Krschemt wSchemtlich einmal Zürich(Schweiz) Strlag A. Herter, Anduftriehalle Ricsdach-Zürich Pokseudiiugki franco gegen franco. Gewohnliche Briefe nach der Schweiz kosten Doppelporko. Der oMldemckrat Jilternationales Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge Aöottttemeitts werben nur beim Verlag unb beffen bekannten Agenten ent- gegengenommen unb zwar zum voraus zahlbaren Vierteljahrspreis von: Fn 2.— für die Schweiz Mk. 3.— für Deutschland(Eouvertj f[. I. 70 für Oesterreich(Soubert) Fr. 2. 50 für alle übrigen Länder des Weltpostvereins. Znserite Die dreigcspaltene Petitzeile 25 CtS. 20 Pfg. N? 4. Sonntag, 26. Oktober.' 1879. Avis an die Korresvandenten und Alionnenten de«„AnzialdemaKrat" Da der.Sozialdemokrat' sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten ist, bezw verfolgt wird und die dortigen Behörden sich alte Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp. Briefe von dort an uns und unsere ZeitungS- und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äußerste Vorsicht im Poftverkehr nothwendig und darf keine Vorsichtsmaßregel versäumt werden, die Briesmarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt der Sendungen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen. Haupterforderniß ist hiezu einerseits, daß unsere Freunde so selten als möglich an den.Sozialdemokrat', resp. dessen Verlag selbst adressiren, sondern sich möglichst an irgend eine unverdächtige Adresse außerhalb Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche sich dann mit uns in Verbindung setzt; anderseits aber, daß auch uns möglichst unverfängliche Zustellungsadressen mitgetheilt werden. In zweifelhaften Fällen empfiehlt sich behufs größerer Sicherheit Rekommandirung. Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um trotz aller entgegenstehenden Schwierigkeiten den. Sozialdemokrat' unfern Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern. Rechenschaftsbericht der sozialdemokratischen Mitglieder des deutschen Reichstages. (Schluß.) Was nun unserc Haltung im Reichstage anbelangt, so steht dieselbe im Einklang mit der politischen Gesammthaltung der Parlei. Als das Sozialistengesetz gegen die Sozialdemokratie Teutschlands geschmiedet wurde, tral die Frage an uns heran: wie haben wir uns im Interesse der Partei zu verhalten? Die Frage, daS dürfen wir wohl sagen, wurde aufs Reiflichste beiethen, das Für und Wider, Möglichkeiten und Wahrschein- lichkeiten sorgfältig abgewogen. Kein Zweifel, man wollte unsere Partei vernichten. Hätten wir an die Möglichkeit der Vernichtung durch das Ausnahme- gesctz geglaubt, hätten wir nur geglaubt, daß es die Partei wesentlich schäbigen, sie zurückwerfen, die Arbeit eines halben Atenschenalters zerstören würde, dann wäre freilich die Partei zu einer anderen Taktik genöthigt worden, als der, welche von ihr adoptirt worden ist. Wer aber inil uns der Ueberzeugung ist, daß eine Partei, wie die sozialdemokratische, nicht vernichtet werden, und durch die hcf- tigsten Unterdrückungsversuche nur gestärkt werden kann; daß es für uns vor Allem daraus ankommt, die öffentliche Meinung zu gewinnen und das Stigma des Meuchelmordes und der köpf- und hirnlosen Umstürzlern von uns zu entfernen; daß jede Ge- waltthätigkcit unsererseits Wasser auf die Mühle unserer Feinde wäre, und die Aufmerksamkeit der Massen von den bitteren Früch- tcn des herrschende» ökonomischen und politischen Systems ab- lenken würde; daß die Partei, welche den Krieg in jeder Gestalt vcrurthcilt, und die allgemeine Verbrüderung aller Menschen zum Ziel hat, nicht den Bürgerkrieg erstreben kann; kurz, daß eine normale Entwicklung der Tinge im Interesse unserer Partei liegt— wer mit uns dieser Ueberzeugung ist, der muß auch die Taktik billigen, welche die Partei seit Jahresfrist unter de» schwierigsten Verhält- nisten, unier den schwersten Opfern mit guter Mannszucht und mit Standhafiigkeit befolgt. Es galt die Massen von dem Attentatsfieber zu kur-ren; und dazu bedurfte es d.r Ruhe. Hödel und Robi- lii>g sind das politische Gründungskapital für die neueste Aeva der Reaktion in Teutschland,— das erkennen jetzt selbst die bornirtesten Liberalen an, die noch vor Jahresfrist Hödel uud Robiling an die Rockschöße der Sozialdemokratie heften halfen. Aber von Hödel und Robiling kann die Reaktion doch nicht ewig zehren und leben, und sicherlich war es dem Fürsten Bismarck sehr ernst, als er in seiner Rede zu Gunsten des„Ungebühr- gesetzes" es so lebhaft bedauerte, dajj die Attentate dem Publikum nicht mehr als Schreckgebilde erschienen. Alles, was den Eindruck der Attentate wieder auffrischte, gab der Reaktion neue Nahrung, Alles, was diesen Eindruck ab- schwächte, mußte unsere Sache förderen. Die Taktik, welche uns durch die Verhältnisse vorgeschrieben war, läßt sich also in den Sätzen zusammenfassen: Ter Reaktion keine Möglichkeit bieten, die Sozialdemokratie als rothes Gespenst zu verwenden. Das durch infame Verleumdungen auf uns geworfene Odium abzustreifen; und so zu handeln, daß das Odium für die herrschende Mißwirthschaft und die herrschenden Miß- stände aus Diejenigen gewälzt werde, die es entweder durch aktives Verschulden oder durch passives Gewährenlassen auch wirklich verdient haben. Dieser Taktik gemäß haben wir, hat die Partei gehandelt; und die Probe der Praxis ist gut, über alle Erwartung gut ausgefallen; die Reichstagswahlen in Breslau und Erfurt, die großailige Bethciligung des Volkes an den Begräbnissen un- serer unvergeßlichen Genossen Reinders und Gcib und in letzter Zeit noch die sächsischen Landtagswahlen, haben für Jeden, der nicht absichtlich gegen die handgreiflichen That- fachen seine Augen schließt, zur Evidenz sestgestellt, daß die Partei- genossen fest zusammenhalten, daß sie„auf de» Schanzen" sind, und daß wir nicht nur keinen Rückgang, sondern im Gegen- theil Fortschritte zu verzeichnen haben. Namentlich hat sich dies bei den sächsischen Landtagswahle« gezeigt, deren günstiger Ausfall nur daraus zu erklären ist, daß Bevölkcrungsschichtcn, die noch bei vcr vorigen Reichstagswahl feindlich gesinnt waren, uns seitdem günstig gestimmt worden sind. Da gerade von L a n d t a g s w a h I e n die Rede ist, sei, um Mißverständnissen vorzubeugen, hier erwähnt, daß i» andere» Bundesstaaten, insbesondere in Preußen, das Landtagswahl- gesctz einen weit reaktionäreren Charakter trägt, als bis jetzt m Sachsen, und eine Betheiligung der Partei an d.n Landtags- Wahlen dort eine sinnlose Kraftvergeudung ohne jegliche Aus- sicht aus Erfolg wäre. Doch zurück zur Frage der Taktik. Gesetzt der Fall, wir hätten uns für diejenige Taktik entschie- den, zu der von gewisser Seite gerathen, von gewisser entgegen- gesetzter Seite herausgefordert worden ist: wir schlugen los, bauten Barrikaden in Berlin, proklamirten die Republik in Sach- sen, pflanzten in Hamburg, Breslau— kurz überall, wo wir in genügender Stärke vertreten sind, das Banner der Revolution aus— mit einem Wort, wir führten den Plan aus, welchen Reptilschreiber in auswärtigen— ameri- konischen— Blättern uns unterschoben— was wäre geschehen? Wir hätten uns möglicherweise, d. i. wenn die Regierungen sich hier und da hätten überraschen lassen, an einigen Punkten ein paar Wochen lang gehalten, und dann war der letzte Insurgent im Gefängniß,> auf der Flucht oder erschossen, unsere Anhänger waren auf Jahrzehnte niedergeschmettert, unsere Feinde im Besitz einer unumschränkten Macht, und die unentschiedene Masse, welche uns weder Freund noch Feind ist, bei ruhiger, d. h. durch uus nicht gewaltsam gestörter, Entwick- lung sich aber zu uns schlagen und uns den Sieg bringen wird, schlug sich auf die Seite unserer Feinde und half uns erdrücken. Die Reaktion feierte ihre blutigen Orgien; die Wirkung der Attentate war potenzirt erreicht, die öffentliche Meinung wandte sich mit elementarer Wucht gegen uns, und zur schweren materiellen Niederlage kam für uns eine schwerere moralische Niederlage! Es gab keine sozialdcmokra- tische Partei mehr in Deutschland und erst späteren Zeiten blieb es vorbehalten, unsere Fehler wieder gut zu machen, und mühsam, an die Vergangenheit anknüpfend, eine neue sozial- demokratische Partei aufzubauen. Wer da weiß, wie unmittelbar nach den AtteMaten des vorigen Jahres und nachdem die allgemeine Hätz gegen uns in Scene gesetzt war, in gewissen Kreisen der Ausbruch einer Revolte jeden Augenblick erwartet wurde, wie in den Kasernen alles zuin Niederkartätsche» bereit war, die Offiziere die Soldaten haranguirten und man allgemein unsere Partei als das Wild bezeichnete, dem es gelte; wer da ferner weiß, wie verblüfft man war, als die erhoffte und ersehnte Revolte ausblieb, der wird das Verhalten der Partei, welche, die Situation vollständig erkennend, einen Mo- ment sich passiv verhielt, um den Sturm über sich hinwegsausen zu lassen, als durch die Umstände geboten zu würdigen wissen. Und die Folgen jenes Verhaltens? Die sozialdemokratische Armee ist intakt; sie hat, ohne Verlust, ihre alten Positionen mit neuen besseren vertauscht — die Reihen sind vollzählig und jeder Tag bringt frischen Zu- zug aus den Reihen anderer Parteien. Während alle anderen Parteim, konservative wie liberale— denn auch die sogenannte konservative Partei ist, seit sie, gezwungen durch die ökonomische Entwicklung, die namentlich auch den Ackerbau ergriffen hat, sich auf den Boden des Cäsarismus be gab, keine konservative Partei mehr und in vollster Zersetzung; aus diesen wie aus anderen Gebieten hat Fürst Bismarck, ein Werkzeug geschichtlicher Entwicklung, sich als vollendeter Revo- l utionär wider Willen bewäbrt— während alle anderen Parteien, voran die Liberalen, sich sichtlich im Zustande der Auf- lösung befinden; während das wracke Schifflein des National- liberalismus von den Sturzwellen der Reaktion in Stücke zer- bröckelt wird; während jeder Versuch, aus den alten Pirteie» heraus„eine große demokratische Partei" xu bilden, welche das Volk gegen die Reaktion organisiren soll, auf's Kläglichste scheitert: steht die Sozialdemokratie, gegen die jede Partei die Hand er- Hoden, steht die vogetsreie Sozialdemokratie fest, wie ein Fels in brandender See, der einzige feste Punkt in dem allge- meinen Wiirwarr, die einzige Partei, die ein festes Programm, eine feste Taktik, ei» bestimmtes Ziel hat! Und nicht blas behauptet haben wir, was wir hatten, wir haben auch Neues erobert. Wir wiesen schon auf die jüngsten Wahlen hin, die hiefür beredtes Z.ugniß ablegen Das ist aber nicht Alles. Der Umschwung bekundet sich noch in vielen andern Symptomen. Vom„Soziatistenschrcck" des Attentatssommers kaum eine Spur mehr. Das Bürgmhum hat in seiner Mehrheit erkannt, daß das„Rothe Gespenst" nur ein Irrwisch war, ver- mittelst dZsen es in den Morast der Reaktion gelockt wurde. Kein Zurechnungsfähiger denkt mehr dran, die Soziald mokratie der Mitschuld an Nobilings Wahnsinnslhat anzuklagen: sogar ein Blatt, wie. die„Kölnische Zeitung" muß zugestehen, daß jene Anklage eine freche Verläumdung war. Nur die rothe Reaktion wagt es noch, Robiling politisch zu verwerthcn, jedoch nicht mehr gegen die Sozialdemokratie, nein— und das zeigt so recht ekla- tant die veränderte Stimmung und Lage— gegen den Liberalismus! Der Ltberalismus, der in seiner bleichen Furcht vor der Sozialdemokratie sich voriges Jahr zum Handlanger der Reaktion hergab und Robiling an die Rockschöße der Sozial demokratie zu heften bemüht war, muß ihn jetzt an seinen eigenen Rockschößen Herunttragen. Klassischer und lehrreicher konnte die Nemesis der Geschichte sich nicht vollziehen. Und wenn einzelne Organe, die sich liberal nennen, durch infame Denunziationen gegen die Sozialdemokratie sich die Gnade der siegreichen Reaktion zu erbetteln suchen, so vergrößern sie dadurch nur das Sünden- register auf der Schandsäule, welche als Leichenstein das Grab des deutschen Liberalismus schmücken wird. Der Liberalismus ist im Sterben und die Sozialdemokratie wird seine lachende Erbin sein. Und nicht blos seine. Die Zcntrumspartei hat durch den„Packt" mit Fürst Bismarck einen Keil in ihre mächtige Organisation getrieben. Oppositionspartei par excellence, verliert sie ihre Existenzbedingungen, sobald sie aufhört, in der Opposition zu sein. Das Gros der Partei ist oppositionell, stark mit demokratischen und sozialistischen Elementen versetzt. Der Zerfall dieser Partei, die soeben, indem sie Herrn von Bismarck den„Packt" aufnöthigte, ihn unter das caudinische Joch des Partikularismus trieb, einen großen taktischen Triumph errang, wird— zumal die Führung eine vorzügliche, die Orga- nisation eine musterhafte— nicht über Nacht erfolgen; aber so gewiß die nationalliberalc Partei in dem Kulturkampf zu Grunde gegangen ist, so gewiß wird das Zentrum an dem„Packte" mit Bismarck zu Grunde gehen; und die demokratischen und sozia- listischen Elemente, welche es umfaßt, werden sich dahin wenden, wohin sie gehören: zur Sozialdemokratie. Der Umschwung der öffentlichen Meinung zu unser» Gunsten ist unstreitig der wichtigste Erfolg, den wir unserer Taktik ver- danken. Unter öffentlicher Meinung verstehen wir hier nicht die Meinung beschränkter Kreise, die für maßgebend gelten. Wir verstehen darunter das Denken und Fühlen der Volksmassen im weitesten Sinne des Wortes— der ungeheuren Majorität des Volkes. Dieses Denken und Fühlen, welches ja künstlich— wie nach den Attentate»— in bestimmte Bahnen gelenkt werden kann, ist auf politischem Gebiet ein unentbehrlicher Faktor für jede politische Thäligkcit. Wer diesen Faktor ge�en sich hat, ist von vornherein gelähmt, aktionsunfähig. Das sahen wir in den At- tentatswochen des vorigen Jahres. Damals hatte die Partei die Feuerprobe zu bestehen. Wenn sie je hätte in Gefahr sein können, wäre sie eS damals gewesen. Tie schlimmsten Ver- folgungen der Behörden sind nichts, verglichen mit jenem Wirbel- stürm des Hasses und Schreckens aus dem Volke heraus. Es war eine Existenzfrage für uns, daß dieser Schrecken be- schwichtigt und dieser Haß in Sympathie verwandelt wurde. Ge- lang es, so hatten wir gewonnen. Das war das Hauptmotiv, welches unsere Partei zu ihrer gegenwärtigen Taktik bestimmte. Wir sind, was wir waren, wir werden sein, was wir sind. Womit selbstverständlich nicht gesagt sein soll, daß wir nicht lernen, uns nicht fortentwickeln wollen. Die Agita- tion in der früheren Form ist uns unmöglich gemacht— gut: wir lassen die Verhältnisse und unsere Feinde für uns agitiren und beuten die Früchte jener, die Hand- lungen dieser nach Möglichkeit aus! Die deutsche Industrie liegt darnieder, trotz Sozialistengesetz, trotz Schutzzoll; und durch den Schutzzoll, der den Sporn der Konkurrenz abstumpft und das Ausland zu Repressalien, d. h. zur Verschlicßung seiner Märkte zwingt, wird sie noch mehr zurückgebracht werde». DaS Handwerk v'rliert rnehc uno mehr den Boden unter den Füßen, trotz Sozialistengesetz, trotz Schutzzoll und versuchter uto- pistiicher Rückkehr zu mittelalterlichem Zunftwesen. Die Land- wirthschaft in ihrer Gesammtheit kann von der neuen Wirth- schaftspolitik, die bloS einer winzigen, aber mächtigen Minorität zu Gute kommt, nur Nachtheile haben. Für den Moment haben sich dieselben noch nicht mit genügender Deutlichkeit fühlbar ge- macht, aber die Zeit wird nicht ausbleiben. Die Erhöhung der Kornpreise durch den Getreidezoll wird zehnfach aufgewogen durch die Vertheuerung der Produktion und aller Lebensmittel bei ent- sprechender Entwerthung des Geldes; und so wird die Land- bevölkerung, welche heute noch zum großen Theil für die Bis- marck'schen„Reformen" schwärmt, schon bald durch Schaden klug werden und zu der Erkenntniß gelangen, daß für jede Mark, die ihr öffentlich in Gestalt des Getreidezolls in die eine Tasche gesteckt wird, ihr verstohlen durch Steigerung des Preises aller Lebensmittel das Fünf- und Zehnfache aus der anderen Tasche genommen wird. Die allgemeine Lebenslage verschlechtert sich, und die Ansprüche an das Leben, gefördert durch das Bei- spiel von Oben, steigern sich; dieser Widerspruch muß den Sturz des herrschenden Systems wesentlich beschleunigen. Fürst Bismarck befindet sich in ähnlicher Lage, wie einst sein Lehrer Bonapartc; er hat sich auf das für einen Staatsmann gefährlichste Terrain begeben: um das Volk, dem er zur Fort- führung seiner Politik beständig schwere Lasten aufbürden muß, in gute Laune zu versetzen, hat er ihm Wechsel auf materielle Prospcriiät ausgestellt. Den Wechsel einzulösen, vermag er nicht; denn die Aufgabe, welche er sich gestellt hat, ist unlös- barer, als die Quadratur des Zirkels: das Volk zu bereichern und ihm einen neuen Aderlaß nach dem andern%» appliziren. Daß diese fortwährenden und immer stärkeren Aderlässe den Volks- körper schwächen und ihn schließlich zu Grunde richten müssen, wird aber mit der Zeit auch dem Vernageltste» klar. In Geld- sachcn wie in allen Jnteressenfragm hört die Gemüthlichkeit aus. Der eifrigste Verehrer der Blut- und Eisenpolitik und ihrer — „wunderbaren Erfolge" wendet sich gegen sein Ideal in dem Moment, wo er entdeckt, daß es ihn am Beutel schädigt. Von allen Lorbeeren der„heiligen" und nichtheiligen Kriege kann Nie- mand sich ein Gemüse kochen. Eine Umkehr gibt es für den Fürsten Bismarck nicht. Er hat die Verhältnisse nicht geschaffen, deren Ausdruck und Organ er ist, und er kann diese Verhältnisse auch nicht aus der Welt schaffen. Gleich Jxion an das Rad des Verhängnisses gebunden, muß er den Militarismus bis zum äußersten Extrem steigern, muß er die Steuerkraft des Volkes bis zum äußersten Extrem anspannen, muß er auf der abschüisigen Bahn, die er eingeschla- gen, halb abwärts eilen, halb abwärts gleiten, bis sich das Schicksal erfüllt. Die 130 Millionen Neusteuern, welche die letzte Session dem deutschen Volke gebracht, sind nur die erste Rate; sie reichen nicht annähernd für die Bedürfnisse der Bismarck'schen Politik aus. Dank dieser Politik mit ihren„wunderbaren Erfolgen" sind wir zwischen feindlichen Militärmächten eingetheilt: Oester- reich kann nicht 1866 vergessen, Frankreich nicht 1870, Rußland nicht, daß es im letzten Türkenkrieg von seinem Erb- freunde nicht die erwartete und nothwendige Unterstützung em- pfangen. Unsere Armee, kolossal wie sie ist, reicht nicht aus gegen eine Allianz der uns feindlichen Mächte. Und Bun- desgenossen haben wir nicht— trotz des offiziösen Ge- redes von einer„deutsch-östcrreichischen Allianz". Also mehr Soldaten, mehr Steuern! Immer mehr Soldaten, immer mehr Steuern! Frankreich ist reicher als-Deutschland, Rußland hat mehr mi- litärisches„Rohmaterial.* Sie können immer ein Regiment mehr stellm als wir. Und sobald sie es thun, muß auch das deutsche Reich sich zu einer frischen Anstrengung aufraffen und den Nach« bar zu überbieten suchen. Für diesen W cttkampf der Kriegs- Vorbereitungen gibt es keine andere Grenze als die Grenzen der Steuerkraft des Volkes. Diese sind aber schon nahezu er- reicht und bald wird daS Volk vor dem Dilemna stehen: ent- weder unter dem politischen und wirthschaftlichen System Bismarck zusammenzubrechen, oder mit diesem System zu brechen. Und das Volk wird dann keinen Augenblick schwanken, es wird dem Gebote der Selbsterhaltung folgen. Wir denken also nicht daran,„Revolution zu machen." Ge- macht— das haben unsere Parteiorgane schon vor Jahren ge- sagt, werden Revolutionen— d. h. revolutionäre Ausbrüche— nur durch die Machthaber, welche in die organische Staats- und Gesellschaftsentwicklung gewaltsam eingreifen. Ein solches Eingreifen, läge es in unserm Willen, liegt nicht in unserer Macht. Und weil es nicht in unserer Macht liegt, liegt es auch nicht in unserem Willen. An derartige Kindereien können nur Leute denken, die von dem geschichtlichen Entwicklungsprozeß keinen Begriff haben, und von der Laune und Willkür einzelner Personen abhängig wähnen, was das nothwendige Resultat eher- ner Gesetze ist. Wir brauchen das System Bismarck nicht zu stürzen. Wir lassen es sich selbst stürzen! Das System muß an seiner eigenen Uebertreibung, an seinen eigenen Konsequenzen zu Grunde gehen. Wir brauchen den Heu- tigen Staat, die heutige Gesellschaft nicht zu zerstören, sie zer- stören sich selbst, oder richtiger ausgedrückt: AlteS, lebens- unfähig Gewordenes stirbt ab,— Neues, Höheres wird und tritt an die Stelle. Staat und Gesellschaft, unaufhaltsam in organischer Fortentwicklung begriffen, wachsen mit Natur« nothwendigkeit in den Sozialismus hinein. Die Hände freilich dürfen wir nicht in den Schooß legen, wie uns von polternden Wirrköpfen nachgesagt wird, die, mit dem sie kennzeichnenden Mangel an Logik, in einem Athem uns vor- werfen, daß wir nicht thätig, nicht„revolutionär" sind, weil wir nicht losschlagen, und daß wir z u thätig sind, weil wir uns an den Wahlen und an parlamentarischer Thätig- keit betheiligen. In Bezug auf Betheiligung an den Wahlen ist unser Stand- Punkt durch das Ausnahmegesetz in keiner Weise verrückt worden. Es hat höchstens die Wichtigkeit des Wählens und der Wahl- agitationen für uns erhöht. Daß die Partei, so lange von einer gesetzgeberischen Wirksamkeit noch nicht die Rede sein kann. wesentlich aus agitatorischen Gründen an den Wahlen und Reichs- tagsverhandlungcn sich betheiligt, ist auf allen Parteikongressen betont und begründet worden. Jetzt aber, da so viele andere Mittel der Agitation uns entrissen sind, wäre es eine Thorheit ohne Gleichen, wollen wir auf eines der besten Agitationsmittel verzichten, die uns geblieben sind. Hätten wir uns nicht mehr an den Reichs- und Landtagswahlen betheiligt, dann würde in unserer Partei nicht die gehobene Stimmung herrschen, die Ach- tung der noch nicht zu uns gehörigen Massen wäre nicht so groß und der Boden für die Propoganda nicht so günstig. So wenig Revolutionen nach Belieben gemacht werden können, so wenig fliegen uns die gebratenen Tauben des sozialdemokratischen Staates in den Mund. Wir müssen ernst arbeiten und wir wollen arbeiten! Zum Schluß müssen wir noch nachdrücklich vor Illusionen in Bezug auf die Dauer des Ausnahmegesetzes und des über Berlin und Umgegend verhängten Belagerungszu- st and es warnen. Es heißt die Situation völlig verkennen, wenn man sich der Hoffnung hingibt, das Ausnahmegesetz mit all seinen Konsequenzen werde nicht verlängert werden. Man muß sich vergegenwärtigen, daß dasselbe nur der erste bahn- brechende Schritt der Reaktion war, die nicht einhalten wird, nicht einhalten kann, ehe sie auf unübersteiglichen Widerstand gestoßen ist oder ihre Kräfte erschöpft hat. Bis dahin wird aber noch einige Zeit vergehen, innerhalb deren wir auf eine Per- schärfung der Maßregeln gegen uns gefaßt sein müssen. Unsere Wahlerfolge in Breslau und Sachsen haben schon den Ruf nach einer neuen verbesserten Auflage des Sozialistengesetzes erweckt. Und der Ruf wird nicht in taube Ohren gedrungen sein. Es sei! Mögen die Feinde thun, was ihnen gutdünkt. Wir wissen, daß sie unsere Sache nicht zu Grunde zu richten vermögen. Der Druck, die Verfolgungen können noch gesteigert werden— wir sind darauf vorbereitet. Der persönliche Verkehr kann uns nicht verboten, das geistige Band, welches uns umschlingt, nicht zerrissen werden. Die private Organisation, welche an Stelle unserer öffentlichen Organisation getreten ist, steht üb«r jedem Gesetz. Um sie zu vernichten, müßte die moderne —■— Zivilisation aufgehoben werden. Und das steht über der Macht der mächtigsten Regierung. Presse man jeden Postbeamten in die Dienste der Polizei, stelle man einen„geheimen Polizisten" neben jeden Sozialdemokraten— die Unmöglichkeit des Fort- bestandes der heutigen Ordnung der Dinge wird um so eklatanter bewiesen. Alles was gegen uns gethan wird», wird für uns gethan sein, wird das herrschende System nur rascher diskredi- tiren, seinen Sturz nur beschleunigen, den Augenblick näher rücke», wo blos zwei Parteien sich gegenüberstehen: die Partei der Privelegirten, der Monopolisten, der Kapitalisten, des Militarismus, des Kriegs— d i e reaktionäre Minorität. Und die Partei der Gerechtigkeit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit, des Friedens— die sozialistische Majorität. Unsere Feinde sorgen dafür, daß die Sozialdemokratie zur Partei des Volkes wird. So blicken wir gekost in die Zukunft. Mögen die Genossen überall sich fest an einander anschließen, die Fühlung mit dem Ganzen anstreben! Jeder hat in dieser Zeit der Prüfung und Läuterung im vollsten Maaße seine Schul- digkeit zu thun, all seine Kräfte und Fähigkeiten in den Dienst der Partei zu stellen. Das Zusammenwirken Aller ist dringend erforderlich. Wer es stört und Zwietracht säet, ist ein Feind unserer Sache. Kein blindes Vertrauen in einzelne Personen, aber auch kein blindes Mißtrauen. Strenge Kritik der Genosse», verbunden mit strenger Selbstkritik. Wir kennen die gesteigerten Pflichten, welche das Sozialisten- gesetz uns auflegt und sind entschlossen, sie zu erfülle». Hoch die Sozialdemokratie! Mit sozialdemokratischem Gruß! A. Bebel. W. Bracke. F. W. Fritz sche. M. Kayser. W. Liebknecht. I. Vahlteich. PH. Wi einer. Im September 1879. Da ich an Stelle des verstorbenen Genossen Reinders nach Schluß der letzten Session zum Reichstagsabgeordneten für Breslau gewählt worden bin, ist auch mir vorstehender Rechenschaftsbericht zur Unterschrift vorgelegt worden. Ich erkläre mich hierdurch ausdrücklich mit dem Verhalten meiner Kollegen im Reichstage und zugleich mit der unter dem Ausnahmegesetz innegehaltenen Taktik unserer Partei in Deutschland völlig einverstanden. Leipzig, Anfangs Oktober 1879. W. Hasenclever. Programm der polnischen Sozialisten. Erfreulicher Weise haben sich nun endlich, nach langer Arbeit, auch die polnischen Sozialisten zu einer organisiiten, auf sicherer prinzipieller Grundlage fußenden und sich ihrer Ziele bewußten Partei vereinigt. Dieselbe ist zwar vorläufig noch klem, hat aber bei der großen Hingebung und Opferwilligkcit ihrer An- Hänger und der natürlichen Empfänglichkeit des niedergetretenen polnischen Volkes sür alle Befreiung versprechenden Ideen eine große Entwicklungsfähigkeit. Die drei„Theiler" Polens dürften die Folgen der Geistesarbeit dieser Handvoll armer, einflußloser Flüchtlinge, deren Anstrengungen die neue Partei- bildung zu danken ist. wohl schon bald verspüren. Denn un° sere polnischen Genossen verfügen auch bereits über ein Organ, den„Rownosch"(Gleichheit), dessen erste Nummer diese Woche erschienen und uns soeben zugegangen ist. Indem wir uns vorbehalten, auf die junge Bewegung und ihr Organ, denen wir selbstverständlich unsere lebhafteste Sym- paihie und Aufmerksamkeit zuwend n werden, alsbald zurück- zukommen, reproduziren wir, um unfern deutschen Genossen schon jetzt eine Idee von der prinzipiellen Stellung der polni- schen Sozialisten zu geben, nachfolgend das in der ersten Rum- nur des„Rownosch" veröffentlichte Programm der Partei. Die politischen, ökonomischen und sozialen Errungenschaften sind das Ergebniß jahrhundertelanger Arbeit aller Glieder der Gesellschaft. Ebendeßhalb sollen sie auch Allen zum Vortheil gereichen. Aber dem ist nicht also. Eine sehr kleine Minderheit zieht, indem sie thatsächlich die Arbeitsinstrumente, d. h. das Kapital, unrechtmäßiger Weise vorenthält, allein Gewinn aus den Institutionen und benützt sie allein für sich. Der Ausdruck dieses Verhältnisses zwischen der da? Kapital vorenthaltenden Minderheit und der ihre Arbeit darbietenden Mehrheit ist das System der Lohnarbeit, d. h. die Umwand- lung des Arbeiters(der Arbeit) in eine Waare. Der Arbeiter(die Arbeit) auf die Bedingungen der Waare gebracht— das ist die neue Gestalt der Knechtschaft und Ausbeutung. Indem der Arbeiter seine Arbeit nach den allge- meinen Gesetzen des Waarenaustausches verkauft, muß er sich denselben unterwerfen; er überläßt dem Kapitalisten seinen Arbeitsertrag, und der dafür empfangene Lohn regelt sich nach dem Marktpreis, d. h. er hängt von der Anzahl der sich an- bietenden A> bester und der Summe des zum Lebensunterhalt unumgänglich Nölhigen ab. Alle modernen Staats- und Gesellschaftseinrichtungen haben das System der Lohnarbeit zur Grundlage. Das was man „individuelle Freiheit" nennt und die gerühmte Theorie der Selbsthilfe führen zum Kampf Aller gegen Alle, aus welchem der mit allen Kampfmitteln ausgerüstete Kapitalist als Sieger hervorgeht. Der Arbeiter aber, der Produktionsmittel beraubt und zum Lohnsklaven erniedrigt, verliert seine ganze Unob- hängigkeit und wird dem Willen seines„Herrn" unterworfen in allen Aeußerungen seines individuellen und sozialen Lebens. Dieser Zustand muß in der arbeitenden Klaff: aller zivili- sirten Länder nothwendig eine Bewegung hervorrufen, welche darauf hinzielt, die Einrichtungen der Gesellschaft oll ihren Mitglieder nutzbar zu machen. So hat sich der kapitalistischen Theorie des Eigenthums der Arbeitsinstrumente und der Vertheilung des Arbeitsertrages die sozialistische Theorie entgegen gestellt, deren Prinzipien jetzt von den Arbeitern Europa's und Amerika'?, welche eine gründliche Aenderung der gegenwärtigen sozialen Zustände zu Gunsten der Arbeit, das ist die soziale Revolution anstreben, mehr und mehr anerkannt und angenommen werden. Eine Untersuchung der Bedingungen, unter welchen sich heute Polen befindet, zeigt uns, daß der Triumph der sozialistischen Prinzipien unentbehrlich zum Glück des polnischen Volkes ist. Deshalb ist die thätige Betheiligung an dem Kampf gegen die gegenwär ige Gesellschaftsordnung die Pflicht jedes Polen, wel- chcr das Schicksal der großen Mehrheit seines Volkes über die Jntenssen der kapitalistischen und adeligen Minderheit unseres Landes stellt. Wir anerkennen folgende Prinzipien: 1. Die Gesellschaft gewäheleistet jedem Menschen die voll- lommene Entwicklung seiner Person. II. Die Arbeitsinstrumente müssen aufhören, den Individuen zu gehören, und in den B-sitz der Gesammthert der Ar- bester übergehen, welche die Lohnarbert in eine durch Assoziationen der Fabrikarbeiter, Handwerker und Acker- bauer auszuübende Kollektivarbeit umwandeln werden. III Jedes Individuum hat ent Recht auf den Ertrag der gemeinsamen Arbeit. Die Grenzen dies s Rechtes können nur durch die Arbeiter selbst. nach den bestimmten Angaben der Wissenschaft, festgesetzt werden. IV. Soziale und vollständige Gleichheit Aller, obne Unterschied des Geschlechtes, der Rasse und der Nationalität. V. Die Verwirtlichung dieser Ideen muß das Werk aller Arbeiter, ohne Unterschied der Art ihrer Arbeit und der Nationalität sein, woraus folgt, daß ditz soziale Revo- lution nur eine allgemeine und internationale sein kann. VI. Ans diesen Gründen verlangen wir in ein Bundesver- hältniß zu den Sozialisten oller Nationen zu treten. VII. Die Verwirklichung unserer Prinzipien kann nur durch das Volk erreicht werden, mit Hilfe einer sich der Rechte und Interessen des Volkes bewußten Organisation. VIII. Unsere Aklionsmittet werden sich stets in vollkommener Uebereinstimmung mit den Grundsätzen befinden, welche wir bekennen. Die Mittel, welche zur Entwicklung unserer Partei dienen, sind: I) Die Organisation der Volkskräfte. 2) Die Propaganda der Prinzipien des Sozialismus durch Rede und Schrift. 3) Die Agitation, d. h. Demonstrationen, Proteste, mit einem Wort, der ununterbrochene, unfern Grundsätzen entspre- chende Kampf gegen die gegenwärtige Gesellschaftsordnung. Da die Uitwirksamkest aller„gesetzlichen" Mittel anerkannt ist. kann obiges Plogramm nur durch die soziale Revolution erfüllt werden. In Erwägung: Daß die Bestrebungen des modernen Proletariats ihren letzten Ausbruck in der Internationalen Arbeiter-Assozmtion gefunden haben, besinnen wir uns zu der Darlegung der Grundsätze. welche der erste Kongreß dieser Assoziation angenommen Hut: ..In Erwägung: „daß die Emanzipation der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein muß; „daß der Kampf der Arbeiter für ihre Emanzipation nicht auf Errichtung neuer Privilegien, sondern auf Einführung gleicher Rechte und Pflichten für alle abzielt; „daß die Unterwerfung des Arbeiters unter das Kapital die Quelle alter Knechtschaft, der politischen, moralischen und materiellen ist; „daß deshalb die ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse das große Ziel ist, dem jede politische Bewegung unter- geordnet sein muß; „daß alle Bestrebungen nach diesem großen Ziel bisher ge- scheitert sind an dem Mangel der Solidarität zwischen den manigfachen Zweigen der Arbeit in jedem Lande und einer brüderlichen Veieinigung zwischen den Arbeiterklassen der verschiedenen Länder; „daß die Emanzipation der Arbeiter kein blo? lokales oder nationales Problem ist, sondern daß dasselbe vielmehr alle zivilisirten Nationen berührt, indem seine Lösung noth» wendig von dem theoretischen und praktischen Zusammen- wirken derselben abhängt; „daß die Bewegung, welche sich unter den Aibeitern der industriellsten Länder vollzieht, einerseits neue Hoffnungen erweckt, anderseits feierlich warnt vor einem Rückfall in die alten Jrrthümer und zur Zusammenfassung der bisher zusammenhangslosen Bewegung auffordert; „Aus diesen Gründen: „erklärt der am 3. September 1866 zu Genf versammelte Kongreß der Internationalen Ardeitet-Assoziution, daß diese Assoziation, sowie alle sich zu ihr bekennenden Gesellschaften und Individuen als leitenden Grundsatz Wahrheit, Gerechtigkeit, Moral in ihrem Umgang mit allen Menschen und ohne Unterschied der Hautfarbe, des Glaubens und der Nationalität anerkennen. „Der Kongreß betrachtet es als Pflicht, die Menschen- und Bürgerrechte nicht nur für die Mitglieder der Assoziation, son- dern für jedweden zu fordern, der seine Pflicht erfüllt." „Keine Rechte ohne Pflichten, „Keine Pflichten ohne Rechte." September 1879. Sozialpolitische Rundschau. — Wenn sich die Schatten der Nacht herniedersenken, dann erwacht allerorten das lichtscheue Gethier und kriecht aus seinen Löchern hervor und tummelt sich furchtlos und srech so in der Höhe als in der Tiefe. Das Ungeziefer betrachtet sich dann als Herrn der Welt und feiert wahre Orgien der Finsterniß. So ist auch das arme Deutschland gegenwärtig der ausgewählte Rammelboden der Reaktion, die ihren Gefühlen im Vollgefühl ihrer nächtlichen Herrschaft keinerlei Zwang mehr anthut. Kon- sequent sind die Helden der„Umkehr", daS muß ihnen der Neid lassen. Nicht nur hier oder dort, sondern auf allen GebietAt wird zum Rückzug geblasen. --- �_ Natürlich sind bei diesem herrlichen Gang der Dinge die Pfaffen nicht die letzten� wie die Geier um ein Aas, so sammeln sich diese Edlen überall, wo das Volk geknebelt wird, um von der Siegeobeute das fetteste Stück in Empfang zu nehmen. Im deutschen Reich sind diese dunkeln Ehrenmänner jetzt vollständig obenauf, besonders in der Reichshaupistadt, wo sie einen wahren Hexensabbath aufführen. Wo man Hinhort, nichts als Pfaffen- gechnk, wo man hinriecht, nur Salbölparfüm und— etwas Scheiterhaufeudust. Die Seclcnhirlm nach evangelischem Ritus, die„nur in allem Grund der Sachen mehr schwatzen und Grimassen machen", halten im ungläubigen Berlin ein förmliches Konzil, in dem sie Tag um Tag fchweisttrieffnd an der Rückwärtsdrehung des Zeiten- rades arbeiten. Die Gesellschaft muß sich wieder zu Gott be- kehren, die Schule wieder(?) religiös und deßhalb konfessionell werden, die Kulturgesetze müssen revidirt und in den Kranken-, Irren- und Strafhäusern vor allem Seelenhirten angestellt, Trunk sucht, Fluche» und Sonntagscniheiligung durch den Richter be- straft und die Geistlichen zu den Sühncverhandlungcn des Ehe- gerichts zugezogen, Zivilehe und Tauffreiheit aufgehoben werden. Freiheit für die Wiiksamkeit der Kirche, aber nur für sie; wer nicht glaubt, kommt nicht nur nicht in's Himmelreich, sondern har auch in diesem Jammerthal kein Recht, seine Meinung zu äußern und ihr nachzuleben. Dcßwegen muß die Berliner frei- religiöse Gemeinde die Inschrift ihres Begräbnißplatzcs:„Kein „Jenseits gibt's, kein Wiederschn"— entfernen, lind deswegen wird auch die Judenhetze schwunghaft betrieben, an deren Spitze kein geringerer a's der bei Hof hochangeiehene christlich-soziale Prophet Stöcker steht. Die Uliramonlanen reiben sich zu alldem natürlich vergnügt die Hände. Haben sie doch längst erklärt, daß die Reaktion ihren vollen Beifall haben wird und sie an ihr mit Vergnügen theff- nehmen werden,„soweit sie ihren, Programm entspricht", d. h. soweit sie sich auf das Gebiet von Kirche und Schule erstreck'. Je kräftiger, desto besser, ist hier ihr Wahlspruch, und kein Ver- langen der protellantischen Ultras dürfte ihnen hier zu weit gehen. In ihrer Roth haben die Herren früher' allerdings einmal nach Trennung von Staat und Kirche gerufen, aber seil ihnen die Aussichr lächelt, vaß die Staatsgewalt mit der Hierarchie wieder Halbpart macht, ist diese demokratische Ketzerei längst wieder ver- gessen. Aber mit dieser Umkehr aus dem kirchlichen Gebiet ist es noch keineswegs gethan. Wiedereinführung der Schuldhaft, der Prügel- strafe„als Disziplinarmittel", der Gebundenheit des Grund- .besitzcs, der Zwangsinnungcn und alles, was sich sonst noch in der reaktionären Rumpclkammer findet, wird sorgsam hervor. geholt, abgestaubt und allem Volk als nagelneuestes Universal- remedium für alle Gebresten der Zeit vorgestellt. Sogar der Rc- gierung, die biete Geister doch rief, wird bisweilen etwas schwül ob des Appetites, der der heißhungrigen Gesellschaft im Essen nur immer mehr wächst. Nicht aus Gründen des Rechtes zwar, wohl aber aus politischen Gründen möchte sie, soweit es nicht für ihre Herrschaft erforderlich, sich nicht weiter als nöthig zu- rückdrängen lassen. Aber sie wird die Geister nicht mehr los, die sie ihrem Verhängniß sicher und immer schneller zutreiben werden. — Die Offiziösen und die von ihnen beeinflußte Presse voll- führen gegenwärtig einen Heidenlärmen über die angeblich von Bismarck in Wien abgeschlossene„Allianz zwischen Deutsch- land und Oesterreich", die als ein unvergleichlicher Erfolg des Reichskanzlers und als die sicherste Bürgschaft für den curo- päischcn Frieden gepriesen wird. Gerade durch dies aufdringliche GeMthrcn aber muß jeder Ruhigdenkende stutzig gemacht werden. Oder läßt sich etwas Verdächtigeres denken, als diese unaulhör- lichcn empharischcn Versicherungen von der Jsolirung Rußlands, der unerschütterlichen Treue Oesterreichs gegen Deutschland, der dominirenden Stellung und Unangrcifbarkeit dieser beiden Verbün- deten, der Friedlichkeit Frankreichs:c.—, als die Zusammenquälung von Auslassungen selbst der mittelmäßigsten Preßorgane aller Weltenden, die sich in ähnlichem Sinn aussprechen, und vor Allem, als die enorme Aufpuffung und tendenziöse Verdrehung der für die englischen Wahlen berechneten Manchesterrede des großspre- cherischen englischen Ministers Lord Salisbury? Wer da nicht die Absicht merkt und verstimmt wird, an den ist kein Wort mehr zu verlieren. Wer sich aber durch die Ränke der Diplomaten nicht blenden läßt, der erkennt leicht, daß wieder einmal ein unerhört ge- wissenloses und erbärmliches Spiel mit der Ruhe und dem Frieden Europas getrieben wird und daß der Friede, Dank diesen verbrecherischen Ilmtrieben und nicht zuletzt den Praktiken des deutschen Reichskanzlers, allem Anschein nach nie nr als weniger gesichert gewesen ist, als gerade jetzt! Zu der wirthschaftlichen Roth, dem unerträglichen Steuer- druck und der immer weiter greifenden Reaktion auch noch die Aussicht auf menschenmordende und länderverwüstende Kriege— in welchen Abgrund von Elend haben die heutigen Gewalthaber die Völker nicht schon gestürzt und um wie viel muß sich die Lage der Völker noch verschlechtern, bis sie sich endlich ermannen und dem frevlen Spiel mit gewaltiger Hand ein Ende machen? — Aus Wöhme» berichtet der Telegraph unter'm 17. und 18. ds. von Arbeiterunruhen. Dieser Meldung zufolge wä- ren die Unruhen auf den Schächten der Brüxer Kohlenbergbau-Ge- sellschaft zu Tschausch ausgebrochen und hätten Lohnerhöhung be- zweckt.(Das ist jedenfalls Unsinn; denn die gewollte und viel- leicht verweigerte Lohnerhöhung kann wohl möglicherweise der ursprüngliche Anlaß zur Entstehung von Unruhen gewesen sein, nicht aber können diese die Lohnerhöhung„bezweckt" haben.) Gendarmerie und Landwehr habe zum Schutz der Grubenbeamten icquirirt werden müssen. Am 18. sei es dann zwischen deutschen und böhmischen Arbeitern-(vielleicht, weil die einen davon zu bil- ligerm Sätzen arbeiten wollten und dadurch die Aussicht der andern auf Lohnerhöhung vernichteten) zu blutigen Exzessen gekommen, wobei der Bezirkskommissär Graf Kuenburg die Gendar- merie mit gefälltem Bajonnet eindringen und zahlreiche Verhaf- tungen machen ließ. Was an der Sache Wahres ist, muß erst noch abgewartet werden. Jedenfalls glauben wir den Berichten der Bourgcoispressc nicht so ohne Weiteres, da wir hinreichend wissen, wie sie syste- natisch auf die Arbeiter lügt und sie verläumdet. Voraussichtlich wird der hinkende Bote schon noch Hintennach kommen und uns melden, wie nicht Arbeiter-,, Rohheit", sondern Kapitalisten-Ueber- muth auch hier die Ursache gewesen sein wird. — Was wir in unserer vorigen Nummer vorausgesagt, daß nämlich der belgische Liberalismus aus die bisherige schwächliche Weise mit den Pfaffen nicht fertig werde, sondern sich nur Nie- derlagen holen werde, ist schnell in Erfüllung gegangen. Trotz der von den Liberalen durchgesetzten„Wahlreform", welche zahl- reichen Ullramovtanen, welche früher wahlberechtigt waren, zu Gunsten des Liberalismus das Wahlrecht entzog, sind die Liberalen bei der Wahl eines Senators in Brügge schmählich unter- legen. Daß die Ultramontancn all ihre riesigen Machtmitteln entfalteten und einen wahren Terrorismus ausübten, ist allerdings richtig, trägt aber keineswegs die alleinige Schuld an der Schlappe der Liberalen, wie diese glauben machen wollen. Vielmehr haben sie dieselbe lediglich ihrer eigmen Schwäche zuzuschreiben. Sie fördern ja— durch die früher erwähnte religiöse Heuchelei ze.— selbst die Pfaffen in zahlreichen Fällen, und wundern sich dann in ihrer Beschränktheit noch, daß jene so viel Einfluß haben. Wenn sie in ihrem pomphaft angekündigten„Kulturkampf" so fortfahren, dann wird die Niederlage von Brügge nur der Anfang einer ganzen Reihe ähnlicher und noch ärgerer bilden. Uebrigens verdient doch auch die A�t des Wahlkampfes noch einige Beachrung. Vierzehn Tage lang haben die beiden Par- teien gegen einander wie Wahnsinnige getobt, alltäglich öffentliche Skandale und Aufläufe erregt und als sie mit den Worten zu Ende waren, griffen sie auch noch zu Prügel und Messer, so daß Blut floß und die öffentliche Ruhe und Sicherheit auf's äußerste gc- stört wurden. Namentlich die letzten Nächte vor der Wahl ging es in Brügge.zu, wie in einer eben vom Feind eroberten Stadt, in welcher sich die Eroberer alle Gewaltthaten erlauben. Wäre der zehnte Theil der Unruhen, welche diese„angesehenen Bürger" erregten, von armen Arbeitern verursacht worden, welche Brod zur Stillung ihres Hungers heischten, wie wäre über die„rohe meutrische Menge" geschrieen worden und wie schnell wären die Gendarmen zur Hand gewesen und hätten rücksichtslos nicht nur von ihrer Amtsgewalt, sondern auch von ihren Waffen Gebrauch gemacht, während sie den edlen Kämpen von der Bourgeoisie gegenüber die zarteste Rücksicht und Zurückhaltung beobachteten. Was die„Wächter der öffentlichen Sicherheit" aber in Brügge versäumten, haben sie dafür anderwärts um so ergiebiger wieder hereingegebracht. Vor zwei Wochen etwa ist im Kohlenbecken von Eharleroi im Hennega» wegen Lohndiffcrenzcn ein Streik aus- gebrochen. Schon von Beginn der Krise an hatten nämlich die Bergwerksbesitzer unter Berufung auf ihre verminderten Einnah- men eine Lohnverminderung von nach und nach 20—25 Pro- zent eintreten lassen, so daß sich die Arbeiter, deren Löhne schon früher nichts weniger als hohe waren, kaum mehr das trockene Brod für sich und ihre Familien verdienten. Nachdem nun aber jetzt in Folge besseren Geschäftsganges die Aktien der Bergwerke gestiegen sind, verlangten die Arbeiter auch eine Lohnaufbesserung, welche ihnen indessen von den nbermüthigen Herren verweigert wurde, worauf der Ausstand begann, welcher bis heute bereits 10,000, nach anderen Berichten sogar 12,000 Kohlengräber umfaßt und sich täglich weiter verbreitet. Die Bourgeoisregierung aber hatte nichts Eiligeres zu thun, als— nicht etwa die Berg- werksbesitzer zur gütlichen Verständigung mit ihren Arbeitern zu bewegen, sondern— eine Abtheilung Gendarmen zu senden. Dieselben haben ihre Aufgabe denn auch bereits zum Theil er- füllt, indem sie in einer Versammlung, welche der zur Organi- sirung der Arbeiter seitens der Partei abgesandte Delegirte in Ch a- telineau abhielt, ohne jeden Rechtsgrund einschritten und, wie die Bourgeoispresse meldet,„aus Mißvaftändniß" von ihren Waffen Gebrauch machten. Wie wir dem, in unserm wackern flämischen Bruderorgan„Volkswil" veröffentlichte» Be- richi des DelegiUen entnehmen, stürmten die Gendarmen plötzlich und ohne jede Ursache oder Warnung in das Versammlungslokal und hieben auf's Barbarischste links und rechts auf Männer, Frauen und Kinder ein.(Die Depeschen sprechen auch von An- Wendung der Schußwaffen.) Zahlreiche Verwundungen sind er- folgt und auch mehrere Verhaftungen vorgenommen worden. Der Wirth des Versammlungslokales wurde ebenfalls verhaftet und auch der Parteidelegirte sollte es werden, entkam jedoch und hielt nächsten Tages eine Versammlung in Gilly ab. Die Aufregung über diese Gewaltthat ist selbstverständlich eine ungeheure und die herrschende Klasse wird durch sie nur das Gegentheil von dem Bezweckten erreichen: die bisher noch wenig in die sozialistische Bewegung gezogenen Arbeiter des BassinS von Eharleroi erhalten durch diese neueste Schandthat den schlagendsten und unmißverständlichsten Beweis, was sie von Regierung und Bourgeoisie zu erwarten haben, und nicht lange wird es dauern, bis sie eben so ausgeklärt und organisirt sein werden, wie ihre Brüder in der Borinage. Die belgischen Kohlenbarone und ihre Gesinnungsgenossen von der Bourgeoisie werden sich auf alle Fälle beeilen müssen, wenn sie noch öfter solche Gewaltorgien feiern wollen; es dürfte dazu sonst bald zu spät werden. — Dem allgemeinen Zug der Zeit' folgend, hat nun auch Krankreich seine Reaktion, wenn auch nur eine partielle, näm- lieh hinsichtlich der Agitation zu Gunsten der Personen und Ideen der Kommune. Die hochbelobte Grevy'sche Maxime des„Alles sagen lassen" hat nicht lange Stand gehalten, nämlich nur so lange, bis die vorgeschrittenste Partei von ihr ernstlich Gebrauch machte. Kaum that sie aber das, redete, wählte und demonstrirte in der ihr zusagenden Weise, so wird schon der Staat in Gefahr erklärt und die uralte Repressionspraxis wieder in ihre Rechte eingesetzt, indem alle Justiz- und Verwaltungsorgane von den „republikanischen" Ministern angewiesen werden,„aufrührerische Kundgebungen, Aufreizungen zum Sturz der gesetzlichen Regierung" und ähnliche„Mißbräuche" auf's Strengste zu verfolgen. Tie bürgerlichen Parteien, und seien sie noch so fortgeschritten und ehrlich demokratisch, lernen eben nichts von der Vergangen- heit und fallen aus kindischer Furcht vor dem rothen Gespenst alsbald in die von ihnen selbst ehemals am meisten verurtheilten ärgsten Fehler des Monarchismus und Absolutismus, welche deren Sturz noch immer am meisten beschleunigten. Doch sind wir auch mit der Haltung der Radikalen und Sozia- listen nicht in Allem einverstanden und bemerken zu unsenn Leidwesen so Manches, was uns zeigt, daß auch sie manche kost- bare und lheucr erkquste Lehre der Geschichte bereits wieder ver- gessen wollen. Gewiß strebt Niemand das gemeinsame Ziel, die soziale Revolution, eifriger an, als wir, und was die Zeit be- trifft, in welcher wir es erreiche», so wird sie uns gewiß nie zu früh kommen. Aber man kann sich auf dem Marsche zu diesem Ziel auch übereilen, indem man, ohne aus die Unebenheiten des Weges und seine Krümmungen zu achten, blind und taub dahin- stürmt und dann leicht zu Fall und Schaden kömmt. Es fällt uns natürlich nicht ein, durch diese Bemerkungen den Gegnern, resp. der französischen Regierung und der herrschenden Partei der Opportunisten ein Zugeständniß zu machen, resp. ihnen Hinsicht- lich ihres jetzigen reaktionären Vorgehens Recht zu geben oder dasselbe auch nur weniger zu bekämpfen. Wir wollen»nsere französischen Gesinnungsfreunde nur im Interesse der gemein- samen Sache der Freiheit und. Befreiung gewissenhaft warnen, in der Uebcrzeugung, daß ihnen dadurch mehr genützt wird, als durch kritiklosen Beifall. Zu Beginn dieser Woche ist der von unS schon früher angekündigte französische Arbeite rkongreß zu Marseille er- öffnet worden. Ueber seine Tagesordnung haben wir bereits berichtet. Unter den von den Syndikatskammer» und Arbeiter- gesellschaften ernannten Delcgirten bemerken wir von bekannten Personen u. A. den von dem vorjährigen Pariser Kongreß her bekannten Bürger Finance und Frau Hubertine Duclerc, Bevollmächtigte der Gesellschaft für die Rechte der Frauen und der Genossenschaft der Arbeiter von Belleville. Im Uebrigcn werden wir, wie schon versprochen, den Verhandlungen des Kop- gresses auf's aufmerksamste folgen und wohl schon in nächster Nummer eingehend darüber berichten können. Für heute nur noch Eins. Das bonapartjstische Blatt„Patrie" und nach ihm ein Theil der sozialistenfeindlichen Presse Deutsch- lands berichtete,„daß die Sozialdemokraten von Leipzig, Breslau und München in geheimen Konventikeln beschlossen hätten, eine Adresse an ihre französischen Gesinnungsgenossen zu richten, ihnen in derselben ihre wärmsten Sympathien und die Erwar- lung auszusprechen, daß sie, wenn sie erst die soziale Republik in Frankreich durchgeführt, auch ihre noch unter dem fremden Joche schmachtenden Brüder und insonderheit die deutschen Pro- lttarier nicht vergessen, sondern an ihrer Befreiung eifrig mit- wirken sollten."— Diese Nachricht ist selbstverständlich nichts als eine plumpe Ente, an welche zu glauben die ganze politische Be- schränktheit und Unbildung der Bourgeoisie gehört. Wahr da- gegen ist, daß die Sozialdemokraten Deutschlands wie die aller Länder den auf die Emanzipation der Arbeiterklasse gerichteten Bestrebungen des Marseiller Kongresses die lebhaftesten Sym- pathien entgegenbringen, und daß wir uns gedrungen gefühlt haben, uns zum Organ dieser Gefühle zu machen, indem wir dem Kongreß unsere brüderlichen Grüße und Rathschläge über- sandten. — Die Distanz, welche die beiden Antipoden Kngkand und Rußland in Asien noch von einander trennt, vermindert sich von Tag zu Tag. Die Engländer haben Kabul, die Haupt» stadt von Afghanistan, eingenommen, worauf die Russen als Antwort gegen Merw, von wo aus man den ganzen Nordosten von Afghanistan beherrscht und schnell nach dem strategisch wich» tigen Hera) vordringen kann, vormarschirten und dasselbe einer Depesche des Gouverneurs von Jellalabad zufolge auch bereit? erreicht haben. Mit der Verminderung des Zwischenraums zwischen den beiden Eroberungsheere., des Zaren und der Kaiserin von In- dien wächst auch in gleichem Maße die Gefahr eines baldigen Aneinandcrgerathens der beiden Rivalen um die Herrschaft Asiens auf Leben und Tod, welcher Kampf zweifellos kein Duell bleiben wird, sondern in den verschiedene andere Länder mit hineingezogen werden. Herrliche Aussichten! — Noch mehr als andere Länder hat Spanien alle Thor- heiten und Verbrechen seiner herrschenden Klassen zu büßen gehabt und noch zu büßen; aus einem der schönsten Länder hibcn es diese zu einem der elendesten gemacht. Schon in Zeiten wirthschafilicher Prosperität infolge seiner durch Pfaffen- thum und Bourdonenherrschaft durchaus verdorbenen und ver- rotteten Verhältnisse ärmer und elender, als die Bewohner von der Natur weit karger bedachter Länder, muß eine ökonomische Krise das spanische Volk in. ein Uebermaß von Elend stürzen, gegen welches die gleichzeitigen mitteleuropäischen Zustände ver» gleichsweise noch leidlich erscheinen. Das heutige Elend der spanischen Arbeiterklasse läßt sich im Großen nur mit dem des armen Volkes des ihm in so vielen Dingen ähnlichen Italien vergleichen. Jedes Blatt, das von jenseits der Pyrenäen kommt, bringt über das bodenlose Elend des d.rtigen Volkes schaudervolle Details, welche dort in Folge der langen Gewohn- heit kaum mehr Aufsehen erregen und auch ganz lakonisch, ohne „sentimentale" Beisätze g meldet werden. Wir wollen von den neueren Nachrichten nur ein paar besonders charakteristische her- vorheben. In dem industriereichen Alcoy find 10,000 Arbeiter, das ist mehr als ein Drittel all-r Einwohner, arbeitslos und schwach- ten in dem fürchterlichsten Elend, da diese Arbeitslosigkeit bei den meisten schon seit dem Winter anhält. Daß Krankheits- stand und Sterblichkeit bei solchen Verhältnissen außerordentliche sein müssen, ist selbstverständlich. Die Lokal- und namentlich die Provinzialhospitäler können die Massen der Hungerkranken nicht im entferntesten mehr bewältigen und müssen hunderte und taufende der Elenden zurückweisen, von denen dann nicht wenige auf den Straßen vor den Hospitälern liegen bleiben und wohl auch gleich da sterben. Besonders grasfiren der Flecktyphus und intermittirende Fieber und dezimiren die durch Hunger widerstandslos gewordene Arbeiterbevölkerung. Es ist nur natürlich, daß, wem es immer seine Kräfte und seine Mittel erlaubm, dieses mörderische Land, das außerdem noch von der Boyrbonenherrschaf: geknechtet wird, verläßt. Und in der That nimmt die Auswanderung immer riesigere Dimen- sionen an und wird stellenweise einer wahren Massenflucht. So sind allein aus den Kreisen Almeria und Kurtagen« im Verlauf der letzten vier Monate fünfthalb tausend Arbeiter nach Algerien ausgewaädert. Unv nach Südamerika gingen kaum weniger. Uai das Unglück des Landes voll zu machen, sind nun zu den Verwüstungen durch die wirthschaftliche Krise und das vereinte Pfaffen- und Königthum auch noch solche durch schäd- liche Naturereignisse getreten. In verschiedenen Theilen Spa- niens haben jüngst kolossale Urberschwemmungen stattgefunden und enormen Schaben verursacht. So erzeugte dns Sturm- weiter in der Nacht vom 14. aus 15. Okt. e'"-'archtbare WLA � Die b" Ueberschwemmung in Murcia. Der Fluß Segura trat aus und setzte das ganze reich kultivirte, mit Städten und Dörfern be- säete Thalbecken unter Wasser. Die Eisenbahn zwischen Ali- cante, Kartagena und Muicia ist mehrfach unterbrochen. Die Städte Orihuela, Crevillente, Torreguera, Beniajan und Murcia- Vorstadt find unier Wasser. Die Fluth wuchs plötzlich um mehrere Meter. Zahlreiche Verluste an Menschenlebm fände» statt und der materielle Schaden wird vorläufig auf fünfzehn Millionen Pesetas geschätzt. Gleiche Verwüstungen werden aus Andalusien gemeldet. Details fehlen noch, da seit dem 16, Abends fast sämmtliche Telegraphenverbindungen zwischen Madrid und den südlichen Provinzen unterbrochen sind. Nach einer Madrider Depesche ist das Dorf Monduermas unter dem Gewässer verschwunden, Tausende von Familien sind vollstän- dig hüls- und mittellos. Am 16. Okt. Abends hatte man schon 100 Leichen aus dem Wasser gezogen.— Der bis jetzt eruirte Gesammtverlust an Menschenleben beträgt über 500, der Verlust an Eigenthum, gering gerechnet 30 Millionen Pesetas(circa 32% Million Franken). — Aus Rußland sind lange keine Nachricht n über nihi- listische Verschwörungen und Gewaltthaten in die Oeffentlichkeit gedrungen, woraus ein großer Theil der Bourgeois,.presse in gewohnter Oberflächlichkeit den Schluß zieht, daß die dutzend mal wiederholten Versicherungen der zarischen Henker in der That wahr und der Nihilismus bis auf wenige ungefährliche Spuren ausgerottet sei. Daß dem aber keineswegs so ist und d,iß die Nihilisten, wenn auch nicht mehr so geräuschvoll und offenkundig, in ihrer„untergrabenden" Thätigkeit fortfahren, dafür sind zahlreiche Anzeichen vorhanden So wurde vor Kurzem, nachdem angeblich sämmtliche geheim„ Druckereien längst unterdrückt worden waren, abermals eine solche und zwar mitten in Petersburg entdeckt. Am meisten aber macht die Flucht des in die Attentatsprozesse verwickelten Lieutenants Fomin von der Wilna'schen Citadelle Aufsehen welche nur durch mächtige Beihilfe in's Werk gesetzt werden konnte. Bekanntlich sollte Fomin schon im nächsten Monat in Peters- bürg vor Gericht gestellt werden und zwar im Verein mit Michailow, der Theilnahme am Attentate des General- Adjutanten Mesenzoff angeklagt; Mirsky, der angeklagt wird, das Attentat auf den General-Adjutanten Drentelen im März l. I. verübt zu haben; Dr. Weymar, einem reich begüterten und angesehenen Arzt, und Lieutenant Bog da- nowsky, welche beide in dem Prozeß gegen Szolowjeff als Zeugen zu fungiren gezwungen waren, schon während des Pro- zesses 1n Haft genommen wurden und nun der Theilnahme am Attentate gegen den Czar angeklagt sind. Außerdem werden noch prozessirt: Klemeuz, einer von den„193", der aus Rußland geflohen war, endlich noch zwei Frauen. Feodorowa und Malionowska, die des bewaffneten Widerstandes gegen Gendarmen angeklagt find. Die Regierung fürchtet— das beste Zeugniß für die Un- Wahrheit der Behauptung von der totalen Unterdrückung und Vernichtung der Nihilisten—. daß diese Prozesse gioße Auf- regung und möglicherweise sogar Unruhen hervorrufen werden. Sie hat nicht nur die Polizeimannschaft aufs neue vermehrt, sondern derselben auch daS Recht ertheilt, ihre Waffen nicht mehr nur, wie bisher, blos zur Abwehr unmittelbarer persön- licher Gefahr, sondern auch dann anzuwenden, wenn Volks- Haufen eine„feindliche Absicht" zeigen. Welche neuen Barbareien diese Verordnung hervorrufen wird, kann man sich leicht vor- stellen. Trotzdem wird auch diese Maßregel, ebensowenig wie alle ähnlichen, den im Werk begriffenen Umschwung der öffent- lichen Meinung und die ihr folgende endliche, gründliche Um- gestaltung keinen Augenblick aufzuhalteu vermögen. Wie weit dieser Umschwung der Ansichten schon gediehen ist und bis in welche Kreise er sich erstreckt, zeigt der ungemeines Aufsehen erregende Fall des Kommandanten der Citadelle zu Charkow. Oberst Lisso witsch. Dieser Offizier, dem die Oberaufsicht über die dort verwahrten Staatsgefangenen anver- traut war, war erst vor kaum zwei Wochen auf diesen Posten berufen worden. Er hielt es aber nicht lange in der dttstern Kerkerluft aus, sondern jagte sich, vor der Unmöglichkeit, den Widerstreit von Pflicht und Gewissen zu lösen, stehend, eine Kugel durch den Kopf. In einem unmittelbar vor seinem Tode verfaßten Schreiben gab er„Mitleid für die Leiden der im Gefängniß Schmachtenden und die moralische Pein, ihnen nicht helfen zu können", als Motive des Selbstmordes an. Wenn einmal die sonst willenlosen Werizeuge der Gewalt menschlich zu denken und menschlich zu fühlen anfangen, dann bat diese allerdings Ursache. für die Dauer ihrer Herrschaft besorgt zu werden.___ Berichte. ♦ Zürich» 23. Oktober. Nach dem Berliner Polizeipräfidenten hat un« nun auch der Reichskanzler selbst durch ein Perbot de«„Sozial. demokrat" geehrt, welche Auszeichnung unsere Leser und Geuosien gleich un« gebührend zu schätzen wissen werden. —g. Berlin, 20. Oktober. Als vor nunmehr Jahresfrist die herein- brechende Reakuou den ersten ihrer plumpen Schläge gegen ihren ze- fährlichsten Feind, die Sozialdemokratie. führte- jetzt beginnt sie ja bereit» den Esel zu schlagen, welchen sie wirklich meinte, al« sie den Sack mit ihren liebenSwllrdtgen Massregeleien bedachte— als sie damals mit Hülse der verblendeten Thoren von Liberalismus das famose Ausnahmegesetz zu Stande gebracht, da sah Jedermann und vor allen Dinoen sahen unsere Genossen hierorts selbst mit Bestimmtheit voraus, daß hier in unserer Stadt die Biabregeltingett am eitischiedensten und nachhaltigsten würden durchgesührt weiden.— Seit Jahren schon hatten jene Herren mit steigender Besorgniß dem stet« gewaltigeren Anwachsen der sozialdemolratischen Partei in der Residenz de« Reiches zugeschaut, während die Genossen ausserhalb Berlins mit stets angespannterem In- teresse ihren Blick aus die hiesige Bewegung richteten und bald unsere Stadt al« einen der eisten Vororte der Partei, al« Vorkämpferin der sozialdemokratischen Idee betrachtete» Hatte doch ein ganz ansehnlicher Krei« der vvrtresflichsten, taktisch geübten Parteiführer Berlin zu ihrem WirkungSgebiete erwählt, haltett doch die hochgehenden Wogen der hie- sigeit Bewegung au« sich selbst heraus eine respektable Anzahl von Kräften an die Oberfläche der Bewegung geführt, die mit bewttndeniugewiirdiger Energie eine agitatorische Thätigkeit entfaltete», wie sie in dem Masse und mit so durchschlagendem Erfolge wohl nur selten gesehen worden ist. Hier also war ein Hauvtheerd der Partei, hier mußte ein Hauptichlag gisührl, hier der immer drohenderen„Gesahr" ein Damm entgegengesetzt werden. Allein die einfache Handhabung deS neugebackenen Gesetzes schien keine genügende Wirkung zu versprechen, alle Massnahmen schienen illusorisch, so lange ter Zusammenhang der Masse nzit den„Fübretzp und Agitatoren" nicht gebrochen war. DaS„Wespennest" musste ausgenommen w�hen und htesür konnte nur§ 28 de« Gesetze«, der„kleine" Belagerungszustand Rath schaffen. Ohne jeden(auch nur auf dem Bo- den de« Oktobergesetzes) rechtfertigenden Grund wurde der§ in Wirksamkeit gesetzt, und anfangs etwa 60 der„Gesähilichsten« ausgewiesen, denen dann im Lause der verflossenen 9 Monate sich noch so mancher andere hinzugesellt hat. Haussuchung folgte auf Haussuchitttg und in ihrer Gefolgschaft eine Ausweisung der andern, in einer Weise, daß jeder, der sich irgend im Parieiinteresse hervorzuthun wagte, ein gleiches Schicksal früher oder später zu gewärtigen hatte. So ist der neulichen Ausweisung der vier Genossen erst dieser Tage wieder eine gefolgt, die des Schneidermeisters Tiede.— Wenn m n sich zu alledem noch vor stellt, in welch' umsangreichem Masse die Berliner politische Geheimpolizei ihre Netze über die Stadt ausbreitet und jeden, der nur im Geringsten mit dem Begriff„Sozialdemokratie" in Verbinduttg steht, mit der un« getheiltestcu Aufmerksamkeit beehrt, dann wird man begreifen, unter welch' enormen Schwierigkeiten nur e« den hiesigen Genossen möglich ist, ihre frühere Wirksamkeit fortzusetzen. Gleichwohl aber können wir allen Freunden und Genossen ausserdalb Berlin« die beruhigende Versicherung g ben, dass die Maßregelungen hierorts von wesentlichem Einfluß auf den Ga'g der hiesigen Bewegungen nicht gewesen sind. Im Gegen- theil hat sich die Bewegung in sich selbst stark genug erwiesen, um auch ohne die äußeren Bindemittel von Organisation und Presse den inne ren Halt nicht zu verlieren. So betrachteten es die Sozialdemokraten Berlin« al« ihre nächste Ehren- Pflicht, für die zurückgebliebenen Angehörigen ihrer ausgewiesenen Freunde und Kampfesgenossen zu sorgen»nd sie wurden zunächst dieser Pflicht in rnerkennenswerther Weise gerecht.— Ferner ist e« itn« gelungen, selbst den äußeren Znsammenhang unter den umfangreichen Arbeiter- kreisen, wie er sich im Lauf der Jahre entwickelt halt-, in hohem Masse zu erhalten; er ist nach wie vor in schönster Weise vorbanden und be rundet sich balo hier, bald da. bald so, bald so, soweit e« sich immer ans eine gute Manier bewerkstelligen läßt, die sich den Augen der Po lizei entzieht.— Schließlich ist und bleibt auch im klebrigen der geistige und gemüthliche Verkehr unter den hiesigen Genossen ausserordentlich rege. Mit grossem Interesse— so weit sie ein solche« verdient— wird die allgemeine politische Lage verfolgt und rege Aiismerksamkeir wird vor allen Dingen auch dem geringsten Vorgange innerhalb der Partei selbst zugewendet. Mit Jubel wurden die Bieslauer Wahlerjolge aus- genommen, mit Bewuiiderunq die großartige Demonstration der Ham bnrger Genossen an. Grabe Geib«.— Mit eitlem Worte, der Stand der Bewegung Hierselbst ist mit Rücksicht aus die Schwierigkeit der Ver Hältnisse ein ganz voitresslicher zu ueunen Angaben im Einzelnen entziehen sich selbstverständlich der Besprechung an dieser Stelle. Was nun von allem, da« etwa hätte noch geschehe» können, seither noch unterblieben ist, da« wird sicherlich jetzt geschehen, so hoffen wir bestimmt,— jetzt, wo die Sozialdemokratie mit dem JnSlebentreten de« auch hier sreudigst begrüßten„Sozialdemokrat" een offenen Kamps gegen ihre Feinde wieder ausgenommen hat, und dann vollends wird Berlin nach wie vor in der Gesammtbewegung einen der ersten Plätze einnehmen! --tt— München, 20. Okt. Ein artiges Pol zeistückchc» ist jüngst einem Künstler. Herr» H i l d t, pafsirk, der sich Stndicn halber in Jsarathen aufhielt. Derselbe hatte nämlich einen Bruder in Wien, der alS Sozialist bekannt ist, und an den er nicht uur öfters schrieb, sonder» auch einmal Geld schickte. Da« schien nun der wachsame» Polizei im hächstlltn Grad verdächtig. Eine« schönen Tages ward»itscr Kunstjüugcr plötzlich von Häschern auf- gehoben, in« Poli;cigesä"gniß gesetzt imd nach 17 daselbst v erlebten Tagen wegen Verbreitung verbotener Schriften bochnotbpeinlich angeklagt. Bon dem Gericht wurde er dann zwar in l und 2. Instanz freigesprochen, trotzdem aber(nach zwölftägigem Ansenthait im StaatSgesäugnißj au? Baperu ausgewiesen. Da er sich indessen eineS Unrecht« nicht bewußt wur, so gloubte er. später noch München wieder zurückkebreu zu dürfen, wu» er auch in so gutem Giuubcn»hat, daß rr sich sogar bei der Polizei meldete. Diese faule die Rückkehr indessen als einen Höh» auf sich auf und sperrte Htidt abermals ein; nach einer Haft von 8 Tagen und„uchdem er seute'Lcrurthcilung wegen unerlaubter Rückkehr zu 6 Tagen abgesessen, wurde er von Nettem über die Grenze gebruchi. Es ist milhiii für einrn Künstler heutzutage in Deutschland ganz gefahrlich, einen Sozialisten zum Bruder zu haben. D. Ns. Haag, 18. Okt. Die Arbeiterbewegung III Holland ist gegenwärtig im Stadium des Uebergange« zum Soziolieinu« begrissen. Ursprünglich aus Schulze-Delitzsch'schem Boden entsprossen, wurde die Pstanze durch de» KathedersoziaiiSmuS mittelbar geschützt und gefördert. um jetzt von sozialistischen Ideen getränkt und dadurch erst zu ihrer wahren Entsaltung gebracht zu werden. I» all n Ländern, wie oer- schieden d e V-rhälnisse und Zustände auch sind, schwebt ebei- der So- zialismus i» der Lufi und keine Polizei ncw Ausnahmegesetze können seine Entwicklung hemmen. Kanu mau nicht speziell in Betracht aus Deutschland allen Regierungen ziiruien: les gens que vous tue«, ae portent trfes-bien? Der Allgemeine Arbeiterverein will nicht sozialistisch und kann nicht lüchtsozialisttsch sein. Darum blüht er nicht. Die besten Kräfte sind im Lager der Sozialisten, und darum gehör! auch die Zukunft dem Sozialdemokratischen Verein in Amsterdam. Durch öffentliche Versamm lungeu und durch Schrtsten wirk! er mit Eifer an der Propaganda der Sache. Uebrigens wirken Alle zusammen sür da« allgemeine direkte Wahlrecht, den Eckstein jeder kUustigen Reform. Aber i» einem Pluto kratiscken Staate wie Holland, wo der König Geld absolul herrscht, obue Versaffung, und wo der KonstitutionaltSmuS nur ein verkappter Ab- folutiSmuS ist, finden solche Reformen eine k- ästige Opposition. Doch werden sich die holländischen Sozialisten hiedurch keineswegs abhalieu lassen, denn sie wissen, daß diese Resorin die itothwendtgste von alle» ist, an der Alle mit vereinien Kräften wirken müssen. j. Lj. Kopenhagen, 19. Oki. Die dänische Sozialdemokratie hat wieder einen Verlust criitien, indem sich der Redakteur de«„Soztaldemo- kraien", S. W. Wtcgell, um sich den zahlreichen, von der Regierung gegen ihn angestrengten Preßprozcffcn, resv. ganz unverhätlnißmäßig hohen „Strafen" zu entziehen, nach Amerika flüchten wußte. Em bewährter Genosse, H. Björn st rup, ist sein Nachfolger i» der Redaktion. Wte Sie vielleicht schon wissen, ist da» lange geplunic sozialistische Ver- sammlungSg.bäude dieses Frühsahe vollendei worden, so daß wir jetzt nicht wehr von den verschiedenen Lokalcigeiithiimern abhängig sind, sondern unter »iiserem eigenen Dach zusammenkommen können. Hoffentlich wird dieser Umstand dazu beilragen, der Bewegung eine» imun Schwung zu geben und die schwachen Seelen davon zu überzeugen, daß die Arbeiter trotz ihrer Ar- muth etwa« durchführen können, wenn Sie eS nur recht rrnstlich wollen und einträchtig ztisammenw>rken. Da« neue Hau« ist auf die ansehnliche Summe von 200,000 Kronen iazirl Unser hicsi.er Freidenkervcreiti hat eine SonniagSschule gegrundel, in welcher die Kinder einen veriiünstigen Unierricht bekommen, ohne mit Religion und Bourgeoismoral geplagt zu werden. Am 15. November wird ein verdienter Vorkämpfer unserer Sache, Harald Brix, ans einer dreijährigen Gefängnisshafi entlassen, wahrscheinlich mit zerrütteter Gesundheit. Er war der erste Redakteur unsere« Partei- organe«. ul« diese« im Jahre 1871 gegründet ward, und hat von den acht Jahren, welche seit den. Ansaug der Bewegung Verstössen sind, nicht weniger als sechs Jahre un Gefängniß zugebracht— Sozialisteuloos! Von dem Berrothcr Pio, welcher der dänischen Sozialdemokratie im Berein mit Geleff so schwere Wunden geschlagen, tft eine interessante Nachricht zu unserer Kemitniß gekommen. Derselbe ist nämlich jetzt fromm geworden und r digiri ein amerikanisches meihodistisches Blatt, in welche« er sthr schPie und fromme Artikel schreibt und so, wie ein hiesige« Blalt neulich bemerkte, an da« alte französische Sprichwort erinnert: „Quand le diable devient vieux II ae i»it religieux." ♦) Er macht seinen Göttnmi von der Bourgeoisie alle Ehre. Der dänische Reichstag ist am 6. d«. eröffnet worden. Die„vereiuigie Linke"— wie sich unsere FortschritiSpartei nennt— hat diesmal nur eine ZweidriltelSmchrheil im Folkethiug, mährend sie früher übcr drei Viertel der Stimmen verfügte. Dieser Rückgang ist allein der wackligen, schwäch. lichen Haltung der Partei zuzuschreiben, indem sie die Wähler durch ihre stete Nachgiebigkeit gegen die Regierung einerseits und durch die endlosen Zänkereien innerhalb der Partei zdieseibe ist nämlich in eine„gemäßigte" und in eine„radikale" Fraktion getheilt), wodurch alle nützlichen Refoem- fragen in den Hintergrmid geschoben wurden, verdrießlrd) machie». wodurch der vorder sehr medergeschingrurn toirservative» Partei wieder Muth ein- geflößt wurde, so daß diese bei den letzten Wahlen eine großartige Agitation -> Wenn de- Trrrsel alt wird, v-ird er reNgtöi. Ungefähr dem deutschen.Junge Huren, alte Betschwester»- entsprechend, ijeute wie Pio und Geleff sind ja ebensall» Prosiituirie und zwar solch« schtimurfter Sorte. entfaltete und ihren Gegnern eine Anzahl Sitze abgewann. Indessen werden sich die Herren Boutgeor« von der Opposition dadurch nicht witzigen lassen, sondern in ihrer Schwäche jortfahren,»ird dadurch die Wähler mit der Zeit, wenn auch noch nirchl morgen,»och zu der Einsicht briiigerr, daß die sozialdemokratische Partei die einzige koiiseguciite, charakterfeste und wirklich reforinarorische ist. t«. Budapest, 20. Oktober. Sobald es dein„gemeiti>ameti Feind", dem Soziatism.:« g:lt, sind gewöhnlich nicht nur die sonstigen Partei- unterschiede der herrswenden Klassen verwischt, sondern selbst die einge- fletschtesten Passionen werden da schnell vergessen niid die gelieblesten Steckenpferde eiligst in den Winkel gestellt. Üstan weiss ja, wie eiset- süchtig die bypernationaleti Magyaren sonst aus die Unabhängigkeit und Macht Ungarns sind und besonders jede Gelegenheit benutzen, ja sie vom Zaun brechen, die Zustäitdigkett der ntagyartjwen Behörden jelbsi in den unbedetitendsten Fällen zu wahren und auSzudehueu. Neulich kam n m der hiesige Geriäushoj in die Lage, seine angegriffene Zuständigkeit in wirklich vollberechtigter Weise ausrecht zu erhalten. Am 10. dv. wurde nämlich aus Requisition des Agramer Gerichtes der deutsche Sozialist Friede. L. Re us ch e wegen eine« in der„Agramer Presse" erichienenen, angeblich„Aufruhr" predigenden Artikels dabier verhaftet. Reusche war nämlich hierher üdergesiedelt, weil ihm die Agram. r stadthauptmaiui» schasi bedeutet halte, dass, wenn die Agramer Jury ihn dieSn.al auch freisprechen sollte(wie die« bereits öfter geschehen), so werde sie ihn dennoch per Schub dt« an die deutsche Grenze besörder», eine Ev.ntua- Ittät, der sich Reujche um jeden Pr.i« entziehen wollte, da er vor weh- reren Jahren durch die deutschen Gerichte z» iiitil Jahren Kerk. r« ver- urthetlt wurde. Nach seiner Bnhajttnig durch die hiesige Polizei ver- langte Reusche dem hiesigen Gerichtshöfe llbergebe» zu werden, und sein Bertheidiger beantragte, der Requisition de« kroatische» Gerichte» möge nicht Folge geleistet werden, da sein Klient die Wohlthaien des ungarischen Gesetze» in Anspruch nehme, welches in Pressvergeheu keine Präventtvhast kenne. Der urmagyarische StaaiSanwalt am hiesigem Gerichtshof belmragte jedoch iinerlvaiteter Weise und blas, um einem Sozialisten eine„Rechtswohlthat" zu verkümmern, dass R. ausgeliefert werden solle, welcheui Antrag da» tödliche Gericht denn auch enllprach. Indessen gehen die Akten noch an das Jiistizmintsterium, da Reus t e natürlich alle gesetzlich zulässigen Mittel zue Abwehr de« gegen ihn ge- planten Unrechtes auweudet. Ob es ihm viel nütze» wird, ist trotz .seines offenbaren Rechte» aber noch sehr fragttds, da für den Sozialisten die Gesetze zumeist eben nur dauu extsttren, wenn sie ihm schädlich, nicht aber, wenn sie ihm nützlich sind. * Soeben, nach Schluß der Redaktion, erhalten wir noch fol- genden wichitgen Bericht: F. Akrlin. 21. Oktober. Die hiesige Polizei arbeitet wie- der mit Hochdruck. Den jüngsten Ausweisungen sind soeben wieder neun neue gefolgt. Anfangs glaubte man, die- selben seien anlüßlich des Besuches erfolgt, den H a senclever vor mehreren Wochen seinen hiesigen Verwandten in Familien- angelegenhetlen gemacht. Dem ist aber nicht so. Die meisten der Ausgewiesenen haben mit Hasenclever gar nicht verkehrt. Auch Vetletzungen deS Sozialisteugesetzes oder irgend eines anderen GeießeS können den Grund nicht abgegeben haben, denn solche Verl. tzungen liegen nicht vor, und lägen sie vor, so würde die Voltzei die Uebellhäier nichl ausgewiesen, sondern eingezogen haben. Eben so wenig kann der Zweck gewesen sein, die Berliner Genossen einzuschüchlern. Die Polizei weiß sehr genau, daß fie nach dieser Richluttg hin machtlos ist. Das Motiv muß also ein andercs gewesen sein, und, wenn wir uns der Thutsache erinnern, daß der kleine Belageruugs- zustand bloß auf ein Jahr verhängt werden konnte, und daß dies Jahr in einigelt Wochen rum ist, dann ist das Motiv mit Händen zu greifen. Die Polizei braucht Recht- fertigungsmaterial für die Verlängerung des Belagerungszustandes. Das ist Alles. Da gilt es denn, das Publikum zu alarmiren. den Kaiser zu ängstigen — wie nach den Attentaten— und die„öff ntliche Meinung" durch Vorspiegelung erlogener Gefahren dem fest beschlossenen Willkürakt geneigt zu stimmen. Die Ausweisungen sind nun der erste Akt dieser infamen Staatskomödie. Wir müssen uns auf Weiter. s gefaßt macheu. Unter der Armee van"Spitzeln", welche Fütst Bismarck in majorem gloriam seiner herrlichen Schöpfung aufgeboten hat, befinden sich Subjekte, die jedes Schurkenstreichs fähig sind. Von einer sehr verlässigen und sehr wohl informirtcn Seite geht mir die Aufforderung zu, die Parteigenossen zur größten Vorsicht gegenüber nicht ganz genau bekannten Personen zu ermahnen; man hat in ge- wissen Kreisen b'schlössen, in nächster Zeit um jeden Preis eine sozialdemokratische Verschwörung zu entdecken und wo möglich auch ein kleines Attentälchen zu insceniren. Der Mann, von dem diese Warnung kommt, zeigte sich vorigen Sommer bei mehreren kritischen Gelegenheiten auf's Genaueste von den Plänen der Polizei unterrichtet und er ist eS auch j tzt.— Unsere Polizei ist unzufrieden mit der Polizei in einigen andern„Nestern de? Sozialismus". Namentlich in Hamburg und Leipzig. Wie ich aus sicherster Quelle weiß, sind einige Dutzend„Geheime" von hier aus in die beiden genannten Städte beordert wotden, mit der doppelten Misston. die dor- tige Polizei und die dortigen Sozialdemokraten zu über- wachen. Man sehe den Herren, die meist an ihren konfiszirten Gesichtern zu erkennen sind, auf die Finger und sei auf der Hut! Im unterzeichneten Verlag erscheint demnächst; Kccliciisciiaflslscriclil der socialdemskratischen Mitglieder des deutschen Reichstages. üher ihre parlamentarische Thätigkeit während des Jahres 1878— 79. Separatabdruck aus dem„Sozialdemokrat" Bestellungen auf dieses, für die Kenutniss der politischen Geschichte Deutschlands und der Stellung und Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie seit den Attentaten sehr wichtige Aktenstück werden schon jetzt entgegengenommen und zwar ausser beim Verleger bei allen bekannten Agenten des„Sozialdemokrat", sowie bei der Schweizerischen Volksbuchhandlung in Hottingen-ZQrich. A. HERTER, Industriehalle, Riesbach Zürich. Sf Schweizerische Lerewäbuchdruckerei, HoUingen-Zürich.