Krschewt w»ch»«tli««inw«! Zürich(Schweiz) Ittim A. Herter, ZndustrtehaUe Nietbach-Zürich P«Sse»»°,,r» sr»ne« g«»en ftunt«. GewShnltche Brief« nach der B ch w e i i toste» Doppelporto. N° 3. Der KoMemckrat Internationales Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge Sonntag, 18. Januar. AVouuemeuts «erden nur beim Serlai»»d deffen betannte» Igente»«»t- zegengenommen und jwar>nm voran« zahlbaren Bierteljahrdprei» von: Fr. 2.— für die Schweiz Ml. 2.— für D-ntfchland iiouvery st. I. 10 für vefierretch(Sondert) Fr. 2. 50 für alle übrigen Länder de» Weltpostverein»(Krenzband). Ziserite Die dreigespaltene Betitzelle 25 St».— 20 Pfg. 1880. A°!»» dit Kirrespisdestts ssd Ainsststes dt«.,S«ii»>dt»»drit". verfolgt wird und die dortigen Bebörd.» n*„ �Eozioldemolrat' sowohl in Deutschland all auch in Oesterreich»erboten ist, bezw und unier. u.°.. � 9«5'n. unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp. Briefe von dort an ün» darf leine. sonstigen Sendungen nach dort abzusangen, so ist die Suherste Vorstchi im Postvcrlehr nothwendig und der Sendnm«» versSumi werden. die Brieimarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt ngen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen. Haupterfordernij ist hiezu einerseii», daß unsere Freunde so selten al» möglich an den.Soiialdemolrat', resp. dessen Verlag selbst adresstren, sondern ssch möglichst an irgend eine unverdächtig Adresse außerhalb Deutschland» und Oesterreich» wenden, welche stch dann mit UN» in Verbindung setzt; anderlei» aber, dätz auch un» möglichst unverfängliche Zustellungsadressen mitgetheilt werden. In zweifelhaften Fällen empfiehlt sich behuf» größerer Sicherheit Relommandirung. Soviel an UN» liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um trotz aller ent- gegenstehenden Schwierigleiten den, Sozialdemolrat' unfern Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern. Ein Bild aus unserer Gesellschaft. Vor wmigen Togen ging die erfreuliche Nachricht durch die ganze Presse, daß dos großartige Werk der Gotthorddurchbohrung ttesflich vorwärts schreite und binnen Kurzem seiner Vollendung entgegengehe. Nur mehr 400 Meter Gestein sind zu durch- brechen, und die von der Urner Seite aus im Schöße des Berg. riefen wühlenden Arbeiter hören bereits die Sprengschüsse ihrer von der Tcssiner Seite her vordringenden Kameraden. Nicht iange mehr, und die letzte sie trennende Scheidewand wird fal- len, die von den beiden Ausgangspunkten de« Tunnels einge- s-hrenen Arbeiter werden sich tausend Meter unter Tag die Hände reichen; und kurze Zeit darnach werden Taufende und Abertausende ihren Spuren folgen und die Welt wird eine wich. sige Verkehrsstraße me r besitzen, auf welcher sich der Völkerver- kehr um so Vieles schneller und bequemer vollzieht,— ein neuer Sieg menschlicher Arbeit und Wissenschaft, ein neuer, fortwirken- b« Sieg der Kultur! t t! � � So-zeigt sich des Werkes glänzende Außenseite, und die Welt freut sich darüber. Nur Wenige aber bemerken über so viel �>cht den Schatten, den großen, schwarzen Schatten. Wie Viele gedenken, wenn sie die freudige Nachricht jetzt, und später die Mch freudigere des vollkommenen Gelingens lesen, Derer, welche durch ihrer Hände Fleiß und ihres Körpers Schweiß, durch das �pier ihrer besten Kräfte den Gedanken der Wissenschaft zur Ausführung brachten und dies kühne Werk schufen? er denkt daran, wer ftägt darnach, wie es ihnen geht, welchen Lohn sie für ihr Schaffen im Dienste der Menschheit erhalten, wie sich der Segen der Kulturarbeit an ihnen bewährt? Tiefes Schwei- gcn! Für derlei prosaische Dinge interessirt sich unsere vortreff- liche Gesellschaft nicht; die Leute werden abgelohnt, thun dafür 'hre Pflich, und damit ist die Sache glatt- da« Uebrige. Ab- rackerung, Elend u. s. w.. ist Sache der ihre Maare Arb«ts- kraft nach dem Marktpreis Verkaufenden und geht die Gesellschaft wchts mehr an. Wir aber, die wir nicht zu den Herrschenden der heutigen Ge- sellschaft, sondern gleich den armen Gotthardarbeitern zu dem ar- veitenden Volke gehören, wir wollen über dem Werk nicht den Schöpfer vergessen, und einmal durch das glänzende Aeußere hindurch in das dunkle Innere sehen, aus der Höhe der kapila- «stischen Selbstsucht, Gewissen- und Gedankenlosigkeit hinabsteigen Zur Stätte der selbstlosen, geknechteten Arbeit. Und waS wir da sehen, ist Grauen, und waS wir hören, Seufzer, und was wir Rechen, Leichengeruch— Jammer und Elend überall! Die Hitze t'ef drinnen im Stollen ist so groß, daß die im Dienste verwen- beten Pftrde zu Grunde gehen; aber die Arbeiter müssen ohne Rast und Ruh weiterschaffen.„Fürwahr, ruft selbst ein nicht- 'ozialistisches Blatt, die„Alpmpost" aus,— wenn irgendwo, de- wahrheitet sich da die Thatsache, daß Diejenigen, denen be. der Ausführung eines großartigen Gedankens weitaus das meiste Verdienst zukommen sollte, die Früchte ihres Schaffens am we- "'gsten genießen. Wie viele von den Tausenden, die nach ein- ander„vor Ort" in der Nacht des Gesteins bohrten und spreng- ten, die bald im Wasser, bald im Dampf der Sprengladungen. stets aber im Schweiß arbeiteten, mögen den festlichen Tag, der Gotthardbahn eröffnet, erleben und mitfeiern? Weitaus die ""'sten sind in alle Welt zerstreut— ja von der ersten Mi- Nlurgarde soll nur ein Einziger bis jetzt ausgeholten haben. und wie Viele sind auf ihrem Posten gefallen— wie manch I"nge«, frische« Leben ward bei dem großen, schweren Werk das Opfer de« Verhängnisses.. l'.. u � Wir lassen den Anhang zum letzten Satz:„sehr oft durch «genes Verschulden" weg. denn er paßt nicht recht zur menschen- ireundlichen Tendenz des Vorhergesagten und er paßt noch we- "'ger zur Wirklichkeit, da es doch längst konstatirte Thatsache ist, daß den Arbeitern im Tunnel nicht die Zeit gegönnt wird, um st«« mit Sicherheit spätere Entladungen von Sprengschussen ab- iuwarten— sie durften nicht einmal warten, bis die giftigen ase sich nur einigermaßen verzogen hatten. Ja, sie gehören zu den Vergessenen, die ihr Leben im dunke n Stollen verloren haben, oder die darin zum Krüppel geworden stnd, oder die man zusammengeschossen hat, als sie eine bessere Ventilation und ehrlichen Lohn für ehrliche Arbeit verlangten. �hränen der Mütter, die ihre Söhne, die Thranen der vrauen und Kinder, die ihre Ernährer beweinen, sind ihr einzi- ll�s Denkmal— es waren zwar„nur Italiener"— aber doch dich SUtenfchen.sozusagen". Aüer auch sie gehören zu den Vergessenen, die den letz en Sprengschuß überleben, gebrochen am Körper mit ihrem letzten jjchne weiter wandernd, um anderswo ihre geschwächte Arbeit anzubieten. Im glänzenden Saale aber werden beim ää-s t% dem sie die Ehre de« Gelingens allein ein Gedankenlosigkeit auch reichlich ernten. Und dann, wenn der neue Tunnel dem Verkehr übergeben ist und die schnaubenden Dampfrosse Menschen und Güter durch den Berg schnell und sicher von Land zu Land fördern, dann werden ebenfalls die Arbeiter auf der Strecke und auf der Bahn: die Bauarbeiter, Wcchselwärter, Bremser, Schaffner, Maschinisten und wie sie alle heißen— wieder Tag und Nacht, in Gluth und Kälte, in Sturm und Regen für ein paar Bettelpfennige schanzen und schaffen, unbemerkt oder geringgeschätzt. Die Unter- r.ehmer, die Kapitalisten aber werden auf ihren Faulbetten den Schweiß der Armen in glänund Gold umzuwandeln wissen. Und dieses? ES wird seinen Knechtimgsgang von Neuem begin- nen, als Arbeitslohn, Wucherdarlehen, Hypothekarkredit, Börsen- effekt und'ö Dutzend andern Formen allerwärts Sklaven ma- chen, die ihrem Herrn neue Reichlhümer, neue Macht schaffen. Und so fort in? Unendliche. Ins Unendliche? Wenn die heutige Produktionsweise mit ihrem Kapitalhäufungsvrozeß nur noch ein halbes Jahrhundert fortdauern würde, würden alle Reichthümer dieser Erde nur mehr wenigen Tausenden, in ein- zelnen Ländern nur mehr wenigen Hundert Menschen gehören, denen gegenüber die Millionen des vollkommen verarmten, be- sihlosen, auf der ganzen weiten Welt heimatlosen Volkes ständen. Würden diese Millionen geduldig als die Sklaven der Hunderte fortleben und sich von ihnen weiter beherrschen und ausbeuten lassen? Nein. Werden die Völker ruhig zuwarten, bis das heu- tige widersinnige Produktionssystem an diesem Extrem angelangt ist? Kaum. Wird die nothwendige Aenderung unserer Gesell- schaftsordnung auf dem Wege der ruhigen Entwicklung oder auf dem der Gewalt durchgeführt werden? Wir wissen es nicht sicher. Aber das wissen wir desto gewisser, daß ein nicht ferner Tag kommen wird, an welchem das Maß der Leiden des Volkes durch einen letzten Tropfen zum Ueberlaufen gebracht wird, und daß dann aller Knechtschaft und allem Elend ein gründliches Ende bereitet wird! Die Aufgaben des Kongresses der sozia< listischen Arbeiterpartei Nordamerikas. — Aew-�ork, 26. Dezember. Heute wird in Allegheny City, Pen., der Kongreß(National-Convention) der Sozialistischen Ar- beiterpartei der Vereinigten Staaten eröffnet. Demselben liegt ein überaus reichliches Berathungsmaterial vor, zu welchem die Mehrzahl der Sektionen und namentlich auch die deutschen durch Anträge hinsichtlich der Platform, des Programms, der Orga- nisation, Parteidisziplin?c. Beiträge geliefert haben. Der Kon- greß hat vor allem zwei große Aufgaben zu lösen: erstens eine allgemeine als nothwendig anerkannte Revision der Prinzipien- erklärung vorzunehmen und weiter an Stelle der bisherigen un- genügenden Organisasion eine neue zft schaffen. Was die Aen- derung der Prinzipienerklärung anlangt, so handelt es sich im Wesentlichen um zwei Punkte: um das Verhältniß unserer Partei zu den Gewerkschaften und um die Frage, welche unserer poli- tischen Forderungen wir für die nächste Zeit an die Spitze unseres Parteiprogramms zu stellen haben. Der letztere Punkt ist es ins- besondere, welcher lebhaft diskutirt werden wird, da von der in dieser Richtung zu treffenden Ensicheidung die Rolle, welche unsere Partei in der nächsten Zukunft in unserm Parteilcben spielen und die Bedeutung, welche sie haben wird, in hohem Grade abhängt. Hauptsächlich handelt es sich darum, ob es nicht zur Erleichterung der politischen Agitasion zweckmäßig wäre, ein besonderes Gewicht auf den Satz zu legen, welcher die direkte Gesetzgebung durch das Volk, sowie die Zurückberufbarkeit der Beamten u. f. w. fordert. Hinsichtlich des Beamtenwesens, eines der wundesten Punkte unseres Staatswesens, wird der Vorschlag gemacht, das Heer der Bundes- und Staatsbeamten, Angestellten und Arbeiter, dadurch dem Belieben der herrschenden Partei völlig zu entziehen, daß es in drei Klassen getheilt wird, von denen die unterste auf Grund öffentlicher Fähigkeitsprüfungen, die mittlere durch Wahl der unteren und die obere durch das Volk selbst zu erneuern und nur durch ein Jury-Urtheil oder ein Wähler-Verlangen ab- setzbar wären. Ob nun mit dieser oder einer anderen Formel, jedenfalls aber mit voller Würdigung der großen Aufgabe, welche unserer Partei in vielleicht nur zu naher Zeit zufallen wird, soll der Kongreß die betreffenden Anträge erwägen und Vorkehrungen treffen, welche die sozialistische Arbeiterpartei bereit sein lassen, im gegebenen Momente mit dem Rufe:„Radikale Reform desZivildienstes und zunächstExprop riirung sämmt- licher Verkehrsanstalten" in der kommenden Volksbeweg- ung ihre Fahne kräftig zu erheben. Aller Voraussicht nach wird nämlich jener Krebsschaden unserer Republik, welcher in der Konzentration der Eisenbahn-Monopole in Privathänden besteht, durch die damit ihrerseits nothwendig wachsende Unverschämtheit der Volks-Ausbeutung in Bälde einen solchen Grad erreichen, daß das Auftreten einer neuen und wahr- scheinlich sehr starken Volksbewegung zum Kampfe zunächst gegen die Macht der Eisenbahn-Despoten spätestens»ach der Präfidenten- Wahl bevorstehen dürfte. Wenn es gelingen sollte, bis dahin eine Koalition aller ehrlichen Reform- und Arbeiterparteien des Landes ins Feld zu stellen, so dürfte jene Volksbewegung unter der Führerschaft dieser Koalition ohne Zweifel bald soweit gelangt sein, daß sie geradem Expropriirunq der Eisenbahn-Korporationen und wohl auch der Telegraphen-Kompagnien und Uebergang aller Verkehrsanstalten in den Staatsbesitz fordern wird. Die Eisen- bahnkönige werden es dann gerade so machen, wie noch alle reaktionären Gewallen dem zum Bewußtsein kommendm Volke gegenüber es gemacht haben. Indem sie sich schließlich die ganze Gesetzgebung der Union uno diejenige der Staaten einfach kaufen werden und indem sie es gewiß auch an gewaltthätigen Provo- kationen wie beim Eisenbahnstreik des Jahres 1876 nicht feblen lassen werden, werden sie die Bewegung aus der Bahn der friedlichen Entwicklung herauszudrängen beflissen sein und der schon im Gange befindlichen Revolution das Mittel der Jnsur- rektion aufzwingen. Haben wir aber nur erst einmal eine solche große Katastrophe, die endlich das ganze Volk, insbesondere aber dessen noch nicht so sittlich verdorbene Arbeiterklasse mächtig auf- rütteln und damit gewiß auch sittlich und geistig erheben und veredeln wird, dann dürfte es wohl kommen, daß der, in diesem Lande für eine solche Volksbewegung nicht im Mindesten fragliche Siegesvormarsch des arbeitenden Volkes auch nicht bei der Ex- propriirung de Eisenbahnen- und Telegraphen-Ko porationen stehen bleiben wird! Eine weitere, noch mit diesem Punkte zusammenhängende Frage ist die: ob sich unsere Partei an der nächsten Präsidentenwahl betheiligen soll oder nicht. Darüber, daß wir allein keinen eignen Präsidentschaftskandidaten ausstellen können und daß jeder hiefür verwendete Dollar unnütze Verschwendung wäre, ist man so ziemlich einig. Aber es wird von verschiedenen Seiten der Vorschlag gemacht: zum Zweck der Präsidentenwahl eine Koalition unserer Partei mit der kalifornischen Arbeiterpartei, der Arbeiter- Partei von Fall River und von Massachusetts überhaupt, mit den Arbeiterelementen der Greenbackpartei, der Liberal-League, dm Radikalen, Freigemeindlern und Turnern anzustreben, wobei indessen in Aufstellung der Prinzipien-Plaiform nicht der geringste Kompromiß gemacht werden darf. Man glaubt, daß alle diese Oppositionselemente gegen die alten Parteien Stärke genug ent- wickeln könnten, um in der nächsten Nationalwahl den Ausschlag soweit zu geben, daß der Plan der Grant-Verschwörung(Grant aufs neue zum Präsidenten und womöglich zum Kaiser zu machen) auf vier Jahre verschoben werden muß. Dmn die kali- somische Arbeiterpartei und die Butler-Partei können mit Unter- stützung der andern genannten Fraktionen recht Wohl die betreffenden beiden Staaten gewinnen und Elektoren und Kongreßleute in ihrem Sinne wählen. In den übrigen nördlichm Staaten kann die Vereinigung ebenfalls hier und da einen Elektor oder Kongreßmann gewinnen. Es läßt sich nicht leugnen, daß dieser Plan zahlreiche Anhänger in unserer Partei zählt und schon deS- wegen in reifliche Erwägung gezogen werden muß; allein ander- feits ist ebenso gewiß, daß wir uns mit einer derartigen Koope- ration mit mindestens unklaren Elementen auf eine gefährliche Bahn begeben würden. Die Kooperation ist unschwer gemacht, allein sie ohne Schaden für unsere Prinzipien aufrecht erhalten, uns jede Korruption fern zu halten und uns nach jeder Richtung unbedingt selbstständig zu halten, ist äußerst schwierig. Und bevor nicht für die vorstehenden Bedingungen eine Garantie gegeben und der Erfolg der Koalition gesichert ist, sollte unsere vollkommen isolirte Stellung nicht aufgegeben werden. Von kaum minderer Wichtigkeit als diese rein politischen Fragen ist die Organisationsfrage. Soll die Bewegung sich innerlich kräftigen und Fortschritte machen, so muß an Stelle des bis- herigen, höchst losen Zusammenhanges der einzelnen Sektionen eine wirksame Zentralisation mit einer unerschütterlichen Parteidisziplin nach dem Muster der deutschen Sozialdemokratie zur Zeit ihres öffentlichen WirkenS vor dem Sozialistengesetz treten. Ja, ich möchte diesen Punkt fast als den wicktigsten bezeichnen, insofern alle die anderen Verbesserungen der Partei nur in sehr beschränktem Maße nützen können, solange nicht durch die Her- stellung einer tüchtigen Organisation die seither zersplitterten Kräfte erst zusammengefaßt und in ihrem vollem Umfang wirk- sam gemacht werden können. Jedenfalls hat der nun eröffnete Kongreß große Aufgaben und wollen wir ihm wünschen, daß er dieselben im Interesse des amerikanischen Sozialismus und der Arbeitersache überhaupt herz- hast fördern und lösen möge. Ueber die Verhandlungen, resp. Resultate des Kongresses werde ich Ihnen noch berichten. H. Dorn. Sozialpolitische Rundschau. Schweiz. — Zürich, 10. Januar. Die Redaktion deS„Sozialdemokrat" hat zwar erklärt, daß sie sich auf eine Polemik gegen den Inhalt der„Freiheit" nicht einlasse, und ist da« auch nur zu billigen, weil derartige Streitigkeiten— und wenn sie auch von der andern Seite noch so herausgefordert sind— stets einen schlimmen Ein- druck machen. Man darf hier keinen Streich wehr thun, als es im Interesse der Sache absolut nothwendig ist. Wie eS Ihnen aber unmöglich ist, sich der Beobachtung und Kennzeichnung des Londoner Treibens(durch Ihren Londoner Berichterstatter) ganz zu entziehen und grobe Unwahrheitm und Schädigungen der Sache ungestraft Passiren zu lassen,— so dürfen wir einen in Nr. 51 der„Freiheit" enthaltenen, von Lügen und Verdrehungen üher die schweizerische Arbeiterbewegung im Allgemeinen und die deutschen Vereine der Schweiz insbesondere strotzenden Bericht nicht ohne einige Worte der Kennzeichnung und Entgegnung lassen. Kein Sozialist wird verlangen, daß Personen und Thatsachen unserer Bewegung— sei es in der Schweiz, in Deutschland oder sonstwo— nur urtheilslos gelobt und gepriesen werden; im Gegentheil ist selbstständiges Urtheil und Kritik zum Gedeihen unserer Sache absolut nöthig. Diese Kritik kann aber nur dann gut wirken und. als im Interesse der Partei geführt betrachtet werden, wenn sie erstens der Wahrheit entspricht und weiter in der guten Absicht, Besserem die Wege zu bahnen, geübt und dabei Alles vermieden wird, was sowohl das innere Parteileben, alL das Ansehen der Partei nach Außen schädigen könnte. Alle diese Voraussetzungen aber treffen bei dem Bericht(„.. n. Aus der Schweiz") der„Freiheit" nicht zu. Dieser Bericht enthält nicht« als die wahrheitswidrigsten Entstellungen und Ver- leumdungen und ist insgesammt ein Angriff auf die schweizerische Sozialdemokratie und die mit ihr wirkenden deutschen Vereine, wie ihn kein Bourgeoisblatt besser fertig brin- gen könnte. Gleich zum Eingang beschimpft der Bericht der „Freiheit" die aufopferndsten Bestrebungen der schweizerischen Sozialisten geradezu, indem er die Geschichte der Arbeiterbewe- gung in der Schweiz in die Worte zusammenfaßt: daß man „in der Parteireitschule mehrere Jahre lang immer im Kreis herumreite, Roß und Reiter ermüde, sauer verdientes Geld ver- pulvere und schließlich doch am alten Fleck sitze." Kann man eine unwürdigere Sprache führen? Aber abgesehen hievon, ist die Auslassung auch von Anfang bis Ende auS Verdrehungen und Unwahrheiten zusammengesetzt. Womit„verpulverten" die deutschen Vereine— denn von ihnen sprechen wir hier hauptsächlich,' weil der schweizerische Ar- beiterbund sein eigenes Organ hat, in welchem er, wenn nöthig, sich gegen die Anfeindungen der„Freiheit" wehren kann— ihr Geld? Erstens trugen sie zu den Kosten der Propaganda für das durchgesetzte Fabrikgesetz bei. Dann betheiligten sie sich durch erhebliche Geldsammlungen an den deutschen Reichstagswahlen. Und endlich unterstützten sie die Opfer deS Sozialistengesetzes und vor Allem die Familien der Berliner Ausgewiesenen nach besten Kräften. Sind das AllcS der„Freiheit" wohl schlechte oder gleichgiltige Ziele, für welche der Sozialdemokrat sein Geld nicht verschwenden darf?— Und was das„Ermüden" und„schließlich doch aus dem alten Fleck fitzen" betrifft oder wie die„Freiheit" weiter sagt:„daß die(schweizerische) Sozialdemokratie vor 3% Jahren ihren Höhepunkt erreicht hatte und es seitdem rückwärts geht"! Alles, waS im Laufe der letzten Jahre gethan worden ist: die Einführung des Obligatoriums der„Tagwacht", die Gründung von Genossenschaften, die Zentralisation mehrerer Ge- werbe, die Erstarkung und die umsichtige Leitung des Arbeiter- bunde», wodurch derselbe bei den Wahlen zu einem von allen Parteien anerkannten und in Berechnung gezogenen Faktor ge- worden ist— das ist wohl alles nichts als Rückschritt?!— Nach dm gegebenen Proben kann es nicht mehr Wunder nehmen, wenn behauptet wird, daß der Arbeiterbund in seiner Mehrheit gar nicht sozialdemokratisch sei und alL die einzige Rettung und der alleinige Hort der schweizerischen Sozialdemokratie der— Grütliverein, resp. dessen Zentralkomite und der„Grütlianer" dargestellt werden I Man weiß wahrlich nicht, ob man mehr über die dreisten Verdrehungen oder über die wahrhaft lächerliche Un- wissenheit deS Artikelschreibers staunm soll. Aber das Arsenal des ehrenwerthen Berichterstatters gegen die schweizerische Sozialdemokratie und waS mit ihr zusammenhängt, ist noch nicht geleert. Nachdem dem Arbeiterbund, wie obm erwähnt, schlankweg gesagt worden, daß es mit seiner Sozial- demokratie und seiner Bedeutung gleich wenig weit her sei, wird die Schuld an diesem vorgegebenem Umstand zuerst den Sektionen, dann aber lediglich den deutschm Vereinen zugeschrieben, welche sich die Ungnade der'„Freiheit" in ganz besonderem Maße zu- gezogen habm. ES heißt über sie wörtlich:„Dm umsichtigen, Feuilleton. Heyeimschrifte«. Gortsetzung.) Die schon erwähnten Anfänge der Chiffernschrift, die einfache Vertauschung der Buchstaben, sowie die Anwmdung geometrischer Figurm oder auch der Zahlen statt der Lettern, erfüllten den Zweck der Geheimehaltung bald nicht mehr, denn das große Interesse an der Durchdringung deS Geheimnisses reizte den Scharfsinn zur Entdeckung von Mitteln, durch welche die Ent- zifferung der Geheimschriften auch dem N i ch t eingeweihtm mög- lich wurde. Und diese Entdeckung wurde bald gemacht und da- mit der Grund zur D e chiffrirkunst gelegt, welche von nun an ein überaus wichtiges Hilfsmittel der äußerm und inneren Politik, also der Diplomatie und Polizei blieb. Für jede Sprache gibt es nämlich gewisse, auf der Häufigkeit de« Vorkommens der Buchstaben, der Vokalisation und die öfteren Wiederholungen bestimmter Buchstabenkompositionen(besonders Vor- und Schluß- silben), sowie auf dm Gesetzen de» Satzbaues basirmde Regeln, welche dem Dechiffreur bei solch einfachen Chiffernschriften selbst bei einiger Vorsicht der Korrespondirenden in Betreff des Wort- und Satzbaues schnell Anhaltspunkte geben, von denen aus er dann vermittels geschickter Kombinationen leicht den Schleier voll- kommen zu zerreißen vermag. Da? nächstliegende VertheidigungS- und Sicherungsmittel hie- gegen waren nun die wechselnden Zeichen; für die ver- schiedenen Buchstaben, besonders die häufig vorkommenden(wie im Deutschen s, t, e, n zc.) wurden nicht mehr ein und dieselben, sondern verschiedene Zeichen genommen. Ferner wurden die einzelnen Worte und Sätze nicht mehr, wie in der gewöhnlichen Schrift, von einander getrennt, sondern fortlaufend aneinander willenstüchtigen Genossen hängen die deutschen Vereine gleichsam wie Blei an den Flügeln und hindern dadurch den ganzen Fortschritt. Obgleich in den Statuten aller deutschen Vereine der Schweiz die Sozialdemokratie als Grundprinzip aufgestellt ist, so ist es doch Thatsache, daß in den meisten dieser Sektionen mehr oder weniger reaktionäre Elemente die Majorität bilden. Ist es da zu verwundern, wenn gutgemeinten Vorschlägen die Thür gewiesen wird?" Nun, was die Beschuldigung des„Reaktionär- seins trotz der sozialdemokratischen Statuten" betrifft, so sind wir der Mühe der Widerlegung jedem vernünftigen, logisch denkenden Menschen gegenüber überhoben. Denn die ganze Beschuldigung ist der abgeschmackteste Widerspruch. In einer Gesellschaft, wie in den deutschen Vereinen, welche keinerlei Zwang zum Bei- tritt hat, sondern nur durch den freien Willen der Mitglieder existirt, in welcher statutengemäß vollkommene Freiheit und Gleichheit herrscht, da muß nothwendig der Wille der Mehrheit herrschen und würden deshalb, wenn letztere„reaktionär" wäre, auch die sozialistischen Statuten längst über Bord geworfen worden sein. Ein reaktionärer Verein mit sozialdemokratischer Grundlage— das ist eine Erfindung, welche bis jetzt selbst der Allerwelts-Erfinder Edison noch nicht ausgeklügelt hat und welche dem bekannten Londoner Nebel alle Ehre macht! Wir beabsichtigen nicht, uns vorläufig noch weiter auf die Sache einzulassen, sondern wollen vor allem den versprochenen Bericht der„Freiheit" über die„„Tagwacht" mit dem was drum und dran hängt" abwanen. Unser Urtheil über den Schreiber des besprochenen Berichtes und die, welche seinen Feindseligkeiten Vorschub leisten, wird aber kaum mehr eine Aenderung erfahren können. Die wackeren, vielgeprüften deutschen Sozialdemokraten als Schlafmützen und Faselhänse, ihre tapfersten Vorkämpfer als Verräther am Prinzip, die schweizerischen Genossen als unklare, verwirrte und wankelmüthige Gesellen und die deutschen Vereine als Reaktionäre und die deutsche und schweizerische Partei als verlottert, verfehlt, nichtsnutzig und im Absterben begriffen hin- zustellen und gleichzeitig auf sich selbst als den unfehlbaren, „einzig strengen Sozialdemokraten" zu deuten— das thut ein Blatt, welches sich sozialdemokratisch nennt und kor// cher Weise behauptet, daß durch die Gründung des Parteiorgans'„Sozial- demokrat" die„Einigung der Parteigenossen Deutschlands wieder zersplittert werde." Wenn man in London dieses systematische Angreifen, Beschimpfen, Zwietrachtsäen und Hetzen für den Aus- druck der„Lauterkeit unsers Prinzips" hält, dann sind in der Schweiz allerdings nur wenige Genossen von dieser sauberen „Lauterkeit" durchdrungen. Die Mitglieder des schweizerischen Arbeiterbundes wie die der deutschen Vereine aber werden wissen, was sie gegenüber solchem schändlichen Treiben zu denken und zu thun haben. Ein Mitglied der deutschen Vereine. L. Jeutschland. * In Preußen geschehen Zeichen und Wunder! Gegen alle Wahrscheinlichkeit hat die Regierung schon jetzt, nachdem kaum erst tausend Oberschlefier verhungert oder durch den TyphuS hinwcggerafft worden sind, eine NothstandS-Kreditvorlage im Land- tag eingebracht. Und wie splendid sich der väterliche Staat gegen daS arme Volk zeigen will! Zur Ernährung von 160,000 Nothleidenden werden ganze 1'/, Millionen ausgesetzt, was für 4 Monate zusammen mit den bereits gesammelten Bettelpfen- ningen 2,540,000 Mark ausmacht, d. h. proKopf undTag 20 Pf.— schreibe: Zwanzig Pfennig, welcher Be- trag von derRegierung als zur Normalernährung eines deutschen Unterthanen vollkommen ausrei- chend gehalten wird!! Daraus ersieht man, daß der Spar- sinn de« deutschen Volkes allerdings noch wenig entwickelt und seine Verschwendungssucht groß ist; denn mit 20 Pf. werden bisher nur wenige Deutsche auszukommen gewußt haben. Wenn eS aber der rührenden Fürsorge der Regierung gelingen sollte, ihrem Volk dies neueste, vervollkommnetste Sparsystem beizubringen oder wenn eS gar möglich wäre, dem Deutschen das noch bil- ligere Polenta- oder ReiSessen der italienischen oder chinesischen Arbeiter anzugewöhnen: welche Perspektive der Prosperität würde sich da dem Volk und— dem Kapital eröffnen! Also die nothleidenden Schlcster sollen je 20 Pfg. täglich Staatshülfe zur„Ernährung" erhalten. Außerdem sollen für Beschaffung von Saalkartoffeln 2'/, Millionen, für Gewährung von Arbeitsgelegenheit durch Vizinalbauten 1 Million und zur Ueberwinterung von 20,000 Rindern 1 Million gewährt wer- gereiht und zwischen sie und auch anderweit sogenannte Nicht?- gelter(Nonvaleurs), d. h. Buchstaben, welche verabredungSge- mäß nichts gelten, sondern nur zur Irreführung des Dechiffreur« da sind, eingeschoben. Sodann ward die Bezeichnung der Buch- staben nicht mehr durch einzelne Zeichen, sondern durch mehr- gliedrige Chiffern erfunden, indem man daS Alphabet in mehrere Gruppen eintheilte und nun jedem Buchstaben die Chiffre der Gruppe, zu welcher er gehörte, und der Stelle, welche er in ihr einnahm, gab. Nebenher gingen noch der häufige Wechsel deS Schlüssels, d. h. der Chiffrir- und Dechiffrirtabellen, welche den Korrespondirenden die verabredeten Zeichen zeigen, ferner der Wechsel der Sprache, das Schreiben in verkehrter Ordnung(nämlich von der Rechten zur Linken), vor Allem aber daS sogenannte Schreiben in contrario, d. h. die Niederschrift einer Stelle in gerade entgegengesetztem Sinn, als in welchem sie gemeint ist und verstanden werden soll(was natürlich be- stimmte Zeichen dem Eingeweihten anzeigen). Das letztere Mit- tel ward nicht nur dazu verwendet, besonders wichtige Stellen für den Fall der Entzifferung seitens eines Unberufenen dem richtigen Verständniß deS letztern zu entziehen, sondern mehr noch dazu, in Verbindung mit einem absichtlich leicht gewähl- ten Schlüssel den Dechiffreur, resp. dessen Auftraggeber auf eine falsche Fährte zu bringen und ihn zu bestimmten, von den Korrespondenten gewollten Handlungen zu veranlassen. All diese und ähnliche Mittel erschweren nun allerdings dem unberufenen Dechiffreur die Enträthselung der Geheimschrift außerordentlich, machen aber zugleich die Anwendung der Chif- fernschrift für die Korrespondenten selbst überaus schwierig. Ein einziger Fehler, beim Chiffriren oder Dcchiffriren nach so kom- plizirten Systemen begangen, ist oft hinreichend, auch dem be- fugten und im Besitz de« Schlüssel? befindlichen Dechiffreur die den. Für die Ernährung eines schlesischen Rindes wird demnach gerade noch einmal soviel an Unter- haltskostcn für nothwendig gehalten wie für die eines schlesischen Menschen! Die nothleidenden Schlcster werden, wenn sie bei ihren 20 Pfg.„Staatshilfe" hungern und stieren, wohl ihr sattes Rindvieh beneiden und die Natur an- klagen,, daß sie sie nicht zu Ochsen und Kühen, sondern zu preußischen Unterthanen gemacht hat! Im Ganzen beträgt sonach die Nothstandshülfe 6 Millionen. Die Regierung ist jedoch über diese, in Preußen für solche Zwecke unerhörte Summe selbst dermaßen erschrocken, daß sie schnell mit der andern Hand den größern Theil des mit der einm gegebenen Geldes wieder zurückzunehmen sucht. Die Be- willigungen für Viehfutter und Saatgut werden deßhalb nur leihweise gegeben und müssen wieder zurückbezahlt werden. Dabei behauptet man aber trotzdem, den Nothstandsbezirken nicht nur vorübergehend, sondern dauernd helfen zu wollen! Und um die Schmutzerei vollständig zu machen, müssen die 6 Millionen „mangels anderweitiger verfügbarer Mittel" durch eine Anleihe aufgebracht werden.» So sieht die Staatshilfe für das Volk heute aus; wenn sie besser werden soll, wird das Volk wohl zuerst zur Selbst- Hilfe greifen müssen! — Nichts ist für das Wesen des heutigen Klassenstaates be- zeichnender, als der Umstand, daß sogar das Recht, d. h. nicht „das Recht, das mit uns geboren ist", sondern das formelle, von der juristischen Gesetzgebung festgestellte Zivilrecht gekaust werden muß, nur für Geld zu haben ist! Freilich, wo alles käuflich ist: Macht, Ansehen, Einfluß, Wissen, Ehre, Liebe, Tugend... warum sollte da gerade das Recht ausgenommen sein? Allerdings nimmt sich dieser Uebung gegenüber die von un- serer Rechtsphilosophie adoptirtc platonische Lehre, wonach der Staat die objektive Verkörperung des sittlichen Bewußtseins, der Rechtsidee, der Gerechtigkeit ist, sonderbar aus. Denn wenn der Staat die Verkörperung der Rechtsidee ist, so ist es doch seine erste Pflicht, allen seinen Bürgern ohne Unterschied und ohne besonderen Entgelt Recht zu spenden: weil er ja das, um deS- willen er vor allem da ist und von den Bürgern erhalten wird, für ihneine Pflicht ist und nicht eine Gunst, für welche er einen Preis fordern darf. Aber die Juristen haben seit Herausbildung einer zünftigen Rechtsgelehrsamkeit es trefflich fertig gebracht, jene mit den Lippen bekannte graue Theorie in der That in ihr Gegentheil zu verkehren, indem sie seit der Rezeption des römischen Rechtes die frühere Unentgeltlichkeit des Rechtes in Deutschland immer mehr verdrängten und so da« Recht in der Hauptsache nur den Reichen zugänglich machten. Spätere Zeiten änderte« daran zwar Einiges und namentlich seit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, der Prinzipien von 1789 wandte sich manches zum Bessern. WaS aber von dieser kleinen Besserung bis jetzt in Deutsch- land noch vorhanden geblieben ist, das hat das„große nationale und liberale Werk" der Reichs-Justizgesetzgebung mit der gierigen Faust des gewerbsmäßigen Rechtschacherers wieder beseitigt. Das neue Gerichtskostengesetz leistet in Bezug auf Verleugnung und Niedertretung deS(auch von der Sozialdemokratie auf- gestellten und von ihr allein ehrlich vcrfochtenen) Grundsatzes der Unentgeltlichkeit der Rechtspflege das denkbar Großartigste. Bisher betrug z. B. in Preußen der Urtheilsstempel 1 Proz., sank in der zweiten Instanz auf herab und fiel nur dem unterliegenden Theil zur Last. Jetzt aber muß der Rechtsuchende, der gar nicht einmal weiß, ob er von dem verurtheilten Gegner jemals einen Pfennig bekommen wird, die unendlich erhöhten Abgaben, welche der Staat auf die Rechtspendung legt, von vornherein vorstrecken, wenn er nicht den Exekutor im Hause haben will. Wie hoch aber diese Steuer ist, mag man auS folgendem ersehen: Wird eine Summe von 300 Mark eingeklagt, findet nur ein einziges Beweisurtheil statt und kommt die Sache in die zweite Instanz, so beträgt die auf die Rechtspendung gelegte Steuer im Minimum 82 Mark 50 Pfennige—(natürlich außer den Kosten der Anwälte!), also erheblich mehr als ein Viertel! Bei höheren Beträgen vermindern sich zwar die Prozent- sätze, aber arithmetisch wachsen die Summen! Unter solchen Um- ständen können nur noch sehr wohlhabende Leute daran denken, überhaupt ihr Recht zu suchen. Mit Rücksicht ans dieses schreiende Unrecht stellte der sozial- demokratische Abgeordnete im sächsischen Landtag, Genosse Freytag, in einer der letzten Sitzungen dieser Körperschaft den Antrag, ganze Mittheilung unleserlich zu machen. Für den allgemein« en Gebrauch sind derartige Systeme überdies schon des mit ihrer Anwendung verknüpften bedeutenden Zeitaufwandes wegen unge- eignet; denn so viel überflüssige Zeit, wie die Diplomaten, hat nicht Jedermann. Man hat deßhalb gesucht(der letztgenannte Grund fiel dabei allerdings am wenigsten ins Gewicht), Systeme zu konstruiren, welche mit der Sicherheit vor unberufener Ent- zifferung zugleich die Leichtigkeit deS Gebrauches perbinden, und ist deren gegenwärtig eine überaus reiche Auswahl vorhanden (das einzige Krohn'sche Chiffernbuch, 1873 in Berlin erschienen, enthält deren zirka 3'/, Tausend). Das die bezeichneten Anforderungen— daß eS leicht Hand« habbar und sicher vor Entdeckung sei— am meisten erfüllende Chiffernsystem ist indeß entschieden die sogenannte Lfliffre indä- chiffrable oder unentzifferbare Chiffernschrift. Da in unfern Tagen daS Bedürfniß deS Schutzes der Korrespondenz gegen Un- befugte in Folge der erhöhten geistigen Thätigkeit der Kultur- Völker, neben welcher aber die Gründe des gegenseitigen Ab- schließenS fortdauern, über den ursprünglichen Kreis der der Chiffernschrift sich Bedienenden, d. h. über die Diplomatie, längst hinausgewachsen ist und sowohl der Privat- und Geschäftsmann durch den sich immer öffentlicher gestaltenden Nachrichtenverkehr (Telegramme, Postkarten), als insbesondere auch der Politiker (d. h. der den Tagcsgewaltigen mißliebige, mithin vor allen der Sozialist) durch den sich immer schärfer zuspitzenden.Parteikampf, der in der Wahl der Kampfmittel immer weniger skrupulös und besonders daS Korrespondenzgeheimniß sowohl während alS nach der Versendung immer unsicherer macht, häufig die Chif- fernschrift nicht umgehen können wird: so wollen wir das ge« nannte System etwa« ausführlicher behandeln. (Fortsetzung folgt. beim Bundesrath auf eine Abänderung des Gerichtskostengesehes, bczw. der in demselben festgesetzten Kostenbeträge zu dringen. Freytag übte eine schneidige Kritik an den famosen Justizgesetzen und griff auch den sächstschen Justizminister wegen seiner, große Verwirrung im Gerichtswesen hervorrufenden Verspätung des Erlasses der Einführungsgesetze an. Der Minister gerieth in Verwirrung und Erregung und wußte nichts als einige ebenso nichtssagende als ungezogene Phrasen zu entgegnen, worauf ihn Frehtag derb zur Ordnung verwies und seine Anklage auf Unfähigkeit und Pflichlversäumniß wiederholte. Weiter- legte er einen Gesetzentwurf über das Gerichtsoollzieherwesen vor. Diese Beamten, welche von Amtswegen oft über enorme Summen zu gebieten und in ihrem Ressort entscheidende Voten abzugeben haben, erhalten nämlich nach den neuen Gesetzen trotzdem blas 360 THIr. Gehalt und gelten nicht als Staatsdiener, so daß der Staat für etwaige Unterschlagungen dieser Beamten nur theilweise haftbar ist. Freytag beantragt nun, daß die Gerichts- Vollzieher als Staatsdiener anzuerkennen seien, der Staat die Verantwortlichkeit' für ihre Handlungen zu übernehmen und ihre Befähigung zum Amte zu prüfen habe. Die Ausführungen Freytags waren so schlagend, daß sowohl ein fortschrittlicher als auch selbst ein konservativer Redner ihm beitraten und sein Antrag schließlich trotz des Ministers ein- stimmig angenommen wurde. Man darf sich natürlich nicht einbilden, daß dieser Beschluß den Bundesrath unmittelbar beeinflussen und zur Abänderuug des drülkmden Gesetzes führen v>ird: allein da man den Druck auch anderwärts empstndct und weitere Beschwerden nicht auf sich warten lassen werden, so ist der gemachte Anfang von nicht zu unterschätzendem Werth. Von politischer Bedeutung ist außerdem die Thatsache, daß es gelungen ist, die sonst so zahme sächsisch- Kammer in Opposition Zu einem Reichsgesetz zu bringen. Vor allem aber ist wichtig, daß die Jmziativc zu Beidem von der Sozialdemokratie ausging, welcher bei dem eventuellen Gelingen der auf Befreiung des Volkes von einer großen Bedrückung gerichteten Bestrebungen der Hauptver- dienst zufällt; und daß die„nur in der Negation starken" Sozial- demokratcn sich wieder als bessere Sachverständige, denn alle die alten Parlamentihelden und Gelehrtenzöpfe erwiesen und den moralischen Erfolg auf ihrer Seite haben! Man sieht, daß die Anwesenheit der Sozialdemokraten im Landtag doch nicht so ohne ist und daß sich die vielbesprochene » Eid".Formel rentirt. — Die Reichshülfe für die Samoainsclgesell- ichaft, welche wir neulich als wahrscheinlich bezeichneten, ist bereits zur Gewißheit geworden und die Presse beschäftigt sich !chon eingehend mit der Kultursähigkeit des Landes, der Art der bisherigen Benutzung und den möglichen Absichten der Negierung hinsichtlich desselben. Daß die Bourgeoispresse dabei gleich wieder an die Anlegung einer Strafkolonie denkt, wundert uns gar nicht, da der Besitz einer solchen ja schon oft genug als ein .dringendes Bedüisniß" bezeichnet und Frankreich um fem Neu- Kaledonien. Rußland um sein Sibirien-c. beneidet worden ist. Die Blätter erzählen, daß der Aufenthalt auf den Inseln für W-iße„sehr unzuträglich" sei, daß weiße Ansiedler nach mehr- lahngem Aufenthalt von Gliederschwellungen heimgesucht werden und daß dort die schreckliche Krankheit der Elephantiasis(un- formlichst« Anschwellung der Beine) herrsche; man sehe unter den ort lebenden Europäern fortwährend neue Gesichter, und viele verlassene Ortschäften, deren Bewohner an Seuchen dahinstarben, brtden ein deutliche« Warnungszeichcn. Kurz, da« Klima der «amoainseln ist ein für Europäer mörderisches. Dieser Umstand aber würde die genannten Inseln für die Anlegung einer Straskolonie für politische Verbrecher, d. h. mr Sozialdemokraten durchaus nicht untauglich machen, sondern im Gegentheil erst al« ganz besonders passend erscheinen. Man brauchte dann daS Sozialistengesetz nur dahin zu ergänzen, vaß Jeder auf Grund der ordentlichen Gesetze oder de« Sozia- "st-ngesetzes verurtheilte oder vielleicht gleich jeder von der Poltze, als der öffentlichen Sicherheit gefährliche Sozialdemokrat zu de- p°«iren sei. Die Sozialdemokraten würden sich dann auf ihren �n'eln zwar nicht(wie die Bourgeoispresse schon öfter« höhnisch bemerkte) gegenseitig auffressen, wohl aber vom Klima aufgefressen werden. Sie wären besorgt und aufgehoben, die alte Ruhe und .'Zufriedenheit" im Reich wieder hergestellt und die soziale Frage 'p'elend gelöst. Es ist freilich wahr, daß Cayenne und Lambessa den Sturz °e* Zweiten Kaiserreich» sowenig autgehaltm haben, al« Sibirien und die Bergwerke de» Ural die Zarcnherrschaft gefestigt und b'e.Nihilisten" ausgetilgt haben. Allein in Berlin ist man weit "uger. als an der Newa und Seine und was einem Bonaparte ö�ichah, kann unmöglich einem Hohenzollern geschehen. Also man Probire! -as Aerlin, 12. Januar. Die Presse aller Parteien liefert Ntgtäglich, ohne c« zu wissen und zu wollen, selbst die schne,- Jobste Kritik unserer wahnwitzigen Gesellschafls-.Oldnung. Man braucht blas ihre trockenen Tagesneu igkeitS-Rotizen an- «nander zu reihen. So berichten die Blätter über einen nächt- "ch-n Besuch, welchen die Polizei jüngst zur Unterrichtung der hier »«®,ubium anwesenden japanesischcn Polizeibeamten einigen , ffe-klappen und Pennen abstattete. In der ersten an der Prenz- auer- uud Hirtenstraßcn Ecke gelegenen bot sich den Eintretenden entsetzliche« Bild de» Elends und Jammers. In einem bumpfigen Pferdestall fand man ungefähr 50 Obdachlose zwischen '� Pferden und in den Krippen liegend. ES waren dicS die die für die Nacht 10 Pf. entrichteten. Die besser situirten, welche 20 Pf. aufwenden konnten, wurdm in einem Zimmer jegliches Mobiliar aufgefunden, welche« kaum 9 Quadrat- eter enthielt und in dem dennoch gegen dreißig Menschen İwmengepfercht waren. Der nächste Besuch galt dem A,yl für �°chl«s« in der Büschingstraße, auch hier zeigten sich Roth � Elend in ausgeprägtester Form. Wie der Inspektor deS Hause« erklärte, waren in dieser Nacht verhältnißmäß'g wenig Obdachlose, nämlich nur 526 Männer und 10 Frauen vorhanden. N dieser und zahlreicher ähnlicher, zum The.l noch v'el 'chUmmerer Thotsachen aber hat die von der Polizei und der »rmen-Kommission angestellte„Untersuchung" ergeben, daß der t j;?#: Jahr so bedeutend war, daß eine auch nur kleine Stet- gerung von den schlimmsten Folgen begleitet sein müßte. Und diese Steigerung sammt ihren Folgen ist thatsächlich eingetreten! Was aber die Behörde hinsichtlich der Abhaltung und Linde- rung des Nothstandes an Energie versäumt, das bringt sie dem Sozialismus gegenüber doppelt wieder ein. Es herrscht der vollständige weiße Schrecken und alle unsere bekannteren Genossen stehen in einem Maß unter Beaufsichtigung, daß sie fast keinen unbewachten Schriit thun können. Die Zahl der Ausweisungen hat sich abermals um drei vermehrt. Die Genossen thun das Möglichste, um das Elend der Angehörigen der Ausgewiesenen zu lindern; aber statt die Polizei froh wäre, daß wir die von ihr Ruinirten unterstützen, sucht sie uns auf jede Weise daran zu hindern— mit vollendeter Henkersbru>alilät streben unsere Feinde nicht nur darnach, die sozialdemokratischen Kämpfer selbst zu verfolgen, sondern auch ihre unschuldigen Angehörigen zu ver- derben und rettungslos dem Elend zu überliefern! So wurde jüngst eine in einer Privatwohnung veranstaltete kleine Weih- nachtsverloosung zum Besten der Familien der Ausgewiesenen von der Polizei unter großer Kraftemfaltung aufgehoben und die Veranstalter gleich Verbrecher unter Eskorte ins Polizeige- sängniß gebracht. Solche Rohheit kannte man selbst unter dem Dezemberkaiser nicht. — Pres de«, 5. Januar. Die Sozialdemokratie S ach- sens ist muthig und kampfcsfroh in das neue Jahr eingetreten. Nachdem sie sich an der Magdeburger Wahl im Dezember vor. Jahres mit Rath und Thal betheiligt hatte, tritt sie jetzt im 17. sächsischen Kreise in den Wahlkampf ein, da unser bewährte Genosse Bracke zu allgemeinem Bedauern in seiner Gesundheit so erschüttert ist, daß er im Einverständniß mit den Genossen sein Reichstagsmandat niederzulegen sich genöthigt sah. Als Kan- didat für diesen bisher unbesiegten Wahlkreis der Sozialdemokratie wird bekanntlich Auer auftreten, und die Genossen von Glauchau, Meerane, Hohenstein-Ernstlhal ic werden unbekümmert um So- zialistengesetze und andere Polizeigrillcn auch diesmal auf dem Posten sein, um so mehr, als sie eine Ehre darin suchen, zu dokumentiren, daß sie die über die Sozialdemokratie verhängte Acht ignoriren, gerade wie sie einst mit glänzender Majorität ihren Vertreter Bebel wieder wählten, nachdem der Richter demselben sein Mandat aberkannt hatte. Darin weiden auch die Jntriguen der Volksparteiler nichts ändern, welche sich jetzt nicht nur in Leipzig, sondern auch in Crimmitschau regen, und mittels der ganz einflußlosen„Leipziger Volkszeitung", wie mittels der „Crimmitschau-Meeraner Tagespost" Unfrieden in unfern Rethen stiften möchten, um Abonnenten und Anhänger für eine sogen. „Volkspartei" zu kapern, die ein Hirngespinnst des Buchhändlers Findel ist. Das eben genannte Crimmitschauer Blatt war früher Parteiorgan, fiel aber schon nach Protlamirung des Sozialistengesetzes um, wurde tendenziös, ja reaktionär, und verlangte trotz- dem Unterstützung von der Partei, nachdem es schon ganz be- deutende Summen verschlungen hatte. Es wurde ihm eine For- derung von 10,000 Mark verweigert, und nun nahm der be- kannte Advokat S ch r a p s, der unserer Partei gänzlich fern steht, daS Blättchen in die Hand und benützt es, mit Findel fraterni- sirend, als Waffe gegen uns. Seine Pfeile fliegen natürlich aus den Schützen zurück, denn unsere Genossen sind zu aufgeklärt, um für Findel'schen Fortschritt ihre Abonnementsgelder hinzugeben, und etwa sich als Stimmvieh für die mythische„Opposition«- Partei Forkenbeck" bcnützen zu lassen. Der ganze Erfolg der volksparteilichen Aktion ist, daß die Klatschblätter den Spieß- bürgern von einer„Spaltung" im sozialistischen Lager erzählen und ihm dadurch demonstriren können, daß es noch immer ein sozialistisches Heerlager gibt, obgleich aller Sozialismus streng verboten ist. UnS kann's recht sein.— Ueber den bewußten Werner, welcher in Berlin eine„nihilistische Druckerei" etablirte, werdm unS auS Leipzig einige interessante Mittheilungen gemacht. Werner trat oft in Versammlungen auf und betonte stets so provozirend daS Verlangen nach gewaltsamem Umsturz, daß er deßhalb von unfern Genossen oft tüchtig heimgeschickt werden mußte. Die Polizei hörte aber den aufreizendsten Brandreden Werners ruhig zu, und unternahm gegen ihn nichts, er mochte gegen da« Gesetz verstoßen, so viel er wollte. Werner war auch, wie in den Akten des Hödel-Prozesses konstatirt ist, der Freund und Lehrer des„Attentäters Sr. Majestät des Kai- serS". Die Berliner Polizei wußte dies, denn sie kennt jene Akten, aber sie wieL Werner nicht aus, sondern wartete ruhig» bis er einen Streich machte, den sie kurz vor Eröff- nung des Reichstags„entdecken" und damit die Verlängerung des Belagerungszustandes„rechtfertigen" konnte. Das gibt zu denken.— Hier in Dresden fährt die Polizei fort, sich mög- lichst wirkungsvoll zu blamiren. Am Sonnabend waren 8 So- zialistm in einem Restaurant„versammelt", wo sie Bier tranken und Billard spielten, als ein Polizist erschien, und anfragte, ob sie nicht vielleicht eine Versammlung de? Vereins„Sqchsengrün" wären. Natürlich folgte allgemeines Gelächter, denn die Frage war so drollig und der Mann machte ein zu komisches Gesicht dazu. Dennoch verwahrte sich der Polizist auch noch gegen die Heiterkeit, und meinte, man solle die Polizei nicht lächerlich ma- chen, man sei ja deßhalb schon„verwarnt". Wir sind aber gute Menschen und verzeihen solche Polizei-Belästigungen noch am ehesten, denn— Spaß muß sein und die Lächerlichkeit tödtet. Lhf. JIMS der 1. Januar. Auch in hiesiger Ge. gend leistet die Polizei ihr Möglichste« in Sozialistenverfolgung. So fanden in Speyer, Ludwigshasen, Lambrecht, Haßloch und Friesenheim Haussuchungen nach verbotenen Schriften statt. Mehrere Anklagen wegen Verbreitung derselben wurden anhängig gemacht, jedoch erfolgte in allen Fällen Freisprechung. Daß diese Polizeischikanen nichts nützen, beweisen am besten die kürz- lich hier stattgehabten Gemeinderathswahlen, wobei zum ersten Male in verschiedenen Orten Arbeiter, resp. Sozia- listen als Kandidaten aufgestellt und theilweise auch gewählt wurden, was unsere Spießbürger in keine geringe Auf- regung versetzte. In Lambrecht, woselbst die Arbeiter einen gläu- zenden Sieg erkämpften, rächten sich die dortigen Fabrikanten auf die schurkischste Weise, indem sie 15 in den Stadt- rath gewählte Arbeiter bei Bedrohung mit Ent- lassung zwangen, ihren Austritt au« demselben zu erklären!! Mehrere bekanntere Sozialisten, welche bei der Wahl thätig waren, sollen ohne alle Rücksicht aus sämmtli- chen Fabriken Lambrecht« verbannt sein. Ob diese Ausbeuter nicht daran denken, daß sich dieS alle» einmal fürchterlich rächen wird? Selbst gegnerische Blätter sprechen ihr Mißfallen über obige Zustände aus und bemerken, daß der Klassenhaß in obigem Städtchen einen Höhepunkt erreicht habe, wie in wenigen Orten Deutschlands. Wer aber diesen Haß anfacht und schürt, da« verschweigen diese Blätter wohlweislich I ? Keutkinge«, 2. Januar. Bei den Wahlen zum Gemeinde» rath hat auch hier— wie sich wohl erwarten ließ,— wie im an- dern Schwaben im großen Ganzen das liberal-conlervative Chamäleon den S-eg errungen; der demokratische GeniuS sitzt verhüllten Hauptes auf dem Grabe seines GlückeS und in- tonirt mit Viktor Scheffel:„Nun bleichen meine Wangen, das Blatt hat sich gewandt." In Eßlingen dagegen sind von sieben zu wählenden Gemeinde räthen fünf durchgekommen, die auf unserem Programm gestanden. Gewiß ein Erfolg, der nicht zu verachten ist. Uebrigens hatten wir auch hier in Reut- lingen eine Liste aufgestellt, aber mit geringem Erfolg: Genosse Karl Fe hl eisen erhielt circa 80 Stimmen, Walz 60«.— Die letzte Correspondenz von hier(mit„JustinuS" unterzeichnet) wurde von unbekannter Hand dem großen Stuttgarter„Demo- kraten" 1. zugeschickt(die Sicherheit des ManneS verbietet die Nennung des Namen» I), der sofort die betr. Nummer an die hiesigen Demokraten sandte und sie in Auffuhr setzte. Abgesehen nun davon, daß Herr I. sich dadurch eines fürchterlichen Ver- gehens gegen daS Sozialistengesetz(Verbreitung verbotener Schrif- ten) schuldig gemacht, so ist jeder Parteigenosse der Ueberzeugung, daß jenes in der betr. Korrespondenz gerügte Versahren der Demokraten gegen uns mindestens sehr— unbrüderlich ist! Die demokratische Partei wird sich zwar für die„Brüder" in der Blouse bedanken; hat ja bei einem Diskurs über den Plötz- lichen Brand einer großen Fabrik ein gewisser„Demokrat" kurz- weg die Aibeiter als Brandstifter und— auch„demokratisch" I— im gewöhnlichen Leben al» Kanaillen bezeichnet! Und da spricht man noch von Kompromissen, von Vereinigung der beiden Parteien! Zum guten Glücke sondert sich die demo- kratische Partei in zwei Lager: daS eine mit dem Gros de» blinden und traditionellen„Stimmviehs" wird in den Stall der Ordnungsesel hinübertrotten; der andere, freilich geringe, aber intelligente Theil, der schon längst Sympathie mit unfern Ten- denzen hatte, schlägt sich zu uns und gilt unS mehr, alS die große und bornirte Masse dieser Partei. Nun ein dringender Vorschlag mit Exempel: Vor einigen Tagen fuhr ich eines Abend» auf der Bahn und es stiegen einige offenbar nicht glänzend situirte Arbeiter, Stein- Hauer, Maurer ic. ein, um die paar sauer ersparten Groschen nach Haus zu bringen und sich bei Weib und Kind an den Feiertagen von dem Schweiß ihres täglichen Joches auszuruhen. Wie war ich aber bitter überrascht, als diese Leute— kaum gegen die Kälte genügend verwahrt—„patriotische" Lieder, u. a. die„Wacht am Rhein" begannen. Die Wacht am Rhein— und Proletarier! Wäre eS da nicht im Interesse unserer Prinzipien und ebenso ganz ohne Gefahr gewesen, bei Verlassen de» Waggons diesen Leuten eine sozial!- stische Schrift in die Hand zu drücken? Und so giebt es noch tausend Fälle, wo mit Erfolg unseren Tendenzen beim Volke Ein- gang zu verschaffen ist! Der einzige Haken ist der Mangel einer solchen Brochüre, die vermöge geringen Preises allen deutschen Genossen zur GratiS-Vertheilung zu Gebot stände. Meiner Meinung nach wäre eS am besten, in Masse von vielen tausend Exemplaren ein Flugblatt herzustellen, daS in be- lehrendem Tone dem Leser verschiedene Fragen vorlegt, sie zum Denken bestimmt und die Hauptpunkte unseres Programms übersichtlich enthält. Aber, wie gesagt, sollte die Schrift nur als Flugblatt, nicht alS Broschüre erscheinen, und sich dadurch zur Verbreitung in Masse eignen. Wir empfehlen den deutschen Parteigenossen diese Idee aufS Dringendste! ei. Wikhekmshave«, 9. Januar. Auch wir hier in der jüngsten Stadt de8 Reiches haben kürzlich eine Art Belagerung«- zustand erlebt. Aber die Ursache waren in diesem Fall nicht die Wühler und Untergraber, sondern vielmehr die Stützen der heu- tigen Gesellschaft, nämlich ein Theil unserer hoffnungsvollen kai- serlichen Marine. Eines Morgen« entdeckte man in einer Ka- ferne, daß die MontirungSkammer vollständig geräumt war. So- fort wurde mit asienartiger Geschwindigkeit die Kaserne von an- dern Abtheilungen der Marine ringsum belagert, und zwar von 18 Doppelposten mit geladenem Gewehr, welche den strengsten Befehl hatten, weder Jemand hinein- noch herauszulassen. Bi» heute Abend ist dieses strenge Verfahren und alle sonstigen Maß- regeln vollkommen erfolglos gewesen; denn der Dieb ist in Ge- statt eines BootSmannSmaaten unter Mitnahme noch weiterer Werthgegenstände und Gelder verschwunden.— Nicht weniger interessant ist ein anderes Stückchen. Am ersten Weihnachtsfeier- tage erklärte der Kapitän-Lieutenant v. Raven seiner Abtheilung, daß er das der Mannschaft für diesen Tag zukommende Brod an die Nothleidenden in Schlesien senden würde, indem er an- nehme, daß Alle damit einverstanden seien; sollte aber dennoch Einer darunter sein, der sein Brod haben wolle, der solle e» sich auS der Wohnung des Herrn Kapitäns abholen. Natürlich fügte sich Alles der militärischen Zwangsspende für die Nothlei- denden. Daß aber auch der Herr Kapitän ein ergiebige« Schecf« lein beigetragen, etwa sein Gehalt für den Dezember zum Un- terstützun gszweck zur Verfügung gestellt habe, ist nicht bekannt geworven. So muß immer und überall der Arme den Schaden tragen, und nicht genug, daß er selbst ausgezogen wird, muß er auch seine gleich ihm ausgezogenen Brüder unterstützen, während der Reiche nichts thut. Geflerreich-Zlngar«. * Knapp vor Schluß deS alten Jahres ist endlich nach langem vergeblichen Verhandeln und„Handeln" der Regierungen der drohende Zustand der vollständigen Handelsvertrags- losigkeit zwischen Oesterreich und Deutschland noch abgewendet worden, indem der alte Vertrag von 1878 auf ein halbes Jahr verlängert wurde. Die Bestimmungen über daS Appreturverfahren, den Rohleinenverkehr, sowie die Unzulässigkeit der Beschlagnahme von Eisenbahnmaterial aber wurden aufge- hoben und werden die Bestimmungen über die beiden erstem fortan von beiden Staaten autonom festgesetzt werden. Die Früchte dieses Sieges der Schutzzöllner beginnen sich bereits zu zeigen. Oesterreich hat den ersten Schritt zur Abschaffung des Appreturverkehres mit Deutschland schon gethan, indem es die freie Wiedereinfuhr veredelter Gewebe nur noch sechs Monate gestattet und nach Ablauf derselben sür die zum Bedrucken aus- geführten Baumwollmaaren bei ihrer Wiedereinfuhr einen Appre- turzoll einführt. Durch die Aufhebung des Appreturverfahrens wird den böhmischen Baumwolldruckerei-Besitzern ein Monopol geschaffen, dagegen die deutsche und namentlich die große elsäs- fische Kattunindustrie empfindlich schädigt. Am allerschwersten aber werden natürlich wieder die Arbeiter getroffen, da in dieser Zeit der ohnehin schon so spärlichen Erwerbsgclegenheit eine Anzahl von Druckereien geschlossen und dadurch die bisher in denselben beschäftigten Arbeiter arbeitslos gemacht werden. Bereits hat eine Augsburger Druckerei beschlossen, ihren Betrieb einzustellen und andere werden folgen.— Die deutsche Regierung bleibt die Antwort auf diesen Schachzug natürlich nicht schuldig. Die bisherige zollfreie Einfuhr von Rohleinen aus Oesterreich ist bereit? aufgehoben und werden nur vielleicht vorläufig noch einige Erleichterungen gestattet. Diese Maßregel wird auf die österreichischen Weber dieselbe Wirkung üben, wie die Aufhebung des Appreturverfahrens auf die deutschen Kattundrucker. Die armen Weber, deren geringer Lebensunterhalt eine so traurige Berühmtheit erlangt hat, werden neuerdings getroffen, die Löhne werdm noch mehr herabgedrückt, die Arbeit noch seltener. Kurz, der Erfolg der ganzen„Handelvereinbarung" wird für Tausende deutscher und österreichischer Arbeiter von den verderblichsten Fol- gen sein. Und das Alles nur, damit ein paar Dutzend Fabri- kanten und Kapitalisten ihren Schnitt machen können. Wer da nicht einsieht, wie„harmonisch" die Interessen von Kapital und Arbeit sind! — Ausfig, 7. Jan. Was jetzt innerhalb der schwarz-gelben Pfähle für unS Sozialdemokraten„Rechtens" ist und wie unsere Behörden das Bismarck'sche Sozialistengesetz auch ohne jede ge- sctzgeberische Anstrengung überbieten, mögen Sie aus folgender fast unglaublicher Thatsache ersehen. Als jüngst wieder eine Sendung unserer Parteiblätter aus Reichenberg(wo außer dem nordböhmischen Organ„Arbeiterfreund" auch das neue Central- organ„Volksfreund" erscheint) hier ankam, wurde dasselbe sofort nach seiner Ankunft kurzer Hand von der Bezirkshauptmannschaft beim Buchhändler abgeholt. Außerdem wurde der letztere inqui- rirt, ob er nicht gewisse sozialistische Kalender habe, worauf der Buchhändler seine sämmtlichen Kalender auf die Behörde schickte, aber bald gnädig wieder zurückerhielt, da darunter nichts Staats- gefährliches gefunden wurde. Dagegen erklärte die Bczirkshaupt- Mannschaft, daß die Parteiorgane von den Abonnenten bei ihr selbst abgeholt werden müßten, wahrscheinlich damit man die sozialdemokratischen Bösewichter kennen lernen und auf sie Druck ausüben kann. Run, wir werden uns nicht scheuen, uns den Herren zu zeigen; aber sind solche Maßregeln nicht niederträchtig? Dazu wird auch die Post selbst immer unsicherer und das„Ver- lorengehen" von Briefen von hier nach Reichcnberg und andern Orten wird immer häufiger, so daß die Genossen zur größten Vorsicht im Schreiben und Adressirm ermahnt werden müssen.— WaS unsere Presse betrifft, so ist es kaum mehr bemerkenswerth, daß die erste Auflage jeder Nummer unserer Organe konfiSzirt wird; das ist schon gewissermaßen eine„berechtigte Eigenthüm- lichkeit". Aber interessant ist, daß der„Arbeiterfreund" neulich u. A. wegen eineS Artikels beschlagnahmt wurde, der der„Ham- burger Gerichtszeitung" entnommen war— ein aklatanter Beweis, daß wir bereits noch unter dem Niveau des deutschen Ausnahmegesetzes stehen! Aber in Oesterreich und speziell in Böhmen ist auch das unverschämteste Handeln der Polizei„ge- setzlich" gerechtfertigt. Wahrlich, Steine möchten ergrimmen ob solch schändlicher Willkür und freigesinnte Männer möchte es vor Scham und Wuth das Herz erdrücken, daß sie sich derlei Schändlichkeiten noch immer geduldig fügen müssen. Wie lange wird sich das Volk diese unerträgliche Tyrannei noch ungestraft gefallen lassen?! H. One. Ara«Kttich. Lx lentis, 8. Januar. Wenn man die Dinge in un- serer opportunistischen Republik oberflächlich nur von ihrer glän- zend lackirten Außenseite betrachtet, möchte man das heutige Re- gierungSsystem— sofern e« erlaubt ist, den Prinzipien- und charakterlosen Opportunismus ein System zu nennen— bis- weilen wirklich für das halten, als was es sich selbst aus- gibt: für die beste aller bis jetzt dagewesenen und möglichen Regierungen. So prahlt jetzt wieder die gouvernementale„re- publikanische" Presse damit, daß die Steuern im abgelaufenen Jahre ungefähr 140 Millionen' Mehrertrag geliefert hätten, wo- mit sie die zunehmende wirthschaftlichc Prosperität für erwiesen halten. Wer aber die Sache genau ansieht und kennt, weiß, daß von einer Besserung der ökonomischen Verhältnisse keine Rede und daß der Arbeitsmangel und das Elend der besitzlosen Klassen hier und in der Provinz größer denn je ist. Trotzdem aber scheut sich die Regierung nicht, durch ein enormes Hinauf- schrauben der auf sehr elastischer Grundlage basirenden Steuer- rollen dem armen Volk jene„Mehrerträge", welche dann von der Kammer wieder gewissenlos verschleudert werden, abzupressen! Eine Besserung ist indessen hier wie in andern Dingen erst von der künftigen Kammer, d. i. von den Neuwahlen, welche dieses Jahr stattfinden müssen, zu erwarten. Damit dieselben aber wirklich eine Aendcrung zum Bessern und eine wenigstens allmälige Erleichterung des fürchterlichen heute auf dem Volke lastenden Druckes bringen, ist es noth- wendig, daß die vom Marseiller Kongreß beschlossene Gründung einer Arbeiterpartei eine Thatsache werde und daß sie es bald werde. Es ist kein Augenblick mehr zu verlieren, denn noch ist sehr wenig gethan, namentlich was das brüderliche Zu- sammenstehen der verschiedenen Schulen und Gruppen betrifft, in welche hier zu Lande die Arbeiterbewegung zum Verderben des Volkes und zum Vortheil der Unterdrücker bisher leider ge- spalten war. Doch machen sich jetzt vielerorten erfreuliche Ver- suche zur Anbahnung besserer Verhältnisse geltend. So ist auf den 13. Januar in der Salle des Ecoles, 3 nie d'Arras, eine große Arbeiterversammlung anberaumt, in welcher über die Mittel berathen werden soll, wie der Marseiller Kongreß. beschluß der Bildung einer sozialistischen Arbeiterpartei Frank- reich« am Besten ausgeführt werde. Auch in Bordeaux sollte eine ähnliche Versammlung abgehalten werden gelegentlich des Rechenschaftsberichtes des dortigen Delegirten zum Marseiller Kongreß, des energischen Roche. Die Versammlung wurde aber mit den Mitteln einer korrupten Polizei hintertrieben, indem auf die Wirthe eine Pression ausgeübt wurde, um sie an der Her- ausgabt ihrer Lokale an die Sozialisten zu hindere Die Polizei kann eben solche Gewaltstreiche in Frankreich wie in Deutsch- land sowenig lassen, als die Katze das Mausen. Wenn man sich davon schützen will, gibt es nur Ein Mittel: ihr den Rest zu geben!— Angesichts des schrecklichen Ergebnisses der Statistik, daß drei Viertheile der konskribirten, d. h. von den Annenbureau's unterstützten armen elternlosen Kinder im Kindesalter sterben, während der größere Theil des am Leben bleibenden Viertels auf die Bahn des Verbrechens getrieben wird, hat das Mini- fterium des Innern Anordnungen getroffen, um diese gräßlichen Verhältnisse wenigstens einigermaßen zu verbessern. Die Zahl der Armeninspektoren soll vermehrt und außerdem sollen Unter- inspektoren bestellt werden, welche speziell die Obsorge für die armen Säuglinge zu übernehmen haben. Die Gesellschaft der Frauenrechte(deren Vorsitzende unsere vom Marseiller Kongreß her bekannte Genossin Hubertine Auclert ist) wandte sich nun mit einer Vorstellung an das Ministerium, in welcher sie das- selbe auffordert: erstens die staatliche Protektion auf alle unter- stützungsbedürftigen Kinder bis zum 18. Jahr auszudehnen und weiter, mit der Obsorge für die armen Säuglinge sachverständige Personen, d. h. Frauen zu betrauen.„Wir hoffen, so schließt die Vorstellung, daß man unfern gerechten Ausstellungen Folge geben und dadurch bewirken wird, daß die staatliche Fürsorge sür die hilflosen Kinder nicht länger ein Spott sei, durch den die Verwaisten entweder zum Entbehrungstod verurtheüt oder nach einigen Zuckungen des Lebens dem Brandmal der Zucht- Polizei oder der Schmach des Schwurgerichts überliefert werden. Die verlassenen Kinder sind die Kinder der Republik, und diese hat die Pflicht, sich derjenigen, welche keiner Familie angehören, als gute Mutter annehmen und ihre körperliche, geistige und sittliche Entwicklung zu sichern." Itakie«. * Aus Florenz erhalten wir die freudige Nachricht, daß die sämmtlichen 14 Angeklagten des berüchtigten Monstre-So- zialistenprozesseS, wie zu hoffen war, freigesprochen worden sind. Das kunstreiche Gebäude der polizeilichen und staatsanwaltlichen Erfindungen war während der Verhandlungen durch die Angeklagten und die Vertheidigung so gründlich zu- sammengestürzt, daß die Richter trotz Beeinflussung von oben eine Verurthcilung nicht über sich gewinnen konnten. Wenn eS für die Sozialisten heutzutage ein Recht gebe, dann hätten jetzt der Untersuchungsrichter, die zwei Staatsanwälle und der Polizei- inspektor, welche sich zur Verurthcilung von 14 Unschuldigen verschworen und dieselben 15 Monate lang der Freiheit beraubt haben, auf der Anklagebank Platz zu nehmen und die wohlver- diente Strafe zu empfangen. Aber so weit sind wir noch nicht, weder in Italien noch in Deutschland. Hroßöritannien. * Wohin immer wir sehen mögen und Elend, Jammer und Unglück erblicken, das Betrüger und Geistesbeschränkte auf den Willen eines allmächtigen und allliebenden(!)„GotteS" zurückführen,— fast überall, in mindestens neunzig unter hun- dert Fällen, erkennen wir als Ursache nicht einen„Zufall" oder eine Nothwendigkeit, sondern lediglich die allem Recht und aller Vernunft Hohn sprechende Organisation unserer heutigen Gesell- schaft und die daraus entsprungenen Institutionen. Man gehe nur einmal die großen Unglücksfälle des vergangenen Jahres durch. Die Katastrophe von Szegedin, welche 8000 Menschen das Leben kostete, eine ganze Stadt vom Erdboden hinwegspülte, viele Tausende von Morgen Ackerlandes auf lange Jahre hinaus der Kultur entzog und ungezählte bewegliche Werthe vernichtete: sie wurde durch die unsinnige Theiß-, Regulirung" verursacht, an welcher die Kopflosigkeit und vor Allem der schmutzigste Egois- muS der vereinigten Kapitalisten und Großgrundbesitzer die Schuld trägt. Die schlagenden Wetter von Frameries(Belgien) und Zwickau, von denen erstere 122, letztere 90 Bergarbeiter tödtc- ten, fallen der von den profitwüthigen Grubenbesitzern vernach- lässigten Ventilation zur Last. Die grandiosen Ueberschwemmun- gen des Murciathales in Spanien mit ihren 1200 Menschen. opfern sind zum größten Theil durch den seit Jahrzehnten von den Privateigenthümern wie vom Staat selbst betriebenen syste- matischen Waldraubbau hervorgerufen worden. Und mit dem jüngsten schrecklichen Bahnunglück zu Dundee (von dem unsere Leser längst durch die Tageszeitungen Nachricht erhalten haben) verhält es sich nicht anderS; auch an ihm trägt den angestellten Untersuchungen zufolge die gewissenlose Habsucht des Kapitals die Hauptschuld. Es stellt sich heraus, daß die grandiose Brücke(3 Kilometer lang), welche über den mehr einem Meeresarm als einem Fluß gleichenden Tay führt, zum Zweck der Kostenersparniß viel zu schwach und in ge- radezu konstruktionswidriger Weise ausgeführt war. Wurde s. Z. bei der Projektirung schon die gewählte Pieilerkonstruktion von Sachverständigen für bedenklich gehalten, so war das noch viel mehr der Fall hinsichtlich der großen„Oekonomie" in den Stärkedimensionen der überaus dünnen, schlotsteinähnlichen guß- eisernen Pfeiler. Man sagte im Voraus, daß die Brücke der vereinten Gewalt des in jener Gegend häufigen Sturmes und des Gewichtes eines Eisenbahnzuges kaum lange werde wider- stehen können. Allein die Brücke wurde nach dem billigeren Plan aus- geführt. Mindestens hätte bei der mangelhaften Sicherheit der Brücke während des Sturmes der Dienst eingestellt werden müs- sen. Der Zugführer des letzten Zuges, welcher dem verunglück- ten Eisenbahnzuge voranging, machte auch den Stationsvorstand auf den Ernst der Gefahr aufmerksam und erklärte, er für sei- nen Theil würde lieber tausend Pfund Sterling ausschlagen, als noch einmal bei solchem Wind über die Brücke fahren. Aber durch eine zeitweilige Dienstcinstellung würde ja der Bahngesell- schaft ein Gewinn entgehen! Also wird der Nachtzug trotz alle- dem auf die vom wüthendsten Orkan umkämpfte Brücke geschickt. Aber er kommt nur bis zur Mitte. Dort wird er durch die Gewalt des SturmeS und das Wanken der Brücke aus den Schienen und gegen die Einfriedung geschleudert; die schwachen Brückenpfeiler vermögen der Gewalt des Sturmes und dem un> geheuren Gewicht des ZugeS nicht mehr zu widerstehen— ein den Sturm überdröhnendes Krachen—— und die Brücke bricht zusammen und mit ihr stürzt der ganze Zug mit hundert Menschen spurlos in den Strom! Wie lange wird die Gesellschaft einen Baum, welcher so gif- tige, mörderische Früchte zeitigt, noch dulden und seine entsetzliche Wirksamkeit weiter entfalten lassen?! — Die Bewegung in Irland, weit entfernt abzunehmen, wächst mit jeder Woche und namentlich mit dem Fortschreiten des Nothstandes unaufhörlich. Tagtäglich kommt es zu Ausbrüchen der Volkswuth gegen die Landlords, die Landagenten, die Polizei die sich nicht an der Bewegung betheiligenden Pächter und sind die Haufen der Demonstranten meist so groß und so entschlossen, daß die Behörde nichts ausrichten kann. In Carraroe in West- Irland kam es zu einem blutigen Zusammenstoß des Volkes mit der Polizei. Als mehreren Pächtern Ausweisungsbefehle zugestellt werden sollten, griff daS Volk die Gerichtsdiener sammt ihrer Polizei- bedeckung von mehr als hundert Mann an, prügelte die ersteren und überwarf die letzteren mit einem Stein- und Prügelhagel. Schließlich ging die Polizei mit der blanken und der Feuer- waffe vor, wobei es auf beiden Seiten zahlreiche Verwundungen gab. Indessen mußte die Polizei unverrichteter Sache wieder abziehen. Der ganze Distrikt s�fl sich im hellen Aufstande befinden und die Regierung fürchtet, daß sich derselbe schnell weiter verbreiten könnte. Ein größerer'Aufstand in Irland käme ihr jetzt sehr un- gelegen, da sie wegen der Kriege in Afrika und Asien nur wenig Truppen verfügbar hat. So sehr wir aber auch mit unseren Sympathien die unterdrückten Jrländer in einem Kampfe gegen ihre Peiniger begleiten würden, so zweifeln wir doch aus verschiedenen Gründen, namentlich aber wegen der unter den irischen Landleutcn herrschenden Zielunklarheit und dann wegen des kolossalen Einflusses des einem gewaltsamen Kampf abgeneigten katholischen KleruS daran, daß es zu einem allgemeinen Auf- stand kommen wird. Das Volk in Irland muß gleich dem in Deutschland und anderwärts erst durch die Gewalt der sich ent- wickelnden Ereignisse aus zahlreichen verschiedenartigen uud einander widerstrebenden und paraliflrenden Theilen mehr zu einer Homo- genen, zielbewußten Masse zusammengchämmert werden, bevor ei seine Kraft einmüthig und mit Erfolg geltend machen kann. Südamerika. * In der Hauptstadt von Brasilien, Rio de Janeiro, sind aus Anlaß der Einführung überaus drückender Steuern ernstliche Unruhen ausgebrochen. Dieselben wurden jedoch in gewohnter Gewaltherrschcrweise mit Waffenmacht unterdrückt, wobei es zahlreiche Verwundungen und Verhaftungen gab. Unter den nachträglich Verhafteten sollen sit auch einige Mitglieder der dortigen Arbeiter Union befinden, welche jedoch an der ganzen Bewegung nicht betheiligt zu sein erklären. Es scheint demnach, als ob die brasilianische Regierung blos die gute Gelegenheit benützen wollte, um die ihr lästigen Au- Hänger des SocialiSmus i» ihrem Lande niederzutreten, was ihr aber hoffentlich ebensowenig gelingt, wie ihrer deutschen Kollegin. — r Augsburg, 12. Januar. Einer unserer treuesten und aufopferungsvollsten Mitkämpfer ist nicht mehr. Genosse Jakob End res ist heute Vormittag nach kurzem Krankenlager gestorben. Seit dem Jahre 1867 stets in den vordersten Reihen der Partei stehend, hat er sich durch sein muthiges, opferfreudiges Wirken für die Sache der Arbeit die Achtung von Freund, wie Feind erworben. Vor seinem Tode mußte er noch den Schmerz erleben, sich vollständig ruinirt zu sehen, denn er hatte sein kleines, müh- sam erarbeitetes Vermögen der Parteisache geopfert und hinter- läßt seine Familie in den bedrängtestcn Verhältnissen. Ehre seinein Andenken! Abonnements auf den„Sozialdemokrat" werden ausser beim Verlag und dessen bekannten Agenten— sowohl auf einzelne Monate als ganze Quartale— jederzeit entgegen genommen bei folgenden Filialen Budapest kraukel. VlI, Lmdengasse 26, Thür 28. T a AT» V. Hoffmann, 59 Wardour Street, Oxford Street, lata LOIlQOn pnnces Street W. H. Rackow, 120 Islington High Street. Püfia Binm, 66 nie Montorgueil. 1 diilo Trapp, 65 nie de Madame, Hotel Baldrian. Voss, 6 nie de Levis. Antwerpen fk Coenen, 6 Meistraat. Brüssel Troni, 81, rue de Six-Jetons. V erviers � Elias, Buchhandlung, 136 rue Spintay. Lüttlcll Friedrich Hammosser, Rue Potierue 20/11. New-York Jonscher, 283 E. Houston Street. St. Louis Mo. Gebr. Hermlngshaus, 1711 Franklin Avenue. 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