Hrschemt V ö ck cnt l ich einmal in Zürich«Schwei;) Verla; «. Hottingcn-Zürich Kafinostraße 3. yaSfentuigcB sranc» gegen fronco. Aewdhnliche Briefe nach der Schweiz fasten Doppelporto. Der SoMemKnü 'entrat-Krgan der deutschen Sozialdemokratie Abokkements werden nur beim Berlag und deffen bekannten Agenten«nt- gegengenommen und zwar zum voran» zahlbare» SßierteljahrspreiB von: Fr. 2.— für dieCchweiz tSreuzband) Mk. 3.— für �-r'r�'and'Eounertl st. l. 70 für Oesterreich(Öouverl) Fr. 2. SO für alle übrigen Länder d<> Weltvastvereins ikreuzband>. Juserate Die dreigespaltene Petitzeile 25 Eis.----- 20 Pfg. R? A» Donnerstag, 25. August. �881. Ai» au>ie Korrespolldelltell ll»d Aboulleutell de»„Z-sialdemoKrii". T- der.Sozialdemokrat- sowohl in Deutschland°IS auch in Oesterreich verboten ist. bezw. wird, und die dortigen Bebärden nch alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erichwcren, rriP.�Vriclc von dort an uns und unlere Z-itungs- und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äußerste«orficht im Poüverl-hr nothwendlg und darf keine Vorfichtimaßregel versäumt werden. die Briefmarder über den wahren Absender und Empsänger!°�'° d'n Inhalt der Sendungen zu täuschen, und l-htere dadurch zu schuhen. Hauptersorderniß ist hiezu einerseits, daß unsere Freunde>0 selten als möglich an den.Sozialdemokrat-, resp. dessen Verlag selbst adresstren, sondern sich möglichst an irgendeine unverdächtig- Adresse außerhalb Deutschlands und O-ft-rr-ichs wendcn, welche fich dann mit uns in Verbindung seht; anderseits aber, daß auch uns möglichst unverfänglichc Zustellungsadressen mitgetheilt werden. In zw-if-lhast-n Fällen-inpfi-hlt sich behufs größerer Sicherheit Rekommandirung. Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um»eoh aller-nt- g-gensteh-nden Schwierigkeiten den. Sozialdemokrat- unsern Abonnenten möglichst regelmäßig zu liesern. Kampf bis zum Sieg! Unsere Feinde merken, daß die Sozialdemokratie eine Macht ist, welche durch keine Gewalt niedergeworfen werden kann. Da nähern sie sich uns nun süß lächelnd und bieten unS den Frieden an und die Hand. Wer lacht da? Es ist kein schlechter Spaß. Hört nur: Das amtliche Organ der sächsischen Regierung, die„Leipziger Zeitung schreibt wörtlich: „Es mag ohne Weiteres zugegeben werden, daß das Sozialisten- gksetz eine bedauerliche Anomalie darstellt, daß jeder gute Bürger schon aus Gründen der allgemeinen Rechtsgleichheit und der Freiheit öffentlicher Meinungsäußerungen wünschen muß, es möge die Aufhebung des Sozialistengesetzes recht bald möglich werden. Allein die Sozialisten wollen die Staats- und Gesell- schasisordnung umstürzen. Gegenwärtig ist der Sozialdemokratie nun die Möglichkeit gewährt, sich auf einen anderen, überhaupt zulässigen Boden zu stellen. Niemand stellt ja in Abrede, daß die soziale Lage unserer arbeitenden Klasse vielfach eine unbefrie- digende ist und daß der Staat dem abzuhelfen für eine seiner wichtigsten Aufgaben halten müßte. Die Reichsregierung hat Maßregeln dieser Art in Aussicht genommen und es ist durchaus nicht gesagt, daß der Umkreis derartiger Maßregeln fich nicht noch weiter ausdehnen ließe und daß bezügliche Vorschläge auch aus Arbciterkreisen wohl eine gute Stätte finden werden." Ei! Ei! � Also„es mag ohne Weiteres zugegeben werden, daß das Sozialistengesetz eine bedauerliche Anomalie darstellt" u. s. w.! Aber warum haben die Herren diese„bedauerliche Anomalie" Mm sogenannten„Gesetz" erhoben? Warum„die jedem guten Bürger»heuere allgemeine Rechtsgleichheit und die Freiheit öffent- ucher Meinungsäußerungen" srevethafl»nt Füßen getreten? Die Erkenntniß oer verübten Niedertracht kommt den Herren zu spät. Sie kommt ihnen nur, weil sie einzusehen beginnen, daß sie sich verrechnet und daß ihre Niederttacht eine große Dummheit gewesen. Sie brauchen die Arbeitermassen und ohne die so schwach- voll verfolgte, gehetzte Sozialdemokratie können sie die Massen nicht haben. Tie Sozialdemokratie soll gekaust werden. „Wir heben daS Sozialistengesetz auf, so tönt der schmeichelnde Lock- und Wcrberuf— wir heben das Sozialistengesetz auf, und zum Dank leistet Ihr uns Heeresfolge bei den nächsten Wahlen." Sehr schön, Ihr Herren! Ein prächtiges Sckachergeschäftchen. Schade blos, daß Ihr die Sozialdemokralen braucht, die Sozialdemokraten aber nicht Eu ch! Und glaubt Ihr, wir seien Hunde nach Art des Bamberger, die heute die Hand küssen, die uns gestern geschlagen? Als Ihr die infamen Ham burg-Alton aer Dragonaden anordnetet, da riefen wir Euch zu: Euer Zuckerbiot verachten wir. Eure Peitsche zerbrechen wir. Und das ist auch heut unsere Antwort. Heule— acht Wochen nach Anfang der ebenso infamen L e i p- ,Cjtfr«r Dragonaden.——— 'eflpaU 1 Dort tönt noch die Pfeife des Rattensängers von Wneln. Er heißt Adolf Wagner, ist der bekannte„sozialistische" Professor(„Professoren und H— kann man stets für Geld haben," pflegte der alte Ernst August von Hannover zu sagen), und das Liedchen, welches er zum ersten Male neulich auf einer Wähler- Versammlung zu Barmen blies, lautet wie folgt: „ Für die sozialpolitischen Reformen bedürfen wir neuer Mittel. Bismarck hat nun den Weg zur Erwerbung dieser Mittel an- gegeben, aber ich könnte den schriftlichen Nachweis bringen, daß ich den Gedanken gehabt habe, schon lange bevor ihn Bismarck aussprach. Es ist die feste Absicht des Fürsten Bismarck, wie er mir mündlich mitgetheilt, und ich habe die Erlaubniß, feiner Absicht Ausdruck zu geben, daß das Tabaksmonopol geschaffen werden soll, um aus femen Erträgen vor Allem die Arbeiterversicherung durchzuführen. Ohne große gewaltige Mittel in Bewegung zu setzen, ist die Durchführung oer Arbeiterkassen nicht möglich. Solche Mittel durch das Tabaksmonopol zu erlangen, ist relativ leichter, als aus anderem Wegt. Es wird behauptet, daß durch das Tabaks- monopol die Tabakfabrikate, Zigarren, Rauch- und Schnupf. labak um ein Bedeutendes im Preise gesteigert werden müßten, wenn man erhebliche Biträge erzielen wolle. Das ist aber nicht wahrscheinlich. Fürst Bismarck sagt ganz richtig: Der ganze Gewinn, der jetzt auf dem Wege vom Fabrikanten durch den Zwischenhandel b.s zum Konsummten verloren geht M auf den Staa. übertragen werden. Naku.I.ch müssen b-d-u.end- Ent- schädigungen für Fabrikanten und Handler gezahlt werden aber selbst dann werden noch bedeutende Ueb-rschussc übr.g b.-b� In Oesterreich herrsch, das T°baksm°n°P°l. Es wwd dort.n Reingewinn erzieh von 70 bis 80 Millionen I°hrl.ch. Es wird bei uns mehr geraucht, und so werden.'J' � t b beiderseitigen Bevölkerungsziffern mintest>.ns 160 Millionen Mark erzielen. Rechne:: wir hiervon ab Zinsen und Amortisationen, so bleibt immerhin noch ein jährlicher Rein- gewinn von 130 Mill. Mark. Die Einnahmen werden von Jahr zu Jahr steigen, und nach einiger Zeit werden wir 150 bis 200 Mill. Mark jährlich haben. Mit solchen Summen läßt sich etwas machen, und diese Summen sollen der Arbeiter- klaffe, der Arbeiterbevölkcrung zu Gute kommen. Wir haben also durch Bewilligung dieser Steuern die beste Aussicht, die Arbeiterversichcrung ins Leben zu rufen." Ein hübsches Lied. Das Tabaksmonopol für die Arbeiter! Ja, wenn es wahr wäre. Unglücklicherweise kennen wir den„armen Mann", für dessen Wohl Fürst Bismarck mit solcher Beflissenheit sorgen will. Dieser„arme Mann" heißt Fürst Bismarck. Es fällt uns nicht ein, ihm aus der Patsche zu helfen, auf seinen Leim zu gehen. Kein ehrlicher, kein vernünftiger Arbeiter läuft in den ,,gol- denen Berg", der uns versprochen wird. Der Rattenfänger mag allein Uufen. Genug: Die Hand, welche min uns hinstreckt, stoßen wir mit Verachtung zurück. Zwischen den Urhebern ves Sozialistengesetzes und der deutschen Sozial de mokratie gähnt ein un- übersteig lich er Abgrund. Die Sozialdemokratie wird niemals mit ihren Feinden paktircn, sie wird um das elende Linsengiricht, das die Bismarck'schcn StaatSköche zurcchtpfuschen, ihr E:stgeburtsrechl nicht verkaufen, sie wird von ihrem Programm, den sozialistischen Reichskur- pfuschern zu Lieb, nicht ein Tüpfelchen über dem i opfern.— Der Lock- und Werberuf der„Leipziger Zeitung", das Lied �»8 UCttfllC) UNS, C(t�" unsere Verfolger nicht mehr ar die Möglichkeit glauben, die Sozialdemokratie vernichten zu bnne», und daß die öffentliche Meinung sich ihnen entgegcnstenmt. Wir danken den Feinden fir das unfreiwillige Geständniß, und weroen unser Bestes thun, hnen ihre Ohnmacht unserer Be- wegung gegenüber noch klarer zun Bewußtsein zu bringen. Zwischen den Urhebern deS Lozialistengesetzes und der deut- schen Sozialdemokratie gibt es»cht Friede nicht Freundscyaft. Keine Konzession wird uns zur Rederlegung der Waffen bestim- men. Jede Konzession, welche dieNothwendigkeit unsern Feinden abpreßt, werden wir als Hebel zur Erringung weiterer Kon- Zessionen benutzen, und, unerschüttelich festhaltend an dem ganzen Recht, unserem Wahlspruch treu bleiben: Kampf bis�z m Sieg! Demokratie, Sozialdemoratie und Anarchie. A.. Ij. 0. Unsere Pärtei wird von ihn Gegnern mit Behauptungen bekämpft, nicht mit Gründen. Das ist ndisch und lächerlich, aber es erfüllt meist doch den Zweck, denn das Puikum glaubt die Behauptungen. Leider wird manchmal auch in unsererpartei selbst nur mit Behaup- tungen gekämpft. Da wir aber eine Paei der Kritik, die Partei der Kritik par eievllsnee siijd, so erfahren laße Behauptungen gewöhnlich sofort eine Kritik. Da« ist ein Zeich der geistigen Reise unserer Partei. � Um diesen kritischen Charakter unser' Partei zu wahren, halte ich es für meine Pflicht, Meinungsäußerung näher zu prüfen, wie solche in dem Artikel„Freiheit" in Nr. 28 unses Organes von„SymmachoS" niedergelegt sind. Nachdem dort daraus hingewiese,.' Müden ist, daß mit dem Worte Freiheit, da« von der demokratischen Ptei aus uns gekommen, viel Mißbrauch getrieben, und daß selbst innerlb unserer Reihen nicht immer der rechte Begriff damit verbunden wird.eißt es wörtlich weiter: „Diejenigen, welche so raisouren, betrachten eigentlich die Sozialdemokratie blos als eine irweiterung der bürgerlichen Demokratie, auf deren politische srderungen eben noch eine An- zahl sozialistischer Forderungen hiusgepsropst wurde, wie auch von denselben Leuten die S»zi«emokralie als die natürliche Konsequenz der bürgerlichen Deokratie betrachtet wird. Die Demokratie als Vorstuf der Sozialdemokratie. Nicht? einseitiger als das. „Die naturnothwendi eKonsequenz der Demo- kratie ist nicht die Sozinemo kratie, sondern die Anarchie. Beid e, Demokru: und Anarchie, sind blos die letzten Konsequenzendr modernen Gesellschaft und bilden daher den gerdn Gegensatz zur Sozial- d emo kratie." In vorstehenden Sätzen ist ein ganziues politisches Lehrgebäude ausgestellt, das in unserer bisherigen soziastchen Literatur, meines Wissens, seines Gleichen nicht hat. Das Best u der Sache aber ist, daß nur für einen Punkt dieses Lehrgebäude er Beweis erbracht und uns somit zugemuthet wird, die anderen i stauben. Bewiesen wird nur, was schon von den verschiedensten Str, auch von nichtsozialistischer geschehen ist, daß die Theorie der Airzie mit ihrer Forderung nach absoluter individueller Freiheil und ich unbeschränkter persönlicher Autonomie in fundamentalem Widerspch zu jeder, selbst der primitivsten Art gesellschaftlichen Verbandes steht t also den direktesten Gegensatz zur höchsten Form des Gesellschaftsleb, dem Sozialismus, bildet. Bewiesen hingegen wird nicht, tz die Demokratie nicht die Vorstufe der Sozialdeikratie sei; bewiesen wird nicht, daßdienalurnothwendigeKonsequenzderDemo- kratie nicht die Sozialdemokratie, sondern die Anarchie sei; bewiesen wird nicht, daß die Demokratie die letzte Konsequenz der modernen Gesellschaft sei; und bewiesen wird nicht, daß die Demokratie den geraden Gegensatz zur Sozialdemokratie bildet. Nicht ein einziger dieser Sätze wird bewiesen, denn es ist durchaus kein Beweis, wenn nach den oben angeführten Sätzen mit— übrigens zutreffenden— Bemerkungen über die Stellung der Sozialdemokratie zu den Demokraten und Anarchisten in der Vergangenheit und mit einer Entwicklungsgeschichte der heutigen politischen Partei der hürzcriilhtll vcmokratie fortgefahren wir. Was uin's Himmels willen hat der Wechselbalg, der sich heute in Deutschland demokratische Partei nennt, mit der Demokratie zu thun? Bei„SymmachoS", scheint es, sehr viel, denn er setzt unbedenklich„bür- gerliche Demokratie" und„Demokratie" einander gleich. Ja, was verschlägt das! Es gibt ja bei uns gar keine andere als die bürgerliche Demokratie, wird man sagen. Sehr wohl; es gibt nur eine bürgerliche Demokratie, aber diese bürgerliche Demokratie ist eine politische Partei und die Demokratie ist ein wohlbekannter poli- tisch er Begriff, den diese politische Partei gar nicht deckt. Was thut also„SymmachoS"? Er wendet einen allgemeinen Begriff auf eine bestimmte Sache, hier auf eine historisch entstandene politische Partei an. Wohin würde-ine solche Logik führen? Dazu, daß man, wie Ba kunin»hat, den heutigen Staat als den Staat überhaupt, als den Staatsbegriff, den Feuerländcr oder unseren verkommenen Fabrikarbeiter als den Menschen überhaupt, als den Begriff von Mensch, den Sozialisten, der ja auch einmal zufällig ein Lump sein kann, als den Begriff des Sozialismus erklären würde. Der letztgenannte Schluß wird in der That häufig gegen den Sozia- lismus angewandt, aber er ist, wie das ganze System solcher Schluß- solgerungen verwerflich und auch in unseren Reihen als verwirrend zu bekämpfen. � 7Fn den von mir z ü i r l ew a ü ß e f o ch r e n e n Sätzen de« Genossen „SymmachoS" herrscht nun dieses tjmck pro quo, dieses Setzen eines X für ein U nicht. Allerdings wird in der Einleitung zu diesen Sätzen, die ich ebenfalls wiedergab, nur von der bürgerlichen Demokratie ge- sprachen, aber die angefochtenen Sätze sprechen nur von der Demokratie schlechtweg, müssen also auch so gedeutet werden. Man kann sich eben nicht an da« halten, was der Verfasser darunter sich gedacht hat oder verstanden wissen will, denn man weiß es ja nicht, sondern an das, was schwarz aus weiß dasteht. Wenn aber„SymmachoS" in den angefochtenen Sätzen auch unter Demo- kratie die bürgerliche Demokratie verstanden wissen wollte, so wären diese Sätze doch ebenso anfechtbar, unhistorisch und einseitig, als sie ohnedies sind. Ahndestens würde für die so gedeuteten Sätze ebenfalls jeder Beweis fehlen. Doch prüfen wir sie zunächst einmal unter diesem Gesichtspunkt. Nach„SymmachoS" hätte also die Sozialdemokratie, als politische Partei betrachtet, die bürgerliche Demokratie nicht zur Vorstufe/ Was denn sonst für eine Partei oder Parteibildung die Sozialdemo- krarie zur Vorstufe, d. h. also zum Ausgangspunkt ihrer Entwickelung hat, sagt uns„SymmachoS" freilich nicht. Ich muß gestehen, daß ich bis jetzt in der Geschichte aller modernen Staaten erst dann eine Sozialdemokratie habe austreten sehen, wenn eine Parteibildung vorangegangen war, die mehr oder minder der bei uns unter dem Namen bürgerliche Demokratie bekannten entspricht. So ge- schah es wenigstens in Teutschland, Frankreich, Belgien und der Schweiz. Den sozialdemokratischen Parteien dieser Länder gingen immer demo- kratische Parteien, mitunter recht radikale, voraus. Wer Anderes behaupten wollte, würde aller Geschichtserfahrunguvkder- sprechen und jenes Eutwickelungsgesetz leugnen müssen, das uns überall' einen streng stufenweis fortschreitenden Gang zeigt. Fassen wir nun die Worte Demokratie und Sozialdemokratie als Begriffe, so werden wir erst recht sagen müssen, daß die Sozialdemokratie die Demokratie zur Vorstufe hat. Erst mußte sich die Idee der Demokratie, d. h. die Idee der Volksherrschaft, die Idee der Volkssouveränität und der poli- tischen Gleichberechtigung Aller entwickeln, bevor die Idee der Sozial- demokratie, d. h. die Idee der sozialen Gleichberechtigung Aller auf Grundlage der politischen Gleichberechtigung Gestalt gewinnen konnte. Beweis dafür ist wiederum die Geschichte. Da« Gesetz der lückenlos fortschreitenden Entwickelung gilt auch für die menschlichen Ideen. Zu- dem kann man dieses Gesetz auch an sich selbst, an jedem Judividuum verfolgen. Gewiß haben wir erst die Idee der Demokratie erfaßt, ehe wir uns die der Sozialdemokratie zu eigen machten. So wenigsten« erging es mir und noch vielen wohlbekannten hervorragenden Genossen, die sogar mit der noch abgcblaßreren liberalen Idee ihre geistig-politische Ent- Wickelung begannen. Ter Menschengeist macht in seiner individuellen wie generellen Entwickelung keine Sprünge, sondern er gehl immer nur Schritt für Schritt, vom Einfachen zum Zusammengesetzten, vom Nahe- liegenden zum Fernen, vom Konkreten zum Abstrakten. Wir Deutschen sprechen von einer Sozial demokratie, wir stellen- wie wir das immer so bei Wortzusammensetzungen thun, das Eigen- schaftswort vor das Ding- oder Sachwort, aber logisch steht da« Ding ja immer höher, als die Eigenschaft des Dinges. Bei den Franzose», deren Sprache einen strengeren logischen Bau zeigt, steht denn auch das Eigenschaftswort bei zusammengesetzten Wörtern immer hinter dem Dingwort und so haben diese denn auch eine Dömoeratis sociale. Daß die französischen Sozialisten die Demokratie als Vorstufe und Voraussetzung der Sozialdemokratie betrachten, also nicht auf Seite des Genossen„Symmachos" stehen, haben sie dadurch bewiesen, daß sie schon mehrmals für die Demokratie in den Tod gingen. Aber auch wir Deutschen haben trotz unserer Sozial demokratie im Eisenacher Programm die Demokratie als unsere Vorstufe, als eine noth- wendige Voraussetzung erklärt, indem wir im 4. Punkt desselben prokla- mirten: „Die politische Freiheit ist die unentbehrlichste Vor- bedingung zur ökonomischen Besreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese beding! und nur möglich im d e m o- kratischen Staa t." In unserem Programm wird bekanntlich der freie Staat ebenfalls zuerst genanut. Kurz, es bleibt wohl dabei, daß die Demokratie die Vorstufe der Sozialdemokratie ist. Schon im Namen„Sozialdemokratie" ist dieser Ursprung deutlich ausgedrückt; die Sozialdemokratie ist eben auch nur eine Demokratie, aber keine bloß politische, sondern eine soziale. Uebrigens, wenn die Sozialdemokratie nicht die Demokratie zur Vorstufe hat, wen oder was hat ste denn zur Vorstufe? „Die naturnothwendige Konsequenz der Demokratie ist die Anarchie, nicht die Sozialdemokratie." Daß die naturnothwendige Konsequenz der bürgerlichen Demokratie die Sozialdemokratie und ebenso, daß die naturnothwendige Konsequenz des demokratischen der sozialdemokratische Begriff ist, geht zur Genüge schon aus dem bereits Gesagten hervor. Doch wollen wir hier noch darauf hinweisen, daß der sozialdemokratische Begriff durchaus nur die Ver- allgemeinerung des demokratischen Begriffes und dessen Anwendung auf das soziale Leben ist. Die Sozialdemokratie ist die konsequente Demo- kratie, welche beweist, daß die politische Gleichberechtigung ohne soziale ein leerer Schall, daß ersterc ohne letztere gar nicht möglich ist, sowie daß die soziale Gleichberechtigung die politische zur Voraussetzung hat. Hätte„Symmachos" Recht, wie wollte er denn dann die von ihm selbst erwähnte Thatsache plausibel machen, daß der eine Theil der bürgerlichen Demokratie zur Sozialdemokratie tritt, während der andere wieder in Abrahams Schoost, d. h. zum Liberalismus zurückkehrt, von dem er ausging? Welchen Theil will„Symmachos" den konsequenten nennen?— Und nun zur Behauptung,„die naturnothwendige Konsequenz der Demokratie sei die Anarchie". Fragen wir hier zunächst, wo und wann denn aus bürgerlichen Demo- kraten Anarchisten geworden sind. Mir ist nichts derartiges bekannt, wohl aber weiß ich, daß alle uns bekannten Anarchisten aus den ver- schiedensten sozialistischen Schulen und Parteien, einschließlich der sozial- demokratischen, hervorgegangen sind. Welch psychologische Ursache und logische Gründe gäbe es auch für die Verwandlung eines bürgerlichen Demokraten in einen Anarchisten? Die bürgerlichen Demokraten, wie entartet sie auch heute sein mögen, wollen doch einen sreien, möglichst großen Staat, aber die Anarchisten wollen gar nicht« vom Staat, voraus nichts von einem großen wissen. Wahrlich, wir sind begierig, mit dem Weg bekannt gemacht zu werden, der vom Demokraten zum Anarchisten führt. Wenn es einen Weg gibt, so führt er über den Sozialismus, d. h. der Demokrat wird erst Sozialist und d a n n Anarchist. Oder aber, der Demokrat sieht sich einem allmächtigen Staat gegenüber, der alle Rechte der Person in seinem Getriebe zermalmt und wird, weil er sich gegen einen solchen Staat empört, zum Anarchisten, zum Propheten der abso- luten individuellen Freiheit. In beiden Fällen wird man aber vernünftigerweise nicht behaupten wollen, daß der Demokral mit naturnothwendiger Konsequenz Anarchist geworden sei. In beiden Fällen liegt vielmehr ein Umschlagen von einem Extrem in's andere vor, was allerdings unter gewissen Voraussetzungen auch mit Naturnothwendigkeit erfolgt. Aber so will„Symmachos" seinen Satz sicherlich nicht verstanden wissen. Will„Symmachos" aber behaupten, die Idee der Anarchie sei die nalur- nothwendige Konsequenz der Idee der Demokratie, so behauptet er etwas, was die königstreuen Philister aller Länder schon längst behauptet haben, und was wir au« Achtung vor den Lesern hier nicht erst nnbcilcnc. wollen. Wohl ist die Anarchie die letzte Konsequenz, aber nur die wirihsihaftlichc Konsequenz der modernen Gesellschaft, welch- von ihren rührigsten Ver- tretern sogar zum wirthschaftlichen Prinzip derselben erhoben worden ist. Aber diese wirthschastliche Anarchie bedarf zu ihrer Erhaltung einer starken politischen Autorität. Aus dem Widerstreit dieser beiden, sich schroff gegenüberstehenden Prinzipien, des der wirthschaftlichen Anarchie und de« der politischen Autorität, wird der häßliche Bourgeois und Militärstaat geboren, mit dem Windfahnencharakter seiner hauptsächlichsten Stützen, der Bourgeois, die sich bald dem einen, bald dem andern Prinzip mehr hingeben, bald beide zu vereinigen trachten und so das Bild eines von der Brandung hin und her geworfenen Wrackes bieten. Um das genetische Verhältniß zwischen bürgerlicher Gesellschaft und Anarchie genau auszudrücken, muß und darf inan nur sagen, d i e Anarchie ist das auf die Spitze getriebene wirth- schastlichePrinzip, zugleichaber ei neReaklion gegen das politisch autoritäre Prinzip der Bourgeoisie. Die Demokratie ist nicht die letzte Konsequenz, sondern vielmehr eine Inkonsequenz der bürgerlichen Gesellschaft, denn Volkssouveränität und bürgerliche Gesellschaft, d. h. kapitalistische Produktion sind unverträglich. Ein souveränes Volk wird sich auf die Dauer nicht ausbeuten lassen, sondern es wird das Wirthschaftsleben nach seinen Wünschen gestalten. Was wir an den Radikalen und bürgerlichen Demokraten tadeln und lächerlich finden, das ist ja eben ihr Bestreben, das heutige WirthschaftS- leben in seinen Grundlagen zu erhalten und doch die Volksherrschaft daneben zu begründen. Die moderne Gesellschaft führt naturnothwendig sicher nicht zur Demo- kratie, sondern zum Liberalismus, Opportunismus, zur absoluten Staatsgewalt mit genügender Infanterie, Kavallerie und Artillerie, um die wirthschastliche Anarchie, das heißt die Ausbeutung des Volkes aufrecht zu erhalten. Wenn irgendwo, so sehen wir in der Geschichte naturnothwendige Konsequenz. Nun, und was zeigt die Geschichte? Daß sich die Ver- treter der moderneu Gesellschaft stets mit aller Macht der Einführung der Demokratie widersetzten. Die Geschichte Frankreichs seit der großen französischen Revolution bis auf den heutigen Tag ist hierfür das klassischste Beispiel. Da die moderne Gesellschaft nicht zur Demokratie führt, so kann sie auch nicht zu einer Parteibildung führen, welche die demokratische Idee vertritt, wie dies die bürgerliche Demokratie immer mehr oder weniger konsequent gethan hat. „Die Demokratie ist der gerade Gegensatz zur Sozialdemokratie." Der Satz ist in dieser Allgemeinheit ganz verwerflich. Versteht man darunter die Parteien, so ist er viel zu allgemein und gibt zu Mißdeutungen und ganz berechtigten persönlichen Verbitterungen Anlaß; denn angenommen, er beziehe sich nur aus die demokratische Partei Deutschlands, so liegt die Sache einfach so: Entweder vertritt diese demokratische Partei die demokratischen Grund- sätze, dann ist sie eine demokratische Partei, oder sie verleugnet diese Grundsätze, dann ist sie eben keine demokratische Partei und man spricht von ihr auch nicht schlechtweg als von einer demokratischen Partei, son- dern von der sogenannten demokratischen Partei, von einer Partei, die auf das Epitheton demokratisch ebensowenig ein Recht hat, wie die Partei der amerikanischen Sklavenhalter, die sich bekanntlich auch demo- kratisch nennt. Statt also mit Rücksicht auf eine solche Partei den Satz aufzustellen: die Demokratie ist das gerade Gegentheil der Sozial- dcmokratie, wäre es doch viel einfacher und allein richtig, zu sagen: dies- sich demokratisch nennende Partei ist nicht demokratisch, sondern ebenso aristokratisch wie die übrigen Parteien. Diese falschen Demokraten sind unsere ärgsten Feinde, weil sie unter der Maske von Freunden in unseren Reihen Verwirrung stiften und uns vjrrathen. ..................... Trägt aber eine demokratische Partei mit Recht ihren Namen, ver- tritt sie wirklich demokratische Grundsätze, so ist es ungerecht und ver- kehrt, sie als den geraden Gegensatz der Sozialdemokratte zu erklären. Daß die Idee der Demokratie das gerade Gegentheil der Idee der Sozialdemokratie sei, ist doch wohl zu lächerlich, um widerlegt zu werden, zudem liegt in Vorstehendem Widerlegung genng. Wir wollen nicht nurAlles für, sondern auch Alles durch das Volk und nennen uns deshalb Sozial- demokraten. Habe ich in Vorstehendem die historischen und logischen Beziehungen und Zusammenhänge nachzuweisen versucht, welche zwischen Demokratie, Sozialdemokratte und Anarchie bestehen, so werde ich in einem zweiten Artikel das Verhältniß von Sozialismus und individueller Freiheit be- handeln. Ein kommunistisches Programm. Das Organ der ikarischen�)(kommunistischen) Kolonie in Amerika, la Jeune learie(das junge Jcarien) hat sein Format vergrößert und den Titel„I-s Connnuniste Libertaire"(Der freie Kommunist) an- genommen. Die erste, im neuen Gewand erscheinende Nummer bringt an der Spitze nachstehenden Programmariikel, den wir hauptsächlich deshalb in treuer Uebersctzung vorlegen, weil er sich gegen das alberne Märchen wendet, der Kommunismus— oder Sozialismus— vertrage sich nicht mit der persönlichen Freiheit, verhindere die Entwicklung des Individuums, während in Wahrheit das gerade Gegentheil der Fall ist. Der Artikel lautet: In der Sozial-Oekonomie oder Soziologie(Gesellschaftswiffenschaft) sind wir Kommunisten. Wir sind der Ueberzeugung, daß von allen sozialen Grundsätzen dieser der schönste, tiefste und gerechteste ist:„Jeder soll seinen Kräften entsprechend arbeiten und seinen Bedürfnissen gemäß genießen." Aber wir wollen diesen Kommunismus nur in Verbindung mit der größtmöglichen Summe von politischer und individueller Freiheit in Bezug aus alles, was nicht noth- wendig oder direkt der Gesellschaft als solcher zukommt. In der Politik sind wir keine— Politiker im engeren Sinne. Denn ganz abgesehen von den positiven Lehrsätzen, welche man aus der Philo- sophie der Geschichte ableiten kann, genügt schon der einfache Beweis, den man aus den gegenwärtigen Behältnissen ziehen kann, um erkennen zu lassen, daß in Folge eines unabänderlichen mit verhängnißvoller Sicherheit wirkenden soziologischen Gesetzes die politischen Zustände irgend einer Gesellschaft nur der Ausdruck und die Konsequenzen ihrer ökono- mischen Einrichtungen sein können. Folglich besteht unsere Polittk nur in der Forderung des Föderalismus oder mit anderen Worten, de« gleich- heitlichen Bündnisses aller menschlichen Genossenschaften(Vereinigungen), deren Sitten, Sprache, Charakter, Bedürfnisse oder selbst Wünsche der Verschmelzung in eine kommunale; nationale oder kontinentale(einen Kontinent— Erdtheil— umfassen)«) Einheit entgegengesetzt sind. In der Philosophie sind wir Atheisten und Materialisten oder richtiger Experimentalisteu(d. h. Leute, die ihre wissenschaftlichen Anschauungen aus den durch Veisuche(Experimente) und Erfahrung gewonnenen Wahrheiten ausbauen). Wir find der Ansicht, daß außer- halb der wissenschaftlichen Erfahrurg und Beobachtung nur noch für die theologische Willkür oder das mcrashysische„a priori"**) Raum ist. Unser Ziel ist die allgemeine Kommune, in der jeder Bür- ger, nachdem er von der Gesellschaft jede denkbare Unterstützung für seine physische, moralische und inltllekwelle Entwickelung erhalten hat, von freien Stücken seinen ArbeitSanth'il leistet bei der Produktion der male- tcilcUcu uuci. inieUrtiM.a«« kommnung der Menschheit nothwendq sind. Was die Mittel zur Erreichung mseres Zieles anbettifft, so würden wir, wenn man uns die Wahl ließe, ebensosehr aus eigener Neigung als aus Verstandesgründen keine anderen wählen, als die der Ueberzeugung. Aber seit Langem schon sind wir de: Ansicht, daß eine Berufung an die Gewalt des Volkes unvermeidlich seit wird, wenn man soziale Gerech- tigkeit einführen will. Und zwar meiien wir das deshalb, weil es in der Geschichte kein Beispiel dafür gibt, daß eine Kaste oder Klaffe freiwillig ihre Privilegien aufgegeben hat. Ter Bourgeoisie nachzuweisen, dß ihre historische Rolle seit der ttes- greisenden Umwälzung ausgespielt t, welche sie selbst durch das Maschi- nenwesen in den Produktionsmittel! hervorgebracht hat,— ihr zu predigen, daß es das Klügste sein würe, sich zur Arbeit zu bequemen, wie wir Alle es thun,— alles Das rürde ebenso erfolglos sein, als die Menschen überzeugen zu wollen, zie der bekannte Philosoph des Unbe- wußten, Ed v. Hartmann, es msucht, daß die höchste Weisheit im Selbstmord bestehe. Die ökonomischen Verhältnisse haben sich so gestaltet, daß nur durch eine gewaltsame, zum Wohle derGesammtheit unternommene E x p r o- priation die zwischen den lfitzenden Müssiggängern und den ent- erbten Produzenten bestehende Klft ausgefüllt werden kann. In diesem Falle wird die Gewalt die»eburtshelserin des Rechtes sein. Wenn sie einst vom Proleta al angewendet ist, so wird sie die Auf lösung aller Klassen in eine ei i; ige menschliche Familie als schönste Konsequenz nach sich zieht. Aber um Gewalt auwenden zi können, muß man Gewalt haben. Tic Quelle aller Macht besteht in de Gruppirung, in der guten Organisation der Arbeiterklassen der verschielnen Länder, in der Organisation des Proletariats zu einer von alle anderen Klassen verschiedenen Partei. Wenn man dies in Erwägung zht, so erhellt sofort die Nothwendigkeit einer Periode der Vorbereitung, üan muß Generalmarfch schlagen, bevor man zum Sturme schreitet; od um es deutlicher auszudrücken, man muß Aufklärung verbreiten, denstddanken der sozialen Revolution unter da« Volk bringen, die brennende Tagesfragen besprechen, unsere Legionen organisiren, die Volksleideniaften erregen, der Masse der Arbeiter die treibenden Ideen des Gemein-nleresses einflößen— mit einem Worte, man muß mit allen zu Gebot stehenden Mitteln Propaganda machen und noch einmal Propaganda mhen bis zu dem Tage, wo die Kräfte des Proletariats vorbereitet, orgtisirt und damit fähig sein werden, die zahlreichen Hindernisse wegzuräutr, welche sich der Verwirklichung der neuen Rechtsideen, des freiheitlichcmmunistischen Rechtes(cku droit oom- rnuniste-libertaire) entgegenstelle *) Der französische Kommunist übet, der Anfangs lb4ö mit einigen Anhängern nach Amerika ausivderte und dort eine kommunistische Kolonie gründete, hat seine Ansicht in einem utopistischen Romane„D i e Reise nach Jkarien" nietgelegt, wonach seine Anhänger den (Kamen„Ikarier" angenommen Heu. Die Kolonie hat natürlich— da die Gesellschastsumwälzung sich tn im Kleinen und sozusagen hinter dem Rücken der Gesellschaft bewilligen läßt, sehr schlechte Geschäfte gemacht, sie erlitt mehrere Karasbhen, hat sich aber schließlich, wenn auch in sehr bescheidenen Formeiirhalten. *.*) metaphysische„a prio heißt wörtlich übersetzt: das über» natürliche„von vorn". Man i-rscheidet Erkenntniß„a priori" und Erkenntniß a posteriori"(von nten). Unter ersterer versteht man solche, die der menschliche Geist qblich rein aus sich selbst, unabhängig von der Erfahrung und den Tsachen erzeugt, unter letzterer solche Erkenntniß, die durch Thatsachenw Erfahrung gewonnen wird. Ersterc, die in der Philosophie eine großiglle spielt, ist natürlich Unsinn. —_ ....,„-i..... Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 24. August 188l. — Revolution in Sicht. Ein nationalliberaler Reichstags- abgeordneter, Landmann,— gewählt in Plauen, sehr wohlhabend, wenn es wahr, daß Schweigen Gold ist, denn im Reichstag hat der Mann nie den Mund aufgelhan— sagt in seinem Rechenschaftsbericht: „Der Wahrheit die Ehre! DieReaktion ist im vollen Zuge! ... Wenn die Grundlagen der Gesetzgebung des Reiches angegriffen werden und wenn dabei der Wahrheil und Nächstenliebe so ins Gesicht geschlagen wird, wie dies jetzt von vielen Seiten geschieht, dann ist es Zeit, daß das Volk sich dem mit aller Entschiedenheit widersetzt. Wenn aber trotzdem in dieser Richtung weiter fortgefahren wird und das Volk erst später einsieht, daß man ihm Steine statt Brot geboten hat, so könnte das leicht den Sturm einerGegenreaktionerregen, die nicht stille stehen würde, weder vor dem Throne, noch vor dem Altar, noch vor dem Geldschrank de« vermögenden Mannes." „Sturm einer Gegenreaktion" nicht übel. Gewöhnlich pflegt man das Ding kürzer auszudrücken, mit einem Wort: Revolution. Freilich ein Wort, vor dem ein Nationalliberaler solche Angst hat, daß er es nicht in den Mund zu nehmen wagt. Also Herr Landmann sieht die Reaktion und fürchtet, daß sie zu einer Revolution führen werde. Nur eine Hoffnung bleibt ihm»och. daß die deutschen Fürsten dem„Einfluß der Reaktionäre", d. h. des Fürsten Bismarck, nicht länger Raum geben, und daß das Volk„den Schleier noch rechtzeitig zerreißt, mit dem man ihm jetzt den Blick verdunkelt." Nun, die Fürsten, auf welche der biedere Mann vertraut, stehen an der Spitze der Reaktion, und der Schleier, der„den Blick des Volles verdunkelt", ist mit größtem Eifer von der Partei des Herrn Ln ndmann gewoben worden. Herr Landmann kann sich indeß beruhigen. Der Schleier i st zerrissen— das Volk ist bereits mit den Herren„Liberalen" ins Gericht gegangen, es wird auch mit den andern Reaktionären ins Gericht gehen und der„Sturm der Gegenreaktion" dürfte ungefähr so auftreten, wie Herr Landmann es zitternd voraussagt. — Aus dem Gefängniß Deutschland. Spitzelei und kein Ende. Niederttacht jeder Art und kem Ende. Nur ein paar Pröbchen: Bebel hat aus seinen Geschäftsreisen stets zwei oder drei Spitzel hinter sich, die einander ablösen. Sie heften sich an seine Sohlen, werden aber mit- unter auch abgeschüttelt. Wie z. B. vor einigen Tagen in München, wo der große G c h r e t 24 Stunden lang wie ein krankes Hinkel herumlief, weil er die Spur seines Schützlings verloren.— In Leipzig sind Tag und Nacht die Wohnungen Liebknecht'« und Bebel's von Spitzeln bewacht, die Jeden, der aus- und eingeht, kontroliren. Die Polizeiesel scheinen zu glauben, die Ausgewiesenen würden ihnen ins Garn laufen.— Obgleich Liebknecht seit Wochen nicht mehr in Borsdorf ist, besteht die Gens- darmeriestation dort weiter, weil Liebknecht, in Ermangelung eines festen Wohnsitzes, sein Borsdorfer Logis behalten hat. Die Gensdarmeriestatton, welche dem steuerzahlenden Volk ein hübsch Stück Geld kostet, hat ein greisbares Resultat aufzuweisen: Gastwirth Pollmäch er aus Stötteritz, der sich des Verbrechens, Liebknecht in BorSdors besucht zu haben, schul- dig gemacht, ist deshalb von der Gensdarmerie denunzirl und von der Kreishauptmannschast ausgewiesen worden. O diese Infamie!—Bor einigen Wochen machte einer der aus Berlin Ausgewiesenen, Ztuckateur B o r st e t t, seiner nur zu berechtigten Entrüstung Luft, indem er aus einer Postkarte an das Polizeipräsidium schrieb, daß die Behörden durch diese fortgesetzten Verfolgungen einen furchtbaren Haß erzeugten und das Volk förmlich zur Revolution provozirlen; man scheine in den oberen Regionen ganz vergessen zu haben, daß der jetzige Kaiser einst heimlich au« Berlin habe flüchten müssen. Darob Anklage wegen MajestätSbelei- digung, und Verurthcilung zu l>/, Jahren. Es gibt noch Richter in -VcUi««ttv uubviuutlö, Nlchtcr, dir, tvcilIT VllS R K CT} t notty zur tgCl-1 rung kommt, einst auf der Verbrecherbank sitzen werden.— Eine interes- santc Illustration de« Bismarck'schen Slaaissozialismu« bildet ein von der Aachener königlichen Garnisonsverwaltung abgeschlossener Submissionsvertrag, dessen 12 gedruckten Paragraphen ein zwanzigster zugefügt ist mit folgendem Wortlaut:„Unternehmer darf bei Ausführung de« ihm übertragenen Geschäfte« keine Person verwenden, die Mitglied eines von der Polizei auf Grund des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1873 verbotenen Vereins war, oder die wegen sozialistischer Tendenzen, sei es von einer anderen öffentlichen Verwaltiing, sei es von einem größeren Privat-Etablissement, aus ihrem Wirkungskreis entlassen worden ist, oder die offenkundig als Anhänger der Sozialdemokratie auf- tritt, z. B. für deren Bestrebungen wirkt oder sammelt. Unternehmer muß, sobald es sich herausstellt, daß die eine oder andere der von ihm angenommenen Personen unter eine der bezeichneten Klassen fällt, dieselbe sofort, jedenfalls auf Verlangen der betheiligten Behörde, unter An- gäbe des Grunde« e u t l a s s e n." Die Arbeiter werden sich da« merken! Also Jeder, der nicht die Bismarck'sche Ruthe devot küßt, und von den Bismarck'schen Kürassier- stiefeln devot den Schmutz ableckt, wird geächtet. Das wird schön werden, wenn Herr Bismarck das Tabaksmonopol durchsetzt und durch seine Ar- beiterversorgungSanstallen die Masse der deutschen Arbeiter in sein Staats- zuchthaus einsperrt. Zwar wäre auch so Niemand auf den Leim gegangen, es ist aber immerhin gut, wenn die Brutalität so zynisch die Henchlermaske abwirft.— Vom großen Mainzer„Sozialistenprozeß" haben Sie gehört — e« handelte sich um eine zweite Auflage des Wydener Kongresses, die, bei einem Besuch Bebel's, auf einer Rheininsel gespielt haben sollte. Der Prozeß hat sich jetzt glücklich im Sande verlaufen. Die Anklagekammer des Mainzer Landgerichts hat dieser Tage folgenden Entscheid getroffen: „Dem Anttag der Großh. Staatsanwaltschaft entsprechend, werden: 1) I. Leyendecker, Schneider; 2) F.Jöst, Schreiner; 3) A. Zimmermann, Schuh- wacher; 4) H. Rupp, Ichneider; 5> G. Rösner, Wirth; 6) I. Bochnes, Schuhmacher, und 7) C. Oberhuber, Schubmacher, alle in Mainz wohn- Haft, bezüglich der Anschuldigung:„im Interesse der verbotenen Vcrbin- düng der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands in Mainz am 8. Mai 1881 aus der Jngelheimcr-Aue bei Mainz eine Versammlung der Sozial- demokraten berufen und an dieser Versammlung theilgenommen zu haben, indem insbesondere Leyendecker und Jöst als Leiter dieser Versammlung auftraten"— Mangels hinreichender V-rdachtsgründe außer Verfolgung gesetzt und die Kosten der Untersuchung der Staatskasse auserlegt." Die arme Staatskasse! Oder richtiger die armen Steuerzahler!— Der große„H o ch v e r r a t h« p r o z e ß" wird erst n a ch den Wahlen zur Verhand- lung kommen; der ganze Prozeß ist nämlich ein großer Humbug; e« liegt, wie ich aus bester Quelle weiß, auch nicht das mindeste Thatsäch- liche vor. Dies darf aber nicht vor den Wahlen bekannt werden.— Zum Schluß noch zwei heitere Fakten: Ein Königsberger Bauunternehmer, der neulich in Kissingen war, berichtet an die„Königsb. Har- tung'sche Zeitz.":„Ich nahm eines Tages auf dem zu der vom Reichs- kanzle r benutzten saline führenden Wege mit einem ausgezogenen Fernrohre die Umgebung in Augenschein, ohne zu ahnen, daß der Fürst gerade auf dem Rückwege begriffen sein. Plötzlich sprengte ein bayerischer Gens- darm an mich heran und bat mich, da« Fernrohr einzuziehen und die Umschau mit demselben einzustellen, da der Fürst leicht zu der Befürchtung gelangen könne, daß auf ihn mit einer Schußwaffe angelegt werde. Selbstverständlich wurde dieser Bitte sofort nachgekommen." O dieser„eiserne" Kanzler! Etwas stärkere Nerven scheint sein Sohn Bill, der Reichslulu zu haben, der seit einigen Wochen seine„erprobte Kraft" in den ungarischen Tingeltangels spazieren sührt. Dieser hoffnungsvolle Jüngling wurde vor Kurzem von den Zeitungen als Kunst- mäcen gefeiert, und von ihm erzählt, daß er einer aufstrebenden Künstlerin ein prächtiges Armband verehrt habe. Die aufstrebende Künstlerin hat sich nun als eine Halbweltdame niederster Sorte entpuppt und das kost- bare Armband dürfte wohl ans Talmigold bestanden haben. Der Reichs- lnln hat nämlich seines Vaters Sparsamkeit ererbt. In der öfter- reichischen Preffe skandalisirt man sich über diese Liebhabereien des tugendhaften Kanzlerssohns nnd räth verblümt znr Anwendung der„Hunde- sp erre". Es ist doch gut, daß Fürst Bismarck und seine Familie so eifrig dafür sorgen, sich und was drum und dran hängt„lächerlich und ver- ächtlich" zu machen. Oder treiben sich etwa in Kissingen und Ungarn zwei reich«, und bismarckfeindliche Sozialdemokraten hemm, welche die Rolle des Kanzlers und seines Sohnes spielen, in der Absicht, die Ori- ginale möglichst zu diskreditiren? Besser könnten sie es freilich nicht machen. I— Eine lehrreiche, leider nnterbrochene Unterhaltung. Manschreibt uns:„Die Eisenbahn führte mich an der deutschen Bnndes- sestung Ulm vorbei. Eine große Menge Soldaten auf Urlaub bestiegen den Zug, um ihre Heimath einmal wieder zu sehen. Neugierig bin ich gerade nicht, aber man hört doch, was die Mitreisenden sich unter ein- ander erzählen, spricht auch mitunter mit. Hier hörte ich:„Wie lange hast Tu Urlaub?" fragte ein Gemeiner den andern.„Neun Tage!" lautete die Antwort. Nicht die Nengierde, sondern die Wißbegierde, die Einrichtungen de« großen, einigen Deutschlands kennen zu lernen, ver- anlaßte mich zu der Frage:„Bekommen Sie während des Urlaubes Traktameut und Brod?"—„I, Gott bewahre", beschied er mich,„wir find froh, nns zu Hause wieder einmal ausruhen und satt essen zu köu- nein"— Jetzt war meine Aufmerksamkeil rege gemacht und ich fragte weiter:„Wo bleibt denn da« Geld? Soviel ich weiß, bezichen doch die Offiziere ihr Gehalt auch während de« Urlaubs!"—„Ja,-das ist schon richtig", erwiderte er,„und sie nehmen sogar auch noch unser Traktament."—„Ich meinte einmal gehört zu haben, das zögen die Feldwebel ein und wollte ich von Ihnen nur die Bestätigung dafür hören, da es nach meiner Ansicht eigentlich, wenn S i e es nicht erhalten, eine Ersparniß für die Staatskasse sein sollte."—„Ist nicht so, bei uns wenigstens nicht, bei uns fließt das während des Urlaubes ausfallende Traktament in die Lffizierskasse und wird bei den sogenannten„Liebes- mahlen" verbraucht, welche die Herren Offiziere jede Woche einmal ver- onstalten; da wird's vertrunken."—„Komisch!" rief ich,„dann ist aber die Bezeichnung„Liebesmahl" total falsch, es müßte„Diebcsmahl" heißen, denn entschieden ist das Geld dem Staate gestohlen."—„Jo, isch wahr," antwortete der Soldat,„nnd manch' Tröpfchen kömmt dabei zusammen, denn in Ulm stehen 1 Feldartillerie-, 1 Kavallerie- und 2 Infanterie- Regimenter und diverse Abtheilungen, alle in Kasernen. Lassen Sie sich erzählen, was da sonst noch passirt, denn davon hat kein Mensch eine Ahnung." Ein Pfiss und die Unterhaltung war leider zu Ende, da der Zug an einer Station hielt und die Soldaten alle abstiegen." — Mordlnstige Philanthropen.„Die Gesellschaft für Reform und Covifikation des Völkerrechts", soll heißen Tyrannenrechts, hat auf ihrem jüngsten„Kongreß"(zu Köln) folgende Resolution angenommen: „Ter Kongreß wolle beschließen, daß es nach der Ansicht des Vereins wunschenswerth ist, daß in solchen Auslieferungsverträgen, in denen eine Ausnahme für politische Verbrechen oder Vergehen gemacht wird, eine Klausel aufgenommen werden soll, nach der weder Meuchelmord noch der Versuch des Meuchelmordes zum Zwecke der Veränderung einer Regie- ruug oder des Oberhauptes wegen politischer Unzufriedenheit als politische Verbrechen oder Vergehen im Sinne eine« solchen Vertrages zu betrachten ist, und daß folglich Personen, die sich solcher Verbrechen oder Vergehen schuldig gemachl haben, das Recht freier Zuflucht zu verweigern ist." Tie servilen Burschen mögen bei Bluntschli in die Schule gehen. Tiefer Urloyalist und Urloyolist wird ihnen beweisen, daß man keine Ahnung von den gewöhnlichen Rechtsbegrifsen und von den Menschenrechten haben muß, wenn man Tyrannentödter mit gemeinen Verbrechern auf gleiche islnfe stellt. Uebrigens ist die saubere Resolution so gehalten, daß auch die Theilnahme an jedem Auf» standsversuch und Aufstand als gemeines Verbrechen aufgefaßt wer- den kann. Man wird sich erinnern, daß 1848, 1849 und später bei verschiedenen Gelegenheiten, und zuletzt nach Besiegung der Kommune, der Kampf gegen die Truppen der reaktionären Staatsmacht zum Mord oder Mordversuch, auch Meuchelmord gestempelt wurde. Und diese Versuche des Mords oder Meuchelmords hatten natürlich„die Verän- dernng einer Regierung" zum Zweck. Man sieht, daß mit Annahme der obigen Resolution das ganze Asylrecht vernichtet wäre. Zum Glück handelt es sich nur um die srommen Wünsche einer Handvoll seiger Philister. — Glück ans der deutschen Jugend! ruft S t ö ck e r den Studenten zu, welche vor Kurzem auf dem Kysshäuser„die sittliche Neu- geburt" unseres Vaterlandes vorbereiteten.„Wo edle Jünglinge," so spricht segnend der fromme Hojprediger,„wo edle Jünglinge im Auf- blick zu Gott ihrem Vaterlande Treue geloben, wo solche Gedanken, au« uuentweihler Jugeudkrasl geboren, den Entschluß zu ernster Thatkrast ver- bürgen, da ist geweihter Boden. So wird der Kysshäuser zum heiligen Lande deutscher Jugend."— Wozu eigentlich unser Vaterland, welches doch von Hau« aus„das Reich der Gottesfurcht und srommen Sitte" ist, eigentlich neugeboren werden muß, läßt sich allerdings schwer begreisen, indessen die Thatsache der Neugeburt liegt vor, und wir haben blos kurz anzudeuten, wie sie sich vollzogen hat. Zunächst durch teutsche Reden gegen da« untentsche Wesen im Allgemeinen und das„semitische" Wesen im Besonderen; durch ein begeisterte« Hoch nebst einem nicht minder begeisterten Telegramm an die Adresse des Oberrcgisseurs der Judenhatz, Fürst Bismarck, durch einen feierlichen Kirchgang nach Roßla, „wo an den Stufen des Altars dreihundert Jünglinge mit Thränen in den Angen ein altes Kampflied Dr. Martin Luthers: Eine feste Burg ist unser Gott! sangen." Echt christlich germanisch! Rührend! Erbaulich! Nicht wahr? Gewiß! Aber das war noch lange nicht Alles. Ehren-Henrici, der neulich die zarten Beziehungen Bismarck'« zu Bleichröder der Vergessenheit zu entteißen suchte, hat sich ein ähnliches Verdienst um das Kyffhäuser-Fest erworben. Er illustrirt„die hohen Gedanken",„die uneutwcihte Jugendkraft" der von Stöcker gesegneten christlich germanischen Jünglinge wie folgt— nnd er thnt es aus eigener Anschauung, denn er war selber dabei:„in Stulpenstieseln":„Teutsche Frauen!" so klang es begeistert au« Hunderten von Kehlen am frühen Morgen: aber als während des Marsche« zum Barbarossaberge eine Schaar züchtiger Roßlaer Mädchen bei dem Zuge vorbei wollte, da saugen zahlreiche Kehlen ein unzüchtige« Lied, nm die jungen Mädchen erröthcn zu machen; ja noch mehr, dieses unzüchtige Lied war entstellt ans einem unserer Wäldes- dustigen deutschen Volkslieder: Es gibt so manche Straße, die nimmer ich marschirl, Es gibt so manche« Mädchen,--- Pfui über euch, die ihr in weihevoller Stimmung dem alten Barba- rossa nahen solltet! Pfui über diese Persiflage eines deutschen Studenten! .. Das Programm de» Kysshäuferfeste« besagte zuerst auch- irren wir nicht, aus Anregung eines Geistlichen, der einen Artikel in einem ortho- doxen Blatte geschrieben hatte.— daß am Morgen»ach dem Haupt- feste gemeinsamer Kirchgang stattfinden sollte. Diesen Punkt strich mau ans dem offiziellen Programm, aber er hatte leider Wurzel geschlagen. Wir wiederholen leider: Man denke sich nur die Reihenfolge: Sonnabend Abend Kommers. Sonntag früh Gottesdienst. Sonntag Abend ans der Rothenburg Tanz. oder, wie die Studenten es nennen,„Klimmlumm". Unsere Befürchtungen sind eingetroffen. Am Sonntag früh zogen Trupp« in die Kirche, deren bleiche Gesichter ans e.nc halbdnrchzechte Nacht schließen ließen. Fragte mau:„Wohin geht Ihr?" s- wurde m der Regel die Antwort gelallt:„In die Kirche!" Mancher hatte auch schon den Frühschoppen getrunken. Es war-in n.ckt angenehmer Gedanke." Ehren-Henrici ist ungerecht. Wer teutsche Art hochhalten will, und alles Fremdländische haßt, der darf au der Völlerei, die bekanntlich eine teutsche Erb- und Nationaltugend ist, keinen Anstoß nehmen, sondern muß im Gegentheil sich darüber freuen und selbst nach alter Väterweise tüchtig mitsaufen. Und wie kann er sich an einem„unzüchtigen" Liede stoßen? Ein saftiges Zotenlied klingt unseres Erachtens wie Sphären- musik, wenn es mit dem Ehren-Henrici'schen Hepp! Hepp! und mit dem Geschrei halbtodtgeprügelter Semiten sich mischt.— Alles in majorem Dei gloriam. Nur keine schwächlichen sentimentalen Anwandlungen, Herr Ehren-Henrici. Das Kyffhäuserfest war das Fest der„Nengeburt Deutschlands", die im Geiste der antisemitischen Heiligen nicht ohne christliche Zoten und germanisches Saufen bewerkstelligt werden kann. Man frage nur bei Bismarck und seinem Büsch'chen an; die wissen Bescheid. — Mit welch aufopfernder Pflichttreue die deutsche Kaiserin den Anforderungen ihres hohen Beruf« nachkommt, erhellt in rührender Weise ans der Thatsache, daß die hohe Frau trotz der fast unerträglichen Schmerzen, die ihre schwere Krankheit verursacht, sich den- noch jeden Tag von ihrem Lager erhebt und in voller Hoftoilette em- pfängt", schreiben die Zeitungen unter den Hofnachrichten. Also daß ein sterbendes Weib im Angesicht des Todes noch der kleinlichsten Welteitelkeit fröhnt, und sich herausputzt oder herausputzen läßt, wird uns„als aufopfernde Pflichttreue" hingestellt! Zeigt dieses widerliche Bild, welches in Holbein's Todtentauz gehörte, auf der einen Seite in greller Beleuchtung die herzlose Frivolität der„Großen", so enthüllt es uns auf der anderen Seite die geradezu unglaubliche Servilität des Gesindels, das sich den„Großen" anhängt. Eine Servilität, die so weit geht, daß sie die einfachsten Rücksichten der Menschlichkeit ignorirt, weil sie die„Großen" in ihrem Größen- wahn nicht stören will. Fürwahr, die Aerzte, sowie die Kammerherrcn und-Frauen der denk- scheu Kaiserin, die nicht den Muth haben, der„hohen" Frau zu sagen, daß diese Herausputzerei im Angesicht des Todes ein unnatürlicher Mummenschanz und gransame Selbstquälerei ist, verdienen aus öffent- lichem Markt ausgepeitscht zu werden. Sie stehen auf gleicher Linie mit jenem ärztlichen und fürstlichen Ge- sindel, das weiland die sterbende Zarin tagelang mit den heftigsten Stimulanzien mißhandelte, um der Welt das Schauspiel eines lebendigen, geschminkten Cadavers zu geben,— und dao einige Monate später den zuckenden Leichnam des hingerichteten ehebrecherische» Mannes dieser unglücklichen Zarin durch Mittel, wie sie kaum bei der Vivisektion von Thieren erlaubt sind, ans einige Stunden in ein lügenhaftes Scheinleben galvanisirte. In dieser Tortur, welcher die„Großen" der Erde, nm ihrem Größen- wahn LU fröhneu, sich unterwerfen müssen, liegt eine wohlverdiente Nemesis— ein furchtbarer Kommentar des Noblesse oblige. — Was die Polizei nicht t h u t. Der berüchtigte von Meer- scheidt-Hüllesem hat wieder einmal tas Gerücht ausgesprengt, er habe den Bochumer Lustmörder gefangen. Natürlich wieder gelogen. — In Stettin ist Genosse Bebel als Kandidat für den Reichs- tag aufgestellt worden. Läßt auch ein Sieg sich nicht erwarten, so wird doch eifrig agitirt. — Ein Triumph internationaler Reaktion. Der russische Flüchtlinge K r a p o t k i n ist ans der Schweiz ausgewiesen worden. — Die französischen Wahlen haben am Sonntag statt- gefunden. Tie Zahl der Sitze bettägt 548; davon sind 433 definitiv besetzt worden; für 65 ist keine genügende Majorität zu Staude gekommen, und müssen am nächsten Sonntag Stichwahlen vorgenommen werden. Das Gesammtresultat liegt also jetzt noch nicht vor. Fest steht aber bcxeit«, daß der Monarchismus und der Opportunismus eine schwere Niederlage erlitten haben. Sämmtliche monarchische Parteien sind arg dezimirt, die Zahl ihrer Vertreter etwa auf die Hälfte reduzirt worden. Namentlich den Bonapartisten ist es schlecht ergangen. Der Opportunis- mus, verkörpert in Herrn Gambetta, ist nur mit knapper Roth in die Kammer geschlüpft. Gambetta's zwei alte Wahlkreise in Belleville, die ihn bisher stets mit überwältigender Majorität auf den Schild gehoben, wollten diesmal von dem„Abtrünnigen", dem„genuesischen Prätendenten" nicht« wissen—; in der letzten Volksversammlung vor der Wahl ließen sie ihn sogar nicht einmal zum Wort kommen, und schließlich gelang es nur dem Ausgebot aller Kräfte und jesuitischen Kniffe, um den„moralisch Hingerichteten" in dem einen der zwei Kreise mit einer Majorität von 49 durchzusetzen. Im andern soll er nur eine Majorität von l erhalten haben; die« wird jedoch bestritte», und die Wahl scheint hier unentschieden geblieben zu sein. Jedenfalls wird Gambetta, der sich vor wenig Wochen noch als Diktator fühlte und geberdcte, die Schmach über sich ergehen lassen müssen, daß seine Wahl als ungültig augesochten wird.— Trotz der Niederlage Gambetta's bilden die blauen Republikaner in der neuen Nationalversammlung die Majorität.— Die Jnttansigenten haben verschiedene Sitze erobert, und während Gambetta sroh sein muß, wenn er überhaupt mit Ach und Krach gewählt ist, hat sein radikaler Gegner Clemenceau in den beiden Kreisen von Montmartre große Majoritäten gehabt und wird voraussichtlich bei den Stichwahlen einen dritten Sitz erobern.— Die Kandidaten der eigentlichen Arbeiterpartei haben keinen einzigen Sitz erobert; in die Stichwahl kommt nur Digeon(in Narbonne); er hat 7,049 Stimmen erhalten— nur 800 weniger als sein radikaler Gegenkandidat. Fällt die größere Hälfte der 2,879 Stim- wen, die der dritte, ebenfalls radikale Kandidat erhalten, auf Digeon, so wird dieser siegen. B r o u s s c, der im Departement der Ostpyrenäen gewählt wurde, ist nicht der bekannte Sozialdemokrat. Daß die sozialistische Partei bei der Wahl keine besseren Erfolge auf- zuweisen hat, ist einzig und allein dem Mangel an Organisation zuzu- schreiben. Hoffentlich wird die Lehre beherzigt! Im Allgemeinen läßt sich als Resultat der Wahlen feststellen, daß der politische Schwerpunkt weiter nach link« gerückt worden ist; und das ist immerhin erfteulich. — In Paris steht ein allgemeiner Streik der Zimmer- leute bevor. Anstatt 80 Centimes, wobei nicht auszukommen ist, verlangen dieselben einen Frank per Stunde. Die Arbeitgeber behaupten — wie immer— wenn sie aus die Forderung eingingen, würden sie bankronl werden. — Da« sozialistische Spanien ist durchaus nicht, wie oft behauptet wird, eine Domäne der Anarchisten. Besonders in Valencia und einigen kleineren katalonischen Fabrikstädten befindet sich ein vorttefflicher Kern von Sozialdemokraten, die, wie man uns schreibt, tüchtig arbeiten. — Die„P l e b e", das bewährte italienische Organ der Sozial- demokratie, hat sich in eine Monatsschrist umgewandelt, die natür- lich unter dem guten alten Banner fortkämpfen wird. — Ueber den Londoner„Anarchistenkongreß" erfahren wir nachträglich aus sicherer Quelle: Ter Kongreß bestand aus 20 und etlichen Leuten, von denen die meisten Londoner Einwohner mit Man- baten von Außen waren. Ferner einige Franzosen und Italiener und ein Spanier. Die„Delegirten" hielten ihre Sitzungen öffentlich. Aber kein Mensch, kein Reporter, kein Hund, keine Katze kam. Nachdem diese vergebliche Erwartung eines Publikums 3— 4 Tage gedauert hatte und keine Ausficht auf Besserung mehr vorhanden war, faßten sie den heroischen Entschluß, die Sitzungen geheim zu erklären. Das erste, was auf dem Kongreß konstatirt wurde, war die allgemeine Enttäuschung betreffs der ganzen anarchistischen Bewegung, die Erkenntuiß ihrer absoluten Nichtigkeit, und die Gewißheit, daß aber auch nirgendwo irgend Jemand hinter den paar Schreiern stehe. Von sich und seiner Lokalität wußte das Jeder, aber obgleich Jeder dem Andern die kolossalsten Lügen aufgebunden über den kolossalen Fortgang der Bewegung in seiner Gegend, hatte doch Jeder den Andern die Lügen geglaubt. Der Zu- sammeubruch der Illusionen war so jäh und gründlich, daß die Ver- krachten ihr Erstaunen über ihre eigene Nichtigkeit sogar in Gegenwart Fremder nicht nnterdrücken konnten. Erst das Meeting, wohin sie natürlich Reporter bestellten, und dann die Anfragen dummer Tories und noch dümmerer Radikaler im Parla- ment haben den Kongreß einigermaßen gerettet. Daß die Presse bei der jetzigen Nihilistenseuche aus dem von höchstens 700 Manu besuchten Meeting Kapital schlagen würde, war zu erwarten. Wenn also der„offizielle Bericht" vom„Delegirten" Nr. 63 u. f. w. spricht, so bezieht sich das auf die Nummer des Mandat«, das von 1, 2 oder 3 Mann in blaneo, oder auf den Namen eines ihm total unbekannten in London wohnenden Mannes, oder von 10— 20 auf einen nach London reisendchi Delegirten ausgestellt wurde. Die Anzahl der wirklich anwesenden Delegirten war näher 20 als 30, und der von Außen Zugereisten sicher nicht 10. Es ist das ganz die alte Geschichte aller„Anarchisten"-Kongresse. Die Anarchie nimmt bei diesen Leuten zunächst die Form an, daß Jeder Offizier werden will, aber Keiner Soldar--. — Ueber die Folgen der Hinrichtung des Zaren schreibt Leo Hartman n an unser Neu-Iorker Parteiorgan: Was die russischen Sozialisten mit der Hinrichtung des Zaren be> zwecken wollten, haben sie erreicht: sie haben dem gesammten russischen Volke die Möglichkeit der befreienden That dar- g e t h a n. In den Tiefen des russischen Volkslebens ruhen viele echt sozialistische Ideen. Aber es fehlte bisher die Denk- und Thatkraft, um dieselben zum Ausdruck zu bringen. Diese Eigenschaften auf dem Wege der Agi- tation dem Volke beizubringen war einfach unmöglich wegen der Herr- schenden Unwissenheit(vom Bauernstande kann nur ein Drittel Pro- zent— also von je 300 nur einer— lesen und schreiben!), wegen des engen Gesichtskreise«, in den das Leben de« Bauern gebannt ist, wegen des Alpdrucks der zarischen Allmacht, der auf allen, selbst den regsten Geistern im Volke lastet. Dieser Druck ist nun zum größten Theil gehoben. Die Möglichkeit des Kampfes ist er- wiesen. Und in der Stille jedes verschollenen Dörfchens, in den Wäldern des Norden«, aus weiter südlicher Steppe vollzieht sich in dem Hirne jedes Bauern der wichtigste Gedankenprozeß, zu dem die Geschichte ihn bringen konnte: „Wie Jene in Petersburg mit dem Zaren fertig geworden, so kannst auch du fertig werden mit jedem Ausbeuter, mit Allen, welche die Ur- fache deines Elends und deiner Versklavung sind." So wird der latente Sozialismus im russischen Volke allmälig zum aktiven, revolutionären Sozialismus ausgebildet. Die ersten Folgen dieses Umwandlungsprozesses sind die Bauer u-Emeuten in Südrußland, die, zuerst gegen die Juden gerichtet, nach und nach an Ausdehnung gewinnen und den Charakter eines Agraranf- st a u d e s annehmen. Auch der Bewegung gegen die Juden liegen durch- aus keine konfessionellen, sondern rein soziale Ursachen zu Grunde. Es ist Thatsache, daß„der Jude" im südwestlichen Rußland nicht nur der Schankwärter und Pfandleiher, sondern auch meistens ein geheimer Agent der Polizei ist. Dies war das Motiv jener Kravalle, die, wie gesagt, mit Religion Nichts zu schaffen halten. Eine ähnliche Wirkung hat die Hinrichtung des Zaren auch auf die intelligenten Kreise der russischen Gesellschaft ausgeübt. Der Widerstands- geist ist auch gehoben worden. Wenige Wochen nach dem 13. März faßte die Provinzialversammlnng von Samara, eine aus wohlhabenden adligen Gutsbesitzern bestehende Körperschaft, eine Resolution, wonach die Abfassung einer Beileidsadresse an den neuen Zaren verworfen wurde! Wäre eine nur im entferntesten gleichbedeutende Thatsache vor- her möglich gewesen? Gewiß nicht! Ich könnte mehr ähnliche Beispiele aus neuester Zeit anführen, wenn ich nicht fürchten müßte, diesen Artikel ungebührlich auszudehnen. Jeden- fall« steht Eins fest: das unmittelbare Resultat der Hin- richtung Alexanders II. ist ein Wiederaufleben de« Wider st andsgeistes in allen Schichten des Volkes, also eine Stärkung unserer Partei. Ebenso steht es fest, daß die Organisation der Terroristen durch die erlittenen schmerzlichen Verluste nicht geschwächt worden ist. Wir stehen kampfbereit da. Wir suchen nicht die Gewalt. Widerstrebend wenden wir sie an. Aber wir fürchten sie auch nicht. Und wir werden wieder und immer wieder sie anwenden, bis unser Gegner gestürzt und vernichtet ist. — Das Petersburger Exekutivkomite hat au Karl Marx in London, unter dem amtlichen Siegel des Komites, folgendes Schreiben gerichtet: St. Petersburg, 9. April 1881. Herrn Karl Marx! Bürger! Die intelligente und fortschrittliche Klasse Rußlands, immer aufmerksam und bereit, dem Gange der Ideen in Europa zu entsprechen, hat mit größter Freude da« Erscheinen Ihrer wissenschaftlichen Arbeiten begrüßt. Die Wissenschaft rechtfertigt also die besten Bestrebungen des russischen Lebens. Das„Kapital" wurde die tägliche Lektüre der Menschen von Einsicht. Aber im Lande der byzantinische» Finsterniß und de« asiatischen Despotismus wird jeder Fortschritt der sozialen Ideen als revolutionäre Bewegung behandelt. E« ist augenscheinlich, daß Ihr Name unauflöslich mit den inneren Kämpfen Rußlands verbunden bleiben mußte; nachdem er die tiefe Erwägung und die lebendige Sympathie der Einen hervor- gerufen hatte, gab er Anlaß zur Verfolgung der Andern. Ihre Werke wurden verboten, und die bloße Thalsache, daß man sie studirte, wird als Anzeichen politischer Untreue angesehen. Was uns betrifft, geehrter Bürger, wir kennen das Interesse, womit Sie alle Phase» der revolutionären Thätigkeit der Russen verfolgen, und wir sind glücklich, heute konstatiren zu können, daß diese Thätigkeit dem Ende ihrer schwersten Zeit entgegengeht. Die revolutionären Erfahrungen, welche die Kämpfer aufgehalten haben, haben nicht allein die Theorie der Prinzipien der Revolution festgestellt, sondern sie haben auch das praktische Vorangehen auf dem rechten Wege ihrer Verwirklichung er- leichtert. Die verschiedenen revolutionären Fraktionen, welche es bei einem so neuen, einem so verwickelten Unternehmen geben mußte, ver- ständigen sich allmälig unter einander, verschmelzen sich und suchen einander bei dem Emporstreben des Volke«, welches bei uns gleich alt mit seiner Sklaverei ist, in die Hand zu arbeiten. Da« sind Umstände, wie sie einem Siege kurz vorherzugehen pflegen. Wir würden unsere Aufgabe beträchtlich erleichtert finden, wenn die ernstlichen Sympathien der freien Völker auf unserer Seite wären, was nichts voraussetzt, als Keiintniß der wirklichen Zustände in Rußland. Demgemäß beauftragen wir unfern Genossen Leo Hartmann, die Mittel zu organisireu, um England und Amerika mir der wirklichen Bewegung unseres sozialen Lebens bekannt zu machen. An Sie, geehrter Bürger, wenden wir uns mit der Bitte, daß Sie diesen Plan verwirklichen helfen. Fest entschlossen, die Ketten der Sklaverei zu brechen, sind wir überzeugt, daß die Zeit nicht fern ist, da unser unglückliches Baterland in Europa den Rang einnehmen werde, der einem freien Volke gebührt. Wir fühlen uns glücklich, Ihnen, geehrter Bürger, die Gesinnungen der höchsten Achtung der gesammten sozialistischen und revolutionären Partei Rußland« ausdrücken zu können. Das Exekutiv-Komite der russischen sozialistischen und revolutionären Partei. A n das a m e r i k a n i s ch e V o l k hat das Petersburger Exekutiv- Komite durch Leo Hartmann nachstehenden Ausruf gerichtet: Russische sozial-revolutionäre Partei. Exekutiv-Komile. ö. April 1881. Au das amerikanische Boll! BUrger! Es ist Amerikanern gewiß schwer, sich auch nur annähernd den wirklichen Zustand Rußlands mit seiner unbeschränkten Monarchie und seinem empörenden Absolutismus vorzustellen. Ohne von der weiten räumlichen Entfernung zwischen St. Petersburg und Neu- Jork zu mm Isschließl, sprechen, welche so groß ist, daß sie jede gründliche Kenntniß aus' so ist sogar die Organisation des Staates selbst, welche aus dem Grund satze beruht: Der Kaiser Alles— das Boll Nichts— dem Geiste ameri konischer Institutionen ganz fremd. In seinem Vaterlande zählt wirklich das russische Volk für Nichts— es ist lediglich eine leidende Kraft, welche dem Despotismus die Mittel liefert, um eine schamlose Existenz zu fristen mittelst Millioneu�Bajonette und Kanonenkugeln. Indem er jedes Jahr dem ackerbauenden Volke die arbeitsamsten Bestandtheile entreißt, schöpft der Despotismus aus dem Schöße des Volkes seine physische Kraft. Das Geld und die Soldaten, das ist's, was unsere Monarchie erhält. Wenn einmal das Volk die Kraft nicht mehr hat, die Abgaben zu zahlen, so prügelt man es mit Ruthen, man prügelt es öffentlich vor den versammelten Zuschauern. Wenn das Volk Rekruten verweigert, schießt man auf es; wenn das Volk die Abrundung seines Landes verlangt, schickt man es in die Zuchthäuser. Das Loos der intelligenten Klaffen ist nicht weniger traurig. Wenn sie mit dem Volke, seiner Armnth, seinem Unglück sympathifiren, so ist das ei» schwer strafbares Verbrechen. Meinungen zu bekennen, welche der Regierung mißsallen, ist nur möglich unter der Strafe langer Ein- sperrung, ohne Untersuchung, ohne Urlheil. Ein unvorsichtiges Wort stürzt den, der es ausspricht, ins Verderben. Die Presse ist geknebelt, eine schneidige Erwähnung, eine mittelbare Anspielung führen zu un- zählichen Zeitungsverboten, und ihre Redakteure erleiden Strafen im Verwaltungswege. Versammlungen sind untersagt, man sprengt sie durch bewaffnete Soldaten. Die Wissenschaft ist beschränkt in ihren Folgerungen, die Professoren, welche unabhängige Meinungen aussprechen, werden von den Universitäten verbannt; Publizisten, gelehrte Schriftsteller, deren Arbeiten sozialen Fragen gewidmet sind, werden zu den Feinden der Regierung gerechnet; viele von ihnen schmachten in der Verbannung. Die Unabhängigkeit der Gesellschaft erstreckt sich nicht Uber den Selbst- mord hinaus, den allein man ohne Erlaubniß der Regierung begehen kann, oder über den Hungertod. Der kaiserliche Despotismus verschlingt die Blüthe der russischen Gesellschast, die Elemente, welche wirklich die Größe des Landes und der Nation ausmachen würden. Dies ist in Umrissen der Stand der Sachen in Rußland. Der Ge- dauke, daß der kaiserliche Despotismus unerträglich sei, ist seit langem gereist, und der Kamps um die Befreiung des Volkes ist an der Tagesordnung für die sozial-revolutionäre Partei. Mit diesem Wahlspruche werden unsere Revolutionäre ins Leben eingeführt, mit ihm sterben sie im Gefängnisse, in der Verbannung, bei der Zwangsarbeit; mit ihm kommen sie zu Dutzenden am Galgen um. Von Tag zu Tag wird der Kamps zwischen dem Despotismus und der revolutionären Partei er- bitterter, die Angriffe auf beiden Seiten hartnäckiaer. Schon hat der Despotismus mehrere Niederlagen erlitten. Meyrere heftige Schläge haben ihn am Kopfe getroffen; er zittert und, seinen nahen Fall voraus- sehend, wird er blutdürstig. Er säuft das Blut der besten Söhne der Nation— der Galgen, das Schaffst— das sind die Orte, wo er seineu fürchterlichen Durst stillt. Bürger von Amerika! Aus welcher Seite sind Eure Sympathien? Wir beantworten diese Frage im Voraus. Die Nation, welche an der Morgenröthe ihrer Geschichte au« ihren Söhnen die Reihen bildete, um ihre Unabhängigkeit zu vertheidigen; die Nation, welche ihre Grenzen allen Verfolgten Europa'? öffnet; die Nation, welche nicht vor einem Bürgerkrieg zurückschrack, um Millionen Sklaven zu besreieu— eine solche Nation kann nicht anders als mit uns sympathifiren, mit uns, die wir die Fahne der Befreiung des russischen Volkes entfaltet haben, der Be- freiung au« politischer und sozialer Sklaverei. Die Abolitionisten*), Eure geschätzten Söhne, waren auch Eure besten Söhne. Wir sind russische Abolitionisten. Eure Sympathien gehören uns, Euer Haß und Eure Verachtung unseren Feinden! Eure Billigung, ebenso wie die der anderen Völker, ist uns sehr werthvoll. Unser eifrigster Wunsch ist es, sie zu erwecken. Zu diesem Zwecke werden wir suchen, Euch den wirklichen Zustand der Tinge in Rußland bekannt zu geben, in politischer wie sozialer Be- ziehung über unsere inneren Angelegenheiten Licht zu verbreiten. Um diesen Zweck zu erreichen, begibt sich uuser Genosse Leo Harimann aus unsere Anordnung aus Euren gastlichen Boden. Er wird Euch die Ge- schichte unseres stampses mit seinen blutigen Zwischenfällen und seinen Martyrien erzählen. Er wird Flugschriften herausgeben und eine Reihe von Vorträgen und Besprechungen abhalten. Amerikanisches Volk! Wir hoffen, daß er bei Dir einen wohlwollenden und brüderlichen Empfang finden wird. Das Exekutiv-Komite der sozial-revolutionüren Partei in Rußland. Diese beidemMrcustücke sind geeignet, manche irrige Vorstellungen, die auch in den Kreisen unserer Partei über die nihilistische Bewegung ver- breitet waren, zu berichtigen. *) eig. Abschaffen— Abschaffen der Sklaverei, die Porkämpfer der hklaven Emanzipation. Parteigenossen! Vergeßtder Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Korrespondenzen. — Wupperthal, 16. August. Fromme Geschäfte, schlechte Geschäfte. Wenn es wahr ist, daß Gott diejenigen züchtigt, welche er lieb hat, so müssen die Frommen unsere« Thales doch wohl in sehr guten: Geruch bei ihm stehen, denn sie sind kürzlich von ihm einmal ganz gründlich hergenommen worden. Die hiesige Missionsgescllschast, welche außer ihren zahlreichen Aposteln die zur Bekehrung der Zulukaffern ausgesandt sind, auch hier ani Platze noch eine große Heerde frommer Brüder im Dienste des„HERRN" hat und dazu auch täglich neue dressirt, oder aus städtische Kosten in den hiesigen Gymnasien, wo sie Freistellen genießen, dressiren läßt,— diese innere und äußere MissionSgesellschaft hat sich vor vielen Jahren noch eine„Missions Handels-Aktiengesellschast" angelegt. An der Spitze dieser chrenwcrthen Gesellschaft steht der be- rühmte Kolonisationsprojektenmacher, Herr Dr. Fabri, welcher auch ein tüchtiger Sich- Verkäufer, aber ein unfähiger Disponent ist. Man glaubte allgemein, daß durch die Beihilsc Gottes das Unternehmen „schöne Gewinne" abwerfen würde. Doch der Wille des Herrn ift oft wunderbar und war ein ganz anderer, und darunter mußte man sich beuge». ES wurde vor einigen Tagen den Aktionären bekannt gemacht, daß die Siebenmal hundert Tausend Mark schnöden Mam- mons, welche eingezahlt waren, den Weg alles Fleisches ge- gangen seien und zwar so, daß kein Brosamen davon übrig geblieben ist, der von der Herren Tische fiele, und den die Wittwen und Waisen auspicken könnten. Glücklicherweise sind die meisten der Aktionäre jedoch Leute, welche früher der böse Satanas(natürlicherweise nur, um sie in Versuchung zu führen) mit großen weltlichen Glücksgütern„gesegnet" hat, und deshalb wird der bittere Kelch für diesmal leicht an ihnen vorüber- gehen. Den, im Dienste des„höchsten Gottes" ergrauten Brüdern in Christo vom Stamme„Nimm", welche ihr ganzes Leben lang,„immer lieber mit der Harcke als mit der Schüppe" gearbeitet haben, wird einer Lappalie von Fünfzig bis Hunderttausend Mark halber, welche sie ein- gelegt, kein Haar vom edlen Haupte fallen. Aber„die t h ö r i ch t e n Jungfrauen", welche ihr ganzesVermögen verloren, und jetzt kein Oel mehr aus der Lampe haben, wenn ein Bräutigam kommen sollte, ebenso auch die ganz armgewordenenWittwen, welche vom himmlischen Manna sich nicht satt essen können, diese werden in kindlicher Einsalt dem Herrn, welcher alles wohlgemacht, danken, daß er sie erleuchtet hat, damit sie fernerhin ihr Heil nicht mehr durch Seelsorge bei den Kaffern oder durch namhafte Lieferungen an krieg- führende Häuptlinge zu erlangen suchen. Sehen wir jetzt zu, welcher Mittel sich der Herr bedient hat, um die Gesellschaft zu Falle zu bringen. Hat Er, wie ein Prophet des alten Testaments erzählt, extra eine neue Sorte Thier geschaffen, welches den Kürbis anstach, damit er über Nacht faul werde? Jawohl! Die vom Missionshaus mit allen Mühen und Kosten Dressirten hat sich der Herr ausersehen, um, wie der Apostel sagt, die großen Häuser zu schlagen, daß sie Ritze gewinnen und die kleinen Häuser, daß sie Lücken gewinnen. Doch davon Näheres das nüchstemal. — London, 17. August. Versammlungsbericht. Am Montag Abend hatten wir eine interessante Abendunterhaltung, denn die„freie sozialpolitische Akademie", gegründet von Herrn Joachim G e h l s e n, hatte eine Volksversammlung einberufen, in welcher Herr Gehlsen einen Vortrag über die Aufhebung des Zinsrech'tes halten sollte. Da nun Hr. Gehlsen keine unbekannte Person war und wir wußten, daß es sich hier nur um politischen Bauernfang handele, so waren wir in Masse erschienen, um der Weisheit des Hrn. Gehlsen theilhaftig zu wer- den. Aus welchen Elementen die Versammlung bestand, konnte sofort au« der Bureauwahl ersehen werden. Bgr. Daubenspeck wurde zum Vorsitzenden und Unterzeichneter zum Schriftführer gewählt. Hr. Gehlsen führte in seinem Vortrage aus, daß das Zinsrecht ein Produkt der Neu- zeit sei, denn Jesus habe die Juden und Geldwechsler aus dem Tempel gejagt; im Mittelalter habe man die Wucherer verachtet.„Der heutige Zins ist erst im Mittelalter, und zwar durch die Pfaffen(!?) entstanden, welche 50/o als ehrlich, 10% aber als Wucher bezeichneten." Rechtlich „berechtigt" ist der Zinsfuß überhaupt nicht, denn es gibt nur ein Recht, und das ist das natürliche Recht, welches, mit dem Menschen geboren, ihm das Recht gibt, seine natürlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn ein Mensch mit physischer oder geistiger Kraft es zu Reichthum bringt, so ist dies nur möglich, wenn er seine Mitmenschen Uberlistet; und aus jeden Fall ist es Unrecht, wenn 100 Menschen das verzehren, was 1000 Andere erworben haben und dabei noch die Herren der anderen spielen. Und, meine Herren, welcher Mensch beugt nicht das Kniee vorDem, der ihnbezahlt?(Zwischenruf:„Wir nicht!") Und wird denn dem Arbeiter mehr verabreicht, als nothwendig ist, um die Erhaltung der Rasse zu bewerkstelligen?"— „Wenn es der Gesammtheit wohlgeht, so geht es auch dem einzelnen Individuum gut. Wenn ein Mensch das Glück hat, Vermögen zu er- werben, so soll er nicht das Recht haben, seine Mitmenschen noch aus- zubeuten. Daher ist es Sache des Volkes, sein Recht sich zu erringen, denn der Wille des Volke« ist stets Gesetz geworden.(Gelächter.) Beweis hiesür ist die Aufhebung der Sklaverei, die Abschaffung der Feudalrechte u. s. w. Leider sind die Privilegien, welche man dem Feudaladel abge- nommen hat, dem Geldsack übertragen, und wir haben Geschäftsbäuser, welche die ganze Welt regieren. Der Zins ist der Zerstörer der Volks- kraft und daher werth, umgestürzt zu werden.(Zwischenruf: Nein, das Kapital muß umgestürzt werden!) Daher haben auch Fürsten die Jnitia- tive ergriffen und Gesetze gegen den Wucher erlassen. Die neuen National- öionomeii nennen den Zins ein unmoralisches Ding, welche» allmälig aus der Welt geschafft werden müsse. Der Mensch, welcher das Recht zu leben für sich in Anspruch nimmt, hat aber auch der Menschheit zu nützen, das Kapital muß den Arbeitern dienstbar gemacht werden und ist der Kapitalist nicht berechtigt, auf der Bärenhaut zu liegen und sich zu mästen. Man hat mir gesagt, wenn es keinen Zins gibt, dann gibt Niemand sein Geld her(Zwischenruf: Dann nehmen wir'S uns!); ich sage aber: heute schon bekommt Derjenige kein Geld, der es braucht. Wenn der Zin« aus- gehoben ist, kann der Kapitalist nicht klagen; entweder er verliert sein Geld oder gewinnt etwas dabei(Gelächter). Der Besitz des Kapitals verursacht die große Sorge, es zu erhalten und zu vergrößern. Ferner hat man mir entgegengeworsen: wenn es keinen Zins gibt, wie könnte dann mancher Mensch seinen ihn überlebenden Angehörigen eine Rente sichern? Dagegen habe ich einzuwersen, daß nicht fünf Prozente der Bevölkerung heute im Stande find, ihren Angehörigen eine Rente zu sichern. „Thatsache ist, daß die Gesetze nur sllr die Besitzenden gemacht werden, während der Arbeiter stets der Dumme ist. Daher Hand an'S Werk und den Zins ausgehoben! Die Folge hiervon wäre, dafi Niemand ver- klagt werden könnte und ein großer Theil der Richter unnütz wäre. Denn wer will es leugnen, daß mancher brave Mensch von den Gerichts, Höfen zum Verbrecher gemacht und dadurch tausendfaches Unglück Uber die Familien gebracht wurde?" Herr Gehlsen schloß mit den Worten:„Wenn wir den Zin» aufheben, so fallen alle bisherigen Mißstände weg, die Arbeit wird nicht beim Kapital betteln, bei Naturunglück können wir sofort die nöthige Hilse gewähren und brauchen nicht zu betteln. Daher muß die Aushebung de« Zinsrechtes die nächste Forderung der Sozialisten sein, wenn auf sried- lichem Wege die Lösung der sozialen Frage stattfinden soll."(Langandauern- des Gelächter.) Brgr. Rackow stellte folgende Resolution zur Abstimmung: „Die heutige Versammlung erklärt, daß die Aushebung des Zinsrechtes durchaus»ich! im Stande ist, die Verhältnisse der Arbeiter zu verbessern, geschweige denn den sozialdemokratischen Gesellschaftszustand herbeizuführen, sondern daß dies nur geschehen kann durch den vollständigen Umsturz der heute bestehenden kor- rumpirlen Gesellschast." Dazu wurde von Brgr. S t e n; l e i t das Zusatzamendement beantragt: „mittelst der sozialen Revolution." Herr Gehlsen meinte, er habe auch sür derartige Fälle Resolutionen in der Tasche und verliest seine Resolution: „Die am 15. August 1881 in Zeltlands Hall, Mansellstreet 51, tagende Volksversammlung resolvirt: In Erwägung, daß die Zinsprivilegien des mobilen Kapitals und Grundbesitzes die soziale Versöhnung der verschiedenen Klassen der Menschheit hindern, be- sonders dadurch, daß in ihnen eine ungerech'ligte Zurücksetzung der Arbeitskraft gegen die unmoralische Spekulation gesetzlich de- kretirt ist,- sind alle Gesetze, welche diesen Zustand ausrecht erhalten, auszuheben und außer Giltigkeit zu setzen. Mit anderen Worten: Es ist jedem Einzelnen oder jeder Assoziation das Recht der Exekution und Beitreibung von Zinsen irgend welcher Art im Namen der Gesellschast zu enlziehen. Die Ausführung dieser sozialen Reform ist die nächste Forderung aller eine friedliche Einigung der Menschen Anstrebenden." Die Versammlung verlangt, da sie aus Männern besteht, die da wissen, was sie wollen, sosortige Abstimmung über die Rackow'sche Resolution. Herr Gehlsen verlaugt aber sür seine Resolution den Vortritt(allgemeines Gelächter). Die Versammlung beschließt unter allgemeiner Heiterkeil zu Gunsten des Herrn Gehlsen, sür dessen Resolution»un 11 Personen sind — gegen die übrigen Anwesenden, etwa 3— 400 Personen.(Langanhalten- des Gelächter.) Die Resolution'Rackow wiro hieraus mit allen gegen 1 Stimme angenommen. Bei der Diskussion, in welcher die Genossen ivk e n d e l, D a u b e n s p e ck, O s a n g, H o s f m a n n, R ö ß l e r, Stenzleil, Rackow, Sachs, Trunk, Beilin und ein An- Hänger des Herrn Gehlsen, Herr Blau, sprachen, kam Herr Gehlsen sehr schlecht weg. Brgr. Mendel geißelte das Verfahren Gehlsen's in sarkastischer Weise und zeigte ihm, daß die Arbeiter durchaus nicht ge- willt seien, auf solchen Umwegen zum Ziele zu gelangen; die Arbeiter- klaffe könne nnr dann ibr Ziel erreichen, wenn sie den heutigen Klassen- staat vollständig über den�Hausen werfe. Tie Brgr. Taubenspeck, Osang, Hoffmann, Rößler und Stenzleil weisen dem Herrn Gehlsen die Wider- spräche nach, in denen er sich befindet; sein ganze« Referat sei nur dar- ans berechnet, Verwirrung unter die Arbeiter zu bringen, und im Trüben zu fischen. Er sei von der christlichsozialen Klique und seinem Brodherrn Bismarck bestellt, Bauernfängerei zu treiben(Psui!), er, ein Mensch, der wissenschaftlich gebildet iei. solle sich doppelt schämen, dem Fürsten Bis- marck solch' niedrige Handlangerdienste zu leisten. Brgr. Rackow ergriff nun das Wort: Aus dem Gange nach der Versammlung sei er in Ver- legenheit gewesen, mit welcher Anrede er vor die Versammelten treten solle, �abe aber sich endlich schlüssig gemacht, sie mit:„Gelieble Brüder und Schwestern in Chriyo" anzureden(langandauerndes Gelächter); aber wie habe es ihn gefreut, Männer anzutreffen, denen man es am Gesichte ansehe, was sie wollen. Eigentlich ihue ihm Herr Gehlsen recht leid, denn die Vorredner hätten ihm unbarmherzig gesagt, was er sei, und er, Redner, müsse all' Diesem vollständig beistimmen, denn ein Mann wie Gehlsen, der durch einen Fußtritt Bismarck'? au« Berlin gestogen sei, sollte mehr Ehrgefühl haben, als er bewiesen habe.„Der Sachverhalt scheint zu fem: Nachdem Bismarck gesehen, daß einige seiner Polizei- spitzel hier übel angelaufen sind, versucht er es aus einem Umwege— Herr Gehlsen beruft Versammlungen ein, in denen selbstverständlich die Sozialisten anwesend find und ihre Ansicht aussprechen, und dann kann er sie bequem seinem Herrn und Meister denunziren. Die anwesenden Polizeigesichter sprechen sür die Richtigkeit dieser Annahme." Ungeheurer Beifall erscholl, als ein Genosse während der Reden unserer Genossen Herrn Gehlsen ein Exemplar des„Sozialdemokrat" überreichte mit den Worten:„Hier, Herr Gehlsen, lesen Sie!" Herr Blau, der unter fort- währender Heilerkeit die Vertheidigung des Herrn Gehlsen übernommen hatte, erniedrigte sich soweit, daß er in die Worte ausbrach:„Wir sagen ja nicht, daß die Arbeiter nicht ebenso gebildet seien wie wir!" (Homerisches Gelächter sämmtlicher Anwesenden.) Nachdem der Bürger Sachs den Herrn Gehlsen aus einige Inkonsequenzen in der„Glocke" aufmerksam gemacht, und die Bürger Trunk und Beilin ihm eben- falls noch den Standpunkt klar gemacht, sprach Herr Gehlsen das Schluß- wort und suchte sich zu vertheidigen, was ihm jedoch nicht gelang. Unter einem Hoch auf die Sozialdemokratie erfolgte der Schluß der Versammlung um 11'/, Uhr. Der Schristführer: G.Lemke. Zum Abschied. Unserm braven Genossen Rudolph T i e d t, der durch den„Kleinen" erst aus Berlin, dann au« Leipzig und schließlich aus ganz Deutschland gehetzt, sich nun jenseits der grauen Wasserwüste ein neues Heim und eine neue Kampsstätte sucht, rusen wir ein herzliche« Lebewohl und ein ebenso herzliches Glückauf in der Reuen Welt! zu. Wir wissen, er ist kein Ausreißer— er wird drüben wie hüben aktiv der großen Freiheitsarmee angehören und in den vordersten Reihen des Ge- fechts stehen. Den Freunden und Genossen in Amerika sei er bestens empfohlen. Berlin, Leipzig, Dresden, Magdeburg, Zürich, im August 1881. Deutsche Sozialdemokraten. — Von boshaften Subjekten ist ausgesprengt wor« den,— und von leichtgläubigen Klatschmicheln wird es hie und da nachgeplappert— daß die sozialdemo- kratischen R e i ch s t a g« a b g e o r d n e l e n während der l e tz ten R ei ch S ta g s sess i o n aus dem Unterstützung«- f o n d S s i ch b o h e D i S t e n bis zum Betrag von 15 Mark pro Tag ausgezahlt hätten. Diese verleumderische Behauptung entbehrt natürlich jeden Grundes. Die sozialdemokratischen Abgeordnetenhaben au seinem zu diesem speziellen Zweck von Parteigenossen ge- bildeten Fonds pro Tag je drei bis fünf Mark, aus- schließlich der Wohnungsmiethe, bezogen, und zwar nur für die Tage der Anwesenheit in Berlin. Wer die Berliner Preise kennt, wird zugeben müssen, daß dieser Satz äußerst knapp bemessen, und selbst bei größter Sparsamkeit kaum einzuhalten ist. — Mir bitte« die Geuose» altcrorts, welche i» die lizc bomme», Unter, stiibinze« j«»eribreichen, die« in jedem kalte a» die tlerlrauens- leutc si melde«, damit etwugem Milibraach mizlichlt ai.zez.'agt wc rde — Nie Seuasse«,«ameatlich i« lleutschtaad,«erde« driazead gebetr«,. fiir rczelmiißize Lerichte a« das Narteiarza«>« sarge«.£> ift das wahread der Mahldewegang doppelt«athweidiz. C.io fiarteiiirgaa sali ei« oaltftii« iges«ad treacs Pild de» gesaiamte» slartkilkbens und .Slrebeis enthalte»; diele.lufgabe der ffirtrigenasst« le l b ft erfülle deuten ift zwar i« erfreulicher Zunahme! zu wiinschen übrig. Mir erwarte»«s« de« fiarteigenalle«, die sa»ft fo fcft 1«»us ftehc», daß sie auch i« dieser Pesieh»«; ihre Schuldigkeit ihn«. ipprn»aigiaenoiz. im» pari.-iarga» ld de« ges-mmte» Narteilebens und ka«« es aber nur m i t k, i l f e> rfnlle«. Die Zahl«nserer 5arke>M> : begriffe«, affci« es bleibt«ach immer Briefkasten der RedaktTau: Verschiedene Korrespondenten: Bebel und Lieb- knecht sind vom�ll September an in Dresden, wo Briese mir ihrem Ztamen und der Bezeichnung:„Mitglied des Landtages" sie erreichen. Beide sind trotz der Ausweisung noch Bürger von Leipzig; diese Bezeich- nung genügt also auf den Wahlzetteln. Uebrigens kann man auch noch hinzusügen: Mitglied des sächsischen Landtages.— A. in B. und viele Andere: In Bezug aus Wahlstugblätter»c. werden Sie rechtzeitig das Nöthige erfahren und empfangen. Alles wird vorbereitet.— Danton: Anch wir bedauern, daß die Genannten eine Kandidatur abgelehnt haben. Man darf sie deshalb»ich! unbedingt verurrheilen. Eine Kandidatur würde unter den augenblicklichen Verhältnissen den Ruin ihres Geschäftes bedeuten. Was den Diktatur-Gedanken anbetrifft, so ist die Sache nicht ganz ohne, und— natürlich innerhalb des Rahmens unserer Prinzipien — bereits zum Theil verwirklicht. der .xpeditiou:— Z. Rlbr.: Mk. 3,— Ab. 3. Qu. erh. 26 nachgel. Weiteres vergriffen.— Karl Rothschild: Mk. 70,— ä Cto. erh. Folgen 50 Schk. wie gewünscht. Brieflich am 13/8. mehr bericht. Gruß!— T-Hchimmel-; Mk. 20,— v. Wbg. dem Usds. verrechnet. Fortstzg. dascrn solche folgt, ebenso behandeln. Bevor nicht Alles glatt, kann der„rothe" Nichts besehen.— Bummelsritze: Bs. v. 17/8. am 22/8. beantw.— N. N. Prag: Alle« im Bf. v. 16/8. Gemeldete vorgemerkt. Zwei Adr. bereits benüyt, wie am 18. briefl. gemeldet.— Seele: Nachr. erh. Nach- sendung unmöglich.— Grppe deutschspr. Soz. i. Pari«: Fr. 15,30 dem Wsds. zugewiesen.— Rosa Beck: Mk. 20,— a Cto. erh. Weiteres vorgem. u. bes. lt. Bs. v. 19/8.— Rothbarlh: Mehrbestellg. mit 34 be- wirkt. Adr. vorgem.— Sttt.: Mk. 3,— Ab. 3. Qu. erh. Briefl. mehr. — Serlow: Mk. 9,— erh. u. mit 34 Schft. ges. Rest v. Mk. 3,75 dem Usds. zugewiesen. Alles in Ordnung.-- h: Mk.— ,70 per Rest erh. Mk. 20,— d. Usds. zugew. Weitere« siehe Notiz z. Fdsquittg. in Rr. 34.— Sozialisten Luzern: Fr. 18,— d. Usds. dkd. zugewiesen.— A. B. C.: Mk. 4,20 Ab. 3 Ou. u. Flgschr. erh. Weiteres vorgem. n. redaktionell beantw.— 722: Sie haben recht, der Mahnzcitel wurde irrigerweise beigelegt.— M. M.: Amsterdam: Fr. 4,21 s. Schst. u. 3,54 per Usds. erh. Weiteres besorgt.— B. B. London: Fr. 2,50 Ab. 3. Qu. sür W- erh. pr. P.-K. weiter berichtet.— G. W. Gens: Fr. 3,—„v. Biertisch Blaile" u. Fr. 5,— Ab. pr. Aug. qmgebr. u. d. Usds. verrechnet.— Vom Main: M. 25,— per Usds. verrechnet. Weiteres direkt. Wir machen die hiesigen uiid zureisenden Partei- ■villi fH«• vlllll genossen aus die Wirthschafl unsere« Genossen > I Penning, 33 Dykstraat 33 ausmerksam, woselbst auch das Parteiorgan ausliegt. Mehrere Genossen. Wtur llea<*l»tiiii£l »„ M Cornm. Arbeiter-Bildungs-Vereia 49 Tottenham Street. Tottenham Court Road. Die"Wirthschafr des Vereins ist geölfnet von Morgens 9 bis Xachts 12 Uhr. Wir ersuchen die reisenden Genossen auf unsere Adresse zu achten. Der\ erstand. gticcij. Btrcinttiudidruitnci h»»Ini»il-K«ri L.:\ m