Krschewt w Ach»«tlich einmal in Zürich(Schweiz) Derl», «. Herter, Znduftriehall« Ziirtbach'Zürich ydfttkiiiges fr»» e» jfjtn fcanc*. »««»hnliche Briefe M(k»er k ch w e i> losten Doppelporto. N? Ä. Der SozÄmckrat Internationales Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge Sonntag, 25. Januar. Aöouunveut» «erden reu» beim Merl-,»»» desteil bekannten Agenten ent- gegengenommen und zwar zum vor««» Vierteljahr»»«!» von: Fr. 2.— für die Schweiz(ftreuzbanb) Ml. 8.— für Deutschland(louverl) st. 1. 70 für Oesterreich(Souvert) Ffr. 1. SO für alle übrigen Länder de» Weltpostverein»(«renzban»). ?«s»rite Di« dreigefpaltene Petitzeile ««t».—« Pf,. 188«. Ali«»» die Kirrespiitkütt» ü«t AI»»»t»tt» de».,S»ii«lhe«>Itrüt" Da der.Sozialdemokrat� sowohl in Deutschland al» auch in Oesterreich verboten ist, bezw verfolgt wird und die dortigen Behirden fich alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp. Briese von dort an UN» und unsere Zeitung», und sonstigen Sendungen nach dort abzulängen, so ist die äußerste Vorsicht im Postverlehr nothwendig und darf«eine Vorstchl»maßregel versäumt werden, die Brieimarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt der Gendungen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen, haupterfordernifj ist hiezu einerseit», daß»nsere Freunde so selten al» möglich an den.Soztaldemolrat', resp. besten Verlag selbst adresstren, sondern sich möglichst an irgend eine unverdächtig Adreste außerhat» Deutschland» und Oesterreich» wenden, welche sich dann mit UN» in Verbindung setz»! anderfeit» aber, daß auch UN» möglichst unv'rsänglicke Zustellung«adresten mitgetheilt werden. In zweifelhasten Fällen empfiehlt sich behus» größerer Sicherheit bietommandirung. Soviel an UN» liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um trotz aller ent- gegenstehenden Schwierigkeiten den. Sozialdemokrat" unser» Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern. Fonds zur Unterstützung der Opfer des Sozialistengesetzes Bei Vertrauensmännern in Deutschland(und zum Theil auch beim„Sinialdemokrat*) sind folgende Gelder eingegangen: 8. Liste. Vom 10. September bis 31. De- zember 1879 an einer Stelle*) Mk. 1593. 59 9. Liste. Vom 1. August bis 28. Ok- tober 1879 an einer zweiten Stelle, 1664. 85 10. Liste. Vom 29. Oktober 1879 bis 4. Januar 18öO bei der gleichen Stelle„ 289. 97 11. Liste. Vom 22.— 29. Dezember 1879 an einer weiteren Stelle„ 412. 90 12. Liste. Beim„Szialdemokrat": A. B. in Hnnr. 6.20; I Sch. in Btz. 2.45; Gen. in Rtbr. 8.60; Eine Parthie Einzelabzüge .Letzter Schlag" 5 90; Mnbg. in I. Oest. —.58; Brüder d. sächs. Erlgebirges—.90; Ertrag e. Auktion i. d. Sylvesternacht in D. 8.30; Sammlung b. e. Ausflug n. Hssth. 6.40— zusammen 39,33 Franken gleich. 31. 46 Mk. 3902. 77 Bisher eingegangen, 3558. 73 Gesammteingang Mk. 7461. 50 •)«ii« triftigen Grii nden sind wir gezwungen, die Ouiltirung der Einzeleingävge bei deutschen Vertrouen«leu«eu vorläufig zu unterlassen. Ein Kaiserwort. .Ihr Sklaven, segnet Euer Loos Und nehmt das Kreuz auf Eürkfi Rücken; Ist auch die Bürde hart und schwer,» Sie wird Euch lebenslang nur drücken. Ter Himmel zahlt einst Euern Lohn, Die Hoffnung tröste Euch auf Erden!" Der Kaiser spricht:.Die Religion— Sie muß dem Volk erhalten werden!" .Mit hohler Wang', mit mattem Aug', Sklave, was starrst Du nach dem Brode? Zurück! S'ist fremdes Eigenthum, Verfalle Du dem Hungertode! Ergib Dich drein, mein frommer Sohn, Im Himmel findest Du Gefährten." Der Kaiser spiicht:.Die Religion— Sie muß dem Volk erhalten werden!" .Enterbte Kinder dieser Welt, Nehmt Euch da« Trostwort zur Devise: Für alle Leiden wird Ersatz Euch tausendfach im Paradiese. Drum duldet, bis der Geist entflohn Den Gliedern Euch, dm abgezehrten!" Der Kaiser spricht:„Die Religion— Sie muß dem Volk erhaltm werden!" „Wenn auch Dein Weib vor Hunger stirbt, Wmn Deine Kinder auch verschmachten, Dein Fleisch und Blut, Dein einzig Gut— S'ist GotteS Wille, lern' ihn achtm! Ersticke jeden Klageton, Wozu die jammernden Geberden? Der Kaiser spricht:„Die Religion— Sic muß dem Volk erhalten werden!" „Wie man Euch schindet, drückt und quält, Der Obrigkeit müßt Ihr gehorchen! Ballt nicht die Faust, zückt nicht das Schwert, Laßt für daS Recht den Himmel sorgen! Denn göttlich— heilig ist der Thron— Die Völker sind rechtlose Heelden." Der Kaiser svricht:.Die Religion— Sie muß dem Volk erhalten werden!" Eine„Sozialdemokrat"-Hetze. Wenn die herrschende Klaffe glaubte, durch da? Ausnahme- gesetz die Sorialdemokratie wmn nicht zu vernichten, so doch wenigstens sich ihren düstern Schatten, der sie bei Tag und bei Nach,, im Geschäft und beim Vergnügen, zu Hause und auf der Straße beunruhigte und sie ihres Lebens nicht froh werden ließ, -» vom Halse zu schaffen: dann hat sie sich, wie in so vielem andern, gründlich getäuschr. Noch nie ist so viel vom Sozialismus die Rede gewesen, al» gerade jetzt, da er offiziell aus dem„Reich" d erkannt ist. Im Parlammt, in den Gemcindekollegim, in den Handelskammern, in den Regierungserlassen, in der Schule, in der Kaserne, in den Werkstätten, in den Berein n, in der Presse: überall, überall spukt der böse Schatten mehr denn je und hält den.ruhigen Bürger" in beständiger Aufregung. Alles und jedes wird auf den Sozialismus bezogen. Ob über das westphälischc Ancrbengesetz oder über den schlesischen Rothstand, ob über den Elbinger Schulstreit oder über die Verstaatlichung der prcugischen Bahnen oder über das Forstpolizeigesetz debatiirt wird: gleich- giltig, mit oder ohne Absicht wird überall der Sozialismus hineingemeugt und jedes Ding in erster Linie nach seiner Stellung zum Sozialismus und seiner gehofften Brauchbarkeit im Kampf -»egen den allgegenwärtigen Fernd angesehen. Der Sozialismus ist in Deutschland in gewissem Sinne daS Maß aller Dinge geworden, während er noch vor wenig mehr als euiem Lustrum etwas Fremdartiges, Exotisches war, das mit dem politischen und gesellschaftlichen Leben des neuen Reiches in keinem organischen Zusammenhang zu sein schien und von dem der biedere Spießbürger nur ab und zu zu kannegußern pflegte, wie sonst über die Völker,„die weit hintm in der Türkei aufeinander schlagen". Ein ganz besonderer Sozialistcn-Spektake> war aber wieder einmal die vorvcrgangene Woche los. Und das hat mit seinem Schicibcn der—„Sozialdemokrat" gethan! Ein bekannter Berner Korrespondent, dessen Verbindungen durchaus lein Geheimniß sind, machte nämlich zuerst durch ernen Bericht an das Baseler„Grenzpost"-Reptll die Bourgeoiswelt auf unfern ganz erschrecklichen„Festtags" Artikel in Nr 1 aufmerksam, indem er eine Anzahl prägnanter Sätze dies-s Artikels aus dem Zusammenhang riß und mit der kunstreichen Hand eines Riccsul de la Marliniere zu einem Schaudertableau sür den Angstmeier gruppirte. Und damit nicht etwa Begriffsstutzige über die�gurc Absicht einen Augenblick im'lnklaren. bleiben sollte», fügte dtr Biedere zum guten Schluß den verständlichen Wink hinzu:.Das zeugt nicht gerade von beschränkter Preßfreiheit!" Daß dieser fette Bissen der deutschen Reakiionspresse ein gc- fundenes Fressen sein mußte, ließ sich voraussehen.*) Von der edlen„Magdeburgerin", der biedern„Post" und der gcsinnungs- tüchtigen„Nationalzcitung" an lief der Alarmartikel des Berner Biedermanns durch die ganze große und kleine Presse, soweit die„deutsche Treue" und— der Reptilienihaler reicht. Und überall entstand ein großes Zeter- und Mordio-Gcschrei über die Verwegenheit und Blutdürstigkeit der Sozialdemokratie; und überall schrie man nach ächt deutscher Weise schnell nach dem Büttel, nach erneuten und verschärften Polizcimaßregeln zum Schutz vor den rothen Umsturzmännern.— Wir haben kein Wort des Vorwurfs für diese Leute; denn sie sind in ihren« Element, in ihrem Typus und folglich in ihrem Recht. Im Gegeniheil, wir sind ihnen zum Dank verpflichtet, da sie durch ihre gestnnungs- tüchtigen Expektorationen über die deutsche Sozialdemokratie und deren Organ, den„Sozialdemokrat", für deS letzterm Bekannt- werden und Verbreitung in einer Weise wirkten, wie wir es nicht besser wünschen konnten. Charakteristischer ist, daß sich auch ein Theil der schwei- zerischen Presse nicht nur urtheilslos diesem Treiben anschloß, sondern daran sofort direkte Denunziationen und unzweideutige Aufforderungen zur Vergewaltigung der Preßfrciheit knüpfte. So bemerkte beispielsweise ein Züricher Blatt, die„Freitags- zeitung" zu der Alarmnotiz, geistreich wie immer:„Und der Bourgeois voller Huld, hört auch das an mit Geduld"! Der urwüchsigere„Anzeiger vom Zürichsee" dagegen winkte geradezu mit dem Zaunpfahl:„Diese Sprache ist von dem landcsver- wiesencn Geh Isen nicht gerade— übertroffen worden; ziemlich verwandt klingt die Sache. Wir aber fragen angesichts dieser Kriegserklärung: Hat d iePreßfreiheit keine Grenzen??" — Also weil ein, von Schweizerbürg rn redigirteS und hergestelltes Blatt in rechtmäßiger Benutzung der verfassungsmäßig gewähr- leisteten Preßsreiheit an der heutigen widersinnigen Gesellschaft scharfe, aber wahre Kritik übt und die Folgen zeigt, zu welchen der gewaltthätige Widerstand der herrscyendm Klasse gegen die EmanzipationSbestrebungen des arbeitenden Volkes führen muß — darum dos Geschrei dieser edlen„Republikaner":„Schlagt ihn tobt den Hund, er ist ein Sozialist!" Wahrlich, FreiheitS- liebe, Ehre und Scham sind erschrecklich im Kurs gesunken in unserm Lande, und daß solche schmachvolle Rcaktionsgier sich un- gescheut breit machen darf in unserm Gemeinwesen, das muß jedem ehrlichen Schweizer die Röthe der Scham und der Eni- pörung ins Gesicht jagen, ihn aber auch zugleich mit schweren Sorgen erfüllen für die künftige Entwicklung der Dinge! Doch lassen wir'S damit für heute genug sein und kehren wir der verächtlichen auch-„republikanischen" einheimischen Preßmeute den Rücken, um uns noch cinmal an die deutsche Presse zu wenden. Dieselbe freut sich darüber, daß wir„einmal aufrichtig" gewesen seien und ruft:„Das ist die Sozialdemokratie ohne Schleier und MaSkc." *) Er ist sogar, durcb die BemUhung eine« nationalliberalen sächsischen Landtagsabgeordneten, tammerfähig geworden— worüber an anderer Stelle. Wenn es um die Geisteskräfte der Bourgeoispresse nicht so jämmerlich bestellt wäre, so würde sie sich daran erinnern, daß sie die Entdeckung der„Sozialdemokratie ohne Schleier und MaSke" schon wiederholt, fast alljährlich ein paar Male gemacht hat. Die Sozialdemokratie, bezw. ihre parlamentarische und Preß- Vertretung führt freilich, gleich jedem vernünftigen Menschen, nicht immer ein- und dieselben Worte im Mund, sondern paßt ihre Ausdi ucksweise den jeweiligen augenblicklichen Bedütsnissen und Zwecken an. Deshalb hat sie aber ihre Grundsätze doch nie veimummi oder veileugnct und alle Welt kennt dieselben. Wenn sich aber heute, nach mehr als anderthalb Jahrzehnten der soffa- list scheu Bewegung, nach der Lassalle'schen Agitation, dem Leipziger Hochverrachsprozeß, den rahlreichen Kongressen, den Aeußc- rungen einer umfangreichen Tages- und Brochürenliteratur, den sodaldemokrotischen Reden in Volksversammlungen und im Reichs- tag und nach der B.rathung deS Sozialistengesetzes wirklich noch Leuie finden sollten, für welche die Sozialdemotratie alle die Jahre hindurch ein unentschlcicrtes Räthscl geblieben und welche ihr„wahres Wesen" erst in unserm„FesttcigS"-Artikel„entdeckten": so mögen dieselben nicht unS, sondern ihre eigene unglaubliche Dummheit verklagen. Die Sozialdemokratie ist, in ihren Mitteln betrachtet, was die herrschende Klasse aus ihr macht. Wo diese die Berechtigung der Forderungen deS arbeitenden Volkes anerkennt und sich zur Vermiltelung bereit zeigt, wird sie niemals einer„auf- reizenden" oder drohenden Sprache begegnen. Wenn man sie aber mit Hunden hetzt und wie ein wildes Thier behandelt, dann soll man sich auch nicht wundern, wenn sie die Zähne weist und zeigt, wessen sich ihre Peiniger zu verühen haben, wenn sie erst einmal auS- gewachsen und im Vollbesitz ihrer Kräfte ist! Oder glauben unsere Feinde, daß sich der Löwe Sozialdemokratie geduldig von jedem Troßbubeu das Fell zausen und sich unter die Füße treten lastK»,. ja wohl auch noch gleich dem Hund Liberalismus die quälende' Hand lecken soll? Wir lassen unfern Feinden die Wahl des Weges, auf welchem die nothwcndige Umgestaltung der Staats- und ÄesellschaftS- organisation bewirkt werden soll. Sind sie gut berathen und wählen den Weg der Verständigung— gut, unS soll es freuen; denn der geistige Kampf ist menschenwürdiger als der physische, als die rohe Gewalt. Sind unsere Feinde aber gleich den Herr« schenden Klassen aller Zeiten verblendet genug, sich sür den andern Weg zu entscheiden— und bis jetzt zeigt alles, daß sie diesen Weg bis ans Ende gehen wollen—: gut oder nichtgut, wir werden unS darauf einzurichten wissen und auch so unser Ziel erreichen. Wenn es aber nicht so ganz glatt abgeht und die Wegweiser schlecht wegkommen sollten, so ist es nicht unsere, son- dern der letzteren Schuld. Die Machipolitik von Obenheiab führt zwingend zu einer Macht Politik von Untenauf! Und wer dem Schwert die Entscheidung anheimgibt, hat kein Recht, zu klagen, wenn es seine Schärfen gegen ihn wendet und er durch dasselbe umkommt! Pfui der Schande! — r. Auf ein unter dem Sozialistengesetz verbotenes Buch, die treffliche Schrift unseres Genossen Bebel über„Die Frau und der Sozialismus"*) wird seit ihrem Erscheinen von der preußisch« deutschen Polizei gefahndet. Natürlich hindert das Verbot ihre Verbreitung nicht, denn— abgesehen von ihrer Güte und dem bedeutenoen Namen ihres Verfassers— verbotene Früchte schmecken doppelt süß und auch schon darum wurde das vervchmte Buch gern gelesen und weit verbreitet. Di« Verbreitung eine« vcr- botenen Buches aber ist bekanntlich durch das Ausnahmegesetz für strafbar erklärt und— in der ehemaligen freien Stadt Frankfurt fiel einer der Verbreiter in die Hände der Schergen. Um ihn zu retten, beschwor Derjenige, weicher das verbotene Buch von dem Angeklagten empfangen hatte, daß derselbe unschuldig sei, worauf mau denselben allerdings laufen lassen mußte. Damit hatte aber der Freund sich selbst einen schlechten Dienst gethan; denn er wurde wegm Meineids angeklagt und durch alle möglichen Listen der Polizei und des Untersuchungsrichters zur Verurthei- lung gebracht. Damit aber noch nicht genug, fiel durch eine Kette von allerlei Umständen, an denen der freigelassene Verbreiter des verbotenen Buches leider mit Schuld war, auch noch ein zweiter Sozialdemokrat, der gleichfalls in der leidigen Angelegen- heit einen Schwur geleistet hatte, in die Hände deS Gerichts, wurde des Meineids bezichtigt und durch Geschworene, die aui alletlei würdigen Bäcker- und Fleischermeistern bestanden, für schuldig befunden und verurtheilt zu mehrjähriger Zucht- hausstrafe, Aberkennung der bürgerlichen Ehren- rechte und Aberkennung der Zeugenschaft auf immer! *) Augenblicklich nur mehr in wenigen Exemplaren vorhanden. Erscheint demnächst in einer umgearbeiteten Auflage. Durch die Expedition de« „Sozialdemokrat" zu beziehen. D. R. Solche barbarische Strafe läßt das Geschbuch zu und die edlen Richter verhängten sie über einen bis dahin noch nie- mals Bestrasten. Was hat aber nun der Mann eigentlich verbrochen? Er hat— das heißt, wenn der erbrachte Beweis genügt— gelogen, wissentlich die Unwahrheit gesagt. Warum? Um einen Freund von Strafe zu befreien. Nicht ein Punkt aber ist nachgewiesen, aus dem geschlossen �werden könnte, daß Eigen- nutz oder sonst ein niedriger Beweggrund ihn zur Unwahrheit getrieben hätte— nur Aufopferung, nur Freundschaft, nur Parteinteresse waren die Motive. Es ist wahr, daß die Unwahrheit immer verwerflich ist und wir sind die Letzten, welche sie vertheidigen; aber erklärlich, ja entschuldbar ist sie in diesem Falle. Lügt denn nicht die ganze heutige Gesellschaft? Belügt sie sich nicht gegenseitig aus den niedrigsten Beweggründen, um einander zu übervortheilen, zu berauben? Solche Lügen, aus gemeinen Motiven entsprungen, sind aber nicht strafbar. Belügen sich nicht alle Staatsmänner? Ist die Lüge nicht die anerkannte und von keinem Diplomaten geläugnete Waffe der Diplomatie? Lügen nicht Pfaffen und Regiernngsmänner, Handel und Gewerbe— sind nicht die heutige Gesellschaft und der heutige Staat auf Lüge fundamensirt und aus Lüge gebaut vom Grund bis zum Giebel? Wohl, der Verurtheilte soll in formeller, feierlicher Weise die Unwahrheit gesagt haben, er soll als Zeuge beftagt und ver- eidigt, vor Gericht gelogen haben,— eine Handlung, auf welche das Gesetz zur Ergründung und Sicherung der Wahrheit eine hohe Strafe gesetzt hat. Wenn keine mildernden Um- stände vorhanden sind, tritt für falsche Zeugenschast Zucht- hausstrafe von einem Jahr ein. Aber bei der Rechtssprechung kommt es vor allem auf die B e w e g g r ü n d e des Handelns an, die mehr oder minder schlechte, sträfliche, erwiesene oder mit Sicher- heit anzunehmende Absicht. Bei einem Meineidsfall sind für den Richter stets zwei Punkte für die Strafausmessung maßgebend: 1) Etwaige Borbestra- fungen, Rückfall k. jc., die auf eine niedere Sinnesart des Angeklagten hindeuten; 2) die g e w i n n s ü ch t i g c Absicht bei Ableistung des falschen Eides. In vorliegendem Falle aber fehlen beide Vorbedingungen. Der Angeklagte war noch nicht bestraft; eine gewinnsüchtige Absicht lag nicht vor— und dennoch: mehrjährige Zuchthausstrafe und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünfJahre! Jeder Lieutenant oder Student, der sein Ehrenwort gegeben hat, an einem bestimmten Tage einen Wechsel einzulösen, und der dies Wort nicht hält, ohne darum für strafbar gehalten zu werden, ist moralisch viel schuldiger, als jener Arbeiter, der einem Freunde zu Liebe falsches Zeugniß abgelegt hat. Und dann darf Eins nicht vergessen werden: Der Zeugeneid wird uns gegenüber dermalen als das infamste Erpressungs- mittel benützt! Gleichwie der Straßenräuber dem Wanderer die Pistole auf die Brust setzt, um ihm das Geld herauszupressen, so schwingt jetzt die reaksionäre Staatsgewalt über zahlreichen Sozialdemokraten die moralische Keule des Eides, um sie zu zwingen, gegen ihre eigenen Freunde und Genossen auszusagen jjnd sie zu verderben durch Herbeischaffung eines Beweises, wel- chen unsere Feinde auf anderem Wege nicht erhalten können. Läßt sich da, wenn ein Genosse lieber die Unwahrheit sagt, als durch seine Aussage die Partei schädigt und seine Freunde und Genossen unfern Feinden ans Messer liefert,— nicht zu seiner Entschuldigung so vieles sagen, so mancher Milderungsgrund an- führen, ja sein Vergehen als aus einem übermäßigen moralischen Zwang, als eine Art Nothwehr erklären? Darum wird auch jeder vernünftige Arbeiter und Sozialdemokrat den„Verbrecher" nach verbüßtem Zuchthaus in seine Arme schließen— für uns ist der Mann ein Märtyrer, kein Verbrecher! Kein Verbrecher! Denn deutlich hat uns der Staats- anwalt, haben uns die Richter während der Gerichtsszene in Frankfurt a. M. merken lassen, warum der Aermste— Ibsen heißt er— so unmenschlich hart bestraft worden ist. Man fragte ihn aus, was er für die Sozialdemokrasie bisher gethan habe; man hörte, es sei sehr Viel gewesen: Ibsen habe für die auS Berlin Verbannten gesammelt, Ibsen habe Rath und Hülfe dm Arbeitern gespendet, Ibsen habe sogar mit den„Führern" der sozialistischen Bewegung korrespondirt, Ibsen sei also ein tüchtiger Sozialdemokrat. Ten Geschworenen lief bei dieser In- quisition schon das Gruseln über die Haut— sie hätten das „Schuldig" gesprochen, wenn auch gar keine Verdachtsgründe vorhanden gewesen wären! Feuilleton. Heheimschrifte«. Eortsetzung.) Chiffrirung und Dechiffrirung werden durch folgende Chiffern- tafel bewerkstelligt: V C -ö CÖ Zur Chiffrirung ist ein beliebiges, natürlich nur den Korrespondenten bekanntes Wort als Schlüssel nöthig, welches Der Vertheidigcr warnte die Geschwornen und Richter, er be- tonte, daß sie die politische Parteirichtung des Angeklagten nicht als erschwerenden Grund ins Auge fassen dürften— Alles half nicht—„der Jude wird verbrannt!" Der Sozialdemokrat wurde zu Zuchthaus verurtheilt, nicht der Herr Ibsen, der wahrscheinlich in Anbetracht, daß dann mildernde Umstände aus- findig gemacht worden, mit K Monaten Gefängniß davon gc- kommen wäre, wenn er zufällig der konservativen oder national- liberalen Partei angehört hätte. So ist in Frankfurt a. M. ein Urtheil der widerlichstm Art gesprochen worden; politische Gegner haben Jbsm schuldig gesprochen und verurtheilt. Den Geschgeber trifft hier weniger die Schuld, weil er solchen einzelnen absonderlichen Fall nicht in Betracht ziehen konnte. Desto schuldiger sind aber die Geschwornen, welche unter solchen Umständen das Schuldig des Meineids ausgesprochen und die Richter, welche die Schwere deS Gesetzes noch verdreifachten, die nicht, wie es gewöhnlich geschieht, die mildernden Umstände den Geschwornen empfohlen haben. Sie beide sind vor dem Richterstuhl der Moral aufs Schärfste zu verurtheilen. Die Geschwornen, die fetten und satten Bäcker- und Fleischer- meister— bei ihnen streiten sich wohl Dummheit und Nieder- wacht: nehmen wir milde an, die Dummheit sei Siegerin gc- blieben im Kampfe, so wird ihre Schuld etwas geringer. Aber die Richter? Sie sind wohl im Stande und müssen durch ihre Bildung und Schulung, vermöge ihres Amtes im Stande sein, die Schuld des Angeklagten sammt den Milderungsgründen ruhig zu erwägen. Sie haben geschworen, unparteiisch, ohne Ansehen der Person, der Gesinnung, des eigenen Gefallens und Mißfallens„Recht" zu sprechen. Dies aber haben sie nicht gethan! Wohlan: wie können über einen Angeschuldigten Menschen zu Gericht sitzen, welche desselben Verbrechens, dessen jener an- geklagt ist, selbst in zehnmal höherem Grade schuldig sind? Sie, die ihren Richtereid aus Parteisucht und ekler Unter- thänigkeit gegen die Mächtigen schamlos gebrochen haben: die Frankfurter Richter selbst sind das, wessen sie Ibsen bezichsigten: meineidig! Wohl haben s i e keine gesetzliche Strafe zu fürchten; Straflos macht aber nicht schuldlos, und darum wird auf den Wangen der Frankfurter Richter und der ganzen Klassen- „Justiz" überhaupt immerdar das Brandmal brennen, das unfern „ verurtheilte»" Genossen nimmermehr trifft: das Brandmal der Schande! �?l ozialpolitische Rundschau. Schweiz. * Wie die herrschende Klasse, welche sonst dem Volk gegen- über stets die„Achtung vor den— zu ihren Gunsten gemachtm — Gesetzen" im Munde führt, mit einem ihr ungelegenen, d. h. im Interesse des Volkes wirkenden Gesetz umspringt, zeigt eine Zusammenstellung der„Tagwacht" über die Ausführung des Fabrikgesetzes im Kanton Zürich während des Jahres 1879. Darnach hat der Regierungsrath letztes Jahr in 63 Fällen an Fabri- kanten Bewilligung zur U eb erzeitarbeit um 1 bis 2 Stun- den täglich und auf 3 Wochen bis 6 Monate ertheilt. Im Ganzen repräfentiren diese Bewilligungen eine Zeitdauer von mehr als 146 Monaten. Rechnet man dazu noch, daß viele Fabri- kanten blos mit Bewilligung der Bezirksbehörden— wo- rüber eine Kontrolle nicht geführt wird— oder auch ohne jede Bewilligung längere Zeit über die gesetzliche Stundenzahl haben arbeiten lassen, so liegt klar auf der Hand, daß es der herrschenden Bourgeoisie gelungen ist, da« Fabrikgesetz zum großen Theil bedeutungslos zu machen. Ein neuer Beweis für die alte Wahrheit, daß es mit dem Gesetz geben noch keineswegs gethan ist, sondern daß der Schwerpunkt in der Gesetzes ausführ ung, in der Verwaltung liegt; und ein Fingerzeig, wonach da? arbei- tende Volk, wonach die Sozialdemokratie zu streben hat. — Bon befreundeter Seite werden wir auf'eine Notiz auf- merksam gemacht, welche sich in einer Anzahl schweizerischer Blätter findet und ein in„Schweizerhetzc" machendes deut- sches Sudelblättchen zum Vorwurf hat. In diesem wird unter der bezeichnenden Ueberschrift:„Schreckliche, wahre Begebenheit auS der neuesten Zeit" erzählt, daß in einer Seidenfabrik in der Nähe von Zürich voriges Jahr aus purem Deutschenhaß der ftanzosensreundlichcn Fabrikanten mehrere hundert deutsche Arbeiter entlassen worden seien, worauf es zu einem Aufruhr der Buchstabe für Buchstabe unter die zu chiffrirende Nachricht zu setzen ist, womit, sobald es zu Ende ist, immer wieder von neuem begonnen wird, bis die darüber stehenden Buchstaben des Textes aufhören. Die Chiffernbuchstabcn werden nun gefunden, indem man von dem Buchstaben des Schlüssels(auch Wahlwort ge- nannt) in der Wahllinie wagerecht und von dem Buchstaben des darüber stehenden Textes in der Sprachlinie senkrecht bis zu dem Punkt fortfährt, wo sich beide Linien kreuzen. Ein Beispiel wird daS klar machen. Setzen wir, die zu chiff- rirende Nachricht laute also:„Morgen Abends neun Comite bei Paul. Anwesenheit Aller dringend nöthig. Ed. Müller." Wahl- wort sei Jacob y". Man wird also zunächst die Buchstaben des Wahlwortes unter die des Textes setzen. Also: >lc)rg;en abends neun Comite bei Paul. Jacoby jacoby jaco byjaco byj acob. Anwesenheit Aller dringend noethig. yjacobyjaco byjac obyjacob y jacoby. Ed. j a- M u e 1 1 e r. c o b yj a c. Nun zieht man eine Linie unter die beiden Buchstabenreihen und beginnt in der oben angegebenen Weise die Buchstaben der Chiffernschrift, gewissermaßen das Produkt der beiden Buchstaben des Wahlwortes und des Textes aufzusuchen. Suchen wir nun i(den Buchstaben des Wahlwortes) und m(den Buchstaben des Textes) in der Sprachlinie auf und fahren von ersterem in der Horizontallinie, von letzterem in der Vertikallinie fort, so finden wir auf der Kreuzung der beiden Linien v, den gesuchten Chiffern- entlassenen Arbeiter und zu einem blutigen Handgemenge mit der Polizei gekommen sei, bei welchem der Held des Schauderromans, ein ebenfalls entlassener deutscher Arbeiter und Vater von neun Kindern unschuldig gefangen wird, um dann am nächsten Tag seine Frau und seine neun Kinder verhungert zu finden, worauf er seine Ketten zerreißt und sich mit Wasser(!) todtschießt. Die rührende Historie ist in einer bekannten Schunddruckerei in Schloß« Chemnitz in Sachsen, welche aus der Schäfer Thomas- und Morithaten-Literatur eine Spezialität macht, gedruckt und durch ihren Ton und Titel schon genügend charakterisirt. Wie vernünftige Leute einem solchen Machwerk Aufmerksam- keit schenken und daran tiefsinnige Betrachtungen knüpfen können, ist uns unerfindlich. Begreiflicher ist schon, wenn sich die„Neue Zürcher Zeitung" der Sache bemächtigt, um daraus, mangels triftigerer Argumente, Kapital gegen— die Sozialdemokratie zu schlagen! Das gelehrte Blatt weiß nämlich sofort, daß der erwähnte Blödsinn vou der Allerweltsverderberin Sozialdemokratie ausgeht, deren Anhänger in Deutschland aufs infamste„allen Patriotismus verhöhnen", der Schweiz gegenüber aber teuflischer Weise„das Deutschlhum hervorkehren" und in Chauvinismus machen!— Ueber eine solche Ausführung auch nur ein Wort zu verlieren, wird uns wohl kein vernünftiger Mensch zumuthcn. ES ist wohl wahr:'s ist nichts so dumm, es findet doch sein gläubig Publikum; aber wer so dumm ist, sich durch solche Mittel gegen uns einnehmen zu lassen, an dem liegt uns gar nichts und wir gönnen ihn den Gegnern— die Sozialdemokratie verzichtet auf ihn. Und daß der Bourgeoispresse vom Schlag der„Neuen Zürcher-Zeitung" gegen die Sozialdemokratie kein Mittel zu erbärmlich und zu gemein ist, dazue bedurste es nicht erst dieses Beweises. Damit ist für uns die Sache erledigt. Peutschtand. * Die sozialdemokratischen Abgeordneten im sächsischen Landtag fahren fort, durch ihre Rede» die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich oder besser auf die Sache der: Sozialdemokratie zu ziehen. Es sind wenige Berathungsgegen-! stände, bei welchen unsere Abgeordneten nicht das Wort ergreifen,| um herbe Kritik an Staat und Gesellschaft zu üben und nach- zuweisen, wie fast alle und jede Unzulänglichkeit und Schwierig- keit, welche im Landtag zur Besprechung kommt, und noch mehr diejenigen, welche die Kammer sich vorsichtig ferne hält, noth- wendig aus unserer widersinnigen„Ordnung" resultiren. Daher � kommt es auch, daß sich der sozialdemokralitche Hebel an jeder Stelle mit Erfolg einsetzen läßt, und die Gegner mit Erstau- nen„große Sozialistendebatten"(wie sie die gegnerische Presse nennt) oft gerade da entstehen sehen, wo sie es in ihrer Unschuld am wenigsten erwartetm. Das tiefe soziale Moment, welches in jeder politischen Frage steckt, ist diesen Leuten eben total un- bekannt und daher zeigen sie sich auch ungeheuer„entrüstet" da- i rüber, daß unsere Abgeordneten„bei Allem und Jedem die be- kannten Schlagwörter an den Haaren herbeiziehen". So berichtet die Berliner„Volkszeitung" über eine Rede Liebknechts über die beantragte Wiedereinführung der Silberwährung:„Der Abg. Liebknecht benutzte die Gelegenheit zu einer Rede über allerlei sozialistische Themata"— und setzt dann giftig hinzu:„Lieb- knechl ersetzt die den Sozialdemokraten verbotenen Volksversamm- lungen dadurch, daß er verkünden läßt, wann er in der Kammer spricht, worauf sich dann immer die Tribünen mit seinen Partei- genossen füllen." Ganz besonders wüthcnd aber sind unsere Gegner, daß der moralische Erfolg stets auf Seite der sozial- demokratischen Redner zu sein pflegt, wie denn der sächsische Landtag überhaupt erst durch die belebende Thätigkeit der sozial- demokratischen„Hechte" aus seinem bisherigen Traumleben auf- gerüttelt worden und zu einer politischen Bedeutung gekommen ist. Daß die sich in weiten Kreisen bahnbrechende Erkenntniß hievon und die sich daran knüpfende Aufmerksamkeit auf die Reden der sozialdemokratischen Abgeordneten und ihr Wirken den Rcak- tionären sehr„bedenklich" scheint, ist gar nicht zu verwundern, sondern im Gegentheil sehr natürlich und begründet. Wird dadurch doch Ausklärung über so vieles Faule im Staate Däne-j mark einerseits und über unsere klaren Prinzipien anderseits ge- schaffen, und das kann allerdings uns nur förderlich sein, be- kommt aber unfern Feinden dafür desto schlechter. Gerade daS aber wird unsere Vertreter aneifem, in ihrer bisherigen Weise nur desto eifriger fortzufahren, und die Anerkennung des Volkes wird sie dabei begleiten. Eine besonders interessante Debatte entspann sich in der Sitz- buchstaben. Mit a und o in gleicher Weise verfahren, ergibt p, £ � u, �= v. � g." m u. s. w. Die ganze Chiffern- arbeit wird also folgendermaßen aussehen: borgen abends neun Comite bei Paul. Jacoby jacoby jaco byjaco byj acob. vpuvgmkchbfr wfxb envkwtddsqdin Anwesenheit Aller dringend noethig. yjacobyjaco byjac obyjacob yjacoby. zwxhggmrfmh ckufu sthwhhbf mxfwwlf Ed. M u e 1 1 e r. ja. c o b yj a c. o e. p i g ku fu. Die Weise, in welcher man beim Dechisfriren verfährt ergibt sich hiernach von selbst. Man schreibt das Wahlwort wiede> Buchstabe für Buchstabe unter die Buchstaben der Chiffernschrift sucht den Buchstaben des Wahlwortes in der Wahllinie auf verfolgt dessen Horizontallinie bis zum Buchstaben der Chiffern schrift und dessen Vertikallinie bis zur Sprachlinie, auf welche: sich dann der Klarschrift findet. Auf unser obiges Exempel an Y Q U V 2 m gewendet: j a c o b y U- � Sßom' in b"®a�Iin'e wag« recht bis zu v und von m in der Vertikallinie bis zur Sprach u v linie gefahren, ergibt m; a zu p gibt o, c= r. 0= g e, m y ----- n u. s. w. Schluß folgt. I ung vom 13. ds. gelegentlich der Berathung über den Etat der Landes-Heil-, Straf- und Versorgungsanstalten. Im Deputa- tionsbericht war ausgerechnet, daß die im neuen Sttafvollzugs- gesetzentwurfc berücksichtigte Jsolirhaft Sachsen über 10'/, Millionen kosten würde. Dadurch kam die Debatte auf den Strafvollzug und die Ursachen der Vermehrung derVerbrechen. Der Depu- tationsberichl hatte sich in unzweideutiger W.ise dahin ausgesprochen, „daß das Gesängnißwesen und das Strassystem durch zu weit gehende Humanität(!) die Mitschuld trage an der außerordent- lichen Vermehrung der Verbrecher, und daß die Strafgesetzgcbung dafür sorgen solle, die Strafe auch ein Strafübel sein zu lasten". Außerdem war liebevoll und verständnißinnig auf die berüchtigte Mittelstätt'sche Prügel-Schrift Bezug genommen worden. Der Abg. Pfeiffer aber nahm noch die Ergänzung vor, als bestes Straf- Vollzugsmittel die Deportation zu empfehlen. Nachdem Freytag im Allgemeinen gegen die lächerliche Behauptung, daß das Gesängnißwesen und das Strafsystem durch zu weit gehende Humanität die Mitschuld an der Zunahme der Verbrechen tragen, protestirt hatte, ergriff Liebknecht zu einer eingehenden Erör- terung der Ursachen der Verbrechen und ihrer Zunahme das Wort. Nicht das Strafsystem trüge hieran die Schuld; denn alle Systeme, welche man bisher gehabt, seien gescheitert, weil man nur auf die Unterdrückung der Folgen, nicht aber auf die Ausrottung der Ursachen der Verbrechen denke. Die ersten und zwingendsten derselben seien Roth und Elend. Dazu komnic mangelhafte Erziehung und Unwistenhcit; dann kämen aber die Vorgänge der jetzigen Zeit, die beständigen Kriege, welche die Bevölkerung verwilderten, ebenso wie der 30jährige Krieg eine so ungeheure Verwilderung harvorgerufen habe. Der rohe thie- rische Muth werde verherrlicht in einer Weise, die auch im Pri- vatleben zur Rohheit führe. Dazu komme die absolute Unsicher- heit der Erwerbsverhältnissc. Man sei in wirthschaftlichcr Be- zichung in einem vollständigen Chaos, die alte Gesellschaft sei in der Auflösung begriffen und in politischer Beziehung sei in Deutschland ebenfalls Alles aus Rand und Band. Wie solle das Rechtsgefühl in das Volk hineinkommen, wenn es sehe, w- e viele Rechte in der letzten Zeit beseitigt worden seien auf gewaltsamem Wege, und welche Umgestaltun- gen die Gesetze in der letzten Zeit erlitten hätten. Man möge sich erinnern, wie im vorigen Jahre gehetzt worden gegen die Sozialdemokraten, ihnen die Schuld an den Attentaten in die Schuhe geschoben worden sei; man möge denken an die jetzt auf- tretende Judenhetze. Man klage über die kolossalen Kosten, die der Strafvollzug verursache. Das seien die Kosten der falschen Politik, die man in der letzten Zeit be- folgt habe. Wenn man die kolossalen Summen, die für Kriege ausgegeben worden seien, zur Hebung der Bildung und des Wohlstandes des Volkes benutzt hätte, so hätte man auch die Quellen des Nothstandes mit verstopft! In einer Entgegnung auf einige Einwürfe, namentlich seitens des Nationalliberalen Pcnzig betonte dann Liebknecht als einen Hauptgrund der Zunahme der Verbrechen die Erschütterung des Rechtsbewußtseins in Deutschland, an welcher in erster Linie Die- jenigen mit die Schuld trügen, welche jeder Gewaltmaßregel der Bluttund-Eisen-Politik nach Außen und Innen Beifall klarschten. Die freche Behauptung, daß an der Zunahme der Verbrechen die Sozialdemokratie Schuld sei, weise er mit Verachtung zurück. Dieselbe hätte nur dem Volk die Augen geöffnet über die Schä- den der Gesellschaft und des Staatslebens. Penzig habe es für nothwendig gehalten, vom nationalen Standpunkte gegen ihn zu reden. Da komme man auf die Theorie, welche die sozialdemo- kratische Partei als eine vaterlandslose hinstellt. Die Sozial- demokraten seien mindestens ein eben so großes Stück vom„Vaterland", als die nationalliberale n Partei, und hätten ein Recht, über die Zustände anders zu ß denkm, als die letztere. Der Richterspruch des Volkes werde n einmal dahin lauten, daß in erster Linie die nationalliberale k- Partei mit ihrer Wirksamkeit auf politischem und wirihschaftlichem i,j Gebiete die Schuld trage. Seine Partei habe jedenfalls dem d Vaterlande größere Dienste erwiesen, als diejenige Partei, welche c-i sich„national" und„liberal" nenne und doch bereitwillig zu e- dem größten Willkürakt mitgewirkt habe, indem sie durch An- e- nähme des Sozialisten«„Gesetzes" einen großen Theil der Nation is rechtlos und mundtodt gemacht habe! se Schließlich, als gegen die gewichtigen Anschuldigungen Lieb- :s knechts gar nichts verfangen wollte, wurde von dem schon gc- nannten Nationalliberalen auch noch der„Sozialdemokrat" mit in tz- die Debatte gezogen, indem der Mann eine angeblich„zur Re- Volution aufreizende" Stelle aus demselben verlas und daran die -- Bemerkung knüpfte: wenn diese Sprache nicht alle bösen Leiden- schaften der„niederen Klassen" anfache, so wisse er nicht, wie ' daS überhaupt geschehen könnte. n- Liebknecht erwiderte hierauf, daß da, wo unterdrückt werde, naturgemäß auch die Reaktion gegen den Druck komme. DaS verstehe sich von selbst und Penzig sollte doch aus der Geschichic l. wissen, daß auch seine eigene Partei zu einer Zeit, wo sie unter- ff. drückt worden sei, eine eben so heftige Sprache geführt habe. An dieser Sprache sei Niemand anders als allein Diejenigen Schuld, welche die sozialdemokratische � Partei in Deutschland mundtodt gemacht und Al- )'■ l e8 gethan hätten, sie auf einen ungesetzlichen s. Boden zu drängen! — Die unerhörte Gemeinheit, sogar das Elend des Roth- standes gcgcndic verhaßte Sozialdemokratie aus- zubeutcn, ist einem Berliner„liberalen" Vollblut-Bour- rt geois, der dabei völlig im Sinne, wenn nicht im Auftrag se'ner )ei Gesinnungsgenossen gehandelt hat, vorbehalten geblieben. Wir lesen in der„Nordd. Allgem. Ztg.":„Bezüglich eines Zwie- - gesprächs der Kaiserin mit dem Eigenthümcr des Hauses Müller- rn straße 182 in Berlin bei Eröffnung der Volksküche daselbst sind .x. nachträglich die widersprechendsten Versionen in Umlauf gesetzt worden, so daß zur Richtigstellung derselben jetzt von zuständiger Seite über jenen Vorgang Folgendes mitgetheilt wird: Als der gt Vorsitzende Herrn Stargardt als Wirth des Hauses der Kaiserin � vorstellte und diese sich über das freundliche Aussehen und die Ausdehnung der betreffenden Stadtgegend aussprach, welche sie L seit Jahren nicht gesehen, sagte Herr Stargardt:„Ja, Majestät, der Wedding ist besser, als sein Ruf." Hierauf die Kaiserin: „Ich habe noch niemals von einem schlechten Ruf deS Wedding gehört; denn wenn Sie nur die hier verbreitete Armuth meinen, so ist diese nur ein beklagenswerthes Unglück." Herr Stargard entgegnete hierauf:„Nein, ich meine die hier sehr ver- breitete Sozialdemokratie, die wir aber schon tüchtig in die Enge getrieben haben und die wir hoffen, auch ganz zu vertreiben", worauf die hohe Frau mit sichibarem Erstaunen erwiderte:„Wir haben in der Volks- küche mit keinem anderen Nothstande zu thun, als mit der Armuth." Ob die„hohe Frau" die ihr in den Mund gelegte Acußerung in der That und„sichtlich erstaunt" gethan hat und wenn, ob es ihr dann damit ernst gewesen und sie sich nicht etwas ganz Anderes dabei gedacht hat, wollen wir dahin gestellt sein lassen, ist uns auch ganz gleichgültig. Aus der Antwort des Herrn Stargardt aber läßt sich ersehen, wie ernst es der jetzt mir Vor- liebe in„Nochstandslinderung" machenden Bourgeoisie mit ihrer „selbstlosen Wohlthätigkeit für das arme nothleidende Volk" ist! Wenn diese Leute aber vermeinen, das Maul des Hungrigen mit Bchclsuppcn stopfen und den Schrei des Proletariats nach Freiheit und Gleichheit durch— Volksküchen unterdrücken und so die Sozialdemokratie„tüchtig in die Enge treiben" oder gar „ganz vertreiben" zu können,— dann dürite ihrer eine gewaltige Enttäuschung warten. Aber der Haß gegen dis nach Emanzipation ringende Volk macht die herrschende Klasse blind, wie die Liebe den balzenden Auerhahn, der all seine sonstige Vorsicht und Klug- heit verliert und den Jäger nicht nahen steht, dessen sichere Beute er wird. — Die Briefstieberei macht in Deutschland immer größere Fortschritte, was unter den gegenwärtigen, im„freieinigen Reich" herrschenden Verhältnissen allerdings nicht zu verwundern, sondern nur selbstverständlich ist. So wenig ein Dieb ohne Dietrich aus- kommt, so wenig kann eine Reaktion ohne schwarzes Kabinet aus- kommen. Und dieses ist bereits ganz systematisch organisirt. I» zahlreichen PostbureauS größerer und zugleich als Hauptnester der Sozialdemokratie verrufener Städte: Berlin, Dresden, Breslau, München tt. ist ein regelmäßiger Polizeidienst eingeführt, so daß Tag und Nacht Polizcibeamte anwesend sind, welche sämmtliche ankommende und abgehende Briefe und Päckereien besichtigen. Die Briefspitzeln sind mit Verzeichnissen bekannter Sozialisten der bctt Stadt, sowie mit Adressen und Handschriften proben von im In- und Ausland wohnenden sozialistischen„Führern" versehen. So sind vor wenigen Wochen derPostpolizei wicdereincAnz ahl>„v erb äch tig er" ZüricherAdressen mitgetheilt worden. Erscheint eine Sendung auf Grund irgend eines dieser Anhaltspunkte als verdächtig, so wird sie aus gehalten, und werden zum Zweck der Auskundschaftung dreierlei Verfahren angewendet. Entweder die Sendung wird„perlustrirt", d. h., wenn es ein Brief ist, durch Aufschneiden oder„irrthüm- liches Eröffnen von Amtswegen", wenn ein Packstück, durch gewalt- sames Stoßen und Quetschen eröffnet. Oder die Senduna wird einfach gestohlen. Oder aber endlich, wenn beides unmöglich oder bedenk- lich(wie bei eingeschriebenen Briefen oder bei sich öfter wieder- holenden Fällen), so wird die Ankunft der Sendung der bei.. Polizeibehörde avisirt, von dieser dem Postboten ein Polizeiagent mitgegeben und von diesem die Sendung sofort nach Abgabe beschlagnahmt. Aber nicht genug, daß der Polizei in der Post ein ständiger Platz eingeräumt worden ist, daß ferner einzelne Postbeamte zum Zweck der Briefstieberei oder der Bcihülfe hiezu entweder bestochen worden oder deren selbstangebotene Dienste bereitwillig angenomnien sind: auch die P o st selbst ist korrumpirl und die infame Briefschnüffelei, d. h. das schwarze Kabinet offiziell, durch geheime Erlasse des Generalpostmeisters und der Oberpostbirek- tionen eingeführt. Ein solcher Erlaß des Generalposlmeisters hin- sichtlich der„Perlustrirung" von Postsendungen, in denen ver- botene Schriften zu vermuthen, wurde bereits in der Frühjahrs- seision des Reichstags zur Diskussion gebracht, wobei sich die Würdelosigkeit des Reichstags und speziell der Herren Liberalen wieder einmal im hellsten Lichte zeigte. Denn trotzdem sogar Lasker nicht umhin konnte, die Sache für„bedenklich" zu finden, und die Thatsache der Verletzung des Briefgeheimnisses außer Zweifel stand, hatte man nicht den leisesten Tadel für ein solches schändliches Gebühren: war es ja doch blos gegen die Sozia- listen gerichtet! Heute sind wir nun in den Stand gesetzt, ein neues Beweisstück in Sachen der Reichspost-Briesstieberei beizubringen. An sämmt- lichc Postamts-Vorsteher eines gewissen Kreises(wahrscheinlich auch an die anderer Kreise) erging im Laufe des November nach- folgendes autographirtes Schreiben: „Kaiserliche Ober-Post-Direklion N. N., den.. November 1879. Vertraulich! Nach einer hier vorliegenden zuverlässigen Mit- theilung wird in neuerer Zeit auf den zur Verbreitung in Deutsch- land bestimmten, mit abwechselnden Titeln versehenen Nummern der in London erscheinenden Sozialistenzeitung„Die Freiheit" behufs Täuschung der Behörden statt des Druckortes„London" am Kopfe des Blattes der Ortsname„Berlin" eingerückt, ferner werden die einzelnen Zeitungsnummern derart zusammengeialtet, daß der letztgenannte Name sofort in die Augen springt. Ew. Wohlgedorcn werden hievon auf Veranlassung/!) in Kenntniß ge- setzt, in Gcmäßheit der Amtsblatts-Vcrfügung vom 6 Februar Nr. 19, S. 29 die erforderlichen Maßnahmen zu treffen. Der Kaiserliche Ober-Post-Direktor.(Unterschrift.)'An den Herrn Vor- steher des Kaiserlichen Postamts in N. N." Wir wollen hiezu nur bemerken, daß das im Erlaß besprochene Blatt selbstverständlich in Deutschland, gleich dem„Sozialdemo- krat", nur unter Briefverschluß versandt wird, so daß sich also die Anleitung, welche die Postbehörde ihren Beamten gibt, nicht auf Kreuzbandsendungen bezieht, deren Durchsicht der Post ja rechtlich zusteht. Ucbngens ist ja der Charakter dieser D i e b s- instruktiv n schon durch den Beisatz„Vertraulich" d. h. geheim, zu verheimlichen— genügend dargethan. Daß jedoch derartige Zusätze, welche gesetzwidrige und ehrlose Manipulationen der Behörden dem Volk verbergen sollen, nicht hindern, daß die sozialdemokratische Presse davon Kenntniß erhält, beweist unsere Mittheilung aus's neue. Es findet sich glücklicherweise früher oder später immer wieder ein ehrlicher— Zufall, welcher die Schande offenbar macht! Voraussichtlich wird ein sozialdemokratischer Abgeordneter die infame Affäre nebst vielen andern im nächsten Reichstag zur Sprache bringen, und man darf begierig sein, waS die Regierung zu entgegnen haben wird. Freilich fehlt es der letzteren weder an Frechheit, sich, wenn möglich, mit dreister Stirn herauszulügen, noch an Schamlosigkeit, die Sache, wenn kein anderer Ausweg vorhanden, nicht nur zuzugestehen, sondern sogar prahlerisch als ein Verdienst um Staat und Gesellschaft anzurechnen. Da« alte Weib Reichstag aber wird Beides gleichsehe billigen und wenn der Junker mit dem Pferdefuß etwa mit kynischer Offen- heit Farbe bekennt und die Briestieber-Werkzeuge auf den Tisch des Hauses niederlegt, ebensowenig erschrecken und ebenso über den köstlichen Spaß unbändig lachen, wie das Scheusal in der Hexenküche über das mephistophelische Wappen! — Beamtenproletarier. Veranlaßt durch die gegen- wärtig sich in erschreckender Weise mehrenden, zum großen Theil durch die Ermüdung, resp. verminderte Dienstsähigkcit der Bahnbeamten durch Arbeitsüberbürdung herbeigeführten Eisenbahnunglücke hat das preußische Ministerium der öffentlichen Arb iten vor kurzem einen Erlaß des Reichseisenbahn- amtes vom 21. Februar 1875 den Eisenbahndirckttonen und Kommisstonen in Erinnerung gebracht, welcher Vorschriften hin- sichtlich des täglichen Arbeits- und Dienststunden Maximu s gibt. Diesem Erlasse zufolge soll eine täaliche Dienstzeit von vierzehn Stunden für Bahnwärter und Weichensteller das Maximalmaß sein; außerdem sollen diesen Beamten zwei dienstfi eie Tage im Monat„billigerweiie nicht versagt werden." Bei Regelung der Dienststunden des Maschinen- und Fahrpersonals soll darauf Be- dacht genommen werden, daß die betieffenden Beamten nicht über- mäßig lange und über ihre Kräsie hinaus ununterbrochen Dienst zu thun haben und daß die Ruhepausen möalichst nach dem Stationsort des Vetresfenden gelegt werden. Diese Vorschriften sind indessen, wenn sie je allgemein zur Ausführung gelungten, längst wieder in Vergessenheil gerathen. Nach neueren E- Hebungen des Reichseisenbahnamtes beträgt da« Dienstmaß, welches auf den einzelnen Eisenbahnen Deutschlands (excl. Bayerns) von den genannte» Beamten in einem eininonat- lichen Zeitraum verlangt wird, im Durchschnitt für Bahnwärter 3t)8 Stunden, für Weichensteller 364, für Schaffner 283, für Lokomotivführer 288 und für Lokomotivheizer 293. P/zn ver- schiedcnen Bahnen aber wird von diesen Turchichnittssätzen— welche das Reichseisenbahnamt als„nicht übermäßig hoch" erachtet— wesentlich uno zum Theil in wahrhast unerhörter Weise abgewichen. So beträgt z. B. das in einem einmonatlichen Zeitraum zu leistende Dienstmaß bei einigen Bahnen für Bahnwärter 540 bis 555 Stun- den, für Weichensteller 555 Stunden und für Lokomonvsührer und Heizer 522 Stunden,— d. h. 17'/,, 18, ja sogar 19 Stunden täglich bei nurzweiRuhetagen imMonat! Ja stellen- und zeitenweise kommt es noch ärger. So ist nach dem„Opp. Wochenbl." seit Weihnachten auf der Kommission«- strecke Bieslau-Coi'el der Oberschlcstschen Eisenbahn dte Einrich- tung getroffen, daß die Stationsbeamten und Telegraphisten sieben Nächte hintereinander ihren beschwerlichen und verantwortlichen Dienst thun müssen, wobei ihnen„anHeim- gestellt ist", dies noch weitere sieben Nächte„freiwiuig" zu thun; die Weichensteller haben schon längere Zeit die gleich langen und noch längere lienstslunden! Läßt sich— insbesondere wenn man noch die elende Bezah- lung der meisten Beamten in Betracht zieht— eine infamere Ausbeutung des Arbeiters, ein gewissenloseres Spiel mix Menschen- leben— mit denen der abgerackerten Beamten selbst und denen der ihrer' Dienstsorgsalt übergebenen Reisenden— denken? Und ist es ein Wunder, wenn ein dergestalt total übermüdeter Beamter, dem— von einer Sorge für seine Privatgeschäfte gar nicht zu reden— nach dem anstrengenden Dienst kaum 5 bis 6 Stunden ungenügenden und oft unterbiochenen Tagsschlafes übrig bleiben, in seiner Schlaftrunkenheit die Weiche falsch stellt, ein grünes oder rotheS Licht übersieht oder eine Depesche verschläft und da- durch möglicherweise Unglück über Hunderte bringt? Geschieht aber ein solches Unglück, so ist alle Welt über den armen Beamten empört, er wird schnell vom„Arm der Gerechtkeit" gefaßt und seine Familie vater- und brotlos gemacht; während der wahre und alleinige Schuldige, die menschenenlwürdigende Ausbeutungs- sucht des Kapitals straflos ausgeht und immer neue Opfer erwürgt! * Aerlit», 19. Januar. Auch in Berlin wird die Sozial- demokratie demnächst die erwünschte Gelegenheit haben, die Probe auf das Sozialistengesetz abzulegen. Der fortschrittliche Abgeord- nete des 2. Reichstags-WahlkreiseS, Hofmann, hat nämlich sein Mandat niedergelegt, und wird daher eine Neuwahl statt- finden. Wie die„ Bürger-Ztg." meldet, sollen die Sozialdemo- traten bereits ein Wahlkomite gebildet haben, wovon jedoch die Polizei Wind erhielt. Das Wahlkomite hielt in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch in der Wohnung eines seiner Mitglieder in der Heinersdorfer Straße eine geheime Sitzung, al« die Po- lizei eindrang, den Berathungen ein Ende machte, die Mitglieder des Wahlkomitcs, 12 an der Zahl, verhaftete und sämmtliche vorgefundene Papiere mit Beschlag belegte.— Wir wissen nicht, ob sich die Sache so verhält und ob nicht die Verhaftungen viel- leicht mit den jüngsten zahlreUen Haussuchungen und der be- kannten Weihnachtsverloosung zusammenhängen. Indessen ist der Gewaltstreich der Polizei in einem Falle so infam wie in dem andern. Denn eine Verloosung zur Unterstützung noihleidender Frauen und Kinder wird jedem vernünftig Denkenden eben so wenig als ein„Verbrechen" gelten, als Vorbereitungen zur AuS- Übung des wichtigsten Bürgerrechtes, des Wahlrechtes. Doch wollen wir weitere Nachrichten abwarten. * Leipzig, 17. Januar. Auf Grund des Sozialistengesetzes hat die hiesige Kreishauptmannschaft die von W. Hascnclever herausgegebene humoristische Zeitschrist:„Das Lämplein" ver- boien. Das Blatt soll„staatsgesährlich" gewesen sein, was gewiß jedem seiner Leser eine Neulgkeit gewesen sein wird. Wir wer- den auf die famosen„Motive" dieses Verbotes noch zurückkom- men. — dt— München, 16, Januar. Bekanntlich ist auch unser bajuvarisches Bierland so glücklich, eine„Verfassung" zu besitzen. Wie„gemüthlich" dieselbe aber gehandhabt wird, mag Ihnen Folgendes zeigen: Versassungsgemäß dürfen die direkten Steuern nur auf Grund eines, alle Finanzperioden zu erneuernden Steuer- gesetzes eingehoben werden, und ist ohne ein solches Gesetz Nie- mand zum Steuerzahlen verpflichtet. Bis zum heutigen Tage aber ist der, allerding« von den Kammern genehmigte, neue Steuergeschentwurf noch nicht Gesch, weil der auf seinen Berg- schlöfsern hausende König noch nicht zu der schwierigen Arbeit des Unterschreibens zu bewegen war(er soll mit dem Studium einer neuen Oper beschäftigt sein, und da bleibt für die übrigen „Herrscherpflichtcn" keine Zeit). Trotzdem aber werden die Steuern, verfasiungswidrig, provisorisch erhoben.— Ein Anderes ist nicht weniger, konstitutionell". Die erste Kammer(der sog.„Reichsräthe") hat in den letzten Tagen des Jahres 1879 drei Gesetzentwürfe, bezw. Anträge erledigt. In der Hitze des Gefachtes hatte man aber die Kleinigkeit übersehen, daß die Kam- mer der Reichsräthe zufällig— gar nicht beschlußfähig war, in- dem nicht die Hälfte der Mitglieder der.hohen" Kammer an- wesend war. Die Beschlüsse waren und sind folglich sämmt- lich ungültig, was in einem.konstitutionellen" Staat nicht vorkommen und einem so hohen und zum �heil so gelehrten Hause eigentlich nicht Passiren sollte. In eineni Falle hatte so- gar ein Minister, Herr v. Pfretzschner, für ein fortgegangenes Mitglied dessen Stimme abgeben zu können gemeint! Aber all das thutdem.konstitutionellen" Vergnügen keinen Eintrag.— Noch etwas Hübsches ist nachträglich zu melden. Die Ebre der Mün- chener Polizei ist gerettet und wir bleiben hinter Berlin nicht mehr zurück. Denn auch wir haben nun unser Attentat gehabt, wenn es auch nur ein ganz kleines Attentätchen war! Die Mutter„unseres" Königs ist nämlich in der Frauenkirche, wohin sie sich als fromme Frau am Festtag begeben hatte, angefallen und geschlagen worden. Freilich war der„Attentäter" nur ein Wahnsinniger und kein vernünftiger Mensch sah in dem Vorfall etwas anderes als einen Ausbruch der Geisteskrankheit, wie solche ja bisweilen zu geschehen pflegen, ohne daß man etwas besonderes darin sieht. Aber die Gelegenheit war vortrefflich, die Polizei wichtig zu machen, die Sonderinteressm der regierenden Klique wahrzunehmen und dem sozialdemokratischen Sündenbock wieder EinS aufzuhängen. Deshalb wurde aus der Lapperei eine Staats- Affäre gemacht und dem König Befürchtungen für seine persön- liche Sicherheit in den Kopf gesetzt. Als ob es, von anderem ganzn;rbgesehen, irgend welchen Werth hätte, einen Mann, der sich um die Regierung absolut nichts kümmert und infolge dessen auf dieselbe blutwenig Einfluß hat, bei Seite zu schieben! Aber die herrschende Klique hat ein Interesse daran, den König von hier ferne zu halten, und da müssen denn„die bösen Sozialdemo- kraten, die ihn in die Luft sprengen" und„die vatei landslosen Schwarzen, die ihn vergiften wollen" herhalten. Um nun diese finstern Pläne zu vereiteln, ist unser famoser Polizeiprästdent Feilitzsch eigens zum Regierungspräsidenten ernannt wmden. Da kann man freilich ruhig sein; denn„der schlaue" Feilitzsch hört ja das GraS wachsen und die Flöhe husten und ist im Stand, mit Hülfe seines Spürhundes Gehret ein Attentat ausfindig zu machen, noch lange ehe der Plan dazu entworfen worden ist! Heil dem Staat, der solche Schädel hat! Hesterreich-Augarn. *°Jn Budapest ist es vergangene Woche lebhaft zugegangen. Infolge des jede Grenze überschreitenden schändlichen, gewaltthä- tigen Treibens der dominirenden korrupten Magnatenklique kam ei zu Straßenaufläufen, welche sich fünf Tage hindurch wieder- holten und bei welchen die Polizei gegen das Volk, welches durch den seitens eines adeligen Bravo's an einem oppositionellen Jour- nalisten(im Duell) begangenen Mord auf's Aeußerste erbittert war, in der provokatorischesten Weise vorging. Das Militär machte von Bajonnet und Gewehr Gebrauch, es gab Tobte, Verwundete und Verhaftete und— die„Ordnung" ist wieder hergestellt! Wie lange sie dauern wird, wie lang sich die uner- hört korrupte Wirihschaft der herrschenden Klique noch halten kann, ist eine andere Frage.— Roch ist zu erwähnen, daß es auch hier wieder Leute gab, welche die Unruhen sofort den So- zialdemokraten in die Schuhe zu schieben suchten. Genosse Leo Frankel erklärte jedoch im Namen der Budapester Genossen, daß die Sozialisten mit den Unruhen nichts zu thun haben und nicht geneigt seien, für die Opposition die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Wichtiger für uns ist eine andere aus der ungarischen Haupt- stadt kommende Nachricht. Wir erhalten nämlich die erfreuliche Mittheilung, daß die längst angestrebte Vereinigung der beiden Fraktionen, in welche die ungarische Sozialdemokratie bisher ge- spalten war— der„Partei der Nichtwahlberechtigten" und der „Ungarländischen Arbeiterpartei"— zu einer einheitlichen, ge- schlossenen Partei endlich ihrer Verwirklichung nahe ist. Die Aus- glcichskommisflonen der beiden Fraktionen haben sich über die Basis der Vereinigung geeinigt, welche auch von den Budapester Genossen beider Fraktionen bereits angenommen wurden, so daß nur noch die Provinzgenossen zuzustimmen haben, um die Ver- einigung perfekt zu machen. Zur Feststellung des Programms und der Organisation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Un- garns— wie sie fortan heißt— wird baldigst ein Parteikon- greß einberufen.— Wir senden unfern ungarischen Brüdern un- sere herzlichsten Grüße und Wünsche, daß ihre Einigkeit wachse und gedeihe— den verbrüderten Völkern zu Nutz, den Gewalt- habern zu Trutz! Welgien. — �Arüstek, 12. Januar. Die dahier wohnenden deutschen Sozialdemokraten haben gestern einen entscheidenden Schritt ge- than. Schon seit längerer Zeit herrschten infolge der bekannten Londoner Hetzereien im Schöße des hiesigen Vereins deutscher Soziallsten endlose Streitereien. Würden die hiesigen treuen Anhänger der deutschen Partei und ihres Programms nicht im Interesse der Sache sich der größten Zurückhaltung und Versöhn- lichkeit beflissen haben, so wäre es schon längst zum Bruch mit jenen Fanatikern gekommen, welche bewußt oder unbewußt die Sache der Sozialdemokratie schwer schädigen, indem sie persön- liche Interessen und ihre vereinzelte, ungezügelte Meinung über die Disziplin und die Interessen der Gelammtpartei stellen. In- dessen konnte dieser unerquickliche, unerträgliche Zustand nicht länger mehr fortbestehen. Der endliche Bruch wurde, wie der ganze Streit überhaupt, von London provozirt. In Nr. 2 der „Freiheit" dekretirte der Londoner Kommunistische Arbeiter-Bil- dungsverein frischweg zwei wesentliche Punkte unseres Programms für gestrichen und forderte die Genossen aller- ort« zum Anschluß an diese Programmverstümmelung und eine darauf zu gründende„Zentralisation" auf*). DieS war uns denn doch zu viel, und wurde deßhalb in der gestrigen General- Versammlung des Vereins deutscher Sozialisten ein von vielen Mitgliedern unterzeichneter Antrag eingebracht, der sich entschieden gegen dies parteiwidrige Gebahren des Londoner Kommunistischen Arbciter-Bildungs-Vercins aussprach. Derselbe wurde aber, wenn auch freilich nur mit unbedeutender Mehrheit, abgelehnt, und stimmte so der Verein dem Vorgehen der Londoner bei. Da sich der Verein durch diese Abstimmung selbst von dem Boden der deutschen Sozialdemokratie formell entfernte und sich mit der Grundlage und Haltung der sozialistischen Arbeiterpartei Deutsch- lands in Widerspruch setzte, so erklärten die der deutschen Sozial- demokratie und ihrem Programm treugcbliebenen Genossen sofort ihren Austritt aus dem Verein und konstituirten sich nächsten Tages zu einem neuen Verein, der es sich zur Aufgabe macht, wie es die Pflicht jedes treuen Genossen ist, ganz wie bisher auf Grund des Gothaer Programms zu wirken, und in der geschlossenen Kolonne der deuischen Sozialdemokratie zu marschiren. Wir treugeblicbenen Genossen werden so weit besser für unsere Sache wirken können, als wenn wir bei jedem Schritt und Tritt von dem Bleigewicht der persönlichen Zänkerei gehindert werden. Der lediglich verhetzten Mehrzahl des alten Vereins aber wird die Erkenntniß ihres Unrechts gegen die Partei wohl mit der Zeit kommen: an uns und unserm Streben nach diesem Ziele und der Parteipropaganda im Allgemeinen soll eS gewiß nicht fehlen. Hoch die deutsche Sozialdemokratie! H. G. Krankreich. — H�aris, 13. Januar. Kaum ist das„liberale, echt repu- blikanische" Ministerium Freycinet ein paar Tage am Ruder, so benützt es schon die erste Gelegenheit, um seinen freihcitsseind- lichen, reaktionären Charakter in der unzweideutigsten Weise vor aller Welt zu manifestiren. Seit ungefähr vier Jahren wohnt in Nizza unser Gesinnungsgenosse, der russische Sozialist Peter Alissoff. Derselbe veröffentlichte während dieser Zeit eine An- zahl russischer Bücher und Brochüren, welcher Thätigkeit selbst das Staatsstreich-Kabinet Broglie-Fourtou kein Hinderniß in den Weg legte. Kaum aber war Gambctta's Fieund Freycinet Ministerpräsident geworden, so ließ der Nizzaer Präfekt sämmt- liche Werke des Genossen Alissoff konfisziren, obgleich sie russisch geschrieben waren und sie demnach nur wenige Leute in Frankreich, am allerwenigsten aber der konfisckrende Präfekt selbst verstanden! Aber damit noch nicht genug, beging die Re- gierung am 19. ds. die unerhörte Bruralitüt, Alissoff des Landes zu verweisen und zwar ihn binnen 48 Stunden aus Frankreich zu vertreiben, trotzdem seine hochschwangere Frau wenige Tage vor ihrer Entbindung steht und nun sammt ihrer Familie hülflos zurückbleiben muß! Wahrlich, solche schäm- und rücksichtslose Willkürherrschaft gibt der verrufenen donapartistischen Wirthschaft nichts nach! Und alles das nur der russischen Zarin wegen, welche gegenwärtig in Cannes Heilung von einer„ga- lanten" Krankheit sucht und als echte„Landesmuttcr" vor jedem ihrer„Unterthanen" eine heillose Angst hat. Nicht wahr, eine wundervolle„Republik" das, welche sich beeifert, einer Selbst- herrscherin die schmutzigsten Lakeiendienstc zu thun! Es wird *) E« sind uns einige Znschristen— aus Berlin, Darmstadt, Bich wen und eine aus London selbst— zugegangen, welche anfragen, wie wir uns zu der oben erwähnten Veeijffentlichung de» Londoner Ikom mnnistischen Arbeiter Bildungs-Bereins verhalten, bezw. warum wir nicht sofort entschieden dagegen Stellung genommen haben. Der Grund sstr letztere« ist ein sehr einfacher: wir hallen die ganze Sache nicht für bedeutend genug, um an sie unsere Zeit und unsern Raum mehr als absolut niithig zu verschwenden. Die« geschähe aber entschieden und wir wiirden der großspurigen Londoner Zentralisationssvielerei nur eine ihren intellektuellen Urhebern erwünschte Wichtigkeit beilegen, wenn wir die erwähnte Berössentlichung ernst nehmen und des Laiigen und Brei- ten nachweisen wollten, wie parteibrlltiig und hohl zugleich sie ist. We- nige Bemerkungen werden hiezu vollkommen genügen. Unsere in der Bewegung ersahrenen Genossen mögen sich einmal vor- stellen: Zur Zeit der öffentlichen Agitation der deutschen Sozialdcmokra- tie wäre es den Parteigenossen in Schilda oder Buxtehude, durch die Wühlereien und Slänkereien eines beliebigen eitlen oder wirrköpfischen Hätiich oder Wärich verleitet, Plötzlich eingefallen, den oder jenen Punkt de« Parteiprogramm« sstr„iingiltig" und zugleich diese Streichung als für die ganze Partei bindend z» erklären, und schließlich sich selbst zum Vorstand der so„verbesserten" Partei zu ernennen. Was wäre geschehen? Die Parteigenossen allerwärt« wären einerseits empört über solche Disziplinwidrigkeit gewesen, anderseits hätte sie die Großhansigkeit der ehrenwerthen Schildaer oder Buxtehader amüsirt, und je nach den Umständen und der Individualität de« Beurtheiler« und hätte da« eine oder andere Gesühl überwogen. Jcdensall« hätte man der Sache materiell wenig Werth beigemessen, weil es einfach lächerlich ist, wenn ein paar Mann sich in solch wichtig thuender Weise gegen eine große, geschlossene und starke Partei anssvielen, da« aus d.-m Kongreß unter Mitwirkung der ganzen Partei geschaffene Programm willkürlich ändern und ihre winzige Persönlichkeit aus« hohe Roß schwingen wollen, um der Welt und vor Allem der eigenen Armee glauben zu machen, sie seien wirklich die Kommandeure des Ganzen und gäben die Marschroute an. Man hätte die Leute einfach ihre Posse bi« zu deren baldigem Ende spielen lassen und dann das Weitere ruhig dem dem Fiasko unvermeidlich folgenden moralischen Katzenjammer Uberlassen. Nun, die Londoner, weide bei d-r„Verbesserung" unsere« armen Programms und bei der Gründung der neuen Organisation mitgewirkt und sich dadurch bescheidener Weise zu Herren Uber die ganze deutsche Partei erklärt haben: sie handeln genau wie jene imaginären Schildaer und Buxtehuder. Wir haben gleich in der ersten Nummer erklärt, daß wir die Feststellungen unsere« Parteiprogramms durchaus nicht als sa krosankte, unwandelbare Dogmen belrachtrN. Wir erkennen auch gleich wie un« selbst auch jcdem andern sozialistischen Organ das Recht zu, die Stichhaltigkeit, Berechtigung und Nlltzlichleit der einzelnen Pro grammpunktc zu erört-r» und auf ihre Abänderung hinzuwirken. Wenn aber ein Organ oder auch drei oder vier hundert angeblicher oder wirk- licher Genossen außerhalb Dentichlands sich das Recht anmaßen, die Verhäliniffe der deutichen Sozialdemokratie prinzipiell, organisatorisch und taktisch neu zu ordnen; so können wir nur sagen, daß sie eben so abgeschmackt als unsoztal>stisch handeln, daß sie dadurch, bezw. durch ein Fortschreiten aus dem betretenen Wege, einfach aufhören, Mit- gliedcr der deutschen Sozialdemokratie, Parteigenossen zu sein. Denn daß eine politische Partei nicht jedem ihrer Glieder die Besugniß geben kann, sich Programm und Organisation der Partei nach eigenem Belieben zu gestalten und Parteirecht und Disziplin mit Füßen zu treten,— dafür bedarf e» keiner langen Erläuterung. Mögen die Londoner die« erwägen und sich an ihre Parteipflicht erinnern: e« sollte un« herzlich freuen, wenn sie den für einen treuen Sozialdemokraten so leicht zu erkennenden rechten Weg w eder fänden; gerathen sie aber, Irrlichtern folgend, immer weiter auf Abwege und schließlich in den Sumps, so haben nur sie den Schaden davon. Denn wenn sie etwa glauben, daß sie aus diesem Gang von einem nennen« werthen Theil deutscher Genossen begleitet werden, so sind sie in einem schweren Jrrthum besangen. In Deutschland kennt man nur Eine so zialdemokratische Partei, und man weiß genau, wo sie marschirt, auch wenn Duukel die Kolonne deckt und die Nähe des Feinde« ihr zeitweilig Schweigen auserlegt. wahrlich hohe Zeit, daß sich die echten Republikaner, nämlich die sozialistischen Arbeiter Frankreichs, in einer aktionsfähigen Partei sammeln, welche mit eisernen Bei'en den fast unergründlichen Schmuz des Bourgeoisregiments zum Lande hinaus fegt!— Wegen der Ausweisung Alisoffs hat man sich sofort an den radikalen Abgeordneten Clemenceau mit dem Ersuchen gewandt, diese Schandlthat des„libeialen" Regiments vor die Kammer zu bringen. Es wird sich zeigen, inwieweit man auf diesen Radi- kalen rechnen kann. Allzuviel Erfolg darf man sich nicht ver- sprechen. Die Männer der Freiheit werden wohl wie anderwärts auch in Frankreich erst dann sicher sein, wenn die Volksfeinde aller Sorten von ihren Herrschersitzen herabgeholt und in den Staub gekelen sind! Friedrich Stackelberg. Hroßöritanuieu. * In London wurde vor einigen Tagen von einem Wahn» sinnigen in einer katholischen Kirche auf den am Altar stehenden Pfaffen geschossen. Als der„Attentäter" wiederholt gefehlt hatte,. lief er zum Altar und steckte denselben vermittels einer Altarkerzc in Brand. Wir berichten diese für uns an sich gleichgültige Sache nur deshalb, um das mehr lächerliche als gemeine Vorgehen der Bourgeoisprcsse zu kennzeichnen, welche sofort und ehe noch eine Vernehmung des Thätcrs staltgefunden, das„sakrilegische Alien- tat"(doch einmal eine neue Sorte!) wieder den— Sozialdemo- kraten aufhängte. Was uns etwa damit gedient wäre, wenn ein Pfaffe weniger auf der Welt wäre! Sowenig, wie wenn der Tyrann X abgeht— um dem Tyrannen B Platz zu machen! Ja, wenn die Tyrannei selbst menschliches Fleisch und Ji>lut und einen Hals zum Abschneiden hätte,— dann möchte es sich für einen Sozialdemokraten wie für jeden echten Menschenfreund verlohnen,„Attentäter" zu sein! So aber-- man könnte über die Dummheit der Geschobenen lachen, wenn einem nicht die Schlechtigkeit der Schieber den Spaß verdürbe und das Blut wallen machte! — Auch eine Sphäre für Frauen? Es ist eine über- raschende That'ache— bemerkt der„Scientific American"— daß ungefähr 5000 Frauen und Mädchen in den Kohlenminen Großbritanniens arbeiten. In dem offiziellen Bericht über die Personen, welche in den Mmen beschäftigt sind, tmrd festgestellt, daß 21 Mädchen unter 13 Jahren zur Verwendung kommen; ferner 433 Mädchen im Alter von 13 bis 16 Jahren und junge Frauen und Mädchen über 16 Jahre nicht weniger als 4502. In den Minen, welche unter dem«Metglifercm Mines Act» registrirt sind, arbeiten verhältnißmäßig noch mehr Frauen und Mädchen. In dem zaricn Alter von zwischen 8 und 13 Jahren werden 96 Mädchen beschäftigt, hauptsächlich im Cornwall- Distrikt;„über Grund" arbeiten 981 Mädchen im Alter von 13 bis 18 Jahren, besonders im Cornwall und North Wales, und 1741 Frauen und Mädchen über 18 Jahre, und von diesen ist ein großer Theil im nördlichen England beschäftigt, welches seither ziemlich frei war von Frauenarbeit in den Minen/ Es wird zwar behauptet, daß diese Art Beschäftigung von Frauen im Abnehmen begriffen ist, aber die Thatsache, daß Kinder in so zartem Alter in Minen arbeiten müssen, spricht nicht für die Richtigkeit jener Behauptung. Für die Gegner der Frauenrechts- bewegung, die da stets behaupten, die Frau müsse in ihrer „Sphäre" bleiben,..flechten und weben, himmlische Rosen ins irdische Leben"— bieten diese Thatsachen einigen Stoff zum Denken— insofern sie sich überhaupt mit dieser Beschäftigung hin und wieder abgeben. Briefkasten der Redaktion. M. Nürnberg. Nächste Nummer. Die Notiz belr. der Fr. wird vorläufig auj eine gelegenere Zeil zurückgelegt. Für da« Gedichr keine Perwendung da wir mit dem Raum geizen müssen; dasselbe zeigt jedoch Aulige und kann e« unser junger Genosse, wenn er nicht aufhört, zu lernen und fich zu üben, noch zu erfreulichen Resultaten bringen. Gruß. Briefkasten der Erpedition: O-E». D. Errichtung einer Z-- stelle unmöglich, Eingeschriebenes an bekannte Adr. empfohlen, zhm: besorgt. 86 gelöscht.— A.B. G. IL u.? für B. und zugl. l u. 2 für Hbrl. am lv/l. abgesandt. Eassa richtig Kratzer A. Mk.zio.—. erholten. Bitten Adrechnung vermiiteln. Bestei Gruß!— ck in G. Durch B. Ollen 4. u. l. Qu. Mt. 6.—. erhaltcr — Badcnu«. Mit Nr. 2 Beilage abgegangen. Bitten dringend un Beachtung. Eassa richtig.— B. in Schwaben: Mk. 8.— erhalten l u. 2 au Fh: abgesandt, folgten trotzdem nochmal» mit 3. Sicher! Weg für Pckte vorgesehen, soweit al« menschenmöglich. Kann„Haß u Liebe" a» Fh: retourgchen? Müssen mit Dank ablehnen Dermalei leider keinen Raum. Weitere« durch die Redaktion brieflich— PH in Ebi. Mk. 16 Ad.---Mk. 43.— x. 1. Qu 80 erhalle». 12 Ab. vov 27. 9/79 Mk 36.—, 5 Ab. v 10. u. 13. 10/79-- Mt. IS.—. 2 Ab v. 7/ II 73— Mk. 6.—, z-is. Mk. 57.—. Dagegen erhalten v: B Mk. 51.— am 27/9 79 n. Mk. 12.— am 10/12 10/79 von Ihnen Uederschiiß auf Ab. 73 Mt. 6.—, wofür Bestellte« folge» wird. Alle« desorgl M. Alle« eingetroffen. Wie e« scheint, Nicht» geschnüffelt, wenn doch, dani äußerst kunstgerecht. Mk. 39.—. und Mk. 3.—. stimmten. Abgesandt un> nach geliefert Alle«. R B. später erst, viel Muse zur Reise nöthig.- Lausiyer Rothhaut: Mk. 6 erhalten. Der groi e Geist lenke Eure» Toma hawk.— B Antwerpen Fr. 4.50 erhalten. Lieferung folgt wie Bor schrist. Großer Raummangel, deshalb Annoncen nur selten au zunehmen. Prer« 25 El«, pro Zeile daar voraus. Alle» naa-gelieser Wenn e« eine Weltgeschichte sein muß, dann Schlosser oder Siruvr besser wäre Kulturgeschichte von F. Kolb. Kür den Magdeburger Mahlfonds sind eingegauge« I. 6.—; II. 68.—; III. 85.50; IV. 41.30 Mark. V. Im wiedererstandenen Mohrenklub d. Absingen d. Nationalhhmn 4.—. Ech. Gvpg 6.15— zusammen 10.15 Franken. Durch uns ist zu beziehen und empfehlen wir: Die Frau und der Sozialismus. Von August Bebel. 12 Bogen Gross-Oktav.— Preis 2 Fr.— Mk. 1. 30. Expedition des Sozialdemokrat. Gchweit. SttiinlsuAbtuditii Hottingen-Ztirich.