Hrscheiat wöchentlich einmal in Zürich(Lchweiz) ilerlaz A. Herter, AndustriehaUe Riesbach-Zürich Kisscudllugt« franco gegen franco. Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz kosten Doppelporto. Der SoMldemoKwt Jnteniationales Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge Äbonuemeuts werden nur beim Verlag und dessen bekannten Agenten ent- gegengenommen und zwar zum voraus zahlbaren Vierteljahrsprcis von: Fr. 2.— für dieSchweiz(Kreuzband) Mk. 3.— für Deutschland(Couvert) fi. I. TO für Oesterreich(Couvert) Fr. 2. 50 für alle übrigen Länder des Weltpostvereins(Kreuzband). Juserile Die dreigespaltene P-titzeile 25 Kl«.= 20 Pfg. N? 9. Sonntag, 29. Februar. 188« Ali» an die siorrespoudente« und Adolluenteil de»„Soziildemodrat". . Da der„Sozialdemokrat" sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten ist, bezw verfolgt wird und die dortigen Behörden sich alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp. Briefe von dort an uns und unsere Zeitungs- und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äußerste Vorsicht im Postverkehr nothwendig und darf keine Vorsichtsmaßregel versäumt werden, die Briesmarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt der Sendungen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen. Haupterforderniß ist hiezu einerseits, daß unsere Freunde so selten als möglich an den.Sozialdemokrat", resp. dessen Verlag selbst adressiren, sondern sich möglichst an irgendeine unverdächtige Adresse außerhalb Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche sich dann mit uns in Verbindung setzt; anderseits aber, daß auch uns möglichst unverfängliche Zustellungsadresien mitgetheilt werden. In zweifelhaften Fällen empfiehlt sich behufs größerer Sicherheit Nekommandirung. Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um tcotz aller ent- gegenstehenden Schwierigkeiten den. Sozialdemokrat" unfern Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern. Mehrere Berichte und Einsendungen, sowie eine Anzahl Artikel und das Feuilleton mussten Raummangels wegen auch diesmal wieder zurückgestellt werden. Wir haben indess die Einrichtung getroffen, dass von nun an und namentlich während der Dauer des Reichstags, welche unsern Raum bedeutend in Anspruch nimmt, ein grosser Theil des Blattes in kleiner Schrift gedruckt wird, womit wir zum Theil bereits in dieser Nummer begonnen haben. Auf diese Weise wird Raum für den vermehrten Materialandrang geschaffen und hoffen wir, unliebsame Stauungen desselben in Zukunft vermeiden zu können, Flugschriften-Fonds. 3iim Zweck der massenhaften Herstellung und unentgeltlichen Verbreitung bau aufklärenden und propagandistischen Flugschriften im deutschen Volke lssehc den ersten Leitartikel dieser Nummer) find beim„Sozialdemokrat" folgende Beiträge eingelaufen: Drauf! D. R., Hambg. 6,—; S., Leipzig 4,— t KautSki, Zürich 10,—; ™u., Dresden 3,—; drei Sozialisten, London 5,—; Wthr., Zürich 2,—; fint Freundin aul dem Osten— ,80; T., Zürich—,80; PH., Cöln 3,50; alledem, Berlin 10,—; lt., Zürich— ,40; SB., Breslau 1,50; M.- ßlub Berlin 7,—; 3t. N. 10,—; zusammen Mk. 64,— . Genossen! Betheiligt Euch an diesem wichtigen Werk mit Eifer durch heiwillige Beiträge und Bestellung zur Verbreitung! Wahlfonds für die Nachwahl im IT. sachs. und 2. Werliuer Wahlkreis. Beim„Sozialdemokrat" sind weiter folgende Gelder eingegangen: G. Schiele, Bern 8,—; L. S.,' Altdorf für den 17. sächs. Wahlkreis 1.60; Brüsseler Genassen 15,40; Voriges 250,65; zusammen Mk. 275,65 An die deutschen Parteigenossen. Freunde und Gesinnungsgenossen! Die preußische Regierung hat deim Bundesrath die Ver- längerungdesAusnahmcgesetzesgcgendieSozial- �imokratic bis zum Jahre 1886 beantragt. Der aus Ver- Detern der reaktionären Regierungen zusammengesetzte Bundesralh W diesen Antrag selbstverständlich angenommen. Dem Reichstag �er fehlt es erfahrungsgemäß ebensosehr an Rechlsgefühl und Ansicht als an Selbstständigkeit, als daß er es über sich gewinnen �nnte, die Vorlage des Bundesvathes abzulehnen. Die geforderte Verlängerung des infamen Ausnahmegesetzes wird also— besten- fafls mit einer kleinen Aendcrung— binnen wenigen Wochen »Gesetz" sein; es wäre mehr als lächerlich, sich hierüber Illusionen hinzugeben. Wir haben daher mit der Verlängerung des gegen unsere Partei gerichteten Ausnahmezustandes, oder richtiger bezeichnet, "nh der Umwandlung der bisher blos ausnahms« Elisen Maßregel in eine dauernde bleibende Re- Lierungseinrichtung schon jetzt als mit einer vollendeten �hatsache zu rechnen. Worüber gleich bei der Fabrikation des berüchtigten„Gesetzes" gegen die Sozialdemokratie der Weiter- blickende keinen Augenblick im Zweifel war, das ist heute jedem Pernünftigdenkenden offenbar geworden. Die reaktionäre Regierung hat von allem Anfang an nicht an rinc blos vorübergehende Maßregel gedacht, sondern ihr Bestreben auf eine bleibende enorme Vermehrung ihrer Machtmittel Zum Zweck der brutalen Unterdrückung jeder energischen und folgerichtigen Opposition und der Ausdehnung ihrer Willkür- Herrschaft gerichtet. Testzalb wird sie auch diese Machtmittel, nach- dem sie dieselben durch den Sozialistenhaß, die Sozialistenfurcht und die Kurzsichtigkeil des„liberalen" Bürgerthums einmal in die Gewalt bekommen hat, freiwillig nie mehr— n a t ü r- f'ch nach dem März 1886 so wenig als jetzt— aus Händen geben. Im Gegentheil wird sie, je mehr sie Wahrnimmt, daß alle angewandten Gewallmaßregeln zur Nieder- Haltung der auf die Befreiung des Volkes aus den Fesseln po- bischer und ökonomischer Knechtung gerichteten Bestrebungen nicht ausreichen und ihre wachsende Ausbreitung im Volk nicht zu h'udern vermögen, mit Rothwendigkeit dazu getrieben, immer �ue und schrankenlosere Bes.:gnisse von dem widerstandsunfähigen klchstag zu fordern und sich selbst zu schliffen. Und diese Lawine iU �aktion wird, kann nicht einhalten, bis sie nicht auf un- �steiglichen Widerstand stößt, der ihre Kraft bricht und sie vernichtet. solche Stellung haben nun wir, hat unsere Partei, die deutsche Sozialdemokratie, dieser Lage der Tinge gegenüber einzunehmen? Als das Sozialistengesetz vom 21. Oktober 1878 in Geltung trat, entschied man sich aus triftigen Gründen dafür, erst den ersten, wüthendsten Ansturm der Reaktion vorübergehen zu lassen und sich einstweilen auf den passiven Widerstand, die möglichste Abschwächung der gegen unsere Parteiunternehmungen und Partei- genossen geführten Schläge, sowie die Erhaltung der vorhandenen Verbindungen zu beschränken. Und diese Taktik hat sich vollkommen bewährt. Das Volk hat sich überzeugt, daß wir nicht die Schreckens- gestalten sind, als welche die Einpeitscher des Sozialistengesetzes uns darstellten; der Attentatswahn, die Furcht vor deni rothen Gespenst, sie sind in der überwiegende» Mehrheit des deutschen Volkes verschwunden und die Sozialdemokratie hat den Sturm des Jahres 1878 nicht nur verwunden, sondern hat, wie die Regierung nach langem Lügen und Betrügen endlich selbst auf's förmlichste zugestehen muß, größere Ausdehnung, größeren Ein- fluß denn vorher gewonnen. Jetzt aber ist unsere Lage eine wesentlich andere als bei Be- ginn des Sozialistengesetzes. Die Rücksichten, welche uns damals zur Zurückhaltung zwangen, bestehen heute nicht mehr. Im Gegen- theil: alle Umstände empfehlen uns eine rege energische Partei- thätigkeit, ja machen sie zur Roth wendigkeit. Der Boden ist günstiger und empfänglicher denn je zur Auf- nähme der sozialistischen Saat; denn das Volk seufzt unter Roth und Elend, Steuer- und Militärlast, Bedrückung, Polizeischikanen und Rückichritt auf allen Gebieten, und tiefe Unzufriedenheit herrscht allüberall in deutschen Landen. Und alle anderen Lehren und Parteien haben sich als unfähig zur Rettung erwiesen. Fehlt es sonach an günstigem Erdreich nicht, so ist an Saatgut noch weniger Mangel; denn der Samen des Sozialismus erweist sich triebkräftig und gesegnet, wo immer er Auf guten Boden fällt, wo immer er von geschickten und hingebenden Arbeitern aus- gebreitet und in die Tiefen des gesellschaftliche» Lebens, in das bedrückte Volk gepflanzt wird. Das wichtigste sind also die Säe- männer, die Propagandisten und Agitatoren, die Männer, welche mit Hingebung und Opfermuth die Befreiungslehre des Sozia- lismus hinaus in da? empfängliche Volk, auf den Markt des täglichen Verkehrs, in die Werkstatt und in die letzte Hütte tragen. Aber auch ihrer haben wir genug, die erfahren und bewährt in diesem Amt sind; und nicht weniger sind zahlreiche andere von Liebe und Begeisterung für die große Sache der Befreiui.g des arbeitenden Volkes und von Haß gegen die staatliche und gesell- schaftliche Unterdrückung erfüllte Männer als dankbare Schüler und Jünger zur Hand. So ist dem Werk alles günstig. Aber es kann nicht nur gcthan werden, sondern es muß auch gethan werden, sollen die wider ihren Willen feiernden Arbeiter nicht mißmuthig werden und der Boden nicht verrotten und eine Beute des Unkrautes werden. Wenn aber noch etwas gefehlt hätte, unS zu einer eifrigeren Thätigkeit als je anzuspornen, so ist es die im Werk begriffene Umwandlung der gegen uns geschaffenen Ausnahmezustände in eine bleibende Institution. Auf diese schamlose Proklamirung des Faustrechtcs zur regelrechten Regicrungsform gibt es für uns nur Eine Antwort: Wir dürfen uns nicht mehr, wie in der ersten Zeit des So- zialistengesetzcs, hauptsächlich mit der E r h a l t u» g der vorhandenen Verbindungen begnügen, sondern wir müssen unsere auf die Revolutionirung des Volksgeistes und die gründliche Umgestaltung der herrschenden staat- lichen und gesellschaftlichen„Ordnung" abzielende Agitation, nach denVerhältnisfen verändert, aber eifriger denn je entfalten, sie immer tiefer ins Volk hineintragen, immer weitere Volkskreise in den Bann unseres Einflusses ziehen und zugleich zur höchsten Nutzbarmachung unserer propagan- distischen Arbeit, sowie zum Zweck der wirksamen Durchkreuzung aller von der Reaktion gegen die Freiheit und den Sozialismus geplanten„gesetz- lichen" und ungesetzlichen Schurkenstreiche unsere Organisation den veränderten Verhältnissen voll- kommen anpassscn und sie aus der bisherigen für verhältniß mäßig friedliche Zeiten geschaffenen Formation in eine fürdie jctzigenundkom menden Umstände zweckentsprechende Kricgsformation ums ch äffen. Denn wir leben in einem Zustand des erbittertsten Krieges, den uns unsere Feinde aufgezwungen, und von Fried- lichkeit und Gesetzlichkeit schweige man uns. Von„Recht" kann heute nicht mehr die Rede sein; es handelt sich um nichts mehr als die pure Gewalt. Die Partei-,, Gesetze" verbinden uns keinen Augenblick; sie ezistiren für uns nur, um sie zu umgehen, ihren Maschen zu entschlüpfen und— das erwachende Volk uns in die Arme zu treiben. Die jetzige Willkürhcrrschaft macht der Sozialdemokratie die Wahl des zu be- schreitenden Weges leicht und schneidet jeden Streit darüber kurz ab; sie wird der kommenden Umwäl- zung ihre Gestalt geben..... Ueber die Organisation zu sprechen, ist natürlich hier nicht der Ort; die Genossen mögen sich nur mit sicheren Adressen ins Einvernehmen setzen, worauf das Wei- tere erfolgen wird. Ueber die wirksame Gestaltung der Propaganda, sowohl der mündlichen als der schriftlichen, wird das Weitere ebenfalls auf privatem Wege zu veranlassen sein. Hier nur ein Wort Hinsicht- lich der Agitation durch Flugschriften. An Agitationsschriften fehlt es uns wahrlich nicht; aber dieselben sind größtentheils aus- schließlich für Parteigenossen oder doch sich bereits für unsere Sache Jnteressirende geschrieben. Für die weitern, uns noch fern- stehenden Volkskreise aber ist wenig vorhanden und außerdem müssen solche zur weitesten Verbreitung geeigneten Schriften un- entgeltlich sein, was die vorhandenen ihres Umfangs wegen nicht sein können. Um nun diese Lücke auszufüllen und die für die Erreichung unserer Ziele unumgängliche Aufklärung der Massen in gebüh- render Weise förder» zu können, haben wir einen eigenen Flug- schi-iften-Fonds gebildet, der aus freiwilligen Beiträgen unterhalten werden und dazu dienen soll, kuize volksthümlich geschriebene Flugblätter über die wichtigsten Fragen der Zeit vollkommen unentgeltlich zu Zehn- und Hunderttausenden ins Volk zu schleudern. Die Parteigenossen werden dadurch in den Stand gesetzt, gegen bloße Vergütung der Postgebühren derartige„Brandschriften" in zahlreichen Exemplaren zu beziehen, um sie trotz Sozialistengesetz und Polizei über das Land zu ver- breiten, sie in die Häuser, Werkstätten und Fabriken zu legen, dem Nachbar in die Tasche zu stecken oder durch die Post zu senden, auf die Straße zu werfen, nächtlich an die Ecken zu kleben oder hinter die Läden zu stecken, im Eisenbahn- oder Tramwagen zu hinterlassen und in hundert andern Formen an den Mann zu bringen. Mit geringer Mühe, fast gar keinen Kosten und bei nur einiger Vorsicht auch mit wenig Gefahr kann auf diese Art jeder Genosse zur Ausbreitung unserer Grundsätze nnd zur allmäligen Zerbröckelung des Fundaments aller Tyrannei, der geistigen Beschränktheit der Massen, wirksam beitragen, und erwarten wir demnach, daß alle wack.'rcn Genossen sich sowohl an der Unterhaltung des Flugschriften-Fonds durch frei- willige Beiträge— und seien es noch so kleine Beträge— als durch eifrige Bestellung und Verbreitung der Flugblätter mit allem Nachdruck betheiligen werden. Für das erste Flugblatt ist(wie aus obiger Quittung er- sichtlich) bereits von einigen mit der Sache bekannten Genossen ein ansehnlicher Betrag eingegangen, der sich hoffentlich bald mehren wird Das erste Flugblatt wird in Bälde er- scheinen und fordern wir die Genossen hiemit zu baldiger Bestellung beim„Sozialdemokrat" auf; jedoch müssen solche Bestellungen stets von Vertrauensmännern gegen- gezeichnet sein. An Portokosten wird 1 Pfg. für das Stück berechnet, doch werden für diesen Preis nicht unter 25 Exempl. gesandt. Und nun ans Werk, Freunde und Gesinnungsgenossen! Bleibe Keiner zurück, wo es sich darum handelt, zur Untergrabung der dem Umsturz geweihten heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung beizutragen. Nehmt Euch an der Organisation unserer Feinde ein Beispiel, die durch diese allein das Volk zu beherrschen vermögen — organisirt Euch! Und erlahmt nicht in der Propaganda unserer Ideen, sondern agitirt unausgesetzt und mit allen Euch zu Gebote stehenden Mitteln! Dann werden alle Anschläge unserer Feinde vergeblich sein und die Zeit ihres schmählichen Sturzes und unseres Sieges wird nicht ferne sein. Deutschland, Ende Februar 1880. u» Die neuen Sozialistenvorlagen. ii. Ferner ist dem Reichstage seitens des preußischen Staats- Ministeriums eine Darlegung zugegangen, welche eine„Recht- fertigung" derVerlängerung desüberBerlin und Umgegend verhängten kleinen Belagern ngszu- st and s gibt. Es heißt: Durch die am 28. November 1878 getroffenen Maßregeln und durch die Anwendung der übrigen auf dem Gesetze vom 21. Oktober 1878 beruhenden Befugnisse war es gelungen, die sozialdemokratische Agitation in Berlin und dessen Umgegend in gewissen Schranken zu halten und äußerliche Ruhe herzustellen. Allein unterder Oberfläche dauerte die Bewegung fort und aus zuverlässigen Wahrnehmungen er- gabsich.daßBerlin einerderhauptsächlistenHeerde der sozialdemokratischen Bestrebungen geblieben und durch dieselben fortgesetzt mit Gefahr für die öffentlich-e Sicherheit bedroht ist. Bis in die letzte Zeit der Wirksamkeit der Anordnungen vom 28. November 1878 hatten auf Grund des§ 28 Nr. 3 gegen Sozialdemokraten, und nur gegen solche, Aufenthaltsverboie in nicht unbeträchtlicher Zahl ausgesprochen werden müssen. Wurden hierdurch die Leiter der Agitation und die eifrigsten Förderer der- selben ferngehalten, so traten doch immer von Neuem Andere an deren Stelle, welche gleich jenen die Verbindung unter den Genossen festigten und neu belebten, auch die Beziehungen zu den auswärtigen Führern, sowie zu den Umsturzparteien anderer Länder aufrecht erhielten. Ihre Mit- theilungen und Anweisungen, in gelegentlichen Zusammenkünften und Besprechungen ausgegeben, gelangten durch die sicher und wirksam geführte Verzweigung der Agitation in kürzester Frist an alle Genosten. Die Sammlung von Mitteln für die Zwecke der Partei wurde insgeheim oder unter Umgehung des Verbots durch Vorspiegelung geselliger oder ähnlicher Zwecke fortgesetzt betreten. In der festen Gliederung der Berliner Sozial- demokratie fanden die auf den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung gerichteten Ideen und Bestre- bungen Pflege und Kräftigung; sie wurden durch die zuversicht- liche Hoffnung belebt, daß nach Ablauf der kurz bemessenen Dauer des Gesetzes vom 21. Oktober 1878 die Zeit kommen werde, in welcher durch die äußerste Ausnutzung der öffentlichen Agitationsmittel und im Vereine mit den„Proletariern aller Länder" der Erreichung der allgemeinen Ziele näher getreten werden könne. Die seit Erlaß des Sozialistengesetzes außerhalb Deutschlands entstandenen Preßerzeugniste der Sozialdemokratie, namentlich die von Most in London herausgegebene„Freiheit" und der in Zürich erscheinende„Sozialdemokrat", in welchen mit rück- haltloser Offenheit der gewaltsame Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung als das unverrückbare Ziel der Sozialdemokratie hingestellt, und die Solidarität mit den Um- sturzparteien im Auslande proklamirt wird, hatten in Berlin in erheblichem Umfange Verbreitung gefunden. In den zustimmenden Hinweisungen dieser Blätter auf die radikalsten Anträge und Beschlüste des im vergangenen Herbste in Marseille abgehaltenen sozialistischen Arbeiterkongresses und in der Verherrlichung der von Nihilisten ausgehenden Attentate in Rußland waren neue Anzeichen der Zunahme der internationalen und extremen Rich- tung der Sozialdemokratie herangetreten. Dieser Sachlage gegenüber konnte auf die Anwendung aller zulässigen Mittel der Abwehr und Sicherung für Berlin und seine nächsten Umgebungen nicht verzichtet werden. Es erschien daher geboten, die im§ 28 des Sozialistengesetzes vorgesehenen Anordnungen, und zwar mit Rücksicht auf die gemachten Er- fahrungen und die Natur der obwaltenden Verhältniste im ganzen Umfange und auf die gleiche Dauer, wie im Vorjahre, von Neuem zu erlassen. Revolutionsmacherei oder Revolutionirung der Geister? -o- 18. Februar. Wie in London, so hat das Auf- treten der„Freiheit" leider auch hier die Wirkung gehabt, in die Reihen der Parteigenosten deutscher Zunge Zank und Streit zu tragen. Dieselben Manöver, dieselben Schlagworte, ganz dasselbe Gebahren, wie es Ihre Londoner Korrespondenz schildert, hat sich auch hier abgespielt. Deshalb und da ich ein abgesagter Feind solcher p e r s ö n l i ch e r Streitereien bin, will ich nicht weiter da- rauf eingehen, sondern Ihnen einmal an den Ausführungen des großen„Revolutionärs" Most zeigen, daß er eigentlich gar nicht so böse ist, wie er sich den Anschein gibt, daß seine Lehren aber nichtsdestoweniger mit Vorsicht aufzunehmen sind. Zu den Weihnachtsfeiertagen war nämlich M. herüber gekommen, um ein wenig Propaganda für seine engere Richtung zu machen und da hielt er denn natürlich auch eine Rede in einer Versammlung, worin er so einigermaßen sein Programm entwickelte. Der längeren Rede kurzer Sinn, resp. der Hauptinhalt war nun der: Nachdem M. feierlicher Weise erklärt hatte, daß die deuffche so- zialdemokratische Partei jetzt die Kinderschuhe ausgetteten habe und nunmehr in das aktionsfähige Mannesalter eingetreten sei, erklärte er es für an der Zeit, von jetzt ab die Betonung des stiedlichen Weges— an den noch kein deutscher Ge- nosse im Ernste geglaubt hat— bei Seite zu lassen und eine kräftige„revolutionäre" Agitation zu unterhalten, damit — und nun werden Sie staunen!—„wenn den Herrschenden da« Ruder aus der Hand fiele, wenn, wie schon so manchmal, die Regierungsgewaltm so zu sagen auf der Straße lägen, sich auch muthige und entschlossene Männer fänden, die die Gewalten ausheben würden." M. hat damit den Fall vorgesehen, wo Preußen-Deutschland, von einem auswärtigen Feinde überwunden, ohnmächtig darniederliegt. Als ich diesen„furchtbaren" Vorschlag hörte, konnte ich nicht umhin, dem Bürger Most ein„Natürlich" zuzurufen. Und ich frage: Was ist denn auch natürlicher als dieß? Welcher Sozialist würde rn einem solchen Falle nicht hinzuspringen, würde nicht dem Sterbenden den letzten Gnadenstoß geben und ihm das Ruder aus den müden Händen reißen? Wenn das der ganze Zweck dz;; großen„revolutionären" Propaganda sein soll, so behaupte ich: diesePropaganda ist längst gemacht. Denn sollten sich unter den über 50,000 ausgesprochenen Sozialisten, in Berlin z. B., nicht einige hundert entschlossene Menschen finde», die einen solchen im Grunde ja gar nicht so schweren Streich ausführten? Ist es nun, um zu einem solchen Resultat zu gelangen, nöihig, noch eine Extra-Revolutions-Partei, im Gegensatz zur deut- scheu Sozialdemokratie zu gründen? Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, die deutschen Genossen Schlafmützen zu nennen, unsere bewährten Vorkämpfer zu Hchimpfm, sie der Feigheit, ja des Verrathes an der Sache zu zeihen? Ich meine, die Antwort wäre leicht. Aber die Sache hat noch eine andere Seite, und es ist gerade das Hauprübel und auch eine Erklärung des Gebahrens von M., daß er darüber so leicht hinweggeht. Gesetzt, das angedeutete Er- eigniß tritt ein, die Armeen Preußen-Deutschlands sind in alle Winde zersprengt, der Kaiser mit seinen Prinzen auf der Flucht oder gefangen, der Feind vor den Thoren d-r Hauptstadt— und nun haben die Sozialisten die allgemeine Verwirrung benutzt und sich zum Meister der Situation gemacht. Was dann? Ist es möglich, anzunehmen, der siegreiche Feind, sei es nun das despo- tische Rußland oder die blaue Republik Frankreichs, werde die neue sozialdemokratische Regierung ohne Weiteres anerkennen? Als die Pariser Kommune unter ähnlichen Verhältnissen das Licht der Welt erblickte, da hatte die preußische Regierung nichts Eiligeres zu thun, als die nöthigen Mannschaften aus deutscher Gefangenschaft los zu lassen, damit dieselben auf Paris gehetzt werden konnten und hätte das nicht genügt, würde der Preußen- könig wohl keinen Augenb'ick Anstand genommen haben, die deutschen Truppen zur Zerschmetterung der verhaßten Revolution in Paris zu mißbrauchen. Und was damals geschah, wird sich in dem angedeuteten Falle zweifellos wiederholen. Jede heutige Regierung sieht und muß in der Sozialdemokratie ihren grimmigsten Feind sehen. Wissen sie doch alle ganz genau, daß der Sieg derselben in einem Lande unfehlbar den Sieg im eignen Lande nach sich ziehen wird. Sie werden darum hundertmal eher den so eben niedergeworfenen König oder Kaiser wieder einsetzen. Und nun zu glauben, mit einer kleinen Schaar entschlossener Männer, wie sie M. in seinen Ausführungen für„genügend" erklärte, einem durch den Sieg doppelt starken Feinde, einer zahlreichen geübten Armee— und die gehört ja doch wohl dazu, um eine Militärmacht wie Preußen zu besiegen— mit Gewalt entgegentreten zu können: dazu ge- hört eben die ganze Illusion eines Mannes, dessen Ideen wohl sehr wohlmeinend sein mögen, aber an politischer Reife so viel wie alles zu wünschen übrig lassen. Nehmen wir aber einmal das Unwahrscheinliche an, daß der Landesfeind sich, etwa durch große gewährte Vortheile, bewegen lasse, Frieden zu schließen und abzuziehen. Wer nun etwa meint, daß dann Alles gewonnen sei, der täuscht sich ganz gewaltig. So schwer der Sieg zu erringen sein wird, die Hauptschwierig- keilen fangen erst dann an, wenn es gilt, die sozialdemokratischen Einrichtungen ins Leben zu rufen. Zu solch einschneidenden, tief in das Leben jedes Einzelnen hineingreifenden Umänderungen, gehört die volle Hingabe und Mitwirkung und hierzu wiederum das volle Velständniß des Volkes oder wenigstens eines großen Theiles desselben. Und zu diesem Verständniß gelangt das Volk nicht durch ein paar Brandreden oder dito Zeitungsartikel, son- dern dazu bedarf es eben der zwar mühsamen, aber sicher zum Ziele führenden Belehrung. Und damit komme ich auch zu dem Hauptunterschied unserer Ausfassung und derjenigen Most's. Während M. meint, daß nach erlangtem Siege die volle Agitation, die volle Aufklärung beginnen könne, sagen wir: die Aufklärung muß vorausgehen, bis zu einem gewissen Grade eine vollzogene Thatsache sein, ehe überhaupt ein erfolgreicher Schlag ausgeführt werden kann; und es ist deshalb die Pflicht eines jeden einsichtigen Sozialisten, nicht nur keinen verfrühten Ausbruch zu provoziren, sondern geradezu, so viel eS in seiner Macht liegt, denselben zurückzuhalten, bis unsere Ideen so weit in alle Volksschichten eingedrungen sind, bis die Luft (wenn ich mir dieses Bild erlauben darf) derart mit Sozialis- mus geschwängert ist, daß das reinigende Gewitter mit Natur- nothwendigkeit hereinbrechen muß. Wenn nun M. weiter sagt, wir hätten nach einem Siege auch die Ueberläufer, die Erfolganbcter auf unserer Seite, so ist das eben auch wieder eine seiner illusorischen Berechnungen. O ja, w-r werden diese Leute in unserem Lager finden; aber zu unserem größten Schaden. Denn sie werden kommen mit den übertriebensten Hoffnungen aus das Wunderding, den Sozialis- mus. Erfüllen sich aber diese Erwartungen nicht sogleich, fängt das Schlaraffenleben, das sich dann Mancher träumen mag, nicht alsogleich an, dann sind diese Erfolganbeter sofort wieder unsere Feinde, und werden in den Händen unserer Gegner ein willkommener Sturmbock sein. Der aufgeklärte Sozialist dagegen weiß recht wohl, welch mühsamer Arbeit es noch bedarf, bis das Endziel erreicht ist:„die Wohlfahrt Aller durch den kommunisti- schcn Betrieb der Arbeit" und versteht deshalb seine Wünsche zu zügeln. Und dann hat der junge soziale Staat noch eine Gefahr zu befürchten: die der Ehrgeizigen, von denen M. allerdings nicht gesprochen, obgleich es ihm so nahe gelegen hätte. Auch dieser kann nur durch die möglichste Durchbildung des Volkes vorgebeugt werden. Wehe unserer Sache, wenn dieselbe durch irgend ein Ereigniß berufen werden sollte, die Gesellschaft umzu- formen und dann an dem Unverständniß der Masse scheitern würde! Dieselbe wäre auf lange Zeit begraben, den Gcg- nern aber ein furchtbarer Scheinbeweis in die Hand gegeben, für die Undurchführbarkeit unserer Ideen. An all dieses denkt aber ein M. nicht, setzt sich vielmehr über alle diese schwerwiegenden Gründe leichten Herzens mit der Phrase hinweg: daß Revolutionen stets durch Minoritäten gemacht worden seien. Jawohl: Palastrevolutionen, Militairrevol- ten, z. B. in Spanien, wo es sich darum handelt, einen Herr- scher wegzujagen oder todtzuschlagen, um— einen anderen einzusetzen. Selbst eine Monarchie in eine Republik umzuwandeln, kann einer Minorität gelingen, da das Volk bei allen diesen Dingen ja doch nur mehr oder weniger den indifferenten Zuschauer abgibt und es ihm schließlich gleich bleiben kann, ob es von dem oder jenem, von Einem oder Mehreren geschoren wird. Aber eine soz i a le Re- volution, in welcher dis innersten Lebensbedingungen jedes Ein- zelnen total umgestaltet werden sollen, wo so viele vermeintliche Interessen angegriffen werden(man denke nur an den Eigen- thumsfanatismus der Bauern), eine solche Umwälzung, die will man mit einer Minorität durchführen?! Gewiß wird eine Mino- rität das Signal geben, da die entschlossenen und muthigen Geister immer in der Minorität sind; aber sie wird elendiglich verbluten(und wäre sie noch zehnmal ausopferungsfähiger wie die russischen Sozialisten) wenn die Menge nicht vorbereitet, wenn sie nicht begreift, um was es sich handelt, kurz, wenn sie dem kühnen Signal keine Folge gibt. Und deshalb denke ich mir die kommende Revolution auch nicht in einem einzelnen Lande, nach einem unglücklichen Kriege, sondern sie muß, soll sie von dauerndem Erfolge sein, in allen zivilisirlen Ländern zugleich losbrechen. Wahrscheinlich gibt ein Land das Beispiel, und dazu noch im tiefsten Frieden. Und gerade unsere Partei wird berufen sein, je mehr sie sich aus- ausbreitet, die Herrscher zu diesem äußeren Frieden zu zwingen; denn jede Regierung wird einen Krieg scheuen, wenn sie weiß, .daß in ihrem Innern eine mächtige Partei steht, die bei schlech. tcm Ausgang ihre Erbschaft antreten wird. Aber zu dieser ge- sunden, zu dieser wahren Revolution gelangen wir nicht durch Schlagworte, sondern dazu gibt es nur Ein Mittel und das heißt: Aufklärung! Eine parlamentarische Schandthat. — Dresden, 19. Febr. Jeder Leser dieses Blattes wird sich mit liefer Entrüstung der schamlosen Orgien erinnern, welche die Ch emnitzer Polizei gelegentlich der letzten LandtagSwahlen gegen die sozialistischen Wähler von Chemnitz und Umgegend verübte. Versammlungen wurden ohne gesetzlichen Anhalt verboten, Blätter unterdrückt, Plakate, zu deren Anschlagen e§ gar keiner behördlichen Erlanbniß bedarf, weggenommen, kurz der berüchtigte Polizeidirektor Sieb d rat riß hohnlachend das Gesetz in Fetzen und etab- lirte eine türkische Paschawirthschaft in verschlechterter Auflage. Endlich sandte er sogar seinen Spießgesellen, den neuerdings verstorbenen Polizei-Jnspektor Ca r> uS, einen gemeinen Dieb— derselbe bestahl die BekicidungSkasse der Polizeimannschaft um 5000 Mark, was aber von Siebdrat und Con- sorten bis heute vertuscht blieb— mit der Leine nach dem Verkehrslokal der Sozialisten und ließ Alles, was dort zufällig verkehrte, verhaften, wodurch der sozialistische Kandidat, RcichStagsabgeordncter Vahlteich ebenso wie der Abgeordnete Wiemer beseitigt wurden und die durch solche unerhörte Gewaltthätigkeit eingeschüchterte Arbeiterschaft, die sich nun jedes Verbrechens seitens der Polizei gewärtig sein mußte, führerlos dastand. Das Alles ist bekannt— wir führen es dem Leser nur nochmals vor Augen, um die Stellung der sächsischen„Volksvertretung" diesen Schänd- lichkeiten gegenüber in'S rechte Lieht zu stellen. Wie jeder anständige Mensch über die Chemnitzer Skandale das Haupt schüttelte, so durchzuckte auch selbst die zweite Kammer unseres Landtags ei» Gefühl ner Scham, a!S der Chemnitzer Wahlprotcst vorgelegt wurde. Sie schwang sich zu dem Beschlusie auf, llntersuehung anstellen zu lassen und im Fall der aktenkundigen Bestätigung des Vorgefallenen das Mandat des als gewählt nach Dresden gekommenen„reichstreuen" Kandidaten Ruppert zu verwerfen. Letztere Absicht sprach sich in einstiminiger Beanstan dring jenes Mandats aus.» j Ruii— die Untersuchung ist geschehen, cS hat s i ch A l l e s bestätigt; Siebdrat hat sich mit nichts weiter ausreden können, als mit der Angabc, die Zwickauer Kreishauptmannschoft t i s ch Gerechtigkeit widerfahren lasten wird und weitere Er- folge derselben als zweifellos erklärt werden. So schreibt die Brüsseler„Chronique*: „Die demokratische Bewegung in Deutschland ist r icht er- stickt. Die Ausnahmegesetze gegen den Sozialismus wurden mit vollkommener Rücksichtslosigkeit ausgeführt; aber die Sozialisten haben unter den arbeitenden Klassen mehr Boden als früher gc- Wonnen. Natürlich ist es deshalb, daß die Thronrede die Roth- wendigkeit der Verlängerung dieses quasi-diskretionären Gesetzes ankündigt. So beharrt die Regierung, in Mitschuld mit der Mittelklasse, deren Furcht sie ausbeutet, darauf, den deutschen Sozialismus mit jener romantischen Partei zusammenzuwerfen, welche man früher in Frankreich unrer diesem Namen kannte, und vermengt die Bestrebungen der einen mit den chimärische» Trän- men der andern. Aber Bismarck verkennt doch weniger als ir- gendwer, daß die Führer des Sozialismus durchaus nichts Ro- mantischcs haben, sondern daß sie vielmehr überzeugt, praktisch und logisch sind und daß ihre Kraft in der unbestreitbaren Thal- fache begründet ist, daß das gegenwärtige Regime jede Hoffnung auf eine umgehende oder baldige Verbesserung der ungeheuren Mehrheit der Bevölkerung ausschließt. Die demokratische Be- wegung wird in demselben Maße heftiger, in welchem man ihrer friedlichen Ausdehnung Hindernisse bereitet. Diese Perspektive kann nicht Jedermann gefallen; sie wird mehr als Eine Voraus- ficht vereiteln, durch mehr als Eine Berechnung einen Strich machen; aber sie ist deshalb nicht weniger gewiß... — Der berüchtigte„Bannbruchs"-Prozeß gegen die Abgg. Fritzschc und Hasselmann ist aus Antrag Hasen- clevers durch Beschluß des Reichstags auf die Dauer desselben eingestellt worden. Vielleicht wird er durch das Lagern gleich Käse oder Schnaps besser. — In Berlin wurden weiter ausgewiesen: Buchbin- dermeistcr K o th e, Tischler P ec g e, Steindrucker Leist, Schneider Tachner. Unter den Ausgewiesenen befinden sich Familien- Väter, welche die infame Polizei bekanntlich absichtlich heraussucht, um sie und die Partei desto härter zu treffen! — Der Petersburger Winterpalast-Schrecken ist auch an der Spree eingekehrt und treibt die ergötzlichsten Blüthen. Gelegentlich eines jüngsten Opernhaus-Balles machte sich ein Schelm den Spaß, die löbliche Polizei anonym zu benachrichtigen, daß während des Balles, den der Kaiser besuchte, das ganze Opernhaus in die Luft gesprengt werde. Da man aber in Ber- lin nichts von Tyrannei kennt und ein gutes Gewissen hat, so — fiel man auch richtig hinein, untersuchte das Opernhaus bis in den letzten Winkel, steckte die halbe Polizei zur unsichtbaren Ucberwachung in Maskcngewänder k. Bald aber zeigte sich, daß man genarrt war, denn es passirte nichts Ungewöhnliches und — Niemand brauchte ein zweitesmal zu zittern. — Unserer neulichen Notiz über die Arbeiterrevolte in der Schar- laygrube, vielmehr in der Ron z ionkau grübe in Ober- s ch l e s i e n ist einiges nachzutragen. Es bestätigt sich, daß sich die Arbeiter zu Gewaltthaten und Zerstörungsakten hinreissen ließen, so daß Militair zur Herstellung der Ordnung requirirt werden mußte. Aber selbst der amtliche Bericht muß zugestehen, daß die Ursache der Erregung der Arbeiter eine„verhältnißmäßig geringere Lohnzahlung" gewesen ist. Die Arbeiter waren nämlich infolge der elenden Löhne und der Theuerung der Lebens- mittel seit längerem gezwungen, Vorschüsse zu erheben, und diese wurden ihnen nun jetzt, trotz ihrer Bitten und der Unmöglichkeit, sie unter den jetzigen wenig veränderten Verhältnissen zurück,»- bezahlen, von der Verwaltung des steinreichen Grafen Henkel von Donnersmark unbarmherzig abgezogen, so daß die Leute am Zahltage nur wenige, kaum auf ein paar Tage reichende Gro- schen erhielten. Und daß dies eine große Aufregung unter den Arbeitern hervorbringen mußte, wußte man genan, wie Berichte von Bourgeoisblättern naiv zugestehen:„man habe den Aus- Bruch von Unruhen schon vorhergesehen und deshalb Gendarmen an die Grube beordert gehabt." Trotzdem gelten natürlich die armen Arbeiter als die einzig Schuldigen und werden aufs bar- barischste bestraft, während die wahren Verursacher unbehelligt bleiben. Es ist doch was Schönes um solche„Ordnung"! — Für die auf den 30. März festgesetzte Reichstags- Ersatzwahl in Osnabrück ist seitens unserer Partei Ge- nosse Freytag aus Leipzig, sächsischer Landtagsabgeordneter, als Kandidat aufgestellt. — Unseren früheren Berichten über die allgemeine Polizei- razzia auf den„Sozialdemokrat" ist nachzuttage», daß auch in Altona, Ruppin, Odenheim, Landshut, Flensburg, Weimar und zuletzt— unier Aufbietung der ganzen Kriminalpolizei— in Breslau und Umgegend zahlreiche Haussuchungen und theil- weise Verhaftungen vorgenommen wurden, ohne daß man dabei irgend welche erhebliche Erfolge erzielt hätte. Wir hätten das der Polizei voraussagen, und diese hätte sich die Mühe sparen können. Auf diese Weise kommt man den deutschen Sozial- demokraten nicht an! — r- Berlin, 21. Febr. Im Reichstag wurde gleich»ach der Präsidentenwahl die Generaldebatte Uber den Etat eröffnet. Aus den Debatten, in welche mit besonderem Geschick die Abgg Richter und Bebel ein griffen, ging hervor, daß alle Bersprcchnnge», die Seitens der Regierungen und de« Fürsten Bismarck im Vorjahre bei den Berathungen über den Zoll. taris gemacht wurden, eitel Flunkereien gewesen sind. Die Ueberschüsse d,S Reiche an Zöllen und indirekten Steuern nämlich, die in sichere Aussicht gestellt worden waren, sollten bekanntlich den Einzelstaaten und den Rom- muncn zu Gute kommen: nun aber schluckt sie, wenn die neue Militärvor- läge durchgeht, was unzweifelhaft geschieh!, der Miluärmoloch. Richter und besonder« Bebel drangen auf Verkürzung der Dienstzeit, wodurch allein Ordnung in'« Budget kommen könne: der letztere wollie die Verkürzung der Dienstzeit natürlich in solchem Maaße, daß ein Volksheer die naturgemäße Folge davon sein würde. Sehr bezeichnend war die Klage des Vertreter« der Bundesregierungen, daß man sich in der Einnahme, die aus der Besteuerung von Bier und Branntwein im vorigen Jahre erwartet wor- den sei, sehr getäuscht habe— dieselbe sei eine erheblich gerin- gerc gewesen! Für ein solches unfreiwilliges Zeugniß kann das deutsche Volk dem Kommissär recht dankbar sein: um so niederträchtiger aber ist es, wenn sich in andern Fällen die Vertreter der Regierungen und der Majoritätsparteien im deutschen Reichstage nicht entblöden, von den deutschen Arbeitern als von schnapSoerkommencn Menschen zu reden. Der Höhepunkt der Debatte wurde durch die Bcbel'sche Rede erreicht. Bebel griff den Schutzzöllner und Reaktionär Kardorff, der in der nihilistisch panslavistischc» Bewegung in Rußland cine Kriegsgefahr für Deutsch- land erblickte, energisch an, indem er solche Vorspieglungen nur als geeignet erachtete, die Militärvorlage demnächst durchdrücken zu helfen. Wenn man sich mit Frankreich gut stünde, meinte der Redner, so sei jede Kriegsgefahr geschwunden. Frankreich und Deutschland marschirtcn an der Spitze der Zivillsativn; deßhalb sei es ein ganz besondere« Unglück, daß durch die Annexion von Elsaß ilothringen die Freundschaft für lange, lange Zeiten gestört sei. Diese Annexion brauche nicht gerade völlig rückgängig gemacht zu werden: da« allgemeine Stimmrecht müsse für die einzelnen Bezirke in Bezug auf ihre Zugehörigkeit zu einer von den beiden Nationen entscheiden und ein curopäischer Arcopag könnte das gesainmte Land dann für neutral bei allen Kriegen erklären. Bei nur einigem guten Willen ließe siä> das sehr gut machen. Dann sei Rußland gar nicht zu befürchten, der Milita- riSmnS würde aufhören und die Völker könnten ihre Kräfte mehr und mehr den Kulturzwecken zuwenden.— Bei den Ausführungen, welche der Redner über die Annerion und über die Vorzüge cine« Volksheeres machte, wurde er von dem Präsidenten mehrfach unterbrochen und zur Sache gerufen, so daß selbst nationalliberale Parlamentarier verwundert die Köpfe schüttelten. Noch ist es nicht entschieden, ob solches Verfahren der llngeübtheit oder der Ungerechtigkeit de« neuen Präsidenten, des Vetter« des Grafen Harry v. Arnim, zuzuschreiben ist: doch da« wird die nächste Zukunft schon lehren. Bei seine» AuSführnngen gegen Kardorff hatte Bebel erwähnt, daß er- sterer seine Weisheit über Rußland lediglich aus der„Norddeutschen Allg. Ztg." geschöpft habe. In einer persönlichen Bemerkung erklärte nun in frecher Weise dieser saubere Patron, daß er allerdings nicht so gut direkt von den nihilistischen Bestrebungen unterrichtet sei, wie daS natürlich bei dem Abg. Bebel der Fall sein müsse, worauf Bebel erwiderte, daß er und seine Partei keine Verbindungen mit Rußland habe und daß die Nihilisten weit mehr unter den Standesgenossen des Herrn v. Kardorff zu suchen seien. Ein Redner vom Zentrum betheiligte sich merkwürdigerweise bei den De- batlcn nicht— die Herren wollen erst Stellung nehmen, wenn sie Gewißheit erlangt haben über die neuerdings gepflogenen Verhandlungen zwischen Bismarck und Bennigsen: letzterer soll dem ersten nämlich die neue Militärvorlage aus dem Feuer holen. Er wird es auch zweifellos thun und sich dabei die Pfoten nochmals verbrennen. Einen verächtlicheren Menschen kann man sich unter den Parlamentariern kaum denken, als diesen, der für Versprechungen, die nie gehalten wurden, seine Gesinnungen alljährlich verkauft. Nächsten« mehr. — Altona, 19. Febr. Die Spürhunde find wieder an der Arbeit. Gestern fanden hier zahlreiche HanSsuchuiige» statt, die zur Verhaftung von 12 Personen führte». Bei einem Verhafteten sollen 22 kouvertirte Num- mern deS„Sozialdemokrat" gefunden worden sein; die übrigen waren, so- viel bekannt, nur im Besitz einzelner Nummern Auf den Werkstellen und in Fabriken wurden den Arbeiter» selbst die Kleider durchsucht— alles im Namen de«„Rechts" und des„Gesetzes". Ganz gewiß glaubt die Polizei den Verbreiter gefunden zn haben, indeß täuscht sie sich: ein Zufall hat ihr ein unschuldiges Opfer in die Hände gespielt und die Verbreitung dauert fort. Unsere Rechnung mit dem„Recht" in Deutschland ist gemacht: wir können kein Recht mehr verletzen, da wir keines mehr haben. Ob wir im großen Käfig, genannt Deutschland, sitzen, oder im engen der Gesängniß- zelle, ist u»S gleichgültig. Genossen Deutschlands! Schon Heinrich Heine läßt in seinem Gedicht„Die schlesischen Weber" au« dem Munde der Weber Deutschland zurufen:„Deutschland, wir weben Dein Leichentuch." Helfen wir nun, helfen wir emsig webe» an dem Leichentuch, damit es fertig werde, und wir das heutige Deutschland einivickcln und begraben können. Ueber seiner Leiche wird dann die soziale Republik uni so üppiger emporblühen. Darum unverzagt weiter gearbeitet über den Opfern! Hau« Großknecht. — Saarbrücken, 18. Februar. Heute früh verließ Genosse Kaulitz da« Gefängnis zu Trier: der l3. März wird auch Hackcnbcrger die Freiheit bringen und mit ihm dem letztem der Vcrurtheilten von Saarbrücken. Als am 18. August 1877 das Urtheil— es lautete auf 2'/, Jahren Gefängniß für beide— publizirt war, druckte es der„Vorwärts" einfach ab, und fragend:„Wer macht verächtlich?!" rief er den kgl. Richtern zu:„ünstitia fumlamentum regnorum!" und beantragte für jeden derselben 2 Jahre Gefängniß„ohne da« llcbrige". Es war ein Musterurtheil, einS von Blut und Eisen. Weshalb wir heute daräuf zurückkommen? Weil es der letzte Versuch der Reaktion war, die brutale Gewalt»nter einem Schein von Recht von verbergen. Bei der Bcrathung de« SocialistengesetzeS beriefen sich gerade die„Liberalen" nach Vorgang der„Kölnischen Zeitung" auf die „mit alleiniger Hülfe der alten Gesetze gelungene Unterdrückung der Bewegung im Saarbrückcr Kohlenbecken". Die St. Johann-Saarbrücker„Freie Volksstimme", unser damals jüngstes Parteiorgan, ward nach Ausgabe der 7. Nummer einfach unterdrückt— jede Nummer hatte mehr als 1 Jahr Gefängniß gekostet. Nacheinander waren ihre 4 Redakteure verhaftet, 3 derselben: Hackcnberger, Kaulitz und Genosse Wptzka zu 5 Jahren 4 Monaten Gefängniß verurtheilt, der vierte plötzlich nachträglich für diensttauglich erklärt und als„unzuverlässiger" HeercSpflich- tigcr nach längerer Haft auf die Festung Saarlouis geschickt: keiner von ihnen hat mehr als 2 Nummern, einer nur eine einzige redigirt. Die Mit- glicder der Preß. Kommission wnrden in Untersuchung gezwungen, die tüch- tigsten Genossen unter leeren Vorwänden ausgewiesen, mit rasfinirtester Niedertracht verfolgt oder monatelang in Untersuchungshaft geholten, um dann„vorläufig" wieder in„Freiheit" gesetzt zu werden. Das RedaktionS- lokal der„Freien Volksstimme" ward unter Siegel gelegt, Kaulitz'« Buch- Handlung sans pliraae geschlossen, das vorhandene Bücher- und Brochüren- lagcr, ja sogar seine Privatbücher in Beschlag genommen, seine Garderobe, Leib- Wäsche, Uhr, Werthsache, Kassa, selbst Bücherreposirorie» zur Deckung snoch nicht entstandener) Kosten gepfändet, die Kolporteure verhaftet, einer derselben, unser braver„Pionier der Menschheit", Genosse MathieS, zu 4 Monaten Gefängniß„verurtheilt". Zwölf der thätigsten, treuesten Genossen entzogen sich, nachdem ibre meiff blühenden Geschäfte glücklich zu Grunde gerichtet, nur durch die Flucht dem Kerker: sie gingen nach Belgien, Frankreich, der Schweiz. Ihnen folgte» 4 der zuverlässigsten Parleiwirthe, während den übrigen die Konzession enizogen oder sie selbst durch Polizei- chikancn mürbe gemacht wurden. Hunderte von Arbeitern wurden gemäß- regelt, mit Weib und Kind ans da- Straßenpflaster geworfen---- und die„liberale" Presse klaschtc zu alledem jubelnd Beifall den deutschen Richter» und der Polizei, daß sie„so energisch die drohende Gefahr ab- gewandt." Und doch, trotz alledem und alledem, hielten die Arbeiter fest und treu zusammen, schufen eine neue Organisation, nahmen sie mit inibcugsamer Energie die Agitation wieder auf. Kaum hatten sie im Frühjahr 1878 wieder ein Lokal gefunden, so beriefen sie eine Volks- Versammliing— sie wurde sofo:l polizeilich aufgelöst, der Referent, Uhrmacher Metzger, verhaftet und zu 4 Monaten Gefängniß„vcrnrtheilt"- Volle 1'/, Jahr blieben Haussuchungen an der Tagesordnung, nicht etwa schon damals verbotene Schrif- ten, nein, jedes Parle>blalt, jede Brochure ward mit Beschlag belegt. Deurschr utzland nannte die„Freie Volksstimme" de» Saarbrücker Be- zirk, und mit Richt: e« herrschte hier die Knutenwirthschaft in ihr r Bollendung. Da war ein Sozialistengesetz allerdings überflüssig. Schämte man sich doch nicht, Kaulitz, welcher ein kaufmännisches Geschäft am Platze selbst hatte, wegen einer einfachen Beleidigungsklage gefängltch einzuziehen, ihn in Handeisen gelegt und mit einem Todtschläger zusammettgekeltet durch die Stadt zu schleppen, stundenlang so im Vorhofe ve« GerjchtSgebäudeS einer gaffenden Menge zur Schau zu stellen, und alle« das, um ihn sofort. danach„wegen mangelnden HaftgrundeS" wieder freizulassen. Im Gefängniß erkrankten beide, Hackcnberger und Kaulitz De« letzteren elastischere Natur zwar erholte sich, nachdem da« erstere Jahr vorübe: und er seine nasse, zugige Zelle mit einer gesünderen vertauscht: Hackenberger aber verläßt da« Gefängniß nur, um in« Hospital zu gehe». Beide werde» demnächst ihre Erfahrungen„vor Deutschlands Richtern und in seinen Se- fängnissen" niederlegen: hier ist heute»jeder die Zeit noch der Ort dazu H. gehl nach seiner Heimath Marienburg in Westpreußen, K., au» Preußen als„Ausländer" ausgewiesen und durch Familienverhältnisse gehindert, in seiner Vaterstadt Braunschweig zu bleiben, nach den Vcreinigten-Staaten. E. J. E.II. AugSburg, 15. Februar. Einem Schurkenstreich, wie ihn schamloser Madai's Denunzianienffele nicht ersonnen, ist einer unserer besten Genossen wieder zum Opfer gefallen. Mit dem ersten Sozialistenschub au« Berlin ausgewiesen, kam derselbe»ach mancher Roth und Irrfahrt hierher und fand Arbeit. Vor einigen Wocke» erfuhr nun ein früherer sogen,„stiller" Sozialdemokrat>.K I e m m ist sein Name: er ist Spinnmeister bei Riedinger und wohnt auch in der Fabrik: er sei der ernsthaftesten Berücksichtigung unserer Freunde empfohlen) die Thatsache der Ausweisung und theilte sie sofort dem Fabrikanten mit. Dieser ignorirte sie, bis vor einigen Tagen die hiesige Polizei ihn ebenfalls davon benachrichtigte lauf dem Umweg von Berlin natürlich) und der Polizeichef, Bürgermeister Fischer, direkt in tervenirte, worauf der Ausgewiesene, ein Familienvater, aus Brod und Arbeit gejagt wurde. Man ist also nicht zufrieden, durch die Ausweisung den Mann ruinirt zu haben: man will ihn dauernd schädigen, womöglich wie einen Aussätzigen von Stadt zu Stadt treiben und ihn gleichsam zum Hungertod zwingen. Wehe den Gewalthabern, wenn sich zu unserm Groll über unsere allgemeine Knechtung auch noch der Durst»ach persönlicher Rache mischt, wenn der Gedanke an Repressalien uns am ersten zum Widerstand treibt, llnd namentlich hier hat man seit Jahren diese Saat gestreut und der„rothe Fischer" i» seiner bekannte» offenen Verhöhnung des Gesetzes uns gegenüber in erster Linie! llnd seit hier unser Organ emge- gangen ist, tritt auch die Polizei viel frecher auf, die dem Münchner Mein- e-dSmichcl von Fischer nachdrcsfirtcn zu Allem willfährigen Rottmeister Obich und Schreyer voran. Hielt kürzlich ein Gesangverein ein Piknik, zu dem auch letzterer Polizist erschien, nachdem man schon einen kurz vorher cxpedirt hatte. Trotz der Ausforderung zu gehen und der angedrohten Klage auf Hausfriedensbruch blieb er mit der spöttische» Bemerkung.„Ihr könnt Euch beschweren, aber da bleib ich einmal: gewinnen thut Ihr aber nichts, dafür ist gesorgt." Wahrlich, wenn c« so sort geht, scheint solchen Polizisten und ihren Vordermännern gegenüber schließlich w rklich nur Hilfe st la Mesenzoff übrig zu bleiben.„Ihr seid gewarnt!"— Mit dem Kapitel der Haussuchungen will ich Sie verschonen: die dabei zu Tage getretene Dummheit war von je hier größer„als— wie man sagt— selbst die Polizei erlaubt". Gefunden wurde— wie stet«— nirgend« auch nur eine rothe Bohne! Hesterreich-Angarn. * Wie sich unsere Leser aus früheren Miltheilungen unseres Blattes zu erinnern wissen werden, sind seit einem Jahre eine große Anzahl polnischer Sozialisten verhaftet worden, die sich seit ihrer Haftnahme im Krakauer Kerker befinden, wo ihnen eine solche schmähliche Behandlung zu Theil wurde, daß sie sich entschloßen, eher den Hungertod zu wählen, als di-ese Be- Handlung länger zu erdulden. Dieser verzweifelte Entschluß, an dessen Ausführung sie bereits schritten, indem sie drei Tage weder Speise noch Trank zu sich nahmen, hatte schließlich zur Folge, daß sie etwas menschlicher behandelt wurden. Nachdem dieielben nun schon seit fast einem Jahre im Kerker schmachten, begann endlich am 16. d. die Schlußverhandlung, welche mehrere Wochen währen wird, da nicht weniger als 147 Aktenstücke zur Verlesung gelangen werden und 76 Zeugen vorgeladen wurden. Der Justizminister hätte es gerne gehabt, wenn diesen Sozialisten der Prozeß wegen Hochverrath gemacht worden wäre; die Staatsanwaltschaft vernrochte aber mit bestem Willen nicht, diesem Wunsche nachzukommen, da sie kein genügen- des Material hiezu fand, und so lautet die ungemein umfang- reiche, über 40 enggeschriebene Bogen enthaltende Anklageschrist auf„Störung der öffentlichen Ruhe". Angeklagt find 33 Genossen, zum größten Theil Studenten, Mediziner, Gelehrte, Künstler, Lehrer, aber auch Handarbeiter. Welchen Ausgang der Prozeß für die Angeklagten nehmen wird, läßt sich nicht voraussagen, da die bürgerlichen Geschworenen in solchen Fällen unberechenbar sind. Für die Sache aber wird der Prozeß auf alle Fälle von enormem Vortheil sein und für Oesterreich, namentlich für Galizien eine ähnliche Wirkung(natür- lich in entsprechend geringerem Verhältniß) erzeugen, wie s. Z. der Leipziger Hochverralhsprozeß in Deutschland, von dem an der schönste Aufschwung der deutschen Sozialdemokratie datirt. Aeußert sich ja doch selbst ein Korrespondent der„N. Fr. Presse", daß Viele, die früher die wunderlichsten Vorstellungen vom Sozialis- mus hatten, sich nun mit demselben vertraut zu machen suchen. Und beginnen einmal die Leute sich ernstlich mit dein Sozialis- mus zu befassen, dann können wir auch sicher sein, daß sie, wenn sie Herz und Verstand am rechten Fleck haben, sich auch bald zu demselben bekennen und die Reihen der Sozialisten verstärken werden. Wir werden auf de» nach mehr als einer Richtung interes- santen Prozeß selbstverständlich des Ausführlicheren zurückkommen. Wetgie«. * Unser bewährter Brüsseler Kampfgenosse»La Voix de rOuvrier», das Organ der sozialistischen Arbeiterpartei Belgiens, bringt in seiner letzten Nummer folgende sehr bemerkenswerthe Veröffentlichung: „Die Arbeitskammer(die Centralisation sämmtlicher Brüsseler Arbeiterkorporationen) hatte in ihrer letzten Sitzung eine Eni- scheidung hinsichtlich der gegenwärtig unter den Gruppen der deutschen Sozialisten bestehenden Streitigkeiten zu treffen. Die (deutsche) Gruppe von Brüssel hat sich nämlich in zwei Theile getheilt, von denen der eine dem Programm und der Haltung der sozialistischen Partei Deutschlands treu bleibt, während sich die andere mit Most und der„Freiheit" in London verbindet. Die(in der Arbeitskammer) vorherrschende Ansicht war, daß diejenigen Sozialisten, welche sich in Deutschland befinden, besser im Stande sein müssen, die Lage ihres Landes und deren Erfordernisse zu kennen, als die außerhalb befindlichen, und daß deshalb die Disziplin erheischt, daß die Entschlüsse der Sozialisten in Deutschland respektrt werden und die Gruppen sich ihnen unterwerfen. Infolgedessen hat die Arbeitskammer in ihren Verband diejenigen der beiden Gruppen ausgenommen, welche sich in Einigkeit mit der deutschen Partei befindet; dagegen diejenige, welche es vor' zu müssen glaubt, in einer(angeblich. D. R.) mehr revolutioi Dichtung zu marschiren, zwar mit Bedauern, aber um fortd- Mißl-ellig- keiten abzuschneiden, ausgeschlossen." Wir brauchen dieser Entscheidung kein hinzuzufügen, weil sie an vollkommener Ko... wünschen übrig läßt. Wir begrüßen sie nam d chen Partei als einen neuen Beweis für die oft bei etliche. Gcsin- nung unserer belgischen Genossen gegen: c.iche Sozialdemokratie und als ein erfreuliches und vielvcr' ,eiides Zeichen des in der sozialistischen Partei Belgiens herrschenden Verständnisses für die Grundbedingungen einer großen und ernst e» politischen Partei. Um so beschämcnvr es, che Arbeiter gibt, welche beanspruchen, der deutschen Sozialdemokratie anzuge- hören, und sich erst von den Bruderparteien anderer Länder über ihre Parteipflichten zurechtweisen lassen müssen, wodurch der Rus der deutschen Partei nur geschädigt werden kann. * Am 1. Februar fand zu Brüssel der von uns bereits an- gekündigte Kongreß für das allgemeine Stimmrecht statt. 91 Delegirte vertraten die Gruppen und Vereine von Brüssel, Gent, Antwerpen, Lüttich und 21 anderen Städten. Den Vorsitz führte Genosse De Paepe. Mit 58 gegen 22 Stimmen beschloß die Versammlung, von dem gesetzgebenden Körper das allgemeine direkte Wahlrecht und zu dessen Sicherstellung die gesetzliche Zu- lassung jedes Staatsbürgers zur Garde civique(Bürgerwehr) zu verlangen. Die Petition, welche diese Forderungen an die Kammern stellen sollte, wurde in ihrer Fassung zwar heftig bekämpft, schließlich aber doch mit 49 gegen 21 Stimmen angenommen. Ein Zentralkomite wurde eingesetzt und zu dessen Mitgliedern gewählt: Scirure, Bartholomeus, Goetschalk, De Paepe, Morissart, Bertrand, Bogaerts, Duverger und Deville. Jede Gruppe oder Gesellschaft, die den gefaßten Beschlüssen sich an- schließt, zahlt 10 Francs in die gemeinsame Agitationskasse. End- lich beschloß man für den Fall, daß die Petition das Schicksal ihrer unzähligen Vorgängerinnen ereilen sollte, eine imposante Demonstration in Brüssel in Szene zu setzen. Daß es zu einer solchen wird kommen müssen, kann man wohl jetzt schon mit aller Seelenruhe und Zuversicht aussprechen, ohne sich dabei für einen besonderen Propheten halten zu dürfen. Wir können un- seren belgischen Genosse» nur wünschen, daß ihre Emsigkeit den Erfolg hat, den sie verdient, und daß der Bourgeoisie, wenn sie die Wünsche der Arbeiter verächtlich verwirft, in Folge der be- absichtigten Demonstration ein bischen Schreck in die verlotterten Glieder fährt. Das Gesindel ist ja feig. Irankreich. * Die Regierung der französischen„Republik" scheint immer mehr zur dienstwilligen Magd aller europäischen Despoten herab- sinken zu wollen. Der Jnsamie gegen Alissoff ist vor kurzem ein neuer Skandal gefolgt. Die Regierung ließ nämlich auf Anfordern der russiichen Regierung einen Russen verhaften, der an dem Moskauer Attentat betheiligt gewesen sein soll, und machte Miene, dem Au slieferungs begehren der zarischen Henkers- knechte ohne Weiteres zu entsprechen. Diese Schändlichkeit hat indessen die öffentliche Meinung Frankreichs aufs höchste erregt und empört und die sozialistische und radikale Presse sowie einige Abgeordnete der äußersten Linken nahmen sich des Bedrohten aufs Kräftigste an. Die schamlose Absicht der Regierung, dem Zaren eine kleine„Gefälligkeit" zu erweisen, wird deshalb zum Leidwesen der edlen„Republikaner" Freycinct und Konsorten nicht auszuführen sein und wird sich die Regierung mit einer Aus- Weisung begnügen müssen. Aber nicht nur dem Väterchen an der Newa, sondern auch dem in Varzin leistet man die niedersten Knechtsdienste. Wie uns das Pariser Post-Reklamationsbureau soeben mi'theilt, ist der Umlauf des„Sozialdemokrat" in Frankreich «par ordre de l'autorite supericure«(auf höheren Befehl) verboten worden. Daß diese«auto- rit6 supericure» in Wirklich niemand anders als Herr Bis- marck ist, kann keinen Augenblick zweifelhaft sein; denn was weiß die französische Regierung von einem, im wesentlichen nur unter den deutschen Kolonien Frankreichs verbreiteten deutschen Blatt! Wir werden demnächst Näheres mitzutheile» in der Lage sein, welches den neuesten Bedientenstreich der Macht- Haber der stanzösischen„Republik" in noch hellerem Licht er- scheinen lassen wird. * PariS, 20. Febr. Unter der Ueberschrift„Ein russischer Polizei- spitze!" bringt der„Prolstaire" einen interessanten Bericht über die Entlarvung eines als agent provocateur nach Paris gesandten zarischen Geheimpolizisten. Derselbe, welcher sich den Namen Maurice gibt, in Wirklichkeit aber Ncl-Meycr heißt und ein ungarischer Jude ist, während er sich al« Sohn des österreichischen KriegSministerS ausgibt,— dieser Soujo» drängte sich in auffälliger Weise an französische und russische Sozialisten heran, um dieselben zur Bildung von aus Franzosen und Russen zusammengesetzten Gehcimverbindungen zu veranlasien, zu dem Zweck, die letztere» der Ausweisung, die ersteren dem Gefängniß zu überliefern. Nel-Meycr war 1878 der Leiter der zur lleberwachung der russischen Flüchtlinge in Genf organisirten russischen Geheimpolizei, welcher u. A. auch der frühere österreichische Offizier Graf Jaklika fPoles und die Kommissäre Graff und Ge- rike angehörten. Auf eine Anzeige durch den russischen Flüchtling Tschcrkc- soff wurde Nel-Mcyer von der genfer KantonSregieruug ausgcwiescit. In einer Zusammenkunft von französischen Sozialisten wurde Rel-Meyer von Tscherkesoff entlarvt und zum Geständniß seines sauberen Handwerk« gezwungen.— Wir bedauern es in der That mit der„EgalitS", daß unsere Pariser Genossen dem Protokoll, welche« sie über den Vorgang veröffentlichten, nicht noch ein ausführliches Signalement der Polizeikanaillc befiigten. Solches Volk pflegt erfahrungsgemäß, zu ehrlicher Arbeit verdorben, trotz aller moralischer Züchtigungen bei seinem infame» Metier zu bleiben und höchstens den Schauplatz seiner Thätigkeit zu wechseln. Und da wäre e« gut und nolhwendig, wenn gegen derartige Subjekte, welchem Lande sie auch angehören, sobald sie entlarvt werden, möglichst ausführliche Steckbriefe erlassen würden, um sie den Sozialisten und Verfolgten aller Länder zur nöthigen Beachtung zu empfehlen. Italien. • Die Regierung hat in neuerer Zeit mit ihren„Jnternatio- nalistenprozcssen" ein ganz entschiedenes Pech. Noch sind die Wogen der Empörung, welche die Enthüllung des Florentinischen Monstreprozesses als eines ganz gemeinen, zwischen Polizei, Staats- anwalt und Untersuchungsrichter abgekarteten Schwindels verur- sachte, nicht verlaufen und die 13 Opfer dieses unerhörten Be- truges erst wenige Wochen in Freiheit, und schon nimmt ein ähnlicher großer Prozeß ein ähnliches Ende. Eine Anzahl So- zialisten von Ravenna und Jmola waren von dem Gerichtshof zu Bologna als„Malfattori"(Missethäter, gemeine Verbrecher) verurtheilt worden. Auf erhobene Berufung mußten diese Ge- mssr- nun nach neuer Verhandlung freigesprochen werden.') Uebri- �aens Wst sich die edle Regierung durch solche gerichtliche Miß- erfolge durchaus nicht abhalten, die verhaßten Sozialisten auf jede mögliche unverschämteste Weise zu schikaniren. So begeht sie die K'ahrhaft phänomänale Frechheit, die soeben freige- sprochencn Florentiner Angeklagten aus Wuth über das Miß- lingen des wegen dieselben geplanten Schurkenstreiches unter scharfe *) In letzter Stunde erfahren wir, daß der KasiationShof zu Rom da« freisprechende llrtheil bei,' Bologneser ApellhofeS vernichtet und die Zache endgültigen Aburtheilunss an den Apellhof zu Rom verwiesen hat. Polizeiaufsicht zu stellen und ihnen das Verlassen ihres Wohn- Ortes unbedingt zu verbieten, gleichviel ob sie an demselben Ar- beit und Brod haben oder nicht! Auch in andern Theilen der Halbinsel fehlt es an ähnlichen Maßregeln nicht. In Pisa wurde ein Arbeiter sozialistischer Bestrebungen wegen zum Exil, ein Lehrer ebendeshalb zum Zwangsaufenthalt verurtheilt. Und so fort. Welche Sturmsaat! Gleich dem Uebermuth der Herrscher nimmt auch die Roth immer mehr überhand. Welchen Grad dieselbe erreicht hat, da- für spreche folgendes Beispiel: In den 17 Gemeinden des Kreises Ceperano, Provinz Caserta, sind von den 92,383 Einwoh- nern nicht weniger als 51,340 vom„Hungerfieber" ergriffen worden, 8597 sind schwer an demselben krank und 5028 an ihm gestorben!— Unter solchen Verhältnissen werden die aller- orten ausbrechenden Hungerausstände sammt den sie bisweilen begleitenden Eigenthumszerstörungen und dergleichen Verzweiflungs- Thaten, wie denn jüngst in Albarcdo und Piava in der Pro- vinz Verona, in Montcbello bei Treviso und anderwärts stattfanden, sehr erklärlich. Kroßvritannien. ' Genosse Rackow in London ersucht uns, unserem Artikel über den Prozeß Rackow-Krahnstöver in voriger Nummer nachzutragen, daß Krahnstöver wegen gegen Rackow verübter Be- leidigung vom Hamburger Gericht verurtheilt worden ist und zwar zu 4 Tagen Haft, 20 M. Geldstrafe und Tragung der Kosten; daß aber dieses im Verhältniß zu der Schwere der Be- leidigung milde Urtheil speziell auf Wunsch des Beleidigten und auf Antrag seines Bevollmächtigten, des Genossen Auer, erfolgte, da es Rackow nicht um Bestrafung, sondern lediglich um Fest- stellung der verleumderischen Beleidigung zu thun war. Portugal. * Während die Bourgeoisparteien aller Länder, ob konservativ oder liberal, monarchistisch oder republikanisch, sonst jahraus jähr- ein auf die Arbeiter, das„niedere Volk", das ja an der„Ehre", die höher organistrte Menschenart der Herrschenden ernähren und erhalten zu dürfen, schon übergenug hat, nicht g-ringschätzig genug herabsehen und sich die unästhetischen Gesellen mit den schwieligen Fäusten, der rauhen geraden Sprache und seiner dummen Ehr- lichkeit nicht fern genug halten können: wissen sie diesem selben „Volk" nicht Schönes und Gutes und Schmeichelhaftes genug zu sagen, sobald sie es bei Wahlen, Parteibew:gungen w. zu ihren Sonderzwecke» brauchen und ausnutzen zu können glauben. Und leider fühlen sich dann die sonst so verachteten Arbeiter in ihrer Unvernunft oft genug noch geschmeichelt, daß die„Herren" sie brauchen können und gütigst gebrauchen wollen und leihen trotz aller schlimmen Erfahrungen ihren Verächtern und Feinden für ein süßes Lächeln und glatte Versprechungen und ohne sich auch nur den kleinsten reellen Bortheil auszubcdingen, bereitwillig ihre Dienste. Um so erfreulicher— weil es das Vorhandensein eines gewissen Grades von Klassenbewußtsein, der unumgäng- lichen Vorbedingung jeder ernsthaften auf die Emanzipation des Arbeitcrstandes gerichteten Bewegung, dokumentirt— ist es, wenn ausgeklärte Arbeiter irgendwo im Gefühl ihrer Würde und im Bewußtsein ihres Interesses solche Zumuthungen der Bourgeois- Parteien und jede Transaktion mit solchen, bei welcher sich nicht in Folge ausnahmsweiser Verhältnisse ein offenbarer, bedeutender Vortheil für das arbeitende Volk ergibt oder ein schwerer Nach- thcil von demselben abgewendet werden kann, energisch zurück- weisen. Wir begrüßen deshalb eine in dieser Richtung erfolgte Ent- scheidung unserer portugiesischen Genossen mit Beifall. Ende Januar wandte sich der Zentralvorstand der republikanischen Par- tei in Lissabon im Auftrag dieser Partei an die Redaktion un- seres Bruderorgans„O Operario" in Porto als Vertreters der sozialistischen Arbeiterpartei Portugals mit dem Antrag: die letz- tere solle sich zum Zweck der Verfolgung einer„uniformen und methodischen Politik" mit den Bourgeoisrcpublikanern verbinden und an ihrem projcklirten Kongreß und ihrer Propaganda theil- nehmen. Die genannte parteigenössische Redaltion beantwortet nun dies Anerbieten in ihrer Nummer vom 8. ds. folgender- maßen: Allerdings bestehe zwischen den Republikanern und den Sozialisten ein prinzipieller Berührungspunkt, insofern sie beide die Republik anstrebten; aber mit der republikanischen Staats- form allein sei noch gar nichts gethan und solange die soziale, die ökonomische Knechtschaft bestehe, sei es ziemlich gleichgiltig, ob ein Monarch oder ein Präsident an der Spitze des Staates stehe, weshalb die Arbeiter für jenes Ziel allein niemals ihre Kräfte einsetzen würden. Die Theilnahme an dem vorgeschlagenen Kongreß wäre deshalb ein unnützer Zeitverlust, wie die Theil- nähme an dcr heutigen niedrigen, intriguanten Politik der Arbeiter unwürdig sei. Die Arbeiterpartei weise jede Transaktion mit anderen Parteien grundsätzlich von sich und müsse darum auch das gemachte Anerbieten kurzweg ablehnen. Uttßkand. * Ueber das jüngste Winterpalast-Attentat haben unsere Leser Genaueres wohl schon in dem nächstbesten Tagesblatt gelesen; denn die ganze Presse bis zu dem armseligsten Amts- und Käse- blättchen herab, beschäftigt sich fast mit nichts anderem als mit der„verruchten Mordthat", die ihnen jedoch gewaltig imponirt und den bleichen Schrecken in das schlotternde Gebein gejagt hat. Sicher ist bis jetzt nur soviel: daß die Attentäter bis in die unmittelbatste Nähe des Zars Verbindungen hatten und über alle Einzelheiten des doch aufs strengste bewachten Palastes und des Hoshaltes genau unterrichtet waren; daß man trotzdem oder wohl gerade deshalb und ungeachtet aller erdenklicher Bemühungen der in eine förmliche Arretirwuth gcrathcnen Polizei von den Thälern noch keinen Hosenknopf entdeckt hat; und daß der von seinem Volk vergötterte und nicht einmal in seinem Hause sichere Zar wie begreiflich von dem Verfolgungswahn in seiner schreck- lichsten Gestalt ergriffen ist und inmitten all seiner Pracht und Herrlichkeit keine frohe Minute mehr hat— die sicherste Strafe für seine Tyrannei. Die Gesundheit des Despoten ist unter- graben, seine Stimmung ist trübe, sein Blick scheu und unstät, Furcht und Mißtrauen martern ihn und die einzige Erholung findet er in dem reichlichsten Genuß der Flasche. Und alles das durch eine„Handvoll ohnmächtiger Bösewichler", welche trotzdem einen seit der englischen Pulververschwörung von 1605 nicht mehr erlebten Handstreich durchzuführen vermochten, dessen Lärm durch die ganze Welt hallt und der die zerfaulte russische Gesellschaft in ihrem Tiefinnersten erschüttert! Welche Schläge müssen noch kommen, bis sie vollends zum Stürzen kommt? Es ist nichts Verwunderliches, daß die Gewaltherrscher allent- halben auf ihren Thronen in den Tod erschrocken sind und daß ihnen ihr schuldbeladenes Herz unter den Purpurfetzen stockte— sie sehen an den Petersburger Ereignissen, wozu die Verzweiflung ein zertretenes Volk führen kann. Der deutsche Kaiser war so tief erschüttert, daß er minutenlang seine Fassung nicht wieder- finden konnte und dann weinte, was er bis jetzt weder beim Tod der badischen Standrechtsopfer noch der Massengemordeten auf den Schlachtfeldern gethan. Aber Thränen nützen weder den Völkern noch den Fürsten selbst und hallen das Schicksal nicht auf. Wer von den Herrschern, gleichviel ob auf dem Thron oder auf dem Geldsack, noch zu hören vermag, der höre die Warnung von der Newa.... Unser Genosse Bebel Hai im deutschen Reichstag einer reak- tionären Verdächtigung gegenüber erklärt, daß die deutsche Sozial- demokratie keine Verbindungen mit Rußland habe. Das ist un- bestreitbar. Und ebenso bekannt ist es, daß die deutsche Sozial- demokratie Attentate auf einzelne Vertreter der heutigen„Ord- nung" aus verschiedenen Gründen nicht zu ihren politischen Mit- teln zählt. Wenn aber aus der Konstatirung dieser beiden That- fachen der Schluß gezogen werden sollte, daß die Sozialdemokratie in das allgemeine Geschrei gegen die nihilistischen„Mörder" ein- stimmen müsse, so befindet man sich in einem gewaltigen Jrrthum. Wohl bedauern wir— und aufrichtiger als sonst wer— wenn die Freiheitsmänner eines Landes zu solchen mörderischen Waffen greifen, um ihr Land vom Tyrannen und der ganzen despotischen Herrschaft zit befreien; aber wessen Schuld ist es, wenn sie sich solcher Waffen bedienen müssen? In einem Lande, in welchem eine solche Tyrannei wie in Rußland herrscht, wo jedes freie Wort, jeder freie Gedanke als ein schweres Verbrechen bestraft wird, jede Möglichkeit einer friedlichen Verbesserung einer unleid- lich gewordenen Lage ausgeschlossen ist— in einem solchen Lande müssen selbst Gift und Dolch, Revolver und Dynamit als er- laubte Mittel gelten, um dem bluttriefenden Despotismus ein Ende zu bereiten. Und deshalb lassen uns auch die„Seelen- trau er des vielgeprüften Zaren" und der Schmer; der todtkranken Kaiserin wie der wieder galvanisirtc Finger Gottes gleich kühl bis ans Herz hinan, während den Freiheitsmännern Rußlands gleich denen aller Nationen nicht wegen sondern trotz ihrer Mittel oder richtiger ohne Rücksicht auf diese unsere Sympathien gehören. Sprechsaal. Warnung. Uaria. Die hiesigen Genossen sehen sich veranlaßt, die Par- tcigenossen zu warnen, so ohne Weiteres leichtfertig nach Paris zu kommen. Infolge der herrschenden Krise und der Sprach- Verhältnisse fällt eS sehr schwer, für hier herkommende Genossen Arbeit zu finden, ja, für verschiedene Geschäftsbranchen ist es gar nicht denkbar, Unterkommen zu finden. In solchen Fällen müssen dann die hiesigen Genossen oft unnöthiger Weise im Uebermaß in Anspruch genommen werden. Es sind daher alle Genossen, welche sich etwa nach Paris zu wenden gedenken, er- such«, vorher bei einem dcr Unterzeichneten Erkundigungen über den Stand ihres Gewerkes einzuziehen; die hiesigen Genossen verpflichten sich, in solchen Fällen den Genossen stets behülflich zu sein und zuverlässige Auskunft zu ertheilen. A. Blume, rue Montorgueil 66. Trapp, rue de Madame 65. Vo ß, rue Levis 6. Briefkasten bei Redaktion: Einsendungen von Lüttich und Gens in Sachen der „Freiheit" tonnten leider auch diesmal nicht behandelt werden; c« wird in nächster Rümmer gewiß geschehen.— Strßbg.„Klein ab-r zäh"— bravo; hallet nur tapfer au» und wirkt in der angedeuteten Weise. Demnächst werdet Ihr noch weitere, neue Agitationsschriften erhalten.— Bei vier«: Auch wir wünschen, daß der Streit bald erledigt werde und deuten alle Anzeichen daraus hin, daß ihm bald die Nahrung ausgehen wird.— A ug«bg.: Sie wünschen da«„anarchistische Programm" besprochen, um gewissen Leuten die Konseguenzen ihrer Bestrebungen vor Augen zu führe». Das ist leichter gesagt als gethan; denn als richtige„Anarchisten" erkennen die Leute ein für alle bindendes Programm überhaupt nicht an. Lest und propagirt die empsehlenSwerthe Grenlich'sche Schrift gegen die Anarchisten:„Der Staat vom sozialdemokr. Standpunkte betrachtet"«gleich allen übrigen Agitations- schriften durch unsere Exped. zu beziehen|. Un« mangelt der Raum, anders als gelegentlich auf die Sache einzugehen.— Lausiger Rothhant: Adr. deutscher Genossen in Pari« finden Sie im heutigen Sprechsaal.— 3. 3., Pari«: 3hr Artikel war uns sehr willkommen; hoffentlich ist es nicht der letzte, den Sie senden. Durch uns, sowie durch die Volksbuchhandlung Hottingen-Zürich ist zu beziehen: ileciieuscliarisbericlit der des lleiitsciien Reichstages über ihre parlamentarische Thätigkeit während des Jahres 1878— 79. Preis 25 Cts.— 20 Pfg.(ohne Porto.) In Partien von wenigstens 20 Stück 20 Cts.= 15 Pfg.(ohne Porto). Von 10(J Stück an 20 Prozent Kabatt. Partien von über 500 Stück an nach Hebereinkunft. Es wird nur gegen Vorausbezahlung geliefert.— Risiko zu Lasten des Bestellers. Drei Viertheile der Auflage(10,000) sind bereits vergriffen; zweite Auflage in Vorbereitung. Expedition des Sozialdemokrat. »chwest.«-remttbuchdruckeret Hottingin-ZUrich.