Erscheint wöchentlich einmal in Zürich(Schweiz) Nerlag A. Herter. Jnduftriehalle Riisbach-ZLrich Paßseuduuge» franco gegen franeo. Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz kosten Doppelporto. R? 3 Der AoMemckwt Internationales Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge Abonnements Wirde» nur beim Verlag und dessen bekannten Agenten ent° gegengenomnien und zwar zum voraus zahlbaren Vicrtcljahrsprcis von: Fr. 2.— snr die Schweiz lKrrnzband) Ml. 3.— siir Teutschland sl. 1.70 für Oesterreich(ßouotvl) Fr. 2. 50 für alle übrigen Länder de» Weltpostverein» iitreuzbandj. Zuseritk Die dretgespaltene Petitzeilc 25 Et». 20 Psg. Sonntag, 19. Oktober. 1879. A»i« oi die Korrcspoideitei uud Aboiueitei de«„Sosioldemiillrat". Da der Sozioldemokra«' sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten ist. bezw. vcrsolgt wird und die dortigen m.bdrden tilb alle Mühe gebe», unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, rcsp. Briese von dort an nnS und meiere �eituna»- und sonstige» Sendungen nach dort abzusange», so ist die ängerstc Vorficht im Postvertehr nothwcndig und dar! keine VwrsichlSmanregrl uerjänint werden, die Brieimarder Uder den wahren Avjcnder und ßenpsänger, sowie den Inhalt der Sendungen ,n täuschen, und lehtere dadurch zu schllhrn. Hauptersordernist ist hiezu einerseits, dast unsere Freunde so selten als möglich an den.Sozialdemolrat'. rcsp. Pesten Verlag selast adresstre», sondern stch möglichst an irgend eine unverdächtige Adreste ausserhalb Deutschland» und Oesterreichs wenden, welche stch dann mit UN» in Verbindung setzt; anderseits aber, dag auch unS möglichst unversänglichc ZustellungSadresten mitgcthcilt werde». In zweiselhastcn Fällen empfiehlt sich behus» gröberer Sicherheit Rrlommandirung. Soviel an UN» liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheue, I, UNI trotz aller eilt- g-genstehenden Schwierigkeiten den. Sozialdemokrat" unser» Abonnenten möglichst regelmäbig zu liesern. Rechenschaftsbericht der sozialdemokratischen Mitglieder des deutschen Reichstages. sFortscjzliiig.) Bis zu den Osterfericn war die Session den erwäbntcn Gegen- ständen der Berathung, und außerdem der Feststellung des Etats gewidmet. Nach den Ferien hatte der Reichstag sich mit dem- jenigen Gegenstande zu beschäftigen, welcher den eigentlichen Grund zur Auflösung des vorigen Reichstages geliefert hatte: mit der„Zoll- und Wirthschaftsreform" des Fürsten Bismarck. Am 31. März 1881 läuft das sogenannte Septennat— der im Jahre 1874 aus sieben Jahre neubewilligte eiserne Mili- täretat— ab. Fürst Bismarck will nicht, daß der Militärctat nach Ablauf dieser Frist von den„Launen der Volksvertretung", von den Zufälligkeiten des allgemeinen Stimmrechts abhängig sei: das„Reich" soll„finanziell unabhängig" sein. Unabhängig von den Einzelstaaten; und unabhängig von dem Reichstage. Es müssen daher frische und dauernde Einnahmequellen für das Reich geschaffen werden Und zwar reichlich fließende; denn der Militarismus kostet Geld, viel Geld, von Jahr zu Jahr mehr Geld. Dabei geht freilich der Parlamentarismus zu Grunde— denn ein Parlament, das kein Budgetrecht hat, ist ohnmächtig und ein Spiel- oder Werkzeug der Exekutivgewalt— aber viel war ja an dem deutschen Parlamentarismus nicht mehr zu Grunde zu richten; die liberalen„Parlamentarier" par excellence hatten es sich ja angelegen sein lassen, das Wort ihres Abgotts:„Der Parlamentarismus muß durch den Parlamentarismus todt gemacht weiden", zu verwirklichen und Todtengräberdienste amParlamen- tarismus zu verrichten. Auf die Bedürfnisse des das Fundament des Systems Bis- marck bildenden Militarismus läßt sich der ganze„Wirthschafts- und Zollreform"-Plan des Fürsten Bismarck zurückführm. Der deutsche Reichskanzler ist heute gerade so viel und gerade so wenig Schutzzöllner, wie er vor zehn Jahren und bis zum verflossenen Jahre Freihändler war. Damals brauchte er für seine politische» Zwecke die liberale Bourgeoisie; jetzt, nachdem er Alles von ihr erlangt, was sie ihm bieten konnte, und nachdem sie ihm die geforderten neuen Einnahmequellen ver- weigert— jetzt probirt er es naturgemäß mit den reaktiv- nären Faktoren, und sucht sich durch eine reaktionäre Wirth- schaftspolitik die Mehreinnahmen zu verschaffen, deren er zur Er- Haltung und Verstärkung des Militarismus nicht entbehren kann. Der Rothstand, in welchem sich unsere Industrie befindet, er- leichterte die Durchführung des Plans. Die goldenen Berge, die von den Aposteln des alleinseligmachenden Freihandels�- Evangeliums verheißen worden, haben sich als täuschende Fata morgana erwiesen: dem Milliarvenschwindel der ersten siebziger Jahre ist eine Krise gefolgt, die nun seit vollen fünf Jahren auf uns lastet, und alle Industriezweige schwer betroffen hat. Unter solchen Verhältnissen ist es erklärlich, daß ein großer Theil der Industriellen, diejenigen vor Allen— und es sind dies weitaus die Meisten—, welche über Ursprung und Wesen der gegenwärtigen Geschäftskrise im Unklaren sind, sich von dem Frei- Handel abwenden, dem sie fälschlicherweise hauptsächlich ihre trau- rige Lage zuschreiben, und mit der fieberhasten Gier des Kranken, der in seiner Verzweiflung sich dem ersten besten Wunderdoktor in die Arme wirft, nach dem dargebotenen Heilmittel greifen, und vom Schutzzoll die Erlösung von allen Uebeln erwarten. Dazu kommt noch die klägliche Lage des deutschen Hand- Werks, das reißend schnell seinem Untergänge zueilt, und mit ähnlicher Hast, wie ein Theil der Industrie, die Arme nach einem rettenden Strohhalm ausstreckt. Und ferner der unbefriedigende Stand der deutschen Landwirthschaft, die prekäre Existenz der Masse unserer Mittel- und Kleinbauern, denen die vorgehal- tene Lockspeise des Getreidezolls Visionen von hohen Getreide- preisen und paradisischem Wohlbefinden vorzauberte, während die reichen Grundbesitzer und Latifundialherren— namentlich des nördlichen und östlichen Deutschlands— gleich den englischen Landlords der guten alten Cornlaw-Zeit in einem Schutzzoll auf Getreide das bequemste Mittel, ihr oft fürstliches Einkommen ohne Mühe um ein Erkleckliches zu steigern, erblicken mußten. Das Wirthschaftsprogramm, welches Fürst Bismarck im De- zember des vorigen Jahres veröffentlichte, fiel unter solchen Ver- Hältnissen auf günstigen Boden. Industrielle, Handwerker, Bauern, aristokratische und nicht aristokratische großgrundbesitzende Gönner des„Bruder Bauer", unterstützt von der altpreußischen Bureau- krasie, der das Liebäugeln mit dem Liberalismus längst ein Greuel war, schaarten sich um das neuentfaltene Banner, für das die offiziöse Presse nach Kräften die lärmende Reklamentrommel rührte — und es dauerte nicht lange, so ward es dem aufmerksamen Beobachter klar, daß die„wirthschaftliche Reformbe- wegung", welche Fürst Bismarck mil agitatorischem Hochdruck betrieb, auf keinen erfolgreichen Widerstand Seitens der Freihan- delspartei stoßen würde. Ein Glück war es für die Leiter jener„Bewegung", daß ihr Sozialistengesetz auf sie keine Anwendung fand, denn in wüsterer, gehässigerer Weise ist wohl niemals„der öffentliche Friede, ins- besondere die Eintracht der Bevölkerungsklassen gefährdet", Klasse gegen Klasse, Stand gegen Stand, Geiverbszweig gegen Gewerbs- zweig, Land gegen Stadt, Stadt gegen Land, kurz jede„Jnteres- sengruppe" gegen die andere so systematisch aufgehetzt, die ge- mcinsten Leidenschaften so cynisch entfesselt, der nackteste Interessen- kämpf, der Krieg Aller gegen Alle so rückhaliolos gepredigt und geführt worden, wie zu jener Zxil. Genug— mehr als die Hälfte der Reichstagsabgeordneten erklärten sich für daS Programm des Reichskanzlers, dem von vornherein die Majorität im Reichstag gesichert war. Kurz, der Freihandel hatte die Schlacht schon verloren, ehe der Kamps im Reichstage noch begonnen. Die zweite Hälfte der diesjährigen Session war fast ausschlicß- lich der Bismarck'schen Zoll- und Steuerpolitik gewidmet. Das, warum es sich für den Fürsten eigentlich handelte, waren die neuen Steuern und die sogenannten Finanzzölle, d. h. solche Zölle, deren ausgesprochener Zweck die Füllung des Reichs- säckels ist. Die Schutzzölle kamen erst in zweiter Linie, sie waren der Kaufpreis für die neuen Steuern und die Finanzzölle. Durch die Verquickung der Schutzzölle mit den Finanzzöllen und Steuern brachte Fürst Bismarck den Reichstag in eine fatale Zwickmühle: für die Schutzzölle konnte er auf die Unterstützung des Zentrums, für die Finanzzölle und Steuern bis zu einer gewissen Höhe auf die Nationalliberalen, für diese wie für jene auf die Unterstützung der konservativen Fraktionen rechnen. Da aber die Konservativen sowohl mit dem Zentrum, als mit den Nationalliberalen vereinigt eine Majorität bildeten, so hatte Fürst Bismarck es in der Macht, nach Belieben die Liberalen durch das Zenttum und das Zentrum durch die Liberalen zu schlagen. Ersteres ist denn auch auf das Gründlichste geschehen, letzteres dagegen erwies stch als überflüssig, da der Nationalliberalismus im Moment der Entscheidung bereits jeden Zusammenhalt ver- loren hatte, und„bündnißunfähig" geworden war, so daß Fürst Bismarck es vorzog, über die Köpfe des Herrn von Bennigsen»»d seiner geprellten Kollegen hinweg mit vem Zentrum den famosen „Pakt" abzuschließen, welcher der„politischen Heuchelei" des Kulturkampfes ein Ende machte und die natürliche Bundes- genosscnschaft des Säbels und der Kutte, des Bismarck'schen Staats und der orthodox christlichen Kirche beider Konfessionen zum Ausdruck brachte. Unsere Stellung zu den Zoll- und Steuervorlagen waren klar vorgezeichnet. Prinzipielle Gegner des Militarismus und des herrschenden poliftschen Systems, hatten wir Nein! zu sagen. Unser alte Devise: Diesem System keinen Groschen! war auch jetzt wieder unsere Losung. Aber es schien uns nothwcndig, sie mit Hinblick auf die augenblickliche Lage von der Tribüne herab zu begründen. Die Frage: ob Schutzzoll oder Freihandel? ist für unsere Partei durch die allen Genossen bekannte Resolution des Gothaer Kongresses vom Jahre 1876 auf ihre wahre Bedeutung zurück- geführt. Jene Resolution lautet: „Der Kongreß erklärt, daß die Sozialisten Deutschlands dem innerhalb der besitzenden Klassen ausgebrochenen Kampfe zwischen Schutzzoll und Freihandel ftemd gegenüber stehen; daß die Frage, ob Schutzzoll oder nicht, nur eine praktische Frage ist, die in jedem einzelnen Falle entschieden werden muß; daß die Roth der arbeitenden Klassen in den allge- meinen wirthschaftlichen Zuständen wurzelt; daß aber die be- stehenden Handelsverträge seitens der Reichsregierung un- günstig für die deutsche Industrie abgeschlossen sind und eine Aendcrung erheischen; daß endlich die Parteipresse aufzufordern ist, die Arbeiter davor zu warnen, für die unter dem Ver- langen nach Schutzzoll eine Staatshülfe erstrebende Bour- geoisie die Kastanien aus dem Feuer zu holen."*) Es war unsere Absicht in der Generaldebatte gemäß obiger Resolution des Näheren darzulegen, daß Freihandel und Schutz- zoll überhaupt keine prinzipielle Gegensätze sind, daß der inter- nationale Freihandel, d. h. die Beseitigung aller Verkehrs- schranken zwischen den verschiedenen Staaten nur die nothwendige Konsequenz des nationalen Freihandels ist, d. h. der Besei- tigung aller Verkehrsschranken zwischen den verschiedenen Th eilen eines Staates: Dörfern, Städten, Bezirken, Provinzen; daß der internationaleFreihandel sein nothwendiges Correlat (Ergänzung) in einer internationalen Regelung der Arbeit, d. h. der Produktion finde; daß aber in bestimmten konkreten Fällen sich ein Schutzzoll sehr wohl empfehlen könne, zum Beispiel, wenn eine junge lebensfähige Industrie dadurch *) Ausgearbeitet und unterzeichnet ist diese Resollilion von Bracke, Frick, Fritzscl e, Grillenberger, Hasselmau», Liebknechl, Atost.(S. Pro- iokoll de« Sozialisten-Kongresse« zu Gotha vom 18. bi«%3. Aug. 1876, S. 90.) gegen die erdrückende Konkurrenz des kapitalistisch überlegenen Auslandes geschützt würde, oder wenn es gälte, die Produktion arbeitsreifer Arbeiter gegen die erdrückende Konkurrenz auSlän- bischer Kinder- und Frauenarbeit zu schützen. Die gegenseitigen Anschuldigungen der Freihändler und Schutzzöllner mußten uns sehr gleichgültig lassen. So lächerlich es war und ist, den Freihandel für die Krise, unter welcher die deutsche Industrie und der deutsche Handel leiden. verantwortlich zu machen, so lächerlich war und ist es, vom Schutzzoll die Beseitigung der Krise zu erwarten. Schutzzoll und Freihandel haben mit der gegenwärtigen Krisis nicht daS Mindeste zu schaffen. Es ist wahr, die Krisis, welche seit fünf Jahren in Deutschland herrscht, ist durch die(wenn man die Mittel des Volkes betrachtet) kolossale Besteuerung zu Miluärzwecken und durch die überstürzte, thörichte Gesetzgebung unzweifelhaft gesteigert und verschärft worden, allein im Großen und Ganzen wurzelt dieselbe doch in den all- gemeinen ökonomischen Verhältnissen. Schon der bloße Umstand, daß die Wrlt-Krisis der letzten Jahre die schutzzöllnerischen Staaten mit der nämlichen Wucht getroffen hat, wie die frei- händlerischen, zeigt, daß die Ursache wo anders und tiefer liege» muß. Und für den, der die Wahrheit sehen will, und die Lehren der Nationalökonomie kennt, ist die Ursache offenbar, wie die Sonne. Es ist die, von dem Kapitalismus unzertrenn- bare Anarchie der Produktion, die es unmöglich macht, die Konsumtion mir der Produktion in Harmonie zu setzen. So lange dieS nicht geschehen ist, vermag keine Gewalt der Erde, vermag nicht die größte Vorsicht, nicht der beste Wille der Ein- zelnen die periodische Wiederkehr der Krisen zu verhüten, die— selbstverständlich in Folge der stetigen Zunahme der Produktion durch Verbesserung und Erweiterung der Produktionsmittel— einen stets heftigeren Charakter annehmen, auf immer weitere Kreise und in immer kürzeren Zeiträumen ihre verderblichen Wirkungen ausüben müssen. Abgesehen von diesen periodischen Krisen liegt es in der Natur der kapitalistischen Produktionsweise, daß die Produktion überhaupt in rascherem Tempo fortschreitet als die Konsumtion, und daß stch. in Folge der kolossal sich steigernden Produktion bei zunehmender Verarmung der konsumirenden Pro- duzenten, ein ch r o n i s ch e s, stets klaffender werdendes Miß- verhältniß zwischen Produktion und Konsumtion hcrausentwickelt, an welchem allein schon die heutigq Gesellschaft zu Grunde gehen muß, und zwar in nicht allzu ferner Zeit. Obgleich der von uns bestimmte Redner sich rechtzeitig zum Wort gemeldet, und Tag für Tag während der eine Woche in Anspruch nehmenden Generaldebatte die Meldung erneuert hatte, so wurde er dennoch nicht zum Wort zugelassen. Also die ein- zige Partei, welche in dieser ganzen Frage einen prinzipiell oppo- sitionellen Standpunkt einnimmt und eine von der allen übrigen Parteien grundverschiedene Auffassung besitzt, wurde daran ver- hindert, ihr kritisches Votum abzugeben! Nach dieser Erfahrung waren wir von vornherein darauf ge- faßt, von der Debatte über„die große Wirthschaftsreform" ausgeschlossen, und höchstens bei untergeordneten Punkten, die keine prinzipielle, umfassende Behandlung erlaubten, zum Wort zuge- lassen zu werden. Wir waren um so mehr hierauf gefaßt, als die Gegner erwarten mußten, daß unsere Vertreter nicht nur über die wirthschaftliche Lage und deren Ursachen, sondern auch über die Wissenschastlichkeit der Vertheidiger des herrschenden Ge- sellschaflssystems sehr unliebsame Wahrheiten aussprechen würden. Und wir täuschten uns nicht.'. Bei den beiden wichtigsten Spezialsragcn, den Eisenzöllen und den Getreidezöllen, suchten wir zum Worte zu kommen, und zwar bei der zweiten und dritten Lesung, allein man wiederholte uns gegenüber die Taktik der Generaldebatte. Und als nunmehr einer der Unterzeichneten eine unwichtige Position bei den Eisen- zöllen zu einer prinzipiellen Darlegung benützen wollte, wurde ihm dies Seitens des Präsidenten unmöglich gemacht, so daß die Ausführungen unvollständig blieben, und in ihrer UnVollständigkeit zu falsch. n, irrigen Auffassungen den Anlaß geboten haben. Zum Glück gelang es»och unmittelbar vor Schluß der Session, in der Generaldebatte dritter Lesung und gelegentlich der Position: Petroleum, die Stellung der Sozialdemokratie zu den Bismarck'schen Zoll- und Steuerreformen annähernd zu Präzisiren. Auch bei den Debatten über die Tabaksteuer gelangten wir zum Wort. Die Annahme der Regierungsentwürfe in der durch den„Pakt" zwischen Konservativen und Zentrum motifizirten Form erfolgte mit großer Majoiilät Die liberale Partei, die durch Bewilli- gung des Sozialistengesetzes sich politisch den Todesstoß versetzt .und durch Abtretung des Reichstagspräsidiums an die klerikal- konservative Allianz ihre politische Niederlage eingestanden hafte, war nun auch auf d c m Gebiete besiegt, wo sie ihre Hauptstärke hat: auf dem wirthschaftlichen. lieber die fünfmonatliche Session, die mit Annahme der Zoll- und Steuerges-tze ihren von Bismarck bezweckten Abschluß ge- funden und dem deutschen Volke eine Mehrbesteuerung im Betrage von 130 Millionen Mark aufgehalst hat, ist hier nur noch wenig nachzutragen. Die bei Berathuna bes Sozialistengesetzes von allen Seiten versprochenen„positiven Maßregeln„ zwar nicht zur Lösung der sozialen Frai.e, aber doch zur Milderung der sozialen Schäden", glänzten durch Abwesenheit. Das Haftpflichtgesetz und die Frage der Altersversorgungs- lassen gaben zu längeun Debatten Anlaß, die jedoch im Sande verliefen. An der einen betheiligien wir uns, bei der andern hielten wir uns, aus taktischen Gründen, passiv. Die Frage wird den Reichstag noch weiter beschäftigen. Vcrmuthlich werden beide Gegenstände in einer der nächsten Sessionen wieder auf die Tagesordnung kommen, und uns Gelegenheit gebe», mit einge- henden positiven Vorschlägen vor den Reichstag und das Volk zu treten. Wie schon früher durch das„Arbeiterschutzgesetz", wollen wir in der nächsten Session durch ein Arbeiterorga- nisationsgesctz den wiederholten Beweis liefern, daß unsere Feinde irren, wenn sie die sozialdemokratische Parte! eine Partei der reinen Negation, der wüsten Zerstörung und deS allgemeinen Umsturzes nennen, die nicht wisse, was sie wolle. Wir werden zeigen, daß sie positive Vorschläge auszuarbeiten versteht, was untere' Gegner bisher nicht verstanden oder nicht gewollt haben. Vermuthlich das letztere mehr, als das erstere. Unter den zahlreichen Fragen, welche den Reichstag außerdem beschäftigten, sei noch der Wahlprüfunge» und der Wucher- frage gedacht. Zu zwei Wahlprüfungen— der Waldenburger und der Osfenbach-Duisburger Wahl—, bei denen unsere Partei direkt interelsirt war, erhielten wir das Wort. Daß wir für die Freiheit der Wahl, gegen jegliche Beeinflussung, tür eine strenge Untersuchung der vorgekommenen Unregelmäßigkeiten einKaten, bedarf keiner näheren Auseinandersetzung; daß es nutzlos geschah, versteht sich von selbst. Bei anderen Wahlprüfungen und in der Wuchersrage gelangten wir trotz aller Bemühungen leider nicht zum Wort. Es gehört ein sehr starker Glaube dazu, um in der Thatsachc, daß bei so ziemlich allen prinzipiell bedeutenden Fragen unsere zum Wort gemeldeten Redner ignorirt wurden, ein neckisches Spiel deS Zufalls zu erblicken. Als zu Anfang der Session das Ungebührgesetz verworfen ward, steckte der Reichstag dasselbe nicht einfach in den Papier- korb, sondern übergab es, um der.Reichsregierung das Peinliche einer Niederlage zu ersparen, der Geschäflsordnungskommission, welche die Sache berathen und seiner Zeit dem Reichstag Bericht erstatten, geeignete Vorschläge unterbreiten solle. Herr von Forckcn- deck, welcher das Uligebührgesetz mit Recht auch als ein gegen ihn selbst gerichtetes Mißtrauensvotum der Reichsregierung be- Kachtete, griff kurz darauf eine Gelegenheit vom Zaun, um ad hominem und ad oculos zu demonstriren, daß die Präsivial- gewalt vollkommen zur Wahrung der Ordnung im Reichstag ausreiche: er entzog in der Belagerungszustandsdebatte einem der sozialistischen Abgeordneten das Wort, obgleich dieser weder den parlamentarischm Anstand verletzt, noch irgend von der parlamentarischen Ordnüng abgewichen war, wie iogar entschieden geg- nerische Blätter seitdem zugegeben haben. So verübte denn der Präsident von Forckcnbeck bei dem Versuche, die Unmöglichkeit eines Attentates auf die parlamentarische Redefreiheit nachzuweisen, selber ein flagrantes Attentat auf die parlamentarische Redefreiheit. Wenige Wochen nachher mußte er den Präsidentenstuhl räumen und— durch den halbsymbolischen Akt seiner parlamentarischen Selbstentthronung den parlamentarischen Selbstmord des National- liberalismus zum klassischen Ausdruck bringen. Die Geschäfts- ordnungskommission ist aber mit ihrem„Bericht" nicht über die Berathung hinaus gekommen. Sollte sie in nächster Session die Unvorsichtigkeit begehen, die Sache wieder aufzuwärmen, so wird sich— gewiß nicht zur Zufriedenheit der Regierung und der Ordnungsparteien— an zahlreichen Beispielen herausstellen, auf welcher Seite Parlamentärs- scher Anstand herrscht, und nach welcher Seite hin der deutsche Reichstag zu seinem Schutz ein„Ungebührgcsetz" braucht. AuS dem Gesagten ersehen unsere Genossen, daß wir nicht die Schuld daran tragen, wenn nicht bei allen denjenigen Gelegen- Herten, wo es erwartet werden konnte, ein Vertreter der Partei gesprochen hat. Wir haben unsere Pflicht so gut zu erfüllen versucht, alS dies unter den gegebenen Umständen möglich war. Wir haben stets daraus gehalten, bei allen wichtigen Abstim- münzen möglichst vollständig aus dem Posten zu sein. Jeden- falls hat keine der parlamentarischen Fraktionen Ursache uns Vor- würfe zu machen, denn keine Fraktion hat, wenn man die mate- riellen Verhältnisse in Betracht zieht, mehr Schwierigkeiten zu überwinden, als die unsere und oft haben unsere Gegner den Kopf im Stillen geschüttelt, da sie nicht begreifen konnten, woher wk die Mittel für eine fünfmonatliche Session nahmen. Bei der endgültigen Abstimmung über die Zoll- und Steuervorlagen fehlte keiner von uns, und unser einstimmiges Nein, war sicherlich im Sinn- und Geiste der Gesammtpartei, wie des, noch nicht für die Sozialdemokratie gewonnenen, unabhängig denkenden Theils der Bevölkerung. In gegnerischen Blättern hat man uns Vorwürfe gemacht, weil wir in den Sitzungen des Reichstags wiederholt gefehlt. Der Vorwurf entbehrt jeder Begründung. Wir sind nicht ge- wählt worden, um im Reichstag die passive Rolle von Zuschauern und Zuhörern zu spielen, sondern um nach Kräften aktiv in die Debatten einzugreifen und im Interesse der Partei zu wirken. Im Interesse der Partei thätig sei», können wir aber nur bei der Behandlung solcher Fragen, die uns Gelegenheit zur Ver- sechtung unserer sozialpolitischen Prinzipien und Weltanschauung geben. Bei untergeordneten Fragen zu reden, bloß um zu reden, wäre weder im Interesse unserer Partei noch ihrer Würde angemessen. Wenn es sich nicht um wichtige Fragen handelte, hatten wir also keinen Grund im Reicbstag anwesend zu sein, zumal wir Alle Stellungen haben, die unsere Arbeitskraft vollauf in Anspruch nehmen. Um nicht überrascht zu werden, hatten wir die Anordnung getroffen, daß stets Einer von uns den Sitzungen beiwohnen mußte, der, sobald es sich nöthig erwies, den übri» gen zu tclegraphiren hatte. (Schluß folgt.) Die preußischen Landtagswahlen und ihre Bedeutung für die Sozialdemokratie. He. Aus der Provinz Sachsen, 14. Oktober. Der unerhörte, selbst die pessimistischesten Erwartungen und auch die Hoff- nungen der Reaktion noch weit übertreffende Schlag, welchen die beiden liberalen Parteien Preußens durch den Ausfall der Landtagswahlen erlitten haben, und die Bedeutung, welche dieses Wahlresultat für die Weiterentwicklung der Reaktion in Preußen und Deutschland hat, motiviren wohl eine nochmalige Besprechung dieses Themas in unserm Parteiorgan. Um nun den Ausgang der Wahlen und noch manche« andere verstehen zu können, wollen wir zunächst einen kurzen Blick auf den Wahlmodus, sowie aus die Geschichte der preußischen Verfassung werfen. Am 26. Juli 1848 überreichte die Verfassungs-Kommission der zur Vereinbarung einer Verfassung tagenden preußischen National- Versammlung einen Verfassungsentwurf, welcher außer Preßfreihcit, Versammlungsfreiheit, Civilehe, unentgeltlichem Volksschulunterricht, Volkswehr(neben dem stehenden Heere), Ministerverantwortlichkeit und Aufhebung des königlichen Vetos(wenn die Kammern ein Gesetz dreimal angenommen), Wählbarkeit der ersten Kammer durch die Kreisverketung, Aufhebung der Titel und gleichem kom- munalen Wahlrecht auch die Bestimmung enthielt, daß die Mit- gliedcr des preußischen Abgeordneten-Hauses in gleicher, ge- heimcr, indirekter Wahl gewählt werden sollten, welcher indirekter Wahlmodus später in gleiche, geheime, direkte Wahl umgewan- delt werden könnte. Bon bekannten Parlamentariern gehörten zur Verfassungskom. Mission Waldeck, welcher den ursprünglichen Entwurf des Ent- wurfs angefertigt, der aber schon in der Kommission stark nach rechts bearbeitet worden war; dann Baltzer(Sprecher der freien Gemeinde in Nordhauscn), Reichensberger und Wachsmuth. Jndeß war auch dieser Verfassungsentwurf der Regierung noch viel zu roth, ebenso wie die ganze Nationalversammlung selbst(obgleich die Nationalliberalen im heutigen Sinne darin ausschlaggebend waren), weshalb die Versammlung mit Waffengewalt auseinander getrieben und eine Verfassung oktroirt wurde. Aber selbst diese okkoirte Verfassung war der Regierung bald noch zu freisinnig und wurde sie deshalb noch mehrere Male„revidirt". Von den oben genannten Volksrechten war aber selbstverständ- lich bereits in dem von der Regierung eingebrachten Entwurf jede Spur ausgemerzt. Das Meisterstück des Ministerium Man- teuffel in Bezug auf die gewährte Scheinkonstitution war aber nächst der ersten Kammer mit ihren vom König ernannten Mit- gliedern ohne Zweifel das für die Wahl der Abgeordneten der zweiten Kammer hinfort giltige Dreiklassenwahlsystem. Ein Beispiel wird dieses„schlechteste aller Wahlsysteme"(wie Bismarck es zur Konfliktzeit nannte, als es nicht in seinem Sinne arbeitete) klar machen. Ein Kreis mit einer Einwohnerzahl von ca. 100,000 Einwohnern bildet einen Wahlkreis, welcher zwei Abgeordnete wählt. Nehmen wir an, dieser Wahlkreis brächte an direkten Steuern: Klassen- und Gewerbesteuer, Grund- und Gebäudestcuer 100,000 Thaler jährlich ein, so werden die Wähler (männlichen Einwohner über 24 Jahren) folgendermaßen in drei Klassen getheilt: Erste Klasse: Diejenigen, welche die meisten Steuern bezahlen. so weit dieselben zusammen ein Drittlheil der Gesammlsteuer(also hier 33,333'/, Thaler) ausmachen— also von ca. 20,000 Wahlberechtigten eines Landtagswahlkreises erfahrungsmäßig etwa ein Zwanzigstel, das sind 1000 Wähler. Zweite Klasse: Diejenigen, welche danach die meisten Steuern bis zum zweiten Dritttheil der Gesammtsumme bezahlen, etwa ein Fünftel, also 4000 Wähler. Die dritte Klasse bildet der übrige Rest von 15,000 Wählern. Der Wahlkreis wird nun in einzelne kleine Bezirke von 1500 Einwohnern zerschnitten, und die darin wohnenden zirka 300 Wähler 3. Klasse wählen zwei Wahlmänner, indem jeder einzelne Wähler vor den Wahlvorstand, bestehend aus Stadkäthen und Fabrikanten, reff). Gutsbesitzern, Schulzen und Großbauern, hintritt und die beiden Wahlmänner laut nennt. Dann wählt die zweite Klasse— etwa 20— 30 Urwähler— ebenfalls aus dieselbe Weise zwei Wahlmänner. Und schließlich die etwa 2— 4 Wähler 1. Klasse ebenfalls zwei Wahlmänner; nicht selten ist aber auch nur ein einziger Wähler 1. Klasse im Bezirk.„Ick wähle mir und meinen Bruder," spricht nicht selten dieser mit der bekannten klassischen Redensart, und beide sind Wahlmänncr. Die Wahlmänner kommen dann alle zusammen und wählen eben- falls öffentlich vor dem Herrn Landrath als Wahltommissär die zwei Abgeordneten. Die achtundvierziger Demokraten erklärten das ganze Wahl- shstem für ein Narrenspiel und enthielten sich der Wahl bis zur Zeit deS RegierungsankitteS des derzeitigen Kaisers, Anfangs der sechziger Jahre. Die liberale Partei trat damals dem Ministerium Bismarck energisch entgegen, wobei sie das Volk hinter sich fühlte. Jede Kammerauflösung erhöhte und stärkte nur die ent- schieden? Opposition. Hierdurch wurde Bismarck dem Dreiklassen- Wahlsystem gram und er versuchte es deshalb auf Anrathen Lassalle's mit dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht zum Reichstage. Die Liberalen sahen dem Experimente ängstlich zu, wie denn die liberale„Magdeb. Ztg." Bismarck erst noch kürzlich den Vorwurf machte, gegen den Willen der Liberalen das allgemeine gleiche Wahlrecht eingeführt und damit der Sozial- demokratie Thür und Thor geöffnet zu haben. Die liberalen Par- feien haben das allgemeine gleiche Wahlrecht stets gehaßt und gefürchtet, und wenn Bismarck neuerdings dasselbe abzuschaffen beschlossen hätte, würde er die große Mehrheit der„Liberalen" auf seiner Seite gehabt haben. Denn dieser Partei ist es trotz aller hochtrabenden Phrasen nie um des Volkes Wohl zu thun gewesen, sondern war ihr stets nur ihr eigenes Partei- und Klasseninteresse maßgebend. War es also verwunderlich, daß die Liberalen, wenn sie sahen, daß das Dreiklassenwahlsystem für sie arbeitete, dieses dem all- gemeinen gleichen Wahlrecht vorzogen? Das„unge» echte, auf Bildung und Besitz gar keine Rücksicht nehmende" allgemeine gleiche Wahlrecht war ihnen zufolge ja Schuld an ihrer Nieder- läge bei den letzten Reichstagswahlen. Und dem äußern An- scheine nach war dies auch der Fall, denn während im letzten preußischen Landtage 251 Liberale und Fortschrittler, 106 ZenkumSleute(und Polen) und 76 Konservative(und Frei- konservative) saßen, war daS Parteiverhältniß in dem aufge- lösten Reichstage, welcher ungefähr zu derselben Zeit gewählt war, ein wesentlich anderes, indem sich in demselben neben 12 Sozialdemokraten, 13 Demokraten und Angehörigen ver- schiedener Protestparteien, 112 Zentrumsleuten(und Polen) und 80 Konservativen nur 183 Liberale(inkl. Autonomisten und Fraktion Löwe) und Fortschrittler befanden. Während also die Liberalen im Landtage allein dominirten, bildeten sie im Reichs- tage für sich allein gegen die andern Parteien die Minderheit. Als nun gar die Auflösung des Reichstages nach den Atten- taten erfolgte und die Liberalen„an die Wand gedrückt" wurden, war die Verzweiflung über das gleiche Wahlrecht im liberalen Lager groß; und sie schrieen nach den Fleischtöpfen Aegyptens, dem Dreiklassenwahlsystem mit offener Stimmabgabe. Das Drei- klassenwahlsystem wurde daher von den Liberalen stets nach Kräften konservirt. Von Manteuffel seiner Zeit in die preußische Städteordnung eingeschoben, wurde auch die preußische Krcisordnung auf dies System äufgebaut. Großgrundbesitzer, Magistrate und Dorf- schaffen wählen die Kreisvertretung und diese die Provinzialland- tage— das schönste Filkirsystem, das man sich denken kann. Gerade diese von den Liberalen„ausgebaute" Krcisordnung aber trug nebst der ganzen politischen Haltung des preußische» Libe- ralismus mit am meisten zu dessen eben erfolgter schmählicher Niederlage bei. Denn man kann sich denken, daß die Rittergnts- besitzer in Folge der ihnen vom Abgeordnetenhaus bewilligte» dominirenden Stellung alle Lasten von sich ab- und auf die Dorfschaften wälzten, welche durch Ehausscebauten, Schul- und Armensteucrn übermäßig in Anspruch genommen werde», während ihnen der bei der Lastenvertheilung frei ausgehende Gutsbesitzer die Chaussee entzweifährt, die Arbeiter ausquetscht und die In- validen der Axbeit den Ortschaften zur Erhaltung zuschiebt. Solche Zustände, für welche das Kleinbürgerthum mit Recht den Liberalismus verantwortlich machte, bewirkten, daß sich der früher liberale Kleinbauernstand vom Liberalismus, der ihm so viel versprochen und so wenig gehalten hatte, und unter dessen Herrschaft es nur immer schlechter geworden war, allmälig immer mehr und schließlich gänzlich abwendete. Außerdem erkannte das Volk schließlich die Ohnmacht des Liberalismus gegenüber der Regierung und besonders gegenüber dein allmächtigen Reichs- kanzler. Es ward der immerwährenden großspurigen Anläufe und steten jammervollen Rückzüge müde. Und da es stets nur Einen als Sieger sah, den es zudem von ganz Europa gefürchtet weiß und der ihm als Freund deS Bauern und„kleinen Mannes" geschildert wird— war es da zu verwundern, daß sich ein großer Theil desselben, als die berühmte Parole„Für oder gegen Bis- marck" ausgegeben wurde, für die erstere Alternative entschied und sich der Regierung und den ihr genehmen Konservativen zu- wendete? Schlechter als die Liberalen konnten's die ja auch nicht machen. Der einsichtigere Theil des Volkes aber betheiligte sich aus Uebcrdruß an der unfruchtbaren Wühlerei, und da ihm wirk- lich freigesinnte und für des Volkes Wohl nicht nur mit Worten, sondern auch mit Thaten eintretende Verkauensmänncr fehlten, einfach gar nicht an den Wahlen. Vielfach wählten nicht 5% der Wahlberechtigten! Das Resultat war denn auch dementsprechend. Landrath, Gutsherr, Inspektor, Schulze und Pfarrer wählten, und der „Bruder Bauer" wurde an die Wahlurne hinkommandirt. Welche Wirkung all diese zusammenwirkenden Umstände erzielten, zeigt am besten die nachfolgende Zusammenstellung. Es wurden ge- wählt: Fortschr. Rat.-Lib. Zcntr. u. Polen Frcitons. Kons. in den vorigen Landtag: 66 185 106 34 42 „.. jetzigen„ 36 III 114 47 125 Demnach hat die Fortschrittspartei fast die Hälfte, die na- tionaUiberale aber so ziemlich ein Drittel der bisherigen Sitze verloren, während die Konservativen ihre Zahl gerade verdrei- facht haben! Einen solchen Denkzettel hat der Liberalismus bei dem Dreiklassenwahlsystem in Preußen seit zwanzig Jahren noch niemals erhalten. Und aus welchen Elementen ist diese neue„Volksvertretung" zusammengesetzt! Nicht weniger als 147(gegen 86 im vorige» Landtag), also mehr als ein Drittel der Abgeordneten gehören zum Adel, 102 sind Ritterguts- und sonstige Großgutsbesitzer, 42 Landräthe, 38 höhere richterliche Beamte, 21 Pfaffen, 17 Fabrikanten, 4 aktive und 4 gewesene Minister, 11 Advokaten, 6 Professoren und ein ganzes Rudel von höheren und niedrigeren Staatsbeamten: Staatsanwälte, Kreishauptmänner, Amtmänner, Gesandte, Bergräthe, Zuchthausdirektore» zc. ic. Die würdige Krönung des Gebäudes aber soll dadurch erzielt werden, daß man einen Qberpräsidenten(v. Achenbach) zum Präsidenten des Landtags ernennt! Wer da den Nutzen der Volksvertretungen, als Gegengewicht gegen die sonst übermächtigen Regierungen, nicht einsieht, an dem ist wahrlich Hopfen nnd Malz verloren. Kommen wir nun zum Schlüsse zu der Frage: Welches In- teresse hat die ganze Angelegenheit für unsere Partei, welche sich doch bei diesen preußischen Landtagswahlen, wie bekannt, grund- sätzlich gar nicht betheiligte? Zuerst hat der bisher herrschende Liberalismus die beachlungs- werthe Lehre empfangen, daß er sich durch seine beständige Nach- giebigkeit bei der Masse des Volkes unmöglich gemacht hat. Ferner ist das Verträum der liberalen Führer aus ihre Machtbeständig- keit durch das Drciklassenwahlsystem vollständig zu Schanden ge- worden und scheint in Folge dessen die dringendste Gefahr für das allgemeine gleiche Wahlrecht— denn diese war thatsächlich vorhanden— beseitigt. Denn der Liberalismus ist plötzlich anderen Sinnes geworden und erhofft von dem früher mit scheelen Augen betrachtetm allgemeinen gleichen Wahlrecht seine Rettung; die Ulkamontanen aber werden kaum je zu dessen Aufhebung mithelfen, da ihre größte Macht die blinde Masse des Volkes ist. Was aber die Hauptsache ist: die Kleinbürger und vorzüglich auch die Kleinbauern sind vom Liberalismus voll- ständig kurirt. Daß sie sich zum großen Theil augenblick- lich den Konservativen in die Arme geworfen haben, kommt nicht allzusehr in Bekacht, da ihnen die Augen auch hier bald genug aufgehen und sie sehen werden, daß sie von diesen ebmsowenig als von ihren frühern Stimmführern Rettung zu erwarten haben. Und wenn sie zu dieser Ueberzeugung gekommen sind— was werden sie dann thun? Es gibt keine wirkliche Volkspartei als die Sozialdemokratie, und sie allein wird deshalb einen dauerndm Gewinn aus der jetzigen Lage ziehen, wenn sie es versteht, sich dem bisher ihrem Einfluß größtentheils gänzlich ferne gebliebenen Kleinbauernthum zu nähern und ihm in seiner Sprache klar zu machen, wie es, gleich dem ganzen arbeitenden Volk, von ihr allein Hülfe und Rettung zu erwarten hat. Hier ist ein dankbarer Acker für die sozialistische Agitatton, und wmn auch seine Bepflügung nicht mühelos ist, so ist doch eine reiche Ernte sicher. Denn der Zutritt der Agrikulturbevöl- kerung müßte unserer Partei einen niegesehenen Aufschwung geben. Niemals aber ist die Gelegenheit, dieS Ziel zu erreichm, gün- stiger gewesen als jetzt, wo die fraglichen Gesellschaftsklassen von der tiefgehendsten Unzufriedenheit mit den vorhandenen Zuständen beseelt sind und das Vertrauen, daß eine der bisherigen Par- teien sie verbessern könne und wolle, thcils schon völlig verloren haben, theils auf dem besten Wege, es zu verlieren, sind. Also an's Werk und den Bohrer angesetzt, wo das Brett am dünnsten ist— dann sollen unsern Gegnern bald die Splitter in's Gesicht fliegen! Sozialpolitische Rundschau. — Seitdem der deutsche Reichskanzler durch feine Wiener Reife Oesterreichs sicher geworden zu fein glaubt, schlägt nun auch die bisher ostentativ'russenfreundliche offiziöse Presse einen ganz andern Ton gegen den.Erbfreund" an und gesteht endlich zu. was andere vernünftige Leute längst gewußt haben, daß nämlich die ehemals so dicke preußisch. russische Freund- schaft augenblicklich ei» ziemlich überwundener Standpunkt ist. Wir hallen es für überflüssig, dem Beispiel der bürgerlichen Presse zu folgen und tiefsinnige Betrachtungen über die Folgen dieser „Jsolirung Rußlands" anzustellen. Oenn einigermaßen sichere Schlußfolgerunge» lassen sich nur auf verlässigen, sicheren Grund- lagen aufbauen, und solche bilde» die politischen Aktionen, Bündnißabschlüsse und Freundschaflsaufkündigungen der Heu- tigen Gewalthaber, bei denen Habsucht, Laune und zahllose andere unberechenbare Einflüsse eine so große Rolle spielen, keineswegs. Gutes entsteht aus dem diplomatischen Ränkcspiel so wie so selten für die Vö ker; schlimmes aber kann die Vereinzelung des Heerdes der finstersten Reaktion, Tyrannei und Barbarei ihnen kaum bringen. ES ist nur fraglich, ob dieser Zwist zwischen den beiden nordischen Militärdespotien lange anhalten wird, denn beide sind viel zu sehr einander merth, als daß sie sich nicht bald in alter Freundschaft wieder finden sollten. Mit dem Streit zwischen Regierung und Pfaffen ist's ja ebenso. Wenn man vor Jahren auf die Möglichkeit einer derein- stigen Wiederversöhnung zwischen der kulturkäm- pferischen deutschen Regierung und dem unnachgie- bigen Ultramontanismus hinwies und die Wiederaufnahme des Letzteren in Huld und Gnade der Regierung voraussagte, lief man fast Gefahr, für verrückt gehalten zu werden. Und wie haben sich jetzt die Zeiten geändert! Die liberalen Kulturpauker liegen ohnmächtig zu Boden und das streitbare schwarze Fähnlein ist zur„Kerntruppe" avancirt. Ja die Macht des Zentrums ist der Regierung bereits einigermaßen über den Kopf hinaus gewachsen, da es durch die Neuwahlen auch im preußischen Ab» geordnetenhaus eine ausschlaggebende Stellung erlangt und da- durch die Regierung zur Revidirung bestimmter, ihm unbequemer Gesetze drängen kann. Diese Veränderung der Position macht sich denn auch bereits allenthalben bemerkbar. Die Verhandlun- gen mit Rom werden eifrigst fortgesetzt und scheinen in nicht weiter Ferne zu greisbaren Resultaten zu führen, so daß das frühere rührende Einvernehmen zwischen weltlichen und geistigen Zwingherren bald wieder platzgreifen kann. Um aber den Ul- tramontanen einstweilen den guten Willen zu zeigen und Ab- schlagszahlungcn zu geben, reden die Minister und andere hohe Staatsbeamte nicht nur fleißig von der„Nothwendigkeit der Re- ligion", sondern lassen es auch an entsprechenden Thaten nicht fehlen. Zwei der hervorragendsten und bezeichnendsten Zeichen für die dermalen in Deutschland herrschende Strömung sind die Aufhebung einer Münchner Simultanschule und ihre Rückver- Wandlung in eine Konfessionsschule durch den bayerischen Kultus- minister und das Verbot der Eröffnung der paritätischen Schule zu Elbing durch seinen preußischen Kollegen. Und in dieser Tonart geht's natürlich mit Grazie weiter. Der Kampf gegen den gemeinsamen Feind beider, den Sozialismus, wird in der gewohnten Weise fortgeführt. Von größerm allgemeinen Interesse sind diese Schriftenverbole, Verhaftungen ic. in der Regel nicht, wenn sie auch die Ein- zelnen schwer schädige» und die Infamie der Reaktion charak- terisiren. Dagegen hat es selbst in weiteren Kreisen Aufsehen erregt, daß die Regierung auf's Neue Ausweisungen in Berlin vorgenommen hat und zwar gleich vier auf einmal: nämlich den Tischler Meyer, den Schneidermeister Ticde, den Schuh- n.ochermeister Bartsch, den Geräthfabrikanten Japsen und den Weber Goldt. Daß einige der Ausgewiesenen ihre Familien in den dürftigsten Verhältnissen zurücklassen, alle aber materiell schwer geschädigt werden— was kümmert sich darum der Staat, der Hort der„Ordnung" und des„Eigenlhums"? Die Gesetze und ihr Schutz sind nur für die.ruhige» Bür- ger", nicht für gemeingefährliche Sozialisten vorhanden. Die Letzteren wissen das freilich auch und richten sich darnach. Wie aber, wenn sie dereinst obenauf kämen und ihre Peiniger von heute nach dem biblischen: Aug um Aug und Zabn um Zahn behandeln würden? Wir glauben kaum, daß die Leut- chen daran Gefallen fänden, sondern daß sie sofort über Recht- lvsigkeit. Ungleichheit-c. schreien würden. Aber es dünkt ihnen eben unmöglich, daß ihre Herrschaft einmal ein Ende nehme. Die Macht der Thatsachen dürfte sie wol früher, als man denkt, eines Bessern belehren. — Die inner» Zustände Oesterreichs entwickeln sich in einer Weise, wie wenn Bismarck bei seinem Wiener Besuch sie sich extra so bestellt hätte. Die Czechen, welche solange schmollend und grollend beiseite gestanden, sind nach langen Verhandlungen mit der Regierung, die ihrer bedarf, um auf dem betretenen Weg der Annexionspolitik ungestört weiter gehen zu können und sich dem bisherigen überwiegenden Einfluß des Liberalis- mus zu entziehen, in die„Volksvertretung" eingetreten und sind dort natürlich von der Regierung auf's Freundlichste be- willkommt worden. Der Kaiser hat sogar ausdrücklich die der Verfassung unbekannte und von Regierung und Parlament bisher stets bekämpfte„Rechtsansicht" der Czechen, nämlich das »böhmische Staatsrecht"— welches Böhmen zu einem vollkommen autonomen Land und in ihm natürlich die Czechen zu unbedingten Herten machen soll— anerkannt, worüber die Liberalen höch- lich erstaunt und entrüstet sind. Und doch ist daran wenig zu verwundern, denn diese Anerkennung ist einfach der Preis für die Hilfsbereitschaft der Czechen g-gen den Liberalismus. Was Letzterer in dieser Richtung zu gewärtigen hat, zeigte ihm schon die bei der Vizepräfidentenwahl zu Tage getretene kompakte Mehrheit der Rechten, welche durch den Hinzutritt der Czechen entstanden ist. Auf Grund dieses Abstimmungsresultates soll denn auch bereits im Ministerium eine Verschiebung nach rechts vor sich gehen. Der österreichische Liberalismus befindet sich demnach ebenfalls in keiner angenehmen Lage— wenn er auch nicht ganz so weit herabgekommen ist, wie der deutsche— und die Czechen spielen ihm gegenüber eine ähnliche Rolle, wie in Deutschland das Zentrum. Immer weiter nach Osten gehen, den Liberalismus vernichten, die D:utschen durch die Czechen abstoßen und verbittern, das polyglotte Land noch mehr in sich theilen und spalten— kann man besser pour le roi de Prusse arbeiten? Die österreichische Sozialdemokratie ist leider noch zu schwach, um die dermalige Situation nach Möglichkeit ausnützen zu können und außerdem stehen ihr dabei selbst innerhalb ihrer Reihen noch vielfach die verzwickten Nationalitätsverhältnisse im Wege. Aber sie arbeitet, trotz aller Hindernisse und einem Druck der Regierung, welcher dem der deutschen nichts noch- gibt, rüstig weiter und sucht sich namentlich innerlich zu stärken, zu reorganisiren und die im Kampf mit der Reaktion erhaltenen Verluste nach Kräften wieder auszugleichen. Als eine Frucht dieses lobenswerthen Strebens ist das Erscheinen eines neuen Zentralorgans für die österreichische Arbeiterpartei zu betrachten. Dasselbe wird vom 5. November ab in Reichenberg fNord- böhmen) unter dem Titel„Der Volksfreund" erscheinen. Wenn sich auch vielleicht viele mit den Verhältnissen unbekannte Genossen verwundern mögen, daß der geistige Zentralpunkt der österreichischen Arbeiterbewegung so weit an die Peripherie verlegt ist, so muß die Wahl des Ortes doch als eine sehr günstige betrachtet werden, da gerade in jener industriereichen, dem benachbarten Sachsen in den Verhältnissen ähnlichen und in der Gesinnung verwandten Gegend die österreichische Ar- beiterbewegung von jeher ihren festesten Posten hatte, der auch bisher am wenigsten von den vielen Streitigkeiten berührt wurde, welche die österreichische Arbeiterbewegung so schwer geschädigt haben und die leider noch immer nicht ganz beseitigt find. Wir heißen den neuen Kampfgenossen von Herzen will- kommen und wünschen, daß er der österreichischen Arbeiter- bewegung ein erfolgreicher Führer, Organisator und Vorkämpfer sein möge! — Eine jüngst vom holländischen statistischen Amt veröffent- lichte Zusammenstellung der Staat«- Einnahmen und Ausgaben und des Waarenverkehrs von 1876 liefert ein nettes Kultur- bildchen von der„zivilisatorischen Mission" der Europäer in Indien. Wie rasfinirt dort die Ausbeutung der Eingebornen zu Gunsten— nicht des holländischen Volke?, sondern der Herr- schenken Klassen Hollands— betrieben wird, zeigen die Angaben des genannten amtlichen Werke« über Java. Die spekulativen Mynhers haben das bei ihrer Besitzergreifung auf Java vor- gefundene altkommunistische Gemeineigenihum an Feld vortrefflich zu ihrem Nutzen auszubeuten gewußt, indem sie ihren Staat ein- fach an Stelle der alten, von den Gemeinden Steuern und Frohnden erhaltenden Häuptlinge setzten und bezüglich dieser Lei- stungen noch überdies Solidarhaft der Gemeinden einführten. Diese Leistungen werden nun von den Gemeinden in der rück- stchtslosesten Weise eingetrieben, wogegen die„zivilisirte" Regie- rung den eingebornen Dorfobrigkeiten unbeschränkte Vollmacht gibt, ihre Angehörigen auf jede, auch die darbarischeste Weise zur Leistung der sie treffenden dinglichen und persönlichen Lasten anzuhalten. Auf diese Weise bezieht Holland von Java nicht nur jährlich 15 Millionen Gulden Steuern, sondern produzirt ver- mittels der unbezahlten Frohndienste der Eingebornen bei einer Auslage von nur 15 Millionen Kaffee und Zucker im Werthe von 49 Millionen, so daß es sich jährlich nicht weniger als für 34 Millionen unbezahlte Arbeit aneignet. Damit aber noch nicht genug, zieht der edle Staat von Java auch noch einen weiteren Nettogewinn von 25'/, Millionen aus dem schmählichen, das Volk vergiftmden und eS geistig, körperlich und materiell zu Grunde richtenden Opiumhandel. Und für alle diese fabelhaften Leistungen erhalten die Javaner von Holland nichts als Beamte, Soldaten und— Pfaffen, von denen sie sich beherrschen, schinden und noch weiter privatim aus- saugen lassen müssen. Wird das aber den armen„Wilden" ein- mal zu viel und suchen sie ihr Joch etwas zu erleichtern, dann kommt die ultima ratio der modernen europäischen Zivilisation: blaue Bohnen und eiserne Zuckerhüte, und zwingt die lebendigen Arbeitsinstrumente, geduldig und unterwürfig weiter schaffen. Das ist das Gesellschafts-Jdeal der herrschenden Klassen, das sie nicht nur in fernen Kolonien, sondern soweit es geht und unter Beobachtung modernerer Formen auch in Europa durchzuführen und festzuhalten suchen. — Aelgien befindet sich gegenwärtig in einer durch die Hetzereien de« turbulenten PsaffcnthumS hervorgerufenen Erregung. Der an der Regierung befindliche Liberalismus hat bekanntlich ein Schulgesetz votirt, welches die Staatsschulen ihres bisherigen konfessionellen Charakters entkleidet und die Religion aus der Schule dahin verweist, wohin sie allein gehört: in die Kirche. Dies Gesetz, welches bei konsequenter Durchführung allerdings geeignet ist, der unheilvollen Macht der Kirche über die Schule endlich ein Ende zu machen, wird nun von den in ihrem Besitz- stand bedrohten Pfaffen auf das heftigste angegriffen. Nicht nur, daß sie von Kanzel und Beichtstuhl gegen die„religionslose" Staatsschule wettern, sondern sie belegen auch alle Lehrer, welche an den Staatsschulen wirken, sowie die Eltern, welche ihre Kinder in diese schicken, ja sogar alle übrigen Familimglieder und die Kinder selbst mit der kirchlichen Exkommunikation, welches Mittel bei der Beschränktheit der durch die Pfaffen mit Einwilligung des Staates systematisch verdummten Mehrheit des Volkes eine bedeutende Wirkung äußert. In vielen Gegenden, namentlich in Flandern und Henegau, findet eine Massendesertion der Kinder von den Staatsschulen statt und auch zahlreiche Lehrer ziehen vor, sich mit der mächtigen Kirche nicht zu überwerfen und treten daher in die„freien" katholischen Schulen über. Infolge dessen sind bereits über 1200 Staatsschulstellen vacant und dürfte auch nicht so bald ausreichender Ersatz beschafft«erden. Diesen Feindseligkeiten gegenüber ist nun die Haltung der Liberalen eine mehr als schwächliche. Statt den herrschsüchtigen Kuttenträgern energisch gegcnüberzutreten und offen auf eine voll- ständige Trennung von Kirche und Staat, die der Macht der Kirche am schnellsten und radikalsten ein Ende macht, hinzu- arbeiten, beschränkt sich der so heftig angegriffene Staat auf den „passiven Widerstand" und behandelt seine grimmigsten Feinde noch mit der größten Rücksicht. Ja, seine Verblendung geht so weit, daß er statt die Gelegenheit zur gründlichen Beseitigung alles pfäffischen Wustes aus der Schule zu benützen, selbst de- monstrativ und in eckelhaftester Weise religiöse Heuchelei treibt. So hat der Unterrichtsminister van Humbeeck jüngst in einem Rundschreiben an die Provinzialgouverneure erläutert, daß durch das neue Schulgesetz keinerlei Veränderung in Bezug auf die bisherigen(religiösen) Gewohnheiten, die Gebete und religiösen Bilder und Embleme in den Schulen eingetreten sei, und daß an Stelle der Geistlichen nun die Lehrer den Reli- gionsunterricht geben werden, indem sie ohne irgendwelche Kritik oder Erläuterung lediglich den Katechismus recitiren." Die Klerikalen haben ganz recht, wenn sie sagen, daß sich die„reli- gionslosen" Staatsschulanhänger der Lächerlichkeit und Verachtung preisgeben, indem sie jetzt, wo die Religion gesetzlich aus dem Schulprogramm entfernt ist, Kruzifixe, Kreuzwegstationen und Hei- ligenbitder in den Schulen aufhängen und die Lehrer den Kindern einen Katechismus einpauken lassen, von dem sie selbst nicht ein Wort glauben. Auf solche Weise wird man mit dem als Feind nicht zu unter- schätzenden Pfaffenthum nimmermehr fertig und wenn die belgische Regierung nicht noch ganz andere Saiten auszieht, namentlich auch der streitbaren Kirche durch Beseitigung des Kultus- budgets eine Lebensader unterbindet, dann wird der belgische Kulturkampf genau ebenso enden wie der Bismarckische. Der Liberalismus ist eben überall gleich lendenlahm und impotent. — In Arankreich nimmt die Agitation für die vollkommene Amnestie immer größere Dimensionen an und verursacht im Verein mit den wachsenden Sympathien für die Personen der nach einem langen Martyrium zurückgekehrten Kommunarden und die von diesen verfochtcne Sache eine tiefgehende Bewegung des Geistes, welche der Entwicklung der Dinge im Sinne des Sozialismus überaus günstig ist. Was seit mehr als acht Jahren in Frank- reich eine äußerste Seltenheit gewesen, kann man jetzt auf allen Gassen hören: Die Propaganda für den Sozialismus. Während Louis Blanc und Blanqui im Süden vor begeisterten Versamm- lungen sprechen, ist in Paris letzter Zeit namentlich der— Friedhof eine Stätte der wirksamsten Agitation geworden, nämlich gelegent- lich mehrerer Begräbnisse zurückgekehrter Deportirter. Besonders hervorzuheben ist in dieser Richtung das großartige Begräbniß des ehemaligen Nationalgardenhauptmanns Gras, bei welchem mehrere Redner vor den zehn Tausenden, welche das Leichengeleite gaben, im sozialistische» Sinne sprachen. Ein Arbeiter, Namens Gauthier, richtete angesichts des Grabes die Aufforderung an die Arbeiter, das von Gras mit begonnene Werk der Bekämpfung der Bourgeoisie fortzusetzen.„Es mag gut sein", meinte er, „Reden zu halten; vor Allem aber müsse man handeln, von den Worten zu den Thaten übergehen." Lepelletier(von der„Mar- seillaise") verherrlichte die Kommunards.„Ja", rief er aus, „die Republik wurde erhalten durch die, welche, wie Gras, nicht im Augenblick der Gefahr verzweifelten, die kämpften, litten, und die in Ermanglung des Sieges die Hoffnung bewahrt halten!" Bürger Delabordc aber schloß seine fulminante Rede mit den Worten:„Im Namen meiner Freunde, aber auch als Proletarier, gebe ich meine Zustimmung mit den Worten, welche am Grabe dieses neuen Opfers deS sozialen Krieges, dieses neuen Opfers der schrecklichen Rache, der Furcht der Bourgeoisie gesprochen wurden. Aber, Bürger, der Ruf:„Es lebe die Republik!" läßt heute nicht mehr die, welche aus der Ausbeutung des Pro- letariats Nutzen ziehen, von denen, welche ihre Opfer sind, unter- scheiden. Da wir, die Enterbten der sozialen Ordnung, unsern Antheil an der Erde, der Sonne, der Freiheit, auch unsern An- theil an dem Produkt der Arbeit der Vergangenheit haben wollen, so muß ein anderer Ruf ertönen, der jede Zweideutigkeit beseitigt. Der Ruf:„Es lebe die Republik!" genügt uns nicht mehr. Proletarier! Fügen wir die proletarische Rückforderung hinzu. Rufen wir:„Es lebe die soziale Republik! Es lebe der So- zialismus!" Auch in Versammlungen und Vorträgen wird der Sozialismus viel besprochen und die Nothwendigkeit der Bildung einer einheitlichen und aktionsfähigen sozialistischen Partei lebhaft erörtert. Den Kämpfenden für die Amnestiebewegung ist neuerdings ein gänzlich unerwarteter Bundesgenosse erwachsen in— Gambetta's Leiborgan»R�publique framjaise«. Jndeß ist es dem Oppor- tunistenblatt dabei natürlich keineswegs um die Sache des Rechtes und der Menschlichkeit zu thun, sondern handelt es sich lediglich um eine politische Finte. Einerseits will nämlich Gambeita den ihm in feiner Totalität nicht mehr genehmen Ministerium durch das Amnestiebegehren ein Bein stellen, anderseits empfindet er das Bedürfniß, sich bei den mächtiger werdenden radikalen Arbeiter- thum wieder etwas zu rehabilitiren, was nicht nur sein uner- wartete« Auftreten in der Amnestiefrage, sondern auch das fast noch unerwartetere Eintreten der»Räp. franQ.» zu Gunsten der strikenden Pariser Bautischler zeigt. Ob freilich die Pariser Ar- beiter sich durch solche leicht durchsichtige Manöver so leicht täu- schen lassen und sich willig als Werkzeug für die Pläne des Exdikiators gebrauchen lassen werden, ist mehr als zweifelhaft. Vorläufig indeß hat das Auftreten des Gambetta'schen Or- gans soviel erreicht, daß nicht nur die öffentliche Meinung sich weit lebhafter als bisher mit der Amnestie befaßt, sondern daß auch das Kabinet und die Kammerfraktionen bereits darüber be- reihen haben. Zwar haben sowol das linke Zentrum und die republikanische Linke, als das Ministerium die volle Amnestie aufs neue abgelehnt, allein letzteres war keineswegs einstimmig, sondern stimmten zwei Minister(Freycinett und Lepere) für die Amnestie. Einen weiter» Stoß hat die Regierung durch die kürzlich erfolgte Wahl des vor Kurzem noch an die Galeerenkette geschmiedeten, jetzt amnestirten Kommunarden Humbert, sowie die des ebenfalls amnestiesreundlichen Bürgers Bouteillier zu Pariser Munizipal- rächen erhalten. Tie neuestens erfolgte Anklage Humberts wegen Glorifizirung der Kommune wird die Lage der Regierung kaum verbessern, voraussichtlich vielmehr sehr verschlechtern, denn der Unwille über diese Gewaltmaßregel.ist ein allgemeiner. Die Tage des jetzigen Ministeriums sind offenbar ebenso gezählt wie diejenigen des Widerstands gegen die volle Amnestie' überhaupt. Der schließliche Triumpf in dieser Frage aber wird der stniwick- lung der Dinge und der Sache des Sozialismus einen mächligen Anstoß geben. — Wie weit ve�kehrle und unsinnige Staats- und Gesell- schastsinstitutionen ei» Land und Volk herabbringen könne», dafür liefert den schlagendsten Beweis ItatikN, jenes von der Natur so bevorzugte Land, aus dem jeder Tag neue Nachrichten über den wahrhaft erschreckende» Grad von Elend bringt, in welchem sich die Ueberzahl des arme» Volkes befindet, und das überdies in steter, rapider Zunahme begriffen ist. In viele» der schönsten Provinzen ist geradezu das höllische Problem gelöst, mit der größten Fruchtbarkeit des Bodens das denkbar größte Elend seiner Bebauer zu vereinigen. So werden die lombardischen Landarbeiter nach Professor Umilta's Ausspruch„schlechter als Hunde" ge- halten. Infolge dessen richten denn auch Krankheiten aller Art, besonders das Pellagra wahre Verheerungen unter der Be- völkerung an. Das Pellagra ist ausschließlich eine Krankheit des Elends oder vielmehr des äußersten Elends; denn es ist konfta- tirt, daß es lediglich durch den äußersten Mangel an Nahrung und die schlechte Qualität selbst dieser wenigen Lebensmittel in Zusammenwirkung mit der ungesunden Arbeit in den ficber- athmenden Reisfeldern entsteht, während gut genährte Menschen den letzteren Einflüssen weit besser widerstehen. Diese schreckliche Krankheit besteht in einer krankhasten Ver- änderung des ganzen Organismus. Die Schleimhäute des Mundes und der Verdauungskanäle entzünden sich und machen die Auf- nähme der elenden Nahrung fast unmöglich, die Muskelsubstanz nimmt ab und eine tiefgehende Störung der Funktionen des Nervensystemes tritt ein. Eine quälende Aufregung, Schwindel und Schwäche bemächtigen sich des Kranken; die Haut verliert ihre Elastizität, wird bleifarbig, bekommt Blasen und Risse und fällt ab, sobald sie Lust und Sonne ausgesetzt ist. Ein bohrender Schmerz entsteht in Hirn und Rückgrat, Hände und Füße schlafen ein, Gesicht und Gehör nehmen ab und der„Pellagroso" endet in einem typhösen Fieberschauer oder in Tobsucht. Um den Schrecken voll zu machen, ist die Krantheil auch noch erblich. Bisher grassirtc das Pellagra nur in der Lombardei, jetzt aber verbreitet es sich infolge des wachsenden äußersten Roth- standes immer mehr gegen Süden. Wie der„Prcsente" von Parma meldet, hat der Präfekt dieser Stadt die traurigsten Nach- richten über den Stand dieser Krankheit empfangen. In einer Gemeinde, Namens Sissa, ist bereits der dritte Theil, in dem Städtchen Varsi gar die Hälfte der Einwohner vom Pellagra ergriffen! Aber auch, wo diese Pest nicht hindringt, ist dcsyalb das Volk meist nicht viel besser daran. Namentlich drückt die wahrhaft unerträgliche Höhe der zahllosen Steuern das Volk nieder und preßt ihm den letzten Groschen, der ihm etwa noch geblieben, erbarmungslos ab. Der weitaus größte Theil des italienischen Volkes nennt ohnehin nicht eine Handbreit Erde seines„Vater- lande?" sein Eigen. Aber auch die Glücklichen, welchen noch ein Parzellchen geblieben, werden durch die bestehenden Einrich- richtungen, vor allem durch die unsinnigen Steuern, schnellstens darum gebracht. Um das einzusehen, braucht man blos die eben veröffentlichte Zusammenstellung aus Anlaß von Steuerrückständen erfolgter Z w angs v erste! g erun gen von Grundstücken, welche in den Jahren 1873— 1878 in Italien stattgefunden haben, zu lesen. Die Gesammtzahl derselben beträgt 35,075. Davon fallen auf Piemont 73, auf Ligurien 96, auf die Lombardei 185, auf Venetien 199, auf die Provinz Rom 205, aus die Emilia 676, auf Umbrien und Ancona 1072, auf Toskana 1803, auf die festländischen Provinzen Neapels 3597, auf Sicilicn 63lt2 und endlich auf Sardinien die ungeheuere Summe von 20,007 Zwangsversteigerungen! Daß unter solchen Umständen und bei der systematischen Vernach- lässigung der Schulbildung die Verbrechen gegen Eigenthum und Leben eine, ohne Inbetrachtziehung all dieser Uisachen unbegreif- liche Höhe erreicht haben und der Zustand de« öffentlichen Sicher- heit selbst in bewohnteren Gegenden sehr viel zu wünschen übrig läßt, ist ebenso begreiflich, wie die zahlreichen Ausbrüche der Verzweiflung des Volkes, welche sich in lokalen Aufständen und Gewaltthätigkeiten Lust macht. Leider können freilich diese zu keinem günstigen Resultate führen. Das vermöchte bei der gänz- lichen politischen Rechtlosigkeit des italienischen Volkes nun ein allgemeiner Aufstand, dem aber eine richtige Erkenntniß der eine Besserung herbeiführenden Mittel und Prinzipien und die weiteste Verbreitung derselben im Volk, sowie vor allem auch die Organisarion eines tüchtigen zielbewußten Kernes vorausgehen müßte. Von alledem aber sind bis jetzt kaum erst die elcmen- tarsten Anfänge vorhanden. Was aber an sozialistischer Agitation existirt, wird von der herrschenden Klasse— gleichviel von welchem der einander ununterbrochen ablösenden Ministerien— auss entsetzlichste und niederträchtigste niedergetrer-n. Tie italienische Regierung und ihre Staatsanwälte haben für die Sozialisten die Bezeichnung»malfattori»(Missethäter) erfunden und lassen dieselbe als solche von ihren Gerichten in die Kerker werfen. Wo aber die Gerichte nichts ausrichten können, da wenden die Behörden die für eigenthums- und lebensgefährliche Subjekte eingeführte Institution der arnmonizione(Polizeiaufsicht) und des domicilio coatto(Zwangsaufenihalt aus einer Insel) an. Daß trotz alledem die sozialistische Bewegung überhaupt noch existirt, ja daß in neuerer Ze>t gelegentlich mehrerer Sozialisten- Prozesse in Bologna, Earrara. Modcna, Genua, Forli, Livorno k. sich sogar an zahlreichen Orten lebhafte Sympathien für die „Missethäter" gezeigt haben— das ist ein Zeichen, daß sich in Wahrheit selbst durch die dickste Finsterniß von Unwissenheit und Vorurtheil endlich Bahn brechen muß, und gibt die Gewißheit, daß auch für den italienischen Sozialismus einst noch bessere Tage kommen und er dann ein Machtsaktor werden wird, mit dem die Regierung und die Parteien nicht nur zu rechnen haben werden, sondern der ihnen auch allmälig allen über den Kopf wachsen wird. — Der Sozialismus hat nun auch in Rumänien Eingang gefunden, d. h. er beginnt, wenn auch vorläufig noch langsam, sich auch unter einheimischen Volkskreisen auszubreiten, während die dorsiaen Anhänger des Sozialismus bisher fast ansschließ- lich aus Deutschen, Italienern und einigen Serben bestanden hatten. Der unermüdlichen Propaganda dieser Männer ist daS erzielte Resultat denn auch wesentlich zu danken, wobei freilich die zwei Krebsübel des Donaustaates energisch mitwirkten: die I unerhörte Partei- und Beamtenkorruption und die total zerfresse- neu wirthschaftlichen, namentlich Ackerbau-Vcrhältnisse. Demnächst soll auch, und zwar in Braila, ein rumänisches sozialistisches Or- gan erscheinen. — Tie zwar— in Folge der Unentwickeltheit der Industrie einerseits, und der noch außerordentlichen Macht der Pfaffen über die systematisch verdummte Bevölkerung— kleine, aber rührige so- zialistische Partei H�ortugals trifft bereits ihre Vorbereitungen für den Anfangs Januar n. I. in Porto stattfindenden(vierten) Jahreskongreß. Der Zentralrath fordert die Genossen durch die zwei Parteiorgane 0 Proteste) und 0 Operaio auf, Anträge hinsichtlich der Aufstellung der Tagesordnung auf Mitte Oktober einzureichen. Ebenso kündigen die genannten Organe die Her- ausgäbe eines Parteikalenders für 1880 an, welcher hauptsächlich für die Propaganda berechnet und deshalb in einer großen Auf- läge hergestellt werden soll. — Die agrarische Bewegung in Irtaud nimmt ihren un- ausgesetzten Fortgang und fängt an, die herrschenden Klassen Englands, welche sie lange als geringfügig und als das Werk einiger arbeitsscheuer und eigenthumsgefährlicher Subjekte darzu- stellen suchten, lebhaft zu beunruhigen. Auch die Regierung hat bereits begonnen, Stellung zu der Bewegung zu nehmen, indem sie— Militär nach den Hauptsitzcn derselben sandte,„um die öffentliche Ruhe und Ordnung und die Sicherheit der bedrohte» Grundherren sicher zu stellen". Indessen dürfte die Regierung durch solche Gcwaltmaßregeln, welche die ohnehin schon aufgercg- ten und zwar national und sozial erregten Jrländer noch mehr aufreizen müssen, kaum ihren Zweck, die Agitation unwirksam zu machen und die verrotteten irischen Grundverhältnisse zu Gunsten der halbfeudalen Landlords— von denen 744 die Hälfte von Irland besitzen— zu konserviren, erreichen, sondern damit eher Oel ins Feuer gießen und die Bewegung auf die Spitze treiben. Neuerding? hat das leitende Komite der Agitation, um dieselbe immer unwiderstehlicher zu machen, ein Manifest an das irische Volk über die ganze Erde, hauptsächlich an die irischen Abkömm- linge in den Vereinigten Staaten ergehen lassen, in welchem es seine Landsleute um ihre moralische und materielle Unterstützung ersucht, um die Jrländer i» der Heimath in dem Bestreben zu fördern, eine vollständige Umwandlung in den Grundeigenthums- Verhältnissen herbeizuführen. Die gegenwärtigen Grundbesitzer sollen gegen entsprechende Entschädigung durch den Staat ihren Besitz an Ackerland an die gegenwärtigen Bebauer desselben abtreten; die 600,000 irischen Farmer, welche keinen Boden besitzen, sollen in den vollen Besitz des von ihnen bebauten Landes treten. Um diesen Zweck zu erreichen, fordert das Komite zur Bildung von Vereinen und Agiiationsfonds auf, um durch einträchtiges Zu- sammenstehen und energisches Auftreten das englische Parlament zu einer Emanzipation der irischen Pächter und einer vollständigen Neuordnung des Grundbesitzes zu zwingen. Uebrigens soll neben diesen radikalen Endzielen der Bewegung auch der nächste Zweck— unmittelbare Erleichterung der bedrängten Bauern durch Pacht- reduktioncn— nicht aus den Augen verloren werden. DaS ganze Manifest ist in einem durchaus würdigen Ton gehalten und er- weckt die Sympathien jedes nicht durch Borurtheile und Interesse Geblendeten. Bei den herrschenden Klassen Englands wird es freilich eine desto abfälligere Aufnahme finden, indessen wird man auch dort bald gezwungen sein, sich zu einer Reform der irischen Landverhälmisse zu verstehen, wenn man die grüne Insel nicht in einem beständigen Kriegszustand mit all seinen schädlichen Folgen auch für die Unterdrücker selbst erhallen will. Berichte. — Ki. Bromberg, 15. Ottober. 3m benachbarten Thorner Ä"i« hat sich vor Kurzem ein Fall von empörendem llebermuth und bestialischer Rohheit eine« Arbeitgeber« ereignet. Ein bejahrter Landarbeiter, der bei dem Pächter Frevert zu Murzynno bei Gniewkowo al« Knechl in Dienst war. verließ diesen Dienst, da Frevert ihm eine ihm selbst gehörige Kuh widerrechtlich nicht au« dem Stalle lasten wollte. AI« der Pächter hierüber mit„seinem" Arbeiter und dessen erwachsenen Sohn in Streit kam, holte er ein Gewehr herbei, lud e« vor den Augen der Arbeiter und drohte ihnen, wenn sie fich nicht augenblicklich unter Zurücklassung ihrer Kuh von seinem Gut entfernen würden, sie„wie tolle Hunde" niederzuschießen, wobei er auf den älteren Arbeiter anlegte. Al« nun de« letzteren Sohn zur Rettung seine« Pater« herbeieilte und dem Frevert da« Gewehr mit einer Mistgabel au« der Hand zu schlagen versuchte, drückte der Mordbube von Pächter ab und schoß den Arbeiter kalten Blute« nieder. Die sonst so svürnafige Behörde aber wußte den Mörder nicht nur nicht von selbst zu finden, sondern fand sich selbst auf eine Anzeige seitens de« Vater« de« Ermordeten nicht zu einer Verhaftung de« Mörder» bewogen. Freilich wird derselbe doch schließlich voraii«sichtlich von den BourgeoiSkollegen freigesprochen. Wa» liegt auch an einem Arbeiter, besonder« heute, wo man viel zu viel von dem Pack hat: 0. AuS Oelkerreich, 15. Oktober. 3n Wie» hat fich vor kurzem vor dem Lande«gcricht ein Prozeß abgespielt, weicher, an fich klein und unbedeutend, ein grelle« Streiflicht auf unsere„beste der Welten" wirft. Angeklagt war die Rechnung«revidenten-Wittwe Marie Fnch«, über welche die Verhandlungen folgende« ergaben: Die Angeklagte, Mutter mehrerer Kinder, scklug fich seit Zähren mit den paar Pfennigen Pension, welche ihr der großmüthigc Staat gewährt, und ihrer Hände Arbeit mühselig genug durch'« Lebe». In Folge de« allgemeinen Arbeitmangcl« aber fiel dieser letztire Verdienst, trotz aller Bemühungen der fleißigen Frau bald weg und diese sah sich der größten Roth überliefert, lim mit ihren Kindern nur leben zu können, mußte sie ihre Pension im vorhinein bei Wucherern ver- pfände», welche fich nicht scheuten, an der Armen ein gute« Geschäftchen von einigen hundert Prozent zu machen, so daß für die Beamtenwittwe bald auch noch die paar Gulden Pension hinwegfielen. Nun wanderten bald auch noch da« letzte Stück Hautrath, ja selbst die unentbehrlichsten Kleidungt- stücke zur Fristung de« Leben« in« Bersatzhau«, die Mutter ward vor Hunger und Kummer krank und die Kinder bettelten. Der Staatsanwalt Lamezan fand die Aermste in einer Manfardenstube, auf alte« Stroh gebettet und nur mit ein paar Kleidersetzcn zugedeckt, einem Gerippe gleich. Und wa» führte diese Frau jetzt vor Gericht? Der Anklage zufolge hat sie ihre Kinder„unter Lästerungen" aufgefordert, an kein göttliche« Wesen zu glauben, da c« kein solche« geben könne, weil c« sonst nicht solche Leiden unschuldiger Menschen zulaffen könnte. In dieser, durch die bitteren Ersah. rungen der Wittwe ebenso erklärlichen, al« vollkommen vernunstmäßigen und unbestreitbaren Schlußfolgerung, erblickt»un die Staatsbehörde ein„Ver. Druck der Schweiz. Vereint-Buchdruckerei Hottingen-Zllrtch. brechen der Religiontstörung" und beantragt, die bereits durch alle Prüfungen Gegangene zu guter legi auch noch in« Gcfäng. niß zu schicken! Die Angeklagte, welche wegen Mangel« der nö- t h i g st e n Kleidungsstücke nicht vor Gericht erscheinen konnte, richtete nun eine ihre verzweifelte Körper- und Seelcnverfastung so eindringlich schildernde Eingabe an da« Gericht, daß dasselbe wohl nicht ohne Weitere« zur Vcrurtheilung schreiten konnte, sondern beschloß— den G e i ste« z n flu n d der Angeklagten untersuchen zu lassen! Brave und fleißige Menschen erst schuldlos dem Elend und der Ver- zweiflung anheimfallen zu lasten und sie dann, wenn sie au« Erfahrung die„göttliche" und menschliche Nngerechtigkeit der heutigen Gescllschaft«- »erhältnistc kennen und verabscheuen gelernt haben, wegen letzterem auch noch al« Verbrecher oder Narren zu behandeln— ist das nicht eine herrliche Welt„ordii»ng"? Und wie schlecht müssen nicht Menschen sein, welche die selb«„umzustürzen" und zu ändern streben, wie e« die infamen Sozial- demokraten thun!—- Soeben erscheint an Stelle nnseier verbotenen Blätter„Proletarier" und „Freiheit" ein neue«:„Die Zukunft". Nach den bisher mit unserer sauberen Preßpolizei gemachten Erfahrungen darf man sich zwar über da» Prosperiren de« Blatte« keinen allzugroßen Hoffnungen hingeben. Indessen wollen wir Sozialisten Wien« doch wenigsten« thnu. was in unseren Kräften steht. Möge„Die Zukunft" gedeihen, soweit e« ihr in der gegenwärligen Stickluft überhaupt möglich ist, und die llntcrstüpung der Arbeiter finden. Vo lksbuchhandlung NÖTTINGEN. ZÜRICH. • Centrallag-er Sozialdemokratischer Literatur. kür Sozialwissensdiaft und Sozialpolitik. Herausgegeben von Dr. Ludwig Richter. I. Jahrgang. 1. Hälfte, gr. Octav 20 Bogen stark, brooh. Preis für Arbeitervereine nur Fr. 3. 50(im Buchhandel Fr. 4.. 50). Bei der eminenten Bedeutung der sozialen Frage, die immer weitere Kreise nicht nur interessirt, sondern thatsächlich auch beschäftigt, lag das Bedürfniss nach einem durchaus objektiv gehaltenen Jahrbuche für Sozialwissenschaft geradezu in der Luft; Herausgeber und Verleger sind durch die allseitige Anerkennung und Unterstützung, welche die Idee des„Jahrbuches überall fand, ganz besonders darin bestärkt worden, dass über die Nützlichkeit eines solchen Unternehmens wohl kaum irgendwo Zweifel erhoben werden können. Obiges Werk sollte in keiner Bibliothek eines vorwärtsstrebenden Arbeitervereins fehlen. Die zweite Hälfte erscheint zum Januar 1880. Diese Arbeit ist, ungeachtet ihrer ruhigen Objectivität, in Deutschland auf Grund des Sozialisten-Gesetzes verboten. Ein Grund mehr für Jeden wahrhaft freisinnigen Mann, sich das Jahrbuch anzuschaffen. Hottingen Zürich. Durch uns ist zu beziehen und empfehlen wir: Die Frau uud der Sozialismus. Von August Bebel. 12 Bogen Gross-Oktav.— Preis 2 Fr.= Mk. 1. 50. Dieses Buch ist eine der trefflichsten Erscheinungen der neueren sozialistischen Literatur, nicht allein weil es die ganze grosse Frage über die der Frau zukommende Stellung in der Gesellschaft in einer für Jeden Einsichtsvollen befriedigenden Weise zur Lösung bringt, sondern auch, weil es so verständlich und anregend geschrieben ist, dass es sich ganz besonders zu einer nachhaltigen Agitation für die sozialistischen Prinzipien und zur Gewinnung der Frauen für die Arbeiterbewegung eignet. Es sei desshalb allen Genossen zur energischen Verbreitung empfohlen. Bei uns ist femer zu beziehen: Der Republikaner. BltetHrto?@tksked©cidbr für CS80e Gegründet von Reinhold Rüegg. Preis 50 Ct. Der Kalender ist ein Volksbuch im wahren Sinne des W ortes und sehen wir zahlreichen Bestellungen entgegen. Inhalt: Unsere Losung, Gedicht von J. 0. Herder.— Kaien- darium mit interessanten Angaben über die Temperatur- und Witterungsverhältnisse, sowie über die Niederschlagsmengen während des Jahres 1880 an den wichtigsten meteorologischen Punkten der Schweiz und anderer Länder, sowie einer Abhandlung über die fertigen und im Werden begriffenen Gestirne, von Professor Dr. A. Weilenmann.— Zahlreiche Notizen über wichtige geschichtliche Ereignisse und Geburts- und Sterbetage berühmter und berüchtigter Männer.— Vollständiges Verzeichniss der Jahr- und Viehmärkte der Schweiz mit Angabe der bedeutenderen Märkte der angrenzenden Länder.— Das verlorene Kind. Ein Bild aus dem Leben, von C. Lübeck.— Beleidigung und Rache.— Es sollen erst Alle satt werden.— Ehrlichkeit und Männlichkeit.— Adel und Arzt. — Der Kampf ums Dasein.— Die älteste Bergbahn der Welt(mit 6 Illustrationen), von Adolf Ott.— Eine kritische Stunde.— Die Liebe, Gedicht von Georg Herwegh.— Glücklich, Gedicht von Fr. v. Bodenstedt.— Ueber Fahrhabeversicherung, von H. Stüssi. — Philosophie in der Kinderstube.— Im Schneegestöber(mit Hin- stration), von— d— g.— Joh. Casp. Sie her(mit Portrait), von E. Schönenberger.— Spräche.— Ein wahrhaft liberaler Schweizerbürger.— Geistesbildung(Arabische Sprüche).— Oktoberphantasie (mit Illustration), von R. Rüegg.— Essen und Trinken.— Die Meisterstücke des Kochs.— Das Wirthshaus.— Die Vaterlandskunde bei den schweizerischen Rekrutenprüfungen, v. J. J. Schnee- bell.— Jakob Stämpfli(mit Portrait), v. J. S.— Eine Erinnerung. — Die Korruption.— Ausspruch von Thiers.— Arm und Reich, Gedicht von Julius Kell.— Ein Hochverrath ohne Gleichen, von Max Kegel.— Jedes junge Mädchen.— Eine Frau.— Wein und Liebe.— Fürsten.— Ein neu Wilhelm-Tellen-Lied.— Ueber Schutzzoll.— Sprüche.— Ueber das Duell, von Claude Tillier.— Zwei Dutzend Sprüchwörter.— Die Unverschämtheit.— Triumphe naturwissenschaftlicher Forschungen, Skizze von Dr. Arnold Dodel- Port.— Thiers und das Exil.— Unter dem Drucke der Gewalt. — Die vier Viertel des Lebens.— Mozart und Haydn.— Der grösste Gründer.— Förster Eichelkraut und der freisinnige Turner. Eine heitere Geschichte aus schwerer Zeit, von Max Kegel.— David und Goliath.— Annoncen. Volksbuchhandlung Hottingen-Zürich. Wiederverhäufer werden gesucht bei hohem Rabatt.