Hrschemt «»ch.Atlich«inmal in Zürich(Schweiz) Kerl», A. Herter, Znduftriehalle RieSbach-Ztirich #*# aknrn;« fitnco atjen franc». >ewthi»lich« Briese nach der Schwei, losten Doppelporio. R? 3. Der SoMidemoKmI Internationales Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge Sonntag, 18. Januar. Aöonuemeuts werden nxr beim«erla, nnd dessen belannten Agenten ent- gegengenommen und zwar zum voran», ahlbaren Lierteljahrdprei» von: Fr. 2.— für die Schwei,(streu, band) MI. 3.— für Deutschland(Souvery st. l. 70 sür Oesterret«(«louvert» Fr. 2. 50 für alle übrigen Länder de! Weltpostverein!(streu, b«nd>. Zistrite Die dreigespaltene Petit, eile »5 Et!.- 10 Psg. 1880. Ali» i> die Korrespolldeitell und Abmenien de«„Soziildemikrit". Da der.Sozialdemokrat' sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten ist, bezw verfolgt wird und die dortigen Behörden sich alle Mühe geben, unsere Perbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp. Briefe von dort an unS und unsere Zeitung?- und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äußerste Vorsicht im Postverkehr nothwendig und darf keine Vorsichtsmaßregel versäumt werden, die Briermarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt der Sendungen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen. Haupterforderniß ist hiezu einerseits, daß unsere Freunde so selten als möglich an den.Sozialdemokrat', resp. dessen Verlag selbst adresfiren, sondern sich möglichst an irgend eine unverdächtig Adresse außerhaW Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche sich dann mit uns in Verbindung setzt; anderseits aber, daß auch uns möglichst unverfängliche Zustellungsadressen mitgetheilt werden. In zweifelhaften Fällen empfiehlt sich behufs größerer Sicherheit Rekommandirung. Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um trotz aller ent- gegenstehenden Schwierigkeiten den. Sozialdemokrat' unfern Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern. Ein Bild aus unserer Gesellschaft. Vor wenigen Tagen ging die erfreuliche Nachricht durch die ganze Presse, daß das großartige Werk der Gottharddurchbohrung trefflich vorwärts fchreite und binnen Kurzem seiner Vollendung entgegengehe. Nur mehr 400 Meter Gestein sind zu durch- brechen, und die von der Urner Seite aus im Schöße des Verg riefen wühlendm Arbeiter hören bereits die Sprengschüsse ihrer von der Tessiner Seite her vordringenden Kameraden. Nicht lange mehr, und die letzte sie trennenve Scheidewand wird fal- len, die von den beiden Ausgangspunkten des Tunnels einge- fahrenen Arbeiter werden sich taufend Meter unter Tag die Hände reichen; und kurze Zeit darnach werden Taufende und Abertausende ihren Spuren folgen und die Welt wird eine wich- tige Verkchrsstraße me.r besitzen, auf welcher sich der Völkcrver- kehr um so Vieles schneller und bequemer vollzieht,— ein neuer Sieg menschlicher Arbeit und Wissenschaft, ein neuer, fortwirken- der Sieg der Kultur! So zeigt sich des Werkes glänzende Außenseite, und die Welt freut sich darüber. Nur Wenige aber bemerken über so viel Licht den Schatten, den großen, schwarzen Schatten. Wie Viele gedenken, wenn sie die freudige Nachricht jetzt, nnd später die noch freudigere des vollkommenen Gelingens lesen, Derer, welche durch ihrer Hände Fleiß und ihres Körpers Schweiß, durch das Opfer ihrer besten Kräfte den Gedanken der Wissenschaft zur Ausführung brachten und dies kühne Werk schufen? er denkt daran, wer frägt darnach, wie es ihnen geht, welchen Lohn sie für ihr Schaffen im Dienste der Menschheit erhalten, wie sich der Segen der Kulturarbeit an ihnen bewährt? Tiefes Schwei- gen! Für derlei prosaische Dinge interessirt sich unsere vortreff- liche Gesellschaft nicht; die Leute werden abgelohnt, thun dafür ihre Pflicht und damit ist die Sache glatt— das Uebrige, Abrackerung, Elend u. s. w., ist Sache der ihre Maare Arbeits- kraft nach dem Marktpreis Verkaufenden und geht die Gesellschaft nichts mehr an. Wir aber, die wir nicht zu den Herrschenden der heutigen Ge- sellschaft, sondern gleich den armen Gotthardarbeitern zu dem ar- beitenden Volke gehören, wir wollen über dem Werk nicht den Schöpfer vergessen, und einmal durch das glänzende Aeußere hindurch in das dunkle Innere sehen, aus der Höhe der kapita- listischen Selbstsucht, Gewissen- und Gedankenlosigkeit hinabsteigen zur Stätte der selbstlosen, gcknechietcn Arbeit. Und waS wir da sehen, ist Grauen, und was wir hören, Seufzer, und was wir riechen, Leichengeruch— Jammer und Elend überall! Die Hitze tief drinnen im Stollen ist so groß, daß die im Dienste verwen- deten Pferde zu Grunde gehen; aber die Arbeiter müssen ohne Rast und Ruh weiterschaffen.„Fürwahr, ruft selbst ein nicht- sozialistisches Blatt, die„Alpenpost" aus,— wenn irgendwo, be- wahrheitet sich da die Thatsache, daß Diejenigen, denen bei der Ausführung eines großartigen Gedankens weitaus das meiste Verdienst zukommen sollte, die Früchte ihres Schaffens am we- nigstcn genießen. Wie viele von den Tausenden, die nach ein- ander„vor Ort" in der Nacht des Gesteins bohrten und spreng- ten, die bald im Wasser, bald im Dampf der Sprengladungen, stets aber im Schweiß arbeiteten, mögen den festlichen Tag, der die Gotthardbahn eröffnet, erleben und mitfeiern? Weitaus die meisten sind in alle Welt zerstreut— ja von der ersten Mi- neurgarde soll nur ein Einziger bis jetzt ausgehalten haben. Und wie Viele sind auf ihrem Posten gefallen— wie manch junges, frisches Leben ward bei dem großen, schweren Werk das Opfer deL Verhängnisses.. I" Wir lassen den Anhang zum letzten Satz:„sehr oft durch eigenes Verschulden" weg, denn er paßt nicht recht zur menschen- freundlichen Tendenz des Vorhergesagten und er paßt noch we- niger zur Wirklichkeit, da eS doch längst konstatirte Thatsache ist, daß den Arbeitern im Tunnel nicht die Zeit gegönnt wird, um stete mit Sicherheit spätere Entladungen von Sprengschüssen ab- zuwarten sie durften nicht einmal warten, bis die giftigen Gase sich nur einigermaßen verzogen hatten. Ja, sie gehören zu den Vergessenen, die ihr Leben im dunkeln Stollen verloren haben, oder die darin zum Krüppel geworden sind, oder die man zusammengeschossen hat, als sie eine bessere Ventilation und ehrlichen Lohn für ehrliche Arbeit verlangten. Die Thränen der Mütter, die ihre Söhne, die Thränen der Frauen und Kinder, die ihre Ernährer beweinen, sind ihr einzi- ges Denkmal— es waren zwar„nur Italiener"— aber doch auch Menschen„sozusagen". Aber auch sie gehören zu den Vergessenen, die dm letztm Sprengschuß überleben, gebrochen am Körper mit ihrem letzten Lohne weiter wandernd, um anderswo ihre geschwächte Arbeits- Ifraft anzubieten. Im glänzenden Saale aber werden beim Knallen der Champagnerpfropfen die Herren Gründer und Ver- waltungSräthe nebst der Cröme der„hohen Finanz" die Voll- endung des großen Werkes feiern, des WerkeS, bei dem sie sich einen Finger verletzt, aber Millionen profitirt haben, und von cm sie die Ehre dei Gelingens allein einkassiren und von der r Gedankenlosigkeit auch reichlich ernten. Und dann, wenn der neue Tunnel dem Verkehr Übergaben ist und die schnaubendm Dampfrosse Menschm und Güter durch dm Berg schnell und sicher von Land zu Land fördern, dann werden ebenfalls die Arbeiter auf der Strecke und auf der Bahn: die Bauarbeiter, Wechseiwärter, Bremser, Schaffner. Maschinisten und wie sie alle heißen— wieder Tag und Nacht, in Gluth und Kälte, in Sturm und Regen für ein paar Bettelpfennige schanzen und schaffen, unbemerkt oder geringgeschätzt. Die Unter- rehmer, die Kapitalisten aber werdm auf ihren Faulbetten den Schweiß der Armen in glänzend Gold umzuwandeln wissen. Und dieses? Es wird feinen Knechtungsgang von N>uem begin- uen, als Arbeitslohn, Wucherdarlehen, Hypothekarkredit, Börsen- effekt und in Dutzend andern Formen allerwärts Sklaven ma- chen, die ihrem Herrn neue Reichihümer, neue Macht schaffen. Und so fort inS Unendliche. Ins Unendliche? Wenn die heutige Produktionsweise mit ihrem Kapitalhäufungsprozeß nur noch ein halbes Jahrhundert fortdauern würde, würden alle Reichthümer dieser Erde nur mehr wenigen Tausenden, in ein- zelnen Ländern nur mehr wenigen Hundert Menschen gehören, dmen gegenüber die Millionen des vollkommen verarmten, be- sitzloscn, auf der ganzen weiten Welt heimatlosen Volkes ständen. Würden diese Millionen geduldig als die Sklaven der Hunderte fortleben und sich von ihnen weiter beherrschen und ausbeuten lassen? Nein. Werden die Völker ruhig zuwarten, bis das heu- tige widersinnige Produktionssystem an diesem Extrem angelangt ist? Kaum. Wird die nothwendige Aenderung unserer Gesell- schaftsordnung auf dem Wege der ruhigen Entwicklung oder auf dem der Gewalt durchgeführt werden? Wir wissen es nicht sicher. Aber das wissen wir desto gewisser, daß ein nicht ferner Tag kommen wird, an welchem das Maß der Leiden des Volkes durch einen letzten Tropfen zum Ueberlaufm gebrucht wird, und daß dann aller Knechtschaft und allem Elend ein gründliches Ende bereitet wird I Die Aufgaben des Kongresses der sozial listischen Arbeiterpartei Nordamerikas. — Mem-�orK, 26. Dezember. Heute wird in Allegheny City, Pen., der Kongreß(National-Convcntion) der Sozialistischen Ar- beiterpartei der Vereinigten Staaten eröffnet. Demselben liegt ein überaus reichliches Berathungsmaterial vor, zu welchem die Mehrzahl der Sektionen und namentlich auch die deutschen durch Anträge hinsichtlich der Platform, des Programms, der Orga- nisation, Parteidisziplin?c. Beiträge geliefert haben. Der Kon- greß hat vor allem zwei große Aufgaben zu lösen: erstens eine allgemeine als nothwendig anerkannte Revision der Prinzipien- crklärung vorzunehmen und weiter an Stelle der bisherigen ungenügenden Organisation eine neue zu schaffen. Was die Aen- derung der Prinzipienerklärung anlangt, so handelt es sich im Wesentlichen um zwei Punkte: um das Verhältniß unserer Partei zu den Gewerkschaften und um die Frage, welche unserer poli- tischen Forderungen wir für die nächste Zeit an die Spitze unseres Parteiprogramms zu stellen haben. Der letztere Punkt ist es ins- besondere, welcher lebhaft diskutirt werden wird, da von der in dieser Richtung zu treffenden Entscheidung die Rolle, welche unse»c Partei in der nächsten Zukunft in unserm Parteileben spielen und die Bedeutung, welche sie haben wird, in hohem Grade abhängt. Hauptsächlich handelt es sich darum, ob es nicht zur Erleichterung der politischen Agitation zweckmäßig wäre, ein besonderes Gewicht auf den Satz zu legen, weflher die direkte Gesetzgebung durch das Volk, sowie die Zurückberusbarkeit der Beamten u. s. w. fordert. Hinsichtlich des Beamtenwesens, eines der wundesten Punkte unseres Staatswesens, wird der Vorschlag gemacht, das Heer der Bundes- und Staatsbeamten, Angestellten und Arbeiter, dadurch dem Belieben der herrschenden Partei völlig zu entziehen, daß es in drei Klassen gcthcilt wird, von denen die unterste auf Grund öffentlicher Fähigkeitsprüfungen, die mittlere durch Wahl der unteren und die obere durch das Volk selbst zu erneuern und nur durch ein Jury-Urtheil oder ein Wähler-Verlangen ab- setzbar wären. Ob nun mit dieser oder einer anderen Formel, jedenfalls aber mit voller Würdigung der großen Aufgabe, welche unserer Partei in vielleicht nur zu naher Zeit zufallen wird, soll der Kongreß die betreffenden Anträge erwägen und Vorkehrungen treffen, welche die sozialistische Arbeiterpartei bereit sein lassen, im gegebenen Momente mit dem Rufe:„Radikale Reform des Zivildienstes und zunächstExpropriirung sämmt- licher Verkehrsanstalten" in der kommenden Volksbeweg- ung ihre Fahne kräftig zu erheben. Aller Voraussicht nach wird nämlich jener Krebsschaden unserer Republik, welcher in der Konzentration der Eisenbahn-Monopole in Privathänden besteht, durch die damit ihrerseits nothwendig wachsende Unverschämtheit der Volks-Ausbeutung in Bälde einen solchen Grad erreichen, daß das Auftreten einer neuen und wahr- schcinlich sehr starken Volksbewegung zum Kampfe zunächst gegen die Macht der Eisenbahn-Despoten spätestens nach der Präsidenten- Wahl bevorstehen dürfte. Wenn es gelingen sollte, bis dahin eine Koalition aller ehrlichm Reform- und Arbeiterparteien des Landes ins Feld zu stellen, so dürste jene Volksbewegung unter der Führerschaft dieser Koalition ohne Zweifel bald soweit gelangt sein, daß sie geradem Expropriirung der Eisenbahn Korporationen und wohl auch der Telegraphen-Kompagnien und Uebergang aller Verkehrsanstalten in dm Staatsbesitz fordern wird. Die Eisen« bahukönige werden es dann gerade so machen, wie noch alle reaktionären Gewalten dem zum Bewußtsein kommenden Volke gegenüber es gemacht haben. Indem sie sich schließlich die ganze Gesetzgebung der Union uno diejenige der Staaten einfach kaufen werden und indem sie es gewiß auch an gewaltthäiigen Provo- kationen wie beim Eisenbahnstreik des Jahres 1876 nicht feblen lassen werdm, werden sie die Bewegung aus der Bahn der friedlichen Entwicklung herauszudrängen beflissen sein und der schon im Gange befindlichen Revolution das Mittel der In für- rektion aufzwingen. Haben wir aber nur erst einmal eine solche große Katastrophe, die endlich das ganze Volk, insbesondere aber dessen noch nicht so sittlich verdorbene Arbeiterklasse mächtig auf- rütteln und damit gewiß auch sittlich und geistig erheben und veredeln wird, dann dürfte es wohl kommen, daß der, in diesem Lande für eine solche Volksbewegung nicht im Mindesten fragliche Siegesvormarsch des arbeitenden Volkes auch nicht bei der Ex- propriirung de? Eisenbahnen- und Telegraphen-Ko porationen stehen bleiben wird! Eine weitere, noch mit diesem Punkte zusammenhängende Frage ist die: ob sich unsere Partei an der nächsten Präsidentenwahl bctheiligen soll oder nicht. Darüber, daß wir allein keinen eignen Präsidentschaftskandidaten ausstellen können und daß jeder hiefür verwendete Dollar unnütze Verschwendung wäre, ist man so ziemlich einig. Aber es wird von verschiedenen Seiten der Vorschlag gemacht: zum Zweck der Präsidentenwahl eine Koalition unserer Partei mit der kalifornischen Arbeiterpartei, der Arbeiter- Partei von Fall River und von Massachusetts überhaupt, mit den Arbciterclementm der Greenbackpartei, der Liberal-League, dm Radikalen, Freigemeindlern und Turnern anzustreben, wobei indessen in Aufstellung der Prinzipicn-Platform nicht der geringste Kompromiß gemacht werden darf. Man glaubt, daß alle diese Oppositionselemente gegen die alten Parteien Stärke genug ent- wickeln könnten, um in der nächsten Nationalwahl den Ausschlag soweit zu geben, daß der Plan der Grant-Verschwörung(Grant aufs neue zum Präsidenten und womöglich zum Kaiser zu machen) auf vier Jahre verschoben werden muß. Denn die kali- fomische Arbeiterpartei und die Butler-Partei können mit Unter- stützung der andern genannten Fraktionen recht Wohl die betreffenden beiden Staaten gewinnen und Elektoren und Kongreßleute in ihrem Sinne wählen. In den übrigen nördlichen Staaten kann die Vereinigung ebenfalls hier und da einen Elektor oder Kongreßmann gewinnm. Es läßt sich nicht leugnen, daß dieser Plan zahlreiche Anhänger in unserer Partei zählt und schon de»- wegen in reifliche Erwägung gezogen werden muß; allein ander- seits ist ebenso gewiß, daß wir uns mit einer derartigen Koope- ration mit mindestens unklaren Elementen auf eine gefährliche Bahn begeben würden. Die Kooperation ist unschwer gemacht, allein sie ohne Schaden für unsere Prinzipien aufrecht erhalten, uns jede Korruption fern zu halten und unS nach jeder Richtung unbedingt selbstständig zu halten, ist äußerst schwierig. Und bevor nicht für die vorstchenden Bedingungen eine Garantie gegeben und der Erfolg der Koalition gesichert ist, sollte unsere vollkommen isolirte Stellung nicht aufgegeben werdm. Von kaum minderer Wichtigkeit als diese rein politischen Fragen ist die OrganisationSsrage. Soll die Bewegung sich innerlich kräftigen und Forlschritte machen, so muß an Stelle des bis- herigen, höchst losen Zusammenhanges der einzelnen Sektionen eine wirksame Zentralisation mit einer unerschütterlichen Partei- disziplin nach dem Muster der deutschen Sozialdemokratie zur Zeit ihres öffentlichen Wirkens vor dem Sozialistengesetz treten. Ja, ich möchte diesen Punkt fast als den wicktigsten bezeichnen, insofern alle die anderen Verbesserungen der Partei nur in sehr beschränktem Maße nützen können, solange nicht durch die Her- stellung einer tüchtigen Organisation die seither zersplitterten Kräfte erst zusammengefaßt und in ihrem vollem Umfang wirk- sam gemacht werden können. Jedenfalls hat der nun eröffnete Kongreß große Aufgaben und wollen wir ihm wünschen, daß er dieselben im Interesse des amerikanischen Sozialismus und der Arbeitersache überhaupt herz- hast fördern und lösen möge. Ueber die Verhandlungen, resp. Resultate des Kongresses werde ich Ihnen noch berichtm. H. Dorn. Sozialpolitische Rundschau. Schweiz. — Zürich, 10. Januar. Die Redaktion des„Sozialdemokrat" hat zwar erklärt, daß sie sich auf eine Polemik gegm den Inhalt der„Freiheit" nicht einlasse, und ist das auch nur zu billigen, willenstüchtigen Genossen hängen die deutschen Vereine gleichsam wie Blei an den Flügeln und hindern dadurch den ganzen Fortschritt. Obgleich in den Statuten aller deutschen Vereine der Schwei; die Sozialdemokratie als Grundprinzip aufgestellt ist, so ist es doch Thatsache, daß in den meisten dieser Sektionen mehr oder weniger reaktionäre Elemente die Majorität bilden. Ist es da zu verwundern, wenn gutgemeinten Vorschlägen die Thür gewiesen wird?" Nun, was die Beschuldigung des„Reaktionär- seins trotz der sozialdemokratischen Statuten" betrifft, so sind wir der Mühe der Widerlegung jedem vernünftigen, logisch denkenden Menschen gegenüber überhoben. Denn die ganze Beschuldigung ist der abgeschmackteste Widerspruch. In einer Gesellschaft, wie in den deutschen Vereinen, welche keinerlei Zwang zum Bei- tritt hat, sondern nur durch den freien Willen der Mitglieder existirt, in welcher statutengemäß vollkommene Freiheit und Gleichheit herrscht, da muß nothwendig der Wille der Mehrheit herrschen und würden deshalb, wenn letztere„reaktionär" wäre, auch die sozialistischen Statuten längst über Bord geworfen worden sein. Ein reaktionärer Verein mit sozialdemokratischer Grundlage— das ist eine Erfindung, welche bis jetzt selbst der Allerwelts-Erfinder Edison noch nicht ausgeklügelt hat und welche dem bekannten Londoner Nebel alle Ehre macht! Wir beabsichtigen nicht, uns vorläufig noch weiter auf die Sache einzulassen, sondern wollen vor allem den versprochenen Bericht der„Freiheit" über die„„Tagwacht" mit dem was drum und dran hängt" abwarten. Unser Urtheil über den Schreiber des besprochenen Berichtes und die, welche seinen Feindseligkeiten Vorschub leisten, wird aber kaum mehr eine Aenderung erfahren können. Die wackeren, vielgeprüften deutschen Sozialdemokraten als Schlafmützen und Faselhänse, ihre tapfersten Vorkämpfer als Verräther am Prinzip, die schweizerischen Genossen als unklare, verwirrte und wankelmüthige Gesellen und die deutschen Vereine als Reaktionäre und die deutsche und schweizerische Partei als verlottert, verfehlt, nichtsnutzig und im Absterben begriffen hin- zustellen und gleichzeitig auf sich selbst als den unfehlbaren, „einzig strengen Sozialdemokraten" zu deuten— das thut ein Blatt, welches sich sozialdemokratisch nennt und komischer Weise behauptet, daß durch die Gründung des Parteiorgans„Sozial- demokrat" die„Einigung der Parteigenossen Deutschlands wieder zersplittert werde." Wenn man in London dieses systematische Angreifen, Beschimpfen, Zwietrachtsäen und Hetzen für den Aus- druck der„Lauterkeit unsers Prinzips" hält, dann sind in der Schweiz allerdings nur wenige Genossen von dieser sauberen „Lauterkeit" durchdrungen. Die Mitglieder des schweizerischen Arbeiterbundes wie die der deutschen Vereine aber werden wissen, was sie gegenüber solchem schändlichen Treiben zu denken uno zu thun haben. Ein Mitglied der deutschen Vereine. L. Aevtschkand. * In Preußen geschehen Zeichen und Wunder! Gegen alle Wahrscheinlichkeit hat die Regierung schon jetzt, nachdem kaum erst tausend Oberschlcsier verhungert oder durch den Typhus hinweggerafft worden sind, eine Nothstands-Kreditvorlagc im Land- tag eingebracht. Und wie splendid sich der väterliche Staat gegen das arme Volk zeigen will! Zur Ernährung von 160,000 Nothleidenden werden ganze 1'/, Millionen ausgesetzt, wai für 4 Monate zusammen mit den bereits gesammelten Bcttclpfen- ningen 2,540,000 Mark ausmacht, d. h. proKopf undTag 20 Pf.— schreibe: Zwanzig Pfennig, welcher Be- trag von derRegierung als zur Normalernährung eines deutschen Unterthanen vollkommen ausrei- chcnd gehalten wird!! Daraus ersieht man, daß der Spar- sinn de? deutschen Volkes allerdings noch wenig entwickelt und seine Verschwendungssucht groß ist; denn mit 20 Pf. werden bisher nur wenige Deutsche auszukommen gewußt haben. Wenn ei aber der rührenden Fürsorge der Regierung gelingen sollte, ihrem Volk dies neueste, vervollkommnetste Sparsystem beizubringen oder wenn eS gar möglich wäre, dem Deutschen das noch bil- ligere Polcnta- oder Reisessen der italienischen oder chinesischen Arbeiter anzugewöhnen: welche Perspektive der Prosperität würde sich da dem Volk und— dem Kapital eröffnen! Also die nothleidenden Schlcsier sollen je 20 Pfg. täglich Staatshülfe zur„Ernährung" erhalten. Außerdem sollen für Beschaffung von Saatkartoffcln 2'/, Millionen, für Gewährung von Arbeitsgelegenheit durch Vizinalbauten 1 Million und zur Ueberwintcrung von 20,000 Rindern 1 Million gewährt werden. Für die Ernährung eines schlesischen Rindes wird demnach gerade noch einmal soviel an Unter- haltskostcn für nothwendig gehalten wie für die eines schlesischen Menschen! Die nothleidenden Schlcsier werden, wenn sie bei ihren 20 Pfg.„Staatshilfe" hungern und frieren, wohl ihr sattes Rindvieh beneiden und die Natur an- klagen, daß sie sie nicht zu Ochsen und Kühen, sondern zu preußischen Unterthanen gemacht hat! Im Ganzen beträgt sonach die Nothstandshülfe 6 Millionen. Die Regierung ist jedoch über diese, in Preußen für solche Zwecke unerhörte Summe selbst dermaßen erschrocken, daß sie schnell mit der andern Hand den größcrn Theil des mit der einen gegebenen Geldes wieder zurückzunehmen sucht. Die Be- willigungen für Viehfutter und Saatgut werden dcßhalb nur leihweise gegeben uns müssen wieder zurückbczahlt werden. Dabei behauptet man aber trotzdem, den Nothstandsbezirkcn nicht nur vorübergehend, sondern dauernd helfen w wollen! Und um die Schmutzerei vollständig zu machen, müssen die 6 Millionen „mangels anderweitiger verfügbarer Mittel" durch eine Anleihe aufgebracht werden. So sieht die Staatshilfe für das Volk heute aus; wenn sie besser werden soll, wird das Volk wohl zuerst zur Selbst- Hilfe greifen müssen! — Nichts ist für das Wesen des heutigen Klassenstaates be- zeichnender, als der Umstand, daß sogar das Recht, d. h. nicht „das Recht, das mit uns geboren ist", sondern das formelle, von der juristischen Gesetzgebung festgestellte Zivilrecht gekauft werden muß, nur für Geld zu haben ist! Freilich, wo alles käuflich ist: Macht, Ansehen, Einfluß, Wissen, Ehre, Liebe, Tugend... warum sollte da gerade dos Recht ausgenommen sein? Allerdings nimmt sich dieser Uebung gegenüber die von un- screr Rechtsphilosophie adoptirte platonische Lehre, wonach der Staat die objeknve Verkörperung des sittlichen Bewußtseins,' der Rechtsidee, der Gerechtigkeit ist, sonderbar aus. Denn wenn der Staat die Verkörperung der Rechtsidee ist, so ist es doch seine erste Pflicht, allen seinen Bürgern ohne Unterschied und ohne besonderen Entgelt Recht zu spenden: weil er ja das, um des- willen er vor allem da ist und von den Bürgern erhalten wird, für ihn eine Pflicht ist und nicht eine Gunst, für welche er einen Preis fordern darf. Aber die Juristen haben seit Herausbildung einer zünftigen Rechtsg-lehrsamkeit es trefflich fertig gebracht, jene mit den Lippen bekannte graue Theorie m der That in ihr Gegentheil zu verkehren, indem sie seit der Rezeption des römischen Rechtes die frühere Unentgeltlichkeit des Rechtes in Deutschland immer mehr verdrängten und so das Recht in der Hauptsache nur den Reichen zugänglich machten. Spätere Zeiten änderten daran zwar Einiges und namentlich seit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, der Prinzipien von 1789 wandte sich manches zum Bessern. Was aber von dieser kleinen Besserung bis jetzt in Deutsch- land noch vorhanden geblieben ist, das hat das„große nationale und liberale Werk" der Rcichs-Justizgesetzgebung mit der gierigen Faust des gewerbsmäßigen Rechtschachercrs wieder beseitigt. Das neue Gerichtskostengesetz leistet in Bezug aus Verleugnung und Niedertretung des(auch von der Sozialdemokratie auf- gestellten und von ihr allein ehrlich vcrfochtenen) Grundsatzes der Unentgeltlichkeit der Rechtspflege das denkbar Großartigste. Bisher betrug z. B. in Preußen der Urtheilsstempel 1 Proz., sank in der zweiten Instanz auf'/, herab und fiel nur dem unterliegenden Tyeil zur Last. Jetzt aber muß der Rechtsuchende, der gar nicht einmal weiß, ob er von dem verurtheilten Gegner jemals einen Pfennig bekommen wird, die unendlich erhöhten Abgaben, welche der Staat auf die Rcchispendung leg», von vornherein vorstrecken, wenn er nicht den Exekutor im Hause haben will. Wie hoch aber diese Steuer ist, mag man aus folgendem ersehen: Wird eine Summe von 300 Mark eingeklagt, findet nur ein einziges Bcweisurtheil statt und kommt die Sache in die zweite Instanz, so beträgt die auf die Rechtspendung gelegte Steuer im Minimum 82 Mark 50 Pfennige—(natürlich außer den Kosten der Anwälte!), also erheblich mehr als ein Viertel! Bei höheren Beträgen vermindern sich zwar die Prozent- sätze, aber arithmetisch wachsen die Summen! Unter solchen Um- ständen können nur noch sehr wohlhabende Leute daran denken, überhaupt ihr Recht zu suchen. Mit Rücksicht auf dieses schreiende Unrecht stellte der sozial- demokratische Abgeordnete im sächsischen Landtag, Genosse Freytag, in einer der letzten Sitzungen dieser Körperschaft den Antrag, weil derartige Streitigkeiten— und wenn sie auch von der andern Seite noch so herausgefordert sind— stets einen schlimmen Ein- druck machen. Man darf hier keinen Streich mehr thun, als es im Interesse der Sache absolut nothwendig ist. Wie es Ihnen aber unmöglich ist, sich der Beobachtung und Kennzeichnung des Londoner Treibens(durch Ihren Londoner Berichterstatter) ganz zu entziehen und grobe Unwahrheiten und Schädigungen der Sache ungestraft passiren zu lassen,— so dürfen wir einen in Nr. 51 der„Freiheit" enthaltenen, von Lügen und Verdrehungen über die schweizerische Arbeiterbewegung im Allgemeinen und die deutschen Vereine der Schweiz insbesondere strotzenden Bericht nicht ohne einige Worte der Kennzeichnung und Entgegnung lassen. Kein Sozialist wird verlangen, daß Personen und Thatsachen unserer Bewegung— sei es in der Schweiz, in Deutschland oder sonstwo— nur urtheilslos gelobt und gepriesen werden; im Gegentheil ist selbstständiges Urtheil und Kritik zum Gedeihen unserer Sache absolut nöthig. Diese Kritik kann aber nur dann gut wirken und als im Interesse der Partei geführt betrachtet werden, wenn sie erstens der Wahrheit entspricht und weiter in der guten Absicht, Besserem die Wege zu bahnen, geübt und dabei Alles vermieden wird, was sowohl das innere Parteileben, als das Ansehen der Partei nach Außen schädigen könnte. Alle diese Voraussetzungen aber treffen bei dem Bericht(„.. n. Aus der Schweiz") der„Freiheit" nicht zu. Dieser Bericht enthält nichts als die wahrheitswidrigsten Entstellungen und Ver- leumdungen und ist insgesammt ein Angriff auf die schweizerische Sozialdemokratie und die mit ihr wirkenden deutschen Vereine, wie ihn kein Bourgeoisblatt besser fertig brin- gen könnte. Gleich zum Eingang beschimpft der Bericht der „Freiheit" die aufopferndsten Bestrebungen der schweizerischen Sozialisten geradezu, indem er die Geschichte der Arbeiterbewe- gung in der Schweiz in die Worte zusammensaßt: daß man „in der Parteireitschule mehrere Jahre lang immer im Kreis herumreite, Roß und Reiter ermüde, sauer verdientes Geld ver- pulvere und schließlich doch am alten Fleck sitze." Kann man eine unwürdigere Sprache führen? Aber abgesehm hievon, ist die Auslassung auch von Anfang bis Ende aus Verdrehungen und Unwahrheiten zusammengesetzt. Womit„verpulverten" die deutschen Vereine— denn von ihnen sprechen wir hier hauptsächlich» weil der schweizerische Ar- beiterbund sein eigenes Organ hat, in welchem er, wenn nöthig, sich gegen die Anfeindungen der„Freiheit" wehren kann— ihr Geld? Erstens trugen sie zu den Kosten der Propaganda für das durchgesetzte Fabrikgesetz bei. Dann betheiligten sie sich durch erhebliche Geldsammlungen an den deutschen Reichstagswahlen. Und endlich unterstützten sie die Opfer des Sozialistengesetzes und vor Allem die Familien der Berliner Ausgewiesenen nach besten Kräften. Sind das Alle? der„Freiheit" wohl schlechte oder gleichgiltige Ziele, für welche der Sozialdemokrat sein Geld nicht verschwenden darf?— Und was das„Ermüden" und„schließlich doch aus dem alten Fleck sitzen" betrifft oder wie die„Freiheit" weiter sagt:„daß die(schweizerische) Sozialdemokratie vor 3% Jahren ihren Höhepunkt erreicht hatte und es seitdem rückwärts geht"! Alles, was im Laufe der letzten Jahre gethan worden ist: die Einführung des Obligatoriums der„Tagwacht", die Gründung von Genossenschaften, die Zentralisation mehrerer Ge» werbe, die Erstarkung und die umsichtige Leitung des Arbeiter- bundeS, wodurch derselbe bei den Wahlen zu einem von allen Parteien anerkannten und in Berechnung gezogenen Faktor ge- worden ist— das ist wohl alles nichts als Rückschritt?!— Nach dm gegebenen Proben kann es nicht mehr Wunder nehmen, wenn behauptet wird, daß der Arbeiterbund in seiner Mehrheit gar nicht sozialdemokratisch sei und als die einzige Rettung und der alleinige Hort der schweizerischen Sozialdemokratie der— Grütliverein, resp. dessen Zentralkomite und der„Grütlianer" dargestellt werden! Man weiß wahrlich nicht, ob man mehr über die dreisten Verdrehungen oder über die wahrhaft lächerliche Un- wissenheit des Artikelschreibers staunen soll. Aber das Arsenal des ehrenwerthen Berichterstatters gegen die schweizerische Sozialdemokratie und was mit ihr zusammm- hängt, ist noch nicht geleert. Nachdem dem Arbeiterbund, wie obm erwähnt, schlankweg gesagt worden, daß es mit seiner Sozial- demokratie und seiner Bedeutung gleich wenig weit her sei, wird die Schuld an diesem vorgegebenem Umstand zuerst den Sektionen, dann aber lediglich den deutschen Vereinen zugeschrieben, welche sich die Ungnade der„Freiheit" in ganz besonderem Maße zu- gezogen haben. Es heißt über sie wörtlich:„Dm umsichtigen, Feuilleton. Geheimschriften. Gortsetzung.) Die schon erwähnten Anfänge der Chiffernschrift, die einfache Vertauschung der Buchstaben, sowie die Anwendung geometrischer Figuren oder auch der Zahlen statt der Lettern, erfüllten den Zweck der Geheimehalwng bald nicht mehr, denn das große Interesse an der Durchdringung deS Geheimnisses reizte den Scharfsinn zur Entdeckung von Mitteln, durch welche die Ent- zifferung der Gcheimschriftm auch dem Nichteingeweihtm mög- lich wurde. Und diese Entdeckung wurde bald gemacht und da- mit der Grund zur Dechiffrirkunst gelegt, welche von nun an ein überaus wichtiges Hilfsmittel der äußeren und inneren Politik, also der Diplomatie und Polizei blieb. Für jede Sprache gibt eS nämlich gewisse, auf der Häufigkeit des Vorkommens der Buchstaben, der Vokalisation und die öfteren Wiederholungen be- stimmter Buchstabenkompositionen(besonders Vor- und Schluß- silben), sowie auf dm Gesetzen deS Satzbaues basirende Regeln, welche dem Dechiffreur bei solch einfachm Chiffcrnschriften selbst bei einiger Vorsicht der Korrespondirenden in Betreff des Wort- und Satzbaues schnell Anhaltspunkte geben, von denen aus er dann vermittels geschickter Kombinationen leicht den Schleier voll- kommen zu zerreißen vermag. Das nächstliegende Vertheidigungs- und Sicherungsmittel hie. gegen waren nun die wechselnden Zeichen; für die ver- schiedenen Buchstaben, besonders die häufig vorkommenden(wie im Deutschen s, t, e, n ec.) wurden nicht mehr ein und dieselben, sondern verschiedene Zeichen genommen. Ferner wurden die einzelnm Worte und Sätze nicht mehr, wie in der gewöhnlichen Schrift, von einander gettennt, sondern fortlaufend aneinander gereiht und zwischen sie und auch anderweit sogenannte Nichts- gelter(Nonvaleurs), d. h. Buchstaben, welche verabredungsge- mäß nichts gelten, sondern nur zur Irreführung des Dechiffreurs da sind, eingeschoben. Sodann ward die Bezeichnung der Buch- stabm nicht mehr durch einzelne Zeichen, sondern durch mehr- gliedrige Chiffern erfunden, indem man das Alphabet in mehrere Gruppen eintheilte und nun jedem Buchstaben die Chiffre der Gruppe, zu welcher er gehörte, und der Stelle, welche er in ihr einnahm, gab. Nebmher gingen noch der häufige Wechsel des Schlüssels, d. h. der Chiffrir- und Dcchiffrirtabellen, welche den Korrespondirenden die verabredeten Zeichen zeigen, ferner der Wechsel der Sprache, das Schreiben in verkehrter Ordnung(nämlich von der Rechten zur Linkm), vor Allem aber daS sogenannte Schreiben in contrario, d. h. die Niederschrift einer Stelle in gerade entgegmgesetztem Sinn, als in welchem sie gemeint ist und verstanden werden soll(was natürlich be- stimmte Zeichen dem Eingeweihten anzeigen). Das letztere Mit- tel ward nicht nur dazu verwendet, besonders wichtige Stellen für den Fall der Entzifferung seitens eines Unberufenen dem richtigen Verständniß des letztern zu entziehen, sondern mehr noch dazu, in Verbindung mit einem absichtlich leicht gewähl- ten Schlüssel den Dechiffreur, resp. dessen Auftraggeber auf eine falsche Fährte zu bringen und ihn zu bestimmten, von den Korrespondenten gewollten Handlungen zu veranlassen. All diese und ähnliche Mittel erschweren nun allerdings dem unberufenen Dechiffreur die Enträthselung der Geheimschrift außerordentlich, machen aber zugleich die Anwendung der Chif- fernschrift für die Korrespondenten selbst überaus schwierig. Ein einziger Fehler, beim Chiffriren oder Dechiffriren nach so kom- plizirten Systemen begangen, ist oft hinreichend, auch dem be- fugten und im Besitz de» Schlüssels befindlichen Dechiffreur die ganze Mittheilung unleserlich zu machen. Für den allgemeine, en Gebrauch sind derartige Systeme überdies schon des mit ihrer Anwendung verknüpften bedeutenden Zeitaufwandes wegen unge- eignet; denn so viel überflüssige Zeit, wie die Diplomaten, hat nicht Jedermann. Man hat deßhalb gesucht(der letztgenannte Grund fiel dabei allerdings am wenigsten ins Gewicht), Systeme zu konstruiren, welche mit der Sicherheit vor unberufener Eni- zifferung zugleich die Leichtigkeit des Gebrauches verbinden, und ist deren gegenwärtig eine überaus reiche Auswicht vorhanden (das einzige Krohn'sche Chiffernbuch, 1873 in Berlin erschienen, enthält deren zirka 3'/* Tausend). Das die bezeichneten Anforderungen— daß es leicht Hand- habbar und sicher vor Entdeckung sei— am meijten erfüllende Chiffernsystem ist indeß entschuden die sogenannte Chiffre inde- chiffrable oder unentzifferbare Chiffernschrift. Da in unfern Tagen das Bedürfniß des Schutzes der Korrespondenz gegen Un- befugte in Folge der erhöhten geistigen Thäiigkeit der Kultur- Völker, neben welcher aber die Gründe des gegenseitigen Ab- schließens fortdauern, über den ursprünglichen Kreis der der Chiffernschrift sich Bedienenden, d. h. über die Diplomatie, längst hinausgewachsen ist und sowohl der Privat- und Geschäftsmann durch den sich immer öffentlicher gestaltenden Nachrichtenverkehr (Telegramme, Postkarten), als insbesondere auch der Politiker (d. h. der den Tagcsgewaltigen mißliebige, mithin vor allen der Sozialist) durch den sich immer schärfer zuspitzenden Parteikampf, der in der Wahl der Kampfmittel immer weniger skrupulös und besonders das Korrespondenzgeheimniß sowohl während als nach der Versendung immer unsicherer macht, häufig die Chif- fernschrift nicht umgehen können wird: so wollen wir das ge- nannte System etwa» ausführlicher behandeln. (Fortjeyung folgt. beim Bundesrath auf eine Abänderung des Gerichtskostengesetzes, be,w. der in demselben festgesetzten Kostenbeträge zu dringen. Freytag übte eine schneid-ge Kcilik an den famosen Justizgesetzcn uno griff auch den sächsischen Justizminister wegen seiner, große Verwirrung im Gerichtswesen hervorrufenden Verspätung des Erlasses der Einsührungsgesetze an. Der Minister gerieth in Verwirrung und Erregung und wußte nichts als einige ebenso nichtssagende als ungezogene Phrasen zu entgegnen, worauf ihn Freytag derb zur Ordnung verwies und seine Anklage auf Unfähigkeit und Pflichtversäumniß wiederholte. Weiler legte er einen Gesetzentwurf über das Gerichtsvollzicherwesen vor. Diese Beamten, welche von Amtswegen oft über enorme Summen zu gebieten und in ihrem Ressort entscheidende Voten abzugeben haben, erhalten nämlich nach den neuen Gesetzen trotzdem blos 360 Thlr. Gehalt und gelten nicht als Staatsdiener, so daß der Staat für etwaige Unterschlagungen dieser Beamten nur theilweise haftbar ist. Freytag beantragt nun, daß die Gerichtsvollzieher als Staatsdiener anzuerkennen seien, der Staat die Verantwortlichkeit für ihre Handlungen zu übernehmen und ihre Befähigung zum Amte zu prüfen habe. Die Ausführungen Freytags waren so schlagend, daß sowohl ein fortschrittlicher als auch selbst ein konscrvarwer Redner ihm beitraten und sein Antrag schließlich trotz des Ministers ein- stimmig angenommen wurve. Man darf sich natürlich nicht einbilden, daß dieser Beschluß den Bundesrath unmittelbar beeinflussen und zur Abänderuug des drückenden Gesetzes führen wird: allein da man den Druck auch anderwärts empfindet und weitere Beschwerden nicht auf sich warten lassen werden, so ist der gemachte Anfang von nicht zu unterschätzendem Werth. Von politischer Bedeutung ist außerdem die Thatsache, daß es gelungen ist, die sonst so zahme sächsische Kammer in Opposition zu einem Reichsgesetz zu bringen. Vor allem aber ist wichtig, daß die Jniziative zu Leidem von der Sozialdemokratie ausging, welcher bei dem eventuellen Gelingen der auf Befreiung des Volkes von einer großen Bedrückung gerichteten Bestrebungen der Hauptver- dienst zufällt; und daß die„nur in der Negation starken" Sozial- demokraten sich wieder als bessere Sachverständige, denn alle die alten Parlamentihelden und Gelehrtenzopfe erwiesen und dm moralischen Erfolg auf ihrer Seite haben! Man sieht, daß die Anwesenheit der Sozialdemokraten im Landtag doch nicht so ohne ist und daß sich die vielbesprochene „Eid*»Formel rentirt. — Die Reichshülfe für die Samoainselgesell- schuft, welche wir neulich als wahrscheinlich bezeichneten, ist bereits zur Gewißheit geworden und die Presse beschäftigt sich schon eingehend mit der Kulturfähigkeit des Landes, der Art der bisherigen Benutzung und den möglichen Absichten der Regierung hinsichttich desselben. Daß die Bourgeoisprcsse dabei gleich wieder an die Anlegung einer Strafkolonie denkt, wundert uns gar nicht, da der Besitz einer solchen ja schon oft genug als ein „dringendes Bedürfniß" bezeichnet und Frankreich um sein Neu- Kaledonien, Rußland um sein Sibirien zc. beneidet worden ist. Die Blätter erzählen, daß der Aufenthalt auf den Inseln für Weiße„sehr unzuträglich* sei, daß weiße Ansiedler nach mehr- jährigem Aufenthalt von Gltedrrschwellungm heimgesucht werden und daß dort die schreckliche Krankheit der Elephantiasis(un- förmlichste Anschwellung der Beine) herrsche; man sehe unter den dort lebenden Europäern fortwährend neue Gesichter, und viele verlassene Ortschaften, deren Bewohner an Seuchen dahinstarben, bilden ein deutliches Warnungszeichm. Kurz, das Klima der Samoainseln ist ein für Europäer mörderisches. Dieser Umstand aber würde die genannten Inseln für die Anlegung einer Strafkolonie für politische Verbrecher, d. h. für Sozialdemokraten durchaus nicht untauglich machen, sondern ließe sie im Gegentheil erst als ganz besonders passend erscheinen. Man brauchte dann das Sozialistengesetz nur dahin zu ergänzen, daß Jeder auf Grund der ordentlichen Gesetze oder des Sozialistengesetzes verurtheilte oder vielleicht gleich jeder von der Polizei als der öffentlichen Sicherheit gefährliche Sozialdemokrat zu de- Portiren sei. Die Sozialdemokraten würden sich dann auf ihren Inseln zwar nicht(wie die Bourgeoispresse schon öfters höhnisch bemerkte) gegenseitig auffressen, wohl aber vom Klima aufgefressen werden. Sie wären besorgt und aufgehoben, die alte Ruhe und »Zufriedenheit* im Reich wieder hergestellt und die soziale Frage spielend gelöst. Es ist freilich wahr, daß Cayenne und Lambessa den Sturz des zweiten Kaiserreichs sowenig aulgehaltm haben, als Sibirien und die Bergwerke des Ural die Zarenherrschaft gefestigt und die„Nihilisten" ausgetilgt haben. Allein in Berlin ist man weit klüger, als an der Newa und Seine und was einem Bonaparte geschah, kann unmöglich einem Hohenzollern geschehen. Also man Probire! —ss Aerliu, 12. Januar. Die Presse aller Parteien liefert tagtäglich, ohne eS zu wissen und zu wollen, selbst die schnei- dendste Kritik unserer wahnwitzigen GesellschaftS-„Ordnung". Man braucht blos ihre trockenen Tagesneurgkeits-Notizen aneinander zu reihen. So berichten die Blätter über einen nächt- lichen Besuch, welchen die Polizei jüngst zur Unterrichtung der hier zum Studium anwesenden japancsischen Polizeibcamten einigen Kaffeeklappcn und Pennen abstattete. In der ersten an der Prenz- lauer- und Hirtenstraßen Ecke gelegenen bot sich den Eintretenden ein entsetzliches Bild des Elends und Jammers. In einem dumpfigen Pferdestall fand man ungefähr 50 Obdachlose zwischen den Pferden und in den Krippen liegend. Es waren dies die Gäste, die für die Nacht 10 Pf. entrichteten. Die besser siiuirten, welche 20 Pf. aufwenden konnten, wurden in einem Zimmer ohne jegliches Mobiliar aufgefunden, welches kaum 9 Quadrat- Meter enthielt und in dem dennoch gegen dreißig Menschen zusammengepfercht waren. Der nächste Besuch galt dem Asyl für Obdachlose in der Büschingstraße, auch hier zeigten sich Roth und Elend in ausgeprägtester Form. Wie der Inspektor des Hauses erklärte, waren in dieser Nacht verhältnißmäßig wenig Obdachlose, nämlich nur 526 Männer und 10 Frauen vorhanden. dieser und zahlreicher ähnlicher, zum Thal noch viel lchltmmerer Thatsachen aber hat die von der Polizei und der rmen-Kommission angestellte„Untersuchung" ergeben, daß der cothstand in diesem Jahre nicht größer als im vorigen sei. freilich konstatiren selbst Bourgeoisblätter, daß die Roth schon vongeS Jahr so bedeutend war, daß eine auch nur kleine Stei- gerung von den schlimmsten Folgen begleitet sein müßte. Und diese Steigerung sammt ihren Folgen i st thatsächlich eingetreten! Was aber die Behörde hinsichtlich der Abhaltung und Linde- rung des Nothstandes an Energie versäumt, das bringt sie dem Sozialismus gegenüber doppelt wieder ein. Es herrscht der vollständige weiße Schrecken und alle unsere bekannteren Genossen stehen in einem Maß unter Beaufsichtigung, daß sie fast keinen unbewachten Schritt thun können. Die Zahl der Ausweisungen hat sich abermals um drei vermehrt. Die Genossen thun das Möglichste, um das Elend der Angehörigen der Ausgewiesenen zu lindern; aber statt die Polizei froh wäre, daß wir die von ihr Ruinirten unterstützen, sucht sie uns auf jede Weise daran zu hindern— mit vollendeter Henkersbrulalirät streben unsere Feinde nicht nur darnach, die sozialdemokratischen Kämpfer selbst zu verfolgen, sondern auch ihre unschuldigen Angehörigen zu ver- derben und rettungslos dem Elend zu überliefern! So wurde jüngst eine in einer Privatwohnung veranstaltete kleine Weih- nachtsverloosung zum Besten der Familien der Ausgewiesenen von der Polizei unter großer Kraftemfaltung aufgehoben und die Veranstalter gleich Verbrecher unter Eskorte ins Polizeige- fängniß gebracht. Solche Rohheit kannte man selbst unter dem Dezemberkaiser nicht. — I>resdeu, 5. Januar. Die Sozialdemokratie S ach- s e n s ist muthig und kampfesfroh in das neue Jahr eingetreten. Nachdem sie sich an der Magdeburger Wahl im Dezember vor. Jahres mit Rath und That betheiligt hatte, tritt sie jetzt im 17. sächsischen Kreise in den Wahlkampf ein, da unser bewährte Genosse Bracke zu allgemeinem Bedauern in seiner Gesundheit so erschüttert ist, daß er im Einoerständniß mit den Genossen sein Reichstagsmandat niederzulegen stch genöthigt sah. Als Kan- didat für diesen bisher unbesiegten Wahlkreis der Sozialdemokratie wird bekanntlich A u e r auftreten, und die Genossen von Glauchau, Meerane, Hohenstein-Ernstihal rc werden unbekümmert um So- zialistengesetze und andere Polizeigrillen auch diesmal auf dem Posten sein, um so mehr, als sie eine Ehre darin suchen, zu dokumentiren, daß sie die über die Sozialdemokiatie verhängte Acht ignoriren, gerade wie sie einst mit glänzender Majorität ihren Vertreter Bebel wieder wählten, nachdem der Richter demselben sein Mandat aberkannt hatte. Darin weiden auch die Jntriguen der Volksparteiler nichts ändern, welche sich jetzt nicht nur in Leipzig, sondern auch in Crimmitschau regen, und mittels der ganz einflußlosen„ Leipziger Volkszeitung", wie mittels der „Crimmitschau-Meeraner Tagespost" Unfrieden in unfern Rethen stiften möchten, um Abonnenten und Anhänger für eine sogen. „Volkspartei" zu kapern, die ein Hirngespinnst des Buchhändlers Findel ist. Das eben genannte Crimmitschauer Blatt war früher Parteiorgan, fiel aber schon nach Proklamirung des Sozialisten- gesetzes um, wurde tendenzlos, ja reaktionär, und verlangte trotz- dem Unterstützung von der Partei, nachdem es schon ganz be- deutende Summen verschlungen hatte. Es wurde ihm eine For- dcrung von 10,000 Mark verweigert, und nun nahm der be- kannte Advokat S ch r a p s, der unserer Partei gänzlich fern steht, das Blättchen in die Hand und benützt es, mit Findel fraterni- sirend, als Waffe gegen uns. Sein�Pfeilc fliegen natürlich aus den Schützen zurück, denn unsere Genossen sind zu aufgeklärt, um für Findel'schen Fortschritt ihre Abonnementsgelder hinzugeben, und etwa sich als Stimmvieh für die mythische„Opposilions- Partei Forkenbeck" benützen zu lassen. Der ganze Erfolg der volksparteilichen Aktion ist, daß die Klatschblälter den Spieß- bürgern von einer„Spaltung" im sozialistischen Lager erzählen und ihm dadurch demonstriren können, daß es noch immer ein sozialistisches Heerlager gibt, obgleich aller Sozialismus streng verboten ist. Uns kann's recht sein— lieber den bewußten Werner, welcher in Berlin eine„nihilistische Druckerei" etablirte, werden uns aus Leipzig einige interessante Mittheilungen gemacht. Werner trat oft in Versammlungen auf und betonte stets so provozirend das Verlangen nach gewaltsamem Umsturz, daß er deßhalb von unfern Genossen oft tüchtig heimgeschickt werden mußte. Die Polizei hörte aber den aufreizendsten Brandreden Werners ruhig zu, und unternahm gegen ihn nichts, er mochte gegen das Gesetz verstoßen, so viel er wollte. Werner war auch, wie in den Akten des Hödel-Prozesses konstatirt ist, der Freund und Lehrer des„Attentäters Sr. Majestät des Kai- sers". Die Berliner Polizei wußte dies, denn sie kennt jene Akten, aber sie wies Werner nicht aus, sondern wartete ruhig, bis er einen Streich machte, den sie kurz vor Eröff- nung des Reichstags„entdecken" und damit die Verlängerung des Belagerungszustandes„rechtfertigen" konnte. Das gibt zu denken.— Hier in Dresden fährt die Polizei fort, stch mög- lichst wirkungsvoll zu blamiren. Am Sonnabend waren 8 So- zialisten in einem Restaurant„versammelt", wo sie Bier tranken und Billard spielten, als ein Polizist erschien, und anfragte, ob sie nicht vielleicht eine Versammlung des Vereins„Sachsengrün" wären. Natürlich folgte allgemeines Gelächter, denn d'e Frage war so drollig und der Mann machte ein zu komisches Gesicht dazu. Dennoch verwahrte sich der Polizist auch noch gegen die Heiterkeit, und meinte, man solle die Polizei nicht lächerlich ma- chen, man sei ja �eßhalb schon„verwarnt". Wir sind aber gute Menschen und verzeihen solche Polizei-Belästigungen noch am ehesten, denn— Spaß muß sein und die Lächerlichkeit tödtet. IM Aus der 1. Januar. Auch in hiesiger Ge» gend leistet die Polizei ihr Möglichstes in Sozialistenverfolgung. So fanden in Speyer, Ludwigshasen, Lambrecht, Haßloch und Friescnheim Haussuchungen nach verbotenen Schriften statt. Mehrere Anklagen wegen Verbreitung derselben wurden anhängig gemacht, jedoch erfolgte in allen Fällen Freisprechung. Daß diese Polizeischitanen nichts nützen, beweisen am besten die kürz- lich hier stattgehabten Gemeinderathswahlen, wobei zum ersten Male in verschiedenen Orten Arbeiter, resp. Sozia- listen als Kandidaten aufgestellt und theilweise auch gewählt wurden, was unsere Spießbürger in keine geringe Auf- regung versetzte. In Lambrecht, woselbst die Arbeiter einen glän- zenden Sieg erkämpften, rächten sich' die dortigen Fabrikanten auf die schurkischste Weise, indem sie 15 in den Stadt- rath gewählte Arbeiter bei Bedrohung mit Ent- lassung zwangen, ihren Austritt aus demselben zu erklären!! Mehrere bekanntere Sozialisten, welche bei der Wahl thätig waren, sollen ohne alle Rücksicht aus sämmtli- chen Fabriken Lambrecht« verbannt sein. Ob diese Ausbeuter nicht daran denken, daß sich dies alles einmal fürchterlich rächen wird? Selbst gegnerische Blätter sprechen ihr Mißfallen über obige Zustände aus und bemerken, daß der Klassenhaß in obigem Städtchen einen Höhepunkt erreicht habe, wie in wenigen Orten Deutschlands. Wer aber diesen Haß anfacht und schürt, das verschweigen diese Blätter wohlweislich! ? Neutkiagen, 2. Januar. Bei den Wahlen zum Gemeinde- rath hat auch hier— wie sich wohl erwarten ließ,— wie im andern Schwaben im großen Ganzen da« liberal-coniervative Chamäleon den S'eg errungen; der demokratische G.niuS sitzt verhüllten Hauptes auf dem Grabe seines Glückes und in- tonirt mit Viktor Scheffel:„Nun bleichen meine Wangen, das Blatt hat sich gewandt." In Eßlingen dagegen sind von sieben zu wählenden Gemeinde räthen fünf durchgekommen, die auf unserem Programm gestanden. Gewiß ein Erfolg, der nicht zu verachten ist. Uebrigens hatten wir auch hier in Reut- lingen eine Liste ausgestellt, aber mit geringem Erfolg: Genosse Karl Fehleisen erhielt circa 80 Stimmen, Walz 60 zc.— Die letzte Correspondenz von hier(mit„JustinuS" unterzeichnet) wurde von unbekannter Hand dem großen Stuttgarter„Demo- traten" I. zugeschickt(die Sicherheit des Mannes verbietet die Nennung des NamenS!), der sofort die betr. Nummer an die hiesigen Demokraten sandte und sie in Aufruhr setzte. Abgesehen nun davon, daß Herr 36. sich dadurch eines fürchterlichen Ver- gehens gegen das Sozialistengesetz(Verbreitung verbotener Schrif- ten) schuldig gemacht, so ist jeder Parteigenosse der Ueberzeugung, daß jenes in der betr. Korrespondenz gerügte Versahren der Demokraten gegen uns mindestens sehr— unbrüderlich ist! Die demokratische Partei wird sich zwar für die„Brüder" in der Blouse bedanken; hat ja bei einem Diskurs über den Plötz- lichen Brand einer großen Fabrik ein gewisser„Demokrat" kurz- weg die Aibeiter als Brandstifter und— auch„demokratisch"!— im gewöhnlichen Leben als Kanaillen bezeichnet! Und da spricht man noch von Kompromissen, von Vereinigung der beiden Parteien! Zum guten Glücke sondert stch die demo- kratische Partei in zwei Lager: das eine mit dem GroS des blinden und traditionellen„Stimmviehs" wird in den Stall der Ordnungsesel hinübertrotten; der andere, freilich geringe, aber intelligente Theil, der schon längst Sympathie mit unfern Ten- denzen hatte, schlägt sich zu uns und gilt uns mehr, als die große und bornirte Masse dieser Partei. Nun ein dringender Lorschlag mit Exempel: Vor einigen Tagen fuhr ich eines Abends auf der Bahn und es stiegen einige offenbar nicht glänzend situirte Arbeiter, Stein- Hauer, Maurer zc. ein, um die paar sauer ersparten Groschen nach Haus zu bringen und sich bei Weib und Kind an den Feiertagen von dem Schweiß ihres täglichen Joches auszuruhen. Wie war ich aber bitter überrascht, als diese Leute— kaum gegen die Kälte genügend verwahrt—„patriotische" Lieder, u. a. die„Wacht am Rhein" begannen. Die Wacht am Rhein— und Proletarier! Wäre es da nicht im Interesse unserer Prinzipien und ebenso ganz ohne Gefahr gewesen, bei Verlassen des Waggons diesen Leuten eine sozial!- stische Schrift in die Hand zu drücken? Und so giebt es noch tausend Fälle, wo mit Erfolg unseren Tendenzen beim Volke Ein- gang zu verschaffen ist! Der einzige Haken ist der Mangel einer solchen Brochüre, die vermöge geringen Preises allen deutschen Genossen zur Gratis-Vertheilung zu Gebot stände. Meiner Meinung nach wäre es am besten, in Masse von vielen tausend Exemplaren ein Flugblatt herzustellen, daS in be- lehrendem Toite dem Leser verschiedene Fragen vorlegt, sie zum Denken bestimmt und die Hauptpunkte unseres Programms übersichtlich enthält. Aber, wie gesagt, sollte die Schrift nur als Flugblatt, nicht als Broschüre erscheinen, und sich dadurch zur Verbreitung in Masse eignen. Wir empfehlen den beut- schen Parteigenossen diese Idee aufS Dringendste! ei. Wilhelmshaven, 9. Januar. Auch wir hier in der jüngsten Stadt des Reiches haben kürzlich eine Art Belagerungs- zustand erlebt. Aber die Ursache waren in diesem Fall nicht die Wühler und Untergraber, sondern vielmehr die Stützen der heu- tigen Gesellschaft, nämlich ein Theil unserer hoffnungsvollen kai- serlichen Marine. Eines Morgens entdeckte man in einer Ka- ferne, daß die Montirungskammer vollständig geräumt war. So« fort wurde mit affenartiger Geschwindigkeit die Kaserne von an- dern Ablheilungen der Marine ringsum belagert, und zwar von 18 Doppelposten mit geladenem Gewehr, welche den strengsten Befehl hatten, weder Jemand hinein- noch herauszulassen. Bis heute Abend ist dieses strenge Verfahren und alle sonstigen Maß- regeln vollkommen erfolglos gewesen; denn der Dieb ist in Ge« statt eines Bootsmannsmaatcn unter Mitnahme noch weiterer Werthgegenstände und Gelder verschwunden.— Nicht weniger interessant ist ein anderes Stückchen. Am ersten Weihnachtsfeier- tage erklärte der Kapilän-Lieutenant v. Raven seiner Abtheilung, daß er das der Mannschaft für diesen Tag zukommende Brod an die Nothleidenden in Schlesien senden würde, indem er an- nehme, daß Alle damit einverstanden seien; sollte aber dennoch Einer darunter sein, der sein Brod haben wolle, der solle es sich aus der Wohnung des Herrn Kapitän« abholen. Natürlich fügte sich Alles der militärischen Zwangsspcnde für die Noihlei« denden. Daß aber auch der Herr Kapitän ein ergiebiges Schezs« lein beigerragen, etwa sein Gehalt für den Dezember zum Un» terstützun gszweck zur Verfügung gestellt habe, ist nicht bekannt geworoen. So muß immer und überall der Arme den Schaden tragen, und nicht genug, daß er selbst ausgezogen wird, muß er auch seine gleich ihm ausgezogenen Brüder unterstützen, während der Reiche nichts thut. Hesterreich-Angar». * Knapp vor Schluß des alten Jahres ist endlich nach langem vergeblichen Verhandeln und„Handeln" der Regierungen der drohende Zustand der vollständigen Handelsvertrags- losigkeit zwischen Oesterreich und Deutschland noch abgewendet worden, indem der alte Vertrag von 1878 auf ein halbes Jahr verlängert wurde. Die Bestimmungen über daS Appreturverfahrcn, den Rohleinenverkehr, sowie die Unzulässigkeit der Beschlagnahme von Eisenbahnmaterial aber wurden aufge- hoben und werden die Bestimmungen über die beiden ersten» fortan von beiden Staaten autonom festgesetzt werden. Die Früchte dieses Sieges der Schutzzöllner beginnen sich bereits zu zeigen. Oesterreich hat den ersten Schritt zur Abschaffung des Appreturverkehres mit Deutschland schon gethan, indem es die freie Wiedereinfuhr veredelter Gewebe nur noch sechs Monate gestattet und nach Ablauf derselben für die zum Bedrucken aus« geführten Baumwollmaaren bei ihrer Wiedereinfuhr einen Appre- turzoll einführt. Durch die Aufhebung des Appreturverfahrcns wird den böhmischen Baumwolldruckerei-Besitzern ein Monopol geschaffen, dagegen die deutsche und namentlich die große elsäs- fische Kattunindustrie empfindlich schädigt. Am allerschwersten aber werden natürlich wieder die Arbeiter getroffen, da in dieser Zeit der ohnehin schon so spärlichen Erwerbsgelegenheit eine Anzahl von Druckereien geschlossen und dadurch die bisher in denselben beschäftigten Arbeiter arbeitslos gemacht werden. Bereits hat eine Augsburger Druckerei beschlossen, ihren Betrieb einzustellen und andere werden folgen.— Die deutsche Regierung bleibt die Antwort auf diesen Schachzug natürlich nicht schuldig. Die bisherige zollfreie Einfuhr von Rohleinen aus Oesterreich ist bereits aufgehoben und werden nur vielleicht vorläufig noch einige Erleichterungen gestattet. Diese Maßregel wird auf die österreichischen Weber dieselbe Wirkung üben, wie die Aufhebung des Appreturverfahrens auf die deutschen Kattundrucker. Die armen Weber, deren geringer Lebensunterhalt eine so traurige Berühmtheit erlangt hat, werden neuerdings getroffen, die Löhne werdm noch mehr herabgedrückt, die Arbeit noch seltener. Kurz, der Erfolg der ganzen„Handelvereinbarung" wird für Tausende deutscher und österreichischer Arbeiter von den verderblichsten Fol- gen sein. Und das Alles nur, damit ein paar Dutzend Fabri« kanten und Kapitalisten ihren Schnitt machen können. Wer da nicht einsieht, wie„harmonisch" die Interessen von Kapital und Arbeit sind! — Aussig, 7. Jan. Was jetzt innerhalb der schwarz-gelben Pfähle für uns Sozialdemokraten„Rechtens" ist und wie unsere Behörden das Bismarck'sche Sozialistengesetz auch ohne jede ge- setzgeberische Anstrengung überbieten, mögen Sie aus folgender fast unglaublicher Thatsache ersehen. Als jüngst wieder eine Sendung unserer Parteiblätter aus Reichenberg(wo außer dem nordböhmischen Organ„Arbeiterfreund" auch das neue Central- organ„Volksfreund" erscheint) hier ankam, wurde dasselbe sofort nach seiner Ankunft kurzer Hand von der Bezirkshauptmannschaft beim Buchhändler abgeholt. Außerdem wurde der letztere inqui- rirt, ob er nicht gewisse sozialistische Kalender habe, worauf der Buchhändler seine sämmtlichen Kalender auf die Behörde schickte, aber bald gnädig wieder zurückerhielt, da darunter nichts Staats- gefährliches gefunden wurde. Dagegen erklärte die Bczirkshaupt- Mannschaft, daß die Parteiorgane von den Abonnenten bei ihr selbst abgeholt werden müßten, wahrscheinlich damit man die sozialdemokrafischen Bösewichter kennen lernen und auf sie Druck ausüben kann. Run, wir werden uns nicht scheuen, uns den Herren zu zeigen; aber sind solche Maßregeln nicht niederträchtig? Dazu wird auch die Post selbst immer unsicherer und das„Vcr> lorengehen" von Briefen von hier nach Reichenberg und andern Orten wird immer häufiger, so daß die Genossen zur größten Vorsicht im Schreiben und Adressiren ermahnt werden müssen.— Was unsere Presse betrifft, so ist es kaum mehr bemerkenswerth, daß die erste Auflage jeder Nummer unserer Organe konfiSzirt wird; das ist schon gewissermaßen eine„berechtigte Eigenthüm- lichkeit". Aber interessant ist, daß der„Arbeiterfreund" neulich u. A. wegen eines Artikels beschlagnahmt wurde, der der„Ham- burger Gerichtszeitung" entnommen war— ein aklatantcr Beweis, daß wir bereits noch unter dem Niveau des deutschen Ausnahmegesetzes stehen! Aber in Oesterreich und speziell in Böhmen ist auch das unverschämteste Handeln der Polizei„ge- setz l ich" gerechtfertigt. Wahrlich, Steine möchten ergrimmen ob solch schändlicher Willkür und freigesinnte Männer möchte es vor Scham und Wuth das Herz erdrücken, daß sie sich derlei Schändlichkeiten noch immer geduldig fügen müssen. Wie lange wird sich das Volk diese unerträgliche Tyrannei noch ungestraft gefallen lassen?! H. One. Iraukreich. Lx?aris, 8. Januar. Wenn man die Dinge in un- serer opportunistischen Republik oberflächlich nur von ihrer glän- zend lackirten Außenseite betrachtet, möchte man das heutige Re- gierungssystem— sofern es erlaubt ist, den Prinzipien- und charakterlosen Opportunismus ein System zu nennen— bis- weilen wirklich für das halten, als was es sich selbst aus- gibt: für die beste aller bis jetzt dagewesenen und möglichen Regierungen. So prahlt jetzt wieder die gouvernementale„re- publikanische" Presse damit, daß die Steuern im abgelaufenen Jahre ungefähr 140 Millionen Mehrertrag geliefert hätten, wo- mit sie die zunehmende wirthschaftliche Prosperität für erwiesen halten. Wer aber die Sache genau ansieht und kennt, weiß, daß von einer Besserung der ökonomischen Verhältnisse keine Rede und daß der Arbeitsmangel und das Elend der besitzlosen Klassen hier und i» der Provinz größer denn je ist. Trotzdem aber scheut sich die Regierung nicht, durch ein enormes Hinauf- schrauben der auf sehr elastischer Grundlage basirenden Steuer- rollen dem armen Volk jene„Mehrerträge", welche dann von der Kammer wieder gewissenlos verschleudert werden, abzupressen! Eine Besserung ist indessen hier wie in andern Dingen erst von der künftigen Kammer, d. i. von den Neuwahlen, welche dieses Jahr stattfinden müssen, zu erwarten. Damit dieselben aber wirklich eine Aenderung zum Bessern und eine wenigstens allmälige Erleichterung des fürchterlichen heute auf dem Volke lastenden Druckes bringen, ist es noth- wendig, daß die vom Marseiller Kongreß beschlossene Gründung einer Arbeiterpartei eine Thatsache werde und daß sie es bald werde. Es ist kein Augenblick mehr zu verlieren, denn noch ist sehr wenig gethan, namentlich was das brüderliche Zu- sammenstehen der verschiedenen Schulen und Gruppen betrifft, in welche hier zu Lande die Arbeiterbewegung zum Verderben des Volkes und zum Vortheil der Unterdrücker bisher leider ge- spalten war. Doch machen sich jetzt vielerorten erfreuliche Vir- suche zur Anbahnung besserer Verhältnisse geltend. So ist auf den 13. Januar in der Salle des Ecoles, 3 rue d'Arras, eine groß« Arbeiterversammlung anberaumt, in welcher über die Mittel berathen werden soll, wie der Marseiller Kongreß« beschluß der Bildung einer sozialistischen Arbeiterpartei Frank- reich? am Besten ausgeführt werde. Auch in Bordeaux sollte eine ähnliche Versammlung abgehalten werden gelegentlich des Rechenschaftsberichtes des dortigen Delegirten zum Marseiller Kongreß, des energischen Roche. Die Versammlung wurde aber mit den Mitteln einer korrupten Polizei hintertrieben, indem auf die Wirthe eine Pression ausgeübt wurde, um sie an der Her- ausgäbe ihrer Lokale an die Sozialisten zu hindern. Die Po- lizei kann eben solche Gewaltstreichc in Frankreich wie in Deutsch- land sowenig lassen, als die Katze das Mausen. Wenn man sich davon schützen will, gibt es nur Ein Mittel: ihr den Rest zu geben!— Angesichts des schrecklichen Ergebnisses der Statistik, daß drei Viertheile der konskribirtm, d. h. von den Armenbureau's unterstützten armen elternlosen Kinder im Kindesalter sterben, während der größere Theil des am Leben bleibenden Viertels auf die Bahn des Verbrechens getrieben wird, hat das Mini- sterium des Innern Anordnungen getroffen, um diese gräßlichen Verhältnisse wenigstens einigermaßen zu verbessern. Die Zahl der Armeninspektoren soll vermehrt und außerdem sollen Unter- inspektoren bestellt werden, welche speziell die Obsorge für die armen Säuglinge zu übernehmen haben. Die Gesellschaft der Frauenrechte(deren Vorsitzende unsere vom Marseiller Kongreß her bekannte Genossin Hubertine Auclert ist) wandte sich nun mit einer Vorstellung an das Ministerium, in welcher sie das- selbe auffordert: erstens die staatliche Protektion auf alle unter- stützungsbedürftigen Kinder�bis zum 18. Jahr auszudehnen und weiter, mit der Obsorge für die armen Säuglinge sachverständige Personen, d. h. Frauen zu betrauen.„Wir hoffen, so schließt die Vorstellung, daß man unfern gerechten Ausstellungen Folge geben und dadurch bewirken wird, daß die staatliche Fürsorge für die hilflosen Kinder nicht länger ein Spott sei, durch den die Verwaisten entweder zum Entbehrungstod verurtheilt oder nach einigen Zuckungen des Lebens dem Brandmal der Zucht- Polizei oder der Schmach des Schwurgerichts überliefert werden. Die verlassenen Kinder sind die Kinder der Republik, und diese hat die Pflicht, sich derjenigen, welche keiner Familie angehören, als gute Mutter annehmen und ihre körperliche, geistige und sittliche Entwicklung zu sichern." Italien. * Aus Florenz erhalten wir die freudige Nachricht, daß die sämmtlichen 14 Angeklagten des berüchtigten Monstre-So- zialisten Prozesses, wie zu hoffen war, freigesprochen worden sind. Das kunstreiche Gebäude der polizeilichen und staatsanwaltlichen Erfindungen war während der Verhandlungen durch die Angeklagten und die Vertheidigung so gründlich zu- sammengestürzt, daß die Richter trotz Beeinflussung von oben eine Verurtheilung nicht über sich gewinnen konnten. Wenn eS für die Sozialisten heutzutage ein Recht gebe, dann hätten jetzt der Untersuchungsrichter, die zwei Staatsanwälle und der Polizei- inspektor, welche sich zur Verurtheilung von 14 Unschuldigen verschworen und dieselben 15 Monate lang der Freiheit beraubt haben, auf der Anklagebank Platz zu nehmen und die wohlver- diente Strafe zu empfangen. Aber so weit sind wir noch nicht, weder in Italien noch in Deutschland. Hropritaumen. * Wohin immer wir sehen mögen und Elend, Jammer und Unglück erblicken, das Betrüger und Geistesbeschränkte auf den Willen eines allmächtigen und a l l l i e b e n d e n(!)„ Gottes" zurückführen,— fast überall, in mindestens neunzig unter hun- dert Fällen, erkennen wir als Ursache nicht einen„Zufall" oder eine Nothwendigkeit, sondern lediglich die allem Recht und aller Vernunft Hohn sprechende Organisation unserer heutigen Gesell- schaft und die daraus entsprungenen Institutionen. Man gehe nur einmal die großen Unglücksfälle des vergangenen Jahres durch. Die Katastrophe von Szegedin, welche 8000 Menschen da? Leben kostete, eine ganze Stadt vom Erdboden hinwegspülte, viele Tausende von Morgen Ackerlandes auf lange Jahre hinaus der Kultur entzog und ungezählte bewegliche Werth e vernichtete: sie wurde durch die unsinnige Theiß-„Regulirung" verursacht, an welcher die Kopflosigkeit und vor Allem der schmutzigste Egois- mui der vereinigten Kapitalisten und Großgrundbesitzer die Schuld trägt. Die schlagenden Wetter von Frameries(Belgien) und Zwickau, von denen erstere 122, letztere 90 Bergarbeiter tödte- ten, fallen der von den profitwüthigen Grubenbesitzern vernach- lässigten Ventilation zur Last. Die grandiosen Ueberschwemmun- gen des Murciathales in Spanien mit ihren 1200 Menschenopfern sind zum größten Theil durch den seit Jahrzehnten von den Privateigenthümern wie vom Staat selbst betriebenen syste- matischen Waldraubbau hervorgerufen worden. Und mit dem jüngsten schrecklichen Bahnunglück zu Dundee (von dem unsere Leser längst durch die Tageszeitungen Nachricht erhalten haben) verhält es sich nicht anders; auch an ihm trägt den angestellten Untersuchungen zufolge die gewissenlose Habsucht des Kapitals die Hauptschuld. Es stellt sich heraus, daß die grandiose Brücke(3 Kilometer lang), welche über den mehr einem Meeresarm als einem Fluß gleichenden Tay führt, zum Zweck der Kostenerspar niß viel zu schwach und in ge- radezu konstruktionswidriger Weise ausgeführt war. Wurde s. Z. bei der Projektirung schon die gewählte Pfeilerkonstruktion von Sachverständigen für bedenklich gehalten, so war das noch viel mehr der Fall hinsichtlich der großen„Oekonomie" in den Stärkedimenfionen der überaus dünnen, schlotsteinähnlichen guß- eisernen Pfeiler. Man sagte im Voraus, daß die Brücke der vereinten Gewalt des in jener Gegend häufigen Sturmes und deS Gewichtes eines Eisenbahnzuges kaum lange werde wider- stehen können. Allein die Brücke wurde nach dem billigeren Plan aus- geführt. Mindestens hätte bei der mangelhasten Sicherheit der Brücke während des Sturmes der Dienst eingestellt werden müs- sen. Der Zugführer des letzten Zuges, welcher dem verunglück. ten Eisenbahnzuge voranging, machte auch den Stationsvorstand auf den Ernst der Gefahr aufmerksam und erklärte, er für sei- nen Theil würde lieber tausend Pfund Sterling ausschlagen, als noch einmal bei solchem Wind über die Brücke fahren. Aber durch eine zeitweilige Diensteinstellung würde ja der Bahngesell- schaft ein Gewinn entgehen! Also wird der Nachtzug trotz alle- dem auf die vom wüthendsten Orkan umkämpfte Brücke geschickt. Aber er kommt nur bis zur Mitte. Dort wird er durch die Gewalt des SturmeL und das Wanken der Brücke aus den Schienen und gegen die Einfriedung geschleudert; die schwachen Brückenpfeiler vermögen der Gewalt des Sturmes und dem un- geheuren Gewicht des Zuges nicht mehr zu widerstehen— ein den Sturm überdröhnendes Krachen—— und die Brücke bricht zusammen und mit ihr stürzt der ganze Zug mit hundert Menschen spurlos in den Strom! Wie lange wird die Gesellschaft einen Baum, welcher so gif- tige, mörderische Früchte zeitigt, noch dulden und seine entsetzliche Wirksamkeit weiter entfalten lassen?! — Die Bewegung in Irland, weit entfernt abzunehmen, wächst mit jeder Woche und namentlich mit dem Fortschreiten deS Nothstandes unaufhörlich. Tagtäglich kommt es zu Ausbrüchen der Volkswuth gegen die Landlords, die Landagenten, die Polizei die sich nicht an der Bewegung betheiligenden Pächter und sind die Haufen der Demonstranten meist so groß und so entschlossen, daß die Behörde nichts ausrichten kann. In Carraroe in West- Irland kam es zu einem blutigen Zusammenstoß des Volkes mit der Polizei. Als mehreren Pächtern Ausweisungsbefehle zugestellt werden sollten, griff das Volk die Gerichtsdiener sammt ihrer Polizei- bedeckung von mehr als hundert Mann an, prügelte die ersteren und überwarf die letzteren mit einem Stein- und Prügelhagel. Schließlich ging die Polizei mit der blanken und der Feuer- waffe vor, wobei es aus beiden Seiten zahlreiche Verwundungen gab. Indessen mußte die Polizei unverrichteter Sache wieder abziehen. Ter ganze Distrikt soll sich im hellen Aufstande befinden und die Regierung fürchtet, daß sich derselbe schnell weiter verbreiten könnte. Ein größerer Aufstand in Irland käme ihr jetzt sehr un- gelegen, da sie wegen der Kriege in Afrika und Asien nur wenig Truppen verfügbar hat. So sehr wir aber auch mit unseren Sympathien die unterdrückten Jrländer in einem Kampfe gegen ihre Peiniger begleiten würden, so zweifeln wir doch aus verschiedenen Gründen, namentlich aber wegen der unter den irischen Landleuten herrschenden Zielunklarheit und dann wegen des kolossalen Einflusses des einem gewaltsamen Kampf abgeneigten katholischen Klerus daran, daß es zu einem allgemeinen Auf- stand kommen wird. Das Volk in Irland muß gleich dem in Deutschland und anderwärts erst durch die Gewalt der sich ent- wickelnden Ereignisse aus zahlreichen verschiedenartigen und einander widerstrebenden und paralisirenden Theilen mehr zu einer Homo- genen, zielbewußten Masse zusammengchämmert werden, bevor e? seine Kraft einmüthig und mit Erfolg geltend machen kann. Südamerika. * In der Hauptstadt von Brasilien, Rio de Janeiro, sind aus Anlaß der Einführung überaus drückender Steuern ernstliche Unruhen ausgebrochen. Dieselben wurden jedoch in gewohnter Gewaltherrscherwcise mit Waffenmacht unterdrückt, wobei es zahlreiche Verwundungen und Verhaftungen gab. Unter den nachträglich Verhafteten sollen sich auch einige Mitglieder der dortigen Arbeiter Union befinden, welche jedoch an der ganzen Bewegung nicht beiheiligt zu sein erklären. Es scheint demnach, als ob die brasilianische Regierung blos die gute Gelegenheit benützen wollte, um die ihr lästigen Au- Hänger des Socialismus in ihrem Lande niederzutreten, was ihr aber hoffentlich ebensowenig gelingt, wie ihrer deutschen Kollegin. — r Augsburg, 12. Januar. Einer unserer treuesten und aufopferungsvollsten Mitkämpfer ist nicht mehr. Genosse Jakob E n d r e s ist heute Vormittag nach kurzem Krankenlager gestorben. Seit dem Jahre 1867 stets in den vordersten Reihen der Partei stehend, hat er sich durch sein muthiges, opferfreudiges Wirken für die Sache der Arbeit die Achtung von Freund, wie Feind erworben. Vor seinem Tode mußte er noch den Schmerz erleben, sich vollständig ruinirt zu sehen, denn er hatte sein kleines, müh- sam erarbeitetes Vermögen der Parteisache geopfert und hinter- läßt seine Familie in den bedrängtestcn Verhältnissen. Ehre seinem Andenken! Abonnements auf den„Sozialdemokrat" werden ausser beim Verlag und dessen bekannten Agenten— sowohl auf einzelne Monate als ganze Quartale— jederzeit entgegen genommen bei folgenden Filialen Budapest Frankel, VII, Lindengaase 26, Thür 28. Tr\n/lAn V. Hoffinann, 59 Wardour Street, Oxford Street, lata LÜIUIUU Princes Street W. H. RackOW, 120 Islington High Street. Poria Blum, 66 rue Montorgueil. 1 Cll 13 Trapp, 65 nie de Madame, Hotel Baldrian. Voss, 6 rue de Levis. Antwerpen Fh. Coenen, 6 Meistraat. Brüssel Trom, 81, rue de Six-Jetons. Yerviers l- Elias, Buchhandlung, 136 rue Spintay. Lüttiell Friedrich Mammosser, Rue Potierue 20/11. New-York F. Jonscher, 283 E. Houston Street. St. LOUiS MO. Gebr. Hemingshaus, 1711 Franklin Avenue. Chicago III. A Lanfermann, 74 Clyborn Avenue. Durch uns ist zu beziehen und empfehlen wir: Die Frau und der Sozialismus. Von August Bebel. 12 Bogen Gross-Oktav.— Preis 2 Fr.— Mk. 1. 50. Expedition des Sozialdemokrat. . 8(rtln«bu$btud»tei Hottini-n-Zitrich.