* Erscheint wöchentlich einmal in Zürich(Schweiz) Uerlag A. Herter, ZnduftriehaNe Riesbach-Zürich Nokseuduugen franco �egen franco. Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz kosten Toppelporto. Der Somldem Jliternationales Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge R? AA. Sonntag, 29. August. Abonnements werden nur beim Verlag und desien bekannten Agenten ent» gegengenommen und zwar zum voraus zahlbaren Vierteljahrspreis von: Fr. 2.— für die Schweiz tKreuzband Mk. 3.— für Deutschland(Couvert) fl. l. 70 für Oesterreick(Couvert)' Fr. 2. 50 für alle übrigen Länder deS Weltpostvereins(llreuzband). Inserate Tie dreiqefpaltene Petitzeile 25 Cts. 20 Pfg. 188«. Anis an die liarresxoadeuteu aad Adonnente» de»„ZaiialdcmoKrat". Da der„Sozialdemokrat" sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten ist, bezw. verfolgt wird und die dortigen Behörden sich alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp. Briefe von dort an uns und unsere Zeitungs- und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äußerste Vorsicht im Postverkehr nothwendig und darf keine Vorsichtsmaßregel versäumt werden, die Priesmarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt der Sendungen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen. Haupterforderniß ist hiezu einerseits, daß unsere Freunde so selten als möglich an den„Sozialdemokrat", resp. dessen Verlag selust adrcssiren, sondern sich möglichst an irgend eine unverdächtige Adresie außerhatb Deutschlands und Oesterreichs wenden. welche sich dann mit uns in Verbindung setzt; anderseits aber. daß auch uns möglichst unverfängliche Zustellungsadresien mitgetheilt werden. In zweifelhaften Fällen empfiehlt sich behufs größerer Sicherheit Rekommandirung. Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um trotz aller ent- gegenstehenden Schwierigkeiten den„Sozialdemokrat" unfern Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern. ' Ein Gedenktag des deutschen Proletariats. Von Jahr zu Jahr finden die krampfhaften Anstrengungen der freiwilligen und unfreiwilligen Reichslakeien, den Sedantag zu einem Volksfest zu gestalten, weniger Anklang im Volke; ja heute läßt schon der größte Theil der sonst so eifrigen Sedan- festler verzweifelt die Arme sinken und fragt sich öffentlich, ob es eine gute Wahl war, einen Schlachttag zum Nationalfest des deutschen Volkes auszusuchen. Und ob Eure Wahl verfehlt war! Während Ihr Euer Fest feiertet, während ein Theil des Volkes sich von Euch hinreißen ließ und für einen Tag sein Elend vergaß, stand ein anderer Theil des Volkes, das klassenbewußte Proletariat, abseits und fragte bitter i Wo ist die Frucht jener Siege, die dem deutschen Volke so viel des besten Blutes kosteten, wo ist die Freiheit, wo der Wohlstand, von dem Ihr uns damals spracht? Und immer v lauter erscholl diese Frage, immer mächtiger wuchs die Zahl derer, welche sie stellte, und heute ertönt sie so mächtig, daß den wohl- beleibten Festrednern das Wort in der Kehle stecken bleibt. Die Sonne von Sedan, von der sie einst sprachen, ist im Erbleichen, trotzdem es ja sonst so leicht ist, das Volk zu einem Fest zu gewinnen, das es berauscht und ihm für einen Tag sein Elend vergessen macht. Aber das deutsche Proletariat ist gewitzigt, u es läßt sich nicht mehr durch hochklingendc Reden täusche», keine Festzüge leiten es irre, kein Brillantfeuerwerk blendet es; es verschmäht dergleichen Humbug und wählt sich seine Festtage selbst. Und seiner Lage, dem Ernste der Zeit entsprechend, feiert es nicht Jubel- und Freudenfeste, nein— ernst sind die beiden Tage, welche das deutsche Proletariat im Laufe des Jahres Idrtltfr Kfjf«P,. FM��e..Äedeq�tage dej., �.4 Volkserhebung des März feiert, so' denkt es weniger der er- kämpften, als der zu erkämpfenden Siege; inl Herbste aber feiert es nicht„lebende Größen"— derartigen Kultus überläßt es der Bourgeoisie—..sondern es gedenkt seiner gefallenen Vorkämpfer. Und in diesem Sinne feiern wir, den 31. August, den Todestag Ferdinand Lassalles! Der Mann, der es unternahm, den deutschen Arbeiterstand aus dem Schlaf zu rütteln, ihm daß Bewußtsein seiner Macht, die Erkenntniß seiner Mission einzuprägen, der es verstand, einer ganzen Welt von Verläumdern Achtung abzutrotzen, die Schaar seiner Anhänger aber so nachhaltig tu begeistern, daß sie, stetig wachsend, heute dem mächtigsten Reiche des Kontinents Furcht ein- flößt: er hat das Recht, zuerst genannt zu werden, er hat es verdient, daß sein Todestag ein Gedenktag des Proletariats ge- � worden. Mit Staunen und Bewunderung blicken wir heute auf das, was Lassalle in den zwei Jahren seiner Agitation leistete. Von der großen Masse der Arbeiter nicht verstanden, von denen, die ihm theoretisch nahe standen, theilS aus Aengstlichkeit, lheils aus Mißtrauen in Stich gelassen, entfaltete der Mann eine Riesenthätigkeit, die ihn nach Kurzem aufreiben mußte. Wer sich eine Vorstellung machen will von dem, was Lassalle damals fühlte, der lese die jüngst veröffentlichten Briefe Lassalle's an Rodberlus. Wie ergreifend tönt uns aus ihnen der Ruf ent- gegen: Laßt mich nicht allein, Ihr Männer der Wissenschaft! Ihr Mitkämpfer auf theoretischem Gebiete, stehet mir auch zur Seite in dem praktischen, im politischen Kampfe! Aber seine Bitte, > sein Flehen war umsonst, nur lau wagte man hier und da, ihm unter allerhand Klauseln beizustimmen, o H e n unterstützt e ichn Niemand.***» Wem dgrf es da Wunder nehmen, daß selbst Lassalle schließ- lich unter der Ricsenaufgabe zusammenbrach, und daß eine unter- geordnete Liebesasfäre, die er sonst spielend verschmerzt hätte, ihm unter diesen Umständen das Leben kostete? . Wir achten und ehren jene Männer der Wissenschaft wegen ihrer theoretischen Leistungen, aber wir achten und lieben Fer- dinand Lassalle, den Denker und Kämpfer! Und gleich seiner gedenken wir an seinem Todestage aller Jener, die, von seinem Worte, von seiner Lehre angefeuert, in seinem Geiste fortwirkend, arbeitend an der Organisation des Proletariats, werbend für den Emanzipationskampf des vierten Stgndes— dahinsinkcn mußten vor der Zeit. � Es gäbe, leider! eine stattliche Reihe von Namen, wollten wir sie aufzählen, die Mitstreiter alle, die uns der Tod zu früh ent- rissen. Aber auch, wenn wir es wollten, wir vermöchten es nicht. Wohl sind eine Reihe von unvergeßlichen Namen in unsere Herzen eingegraben; wie viele aber sanken bereits dahin, deren Namen„kein Lied, kein Heldenbuch" uns meldet, hinter deren Sarge kein imposanter Leichenzug folgte, sondern die nur von ' ihrem engeren Bekanntenkreise trauernd beerdigt wurden, die aber ebenso wie ihre bekannteren Brüder ihre Pflicht im vollsten Maße gethan und verdienen, daß das Volk ihrer in Liebe gedenke! Wer nennt heute noch den Namen jenes braunschweiger Maurers, der, ein Opfer seiner Begeisterung, den freiwillig er- Kagenen Strapazen des Wahlkampfes erlag? Und doch verdient j» sein Name genannt zu werden, wo Arbeiter sind, die für das Befreiungswerk thätig wirken. Und wer Zeuge der Begeisterung und Aufopferung war, welche die deutschen Proletarier an ihren Wahlkämpfen— von der heute manche Leute gern so verächtlich sprechen— an den Tag gelegt, der wird gleich uns überzeugt sein, daß die Wahlsiege, welche wir erfochten, die Lohnkämpfe, welche wir schlugen, nicht nur Geld, sondern auch Blut, theueres Blut kosteten. Vergessen wir darum, wenn wir der Führer gedenken, auch keinen Augenblick der braven Soldaten.„Jedem Ehre, jedem Preis!" Ihr Blut soll nicht umsonst geflossen sei». In Lohn- und Wahlkämpfen ist die deutsche Sozialdemokratie groß gewor- den, so groß, daß man aus Furcht vor ihr jenes infame Aus- nahmegesetz schuft welches ihr ihre originale Seite, ihren Vorzug vor der Bewegung anderer Länder, ihre einheitliche Ge- schlossenheit— nehmen, sie zersplittern sollte. Machen wir diesen Plan unfern Gegnern dadurch zu nichte, daß wir fester als je zusammenhalten. Hinweg mit allen jenen, die aus selbstsüchtigen Interessen Jntriguen säen, hinweg init jenen, die aus Eitelkeit jetzt den Diktator spielen wollen! Hinweg mit den Feigen, die heute verleugnen, was sie einst gepredigt; hinweg auch mit jenen Patronen, die unbekümmert um das große Ganze die proletarische Bewegung zum Spiel- ball ihrer Launen machen wollen! Jeder Zwist in unfern Reihen wird von den Gegnern mit einem Freudenschrei begrüßt; zer- stören wir ihre Freude dadurch, daß wir die Friedensstörer rück- sichtslos aus unseren Reihen entfernen und dadurch unsere Be- wegung rein und einig erhalten. Organisation sei unsereParole! Solidarität sei unser Feldgeschrei! Das wollen wir uns geloben am Todestag Ferdinand r. t-v», --J* Was die Sozialdemokraten sind und was sie wollen. Von einem Iozialdemokrate». II. Der klare Wortlaut unsere? Parteiprogramms stempelt die Behauptung unserer Gegner,-die Sozialdemokratie wolle der Arbeiterklasse die Herrschaft im Staate verschaffen, zur Ver- läumduug. Wir haben schon gesagt, daß der Begriff der Herr- schaff überhaupt ein undemokrfttischer ist und folglich auch den Prinzipien der Sozialdemokratie widerstreitet. Denn alle frcihcit- lichen Forderungen der Demokratie sind zugleich Forderungen der Sozialdemokratie. Der Unterschied zwischen Demokratie und Sozialdemokratie ist: daß diese die Konsequenzen zieht, welche jene, in bürgerlichen Vornrthcilen befangen, nicht zu ziehen den Muth hat. Die Sozialdemokratie ist konsequente Demökratic. Sic will eine Staats- und Gcscllschaflsorganisation, die, fußend auf der Gleichberechtigung aller Menschen, die Quellen der Ungleichheit verstopft, weder Herren noch Knechte duldet, und eine brüderliche Gemeinschaft von freien Menschen begründet. Um dies zu ermöglichen, inuß die heutige Produktionsweise beseitigt, muß die ökonomische Basis der Gesell- schaft, d. i. die Art der Arbeit, das System der Ar- b e i t(des Produzirens) in. der Gesellschaft reformirt werden. Die Mutter alles gefellfchqKlichen Reichthums, aller Kultur ist die Arbeit. Was wir?sind und haben, sind und haben wir durch die Arbeit. Nr Arbeit verdanken wir Alles. Nicht unserer persönliche n Arbeit, wenigstens nur zu einem verschwindend kleinen Brnchtheil, sondern der allgemeinen, gesellschaftlichen Arbeit. Es ist sehr wohl möglich— und wir sehen es ja hänsig genug—, ohne persönliche Arbeit die Segnungen der Kultur zu genieße»; es ist aber auch dem Arbeitsamsten, dem Arbeitkräftigstm bei angestrengtester Arbeit absolut unmöglich, als Kulturmensch zu leben ohne die allgemeine gesellschaftliche Arbeit, denn s i e hat erst die Kultur geschaffen, und ohne sie wären wir Thiere, nicht Menschen. Hieraus ergiebt sich die kommunistische Natur, das zur Gemeinschaft drängende Wesen der Arbeit, auf welchem Staat und Gesellschaft beruhen. Diesen kommunistischen Charakter hat die Arbeit stets gehabt: die des antiken Sklaven und des mittelalterlichen Leibeigenen, wie des modernen Lohn- arbeitcrs. Aber das Produkt der Arbeit hat ihn nicht ge- habt und hat ihn noch jetzt nicht. Der antike Sklave arbeitete für seinen Besitzer; der mittelalterliche Leibeigene für den Grundherrn; und der moderne Lohnarbeiter arbeitet für den Kapitalisten. Hier steckt die Inkonsequenz, hier das Unrecht, dem abzuhelfen das Ziel der Sozialdemokratie ist. Der gesell- schaftlich kommunistische Charakter der Arbeit soll ans das Produkt der Arbeit ausgedehnt werden; das Produkt der Arbeit soll Eigenthum der Arbeiter sein; die Arbeit nicht länger Gemeinsamkeit des Elends, sondern des Genusses. Mau ficht, wie lächerlich der Vorwurf ist, wir wollten das Eigcnthnm abschaffen.'Nicht das Eigenthum soll abgeschafft werden, sondern die Enteignung des Eigenthums, das falsche Eigenthum, welches Aiieignmig fremden Eigenthums ist, der gesellschaftliiche Diebstahl. Expropriation der Expropriateure hat Marx es. genannt. Uebrigens hätten Leute, die sich zum Christmthum bekennen, kein Recht, selbst gegen das„Thcilen" zu zetern, denn daS neue Testament predigt den Kommunismus in der„rohestqi", urwüchsigsten Form, und die ersten christlichen Gemeinde», die noch die „ganz reine Lehre" hatten, trieben das„Theileu" mit großer Gründlichkeit und sollen es auch auf die Weiber ausgedehnt haben. Betrachten wir die gegenwärtigen Zustände. Wer will leng- neu, daß die Mehrheit der Menschen in den traurigsten Ber- Hältnissen lebt, und daß nur eine Minorität so gestellt ist, daß sie die Mittel zu einem menschenwürdigen Dasein hat? Die Zweifler verweisen wir auf die Statistik, deren Ziffern keinen Widerspruch dulden und nur von der Unwissenheit und Böswilligkeit ignorirt werden können. Die ökonomische Ungleichheit an sich ist aber nicht das Schlimmste: die. Arbeit schafft alle Reichthümer, und wären die, welche nicht arbeiten, arm, so hätte diese Ungleichheit eine gewisse Berechtigung: in der Wirklichkeit verhält es sich aber umgekehrt. Wie der von unseren Gegnern als Autorität verehrte bürgerliche'Natioiialökoiiom John Stuart Mill mit schneidender Schärfe erklärt, sind in der heutigen Gesell- schaft die Glücksgüter im umgekehrten Verhältniß der ge- leisteten Arbeit verthcilt. Wer am meisten arbeitet, hat am wenigsten; wer wenig oder nichts arbeitet, hat viel. Die Ar- muth ist für die Arbeit, der Reichthum für die Richtarbeit; die Arbeiter, welche den sog.„Nationalreichthmn" erzeugen, find ifon ihm aitsaefchtsffen: er ist das Monopol der Nicht? arbcitcr. r äVivci) wird die Ungleichheit zur empörendsten Un- gercchtigkeit. Und diese Ungerechtigkeit ist ein Brandmal unserer gerühmten Zivilisation, das Jeder, der einen Funken von Gerechtigkeitssinn hat, bemüht sein muß, wegzuschaffen. Palliativ- maßregeln, die blos die Oberfläche berühren, blos Symptome zurückdrängen, verschlimmern das Uebel; es muß an der Wurzel gefaßt, mit der Wurzel ausgerottet werden. Aller Reichthum ist die Frucht der Arbeit, lehrt die Nationalökonomie— die Arbeit soll die Frucht der Arbeit ernten! f o r d er t d i e G c r e ch t i g k c i t, f o r- dcrt die Sozialdemokratie. Die jetzige Ungerechtigkeit entspringt daraus, daß die Arbeit nicht für sich selbst arbeitet, daß sie sich für Lohn an die'Richtarbeit verkaufen muß und von dieser„ausgebeutet" wird. Mit einem Worte: ans dem System der Lohnarbeit. Die jetzige Ungerechtigkeit ist nur dadurch zu beseitigen, daß die Arbeit aufhört für die Richtarbeit zu arbeiten, und daß sie statt dessen für sich selbst arbeitet. Einzelarbcit ist unproduktiv; die Arbeit muß gemein- sam sein. Also: Gemeinsame Arbeit zum Nutzen jedes Einzelnen— g e in e i n s a m c Arbeit und g e- m eins a in er Genuß der Früchte der A r b e i r. Das ist's, was wir an Stelle des heutigen AusbentungssystemS setzen wollen. Die sozial! st ischeAssoziation an Stelle der Lohnarbeit! „Wo bleibt aber das Kapital?" Nun, wohin es gehört: bei der Arbeit. Es gibt kein Kapital außer durch die Arbeit. Es soll fem.lläpital geben außer für die Arbeit. Von Charlatanen wird freilich behauptet, das Kapital erzeuge Werthe so gut als die Arbeit— die Probe läßt sich leicht machen: mögen die Kapitalanbeter ihr Kapital, möge» sie alles Kapital der Erde anf cineu Haufen zusammenschleppen, und nach Jahresfrist wird auch nicht für einen Pfennig'Neuwerth herausgewachsen, wohl aber der Werth der daliegenden Masse beträchtlich vermindert sein. Das Kapital ist nicht bloß das Kind der Arbeit, es kann auch nicht wachsen, nicht fortbestehen ohne die Arbeit. Das Kapital hat gegenüber der Arbeit kein Recht; während die Arbeit gegenüber dem Kapital das Eigen- thumsrecht hat. Die herrschende Produktionsweise hat das natürliche Verhältniß zwischen Arbeil und Kapital umgedreht, und die Arbeit zur Sklavin des Kapitals gemacht. Oder ist unsere Lohnarbeit nicht Sklaverei? Ist der moderne Lohn- arbeitcr etwa freier als der antike Sklave, weil er den Herrn wechseln kann? Kettet der Hunger ihn nicht fester und unbarm- herziger an die Arbeit als die festeste Eisenkette?—„Doch", wendet man uns oft ein,„die Arbeiter stehen sich heute besser als in früheren Jahrhunderten." Ob die Behauptung richtig oder falsch, lassen wir nncrörtcrt. Selbst wenn richtig, würde sie nichts beweisen. Nicht Besserstellung fordert der sozialdemokratische Arbeiter, sondern Gleichstellung. Er will nicht länger für A n d e r e arbeiten; er will, daß Jeder in gleichem Maße die Früchte der Arbeit, die Segnungen der Kultur genieße. Er hat genug Logik und Gerechtigkeitssinn, um für sich keine bevorzugte Stellung zu beanspruchen, er will aber auch keine untergeordnete Stellung einnehmen. Die Fortdauer der heutigen Produktionsweise verträgt sich nicht mit der Fortdauer der Gesellschaft. Die kapitalistische Großproduktion war ein Fortschritt, ist aber ein Heminniß geworden. Sie genügt nicht mehr den ökonomischen Bedarf- nissen der Gesellschaft, d. h. der Gesammtheit— nicht der sich gerne„Gesellschaft" nennenden winzigen Majorität der Priviligirten—; ganz abgesehen von der ungerechten Ver- thcilung des Arbeitsproduktes ist sie unfähig, allen Gesellschaftsgliedern das zum menschenwürdigen Dasein Erforderliche zu liefern, und muß schon darum durch eine höhere Produk- tionsform ersetzt werden, welche diese Bedingungen erfüllt. Und das kann nur die allgemeine gesellschaftliche Produktion, die sozialistische Organisation der Arbeit, die das konzentrirte Gesawintkapital der Gesellschaft zum Bortheil der Gesammtheit verwendet. Es ist ein Jrrthnm, der aus der Berwechselung der Gesellschaft mit der privilegirten Minorität, mit den herrschenden Klassen hervorgeht, daß man uns beschuldigt, wir wollten alles Bestehende umstürzen und tabuls rgss machen, um auf den Trümmern dann einen phantastischen Neubau aufführen zu können. Wir wollen nur beseitigen, was die gesunde, ver nünftige Weiterentwicklung der Gesellschaft hindert, nur er- wirken, daß die Interessen der großen Mehrheit nicht länger denen der Minderheit geopfert werden, und daß, statt der Priviligicn Einzelner, statt des politischen sozialen Monopols, das Recht und Interesse Aller, die Gerecht ig- k e i t zum obersten Gesetz in S t.a a t und Gesell- schaft werde. Was sich überlebt hat, ums den steigenden Kultnrbedürfnisscn der Gesellschaft nicht»niehr genügt, soll ans hören, dem emporstrebenden neuen l'cben Bist und Sonne zu nehmen. Wir wollen die organische Weiterentwickelung unserer Kultur, die durch die jetzige Klassenherrschaft aufgehalten wird. Wer heutzutage die Abschaffung der Maschinen, die Wieder cinführung der mittelalterlichen Kleinindnstric vorschlüge, würde für verrückt gelten, denn jedermann iveiß, daß jener Klein Produktion eine höhere, ergiebigere Prhdvkrionsmethode gefolgt ist: die Großindustrie. Wer aber im Mittelalter, ja wer noch Mitte des vorigen Jahrhunderts gesagt hätte, die Kleinproduktion ist zu kostspielig, zu unergiebig— sie muß durch eine industrielle Revolution, welche ein anderes Produktions- System zur Herrschaft bringt, von der Erde gefegt worden, der wäre für— nun für etwas Achnlichcs angesehen worden, wie wir jetzt von den Fanatikern der heurigen Gcsellichafts- Ordnung, richtiger Gesellschafts- Unordnung, angesehen, werden. Wer in fiinfzig Jahren die Wiedereinführung der heutigen Zustände befürwortet wird in Gefahr sein, mit dem Tollhaus Bekanntschaft zu machen, lind uns, die wir die Reform der heutigen Zustände verlangen, verlüumdct und verfolgt man! Und doch ist es gerade so gewiß und so nothwendig, daß die heutige Produktionsweise durch eine höhere verdrängt wird, als daß die mittelalterliche Produktionsweise durch die heutige verdrängt werden mußte. Nicht w i r sind Utopisten, unpraktische Träumer, wie man uns so gerne nennt, diejenigen sind es, welche vergängliche Formen für ewig hallen und sie durch Gcwältmaßrcgeln vor dem Untergang bewahren zu können glauben. Wir stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach wir die Bewegung modeln wollen. Unsere theoretischen Sätze � bertllstik te'Mswe� jivf, Ideen und Prinzipien, die von diesem oder jenem Wcltver- besserer erfunden sind.„Sie sind nur allgemeine Aus- bräche thatsächlichcr Verhältnisse eines existi- reu den Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor s ich gehenden g esch i chtlichcn Bewegung." Bismarck und seine Spießgesellen vor dem Forum der Naturwissenschaft.*) Nachfolgende Zeilen sollen eine Wahrheit enthüllen, eine Wahrheit, schrecklich und grausam, die man lieber unter der Erde verborgen lassen sollte, wenn man nicht entschlosien ist, alle Konsequenzen daraus zu ziehen, die sie enthält. Von allen Gelehrten wird bestätigt, so daß gar kein Zweifel mehr zulässig bleibt, daß der Rauminhalt des menschlichen Schädels sich, in absteigender Linie, von Klaffe zu Klaffe ver- mindert, in dem Maße wie die Unwissenheit, die Unthätigkeit des Geistes, die Beschränkung der Intelligenz— kurz das menschliche Elend zu- nimmt. Der Europäer des Mittelalters hatte eine viel engere Hirnschale als der moderne Europäer und die gleiche Verschieden- heit des Gehirns zeigt sich auf den Kirchhöfen der Armen und Reichen. Dies ist also das letzte Wort der Wiffenschaft; möge man selbst die Konsequenz daraus ziehen, welche es mit sich bringt. Es folgt daraus, daß wer die Völker zur Unthätigkeit des Geistes verdammt, oder— was auf dasselbe hinausläuft— sie der Freiheit beraubt, nicht blos ein Attentat auf ihr moralischzs Leben und Recht begeht(was ja als etwas sehr Unwichtiges betrachtet wird!)— sondern auch die physischen Organe jener Fähigkeiten in ihnen schädigt, deren Uebung er ihnen verwehrt. Das hieße also nicht allein die Seele ersticken, sondern auch den Körper erniedrigen, das Gehirn verstümmeln, den Schädel ver- engen, kurz die menschliche Natur um eine Stufe in der Reihe der organischen Wesen zurückdrängen. Auf der andern Seite aber geben die Völker, welche sich den Absolutismus gefallen lasten, nicht nur ihren Geist sondern auch ihre» Körper auf; sie erleide» eine Verkleinerung des Schädels eine Degeneration der GeHirnlappen. Sie werden in Wirklichkeit um den Kopf verringert, climinuti cupitst, wie das römische Recht— gleichsam in der Vorahnung dieser physiologischen Wahrheit es vom Sklaven sagte. Wer den Schädelinhalt der Römer vor und nach dem Zäsarismuo gemessen hätte, würde sicherlich eine Verringerung der vorderen Wölbung gefunden haben. Daruni gleichen sich die Völker so wenig vor und nach der Zeit ihrer Knechtschaft; darum erzeugen dieselben Worte, dieselben Begriffe, durchaus nicht mehr dieselben Wirkungen bei ihnen; darum werden sie unempfänglich für das, was sie früher begeisterte, feindlich gegen das, was sie liebten, stolz aus das, was sie verachteten. Vergeblich spricht man dann zu ihnen die Sprache des freien Mannes, die Sprache der Gerechtigkeit; sie dringt nicht mehr if.r Pibr in ihr Verständnm ein: ihre Seelcnoraane haben sich verändert. Ihr Hirn ist in seiner Verengung zu niedrig geworden, um jenen großen Gotiheiten: Gerechtigkeit, Wahrheit und Vernunft, Eingang zu gestatten. Allein hier tritt uns eine Thatsache entgegen, geeignet auch der Verzweiflung wieder Muth einzuflößen. Wenn diese selben Völker, deren Apathie und Knechtschaft ihren Schädel erniedrigt hat. durch irgend einen Zufall in die Freiheit zurückversetzt werden, erlangen sie auch die frühere Beschaffenheit ihrer Organe wieder. Nach zwei oder drei Generationen hat der Rauminhalt des vorder» Hirnschädels sich wieder ergänzt. Diese Beobachtung macht man z. B. an den Jrländern, welche ein letzter Trieb der Selbsterhaltunq als Auswanderer in dje Vereinigten Staaten führt. Sie sind dort als ckiminuli capitis angelangt und waren fast in den australischen Typus zurückverfallen. Nach zwei Gene- rationen, welche auf einem freien Boden groß geworden und nicht allein reichlicher und mit befferen Nahrungsmitteln, sondern auch mit neuen Ideen genährt und gleichsam von dem Geiste eines großen Volkes durchdrungen worden sind, hat sich dort ihre Regeneration vollzogen. Sie schienen zum Steinzeitalter zurück- gekehrt— jetzt sind sie wieder zu modernen Menschen geworden, und dies Wunder hat die Freiheit gebracht. Die Frage des Despotismus ist also in ein neues Licht gestellt. Die unparteiische Wissenschaft hat zweierlei nachgewiesen: erstens, daß ein Volk unterjochen, so viel bedeutet, als es körperlich schädigen; zweitens, daß sich in die Knechtschaft fügen einem Selbstmord des des Leibes wie der Seele gleichkommt. Schon Homer hat ein Vorgefühl dieser naturwissenschaftlichen Wahrheit, wenn er in jenen so oft zitirten Bprsen sagt:„Jupiter mit dem durchdringenden Blick raubt die�Llfte ihrer Vernunft Solchen, welche er zu Sklaven macht." Der Despotismus ist also nicht blos der falsche Wahn eines Herrschers, sondern er ist Menschcnmord im Großen. Die Knecht- schaft ist nicht allein moralische Erniedrigung, sie ist auch eine physische Verstümmelung der Rasse. Man sehe nur, wie selbst die äußere Gestalt sich ändert. Der freie thätige Gedanke ist es, welcher sich im menschlichen Schädel seine Kuppel wölbt. Sobald die Thätigkeit des Gedankens verschwindet, wird der Schädel niedriger und kehrt zum Affentypus zurück. Die Kuppel sinkt ein, der Goit verschwindet und es bleibt nur das Thier im Grunde der Höhle zurück. Als man den Menschen nur sagte, daß der Despotismus die Seele tödtet, ergaben sie sich mit ziemlicher Gleichgültigkeit darein; hoffentlich werden sie anderer Meinung, wenn sie erfahren, daß er auch ihre Hirnschale schädigt. Der Mensch ist und bleibt der König der Geschöpfe nur kraft seines Willens, seines Gedankens, seiner Kunst, kurz seiner täglichen Bestrebung. Sobald diese aufhört, sinkt der Mensch unter die Plebs der Schöpfung zurück und das geringste der Wesen macht ihm seine Krone streitig. Dem Menschen die Freiheit rauben, das heißt also ihn zum Thier herabwürdigen, ihn in vorweltliche Perioden zurückdrängen, wo ihm die Lebens- luft der Geiechiigkeit ausgeht. Es gibt kein größeres Veebrechen als dieses und wie viel größer ist es noch, wenn es sich dabei, statt um einen Menschen, um ein ganzes Volk handelt!*) Zu verlangen, daß ein Bismarck oder irgend ein anderer von ds» init- Nies.-kfchrüwn Wh w drw ÄffenippuS verfallenden eurs- pälschen Gesellschaft zum Halbgott emporgehobener Götze diese klare und eindringliche Sprache der Wiffenschaft hören solle, wäre Thorheit; ihr aber, ihr Völker des Erdballs, die ihr unter einem unerhörten Drucke seufzet und einem nie dagewesenen Elend entgegensehet— die französischen und deutschen Bauern, welche im 15. und 16. Jahrhundert gegen ihre Unterdrücker zu den Waffen griffen, waren wohl auch schlimm genug daran, der Hungertyphus aber, der seit Jahren— ob die Ernte gut oder schlecht— euer ständiger Gast ist und eure Reihen dezimirt, den kannten sie dennoch nicht!— Vernehmt diese Sprache und handelt darnach, ehe es zu spät ist, oder Ihr seid verloren! Zur Propaganda im Militär. Kürzlich machte im„Sozialdem." ein„Gedienter" den Vor- schlag, das Militär viel mehr als bisher durch unsere Propaganda zu bearbeiten. Ich kann diese» Vorschlag nur loben und wünschen, daß er von den Genossen allerorts möglichst befolgt wird. Ich möchte nur einige Worte darüber hinzufügen, wie die Verbreitung am besten und sichersten geschehen kann. Es ist bekannt, daß unter den„Dienenden" nicht lauter Knechtsseelen sind. Mit solchen schon einigermaßen aufgeklärten Soldaten muß zuerst sichere Fühlung gesucht werden, welche dann zur Gewinnung von einer Masse Soldatenadreffen führen muß. Die Militärbriete sind bekanntlich portofrei und die „Wanzenverreck" und andere gepfefferte„Brandschriften", die den Leuten die Augen mit Gewalt aufreißen, kosten ja nur wenige Pfennige. Ich wette, mit ein paar solchermaßen angelegter Mark läßt sich schon ein halbes Bataillon bearbeiten; denn nirgends zirkuliren solche Dinge schneller und besser, als in den Kasernen. Es ist eine grundfalsche Meinung, zu glauben, die Soldaten denunziren einander. Das sind seltene Ausnahmen; in der Regel existirt unter den„gemeinen" Kasernenbewohnern eine regelrechte „Verschwörung" gegen alle Portepee- und Litzcnträger. Tie Briefe müssm selbstverständlich von verschiedenen Händen adressirt und ebenso an verschiedenen Orten ausgegeben werden, was ja nicht schwer zu machen ist. Daß ihr Inhalt, wenn auch nicht augenblicklich, so doch sicher wirkt, namentlich, wenn der Sturm auf die alten Vorurtheile immer wieder und von den verschiedensten Seiten wiederholt wird— darum sorge man sich gar nicht. Die größte Unzufriedenheit und die ärgste verbissene Wuth ist in den bunten und glitzernden Zuchthäusern, die man Kasernen nennt und die oft noch viel schlimmer als jene sind (siehe die zahllosen und haarsträubenden Soldatenschindereien, z. B. wieder den letzten Würzburger Soldatenschinderprozeß D. R.) zusammengedrängt, und würden nur ein Tausendstel der Maje- stätsbeleidigungen und„ ausrührerischen Reden" denunzirt, die dort fallen, so wären die„Löcher" stets gefüllt mit Hoch- und anderen Verräthern. Der Boden ist da vortrefflich und es han- delt sich nur darum, daß er geschickt und vorsichtig bebaut wird. Sondire man immer erst vorsichtig, damit man nicht an den Falschen komme. Dann schicke man auch die Briefe nie von Orten aus, wo Sozialisten in größerer Zahl wohnen. Bei der persönlichen Agitation muß man natürlich ebenso vorsichtig sein. Hat man daher einmal irgendwo sicheren Eingang, dann wirke man mit Massen von aufklärmden Flugblättern, die sich zusammentretende Gruppen leicht billigst verschaffen können. Zum Versenden kann man bisweilen auch größere Couverts in Amts- form nehmen, weil sie bis zu 66 Gramm portofrei gehen. Werden diese Vorschläge möglichst ausgenützt, so wette ich, die Kerle in den Offizierskasinos und die kleinen und großen Feld- und Kriegsherrn kriegen die Kränke. Ich weiß einen Fall, wo durch Zusendung von einigen Rechenschaftsberichten der sozialdemokratischen Mitglieder des deutschen Reichstags eine ganze Compagnie sich der Verbreitung verbotener Schriften schuldig machte und sich ein gewaltig rebellischer Geist verbreitete, ohne daß eine Seele davon erfuhr, ausgenommen die„Dienenden". Drum druff und feste! Einer, der auch dabei war. Deutscher Parlamentarismus. Von Friedrich Roth. (Schluß.) Was aber den deutschen Reichstag mehr noch charakterisirt als seine Vota selbst, ist die Art und Weise, wie diese Vota zu Stande kommen: es ist der schwunghaft betriebene Stimmen- s ch a ch e r. Daran, daß die in der Sitzung gehaltenen Reden einen Meinungsaustausch darstellen, daß dieselben die Ansichten der verschiedenen Parteien rektifiziren und klären, daß nach einer dergestalt gewonnenen allseiligen Beleuchtung des Gegenstandes die Stimmenabgabe sich richte—, kurz von einem wesentlichen oder entscheidenden Einfluß der Debatte auf das Schicksal der Vorlagen kann, zumal wenn diese Kardinalpunkte für die Regie- rung sind, nicht im Mindesten die Rede sein. Das Hauptresultat ist gewöhnlich schon zuvor hinter den Kouliffen durch Bespre- chungen und Unterhandlungen zwischen Reichskanzler und den betreffenden Parteiführern abgemacht, wobei Jeder der Letzteren seine speziellen Partei-Jnteressen durch möglichst hohe Verschachc- rung der ihm zu Gebote stehenden Stimmen zu fördern, der Reichskanzler aber Jeden über's Ohr zu hauen sucht. Auf wie viele„Ja" er zählen kann, weiß derselbe daher meist schon vor der Abstimmung. Zu diesem Behufe organisirte such der Reichs- kanzler seine parlamentarischen Soireen, wo er diese eitlen und nach Auszeichnung lüsternen Gimpel auf den reichsfreundlichen Leim lockte. Selbst mit Einladung zur Hoftafel war man bei der Hand, um einen Schwachmaticus, der von Bedeutung schien, durch die ihm zweifelhafte Ehre kirre zu machen und auf die rechte Seile zu ziehen. Geschicklichkeit in dieser Beziehung muß man Bismarck zuge- stehen. Es gibt ja auch leider Leute genug, die ä la Mösle dem „magischen Händedrücken" des Kanzlers gern Alles zu Liebe thun und opfern, was sie an Volksinteresscn t» opfern haben. So sehen wir die Schauß, Volk, Bennigsen und andere politische Eunuchen/ die ihr �Manbal levtdttch zur Befriedigung ihrer Eitelkeit zu ihrer Anschmeichelung beim Herrn und Meister be- nutzen, als ständige Gäste auf diesen Soireen, während Andere, je nachdem sie sich artig oder widerspenstig betragen, mitgehen dürfen ober daheim bleiben müssen. Ein recht passendes Benehmen für einen Volksvertreter, mit dem Gegner der Volksinteressen Schmollis zu trinken und sich seinen Händedrück zur höchsten Ehre zu rechnen. Wenn natürlich ein Volk solche Leute wählt, — nun dann verdient es nichts Besseres, als was dieselben zu Stande bringen! Und was es für Wähler gibt, hat ja jene famose Berliner Versammlung, in welcher das Einver- ständniß Bismarcks mit dem ausgestellten Kandidaten als die Hauptsache bezeichnet wurde, bewiesen. Ich würde diesen loyalen Herren dm Vorschlag machen, einen mit einem Telephon ver- bundenen Sprechapparat als ihren Vertreter aufzustellen, der auf Alles, was in ihn hineintönt, nur ein„Ja" zurückgibt, im Nebligen aber konstant schweigt. Das wäre ein Jdeal-Abgeord- neter. Es bedarf übrigms nur einiger Aufmerksamkeit, um dieselbe Kriecherei und Prinzipienlosigkeit, gepaart mit schrankenlosem Egoismus und Rücksichtslosigkeit gegen Andere im ganzm ge- schäftlichen oder privaten Leben Deutschlands wiederzufinden. Nicht nach der Stufe der Bildung und des Charakters bemißt sich ja heutzutage die dem Menschen gezollte Achtung, sondern zinzig und allein nach dem Inhalte seines Geldsacks, beziehent- lich der von ihm eingenommenen Stellung. Wer aber keinen persönlichen Stolz hat, also vor Einfluß und Geldsack katzen- buckelt, bei dem ist Nationalstolz ein Unding. Kein Volk singt soviel von Volkswohl und Volksfreiheit wie das deutsche; man singt aber gewöhnlich von dem, was man ersehnt, also nicht besitzt. In militärischen Siegen allein zeigen sich keineswegs Werth und Kraft einer Nation; wir sehen in der Geschichte despotisch regierte halbwilde Völker weit mehr darin leisten, als die Deutschen in den letzten 26 Jahren; in der Eroberung und Wahrung der eigenen Freiheit aber Tritt eines Volkes Größe erst hervor, Dies, bied'rcr Deutscher, schreib' dir hinter's Ohr. Die Anwendung des Sozialistengesetzes im Lichte amtlicher Aktenstücke. Ein Stückchen deutscher Kulturgeschichte.� :—: Mindestens in gleich hohem Grade wie die Volksvertretungen hinsichtlich der von ihnen erlassenen Gesetze, sind auch die mit der prak- tischen Anwendung dieser Gesetze betrauten Behörden verantwortlich vor dem Richterstuhle der Verminst und Geschichte. Dieser Satz hat besonders dann unbedingte Gültigkeit, wenn es sich handelt um ein Ausnahme- gesetz gegen Personen und Prinzipien, bei dessen praktischer Anwendung der Gebrauch und der Mißbrauch nur eine Messerschneide weit von einander entfernt sind, so daß Letzterer sehr häufig an Stelle des Ersteren tritt. Da haben wir seit dem 21. Oktober 1878 das satssam bekannte Aus- nahmegesey„gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemo- kratic". Wie viel auch bereits geschrieben und im Reichstage gesprochen sein möge über den Gebrauch und den Mißbrauch desselben seitens der Behörden,— es sind unbedeutende Kleinigkeiten gegenüber JCV Presse des deutschen Reiches ist die Erfüllung dieser Aufgabe anheim- gestellt, sondern der Presse des Auslandes. Und weshalb? Im deutschen Reiche darf man wohl schreiben:„Diese oder jene Zeitung, dieses oder jenes Buch ist aus Grund des§ 11 des Reichsgesetzes vom 21. Oktober 1873 verboten worden",— aber wehe dem, der es wagen würde, die mit Auszügen aus der betreffenden Denkschrift versehene Begründung des amtlichen Verbotes wortgetreu, ohne jede eigene k r i t i s i r e n d e Bemerkung mitzutheilcn. Seiner harrte sicher eine Anklage wegen Vcrstostes gegen§ 19 des gedachten Gesetzes, welcher die Verbreitung, die Fortsetzung, oder den' Wiederabdruck einer verbotenen bezw. vorläufig beschlagnahmten Truch'christ mit Geldstrafe bi» zu eintausend Mark, oder mit Gesängnist bis zu sechs Monaten bedacht: und das Gericht könnte selbstverständlich gar nicht anders, als ihn nach Befund der Schwere seines Vergehens zu strafen. So ist denn dem unabhängigen deutschen Journalisten, ganz nach ruf- fischer Art, nicht einmal der Trost und die Genugthnung geblieben, den Mißbrauch, welcher seitens der Behörden mit den Konfiskations- und Verbots Paragraphen des Sozialistengesetzes getrieben wird, a u f G r u n d amtlicher Aktenstücke in der Presse des eigenen Landes zu kritifiren — er muß sich damit— will er nicht das gesammte schätzbare Material im Pulte liegen lassen, nach dem Ausland wenden. Siebenzehn Monate lang habe ich alle mir erreichbaren Verbote auf Grund des Sozialistengesetzes betreffenden amtlichen Aktenstücke gesammelt; dieselben bilden schon eine» ganz respektablen Stoß. Das Interessanteste darunter aber sind die von den Regierungen zu Cassel und Wiesbaden erlassenen Verbote zweier von unserm Parteigenossen Karl Frohme heraus- gegebenen Zeitschriften. Da ist zunächst eine Verfügung der Regierung von Wiesbaden vom 30. Oktober 1878, betr. das Verbot der Nr. l und des ferneren Erscheinens der in Frankfurt a. M. herausgegebenen Zeitschrift„Hoffnung. Ein Wochenblatt für das Volk". Was enthielt nun die erste Nummer dieses Blattes, woraus stützte sich das Verbot desselben? Da war erstens ein Artikel„Vor zweitausend Jahren", der, wie eine redaktionelle Bemerkung besagte, ans einem von konservativer Seile stainmenden und in der„Augsburger Allgem. Ztg." veröffentlichten Aufsätze über den Sozialismus im alten Hellas entnommen war. Ter Artikel gab solgende Lehre:„Es ist eine lehrreiche Wahrneh- mimg, die wir in der Geschichte machen, daß siegreiche.Kriege, welche eine Nation übermäßig bereichern und die früheren Grenzen des Wohlstandes bedeutend verrücken, derselben verderblich werden können. Die große Spekulation siudet sich ein, welche ungeheure Vermögen schafft und de» mittleren Besitz austilgt. Gcldoligarchie und Pauperismus treten neben einander aus und während die Reichen ihren Luxus fortwährend steigern und darüber physisch und moralisch verfaulen, haben auch die Väter der nun verarmten Massen aus der besseren Zeit, die ste noch gesehen, ihren Nachkommen Arbeitsscheu und Genußsucht vererbt." Die Redaktion machte hiezu die einfache Bemerkung:„Tie Geschichte ist die große Lehrmeisterin der Menschheit; ihre Lehren sich fest einzuprägen und nach ihnen gewissenhaft zu handeln, ist jedes ehrlich denkenden Menschen unabweisbare Pflicht. Wer die Gegenwart richtig verstehen und ans ihr aus die Zukunft schließen will, muß sich bemühen die Vergangen- h e l t kennen zu lernen. Diese Kenntniß zu vervollkommnen, wollen wir nach Kräften bestrebt sein; von welcher Seile immer schützenswerthe Ausschlüsse über die Vergangenheit erfolgen: wir werden sie unfern Lesern zur Bcurtheilung unterbreiten!" Ei» weiterer Artikel„Tie Gräfin Grävenil," war durchaus objektiv nach Behse'S bekannter„Geschichte der deutschen Höfe" bearbeitet. Er bildet den Ansang einer Schilderung des Verhältnisses de« Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg mit der berüchtigten, ans einer Mecklenburger Adelsjamilie stammenden Wilhelmine von Grävenitz. Es wird da lediglich erzählt, daß der(man merke, denn das„Hauptsächlichste bei allem ird'schen Ding ist O r t und I t u n d e", um mit Seni in Schiller'«„Piccolomini" zu reden) von 1()93 bis 1783 regierende Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg mit der Grävenitz, trotzdem �seine Gemahlin noch lebte, eine„Liaison" einging und sie dann in aller Form heiralbete— also eine Bigamie beging—; daß der Herzog aber schließ- lich durch die Vorstellungen des Kaiser« und der Fürsten bewogen wurde, seine Ehe mit der Grävenitz für nichtig zu erklären, worauf die Grävcvitz mit 50JÜOO von den Landstünde» ihr bewilligten Gulden nach�Geuf zog, wohin ihr dann dir Herzogs bald uachfcklgt.'' und bort zwei Jayre in Saus und Braus mit ihr lebtet d««.. cw dann im Jahre 1£10 nach Stuttgart zurückgekehrt sei, sich mit sein» lsemahlin versöhn! iura die Grävenitz an den Grasen von Würben'verheirathet habe; daß also, wie Behse bemerkt, die Gräfin zwei angetraute Männer und der Herzog zwei angetraute Frauen gehabt habe. Lediglich diese anmuthige Fürsten- geschichle, diese geschichtlichen T h a t s a ch e n wurden in dem Artikel er- zählt, ohne'daß irgend eine Nutzanwendung auf heulige Zustände gezogen wurde. Der dritte Artikel„Tacitus", beschästigt sich mit dem berüchtigten römischen Kaiser Domitian. Er setzt sich zusammen ans zwölf Zeilen Uber de« Tacittis Person und Thätigkeit, sowie aus zwei Zitaten aus seiner Schrift über„Leben und Charakter des Julius Ägrieola". Das erste dieser Zitate feiert in schwungvollen Worten das„wiedergekehrte Leben" die glückselige Epoche unterbdem Kaiser Nerva Trajau, der Monarchie und Freiheil,„zwei sonst unvereinbarliche Tinge", wie Taeitus sagt, mit einander verschmolzen und die öffentliche Sicherheil zu festem Bestand gebracht habe. Das zweite Zitat schildert die der Regierungszeil Trajans vorhergegangene Epoche; wie schrecklich diese Epoche auf dem Volke ge lastet; wie zwei ausgezeichnete Männer, Arnlenns Rustiens und Herenmus Senecio vom Kaiser Domitian deshalb getödtet wurde», weil sie in ihren Schriften die unter den Kaisern Vespasian und Nero gemordeten Heloidin« Prisen« und Pätus Thraseo belobt hatten; wie Henkershand die Werke dieser Mäuner aus offenem Markte verbrannte; wie die Professoren der Philosophie verjagt und von der Polizei sogar der Austausch der Gedanken verboten wurde-r.— Eine einfache Erzählung geschicht- licher Thatsachen, wiedergegeben mit des Tacitus eigenen Worten— nicht« weiter! Unter„Allerlei" ivar sodaun eine Erzählung aus dem Leben des Herzogs von 9)ork, welche als von Walter Scott herrührend be- zeichnet war, gebracht, welche ich hier wörtlich wiedergebe:„An der Tafel des Herzogs erhob sich einst zwischen einem jungen Offizier und einem Oberst ein Streit Uber die Frage, wu weil der militärische Ge- horsam gehen dürfe.„Wenn der Oberbefehlshaber",— sagte der junge Offizier, mir etwa« befehlen würde, was gegen die bürgerlichen Rechte wäre, so würde ich kein Bedeiikcn tragen, ihm zu gehorchen und würde mich selbst durch den Befehl eines Obern frei von aller Verantwortlichkeit halten."—„Da« würde ich picht", entgegnete der Oberst,„ich würde lieber die Gefahr vorziehen, wegen Ungehorsams gegen meinen Chef erschösse», als wegen Ueberlretung des Gesetzes gehenkt zu werden".—„Und Sie haben Ihrer würdig geantwortet", fiel d.eiz, Herzog ein, dessen Aufmerksamkeit die Lebhaftigkeit des Streites er- regt hatte—„und der Offizier, der andere handelte, würde Beides verdiene». Ich bin überzeugt, daß alle britischen Offiziere sich weigern würden, einen g e-s e y w i d r i g e n Befehl zu vollziehen, wie ich Uber- zeugt bin, dag ein britischer Oberbesehlshaber unfähig ist, Jemandem einen solchen zu ertheilen." Das der Wortlaut der Erzählung. Und wie weiß die Wiesbadener Regierung aus diesen Artikeln ein Verbot zu formnliren? Man höre:„Ter erste Artikel„Vor zweitausend Jahren"— sagt die„Begründung" des Verbote« seitens der Regierung von Wiesbaden— läßt die Absicht s or n e r Verwendbarkeit (soll heißen Anwendbarkeit, oder richtiger Anwendung D. R.> auf die gegenwärtigen Zustände und Verhülttiisse mul zu deutlich durchblicken und sucht damit aus den Umsturz der besteheude» Staats und Gesellschaft«- Ordnung in einer die Eintracht der Bevölkerungsklassen störenden Weise hinzuwirken. Daß es sich in dem zweiten Artikel„Die Gräfin Grävenitz" nicht um eine historische Studie, oder um eine Unterhaltungsleklüre der Leser handelt, sondern daß vielmehr die monarchischen I u st i t u- tionen unseres Staates und des deutschen Reiches lediglich dadurch in Mißkredit gebracht werden sollen, ist nicht minder klar. Der Artikel„Tacitus" beabsichtigt, die gegenwärtigen öffentlichen Verhältnisse mit denjenigen unter den römischen Weisen Domitian zu fcidenlifiziren, welche schwer ans dem Volke gelastet. Die Erzählung unter der Rubrik„Allerlei", das Vorkommniß aus dem Leben des Herzogs von Jork beweffend, ist geeignet, die militärische Disziplin zu untergraben, indem solche dazu auffordert, vor Ausführung der Be- fehle der Bokgesetzlen zunächst diese Befehle der eigenen Kritik der Unter- gcbenen zu unterziehen." Man vergleiche gesülligst die einzelnen Stellen dieser„Begründung" mit der obigen Inhaltsangabe des betreffenden Artikels und— staune! Sozialpolitische Rundschau. peutschlaud. — AuS dem Hannöverschen, 18. Aug. Wie liberal unsere Fabri- kanten gegen die Arbeiter handeln, davon kann ich Ihnen einige empörende Geschichten mittheilen. In Geesthacht besitzt ein gewisser Meyer eine Glashütte. Der Mann ist sehr reich, natürlich nur von dem an seinen Arbeitern begangenen Diebstahl. Wie abgefeimt dieser Herr bei der Aus- beukung der Arbeiter verfährt, zeigt folgendes: Um möglichst billige Glasmacher zu haben, läßt er sich zwei aus Germersheim kommen, beide mit starker Familie von 5 und>! Kindern. Jetzt setzt er ihren Arbeits- lohn auf wöchentlich 7'/, Marl herab! Er selbst aber wohnt in Ems in einer, wie ich verbürgt weiß, fürstlichen Wohnung und geht dann noch einige Wochen nach Kiel; sein Sohn war einer der ärgsten Schlemmer Hamburgs. Aber, denkt der Herr, was braucht die Kanaille mehr, sie wird sonst nur üppig: ja wohl üppig— bis zum Verhungern! Außer- dem erweist sich dieser edle Herr, wie viele seiner Klassengenoffen, auch als dienstbares Werkzeug der' Polizei gegen die Arbeiter, wie das jüngst unser Genosse Menke erfahren mußte. Wann wird das Maß dieser in- famen Ausbeuter voll sein?— Nun einige Bemerkungen Uber den Stand unserer Partei in unseren Distrikten an der Elbe. Es ist sehr schwer, bei den Leuten Eingang zu finden, denn falls sie ihr Bestes auch einsehen, so hat der von den Bauern, Gensdarmen und Pfaffen geübte Einfluß und Terrorismus doch so viel gewirkt, daß man häufig die Worte hört:„Ach Minsch bliev mi doch Uten Hus". Man muß dabei sroh sein, wenn man endlich Einen gewinnt. Der mächtigste Faktor zur Aufklärung der Leute wird da leider die materielle Roth sein müssen, weil in derselben erst die Leute die christliche Liebe ihrer Brüder und das Wesen unserer samosen„Ordnung" recht deutlich erfahren. Doch haben wir meiner Ansicht nach trotzdem Hoffnung, mit der Zeil auch unter unserer hannöver'schen Landbevölkerung unfern bezwingenden Ideen Eingang zu verschaffen. A. M. B. Posen, 20. Äug. Eine KoLresponden; aus der Provinz Posen dürfte bei den Lesern des„Sozialdemokrat" Befremden erregen. Ist doch immer Posen als die einzige von dem„sozialistischen Gift" nicht infizirte Provinz des Reiches bezeichnet worden. Und das ist auch nicht ganz unwahr, denn die geringen Ansätze, die hier und in Rawitsch und Brom- berg gemacht wurden, beschränkten sich aus zeitweise eingewanderte Deutsche, meistens Zigarrenarbeiter, und jetzt ist hier so gut wie gar keine Sozial- demokratie vorhanden. Dennoch, hoffe ich, wird eine— wenii� auch mit Rücksicht auf den engbemessenen Raum oberflächliche— Schilderung der hiesigen Verhältnisse, namentlich des Proletariats, nicht uilintcressant sein. Nach der Analogie unserer Gegner— von Stumm bis herab zu Richter—, die da die Sozialdemokraten für die schlechten wirthschaft- lichen Zustände verantwortlich machen, müßten doch hier die gesegnetsten herrschen, und da wollen denn wir doch einmal sehen, wie es damit aussieht. In der Provinz Posen sieht man in gewissem Sinuc die Ideale der Bourgeois aller Schattirungen. Hier finden die Liberalen beim Bürger- und Bauernstand ausschließlich Kleinbetrieb und Parzellenwirth- schast, die Konservativen„Harmonie" zwischen Kapital und Arbeit, die Ullramontanen endlich einen fruchtbaren Boden für Verbreitung der un- geheuerlichsten Wundergeschichten, eine wahrhaft horrende Bildungslosig- keit der Massen. Nun, die Lage der Handwerker und Kleinbauern wird wohl am besten gekennzeichnet, durch die kolossale sich ausschließlich aus diesen Ständen zusammensetzende Auchvanderung, die hier gerade in diesem Jahre solche Dimensionen angenommen hat, daß es allenthalben auf- gefallen ist. Der Haudwerkerstand steht dem anderer Bezirke in technischer und daher auch materieller Hinsicht weit nach und verfügt zudem über gar kein Kapital— die Vorschußvereine sind hier nur für die kleinen Kaufleute. Noch schlechter ist der Kleinbauer dran. Die Schilderungen, welche Liebknecht in seiner„Grupd- und Bodenfrage" von diesem Stande im Allgemeinen macht, wird hier d>M~die Wirklichkeit weil ttbertroffen. Wir haben in dieser wie in mancher andern Beziehung schon mehr irische Zustände. Der Boden trägt in Folge der irrationellen Beivirthichnflnug wenig und Mofchiueu sind bei den Bauern gar nicht in Betrieb; der Werth der Bodeuerträgnisse aber richtet sich nach den allgemeinen, durch den billigeren Maschinenbetrieb beeinflußte« Preisen. ®iis Fazit ist leicht zu ziehen. Ich.bin der Zusli-mnuug aller halbwegs Klarsehenden sicher, wenn ich behaupte, daß mehr als die Hälfte aller hiesigen Kleinmeister und Bauern mit Unterbilanz arbeitet. Das deutlichste Symptom hiervon ist die hohe Blüthe, in welcher das Wucherthum hier stand; hier war sein Eldorado. Das zweite der oben angesührteu Momente betreffend, ist zu bemerken, daß das Kapital als wirlhschaftlicher Faktor hier durch den Großgrund- besitz repräsentirt wird, der sich noch zum größeren Thcile in den Händen von polnischen„Adligen" befindet. Diese polnischen Adligen wirthschasten —„polnisch". Vielfach geht in Folge dessen Grundbesitz in deutsche Hände über; gewährt doch die Regierung Einwanderern die vortheil- hafteste» Bedinguizgen bei Ertheilung des Baarschaftskredits. Doch ist das nur insofern von Bedeutung, als mehr Ordnung in die Verwaltung der Güter kommt, während die dem deutschen Gutsbesitzer Untergebenen vielfach noch die Veränderung zu beklagen haben.— Das Proletariat, hier vielleicht»och mehr als anderswo die überwiegend zahlreichste Klaffe, ist hier wie in Irland fast durchweg ein ländliches, da Industrie fast gar nicht vorhanden ist. Der größte Thcil derselben besteht aus sog. Kumorniks(d. h. Einlieger, Häusler), das sind Leute, meist ohne allen Besitz, die von, Gutsherrn ein Stück Land bezw. Wiese und eine sogen. „Wohnung" erhalten und dafür als Gegenleistung nebst Frau und einer zu stellenden Magd eine gewisse Zeit arbeiten müssen. In welchem Ver- hältniß die Leistung des Kumornits zu der des Gutsherrn steht, ersieht man am besten au« der Lebensweise der Leute. De« Morgens stehe« sie um 3 Uhr aus und arbeiten mit geringen Unterbrechungen bis Abends, wenn es dunkell, das heißt 15— 16 Stunde»! Und was schaffen sie? Wenn es gut geht, haben sie gerade satt zu essen und zwar Kar- löffeln, teigiges Schwarzbrot,(da« aus Kartoffeln und Mehl schlechtester Sorte besteht) und in Gährung und Fäulniß übergegangenes Sauer- kraut, Kapuste genannt. Es ist ivohl noch nie vorgekommen, daß ein Kumornit es durch seine Arbeit zu etwas gebracht, wohl aber geschieht es nicht selten, daß er durch die Bauern des Gutsherrn von Haus und Hos gelrieben wird. Bemerk- muß iverden, daß das Lebe» de« Klein- dauern nicht viel besser ist, seine Ernährurn, hat höchstens Vorzüge in der O n a n l i t ä t der Nahrungsü-ittel, nicht in der Qualität. Die Knechte, die wie gesagt, in geringer Anzahl vorhanden sind, stehen mei- stens bei den Kleinbauern in Diensten, deren Lebensweise sie natürlich tl, eilen. Sie erhalten ca. 24 Thlr. Lohn. Während der Sommerarbeiten erhalten Feldarbeiter 1 Mark täglich. Frauen 60—75 Psg. Die Kumor- nike sind gewöhnlich gehalten, außer den verpflichteten Frohntagcu für 30—40 Pf. täglich zu arbeite». Tie Kinder werden gewöhnlich zum Biehhüten verwendet und erhalten 5—6 Thlr. per Jahr nebst Mangel- haster Verpflegung.. Wie ist denn nun da« Verhällniß der einzelnen stände zu einander? Es kommen hier eigentlich nur zwei Stände in Betracht, der Groß- grundbefitz nud das Proletariat. Da« Bürgerthum ist durch und durch morsch und lebensunfähig. Zu dem Proletariat müssen wir aber die drei untersten Stände rechneu. die Kleinbauern, Kumorniks und Knechte. Zwischen dem Proletariat also einerseits und dem Großgrundbesitz, d. i. dem Kapital andererseits, herrscht hier die„schönste Harmonie". Die „Herren", die„Adligen" werden vcn ihren Untergebenen als Statthalter Gottes betrachte- mid fast als heilig und unverletzlich verehrt. Diese dagegen kümmern sich um die Leute gar nicht; jedenfalls weniger als um ihre Arbeits«, geschweige denn Kntschpferdc. Sie kennen sie gar nicht, und es kommt ihnen auch nicht darauf au, sie gelegentlich sür Vergehen körperlich züchtigen zu lassen! Und die Vergeltung? Ist potenzirte Unlerthänigkeit! Es ist das eben die Logtk und Konsequenz der Lehren de« Christenlhiims. Mau muß es einräumen; wenn irgeud wo, findet mail hier patriarchalische Zustände! Und nun endlich die religiösen Ver- Hältnisse! Von der schauderhasten Slupitität de« polnische» Proletariats sich einen'Begriff zu machen, muß einem Fremden gewiß schwer fallen. Die jahrhundertlange Kuechtuug und die mehr thierische, als menschliche Lebensweise haben' sie derart heruntergebracht, daß der Menschenfreund mitleidig und trostlos'die«-Achseln zucken muß, bei dem Versuch, die Leute in irgend etwas aufzuklären. Sie liegen ganz und gar in den Armen der' katholischen Kirche, sie sind deren fteueste und gläubigste Kinder. Ihre Devise ist Arbeiten, Kriechen(Gehorchen» und Glauben. Des Sonntags wallfahrtet die ganze Blase in die nächste Stadl und be- sucht dort mit demselben Eiser die Kirche und— die Schenke. Diese beiden liegen in der That sür den polnischen Bauer dicht nebeneinauder. Die Begeisterung, welche den polnischen Proletarier des Sonntag mor- gens ersaßt bei dem Gedanken, er der niedere Erdenwurm, komme bald in unmittelbare Berührung mit dem höchsten Wesen, findet in der That einen sonderbaren Abschluß in der Situation, in der er sich de« Abends befindet. Religion und Schnaps!--- Das ist ein Feld für den Ultramontanismus, der kulturelle Zustand dieses Volke« legt ein schönes Zeugniß für ihn ab!— In diesen Umrissen stellt sich uns die polnische Gesellschaft dar. Das wären die Ideale unsrer Gegner! Dem gegenüber müssen wir uns doch fragen, wie soll das enden? Der polnische Proletarier hat heute noch keine Idee, daß seine Lage eine andere, bessere sein könnte, sonst hätte es ja der liebe Gotr anders ein- gerichtet, also muß die Hilfe von außen kommen. Trotzdem ist es nicht unmöglich, daß die Noch und das Elend auch hier jenen Höhepunkt er- reichen, wo selbst die härtesten Köpfe Feuer fangen— wie in Litthauen— und dann adieu„Harmonie"!„Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, vor dem freien Menschen erzittere nicht!" Statt des Sozialismus kann dann der„Nihilismus" kommen.... Disoito raoniti! Sprechsaal. Tit, Redaktion des Sozialdemokrat. Wir ersuchen hiemit, von folgender Warnung Notiz nehmen zu wollen: Alle Genossen und Arbeitervereine werden hiedurch vor dem Buchbinder K o t h e, Berliner Ausgewiesener, gewarnt. Derselbe bezog diverse Unter- stützungen und ging dann, statt angewiesene Arbeit zu nehmen, nachdem er erst die ihn Unterstützeuden angeschwindelt, nach Bern und Genf, wo er das gleiche Manöver ausführte. Wir ersuchen daher alle Bereine, die er heimsuchen sollte, ihm, stall ihm Unterstützungen zu geben, die THUre zu weisen. Zürich, 23. August 1880. Im Namen des Deutschen Vereins Eintracht: Der Schriftführer D. Strohmaier. A n m e r k u n g der Redaktion: Wir konstaliren, daß uns aus einer Reihe deutscher Orte ganz ähnliche Klagen über den ic. Kothe zu- gegangen sind, und möchten wir bei dieser Gelegenheit allen Partei- genossen dringend empfehlen, Unterstützungen nur in den a l l e r- dringendsten Fällen an Einzelne verabfolgen zu lassen und die Gelder lieber an die Zentralstellen gelangen zu lassen, oamil die Unter- stützung eine geregeltere wird. Mach Schluß der Medaktion. Der Kongreß der deutschen Sozialisten hat am 20., 2 1., 2 2. und 2 3. August auf Schloß Wyden bei Ossingcn im Kanton Zürich in der Schweiz stattgefunden. Derselbe war von 56 Theilnehmcrn besucht, die in ihrer über- wiegenden Mehrzahl aus allen Thcilen Deutschlands gekommen waren; außerdem waren Vertreter der deutschen Sozialisten in der Schweiz, in Frankreich und Belgien, sowie je zwei öfter- reichische und schweizerische Genossen anwesend. Der Kongreß berieth in acht Sitzungen, welche zum Theil bis tief in die Nacht währten, eine sehr umfangreiche Tagesordnung und faßte nach theilweise sehr lebhaften Debatten über die allgemeine Lage der Partei, die Stellung der sozialdemokratischen Abgeord- neun im Reichstag, Programm, Organisation, Presse und Wahlen, sowie die Stellung der deutschen Sozkaloemokratie zu den Bruder- Parteien anderer Ländcr, eine Reihe der wichtigsten Beschlüsse, über welche wir in unserer nächsten Nummer des ausführlicheren berichten iverden. Soviel können wir schon heute inittheilcn, daß diese Beschlüsse — welche in ihrer Mehrzahl, und. soweit ste prinzipieller Natur stnd, ausnahmslos, mit Einstimmigkeit gefaßt wurden— für die Stellung und Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie von der weittragendsten Bedeutung sein werden. Der ganze Kongreß— der erste, den die deutsche Sozialdemokratie im Ausland und geheim abzuhalten gezwungen war— war und ist der schlagendste Beweis dafür, daß unsere Partei trotz aller erdenklichen Verfolgungen nicht nur lebt, sondern so frisch und gesund, so stark und thatkräftig und selbstbewußt denn je ist. Die Verhandlungen und Beschlüsse zeigten, daß unsere Partei in ihren Grundsätzen und in ihrem Wesen voll und ganz die alte geblieben ist und durch alle Hindernisse unbeirrt, unverwandt dem gleichen hehren Ziele festen Schritts, mit zäher Ausdauer und unwandelbarer Energie zustrebt, daß sie aber die Richtung ihres Vormarsches, ihre Waffen und ihre Kampfart nach der Kampfes- weise ihrer Gegner einrichtet und nicht davor zurückschreckt, auf die in wahnsinniger Verblendung jede friedliche allmälige Umgestaltung der bestehenden ökonomischen und staatlichen Miß- wirthschaft zurückweisenden Handlungen der Gegner die entsprechende kräftige Antwort zu geben. Das Wuthgeschrei der Feinde und die freudige Bewegung und Neubelebung aller sozialistischen Kreise Deutschlands, sowie die sympathischen Zurufe der Prole- tarier aller Ländcr werden in Kürze zeigen, wie richtig die Stellungnahme des Kongresses nach beiden Richtungen ist und daß die deutsche Sozialdemokratie aller ihrer Besonnenheit un- geachtet keinen Augenblick aufgehört hat, eine energische, zielbewußte Vorkämpferin der sozialen Revolution zu sein! ** * Wessen sich die Sozialisten aller Länder von dem Kongreß der deutschen Sozialisten versahen, und was ste von ihm— und wie unser demuächstiger Bericht zeigen wird, nicht vergeblich— erwarteten, zeigen folgende an den Kongreß gerichtete Vcgrüßungs- schreiben und SympatWzuschriften. Gens, den 14. August 1880. Nachdem die Redaktion der«Rliwnosc»(Gleichheit), deren Zweck die Verbreitung der Ideen des internationalen Sozialismus in Polen ist, in Erfahrung gebracht hat, daß die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands in Bälde ihren allgemeinen Kon- greß abhält, sendet sie, in der Erwägung, daß die engste So- lidarität der Sozialisten aller Sprachen eine Nothwendigkeit ist, in ihrem und aller polnischen Genossen Namen den Aus- druck ihrer lebhaftesten Sympathien für den Kongreß und das Ziel, das er erstrebt. Im Namen der Redaktion der«Rcnvnosc»: Stanislas Mendelson. Haag, den 16. August 1880. Liebe Genossen! Die sozialistische Arbeiterpartei der Nieder- lande blickt, indem ste sich mit den Sozialisten aller Länder und den Kraftanstrengungen unserer deutschen Brüder gegen die auto- ritäre Gewalt einer volksfeindlichen Regierung und für Herstellung einer die Wohlfahrt� Aller sichernden ökonomischen Ordnung solidarisch fühlt,— mit Freude auf den Kongreß, welchen Ihr gegenwärtig abhaltet. Seid unserer vollkommensten Sympathie versichert, und wenn sich die Wünsche Eurer Brüder erfüllen, so werdet Ihr stark sein durch Eintracht, denn die Einigkeit schafft die Macht. Die innigsten Wünsche Eurer nieder- ländischen Brüder begleiten Euch bei Euren wichtigen Arbeiten, die nicht allein für Deutschland wichtig sind, sondern durch Teutschland für alle Völker Europas.'Tie Standhaftigkeit und der Muth der so unterdrückten deutschen Sozialisten können nur eine Ermulhigung für uns alle sein. Das Blut der Märtyrer ist der Same einer besseren Zukunft! Mit brüderlichen Grüßen! F. Tomela Nieuwenhuis. An den Kongreß de, deutsche» Sozialdemokraten 1880. Chur, im August 1880. Obwohl wir nicht wissen, wann und tt-v der Kongreß deutscher Sozialdemokra e» stattfindet, obwohl wir nicht wissen, worüber er berathen wird, he>ten wir dennoch zu denen, die an ihm über die fernere Entwicklung und Verbreitung des Sozialismus in Deutschland ihre Meinungen— die ein treues Spiegelbild der Gesammtmeinung sein mögen— austauschen und ihnen entsprechende Beschlüsse fassen werden, das brüderliche Vertrauen, daß sie nur Ersprießliches für das Gedeihen der Idee, die uns Alle verbindet, zu zeugen bestrebt sein werden. Wir wünschen, daß der Kongreß diejenige Bahn finden möge, auf der wir, getreu unseren Grundsätzen, unserer hehren Sache am sichersten und schnellsten zum Siege verhelfen. Und mit dem Versprechen, daß wir, was die Zukunft arrch bringen möge, Glück oder Unglück, Recht oder Gewalt, Kampf oder ehrenhaften Frieden, treu und fest und mit ganzer Kraft zu den Genossen in Deutschland halten wollen, begrüßen wir den Kongreß, ihm nochmals den beste» Erfolg wünschend! Die Sozialdemokraten Chur's. Mailand, den 17. August 1880. Genossen! Mit großer Freude haben wir Eure Anzeige vom Kongreß der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands gelesen. Einig in dem Gedanken, daß zum Wohle der Gesammtheit nicht allein alle Klassen sich verschmelzen müssen im Volke, son- dem auch alle Völker in der Menschheit, daß es njcht besser werden kann in der menschlichen Gesellschaft, bis nicht alle Menschen sich vereinige» zur gemeinsamen Nutzbarmachung der Güter der' Natur, sprechen wir dem Kongreß der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands unsere wärmste Sympathie aus und senden den Theilnehmern unsere brüderlichen Grüße. Für das Komitc der Gesellschaft«l fi�Ii del lavoro»: Emil Kerbs. G. De Prunegeni. Au die Mitglieder des allgemeinen Kongresses der deutschen Sozialdemokraten. Marseille, 23. August 1880. Deutsche Brüder! Die Gruppe sozialer Studien, welche kein anderes Vaterland kennt, als die große Familie der ganzen Menschheil, fordert Euch brüderlich auf, das heilige Werk der proletarischen Emanzipation durch die universelle Revolution mit Energie fortzusetzen und anerkennt, den französischen Gesetzen gegen die Internationale zum Trotz, auf das Bereitwilligste ihre Solidarität mit allen Euren Handlungen, welche auf die Ver- wirklichung unseres gemeinsamen Zweckes gerichtet sind. Gruß und Anarchie! Für die Gruppe der sozialen Studien in Marseille: Ter korrespondirende Sekretär: Anton Boxer. Marseille, den 19. August 1880. Tie Redaktion der«Revue socialiste» benutzt die Gelegenheit des Kongresses der deutschen Sozialisten, um sie wegen ihres ebenso schwierigen als mulhvollen Kampfes zu beglück wünschen, welchen sie gegen die monarchische und Bourgeois- Willkür führen. Indem sie die besten Wünsche ausspricht für den Erfolg ihres Handelns, an welchem die ganze Menschheit mitbetheiligt ist, erklärt sie sich mil ihnen solidarisch in dem großen Kampf für die Befreiung und den Sieg des vierten Standes und sendet ihnen die brüderlichsten Grüße. Für die Redaktion: Benoit Malon. An den Kongreß deutscher Sozialdemokraten. London, den 20. August 1880. Werlhe Genossen! Zunächst unfern herzlichen Glückwunsch zu Euren Arbeite»; möge» d eselben zum Nutzen unserer Partei ge- reichen. Wir bedauern sehr, daß es uns unmöglich ist, aktiven Antheil an Euren Berathungen zu nehmen. Obgleich wir bereits den Genosse» Rackow zur Delegation bestimmt hatten, sehe» wir uns im letzten Augenblicke doch gezwungen, von der Delegirung Abstand zu nehmen, da unsere Kasse nicht im Stande ist, die verhälmißmäßig hohen Reisespesen rc. zu tragen. Wir bedauern unsere Nichuheilnahme um so mehr, als gerade London, durch das Vorgehen des Herr» Most, zum Tummelplatz solcher Bc- strebungen geworden ist, welche gegen unsere Partei gerichtet sind! Wenn wir nun auch, durch momentan nicht zu ändernde Verhältnisse, von der aktiven Theilnahme Abstand nehmen müsse», so glauben wir doch Recht zu thun, wenn wir dem Kongresse mittheilen, was wir von demselben erwarten, und fassen dies in folgende Punkte zusammen: 1) Es muß eine Organisation für die deutschen Genossen i» Teutschland geschasscn werden, die, wenn auch geheim, doch einen engeren Zusammenhang unter den Genossen wieder herstellt. 2) Es muß vom Kongreß ein offizielles Parteiorgan geschaffen werden; ob es dann der„Sozialdemokrat" wird oder nicht, daö kann gleichgültig, sei»; doch muß ein Organ vorhanden sein, welches vom Kongreß als solches aner- kann: ist. 3) Wir halten für gut, wenn dies Organ zwar im Auslande, nicht aber in Zürich erscheint. 4) Es muß wieder ein offizieller Parteivorstand ernannt werden, der im Auslande seinen imh und dem vor allen Dingen die Ober- 6) Was die Haltung unserer Abgeordneten im Reichstage an- langt, so ist unserer Ansicht nach in letzter Zeit von denselben darnach gestrebt worden, ihre Reden so einzurichten, daß sie sich recht schön anhörten; die Reden hatten mehr oder weniger das Bestreben, nicht allzu radikal zu sein. Das scheint uns ein Fehler. Der Reichstag ist der einzige Platz, von welchen aus wir in Deutschland noch durch Rede Propaganda machen können, und deshalb müssen unsere Abgeordneten dort sprechen, wie's dem Volke ums Herz ist, derb, offen und radieal, ohne gerade Barrikadenreden zu halten. Der Kongreß möge dahingehende Beschlüsse fassen. 7) Ebenso sehen wir uns veranlaßt, das Ver- halten derjenigen Abgeordneten zu verurtheilen, welche für Zölle votirt haben, und endlich wünschen wir 8) daß der Kongreß entschieden und endgültig gegen die Monopolfrage Stellung nehme. � Das sind die wesentlichsten Punkte, die wir dem Kongreß zur Begutachtung unterbreiten möchten, und schließen wir mit einem „Hoch die Sozialdemokratie!" Der Vorstand des Kommunistiichen Arbeiter-Bildungs-Vereins 3 Peres) Street. Ter Sekretär: G. Lemke. An den Kongreß der deutschen Sozialdemokraten. Bern, den 23. August 1880. Das Bundeskomite des Schweizerischen Arbeiterbundes hegt die vollste Sympathie für den Kongreß der deutschen Partei- genossen; denn nach allen den Ereignissen der letzten Jahre ist eS unumgänglich uoihwendig, iAß ein solcher abgehalten wird. Wir sehen diesem Kongreß mit der größten Zuversicht entgegen und sind der Hoffnung, daß Hte Delegirten die Stellung der Partei nach jeder Richtung Hin! zu wahren wissen werden, so daß die deutsche Sozialdemokratie nach wie vor in der Arbeiter- bewegung als Pionier vorausmarschirt. Mit sozialdemokratischem Gruß und Handschlag! Für das Bundeskomite: Der Sekretär: Hs. Baechtold. An die zum Kongreß vereinigten deutschen Sozialisten. Paris, den 10. August 1880. Genossen! Tie Redaktion der«IrAalite» sendet Euch die Versicherung ihrer herzlichsten Sympathien. Wir sind mit Euch und sehen mit vollem Vertrauen den festen und männlichen Beschlüssen entgegen, welche der erste geheime Kongreß der sozialistischen Partei Deutschlands zu fassen nicht verfehlen wird. Wir sind gewiß, daß die Beschlüsse würdig sein werden dieser großen deutschen Arbeiterpartei, deren rasch anschwellende und feste Organisation die besitzenden und Herr- schenden Klassen aller Länder erzittern gemacht hat, während sie die Sozialisten der ganzen Welt mit Freude und Hoffnung er- füllte. So organisirt, ist die sozialistische Arbetterpartei Deutschlands mächtig genug, den gewaltthätigste» Verfolgungen zu widerstehen und, wenn nöthig, auch der Gewalt mit der Gewalt zu antworten. Wie sollten wir nicht an Euren Arbeiten theilnehmen? Der Sozialismus ist international und die Proletarier müssen einig sein gegen ihre nationalen Unterdrücker in allen Ländern. Die soziale Revolution wird— wie sich die«Eizalite» ausdrückte— international sein oder sie wird nicht sein. Deutsche Genossen! Ihr habt zuerst die unschätzbare, treffliche Form gefunden, eine mächtige und disziplinirte Arbeiterpartei zu schaffen. Die französischen Sozialisten, welche eben mit der Organisation einer selbstständigen, im Gegensatz zu allen andern stehenden Partei beginnen,— sie haben das Recht, auf Euch zu zählen, gleichwie Ihr auf uns zählen könnt in der Stunde der nahen, unvermeidlichen internationalen Revolution, aus welcher die Befreiung des Proletariats beider Welten hervorgehen wird. Die Sozialisten der französischen Arbeiterpartei reichen ihre» Brüdern in Deutschland die Hände, indem sie ihnen zurufen: Einigkeit und Muth! Für die Redaktion der«EAalite»: Jules Guesde. Marouck. Emile Massard. Gent, 17. August 1880. Liebe Genossen! Wir zollen dem Gedanken Eures Kongresses Beifall und es ist unser heißestes Verlangen, daß er Erfolg habe. Deutsche Sozialisten, zählt auf uns! Wir haben zur Zeit Eurer Wahlkämpfe unser Bestes gethan, um Euch zu unter- stützen; und auch jetzt werdet Ihr uns, was auch komme, an Eurer Seite finden, und zwar nicht nur als Männer, welä-e die gleichen Gedanken theilen. Nein, wenn Ihr eines Tages durch die unerträglichsten Bedrückungen, durch die Macht der Ereignisse, durch taktische Gründe oder durch sonstige Beweg- gründe auf die revolutionäre Bahn gedrängt sein werdet, wenn eines Tages bei Euch die Fahne der Empörung erhoben wird: dann wird der Wiederhall dieses Allarmrufes bei uns ungeheuer sein und große Massen werden dem Rufe folgen. Wir sind überzeugt, daß das Proletariat die Herrschende» nur durch die Gewalt von ihren Thronen stoßen wird; aber wir ent- halten uns heute jedes revolutionären �gewaltsamen) Vorgehens, weil wir in der Minderheit sind. Wir sammeln die Arbeiter, wir klären sie durch unermüdliche Propaganda auf, wir bereiten unser Proletariat vor für den großen Tag. Alle unsere An- strengungen zielen dahin, daß das Volk an die'em große» Tag nicht nur von einem Enthusiasmus des Augenblicks erfüllt sei, sondern mil einer dauernden Begeisterung, welche die Wissen- schaff, die Kenntniß seines Rechts und die Hoffnung, die Gewiß- heit des Sieges seiner Sache gibt. Zählt aus das sozialistische Proletariat Belgiens! Im Augenblick Eurer Triumpfe war es entzückt; im Augenblick der Gefahr wird es an Eurer Seite sein! Obgleich wir die Ueberzeugung habe», daß Ihr selbst vollkommen im Stande seid, zu wisse», an was Ihr Euch zu halten habt, so glauben wir Euch doch sagen zu sollen, daß das Pro- letariat i» allen Ländern noch keineswegs fortgeschritten genug ist, um uns in Masse zu folgen und unfern Sieg zu sichern. die wärmste Freundschaft unter Euch herrschen, und unsere Sache kann daraus nur Gewinn ziehen. Brüderlichste Grüße! Im Namen des Landesrathes der sozial stischen Arbeiterpartei Belgiens: Ter Schriftführer: E. Anseele. An den Kongreß der deutschen Sozialisten. Genf, den 22. August 1880. Werthe Genossen! In dem großen, unter dem Banner der Befreiung der Arbeit von dem Joche des Kapitalismus gesühr- ten Kampf spielte die Sozialdemokratie Teutschlands stets eine bedeutende Rolle. Ihre theoretischen Vertreter waren die Vor- böte» und Gründer des wissenschaftlichen Sozialismus der Gegen- wart; ihre Organisation sowohl als die Solidarität und Tis- ziplin, welche ihr immer eigen war, dienten einerseits als Muster für die Sozialisten anderer Völker, während sie anderseits der Bourgeoisie aller Länder von jeher Furcht und Schrecken ein- flößten. Eure Freunde sowohl als Eure Feinde begriffen recht wohl den internationalen Charakter des Kampfes. Daher er- weckte jeder Erfolg Eurer Partei Hoffnung und Freude in den Herzen Eurer Freunde; daher begrüßten Eure Feinde aller Na- tionen mit lautem Frohlocken die schändlichen Verfolgungen, die sich gegen Euch erhoben. Nicht als müssige Zuschauer verfolgten die Sozialisten Ruß- lands diesen Kampf. Beständig darauf bedacht, die Verfolgungen einer der reaktionärsten Regierungen zu Pariren, gezwungen, ihre eigene Thätigkeit gewissen speziellen Verhältnissen ihres Landes anzupassen,— vergaffen dessen ungeachtet die russischen So- zialisten nie, daß ihre Ziele im Großen und Ganzen mit dm Zielen der Sozialisten aller zivilirten Länder und folglich auch mit denjenigen der Sozialdemokraten Deutschlands identisch seien. Daher das lebhafte Interesse, welche die russischen Sozialisten, trotz einiger Meinungsverschiedenheiten in Betreff des praktischen Theiles des Programms, der Entwicklung des Sozialismus in Deutschland zu jeder Zeit gewidmet haben. Uebrigens bedingt schon die unmittelbare Nachbarschaft beider Länder und das in- nige reaktionäre Bündniß zwischen deren Regierungen die Noch- wendigkeit einer nicht minder innigen Verbindung zwischen den Sozialisten Teutschlands und Rußlands. Auch schon darum mußte der Ausgang Eures Kampfes nothwendigerweise unser lebhaftestes Interesse erwecken. Wir wissen, daß Euer Sieg ein Zeichen sein würde für den Ausbruch einer allgemeinen sozialen Revolution, der ja auch wir unsere Kräfte widmen; wir wissm, daß mit Eurer Niederlage diese Hoffnung noch einmal in die Ferne gerückt würde. Aber wir zweifeln nicht an Eurem Siege; die soziale Revolution ist eine unvermeidliche Folge der gegen- wärtig zwischen Kapital und Arbeit herrschenden Verhältnisse. Die Redaktion des„Tschcrnji Peredjel" hat mich beauftragt, Genossen, Euch in ihrem Namen Sieg und Erfolg zu wünschen in dem ernste» Kampfe, der Euch bevorsteht, und zugleich die Hoffnung auszusprechen, daß in möglichst naher Zukunft ein internationaler Kongreß von Sozialisten aller Länder zu Stande kommen möge, der den Grundstein eines internationalen sozialisti- schen Bundes legen könnte,— eines Bundes, der stark genug ist, der gege» uns alle sich rüstenden Reation die Spitze zu bieten. So empfanget denn unteren brüderlichen Gruß, Genossen, und die Versicherung, daß Euch die russischen Sozialisten mit der That beistehen werden. Sobald die Stunde schlägt, wo Ihr beschließen werdet, der feindlichen Gewalt Widerstand entgegen- zusetzen, werden sie nicht zögern, der sozialdemokratischen Partei Deutschlands ihre Sympathie und ihre Solidarität zu beweisen. Im Auftrage der Redaktion des„Tschernji Peredjel": G. Plechanow. Briefkasten der E x p e d i l i o n: Franz S., Wlhr.: Adr. erh. u. Alle« an B. behändigi.— Ur. Kratzer: Signal». 25. erh. Aufheben, um das Zeug erwischen zu lassen,— das verdient— Bewiinderniig!— a. d.: Nord- see: 29 u. 31 sind wie das Uebrige in wechselndem Kostüm gereist. Ersatz folgt an F. K. mit 35. Werden Euch nie vergessen.— St. Vl. 18 K.: Borgemerkt. Gute Verrichtung in Wien. Gruß!„Kreuzspinne".— Onkel: Harzer fliegen wie sonst. Peter inslrnirt. Aber warum denn an- dere Diät? Insekten sind doch beste Aznng für die Vögelchen.— Th. Sch. Rhd.: Jrrthnm selbstverschuldet, i. W. kann natürlich»och sonst was heißen. 28— 34 leider in alter Verfassung fort.— r'anf., Chicg: Schrst. abgg. am 23. 8.— Jonsch., N.-A: Mehrbestellg. fort.„Histoire d. S." Malon wollen Sie bei Bertrand, Buchhandlung, Brüssel bestellen, wie früher bereits gerathe».— Ly. B., Mk. 60,— erh. 8000 Ungeziefer ausgeschlüpft. Die kleinen zum'Nachtisch vorbereitet.— Carl Nothschild: Mk. 1,— Schft. jc. fort.— R.-B. Il.-B. Mk. 3,— Ab. 3. Qu. erh.— — Cöln: Mk. 5,— A. 3. Qu., 2. Serie erh., Bs. erwartet.— Petroleum: Mk. 30,60 Ab. 3. Qu. gebucht. Nachricht über den„Hay" erwartet 20 bereits mit 35 losgelassen.— O. Peter: Mk. 53,— Ab. 3. Qu. erh. Schuappauf hat die Bibel im„Sch." mit großer Andacht studirt. Du sollst den Namen des Herrn— nicht vergeblich führen, wai geschrien also, wenn seine Hand über dich kommt.— I. C. A. Slpke Ärmst.: Fr. 5,— p. P.-K. erh. Was soll's damit?— A. Gl. R.: Mk.— ,40erh. Muster folgen nach Wunsch.— i tthimmel--: Mk. 87,90 mit E. verrechnet. L. soll bald über W. berichten.— Th. Sturm: Alle« beachtet. Ersatz 33 mit 34 nachges. Sdg. folgen stets ab„Reich". Haben am 9. 7. Bf. nebst Deck an Sie ges. Nicht« erh.? Dann kurze Notiz direkt und Deckadr. erbeten. Bei unserer Abreise nach Amerika rufe» wir Freunden und Bekannten in Nah und Fern ein herzliche« Lebewohl zu und bitten die mit uns in Korrespondenz gestandene» Freunde, bis zum Empfang unserer neuen Adresse, k e i n e B r i e s e an uns abzusenden, da dieselben als unbestellbar an sie zurückgehen müßten. A r b o n(Kt. Thurgau, Schweiz), im August 1880. F. Kodier. Frau I. K o b l e r, Blumenmacherin. I Comm. Arbeiter-Bildungs- Verein 3 Fercy Stteel lottenham Court Road. Die Wirthschaft des Vereins ist geötinet von Morgens 9 bis Nachts 12 Uhr."Wir ersuche» die reisenden Genossen auf unsere Adresse zu achten. I. A. Der Sekretär: G. Lemke.