Erscheint Wöchentlich einmal in Zürich lSchweiz) Nerli, A. Herter, Zndustriehalle Riesbach-Zürich Aotseuduugtll franco gegen franco. Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz kosten Doppelporto. Der SoMliiemckrat Zentrat-Hrgan der deutschen Sozialdemokratie Abonnements wnden»ur beim Vcrlag und d«ff«n btlannltn Agenten ent» gegengenommcn und zwar zum vorau»»alzlbare» Vierteljahrspreis von; Fr. 2.— für die Schweiz fNreuzband) MI. 2.— siir �eu'i�'.and'iau»»rt> fl. 1. 70 für Oesterreich(ttouont) Fr. 2. SO für alle übrigen Linder diS Weltpostvereins lilreuzbandj. Jllsrrite Die dreigespaltene Petitzeile 25 Et«.--- 20 Pfg. N? S. Sonntag, 30. Januar. I88tt. «MU- Ali» i» die Kirresxiidklltti Iii Ad»»»e»tei>e»„S-iiildtmikrit".'?» »>>.*>.'S.01.ilQlb"?'>frQl* s°>°°hl in Deutschland als auch in Oesterreich verbolen ist. de, w. verfolgt wird, und die dortigen als möglich an den.Sozialdemolrat', resp. d-ffen»erlag selbst adresstren, sondern sich möglichst an irgendeine unverdächtig« wegorven st« alle Muhe geben, unsere Berbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp. Briese von dort an uns Adresse austerhalb Deutschlands und Oeiierrcichs wenden, welche stch dann mit uns in Verbindung seht; anderseits aber, da* «no vsslere Zeitung«, und sonstigen Sendungen nach dort abzusaugen, so ist die äusterste Vorficht im Postverlehr nothwendig und auch an» möglichst unverfängliche Zustellungsadressen mitgeiheilt werden. In zweifelhaft-» Fällen empfiehlt stch b-husS grösterer »arp»eine VorstchtSmaßregel versäumt werden, die«riefmarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt Sicherheit«elommandirunq. Soviel an uns liegt, werden wir gewist weder Muhe noch Kosten scheuen, um trotz aller cn«. Sendungen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen. Hauptersordernist ist hiezu einerseits, dast unser- Freunde so selten[ gegenstehenden Schwierigleiten den. Sozialdemolrat' unser» Abonnenten möglichst regelmästig zu liefern. Parteigenossen! Vergeßt der Verfolgten nnd Gemaßregelten nicht! Die zehn Gebote. Die Religion ist unserem Volke abhanden gekommen, so wird allgemein geklagt, und auch wir gestehen betrübt zu, daß die öffentliche Moral tief untergraben ist. Pflicht einer wohl- gesinnten Presse ist es daher, ihr Möglichstes zur Wiederher- stellung der guten Sitten zu thun, und da auch wir auf den Titel„Wohlgesinnt" Anspruch machen, so glauben wir dieser Aufgabe nicht besser nachkommen zu können, als indem wir nach und nach die heiligen zehn Gebote, die wohl mancher unserer Leser schon vergessen haben mag, an hervorragender Stelle abdrucken und mit Beispielen aus dem Leben näher er- � läutern. Für die gegenwärtige bürgerliche Gesellschaft, deren Grundlage die„Heiligkeit des Eigenthums" bildet, isi sicher das wichtigste das siebente Gebot. Beginnen wir daher mit diesem. Das siebente Gebot. Du sollst nicht st e h l e n! Unter Diebstahl versteht man im Allgemeinen jede heim- liche widerrechtliche Aneignung fremden Eigenthums, gleichviel ob dasselbe Privatleuten oder einer Gemeinschaft, Gemeinde oder Staat gehört. War das Eigenthum der betr. Person zur Verwaltung, Verwahrung u. s. w. anvertraut, so nennt man die widerrechtliche Aneignung Unterschlagung. Die offene widerrechtliche Aneignung nennt man Raub. Die Begüusiiguvg mm Rauh, Di»l>s».,hl Uui-rkRtn.,.»-» dadurch, daß man hilft, das widerrechtlich angeeignete Gut in Sicherheit zu bringen, nennt man Hehlerei. Und der Volks- 'mund sagt: der Hehler ist so gut wie der Stehler. Nehmen wir einige Beispiele: Ein verhungerter Proletarier sieht einen Bäckerladen un- bewacht. Schnell tritt er hinein, nimmt sich ein Brod und schleicht hinweg, seinen Hunger zu stillen. War das Diebstahl? Ja! Der Mann ist ein Dieb! Ein schlechtbezahlter Subalternbeamter kann seine Miethe nicht bezahlen, und aus Furcht, mit Weib und Kind auf das Pflaster geworfen zu werden, entnimmt er einer ihm au- vertrauten Kasse die nöthigen fünfzig oder hundert Mark. Ist das Unterschlagung? Ja! Der Mann wird, kommt die Sache heraus, infam kassirt. Von Rechtswegen! Wenn Peter nach Verabredung mit Hans einen Hundert- ftankenschcin stiehlt und Hans ihn, damit Peter nicht ertappt wird, gegen Entschädigung einwechselt, so ist Peter der S t e h l e r und Hans der Hehler. Es gibt aber auch Handlungen, die anscheinend den oben gekennzeichneten ähnlich, in Wahrheit aber gerade das Gegen- theil davon sind. Hierfür ein Beispiel aus der Wirklichkeit. Es war im Jahre 1848. Der damalige Prinz von Preußen, jetzt Kaiser von Deutschland, hatte sich als Postillon Lehmann mit abrasirtcm Schnurrbart aus Berlin und Preußen vis Hamburg nach England geflüchtet. Die preußische National- Versammlung war zusammengetreten,— da stellte sich die wun- derbare Thatsache heraus, daß der Staatsschatz vollständig leer war. Und doch wußte man, daß Anfang des Jahres noch viele Millionen Thaler im Schatz aufgespeichert gelegen hatten. Wo war das Geld geblieben? Auf direkte Anfrage erklärte der Finanzminister Hansemann, der Vater des mit Bleichröder gleichzeitig geadelten Direktors der Berliner Diskonto-Gesellschaft, es sei das ein dunkler Punkt, über den er nicht sprechen könne, man solle die Ge- schichte mit dem Mantel der Liebe zudecken. Das Geld war und blieb verschwunden, die erstarkende Reaktion machte jede weitere Frage nach dem Verbleib un- möglich. Sollte vielleicht eine Diebsbande?— Gemach, die Sache lag anders. Nach Varnhagen von Ense's Tode veröffentlichte Ludmilla Aising dessen Tagebücher. Da steht zu lesen, wie der preußische Staatsschatz bei Nacht und Nebel aus dem Berliner Schloß- keller in Sprcekähnc geladen und heimlich via Hamburg nach London geschafft worden ist. Die Thatsache ist konstatirt und nicht einmal bestritten worden. König Friedrich Wilhelm IV. ließ das Geld in der Bank von England sicher anlegen. Der preußische Staatsschatz hat nie wieder etwas davon zu sehen bekommen. War das Diebstahl? Nein und tausendmal nein! Oder war es vielleicht Unterschlagung? Nichts weniger als das. Raub war es aber auch nicht, da das Geld heimlich fortgeschafft wurde. Was war es denn? Wir wissen es nicht, aber keinesfalls war es etwas Unrechtes, denn Könige begehen nie Unrecht, und preußische erst recht nicht. Uebrigens ist Friedrich Wilhelm IV. todt und sein Bruder Wilhelm ist sein Haupterbe. Wilhelm I. aber ist ein ganz besonders stommer Mann, der sich nie der tiefsten Rührung erwehren kann, wenn er die Glocken') der Potsdamer Garnisonkirche das schöne:„Ueb' immer Treu und Redlichkeit" spielen hört, und wir sind seines allerhöchsten Beifalls gewiß, wenn wir nun wieder zu unserem Thema zurückkehren und dem arbeitenden Volke die Heilig- Haltung des siebenten Gebotes recht sehr ans Herz legen: Du s o l l st nicht st e h l e n! Das winzige Mäuslein. Sollten da im neuen preußischen Reiche deutscher'Nation alle Arbeiter selig gemacht werden. Des deutschen Reiches Kanzler setzte sich nieder in Friedrichs- ruhe Monate lang und kreisete und es eilten ihm zu seiner Hülfe zahlreiche„Sachverständige" aus allen Landen. Mindestens ein Elephant, ein gewaltiges und auch ein edles Thier! So rief man in die Welt hinaus. Die Stunde der«kommen: erwart"' sua ,v,. («gen rnc betreuen die WehM«« K endlich, in stöhnt gewaltig auf; Er ist entbunden! Aber trotz der großen Schmerzen, welch' klägliche Geburt! Ein winziges piepsendes Mäuslein hat sich dem Schooße ent- wunden— Enttäuschung, selbst bei der gesammten Gevatter- schaft. Der Ar beiterunfallversicherungsentwurf ist von dem Reichskanzler dem Bundesrath zur Berathung überwiesen worden— wahrlich ein kleines Mäuslein trotz des 47 Paragraphen langen Schwanzes. Zuerst hieß es, daß die Arbeiter versichert werden sollten gegen Unfälle, Krankheit, Invalidität und Altersschwäche durch eine einzige große Reichsversichernngsanstalt- und nun ist es bei einer einfachen Unfallversicherung geblieben, welche im Haftpflichtgesetz und den verschiedenen Privat-Unfallver- sichcrungen ähnlich schon besteht. Und deshalb ein so großes Geschrei! Nur einige Andeutungen mögen genügen, um zu zeigen, weß Geistes Kind der Entwurf ist. Zunächst sind alle landwirth- schaftlichen Arbeiter ausgeschlossen— der lieben Junter wegen— und dann auch die Eisenbahnarbeiter— des Rcichseiscnbahn- projektes wegen.— Das Hastpflichrgcsetz schützt nur die Eisenbahnbeamten und-Arbeiter, welche unmittelbar bei dem Eisen- bahnbetrieb, d. h. bei dem Betrieb, welcher das Fortbringen der Züge direkt bezweckt, verunglücken. Zahlreiche Eisenbahn- arbeitet, welche bei dem Rangircn der stehenden Züge ver- unglückten, sind von den Gerichten der unbestimmten Fassung des§ 1 des Hastpflichtgesetzes wegen mit ihrer Forderung abgewiesen worden. Und alle diese Arbeiter sind auch von dem neuen Unfallversicherungögesetz ausgenommen! Aber weiter: DaS Haftpflichtgesetz bietet volle Entschä- digung bei Unglücksfällen, während das Arbeilcrversicherungs- gesetz nur zwei Drittel Entschädigung des bisher bezogenen Arbeitslohnes in Aussicht stellt und noch dazu derart, daß in den ersten vier Wochen nach dem Unglücksfall gar� nichts bezahlt wird. Außerdem aber wird bei Eintritt des t.odeö den Hinterbliebenen nur eine Summe höchstens bis zu 5(1 Prozent deS Arbeitslohnes des Verunglückren ausgezahlt. Schon diese Härte allein genügt, um das Gesetz zu kennzeichnen. Noch mehr: Das Haftpslichtgcsetz bringt den Arbeitern keine direkten Ausgaben, während das Arbeitervcrsichernngsgesetz allen Arbeitern, die jährlich mehr als 750 Mark verdienen, die Hälfte der Zahlung der Versicherungsprämie auferlegt, während dem Betriebsunternehmer die andere Hälfte zufällt; bei Arbeitern unter 750 Mark Jahreslohn zahlt der Arbeiter selbst nichts, sondern es werden die Landarmenverbände mit einem Drittel der Versicherungsprämie heranzogen. Wie man aber den Jahresverdienst eines Arbeiters überhaupt festzustellen gedenkt— gegenüber der Beeinflußung desselben durch Krank- heit, Witterungsverhältnisse, vorübergehende Arbeitslosigkeit, Stellenwechsel u. s. w., davon sagt er uns nichts, der lang ausgebrütete Entwurf. Natürlich wird der§ 2 des Haftpflichrgcsetzes auf- gehoben. Da liegt des Pudels Kern. Anstatt diesen zu er- >) Im siebenjährigen Kriege aus Hubertusburg„erobert". Anmerkung de« Setzer». weitern, denselben auf die Baugewerbe, auf alle Eisenbahn- arbeiter und auf die Landwirthschaft mit Maschinenbetrieb auszudehnen, anstatt die Beweispflicht, daß das Unglück durch eigene Schuld des Verunglückten entstanden sei, dem Unter- nehmer zuzuschieben— hebt man diesen Paragraphen einfach auf und schiebt das ominöse Arbeiterversicherungsgesetz an seine Stelle. Gäbe es kein Haftpflichtgesetz, welches zwar, wie die häufigen Anträge der sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichslage gezeigt haben, sehr verbesserungsbedürftig ist, dann könnte man in dem Arbciterversichcrungsgesetz-Entwurf wenigstens so etwas von gutem Willen erblicken; das Gegentheil aber ist der Fall, das Haftpflichtgesey, auf dessen Grundlage für das Interesse des Arbeiters besser gesorgt werden könnte, soll beseitigt wer- den, und daher muß dem neuen Gesetzentwurf von Seite der Arbeiter ein kühles Nein! entgegengestellt und die Erweiterung und Verbesserung des ersteren Gesetzes gefordert werden. Die Blätter der Fortschrittspartei sehen in dem„Mäuslein" übrigens schon einen sozialistischen, die„Vossische Zeitung" gar einen kommunistischen Elephanten! Deshalb treten sie dem Gesetze entgegen, nicht aber aus Fürsorge für das Wohl der Arbeiter. Und vom Standpunkte der M a n ch e st e r t h e o r i e haben sie allerdings Recht, gegen den Entwurf aufzutreten, denn er ist unbestreitbar staatssozialistisch. Aber die Herren mögen sich beruhigen, gerade dieser Entwurf zeigt die er";eigk?�'b'aß�er''�aatsfVzialismus ebensowenig berufen ist, als die Lehre der Harmonieapostcl, die soziale Frage zu lösen. Ebenso, wie es unmöglich ist, die Lage der Arbeiter auf dem Boden der kapitalistischen Produktionsweise zu� heben, ebensowenig ist dies möglich auf dem Boden des mo- der neu Staates. Als Militärstaat besitzt er nicht die Mittel, als Klassenstaat nicht den Willen zu wirklichen, einschneidenden Maßnahmen zu Gunsten der Arbeiter. Wer noch daran gezweifelt hat, wer die Utopie hegte, wahrhafte soziale Reformen vom modernen Staat zu erwarten, dem muß, wenn er Hirn im Kopfe hat, der Bismarck'sche Entwurf der Arbeiterversicherung die Augen geöffnet haben, der muß jetzt zur Einsicht gekommen sein, daß die Lösung der sozialen Frage nur durch Vernichtung der gegenwärtigen Gesellschaft, nur durch Vernichtung des bestehenden Staates erreicht werden kann. Das Bismarck'sche Machwerk wird, deß sind wirsicher, keinen Ar beiterderS ach e der sozialen Revolution entfremden, es wird ihr im�Gegen- theile manchen zuführen, der bisher vomStaats- sozialismus wenigstens eine Milderung des Elendes, wenn auch nicht dessen Beseitigung er- wartet hatte.— r- Aus Frankreichs) Paris, Anfangs Januar. Blanqui todt und begrabe»! Als er starb, erfuhren die meisten Bewohner von Paris erst, daß es einen Blanqui gegeben, und als er begraben ward, da erst wurde Blanqui lebendig für das Volk, für da» er 55 Jahre lang gelebt hatte, wenn wir die Kinder- und Jünglingsjahre abrechnen, davon 37 Jahre im Kerker. Ja, die heutige Generation kannte Blanqui nicht. Es war nur ein kleiner Kreis von alten Revolutionären, und meist auch Revolutionären der alten Schule, welche die Erinnerung an ihn bewahrt hatten; und der vertrocknete alte Mann mit den spitzen Zügen, dem fest geschlossenen Mund, den blitzenden Augen, der vor 2 Jahren aus der Stcingruft von Clairvaux hervorstieg, und in Bordeaux zum Abgeordneten gewählt, aber an den Thoren der Deputirtenkammer zurückgewiesen ward, der seit seiner Auf- erstehung aus dem Gefängnißgrab zum Ehrenpräsidenten un- zähliger Versammlungen ernannt ward, Hunderten auch präsidirte — er hatte für das Geschlecht von heute etwa» Gespenstige«, er war ein Revenant aus einer Zeit, die es nicht mehr ganz versteht. Wäre es anders gewesen, er hätte. den Kerker noch nicht verlassen und die Amnestie wäre vertagt worden. Denn die auf den Regierungsbänken— die stch jetzt Republikaner nennenden ebensogut wie weiland die Orleanisten, Legitimisten, Bonapar- tisten und Februar- Revolutionsmänner— empfinden einen ') Das Revolutionsland cornrne il kaut, Frankreich, dem Verständnisse de« deutschen revolutionären Proletariat» näher zu bringen, ist der Zweck dieser Briese, die von einem bewährten, im Klassenkampf ergrauten Genossen herrühren. Trotzdem der erste dieser Briese aus Umwegen und daher verspätet an uns gelangte, bringen wir ihn seines interessanten Inhaltes wegen noch zum Abdrucke. � Die Redaktion. Schauder, wenn man den Namen Blanqui nennt, und Blanqui's schneeweißes Grcisenhaupt war ihnen der Medusenkopf der Revo- lution, dessen Anblick sie versteinerte. Bot doch im Blutlenz des noch ungesühnten Jahres der Proletarier-Abschlachtung die Kom- mune den Versaillern sämmtliche Geißeln für den einen Blanqui — und bot sie vergeblich. Pfaffen, Bischöfe und sonstige Rcak- tionsagenten gibt es genug, aber es gibt nur einen Blanqui. Gab ihn, denn er ist ja todt. Nicht erst seit dem letzten Neu- jahrstag. Er war längst todt. Und die Herren Gambetta und Kompagnie wußten sehr wohl, daß der Lebendigbegrabcne von Clairvaux nur noch ein Scheinlebender war. Diesen Eindruck des Geisterhaften, eines fast gespenstigen Scheinlebens machte er übrigens schon im Jahre 1848 auf mich, wo ich mehrmals Gelegenheit hatte, ihn in einem Klub zu hören und zu beob- achten. Ein Blatt, die„Justice", sagt in dem Nachruf an Blanqui, er sei ein Mann des 18. Jahrhunderts gewesen. Das ist richtig. Däs 18. Jahrhundert war das Jahrhundert der Illusionen, des Glaubens an den unbeschränkten persönlichen Willen, des reaktionären und revolutionären Absolutismus. Das 19. Jahr- hundert dagegen weiß, daß die politische und wirthschastliche EntWickelung der Menschheit nach ehernen Gesetzen sich vollzieht, die kein Absolutismus, weder von oben noch von unten, umstoßen kann. Blanqui hat diese Gesetze nicht gekannt. Er war revolu- tionärer Absolutist, er glaubte an die Wunderkraft des persön- lichen Willens und stand in dieser Hinsicht, obgleich entgegen- gesetzte Ziele verfolgend, genau auf demselben Standpunkt wie der reaktionäre Absolutist Bismarck. Durch konzenttirte Energie, durch das Einsetzen seiner ganzen Persönlichkeit hoffte er den Gang der Entwickelung in andere Bahnen lenken zu können. Dieser Wahn führte ihn von Mißerfolg zu Mißerfolg, ohne daß sein Glaube jemals erschüttert worden wäre. Nicht als ob ich sagen wollte, Blanqui sei kein Sozialist ge- Wesen. Das sei ferne von mir. Er hatte vollständig erkannt, daß eine politische Revolution, die keine soziale, ein Nonsens und daß das Proletariat die Armee ist, welche die Siegesschlacht der sozialpolitischen Revolution zu schlagen hat. Aber er hatte nicht erkannt, daß der Sieg der Revolution gewiffc politische und soziale Zustände voraussetzt und an Bedingungen geknüpft ist, die sich nicht willkürlich schaffen oder ignoriren lasten. Sozialist war Blanqui mit Leib und Seele. Man lese nur seinen berühmten Brief aus den 5l)er Jahren, der damals in vielen Tausenden von Exemplaren, auch in Deutschland, verbreitet ward. Vielleicht die klassischste Verkörperung des revolutionären Gedankens, kann Blanqui, trotz seiner irrigen Auffastung, keinen Augenblick mit jenen Karrikaturen auf gleiche Stufe gestellt werden, die hinter revolutionären Phrasen nur ihre Feigheit und Geistesarmuth verstecken und den Beruf zu haben scheinen, durch Hanswurstereien die Revolution und die revolutionäre Aktion lächerlich und verächtlich zu machen. Mit diesen Revolutions-Falstaffen hat der Mann nichts gemein, der Reichthümer, Ehre, Familie, Glück, Freiheit, Alles ieoefrsur ste'Vot� Das Volk von Paris hat ihn begraben— das Volk, hunderttausend Proletarier. Wohl war er ihm fremd geworden. War doch seine Kandidatur für die Nationalversammlung im wahren Sinne des Wortes eine Todtenkandidatur gewesen— nur eine vernünftige—; aber mit dem untrüglichen revolutio- nären Instinkte, welcher dem Volk von Paris eigen ist, den es durch vier Generationen ererbt hat, begriff es die Natur des Mannes, und indem es ihm das letzte Geleit gab, feierte es die Revolution, für die der Todte gelebt halte, und legte das Ge- lübde ab, Alles einzusetzen für deren heilige Sache, nach dem Beispiele des todten Blanqui, der ewig leben wird im Herzen des Volks und desten Geist, wie der Geist des alten John Brown") den Amerikanern, dem Volk von Paris zur Siegesschlacht vorangehen wird. Paris, Milte Januar. Der Tod hält Ernte in den revolutionären Reihen. Gestern war es Blanqui, heute ist es Th eiß� Gestern der Bourgeois, der dem Gebote seiner llcbcrzeugung und der Pflicht gehorchend, die Sache des Proletariats zu der scinigen machte und, auf alle Klastcnvouhcile verzichtend, den Unterdrückten, Enterbten Alles, sein Leben, selbst sein Lcbensglück zum Opfer darbot— heute der Proleiaiier, der, duichdrungen von der unwürdigen Lage seiner lilasse, erfüllt von Gcrechtigkciisgefühl, das Evangelium der Gleichheit ersaßt und sein deben der Emanzipation des Pro- letariats weiht— beide, der Bourgeois und der Proletarier, ihrer Sache, der gemeinsamen Sache, treu bis in den Tod! Der arme Theiß! Er war erst 41 Jahre alt, als er starb, und er starb an der Piolclarietkiankheil: Blutarmuth, d. h. an den Folgen mangelhasier Ernährung. Einer der Giündcr der Internationalen Arbeiter- Assoziation, dieses„großartigsten Gedankens des 19. Jahrhunderts", wie Lissa gar ah(Lc sasser der Geschichte der Pariser Kommune) sich neulich ausgedrückt hat, und mit Recht,— Bürgcrsoldat während der Belagerung, Mitglied der Kommune nach dem sieg- reichen 18. März, hat Theiß stets und überall seine Schuldigkeit gethan. Still und bc'cheidcn, wuide er oft durch oberflächliche Schwätzer verdunkelt, die er an Geist, Muth und Charakter un- endlich übeiragie. Ein llarer Kopf, ein edles Herz, verlor er auch in den schwierigsten Siluaüoncn nicht die Besonnenheit und blieb kaltblütig im chaotischen Drang veiwiriender Arbeit, wie im Kampsgcwühle und Kugelregen. Als Verwalter deS so außerordentlich schwierigen Postwescns hat er ein wahrhaft wunder- bares Talent bewteien, und als die blutige Maiwoche kam, da war er einer der Lehren auf den Barrikaden. An seiner Seite fiel Vcrmorcl. Es gelang ihm, zu entfliehen. England gewährte ihm ein Asyl gegen die Vctfolgungcn der blutdürstigen Ordnungs- banditcn, aber kein Biod. Theiß war Ziseleur und einer der besten Arbeiter in seinem Fach; allein die Atiikel, welche er ver- fertigte, waren sogenannt« Pariser Artikel, die in England weder gemacht, noch sonderlich begehrt werden. Er fand keine lohnende Arbeit und mußte zum Theile sehr kümmerlich leben, was die Gesundheit seines von Natur aus schwächlichen Körpers unter- grub und den Grund zu der Krankheit legte, welche ihn weg- gerafft hat. Als die Amnestie den Verbannten wieder die Pforten der Heimath öffnete, kehrte auch Theiß nach Paris zurück. Und nun besserten sich seine Verhältnisse sofort. Er bekam Arbeit bei einem der ersten Meister in seinem Fach und hatte ein kleines Neben- einkommen durch Arbeiten für den„Jntransigeant". Jetzt konnte er dem Rathe der Aerzte folgen und die für seinen Zustand taugliche Nahrung zu sich nehmen. Es war aber zu spät. Am IE. d. M. starb er, wenige Stunden nachdem 71E Arbeiter im Quartier Sainte Marguerite bei den Munizipalwahlen ihre Stimmen für ihn abgegeben hatten. Zwanzigtausend Sozialisten folgten seinem Sarge. Mögen der praktische Sinn, das echt wissenschaftliche Verständniß und die Pflichttreue des braven Theiß Gemeingut des französischen Proletariats werden!— Das Resultat der Munizipalwahlen wird sonder- barerweise von den Gambetlisten als ein Sieg ihrer Sache und eine Niederlage des Sozialismus hingestellt. Es muß weit ge- kommen sein mit dem Opportunismus, daß er über eine Nieder- läge, die er selbst erlitten hat, jubeln kann. Er hatte offenbar noch Schlimmeres befürchtet, und bei besserer Organisation seiner Gegner wäre es ihm auch schlimmer ergangen. Aber auch so ist das Resultat für ihn schlimm genug. Betrachten wir das Stimmenverhältniß: der Opportunismus sammelte auf seine Kandidaten in Summa 90,386 Stimmen die Radikalen aller Schattirungen, Jntransigenten und Sozialistei, hatten dagegen 121,779 Stimmen, also über 31,000 mehr. Und nicht blos das: wie aus einem Vergleich mit der Stimmenstatistik der vorhergehenden Munizipalwahlen erhellt, ist die Stimmenzahl der Opportunisten in allen Wahlbezirken ganz erheblich zurück- gegangen. Die radikalen Gegner der Opportunisten fochten freilich unter 3 verschiedenen Fahnen: als Radikale schlechtweg, als Arbeiter- Partei auf dem Boden des sogenannten Minimumprogramms und als radikale Sozialisten. Die erste Gruppe vereinigte 97,837 Stimmen, die zweite 14,786, die letzte 9,156 auf sich. Zwischen der zweiten und dritten Gruppe ist auch nicht der mindeste prin- zipielle Gegensatz vorhanden, und bei einigermaßen geschickter Organisation läßt sich auch der größere Theil der ersten Gruppe für die sozialistische Partei gewinnen. Das Material ist da. Es fehlt an der Organisation. Doch davon in meinem nächsten Brief. Jedenfalls hat die Munizipalwahl die Not hwendi gleit der Organisation zum allgemeinen Bewußtsein gebracht. Und das ist ein großer Gewinn. Ltstim. Sozialpolitische Rundschau. *) Man wird sich des Schlachtliedes erinnern, welche« die Unions- truppen im Kamps« gegen die südsiaattichen Sllavenbarone sangen und das mit dem Refrain schloß: Wir gehen die Bahn des alten John Brown, Sein Geist marschirt vor uns her. Schweiz. — Vom Schlachtfelde der Arbeit. In Grellingen (JiL CP~r1> nm 8 �.'Nirar. Mo r g e n 8 drei Uhr, in der Fabrik der Herren Ziegler-Thoma unv Voyne ori 19jährige Sigmund Schneider, indem er von einer Transmissions- welle erfaßt, um den Wendelbaum gewickelt und durch das An. schlagen an eine nahestehende Säule, sowie durch das Straucheln am Fußboden vollständig zerschlagen wurde: der Körper war einfach zerbröckelt, kein ganzes Stück war mehr an ihm. Es verging eine volle Viertelstunde, bis abgestellt werden konnte. Seine Stiesel mußte man suchen. Dieselben wurden ihm von den Füßen gerissen und fortgeschleudert. Der Leichnam mußte nun bis Morgens 6 Uhr in dieser Situat'on gelassen werden, bis das Regierungsstatthalteramt die Sache in Augenschein ge- nommen hatte. Tann mußte Stück für Stück des Kör- pers weggeschnitten und weggerissen werden, welche in einen Sarg gelegt und so den Eltern des Verunglück- ten heimgebracht wurden. In der obigen Fabrik wird, wie man der„Arbeiterstimme" mittheilt, trotz Fabrikgesetz achtzehn Stunden täglich gearbeitet, die jugendlichen Arbeiter werden noch immer gesetz- lich geprügelt, und wer nicht zu alledem fein still ist, zu dem heißt's:„Geh' zum Teufel!" Drei Uhr Morgens fand der arme Bursche sein schreck- liches Ende! Angeblich weiß Niemand, wie die Sache gekonimen ist, aber ist es nicht mehr wie sicher, daß Uebermüdung den frühzeitigen Tod dieses Arbeiters verschuldete? Rackert sie nur ab, nutzt sie nur aus, die Waare Arbeitskraft, Ihr Ausbeuter, so viel als Ihr könnt, Menschenflcisch ist ja so billig heutzutage, in der freien Schweiz wie anderwärts! — Was sogar auf politischem Gebiet hier noch möglich ist, hat sich jüngst in einer Sitzung des Züricher Kantonsraths heraus- gestellt. Der bisherige Polizeidirektor Karl Walder hat auf das famose Rundschreiben dO verstorbenen BundeSrath Ander- Werth hin, flüchtige deutsche und russische Sozialisten überwachen lassen, Berichte über ihre Reden nach Bern geschickt, von wo dieselben nach Berlin und Petersburg wanderten. Mit scharfen Worten rügte Kantonsrath Forrer diese unerhörte Servilität und zur Ehre des Züricher Kantonsrathes sei es ge- sagt, nicht eine Stimme erhob sich für Herrn Walder, dem ehemaligen Demokraten. Auch die zürcherische Presse benahm sich in dieser Angelegenheit ehrenhaft, nur ein Blatt machte eine Ausnahme und suchte Herrn Walder weißzubrennem Es ist dies dasselbe Skandalblattz welches von sozialrevolutionirer Seite dazu benutzt wird, uns und unsere Genossen in der bekannten Weise zu besudeln. peutschkaud. — Am achtzehnten Januar feierte das heilige preu- ßische Reich deutscher Nation seinen zehnjährigen Geburtstag— er ist still vorübergegangen. Nur einige Studenten- und Kriecher- vereine benutzten die Gelegenheit, ihrer patriotischen Gesinnung durch nationale Saufgelage Ausdruck zu geben, daS Volk aber zeigte nirgends das geringste Interesse an dem zehnjährigen Wechselbalg. Welch' ein Gegensatz zu der Feier des zehnjährigen Bestehens der französischen Republik! Es ist in Frankreich auch in politischer Beziehung Viele« nicht, wie es sein sollte, aber das Volk fühlte daselbst, daß der Weg zu einer freiheitlichen Ent- Wickelung beschritten ist; ist doch das Gottesgnadenthum, diese Wurzel des politischen Schmarotzerthums, beseitigt, und darum ist auch der 4. September in Frankreich als ein wirkliches Volks- fest begangen worden, an dem Alles theilnahm, was nicht zum schwarzen Nachtgevögel gehört oder doch von demselben beeinflußt wird. Wo sind sie jetzt hin, die einst begeistert das Lied von des neuen deutschen Reiches Herrlichkeit anstimmten, die Auerbach, die Ritters- haus, die Müller von Königswinter und Genossen? Wie sie still und kleinlaut geworden sind, die Braun, die Lasker, die Stauffen- berg und wie sie sonst noch heißen, die einst Jeden, der nicht in ihren Lobgesang auf das Hohenzollern'sche Kaiserreich einstimmte, tzes Landesverralhs beschuldigten! Von Kompromiß zu Kompro- miß haben sie das Volk verrathen, bis man heute ihrer nicht mehr bedarf, die Bedientenhastigkeit haben sie zum System er- hoben und wundern sich, daß heute nur noch Gnade findet, wer sich jeder eigenen Meinung begibt. Ein Volksrecht nach dem andern haben sie preisgegeben, heute fangen sie zu jammern an über die Allmacht der Polizei. Aber auch die gegenwärtigen Machthaber haben keinen Grund, Jubclhymnen zu singen. Die allgemeine Mißstimmung steigert sich, nur mit groben Taschenspieleistückchen vermag man noch daZ unzufriedene Volk hinzuhalten, man weiß zwar sehr gut, daß diese Mittelchcn auf die Dauer ihren Dienst versagen, und wagt es aber doch nicht, sich einsthaft die Frage vorzulegen, was dann? Das„Bayerische Vaterland" ist am 18. Januar mit einem Trauerrand erschienen. Vor zehn Jahren wäre der Redakteur dieses partikularistisch- ultramontanen Blattes ob solcher Demon- stration seines Lebens nicht sicher gewesen, heute gaben nur einige ultraoffiziöse Blätter ihrer patriotischen Wuth Ausdruck,— das kennzeichnet die Situation treffend. Gleichgiltigkeit auf ver einen, wachsende Opposition auf der andern Seite, so ist heute die Stimmung des Volkes gegenüber der Schöpfung von Versailles. Das hätten sich die Jnszenirer der Kaiserposse, wie Liebknecht sie damals treffend nannte, nicht träumen lassen! — Armer Bismarck! O, sie können auch boshajt sein, wenn sie gereizt werden— unsere Nationalliberalen. Hat da jüngst der liberale Dr. Dohrn in Grabow bei Stettin nach einer Rede über die„neueste Phase Bismarckischer Politik" als Beispiel, daß das Alles schon einmal dagewesen, aus der Tritschka' — pardon, Treitschke'schen„deutschen Geschichte des 19. Jahr- Hunderts" eine Stelle verlesen, in der dieser Urgermane über den auch„genialen" Kanzler Hardenberg herzieht.„Nach der Weise geistreicher, leichtblütiger Dilettanten war er sehr empfänglich für weitausschende Projekte, wenn sie mit dem An- spruch theoretischer Unfehlbarkeit auftraten.... Die schwindelhafte Oberflächlichkeit der Hardenberg'schen Pläne... Die hervorragenden Talente zogen sich zurück.... Hardenberg fand es bald bequem, sich mit unbedeutenden Werkzeugen zu behelfen.... Die unternehmende Leichtfertigkeit... überschüttete das neue Finanzedikt die Nation mit einem Sturzbad herrlicher Versprechungen"— da» ist kv eine Blüth-"'-'- w' Srgnß, mit dem Herr Dohrn unter dem Beifall seiner Pommer schen Zuhörer auf Bismarck exemplifizirte. Andere haben das freilich schon früher gesagt, aber aus nationalliberalem, aus seiner Genialität aller- getrcuester Opposition Munde macht sich das doch besonders reizend. Schwindelhafte Oberflächlichkeit, unternehmende Leichtfertigkeit» unbedeutende Werkzeuge—— armer Bismarck, armer Bucher, noch ärmerer Tritschka— pardon Treitschke! — Nun wirds besser werden. Da das Reichsgericht in einigen politischen Entscheidungen sich nicht ganz auf der Höhe des preußischen Obertribunals gezeigt hat, so hat der Heldengreis den berüchtigten Oberlandesgerichtsrath Mittel» städt, einen Streber schlimmster Sorte, dessen Sudelschrift„Gegen die Freiheitsperson" selbst dem konservativen sächsischen Oberstaatsanwalt v. Schwarze zu reaktionär war, zum Mitglied des Reichsgerichts ernannt. Diese krampfhaften Anstrengungen der Reaktion zeigen deutlich, wie sehr man oben fühlt, daß.eS mit der Herrlichkeit zu Ende geht. Große Ereigniße werfen bekanntlich ihre Schatten voraus, und kann es uns daher nicht Wundex nehmen, daß die neuesten Erkenntnisse des Reichsgerichtes verdammt preußisch ausgefallen sind. In dem Prozeß Schlüter hat diese Fabrik höchster Rechtsweishcit die vom Staatsanwalt gegen das freisprechende Erkenntniß eingelegte Revision für begründet erachtet und die Sache zur nochmaligen Verhandlung und Entscheidung an die erste Instanz zurückgewiesen. Diese rührende Uebereinstimmung zwischen der Dresdener Polizeisippe und der Leipziger Rechts- sabrik hat einen unserer Freunde zu folgendem Hymnus begeistert: Freu' dich Dresdner Ordnungsmann! Juchheidi, heida! Schlüter muß doch glauben dran; Juchheidi, heida! Gott verlägt die Seinen nicht, Denn noch gibt's ein Reichsgericht, Juchheidi, heidi, heida sc. — B ezeichnend! Wir erwähnten in unserer vorigen Nummer, daß die Antisemiten den Tischler Deichsel, blos weil er sich Notizen machte, auS ihrem Lokal herausbugstrten. Aus einer Erklärung des Genannten ersehen wir aber, daß die „arbeiterfreundliche" Sippe ihn außerdem durch einen Polizisten nach der Wache tranSportiren und dort seine Persönlichkeit fest- stellen ließ. Als die Arbeiter in der Reichshallenversammlung einen systematischen Tumultuanten hinausweisen wollten, erklärte der überwachende Vertreter der Ordnung: Wenn dieser Mann freiwillig geht, so habe ich nichts dagegen(wie gütig!), hinaus- weisen aber lasse ich Niemand! Eine zweite von den Berliner Arbeitern einberufene Versamm- lung, in der dieselben wahrscheinlich gegen die infamen Verdächtigungen der Antisemiten protestiren wollten, wurde auf Grund de» Sozialistengesetzes verboten. Die liberale Presse beklagt jetzt heuchlerisch dieses Messen mit zweierlei Maß, wir aber freuen uns desselben, denn denn die Reaktion muß sich in Deutschland erst in ihrer ganzen Niederträchtigkeit und Brutalität zeigen, soll Michel überhaupt zur Besinnung kommen. — Urchristlich-germanisch. Von dem antisemitischen Agitator Ruppel, Herausgeber der„Ostend-Zeitung", erzählt «n L im„Corrcspondent für Deutschlands Buchdrucker" ein Arbeiter u.?A. folgendes erbauliche Geschichtchen: „Bisher hatte dieser Herr nur„Kräfte" im Werthe von 15 Mk. pro Woche; als nun die„antisemitische" Ostend-Zeitung in seinen Besitz überging, brauchte er selbstredend noch einige Setzer, die er ja auch sehr leicht fand. Am Sonnabend darauf verlangten diese tarifmäßige Bezahlung; sie erhielten dieselbe zwar für die paar Tage, aber mit der Bedeutung:„Wenn Sie nicht für 15 oder höchstens 18 Mk. arbeiten wollen, brauchen Sie nicht wiederzukommen; ich bekomme genug Setzer dafür." Die betreffenden Arbeiter ließen sich das auch nicht zweimal sagen und kamen nicht wieder.— Wenn Herr R. in früherer Zeit nicht Worte genug fand gegen das Vorgehen eines hiesigen Buchdruckers in Sachen des Tarifs, schließt der Arbeiter, so scheint er doch jetzt zu der Ansicht gekommen zu sein, daß dessen Geschästsmaximen eine sehr profitable Seite haben." Das stimmt auch ganz mit seiner gegenwärtigen Agitation. Die Herren schimpfen nur auf die jüdische Ausbeutung, um selbst das Volk desto mehr ausbeuten zu können. — Auch in B r e s l a u, wo die Antisemiten bei den söge- nannten Gebildeten große Erfolge erzielten, haben die Arbeiter in einer von gegen 2000 Personen besuchten Versammlung nach einem ausgezeichneten Referate unseres Genossen Kräker mit allen gegen ungefähr 30 Stimmen die Berliner Resolution an- genommen. Da über diese Resolulion in der auswärtigen sozio- listischen Presse vielfache Jrrthümer umlaufen, so geben wir im Nachstehenden wenigstens den Schlußsatz derselben wieder. Der» selbe lautet: „1) Wir warnen alle städtischen und ländlichen Lohnarbeiter Deutschlands vor den Bcthörungsversuchen gewisser angeblicher Volksfrcunde der verschiedensten Art, sich nicht zu einer Bethei- ligung an jener Bewegnng verleiten und als Werkzeuge für solche bewußt oder unbewußt volksfeindliche Zwecke gebrauchen zu lassen. 2) Ebenso warnen wir die Arbeiter vor irgend welcher akti en Beiheiligung an dieser sie nicht direkt berührenden Bewegung. Wir fordern alle deutschen Lohnarbeiter auf, in Stadt und Land bei den künftigen Reichstagswahlen überall da, wo unter den gegenwärtigen Ausnahmezuständen nicht völlige Wahlenthaltung geboten und beschlossen sein sollte, nur solchen Kandidaten ihre Stimmen zu geben, welche sich verpflichten, nicht nur gegen alle neuen Ausnahmegesetze zu stimmen, sondern auch für Aufhebung der bereits bestehenden wirken zu wollen." — In Dresden möchten die Antisemiten gleichfalls gern im Trüben fischen, die dortigen Arbeiter sehen den Herren aber scharf auf die Finger, so daß sie sich nur hinter verschlossenen- Thüren zu zeigen wagen. — Die Volksparteiler hielten jüngst in Stuttgart eine Ver sammlung ab, in der sehr viel von Freiheit und Volksrechten gesprochen wurde. Als aber ein anwesender Sozialdemokrat es �vagte, das Verhallen der volksparteilichen Abgeordneten mit ihren Versprechungen zu vergleichen, vollführten die biederen „Demokraten" einen derartigen Skandal, daß der Redner seine Ausführungen unterbrechen mußte. Mehr wie ganze Bände sagt folgende Notiz des„Stuttg. Tagebl." vom 23. Januar: Heute(Samstag) Morgen betrug der Gefangenenstand bei dem Stadlpolizeiamt 92, die höchste Zahl in diesem Jahr. Seither bewegte sich die Zahl der Am- fianten zwischen 40 und 70. Die Steigerung ist eine Folge der eingetretenen kälteren Witterung. Ersterben? Da« Wort, das paßt nicht recht Zu solchem Speichellecken, Ich weiß ein anderes, das klingt nicht schlecht, Es heißt: Gehorsamst verrecken! Dieser Vers aus dem neuen Wintermärchen kommt uns un- willkürlich in den Sinn, wenn wir die Berichte über das Hoch- zcitsgeschenk lesen, welches die preußischen Städte von über 25,000 Einwohnern dem Prinzen Wilhelm allerunlerthänigst zu Füßen legen wollen. Von allen Seiten jammert man über den großen Nothstand und anstatt sich wenigstens die Linderung des Elends, das man nicht beseitigen kann, angelegen sein zu lassen, bewilligen gerade die Städte, wo die Roth am größten, vamhafte Summen, um einem halbreifen Burschen, der bisher uur das zweifelhafte Verdienst aufzuweisen hat, der Hohenzollern- samilie anzugehören, ein Service zu schenken,„wie es auf der Welt kein zweites gibt". Bisher hatte nur eine Stadtverlretung, und zwar die der westphälischen Stadt Hagen, den Muth, die -lretheilignng abzulehnen und es ihren loyalen Seelen zu über- äffen, aus eigenem Säckel zu dem„Ehrengeschenk" beizusteuern. Die„radikale" Berliner Stadtverordnetenversammlung aber, die von der Regierung fortwährend Fußtritte erhält, hat es für nöthig gehalten, das bescheidene Sümmchen von 380,000 Mk. beizusteuern. Pfui! — Die Hundedemuth der preußischen Abgeordneten kennt uicht ihresgleichen. In jedem andern Parlament wundert man sich, wenn der Premierminister einmal in einer Sitzung fehlt; 'm preußischen Abgeordnetenhaufe geräth man in begeisterte Ver- Zuckung, wenn der Herr Premierminister einmal seiner Pflicht uachzukommen geruht. Als seine Genialität kürzlich seit Jahren Zum ersten Male wieder im Hause erschien, erhoben sich zwei Drittel der biedern Volksvertreter schleunigst zur allerunterthänigsten Begrüßung. Und diese Gesellschaft wundert sich noch, wenn sie Fußtritte von ihm erhält! ;— Noch unverschämter als die preußische Regierung zu sein, dieses Kunststück hat der berüchtigte Stumm in Neun- *>rchen fertig gebracht. Der übermüthige Schlotjunker hatte » seinen" Arbeitern nicht nur das Abonnement auf das »Neunkirchener Tageblatt", sondern auch daS Verkehren in Lokalen, wo dieses national liberale Blatt ausliegt, bei Strafe der Entlassung verboten und eS durchgesetzt, daß die übrigen größeren Unternehmer des SaargebieteS, unter ihnen die königl. Bergwerks- birektion, sich diesem Verbot anschlössen. Jetzt hat die letztere Behörde auf„höheren" Befehl daS Verbot zurückgenommen, wes- halb Herr Stumm ganz außer sich gerathen ist und einen ebenso ulbernen wie frechen Ukas an„seine" Arbeiter losgelassen hat. Unsere Leser werden das saubere Machwerk bereits in den Tageblättern gelesen haben, wir verzichten daher auf den Abdruck und bemerken nur, daß der Tag hoffentlich nicht mehr fern ist, wo die Arbeiter auf derartige Frechheiten die entsprechende Antwort geben werden. — Triumph des Staatssozialismus nennt der„Staats- Sozialist" den Bismarck'schen Entwurf des Arbeiter-Unfallver- sicherungs-Gesctzes. Bescheidener kann man wohl nicht gut sein. — Aus Sudenburg-Magdeburg wird berichtet, daß die vereinigten Fabrikanten beschlossen haben, keine alten Arbeiter mehr anzunehmen. So soll in Folge dessen jüngst in der Fabrik von Burckhardt ein Arbeiter nicht angenommen worden sein, weil er graue Haare hatte.„Der Arbeiter zählte aber erst 32 Jahre", schreibt der„Rbgr." Will die Bestie denn ewig leben? 32 Jahre ist für so ein Arbeitervieh ja übergenug! — War wohl j e ein Mensch so frech, als der Bürgermeister— Stromer. Hat sich dieser Kerl unterfangen, jedem Polizeisoldaten das Recht zuzusprechen, einen Sozial- demokraten auf offener Straße anzuh alt en u nd zu Visitiren, so oft es ihnen beliebt. Die Sozialisten sind also in Nürnberg auch ohne„kleinen" Belagerungszustand voll- kommen vogelfrei. Derselbe Stromer hat es auch für nöthig gehalten, ein allgemeines Verbot aller von Sozialisten ausgehenden Sammlungen zu erlassen. Das war der bayerischen Regierung >�,n doch zu— preußisch, und sie hat dieses Verbot vom 29. November durch Entschließung vom 25. Dezember wieder auf- gehoben. Mit dieser Nase mag sich der Pascha von Nürnberg vorläufig begnügen. Eine schlagendere Anerkennung seiner Thätigkeit wird dem Nürnberger Stadtbullenmeister trotzdem nicht ausbleiben. — Vom Schlachtfelde der Arbeit. In entsetzlicher Weise kam am 19. Januar in der Muldenthal-Papiersabrik in Freiberg in Sachsen die 38 Jahre alte Arbeiterin Bellmann um ihr Leben. Dieselbe wurde durch Aufrollen der Kleider aus eine im Gang befindliche Transmissionswelle erfaßt, zu vielen Malen herumgeschleudert und durch das Aufschlagen des Kopfes an die Wand und den Fußboden getödtet. — Freiheit, die ich meine. In Mainz wurde bei den Parteigenossen Leyendecker und Stock gehaussucht— vergebens.— In Gera haben zahlreiche Haussuchungen statt- gefunden. — In Walschendorf b ei Pillnitz haben die Sozial- demokraten bei der Gemeinderathswahl gesiegt und sogar für die Ansässigen ihre Vertreter durchgebracht. Bravo! — Erfreulich. In Chemnitz mehren sich seit einiger Zeit die Polizeichikanen. Ein Zeichen, daß sich unter den dortigen Arbeitern wieder der alte Geist zu regen beginnt. — Mit Entsetzen vermelden ordnungsliebende schwäbische Zeitungen, daß in Plieningen, Bernhausen, in der Umgegend von Eßlingen, Leinfelden, Gmünd, Besigheim u. f. w. sozial- demokratische Aufrufe an das Landvolk massenhaft verbreitet worden seien. Wartet nur, ihr guten Leute, es kommt noch besser! — Aus C re f e l d meldet ein Waschzettel, daß die dortige Polizei eine in der Charlottenburg abgehaltene geheime sozialdemokratische Versammlung aufgehoben und die Anwesenden verhaftet habe. Richtig ist daran nur die Verhaftung einiger nicht in Crefeld wohnhafter Sozialisten, im Uebrigen kam, wie uns von gut unterrichteter Seite gemeldet wird, die Hochwohllöbliche, wie ge- wöhnlich, einen Postlag zu spät. Unsere Genossen hatten bereits besprochen, was zu besprechen war. — Unseres unvergeßlichen Wilhelm Bracke's„Nieder mit den Sozialdemokraten" ist nun auch ins Rumänische übersetzt worden. — Das Dampfschiff Geliert, auf welche m ein Theil der von dem letzten Ausweisungsukas Betroffenen Europa verlassen hat, ist am 18. ds. wohlbehalten in Ncw-Aork eingetroffen. — Zur Frauen frage. Im Mormonenstaat Utah hat man, wie die«Revue du nouv. soc.» meldet, das Frauenstimmrecht eingeführt. Altona, im Januar. Die Gewalt zieht ihren Mißbrauch nach sich, das ist eine alte Erfahrung. Je größer die Gewalt, desto größer ihr Mißbrauch. Da« sehen wir jetzt auch bei uns. Je größere Macht unsere Polizeibehörden durch das Sozialistengesetz erhalten, desto ungesetzlicher gehen sie vor. Sie haben schon genugsam Beispiele von der Hamburger Willkllrherr- schaff gegeben, ich will denselben nur noch den Fall Jeden« beifügen, dessen Verbrechen darin bestand, daß er als Agent der Hamburg-Ameri- kanischen Aklien-Gesellschaft den Ausgewiesenen möglichst billige Ueberfahrt verschaffte und ihnen die ihm dafür gebührende Provision erließ. Da« war natürlich Grund genug, den„gemeingcsährlichen" Menschen auszm weisen. Der Polizeikommissar Engel ist es, der diese Niederträchtigkeiten leitet. Dieses Reptil, das sich trotz seiner gröblichen Unkenntniß einzig und allein durch seine Kriecherei vom Maurer zum Polizeikommissar „emporgeschwungen" hat, der von Jurisprudenz soviel versteht wie die Kuh vom Seiltanzen, der in Folge seines liederlichen Lebenswandels so tief in Schulden gerathen, daß er zu den unsaubersten Mitteln greift, um sich Geld zu verschaffen und Beförderungen zu erringen, dieser gewissen- lose Streber, diese nach unten brutale, nach oben kriechende Polizeiseele: das ist das Ideal des„Ordnungsmannes" im neuen heiligen deutschen Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte. Schon manchen Schurken haben wir in den Reihen der Ordnungsbanditeu getroffen, aber Engel ist ihnen allen über! Unübertroffen ist seine raffinirte Grausamkeit. In Berlin und Hamburg wird den Ausgewiesenen die Auiweisungsordre in's Haus zugestellt. Der Altonaer Engel aber läßt die zur Ausweisung Bestimmten zu sich aus's Bureau bescheiden und überreicht ihnen dort persönlich den Bescheid, um sich mit teuflischer Bos- heit an den herzzerreißenden Szenen zu weiden, wenn der Vater von Weib und Kind gerissen wird, und um den Schmerz derselben durch hämische und sreche Redensarten noch zu höhnen. Solche Bestie in Menschengestalt, das ist der richtige Mann für unsere Machthaber, der kann's noch weit bringen, und er wird's noch weit bringen— zum Galgen, wenn nicht schon früher einer der von ihm zur Verzweislung Gebrachten ein Exempel statuirt. Hans Großknecht. — Stade, 18. Januar. Die hiesigen Parteiverhältniffe lassen noch sehr viel zu wünschen übrig. Der Same, den unser unvergeßlicher TheodorIork ausgestreut, hat wohl nirgends kümmerlicher gefluchtet. So lange die hiesigen Kapitalsklaven noch im Stande sind, ihren Hunger mit Kartoffeln und Schwarzbrod zu stillen, sind sie nicht zum Denken zu bringen. Bauchkriecherei und das elendeste Denunziantenthum gegen Anders- denkende steht in vollster Blüthe. schon bemerkt, ihrer Ueberzeugung kaum gegenüber ihren eigenen Arbeits- kollegen Ausdruck geben, wollen sie sich nicht der Gefahr aussetzen, denun- zirt zu werden. Und wehe dem Verwegenen, der sich erkühnen wollte, sich öffentlich als Sozialist zu bekennen! Er kann sicher sein, epistenzlos den Ort verlassen zu müssen. Run, es wird hoffentlich auch hier einmal Licht werden, wir Wenigen wollen den Muth nicht sinken lassen, sondern was in unsern Kräften steht, aufbieten, die hiesigen Arbeiter zum Be- wußtsein ihrer Klasseninteressen zu bringen. Steht fest, Ihr Freunde, und wanket nicht! C u st o s. Gesterreich-N«gar«. — Die Regierung macht in letzter Zeit stark in Gimpelfang; der neue— nebenbei gesagt, sehr klägliche— Entwurf einer neuen Geweibeordnung ist darauf berechnet, noch mehr aber die von regierungsfreundlicher Seile in letzter Zeit ausgesprengten Ge- rüchte über die beabsichtigte Einführung von Arbeiterkammern Wohl ist auch hier ein Häuflein Treugesinnter, aber sie dürfen, wie und die Erweiterung des Wahlrechtes. Obwohl der gesunde Menschenverstand und die Erfahrung lehren, daß vorn Ministerium Taaffe nicht im Geringsten mehr zu erwarten ist als von den deutschliberalen Ministerien, gibt es doch noch Vögel, die auf den Leim gehen, darunter der famose Dr. Kronawetter, der anläßlich der Schwender-Versamrnlung den Vermittler zwischen der Regie- rung und den zwei sich als Vertreter der Arbeiterpartei gerirenden Privatpersonen abgab, und der jetzt für die ministerielle„Erwei- terung" des Wahlrechtes Propaganda macht. Die österreichischen Arbeiter sind aber zum Glücke nicht auf den Schwindel herein- gefallen. In letzter Zeit sind wieder viele Flugschriften verbreitet worden, namentlich in Sfl'yr und in Wien, wo man dieselben in Nußschalen eingekapselt vertheilte. Die Bauernbewegung, deren Bedeutung wir an anderem Orte auseinandersetzen, macht erfreuliche Fortschritte. Der Habsburger Franz Josef thut sein Möglichstes, um die Leute auf den unge- setzlichcn Weg zu drängen. Unlängst empfing er wieder eine steirische Bauerndeputation, welche das Elend des Volkes in den düstersten Farben schilderte. Der schlaue Landes- Vater meinte, das sei allerdings sehr traurig— zum Thränen- v ergießen nach Belieben, wie sein Kollege, der Hohenzoller, hat er's noch nicht gebracht— aber helfen könne er nicht. Das Volk müsse geduldig seine Steuern zahlen. Deutlicher kann man den Leuten wohl nicht sagen, daß ihnen nichts mehr helfen kann als die Selbsthilfe, aber nicht die 5 Is Schulze-Delitzsch. ck— r. Wien, 12. Januar. Die österreichische Bauernbewegung. Am 9. d. M. tagte in Linz der erste österreichische von mindestens 3000 Bauern besuchte Bauerntag, ein Ereigniß von nicht zu unterschätzender Bedeutung, da es, wie einer der Bauernredner richtig bemerkte, nichts anderes ist, als die Mündigkeitserklärung der österrei- chischen Bauernschast. Die oberösterreichischen Bauern— und die übrigen werden ihnen bald solgen— erklärten, sich analog der Arbeiter- Partei als selbstständige Bauernpartei zu konstituiren, welche die wirth» schastlichen Interessen der Bauernschast unabhängig von den Liberalen und Klerikalen zu vertreten habe. Advokaten, Großgrundbesitzer und Geistliche dürfen nicht Mit- glieder der Partei werden. Borläufig bewegt sich dieselbe allerdings noch innerhalb eines sehr be- schränkten Kreises und tappt ziemlich unsicher hin und her. Schon lange gährte es in den Köpfen der österreichischen Bauern, die Unzufriedenheit wuchs von Tag zu Tag, der unvermeidliche materielle Verfall de» Kleinbetriebes, der durch die Folgen der Ueberproduktion, Mißernten und namentlich durch die Konkurrenz des amerikanischen Getreides b«- schleunigt wurde, brachte sie zur Verzweislung, aber erst die Grundsteuer- regulirung war es, welche dieselbe zu Tage treten ließ. Diese„Reguli- rung" ist natürlich nichts als eine Steuererhöhung, und zwar in der Weise, daß die Steuerquote, die jedes einzelne Land zu liesern hat, vom Reichsrath bestimmt wird. Den neuen politischen Bundesgenossen zu Liebe hat das Ministerium Taaffe die Polen und Böhmen zugedachte Quote sehr ermäßigt, die der beiden Erzherzogthümer Oesterreich und der Steiermark dagegen erhöht. Dagegen wehren sich nun die deutschen Bauern, weßhaib e« sür den Fernerstehenden den Anschein hat, als ob die Bewegung im Fahrwasser der Deutschliberalen segelte. Nichts weniger als das. Die deutschliberalen Abgeordneten aus Böhmen werden ihre Partei in dieser Sache im Stiche lassen und für das Ministerium Taaffe stimmen: für die Liberalen reicht eben die Nationalität und die Parteidisziplin nur bis zum Geldbeutel. Wenn daher auch einige liberale Schwätzer die Bewegung für sich ausnützen, die liberale Partei an und sür sich wird die Bauern nie gewinnen. Dazu sind diese auch zu mißtrauisch. Vorläufig erwarten sie gleich den russischen Bauern Alles vom Kaiser, der über den Parteien stehe. Bon dieser Illusion dürften sie aber bald geheilt sein. In ihrer sprichwörtlichen Bornirtheit versäumen die Habsburger auch diese Gelegenheit, sich populär zu machen und thun nichts, um auch nur den Schein einer Rücksichtnahme für die Bauern zu erwecken. Ader selbst wenn sie wollten, sie könnten den Bauer nicht retten, ebensowenig als sonst Jemand in der Welt. Der wirth- schastliche Ruin des Bauernstandes ist unvermeidlich, er ist in den Ve»- Hältnissen der modernen Gesellschaft begründet, und darum werden die. Bauern durch die unerbittliche Logik der Thatsachen gezwungen, gegen die moderne Gesellschaft aufzutreten. Sobald sie angefangen haben, sich der Bevormundung zu entwinden, werden sie aus einem konservativen ein zersetzendes, au« einem stützenden ein erschütterndes Element. Unsere Gesellschaft ist. aber so morsch, daß sie ein vermehrtes Rütteln an ihren Pfeilern, eine» weiteren Verlust an ihren Stützen nicht mehr ertragen kann, und darum wird die Erhebung der verzweifelnden Bauern zum Sturze der bestehenden Gesellschaft beitragen ob sie wollen oder nicht! Die Bauern werden sich vielleicht erheben, um das Rad der Geschichte rückwärts zu drehen— aber mögen sie nur den Wagen in Bewegung bringen, dann wird er thalab rollen und Die zerschmettern, die ihn auff halten oder gar zurückschieben wollen. Aber die Bauern werden nicht nur die gegenwärtige Gesellschaft mite»- graben und ihre Widerstandskrast schwächen, sie werden für die Revolution eintreten, wenn dieselbe ihren eigenthümlichen G»- dankengang beachtet. Die Erpropriirung der Großindustrie und des großen Grundbesitzes, die Vernichtung sämmtlicher Staats- und Hypotheken- schulden, die Beseitigung der Militair- und Steuerlasten, da« sind Dinge, für welche der Bauer mit Freuden eintritt, solange man seinen Besitz nicht antastet. Wenn die Revolution den Bauern nicht expropriirt, sondern ihn durch Organisirung der sozialistischen Betriebsweise aus den Gütern des Groß» grundbesitzes von der Vorzüglichkeit desselben überzeugt, so daß er fleiwillig zu ihr übergeht, dann haben wir den Bauer sür die Revolution gewonnen, dann ist eine Reaktion, wie sie den bisherigen Revolutionen folgte, gegeiz dieselbe unmöglich! Auch der Bauer tritt damit in die Reihe der revolutionären Klassen, und da Bourgeoisie und Großgrundbesitz zu feig und zu schwach sind, sich selbst zu vertheidigen, so schützt sie nichts mehr als die Gewalt der Bajonnette. Ihre Macht stürzt zusammen, wenn diese Gewalt gebrochen ist oder den Dienst versagt, und das dürste früher kommen, als man denkt! Wahrlich, die herrschenden Klassen sind mit Blindheit geschlagen, sonst müßten sie erbeben angesichts des Sturmes, der sich vorbereitet. Näher und immer näher erdröhnt im Westen der dumpfe Massentritt der Arbeiterbataillone, indeß im Osten, wo diese noch schwach find, in Ruß» land, Serbien, Oesterreich, die Bauernbataillone sich schaaren. Lawinei»« gleich wächst die Zahl der Enterbten, die Zahl Derjenigen, die nichts zu verlieren und Alle« zu gewinnen haben, die Zahl Derjenigen, denen unsere Gesellschaft den sicheren Hungertod verheißt, denen die Revolution eine Lebensfrage ist: ........ Anschwillt ihr Zug lawinengleich I Umstürzt der Thron, die Krone fällt, in seinen Angeln ächzt das Reich! Aus Brand und Blut erhebt das Volk sieghaft sein lang zertreten Haupt: Wehen hat jegliche Geburt!— So wird es kommen, eh' ihr glaubt! Miederkande. — In Verviers(Belgien) fand am 25. Dezember ein Kongreß der belgischen anarchistischen Revolutionäre statt. Nach dem Bericht in der„Perseverance" hat man dort etwas weniger geschimpft, als es sonst bei den Anarchisten Sitte ist. Mit 24 gegen 3 Stimmen wurde eine Resolution angenommen, laut welcher der Kongreß die schleunigste Wiederherstellung der„Jnter- nationalen Arbeiter-Association" für durchaus nothwendig erklärt. Die guten Leute scheinen nicht recht zu wissen, was sie eigentlich wollen. Auf der einen Seite den Weltkongreß hintertreiben, auf der andern sich für eine Vereinigung aller sozialistischen Gruppen aussprechen— Wer erklärt mir, Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur? Erhebend ist nachfolgender Beschluß:„Der Kongreß entscheidet dahin, daß jeder von den Agenten der Behörden angegriffene So- zialist das Recht und die Pflicht hat, der Gewalt mit der Gewalt zu antworten." Ganz unsere Ansicht. Schade nur, daß man mit dem„Recht" und der„Pflicht" allein verflucht wenig ausrichtet. Erst können vor Lachen, sagt der Berliner. — Genosse F. Domele NieuwenhuiS, Haag, hat einen populären Auszug aus Karl Marx„Kapital" unter dem Titel „Kapitaal en Arbeit" in niederdeutscher Sprache veröffentlicht. — In Scheveningen haben die Fischer ihrer Verzweiflung über die Hungerlöhne, mit denen sie von den Herren Rhedern abgespeist werden, durch eine Art Revolte Luft gemacht. Italien. — Auch Italien hat gegenwärtig seine KönigSreise, Humbert I. beglückt die südlichen Provinzen seines Königreiches mit seiner schätzbaren Gegenwart und findet überall begeisterte Aufnahme— seitens seiner. Polizeiagenten, die keine Gewaltmaßregel unterlassen hatten, um jede Regung unabhängiger Gesinnung im Voraus zu unterdrücken. In Neapel allein verhaftete man gegen achtzig Sozialisten. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich die italienische Bourgeoisie in ihrer ganzen Erbärmlichkeit. In denselben Provinzen, wo schon seit undenklichen Zeiten das größte Elend zu Hause ist, hat man Unsummen aufgewendet, um die Königssippschaft„würdig" zu empfangen. In dem kleinen Acireale allein hat man 8000 Frk. verpulvert, um einen Pavillon herzustellen, in welchem die aller- gnädigsten Herrschaften zehn Minuten zu verweilen geruhen wer- den. Die Provinz Calabrien hat eine Anleihe aufnehmen müssen, um das nöthige Geld herzuschaffen. Dieser Servilismus ist wirklich ekelhaft. In radikalen Kreisen beschäftigt man sich lebhaft mit der Wahl- reformfrage. Vom 26.— 28. ds. wird in Rom eine große nationale Versammlung zu Gunsten des allgemeinen Stimmrechts tagen. Man hatte als Vorsitzenden Garibaldi in Aussicht genommen, allein der alte Haudegen, der übrigens jüngst wieder einmal Gelegenheit nahm, seine sozialistische Gesinnung zu betonm, dürfte infolge seines leidenden Zustandes kaum in der Lage sein, dieses Ehrenamt anzunehmen. Bis jetzt haben gegen 700 poli- tische Vereine ihre Theilnahme zugesagt, unter ihnen auch viele sozialistische. Der Arbeiterverein von Bologna hat unfern Freund Andrea Costa zum Delegirten ernannt, um gegen dessen infame Verhaftung zu Protestiren. Ueberhaupt fassen die italienischen Sozialisten, wie die„Plebe" hervorhebt, die Betheiligung nicht als eine Anerkennung des Parlamentarismus auf, sondern lediglich als Mittel der Propaganda und des Protestes. Die„Plebe" hat sich eine Riesenente über eine am 3. Febr. in Zürich tagende Generalversammlung zur Wiederherstellung der„Internationalen Arbeiter-Assoziation" aufbinden lassen. So weit sind wir noch nicht. Hroßöritannien und Irland.» — Das Mutterland der kapitalistischen Produktionsweise be- findet sich in einem desolaten Zustande, der von dem völliger Auflösung sich nicht sehr unterscheidet. Wie jeder Staat, der nicht durch die Interessengemeinschaft seiner Bewohner, sondern durch Blut und Eisen zusammengekittet ist, muß auch das britische Kolonialreich an der Empörung der Ausgebeuteten früher oder später zu Grunde gehen. Daß dieser Augenblick nicht mehr fern ist, dafür sprechen die verschiedensten Thatsachen. Die von Eng- land in schamlosester— ganz hohenzollern'scher— Manier annektirte Bauernrepublik des Transvaallandes hat das Joch der englischen Krämer abgeschüttelt und droht ganz Süd- afrika mit sich zu reißen. In Ostindien hat man eine Ver- schwörung, welche bereits 5,000 Mitwisser umfaßte, entdeckt, welche die Verjagung der Engländer zum Zwecke hatte. Zum ersten Male in der Geschichte haben sich Hindus und Moslims in diesem Bunde die Hände gereicht, die sich sonst erbittert be- kämpften; eine Allianz, die auf hochgradigen Fanatismus gegen die„Barbaren des Nordens" schließen läßt. Ostindien ist Eng- lands wundester Punkt. Der Verlust dieses Riesenreichs bedeutet die Vernichtung der englischen Bourgeoisie, die an dessen Reich- thümern sich großgesogen hat, die dorl den Abflußkanal für die Erzeugnisse der industriellen Ueberproduktion fand. Aber näher noch als die englische Bourgeoisie ist das englische Grundherren- thum seinem Ende, in seinen innersten Lcbensfasern durch die irische Empörung bedroht. Ja, Empörung! Die vereinzelten Verschwörungen der„White- boys", der„vereinigten Jrländer", der„Fenier", sie reichen an Großartigkeit nicht an die Landliga, welche nicht blos die Rache am Grundbesitzer und Middlemann, nicht blos die Autonomie Irlands, sondern die Umwälzung von dessen bisherigen Eigen- thumsverhältnissen, allerdings im privat- kapitalistischen Sinne, verlangt. Die englische Regierung ist dieser Verschwörung eines ganzen verzweifelnden und kühnen Volkes gegenüber machtlos. Die„Milde", die sie bisher übte, hat nicht die Ausbreitung der Empörung zur Folge, sondern blos deren bisher verhältnißmäßig ruhigen Verlauf. Sobald die Regierung den wigghistischen Land- lords und deren Kreaturen im Unterhause zu Liebe mit den ver- sprochenen Zwangsmaßregeln vorgeht, schwillt die Empö- rung zum blutigen Bürgerkriege an. Weniger sind die vereinzelten verzweifelten Experimente zu fürchten, als das in der Landliga organisirte irische Volk. Tieselbe hält Meetings ab, denen 30,000 und noch mehr Pächter, darunter viele berittene, beiwohnen. Schon ist es zu offenen Kämpfen mit der Polizei gekommen, ja die Admiralität hat es für noth- wendig erachtet, ein Kriegsschiff, das Thurmschiff Belleislc, nach der Nordwestküste von Irland zu senden, um ein von Amerika signalisirtes Schiff mit Waffen und Munition abzufangen. Die freche Landlordklique scheint also entschlossen, jede wirkliche Konzession verweigern und ihre Ausbeuterstellung mit Blut und Eisen vertheidigcn zu wollen. Sie wollen den Krieg, sie sollen ihn haben und nach dem Kriegsrechte wird man sie behandeln! Also auch in England, diesem angeblich freicsten Lande, zwingt der Uebermuth der herrschenden Klassen das Proletariat zur gewaltsamen Erhebung. Das Parasitengewächs der englischen Aristokratie kann nur mit Gewalt vom Volkskörper, den es er- drückt, losgerissen werden. Daß auch der englische Staat bisher nichts war als eine Domäne einiger Besitzenden, ersieht man u. a. aus zwei neuerlich hervorgehobenen Thatsachen. Die eine ist die, daß die größere Hälfte sämmtlicher jetzigen Kabinetsmitglieder von dem Großvater des ebenfalls im Ministerium befindlichen Lord Granville abstammt! Das gegenwärtige Ministerium ist also das Ministerium einer Familie und weiß den Vortheil derselben bei der Regierung auf das Vortrefflichste Z'�' wahren. Die andere Thatsache ist die der„ewigen Pensionen",! gegen welche der„Freidenker" Bradlaugh eine Vorlage im Par- lamente eingebracht hat. England zahlt als Staat nämlich seit vielen Generationen sehr starke Pensionen an Personen aus der hohen Aristokratie, deren Vorfahren durch irgend welchen Vorzug Lieblinge der Könige wurden. Bradlaugh führt in seinem Antrag die Pensionen der Herzöge von Grafton, von Richmond und St. Albans namentlich an. Diese Herren stammen von den Maitressen Karl's II. ab. Die Herzöge von Richmond allein bezogen bis auf den heutigen Tag 19,000 Pfd., also 330,000 Mark jährlich. Diese„ewigen Pensionen", zu denen die der Ab- kömmlinge des berühmten Malrborough u. a. m. kommen, sollen gestrichen werden. Ganz schön. Aber wenn man einmal alles unverdiente Einkommen streicht, dann gibt es noch manches zu streichen, auch auf Seiten der Anhänger des Herrn Bradlaugh. Nun— das werden die englischen Proletarier be- sorgen! -o- Newcastle on Tyne. Draußen Frost und tiefer Schnee, hier innen dagegen ein prasselndes Kaminseuer, eine behaglich durchwärmte Stube. Aber das kann sich sehr bald ändern. Meine Hausfrau meldete mir heute, ihr Kohlenvorrath sei bald zu Ende und es sei sehr schwer, neue Kohlen zu bekommen, vielleicht gebe es bald gar keine mehr, denn die Kohlenwerkarbeiter hätten die Arbeiten eingestellt. Die- gute Frau glaubte wahrscheinlich, mich mit dieser Nachricht sehr zu betrüben. Ja, die fleißigen Hände, welche die kostbaren schwarzen Edelsteine zu Tage fördern, sie seiern, sie wollen lieber frieren und hungern, ehe sie ihr gutes, schwer errungenes Recht aufgeben. Nach langem Kampfe war es endlich gelungen, ein Hastpflichtgesetz durchzubringcn. Für die Eisen- bahnen, wo die Herren Gesetzmacher selbst hin und wieder ihr Leben riskiren müssen, bestand so etwas natürlich schon längst, d. h. nur sür die Passagiere. Bei dem neuen Gesetz nun, welches auch den Arbeitern eini- gen Schutz gewähren soll, hat man unter dem Vorwand, die persönliche Freiheit beeinträchtigen zu wollen, die Bestimmung gettofsen, daß Arbeit- geber und-Nehmer sich durch Separatverttag demselben entziehen können. Dieser köstlichen Bestimmung haben sich natürlich die Herren Ausbeuter mit beiden Händen bemächtigt. Bei den Eisenbahnen ist es leider beinahe überall gelungen, die Angestellten zu überreden. Allein die Kohlenberg- Werkarbeiter wollen davon nichts wissen. Sie sagen ganz einfach: Wenn das Gesetz für uns nicht vortheilhaster märe, würden die Herren uns keine Separatverträge vorschlagen. Wir lehnen also alle Bildung von Entschädigungsfonds und wie die schönen Dinger alle heißen mögen, ab. Die„Herren" bestehen aber darauf; und somit ist denn in Lancashire ein Strike ausgebrochen. 60,000 Arbeiter seiern bereits und vermuthlich wird der Strike sich von hier nach Durham hin ausdehnen, da aus der Konferenz der Kohlenarbeiter in Manchester, wo 300,000 Mann vertreten waren, beschlossen wurde, am Hastpstichtgesetz festzuhalten. Bereits ist es zu Unruhen gekomme», bei welchen die Polizisten den Kürzeren zogen, die Aufregung ist im Wachsen und die Regierung hat sich bereits„bemüssigt" gesehen, Militär zur„Ansrechterhaltung der Ordnung" in die„bedrohten" Distrikte zu senden, d. h. die„freiheitliche" englische Regierung schützt die beabsichtigte Gesetzesverhöhnung der Kapi- talisten und scheut zu diesem Zwecke selbst vor Blutvergießen nicht zurück. Vielleicht dürsten die englischen Arbeiter jetzt doch endlich zur Einsicht kommen, daß die soziale Freiheit nur zugleich mit der politischen Macht erkämpft werden kann, daß der Bourgeoisstaat vernichtet sein muß, wenn man sich der Tyrannei des Kapitals entziehen will. Wahrlich, niemals bot sich den englischen Arbeitern eine bessere Gelegenheit als jetzt, die politische Macht an sich zu reißen, wo die Regierung gespalten und macht- los ist, die Armee in Afghanistan, in Indien, in Südafrika, in Irland mit der Empörung, der naturnothwendigen Folge der Ausbeutung, zu kämpfen hat, die englische Landwirthschast in den letzten Zügen liegt und die britische Industrie au den Folgen der Ueberproduktton dahinsiecht. Jetzt wäre der Zeitpunkt, an die Traditionen der Chartisten-Bewegung anknüpfend, zu wahrhast revolutionärem Vorgehen sich aufzuraffen. Viel- leicht zwingt das Bourgeoisregiment die Arbeiter dazu. Rußtand. — Seit einigen Wochen erfreut das milde Väterchen an der Newa ungestört„seine Völker" mit den Wohlthaten, welche es ihm durch den„Freihcitsmann" Loris Melikow zukommen läßt. Diese Ruhe ist indeß eine trügerische. Da die allen scheußlichen Verhältnisse im Wesentlichen fortbestehen, müssen auch die Rückwirkungen gegen dieselben ebenso naturnothwendig eintreten. Eine freie Presse ist unmöglich: erst kürzlich beantwortete der„Regenerator" Rußlands zehn Gesuche wegen beabsichtigten Zeitungsgründungen ablehnend niit der naiv-dreisten Motivirung, es sei kein Bedürf- niß nach neuen Zeitungen vorhanden! Das Forttrscheintn der geheimen Zeitschristen— erst kürzlich erhielten wir eine neueNummer der„Narodnaja Wolja"— ist die beste Antwort darauf. Ebenso ist es eine natürliche Rückwirkung gegen jede Unterdrückung einer legalen Opposition, daß die geheimen Verbindungen und die terroristischen Tendenzen fortbestehen. Ein bedeutungsvolles Symp- tom hievon ist— abgesehen von den märchenhaften Erzählungen des englischen Uhrenmachers Hutchinson über bei ihm bestellten „Höllenmaschinen"— die aus Kiew gemeldete Verhaftung zweier Männer und zweier Frauen, welche einer geheimen terroristischen Gesellschaft angehört haben sollen. Wie die wohl etwas Phantasie- vollen sensationssüchligen liberalen Journale melden, wurden bei der Haussuchung Programme der äußersten terroristischen Frak- tion, in welchen Brandstiftung(?) und politische Morde empfohlen werden, sowie Revolver, Dolche, Beile, Vorrichtung zur Pässe- fälschung, ein Theil einer geheimen Typographie, eine bedeutende Anzahl Proklamationen und revolutionäre Broschüren aufgefunden, unter Anderem 122 Exemplare einer im Namen des„südlichen Arbeitervereines" abgefaßten Proklamation über die Ermordung eines Beamten des Militärbezirkes Kiew. Die Proklamation ist in Form eines Urtheiles abgefaßt und spricht von der bereits vollzogenen Ermordung; dieselbe war aufbewahrt, um nach ge- schehener That verbreitet zu werden. Die reaktionäre Meute erhebt ein Freudengezeter, so oft ein derartiger Fang gemacht wird, und doch sollten gerade solche „Entdeckungen" sie zu ernstem Nachdenken auffordern. Sie sind ja der beste Beweis dafür, daß die revolutionäre Partei Rußlands noch ungebrochen dasteht und in ihrem bewunderungswürdigen Kampfe gegen die blutige Tyrannei fortfährt. Das Resultat des Kampfes ist vorauszusehen: Die Tyrannen find sterblich, die Völker aber nicht. Sprechsaal. London, 16. Januar. Auf den Bericht in Nr. 2 der„Freiheit" erwidere ich, daß ich zwar Kolporteur des„Sozialdemokrat" bin, daß aber in keiner der drei staltgehabten deutschen Tischlerversammlungen davon die Rede war, daß ich auch durch jenen Bericht mich nicht ein- schüchtern lassen, sondern unbekümmert um die deutsche Polizei mich bemühen werde, die Verbreitung des Zenttalorgans der deutschen Sozial- demokratie um so eifriger zu betreiben. Wer vielmehr in jenen Versammlungen den Bauernfang betrieb, ist daraus ersichtlich, daß gerade von Seiten des Resolutionsstellers mit faulen Aktien gehandelt wurde, und daß man sich sogar erdreistete, mit diesen Aktien die Beiträge resp. Schulden an die Gewerkschaft zahlen zu wollen, was selbstredend nicht akzeptirt werden konnte. Zum Schluß möchte ich noch bemerken, daß die große Majorität aus neun Personen bestand. B. Breul. Bernhard Grün, Geschäftsreisender, ist sreundlichst ersucht, sich mit Unterzeichnetem in Korrespondenz zu setzen. W i l h. Hengst, Deutscher Arbeiter-Verein Zürich. Berichtigung. In dem Berichte ans Karlsruhe in Nr. 3 unseres Blattes war gesagt worden, daß Genosse Kalnbach geschlossen zur Bahn transportirt und in brutaler Manier behandelt worden sei. Unser Korrespondent schreibt uns, daß dies indeß nicht der Fall gewesen was wir hiermit berichtigen. Wir bemerken, daß uns diese Mittheilung von einem aus Karlsruhe zugereisten Arbeiter gemacht worden war, wir daher glaubten, die Kor- respondenz dahin ergänzen zu sollen. Aus eigener Initiative zu über- treiben, liegt uns fern, wir haben das in Deutschland wirklich nicht nöthig. Briefkasten der Expedition. H. Pr-- tz: Mk. 3,— Ab. 1. Qu. erh. 47 nachges. Das Andere muß eingetr. sein. Liegt durchaus nicht an uns.— 1 Louise: P.-K. u. Bf. v. 18. ds. eingetr. Alles beachtet. Briest, mehr. Die. kleinen Mstrbeilgeu aus— lle sind doch sort?— Felix: Abrechnung erbeten!-- sie Paris: Fr. 5,80 durch D. erh. sür U. u. Ffds.— E. M. St. Gall.: Fr. 6,30 v. d. Glasern, siehe später im U.-Fds. Dank! — E. B.— frt: Mk. 3,50 Ab. 1. Qu. u. Schst. erh. Sdg. mit 4 sort. Die Alten ausgerüttelt, dann SO Mal mehr!— Pesca: Mk. 5,— gut- gebr. Jetzt klar, da auch der Pechvogel eingeflogen sein wird? E. B. freilich eine wundersame Samariterseele. Etwa„Kelle und Richtscheit" im Spiel?— Sommerschwalbe: Konnte erst ab 4 berücksichtigt werden.— Liebig: Alle Xbdr. sind am 16. Mittags fort von hier. Ersatz an 5 am 23. Im Andern drückt uns übrigens der Schuh auch, l. Frd.!— Ag. d. B.'schen Mpillen: Gut. Wir haben also 6 Pat. mit ders. Dosis zu � behandeln.— A. A.: Bf. v. 21. am 25. beanlw. Alles vorgem.— Jassy: Fr. 2,50 Ab. 1. Qu. erh. Sdg. ab 1 fort.— Es— kka Wien: � ö. fl. 1,70 Ab. 1. Qu. erh.— I. I.: Nachsendg. bewirkt, da Jhrb. i noch unbestimmt ausstehend. Korresp. besorgt.— M. L. Bin.: Mk. 6,— Ab. 1. Ou. u. Mk. 4,50 1'. F. erh.— F. Pfl. Chur: Fr. 16,60 für U.-Fds., Fr. 4.— für 2 Ab. 1. Qu., Fr.-65 s. Schst. erh.- Strß. N.-I.: Fr. 20,70 i Cto. kreuzte mit gesandtem Auszug.— Rothkragen an der Zislar: Mk. 3,— Ab. 1. Ou. hier. Nachzügler muß jetzt dort sein.— Ulm: Mk. 15,— Ab. 1. Qu. erh. Ach. besorgt.— Rothhahn: Mk. 3,— für Oed p. 1. Qu. eingest. u. Sdg. bewirkt.— Nr. 512: ö. fl. 1,— erh. Bfl. am 25. geantw.— I. Mkt. Chicago: Doll. 3,— dankend nach Vorschr. verwendet. Schristenverzeichn. abges.— B. N. Salzstadt: Mk. 3,— Ab. 1. Qu. erh.— M. F. Neuchatel: Fr. 2,— Ab. 1. Qu. erh.— I. G. H. B.: Fr. 10,40(sür Mk. 8,50) erh. Alles mit 4 in die Welt!— H. Ste.: Mk. 3,60 Ab. p. Dez. 80 durch Frd. Bck. erh. Und„wo die Fetzen herunterhangen, da sind die Kugeln hin« durchgegangen",— es geht eben unterwegs oft heiß her und da hilft der beste Mantel nichts!— W. W. A.: Mk. 3,— Ab. 1. Qu. erh. Da haben sich ja ihre P.-B. sehr gebessert oder waren Ihre sonstigen Schmer» zen zu lies empfunden? Sonderbar!-- E. F. Beauvais: Fr. 10,— Ab. 1. Sem. 81 u. Schst. erh. Sdg. besorgt.— I. R. N.: Fr. 3,75 durch C. L. für 1. Qu. erh. Der Marder kennt Ihre Adr. so gut als wir. Wollen Sie noch weiter für ihn abonniren? Gute Ersatzadr. uner- läßlich, sonst keine Garantie.— W. u. A. Mr. Renan: Fr. 4,— erh. d. Vltsbhdlg. U.-Fds.-Quittg. später.—„Fiskus" von Venedig: Fr. 10,— BUrgschaftsrale sür den Lump Kothe dem U.-Fds. einverleibt. Der Bursche hat neulich Kopenhagen trotz Steckbrief auch abgekämmt. Wunderbarer Türkei!— Hanauer: Tabelle v. S. verwendbar. Sendg. 1—1'/, monatl. ab Reich franko beabsichtigt. Bitten um Namen, dann erst Näheres mögl. — Peter Blitz: Irrig Mark statt Franks guitttrt. Gesammtab. 4. Qu. betrug Mk. 45,—, hieran bez. Mk. 40,—(in zwei Posten), demnach Ab.- Rest Mk. 5,—; Rest aus Flug. v. 22.5. 80 Mk. 10,— u. Schst. v. 24. 12. Mk. 2,50, zus. Mk. 17.50. Zahlg. v. 30. 11. Mk. 5.- f. Schst. u. Flgsds. nach Vorschr. verw. Am 25.1. erh. Mk. 20,—. Also Ihnen jetzt noch Mk. 2,50 gutkommend. Stimmt's? Kam aus Speier.— ■fs-f Himmel---: Brf. v. 20. am 23. erh. Antw. u. Reklam. abgeg. — E— t Sbrg.: ö. fl. 6,05 f. 3 Ab. 1. Qu. u. Schrftrest erh. Weiteres durch Rr.— L. O.: M. 5,— Ab. bis Ende Mai erh.— E— s, Mailand: Fr. 1,— durch Bbhdlg.erh. Später in Fdsquitt.— Lasker: M. 30,—> erste Ab.-Rate 1. Qu. erh. trotz schlechtem Briefverschluß. Vorficht! Durch die Expedition des„Sozialdemokrat" und die Volksbuchhand- lung in Hottingen-Zürich ist zu beziehen: Die soziale Baukunst oder Gründe und Mittel sür de» Amsturs und Wiederaufbau der Stscllschiftlicheu Nerhältuiffe. Von .1. Alois Petzler. Dieses sür das Studium und die Lösung der sozialen Frage wichtige Werk wird im Verlage der Volksbuchhandlung zu Hottingen-Zürich, so- wohl in Einzellieserungen als auch gebunden in zwei Bänden erscheinen Der erste Band ist bereit« erschienen. Preis: 50 Cts. das Heft. Der Reinertrag ist für die Opfer des Sozialisten» gefetzeS bestimmt. Schweiz. LereinSbuchdeuckerei Hollingen.»tirich.