Krschewt wöchemtlich einmal in Zürich Schweiz) A Herter, Znduftriehalle Riesbach-Zürich Poßse-duiigtii franco gegen franco. Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz kosten Doppelvorto. R?«. Der SoMtönjuiKrat Internationales Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge Sonntag, 9. November. Aöonuemeuts wilden nur beim Verlag und desie» dclannten Agenten entgegengenommen und zwar zum voran« zahlbaren BierteljahrspreiS von: 5t.2.— sür die Schweiz iltreuzbandz !D!I. 3.— für Deutschland(ttoudnt) p. I.TO für Oesterreich(Soudett) Fr. 2. 50 sür alle übrigen Länder de» Weltpostverein»<«reuzbands. Zllserite Die dreigefpaltene PetitzeUe 25 St».= 20 Psg. 1879. Ali« all die kiorrcssiolldenteu u»d Ad«»lltllte» dr«„SofialdemoKrit". Da der.Sozialdemolrat' sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich Verbote» ist, bezw«ersolgt wird und die dortige» Behörden stch alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach senen Ländern möglichst zu ertchwercn, resp. Briese von dort au uns und unsere■jeituugS- uud sonstigen Sendungen noch dort abzusangrn. so ist die äußerste Vorsicht in, Postverlchr»othwendig und darf leine Vorsichtsmaßregel versäumt weiden, die Briesmarder über den wobreu Absender und Empfänger, sowie den Zuhält der Sendungen zu täuschen, und lchtcre dadurch zu schützen. Hauptcrsorderuiß ist hiezu einerseits daß unsere Freunde so selten als Möglich an den.Sozialdemolrat'. resp. deste» Verlag selbst adresstren, sondern stch möglichst an irgend eine unverdächtige Adresse außerhalb Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche stch dann mit uns in Verbindung setzt i anderseits aber, daß auch uns möglichst unverfängliche Zust-üungSadressen mitgetheilt werde». In zweiselhasten Fällen empfiehlt stch dehus» größerer Sicherheit Relommandirung. Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Müh- noch Kosten scheuen, um trotz aller cnt» gegenstehcndcn Schwicrigleiten den. Sozialdemokrat■ unser» Abonnenten möglichst regelmäßig zu liesern. An die deutschen Parteigenossen! Freunde und Gesinnungsgenossen! Nachdem es uns durch Schaffung eines gemeinsamen Parten organes wieder möglich geworden ist, zu einander zu reden und unsere Part i-Angelegenheiten. soweit fic sich unter d-n heutigen Uniständen für die Oeffentlichkclt eignen, öffentlich zu behardeln. wird es eine unserer ersten Aufgaben sein müffen, in ausgedehnter-m Maße als bisher für diejenigen Genoffen zu sorgen, die ihrer Ueberzeuguiig wegen ins Gefängniß ge- warfen, unter der Herrichaft des Sozial, steugesttzeS aus ihrer Heimath und don ihrem Erwerbe getrieben und sonstwie duich polttiscke Maßregelungen ihrer Existenzquellen btraubl worden sind. Die Zahl unserer Jilhuftirten ist noch immer groß und wie die Dinge jetzt liegen, kann mit Sicherheit darauf gerechnet Werden, daß sie sich eher vermehren, als vermindern wird. Und die Zahl der Ausgewiesene.n— der Opfer des Berliner Belagerungszustandes— nimmt fortwährend zu. Das Jahr, für dessen Dauer der Belagerungszustand prollamirt wurde— eine längere Frist läßt das Gesetz mcht zu— ist in wenigen Wochen abgelaufen, und die Regierung will ihn verlängern. Die M a sse n a u s we i s u n g c n. zu denen sie plötzlich wieder gegriffen Hot. haben zum Haupt-, wo nicht zuin einzigen Zweck, im Publikum den Glauben an eine Gefährdung des öffentlichen Friedens durch die Sozial-- demokratie zu verbreiten und die öffentliche Meinung dir ge- Planten Verlängerung des Belagerungszustands günstig zu stimmen. Viellticht hofft man auch, durch die maffenhaften Ausweisungen, die uns bedeutende Geldopfer auferlegen, die Partei, der man sonst nicht bcikommen kann, mürbe zu machen. Auffallend ist jedenfalls, daß die Polizei sich regelmäßig Fa- mili in Väter aussucht. Neberhaupt ist die Situation eine solche, daß wir auf eine Verschärfung der Reaktions maßregeln und anjf ausgedehntere Verfolgungen gefaßt sein müssen! Da gilt es, das Gefühl der Solidarität im vollsten Maße zur Geltung zu bringen. Alle für Einen. Einer für Alle— war stets die Losung unserer Partei, und stets wurde es als heilige Pflicht anerkannt, den gefangenen, ausgewiesenen und sonst von den Verfolgungen des Polizeistaates betroffenen Genossen helfend zur Seite zu stehen und ihnen die Sorge um die Fa- m i l i e abzunehmen. Wir wissen wohl, daß unter den obwaltenden Verhältnissen es seine beträchtlichen Schwierigkeiten hat, für solche Zwecke Geld zusammen zu bringen; aber es muß geschehen und an den Opfermuth der deutschen Sozialdemokra- ten ist noch niemals umsonst appellirt worden! Seit dem Inkrafttreten des Sozialistengesetzes hat bisher die Unterstützung auf vergleichungsweise wenigen Schultern gelastet. Das Gros der Gen ffen konnte nicht herangezogen werdent Dies kann und muß nun geschehen. Einzelnen darf nich. überlassen bleiben, was Sache der Gesammthei ist. Und für Einzelne ist auch die Last zu groß. Genossen, Freunde!' Jeder von Euch hat die Pflicht, für die Opfer drs Kampfes einzutreten. Und von Jedem von Euch erwarten wir, daß er seine Pflicht erfüllt. Jeder muß beisteuern, soweit seine Kräfte reichen! Jeder muß in seinem Kreise zur Pflichterfüllung anspornen! Freunde! Sammelt in allen Fabriken und Werkstätten, wo Ihr wißt, daß sich treue Genossen finden. Sammelt, wo sich die Gelegenheit bietet! Sammelt überall mit Eifer und— mit Vorsicht. Mit Vorsicht, denn obgleich das Sammeln nicht gegen das Gesetz verstößt, so ist es doch gut, überflüssige Kon- flikte mit den Polizeiorganen zu vermeiden. Damit aber auch der Ertrag der Sammlungen seiner rich- ügen Bestimmung zugeführt werde, empfiehlt es sich, das ge- sammelte Geld an die Euch als zuverlässig bekannten Adressen in Deutschland zu schicken. Wer keine ganz zuverlässige Aduffe hat, der erkundige sich bei der Redaktion des„Sozialdemokrat-, die ihm gern die nöthige Auskunft er- theilen wird. Zur besseren Kontrole möge bei jeder Sendung bemerkt wer- den, unter welchem Zeichen die Ouittirung im„Sozialdemo- krat" erfolgen soll. Gebe Jeder sein Scherflein, damit unsere Nachkommen nicht sagen können, wir hätten, durch Verfolgungen eingeschüchtert, unsere Freunde in der Noth verlaffen, in die sie gerathen sind, weil sie für unsere Sache gewirkt. Die, welche sich für uns geopfert, haben ein Recht auf unsere Unterstützung! Kein weiteres Wort mehr! Thue Jeder seine Schul- digkeit! Deutschland, den 24. Oktober 1879. Sozialistischer Arbeiterkongreß zu Marseille. ii. In der zweiten Sitzung, welche am 21. Oktober stattfand und vom Bgr. Salomon präsidirt wurde, wurden zuerst Zustimmungsadressen von Angoulöme, Amiens und Morenil verlesen. Hierauf erstattete Bgr. Delmas Namens der Syndik«ts- kammer der Marseiller Lohgerber über die frühere und jetzige Lage seines Gewerbes, welche letztere er als traurig schildert, Bericht. Als einziges Hilfsmittel aber, die schlechte Lage des Arbeiters zu bessern, anerkennt er die Assoziation aller Arbeiter, weßhalb er den Antrag stellt: 1) daß sich alle Arbeiter je nach ihren Gewerkszweigen in Syndikatskaimnern gruppiren, 2) daß sich diese verbünden sollen und 3) daß zu deren Leitung ein Zentral- syndikat mit dem Sitz in Paris errichtet werden soll. Bgr. E. V e r d i e r referirt über die Lage der Metallarbeiter im Norddepartement; von den Einzelnheilen ist als besonders schrecklich die Lage der Arbeiterinnen in den mechanischen Woll- krämpeleien hervorzuheben, welche regelmäßige Nachtarbeit haben, bei einer Temperatur von 40— 45 Wärmegraden 22 Stunden arbeiten müssen und dafür höchstens 2�— 3 Franken erhalten. Außerdem ist ihre Arbeit sehr gefährlich und der Berlurst von Fingern, ja der ganzen Hand durch die Maschinen nichts seltenes; eine Entschädigung für solche Unfälle wird aber nie gewährt. Bgr. Forissier schildert die Arbeits-, Lohn- und Unterrichts- verhätniissc in den Kohlenwerken des Loiredepartements in leb- haften Farben. Bon einem Unterricht der Kinder ist kaum die Rede, da diese, um zum Unterhalt der Familie beizutragen, täg- lich 12— 14 Stunden für einen HungeUohn in den Gruben arbeilen müssen; kommen sie dann aber ermüdet in die Schule, so bekommen sie dort nichts als Katechismus, Gebete u. dgl. Aberglauben zu hören. Die Lohnverhältnisse haben sich seit 30 Jahren immer verschlechtert, denn die Lebensmittel sind seit- dem um mehr als 50*/,, die Löhne aber kaum um gestiegen. Die Sicherheitsvorrichtnngen und die Knappschaftskassen sind in dem schlechtesten Zustand. Weiter berichten die Bgr.: Tränier über die Lage der Landarbeiter, der Möbeltischler und der Schneider von Toulouse und Umgebung, wobei er namentlich konstatirt, daß auch unter den erstern hie und da bereits eine bessere Einsicht hinsichtlich der Bestrebungen der aufgeklärlen Arbeiter Platz zu greifen be- ginne; Prat von Lyon über die Verhältnisse der dortigen Leder- arbeiter; Delafortue über die Lage der Metallarbeiter und der Leinen- und Baumwollenarbeiter von Lille; Beyghin über die infolge der besonders großen Thenerung der Lebensmittel be- sonders traurigen Arbeiierverhältnisse im Norden; London über die landwirthschaftlichen, industriellen, Handwerker- und Handels- Verhältnisse, über die überaus schlimme Lage des Niedern Eisen- bahnpersonals und die schädliche Konkurrenz der Gefängnisse und Klöster in Montpellier. Bgr. Auguste erflatlet Namens der«Sociel� generale des agriculleurs« von Aix ein sehr instruktives Referat über die Arbeits- und Erwcrbsverhältnisse der französischen Landwirth- schaft, auf welches wir vielleicht späterhin noch einmal zurück- kommen. Nachdem noch zwei unverlesene Berichte über die industriellen Verhältnisse Lyons und Viennes zum Abdruck dem«Bulletin officiel» überwiesen worden, wird die Sitzung geschlossen. Der dritten Sitzung vom 22. Oktober, welche von mehr als 1000 Zuhörern besucht war, präsidirt Bgr. Bonne. Zu Beginn der Sitzung gelangen die Antworten des Kongresses auf die eingelaufenen Begrüßungsschreiben, sowie einige Sympathie- adressen an den Kongreß zur Vorlesung. Hierauf folgt der Bericht der Bürgerin Hubertine Au- clert, Delegirten der Parijer Gesellschaft der Frauenrechte und der Arbeiterinnen von Belleville, über die Frauenfrage. Derselbe ist nächst dem Referate Lombards(wenn auch in ganz anderer Art und anderm Grad als dieser) wol der bemerkenswertheste der zahlreichen bis jetzt erstatteten»rapports». Hubertine Au- clert schmeichelt, obgleich sie freudig anerkennt, daß der Kongreß der erste Wahlkörper sei, welcher die Frauen als vollkommen gleichberechtigte Mitglieder aufnehme,— den Arbeitern doch jm Gegensatz zu manchen andern Rednern keineswegs, sondern sagt ihnen vielmehr recht derbe Wahrheiten, die auch auf einen großen Tbeil unserer deutschen Genossen Anwendung finden und von diesen daher wol beherzigt werden mögen. Rednerin beginnt mit einer scharfen Präzision ihres Standpunktes, indem sse betont, daß sie nicht als Arbeiterin, sondern lediglich als Weib spreche, welche Eigenschaft allein schon sie als Unterdrückte und Ausge- beutete kennzeichne und ihr ein Anrecht gebe, von den gegen jede Unterdrückung kämpfenden Proletariern Anerkennung der Rechte ihrer Leidensgefährtinnen und Unterstützung in deren Streben nach Befreiung zu fordern. Das Weib ist in unserer heutigen Gesellschaft auf den Untergrund der Knechtschaft herabgcdrückt, sie ist die Sklavin des Sklaven und politisch vollkommen recht- los. Und diese drückende Fessel ist nicht einnial von der großen Revolution, welche so viele Kette» gebrochen hat, gelöst, noch auch nur erleichtert worden. Die Frauen vor allem hatten für die Revolution gearbeitet und als sie dann als Lohn ihre Frei- heit forderten, machte man sie lächerlich und insultirte sie, Ehau- mette jagte sie aus dem Stadthaus und der Konvent schloß ihre Klubs und verbot ihnen, sich zur Besprechung öffentlicher Ange- legenheiten zu versammeln. Und dies that er zur selben Zeit, als er laut über alle Welt hin die Menschen- und Bürgerrechte der Freiheit und Gleichheit verkündigte! Aehnlich aber hau- deln zahlreiche Arbeiter und selbst nicht wenige Sozialisten, welche mit tönender Stimme die Emanzipation des Proletariats fordern, ohne dabei im mindesten an eine Befreiung der noch ärger unter- drückten Frauen zu denken.„Viele von Euch haben über diese Frage kaum jemals nachgedacht. Und doch, wenn ich in dieser stattlichen Versammlung die Frage stellte: Tretet Ihr ein für die menschliche Gleichheit?— so würden mir sicher alle mit Ja antworten; denn die großeMehrhcit der Männerve r- stcht unter menschlicher Gleichheit die Gleichheit der Männer! Wenn ich aber die Frage so stellte: Stimmt Ihr für die Gleichheit von Mann und Weib?— da würden mir wol Viele antworten: Rein. Run, was redet Ihr denn dann von Gleichheit, wenn Ihr, selbst unter dem Joch der Knecht- schaft, Eurerseits wieder andere Menschen knechten wollt? Was beschwert Ihr Euch über die herrschenden Klassen, da Ihr doch dasselbe, was sie gegen Euch thun, gegen die Frauen thut?.. Ihr könnt Eure Forderung»ach Befreiung nur auf die Gleich- heit alles, was Menschenangesicht trägt, gründen. Oder, wenn Ihr Eure Rückforderungen nicht auf die Gerechtigkeit und das natürliche Recht bafirt, wenn Ihr, Proletarier, selbst Privilegien, nämlich die Vorrechte des Geschlechtes, erhalten wollt,— welchen Rechtsgrund habt Ihr dann für Eure Beschwerden gegen die Vorrechte der Klasse? Was könnt Ihr den Herrschenden, die Euch unterdrücken und ausbeuten, vorwerfen, wenn Ihr selbst das menschliche Geschlecht in höhere und untergeordnete Wesen theilt?..." Nachdem Rednerin die natürliche Gleichberechti- gung des Weibes mit dem Manne nach verschiedenen Gesichtspunkten erörtert, fordert sie auch ökonomische Unabhängigkeit für das Weib und weist nach, wie die als Mutter und HauLfrau waltende Frau keineswegs vom Mann„ernährt" werde, sondern sich ihren vollen Antheil am Einkommen des Mannes durch ihre Arbeit verdiene. Der Frau muß der volle Erlrag ihrer Arbeil ebenso gesichert sein, wie dem Mann und auch politisch, bei allen Wahlen des Staates und der Kommune muß sie gleichberechtigt mit dem Mann sein. Diese Forderungen der Frauenrechte müssen die Prolelaricr von ihren Mandataren anerkennen lassen gleich ihren eigenen Rechten—„dieß soll ein Zeichen sür die Zukunft sein, um die Opportunisten, die Verräther von morgen zu er- kennen. Wenn Ihr frei sein wollt, Proletarier, so hört auf, ungerecht zu sein und tretet ein für die Gleichheit aller Menschen!" Die Bürgerin Louise Tardif erklärt die Thatsache, daß sich die untergeordnete Lage des Weibes aller wissenschaftlichen und politischen Fortschritte ungeachtet bis jetzt so gut wie um nichts gebessert habe, hauptsächlich aus der abergläubischen und auch sonst lückenhaften Erziehung des weiblichen Geschlechtes, welche dieses an der Erkenntniß und Wahrnehmung seiner Rechte hindere. Jm weiter» Verlauf der Debatte ergreifen die Bürger Dan- thier, Bernard, Tränier, Ailloud, Godefroy, H 6- brard, Delfaud und die Bürgerinnen Chaussard und Graves das Wort, um stch in der sympathischsten Weise und größtentheils im Sinne radikalster Anerkennung der Gleichberech- tigung der Frauen auszusprechen. Z>ie Wettavsstellung in Nerli«. — r. Leipzig, 31. Okt. 6S war ein dummer Streich von der deutschen ReichSregierung, so dumm, wie er nur gedacht werde» konnte, al« sie nach dem industriellen Sedan zu Philadelphia, durch ihren Haß gegen die französische Republik verblendet und durch die Furcht einer neuen Niederlage ans industriellem Gebiete verleitet, die Beschickung der Weltansstellung zu Paris unterließ. Die deutsche Industrie ist keineswegs in so elender Verfassung, al« daß sie keinen neuen Aufschwung zu nehmen vermöchte und so hätten auch schon damals durch StaatSzuschüffr an Industrielle und Arbeiter dieselben zu außerordentlichen Leistungen angetrieben werden können, so daß Deuischland, wenn auch nicht die Palme selbst, sv dach einen Paimenzweig auf dem großen internationaien Weltfeste leicht errungen hätte. Anstatt dessen aber rüstete Deutschland immer mehr und zwang die onder» Nationen gieichfall» in die schwere, kaum mehr erträgliche Rüstung. Doch nicht die dcnische Regierung allein ist an solchem internationalen Elend schuld, sondern auch da« deutsche Volk, wenigsten« in der überwie genden Mehrzahl seiner Vertreter, die allen Wünsche» der ReichSregierung in Bezug auf die HeereSvergrößcrung vollkomme» beistimmen. Sprach doch noch ganz kürzlich ein„liberales" Blatt au«,„daß die geniale, fegen«- reiche Armecorganisation nnsere» greisen Heldenkaiser« die andern Rationen dazu zwinge, gleichsali« ihre Armee» auf einen ähnlichen Kriegsfuß z» stellen. Ei» Weltunglück eine„geniale, segensreiche Institution" zu nennen— da« vermag in der ganzen Welt wol nur allein ein iiationalliberaler Bauchrutscher! Wenn aber eine Nation, die an sich nicht wohlhabend ist, wie die deutsch«, fortwährend die Steuerkraft de» Volke« für Militärzwecke in Anspruch nimmt, dann kann fic natürlich für Kulturzwecke nicht« leisten. Und hiefür machen wir die deutsche Nation, wie wir schon andeuteten, mindesten« ebenso verantwortlich, wenn nicht mehr, al« die Reich«regierung. Weshalb wählt fie in die«csetzgebenden Körper Regierungskncchte, anstatt freie Männer? Unter diesen Umständen werden wir plötzlich durch die Nachricht über- rascht, daß man eine Berliner Weltausstellung plane und zwar für da« Jahr 1885. Eine solche Ausstellung nun kostet Geld, sehr viel Geld! Sie wird auch nicht wie die letzte Pariser ihre Kosten decken, da Berlin nicht die Anziehungskraft für Fremde hat, wie Pari«',— aber dennoch begrüßen wir die Idee selbst mit gewisser Freude. Eine Weltausstellung, zu welcher die Vertreter aller Nationen zusammeneilen, hat nicht lediglich ans industriellem und künstlerischem Gebiete Nutzen, so hoch derselbe auch immerhin angeschlagen werden muß; nein, der höchste Nutzen ist zu suchen aus allgemein kulturellem Gebiete. Die Nationen nähern sich und wie fie sich auf den Maffenmordfeldern Haffen lernen, so lernen sie sich auf dem friedlichen Wettplane der Ausstellungen achten, werthschätzen und nach und nach lieben. Alle Weltausstellungen find somit Stationen auf dem großen Wege der Weltverbrüderung. Einen großen Fehler haben dieselben allerding» noch: e« ist zu wenig Gelegenheit gegeben, daß auch die Arbeiter fremder Länder die Ausstellungen besuchen können. Von den verschiedenen Gewerkschaften frei gewählte Vertreter müßten auf Kosten der einzelne» Staaten in möglichst großer Zahl zu den Ausstellungen entsandt werden. Dadurch würden die Jndnstrie und der Gewerbsgeist sehr gefördert werden. Für die Industriellen bringen ja die Staaten immer einen sehr großen Theil der Kosten auf, warum nicht für die Arbeiter? Wenn wir also im Ganzen genommen die Weltausstellungen und so auch die Idee in Berlin eine solche abzuhalten, mit Freuden begrüßen, so tauchen doch gegen letztere gerade in jetziger Zeit die gerechtesten Bedenken auf. Wir befürchten keineswegs, daß die französische Republik so unnobel sein würde. Gleiche« mit Gleichem zu vergellen und die Berliner Ausstellung nicht zu beschicken. Und auch alle andern Nationen würden dem Rufe folgen, da ja Berlin in der That an der Reihe ist und ihm die Ehre einer Weltausstellung gebührt. Wir befürchten auch nicht, daß die Deutschen auf ihrem eigenen Boden eine industrielle Niederlage erleiden würden', wir haben die GeWerbeausstellung für Berlin in diesem Jahre besucht und konnten dem ganzen Arrangement und den ausgestellten gewerblichen Leistungen unsere Achtung nicht versagen. Nur eine noch erhöhter« Anstrengung, so würden tn einzelnen Branchen die Berliner und viele andere deutschen Industrien ganz gewiß aus der Weltausstellung den ersten Preis erringen. Aber e« find ganz andere Bedenken, welche un» beschleichen. Zugleich mit der Nachricht einer Berliner Weltausstellung taucht noch die bestlmm- tere Nachricht einer nochmaligen Armeevergrößerung auf. Seit sich in den jüngsten deutschen und französischen Manövern die Streitkräfte beider Staaten gemessen, findet man den Stand der riesenhaften stehende» Armee Deutschlands in vielen Beziehungen„nicht mehr ausreichend". Frankreich kann jetzt bereit» 369 Batterien mit 3214 Geschützen ausstellen, während Deutschland„nur" über 300 Feldbatterien mit 1800 Geschützen und unter Hinzurechnung von 54 Reservebatterien zusammen über 354 Batterien mit 2124 Geschützen versügt. Da e« nun„dringend nöthig" ist, daß Deutschland stet« mit der größten Anzahl von Geschützen auftreten kann, so bleibt nicht« übrig, al« eine neue entsprechende Vermehrung. Diese und andere militärische Neuformationen koste» natürlich ein hübsche« Stück Geld, nämlich gering gerechnet eine jährliche Budgeterhöhung vrn zirka 25 Millionen. Ferner will man da« früher schon einmal in da» Budget gestellte KasernirungSgesetz in dem bevorstehenden Winter im Reichstage wieder einbringen. Bei der jetzigen Znsammensetzung der edlen Körperschaft wird dasselbe auch zweifellos angenommen uns da» bedeutet eine einmalige Ausgabe für Militärzwecke von 280 Millionen Mark! Die erbeuteten Milliarden sind längst verpulvert— und wo will man diese Summen wieder hernehmen? Da« ausgesogene Volk wird eben noch mehr ausgesogen! Das ist die* ultima ratio Bismarkil". Aber Bismarck« neue Zoll- und Steuermaßnahmen? Nun, das Korn ist schon aufgeschlagen, ehe noch der Zornzoll eingeführt worden ist— aber in Folge der bevorstehenden Einführung de« Zolle»! In diesem einen Satze liegt die denkbar schärfste Verurtheilung de» Bismarck'schen System«. Aber auch de« Manne» selbst: Der Staatsmann, der an der Spitze de« deutschen Reich« steht, vertheuert dem hungernden, bettelarmen deutschen Volke noch da» Brod! Die neue Zollpolitik hat aber auch direkt in Bezug auf die projektirte Berliner Weltausstellung einen sehr bedenklichen Haken. Man muthet näm- lich den Nachbarnationen zu, daß fie in einem Lande ihre Produkte ausstellen sollen, dem sie dieselben nicht zum Verkaufe anbieten können, weil der Schutzzoll die Produkte in einer Weise vertheuert, daß der deuische Abnehmer eventuell lieber die schlechtere deutsche Waare, al« die bessere aus- wältige nimmt. Dieser Punkt hätte sicherlich zur Folge, daß die auswärtigen Industriellen nur wenige Produkte, die geringe Kosten machten, ausstellen würden, und daß so die Weltausstellung viel von ihrem Glanz« und ihrer sonstigen Frequenz verlieren dürfte. Und zum Schlüsse fällt noch entscheidend in« Gewicht da« Sozia- listengesetz und der über Berlin verhängte schmähliche Belagerung«- zustand, dsr einer mittelalterlichen Ketzerverfolgnng ähnlich sieht, wie ein Ei dem andern— e« fehlt nur noch, daß der dicke Madai mit einem rothen Henkermantel bekleidet wird, wenn er die Au«weisung«ordre für friedliche Familienväter unterzeichnet oder einen Ausgewiesenen, der heimlich seine schwer erkrankte Frau besucht, vom Krankenbette reißen und in die Fremde zurückstoßen läßt. Pfni, der Schande! In solche Stadt gehört keine Weltausstellung, gehört kein internationale« VerbrüdcrungSfest! Ehe die deutsche Reichsregierung nicht gründliche Umkehr hält, ehe sie den Weg des Hasse«, der Volksknechtung und de« Militarismus nicht verläßt, wird keine andere Wation Vertrauen zu ihr haben, und ein« Berliner Weltausstellung würde nicht» anderes sein al« ein Possenspiel. Ehe aber da» deutsche Volk sich nicht ermannt, ehe e« in seine Vertretung nicht Männer entsendet, anstatt Weiber und Heulmeicr, eher wird die Regierung die bösen Wege, auf die fie die Nation führt, nicht verlassen! Sozialpolitische Rundschau. — Letzte Woche ist im deutschen„Vorstaat" der nach dem famosen Hreiklassenwahlsystem gewählte Landtag eröffnet wor- den. Was das Volk von dieser ehrenwerthen Versammlung zu erwarten hat, bedarf gar nicht erst einer weiteren Aus- führung; eS genügt vollkommen, wenn man sich vergegenwär- tigt, daß in dieser„Volksvertretung" das eigentliche Volk so gut wie gar nicht vertreten ist, daß die Majorität in den Hän- den der Junker und Pfaffen liegt, und daß, wo etwa diese nicht ohne Zaudern nach der Pfeife des allmächtigen Bismarck tanzen sollten, sofort die edlen Nationalliberalen zu jedem von ihnen geforderten Herrendienst bereit sind— trotz, oder viel mehr, ihrer Hundenatur entsprechend, gerade wegen der bisher empfangenen, überreichlichen Schläge. So hat der National- liberalismus gleich zu Beginn des Landtags wieder ein Fiaslo erlitten, wie es kaum größer gedacht werden kann, indem statt des von ihm kandidirten Bennigsen ein Konservativer, v. K ö l- ler, zum Landtagspiäfidenten gewählt und dadurch der Libe- ralismus auch aus dieser„alten befestigten Position" verdrängt worden ist, und zwar mit der starken Mehrheit von 318 gegen 164 Stimmen. Trotz des sehr begreiflichen Jammers über diesen Verlust aber ist diese Partei der moralischen Prostitution sofort bereit, ihre zweifelhaften Reize aufs neue zu verschachern und scheint es in der That auch, als ob ihr Angebot nicht ganz aussichtslos wäre. Die konservativ-ultramontanc Mehrheit ist Bismarck schon ganz recht, aber nur insofern, als fie ihm seine Arbeiten besorgt. Da diese Parteien aber, was auch sonst ihre Schattenseiten sein mögen, jedenfalls unvergleichlich mehr Selbst» bewußtsein und Selbstständigkeit haben, als der rückenmarks- schwache Liberalismus, und Bismarck daher befürchten muß, daß sie sich keineswegs mit der Rolle eines Werkzeuges be- gnügen werden, so will er aus Nationalliberalcn und Freikon- servativcn sich eine allezeit gefügige„Mittelpartci" bilden. Bis jetzt, und vorzüglich bei der Präsidentenwahl, hat er damit allerdings noch wenig Glück gehabt und soll er deshalb über letztere und da'sie ihm eine„Tyrannei" in Aussicht stellt, die wenig nach seinem Geschmack ist, wenig erbaut sein. Eines der ersten Geschäfte des Landtags betraf natürlich die Haupt-, ja so ziemlich einzige reelle Aufgabe der deutschen Parla- mente und Parlamentchen: die Beschaffung des für den StaatshauS- halt nöthigen Kleingeldes. Und da stellt sich denn die für das steuerzahlungsberechtigte Volt die angenehme Thatsache heraus, daß das preußische Defizit„blos"— wie der neue preußische Finanzminister und ehemalige Sozialisten-KommifsionS- Präsident Bitter meint— 47 Millionen Mark beträgt! An eine Erleichterung der direkten Steuern, die man dem dummen Volk so lange als Honig auf die Bake strich, ist natürlich unter solchen Umständen nicht zu denken. Um nun das vielköpfige Thier Volk nicht gar zu kopfscheu zu machen, wird ihm nach dem Zusammenbruch der alten Lüge eine neue vorgesetzt. Die Regierung verweist es auf eine Steuerreform, die der Haupt- fache nach, im strikten Widerspruch mit den vom Reichskanzler bei den Zolldebatten im Reichstage abgegebenen Erklärungen, die direkten Steuern im Prinzip beibehält und nur je nach der Finanzlage und den Ueberweisungen vom Reiche Steuererlasie eintreten läßt. Es wird jedoch gut sein, wenn sich die Steuer- zahler auch von dieser Verheißung wenigst möglich versprechen und sich bei Zeiten mit dem Gedanken vertraut machen, daß sie einfach neben den neuen indirekten auch die alten direkten Stenern ganz wie bisher fortzubezahlen haben, wozu dann auch noch die Zinsen für das Anlehen, durch welche das Defizit ge- deckt werden soll, zu bezahlen sind. Steuern zahlen, Soldat werden und Maul halten— sonst hat ja der glückliche deutsche„Unterthan" nichts zu thun. Höchstens noch ein wenig- hungern. Und darauf schei» neu sich jetzt nicht nur viele Leute, sondern ganze Gegenden im deutschen Reich einzurichten. Von dem Hungertyphus in Thüringen nnd Braunschweig haben wir schon letzthin berichtet. Jetzt rückt auch Schlesien an. Der Kreis Rybnik, der von der Hungersnoth her einen traurigen Ruf in Deutschland hat, wendet sich jetzt mit der Bitte um Hilfe gegen die drohende Roth während des bevorstehenden W nters an den Staat. Eine halbe Million Mark zu Unterstützungen und 300,000 Mark als Beihilfe oder Darlehen für Chausseebauten im Kreise, hat der Kreistag zu beantragen beschlossen. Andere oberschlesische Kreise kommen mit ähnlichen Anträgen. Und angesichts all dieser Roth ist die Regierung in aller Seelenruhe damit beschäftigt, die das Brot vertheuernden Ge- trcidezölle einzuführen und mehr Stenern als je bisher zu er- heben. Wie weit muß der Magen des Deutschen noch zu- sammenschrumpfen, bis-es in seinem Kopfe hell wird? — Schon in der kurzen Zeit, während welcher die neue deutsche Gerichtsorganisation nunmehr funktionirt, haben sich in ihr eine Menge der größten Unzuträglichkeiten bemerkbar gemacht, welche die ganze Leichtfertigkeit der neudeutschen liberalen Gesetzmacherei wieder einmal in ein Helles Licht stellen. An allen Ecken und Enden fehlts und die vor ihrem Gebrauch so herrlich blinkende, von einem verehrungswürdigen Publica maßlos angestaunte und ihre Konstruktoren mit Stolz erfüllende Maschine ächzt und krächzt jämmerlich und will nicht in Gang kommen. Es sind eben in dem„Meisterstück" eine ganze Anzahl von Rädern ungenau gearbeitet oder von unhaltbarem Material hergestellt und nicht wenige fehlen ganz. Da sind zum Beispiel ein überaus wichtiger Faktor des neuen Gerichtsverfahrens die Schöffen. Man kann ja vielleicht in der Einführung dieser Schöffengerichte im Prinzip einen Fort- schritt, wenn auch einen sehr bescheidenen, nach der Richtung der Rechtsprechung durch das Volk erblicken, insoferne, als in gc- ringeren Rechtssachen der juristisch gebildete Richter nicht mehr allein daS Wort führt, sondern»eben sich eine Mehrheit von Bürgern als Gerichtsmitglieder sitzen hat. Aber vor allem— von den übrigen den Fortschritt im Prinzip praktisch so ziem- lich wieder illusorisch machenden Gesetzesbestimmungen ganz ab- gesehen— sind eben diese„Bürger" Bourgeois und zwar solche von bewährtester Gesinnungstüchtigkeit, da nicht nur die Masse des Volkes durch den Zensus vom Richteramt vollkommen ausgeschlossen ist, sondern auch noch die der Staatsbehörde nicht ganz sicher scheinenden Zensusleute durch ein zweckentsprechendes „Sicbungs"- Verfahren nach Belieben dem Gericht ferngehalten werden können. Daß infolge dessen in allen Fällen, wo die Bourgeoisie den Angeklagten, resp. seine Handlung und die ihr zu Grunde liegende Idee— ganz abgesehen von der Frage der moralischen und selbst der gesetzlichen Schuld— als gefährlich für die Interesse ihrer Kaste bewußt oder instinktiv erkennt, ein Bourgeoisschöffengericht weit weniger Garantien für eine unpar- teiische Rechtsprechung bietet, als der juristische Richter, ist klar und hat sich da, wo die Schöffengerichte schon länger existiren, schon vielfach in eklatanter Weise erwiesen. Denn wo der Klas- sengeist lich unbehindert von andern Einflüssen— wie beim rechtsgelehrten Richter die juristische Schulung einer ist— bethätigen kann, muß er sich stets rücksichtslos zeigen. Wo aber dies Klasseninteresse nicht in's Spiel kommt, da verhalten sich die Bourgeoisschöffen in den meisten Fällen voll- kommen indifferent und lassen sich sowohl aus Gleichgültigkeit als aus unbegrenztem Respekt vor dem rechtsgelchrten Richter von diesem vollkommen leiten. Die Ausübung des Schöffenamtes ist ihnen dann lediglich eine lästige Pflicht, der sie ungefähr mit eben so viel Verständniß nachkommen, wie ein zum Kriegsgericht neben Offiziere kommandirter Soldat. Von einer Würdigung des hohen Berufes des Rechtsprechens, pon einer Erwägung der moralischen Verantwortung des Richters, von einer Erfassung des ganzen Ernstes ihrer Funktion— keine Rede! Recht bezeichnend für die vollkommene Unfähigkeit der Bourgeoisie zum Richteramt ist ein Geschichtchen, welches gegenwärtig durch die ganze Bour- geoispresse geht und von ihr sehr„lustig" gefunden wird, ohne daß den Leuten einfällt, wie viel Ernst und wie viel— Schande für sie darin steckt. Diese charakteristische Geschichte lautet folgendermaßen: Der erste Schöffe, der sich dem Berliner Amtsgericht I. vorgestellt, war ein beleibter Geschäftsmann, G. mit Namen, der sich einem Schreiber des Schöffengerichts, in mächtigen Wasser- stiefeln und seinem Arbeitsanzuge, etwa mit folgende» Worten präscntirte:„Nu, sagen Sie mal lieber Mann, Sie haben mir zum Dienstag als Schöppen vorjclade», wat habe ich denn da eijentlich zu thun?" Der Beamte erklärt ihm seine Pflichten, worauf der Herr Schöffe erwiderte:„Ja, ja, ick sehe ja die jroße Ehre in, die mir wiederfährt, aber Dienstag, sehen Sie mal, Dienstag, Herr Gerichtsschreiber, unmöglich, erst des Geschäft und dann die Ehre. Sehen Sie, auf die Ehre bin ick stolz, aber von des Jeschäft muß ick leben; ick schätze die Ehre, hoch, aber leben kann ick doch nicht von ihr,— Dienstag komme ick»ich, ich kann beim besten Willen»ich, ick komme schon ein anderes Mal, wenn ick Zeit habe und wieder jerufen werde."— Wieder belehrt ihn der Gcrichtsschreiber, daß er kommen müsse.—„Na, wat krieje ick denn Verjütigung für meine Versäumnisse?" frägt der Schöffe wiederum.—„Nichts," entgegnete der Beamte.— „Nichts? Nee, des is zu wenig, da jehe ick doch lieber meinem Geschäfte nach, ick kann Dienstag nich," replizirt der Schöffe. „Sie müssen kommen,' antwortet wiederum der Beamie.„Zka, was habe ick denn zu tun?" lrägt endlich beschwichtigt der Schösse. „Sie müssen sitzen und Recht sprechen," entgegnet der Schreiber. „Denn schick' ich meine Frau," ruft der Schöffe,„die sitzt jut un spricht den janzen Tag lang und hat immer Recht."— Nach langem Hin- und Herdebattiren erklärt der Schöffe endlich rc- signirk:„Na, kommen werde ick, aber ff eich in de Wassersticbcln, damit ick, wenn« alle is, auch jleich an de Arbeit jchen kann. — Die Ehre is ja jroß, aber des Jeschäft am Dienstag futsch: na, das schadt denn schließlich ooch nilcht, wir Habens ja dazu!" Und in den Händen solcher Menschen liegt das Wohl und Wehe des Angeklagten! Man stelle sich einmal vor, wie ein aufgeklärter, politisch gebildeter Arbeiter, wie ein Sozialist seine Richteraufgabe auffasse» würde, und man wird sich klar darüber werden, wie sehr die Bourgeoisie moralisch bereits Bankrott gemacht hat und in wie hohem Grad es eine Frage des Gemeinwohles ist, ihr so bald als möglich auch thatsäch-- lich das Geschäft zu sperren und ihre Schwindelfirma ein für allemal aus dem staatlichen und gesellschaftlichen Register zu i streichen! Noch einen anderen' interessanten und die Herren Gesetzgeber treffend charakterisirenden Umstand wollen wir sür heute aus der großen Menge des uns über die neue Gcrichtsorganisation vor- j liegenden Materials hervorheben. Ein Paragraph des Gerichts- organisationsgesetzes gibt nämlich ohne weitere Direktive der Re- gierung das Recht,„diejenigen Personen des Polizei- und Sicher- heitsdienstes zu bezeichnen, welche als Hilfsbeamte der s Staatsanwaltschaft zu betrachten sind." Die Regierung hat nun als solche auf dem Verordnungsweg u. A die s ä m m t- lichen Bürgermeister oder sie in der Leitung der Polizei- j Verwaltung vertretenden Magistratsmitglieder als Hilfsbeamte, d er Staatsanwaltschaft bezeichnet, so daß z. B. die Voß- stände selbst der größten Stadlgemeinden des Landes in vieler Beziehungen dem nächstbesten Staatsanwalt untergeben sind und sich von demselben nach§§ 80 und 81 des Ausführnngsgesetzen zum Ger.-Verf.-Ges.„im Aufsichtsweg" Rügen und Ordnungs-: strafen gefallen lassen müssen. Eine würdige„Selbstverwaltung" das! Weil wir uns übrigens gerade einmal beim löblichen Justiz- j departement befinden, wollen wir doch auch gleich zweier Nach- richten erwähnen, welche hinsichtlich des deutschen Gefängniß- Wesens vorliegen. Der einen zufolge liegt es in der Absicht der Reichsregierung, statistisches Material für das Ge-| f ä n g n i ß w e s e n im Reiche zu beschaffen und„dasselbe für die Wissenschaft und Gesetzgebung nutzbar zu machen." Man soll beabsichtigen, vorzugsweise eine Personalstatistik der Verbrecher zu führen, den Lebenslauf und die Ueberlieferungen, die schädlich auf sie eingewirkt, in ihren Hauptzügen festzustellen, um aus ihrer Zusammenfassung und Vergleichung unter einander die fort- j während schädlichen Einflüsse, den Umsang und die örtliche Ge-- staltung des Verbrecherthums zu ermitteln„und hieraus weitere Schlüsse auf die zu tresiendm Vorbeugungsmaßregcln zu ge- Winnen. Das wäre nun— vorausgesetzt, daß das gewonnene Material auf einige Zuverlässigkeit Anspruch machen könnte, was bei den unter den Gefängnißdirektoren vorwiegenden Ansichten über Eni-! stehung der Verbrechen und prinzipielle persönliche Verantwort- worllichkeit des Verbrechers sehr zu bezweileln ist— ganz schön und gut, wenn sich absehen ließe, in welcher Art die Regierung die aus dem Material ,zu ziehenden Schlüsse nutzbringend ver- werthen könnte. Will sie vielleicht all die zahllosen Quellen der Verbrechen: schlechte Erziehung, Armulh, Hunger, Zorn über ungerechte Behandlung, Neid auf die kolossalen Besitzthümer der Reichen, Unterdrückung natürlicher Triebe durch widersinnige Ein- richtungen, Verrohung durch Kriege u. dgl. mehr verstopfen und die Hauptbrutstätte aller Uebelthaten: die Beherrschung und Aus- beutung des Menschen durch den Menschen, die rechtliche, poli- tische und ökonomische Ungleichheit vernichten? Uns sollte das schon recht sein, denn wir würden dadurch viel Zeit und Kräfte sparen, die eben von allem Anfang an keinem andern Ziel gewidmet waren. Da die Regierung aber diese Absicht kaum haben dürfte, so wird aus der wichtig angekündigten„Material-Sammlung" so wenig eine Verminderung der Verbrechen und eine Besserung der moralischen und gesellschaftlichen Zustände hervorgehen, als aus einer andern angekündigten Maßregel der Regierung hin- sichtlich des Strafvollzuges. Dem Justizausschuß des Bundesrathes ist nämlich der lang erwartete Entwurf eines Strasvollzugsgesetzes vorgelegt worden, in welchem u. A. Bestimmungen getroffen werden über die wich- tigen Fragen der Einzelhaft, der Beschäftigung der Gefangenen, der Art der Strafvollstreckung bei jugendlichen Verbrechern und der Einführung der Prügelstrafe für männliche Ge- fangene, die sich nicht im Besitze der Ehrenrechte befinden. Kerker und Prügel— diese beiden Institutionen charakterisiren am besten unsere Zustände und sind die unentbehrlichsten Mittel zur Aufrechterhaltung der heutigen Staats„ordnung". Sie ist aller- dings auch darnach. — Der Militarismus hat im deutschen Reich wieder ein paar artige Blüthen getrieben. Man weiß, wie drakonisch, wie geradezu unsinnig die Militärgerichte jedes Vergehen gegen die militärischen Disziplinargeseze bestrafen, selbst wenn dasselbe im höchsten Grade provozirt worden war und jedes bürgerliche Gericht Freisprechung erfolgen ließe oder doch minbffienS alle möglichen mildernden Umstände annähme. Ist es doch erst wenige Wochen her, daß ein Bockenheimcr Husar, weil er eine ihm von seinem Unteroffizier unter Miß- brauchnng der Amtsgewalt applizirte Ohrfeige zurückgegeben hatte, zu fünf Jahren Festung verurtheilt wurde. Und wie beurtbeilen nun dieselben strenge auf'Mannszucht haltenden Militärgerichte schwere körperliche Vergehen gegen die Bürger? Der Fall des Würzhurger Unteroffiziers Bude, der einen von ihm„arretirten" Studenten, blos weil dieser ihm im Rausch davonlaufen wollte, erschoß und dann freigesprochen wurde, ist noch in frischem Gedächtniß. Indessen konnte sich Bude immer- hin noch auf die„Wachtordnung" berufen, die ihm formell «Recht" gab. Keinerlei derartige Entschuldigung aber stund dem jüngst vor demMünchenerMilitärbezirksgerichtverhandcltenSergentenBielecy vom 1. schweren Reiterregiment(gleich Bude und fast allen bisher verurtheilten Betheiligten an Säbelaffären und Soldaten- schindern ein Preuße) zur Seite, der eines Vergehens der Wider setzung gegen die Staatsgewalt und eines Verbrechens der schweren Körperverletzung be- schuldigt war. Derselbe hatte nämlich, nachdem er in einer Gastwirthschast Streit angefangen hatte, sich geweigert, das Lo- kal zu verlassen und sich den patrouillirenden Gendarmen, als ihm diese die Arretirung ankündigten, widersetzt, sodann den Gendarm Thümann durch einen Stich in das linke Knie der- letzte, so daß dieser 28 Tage lang dienstunfähig war. Trotz- dem aber diese Thatsachen beweiskräftig festgestellt waren, nahm das Militärgericht„Rothwehr" an und sprach den Sergenten frei. Natürlich wird sich nun die Gendarmerie hüten, sobald wieder gegen einen skandalirenden Herrn Soldaten einzuschreiten, und die Bürger haben demnach gegenüber den Unverschämt- heiten der durch die ihnen garantirte Straflosigkeit nur immer anmaßender werdenden Säbelhelden auf keinen Schutz der «Sicherheits"-Behörde zu hoffen. Das Allerunglaublichste, wol von keinem Menschen für möglich Gehaltene, hat aber das Kriegsgericht des zweiten schlefischen Ulanenregiments in Ratibor fertig gebracht. Man erinnert sich wol noch der f. Z. wegen ihrer unerhörten Gewaltthätig- keit und Rohheit allgemeines Aufsehen hervorrufenden Säbel- ossäre von Plania. Der Ulanensergent Heinze drang am 2. August ds. nächtlich in die Mägdekammer des Scholzen (Gemeindevorstandes) Klimaschka und kehrte, nachdem er von diesem aus dein Hanse verwiesen worden war, mit seinen Soldaten zurück, die auf seinen Befehl das Haus des Klimaschka mit Gewalt erbrachen, den Scholzen in Nachtkleidern hervorholten, und in barbarischer Weise mit Prügeln und Säbeln bearbeiteten, worauf der Arme an die Steigbügel zweier Ulanen gebunden und unter fortwährenden Mißhandlungen als„Arrestant" zu ver- schiedenen Behörden und schließlich auf die Hauptwache in Ra- tibor transportirt wurde, von wo er jedoch alsbald entlassen werden mußte. Der famose„Qrdnungswächler" von Sergcnt wurde dieser Heldenthat halber wegen Hausfriedensbruches und schweren öffentlichen Friedensbcuch?, wegen schwerer Körper- Verletzung, widerrechtlicher Freiheitsberaubung und schließlich wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt(der Scholz ist Verwalter der Lotalpolizei) angeklagt. Und die Sühne für all' diese Verbrechen? Man höre, was die Presse über den Ausgang der Gerichts- Verhandlung berichtet: „Der Sergent Heinze ist vom Kriegsgericht freigesprochen und für die von ihm begangenen militärischen Vergehen nur disziplinarisch bestraft worden. Infolge des freisprechen- den Erkenntnisses ist nunmehr von dem Esladron Chef des Zc. Heinze, Herrn Rittmeister Zansen von der Osten, der Strafantrag gegen den Scholzen Klimaschka we- gen Verleumdung gestellt worden." Der Verbrecher gegen die öffentliche Ruhe und körperliche Sicherheit freigesprochen, der Verletzte aber auch noch angeklagt — man sage noch, daß Deutschland nicht ein tadelloser„Rechts- staat" sei und in ihm nicht„Gleichheit vor dem Gesetz" herrsche! — Dem österreichischen Volk ist von seiner geliebten Re- gierung letzte Woche wieder eine allerliebste Ueberraschung bereitet worden. Die Thronrede hatte nämlich versichert, daß das Defizit im Staatshaushalt ein sehr mäßiges sei und versprochen, daß dasselbe ohne Inanspruchnahme des Staatskredites und ohne Schädigung der Produktionskraft der Steuerzahler gedeckt werden solle. Jetzt aber stellt sich heraus, daß alle diese„feierlichen" Versprechungen nichts als eitel Flunkerei und Schwindel gewesen sind. Angeblich beträgt das Defizit freilich nur 123/4 Millionen Gulven, was für das schon seit langem mit Schulden hausende Oesterreich verhältnißmäßig günstig, ja sogar gegen das Vorjahr eine bedeutende Besserung(um 7 Mill. Gld.) wäre. Aber die Aufstellungen des Finanzministers tragen daS Gepräge der Lüge und Verschleierung an der Stirn und wenn man die künstliche Gruppirung der Zahlen erst durchschaut hat, erkennt wan, daß das Defizit in Wirklichkeit wenigstens 24— 30 Millionen Gulden, ja wahrscheinlich noch weit mehr beträgt, va die meisten Ausgaben zu nieder, die Einnahmen dagegen mög- lichst hoch angesetzt sind. Zur Deckung des Ausfalls werden nun vorgeschlagen: eine indirekte Anleihe durch Veräußerung von Obligationen aus den gemeinschaftlichen Fonds, Erhöhung der Petroleumstcucr, Erhöhung der Personcntransportstcuer und eine s�gänzungsabgabe zur direkten Steuer. Und in welcher Weise sollen diese neue Lasten vertheilt werden! Schonung der unberechtigten und Verletzung der berechtigten Interessen scheint das Programm der Regierung zu sein— so drückt sich selbst ein stimmsührendes Bourgeoisorgan, die„Neue Freie Presse" aus, das sich allerdings derzeit in der Opposition befindet und deswegen Dinge bemängelt, welche es bei einer „liberalen" Regierung vollkommen billigen würde. Die vorge- schlagen? Erhöhung der Zuckersteuer wird nicht eingeführt— sie wurde ja die Reichen mehr als die Armen treffen; dafür wird bie Petroleumsteuer, die eigentliche Steuer der Arbeitenden und Armen desto mehr erhöht. Und wie macht sich das Bestreben der herrschenden Klasse, alle Lasten auf das Volk abzuwälzen, erst bei der Erhöhung der Personentransportsteuer geltend! Im Jahre 1877 verkehrten auf den österreichischen und den gemein- samen Bahnen insgesammt ungefähr 32 Millionen Menschen, von welchen etwa 27,5 Millionen die dritte und vierte, über 4 Millionen die zweite und nur 400,000 die erste Klasse be- nützten. Diese Passagiersteuer ist also eine Belastung, welche zum größten Theile nur die ärmste Bevölkerung, in geringcrem Maßstabe den Mittelstand trifft und die Reichen fast gänzlich verschont. Die Einnahmen aus dem Personentransporte betrugen 37 Millionen Gulden, aber die Reisenden der ersten Klasse hatten zu dieser Summe nur 2,5 Millionen Gulden beigetragen. Für sie würde sich die Fahrt durch die neue Steuer um 250,000 Gulden vertheuer», während aus dem 23 Millionen Gulden be- tragenden Ergebnisse der dritten und vierten Klasse für den Staat 2,3 Millionen Gulden gewonnen würden. Die Wirkung der Erhöhung dieser, sowie der übrigen zur De-- ckung des Defizits einzuführenden Abgaben ist demnach eine kolossale Mehrbelastung des ohnehin schon unter eiucr immensen Steuer- last seufzenden und fast erliegenden österreichischen Volkes. Trotz- dem denkt in der Regierung Niemand auch nur im Erferntesten auf Ersparungcn. Von einer Verminderung des Armeebudgets keine Rede— man darf noch sehr frohsein, wenn es nicht er- höht wird. Der Abenteurerzug nach Bosnien ist durch das Blut der Gefallenen und die 30 Millionen unmittelbare Okkupationskosten noch keineswegs bezahlt, vielmehr muß das österreichische Volk für die dauernde Besetzung der neuen Provinzen nicht we- niger als ö'/j Millionen ausbringen. Uno endlich präsentirt das biedere Kaiserhaus für seine Herrschermühc eine kleine Liquidation von nicht weniger als 4,650,000 Gulden jährlich— notabene für die z'sleithanische Reichshälfte allein, denn Ungarn muß noch ebensoviel zugeben, so daß das Donaureich das Vergnüge», monarchisch regiert zu werden, mit nicht weniger als 9�/« Mil- lionen Gulden bezahlen muß! Zweifellos aber wird dem Steuerzahler die etwas starke Pille wesentlich versüßt, seine Last leichter und sein eigenes Elend erträglicher, wenn er die fach- gemäße Verwendung dieser Summe für des Reiches Wohl in Betracht zieht und an der Majestät des kaiserlichen Hofstaates, der ununterbrochenen Reihe lustiger Hoffeste, dem feenhaften Glanz der Burgbälle, den stolzen Kavalkaden und süperben Fuchsjagden, der„königlichen" Pracht von GödöW und anderer kaiserlicher Lustschlösser und an anderen für jenes Geld angeschafften, überaus nothwendigen und nützlichen Dingen das bedrängte Herz erquickt! Oder sollte es wirklich Bösewichter geben, die angesichts von so viel Herrlichkeit au das bittere Elend des„niederen Volkes" denken und meinen, daß alle diese Wunder der Monarchie ent- behrlich seien und das Volt sich bedeutend billiger und besser selbst regieren könne?! — Wir haben jüngst der telegraphischen Meldung von Arbeiterunruhen in Böhmen Erwähnung gethan und sofort unserm Zweifel an die Wahrheit der Mittheilungen der gewohnheitsmäßig lügnerischen Bourgeoispresse, welche natürlich sofort den Arbeitern die Schuld beimessen, Ausdruck gegeben. Wie recht wir daran thaten, beweisen die nunmehr über die Tschauscher Affäre bekannt gewordenen Thatsachen. Die Miß- stände in den Brüxer und Duxer Kohlenbergwerken find in Nordböhmen seit langem landbekannt. Trotzdem thaten aber die Gmbenbarone nicht nur nicht das Geringste zu deren Ab- stellung, sondern trieben in ihrem Ueberrnuth die Arbeiter da- durch auf's äußerste, daß sie einerseits diejenigen Arbeiter, welche jene Mißstände bekämpften und sie mangels Entgegen- kommens der Arbeitgeber in einer Brochure der Oesfentlichkeit denunzirten, an die Luft setzten und denselben zugleich durch eine Konvention mit den übrigen Werkbesitzern Nordböhmens jede Aussicht auf Wiederbcschäftigung abschnitten, und ander- seits, um den Lohn noch mehr zu drücken und die„aufsässigen" Albeiter klein zu kriegen, eine Masse czechischer Arbeiter von der preußlsch-schlesischen Grenze kommen ließen. Als nun die bei der Lohnauszahlung willkürlich verkürzten Bergleute sich in Betriebsleitungshaus sammelten und volle Lohnzahlung und Abreise der he'.spedirten Czechen forderten, sandte die edle Ver- waltung sogleich zur Bezirkshauptmannschaft, mit dem Ersuchen, da die Arbeiter„diesmal einen größern Exceß zu beabsichtigen schienen", sofort Truppen zu Hülfe zu senden. In Wahrheit aber„beabsichtigten" die Arbeiter so wenig einen Exzeß, daß das herbeigerufene Militär gar nicht einzuschreiten brauchte, sondern die Arbeiter auf die Zusage, daß die Berechtigung der Klagen und Forderungen der Arbeiter schnell erkennenden Korn- missärs Graf Kuenburg, daß alle billigen Forderungen Berück- sichtigung finden würden, nach einer Protokollirung ihrer Be- schwerden ruhig auseinander gingen. Und seitdem auf den „Rath" der Behörde die Lohnforderungen der Arbeiter befrie- digt und die von der preußischen Grenze hergezettelten zcechi- schen Arbeiter auf Kosten der Werkleitung wiederum in ihre Heimath zurückbeföldert wurden, ist nicht die geringste„Un- ruhe" mehr vorgekommen. Es ist demnach erwiesen, daß die von den lügnerischen Grubenherren und ihren GesinnungS- genossen von der Presse zu einer förmlichen Eineute aufgepuffte Affäre von den Arbeitgebern und nicht von den Arbeitern ver- schuldet war und daß die Forderungen vollkommen berechtigt waren— sonst hätte sie kaum selbst die Behörde als solche anerkannt. — Die italienische« Machthaber scheinen endlich doch ein- zusehen, daß es auf die Dauer doch unmöglich ist, das Wim- mern und Murren des maßlosen sozialen Elends der Halbinsel durch das Säbelrasseln der Häscher und das Geschrei der Jrreden- listen zu übcrtoben. Die letzteren insbesondere verlieren immer mehr an Anhang und selbst an Interesse, weil das Volk findet, daß es in Italien auf jeden Fall noch viel Nothwendigeres zu thun gibt, als die„von Fremdherrschern geknechteten Brüder" im Trienlinischen und Tricstinischen zu„befreien"und daß vor allem das italienische Volk selbst von Unterdrückung, Hunger und Elend befreit werden müßte, ehe es sich berufen fühlen könnte, Andern diesen Liebesdienst zu erweisen. Die Sozialisten Italiens haben sich denn auch von allem Anfang an gegen das chauvi- nistische Getriebe der Jrredentisten erklärt und darauf hingewiesen, daß es im geeinigten Italien selbst genug„unerlöste Länder" gebe: die 3,/4 Millionen Hektaren ertragssähigen Ländereien, welche angesichts des größten Brodmangels gänzlich unbebaut, und die 1 ,/4 Millionen, welche versumpft liegen, aber durch rationelle Behandlung leicht wieder urbar gemacht werden könnten! In- dessen ist diese prunklose Kulturarbeit den herrschenden„Liberalen" viel zu langweilig und sie haben weit Wichtigeres zu thun, nämlich die„Politik im großen Stil", die daS Land bereits an den Rand des Bankrotts gebracht, lustig weiter zu treiben. In demonstrativer Weise werden Befestigungen gegen Oesterreich er- richtet und die Stimmführer Mezzacapo, Petruccelli rc. schreien wie wahnsinnig nach Vergrößerung des Heeres.„Soldaten, Kanonen, Befestigungen und dann nochmals Befestigungen, Ka- »onen und Soldaten; das ist Alles"— darin findet der Ab- geordnete Petruccelli und finden mit ihm seine Anhänger von der Bourgeoisie die Rettung Italiens! Da aber, wie gesagt, dieses„nationale" Betäubungsmittel eben sowenig vorhält und dem Volk seinen Hunger vergessen, macht als die zahllose Polizei- und Justizmaßregeln aller Art, so steht sich die Regierung gedrungen, der hungernden„Kanaille" und vor allem dem verschmachtenden Landproletariat einen Gnaden- und und Beruhigungsknochen— noch nicht gleich hinzuwerfen, son- dern vorläufig nur zu zeigen. Wahrscheinlich rechnen die schlauen Geschäftsleute in Rom darauf, daß die hungrige Bestie schon durch den bloßen Anblick des Futterbrockens wieder für eine Weile zahm gemacht und zum geduldigen Weiterhungern bewogen werden kann. Für den schlimmsten Fall kann der Köder indessen immerzu auch wirklich preisgegeben werden und wird er den Heißhungrigen und— Dummen dann sicher eine Zeitlang beschäf- tigen. Dieser Köder zur Beruhigung des hungernden Volkes besteht nun einerseits aus öffentlichen Arbeiten in großem Umfang, welche der Bautenministcr Baccarini zur Beschäftigung der Ar- bcitslosen versprochen hat, und weiter aus der„großen Land- verthcilung", welche der Ministerpräsident Cairoli den Landpro- letaricrn der neapolitanischen Provinzen ebenfalls versprochen hat. Schon unter französischer Herrschaft war dort zur Verbesserung der Lage der ackerbautreibenden Bevölkerung die Vertheilung der aus dem abgeschafften Feudalsystem herrührenden Ländereien an die Besitzlosen angeordnet worden, welche Maßregel jedoch nur zum geringsten Theil zur Durchführung kam. Cairoli will nun das Versäumte nachholen und mehr als 300,000 Hektaren Domänen vertheilen,„um die bäuerlichen Arbeiter in ihrer gerechten Erwartung nicht zu täuschen und das Proletariat der südlichen Provinzen aus der niedrigen Lage des Tagelöhners zu dem Rang des Ackerbauers zu erheben." Er fordert deshalb die Präfektm und Lokalbehördcn auf, sich„von der im höchsten Sinne humani- tären und sozialen Absicht" der Regierung durchdringen zu lassen und schleunigst statistische Notizen einzusenden und die definitive Maßregel vorzubereiten. Unsere Ansicht über diese Frage brauchen wir nicht erst des Längeren auszuführen. Wir sind auch in dieser Beziehung nicht für's„Theilen". Weit entfernt, in den Konzentrationsprozeß deS Grundeigenthums hindernd einzugreifen und schon vorhandene? Staatseigenthum, gleichviel ob durch Kauf oder Schenkung, in den individuellen Besitz zurückzuführen, muß vielmehr allmählig der ganzen heute noch in Privathänden befindliche Grund und Boden in den öffentlichen Besitz übergeführt werden. Wie ökonomisch widersinnig die Cairolische Landvertheilung— angenommen, daß sie wirklich zur Ausführung kommt und daß weiter wirklich die Armen allein Land erhalten und nicht das beste Stück wieder der herrschenden Klasse in den Rachen fällt— ist, werden ihre Erfolge schon nach wenigen Jahren zeigen. Die neuen Land- eigenthümer, die nichts als ihr Parzellchen unkultivirten Boden haben, müssen sich, um die nöthigen Gebäude, Werkzeuge. Samen, Vieh w. beschaffen und bis zum ersten Ertrag leben zu können, schon von allem Anfang an in die Schuldknechtschaft deS Kapital? begeben, dem sie nach dem ersten Mißjahr oder wirthschaftlichen Unglück, jedenfalls über kurz oder lang verfallen. Nach 10— 15 Jahren ist höchstens noch der zwanzigste Theil der ursprünglich mit Land Betheiligten im Besitz des ihm vom Staate so groß- müthig Geschenkten, während die übrigen neuenzehn Zwanzigstel wieder nichts besitzen, der auf die Melioration des Bodens verwm- dete Schweiß der vorübergehenden Kleinbesitzer aber vom Kapital eingeheimst ist, das sonach den alleinigen Gewinn ge- zogen hat! Eine wirkliche Verbesserung des Landproletariats kann sonach durch die Cairoli'sche Landvertheilung nicht eintreten, und geben sich hierüber auch Cairoli und seine Gesinnungsgenossen selbst keiner Täuschung hin. Es handelt sich für sie nur darum, die rnisera plebs hinzuhalten und zu täuschen und diesen Zweck werden sie bei der Beschränktheit deS Volkes auch bis zu einem gewissen Grad und auf eine Zeit lang erreichen. — Zu all seinen andern Nöthen: dem Massenelend, der Arbeitslosigkeit, dem Hungertyphus, der Auswanderung und den ganz unerhörten und sich immer weiter ausdehnenden, die Schrecken von Szegedin noch weit überragenden Verwüstungen des Hochwassers— hat Spanien seit Jahrzehnten auch noch an dem Euba nischen Uebel zu laboriren. Bekanntlich exi- stirt die Sklaverei unbeschränkt von allen zivilisirten Län- dern der Erde nur noch auf der Perle der Antillen. Zwar sind schon verschiedene Anläufe zur Beseitigung dieser schwach- vollen Institution gemacht worden. aber sie haben bis jetzt noch nie zum Ziel geführt. Unter der Regierung AmadeoS war die Aufhebung der Sklaverei beschlossene Sache, aber sie kam unter ihr ebensowenig zur Ausführung, wie unter der ihr folgenden Republik. Daß die Frage gerade unter der jetzigen bourbonischen Regierung wieder aufs Tapet kommt, ist natür- lich nicht etwa deren Humanität und Freisinnigkeit, sondern lediglich der Erfahrung zu danken, daß die Dinge auf Euba unmöglich mehr in der bisherigen We'se fortgehen können. D(e menschen» und eigcnthumsvernichtenden Insurrektionen hö- ren in Euba nie auf und das benachbarte Nordamerika sieht längst mit begehrlichen Blicken nach der herrlichen Insel und reibt sich die Hände, wenn die Cubaner an einer Ordnung ihrer Angelegenheiten immer mehr verzweifeln und ihre Hoff- nungen auf die Union setzen. Die Frage der Abschaffung der Sklaverei steht daher seit Eröffnung der jetzigen Kortessession auf der Tagesordnung und die Verhandlung der für Ausarbei» tung eines diesbezüglichen Gesetzentwurfes niedergesetzten Korn» mission nehmen das allgemeine Interesse in Anspruch. Jetzt endlich ist diese Kommission zu Beschlüssen gekommen. Aber zu welchen! Während die Regierung selbst, resp. die Ge- nerale Martinez Campos und Prendergast und der Intendant Villaamil, welche sämmtlich— der erste als Gouverneur, die andern als sein Generalstabschef und Finanzdirektor— auf Euba dienten, die sofortige und gänzliche Aufhebung der Skia- verei ohne irgend eine Entschädigung verlangten, und trotzdem General Martinez Campos kein Hehl daraus machte, daß die spanische Herrschaft über die Antillen, wol auch die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, neben dem Wohlergehen der Ko- lonie von der prompten Lösung dieser Frage abhängen,— ging das Bestreben der Sklavenhalter dahin, die im Prinzip nicht mehr zu vermeidende Aufhebung der Sklaverei in der That möglichst lang hinauszuziehen, um— wie ein Mitglied gerade heraus sagte—„die gesunden Sklaven noch möglichst ausnützen und bis zu den Befreiungsterminen für eine hinreichende Kulieinwanderung sorgen zu können." Und dieses infame Klasseninteresse trug vollständig den Sieg davon. Nach dem angenommenen Gesetzentwurf sollen von den fast 200,000 Sklaven nur jene sofort freigegeben werden, welche 55 Jahre alt sind und die seit 4. Juli 1870 geborenen Kinder. Am 17. September 1880 sollen dann alle Sklaven im Alter von 50 Jahren für frei erklärt werden; an demselben Tage des Jahres 1882 die von 45 Jahren, 1884 die von 40 Jahren, 1886 die von 35 Jahren, 1888 die 30jährigen und am 17. September 1890 alle bis dahin noch unfreien Sklaven. Ferner soll schon von jetzt ab eine nach Alter und Berufsart der Sklaven wachsende„Lohnzahlung" stattfinden. Dann, sollen in das Budget der Insel Euba vom nächsten Jahre ab zur Entschädigung der Sklavenbesitzer jährlich 700,000 Piaster zum LoSkauf von 2000 Sklaven eingestellt werden, „zum Preise von 350 Piaster per Kopf." Daß dieser Sklavenhalter-Gesetzentwurf im Verein mit der damit im kausalen Zusammenhang stehenden Verzögerung frei- händlerischer Handelsreformen und der Ablehnung der Aus- dehnung des Stimmrechts auf Euba sehr böses Blut machen muß, ist selbstverständlich und es ist sehr wahrscheinlich, daß die Voraussage des Generals Martinez Campos in Erfüllung geht: daß sich Neger und Creolen nicht wieder wie im Jahre 1866 mit leeren Versprechungen und Vertröstungen abspeisen lassen und daß demnächst der Aufstand aufs neue und kräftiger als je emporlodert und schließlich zur Losreißung Cuba's von Spanien führt. — lieber die Zustände in über welche bisher so wenig Verlässiges in die Oeffentlichkeit drang, sind wir durch die erfreuliche Gründung eines polnischen Parteiorgans, des schon erwähnten„Rownosch", nun in der Lage versetzt, uns genauer informiren zu können. Allerdings wendet sich das in polnischer Sprache geschriebene Organ außer an seine Landsleuie nur an einen sehr kleinen Kreis dieses Idioms Mächtiger. Aus diesem Grunde veröffentlichen die Genossen als Beilage zum„Rownosch" ein in französischer Sprache erscheinendes„Bulletin",„damit Europa die sozialistische Bewegung kennen lerne, welche sich in Polen erzeugt und damit es alle Gewaltthateu erfahre, welche die drei Regierungen gegen die polnischen Sozialisten verüben, und um die sozialistischen Organe, die Freunde der polnischen Sache sind, in die Lage zu versetzen, die Arbeiter über alles zu informiren, was in dem Polen geschieht, welches sich anschickt, in die, allmählig in alle Länder der zivilisirten Welt eindringende, sozia- listische Bewegung einzutreten." Der ersten Nummer des von uns willkommen geheißenen Bruderorgans entnehmen wir nach- folgende interessante Mittheilungen. Die Mauern der Warschauer Citadellc umschließen gegenwärtig 60 gefangene Sozialisten, von denen ein Theil im August 1878, der andere vor ungefähr sechs Monaten verhaftet worden ist. Unter der letzteren Gruppe befinden sich auch 6 Frauen. Das Hauptkontingent zu den Eingekerkerten lieferte die eigent- liche Arbeiterklasse; die Minderheit besteht größtenthcils aus An- gehörigen der studierenden Jugend. Unter den Frauen befinden sich eine Petersburger Studentin und eine Landschullehrerin; die übrigen sind Arbeiterinnen. Um einen Begriff von den kaiserlich russischen Gefängnissen zu geben, mögen die folgenden Thatsachen genügen. Einer der Gefangenen, der Arbeiter Baite, wurde von dem Posten getödtct, weil er aus dem Fenster seiner Zelle ge- sehen hatte. Die über diese Schandthat empörten Leidensgenossen des unglücklichen Baite beschwerten sich über diese Art der Be- Handlung eines Untersuchungsgefangenen, verlangten eine Unter- suchung und da ihre berechtigten Forderungen keinerlei Gehör fanden, so revoltirten sie. Natürlich verschlechterte sich infolge der hierauf eingeleiteten Untersuchung ihre Lage noch mehr. Ein Kriegsgericht wurde eingesetzt und vcrurtheilte den 20jährigen Arbeiter Ladislas SieroschewSky zu 8 Jahren und den Veterinär- schüler Liandy zu 12 Jahren Zwangsarbeit. General Kotzebue wandelte indeß diese Strafe in Deportation nach den entfernteren Gegenden von Sibirien um, und wurden Sieroschewsky und Liandy sofort nach JrkutSk„verschickt", in dessen Umgegend sich beide nachdem„Rownosch" zugegangenen Berichten vor Kurzem befanden. Werden sie in dieser Stadt internirt oder müssen sie die Erin- nerung an ihren, durch die Willkür eines Postens, den ein be- liebiger Korporal das Leben eines Sozialisten nicht schonen hieß, gemordeten Genossen noch weiter tragen? Während dessen aber ist der Henker-Soldat durch dasselbe Kriegsgericht freigesprochen worden. Dem Sozialismus und was mit ihm auch nur im entfernte- sten zusammenhängt, gegenüber unterscheidet sich das„liberale" und„konstitutionelle" Oesterreich nur wenig von dem„heil'gen Rußland". Alles wird dagegen in Bewegung gesetzt und für die Verbreiter der Idee gibt es keine gesetzliche Garantie. Früher gewährte doch die Censur, diese nothwendige Institution des Polizei staateS, dem Verfasser Sicherheit vor polizeilichen Verfolgungen. Heute aber und den Sozialisten gegenüber gibt es auch das nicht mehr und während der Censurstempel einerseits seinen ganzen gehässigen Charakter beibehalten hat, hat er dabei auch diesen geringen Werth verloren. In Rußland verbüßt Tschernischewsky mit lebenslänglichem Exil für Schriften, welche unbeanstandet die Censur passirt hatten, und in Oesterreich sind vierzig Ge- Nossen auf keinen andern Grund hin in die Krakauer Kerker geworfen worden, als weil die Polizei bei ihnen sozialistische Schriften fand, welche das Imprimatur des Ccnsors trugen. Die Verfolgungen und Verhaftungen in Krakau, Lemberg, Wien, sowie in den Provinzen nehmen kein Ende. Einige Verhaftete befinden sich schon 6 bis 3 Monate ohne Urtheil im Gefängniß. Es sind meistens Arbeiter und Studenten; auch ein mehr als 60jähriger Mann, der Chef eines kaufmännischen Geschäftes, be- findet sich darunter. Jeder junge Mann, der einen russischen Acccnt hat, ist des Sozialismus verdächtig, und bei den Ver- Haftungen wird mit der größten Leichtfertigkeit verfahren; man nimmt einen Lupinsky für einen Lubienski, was die Polizei nicht hindert, die irrthümlich Verhafteten auf's elendeste zu behandeln. Die Untersuchungsgefangenen befinden sich in den schlechtesten hygienischen Verhältnissen. Die Luft, welche sie athmen, und die Nahrung, welche sie genießen müssen, erzeugen Typhus und hitzige Fieber. Der Student Ludwig Warynski ist daran zu Grunde gegangen, indem er sich durch Verhungerung tödteie, weil die Behörden den Kranken weder injs Spilal aufnähme i, noch ihm bessere Nahrung gaben! Um Geständnisse von den An- geklagten zu erpressen, warf sie der Untersuchungsrichter in Ketten und unterirdische Kerkcrlöcher. Als Zeugen wurden neben Polizei- spionen und Dieben 10jährige Kinder angenommen und diesen in den Protokollen das vom Gesetz zur Zcugenschaft verlangte Alter beigelegt. Und als die Angeklagten die Aufnahme ihrer Beschwerden in das Protokoll forderten, hatte der Untersuchungs- richter die Frechheit, ihnen anzusinnen, sie sollten sich nur auf „seine Ehrenhaftigkeit" verlassen... Fügen wir dem Gesagten nur noch hinzu, daß die geringste Beschwerde ge�en all diese Infamien dem Angeklagten 48 Stunden Dunkelarrest einbringt oder daß man ihm— wie Dombrowski— buchstäblich nichts zu essen gibt. Und alle diese unerhört schändlichen Dinge geschehen in einem Staat, dessen Verfassung die Freiheil der Presse und der Rede gewährleistet! Aber welche Verfassung hält ihre Versprechungen, sobald die„Staatsraison" es anders fordert? Man spricht jetzt so viel von einer Allianz, welche die Wiener Regie- rung mit Bismarck geschlossen haben soll. Aber schon seit langem gibt es ein anderes Bündniß zwischen dem„konstitutionellen" Oesterreich und dem zarischen Rußland: die Gendarmen Alexander II. sind stets willkommen auf dem Gebiet Franz Josefs, um dcnun- ziatorische Aufschlüsse über Angeklagte zu geben, deren Heimalh sich unter der Knute des Zaren befindet.— — Die russische Regierung hat gegenwärtig entschieden Pech und zwar nicht nur in Europa, sondern auch in ihrer eigentlichen Domaine und Heimath Asien. Die Nachricht, daß die zarischen Truppen bereits bis Merw vorgedrungen seien, hat sich als eine große Lüge herausgestellt. Vielmehr sind die Russen von den Turkmenen jämmerlich geschlagen und habe» über 1000 Mann, sowie einen Theil ihrer Artillerie verloren, so daß sie sich schien- nigst nach rückwärts konzentrircn mußten. Die zusammengcschmol- zene Expedition befindet sich gegenwärtig in einer sehr gefährlichen Lage. Jedenfalls brauchen sich da die Engländer vor der, zur Zeit des letzten türkischen Krieges gang und gäben, russischen Prahlerei, daß der Zar seine unzählbaren Kriegsschaaren nach Indien hinab- steige» lassen und dort England in seinen vitalsten Interessen verletzen werde, nicht allzu sehr zu fürchten, da schon ein zwar kriegerisches, aber in der„zivilisirten" Mordkunst doch noch wenig fortgeschrittenes Wüstenräubervolk den edlen Kriegern Alexanders so viel zu schaffen macht. Eine zweite, wenn auch unverhältnißmäßig kleinere, doch für die Zustände im absolutistischen Z arenreich bezeichnende Schlappe haben die Russen in Ostsibirien erlitten. Zwei kirgisische Gemeinde» russischer Zugehörigkeit wollten sich der sanften Ge- walt der Petersburger Regierung entziehen und zogen deßhalb mit ihren Heerde» auf chinesisches Gebiet. Sobald aber der Gouverneur von Semipalalinsk von diesem„Verbrechen" ver- nahm, hieß er den Kirgisen eine Ablheilung Kosaken nachsetzen und sie„zur Rückkehr nach Rußland bewegen". Die Kosaken er- reichten denn auch die Auswanderer bald, nahmen ihnen ihr gesammtes Vieh weg und ließen nun auch den Kirgisen ihre bekannten Liebenswürdigkeiten angedeihen, welche diese indessen so falsch verstanden, daß sie die armen Kosaken sammt und son- ders mit Knütteln todtschlugen. Desto mehr Bravour entfalteten dagegen die zarischen Soldaten gegen unbewaffnete Menschen, als es am 15., 16. und 17. ds. in Kasan gelegentlich der Entdeckung einer„nihilistischen Verschwörung"— also gibt's doch noch Nihilisten?— zu Unruhen und Straßenaufläufen kam. Polizisten und Gensdarmen feuerten rücksichtslos in die versammelte Menge und die Kosaken hieben auf die Studenten mit Säbeln ein, während sie die zusammen- gepackten Mädchen bei den Haaren nach dem Gerichtsgebäude schleppten, das die armen Opfer des infamsten Despotismus natürlich nur verlassen, um an den Galgen, in die Bergwerke oder nach Sibirien zu wandern. Um aber das kleine Kulturbildchen aus dem heiligen Russen- reich zu vollenden, muß noch ein Strich hinzugefügt werden, der dem Ganzen erst das rechte Licht gibt. Vor einiger Zeil haben 17 abergläubische, viehisch rohe Bauern im Bezirk Nowgorod ein armes altes Weib, das sie für eine„Hexe" hielten, lebendig verbrannt. Am 25. Oktober nun ist gegen diese Mördw das Urtheil gesprochen worden und zwar wurden 14 Theilnehmer ganz freigesprochen, die drei überwiesenen und für schuldig erkannten Anstifter des Mordes aber vom Gerichtshof zu einer— „kleinen Kirchenbuße" verurtheilt! Die Mörder frei, die Barbaren begünstigt, die Todtschläger in Amt, die Schufte am Kommando, die Vorkämpfer der Kultur und Freiheit aber auf dem Schaffst, auf der Folter und lebendig begraben— welch herrliches, starkes Reich und wie große Ver- brecher die, welche sich erkühnen, diesem geordneten Zustand so oder so ein Ende zu machen! — Der vielbesprochene„kommunistische" Aufstand in einem weltverlorenen Nest der Republik ßotumbien hat sich nun wirk- lich als das herausgestellt, was wir von Anfang an muthmaßten. Es handelt sich einfach um einen ganz gewöhnlichen Banditen- streich, indem eine Bande beutegierigen Gesindels unter Anfüh- rung eines abgesetzten Alcalden(Gemeindebeamten) die Kauf- mannshäuser und zwar namentlich die ausländischen, reicheren an- griff und sie ausplünderte, wobei eS zwischen den angreifenden Banditen und den sich vertheidigenden Kausleuten zu einem Kampf kam, in welchem verschiedene der letzteren, namentlich mehrere deutsche, getödtet wurden. Daß diese, übrigens alsbald nach ihrem Ueberfall mit der Beute eiligst entflohenen Räuber von dem die Nachricht zuerst mittheilendcn zentralamerikanischen Journalisten kurzweg zu„Kommunisten" gestempelt wurdm, kann nicht Wunder nehmen, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Vorstellungen sich der europäische Durchschnittsbourgeois von den„Kommunisten" macht und mit wie viel Infamien und Dummheiten über sie die „aufgeklärte" europäische Presse jahraus jahrein angefüllt ist. Kommunismus heißt ja dem Gros unserer Feinde nichts anderes als„Theilen", wobei das kapitalistische Ausbeuterthum nur das Eine vergißt, daß es selbst in diesem Sinne ein weit gefähr- sicherer„Kommunist" ist, als die Beutemacher von Buccaramagna. Berichte. B. Solingen, 25. Oktober. Lm 17. ds. war gegen den Genossen Jakob Nabl von hier Hauptoerhandlnng vor der Strafkammer des Llberfelder Landgerichtes angesetzt, aus Grund der Anklage, die„Freiheil" verbreitet zn haben. Trotz aller Mühe, die sich die Slaatsanwalischasl in den 11 Woche», während welcher Nal?l in Untersuchungshast war, gegeben hatte, war es derselben doch nicht gelungen, andere belastende Momente beizubringen, als die Anzeige de» Polizeikommissärs von So- lingeit. Man kann sich demnach das Erstaunen des Auditoriums denke», als dieser Gniiid- und Strebepfeiler der Anklage und wirklich„klassische" Zeuge erklärte, daß er trotz seiner eifrigsten Nachforschungen, trotz aller Haussuchungen leider nicht im Stande gewesen sei, für die Behauptung der Anklage, daß Nahl die Blätter verbreitet, auch nur den geringsten Anhaltspunkt zu gewinnen. Mit einem sehr begreiflichen Polizei- lichen Seufzer rief er klagend aus:„Ja, bei dieser Partei verräth eben Keiner den Andern!" Nichtsdestoweniger aber versuchte der Staats- anwalt die Anklage aufrecht zu hallen, von der wunderbaren Rechts- anlchanung ausgehend, daß, weil an einen A. Wahl verschiedentliche Packete mit„Freiheit" pr. Post eingegangen, der angeklagte Jakob Nahl der Verbreiter der hier und da bei Einzelnen gefundenen Exem- plarc früherer Nummern der„F." sein müsse!"— Natürlich halte die Bertheidigung leichtes Spiel, die Nichtigkeit der Anklage zu beweisen, und nach kurzer Berathung fällte das Gericht ein freisprechendes Urtheil! Der schuldige Nahl hätte, wenn der Gerichtshof dem beantragten Strafmaß des Staatsanwaltes entsprochen, 6 Wochen Gejängniß z» „verbüßen" gehabt,— der unschuldige Nahl halte 11 Wochen im Gefängniß als Untersuchungsgesangener gesessen, war als Sträfling eingekleidet worden und wurde geschlossen, wie der gemeinste Verbrecher über die Straße gesührt. Man sieht, die preußischen Staatsanwälte gehen sicher. Gelingt es, die Anklage durchzusehen, um so besser, dann tritt zur Vorhast noch die Strafbaft hinzu; gelingt da« nicht, dann halder unschuldige Angeklagt? immerhin mehr Wochen abgesessen, als wozu er im Schntdsalle verurtheilt worden wäre! Brummen muß er aber, wenn er Sozialist ist, auf alle Fälle! Der Aktenschluß läßt sich ja beliebig verzögern und die Untersuchungshaft dadurch ganz nach Wunsch verlängern. Eine prächtige Justiz. pflege, bei der man rechtlos der Willkür de» Staatsanwaltes Preis gegeben! So schwere Opfer den einzelne» Genossen aber durch derartige„ge- schliche" Ungeheuerlichkeiten auch auferlegt werden, so wenig gelingt es und wird es je gelingen, die Begeisternng für die Prinzipien des So- zialismus und da« treue standhafte Festhalten daran zu unterdrücken. Im Gegentheil bringen alle derartigen schreienden Ungerechtigkeiten auch den befangensten Kopf zum-Nachdenken und damit zur Erkenntniß de« rechten Weges. Einen Beweis dafür erlebten wir noch während der obigen Verhandlung im Zuhörerranm des Gerichtes. Vivernt aequentes! O. Tübingen, 24. Oktober. Heute wurde hier vor der Strafkamnicr de» Landgerichts ein Sozia listenprozeß verhandelt. Als Angeklagte erschienen die beiden Reutlingcr Sozialisten: Apotheker Fehleisen»od Tuchmacher Walz, unter der Beschuldigung, verbotene Schriften verbreitet zu haben. Wie neurer Zeit üblich, war es die Post, die diesen Prozeß veranlaßte und zwar diesmal die in Mühlhausen im Elsaß. Dieses red- liche Institut überlieferte ein an Walz und ein an Fehleisen adressirtes Couvert, je mit einer Nummer der„Freiheit", der Staatsanwaltschaft. Darauf wurden die Adressaten behaussucht und verhört. Obgleich nun nicht der geringste Beweis gegen ihn vorlag, ließ sich Fchleisen durch die gesch widrige Drohung de» Untersuchungsrichters, ihn im Falle er nicht gestehe, sofort verhaften zu lassen, einschüchtern und gab unvorsichtiger Weise z», daß er da» Londoner Blatt verbreitet habe. Walz dagegen bestritt das und wurde hierauf verhaftet; indeß entließ man ihn nach 8 Tagen wieder, ohne daß er etwas gestanden hatte. Angeklagt wurde er aber trotzdem und zwar anS einem überaus lächerlichen„Grunde". Bon den ge— fticbcrten Blättern war nämlich da» an Walz adressirte Nr. 31, das an Fehleifcn adres- firtc Nr 32. Daraus schloß nun der Staatsanwalt, ein Herr Scheuerle, Beide hätten das Blatt gemeinschaftlich bezogen, so daß immer eine Nummer an Walz und die nächste an Fehleisen adrcsfirt worden sei und einer habe dem ander» die Nummer, die er erhalten, zugestellt, da« Blatt also„verbreitet." Dem Staatsanwalt schienen indessen doch selbst Zweifel ausgestiegen zu sein, ob eine solche Anklage zu einer Bernrtheilung führen könne. Denn kurz vor der Verhandlung verfiel er auf ein originelle« Mittel, um weitere» Material gegen Walz zu bekommen. Er ließ sich nämlich von der Reut linger Polizei die Proskriptionsliste sämmtlicher Reutlingcr Sozialisten geben und lud von den darin Genannte» acht lmeist Tuchmacher) als Zeugen darüber vor, ob Walz ihnen verbotene Schriften gegeben habe. Diese Zeugen wußten aber glücklicherweise nichts Gravirendes, so daß der Staatsanwalt mit seinem schlauen Auskunftsmittel abfiel. Es war daher für Wälz, der sich glänzend vcrtheidigte, ein Leichtes, die Anklage in ihr Nichts zurück zu schleudern. Er wurde freigesprochen, Fehleiscn dagegen nach einer brillanten Rede seines BertheidigerS, Advokat Becher, zu M. 100 Strafe und die Kosten verurtheilt.— Die Genossen allerwärt» im Reiche mögen au» dem Vorgehen de« hiesigen Staats- anwaltes eine gute Lehre ziehen: Wer zukünftig verbotene Schriften ver- breitet, der thue das womöglich anonpm, so daß Derjenige, dem man etwa» zustellt, gar nicht weiß, woher e» kommt! Man werfe da» betreffende Blatt dem Genoffen in die Stube, man stecke e« ihm unversehens in die Rocktasche». s. w. u. s. w. Wer dann von irgend einem pfiffigen Staatsanwalt al« Zeuge vorgeladen wird, kann ruhig schwören:„Der Angeklagte hat mir nie etwa« Verbotene« gegeben." Roch eine« verdient aus diesem Prozeß bemerkt zu werden: in der „Freiheit". vom 13. September erschien eine Reutlinger Korrespondenz, worin da« Verfahren gegen Walz treffend geschildert wurde. Diese» Ar- tikel schnitt da« Berliner Polizei-Prafidium aus und sandte ihn dein Staat«- anmalt hieher, mit der Aufforderung, er möge.Nachforschunge» nach dem Artikelschreiber anstellen. Die Mainzer Zentral llntersuchungS-Kommission seligen Angedenken« ist also wieder auferstände» al« Berliner Polizei-Präsidium und der preußische Stieber streckt seine langen Finger unbehindert bi« an die User des Neckars. Filialexpeditionen des„Sozialdemokrat.�. In liondon ist der„Sozialdemokrat" zu beziehen und zwar frei ins Haua 2 Sh., selbst abgeholt bei der untenstehenden Adresse und in den Versammlungen 1 Sh. 6 d. per Quartal, durch W. Holf'iiianii, 37 A. Prince Street Leicester Square London W. In Paris liefern den„Sozialdemokrat" im Monats- und Quartalsabonneraent: Blum, 66 nie Montorgueil Trapp, 65 rue de Madame, Hotel Baldrian _ Voss, 6 rue de Levis._ � Im unterzeichneten Verlag erscheint demnächst: Itcclieiiscliaflslicriclil der socialdemokratisöhen Mitglieder des deutschen Reichstages. über ihre parlamentarische Thätigkeit während des Jahres 1878— 79. Preis 25 Cts.— 20 Pfg. Bestellungen auf dieses, für die Kenntniss der politischen Geschichte Deutschlands und der Stellung und Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie seit den Attentaten sehr wichtige Aktenstück werden schon jetzt entgegengenommen und zwar ausser beim Verleger bei allen bekannten Agenten des„Sozialdemokrat", sowie bei der Schweizerischen Volks- bachhandlang in Hottingen-Zürich. A. HERTER, Industriehalle, Riesbach-Ziirich. Schweiz. Veremsbuchdruckerei Hottin gen-Zürich.