Erscheint w Schentlich einmal in Zürich(Schweiz) verlas A. Herter, Znduftriehalle Riesbach-Zürich vokseudiiilgra franco gegen franco. Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz kosten Doppelporto. Der SoMlilemo Jentral-Hrgan der deutschen Sozialdemokratie Abonnements werdrn nur beim Berlag und dessen belannten Agenten ent- gegengenommin und zwar zum voraus zahlbaren VierteljahrSpreiS von: Fr. 2.— für die Schweiz(Kreuzband Ml. 3.— für Den'Wand'Sous»tt (i. 1. 70 für Oesterreich(iiouvert Fr. 2. 60 für alle übrigen Länder de Weltpostvereins(Kreuzbands. Illserate Die dreigespaltene Petitzeile 25 a,S. 20 Pfg. R? S. Sonntag, tk. Januar. 1881. Alis an die varrkspondealeu und Aboancntell des„Zosialdemollrat". Da der.Sozialdemolrat' sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten ist. bezw. verfolgt wird, und die dortigen Behörden fich alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp. Briese von dort an uns und unsere ZeitungS. und sonstigen Sendungen nach dorr abzusangen, so ist die äußerste Vorficht im Postverlehr nothwendig und darf leine VorstchtSmaßregel versäumt werden, die Briesmarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt der Sendungen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen. Hauptersorderniß ist hiezu einerseits, daß unsere Freunde so selten als möglich an den.Sozialdemolrat', resp. dessen Berlag selbst adresstren, sondern fich möglichst an irgendeine unverdächtig« Adresse außerhalb Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche fich dann mit uns in Verbindung setzt; anderseits aber, daß auch uns möglichst unverfängliche Zustellungsadressen mitgetheilt werden. In zweifelhaften Fälle» empfiehlt fich behufs größerer Sicherheit Relommandirung. Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um trotz aller ent- gegenstehenden Schwierigleiten den, Sozialdemokrat' unfern Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern. Parteigeiiosseil! Vergoßt der Verfolg reu nud Gemaßregelten nicht! Flugschriften-Fonds. -f. Pfalz—,60. W. P.... 8 3,-. Nr. 5 IL(60 kr. öst.) 1,—. H. «Fr.—,10)—,08. F. u. G. Basel(Fr. 11,50) 0,20. Creseld 10,—. G. L. London(Sh. 5,—) 4,92. Schwab. Heiland 2,—. Ueberschuß der flieg. Abth. 2,—. In Landshut brennen auch Lichter, die niemals erlöschen werden— g— n 11,—. Znsammen Mk. 43. 80 Früher eingegangen„ 915. 05 Gesammteingang Mk. 958. 85 Fonds zur Unterstützung der Opfer des Sozialistengesetzes. II. Q u i t t u n g s s e r i e. Vom 26. November bis Ende Dezember gingen ein: Erfurt 10,—. Bremen 100,—. Celle 42,—. Besigheim 8,—. Apolda 11,—. Gumbinnen 20,—. Eßlingen 35,—. Frankenthal 33,55. Pirna 13,72. Neustadt b. Stolpen 5,—. Cannstadt 12,—. Heilbronn 17,—. Neustadt a. Haardt 4,—. Osnabrück 12. Liegnitz 11,60. Hausen b. Offen- bach 5,70. Bornheim 2,—. Offenbach a. M. 16,50. Paris 67,56. Güstrow 13,40. Neumünster i. H. 13,30. Nippes b. Solingen 7,80. Ernstthal 15,—. Bereck, Frankreich 9,68. Stuttgart 20,—. Kirschheide b. Solingen 8,50. Wiesbaden 13,70. Tresden-Neustadt 40,—. Uslar 2,30. Königsberg 35,80. London 13,51. Nowawes 10,—. Netzschkau 11,20. Stuttgart 5. Dresden 167,40. Augsburg 15,—. Salzungen 5,—. Aus dem Haag 35,—. Lüben 5,75. Langenbielau 22,09. München 10,—. Fulda 5,—. Cölbe 10,30. Kamen; 8,75. Liegnitz 7,40. Neumarkt 4,15. Eßlingen 30,—. München 225,—. Rostock 8,45. Breslau 57,—. Frankfurt a. D. 10,05. Ronsdorf 27,—. G. cch. 12,—. Reutlingen 12.-. Rostock 10,20. Bockert b. So- lingen 9,65. Kappel b. Chemnitz 22,20. Main; 110,—. Potsdam 20,�. Schloß-Chemnitz 30,—. Altenbnrg 17,50. Zwickau 50,—. Naumburg a. S. 8,65. Cottbus 6,70. Langenbielau 4,45. Greiz 6,35. Hemelingen b. Bremen 13,40. Glauchau 10,16; Zittau 25,—. Mannheim 100,—. Mar bürg 20,—.«ürünthal b. Hirschen 6,40. Straßburg 30,—. Glückstadt 7,30. Alzey 5,—. Lausigk 1,—. Für 3 Weltpostkarten—,30. München-Gladbach 20,—. Durch F., Leipzig 80.—. M., Leipzig 5,—. Frankfurt 5,—. G. O. Mainz 50;—. Sludirender Leipzig 1,—. Großenhayn 10,—. Dresden 6,54. Dresden-Neustadt 25. Köln 153,—. K., Leipzig 2,—. B. H. London 20,—. Hamburg 79,70. Bielefeld 23,—. M. Leipzig 3,—. Weimar 15,—. Durch W, Leipzig 1,83. Bochum 4,-. Ostritz 3.—. Deutscher von Genf 100,—. Durch K., Leipzig 6>>,—. Lausigk 3,—. Br. Halle a. S. 6,—. I. Halle a. S. 6,—. Philadelphia 88,—. Meura 5,—. Aus der Sparbüchse 1,20. Auf Listen Leipzig 203,14. Rathenow 5,—. S. E.„Einer für Alle, Alle für Einen"'—,80. Iß ist, zur Novemberfeier ges. d. S.(Fr.2,—) 1,60. Selbstbesteuernng Zürich(Fr. 39,—) 31,20, Deutscher Verein Basel für Hamburg(Fr. 50,—) 40,—. Bon den deutschen Sozialdem. Churs ges. d. Pst. Fr. 37,95, ges. v. d. Red. d.„Volksfreund" Fr. 5,05— Fr. 43,—, abzilgl. Fr. 1,55 für Drucksachen(Fr. 41,45) 33,16. M. G. Averdon(Fr. 15,70) 12,56.„Linden" 10,—. Von einer Dame(Fr.— ,30) —,24.„Sommerfchwalbe—,60. Zürich, d. V. ges., d. D. erhlw(Fr. 4,60) 3,68. V. d. deutsch belg. Grenze(Fr. 15,) 12,—.— y Altdorf(Fr. 1,—)-,80. D. Fritschi v. Baseler Gen.(Fr. 6,60) 5,28. Cz., London (Fr. 1,—)—,80. Schw. Jackel 1,—. O.M.Amsterdam(Fr. 2,—) 1,60. Nr. 500: 1,50. Kl. B».(Fr. 50,-) 40,-. R t Trohes(Fr. 2,-) 1,60. Selbstbesteuernng Zürich 1. Rate(Fr. 15,—) 12,—. Zusammen Mk. 3,158. 15 Früher eingegangen„ 15,065. 44 Gesammteingang Mk. 18,223. 59 68,887! Achtu ndsechzigtausend achthundert siebenund- achtzig Auswanderer haben im Jahre 1880 über Ham- bürg Europa verlassen, gegen 24,864 im Jahre 1879. Von den übrigen Auswandcrungshäfen Deutschlands liegen zwar cndgiltige Zahlen noch nicht vor, nach den bisherigen Veröffentlichungen ist aber anzunehmen, daß auch dort die Steigerung der Hamburgs nicht nachsteht. Demnach übersteigt die Auswanderung aus Deutschland im Jahre 1880 die des Vorjahres beinahe um das Dreifache. Verdreifacht hat sich die Zahl Derer, welche ihre Hei- Math verlassen, hinausziehen in die weite Welt, um sich mit unsäglicher Vlühe und Arbeit draußen die Existenz zu verschaffen, welche das„Vaterland" ihnen versagt— zehn Jahre »ach der glorreichen Errichtung des heiligen preußischen Reichs deutscher Nation. In der Thal, wir haben es herrlich weit gebracht! Es ist leider nicht angegeben, aus welchen Elementen sich der Strom der Auswanderer zusammensetzt. Aber ein Blick aus die ökonomischen Verhältnisse Deutschlands sagt es> uns. Es sind die arbeitslustigcn, die thatkräftigcn Elemente, die Teutschland den Rücken kehren. Amerika, welches der Mehr- zahl der deutschen Auswanderer als Ziel dient, ist nicht mehr das Land des Adenteuerthums, wer nicht als Kapitalist hin- überkommt, und„die Satten(die Kapitalisten) aber bleiben zu Haus", der muß arbeiten, hart arbeiten, weim er drüben fort- kommen will. Das ist eine längst bekannte Dhatsachc, und die Zahl Derer, die da glauben, es sei in Amerika so leicht, sein „Glück" zu machen, wird von Jahr zu Jahr geringer. Der Antheil, den das sogenannte gebildete Proletariat � s Kaufleute, Techniker:c.) zur Auswanderung stellt, fällt des- halb wenig ins Gewicht. Das Landvolk und das indu- strielle Proletariat sind es, welche die bedeutende Mehr- zahl der Auswanderer liefern. Roch vor wenigen Jahren durste man die Städtebevöl- kerung ausnehmen, heut ist dies anders geworden. Wer immer von den Lohnarbeitern die Mittel zur Auswanderung aufbringen kann, der sehnt sich hinaus aus dem Lande, wo neben der schamlosesten ökonomischen Ausbeutung auch die infamste poti- tische Unterdrückung in Blüthe steht, er sehnt sich hinaus aus einem Gemeinwesen, wo ihm das brutalste Drillsystem drei Jahre seines besten Lebensalters stiehlt, um ihn zur geist- und willentosen Maschine polirischer Seiltänzer zu machen. Ihm schließt sich an der Kleinmeister, der durch die wirthschaftliche Krisis ruinirl, durch eine im Interesse der Großindustriellen durchgeführte sogenannte Wirthschaftsreform um sein Letztes gebracht worden ist. Die größte Anzahl der Auswanderer aber stellt noch immer das Landvolk.„Das Land", sagt Genosse Liebknecht in seiner Schrift„Die Grund- und Bodenfrage", und seine Worte treffen heut mehr wie je zu,„das Land ist es, das die überwältigende Mehrzahl dieser modernen Kreuzfahrer stellt; das Land ist es, dessen Söhne und Töchter sich losreißen von der undankbaren Erde und ihr für immer den Rücken kehren. Warum? O sprecht, warum zieht ihr von danneiiL Das Neckarrhal hat Wein und Korn, Der Schwarzwald steht voll finstrer Tannen, Im Spessart klingt des Aelplers Horn. „O sprecht: warum zieht ihr von dannen?" Der Dichter hat nur gefragt, nicht die Antwort gegeben. Vermnthlich, weil sie sich von selbst gibt. Warum sie von dannen ziehen? Wohl hat das Neckarthal Wein und Korn, aber von dem Wein kommt nur, was für die Tafel des Reichen zu schlecht ist auf den Tisch des Weinbauern, und von dem Erlös für das Korn des Getreidcbauern geht das Meiste in die Taschen des Hypolhekcngtäubigers. Was nützen dem oberländer Land- mann„des Schwarzwalds finstere Tannen"? Sic beherbergen nur das Wild, das seine Saaten auffrißt; und haut er sich zur Winterfcuerung einen Ast ab von den„finsteren Tannen", so muß er gewärtig sein, als Forstfrevler ins Gesängniß gesteckt und seiner„bürgerlichen Ehrenrechte" beraubt zu werden. Und„des Aelplers Horn" im Spessart mag sehr romantisch dem Vcrgnüguiigsreisendeu klingen, der die prachtvolle Wald- und Berglandschast bewundert, dem unglücklichen Bauer des Spessart klingt's aber wie bittrer Hohn auf sein elendes freudloses Dasein. Schön ist's auch anderwärts ans der deut- scheu Erde.„Die Welt ist vollkommen überall", sagt der Dichter, vergißt jedoch nicht beizufügen:„Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual." „Und wo ist der Ort in unserm schönen Vaterlande, wo der Mensch mit seiner Qual nicht hingekommen wäre? Mit seiner Qual, das heißt mit seinen unnatürlichen, ungerechten Staats- und Gesellsckiaftseinrichtungen, welche den fleißigen Mann der Arbeit zu Boden drücken und dem Müßiggänger das goldene Szepter der Macht im sozialen und politischen Reiche verleihen, den Genuß im umgekehrten Verhältniß zur Arbeit gewähren; Dem, der am wenigsten arbeitet, den meisten: Dein, der ain meisten arbeitet, den wenigsten Genuß?" Wohin wir nur blicken in Deutschland, überall stoßen wir auf Roth und Elend, die Erwerbsverhältnisse verschlechtern sich, der politische Druck nimmt zu. Darf es uns da Wunder nehmen, wenn die Zahl der Aus- wanderer mit jedem Tage zunimmt? Sicherlich nicht. Die Maffenauswanderung ist für ein Land, das nicht an Ueber- völkcrung leidet, und Deutschland ist nichts weniger als über- völkcrt, das deutlichste'Zeichen, daß die sozialökonomischen Verhältnisse daselbst schlechte, unhaltbare sind, daß das Volk unter dem herrschenden System eine Besserung nicht erwartet. Die Massenanswandernng ist das Todesurtheil für die Ver- Hältnisse des Landes, in dem sie ans der Tagesordnung steht. Aber wird nicht wenigstens durch die Massenauswcmderung die Lage der Zurückbleibenden gebessert, ihnen Raum für Be- thätignng geschaffen? Verhänguißvollcr Jrrthum! Unter den in Deutschland herrschenden ökonomischen Verhältnissen ist gerade das Gegentheil der Fall: die Auswanderung verschlechtert die Lage der Zurück- bleibenden! Die Scholle Landes, die der auswandernde Land m a n n veräußert, sie fällt, nicht an einen andern Landmann, sie fällt an den Großgrundbesitzer, vergrößert seine Macht, seinen Ein- fluß, setzt ihn in die Lage, noch stärkeren Druck ausüben zu können als bisher. An die Stelle des Kleinmeisters, der seine Werkstatt, sein Geschäft verzweifelnd aufgibt, tritt kein anderer Klein- meister, es ist das Großkapital, die Großindustrie, die ihn expropriirt, ohne Entschädigung notabcnc, er weicht einer Konkurrenz, der er keinen Widerstand zu leisten vermag, er läßt ihr das Feld— unbestritten I Und der Proletarier, der Lohnarbeiter in Stadt und Land, für ihn findet sich allerdings Ersatz, denn die Reserve- armce des modernen Großkapitals wächst mit jedem Tage, aber sie wächst in einem Grade, daß die Abhängigkeit der zurückbleibenden Arbeiter trotz des Abflusses öcr Auswanderer mit jedem Tage eine größere wird. Und wieso verschlechtert die Auswanderung die Lage der Zurückbleibenden? Die Antwort ist leicht gegeben. Ganz einfach dadurch, daß sie den Blick ablenkt vom Uebcl, daß sie die Reihen der Un- zufriedenen schwächt, die Reihen Derjenigen lichtet, die vor Allein berufen und geeignet wären, in erster Reihe für die Sache des Volkes gegen seine Unterdrücker einzutreten, den Kampf der Armen gegen die Reichen anzuführen, daß sie die gründliche Besserung, die radikale Aendernng der Verhältnisse, wenn nicht hintertreibt, so doch hinausschiebt. Nein! Diejenigen, die dem deutschen Volk von Auswan- derung reden, als Mittel zur Besserung seiner Lage, sind nicht seine Freunde, sind— ob bewußt oder unbewußt— seine schlimmsten Feinde. Ein anderes Amerika als das von Eolum- bus entdeckte, muß das Volk ins Auge fassen, ein Amerika, dessen Rühe oder Ferne von ihm allein abhängt, ein Amerika, in dem es freier und glücklicher leben kann, als in dem Lande der schlauen Dankes und dem heißen Brasilien. Und wo liegt dieses Amerika? Die Antwort hat schon vor langer Zeit ein deutscher Dichter gegeben, und immer wieder wird es nothwendig, sie dem Volke einzuprägen. Denn bis sie nicht vom Volke beherzigt wird, wird es auch nicht besser werden im deutschen Lande.- Vor mehr als dreißig Jahren sang Ferdinand Freiligrath: Jenseits der grauen Wasserwiiste Wie liegt die Zukunft winkend da! Eine grline, lachende KUste, Ein geahndet Amerika! Und ob auch hoch die Wasser springen, 'Und ob auch Sandbank uns droht und Riss: Ein erprobt und verwegen Schiff Wird den Mutagen hiniiberbringen. Frisch aus denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt! Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land und findet Land! O tapfer Fahrzeug! Ohne Schwanke» Befählt es dreist die zorn'ge Fluth! Schwarz die Masten und schwarz die Planken, Und die Wipfel sind roth wie Blut! Die Segel braun von Dampf und Feuer; Vom Verdeck herab ihren Blitz Sprühn Gewehre, sprüht das Geschütz, Und das blanke Schwert ist sein Steuer! Frisch auf denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt! Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Swrml Sucht Land und findet Lano! Ihr fragt erstaunt: Wie mag es heißen? Die Antwort ist mit festem Ton: Wie in Oestereich so in Preußen Heißt das Schiff:„Revolution!" Es ist die einz'ge richt'ge Fähre Drum in See, du kecker Pirat! Drum in See und kapre den Staat, Die verfaulte schnöde Galeere! Frisch aus denn, springt hinein! Frisch auf, das Deck bemannt! Stoßt ab! Stoßt ab! Kühn durch den Sturm! Sucht Land ünd findet Land! Ein politisch und sozial befreites Deutschland, das ist unser Amerika! Sozialpolitische Rundschau. Deutschland. — Freude herrscht in Stiebers Hallen. Endlich hat er sie, die langgesuchte, heißersehnte„Verschwörung". Der An- archist Viktor Dave und die in Frankfurt a. M., Darmstadt und Pforzheim verhasteten Sozialisten, hwgesammt 23 an der Zahl, sind auf Anordnung des Reichsgerichtspräsidenten nach Berlin cskortirt worden, wo der durch den Prozeß Aronsohn- Gurewitsch-Liebermann genugsam bekannt gewordene Landgerichts- rath Holl mann mit der Untersuchung wegen Hochverrath beauf- *tagt wurde. Die Findigkeit dieses Herrn, aus allerhand gering- Zügigen Dingen ein großartiges Komplott herauszukonstruiren, hat sich in dem erwähnten Prozeß so glänzend bewährt, daß wir uns auf die wunderbarsten„Enthiillungen" gefaßt machen dürfen. Die Geheimnißihucrei, mit welcher die ganze Angelegenheit be- handelt wird, cie unverkennbare Absichtlich feit, mit der die spär- lichen Nachrichten tropfenweise dem Publikum zu Ohren gebiacht werden, lassen zu deutlich das Bestreben erkennen, die ganze An- gelcgenheit möglichst für die Bestrebungen des Fürsten Bismarck auszubeuten. Die bisherigen Verfolgungen gegen die Sozialisten genüge» bekanntlich dem„Gewaltigen von Friedrichsruh" noch lange nicht, die jetzt inszenirte Untersuchung aber gibt seinem Freunde Stiebcr Gelegenheit, seine Schnüffelgarde noch zu ver- stärken, sie nach allen Windrichtungen auszusenden, ganz Deutschland unter die Botmäßigkeit Madai's zu stellen. Die letzten Wahlen haben überall ein Eistarken des oppositionellen Geistes gezeigt, es gilt jetzt, dem deutschen Volke zu zeigen, wie wachsam seine Regierer für sein Wohl besorgt sind, welch„furchtbaren Verschwörungen" es ausgesetzt sein würde, wenn es nicht die Regie- rung mit immer größeren Vollmachten ausstattet. Es gilt, die fortgesetzten Brrefstiebereien, die immer unver- schäm ter gchandhabt werden, zu rechtfertigen. Denn die Eröffnung des Reichstages steht vor der Thu" und m a II w e i ß o b e II sehr gut, daß die verhaßten sozialistischen Abgeordneten gut be- waffnct sind, um das gegenwärtige System in seiner ganzen Schamlosigkeit bloszustellen, �nicht n ur vor d eur d eutschen V olke, sondern vor der ganzen z i v i l i s i r t e ii Welt. Wie schön also, wenn dann Herr Eulcnburg auftreten und mit dem„fürchterlichen Materiol" in der Hand, all' die Polizeischuftercien verlheidigcn kann, die da noihwendig gewesen seien, um das„uns Allen theuere Haupt des Monarchen" zu schützen. Toseuder Beifall der loyalen Majorität, und dem Volke ist wieder einmal Sand in die Augen gestreut, der sich vielleicht noch ausbeuten läßt bei den bevoistehenden Reichstagswahlen. Das ist Stiebcrs Absicht, wir werden ihm aber einen Strich durch die Rechnung mach e n. Und nun ein Wort über die Verhafteten. Obwohl es un- zweifelhast ist, daß Stieber über die kindischen Streiche, zu denen Einzelne derselben sich haben hinreißen lassen, vollkommen unterrichtet ist, denn dafür dürfte nicht nur der Spion Neu mann und der in letzter Nummer in der Korrespondenz„Vom Main" gekennzeichnerc Frankfuner Agent Provokateur, sondern auch die Renommirsucht Einzelner der Angeklagten gesorgt haben, so werden wir doch aus leicht begreiflichen Gründen Nichts darüber ver- öffentlichen, denn wir kennen die Geschicklichkeit Stiebers, aus einzelnen an und für sich straflosen Handlungen eine Staaisverschwörung zu konstruiren, zu gut, um ihm dabei unfrei- willige Dienste zu leisten. Was wir aber an dieser Stelle rügen müssen, ist der unverantwortliche Leichtsinn Einzelner der Ver- hafteten. Nicht nur bei dem vielgenannten Dave, sondern auch tvergl. unsere Korresp. aus Karlsruhe), bei dem, namentlich in der Schweiz, bekannten Eiscnhaucr hat nian Adressen vorgefunden und daraufhin Verhaftungen vorgenommen. Diese Liderlichkeit kann nicht scharf genug gekennzeichnet werden. Mag man uns wegen dieser Rüge Spieß- bürger nennen, dieser Titel läßt uns kalt, wir werden uns dadurch nicht abhalten lassen, unseren Freunden unausgesetzt größte Vor- sichi anzuempfehlen, damit Stieber gezwungen ist, sich in seiner ganzen brutalen Nacktheit zu zeigen. — Folgende kostbare Perle finden wir in den Motiven zu dem in voriger Nummer gekennzeichneten famosen sog.„Ver- wendungs"-Gesetz:„Ein geeignetes Mittel zur Erreichung dieses Zweckes(den Druck kommunaler Lasten iu mildern) ist in der Regelung und Erweiterung dek Befugn sse der Kommunen, zur Deckung ihrer Bedürfnisse indirekte Abgaben zu erheben, zu erblicken." Sind doch Prachtkerle, dieser„größte Staatsmann des Jahr- Hunderts" und seine Handlanger. Wie man erst die Einzel- staaten durch die Aussicht auf Erlaß der Matrikularumlagen und auf Ucbcrweisung von Einnahmeübcrschüssen aus den Zöllen für die„Zollreform" zu ködern wußte, so sollen jetzt auch die Kommunen durch die Aussicht auf Wiedereinführung städtischer Oktrois für den Segen erhöhter Quiltiuigs-, Brau- und Tabaks- steuern begeistert werden. Diese Methode ist zwar sehr praktisch, aber sie ist nicht neu. So wirft der Spitzbube dem Hofhund einen Knochen hin, damit er während des„Geschäfts" nicht belle, so spielt- der Schmuggler dem Grenzwächter einen„Fang" in die Hände, um das zehnfache Quantum an einer anderen Stelle desto sicherer über die Grenze zu befördern, so betheiligt, und dieser Vergleich paßt am besten, der große Gründer vor dem Herrn mittelst der Jobber und Wechsler anscheinend das Publikum an der Emefsion, um es desto ungestrafter rupfen zu können. Das Publikuin des Gründers, die kleinen Rentiers, die Beamten- weit, der Handwerkerstand u. s. w. schreien heute laut über das unmoralische jüdische Gründerlhum, sie vergessen aber, daß sie die Mitschuldigen waren, daß sie gleich jenen sich bereichern wollten ohne eigene„ehrliche Arbeit" auf Kosten eines Dritten, auf Kosten des arbeitenden Volkes, der Lohnarbeiter. Auch jetzt ist es wieder das arbeilende Volk, dessen Haut zu Markte gelragen werden toll. Wie weit dies mit dem Bismarckischen Projekt der Fall, zeigten wir in voriger Nummer. Noch einfacher liegt die Sache bei den indirekten städtischen Abgaben, wo ja lediglich die nothwendigsten Lebensmittel in Betracht kommen; hier wie dort heißt es: Entlastung der Wohlhabenden auf Kosten der Armen! Und auf diesen verlockenden Köder sollte der deutsche Bürger nicht anbeißen? Er wird es thun. Vielleicht nicht ohne Weiteres, aber der„Allgewaltige" versteht es, die Leute zu ihrem Glück zu zwingen. Es geht wie im Volkslied: Und sie ziert sich erst ein Weilchen, Und dann spitzet sie das Mtiwlchen. Und dann--— ist Alles wieder gut! Aber das arbeitende Volk, wird es auch das Mäulchen spitzen? Wird es immer weiter hungern, seine Löhne fallen, die Preise seiner nothwendigsten Lebensmittel aber steigen sehe», ohne zu murren? Seine Ausbeuter rechnen darauf, wir aber denken besser von ihm. Das deutsche Volk hat sich viel gefallen lassen, einmal aber muß auch seine Geduld zu Ende gehen, und näher, als unsere Staatsweisen glauben, ist uns vielleicht der Tag, von dem der Dichter singt: So wird es kommen, eh' ihrs denkt, Das Volk hat nichts zu beißen mehr! Durch seine Lumpen pfeift der Wind! Wo nimmt es Brod und Kleider her?*!> Aus Brand und Blut erhebt das Volk Siegreich das lang zertret'ne Haupt— Wehen hat jegliche Geburt!— So wird es kommen, eh' ihr's glaubt! — Wie furch tb ar die Krise wüthet, darüber geben folgende Zahlen Aufschluß, die uns aus Leipzig gemeldet werden: Im Monat Dezember sind in Leipzig 3,698 Handwerks-- burschcn zugereist, 267 sind außer Arbeit und nur 268 in Arbeit getreten, so daß in dem ganzen Monat nur ein einziger Arbeiter mehr in Leipzig Beschäflizung fand. Bei Berathung des Geureindebudgets für die Schulen kam die erschreckende Thatsache zur öffentlichen Kenntniß, daß zwar die Schülerzahl im ver- flossenen Jahr um 783 Köpfe gestiegen sei, die Zahl der zah- le ii de ii Bürgerschüler aber nur 114 betrage, so daß fünf Sechstel des Zuwachses sich auf die Bezirksschulen vertheile. Es wurde hervorgehoben, daß, wenn noch zwei Jahre lang die gleiche Steigerung in der Vertheilung der Schüler fortbestehe, 1883 die Zahl der Bezirksschüler(Armenschüler) die Zahl der Bürgerschüler übersteige. Und Leipzig gilt kür eine sehr wohl- habende Stadt! Die zunehmende Armuth, die zu der steigenden Bevölkerung außer Verhältniß steht, ist auch Veranlassung, daß die bisherige Aufbringung der Armensteuern durch freiwillige Zeichnungen einem andern Modus Platz machen mußte. Dieselbe wird nunmehr durch einen entsprechenden Zuschlag zur rtäotiichen Einkommen- stener aufgebracht, was eine nicht unerhebliche Sleigerung der Gemeindesteuern bedeutet. Von einer Besserung der Erwerbsverhältnisse ist noch Nichts zu merken, wohl aber wird die Zahl der Bankrotteure mit jeter Woche größer, weil die Fortdauer der Krise die Widerstands- fähigkeit des Einzelnen immer mehr schwächt. Man kann nicht sagen, daß das Jahr 1881 mit sonderlichen Hoffnungen begrüßt wurde. Selbst die sonst zur Schönfärberei so geneigte national- liberale Presse wagte nicht an das beginnende Jahr irgend welche Hoffnungen auf Besserung zu knüpfen, die Stimmung ist äußerst gedrückt und überall begegnet man der Frage: Wo soll das hinaus und wie soll das enden? Nun, es geht zu Ende, ab eres wird ein Ende init Schrecken! — Aehnliche Berichte, wie der vorige, laufen aus allen Ge- genden Deutschlands ein, so daß es geradezu unmöglich ist, von allen hier Notiz zu nehmen. Aus Weinsbcrg, wo man Ein- richtungen zur Verpflegung durchreisender Handwerksburschen vor- getroffen hatte, wird z. B. dem„Staarsanz. für Württemberg" geschrieben:„Wie groß der Andrang der Hilfsbedürftigen ist, kann man daraus ersehen, daß die Zahl Derer, die im hiesigen Spital vorsprachen, im Monat Dezember nahezu 666 betragen hat. Daß diese Leute nicht blos Arbeitsscheu, sondern ein wirk- licher Roth stand hierhergelrieben, wird Niemand bezweifeln können. Es befanden sich darunter auch Kaufleute mit guten Zeugnissen, sogar ein ehemaliger Studiosus uno zwei Israeliten. Während im vorigen Jahre hauptsächlich Schlesier und Sachsen uns heimsuchten, sind Heuer die eigenen Landeskinder vorherrschend, und während früher dieser und jener dem Herbergsvater einen Rothpfennig von oft nicht unbedeutendem Betrage zur Aufbewahrung anvertraute, kommen jetzt alle voll- ständig abgebrannt und meist in der allerdürf- tigsten Kleidung." Soweit das amtliche Blatt. Das klingt ja verdammt ähnlich dem obigen Verse: „Das Volk hat nichts zu beißen mehr! „Durch seine Lumpen pfeift der Wind!" Wo nimmt es Brod und Kleider her? — Auch aus Thüringen laufen von allen Seiten Roth- standsberichte ein selbst von den Orten, wo bisher von Geschäfts- lofigkeit Nichts zu merken iar, wie z. B. aus Schmalkalden, werden Aibeiterentlassungen uns Lohnreduzirungen gemeldet. Man errichtet Nothstaiidskomiies, um dem größten Elend abzuhelfen, an Beseitigung der Ursachen des Elends denkt man natürlich nicht, sondern geht wie die Katze um den heißen Brei herum. Darum wird aber auch trotz aller Komitcs das Elend nicht ver- schwinden, bis do.S Volk selbst einmal ein Nothstandskomite bildet, vor dem allerdings auch manches Andere verschwinden dürfte. — Wie gnädig! In Königsberg feierten die Arbeiter Kadgeenschen Eheleute vor Kurzem— ein seltener Fall bei Ar- beitern— ihre goldene Hochzeit. Da griff der Hohenzoller tief in>ei»c Tasche, und—„das alte Ehepaar hatte sich eines Geldgeschenks von 36 Mark von Miserm Kaiser zu erfreuen", greint gerührt die„Königsb. Harlung'sche Zeitung". — Sacht e mit leisem Schritt, ganz heimlich— fast hätten wir gesagt, wie ein Dieb in der Nacht— nein, wie ein Schatz, der zu'seinem Liebchen schleicht, ist am 8. Januar der Reichsgewaltige, der allmächtige Kanzler in die Reichshauptstadt eingefahren. Der Mann, der einst das stolze„Ein Appell an die Fuicht findet keinen Widerhall in einem preußischen Herzen" sprach, scheint heut bedenkliche Angst vor der Nemesis zu haben. Hat übrigens auch Grund dazu. — Bismaick läßt einen Gesetzentwurf gegen die Be- fördcrung der Trunksucht vorbereiten. Sehr begreiflich; der gute Mann kennt die verderblichen, zerrüttenden Folgen des „Suffs" zur Genüge. Bemerkenswerth ist dabei nur, daß während die Erhöhung der Brausteuer nicht von der Tagesordnung kommt, der Schnaps- brenner von Varzin von der Branntweinsteuer absolut nichts wissen will. Das Schnäpschcn des armen Mannes darf nicht theurer werden, nur vor dem Uebermaß soll er geschützt werden. Diese zarte Rücksicht könnte uns zu Thränen rühren, wenn wir nur wüßten, wo das Uebermaß anfängt. Es guckt mancher tiefer ins Glas, als ihm gut ist, Durchlaucht! — Landpsleger Madai. Es ging ein Gebot aus vom preußischer. Landpfleger Mavai, gemeinhin Polizeipräsidium zu Berlin genannt, daß gewisse königl. bayrische Post- und Bahnverwaltungen„alle verdächtigen Sendungen in Briefen und Packeten der Polizei auszuhändigen haben". Die bayerischen Posten unter preußischem Schnüffel- kommando. ist das nicht ein praktischer Annexionsgriff in die geheiligten Reservatrcchte Bajuvariens, zu denen doch auch das bewährte schwarze Kabinct zu München gehört.— W ie aber die Post- und Eisenbahnverwaltungen„alles Ver- dächtige in Brief- und Packetsendungen" herauswittern werden,- davon mag die gelangfingerte Geschäftswelt noch ein Liebchen zu singen bekommen. Und als Begleitung hören wir bereits König Ludewig mit Madai's liebenswürdigen schutzbefohlenen Nixen einst singen: Madai gib mir den Tugendschein Und laß mich wieder Jungfrau(König) sein! Die sozialistische Feldpost aber vernimmt den Berliner Ukas und denkt.: Bange machen gilt, micht! — In Altona sind, wie die Zeitungen melden, sieben Sozialisten in einer Privatwohnung von der Polizei bei einer geheimen Sitzung„überrascht" und verhaftet worden. Soweit wären wir nun glücklich in Teutichland, daß nicht einmal sieben Bürger zusammenkomnien könne», ohne daß die Polizei ihre Rase dazwischen steckt. Was die Zeitungen sonst noch von bedeu- tenden Dimensionen, die die betr. Untersuchung annehmen soll, flunkern, wird wohl am die bekannte Wichtigthuerei der Herren Staatsretter zurückzuführen sein. Sicher ist aber, daß die preu- � ßischen Spitzel sich in Altona sehr mausig machen. Uud ebenso sicher ist, daß man Ungeziefer mit Rosenwasser nicht beseitigt. Uebrigens ist der Liebe Müh' wieder einmal umsonst gewesen, denn außer einer Liste für den Ünterstützungssonds hat man nichts Staatsgefährlich.'s gefunden, und befinden sich daher sechs der„Verschwörer" bereits wieder auf freiem Fuß, soweit letzterer Ausdruck für Deutschland überhaupt noch einen Sinn hat. — Unser Genosse Paul Pulkrabeck, der vorletzte Redak- teur der„Berliner Freien Presse", stand jüngst in einer gleich-, gültigen Angelegenheit vor der dritten Strafkammer des Berliner Landgerichtes.„Das Schicksal hat den jungen Mann recht hart! mitgenommen", schreibt der gesammte Zeitungstroß mit bekannter Gesinungstüchtigkeit,„derselbe hatte kaum drei Monate die Re- daklion geführt, und in dieser Zeit hatten sich die Preßdelikte des Blattes dermaßen gehäuft, daß der Redakteur wegen Beleidigung in etwa dreißig Fällen zu vier Jahren Gefängniß verurtheilt l wurde." Wirklich, war es nur das Schicksal, welches unsern Freund zu vier Jahren Bastille am Plötzensee verdammte? Wir meinen, es seien die Berliner Preßhenker, Tessendorf an der Spitze, ge- Wesen, welche die Ausregung der Attentatshetze da.;» benutzten, dem begeisterten jungen Manne vier Jahre seines Lebens zu stehlen. Das Volk von Berlin dürfte mit diesem„Schicksal" noch einmal Abrechnung halten.— —„Genosse Ed. Sickert in Großenhain ist ani 23. Dez. nach Verbüßung seiner scchsmonatlichen Strafe für„Verbreilungvon verbotenen Schriften" ic wieder in unsere Mitte zurück- gekehrt," wird uns von dort geschrieben. Seine famose Prozes« sirung und Verurtheilung ist und bleibt in guter Erinnerung i und hat unserer Sache manchen Anhänger verschafft. — Ein Wunder. Das Verbot des Flugblattes:„Zur Bespre- chung der Wahlen— Leipzig, den 19. Oktober 1886. Heinrich Dietz, Lackfabrikant" ist durch Entscheidung der Reichskommission vom 26. Dezember 1886 aufgehoben worden. Freilich handelt es sich nur um ein. harm oses Zirkular eines bizarren Leipziger Fabrikanten an seine Geschäftsfreunde, aber für so eine echte deutsche Polizeiseelc grenzt schon das Wort Wahlen an Hoch- verrath. — Aus Dresden wird berichtet: Die hiesigen Sozialisten lassen sich nicht verblüffen. In einer von dem erzreik.ionären AntivivisektionS-Agitator v. Weber einberufenen Versammlung nahm Genosse Max Kayser Gelegenheit, den thierfreundlichcn Herren und Damen in kräsiige» Worten zu zeigen, wie viel gequälte Menschen es heui gibt, deren Schutz viel nothwendiger ist als der Thierschutz. Als nun Kayier gar eine in diesem Sinne abge- faßte Resolution einzubringen sich erfrechte, da brach der Sturm los, die vornehmen Herren und Damen trampelten wie rasend mit den Füßen und erhoben ein Geschrei, daß man hätte meinen sollen, ihre Schützlinge wären plötzlich losgelassen worden. Half aber Alles nichts, die Resolution des Herrn v. Weber wurde doch abgelehnt, während der edle Vorsitzende über die Kayser's gar nicht abstimmen ließ; die Annahme derselben war nämlich gewiß. — Der., Hannoversche Kourier" veröffentlicht einen Brief, den angeblich ei»„früheres journalistisches Mitglied der Sozial- .demokiatie" auf eine Interpellation über die Stellung der Ver- liner Sozialdemokratie zur antisemitischen Agitation geschrieben haben soll. Es heißt da, daß die Sozialisten im Großen und Ganzen prinzipielle Gegner des Anlisemitenrummels seien, aber keine Veranlassung hätten, sich zu Gunsten ihrer politischen Gegner Ausweisungen und Denunziationen zuzuziehen. Fortschrittslcute, Sezessionistcn, Nrtionalliberale und Juden mögen mit den Anti- semiten fertig werden, jeder wehre sich seiner eigenen Haut, und die Sozialdemokraten haben sich unrer dem Belagerungszustande der Polizei zu erwehren. Könnte stimmen. — In Berlin wollen die Forlschrittler demnächst sechs große Volksversammlungen gegen die Antisemitenbewegung ab- halten. Da kann's lustig hergehen. — Die Herren Liberalen sind ganz außer sich über die Rolle, welche die deutschen Studenten bei der famosen Judenhetze spielen. Aber Ihr Schwachköpfe, wer sind denn diese Burschen, die da das famose„Juden'raus!" so trefflich exekutiren? Das sind die Gymnasiasten der letzten zehn Jahre, die Jungen, die Ihr großgezogen habt mit Euren Sedanfestcn, mit Eurem natio- nalen Dünkel, mit Euren Kriegsliedern, mit Eurem schönen: Haut sie, daß die Lappen stiegen, Daß sie All' die Kränke kriegen! Es sind die Früchte Eures Systems. — In Reutlingen wurden in der Nacht vom 3. und 4. Jan. massenhaft sozialisiische Flugblaiter(„Ungessesertod".„An das deutsche Volk") in die Häuser geworfen. Seitdem ist die ganze Polizei mit furchtbarem Eiser auf de» Beinen, um die „Uebelthäter" zu fassen. Viel Glück! — Bezeichnend ist die Haltung der volksparteilichen Presse gegenüber den Gewaliakten der ihr sympathischen fran- z'Ssischen Regieimng. Entweder werden die frechen Ucdergnffe der Herren Andrieux und Konsorten ganz vertuscht oder aber als etwas Selbstverständliches hingenommen. Auch wird mit Vorliebe auf die französtschen Sozialisten geschimpft. Wir finden das zwar von Seilen dieser Herren ganz in der Ordnung, halten es abep angesichts der kommenden Wahlen für geboten, ausdrücklich darauf hinzuweisen. — In Apolda haben bei den kürzlich stattgefundenen Ge- meindewahlen die Sozialisten ihre fämimlichen Kandidaten bjs auf einen, an dessen Stelle mit der niedersten Stimmenzahl ein Fortschrtttsmann gewählt wurde, durchgesetzt. In Volkmarsdorf bei Leipzig find die Kandidaten der fpzialistischen Partei nahezu einstimn.ig gewählt worden. �— Unverschämt. Tcm— sozialistischen.— Gemeinderath von Connewitz bei Leipzig ist von der Leipziger Amtshanpt- Mannschaft untersagt worden� öffentliche Sitzungen abzuhalten. Tic sozialistischen Wahlen scheinen, die hohen Herren verflucht unge- müthlrch zu stimme». Soll uns aber wenig kümmern. Karlsruhe, Ansang Januar. Fast auZ allen Gegenden Teutschlands hat das Jsntraisrgan seil seinein. Bestehen schvir Berichte über den Stand der Bewegung, sowie über Polizeiversolgungen ze. w. erhalten, nnr Karlsruhe hat noch nichts von jlch hören lassen, so das; es bald den Anschein gewinucit Imune, ats wäre die Bewegung in der' badischen Residenzstadt eingeschininniert. Daß dies jedoch nicht der Fall ist, beweist zum Therl schon che Aufopferung der hiesigen Genossen ftir Beibringung von Nnler- stlltzangeg�dern für die.Qpser des infamen Gesetzes vom ül. Oktober ld,6. Tag die Ausführung dieses Gesetzes seitens der hiesigen Behörden im Anfange eine ziemlich tonnte war, läßt sich— abgesehen von einigen Fällen— nicht in Abrede stellen; um so gieriger fällt man aber heule seitens.der unteren Organe über Alles.her, was etwa nach Sozialismus riechen könnte.'. lieberall bei den Mrt.hen wird von der Polizei herumgefragt, wer bei ihnen verkehre, ob politisirt wllrde u. f. w., als ob wir gegenwärtig in Zeiten lebten, wo die Wirthe überflüssige Gäste haben I Jeder simple Ranchklub, den die Polizisten ausfindig machen, muß, sei er noch so spießbürgerlich, die Ramen der BorstäNde u. s.>v. angeben: was man damit bezwecken will, weiß ich nicht, schwerlich aber Sympathien für die Polizei; denn es ist Thatsachc, daß, seitdem die Polizisten, überall herum- schnüffeln, die llnznsriedenheit auch unter den Geduldigsten zunimmt, wogegen wir freilich nicht« einzuwenden haben.— Bor Kanzem wurde von dem Vorstand eine« hiesigen Gesangvereins ein Schwefterverein, der ca., 300 Mitglieder zählt, denuuzirt, er habe von ihm ausgestoßcne Sozial« demvkralen ausgenommen. Flugs war die Polizei dahinter, und die Per ivirrung und Zwietracht war oa. Obwohl die Deuunzianon eine insant lügnerische war, wurde», noch ehe es die Polizei verlangte, drei Mir- gliedcr ansgeschloss'cii, und der Vorsitzende des Vereins mußte als Staat«- diener auf eine» Wiick von„Oben" weichen. Die Einen schimpfen nun über Erftere» und die Andern über das Letztere:; Alles aber über die Taktlosigkeit der Polizei. Wie ängstlich mau auch in den hiesigen Kasernen die Söhne des Volkes vor dem iojialistischeu.Gistc zu bewahren sucht,-davon zeugt u. A. die Thatsache, daß man jetzt jeder Waschfrau, nachdem sie ihr Vorhaben zu Protokoll gegeben, noch einen Begleiter giebr, der sie überwacht, bis ihre Waase abgegeben ist. Er muß doch aus verdammt unsicherem Boden stehen, dieser MilitarisnillZ. Was unsere engere» Verhältnisse anbetrifft, so sind wir bis jetzt von Zwietracht unter den Genossen„sür London oder Zürich" so ziemlich verschont geblieben. Das Vorgehen Most's wird hier sehr mißbilligt. Leider ist hier ein braver, ruhiger Mann, Ramens A. K a I n b a ch, ihm zum Opfer gesalleu. Der Genannte wurde am 2. Januar, Mittags 1 Uhr, nachdem vor etwa 14 Tagen bei ihm eine resulrarlos gebliebene Haussuchung stattgesunden, unter der Anklage des Hoch und Landesver- rathes verhaftet, am andern Tage Morgens halb 3 Uhr zur Bahn gc bracht und nach. Berlin transportirl. Kulubach wurde am Tage nach der Haussuchung vow Ptngen Untersuchungsrichter über eisten Menschen Namens E i s e n h a u e r verhört, der verhaftet sei und bei welchem Kalnbachs Adresse gesunden worden war; er gestand unumwunden zu, daß vor etwa einem halben Jahre Eisenhauer ihn hier ausgesucht und nach den Parteiverhältniuen gefragt habe, aber abschlägig bescgieden worden svir Es scheint nun, daß KalnIkach in den angekündigten großen Hoch- und Landesverach der Most'schen Agenten verwickelt werden soll, wenn auch nur, nni ihn einige Monate einzusperren und so seme Eristenz zu ruiniren— er ist verheirathet und Vater von drei Kindern,— blos weil er Soziatdemotral ist, und dann auch nebenbei in der betrügerischen Absicht, ibn als Belastungszeugen zu, henützen, aber unter dem Vorwaude der Anklage ihm nichts vergüten zu müssen..Ob Kalil- dach dadurch seiner Stelle, verlustig geht, lst. noch eine offene Frage; jedenfalls werden die hiesigen Gewoise.n wissen, ivaS sie in erster Linie zu lhun haben.(Bravo! T. R.) . Bei der Verhaskiing Kaltibach's sragten hier viele Leute, ob mau es mit einem Mörder zu thun habe, denn es wurden durch die Polizeimannschaft die Straßenzugänge abgesperrt und das Haus besetzt, während 2 Kom- missare abgesandt wurden, den„Verbrecher" m Empfang, zu nehmen. Viele glaubten auch, man fei einem genüssen Hanauer aus der Spur, der seinerzeit von Amerika wegen.WechfeifSsschung ausgeliefert, von einem hiesigen Polizeikoinmissar am Hasen aiitzeholk und bis Frassksnrt gebracht wurde, allwo er wieder durchbrannte und seither nicht wieder Zum Vorschein kam. Als Kalnbachs Kinder sich weinend an den verhäs- teten Vater klammerten, v c r l a n g t c e i n e r der Kommt s s a r e in brutaler Manier, die Frau solle die„Rangen" e n t s e r n c n. Und als die Polizei ihn dann wie ein Gauner seine Ticbesbeute in licser Rächt geschlossen auf die Bahn transportirtc, g e- stattete man ihm nicht einmal den Abschied von Weib und Kindern. Zufällig ersuhren einige Genossin aus dem Bahnhofe von einem fremden Polizeibeastilen, der ebenfalls Genossen(woher?, lranS- Pprtirke, daß die Fahrc um z Uhr Rächt« nach Berlm tveiler gehe. So konnten wir wenigstens heimlich Abschiedsgriiße und Schwüre tauschen: Genug siir diesmal; ich will den Raum unseres Organs nicht über- übermäßig in Anspruch nehmen. Mögen nun die hiesigen Genossen fest zusammenstehen, auf daß es chne» gelinge, das Jahr JeBl ehrenvoll durchzukämpsen! X. Z. = Dresden, 2. Januar. Es war in Dresden gerade die Sedan- ieicr, das Fest für iialionalen Wahusiun, mit besonderem Lärm begangen worden. Man hane ein Striegerdenkmal enthüllt und die offizielle Spieß- bürger- Gesellschaft schivamm auf Kosten der Steuerzahler in Schnaps und Wonne. Mitte» im Taumel dieser Orgie hatten aber die Poftdiebe in der Ausübung ihres biederen deutschen Handwerks nicht gerastet und hatten glücklich ein von Dresden aus versandtes Paket mit Exemplaren des„Sozialdemokrat" ausgegriffeu. Ueber die zwiiselhafre Herkunst dieses Pakets habe ich früher schon berichtet. Bei dem notorischen Ungeschicke unserer Posträuber ist es auch säst nicht anders möglich, als daß sie es, um die„Entdeckung" zu machen, selbst ausgeben mußten. Daß dies ge- schehen, wird vollends klar durch den Umstand, daß weder der angegebeiic Abfendev, noch der Adressat auffindbar sind. Tre Unauffindbarkeit des Adressaten bildete den Borwand zur amtlichen Frbrechung des Pakets, man fand den verbotenen Inhalt, entdeckte serner, daß die Adresse angeblich von der Hand des Sozialisten H. Schlüter geschrieben mar, und nun gab es ein Extra Fressen zum Sedansest. Man erließ zur Feier des Tages den Hastbcsehl gegen Schlüter, übccgab ihn dem dümmste» der dummen Jungen, die hier als Untersuchungsrichter fungiren(derselbe heißt König und ist ein Streber ä In oiiien), und freute sich der„nasto- nalen That." Wie bei den barbarischen Festen der Wilden Sklaven ge- schlachtet wurden, so schlachtet man bei den barbarischen Festen der„ge- bildeten" Deutschen Sözialistcü. Schlüter war also vorläufig verhaftet, und eS galtz nun, einen Vorwand zu finden, um ihn trotz der Kleinigkeit, um die es sich nnr handelt, in Haft zu behalten. Der Vorivand wurde gesunden und ist charakteristisch, genug, um hier gewürdigt zu werden. Er tautet:„Schlüter hqbe sich bei früheren Prozessen seinen Strasuormen zu enkziehen gewußt, es sei daher zu besürdfien, daß er Zeugen beein- ftusse." Laut Strafprozeßordnung kommt dieser Grund für Vhitersuchungs- Haft nur dann in'Frage, wenn T h a t s a ch e n die Befürchtung recht- fertigen. Als eine solche„Thatsache" beliebte es dem Richter, die Frei- sprechung Schlüter'« in früheren.Prozessen anzusehen. Logisch geordpet, heißt dieses BersaHren also:„Strasnormeii hat jeder Sozialist nnbebmgt verdient: Wer sich denselben dadurch zu einziehen weiß, dast er sür seine Handlungen den Nachweis der Gesetzlichkeit erbringt, ist um so ge- s ä h r l i ch e r n u d darum um so fester z u halte n." Moral i „ E s. i st f o l st l i ch b e s s,e r, w e u.n man gegen das Gesetz hand.elt, man hat dünn eine Ehauee cur sich im r�terlichen Ver- fahreß." Tiefe Aüffordtrung zur Besetzlosigkeit, von den„Rrchtsbehörbcn" ausgehend, ist so handgreiflich, daß mau sich nicht wundern darf, man sie ausgiebig befolgt wird. Schlüter blieb also in Hast. Bei einem ersten Besuche, den ihm seine Frau im. Gesängniß abstattete, bemerkte der Unter- suchungsrichter, der sich natürlich frech dazu hinstellte, daß das Verhältniß der beiden Ehegatnii ein besonder« zärtliches sei und Frau Schlüter die Drennung vyn ihrem. Mann besonders schwer empsinde. Dieser Umstand veranlaßte dtn verkommenen„Richter", sofort ohne alle Motivirung die Berorduuiig zu erlassen, daß Frau Schlüter ihren Mann nicht mehr sprechen diirfc. Alle Reklamationen dagegen wurden höhnisch zurückgo- wiesen, während der ganzen Dauer der Untersuchungshaft durste Frau Schlüter ihren Mann nicht mehr sehen, indeß gemeinen Verbrechern nlit den Ihrigen Zusainmenküitste gestattet waren. Die Untersuchungshaft Schlüter's wurde frivol in die Länge gezogen; man schickte die Akten ili ganz Deutschland herum, und erst nachdem die»ssentliche Meinung in Dresden auf den Skandal aufmerksam wurhe—nach e l s W o ch e. n—, bequemte man sich zur Jnszemruiig einer Verhandlung. Wie dieselbe endete, ist bekannt. Schlüter wurde freigesprochen, weil die Absendung'wn :nc unauffindbare Person nicht als Verbrcimng gelten konnte. Die StaatSanwaltschast mar unverschämt genug, an das Reichsgericht zu appclliren, zu welchem seit Bestätigung des Paschky'schell Urchffls unsepe aus dem Rechtsgebiet vagabliiidikenden Nrkoer cm tiefes Vertrauen gefaßt haben. Die Entscheidung des RKchsgerichts steht noch in AnSsicht. Die b e l a st e n d e n V o r s r e i s p r e ch u n g e» Schlüter's sind um eine vermehrt, und das Ansehen der Kriminalpolizei nnd der inil ihr sralcrnisirenden Untersuchungsrichter(U n ter s n ch n ng s ri e ch e r neinil sie der VolkSwitz) hat selbst in den Mcgen von Philistern einen schweren Schlag erlitten. Die Sozialisten aber fangen: D bn hcil'ge Pcäizti, Juchheidi, beida, Schlüter der ist wieder frei, Juchheidi,.heida! Fehlgeschlagen iss die List, Ob er mm gebessert ist? Juchheidi u. s. iv. und die Polizei schäumte vor ZÄlth. Sie setzte sofort den Spitzelapparat in Bewegung, entde tte auch wirklich, daß die Sozialisten eine Landpartie vorhatten, und gab der Partie die nöthige Polizlistenbegleitung mit. Aber die guten Leute hatten einen schlimmen Tag. Dicht bei Pillnitz, dem königlichen Lnstschlosse, verschwand die ganze Gesellschaft, 300 Mann stark, vor ihren Blicken*), und wie sie auch suchen mochten, die Sozialisten waren von der Erde verschlungen, die Polizei stand im regendurch- weichleiHfriedrichsgrunde allein. Am andern Tage ermitteltc man' nur, daß in den stillen Dörfern am Elbesrrande die Marseillaise, von durch- zteheudeN Schaaren gesungen, ddirnernd mm sei, und im Pdlizeigebäiivc wurde eine Kollektion riesiger Rasen vertheilt. Das verdiente Rache. Man legte sich wieder am den Postranb und stahl mehrere Pakete, in welchen sich Exemplare' de« aus Drcsoilk Versandten Gedichtes„Der Aus- gewiesene" befände». Das Gedicht war nicht verboten, es diente auch nur der gleichfalls nicht verbotenen Bestrebung, sür die Familie» Ausgewiesener zu sammeln. Aber was that dies? G es e tz.e-s v e r l e tz n n g ist ja der Wahlspruch unserer Begehen. Es findet sich schon ein mitleidiger Paragraph in unserem Strasgesetzbuch, der sich als Vorwand sür eine Anklage und somit für die Uutersuchuiigshajt gebrauchen läßt. Sodachten die Herren von der Polizei und verhafteten am 15. Dez. Schlüter und den Arbeiter Fromm, weit diese Beiden der Versendung des Ge- dichtes„verdächtig" waren. Tie Sache drohte wieder ganz denselben Verlans zu nehmen, wie in Schlüter s vorigem Prozeß, doch stellte sich der Unterschied heraus, daß diesniat die lliitersnchnng zufällig keinem dummen Jungen, sonde n einem allen sächsisch. m Richter übertragen war, der-vor den hergebrachten juristischen Rechtssormeln wenigstens so viel Respekt hatte, daß er sie nicht, wie die Andern, aus Befehl der Polizei verletzte. Er setzte nach 10 Tagen die Gefangene» in Freiheit, da der Thatbestaud durch ein tsteftäudniß Schlüter'«, welcher zugab, 20,600 Exem place des Gedichte« über galt.; Deutschland verbreitet zu haben, klargelegt war. Die Festigkeit, DiSzipl u und Opserwilligkeil, welche bqi dieser Ge- legeuheit Genosse Fromm au de» Tag legte vgl. unsere vor. Rr. Red.), verdient, den Parteigenossen als Muster ewpsohlen zu werden, und ist um so mehr anzuerkennen, als der Jnhaslirte nicht in eine gewöhnliche Zelle, sondern in einen Käfig gesperrt war, wie er sonst nur siir wilde Thier« gebräuchlich ist. Von der Fensterlucke aus waren— um nur Eines zu erwähnen— spitze Eisenstangen nach unten gerichtet, und der Gefangene stieß sich, als er die Lücke erklimmen wollte, um einmal frische Luft zu schöpscu, eine solche Eisenspitze derart in den Kops, daß die Wunde heme noch nicht völlig gehellt ist. Ter Prozeß gegen Schlüter und Fromm dauert fort. Dies einige Bilder unseres Kampfes in Dresden. SciileSwig Holstrin Wie ijberall, so find auch hier Haussuchungen an der Tagesordnung. Geschnüffelt wurde/ so viel ich in Ersahrung gebracht habe, in Ottensen bei zwei Zigarrenarbeilern nnd einer alten Witlive. Die beiden erstgeiuimUen wurden verhaftet, doch soll einer der- selben wieder auf freiem Faß:'ein. In Elmshorn und Rends- bürg ichmisselte man ohne Mofgi In R e u m ü n st e r wurde» der Händler Plamheck und her Schuhmacher Bielenberg verhastet und ihre Papiere mit Beschlag belegt. In Flensburg, ist seit dem Bestehen de« famosen Gesetzes gegen die„Geiiieingesührlichen Vess.ebungcn:c." jllngst zum dritttii Male ge- haussucht worden. Da« erste Mal beehrte man die Genossen I. Krause und H. P f i tz n e v mit einem Besuche, doch wurde nichts StaatSgefähr-' licheS gesunden, nur ein„.Omnibus-Kalcnder" mußte die Reise zum Po-, lszcibureau machen. Dann wurde bei Genosse H. K ü t o w gchaussucht, und da bei ihm nichts gefunden wurde, versuchte Ulan ihn wenigstens einzuschüchtern und ihm auszustreiten, er besitze verbotene Schriften. Ange.iischeinlich hatte die saubere Gesellschaft Briese abgefangen, da sie so gilt Bescheid wußte, doch es war für dieses Mal nicht« zu machen, und die Herren entfernten sich sich mit dem Bemerken:„Run, dann wird es sich schon finden. Das letzte Mal, am 11. Dezember, kamen die Genossen Fechncr, H c l l w« g, D r c w s und Mahlte an die Reihe; bei den beiden Erstgeiiauiuen wurde RichtS mitgenommen, bei Drews nahm mau einen „Gewerkschafter" und Bracke s Bild mit, stellte es ihm jedoch am selben Tage wieder zu. Bei Mahlte machte man eine reichere Beute; mit genommen wurde Verbotene« nnd Richlverbotenes, denn die hiesige Po- lizei ist zu dumm, um zu wissen, was verboten ist und wa« nicht. Von Verbotenem fand man nur einige atre Nummern des„Sozialdemokrat" und 6 Exemplare der Flugschrift„An unsere Parteigenossen". Mahlke mußte selbst mit zur Polizei, wurde aber nach mehrstündigem Ausenthalr und bestandenem Verhör wieder entlassen; seine Schristen sind jedoch noch beschlagnahmt. Tic letzten Hausinchnngeu in Schleswig-Holstein sind jedensall« ans Kommando der Altonaer Staatsanwallschast erfolgt, es handelt sich dabei um den seiner Zeit aus Altona ausgewiesenen Kolpor- leur Schulz, bei dem man gelegentlich einen Tag vor seiner geplanten Abreise Haussuchung hielt und Mahlke's Adresse sand. Schulz ist, nach- dem er gestanden hatte, 100 Exemplare des„Sozialdemokrat" verkauft zu haben, zu 2 Monaten Gesängniß verurtheilt worden. Kilian. *) Doch nicht in'« Schloß? Anm. d. Setzers. Hesterreich-Wngaru — Unter kolossalem Zulauf(ca. 14,030 Tkeilnehmer) ist der deutich-österreichische Bauerntag am 10. Januar in Linz eröffnet worden. Schon in der Vorversammlung hat sich gezeigt, daß unter den Bauern ein stark oppositioneller Wind weht. Es wurde nämlich bcschlossen, von dem sonst üblichen Modus Abstand zu nehmen, und die Resolutionen des Bauerntages nicht durch eine Deputation, sondern einfach per Post dem Ministerium zu übersenden. Aus Oesterreich, 3. Januar 1881. Angesichts dessen, daß sich die Vorwürfe mehren, welche gegen die Arbeiterpartei Oesterreichs wegen des dem Ministerium Taafse durch die. Schwenderversammlimg crime- senen Liebesdienstes erhoben werden, dürfte es nicht überflüssig sein, zu köilstatiren, daß diese Versammlung von mehreren Personen auf eigene Faust arrangirt wurde, und daß die Partei jede Soli- d a r i t ä t In i l denselben in dieser Beziehung entschieden zurück- w e i st. Die Herren Marschall und Grösse sind es, welche aus Anregung des vi- Krön awetter die Versammlung in Szene setzten, und welche sich zur Deckung der Kosten derselben 500 FI. auszahlen ließen ji ob diese Summe vom Kabinet Taasse direkt öder, wse die beiden Arrangeure zu llhrer Entschuldigung(I) behaupten, von dem(erzkonserva- tiven d. R.j Grasen Hohenwart herrühre, ändert an der Sachlage nichts, eben- sowenig, ob sie die Summe für private oder Versammlungszwecke ausgegeben haben. Die haben einen Kompronuff mit der Regierung abgeschlossen, haben sich von derselben Straslosigkeit für die zu hastenden Reden ver- sprechen lassen und haben dadurch die P a r t e i k o in p r o m i t- r i r t: ob aus Gewinnsucht oder Dummheit bleibt- sich gleich. Roch mehr. Der Kaiser, der neben der Soldakenspielerei und der Maiwessenwirth- scdaft der Sözialistenhatz seine vornehmste Aiifmerksamkell widmet, und der überdies von liberaler Seite aufgestachelt worden war, wollte die Schwen- devversammlüiig verbieten lassen. Graf Taaffi über drohtd'-sür diesen Fall mit seiner Demission, da sein Srust-»unvermeidlich sei, wenn dev dsutschliberale Parteitag nicht paralhsirt werde. Dieser Erklärung geFeuUber zog sich der Kaiser zurllck und begnügte sich damit, einen k. k. Hossouricr-zu Grosse zu senden, der denselben ersuchen mußte, man möge nicht dlmonstrativ auftreten. Die S o z i a l d e m o k r a r i« Wien's ist es also, der das Kabiner Taafse seine Existenz verdankt. Selbstverständlich wußten die Parteigenossen nichts davon, als die Versammlung vor sich ging, selbst die meisten Redner mußten nichts davon, daß sie in einem Saale' sprachen, der mit Regierung»- geld gemiethel worden war. Man srente sich der Demönstratioil, da man ihre' Triebfedern nicht kannte. Nachdem diese aber bekannt geworden sind, halten wir es für Misere Pflicht, zu konstatiren, daß die Partei diesetben auf das entschiedenste verdammt. Und ebenso entschieden verdcMinlt die Partei die Stellungnahme der„Zukuiift" gegen Zürich. Siel, weist die' Verantwortung siir, die Akte einzelner Personen zurück, denen persönliche Neigungen höher stehen, als die Rücksicht auf das Wohl der Partei. Wir in"Oesterreich können keinen Streit brauchen, wir wollen uns. nicht schwächen, indem wir den Streit zwischen London und Zürich in unsere Reihen hereintragen. Die österreichische Partei erklärt, neutral bleiben zu wollen und es Jedem einzelnen zu überlassen, seine Syiupathicn London oder Zürich zuzuwenden. Es ist eine Lüge zu. behaupten, die Anhänger der Zürcher Richtung, seien in Oesterreich versehmt, und die österreichische. Partei zeige in„spontanen Demonstrationen" ihre Hinneigung zu Most. Tie österreichische Partei befolgt, u u a b h ä u g i g vom Auslände, ihre eigene Taktik, wie sie die eigenarligeii österreichischeu Verhätluissc er- fordern und s ie weist jeden zurück, d te.sie zum S p i c l b a l l verwandtschaftlicher oder p c I u n i ä r e r. R ü ck s i ch t e n h e r a b w ii r d i g e ii w i l l.— J— r. Diesem Berichte haben wir nur noch hiiizuzusiigeu, daß die Herren Marschall und Grosse die H a u P t k o lp o r t c u r e der von L ö n d o u ans gegen unsere Partei gerichteten Verleumdungen waren, daß sie die Parole, Alles was sich nicht gegen uns ausbeuten läßt, eiusach lodtzuschweigen, sanatisch befolgte»: Es freut uns, daß die österreichischen Sozialisten diesen Leuten das Handwerk gelegt haben, da- mit- dürsrc auch der Einfluß jener in Wien hinter den Kulissen azirenden Persönlichkeit gebrochen sein, die, nm die eigene Existenz ängstlich besorgt, unser» in Deutschland auf Vorposten stehenden Genossen nicht oft genug Feigheit, Jämmerlichkeit und dergl. vorzuwersen wußze. Die Red. Zlvauiörrich. — Mit Bezug auf die jüngsten interessanten Vorgänge in Frankreich geht uns von unserem dortigen Korrespondenten der folgende Bericht zu, dem wir nur wenig hinzuzufügen haben; Paris, l>. Januar. Das Ereiguiß des Tages ist die großartige Demonstration bei Gelegenheit des Begräbnisses des greifen Blanqni. Es war dies eine Demonstration, wie solche fdlbst Paris nicht oft zu sehen bekommt. Am Mittwoch den 5. Januar 11 Uhr sollte das Be- gräbniß vor sich gehen. Zahllos war die Menge, welche sich schon vor dex Zeil vor dem Hause, Boulevard d'Italic, ciugefuiiden hatte, iiud als mau sich endlich gegen 12 Uhr in Bewegung setzte, war es fast un- möglich, die angewachsene Menge sofort in einen regelrechten Zug zn ordnen. Voran gingen die sämmtlichen Vertreter der radikalen Blätter von Paris. Unmittelbar hinter dem Sarge folgten die zahlreichen Depu- taiionen' der Arbeiter-Korporationen, Freidenker-Ppreine von Paris nnd und den Provinzen mit ihren verschiedenen Fahnen, mächtigen.Kronen und Kränzen von gelben und rothen Immortellen. Der wohl eine Stunde ' lange Weg bis zum Pörc-Lachaise, war mit Menschen überfüllt, welche den Zug vorbcidefiliren ließen. Aus dem Bastille Platz angekommen, entrollte eine. Deputation ein großes rothes Tuch, in welches der Sarg Blanqm's chatte eingehüllt werden sollen, wovon aber aus Anordnung der. Juten- danlnr des Begräbnißplatzes Abstand genommen werden mußte. Mächtig ivehte es nunmehr»»ran, und als man der Julisäulr ansichtig wurde, stimmten die Vordersten des Zuges ein:„Es lebe die Republik!"„Es lebe die soziale Revolution!" au, welche« sich dein ganzen, ms Ungeheure angewachsenen Zug hin fortpflanzte, nnd in welches die gesammle, aus dem mächtigesi Bastille Platz angesammelte Dolksmasse mit einstimpite. Es war dies eine sozialdemokratische Demonstration, wie die West wähl noch keine großartigtre gesehen. Auf dem Begräbnißplatz Pöre-Lachaise angelangt, stockte der mächtige Zug etwas, doch ohne Unordnung anzu- richten gingen die nöthigcn Formalitäten von statten und erfolateli die verschiedenen Reden, deren auch nur auszugsweise Wiedergabe den Raum unseres Organs zu sehr in Anspruch, nehmen wllrde. Es gmügc anzu- deuten, daß fast alle geistigen Kapazitäten, welche Paris in sich birgt, und welche für Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit eintreten, am Grabe versammelt waren und Worte der Anerkennung..für das so selbstlose Wirken des greisen Döhwgeschiedenen sprachen. Aber auch Gelöbnisse wurden gegeben, sortzukämpseu in dem Sinne des Dahingeschixdeuen, bis das letzte Bollwerk der Thranneiimacht zertrümmert sei, und. die Völker, einig nnd frei, dem hehren Werke de« Friedens obliegen können. Die hauptstädtische Polizei mar überaus stark vertreten, doch verhielt sie sich im Gegensätze zum 23. Mai ziemlich anständig, und. die sich, immer wiederholenden Rufe:„Es lebe die soziale Republik!" schien heilte' für sie nicht das Zeichen zu sein, wie von einer Tarantel gestochen auszusahren und sich aus die„Uebelthüter" zu stürzen. Die ganze Demonstration ging vor sich, ohne von einer ernstlichen Ruhestörung begleitet zu sein, und hatten auch demzufolge keinerlei Verhastungen stairgefundeil. Tic Zahl der Theilnehmer des Zuge« wurde von hiesigen Blättern auf 100,000 angegeben, doch lassen solche Menschenmassen sich auch nicht im Entfern- testen genau teststellen. Em anderer für Frankreichs fortschreitende Entwicklung höchst bedeut« samer Vorgang spielt sich ab, während ich diesen Bericht schreibe. E» finden in ganz Frankreich heule die Gemeinderathswahlen statt und wird allem Anscheine nach in den Provinzen da« entschieden republikanische Element, frei von allem Opportunismus, mizweiselhafl den Sieg davon- tragen. Hier in Paris aber haben diese Wahlen fllr uns ein ganz beson- deres Interesse. Die o r g a n i s i r l e sozialistische Arbeiter- Partei tritt zum ersten Male in die Arena und hat in 15 der 20 Arondissemeitts, in welche Paris cingetheilt ist, selbstständige Kau- didaten aufgestellt. Es ist allerdings fllr die meisten derselben wenig Aussicht auf Ersolg, weil einerseits die Mittel fehlen, und die Genossen, eir so di, de dil H ar D w ui A ol d. Ä. it 1( h d n c i zum ersten Male in Aktion tretend, des Kampfens nicht gewohnt sind, andererseits aber, weil sie einen Gegner vor sich haben, welcher in politischer Beziehung fast auf demselben Standpunkt steht als sie selbst. Jedes Arondissement ist in 4 Bezirke eingetheilt, von denen jeder einen Munizipalrath zu wählen hat. Im 20. Arondissement(Wahlkreis Gambctta's) werden wahrscheinlich die aufgestellten Arbeiter gewählt wer- den, der soeben ans Neukaledonien zuriickgekehrte Trinquet(Schuhmachers ist n. A. hier Kandidat, so auch zum Theil im 19. Arondissement: Ouartier La Billette. Das 11. Arondissement(Quartier Popincourt), das demokratischste und revolutionärste von ganz Paris, hat sich den Luxus erlaubt, sich von drei einander entgegenarbeitenden sozialdemokra- tischen Zenttal-Wahlkomites bearbeiten zu lassen. In diesem Arondisiement haben die Opportunisten es nicht einmal der MUHe sllr werth gehalten, ernstlich in den Wahlkamps einzutreten, sondern haben das Feld den sich gegenseitig bekämpsenden Sozialisten überlassen. Es ist dies ein Zeichen von der Unbeholsenheit der Arbeiterpartei im Wahlkampse. Sie hatte es unterlassen, bei Zeiten mit den Kandidaten und der Agitation hervorzutreten; die Folge war, daß sich inzwischen ein Komite gebildet halte, welches sich den Namen„Republikanisch-radikal-sozialistisches Zentral- Wahlkomite" beigelegt hatte und die Kandidaturen der Mitglieder der Kommune Charles Longuet, Jourde(Finanzminister der Kommune) und Theiß ausstellte, während siir die eigentliche sozialistische Arbeiterpartei Aug. Corsin, Portefeuillearbeiter, Achille Corsin, Spengler, und der Schriftsetzer Allemane kandidiren. Vom prinzipiellen Standpunkte ließ sich gegen die ersteren Kandidaturen wenig ansühren; es war ein Fehler, daß zuvor keine Verständigung erzielt werden konnte. Nichtsdestoweniger wird dieser Wahlkreis 4 Sozialdemokraten in den Gemeinderalh schicken und für das nächste Mal wird es eine heilsame Lehre sein.(Im 15. Arondissement( Quartier de Javel) hätte das sozialistische Arbeiter- Wahlkomite gerne unfern Freund B. Malon aufgestellt, doch lehnte derselbe trotz wiederholter Aufsordernng unter Hinweis auf seine in Nr. 1 der„Emanzipation" gegebene Erklärung entschieden ab. Er habe einmal sein Wort gegeben, bei den bevorstehenden Wahlen nicht zu kandidiren, um desto lebhafter siir sie eintreten zu können, und wolle nun sein Wort nicht brechen.„Wir müssen zeigen," schrieb er in seinem dritten Briefe an das Komite,„daß man in unserer Partei eingegangene Verpflichtnn- gen hält" Obgleich wir mit dem Komite die Ablehnung an und für sich bedauern', denn Malon's Wahl wäre sicher gewesen, können wir doch dem Verhalten unseres Freundes nur zustimmen. Die Erklärung selbst hielten wir seinerzeit für einen Fehler, denn sie hat die Redakteure der„Eman- zipation" vor den Verliumdungen der Anarchisten nicht geschützt. Im 4. und 13. Arondissement kandidirt der Blanguist Eudes, ini 10. Arondissement der in Gens bekannte Schrislsetzer Piöron. Von sonstigen Kandidaturen heben wir noch hervor: G a i l l a r d Vater, Schuhmacher, bekannter Barrikadenkämpfer ans der Kommune(1 und 2. Arr.); C h a b e r t, Graveur, eifriger Agitator(19. Arr.); sowie als Zählkandidat in ver» schiedeneu Vierteln den als Kämpfer des Junianfstandes(1848) über 30 Jahre ini Kerker gehaltenen Sträfling N o u r r i t. Anmerkung der Redaktion.) In den weitaus meisten Bezirken läßt die Agitation viel zu wünschen übrig, aus dem schon angeführten Grunde: Mangel an Mitteln. Wie mächtig aber der sozialistische Gedanke allüberall Wurzeln geschlagen hat, läßt sich daraus ersehen, daß fast alle Kandidaten, welche Anspruch er- heben, gewählt zu werden, sich den Namen:„republikanisch-sozialistisch- radikal" beilegen. Nur die Mitglieder der„Prolestpartei", welche vorgeben, Thron und Altar zu schützen und für welche in verschiedenen Arrondisse- ment« die Pfaffen und Nonnen von Wohnung zu Wohnung agitiren, verschmähen es, mit dem sozialistischen Schilde zu prunken. Wenn die Arbeiterpartei aus dem sich abspielenden Wahlkampfe eine Lehre ziehen und dieselbe bei den im Sommer stattfindenden Deputirtenwahlen beher- zigen wird, so kann man jetzt schon getrost behaupten, daß Paris, da« politisch bedeutungsvollste Gemeinwesen der Welt, eine sozialistische Ver- tretung haben wird, und daß von Paris her die Sturmglocke der Frei- heit auch den kämpfenden deutschen Proletariern die Erlösung aus der Knechtschaft verheißen wird. Im Lause des gestrigen Tages sind die letzten Kommunards von Neu- kaledonien hier angelangt, und aus das Herzlichste empfangen worden. Trinquet, welcher sich unter ihnen besand, hat gestern Abend schon einer zu Gunsten seiner Wahl anberaumten Versammlung beigewohnt und wurde mit stürmischen Hochrufen begrüßt. LX. Der Ausfall der Wahlen hat die Erwartungen unseres Freun- des nicht bestätigt, wohl aber seine Bemerkungen über die Agi- tation unserer französischen Genoffen. Dieselben sind viel zu spät in den Wahlkampf eingetreten, es mangelte ihnen außerdem an den nöthigen Mittel» und vor allen Dingen an der nöthigen Organisation. Die letztere mit allen Mitteln hintertrieben zu haben, ist das Verdienst der Herren Anarchisten von der«Käv. sociale». Uebrigens muß roch einmal hervorgehoben werden, daß trotz alledem die Wahlen ein Umsichgreifen des sozialistischen Gedan- kenS dokumentiren, da die meisten Gegenkandidaten der Arbeiter Partei sich auch als„Sozialisten" bezeichnen mußten. Daß sie durch dieses Manöver Erfolge erzielten, ist— noch einmal sei es gesagt— Schuld der mangelnden Organisation. Direkt gewählt ist kein Kandidat. In die Stichwahl kommen: Trinquet(Ouartier Pere Lachaise), Ch abert und Faillet (Quartier Javel). Namhafte sozialistische Minoritäten wurden gleichfalls eroelt, in vielen Bezirken blieb indeß die Stimmenzahl weit hinter den Erwariungen zurück! Das Gesammtresullat in Paris>st»ach dem„Citoyen" folgendes: Radikale Republikaner Radikale Sozialisten, außerhalb der Arbeiterpartei stehend Sozialistische Arbeiterpartei Reaktionäre Gambettistische Republikaner Für das erste sclkstständige Eintreten dieses Resultat immerhin ein eimuihigendes; in diesem Sinne wird es auch von unfern Parisern Genossen aufgefaßt. Günstigere Nachrichten liegen ans der Provinz vor: In Lyon wurde ein Sozialist gewählt, zwei kommen in die Stichwahl; in der Fadrilstadt Roanne wurden 5 Kollektivisten gewählt, auch in Marseille scheint das Resultat ein günstiges gewesen zu sein, doch fehlt ein detailliner Bericht noch. Mögen sich unsere französischen Brüder die Erfahrungen, die sie in diesem Wahlkampf gesammelt, für die Zukunft als Lehre dienen lassen. Hroßbritanuieu und Zirlaud. — Tie Jrländer werden immer ungemüthlicher. Der Papst hat ihnen zwar sagen lassen, sie mögen artige Kinder sein und den gesetzlichen Weg innehalten, da er ihnen aber nicht gleich- zeitig mitttheilte, wie sie sich dabei ihrer Blutsauger erwehren können� so dürfte das irische Volk seiner eigenen Energie mehr vertrauen, als den weisen Rathschlägen des alten Herrn in Rom Sind sonst gute Katholiken, die Jrländer. Aber wenn die Pfaffen mit ihren Schindern gemeinsame Sache machen, dann müssen sie sich darauf gefaßt machen, sammt ihnen eines schönen Tages zum Teufel zu fliegen. 97,837 Stimmen. 9,156 14,786 45,386„ 90,386 in den Wahlkampf ist In der Kammerk' theilte Parnell mit, daß in der ersten Hälfte des letzten Lahres 1 69 6 Pächter mit einem Fa- milienstande von 8480 Personen aus ihren Pacht- gütern vertrieben wurden! Und dieser Herzlosigkeit gegen- über wundert man sich, wenn hier und da ein verhaßter Land- lord oder eines seiner Subjekte dem empörten Gefühl des Volkes zum Opfer fällt. Herr Gladstone verlangt von der Kammer außerordentliche Vollmachten zur gewalt'amen Unterdrückung des Aufstandes und agrarische Reformen zur Versöhnung des irischen Volkes. Mit den ersteren werden die Herren schnell bei der Hand sein, mit den„Reformen" wird man aber so lange schachern und feilschen, bis das irische Volk entweder mit Gewalt„zur Ordnung" ge- bracht worden ist, oder aber-um Aeußersten sich entschließt und den Kampf auf Leben und Tod unternimmt. Und dann dürfte die Welt etwas erleben. Hlordamerika. — Nach der n ernsten Volkszählung hat sich die Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Amerika seit 1870 um 11,594,188 Personen vermehrt, so daß die Einwohnerzahl sich jetzt auf 50,152,599 beläuft. Zu diesem schnellen Zuwachs bemerkt die Londoner„Times": „In einem Lande, in dem die allgemeinen Lebensbedürfnisse so hoch sind, wie in den Vereinigten Staaten, sind die Ergebnisse der Volkszählung kein schlechter Anzeiger für das Wachsthuni des nationalen Wohlbefindens. Diese fünfzig Millionen sind keine arme, dürftige, ungebildete Masse, wie sie durch ein so großes und schnelles Anwachsen der Bevölkerung in jedem europäische-, Staate erzeugt sein würde. Sie sind wohlgenährt, gut gekleidet, wohlhabend und in der Regel gut erzogen. Es gibt für sie alle Raum und für»och einmal so viel während der nächsten zehn Jahre. Wir können nur mit einem gewissen Neid auf eine Nation blicken, deren leichtes Laos es ist, fortzuschreiten, zu gedeihen und die guten Sachen aufzulesen, welche ihr Fortuna in den Schooß wirft." Nun, gar so glänzend, wie das Cilyblatt meint, steht die Sache drüben eben nicht. Es gibt auch dort Elend und Roth in Hülle und Fülle, und je dichter die Bevölkerung wird, je mehr der Kapitalismus anwächst, um so mehr wächst auch drüben das Proletariat, die„arme dürftige, ungebildete Masse". Freilich sind die„Vereinigten Staaten" von manchem Uebel verschont, unter dem wir Europäer noch leiden, konnte doch schon Göthe singen: Amerika, du hast es besser, Als unser Kontinent, das alte, Hast keine versallenen Schlösser"— Wenn unsere europäischen Schlösser wenigstens wirklich„ver- fallen" wären! Aber nicht einmal so weit haben wir es ge- bracht.— Anarchistisches. — Es war natürlich vorauszusehen, daß die„revolutionäre Kriegs- Wissenschaft" unsere deutschen Pächter der Revolution in höchliches Ent- zücken versetzen würde. Die guten Leute merken gar nicht, wit sehr man sie zum Besten hat. Wird ihnen da alle» Ernstes empfohlen,„als noth. wendiges Vorbereitungsmittel zur kommenden Revolution"—„die Er- richlnng eines internationalen statistischen Bureaus zu London, wo genaue Berichte von allen Hauptstädten Europas Uber die in denselben gelagerten Kriegsmaterialien zu sammeln wären, serner deren Ausbewahrungsort, die daselbst stationirteu Truppen, deren Geist, Listen und Wohnplätze aller Offiziere, Beamten, Abgeordneten oder aller anderen Persönlichkeiten, die aus den Widerstand irgend welche» Einfluß haben könnten, serner der- jenigen Räumlichkeiten, in denen Chemikalien, Pulver, Dampsmaschiucn u. s. w. zu finden sind, kurzum Statistiken aller jener Materialien, aller jener Informationen, die für einen gewissen Fall von Vortheil sein könnten." Sollte der„Oberst"— unter dem thuts nämlich der„Xn-arcKigt" nicht—, der diese Rathschläge gibt, wirklich nicht wissen, daß man drei Viertel von alledem aus den gewöhnlichen Adreßbüchern, aus den militärischen Hand- und Jnstruktionsbüchern viel schneller ersehen kann? Den Geist der Truppen aber„statistisch" sestzustellen, das ist eine vortreff- liche Idee. Wenn diese Erhebungen nur den Werth der bekannten Stim- mungsberichte haben. Auf was die Leute nicht Alles verfallen, wenn sie nichts Gescheidtes zu thun wissen! — Wir nehmen Notiz von der Erklärung, daß L. Hartman»„aller- ding«" Mitarbeiter des„Tdo An-arcbist" ist, und es auch fernerhin zu bleiben gedenkt. �prechsaai. Landesansschuß der organisirten deutscken Sozialisten in der Schweiz. In der Sitzung vom 5. Januar gelangte zur Mittheilung, daß sich bisher außer in Zürich an solgeuden Orten Genossen der Organisation angeschlossen haben: Chur, Liestal, Wyl, Rheinselde», St. Gallen, Winter- thur, Luzern und Ollen; in Tavosplatz, Franenseld, Basel, Lichtensteig Baden und Biel ist der Anschluß angeregt. Ferner gelangte zur Mittheilung, daß die aus der Konferenz zu Ölten anwesend gewesenen Delegirten Bernstein, Beyerer, Fritzenschaft, Georg, Kennerknecht, Ramm und Seubert, sowie die ebenfalls dort befindlich gewesenen Genossen Härer und Tanscher die Erklärung abgegeben, daß die Auslassungen des Delegirten Beck(Gens) über die im„Sozialdem." gebrachten Verhandlungen jener Konferenz unrichtige, der Bericht des ".Zozialdem." im Gegentheil ein gänzlich objektiver und wahrheitstreuer gewesen sei. Der Ausschuß beschloß, die Kosten zur Einführung der neuen Organi sation, welche von Zürcher Genossen gedeckt worden waren, seinerseits zu übernehmen. Die deutschen Genossen an den Orten, wo noch keine Anregung zum Anschlüsse gegeben wurde, die sich aber der Organisation anschließen wollen, werden ausgefordert, sich zu diesem Zwecke mit dem Vorsitzenden des Landesansschnsses, C. Härer, Storcheng. 8 in Zürich, in Verbindung zu setzen. Werthe Redaktion! Ihrer jüngsten Warnung habe ich noch nachzutragen, daß Schneider Hecht ans Bayern, Oberpfalz, ein ganz gemeiner Dieb und S ch Win Irl e r ist. Er wurde bereits vor Jahren im„Nllrn- berg-Fürther Sozialdemokrat" wegen Diebstahl und Schwindelei, die er an Genossen verübte, ausgeschrieben und sogar polizeilich wegen benannten Handlungen versolgt. Bverdon, 5. Januar 1881. M. G r a ß e r. Brieftasten der Revaktion: G. Rr. in Rlgen: Wir furchten, den anerkennenswerthem Geschick geschriebenen Blatt zu schaden, wenn seiner lobend erwähnen. Uebrigens ist es bisher der Redaktion m direkt und sehr unregelmäßig zugegangen.— R. in L.: Wird bt nächsten passenden Gelegenheit benutzt. der Expedition: B. Gens: Fr. 2,— Ab. 4. Qu. 80 erh. hauptet haben Ihre Kollegen Biel, bewiesen gar nichts. Un rum so eilig ins Bockshorn?— F. Brtk. Bern: Fr. 2,— Ab. 1. erh. Dank u. Erwiederung.— A. M. Jvr.: Mk. 3,— 1. Qu. er A. G. R: Mk 3,— Ab. 1. Qu. erh. Wunsch wird erfüllt, da wn erst das Empfohlene zu Gesicht bekamen.— Jürgen Gaardmann: S 2. ds. hier. Antwort folgt. Gruß!— A. A.---g i. Schles.: Mk. f. Ab. 1. Qu. u. Rep. erh. Mitthlg. betr. K. an geeignete Stelle mittel!.— Rothkehlchen: Mk. 133,10 f. Ab. u. Schst. nebst Anfstellg. 10 neue s�j vorgemerkt. Bfl. mehr.— Ahasverus: Wie steht's mit Schrft.-Clo. von drüben? Ausschl. bald!— Rothschwanz: Mk. 6,— 1. Qu. erh. u. nachgel. Nichts mehr an D. P. senden.— Redhai notifizirt. Ueber Aussall v. B. u. F. verlangt die Revis. Belege, über Postwerthzeichen per Nro. Gruß u. Dank!— Osw.-Mhrt. A Fr- 15,40 f. Schst. u. F., sowie 4. u. l. Qu. Ab. ic. erh. Ptzlr. nicht rascher. Weiteres per P.-K.—(500): Mk. 4,50 Ab. 1. Qu. i M. erh. Alles beachtet.— Pesca—: Mk. 21,60. Abon. 4. Qu. 80 M u. s. w. erh. am 6.1. geantw. Prosit!— Schmid Philad. u. Z Lawr.: Fr. 20,25 Ab. 1. u. 2. Qu. durch F. i. L. erh. Sdg. im G — 674 Pfassenseind G. St.: ö. fl. 5,— f. Ab. 4. n. 1. Qu. u. Schst. Ihr Guth. noch Fr.—,63. Sdg. ab W. unmögl. Abwechslg. folgt. u. s. w. fort.—— t— e Paris: Krzbdr. nach Borschr. abgeändert D. B. Frauenfeld: Fr. 2,— Ab. 1. Qu. erh.— G. Weber Aa Ab. 1. Qu. f. d. D. B. erh.— W. D. Md.: Fr. 7.40 Ab. 1.> Qu. erh., das Abonnement eines verbotenen Blatte? ist nicht straf nur die Verbreitung, also Vorsicht beim Weitergeben!— Condor:? Bse. hier. Für Mk. 2,— Muster liegen bei dem Ausstehenden.— Sch— ttel: Betr. Bestllg. v. 7. ds. briefl. am 10. berichtet.— Rothh: Bs. d. R. u. E. erh. Ersterer abgereist, also löschen wie H. dase Hr. ward stets besorgt.— Bgr. H— s— sen: Ordre aus 300 ab 1. 10. erh. Liesern mit 3. Frdl. Gruß u. Glück!— Peter Blitz: Bsl. Jyc---- am 10. ds. geschr. Mehrbestllg. folgt nebst Ergänz! u. 2.-- C. a. R.: Mk. 10,— Ab. u. Schst. erh. Rest p. 4.- Mk. 21,35. Brs. u. Nota am 10. fort. Senden fortan 50 u. Weit« nach Wunsch. Fehlendes kommt vielleicht noch.— Ag. d. B.'ft M.-Pillen Fg.: Mk. 12,— Ab. 1. Qu. erh. Soll den Patienten ein: oder auf einen Rutsch gedient werden? Schrieben am 10. an L. G. — y. Altdf.: Fr. 5,40 Ab. 1. Qu. erh. u. geliefert.-- l— r. Als« Mk. 3,— Ab. 1. Qu. erh., Alles abgesandt.— I. K. Bg.