sozialdemokratie mit gut einem Drittel aller Stimmen weitaus an der Spitze der Parteien. Gegen 1893 haben in Hessen die Sozialdemokraten 11 400, das Lentrum 1480 Stimmen gewonnen, die Freisinnigen beider Rich- tungen 1700, die Antisemiten 4800 Stimmen verloren. Deutsche Volkspartei und Nationalsoziale waren früher nicht vorhanden. AuS Elsaß-Lothringen. Das Reichsland war in der Legislaturperiode 1893/98 im Reichs- rage vertreten durch 9 Angehörige der Elsässer-Gruppe, 4 Gouvernc- mentale und 2 Sozialisten(Bebel in Straßburg-Stadt und B u e b in Mülhausen). Nach den Ergebnissen der jüngsten Wahlen stellt sich das Gesammtresnltat wie folgt: Die Elsäsier haben einen Sitz (Straßburg-Land) von den Gouvcrnemcntalen gewonnen, deren Zahl darnach auf 3 zurückgegangen ist, während erstere in der Stärke von 10 Mann nach Berlin kommen. Die Sozialisten ver- loren den Kreis Straßburg-Stadt an die„vereinigten Ordnungsparteien", ohne andererseits einen Gewinn zu verzeichnen, während B u e b sein Mülhauser Mandat behauptete. Der neue Ver- treter von Straßburg-Stadt, Justizrath Riff, wird sich wahrscheinlich der freisinnigen Vereinigung auschließenl Der Sieger in Straßburg- Land gegen den bisherigen gouvernementalen Vertreter Bostetter, Redakteur H a» ß vom klerikalen„Elsäsier" in Straßbnrg, dürfte wohl der jüngste aller Reichstags-Abgeordneten sein. Er' ist, wie die„Bürgerztg." mittheilt, 27", Jahre alt, hat von der Pike ans gedient und sich von den bescheidensten Anfängen heraufgearbeitet. In die Politik wurde er vor fünf Jahren durch den'bekannten Straßburger Polizeipräsidenten Feichter gebracht. Hauß gehörte zu der berühmten Fcdelta-Deputation. die von Feichter in der berühmten liebenswürdigen Weise angeherrscht wurde. Wenn Herr Hans; heute Reichstags-Abgeordueter ist, so hat das der Polizeipräsident Feichter mit jener Rede gethan. Das sozialdemokratische Wahlkoinitee für den Kreis Straßburg- Stadt hat beschlossen, gegen die Wahl des Abgeordneten Riff wegen der vielfach vorgekommenen Ungehörigkeiten beim Reichstag einen Protest einzureichen. Die Gesammtzahl der am 16. Juni auf die Kandidaten der sozialdemokratischen Partei in Elsaß-Lothringen abgegebenen Stimmen beträgt nach einer vorläufigen Feststellung'50 042. Gegen das Jahr 1893, das uns 46 186 Stimmen gebracht' hatte, ist mithin eine Zunahme von 3856 soziali st i scheu Stimmen zu verzeichnen. Die klerikale Landespartei erhielt diesmal ca. 90 000 Stimmen gegen 114 702 im Jahre 1893, die gonverncmentalcn Kandidaten(einschließlich der auf den Vertreter der„vereinigten Ordnungsparteien" in Straßburg-Stadt abgegebenen) etwa 70 000 gegen 69 323, die Freisinndemokraten 1176 gegen 4430, die Auti- semiten 867 gegen 3407 im Jahre 1893.- Soziales. Gewerbliche Bleivergiftung. Von sachverständiger Seite wird uns geschrieben: Die Mangelhaftigkeit unserer Arbeiterschutz- Gesetzgebung zeigt sich u. a. recht deutlich in einer von der„Statist. Korrespondenz" veröffentlichten Zusammenstellung über die in preußischen allgemeinen Heilanstalten im Jahre 1895 wegen chronischer Bleivergiftung behandelten Personen. 1163 Personen, 1120 männliche und 43 weibliche, wurden behandelt, die mit Ausnahme einer einzigen sämmtlich infolge ihrer ge- werblichen Thätigkeit an dem genannten Leiden erkrankt Ivare» und von denen 13 starben. 355 30,5 pCt. derselben waren Fabrikarbeiter, die meisten davon in Blei- färbe nfabriken beschäftigt, ferner an den B l e i k a m m e r n in Schwefelsäure-Fabriken und in Akkumulatoren- Fabriken. Die hohe Erkrankungszahl bei letzterer Branche »hat veranlaßt, daß endlich am 11. Mai d. I. auch für diese Arbeiter Spezialschutzbestimmungen vom Bundesrath erlassen worden sind. Hier hat man zum ersten Mal bestimmt, daß die Arbeitszeit für die gefährdetsten Arbeiter, nämlich die nnt dem Mischen und Einstreichen der Füllmasse in die Formen Beschäftigten, nicht über 8 Stunden betragen darf. Darin liegt der deutlichste Be- weis dafür, daß die am 6. Juli 1893 zum Schutz der Arbeiter in Bleifarben- und Bleizucker-Fabriken erlassenen Bestimmungen, welche fiir die mit Bleistoffen in Berührung kommenden Arbeiter eine zwölfstündige Arbeitszeit zulassen, ungenügend sind. Denn die in den Oxyd- und Trockenkammern und in den Schlemm- und Packräumen der Bleifarbenfabriken beschäftigten Arbeiter sind min bestens ebenso schiverer Gesundheitsschädi- gung ausgesetzt, wie die Arbeiter in den Akknmulatorenfabriken. Selbst bei genauer Befolgung der gegenwärtig für Bleifarben- fabriken geltenden Bestimmungen ist die Erkrankungszahl der hier beschäftigten Arbeiter immer noch außerordentlich groß, ein Beweis, daß im' Interesse der Gesundheit dieser Arbeiter eine Verschärfung der Bestimmungen, namentlich eine Verkürzung der Arbeitszeit dringend nöthig'ist. Auch jbei den Malern, An st reichern undLackirern sind die Erkrankungen an chronischer Bleivergiftung furchtbar häufig. 347 Fälle=- 20,8 pCt. kamen bei ihnen zur Behandlung. Aber obgleich seit Jahrzehnten die Krankenkassen auf die häufigen Blei- Vergiftungen in diesen Gewerben wiederholt hingewiesen haben, fanden sich die Behörden bis jetzt noch nicht bemüßigt, auch für diese Arbeiter Schutzbestimmungen zu erlassen. In den Maler-, Anstreicher- und Lackirer-Werkstätten können selbst jugendliche und weibliche Arbeiter beliebig lange mit dczr Verarbeitung derselben Giftstoffe beschäftigt werden und jede Aufsicht und Kontrolle fehlt hier umsomehr, als es sich hierbei meist um handwerksmäßige Be- triebe handelt. 200 Fälle von chronischer Bleivergiftung--- 17,2 pCt. kamen bei Hüttenarbeitern vor. Dies ist kein Wunder, lvenn man die schauderhaften Zustände auf den meisten Blei- ünd Zinkhütten, namentlich auf den o b e r s ch l e si s ch e n beachtet. Die Gesundheit dieser Arbeiter ist weit mehr gefährdet, als die der Buchdrucker und Schriftsetzer, obwohl auch diese unter vielfachen Uebelständen zu leiden haben, denn bei ihnen kamen auch 32 Fälle von chronischer Bleivergiftung zur Behandlung. Aber die Schriftsetzer haben es verstanden, mittels ihrer F a ch o r g a n i s a t r o n die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Schäden in ihrem Beruf zu lenken und— wenn auch noch nicht ganz genügende— Schutzbestimmungen zu erreichen, was den armen Blei- und Zinkhüttenarbeitern, denen zede Organisation fehlt, bis jetzt nicht möglich war. Von Schlossern, Schmieden und Ferlenhauern kamen 41 Fälle, von Klempnern und Rohrlegern 31 Fälle, von Metallgießern, Tüpfern, Steindruckern, Färbern, Glasern und Emaille-Arbeitern 60 Fälle von chronischer Bleivergiftung znr Behandlung. Für alle diese Betriebsarten, in denen die Arbeiter ebenfalls mehr oder weniger anhaltend der chronischen Vergiftung durch Blei oder- bleiische Pro- dufte ausgesetzt sind, bestehen bei uns keinerlei Schutzvestimmungen. Viele von ihnen werden ohne jede behördliche Aufsicht in der gefähr- lichsten Weise beirieben. In Frankreich ist durch das Dekret vom 13. Mai 1893 und in Belgien durch das Gesetz vom 19. Februar 1895 die Beschäftigung von Arbeitern unter 18 Jahren und von Mädchen und Frauen in Betrieben verboten, wo die Arbeiter der chronischen Bleivergiftung ausgesetzt sind, wie in Bleischmelzen, Bleiwalzwerken, Schrot-, Glatte-, Bleiweiß-, Massikot- und Menniaefabriken, in Porzellan-, Fahence- und Ofeufabriken, in Emaillirwerken, Töpfereien, Färbereien und Lackirereien. Für die deutsche Arbeiterschutz-Gesetzgebung ist das alles noch frommer Wunsch. Die meisten Fälle kommen natürlich in den Regierungsbezirken vor, wo die genannten gefährlichen Industrien am stärksten ver- treten sind. So kamen in den Heilanstalten im Bezirk Berlin allein 284 Fälle zur Behandlung, wovon die meisten Anstreicher und Akkumulatorenarbeiter betrafen. Im Bezirk Köln mit seinen vielen Bleifarbenwerken kamen 218 Fälle, im Bezirk Oppeln mit zahlreichen Blei- und Zinkhütten 190 Fälle, im Bezirk Hildes- heim mit den Oberharzer Bleihüttcn 66 Fälle, im Bezirk Düsseldorf 58 Fälle, im Bezirk Wiesbaden 46 Fälle, im Bezirk Breslau 41 Fälle (Ohlauer Bleiweißfabrik I) zur Behandlung, und in den übrigen preußischen Bezirken je 1 bis 31 Fälle. Nur in den Regiernngs- bezirken Stade und Gumbinnen kamen keine chronische Blei- vergifttmgen in den öffentlichen Heilanstalten zur Behandlung. Alle diese Thatsachcn zeigen, daß unsere Arbeiterschutz-Gesetz gebung trotz allen Rühmens der bürgerlichen Parteien noch sehr mangelhaft und gegenüber anderen Staaten sin Rück- stände ist. Chinesische Arbeitslöhne. In China sind die Arbeitslöhne von beispielloser Niedrigkeit. So bekommt in einer Scideufabrik in Szutschuan ein B r o k a t w e b e r für sechs zwölfstündige Arbeitstage nach unserem Gelde im ganzen 3 M. 34 Pf. Das Brokatweben ist eine sehr anstrengende Arbeit. Von allen Arbeiten der Textilindustrie bekommt für sie der Weber in Europa den höchsten Lohn. Dieses eine Beispiel zeigt schon, wie groß der Unterschied zwischen der Lebenshaltung des europäischen und der des chinesischen Arbeiters sein muß. Unter sonst gleichen Verhältnissen ist es dem Europäer ganz unmöglich, mit den: Chinesen zu konkurriren. Der Krieg. Ein Berichterstatter bei den amerikanischen Truppen am Rio Guama meldet vom 26. d. Mts.: Die Avantgarde der Amerikaner lagert an den Ufern des Rio Guama Die Stadt Santiago ist in einer Enffernung von 5 Meilen in westlicher Richtung sichtbar. Vier Batterien zu je 4 Gatling-Gcschützen sind auf dem Kamm eines Hügels aufgestellt, welcher die Thalmulde dominirt, in deren Mitte Santiago liegt. Die amerikanischen Offiziere erkennen die Schtvierigkeit, die Stadt, welche gut besetzt ist, zu nehmen i die meisten von ihnen ver- treten die Ansicht, daß es unnütz sei, einen Angriff auf die Stadt zu unternehmen, ehe starke Verstärkungen an Bclagerungsartillerie ein- getroffen seien. In Tampia wurden wiederum 15 000 Mann aufgebracht, um als Hilfstruppen nach Santiago abzugehen. Außerdem wird ge- meldet: Fünfzehn Regimenter werden in Chattanooga zur Abfahrt nach Kuba in Bereitschaft gestellt. Ein besonderer Korrespondent des„Reuter'schen BureauS" meldet aus Manila vom 23. d. M.: Während der vergangenen Woche fanden ab und zu Feuergefcchte zwischen den verschanzten spanischen Truppen und den Aufständrschen statt, aber die letzteren haben nicht versucht, neuerdings vorzurücken. Die Spanier be- haupten, sie hätten die Aufständischen an einzelnen Punkten zurückgeschlagen, doch ist die Lage in Wirklichkeit unverändert. Einige Freiwillige, welche letzthin auf die Schanzen befohlen waren, ver- weigerten den Gehorsam und erklärten, nicht auf die Schanzen gehen zu wollen, so lange die regulären Truppen in der Stadt flauirten. Die Aufständischen richteten am 20. d. M. einige Ge- schösse auf die Kirche von Santa Ana. 2000 Personen sind angestellt, um eine Schulterlvehr von Sandsäcken außerhalb des Fcstungs- grabeus aufzurichten. Es geht das Gerücht, die Spanier lverden die Vorstadt Malaie niederbrennen, um das Vorgelände zur besseren Vcrtheidignng der Stadt freizulegen. Tausende von Bäumen in der Umgegend der Zitadelle sind gefallt worden, der botanische Garten ist jedoch verschont geblieben. Sobald die amerikanischen Truppen angelangt sind, werden die Spanier sich hinter die Um- Wallung und in die Zitadelle zurückziehen, man glaubt jedoch, der Widerstand werde nur ein platonischer sein. Ein französisches Kriegsschiff ist am 22. Juni von hier abgegangen, nachdem es die spanische Flagge salntiri hatte. Die Preise für alle Lebensmittel sind ungeheuer hoch. Depeschen aus Hongkong melden dagegen, daß die Lage auf den Philippinen unverändert ist. Die Spanier halten Mamla immer noch besetzt; sie haben neue Laufgräben ausgeworfen. Die amerikanischen Transportschiffe„Ohio",„City of Para", „Morgan City" und„Indiana" sind mit 4000 Mann heute nach Manila in See gegangen. Das Hauptint'ereffe konzentriri sich heute auf die Schwierig- leiten, die aus Sympathien für die Vereinigten Staaten England und in seinem Austrage Egypten der in Port Said liegenden spanischen Flotte bereitet. Die Neiv-Vorker„Tribüne" veröffentlicht folgendes Telegramm von Kairo: Die egypttsche Regierung hat ine Behörden von Port Said angewiesen, den Heizern, welche der Admiral Tamara daselbst geworben hat, zu verbieten, daß sie sich an Bord begeben. Zugleich' theilte sie Camara mit, daß eine derarttge An- Werbung eine Verletzung der Neutralität bedeuten würde. Die Maschinen des„Audaz" bedürfen der Ausbesserung; Camara kündigte an, daß er drei Tage in Port Said verweilen werde. Der Washingtoner Korrespondent der„Morning Post" meldet, er habe von einem hohen Beamten erfahren, daß lebhaste VerHand- lungen in England im Gange seien, um die Durchfahrt des Ge- schwaders Camara's durch den Suez-Kanal zu verhindern. | Ans Madrid wird dagegen gemeldet: Dem Vernehmen nach wird Adnliral Camara heute die Fahrt durch den Suez-Kanal an- treten; er hat die erforderliche Quantttät Kohle an Bord. lieber die Benutzung des Suezkanals durch kriegführende Mächte bemerken die„Daily News": „Die Fahrt des AdmiralS Camara durch den Suezkanal wird prakttfch zeigen, welchen Werth der Kanal m Kriegszeiten besitzt. Man hat behauptet, daß die Kriegsschiffe der Kriegführenden während des Krieges nicht hindurchfahren dürften. Das ist jedoch nicht genau. Die Bestimmungen darüber enthält die Kon- vention vom 20. Ottober 1888. Diese ist von den sechs Großmächten und Spanien, der Türkei und den Niederlanden unterzeichnet worden. 'n der Konvention heißt eS, daß der Kanal sowohl in riegS- wie in F r i e d e n S z e i t e n allen Schiffen, Kauffahrtei- wie Kriegsschiffen, der Krieg- führenden wie der Neutralen geöffnet fern foll. ES dürfen aber keine Handlungen der Feind- feligkeit im Kanal oder auf dem' Meere in einer Eni- fernung von drei Seemeilen von beiden Endpuntten des Kanals begangen werden. Nach der Konventton dürfen ferner die Einfahrten des Kanals nicht blockirt werden. Ein Kriegsschiff der kriegführenden Mächte oder ihre Prisen dürfen in den Häfen an beiden Endpunkten des Kanals nicht länger als 24 Stunden bleiben. Die Kriegführenden dürfen nicht Truppen oder Kriegsmaterial im Kanal oder dessen Häfen an Bord nehmen." Demnach ist die folgende Meldung ans Wien mindestens ungenau: In hiesigen politischen Kreisen zirkulirt das Gerücht, Errgland habe die Absicht, um seine Neutralität zu beweisen, den Suezkanal für die Spanier und die Straße von Gibraltar für die Amerikaner zu sperren und wollen hiervon sowohl den Großmächten als auch den Pereinigten Staaten Kenirtniß geben. Aus Washington wird unter bem gestrigen Dawm tele- graphirt: Bei der Erörterung der im Senat eingebrachten Resolution betreffend die Annexion Hawaii'S wendet sich der demokratische Sc- nator Clay gegen die Resolution und erklärt u. a., die Vereinigten Staaten dürften die Philippinen nicht nehmen, weil sie zu'dem Zwecke den Krieg nicht begonnen hätten.— Das Marine- Departement veröffentlicht eine Kundmachung, welche eine Zusammenstellung der Schiffe enthält, die das zum Angriff auf die sp a n i s ch e(K ü st e bestimmte Geschwader unter Commodore Watson bilden werden. Zum Admiral-Schiff ist der Kreuzer„Newark" bestimmt. Die anderen Schiffe sind: Die Panzerschiffe 1. Klasse„Iowa" und„Oregon", so- wie die Kreuzer„Dosemite",„Vankee" und„Dixes". Drei Kohlen- schiffe werden die Flotte begleiten. Durch ein Drekrct des Präsidenten ist die Blockade Kuba's auf die Südküste zwischen dem Cabo frances und dem Cabo de Cruz ausgedehnt worden, auch San Juan de Portorico ist in Blokadezustand erklärt. Den neutralen Schiffen ist eine Frist von 30 Tagen zum Verlassen des Hafens mit Ladung bewilligt.— Der Hilfskreuzer„Dole" ist in Vaiguiri eingetroffen und hat Verstärkungen gelandet. Die spanische Regierung dagegen glaubt nicht, daß ein amerika- uisches Geschwader nach Spanien kommen wird; trotzdem hat sie Maßnahmen für diesen Fall getroffen, Schiffe sind zu diesem Zivccke bereit und 26 000 Mann sind zu den Fahnen einberufen worden; dieselben lverden auf die'Haupthäfen am Atlantischen Ozean und am Mittelländischen Meer vertheilt werden. Räch in Paris eingelaufenen Nachrichten aus Madrid leugnet die spanische Regierung die von ihr thatsächlich eingeleiteten Friedensverhandlungen deshalb ab, um im' Lande keinen Sturm hervorzurufen. Alle maßgebenden spauischen Persönlichkeiten sind für den Frieden. Aus Madrid wird uns unter dem 25. d. M. geschrieben:„Die letzten Unglücksnachrichten von Kuba und den Philippinen sind nicht ohne Eindruck auf die kriegerische Stimmung im Lande geblieben. Ein Theil der Republikaner, der noch vor kurzem in KriegsenthnsiaL- »ms machte, beginnt einzusehen, daß auf die Dauer Spanien doch seinem Gegner nicht Stand halten kann. Bereits haben sich mehrere einflußreiche Zeitungen, lvie z. B. der„Diario de Barcelona", sowie angesehene Schriftsteller und Gelehrte, darunter auch der bekannte Nomanfchriftsteller Euscbio Blasco, für schnellsten Friedens- schluß ausgesprochen. Besonders findet die Friedensbewegung in Katalonien Rückhalt, dessen Handel und Exportindustrie durch den Krieg schwer leidet. Viele der latalonischen Fabriken arbeiten nur mit der Hälfte oder einem Drittel ihrer sonstigen Arbeiterschaft, und manche haben den Betrieb ganz eingestellt. In der klemen Faürikstadt Jgualada bei Barcelona, die hauptsächlich Bamnwoll-, Tuch-, Sammt- und Leinwandwaaren für den Barcelonaer Markt produzirt, sollen über ein Dutzend der größeren industriellen Etablissements gänzlich stillstehen. Vorläufig hat allerdings die Kriegspartei, die von der Geistlichkeit unterstützt wird. noch die Oberhand. Sie wiegt sich in optischen Hoff- nungen, träumt von einem Eingreifen Frankreichs und Deutschlands in den Kampf und erklärt jeden, der sich für ein Ein- gehen Spaniens auf die amerikanischen Forderungen ausspricht, für einen Landesverräther. Das hindert indeß nicht, daß jede der patriotischen Parteien in dein allgemeinen Tohuwabohu für ihre speziellen Interessen Propaganda macht. Seit vierzehn Tagen debatttrt man nun schon über die Unterlassungssünden der Regierung auf. den Philippinen, ohne daß dabei irgend ein Nutzen herausgekommen wäre. Um den fortgesetzten Anschuldigungen zu entgehen, hat die Regierung nichts Besseres zu thun gelvnßt, als die Sitzungen zu suspendiren. Das wird die radikaleren Republikaner mir noch mehr aufbringen. Vielleicht kommt es nun doch zur offenen Knb, netskrisis. In latenter Form ist sie ja schon längst vorhanden, aber da unter den gegenwärttgen Verhältnissen nur Ivenige Neigung haben, ein Ministeramt zu übernehmen. werden die Risse iminer wieder überkleistert. Es scheint, als wenn die Anhänger des famosen Martinez Campos und seines würdigen Jiivalen, des Generals Weyler, Spanien noch nicht für reif halten für eine Militärdittatur. Die Dcputirtenkammer wie auch die Regierung haben nun doch endlich der Stimmiliig im Lande nachgegeben und sich„im Prinzip" für die allgemeine militärische Dienstpflicht und die Aufhebung des Loskauf-Systems erklärt. Für den Augenblick wird diese Erklärung kaum weitere Folgen haben, aber später wird die Regierung nicht umhin können, ihr Gesetzesform zu geben. Trotz der Ungunst der Zeitverhälttnsse macht die sozialistische Bewegung in den Nordprovinzen gute Fortschritte. Die„Boz del Obrero"(Arbeiterstimme) in Ferro! erscheint jetzt zweimal wöchent- lich, und die Genossen in Santander geben ein neues Wochenblatt heraus:„La Voz del Pueblo"(Die Volksstimme)." Ueber Kundgebungen der spanischen Arbeiter gegen den Krieg wird der„Int. Korr." aus Madrid unter dem 27. Juni gemeldet: In Barcelona, Bilbao und Valencia fanden am gestrigen Sonn- tag große Kundgebungen der Arbeiter gegen die Fortsetzung des Krieges' statt. In Bilbao waren Abordnungen aller Bergwerlsbezirke der bastischen Provinzen eingetroffen; die Redner erklärten, daß infolge des Krieges die Hälfte der Grubenarbeiter brotlos geworden sei, während die anwesenden Gemeinderäthe und Bergwerks- Vertreter die gesammte spanische Montanindustrie als gefährdet be- zeichneten. In Barcelona sollen sich 20 000 Personen an dem Zuge durch die Stadt betheiligt haben; doch wurde die Ruhe dabei nicht gestört. In Valencia Ivar die Kundgebung von den Arbeitslosen geplant, weshalb hier auch Massen hungernder Weiber und Kinder zusammenströmten, die lärmend und wehklagend durch die Straßen zogen. Der Alkalde versprach, daß in den nächsten Tagen rcgel- mäßige Verthcilungen von Mehl und Getteide an die Familien der Arbeitslosen stattfinden lallten. Eine inhaltlich ähnliche Meldung liegt der„Int. Corresp." auS N e w- A o r k unterm 26. Juni vor: Die Handelskammern von acht südlichen Staaten der Union richteten an Mac Kinleh eine gemeinsame Eingabe, worin sie die Schädigungen anfzählten, welche der Handel und die Waarenausfuhr der Südstaaten durch den Krieg bereits erlitten haben. Noch weit größer aber sei die Gefabr für die Zukunft, weil die jetzige Kriegszeit dem Konkurrenzhandel Süd- amerika'S, Indiens und Anstralieus Gelegenheit biete, dem nord- amerikanischen Handel die besten Absatzgebiete zu entreißen. Endlich wird noch aus Madrid gemeldet: Die spanische Regierung schloß soeben mit einem italienischen Agenten einen Ver- trag ab, wonach derselbe binnen sechs Wochen für Spanien zehn größere Schnelldampfer zu liefern hat, welche theilS als Hilfskreuzer, theils als Transportschiffe Verwendung finden sollen. ITeLzke UtedjviiTjlim«nd Vcp eschen. Wiesbaden, 28, Juni.(W. T. B.) Die erste Hauptversammlung deS 26, Deutschen AerztetageS wurde hier heute früh im Kurhaus unter Vorsitz des Geheimen Mediziualrathes Aub- München bei An-' wesenhett von etwa 300 Thcilnchmcrn eröffnet. Mit der Ver- sammlung ist eine Ausstellung chirurgischer Instrumente verbunden. Wien, 23. Juni.(W. T. B.) Durch Verordnung deS Gesannnt-. Ministeriums vom heutigen Tage sind für 33 politische Bezirke Galiziens Ausnahmeverfügimgen getroffen worden. PariS, 28. Juni.(W. T. B.) Die BureauS der Depntirtcn- kammer haben die Zollkommission gewählt; die Kommission ist im schutzzölluerischen Sinne zusammengesetzt und der Wiedereinführung der Getreidczöllo am 1. Juli günstig gesinnt. Zlqnila, 28. Juni. iW. T. V.. In der letzte» Nacht wurde im ganzen Thale von Antrodoco bis Cittaducalc ein starkes Erdbeben verspürt; es wurden mehrere Gebäude beschädigt. Die schwersten Schäden wurden in der Gemeinde Santarufina angerichtet. Dort wurden bei dem Einsturz eines Hauses eine Person gctödtet, zehn erlitten Verletzungen. Rqnila, 26. Juni.(W. T. B.) Bei dem Erdbeben in der vor- gangeucn Nacht wurden in der Gemeinde Santarufina fünf Personen getödtxt und sieben verwundet; in Capovello erlitten sieben Personen Verletzungen, die Häuser in dieser Ortschaft sind unbewohnbar ge- worden. Verantwortlicher Redakteur: Nnanst Jacobey in Berlin. Für den Jnseratentheil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin. Hierzu 1 Beilage n. ttuterhaltnngSblatt. Dt. 149. 15. rgliiig. cilGc ks ,|«ii!iiils" fnlinn lolbUntt 29. Imti 1898. S>tm Solinger Streit und dem schmählichen Verhalten des "evvii G e o r a Schumacher und seines Anhanges wird in ein- «euren Partciblättcrn die Meinung ausgesprochen, daß seitens der 'Parteileitung bereits jetzt entschiedene Maßnahmen gegen diese v�crren ergrisfeir werden müßten. Wie uns nritgethcilt Ivird, ist man in der Parteileitung der Ansicht, daß ein solches Vorgehen �ur Zeit Juemg angebracht wäre. Nach unserer Partei organisation§ 2 Abf. II enrscheiden über die Zugehörigkeit zur Partei die Parteigenossen der einzelnen Orte oder Lieichstags-Wahlkreise. Ob unsere Solinger Genossen es noch für der Mühe Werth halteir, die neuen Bundes genossen der Liberalen, und speziell Georg Schumacher init Schimp und Schande ans der Partei auszustoßen, wissen wir nicht. Für die Parteileitung liegt jetzt kein Anlaß vor, neue Schritte in der Sache zu thun. Es wird Sache des nächsten Parteitages sein, über das m der Partei beispiellos dastehende vcrräthcrische Gebahren Schumachers und seines Anhanges das letzte Wort zu sprechen. Hermann Martikke-Z-. Aus K e l l i n g h u s e n in Schleswig- Holstein ging uns die erschütternde Nachricht zu, daß im Kranken- hause daselbst am 2(3. Juni der sozialdemokratische Reichstagskandidat für den 5. schleswig-holsteinischen Wahl- kreis Dithmarschen-Steinburg, HermannMartikke aus H a m- h u r g, gestorben ist. Hermann Martikke war am 15. August 1851 in Wittenberge geboren und ist seit vielen Jahren sowohl gewerkschaftlich wie politisch in der Arbeiterbetvcgnng thätig gewesen. Während der jetzigen Reichstags- Wahlbewcgung hat er den 5. Schleswig-Holstemischcn Wahlkreis seit Monaten fleißig und unermüdlich beackert, war in fast allen gegnerischen Versainmlungen, u n im scharfen Wortgefecht die Angriffe auf die Sozialdemokratie abzuwehren, und hat auch in zahlreichen eigenen Versammlungen unsere Grundsätze encrgischXvertretcn und so für die Wahlschlncht am 16. Juni den Boden bereitet. Er unterzog sich willig den Strapazen der intensiven Wahlarbeit, nicht achtend seiner durch jahrelanges Leiden geschwächten Gesundheit. Eine Bleivergiftung, die er sich in seinem Beruf als Lackirer zugezogen, hatte seine Kräfte erheblich geschwächt. Aber unermüdlich lvar er auf dem Posten und hatte die Genugthuung, mit seinem nationaMberal-bündlerischcn Gegen- kandidaten in die Stichwahl zu kommen. Jndetz schon zur Zeit der Hauptwahl wurde er, mitten in der Agitationsarbeit, aufs Kranken- lager geworfen und mußte schließlich im Krankenhause in Kelling- husen Zuflucht suchen, das er lebend nicht wieder verlassen sollte. Bei der Stichwahl, als er sich ein weuig besser fühlte, äußerte er den Wunsch, wieder auf seinen Posten im Kampfe zurückzukehren. Der Geist war wohl feurig und stark, der Körper aber ging schon der Auflösung entgegen. Die Leiche wurde nach Hamburg gebracht und ivird dort heute(Mittwoch) Nachmittag auf dem Friedhofe in Ohlsdorf bestattet werden. fflit den zehntausend Wählern Dithmarschcits, die Hermann Martikke ihre Stimme gaben, trauert an seiner Bahre wie Sozial- dcmokratie ganz Deutschlands. Möge er uns allen ein begeisterndes Beispiel treuer Pflichterfüllung sein und bleiben! Eine zweite Traucruachricht kommt aus Forst in der Lausitz. Dienstag früh in der achten Stunde entschlief sanft nach langen, schweren Leiden der langjährige Vertrauensmann von Forst, Karl Urban. Er hat namentlich während der Zeit des Sozialisten- gesetzes mit unermüdlichem Eifer für die Partei gewirkt und ins- besondere der„rothen Feldpost" außerordentliche Dienste geleistet. Manche» Strauß mit den Behörden mußte er bestehen. Zahlreich waren die Haussuchungen. mit denen man ihn beehrte; nie aber fand die Polizei das Gesuchte. Urban gehörte auch zu den Parteigenossen, die auf der Rückkehr vom Kopcnhagcner Kongreß verhaftet wurden. Er mußte eine mehr- wöchige Untersuchungshaft durchmachen, wurde aber schließlich frei- gesprochen. In den letzten Jahren war er durch eine heimtückische Krankheit(Rückenmarksverzehrung) am aktiven Wirken für die Partei verhindert; als Anerkennung für seine langjährigen Verdienste über- ließen ihm aber die Genossen das Ehrenamt des Vertrauens- mannes bis zu seinem Tode. Trotz seiner Krankheit verfolgte er die Vorgänge auf dem politischen und wirthschaftlichcn Gebiete nach wie vor mit großem Interesse und als ihm ani Sonnabend Morgen die Nachricht von dem siegreichen Ausgange der Reichstagswahl im Kreise Forst mitgcthcilt wurde, da weinte er vor Freude. Es war, als wenn ihm das Interesse für die Wahl die Spannkraft verliehen hätte, um den Tod noch eine Weile zu bannen, denn seit Sonnabend verschlimmerte sich sein Zu- stand zusehends. Mögen sich namentlich die jüngeren Genossen des Kreises Forst Karl Urban zum Vorbild nehmen und nicht ruhen und rasten, bis die gerechte Sache des Proletariats den Sieg errungen hat. Dann werden sie im Sinne unseres verstorbenen Freundes handeln und ihm die größte Ehre erweisen. In Luckenwalde siegte bei der Ersatzwahl eines Stadtverord- beten der dritten Klasse unser Genosse Fritz Thiele mit 208 Stimmen iiber den bürgerlichen Gegner, Rentier P r o ch n o w. der nur 50 Stimmen erhielt. Es sitzen jetzt sieben Sozialdemokraten in der Gemeindevertretung. Aus der Schweiz wird gemeldet: Anfang Juli wird unter dem Titel„ V o l k s w a ch t am Jura" zweimal wöchentlich in der Buchdruckerei Guldimann und von Gnnten in G r e n ch e n ein neues sozialistisches Blatt erscheinen. Redigirt wird das- selbe vorderhand von einer Redaktionskomnussion. Polizeiliches, Gerichtliches?c. — Mecklenburgisches. Ein Strafmandat in Höhe von 3 M. oder entsprechender Haft ist dein Parteigenossen Bürger in Hamburg vom vereinigten ritterschaftlichen Polizei-Amt in Gadebusch zugestellt worden, weil er Sonntag, den 5. Juni, nachmittags zwischen 4 und 6 Uhr in Steinmannshagen„an einer von dem Schuster Grevsmühl zu Rchna einberufenen Wählerversammlung th eilgenommen hat" und dadurch gegen die mecklenburgische Sonntagsordnung verstoßen haben soll. Natiir sich hat Bürger gerichtliche Entscheidung beantragt.— GemevKftsMftliches. Deutsches Reich. Ueber die Verwendung von Privat-Spitzeln bei Streiks meldet die„Brandenb. Zeitung" folgendes: Hiesige Maurer- und Zimmermeister haben in ihrem Kampfe gegen die Arbeiter des Bau- faches einen Schritt gethan, der in jedem Sinne als unerhört bei wirthschaftlichen Kämpfen zu bezeichnen ist. Die braven Herren habe» sich nämlich von Berlin drei Privat-Detektivs kommen lassen, die gegen hohe Bezahlnng die Streikenden und Ans- gesperrten zu aktiven Vorgehen anregen sollten. Der Zweck ist ersichtlich. Diese Arbeit ist aber vergeblich. Wohl scheint man aber durch dieses Vorgehen die Polizei erbittert zu haben, mit dem Erfolge, daß diese Erbitterung an falscher Stelle zum Aus- bruch kam. Diese Spitzel-Verlvendung spricht doch für eine r c ch r eigenartige Gesinnung derjenigen, die sie in Szene gesetzt haben. Die Textilarbeiter einiger Aachener Fabrikett befinden sich km Ausstände, in anderen Betrieben stehen wegen fortgesetzter Lohn- rednktion Ausstände bevor. Die Versuche der Unternehmer, aus der ttausitz, namentlich, ans KottbuS und Forst, Weber heran- zuziehen, werden hoffentlich an dem Solidaritätsgefühl der letzteren scheitern. Zum Streik der Hamburger Bäcker. Der gestrige. Tag. so schreibt das„Hamb. Echo" vom Dienstag, lvar ftir die Herren Bäckermeister ein krittscher Tag erster Ordnung, denn der über die noch nicht geregelten Bäckereien verhängte Boykott hat seine volle Wirkung gethan. Als die Herren Brotträger mit ganz- oder halbvollen Körben zurückkehrten und erklärten, sie könnten beim besten Willen die Backmaaren nicht los- schlagen, da schrumpfte der Kleinprotzenstolz der„Herren in der Backstube" gewaltig zusammen. Eine allgemeine Dcroute hat in diesen Kreisen bereits stattgefunden. Die Herren haben eben mit dem Faktor, der sich konsumirendes Publikum nennt, nicht gerechnet. Selbst jene Kreise, die sonst der Arbeiterbewegung nicht recht grün sind, haben herausgesunden, daß der für 72 Stunden Nachtarbeit pro Woche geforderte Minimallohn von 21 M. äußerst bescheiden ist.— Am Sonntag Morgen wurde in Hamburg, Altona, Wandsbeh und Umgegend ein Flugblatt verbreitet, das der Bevölkerung über die Forderungen der' Gesellen Aufklärung verschafft.— Am Montag Morgen fand eine Versammlung der Streikenden statt, in welcher der Situationsbcricht gegeben wurde. Die Mittheilnng. daß sich unter den zahlreichen, die Forderungen der Gesellen bewilligt habenden Bäckennefftcrn auch der Obermeister der Bäckerinnung von Wandsbek befinde, wurde nnt lauten Bravorufen begrüßt.— In rund 200 Bäckereien mit 500 Gesellen wird jetzt zu den neuen Bedingungen gearbeitet. Dies ist nach fünftägiger Stteikdauer ein außerordentlich günstiger Erfolg. Die nach Hamburg gelockten Streikbrecher wurden wieder abgeschoben.— In Hamburg gelten 95, in Altona 70, in Wandsbek 19, in Lokstedt 5 und in Harburg 1 Bäckerei als geregelt. Am Montag Abend wurden 60 Gesellen nach geregelten Bäckereien in Arbeit geschickt. Die Maurer in Halle a. S. beschlossen, bei allen Meistern, die nicht 45 Pf. Stundenlohn zahlen, die Arbeit einzustellen. In Eilcnburg wurden 9 Bauarbeiter und Zicgclciarbeitcr wegen S t r e i k v e r g c h e n zu 1 Tag bis 3 Monaten Gefängnih vcrurtheilt. Sie sollen bei der Lohnbewegung im Frühjahr Weiterarbeitende beschimpft und thätlich beleidigt haben.— Wie man sieht, sind die„Arbeitswilligen" schon durch die jetzigen Gesetzesbestimmungen genügend geschützt. Und doch schreit man noch immer nach Ber schärftlng der einschlägigen Gesetze. I» Frankenthal haben sämmtliche Stuhlmacher die Arbeit niedergelegt. Stuhlmacher, Drechsler und Polirer werden dringend ersucht, Zuzug fernzuhalten. Die Lohnbewegung der Leipziger Bäcker steht vor einem entscheidenden Wendepunkte. Den Meistern ist seitens der Lohn- kommission folgender Revers zur Unterschrift vorgelegt worden: Ich Unterzcichnetcr verpflichte mich hierdurch, von Dienstag, den 28. Juni, in meinem Betriebe folgendes Arbeitsverhältnis; einzuführen: 1. Wohnung und Beköstigung wird den Gesellen nicht mehr von mir gestellt. 2. Als Entschädigung hierfür zahle ich einen Lohn- satz von wöchentlich 18, 21, 24 M.; wo jetzt 14 M, und mehr gezahlt werden, muß der Lohn um 11 M. erhöht werden. Unter 18 M. darf nicht gezahlt ivcrdcn. Für Aushilfsarbeiten von weniger als einer Woche Dauer zahle ich pro Tag 4 M. 3. Beginn und Ende der Arbeitszeit bleibt unter Einhaltung der 12 stündigen Arbeitszeit inkl. 1 Stunde Eßpause bestehen. Die nach dem Gesetz vom 4. Marz 1896 erlaubten Ucberstnnden bezahle ich mit 50 Pf. pro Mann und Stunde. 4. An den drei Festen, Ostern, Pfingsten und Weihnachten, wird vom 1. Feiertag früh 8 Uhr bis zum 2. abends 10 Uhr in meinem Betriebe nicht gearbeitet. 5. Strenge Einhaltung der Sonntagspause. 6. Bei Bedarf von Arbeitskräften verpflichte ich mich, dieselben nur vom Arbeitsnachweis der Bäcker zu beziehen, welcher von 1 Person verwaltet und von 3 Gesellen' und 3 Meistern kontrollirt wird.(Sämmtliche Personen müssen in öffentlichen Bäckervcrsammlnngcn gewählt sein,) 7. Im VersichcrnngSwesen steht es jeder Person in meinem Betriebe frei, sich in einer Hilfskassc oder in einer Jnnungskassc zu versichern. Uebcr die eingegangenen Beiträge zur Unterstützung der englischen Maschenbauce giebt jetzt die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands eine spezialisirte Abrechnung bekannt. Danach haben die deutschen Gewerkschaften inkl. 50 M. von den christlichen Formern Duisburgs, 20 M. von den Hnndschnh macheril Zürichs und 15 M. von den Glasern Zürichs, den Betrag von 66 235,851 M., die Gewerkschaftskartelle 46 055,92 M. und sonstige Vereine und Private 7549,03 M., insgesanmst 119 840,35 M. eingesandt. Bon dieser Summe sind 116 476,43 M. direkt nach London gesandt, während 1082,96 M. an die Herren Krcipe und Königs wahrend ihres Aufenthaltes in Deutschland aus gehändigt wurden. Außer obigen Beträgen sind, wie uns mitgcthcilt wurde, ferner nach England gesandt worden: von den Buchdruckern 51 057,38 M, von Metallarbeitern 46 428,76 M., von Holzarbeitern 23 000 M. und von den Stcinarbcitern 8000 M.. so daß die Maschinenbauer Eng- lauds von der deutschen Arbeiterschaft, unter Abzug der cntstchendcu Porti, inSgcsammt mit dem Betrage von 241 045,53 M. unterstützt worden sind. Ein schöner Beweis dafür, daß die deutschen Arbeiter die Bedeutung und die Tragweite jenes Kampfes erkannt hatten und daß das�Wort internatioüalc Solidarität bei ihnen kein leerer Wahn ist. Ausland. Qcstcrrcichischc Strcikstatistik. Das statistische Departement des österreichischen Handelsministeriums, in dem schon seit einige» Jahren die bisherigen statistischen Erhebungen über die Streiks in Oesterreich zusammengestellt wurden. hat neuerdings an alle Fabrikbesitzer, in deren Etablissements sich im Laufe des Jahres 1897 Arbeitseinstellungen eingetreten, ein Zirkular erlassen, in dem unter Anschluß cineS Fragebogens um eingehende Daten über Beginn, llmfaug und Verlauf ersucht wird. Die Zahl der Fragen läßt ersehen, daß eine wesentliche Erweiterung der bisherigen Strcikstatistik beabsichtigt ist. Nicht nur über den Einfluß der Betriebsstörung durch den Streik auf das Unternehmen suchen die Fragcpnuktc Ans- kunft zu erhalten, sondern auch über eventuelle Schäden an Material an WcrkSvorrichtungen, an Produktionsausfall, Behinderung recht- zeitiger Lieferung, Ausfall derselben ec. DaS Zirkular versichert, daß die erbetene Auskunft ohne NamenSneunung mir zu einer zusammen- fassenden Darstellung verwendet werden soll. Warum iveicdct man sich nicht auch an die Arbeiter? Im Interesse der Erhaltung eines objektiven BildeS wäre es geboten, auch diese Seite zu hören. Die Lokoinotibsührcr und Heizer Oesterreichs gehen mit der Absicht um, sich in einer Gewerkschaft zu organisiren. Vom 17. bis 19. August wird in Prag ein Kongreß abgehalten werden, zu welchem aus allen Heizhäusern Delcgirte eingeladen sind ohne Unterschied der Nationalität und Religion. Auf der Tagesordnung steht u. a.: Das Prämienwescn und seine Folgen; Abschaffung des Kilometcrsystems; Festsetzung der Gchaltshöhc und der Dienstzeit; Verstaatlichung der Bahnen; Krankenkassen- und PeusionSkassen- Ivesen u. s. w._ VokÄles. Die Vorstandsmitglieder dcS WahlvcrcinS Berlin VI werden ersucht, heute Abend pünktlich um 9 Uhr bei Franz G l e i n e r t, M ü l l e r st r. 7a, zur Sitzung zu erscheinen. _ M. Kiesel. DaS gestern amtlich pnblizirtc Wahlrcsnltat der Stich- wählen in Berlin ist folgendes: I. Wahlkreis: Eingetragene Wähler 18 837, abgegebene giltige Stimmen 12 387, ungilttge 69. Von den giltigen Stimmen haben erhalten: Dr. Langerhans 8385, Pötzsch 4002. Gewählt: Dr. Langerhans. II. Wahlkreis: Eingetragene Wähler 76 727, abgegebene giltige Stimnien 57 109, ungilttge 268. Von den giltigen Sttmmen haben erhalten: Kreitling 28 562, Fischer 28 547. Gewählt: Kreitling. z.jmnk'- , wenn a/Ur- III. Wahlkreis: Eingetragene Wähler 30 852, abgegebene giltige Stimmen 24 181, sungiltige 169. Von den giltigcn Stimmen haben erhalten: Heine 12 766, Dr. Langerhans 11415. Gewählt: Heine. V. Wahlkreis: Eingetragene Wähler 31 435, abgegebene giltige Stimmen 21 856, ungilttge 116. Von den giltigen Stimmen haba� erhalten: Dr. Zwick 10 957, Schmidt 10899. Gewählt: DstrZwick. Für die schwerhörigen Kinder in den hiesigen Volksschulen itt Sanitätsrath Dr. Arthur Hartmann in der neuesten Nummer der Verl. Aerztc-Korr." von neuem ein. Schwerhörige Kinder wohl- habender Eltern, so führt er aus, werden in Privatschulen gebracht. Noch besser ist, sie von Hauslehrern unterrichten zu lassen. Für die schwerhörigen Kinder in der Volksschule muß aber innerhalb der öffentlichen Untcrrichtsanstalten gesorgt werden. Es wird kaum zu erreichen sein, daß schwerhörige Kinder in besonderen Anstalten unter- richtet werden; das aber ist zu verlangen, daß sie auf die vordersten Plätze in die Nähe des Lehrers gesetzt werden. Der Lehrer hat auch sonst auf diese Kinder Rücksicht zu nehmen. In vielen Schnlei! ge- schicht dies jetzt schon. Es giebt auch Bestimmungen darüber. Vielfach aber werden die schwerhörigen Kinder, trotz dieser Bc- stimmungen, nicht ausgesucht und nicht so gesetzt, daß sie de» Lehrer so gut wie möglich hören können. Dr. Hartinann verlangt eindringlich, daß die zu gunsten der schwerhörigen Volksschüler er- lassencii Bestimmungen aufs genaueste beachtet werden. Er geht dann noch auf die Frage ein, wie am besten die ärztliche Behandlung schwerhöriger Schulkinder in die Wege zu leiten ist. Hier soll der Schularzt eingreifen. Er soll die schwerhörigen_ Schulkinder daraufhin untersuchen, ob im Einzelfalle durch ärztliche Be- Handlung etwas zu erreichen ist. Ist solche Aussicht vorhanden, so sollen die Eltern des Kindes benachrichtigt werden. Sind die Eltern unvermögend, so soll nach Dr. Hardnaun'S Forderung die Vchand- lung auf' Kosten der Stadt erfolgen. � Gegen einen solchen Schritt auf dem Wege zur Menschlichkeit oder, wie dieses Wort im fmsinnigen Jargon heißt, zum Zukunfts- staat, werden Magistrat und Stadtbcrordneten-Mehrhcit sich mit Händen und Füßen sträuben. Die„Voss. Ztg." äußert bereits ihre Bedenken und verweist auf das entehrende Mittel der Armenpflege, wobei sie mit Recht betont, daß„die Unbemittelten sich trotz ihres Maugels an Mitteln sorgfältig davor hüten, sich die Armenpflege nutzbar zu machen".' Die Unzulänglichkeit der Privat-Wohlthätigkeit, welche die„Vossische Zeitung" aus Verlegenheit empfiehlt, liegt auf der Hand und so wird sich aufs neue wieder als Resultat die alte Wahrheit ergeben, daß die Interessenten der gegenwärtigen Ordnung unfähig sind, auch nur das Selbstverftänd- sichsic zu gunsten der Proletarier zu leisten. Unfähig an allem, ive�j der Freisinn das Heft in Händen hat. „In den Kreisen der Arbeitgeber hört man vielfach da< thcil, bei Streitigkeiten, die vor das G e w er b c g c ri ch t kommen, könne man zehn gegen eins wetten, daß die Entschc'idnng zu Ungunsten des Arbeitgebers ausfalle; denn das Gericht bestehe in der Mehrzahl ans Sozialdemokraten." So steht in der„Vossischen Zeitung" zu lesen, die übrigens den Satz nur refcrirend wiedergiebt, ohne sich ihn zu eigen zu machen. Diese Ansicht ist eine Beleidigung des Gc- richts. den» sie schließt den Vorwurf in sich, daß der sozialdemokratische Theil seiner Mitglieder zu gunsten der Ar- bester ungerecht urtheile. Zahlreiche Antoritaten haben solche gehässigen Berdächttgnngen init Entschiedenheit zurückgewiesen. Der Vorsitzende des Frankfurter Gcwcrbegerichts betonte vor einiger Zeit sogar ausdrücklich, daß die sozialdeniokratischen Arbeitnehmer- Bei- sitzer, was das Entgegenkommen gegen die Arbeitnehmer angehe, nicht laxer, sondern eher st r e n g e r geworden sei, imd die Zeit- schrift„Das Gcwcrbegericht" wies kürzlich noch auf die Thatsache hin, daß die sozialdemokratischen Arbeiter in den Spruchsitzungen „ausnahmslos sich lediglich als Richter und nicht als Partei- Männer fühlen." Das sind, wohlgcmcrkt, Urtheile ans bürg er- lichcn Kreisen. Wo wäre ein„ordentliches" Gericht in Preußen- Deutschland, dem ans proletarischen Kreisen hätte ähnliches mit solcher Entschiedenheit nachgesagt werden können? Wein an un- parteiischer Rechtsprechung gelegen ist, der thut gut, auch die Wahl (ozialdemokratischer Arbcitgebcr-Bcisitzcr zu fördern. Der Neubau der Charitcc hat in der letzten Zeit bemerkeuS« wcrthe Fortschritte gemacht. Das Hygienische Jnstittlt auf dem alten Charitec-Kirchhof an der Hessischeiistraße ist im Erdgeschoß fertig. Auf dem Charitccgelände selbst ist das Gebäude für das Patho- logische Institut am Alcxandcr-Ufer bereits bis zum Dach gediehen; es fehlt an der Vollendung des Rohbaues nur noch die Schiefcrbcklciduug des Daches. Das Gebäude für die Küche, die Werkstätten und die Wagcnräumc, das in der Verlängerung des SommerlazarethS nach der Lnisenstraße zu errichtet wird, ist im Aenßcrcn ebenfalls vollendet. An der Hannoverschen Straße sind die Pförtncrwohnung und die Pferdeställe zum theil auch schon im Innern fertig. Jetzt hat man mit dem Abbruch der Neuen Charitee, dcS letzten Gebäudes der Jrrenabtheilung, begonnen. Zunächst werden die beiden Flügel im Osten und Westen abgerissen. Um mit dem Abbruch und Neubau nach und nach vorgehen zu können. hat man die Abbruchstcllen beider Flügel durch neue Wände verschließen und außerdem zwei neue Treppen aufführen müssen. Diese Zwischcnbanten haben 32 000 M. verschlungen. Der Beschränkung des Raumes entsprechend hat die Krankenzahl vermindert werden müssen; zu diesem Zwecke hat man die zur Entlassung geeigneten Krauken nach und nach entlassen und neue nicht mehr aufgenommen. Die beiden Stuben für Polizei- gefangene.Männer und Frauen, soweit sie nicht geisteskrank sind, sind eingegangen; derartige Gefangene werden von der Polizei oder vom Gericht nicht mehr angenommen. Die Aerzte- und Bcamtenwohnuiigcn, die sich in den beiden Flügeln befanden, sind verlegt worden. Von einem Arbeiter erhalten wir folgende Zuschrift: Bezug- nehmend auf den Artikel über öffentliche D e n k m ä l e r in Arbeiter- vierteln, den der„Vorwärts" am Sonntag brachte, kann ich nicht umhin, Ihnen folgendes mitzutheilcn: Auf dem Ko p p e n p l a tz ist zu Ende vorigen Jahres eine Gruppe aufgestellt worden, welche eine junge Frau darstellt, die ihren Kindern das- Ballspiel lehrt. Dieses Bildwerk ist noch mit demselben Bauzaun um- geben, wie im vorigen Jahre; das Ganze starrt von Schnmtz, ringsum liegen Sandhaufen ze., sodatz die Figur im Volksmunde den Namen„Saudmarie" führt. Warum die sonst recht hübsche Gruppe nicht fertig gemacht nnrd, ist allen ein Näthsel; die Statue kann doch nicht dafür, daß sie nicht männlichen Geschlechts ist und von der Sieges- Allee so weit entfernt steht. Dort sind bekanntlich mit staunenswerther Rapidität bis jetzt schon nicht Iveniger als drei Denkmäler aufgerichtet worden. Die königl. C'iscnbahn-Direktion Berlin hat beschlossen, die auf dem Schlcsischen, dem Stcttiner und dem Lehrter Bahnhofe bc- findlichen Fettgasanstalten in MischgnSanstalten umzuwandeln und zu diesem Zwecke auf diesen Bahnhöfen je eine Acetylen-GaSanstalt zu errichten. Der Tonimernmzug, der offiziell an den ersten Julitageu statt- findet, hat bereits seinen Anfang geuomnicn. Wie die Zettel au den Hansthürcn besagen, sind eine recht erhebliche Zahl von Wohnungen unvermietet geblieben. Es sind dies namentlich solche, die einen gemcinsainen Korridor für mehrere Parteien besitzen. Diese Ab- Neigung der Miether gegen derartig gelegene Wohnungen hat sich bei den letzten Nmzugsperioden so sehr geltend gemacht, daß jetzt die meisten Bauunternehmer, auf die Ranmerspnrnng Verzicht leistend, von der Einrichtung gemeinschaftlicher Korridore gänzlich absehen. Auch den Rabitzwänden hat die Todesstunde geschlagen. Die Flucht der Miether aus Behausungen, deren Wände'„Ohren" haben und die auch nicht einmal nagelfest sind, ist eine ganz gewaltige Da der Ifluigte Theil dieser Wohnungen uiwermiethet geblieben ist, hat sich eine erhebliche Zahl der HauSeigenthümer zur Beseitigung bei-, wie das Volk sagt,„AuSstellungswohnungen" veranlagt ge» sehen. Dir San Jos6-SchildlnnS ist, wie der Geh. Rath Professor .Frank vom Jnftitiit für Pflanzenschutz der Landwirthschaftlichen Hoch- schnle mittheilt, bis jetzt m den deutschen Obftkulwren nicht gefunden worden, trotz der seit N?ärz d. I. begonnenen allgemeinen Nach- forschungen danach. Wohl aber hat sich dabei, wie schon früher mit- getheilt wurde, die weite Verbreitung einer der San Joss-Schild- laus auszerordentlich ähnlichen Cisprdiotas-Art auf Obstbäumen in ganz Deutschland ergeben, die ein ebenso gestaltetes und ebenso ge- f-irbtes Schild, ebenfalls gelbe Farbe, sowie ähnliche Hinterleibs- struktur hat und gleichfalls lebende Junge gebiert. Diese neue Pseudo-San Jose-Laus ist aber von der amerikanischen durch charakteristische Hinterleibsorgane sehr bestimmt unterschieden. Vor- läufig haben die Agrarier durch das Einfuhrverbot gegen ameri- kmnsches Obst ihren Willen erhalten, lind das ist schließlich ja doch die Hauptsache. Die Berliner RettungS-Gescllschaft wird am Donerstag, den 80. Juni, in der SanitätSwache Mauerstrahe 23 eine Rettungswache eröffnen. Der Holzbclag der Ttadtbahnbriicke über den Humboldt- hafe» wird jetzt, soweit derselbe durch den Brand beschädigt ist, erneuert. Die zur Verwendung kommenden Schwellen sind im- präanirt und dürften so leicht vom Feuer nicht wieder beschädigt werden. Beim Neknigen deö Schwimmbassins in der Bade-Anstalt des Vereins der Wasserfreunde wurde nachts die Leiche des lljähngen Sohnes des Buchhalters Friedrich Lehmann aufgefunden. Der des Schwimmens unkundige Knabe hat gegen Abend in der Anstalt ge- badet und ist dabei Ivahrscheinlich ertrunken. Ans cigeuthiimliche Weise wird von einem Vorstandsmitgliede des Vereins Waldeck der Vorfall zu deuten gesucht, der sich am 24. d. M. in der vom Verein veranstalteten Versammlung zutrug und über den wir in der Sonntags- Nummer berichteten. Nach einer uns von diesem Herrn übersandten Zuschrift hat der Vorsitzende nur das Ersuchen an die Anwesenden gerichtet, sich in die Mitglieder- liste des Vereins einzeichnen zu lassen, und dann im„scherzhaften Tone" unter lebhafter Heiterkeit gesagt, er dürfe wohl annehmen, das; jetzt alle Anwefenden Mitglieder des Vereins seien. Eine Auf- Forderung an die NichtMitglieder, den Saal zu verlassen, sei über- Haupt nicht ergangen. Der scherzhafte Ton muh doch wohl sehr zu Mißverständuifsen Anlah gegeben haben, denn sonst würde das Be- fremden wohl nicht so allgemein gewesen sein, wie uns von un- parteiischer Seite berichtet wird. Böswillige Vrandstistnng liegt einem Bvdenbrande zu gründe, der Montag Abend V Uhr Neue König sie. V3 ausbrach. Die schnell herbeigerufene Feuerioehr stellte fest, daß in zwei verschiedenen Bodenverschlägen und auf dem Hauptgange mehrere Feuerherde anS Papier und Holz hergestellt waren. Mit brennbaren Stoffen waren allerlei Holzstoffe getränkt, so dah man sofort auf die Vermuthuna kam, dah hier Unlimdige gewaltet hatten. Das Feuer wurde schnell gelöscht. Rohheit. Einen nlifregenden Vorgang gab es Montag Abend in der Linienstrahe. Die Schneiderfrau' Staberow aus der Wvllinerstrahe 14 kam mit einem mit Wäsche beladenen Handwagen von der Schönhauserstrahe her gefahren. Oben auf dem Wagen sah ihr Töchterchen. Vor dem Hanse Linienstrahe 33 fuhr ein Müll- ivagen, der von der Prenzlauerstrahe kam, mit solcher Wucht auf den Handwageir auf, dah das Kind heruntergeschleudert wurde und die Frau zu Falle kam. Während das Kind unversehrt davon kam/ gerieth die Mutter unter den Müllwagen, dessen Räder ihr den linken linterschenkel zerschmetterten. Leute ans der Nachbarschaft betteten die Verunglückte auf ihrem Handivagen und brachten sie nach der llnfallstation in der Alten Schützeiistrahe; von hier wurde sie einem Krankenhause zugeführt. Der Kutscher des Müllwagens, ein Mann Nameiis Kluth, sachte zu entkommen, wurde jedoch von einem Landwehrmann des Alexander- Regiments aufgehalten, bis die Polizei kam. Als der Laildwehrmaun sich den Pferden entgegeu- warf, schlug ihn der Kutscher mit der Peitsche; er muhte blank ziehen, um sich des rohen Menschen, der vom Wagen sprang und mit dem Miillhalen auch nach dein Publikum schlug, zu erwehren. Es ging jedoch ohne erhebliche Verletzungen ab. Schutzmänner überwältigten den Wütherich und brachten ihn auf die Wache des 10. Polizeireviers. Ein Schlächterwagen veranlahte gestern in der Lothringer- ftrahe wieder einen schweren Unglücksfall. Kurz nach 12 Uhr mittags wurde ein von der Schule kominendes achtjähriges Mädchen bei dein Ueberschreiten des Fahrdammes an der Ecke der Choriner- und Lothringerstrahe von eiaem übermäßig schnell um die Ecke jagenden Schlächterwagen zu Boden gerissen und überfahren. Der schuldige Kutscher fuhr, ohne sich um sein Opfer iveiter zu bekümmern, in schnellster Gangart davon, verfolgt von einem Schutzmaim, der in eine Droschke sprang und dem Fliehenden nachjagte. Zivar gelang es dein Beamten nicht, das Fuhrwerk einzuholen, doch konnte der Schntzinann die an dem Wagen stehende Firma feststelle», so dah es gelingen dürfte, den Kutscher zur Verantwortung zu ziehen. Beim Lockenbreunen vcruligliirkt ist die 32jährige Kellnerin Agnes Sch. aus der Zehdenickerstrahe. Die Sch. stieß durch eine unvorsichtige Armbewegung die Spiritusn, aschine herab, diese explodirte, der brennende Spiritus ergoß sich über die Kleider der Unglücklichen und steckte diese sofort in Brand. Auf die gellenden Hilferufe der Kellnerin eilten Leute aus der Nachbarschaft herbei und rissen ihr die brennenden Kleider vorn Leibe. Trotz der raschen Hilfe hat die Aennste schlvere Brandwunden erlitten, insbesondere an der Brilst und den Arme». Sie inuhte in ein Krankeuhaus ge- bracht werden. Bon der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt wurde die Leiche der 04 Jahre alten Frau Bertha Wolff aus der Gitschinerstr. 58. Die Frau war leidend geivorde», weil sie alle ihre neun Kinder durch den Tod verloren hatte. Gegen einen Schnupfen roch sie Salmiakgeist. In der Nacht stand die Frau auf. und bald darauf hörte eine Richte, die bei ihr wohnt, sie schiver stöhnen. Sie hatte, aus einem Stuhle sitzend, die Flasche mit Salmiakgeist in der Hand. Ein Arzt, der sofort gerufen ivnrde, erkannte eine Vergiftung und gab Gegenmittel. Trotzdem ist die Frau gestorben. Bon den Pferde» riucS FcucrwchrwagcuS wurde gestern Vormittag in der Wörtherstraße eine jugendliche Radfahrerin, die 10jährige Tochter des Privatbeamten D. erheblich verletzt. Das junge Mädchen fuhr auf einem Ziveirade den Straßenzug entlang, als�ein Mannschaftswagen der Feuerivehr von der Schönhauser Allee aus in die Wörtherstraße einbog. Durch ungeschickte Steuerung des Rades jagte das junge Mädchen direkt m das Gespann der Feuer- wehr hinein, obwohl der Wagenführer die Pferde mit aller Gewalt zurückriß, konnte ein Unglücksfall doch nicht vermieden werden. Fräulein D. erlitt durch die Hufe der Thiere eine Quetschung des Brustkastens und mußte einem Kraiikenhause zugeführt werden. Unfall im Eisenbahnbetriebe. In der Nacht zum Dienstag wurde auf dein Schlesischen Bahnhofe der Bremser Heinrich Riesen- berg beim Ueberschreiten der Geleise von der Maschine eines ans Erkner kommenden SonderzugeS erfaßt und zu Boden geworfen. Er erlitt hierbei erhebliche Verletzungen am Kopfe undxan der Brust. Straffcnsperrniig. Die Nene Friedrichstraße von der Spandauer Brücke bis Klosterstraße einschließlich des Kreuzdammes bis letzterer Sttaße wird behufs Asphaltirung vom 23. d. M. ab bis auf Weiteres für Fuhriverke und Reiter gesperrt. Fcuerbcricht. Durch ausgeflossenes Petroleum hatte Mon- tag Abend nach 11 Uhr S t r a l sun d er straße 3 der �Fußboden und die Balkenlage Jeuer gefangen, das aber im Entstehen gedämpft wurde. Dienstag früh 1 Uhr wurde die Wehr nach W a r s ch a u e r st r a ß e 30 gerufen, wo Preßkohlen im Keller durch Selbstentzündiing bramiten. Mittags 12 �3 Uhr wurden Christ inen straße 25 Möbel eingeäschert, auch erlitt daS Hau« erheblichen Schaden. Nachmittags 2 Uhr brannte Ostbahnhof 6 der Fußboden. Kurz nach 0 Uhr mußte Hagelsberger- straße 37/38 ein Kellerbrand abgelöscht werden, der hauptsächlich Werg und Gerumpel einäscherte. Ans de» Nachbarorten. Köpenick. Da es fast in jedem Jahre boiTommt, daß eine große Anzahl hiesiger Einlvohner, welche ein Einkommen unter 300 M. haben, viel zu hoch zur Gcmeinde-Eiiikommeiisteiier ver- anlangt werden, so sei hiermit auf eine Bekanntmachung des hiesigen Magistrats hiiigewiese», wonach die Gemeindesteuer-Listen pro 1. April 1838/33 für diejenigen Personen, deneli eine Kommunal« steuer-Vergüiistigung zusteht, und für solche, welche wegen Einkommens von unter 300 M. jährlich nicht zur Staats-Einkommenstener veranlagt sind, in der Zeit vorn 23. Juni bis 0. Juli 1833 einschließlich im Steuerbureäu des Magistrats zur Einsicht der Betheiligten an den Wocheiitagen vormittags von 8—12, nachmittags von 3—0 Uhr öffentlich ansliegen. Gegen die Heranziehung zur Gemeinde-Ein- konunensteuer können die Betheiligten binnen einer Frist von vier Wochen,, welche mit dem 7. Juli beginnt und mit dem 3. Anglist dieses Jahres endigt, Einspruch beim Magistrat erheben. Da auch in diesem Jahre eine größere Anzahl namentlich junger Leute unter 10 Jahren zu einer Gemeinde-Einkommensteiler veranlangt sind, so ersuchen wir die Parteigenossen, in der oben angegebenen Zeit von ihrem Eiiisprnchörecht regen Gebrauch zu machen. Die Herabsetzung der Tarife für die städtische» BolkS- Badeanstalten von nächstem Etatsjahre ab, welche von der Ber- l i u e r Stadtverordneten-Versammlung beschlossen Ivorden ist, hat auch die Charlottenburger Stadtväter in ihrer letzten Sitzung beschäftigt. Der dortige Magistrat hatte den Antrag gestellt, die gegenwärtige Berliner Gebührenordnung auch für die nene Charlotten- burger Volks- Badeanstalt einzuführen. Die Stadtverordneten- Versammlung lehnte jedoch diesen Magistratsantrag mit Rücksicht auf die von Berlin beabsichtigte Tarifverbilligung ab und beschloß, wesentlich ermäßigte Tarife, namentlich für Wannen- und Schwimmbäder, schon jetzt zur Einführung zu bringen. Die Bolks- Badeanstalt in Eharlottenburg soll am 1. Juli eröffnet werden. In Schöncbcrg beschloß die Stadtverordnete n-Ver- s a m m l u n g in ihrer letzten Sitzung, im Einverständniß mit dem Magistrat eine Offerte der Berliner Bodengesellschaft anzunehmen, nach ivelcher der von Eharlottenburg begrenzte Platz 2 der Be« baunng aufgeschlossen iverden soll. Ein weiterer Antrag des Ma- gistratS, wonach das mit der Imperial Continental-Gas-Nssoeiatton 1831 geschlossene Abkommen, durch eine Leittma über die Weichbildgrenze hinanS die Gemeinde Wilmersdorf mit Gas zu bersorgen, wegen Formmangels zu widerrnfen ist, wurde mit der eigenthüm- lichen Praxis der Gesellschaft, ihr Monopol nach jeder Richtung hin aiiszunutzen, begründet. Oberbürgermeister Wilde, welcher dieses Gebahren treffend keimzeichnete, nannte die Gasometer der Gas- konipagnie„die Plusmacher für die Gesellschaft". Der Antrag wnrde einstimmig angenommen. Der Betrieb der königl. Gcschiitzgießerei in Spandau hat der„Voss. Ztg." zufolge solchen Nmsang angenommen, daß sie ge- theilt werden soll; von der alten Anstalt soll der neue Theil am rechten Spree-llfer, die Geschützwerkstatt abgezweigt werden und eine eigene Direktion erhalten. / Gvß» iLzkS f Der Ehrciircttung eines nach seiner Behauptung unschuldig Verurtheilten galt die Verhandlung, die gestern unter dem Vorsitz des Landgerichts- Direktors Pohle vor dem Schwurgericht des Landgerichts 1 begann. Auf der Anklagebank sitzen vier weibliche Angeklagte: Die unverehelichte Auguste Pieck, die verehelichte Näherin Henriette H o h m a n n geb. Meyer, die verehelichte Antonie D r i ii k m a n n geb. Jeschke und die verehelichte M i n n a T r ä d e r, denen Jnstizrath H ä n s ch k e, Rechtsanwalt Dr. Löwen- st ein, Dr. I ä n i ck e, Dr. K ü st e r und Dr. Werth auer als Vertheidiger zur Seite stehen; die Anklage wird vom Staatsanwalt C o r n e l vertreten. Die ersten beiden Angeklagten sind des wieder- holten M e i il e i d e s, Frau D r i n k m a n n des Meineides und der Niisiiftilng zum Meineide, Frau Trüber des Meineides beschuldigt. Der Sachverhalt, der der Anklage zu gründe liegt, wäre geeignet, Stoff zu einem Hintertreppen- Roman abzugeben. Der penstonirte Stenererheber Eugen Drinkmann, Ehe- mann der dritten Angeklagten, ist am 13. November 1830 von der zweiten Strafkammer des Landgerichts I zu zwei Jahren Zuchthaus verurtheilt worden, weil er überführt schien, die jetzige Angeklagte H o h m a n u zur Begehung eines Meineides zum Schaden seiner Ehefrau zu verleiten versucht zu haben. Der Gerichtshof hatte die Ueberzeligulig von der Schuld Drinkmann's ans grund der eidlichen Bekilnduiigen der jetzigen beiden ersten Angeklagten ge- ivonnen. Die von Drinkmann eingelegte Revision wurde verworfen, und er trat seine Strafe im Zuchthanse zu Brandenburg a. H. an. Zur Zeit ist er d r e i M o n a t e ans der Strafanstalt beurlaubt, da er unter der Behauptung, daß die jdjigen Angeklagten einen Meineid geleistet hätten, das Wiedermifnahineverfahren beantragte und seine Behauptung begründet erschien. Die an- gestellten Ermittelniigen haben folgendes ergeben: Die Drinkmann- scheu Eheleute sind seit 34 Jahren verheirathet. Ans der Ehe sind 11 Kinder hervorgegangeii, von denen drei noch leben. Ein Sohn lebt in London, eine Tochter hat sich in London mit einem Manne verheirathet, der nach der Behauptung der Frau Drinkmann„mehr- facher Millionär" sein soll. Die Drinkmaiin'schen Eheleute lebten 30 Jahre lang in glücklicher Ehe, dann aber kam eS theils ans BermögenSstreitigkeiten, theils ans EifersuchtSgründen zu dauerndem Ililfrieden, so daß die Eheleute schließlich das Zusammenleben aiifgaben. Driiikmann ist während der Ehe durch Grundstücks- spekulation zu etwas Vermögen gelangt und Besitzer zweier Häuser in RheinSberg und in Reinickendorf geworden, die an seine Ehefrau aufgelassen worden waren. Tie Ehefrau Drinkmann ift nun eines Tages als Zeugin in einem Zivilprozeß des Kanfmanns Vollrath gegen den Privatförster a. D. Blanken- hageil vernommen.worden. Der Kläger Vollrath hatte die Miethen eines der Angeklagten Träder und deren Ehemann gehörigen Hauses in der Reinickendörferstraße wegen einer vollstreckbaren Forderung pfänden lassen; da trat plötzlich Blankenhagen, ein naher Ver- wandter der Träder, als antichretischer Pfandgläubiger auf nndzwar auf grnnd eines antichretischen Pfandvertrages, der nach der Be- Häuptling deS Klägers Vollrath nur simnlirt sein soll. Blanken- Hagen behauptete dagegen, daß er den Träder'schen Eheleuten 1000 M. baar geliehen und dieses Geld von der Frau Drink- mann gegen Wechsel erhalten habe. Diese Behanptung hat Frau Drinkmann im gerichtlichen Termin eidlich be- stätigt. Ihr Ehemann dagegen behauptet, daß es sich nur um eine schlaue„Schiebung" gehandelt und er seine Frau vor der Betheiligiing an derselben geivarnt habe. Die 1000 Mark köiinte» garnicht aus ihren eigenen Mitteln stammen, da er das Vermögen in Verwahrung gehabt habe. Als die beiden Eheleute auseinander- gegangen waren, entwickelten sich nach beiden Seiten hin Meineids- Demn'iziattonen. Ein gewisser Höhne, der mit Frau Drinkmann ver- feindet war, reichte eine solche Sttafanzeige gegen diese ein. Er be- hauptete in Uebereinstimmimg mit dem Ehemann Drinkmann, daß er eines Tages unbemerkt Zeuge eines Gesprächs gewesen sei, das die jetzt angeklagte Hohmann mit Drinkmann in dessen Wohnung gehabt habe. In demselben sei die„Schiebung" voll bestätigt worden. Das Ermittelimgsversahren gegen Frau Drinkinann wurde aber eingestellt und nun der Spieß umgedreht: Frau Drinkmann zeigte ihren Mann an. weil er versucht habe, die Angeklagten Pieck und H ohma n n zum Meineide zu überreden.' Sie behauptete, daß ihr Ehemann eines Tages die Hohmann besucht und sofort von der Blmikeiihagen scheu Angelegenheit angefangen habe. Er habe die Hohmann durch Geld- versprechlingen bewegen wollen, vor Gericht zu bekunden, daß seine Ehefrau die 1000 Mark nicht auS eigenen Mitteln gegeben habe, daS ganze vielmehr nur eine„Schiebung" gewesen sei. Beim Weggehen habe er noch gesagt:„Sagen Sie nur so aus, dann bekommt sie ein paar Jahr Zuchthans und ich bin das alte A.. los". Die bei der Hohmann wohnende Pieck, die in der Küche im Bette gelegen, habe die? mit angehört. Vor Gericht haben die Pieck und die Höh- mann diese Behauptungen eidlich bestättgt und dies hatte zur Folge, daß der Ehemann Drinkmann zu zwei Jahren Zuchthaus verurtheilt wurde. Diese eidlichen Aussagen der drei Frauen sollen wissentlich falsch gewesen sein. — Als Drinkmann verurtheilt ivorden war, beauftragte sein Schwiegersohn Joseph das Privatdetektiv-Institut„Jus" mit Recherchen zu dessen gniisten. Der Erfolg blieb nicht lange aus. In Gegen- ivart dreier Angestellter des Instituts„Jus" unterschrieb die jetzige Angeklagte Pieck ein Schriftstück, in welchem sie eingestand, e i n e n M e i n e i d g e l e i st e t z u haben; sie habe von dem angeblichen Gespräch Drinkinann's mit der Hohmann überhaupt nichts gehört und sei von Frau Drinkmann und der Hohmann zum Meineid verleitet ivorden. Die Folge dieser Selbstanzeige, bei ivelcher die Pieck verblieben ist, ist die jetzige Anklage. Was Frau Träder betrifft, so ist sie in der Hanptverhandluiig gegen den Stenererheber Drinkmann gleichfalls als Zeugin vernommen worden und hat auch ihrerseits bekundet, daß sie die 1000 M. von Blankenhagen geliehen erhalten, dieser sich aber das Geld von der Frau Drinkmann ge- borgt habe. Sie bestritt eidlich, daß sie selbst die 1000 M. vorher der Frau Drinkmann zugesteckt habe.— Die Vernehmung der einzelnen Angeklagten war eine so eingehende, daß viele Suuiden davon in Anspruch genommen wurden.— Die Angeklagte Pieck ver- blieb bei ihrer Selvstanzeige, zu der sie von niemand beeinflußt sein will. Räch ihrer Behauptung habe sie, als sie erfahren, daß falsches Zeiigniß eine schlvere Sünde sei, ans welche schwere Sttafe stehe, keine Ruhe mehr gehabt und sich erst durch das Bekemitniß ihrer Verfehlung erleichtert gefühlt. Die übrigen Angeklagten be- stritten entschieden jede Schuld. Frau Drinkmann behauptete, daß die ganze Anklage durch ihren Schwiegersohn veranlaßt worden sei, der die Pieck gekauft habe.— Da eine große Reihe von Zeugen vernommen werden muß, wird die Verhandlung erst Mittwoch Abend.. zu Ende gehen. Für einen Angegriffenen besteht kcinr RrchtSvflicht, zn fliehen. Eine mtereffante Strafsache, die schon einmal das Reichsgericht beschäftigt hat, fand durch die Freffprechnng des Angeklagten ihren Abschluß' Vom Landgerichte D a r m st a d t war der Tischlermeister Heinrich W ä l tz 11. wegen gefährlicher Körper- Verletzimg zu 4 Monaten Gefängnis; und einer Buhe verurtheilt worden. Nach Aufhebung des Ilrtheils durch das LteichZ- gericht setzte daS Landgericht Mainz, an welche? die Sache verwiesen worden war, am 30. März die Strafe auf vier Wochen Gefängniß herab und ermäßigte auch die Buße. Der Sachverhalt war folgender. Wältz, der erst 24 Jahre att nnd noch nicht wähl- berechtigt war, hatte sich an der Agitation für die Kommunalwahlen betheiliat und dadurch den Unwillen anderer junger Burschen erregt. Seine Schwester nnd seine Mutter warnten ihn eines Tages vor seinen Gegnern. Er beachtete die Warimng und machte Sonntags, als er von einem Besuche bei seiner Braut zurückkam, einen Umweg, um nicht mit seinen Gegner» zusammenzutreffen. Diese hatten ihn aber doch ansfindig zu machen gewußt und trafen plötzlich mit ihm zusammen. Die Worte„Da ist ja das Wältzchen!" gaben ihm einen Borgeschmack der Dinge, die da kommen konnten. Thatfächlich verfolgten die drei Verbündeten den Angeklagten mit großem Eifer nno blieben ihm auf den Fersen, obwohl Wältz die schnellste Gangart einschlug. Da er sich der Verfolger, die offensichtlich die Absicht hatten,' ihn zu mißhandeln, auf andere Weise nicht er- wehre» konnte, so wandte er sich um und schoß aus einem Revolver zweimal auf seine Feinde. Em gewisser H. wurde am Unterkiefer verletzt und war 15 Tage arbeitsnnfähig. Das Landgericht Mainz hat angenommen, das; Wältz die Nothwehr überschritten habe. Er hätte, so heißt es im Urtheil, in seine nahe Wohnung siiehen oder erst in die Luft schießen oder mit dem Regenschirm oder dem Revolver schlagen können, ehe er direkt ans die Angreifer schoß.— Auf die abermals von Wältz eingelegte Revision erkannte daS Reichs- gericht ans A u f h e l> u n g des Urlheils und sprach den Angeklagten kostenlos frei. Sämmtliche Versuche der Vorinstanz Streitfragen einzelner Vereine sollen durch den Vorstand geregelt' werden. Landsmannschaft der Schleswig-Holsteiner. Heute abends 8V2 Uhr:, Grotz« Versaiilmliiiig der Schlesivig-Holsteiner niit Frauen in G. Feuerstein's Festsälcn(Juh. M. Herzberg), Alte Jakobstr. 75. Briefkasten der Redaktion. Donnerstag Die juristische Sprechstunde findet am Montag, »iid Freitag von k bis 7 Uhr abcndS statt. A. Dr., Zlmtnerslratze. ZtliuUlzetiel, auf denen der gedruckte Name eiueß Kandidaten durchstrichen ist und der Name eine» anderen Kandidaten handschriftlich aufgeschrieben ist, sind giltig. M., Mantcuffelstrasie. Nicht verivendvar. 1«9. Ein Hektar~ 100 Nr; ein Hektar— 4 Morgen. F. St. 87. 1. Wenden Sie sich an den Verein der Hausdiener,, Kommandaiitciistraße 28. 2. Fiilis und zwar: Fischer, Vogthcrr, Singer,' Schmidt»iid Liebknecht. H. G. Wenden Sie sich an Herrn P. M. Grempe, Berkin, Schiinlein- strasie 10. „tkimbria". Die„Cimbria" gehvrte ber Haiiivurg- Amerlkanische»: Packetfahrt-Aktleugcsevschaft uild ist,««im wir nicht irren, 1875 bei den Sctllti-Jiiseln an der Südivcstfpitze von England ililtergegnugon. I. M. 100. Wegen der seit nicht litngcr als einem Vierteljahr fällig. gewesenen Stenern ist Lvhnnrrest zulässig.— Vtiv Carrc. Ja, wie jeder nnderc.— E. H. 3000. DaS Regiment antwortet in solchen FiNlcn' längstens innerhalb eines MonatS; wenden Sic sich an daS Negiment: es: scholnt der betreffende zu schwindeln.— A. Ä. Sie sind dann als' Arbeitgeber wahlbcrechttgt.— 2 Wettende L.». K., 101, G. C.. E. M.! 48. Ist sireitia, melden Sie sich als wahlberechtigt.— 34 703. 1. Ja. � 2. 415 Mark. Ehr. 10. Wegen Verführung ja. Wer ein unbescholtenes 14 blö 16 Jahre altes Mädchen verführt, ist auf Antrag mit Gefängntß bis! zu einem Jahre zu bestrafeu.— I. S. 10. Gestiidevermtethem ist der: Gewerbebetrieb nach Z 35 polizeilich zu untersagen, wenn Thatsache» vpr-. liegen, welche die Uiizuverlässtgkcit des Gewerbetreibenden in bezug auf> diesen Gewerbebetrieb darthun. Das Gewerbe haben Sie polizeilich oiizn-: melde». Für Gesindevermtcther in Berlin sind die Vorschriften der Polizei-- Verordnung vom 18. März 1885 überdieFührung der Geschäftsbücher maßgebend.' Witteriingsüberstcht vom 88. Juni 18K8, morgens 8 Uhr. Stationen S B %e H "S Swineiiide. Hamburg Berlin Wiesbaden svküiichcil Wie» 758 757 757 760 762 759 -- 2 5« SSW W W NW W W Wetter S> s-- i" j« w wolle»! wolkig heiter hlb. be5 3 heiter hib.bed. Stationen taparanda eterSburg Corl Aberdeen Paris 759 758 764 762 761 NO SSO S ONO WNW Wetter heiter vcdcckt wolkig >eitcr «deckt ys c V h 17! 18* 14 14 12 Wetter.Prognose für Mittwoch, SS. Jnnt 18S8. Ein wenig kühler, zeitweise Holter, vielfach wolkig bei schwachen norb- westlichen Winde»; keine erhebliche Niederschläge. Berliner Wetterdureau. Todes- Zlnzeige. 267/7 Am Dienstag früh 7,/z Uhr entschlief sanft nach langen Leiden ber langjährige Vertrauclisnraiin der Partei in Forst, Genosse Carl Urban. Derselbe hat bis zu seiiier Krankheit im Jahre 1893 für die Partei uiit Unermüdlichem Eifer gewirkt uild auch bis zu seiiiei» Tode die Partcibewegung mit größtem Jiltcressc verfolgt, sowie den hiesigen Genossen stets mit seinem Rath zur Seite gestanden. Die unermüdliche Thätiglcit, welche er der Partei gewidmet, ivird ihm ein daucriides, ehrendes Andeilkeu nicht nur bei den Genossen, sondern bei allen, die ihn gekaiiilt, bewahren. Möge ihm die Erde leicht jeiu. Die C-euoissen von Forst. NB. Die Beerdigung findet Donucrstag, nachm. 5 Uhr, statt. psT«chtntt«:-W Gr. Ilimfer-Plirtie mit lupf nach Carolinenhof veranstaltet vom Verein der Wätterinnen Kerttns am Tsnn-lAt;, den 3. Juli 1898. Abfahrt 7Vs Uhr von der Jannowitz-Brücke, Restaurant„Borussia", an der Brückenstraße. Fahrpreis 1,S0 M. Kinder frei. Freunde und Gönner des Vereins! Da der Wirth in Hanlcl's Ablage sein gegebenes Ehren- wort, sein Lokal der Arbeiterschaft zur Verfügung zu stellen, nicht gehalten hat, so findet unsere Partie nach oben genanntem Lokale statt. Die ver- ausgabten Billets behalten ihre Giltigkeit.__■ 158/6 Recht zahlreiche Betheiligung envartet Der Torstnnjl. Blendend weisse Wäsche ohne Bleiche erzielt man ganz gewiß mit dem echte» vi'. Thompsoiis Seifenpnlver. Dasselbe ist frei von jeder schädlichen ätzenden Sub- stanz und greift die Wäsche auch nicht int geringsten an. Man erhält Dr. ThompHon's Selfenpnlver in den meisten Kolonialwaarcn-. Seifen- und Drognen-Geschöften, jedoch nur echt mit Schutzmarke„Schwan". Achtung! Freitag, den 1. Juli, abends 8V- Uhr, im Saale des Herrn Mchlmann(früher Bnskc). Grenabierstr. 33: illndtMtittm-Vtrsmmlmlg. Tages-Ordnung: 1. Die Gestaltung unserer Lohnbewegung noch dem 12. Mai und das Verhalten der Kollegen zu derselben. 2. DiSktlssio». Kollegen, zu dieser Versammlung ist es unbediiigt nothwendig, daß jeder Bau, selbst diejenigen Bauten, wo nur wenige Kollegen unsererseits be- schäftigt sind, vertreten sein muß. Die Lohnkommisfion der Manrer Berlins»nd ttmgeaend. 42Slb I. A.: Heinrich Metzke. NB, Kollegen! Morgen, Donnerstag, den 30. Juni, läuft die Zeit ab, wo sich jeder in die Wählerliste zur Gewcrbegcrichtswahl eintragen lassen laun; versäume es daher niemand, sonst geht er fernes Wahlrechtes verlustig. Dehanntinaclmiij*. Nnsicrordentliche Sciietfll- VtchrninlW der Nts-Kraiiktilkasse der Bildhlller, Stulkilteilre und verw. Gewerbe zu Berlin. am Donnerstag, den 7. Juli 1898, abends 8>/z Uhr, im Lokal Annen- straßc 16(oberer Saal). 20/15 Tagesordnung: 1. Aenderung der§§ 9, 40 und 52 unseres Statuts. 2. Verschiedenes. Berlin, den 28. Juni 1898. Ter Vorstand. I.?(.: I. Süfner. ZeMl-Krllnkeil-mldSterbe- Kajse der Tischler w. (®. L., Hamburg). Versammlung der zilitlle kharlottenburg heute Mittwoch, den 29. Juni, abends 8 Uhr, im Lokal Dehder, Bismarckstr. 74. Tagesordnung: 1. Neuwahl der Ortsoerwaltung. 2. Kaffenangelegenheiten. 4256b Die Ortsverwaltung. Fhrencrklilrung. Hiermit erkläre ich die der Frau Wolff. Schöneberg, Sedanstr. 13, zu- gefügten Beleidigungen als vollständig aus der Lust gegriffen und nehme dieselben zurück. St. Krüger, Friseurgeh., Lichtenberg 47. Orts-Krankenkasse der Strumpfwirker. Die in der Gencralversammlimg am 26. April d. I. abgeänderten ZK 20 der IX. Abänderung und 55 der II. Abänderung sind vom Bezirks- ausschuß genehmigt und treten am Montag, de» 4. Juli d. I., in kraft. 267/6 Der Vorstand. Jul. Wernau's Festsäle und Garten Schwedter�tr. 23 84. Zu Sommer- Festlichkeiten noch mehrere Sonnabende an Vereine zu vergebe»._[6349L* Mmn-Ailme Reine Wolle: 25, 27, 28, 30 M., nach Maaß: 33, 35, 37, 39 M. Halb- wolle: 18, 19, 20, 21 M. Eigenes fabritat. Bei thcurcren Anzügen heilzahlinig, monatl. 10 M., gestattet. l0nipllI'0W8lk!, Schneidermstr., Stralauerstr. 56, Laden. Rotlilmcliene Bretter Ä1 breite astfreie Waare, trocken, zu Tisch- blättern ic. geeignet, prriswerth vom Berliner Platz zu verlaufen. Offerten unter K. 4 an d. Exp. d. Bl. s5509L» Grünkram. 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