Krschei«t J � A u Avo«neme«ts w» ch««t l ich einmal Ä I■ A wnden nur beim Berlai und i\wT Sn�mmmnßrrtrw -•ÄS- ßißK l I lllill V II mit l lUr�sSS 8fr. 2. 50 für alle übrigen Sänket bei f elltnillügta �n Weltpostverein»(Ärtnjbonk). ftenco gegen frnneo.- ...r'Ä.TJV Internationales Orqan.„.iÄ,:;,';«,. •T- der Sozialdemokratie deutscher Zunge*8™ N? 8. Sonntag, 22. Februar. 1880. KM- An« an die fiamspo-delltt» nnb Adollvelltell des„Soiulbtmokcii".'MM Da der.Sozialdemokrat' fowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten ist, bezw verfolgt wird und die dortigen al» möglich an den.Sozialdemokrat', refp. dessen»erlag selbst adresfiren, sondern stch möglichst an irgendeine unverdächtige Behörden fich alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Sündern möglichst zu erschwere», resp. Briese von dort an un» Adreste austerhakb Deutschlands und Oesterreich» wenden, welche stch dann mit un» in Verbindung seht; anderseits aber, dag und unsere Zeitung», und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äußerste Vorficht im Postverkehr nothwendig und Ii auch uns möglichst unverfängliche ZustellungSadresten mitgetheilt werden. Zu zweiselhasten Füllen empfiehlt stch behus» größerer darf keine Vorstchtsmaßregel versäum» werden, die Briefmarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt Sicherheit Rekommandirung. Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um trotz aller e»t> der Sendungen zu tüuichen, und letztere dadurch zu schützen. Hauptersorderniß ist hiezu einerseits, daß unsere Freunde so selten j, gegenstehenden Schwierigkeiten den. Sozialdemokrat' unser» Abonnenten möglichst regelmäßig zu liesern. Ulli dsll zu später Stunde eingegangenen Berichten aus Berlin und Sachsen Raum zu schaffen, mussten eine Reihe von Artikeln der Rundschau, eine Zuschrift aus L ü tt i c h und das F e uilleton in die nächste Nummer zurückgestellt werden. Wahlfonds für die Hlachwahk im 17. sächf. und 2. Berliner Wahlkreis. Beim„Sozialdemokrat" find folgende Gelder eingegangen: Un ami des ouvriers, Genf(2 Fr.) 1,60; für die nothleidenden Tenoffen de» 17. fächf. Wahlkr., Hamb. 200,—; unter Mitgl. de» rondoner �omm. Arb.-Ver. gesammelt„Es lebe die Solidarität(2 Pfd. St. 4 EH.) 44,—; gesammelt im Intern. Arb.-Velein, Zürich(Fr. 6,30j 5,05,— zu. sammen................. Mk. 250,65. Eine verunglückte Spekulation. Am 12. ds., dem Tag nach Aschermittwoch, wo bei vernünf- tigen Leuten der physische und moralische Katzenjammer über die verübten Narretheien bereits in seine Rechte getreten ist, hat der biedere SlRajorboauä.von Airzjli. untxr. Obligatem Kopfnicken seines Merdwiiigtrs'.das Reichs. Pöi'ppenth erster'-m'.der Leip�igerstraße Nr. 4 wieder ausgethan und die �Farce hat'bereits ihren Anfang genommen. Die Introduktion,„Thronrede" geheißen, ist freilich ziemlich schaal ausgefallen und hat das verehrungswürdige Publikum so wenig zu begeistern vermocht, wie die— Marionetten auf der Bühne selbst. Soldatm, Geld, Maulkorb und Hiebe— das war alles, was der Drathzieher zu versprechen wußte und das ist doch selbst dem Michel etwas zu wenig(oder auch zu viel— wie man es nehmen mag), besonders nachdem man ihm voriges Jahr versprochen, daß ihm unter der Herrschaft des„Wirthschaits- reform"-Repertoires die gebratenen Tauben Halbdutzendweise ins Maul fliegen und die Thaler und Kronen in alle Taschen schneien würden. Wohin ist doch dieser schöne, goldene Traum gekommen? Der d arme Michel steht ganz verdutzt da und reibt sich schlafverwiirt ' die blöden Augen. In das weit aufgerissene Maul oder auf das- ' selbe Hat er während seines Murmelthierschlafes wohl was be- n kommen, aber das hat gar keinen Bratengeschmack; auch die « aufgesperrten Taschen sind allerdings durchgerissen, aber nicht ge- 1 platzt vom Ueberfluß des Eingenommenen, sondern durchbohrt � von den Krallen des SteucreintreiberS, der gewandt den letzten „ Deut Herausgebeutelt hat. Freilich haben die voriges Jahr neu- d bewilligten Steuern, nach Abzug der Erhebungskosten, bei 64 Millionen ergeben. Aber sie sind zum größten Theil mit äffen- '' artiger Geschwindigkeit bereits wieder verschwunden und statt der r. verheißenen Erleichterung steht ein Mehrbedarf von 36 Mil- lionen, Ausnahme einer Anleihe, Erhöhung der Matrikularbei- 11 wäge und Einführung einer ganzen Anzahl neuer Steuern, alS: Wehrsteuer, Quittungsstcuer, Börsensteuer, Brausteuer u. dgl. wehr vor der Thüre. e Dazu kommt dann für nächstes Jahr die große Militärvor- i" tage mit ihrem neuen Armeekorps, ihrer Heeresvermehrung von � 26,000 Mann im Frieden und 100,000 Mann im Krieg, ihrer te einmaligen Ausgabe von 27 Millionen und ihrer dauernden von z. 17 Millionen jährlich. Aber freilich, das Opfer muß ja von dem >u deutschen Volke willig gebracht werden zur Sicherstellung seiner »Unabhängigkeit" und„Freiheit"! Daß diese„Freiheit' einen t- 1» kostspieligen Schutz auch Werth ist, zeigt dann gleich der fol- in gende Passus der Thronrede, der von der Sozialdemokratie handelt. Die Militärfrage und die damit im innigsten, man möchte fast � lagen rührendst.n Zusammenhang stehende Steuerfrage bilden im n. kaiserlich deutschen Hof- und Leibpuppentheater natürlich die -»Haupt- und Staa.saktion". Mit den Sozialisten aber will man � wacker fort den„geschundenen Raubritter" aufführen. � Welchen Gang will man der Posse diesmal geben? Daß das in Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie die von seinen Fabri- ». kanten in es gesetzten Erwartungen in nichts erfüllt hat, indem iS der Macht der Sozialdemokratie keinerlei Abbruch that, da- - gegen aber die Klassengegensätze und die dadurch hervorgerufene -tr Verbitterung nur verschärfte: das ist jetzt nach langem Wider- Treben von unfern Gegnern, der Regierung wie den Bourgeois- Parteien, allgemein, wenn auch mit sauren Mienen zugestanden. �an muß zugeben, daß man nur die„laute", die offene Agitation unterdrücken konnte; daß dagegen„die sozialdemokratische Agitation unter der Oberfläche fortdauert und ihre Organisation, � wenn auch in veränderten Formen eine feste und umfassende ist', �#6 im Auslande erscheinende sozialdemokratische Blätter trotz ihres Verbotes„vielfache und regelmäßige Verbreitung in den Reihen der deutschen Sozialdemokratie finden" und daher einen Ersatz für die unterdrückte sozialistische Presse leisten; daß die „Führer" nach wie vor„in der Lage sind, ihren alten Einfluß zur Geltung zu bringen"; daß die Sozialdemokratie durch das „Zusammenhalten ihrer Anhänger" trotz„schwieriger Verhältnisse" offenkundige und eklatante Erfolge bei Wahlen w. errungen;„daß an den alten Bestrebungen unbedingt festgehalten" wird, daß die„Ver- bindungen der deutschen Sozialdemokratie mit den Umsturzparteien des Auslandes" fortdauern-c.?c.: kurz, daß die sozialistische Be- wegung trotz der intensivsten Verfolgung nicht nur ungeschwächt fortdauert, sondern immer mächtiger und gefährlicher wird. Und welche Schlüsse zieht man nun aus dieser Erkenntniß? Für jeden halbwegs vernünftig Denkenden und nicht durch Partei- geist ganz hirnverbrannten Menschen liegt die Sache sehr einfach: Tie Regierung hat sich in der WaHf ihres Weges, wie Figura zeigt, geirrt; die schärfsten Ausnahmemaßregeln gegen den Sozia- lismus konnten diesem nichts anhaben, untergruben aber die Grundlagen der heutigen Staatsordnung tiefer, als jene es je gethan. Eine wesentliche Verschärfung der Unterdrückungsmaß- regeln ist nicht wohl möglich, außerdem aber wäre von ihr auch nur eine Vergrößerung der schlimmen Folgen zu erwarten. Daher muß dieser verderbliche Weg je eher je besser verlassen und von der gehässigen Ausnahmegesetzgebung wieder auf den Grund der allgemeinen(wenn auch nur formellen) Rechtsgleichheit zurückge- kehrt werden. Diese einzige vernünftige Schlußfolgerung scheint auch einem großen Theil der Ausnahmegesetzfabrikanten selbst s. Z. vorge- schwebt zu haben. In dem vom Abgeordneten Schwarze erstatteten Bericht de» Sozialistengesetz-Kommiision wurde ausgeführt: das Gesetz könne nicht auf eine unbestimmte und ungemessene Zeit erlassen werden, denn nur mit der Anerkennung dieses Satzes seien die starken Abweichungen des Gesetzes von dem gemeinen Rechte und der Umfang der den Behörden eingeräumten außer- ordentlichen Vollmachten zu rechtfertigen; d. h. das Gesetz soll eine Probe sein. Und während der Berathungen im Reichstag wurde verschiedentlich betont: daß, wenn es nicht gelänge, in dem Zeitraum von über 2'/, Jahren mit Erfolg und nachhaltig die „sozialdemokratischen Ausschreilungen" zu bekämpfen, das Gesetz als unwirksam sich erweise und wieder abzuschaffen sei. Die Regierung aber schlußfolgert von ihrer„höhern", uns gewöhnlichen Menschenkindern unzugänglichen Stellung aus ganz anders; sie ist über die Regeln des„beschränkten Unterthanen- Verstandes" ebenso thurmhoch erhaben, wie der preußische König über denen der Grammatik. Das„Zuerst collegium logicura» hat dem Verfasser der„Motive" zum Gesetzentwurf über die Verlängerung des Sozialistengesetzes wenig Schmerzen gemacht und die gesunde Vernunft und ihre Banden haben ihn nicht allzusehr gedrückt. Denn wie wäre es sonst möglich, daß er eine Folgerungsreihe aufstellte wie diese: Für den Fall, daß das Sozialistengesetz die Probe bestände, wurde vom Reichstag die Verlängerung des Gesetzes als nothwendig erkannt. Das Gesetz hat diese Probe nach nun allgemeiner Erkenntniß nicht bestanden. Ergo muß das Gesetz—— verlängert werden!! Der bisher beschrittene Weg ist erfahrungsgemäß ein falscher: also muß auf ihm fort bis ans Ende gegangen werden! Vernünftiger oder wenigstens anscheinend vernünftiger, als dieser blühende Blödsinn, ist die Ausführung, wonach die nun einmal unleugbaren Erfolge der Sozialisten gegen das Sozialisten. gesetz, die Thatsache des Fortbestandes ihrer Organisation, des Blühens ihrer Agitation, ihre absoluten oder relativen Wahlsiege oder was dasselbe sagen will, die vollkommene Erfolglosigkrit des Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokratie— wonach alles das verursacht sei durch die Hoffnung der Sozialisten auf ein baldigesAufhören der Bestimmungen des Ausnahmegesetzes und der durch sie de» Sozialdemokraten auferlegten außerordentlichen„Opfer und Mühen". Die deutschen Sozialdemokraten bringen diese Opfer nach Ansicht des Motiven- schreibers nur uugerne und widerwillig und' wenn sie wüßten, daß der jetzige Kriegszustand gegen ihre Partei nicht sobald ein Rfiide nehmen, sondern länger fortdauern könnte, würden sie sich wohl bald von dieser kostspieligen, freudcleeren und leidvollen Partei ganz abwenden. Darum suchen auch die„Führer" den Glauben an ein baldiges Aushören des Ausnahmegesetzes zu der- breiten und in der Annahme dieses Glaubens seitens ihrer An- Hänger liegt die ganze den ersteren annoch verbliebene Macht.— Nach dieser Diagnose ergibt sich das zu verordnende Mittel für jeden Stümper von selbst: man muß den Anhängern der deut- schen Sozialdemokratie durch eine„schleunige, angemessene" Ver- längerung des Ausnahmegesetzes die Hoffnung gründlich nehmen, worauf in der Partei zweifellos eine Panik und Massenflucht entstehen und die endliche Vernichtung der Partei nicht mehr ferne sein wird! Dieses Argument hätte, wie gesagt, etwas für sich— und auf die Dummen wird es ja auch sicher seinen Eindruck nicht ver- fehlen—, wmn es nicht an dem kleinen Nachtheil litte: daß n äm- ----- lieh die ganze dummpfiffige„Hoffnungs"geschichte von A— Z unwahr oder besser erlogen, bewußt erlogen ist! Es mag ja richtig sein, daß mancher deutsche Sozialdemokrat, der trotz aller schlimmen Erfahrungen die Infamie und Ver- blendung der in ihrem Besitzstand bedrohten herrschenden Klassen im Allgemeinen und der deutschen im Besonderen»och immer zu gering anschlug, an eine längere Dauer des Ausnahmegesetzes nicht glauben wollte; ja wir sind sogar überzeugt, daß die Zahl dieser Vertrauensseligen, namentlich zu Beginn des Ausnahme- gesetzes, gar keine geringe war. Ebenso sicher aber ist, daß die deutsche Sozialdemokratie als Ganzes und ihre„Führer", Ver- treter und Organe keinen Augenblick über die Dauer des AuS- nahmegesetzes im Zweifel waren noch sein konnten und daß sie diese ihre Gewißheit auch niemals verhehlten, ihr vielmehr bei jeder Gelegenheit öffentlich Ausdruck gaben. In dem im Laufe des Oktober vorigen Jahres im„Sozial- demokrat" veröffentlichten Rechenschaftsbericht der sozial- demokratischen Mitglieder des deutschen Reichs- tages') heißt es:„Zum Schluß müssen wir noch nachdrücklich vor Illusionen in Bezug auf die Dauer des Ausnahmegesetzes und des über Berlin verhängten Belagerungszustandes warnen. Es heißt die Situation völlig verkennen, wenn man sich der Hoffnung hingibt, das Ausnahme- gesetz mit all seinen Konsequenzen werde nicht verlängert werden. Man muß stch vergegenwärtigen, daß dasselbe nur der erste bahnbrechende Schritt der Reaktion war, die nicht einhalten wird, nicht einhalten kann, ehe sie auf unüber- steigbaren Widerstand gestoßen ist oder ihre Kräfte erschöpft hat. Bis dahin wird aber noch einige Zeit vergehen, innerhalb deren wir auf eine Verschärfung der Maßregeln gegen uns gefaßt sein müssen." Ganz ebenso verhielt sich der„Sozialdemokrat" und man wird in demselben von seiner Begründung bis heute nicht ein ein- zig es Wort finden, das die Hoffnung auf ein baldiges Auf- hören des Sozialistengesetzes und die Verfolgung unserer Partei überhaupt zu erregen suchte! Im Gegentheil verging kaum eine Nummer, in welcher nicht aufs nachdrücklichste betont war, daß von einer baldigen Aenderung der heutigen Zustände in Deutsch- land keine Rede sein könne, daß man sich vielmehr auf weitere Verschlimmerungen gefaßt machen müsse. Ja wir haben sogar direkt den Wunsch geäußert, daß eine Besserung der Zustände in Deutschland nicht zu früh, d. h. nicht bevor sich die Reaktion erschöpft habe und alle staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse gehörig durchfault seien, eintreten möchte, weil sonst die Gefahr besteht, daß mangels der völligen Abnützung aller alten Parteien und Institutionen wieder politische und ökonomische Halbheiten zur Herrschaft kommen und die Flickerei und Kleisterei aufs Neue losgeht, während andernfalls, sobald nur erst eine wichtige Stütze durch inneren oder äußeren Anprall zu Boden geworfen wird, die ganze windschiefe Baracke auf einmal zusammenkracht und so Raum für einen bessern Bau geschaffen wird. Und trotz alledem hat die Regierung die fast beispiellose Un- Verschämtheit, zu behaupten: daß die„Führer"„die Hoffnung auf eine baldige Beseitigung des Gesetzes wach erhalten" und damit„ihre Anhänger zum Ausharren ermuthigen" und„dem Fortbestand der sozialdemokratischen Organisation eine wesentliche Stütze verleihen". Kann man die Verlogenheit weiter treiben? Weit entfernt, unfern Genossen eine solche„Hoffnung" vor- schwindeln zu wollen, ist es uns vielmehr aus dem oben ange- führten Grunde und weil dadurch die Situation geklärt und auch der Vertrauensseligste jeder vergeblichen Hoffnung beraubt und auf den unserer Sache allein dienlichen Weg gezwungen wird, nicht nur nicht unangenehm, sondern vielmehr geradezu hoch willkommen, daß die Regierung nicht erst den Ablauf der Giltigkeitsdauer des Sozialistengesetzes abgewartet hat und sich dasselbe dann heuchlerisch um kurze Fristen, etwa Jahr um Jahr, verlängern ließ, sondern ihren sehr begreiflichen Willen auf Umgestaltung des Ausnahmegesetzes in eine bleibende Staats- einrichtung gleich offen bekannte. So ist jeder Ungewißheit und Uncntschiedenheit ein gründliches Ende gemacht und jeder ist ge- zwungen, Stellung zu der Ausnahmegesetzgebung gegen die So- zialdemokratie als einer bleibenden Staatseinrichtung zu nehmen. Man wird sich allenthalben auf da 8 Ausnahme- gesetz einrichten. Wer aus Kurzsichtigkeit, Interesse oder Feigheit nicht für die geächtete Partei eintritt— gut, der gehört für uns zu den Feinden. Wer aber Einsicht, Uneigennützigkeit, Muth und Ehrenhaftigkeit genug hat, um seine Meinung nicht brutalen Gewaltmaßregeln unterzuordnen: der muß in unver- *) Als Brochüre erschienen im Verlag von A. Herter, RicSbach Zürich; Preis 25 CtS.— 20 Pf. Die Broschüre ist dieser Tage ans unsere Ver- anlafiung in mehreren Hunderten von Exemplaren an den deutscheu Reichstag gegangen, um diesem einen eklatanten Beweis von der Verlogenheit der deutschen Regierung zu liesern und ihm zu zeigen, wie die Sozialdemokraten im Gegentheil die weiter gegen sie geplanten Angriffe längst voraussahen und auf sie vorbereitet find. D. Red. söhnliche Feindschaft zu dem infamen Ausnahmegesetz treten und sich jeder Bestrebung zur Durchkreuzung und Vereitelung des- selben mit Begeisterung und Opfermuth anschließen! Der erste Einfluß der Verlängerung des Sozialistengesetzes bis 1886 wird an vielen Orten Erstaunen, an manchen— wo man das Sichentscheiden nicht liebt und deshalb bis jetzt das an- scheinend vorübergehende Ausnahmegesetz blos zu umgehen suchte — vielleicht Schrecken sein. Diesem ersten, vorübergehenden Gefühl aber wird die Wuth über solche maßlose Unterdrückung folgen und diese wird einen lebhasten Widerstand und damit eine mäch- tige Förderung der sozialdemokratischen Agitation hervorbringen! So stellt sich die dummpfiffige Spekulation der Regierung auf die„Hoffnungslosigkeit" der Anhänger der Sozaildemokratie als eine gänzlich verfehlte heraus und es wiederholt sich hier die so oft gemachte Erfahrung, daß gerade jene Maßregeln, welche uns am bittersten schädigen sollen, schließlich am meisten zu unserem Nutzen dienen müssen. Gleichviel, ob die Regierung die„Hoffnungslosigkeits"- Theorie(wie wir vermuthen) blos er- funden hat, um die Verlängerung des Sozialistengesetzes volirt zu erhalten, oder ob sie wirklich dumm genug war, selbst daran zu glauben: der projektirte neue Feldzug gegen die Sozialdemokratie ist schon vor seinem Beginn mißglückt, der Kapital st reich, den man uns bei- bringen wollte, ist nicht nur jämmerlich abge- prallt, sondern wird unfern Feinden noch em- pfindlich ins eigene Fleisch schneiden! Die neuen Sozialistenvorlagen. i. Der Reichskanzler hat dem Bundesrath einen Antrag der preußischen Regierung auf Abänderung des§ 30 des Sozialistengesetzes(Gültigkeitsdauer) vorgelegt, welcher kurz und bündig lautet: „Die Dauer der Geltung des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der So- zialdemokratie vom 21. Oktober 1878 wird, unter Abänderung des§ 30 dieses Gesetzes, bis zum 31. März 1886 hierdurch verlängert." Die„Motive" dieses Gesetzentwurfes sind der„Begründung" des„Gesetzes" vom 21. Oktober 1878 und des Berliner Be- lagerungszustandes und seiner Verlängerung vollkommen würdig und wir können dieselben deßhalb zunächst nicht besser charakteri- siren, als indem wir sie ihrem vollen Wortlaute nach unverän- dcrt(nur die bezeichnendsten Stellen heben wir durch Sperrung hervor) mm Abdruck bringen. Eine entsprechende Kritik findet sich an anderer Stille. Zum Eingang wird ausgeführt: in dem dem Reichstag von der Reichsregierung vorgelegten Sozialistengesetz sei ein Endtermin für die Geltung des Gesetzes nicht vorgesehen gewesen: die Dauer der Geltung des Gesetzes bis zum 31. März 1881 habe der Reichstag bestimmt. Für den Fall, daß das Sozialistengesetz die Probe bestände und die allgemeinen Voraussetzungen desselben unverändert bleiben würden, wurde auch von der Mehrzahl der Abge- ordneten die Verlängerung der Geltungskraft des Gesetzes über den 31. März 1881 hinaus als unvermeidlich anerkannt. Der vorliegende Entwurf be- zweckt die Herbeiführung einer angemessenen Verlängerung jener Frist. Das Gesetz vom 21. Oktober 1878 ist alsbald nach sei- nem Erlasse, unter sorgsältigerEinhaltung derdurch dasselbe gezogenen Grenzen, zur Ausführung gebracht und seitdem in gleicher Weise gehandhabt worden. So weit die Voraussetzungen des Gesetzes zutrafen, sind die Vereine der So- zialdemokraten geschlossen, ihre Versammlungen verhindert, ihre Presse verboten. Dadurch ist die sozialdemokratische Agitation in gewissen Schranken gehalten und insbesondere erreicht worden, daß ihre lauten Kundgebungen und offenen Verhöhnungen von Gesetz und Recht nicht mehr durch ungehinderte Duldung den Stempel des gesetzlich Erlaubten erhalten. In Folge dessen sind weite Kreise des Volks von dem Drucke der sozialdemokratischen Agitation befreit und der Wiederherstellung der vielfach gestörten Ein- tracht zwischen den verschiedenen Klassen der Be- völkerung, sowie den Bestrebungen zur Hebung des Wohles der arbeitenden Klasse die Wege ge- ebnet worden. Dagegen dauert die sozialdemokratische Bewe- gung unter der Oberfläche fort, und ihre Organ i- sation ist, wenn auch in veränderten Formen, eine feste und umfassende geblieben. In der ersten Zeit nach dem Erscheinen des erwähnten Gesetzes machte sich eine ge- wisse Bestürzung merkbar. Die Führer schienen unschlüssig dar- über zu sein, welche Stellung sie gegenüber dem neuen Gesetze einnehmen sollten. Wenn es dabei auch an extremen Rathschlägen nicht fehlte, so fiel doch die Entscheidung bald dahin aus, daß es den Interessen der Partei am meisten entspreche, zunächst und äußerlich den Geboten des Gesetzes sich zu unterwerfen, aber an den bisherigen Bestrebungen unbedingt festzuhalten und deren Förderung mit Aufbietung aller Kräfte im Geheimen zu betreiben. Es galt daher, das Gesetz vom 21. Oktober 1878 auf jede mög- liche Weise zu umgehen und seine Wirkung zu vereiteln, vor Allem, für die verbotene sozialdemokratische Presse des Inlandes einen Ersatz im Auslande zu gewinnen. Diesem Zwecke dienen gegenwärtig hauptsächlich zwei Zeitungen: die von dem kommunistischen Arbeiterverein in London heraus- gegebene, von Johann Most redigirte„Freiheit" und der in Zürich erscheinende, als„offizielles Zentralorgan der Sozialdemokratie deutscher Zunge" geltende„Sozialdemokrat". Beide finden trotz des gegen dieselben ergangenen Verbots in den Reihen der deutschen Sozialdemokratie vielfach und regelmäßig Ver- breitung. Diezwischen diesen Organen hervorgetretenen Differenzen beruhen nicht auf prinzipiellen Gegensätzen, sondern wesentlich auf der Verschiedenheit der Meinungen in Bittest der dem Soziali- stengesetz gegenüber zu befolgenden Taktik und geben ein deut- liches Bild der gegenwärtigen Bewegung und der bei den Leitern derselben herrschenden Anschauungen. Während die„Freiheit" in zügelloser Sprache den gewaltsamen Umsturz alles in Staat, Kirche und Gesellschaft Bestehenden, vor Allem die Rothwendigkcit des Königs- und des„Tyrannen"- Mordes unausgesetzt verkündet, verwirst der„Sozialdemokrai" diese Art des Vorgehens und erklärt dasselbe unter den gegen» wältigen Verhältnissen für unklug. Seine Ausführungen lassen erkennen, daß die Taktik der ge- genwärtigen Zentralleitung der deutschen Sozialdemokratie darauf gerichtet ist, durch Mäßigung„die Furcht vor dem rothen Ge- spenst" zu zerstreuen, in den der grundsätzlichen Opposition gegen die bestehenden Verhältnisse zugänglichen Bevölkerungskreisen die Unzufriedenheit auf jede Weise zu nähren und zu steigern, um dieselbe allmälig und ihnen selbst unmerklich zur Sozialdemokra- tie hinüberzuziehen, in diesem Sinne also„abzuwarten, aber zu agitiren, wie's geht," damit,„wenn die Fessel des Gesetzes so oder so einmal fällt, die dann stattfindende öffentliche Heerschau für alle Gegner des Sozialismus furchterregend ausfallen möge." Dabei wird gleichzeitig, um den Beschuldigungen des Most'- schen Blattes zu begegnen, mit Nachdruck versichert, daß der Vor- wurf der Lässigkeit unbegründet sei, daß„Niemand eifriger das gemeinsame Ziel, die soziale Revolution" anstrebe, und daß. was die Zeit der Erreichupg desselben betrifft,„diese nie zu früh kom- inen werde," daß„bis zur 100jährigen Jubelfeier der großen französischen Revolution wohl so oder so Wandel geschaffen sei," und endlich,„daß zum Glück alle Anzeichen darauf hindeuten, daß das nächste Jahrzehnt dem deutschen Proletariat die Erlösung?- stunde bringen werde." In beiden Blättern werden die Solidarität der Interessen, die Gemeinsamkeit der Endziele und die Roth wendigkeit der engsten Verbrüderung mit dm Umsturzparteien des Auslandes unausgc- setzt betont. Ueberall sind es die äußersten, vor keinem Verbre- chen zurückschreckenden Tendenzen, welchen die lebhasten Sympa- thiebezeugungen der beiden Organe der deutschen Sozialdemokra- tie gelten, und der Gedanke, daß die bestehende Ordnung der gemeinsame, gewaltsam zu vernichtende Feind der„Proletarier- aller Länder" sei, ist der Grundzug aller den Verhältnissen des Auslandes gewidmeten Betrachtungen. Wie aus diesen Kundgebungen der Presse, ist die Fortdauer der sozialdemokratischen Bewegung und das feste Zusammenhalten ihrer Anhänger auch aus offenkundigen Thatsachen zu entnehmen. In dieser Hinsicht verdienen namentlich das geschlossene Anftteten der Sozialdemokratie bei mehreren Ergänzungswahlen zum Reichs- tage, so wie die Thatsache besondere Beachtung, daß es in Sachsen den Sozialdemokraten gelungm ist, bei den Wahlen zum Land- tage mehrere Mandate zu erlangen. Aus dem Verlaufe und Er- folge dieser in verschiedenen Theilen des Reichs hervorgettetenen Thätigkeit der sozialdemokratischen Agitation bei den politischen Wahlen ergibt sich, daß die Führer vermöge der fort- bestehenden Organisation noch in der Lage sind, ihren alten Einfluß zur Geltung zu bringen. Bezüglich der Verbindungen der deutschen Sozialdemokratie mit den Umsturzparteien des Auslandes, entbehren die in der Partei- presse hervortretenden Shmpathiebezeugungen und die Vcrkün- digung der Gemeinsamkeit der Endziele nicht des ernstlichen lhat- sächlichen Hintergrundes, da vertrauliche persönliche Beziehungen namhafter deutscher Sozialdemokraten mit den Hauptleitern der internationalen Umsturzbestrebungen stattfinden und zu enger An- näherung geführt haben. Der Ausschwung, welchen die kommu- nistische Agitation neuerdings in Frankreich gewoi.nen hat und welcher in den Kundgebungen des im Oktober 1879 in Marseille abgehaltenen sozialistischen Arbeiterkongresses deutlich erkennbar wurde, wird von ver deutschen Sozialdemokratie mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt und trägt zur Stärkung der gemeinsam empfundenen und genährten Hoffnungen wesentlich bei. Es ist offenbar, daß dem Sozialistengesetz gegenüber die Auf- rechterhaltung der Organisation den Sozialdemokraten vielfache Schwierigkeiten bietet, daß sie denselben Opfer und Mühen mancher Art auferlegt und daß die Bereitwilligkeit zur Ueber- nähme der letzteren wesentlich bedingt wird durch das Maß derHoffnung auf ein baldiges Aufhören derselben. Auch wenn es nicht wiederholt offen ausgesprochen wäre, müßte es als zweifellos er- scheinen, daß die für die Geltungsdauer des So- zialistengesetzes bestimmte kurze Frist jener Hoff- nung wesentlich Nahrung gibt. Jedenfalls wird sie von den Führern der Sozialdemokratie mit Geschick als Handhab« benutzt, um ihre Anhänger zum Ausharren zu ermuthigen. Es wird die Mei- nung verbreitet, daß es nur noch kurze Zeit da- rauf ankomme, unter schwierigen Verhältnissen mit Rührigkeit und Aufopferung zusammenzu- halten— bald werde dem durch das Gesetz vorübergehend unterdrückten, zügellosen Treiben von Neuem Raum gegeben sein und dann dem Ziele mit neuer Kraft und sicherer Aussicht auf baldigen Eriolg zugesteuert werden. Lassen die oben dargelegten Verhältnisse schon jetzt mit Bestimmtheit erkennen, daß eine erhebliche Verlängerung der durch 8 30 des Sozialisten- gesetzes normirten Frist unerläßlich ist. so erhalten die zuletzt hervorgehobenen Umstände die unabweisbare Aufforderung, diese Verlängerung ungesäumt eintteten zu lassen. Es ist bei Beraihung des Gesetzes mit Recht betont worden, daß es vor Allem darauf ankomme, durch dasselbe der Staatsgewalt eine scharfe Waffe zu geben, da nur mit Hülfe einer solchen ein sicherer Erfolg zu er- reichen sei. In diesem Sinne ist es dringend geboten, daß durch eine schleunige angemesene Verlänge- rung der in Rede stehenden Frist denjenigen Be- strebungen der Boden entzogen werde, welche die Hoffnung auf eine baldige Beseitigung des Ge- setz es wach erhalten und damit dem Fortbestand der s ozialdemokratischenOrgani sation eine wesent- liche Stütze verleihen; diese Verlängerung wird mit Aus- ficht aus wirksamen Erfolg kürzer als auf die vorgeschlagene Frist von fünf Jayren nicht bemessen werden dürfen. Aus Oesterreich. X. y.— Als in Deuffchland die Reaktion zum Todesstreiche gegen das Bischen Freiheit ausholte und der lendenlahme Libe- ralismus durch seine Vertreter den Strick drehen und die Schlinge knüpfen hals, um seine höchsteigene Erdrosselung zu vollziehen, betonten die österreichischen Blätter der herrschenden Klasse, daß man so etwas in unserem„gemüthlichen" Oesterreich unter der Dynastie der„gottbegnadeten" und„erleuchteten" Habsburger „gottlob nicht nöthig habe". Und sie hatten recht, diese Macher der öffentlichen Meinung, da jener'Ausnahmezustand, der das Volk seiner natürlichsten Rechte beraubt und der despotischen Willkür herrschsüchtiger Tyrannen den weitesten Spielraum ge- währt, in Oesterreich längst als herrschende Regel gilt. In diesem alten verrotteten Polizeistaate, der nebst Rußland die stärkste Stütze der kontinentalen Reaktion bildet, knebelt man die Presse, unterdrückt das Recht der freien Versammlung und Rede, weist die Anwälte des geknechteten Volkes aus und hetzt sie von Ort zu Ort, von Land zu Land, verbietet die Gründung von Arbeitervereinen und löst bestehende auf, ebnet der schamlosesten Volksausbeutung und Verdummung das Feld— und dies Alles auf administrativem Wege, dem Staatsgrundgesetze zum � Hohn. Wozu also ein Ausnahmegesetz? � Die liberalen Maul- und Federhelden aber, in Kultivirung s der Phrase die Herren des Tages, dabei ebenso erbärmlich wie i ihre Kollegen im deutschen Reiche, suchen wie diese in Selbst- s enlmannung das Möglichste zu leisten und das Volk geistig und t sittlich zu entnerven. Im Staube liegend vor dem nimmersatten k Götzen Mammon, werfen sie ihren ekelhaften Koth gegen Alle, � denen die so„herrliche und schöne Gesellschaftsordnung", welche den Müssiggang auf den Thron des Reichthums und Genusses d erhebt, die Arbeit aber mit dem Fluche der Armuth und Knecht- b schaft belastet, so gar nicht gefallen will. u Trotzdem gewinnt die Idee des Sozialismus in Oesterreich � immer mehr an Boden und zwar in dem Grade, in welchem dieser Zwitterftaat in der inneren Zersetzung vorschrcitet. Daß die Sozialisten Oesterreichs als politische Partei zur Zeit noch ziem-'' lich machtlos sind, liegt theils an den leider noch nicht ganz � beseitigten inneren Zerwürfnissm, anderntheils an der politischen J.' Rechtlosigkeit, besonders an dem Mangel des Wahlrechtes in die � gesetzgebenden und verwaltenden Körperschaften. Die österreichischen? Genossen suchen aber ttotz der maßlosen Verfolgung, die sie zu erdulden haben, ihre Stteitkräfte zu organisiren, um im gegebenen Moment zur ernsten erfolgreichen Thätigkeit bereit zu sein. Daß die Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen in den Kreisen der arbeitende» Bevölkerung eine allgemeine ist und das Interesse am öffentlichen Leben wieder zu erwachen beginnt, � beweisen die Volksversammlungen, die jüngst in Wien, Prag, rc Brünn, Innsbruck, Reichenberg und andern Orten stattgefunden � haben und deren Theilnehmer nach Tausenden zählten. Berathungs- m gegenständ war in diesen Versammlungen die Gewerbeordnungs- � Novelle, ein reaktionäres Machwerk, dazu bestimmt, die Arbeiter tQ in noch größere wirthschaftliche Abhängigkeit zu bringen und die Gewerkschaftsbewegung, welche bei dem Mangel an Koalitions- � freiheit ohnedem nur Geringes zu leisten vermag, vollends lahm � zu legen. Daß diese Volksoersammlungen staltfinden durften, ist � ein wahres Wunder, besonders in Böhmen, wo seit länger als � drei Jahren jede derartige Versammlung verboten wurde. Man würde sich aber bitter täuschen, wollte man annehmen, die Regierung sei volksfreundlicher geworden zuweisen doch die Konfiskationen unserer Parteiblätter- und die Frechheit drr Polizei, die weder das Briefgeheimniß noch das HauSrecht respektirt, sowie die brutale Behandlung unserer gefangenen Genossen aufs schlagendste, daß wir echt österreichisch regiert werden. Im., Sozialdemokrat" wurde unlängst die Behandlung der in � Krakau gefangen gehaltenen Sozialisten geschildert und gewiß � wird jeder Menschenfreund, gleichviel ob Sozialist oder nicht, � beim Lesen des genannten Berichtes die Faust geballt haben in � gerechter Entrüstung über die Schurkerei der in Oesterreich Herr- schenken— Gewalt. Zu diesem Kapitel vermag auch ich einen � Beitrag zu liefern. Den Stoff verdanke ich der Mittheilung eines � bewährten Genossen, in dessen Glaubwürdigkeit ich nicht den geringsten Zweifel zu setzen berechtigt bin. � Vielen Lesern des„Sozialdemokrat" dürfte es bekannt sein, S daß im Jänner 1879 in Prag mehrere Genossen wegen angeb- dr licher Stiftung einer„geheimen Gesellschaft" zu mehrmonallichen gx Arreststrafen verurtheilt wurden. Die Verhandlung war geheim, eii jedenfalls nur deshalb, um der Oeffentlichkeit die Schwäche und' ar Blöße des Beweisverfahrens zu verbergen und dem Spießbürger go die„Gefährlichkeit" der Sozialdemokratie recht lebhaft zu demon- z» striren. Das„rothe Gespenst" wurde zitirt und auf Befehl der yj Obcrmandarinen mußten die Angeklagten gehorsamst für schuldig ih befunden und demgemäß verdonnert werden. Selbst gewiegte � Juristen, denen das an den Haaren herbeigezerrte Beweismaterial dc bekannt wurde, schüttelten zu dieser Verurtheilung die Köpfe. hc Ueberzeugt von der Erfolglosigkeit einer Berufung, ttat die ist Mehrzahl der Verurtheilten die Strafe sogleich an, während die Z Uebrigen, um ihr Recht bis zum Acußersten zu wahre», theils die& Nichtigkeitsbeschwerde, theils Berufung gegen daS Sttafmaß et w hoben, jedoch, wie zu erwarten war, ohne Erfolg. Charakteristisch I ist dabei folgendes: Genosse Nechwile wurde wie auch Genosse i> P e c k a zu vier Monaten strengen Arrest verurtheilt, während die gl übrigen Angeklagten je zwei oder drei Monate gütigst zugetheil! P bekamen. Die sogenannten„Unbescholtenen" erhielten, wenn sie w verheirathet waren, je zwei, wenn ledig, je drei Monate, die C „Bescholtenen" dagegen, welche bereits eine Vorstrafe erlittet P hatten, einen Monat mehr. In den Akten wurde während de> ff ganzen Verhandlung Genosse Nechwile als„unbescholten" aw di geführt und erst, als der Staatsanwalt in seinem Schlußplädoye> st den Strafantrag stellte, erhob er die lügenhafte Beschuldig ung, Nechwile sei bereits wegen Uebertretung des Preßgesetzel u (Zeitungskolportage) bestrast worden. Dieser Behauptung wurd li von Seite der Richter ohneWeiteres Glauben ge schenk st und auf Grund dessen die Strafe, wie oben erwähnt, bemessen K In der dagegen erhobenen Berufung wurde der Wahrheit gemä! ü ausgefühtt, daß Nechwile zwar wegen der bezeichneten Ueberttt U tung angeklagt, jedoch von dem Bezirksgerichte in Reichen Ii berg in erster, und vom Appellationsgcricht in zweiter Jnstan k, freigesprochen worden sei, daher bei Bemessung dt a Strafe ein Jrrthum vorgewaltet habe. Der oberste Gerichtsht h scheint es unter seiner Würde gefunden zu haben, die Berus»«{' eines„staatsgefährlichen" Sozialdemokraten zu prüfen, denn t>> verwarf sie in Bausch und Bogen und bestätigte einfach d« � Unheil des Prager Landgerichtes. Genosse Nechwile mußte de« zufolge einen Monat länger als seine Leidensgenossen in ein« � Gefängnisse schmachten, über dessen Zustände mir Nachstehendt � mitgetheilt wurde. � Einen Unterschied zwischen politischen und gemeinen Sträflingen gibt es daselbst nicht; letztere werden im Gegentheil eher begünstigt. Selbstbeköstigung wurde unseren Genossen nicht gestattet. Bankerotte Kaufleute, oft gemeine Betrüger, können sich ihre Lage wesentlich erleichtern, da die im Strafhause maßgebenden Personen gegen klingende Sympathiebezeugungen gern ein Auge zuzudrücken bereit stnd. Die Gefängnißkost besteht zumeist in Wasser und Brod, welch' letzteres oft kaum genießbar ist. Warme„Speise" wird in 24 Stunden nur einmal verabreicht; beim Genüsse dieser Kost müssen auch die bescheidensten kulinarischen Anforde- rungen in den Hintergrund gedrängt und Gaumen und Magen, wie ein landläufiger Ausdruck lautet,„zum Narren" gehalten werden. Die Folgen dieser elenden und mangelhaften Nahrung treten zu Tage im Skorbut, welcher im Strafhause des Prager Landgerichtes eine geradezu schreckliche Ernte hält. Die armen Opfer dieser körperzerstörenden Krankheit finden erst dann Berück- l fichtigung seitens der Gerichtsärzte, wenn das Zahnfleisch : durch Fäulniß zerstört und der übrige Körper in - seinen Bewegungen gelähmt ist. Wie mir verfichert ; wurde, sind in einzelnen Fällen jnnge kräftige Leute, nachdem sie l drei Monate in dieser Musteranstalt zugebracht, als kraftlose, , bleiche Schattengestalten herausgeführt worden. e Genosse Schwarz mußte seine Zelle mit einem alten, tauben, z wegen Nothzucht vcrurtheilten, ekelhaft schmutzigen und dabei - boshaften Manne, also einem geoi einen Verbrecher theilen und seiner energischen Beschwerdeführung gelang es erst nach Ablauf eines Monats, Gehör zu finden. n Diese Mittheilungen, welche mir, wie schon erwähnt, von einem e vertrauenswürdigen Genossen zugegangen sind, illustriren wohl zur Genüge die„Humanität" und„Gerechtigkeit" der öfter- reichischen Strafrechtspfiege. Man hat keine Zeit, die Berufung, � falls sie von einem Sozialdemokraten erhoben, zu prüfen, man ;e hat keine Zeit, sich um Leben und Gesundheit der Opfer der � heutigen Klassenjustiz zu bekümmern, denn Gott Mammon gibt u seinen treuen Dienern und Verehrern Freudenfeste und da darf „ die höhere Büreaukratic nicht dabei fehlen; und ein diesem Gott wohlgefälliges Werk ist es ja, wenn die„Störenfriede", so sich auflehnen gegen die herrschende„Ordnung", zur Ruhe, womöglich " zur Grabesruhe gebracht werden. ' Wenn aber die österreichische Regierung glaubt, durch zeit- ' weilige Einkerkerung unserer Wortführer und durch Polizeimaß- 8' regeln unsere Bewegung zu unterdrücken, so irrt sie gewaltig. Die Logik der Thatsachen wird sie belehren, daß weder Kerker, noch Kugeln und Bajonette den Sozialismus tödten können. Daß man heute am Rande des Abgrunds anscheinend sorglos weiter- 'r tanzt, beirrt uns nicht, denn:„die Tobten reiten schnell!" Mögen sich die österreichischen Arbeiter nicht cntmuthigen lassen sondern ihre Kräfte unverzagt zum Parteikampfe organisircn, um ?? dann, wenn es die Nolhwendigkeit erheischt, das Banner des Sozialismus dem Volke im Kampfe gegen jedwede Tyrannei vorantragen zu können. n,_ )U ei, Die nächste Zukunft der Vereinigten Staaten. Die Republik der Ver. Staaten ist mit dem Um- stürz und der Verwandlung in eine Monarchie be- droht. Was vor wenigen Wochen noch als der wüste Traum ''v überspannter Menschen betrachtet werden mochte, wird jetzt schon V als eine greisbare und nahe Gefahr betrachtet. Seitdem General Grant, der zum nächsten Präsidenten und zukünftigen 'rx'' Kaiser Auserkorene, von seiner Rundreise an alle Höfe und um 'e" die Erde zurück und in San Francisco gelandet ist, haben die M Verschwörer ihn dort und in Dregon, in Newada, in Iowa, in Den Chicago, in LouiSville, Ky, in Pittsburg, in Philadelphia und an mehreren Orten des Südens wie einen Triumphator gefeiert. nn, Sie haben die republikanische Nationalkonvention, welche ihn ein leb- drittes Mal als Präsidentschafts- Kandidaten ausstellen soll, un- hen gewöhnlich früh, nämlich auf den 2. Juni, und nach Chicago im, einberufen, wo ein großer Schwindel am leichtesten gelingt. Sie rnd arbeiten sozusagen mit Dampf und mit Hochdruck; sie machen ger gar kein Geheimniß daraus, daß sie„eine starke Regierung" und low zu diesem Zwecke einen Grant haben wollen. Denn, wenn auch der die Hauptveranstalter mit ihrer Sprache zurückhalten, so doch nicht idig ihre Gehülfen und Helfershelfer; und wenn man auch noch nicht egtr von Verfassungsänderung und Kaiserthum spricht, so doch davon, rial daß das„Kapital herrschen und die rebellischen Arbeiter nieder- halten" müsse. Und daß die Gefahr durchaus nicht eingebildet dir ist, das gibt eine Mehrzahl der großen und bestunterrichteten du Zeitungen beider Parteien theils bedauernd, theils frohlockend zu. > dit Leuten von unserer Parteifarbe kommt die Sache nicht unerwartet; er wir haben nachweislich diese Bewegung schon vor ein paar 'tisch Jahren vorausgesehen. Eine Minderheit der Stimmgeber, welche rossc ziemlich an eine Mehrheit kommt, ist schon lange monarchisch di> gesinnt, oder doch aristokratisch; und zwar hat dieser Geist beide heil! Parteien ziemlich gleich stark vergiftet, durchdringt mehr oder r sii weniger die Großgrundbesitzer des Südens(die ehemaligen di« Sklavenhalter) wie die des Nordens, die Katholiken wie die ittek Protestanten, die Eingewanderten wie die Eingebornen, soweit de« sie ein großkapitalistisches Interesse haben. Denn aw die Lohnarbeiter haben überall und unter verschiedenen Organi- !0ye> sotioncn den Widerstand gegen den Kapitalismus begonnen, als Idig Gewerkschaften, als sozialistische Arbeiterpartei, als Grecnbackler fetze* und als Arbeiterpartei(in Kalifornien und Massachussetts), end- mrd lich auch die unorganisirte» Arbeiter durch viele und zum Theil ink sehr umfangreiche Ausstände und selbst durch Geheimbünde. Die cssen Kleinfarmcr aber, besonders des Westens, und die Kleinbürger >möl überall haben mit den Lohnarbeitern ausgedehnt sympathisirt. ertrt Und die Erfolge, welche die Grecnbackler anfangs 1878 im icheU Kongreß errangen, haben die Selbsterhaltungstriebe der Groß- ista» kapitalisten nicht minder wachgerufen, als es der große Eisenbahn- dt arbeiter-Ausstand im Juli 1877 gethan hatte. Die Nachrichten äsht von den auffälligen Wahlsiegen der deutschen Sozialdemokraten rfuit in Berlin und anderen deutschen Großstädten, von den Attentaten m< in Europa und von der nihilistischen Verschwörung, von, d« Mißlingen des Mac Mahon'schen Staatsstreichs und der wach- deit senden Befestigung einer fortschrittlichen Republik in Frankreich einet und viele andere Bewegungen der arbeitenden Bevölkerung in end« Europa haben in unfern Kapitalisten das Bewußtsein ihrer Soli« Parität mit den europäischen erweckt und die gewohnhcitliche Zu- friedenheit mit der hierländischen demokratischen Republik unter- graben. Auf der andern Seite dagegen hat die besitzliche wie die besitz- lose Arbeiterwelt erst vor kurzem an die Möglichkeit einer Gefahr für die Verfassung des Landes glauben gelernt, ja ahnt sie theil- weise noch kaum— was ganz besonders von den Neger-Stimm- gebern des Südens gilt, die.kaum je eine Zeitung zu Gesicht bekommen, und von ganzen Massen des Lesens und Schreibens unkundiger französischer Canadier, Chinesen, Italiener, Polen, Mexikaner, Farbiger und Halbblütiger auch des Nordens. Die Kapitalistenpartei sieht deshalb ihren Vortheil in der Ueber- rasch ung ihrer Gegner. Den Reaksionären fehlt es ja in der Regel nicht an Entschlossenheit zu Staatsstreichen, und dies gilt von den unsren so sehr oder mehr als von allen andern. Sie wissen, daß die Gegner der republikanischen(überwiegend kapi- talistischen Partei sich äußerst schwer auf einen einzigen Präsi- dentschaftsbewerber vereinigen können, weil es keinen gibt, welcher allen ihren Gegnern genehm sein könnte, und weil jeder Bruch- theil derselben sein Programm und seinen Kandidaten maßgebend machen möchte. Nun sind zwar innerhalb der republikanischen Partei unabhängige Männer in großer Zahl, welche von Grant's dritter Präsidentschaft nichts wissen wollen; aber sie sind nicht eine Mehrzahl und würden, auf ihrer Nationalkonvcntion über- stimmt, nicht leicht sich einer andern Partei in die Arme werfen, zumal wenn diese keinen annehmbaren Kandidaten aufweisen könnte. Die Verschwörer wissen, daß„das Glück dem Kühnen hold ist", und sie scheuen vor keinem ungesetzlichen oder unsittlichen Mittel zurück, heiße es nun Stimmenkauf, oder betrügerische Stimmenauszählung, oder Einschüchterung der Wähler am Stimm- kästen durch Arbeitgeber oder Bundesmarschälle. Und sie haben seit ein paar Jahren schon ihre Minen angelegt, die geheimen Verräther angekauft und eine Anzahl Ueberraschungen geplant, so daß, falls eine Volkswahl nicht zustande käme und das Hauö des Kongresses unter den Kandidaten, welche die höchste Stimmen- zahl davon getragen haben, den Präsidenten auswählen müßte, Grant der Gewählte sein wird. Nun wollen wir zwar diesen Ausgang keineswegs vorhersagen, weil wir in diesem Lande schon gar manche selbst für uns über- raschende Dinge erlebt haben; aber vernünftigerweise kann man bei der geschilderten Sachlage keinen andern so wahrscheinlichen Ausgang als den erwähnten voraussehen. Gesetzt also, Grant würde auf die eine oder die andere Weise wirklich am 4. März 1881 zum dritten Male Präsident der Ver. Staaten, so wäre er auf alle Fälle ein mit Hülfe von Betrug gewählter Mino- ritäts Präsident und darauf verpflichtet, eine„starke Regierung" herzustellen, wozu er ganz der Mann ohne Gewissensbisse ist. Er brauchte von vornherein gar nicht revolutionär zu verfahren; er brauchte die wenigen ihm grundsätzlich feindseligen Kongreß- Mitglieder nur zu kaufen, oder durch bestochene Zuerkcnnung ihrer Sitze an besiegte Mitbewerber hinauswerfen zu lassen. Er würde eine Zeitlang die konstitutionellen Formen beobachten, aber für die Ausstellung eines starken stehenden Heeres und einer noch stärkeren Miliz in den kapitalistischen Staaten des Ostens und Südens sorgen. Damit besäße er alle Mittel, um seine Präsident- schaft auf Lebenszeit durch ein erzwungenes Gesetz verlängern zu lassen, oder den Diktator zu spielen, bis man ihm den Kaiser- titel auf den Präsentirteller brächte. Wie man das macht, das lehrt ja die Geschichte des Cäsar, des Augustus und der beiden Bonaparte. Unsere Bourgeoisie ist vollkommen bereit, Hosämter, Orden und Sinekuren anzunehmen, und ein hungriges Proletariat und eine zahlreiche Preisfechterschaar, ihm die Pferde aus- und sich an seinen Siegeswagen zu spannen. Allein so glatt könnte die Sache nur in der Einbildung der Verschwörer abgehen. Sie sind und bleiben eine Minderheit des Volkes. Die Majorität mag überrascht, aber sie kann nicht vertilgt werden. Sie hat sich ei n mal einem betrügerisch gewählten Präsidenten gefügt; sie würde beim zweiten so erwählten die Geduld verlernen. Es läßt sich nicht voraussehen, ob die Em- pörung des überraschten Volkes schon nach der Ernennung Grant's zum Kandidatin am 2. Juni d. I., oder ob sie nach seiner er- schlichenen Volkswahl am 2. November d. I., oder aber ob sie nach seiner betrügerischen Erwählung durch dm Kongreß um den 4. März 1881 ausbrechen wird oder selbst noch später. Aber ausbrechen wird sie. Und je später sie ausbricht, desto gründlicher wird sie mit dem Kapitalismus aufräumen und eine desto sozialistischere neue Verfassung wird sie einrichten. Jedenfalls aber entschei- det sich das Schicksal der Ver. Staaten in den nächsten zwei Jahren, und ebenso sicher ist, daß jede anfängliche Halbheit in der Reform sich binnen kurzem unthunlich zeigen und weitere Fortschritte in unserem Sinne nach sich ziehen muß. Es ist eine wahre Wohlthat, daß unser arbeitendes Volk, welches eben wieder im Einschlummern begriffen war, weil unsere letztjährige reiche Ernte zur Zeit höherer Lebensmittelpreise in Europa nach einer dortigen schlechten Ernte die dm niederliegenden Geschäfte neu- belebt hatte, bessere Löhne und Preise der Acker-Erzeugnisse ge- bracht und so die Prahlerei der Republikaner scheinbar bestätigt hatte, als sei durch ihre Hartgeld- und Finanzpolitik der„Welt- krach" für uns überwunden,— daß unser Volk durch die be- reits hell entlarvte Verschwörung der Kapitalisten zum Verfassungs- Umsturz gar unsanft aufgerüttelt werden muß. Der grenzenlose Uebermulh dieser Bande, welche ihre schließliche Niederlage gar nicht für möglich hält, sichc.t uns einen Umschwung in der kapi- talistischen Denkweise unseres Volkes, welcher auf andere Weise erst nach langen Jahren zu erwarten gewesen wäre. Wir werden also unsere Partei unerwartet früh zu einer Thätigkeit aufgefordert sehen, welche wir sehnlich gewünscht, aber zu erzielen nicht die Mittel hatten. Angesichts der allen unfern Menschenrechten drohenden Gefahr wird die Zwistigkeit zwischen polittschen Sozialisten und unpolitischen Gewerkschaften, zwischen beiden und den Greenbacklern und der„Arbeiterpartei", und zwischen allen diesen Fraktionen und den ehrlichen Elementen der beiden alten Parteien zurücktreten und einem gemeinsamen Streben Raum geben müssen, welches in einer neuen entschiedenen kapital- feindlichen Partei seinen Ausdruck findet und die Herrschast des Volkes Hierlands zu einer Wirklichkert macht. Ncw-Aork, 17. Januar 1880. Adolf D o u a i. Sozialpolitische Rundschau. peutschland. — Berlin, 14. Januar. Als am 12. Februar die sozialistischen Reichs- tagsabgeordneten hierher kamen— natürlich nicht um der„Feier" im weißen Saale beizuwohnen, sondern um sich über die zu beobachtende Tak- tik im Reichstage zu besprechen— so wurden sie auch schon geheimer poli- zeilicher lleberwachung unterworfen. Diese ist aber nie so geheim, daß sie nicht von Kenneraugen, wie sie die Sozialisten haben, sofort entdeckt wird. Sind doch die polizeilichen Bummler in Civil an ihrer straffen Haltung, an ihren konfiszirten Gesichtern, namcntlich aber an den heimtückischen falschen Augen sofort erkennbar. Drei der sozialistischen Abgeordnelen, die am 12. auf dem Anhalter Bahnhof ankamen und sich behufs Transports ihres Gepäcks gemeinsam eine Droschke mietheten, siel die Dienstfcrtigkeit auf, womit sich ein Dienstmann bei dem Emsteigen in die Droschke um sie bemühte: und siehe da, als sie abfuhren, entdeckten sie, wie besagter Dienstmann nach dem Geheimen stürzte und diesem die dem Droschkenkutscher ausgegebene 'Adresse mittheilte. Für solche Moucharddienstc wird schweres Geld hinaus geworfen und das Volk hungert! Ein nichtswürdiges System. Große Heiterkeit auf der einen und große Genugthuung auf der andern Seite haben unter den sozialistischen Abgeordneten die Motive hervorgerufen, welche dem einparagraphigen Gesetzentwurf auf Verlängerung des Sozialisten- gesetzes beigegeben find. Diese Motive verrathen, daß man im preußischen Ministerium des Innern die sozialistischen Blätter eifrig studirt— hoffentlich ohne sich eine„Verbreitung" derlelben im Sinne des Gesetzes schuldig zu machen;— da ist es denn auffallend, daß im Gegensatz zu dem, was die deutsche sozialistische Presse und speziell der„Sozialdemokrat" bisher stets noch ausdrücklich betont hat, nämlich, daß eine Verlängerung des Sozialistengesetze» unzweifelhaft sei, die Motive die g e g e» Ih ei lige Anschauung als die der sozialistischen„Führer" hinstellen. Der Hinweis auf den Rechenschaftsbericht der sozialistischen ReichStazSabgeordneten, der gerade sich über diesen Punkt mit wünschenSwerthester Deutlichkeit ausge sprachen hat, wird bei der bezüglichen Debatte im Reichstag nicht fehlen und wir find recht neugierig zuhören, wo eS denn„wiederholt offen ausgesprochen" worden ist, daß das Sozialistengesetz bald aufhören werde. Eine unMeifelhafte Thaisache ist, dag die Motive, die fast die ge- sammte Presse in axtenso abgedruckt, der Partei bedeutend nützten. Jede Zeile der Motive verrälh— natürlich g eg en den Willen der Versasser— Achtung und Respekt vor der Partei, die man trotz der ausgesuchtesten Gewaltmaßregeln nicht zu beugen vermocht hat. Daß man sie zu vernichten vermag, auch wenn das Gesetz noch länger verlängert wird, als es die Regierungen beanspruchen, wagt man schon gar nicht mehr auszusprechen. Ist also der Eindruck, den die Wirkung des Sozialistengesetzes auf die Regiemngen gemacht, ein höchst unbehaglicher und wider Willen dem ver- haßten Feinde günstiger, so ist das bei der großen Masse der Bevöl- kerung noch ungleich mehr der Fall. Starr vor Staunen und zitternd halb vor Angst, halb vor Bewunderung, hört der ruhige, friedliche Bürger, dem sein Leib- und Morgenblatt schon so oft den Tod der Soziasdemokratie verkündet, daß dieser gefürchtete und gehaßte Gegner noch immer und so kräftig als je lebt und eine» Muth entwickelt, dessen er, der gute Spießer, rein unfähig ist. Und wie die Sozialdemokratie in den Augen des guten friedlichen Bürgers wegen der Zähigkeit, der Ausdauer und dem Muthe, womit sie ihre Positionen behauptete und, wie die Regierungen selber zugeben, sogar neue eroberte, an Achtung steigt, so wenden sich ihr auch die Sympathien der Massen zu. Bor dem Ausnahmegesetz geschah es nicht selten, daß die Arbeiter selbst, in gegnerische Parteien gespalten, in den Werkstätten und Fabriken sich lebhaft bekämpften: diese Kämpfe haben so gut wie ausgehört. Seit der allgemeinen Hetze gegen die Sozialdemokratie fühlt jeder Arbeiter, daß sie eS allein ist, die seine Interessen vertritt. Die Gegnerschaft hat sich in Sympathie verwandelt und wenn nicht die Krise und die jedem drohende, ins Ungewisse dauernde Arbeitslosigkeit, wenn er aufs Pflaster geworfen wird, Viele znr größte» Vorsicht zwänge— die Sozialdemokratie würde mit einer Kraft und Energie auftreten, die ihre Feinde zittern machte. Sprechen wir eS offen auS: nicht das Sozialistengesetz hat eS vermocht, daß die Bewegung nicht ganz das ist, was sie sein sollte und sicher einst sein wird, sondern einzig und allein die Krise und da» damitHand rnHand gehendeElend in Hunderttausenden von Arbeiter-, Klein-Bürger und Bauernfamilien. Der Mann, der nur das Allerallernothweudigste auf dem Leibe, oft nicht« im Leibe hat, dessen Familie da» Allernöthigste fehlt, dem fehlt nothwendig die Energie und der Muth zum Widerstand und vollends die Möglichkeit zu Opfern, die er in besseren Tagen freudig brachte. Dagegen hat die Krise freilich insofern der sozialistischen Bewegung auch wieder bedeutend genützt, als sie ganze Regimenter au» der Mittelklasse pro- lctarisirte, den Klassengegensatz verschärfte, Tausenden die Augen öffnete, die ohne die Herausstoßung au« gewohnten LcbeuSkreiscn und die erzwungene Verzichtleistung ans Genüsse, die sie als unumgänglich zum Leben ansahen, noch lange nicht zur Emsicht gekommen wären. Und wa» die Hauptsache ist: diese, die einst bessere Tage gesehen, sind die gefährlichsten Revo- lutionäre, sie hassen da» System mehr wie Jene, die von Mutterleibe an in Roth und Elend groß geworden, die al» Arbeiter geboren und er- erzogen wurden, in der ihnen selbstverständlich erscheinenden Auffassung, als Arbeiter einst zu sterben. Da« Fazit ist: wie können trotz mancher berechtigten Klage im Einzelnen mit dem Gang der Dinge im Großen sehr zufrieden sein, und die Verlängerung des Sozialistengesetzes wird daran absolut nicht» ändern! Diese Anschauung herrscht auch einmüthig unter den Vertretern der Partei im Reichstag.— Von den Fraktionsbcschlllssen, die gefaßt wurden, theilen wir mit, daß Hasenclever den Antrag einbringen soll auf Einstellung des Strafverfahrens, da» wegen angeblichen Bannbruchs gegen Fritzsche und Hassel- mann eingeleitet ist. Zu dem Rechenschaftsbericht über die Erneuerung des Belagerungszustandes soll Bebel das Wort ergreifen. Gegen die Militair vorlagen wird sich Liebknecht zum Worte melden. In Bezug auf den Gesetzentwurf betreffend die Auzeigepflicht von Unglücksfällen in Werkstätten und Fabriken will Fritzsche sprechen, coent. zu einem der Anträge die Jnvalideukaffen betreffend. Bezüglich deS Gesetzentwurfs� die Verlängerung des Sozialistengesetzes betreffend, wurde beschlossen, vorläufig keinen bestimmte» Redner in Aussicht zu nehmen, da vermuthlich der Gesetzentwurf erst ziemlich spät zur Verhandlung kommen dürfte. Die vollzählige Anwesenheit unserer Vertreter gleich bei Eröffnung im Reichstag hat bei den Gegnern einige Ueberraschung hervorgerufen. So hörte z. B. eurer der Unfern zufällig im Vorübergehen im Foyer eine Un- terhaltung zwischen zwei Abgeordneten, die also lautete-.„Haben Sic bemerkt, daß heute die Sozialdemokraten schon sämmtlich zugegen waren?" Antwort:„Ei, jawohl! die müssen doch immer noch Geld haben!" Die Wiedergabe diese« Zwiegesprächs hat un» sehr amüfirt. Für die Wiederwahl im 2. Berliner Wahlbezirk ist Genosse Körner in Hamburg, der bekanntlich aus Berlin ausgewiesen wurde, in Aussicht ge- nommen. Fall« Körner nicht annimmt, soll unser kürzlich ausgewiesener Genosse H. Vogel al» Kandidat aufgestellt werden. S. — Aus Sachsen, 15. Februar. Seiten» der Sozialisten ist im 17. Bezirk bereit» die Wahlagitation in Fluß gekommen. Heute wird da« erste Flugblatt in 30,0(10 Exemplaren im Bezirk vertheilt werden. Auer ist gestern in Glauchau eingetroffen, um persönlich die Agitation für seine Wahl-zu betreiben. E« wird von unserer Seite versucht werden, Volks- versammlungen abzuhalten. E» verdient hervorgehoben zu werden, daß in dem Bericht der Deputation de» sächsischen Landtag« über die Chemnitzer Wahl ausgesprochen wird, daß den Sozialisten Wahlversammlungen auf Grund des Sozialistengesetzes nicht im Voraus verboten werden dürfen. Daß dies in Chemnitz geschah, ist einer der Hauptgründe für die Annullirung der Chemnitzer LandtagSwahl.— Bei der Neuwahl in Chemnitz wird von sozialistischer Seite wieder Vahlteich als Kandidat aufgestellt werden. Welcher Opfer die Arbeiter fähig find, wenn es sich darum handelt, ihr politische» Recht zu wahren, dafür folgende» hochherzige und bewundern«-- wcrthc Beispiel. In Folge des furchtbaren NothstandcS unter den Weber» deS Mülsengrundes haben auch vielfach Parteigenossen öffentliche Unterstützung, theils in baarcm Geld, theils in der Form deS Kaufs billiger Lebensmittel in Anspruch nehmen müssen und ist ihnen in Folge dessen die Aufnahme in die Wählerliste verweigert worden. Dies erfahrend, borgen sich sechs unserer Genossen, sämmtliche Familienväter, da» nöthige Geld, um die erhaltene Unterstützung zurückzahlen zu können, denn sie wollen lieber mit ihren Familien hungern, al» sich da« Wahlrecht rauben lassen!! ES ist, sobald dieser Akt von mm Heroismus bekannt wurde, dafür gesorgt worden, daß den Braven die nöthige Hülfe wurde. WaS sagen zu diesem Akt der Aufopferung armer Arbeiter Jene, die fortgesetzt predigen, man solle das Wählen als„unnütz" unter den gegen- wältigen Verhältnissen sein lassen? Im Mlilsengrunde ist neuerdings der Hungertyphus ausgebrochen. Wenn der Nolhstand in seinem ganzen Umfang weit frühzeitiger als dies sonst geschehen wäre, zur Kenntniß der Regierung dcS Landes kam, so tragen die Schuld daran allein die— Sozialdemokraten. A. B. Gesterreich Ilngar«. •„Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu, das Allerhöchste an Frechheit leistet die Polizei." Diese Verse sind zwar erheiternd aber wahr. Schwindler, wie der Magnetismus-„Pro- fessor" Hansen, werden beschützt, weil der Erzherzog Albrecht, Ministerpräsident Taafe und andere„hohe Persönlichkeiten" ihn protegiren. Desto schärfer ist man hinter den Arbeitern her. Im Wiener und Atzgersdorfer Bildungsverein, in der Administration der„Zukunft" und bei verschiedmen Privaten fanden mehrstün- dige Haussuchungen statt, Genossen Prager, Dokter, sowie drei Mitglieder des Wiener Arbeiterbildungsvereins wurden verhaftet und sämmtliche Briefe, in denen man ausländische revolutionäre Zeitschriften vermuthet, werden nach Kräften gestohlen. Die Post hat den Auftrag erhalten, sämmtliche an Prager ge- langende Briefe abzufangen. Man sieht, in Oesterreich braucht man kein Ausnahmegesetz, die Frechheit der Polizei dieses „Rechtsstaates" macht jedes derartige Gesetz höchst überflüssig. Ein solches würde im Gegentheil nur den Zweck haben, eine Menge anständiger Leute über eine Schandwirthschaft aufzuklären, von der sie sich jetzt nichts träumen lassen, und die gar Mancher nicht für möglich hält. Irankreich. * Der Staatskarren der französischen„Republik" bewegt sich im gewohnten gemüthlichen Trotte in den breiten Geleisen weiter, welche das von ihr so viel verlästerte Kaiserreich ausgefahren hat. Wie unter dem imperialistischen Regiment werden auch heute noch in Frankreich strikcnde Arbeiter durch blaue Bohnen beruhigt und sind Arbciterkoalitionen heute eben so sehr verboten wie damals. Man will zwar das alte„reaktionäre" Vereinsgesctz durch ein neues„freiheitliches" ersetzen, aber beide sehen sich so ähnlich wie ein Ei dem andern. Von einer solchen Bourgeoisrepublik die volle Amnestie zu erwarten, wäre ziemlich naiv. Der jüngst von Louis Blanc eingebrachte Antrag auf volle Amnestie der wegen des Kommuneaufstandes Verurtheilten ist denn auch kürzlich in der Kammer mit ungefähr derselben Ma- jorität abgelehnt worden, wie sie sich schon früher gegen die all- gemeine Amnestie ausgesprochen hatte. Einen kleinen Lichtblick in dieses dunkle Gemälde wirft die Wahl des zu Gunsten der Amnestie eintretenden Aves Guyot zum Gemeinderalhsmitglied in Paris gegen dm gambettistischen Allain. Auch die Nachricht wird man mit Befriedigung auf- nehmen, daß wieder einmal fünf Deportirte ihren Qualen in Numea glücklich entronnen sind. Eine traurige Republik das, in welcher derartige Vorkommnisse das einzige Erfreuliche sind! Da die Republik selbst nichts Erfreuliches bietet, ist sie natür- lich um so mehr bestrebt, die unerfreulichen Seiten, welche dem Kaiserreiche eigenthümlich waren, hervorzukehren. Diesem Zweck dient unter Anderem die von dem Direktor Villefort im Mini- sterium des Aeußeren nach zahlreichen ökonomischen, politischen und diplomatischm Dokumenten aufgestellte Berechnung der Kosten, welche der Krieg von 1870—71 Frankreich gekostet hat. Die zu berechnenden Verluste— die unberechenbaren, welche Jndu- strielle, Kaufleute, Arbeiter in Folge Lohnentgangs rc. erlitten haben, noch mehr die kolossalen Verluste an Menschenleben konnlm natürlich nicht in Betracht kommen, sondern blos die ziffernmäßig nachweisbaren— diese betrugen die Totalsumme von 14 Milliarden 756 Millionen! Außer diesen Verlusten habm sich die Ausgaben der französischen Staatsfinanze» jähr- lich um 632 Millionen vermehrt. Es ist allerdings richtig, daß diese Verluste Frankreich nicht nur nicht geschadet, sondern in gewissem Sinne genutzt haben, indem sie in diesem Lande die Folgen der Ueberproduktion minder stark erscheinen ließen, als in anderen Staaten; aber dasselbe Resultat hätte sich denn doch auch auf andere Weise, die mit der Menschlichkeit mehr in Einklang steht, erreichen lassen, wenn man z. B. die 14 Milliarden dazu verwendet hätte, die franzöflschen Arbeiter wenigstens theilweise in den Besitz von Produktionsmitteln zu setzen: ein Schritt, der von der heutigen französischen Republik freilich eben so wenig erwartet werden kann, wie vom ehemaligen Kaiserreich. Berech- nungen, wie die oben erwähnte, dürften daher kaum genügen, die französischen Arbeiter von der Vortrefflichkeit der Bourgeoisrepu- blik zu überzeugen. Da dieselbe den sozialen Frieden eben so wenig herzustellen vermag, als das Kaiserreich, fühlt sie sich auch nach Außen nicht widerstandsfähiger als dieses. Davon gab sie unlängst wieder ein nettes Pröbchen. Genosse Karl Hirsch, der unter dem Mi- nisterium Marcöre aus Frankreich ausgewiesen worden, erlangte mit Mühe von der jetzigen Regierung die Erlaubniß zu einem 14tägigen Aufenthalt daselbst, um seine 80jährige Mutter, welche krank in Paris darnieder liegt, besuchen zu können. Ein längerer Aufenthalt wurde ihm nicht gestattet und noch weniger Erfolg hatte die Verwendung mehrerer Abgeordneter um gänzliche Auf- Hebung der Ausweisung; und zwar beides eincestandenermaßen ledig- lich aus dem Grunde, weil Bismarck sich widersetzte! Eine hübsche Republik, welche bald um die Gunst einer Zarin, bald um die eines pommerschen Junkers buhlt und beiden zu Gefallen Recht, Freiheit, Anstand, Menschlichkeit unbekümmert mit Fügen Witt! Spaniet». • Vorige Woche fanden in verschiedenen Städten Verhaftungen von Sozialisten statt. In Barcelona betrug die Zahl der als Mitglieder der Jnternaiionale Verhafteten acht. Die Regierung behauptet, daß ihr hiebet zahlreiche und wichtige Papiere in die Hände gefallen seien, welche Aufschluß über eine weitverzweigte „Verschwörung" geben sollen, und läßt sogar einige geheimniß- volle Worte fallen, als ob zwischen dieser Verschwörung und dem Attentat Otero's ein Zusammenhang bestünde. Voraussichtlich wird an alledem gerade so viel Wahres sein, wie an den ganz ähn- lichen Lügen der deutschen Regierung gelegentlich der 78er Attentate. Kußkand. R. Der Tod hat wiederum einen edlen, geistvollen Kämpen für Freiheit und Recht fortgerissen— NikolausTsch ernyschewski. Ein geistvoller Publizist, ein schneidiger Kritiker, hat er durch seine mächtige Feder die öffentliche Meinung und die fortgeschrittensten Elemente der russischen Gesellschaft Jahre hindurch vollständig beherrscht und ist als geistiger Urheber wie auch thatkräftiger Agitator auf allen Gebieten der wissenschaftlichen wie politischen und sozialen Bewegung in Rußland seit Ende der fünfziger Jahre anzusehen. Sowohl in der Bauernemanzipation, wie in der Frauenfrage, sowohl in den politischen, wie in den philosophischen und ökonomischen Fragen— überall war es der mächtige Ein- fluß Tsckernyschewski's, der die öffentliche Meinung auf radikalere, die begeisterte Jugend auf sozialistische Bahnen führte. Selbstverständlich konnte die Regierung einen solchen Mann nicht lange neben sich dulden und da sie ihm auf gesetzlichem Wege nichts anhaben konnte, so— nahm sie eben zu ungesetzlichm ihre Zuflucht. Zeugen wurden erkauft, Proklamationen mit seinem Namen gefälscht w. ic.— kurzum man brachte mit Roth eine Anklage zusammen und nach 2'/,jähriger qualvoller Untersuchung wurde Tschernyschewski zu lljähriger Zwangsarbeit in den sibi- rischen Bergwerken verurtheilt. Was fragte die brutale Regierung darnach, daß sie einen der edelsten Söhne Rußlands, einen der besten Lehrer und Führer desselben aus seinem Wirkungskreise, voü seinen Studien riß— c'est la guerre'. Und Krieg führt ja die russische Regierung(gleich mancher ihrer Kolleginnen) gegen jede freie Regung, gegen jedes freie Wort. Nachdem das Opfer dieses Justizmordes seine Zwangsarbeit überstanden, wurde Tschernyschewski nicht, wie es sonst geschieht, frei angesiedelt, son- dern lebenslänglich nach einem elenden Tschuktschendorfe im äußersten Nord-Ost-Sibirien inhaftirt, unter der Aufsicht von zwei Gens- darmen und zwei Kosaken. Hier, vollständig abgeschlossen von der Welt, von jedem Verkehr, führte Tschernyschewski ein elendes Dasein. Zweimal wurde von muthigen Sozialisten der Versuch gemacht, Tschernyschewski zu besteien— leider aber vergebens. Der Tod erlöste ihn nun von seinen Leiden. Möge es unseren Brüdern, den russischen Sozialisten, bald gelingen, ihren großen Lehrer dadurch zu rächen, daß in Rußland eine Ordnung der Dinge im Sinne seiner Lehre, im Sinne des Sozialismus herbeigeführt wird. Wir schließen für heute, indem wir den französtschlesenden Genossm als beste Erinnerung an den großen russischen Sozialisten die französischen Uebertragungen zwei seiner Hauptwerke, den sozialen Roman«Qua faire?» und die Kritik der Mill'schen politischen Oekonomie empfehlen und uns eine genauere Besprechung der wissenschaftlichen und agitatorischen Bedeutung Tschernyschewski's für spätere Zeit vorbehalten. Sprechsaal. Tit. Redaktion des„Sozialdemokrat"! Erst heute finde ich Gelegenheit, Sic auf Verschiedenes bezüg- lich Ihres Artikels über Ibsens Prozeß(Nr. 4 Artikel „Pfui der Schande!" D. Red.) aufmerksam zu machen, da ich als Nächstbetheiligter die Angelegenheit vollständig kenne. Weniger ist's mir darum zu thun, die in diesem Artikel ge- machte Behauptung zu widerlegen: ich sei als Verbreiter der Bebel'schen Broschüre leider an den verworrenen Aussagen der Angeklagten und Zeugen mit Schuld; denn die Frankfurier Ge- nossen kennen mich zu gut, als daß diese mir irgend eine Schuld beimessen. Vielmehr lag die Schuld an einem Dummkopf und zwar dem zu einem Jahr Zuchthaus verurtheilten Friedrich Schreiber, wodurch ich auch geschäftlich so weit geschädigt wurde, daß ich gezwungen war, eine mir damals hier in der Schweiz angetragene Stelle willkommen zu heißen. Die Furcht vor poli- zeilichen Maßregeln konnte mich nicht bewegen, Deutschland zu verlassen, das habe ich verschiedene Male bewiesen und selbst am 20. August v. I., wo ich von Basel aus nach Frankfurt reiste, speziell, um dem Prozeß Schreiber persönlich beizuwohnen und dadurch ein günstiges Urtheil zu erzielen. Daß ich nach Fällung des Urtheils spurlos verschwand, wurde mir vorher von den meisten Genossen gerathcn und war auch natürlich. Die Hauptsache meines Schreibens liegt aber darin, daß in Ihrem Artikel die Handlungsweise Ibsens so hingestellt wird, als ob er wirklich den Meineid begangen habe. Dieses zu beweisen, konnte selbst das Gericht trotz einem Haufen Akten nicht, Sie können es nicht behaupten und selbst die Frankfurter Genossen nicht. Die Ankage beruhte auf dem buchstäblich lautenden Satz:„Wäh- rend Jahn verhaftet war, interpellirte ich Schreiber betreffs seiner Aussagen vor dem Polizeirath, worauf er mir erwiderte, er habe Jahn Unrecht gethan." Diese Aussage bestätigte selbst der ver- urtheilte Schreiber. Wenn ich nun wirklich dem Schreiber dieses Buch verkaufte und Ibsen dieses auch vorher wußte, so ist noch lange nicht bewiesen, daß eine solche wörtliche Unterredung nicht stattfinden konnte, da Schreiber mir wirklich, ohne gezwungen zu sein, durch seine dummen Aussagen Schaden zufügte. Weder bei Schreiber noch bei Ibsen konnte der Meineid thatsächlich nachgewiesen werden und somit finde ich es von einem sozialdcmo- kratischen Organ durchaus für unpassend, solchen Schurken, wie unser deutscher Polizei- und Richterstand in sich faßt, noch ein juristisches Recht zur Veruriheilung zu erkennen.... Ich ersuche Sie, besonders im Interesse der beiden noch weiter Angeklagten— Genosse Hendichel und eine Genossin— hievon Notiz zu nehmen und diesen Fehler wieder gut zu machen. Mit sozialdemokratischem Gruß zeichnet Ro b. Jahn. Anmerkung der Redaktion. Zu vorstehender Erklärung haben wir zweierlei zu bemerken. Was erstlich die Schuld oder Nichtschuld Jahns an der Veruriheilung bezw. Anklage Ibsens betrifft, so sind wir weder die eine noch die andere zu bestätigen im Stande. Da leider die mit der Sache genau vertrauten Frankfurter Genossen sowohl uns als unsere Mitarbeiter in Deutschland vollkommen ohne Bericht gelassen hatten, so war unser— r-Mitarbeiter gezwungen, sein Urtheil nach den Berichten der deutschen Presse und insbesondere der„Frankfurter Zeitung" zu bilden, deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit er zu prüfen nicht die Mittel hatte; und wir konnten aus denselben Gründen eine Korrektur nicht eintreten lassen. Das einzige Mittel, Ungenauig- leiten und falsche Mittheilungen in solchm Dingen zu vermeiden, ist: daß die Genossen des betr. Ortes demPartei organ zuverlässig Bericht erstatten. Es ist das eini* Pflicht sowohl gegen die betr. betheiligten Genossen als auck gegen die ganze Partei, und wollen wir nur hoffen, daß dieser Fall genügt, um in Zukunft verschiedenen Orten ihre Pflicht unt die Nothwendigkeit ihrer Erfüllung lebhafter zum Bewußtsein zu � bringen. Uebrigens soll es uns freuen, wenn sich die Behauptung Jahns von seiner Schuldlosigkeit bewährt und wollen wir auch vorläufig keinerlei Zweifel in seine Angaben setzen, obwohl sein Zugeständniß, der Verfasser der f. Z. in der„Freiheit' lr enthaltenen Schimpfarsikel gegen die deutschen Vereine in der Schweiz und den„Sozialdemokrat" zu sein, seiner Zuverlässig- keit und Wahrheitsliebe eben kein besonders günstiges Zeugnis ausstellt. Weiter müssen wir die Behauptung: wir hätten die Schuld Ibsens bestimmt behauptet, d. h. den„Meineid" für erwiesen erklärt, als irrig bezeichnen und alle darauf gestützten Schluß- folgerungen zurückweisen. Unser Artikel drückte sich vielmehr mangels einer zuverlässigen Unterlage und namentlich auch mit Rücksichl auf die erwiesene skandalöse Parteilichkeit des Frankfurter Schwu gerichls sehr vorsichtig aus, indem er wiederholt sagt: Ibsen soll den Meineid begangen haben und„wenn der erbrachte Beweis genügt". Von der Zuerkcnnung des juristischen Rechtes zur Ver- urtheilung an die Richter unsererseits kann demnach nicht die Rede sein und wird überhaupt ein vorurtheilsloser Leser in un- serm Artikel kaum anderes, als Empörung über die Gemeinheit der an Ibsen geübten Klassenjustiz und tiefste Sympathie mit unserm braven, dieser zum Opfer gefallenen Genossen gefunden haben und finden. Letzte Post. * Aus Göerschleßeti meldet der Telegraph, daß auf der Scharley- Grube„Aufruhr und Empörung" ausgebrochen fei, daß die Arbeiter das Grubcnhaus gestürmt und die Kasse ge- plündert hätten. Bevor man sich irgendeine Meinung bildet, sind" erst weitere Nachrichten abzuwarten. — Einer Petersburger Depesche des Wolss'schen Tele- graphenbüreaus zufolge ist am 17. von den Nihilisten ein Theil des kaiserlichen Winterpalastes in die Luft gesprengt worden. Von der Wachtmannschaft wurden 8 Mann getödtct und 45 verwun- det; die Kaisersippschaft, für welche der Empfang bestimmt war, ging abermals leer aus. Näheres nächstes Mal. Auf alle Fälle sieht man, was es mit der„Vernichtung" des Nihilismus auf sich hat, wenn der Zar nicht einmal mehr in seinem Palast sicher ist. Und damit ist's noch nicht am Ende! Briefkasten der Redaktion. Jörgen Gaardmand Kopenhagen. Werden mittlerweile schon Karte erhalten haben; Ihren Bericht demgemäß und auch sonst ein wenig gekürzt, llebcrsetzung de» Art. über Australien erwünscht. Ihre SendU"gen stet» willkommen, nur müssen Sie gleich allen unfern llliit- arbeitern uuserm Raum und unfern Zwecken entspreckeude Aenderungen geduldig über sich ergehen lassen. Krdl. Gruß.— K. Ä., Breslau. Auch- so erwünscht: der Expedition. Kraßer u. Altbr. Ag. M. 3 u. M. 2 d. B. er- halten und Konto Eisele einverleibt, da doch so am glattesten. Brf. abgeg. — F. Jonsch. N.-N. Fr. 93. 20 k Konto eingestellt. Bs. v. 3. hier. Alle» fort.— Mmmßr. Stich. Fr. 10 p. Jan. 80 gmgebracht.— AnselmuS: M. 9.— Aa: M. 27. 50. f 55 Jan.-Ab. erhalten und Weiteres vorge- merkt. Bf. abgg.— S. Wl., Dsdn.: M. 26. 50 f. 53 Jan.-Ab. verwendet, M. 3—. also zugebracht. 3— 13 gratis. 6 Stück ü 50 Pfg. p. Qu. an'» G r o s.— O. S., Hchn.: M. 2 in unserer Hand. 4 bei 7 beigelegt, war an O. Str. abgerichtet.— Paul,— chn.: Nachricht v. 10. dsö. da und sofort durch Feld- post 21. 4 erledigt. Haben wir nicht Recht gehabt? Die Privatrache eines Lum- pen schafft uns Anhang wider Wille». So muß es kommen.— W. A:: Abermalige neue Ordre beachtet. Gratuliren zum Empfang,— bei diesem — Nebel! 7 segelt unter neuer Flagge.— Grenzwacht„T 3": Losung vorgemerkt. Dank. AU«eil!— B a r b a— Zünder auf Posten. Ladung gelöscht: 3—4„Feldjäger" dienstgemäß ausrüsten und der Feldpostkassa in Rechnung stellen. Gruß!— H. M.—au. Warum so spät? Deshalb„Gel- ber" der Letzte. P.-K. am 15/2. abgg. Ebenso Sdg. an Ph. O. M. 2 gutgebracht.— B a d e n u S: Der Marder hat also richtig angebissen und wer stiehlt, der lügt auch. Darum vorgeschn und neues Rezept, da» abgeg. an A., streng befolgt. Unser„Mediziner" versteht sich draus. —-j-ch-j-— brg.: Alle« nach Vorschrift besorgt. Extrpt. bringt Ersatz und NeucS. 35 in Reih u. Glied: hoffentl. bald mehr.— PH. Lbr.— fld. u. .... b. Brm.: Signal hier. Werden Alles bereit halten, bi» geblasen wird. An„Karl" für Alle zw« Feldjägerratiouen im Jenseits abgesandt. Kreuzten wahrscheinl. mit Bf. v. 13/2. DiebSakademie Ber- l i n freilich mustergiltig: wird sich erst ärgern, wenn wir vollends auf 5 Jahre wohnlich eingerichtet.— R. N. Hr. LgS.: Nachr. v. 10. am 15. hier. Weitere« bestens besorgt, sobald Ordre.— Brrrr.! Gestohlen u.— Nicht» er- wischt. Hm!„Diese Spitzbuben find doch komische Leute", würde Nunne sagen.— R— brg. i/Sch.: Geld längst durch Schllg. hier. Auch Sdgn. fort. Scheinen anständige„GratiS-Mitleser" zu haben. Aber mal« Ersatz gesandt. Wollen fie schon todtsüttern.—„Tilly",—bürg: Ordre v. 13. hier. Jetzt marschiren 3. P. erhtcll 5, K. 3. 6, Sch. 7, B. Alle«.„Zu- kunft" nur komplet zu haben. M.9—. verrechnet mit L.— H.H.W. M. 4 eingg.„Tochter d. StaatSanw." und„Gr. Krach" nur im Reich zu haben. Senden dafür mehrR. B. Verspätung besser al« verfrühte« Er-"�� wischtw erden, llebrigen« unerklärlich. Senden stet« promptest.— Fer dinand: Post v. 7. u. 15. hier, ebenso Liste. Sollen bedient werden, die Herren. 2 Rationen f. d. Schutzbefohlenen besorgt? Bis Weitere« E. u. D. durch Euern Train zu liefern. Da Schl. Gl.: nur 1 bestellt, 1—6 am 8. und 7 am 14. Euch beigelegt, müßte also dort hapern.— H. H.: Avi« be- berzigt, wie Sie sehen.— Postdieb in M.: Gift macht Dir nicht bange? Aber ehrlich Brod, denn,— dann ging'S an'« Hungerstcrbcn, Schlau-, meier!— Bl., Pari«: Brief erhalten, nachdem Karte fort. Ansuchen er ledigt.— Agent: d. Brdtr. Magenpillen Fl.—: Alte» und Neue« wird be-�'üg sorgt.— C. A. Pol: Auch nicht übel! Waren also die Tröpfe 3 Tage zu och späte dran. Glückssache trotz Allem. Gruß!— A. u. N. R.: Beruckfich-, h; tigt. Geben Sie Wink, sobald Luft rein. Werden Nicht« fischen die Burschen. a � � -ber Durch uns, sowie durch die Volksbuchhandlung Hottingen-Zürich""Ol ist zu beziehen: es nges eutsi Mk. 1. 50."Ut. er$ Expedition des Sozialdemokrat. ""fUl Die Frau und der Sozialismus. Von Aui/ust Bebel. 12 Bogen Gross-Oktav. Preis 2 Fr. Gch«tit. Sncinlbuchbiuditti Hottingen-Zürich.