Lrlcheiul Wöchentlich einmal in Zürich iLchweiz) Nerliig A. Herter, Hottingen-Znrich Kafinostraße 3. �liSseiij!i»zt>l franco gegen sranco. Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz kosten Doppelporto. Der SoMemckrat >entras-Grgan der deutschen Sozialdemokratie Äöonnements werden nur beim Verlag und desien bekannten Agenten ent- gegengenommen und zwar zum voraus zahlbare« VierteljahrspreiS von: Fr. 2.— für die Schweiz(Kreuzbanl> Mk. 3— für Deutschland(Couvert) fl.!. 70 für Oesterreich(Couveri) Fr. 2. 50 für alle übrigen Länder dcr Weltpostvereins(Kreuzband). Zuserate Die dreigespaltene Petitzeile 25 CtS.= 20 Pfg. R? a«. Donnerltag, 29. September. 1881. Ali« au die KorresPaudcateii und �douaeattn des„Soiialdemokrai". Da der.Sozialdemokrat� sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten ist, bezw. verfolgt wird, und die dortigen Behörden sich alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp. Briefe von dort an uns und unsere Zeitungs- und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äußerste Vorficht im Postvertehr nothwendig und darf keine Vorsichtsmaßregel versäumt werden, die Briefmarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt der Sendungen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen. Haupterforderniß ist hiezu einerseits, daß unsere Freunde so selten als möglich an den.Sozialdemokrat", resp. dessen Verlag selbst adresfiren, sondern sich möglichst an irgendeine unverdächtige Adrefie außerhalb Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche sich dann mit uns in Verbindung setzt; anderseits aber, daß auch uns möglichst unverfängliche Zustellungsadressen mitgetheilt werden. In zweifelhasten Fällen empfiehlt fich behufs größerer Sicherheit Rekommandirung. Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Muhe noch Kosten scheuen, um trotz aller ent» gegenstehenden Schwierigkeiten den. Sozialdemokrat* unfern Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern. Abonnements-Einladung. Mit Nummer-10 beginnt ein neues Ouartalsnbonnement auf den„Sozialbemotrat". Wir ersuchen unsere Leser, ihr Abonnement rechtzeitig>u erneuern, sowie sur Gewin. nung neuer Abonnenten unablässig thätig zu sein, Weber ba» Abonnement aus den„Zozialdcmotrat" noch das Empfehlen beffelben ist in Deutschland strafbar, sondern lediglich die direkte Verbreitung. Ter„Sozialdemokrat" wurde vom letzten Parteikongreh einstimmig zum einzige» ofstzielle» Organ»er sozialistischen Arbeiterpartei Deutsch- lands erklärt. Dir vorauszahlbare AbonnementspreiS des.Sozialdem,' beträgt vierteljl. silr D e u t s ch l a n d und O e st e r r e i ch 8 Mark ll tl.?b Ir,>, wosür das Blatt wöchentlich als verschlossener B r i e s versandt wird; für die 5 ch w e i z 2 Fr,, für alle übrigen Länder des Weltpostvereins 2. Fr. so Eis,. Dieser Preis kann indessen, namentlich in Deutschland, bedeutend ermäßigt werden, wenn sich die Genossen eines Ortes zum Bezug im Großen vereinigen. Wenn unverdächtige Empsangs. adresjen gewählt werden und damit steis gewechselt wird, wenn serner die geheime Vertheilung an die abonnirten Senoffen»orstchtig geschieht t dann ist die Gefahr der Entdeckung beim Gesammtbezug weit geringer wie bei den Briefsenduugen. Bis zu IS Exemplaren können in Doppelbrief übermittelt werden; bei größeren Be» ftellungen ist die Zusendung in Packet vorzuziehen. Bei Bezug von zehn Exemplaren an ist der Preis per Quartal aus M. 1. 80. franko inS Haus festgesetzt, und ist der Betrag monatlich mit S0 Pf. im Voraus einzusenden. Sämmtlichc Sendungen werden gut verpackt, nicht in der Schweiz, sondern in Deutschland ausgegeben. Briesmarlen aller Länder werden für voll angenommen! größere Beiträge in Papier» gcld mittclst eingeschriebenem Brief oder Post»Einzahlung. Da nicht unbedeutende Kosten durch ungenügendes Frankiren entstehen, so machen wir daraus ausmerksam, daß cinsachc Briefe lbis IS Gramm, nach der Schweiz 20 Psg-, resp. 10 Kreuzer ö. W. tosten, bei schwereren Briefen je IS Gramm weitere 20 Psg., resp. 10 Kreuzer. Man wende fich bei Einzelbestellungen an den Verlag von A. Hertel, Kastnostraße S, Hottingcn.Zürich, bei gemeinsamem Abonnement und um Ausschlüsse an die be. kannten Agenten in Deutschland, oder an die Unterzeichneten durch Vermittlung in der Schweiz oder sonst im Ausland lebender Freunde. Monatliche Vorausbezahlung des Abonnementspreises an unser« Ber- trauensmänner und Kilialeverwalter ist unerläßlich! Parteigenossen! Sammelt Euch UNI Eure Fahne und bcnützt die Euch gegebene Waffe mit Eiser und Geschick; seid rührig und thllt Eure Pflicht! Redaktion und Expedition»es„Sozialdemokrat". Warum wir wählen! Wir wählen nicht, weil wir etwa wähnen, mittelst des Stimm- zettels unserer Sache den endgiltigen Sieg verschaffen zu können. Wir wissen, wie Wahlen gefälscht, wie große Massen des Volkes durch den sozialen Druck zum Stimmvieh gepreßt werden, wir wissen, daß das Volk durch den Stimmzettel allein nie zu seinem Recht gelangen wird. Wir wählen vielmehr, weil wir einen Protest abgeben wollen gegen die politische Schandwirthschaft, gegen die soziale Massenausbcutung in Deutschland. Wir wählen, weil wir unfern Feinden zeigen wollen, daß wir noch ungebeugt dastehen, trotz aller Verfolgungen, daß wir ihre Drohungen nicht fürchten, daß wir auf ihre Gewaltthaten gefaßt sind. Wir wählen, weil wir wissen, daß durch Fernbleiben von der Urne wir uns den politisch Gleichgiltigen, den engherzigsten Philistern zur Seite stellen würden, daß nicht die Unthätigkeit dem Volke frommt, sondern rege Thätigkeit. Nur rastlos be- thätigt sich der Mann, und leben heißt kämpfen! Wir wählen, das heißt, wir geben keine weißen Stimmzettel ab, die den Gegnern nichts schaden, dem Volke nichts nützen, sondern wir wählen Männer, Kämpfer, die als Sieger unfern Gegnern das Handwerk erschweren. Wir wählen nicht nur, um zu Protestiren, sondern wir wählen, um unsere Feinde, die Feinde der Volkssache zu schädigen. Der weiße Stimm- zettcl heißt passiver Widerstand, der Stimmzettel mit dem Namen eines unserer Vorkämpfer heißt Kampf; wir wählen also, um zu kämpfen! Wir wählen, um uns zu zählen, un> unsere Zahl dem Volke zu zeigen. Vielen aus dem Volke fehlt heute nicht das Ver- ständniß für ihre Lage, ihnen fehl! aber das Vertrauen in ihre Kraft, in die Kraft ihrer Gleichgesinnten. Darum wählen wir, darum rufen tue Sozialisten in Altona, in Berlin, in Dresden, in Hamburg, in Leipzig, in München, in Nürnberg, in Stutt- gan ihren Genossen in ganz Deutschland zu: Sehl, hier sind noch Tausende auf dem Posten, Tausende harren noch aus, kämpfen ungebrochen weiter, Ihr steht noch nicht allein,— und als Antwort tönt es aus den entlegentstcn Ortschaften zurück: Haltet lest aus, Ihr Brüder in den Hauptstädten, auch wir weichen nicht zurück! Der Wahltag ist der Tag, an dem die Sozial- demokratie Revue abhält über ihre Kämpfer, Niemand, der auf diesen Ehrentitel Anspruch erhebt, darf da fehlen. Der Ausfall der nächsten Wahlen ist von größter Bedeutung für die Sache der Arbeiter in Deutschland. Eine Niederlage der Sozialdemokratie hieße nicht nur eine Ermuthigung der Votksgegner, ihr verrätherisches Beginnen fortzusetzen, sondern sie hieße— und das ist viel bedeutungsvoller— eine Entmut higung des Volkes, ein Ergeben des Volkes in Alles, was von Oben kommt. Die sozialdemokratische Stimmenzahl vermindern, heißt den Pessimismus im Volke vermehren, heißt der Revolutionirung der Volksmassen hindernd in den Weg treten. Wer der Wahlurne aus vermeintlichem Revolutionarismus fern bleibt und Andere zum Fernbleiben veranlassen will, ist der schlimmste Feind deS Proletariats. Wer der Wahlurne fern bleibt und nicht un« mittelbar zu Pulver und Dynamit greift, ist ein elender Phrasenheld, ein Feigling, der seiner Feigheit ein radikales Mäntelchen umhängen will. Leben heißt kämpfen, die deutsche Sozialdemokratie lebt und beweist ihr Leben dadurch, daß sie kämpft und sie führt den Kampf auf der ganzen Linie. Heute heißt es den Wahlkampf führen, einen Kampf, der ebensoviel Umsicht, Muth und Selbst- Verleugnung erfordert als jeder andere Kampf. Wer ihm fern bleibt, auf den ist auch im Kampfe Mann gegen Mann nicht zu rechnen. Darum betrachten auch die Genossen allerorts die Unthätigen als Verräther, denn der Kampf, wie wir ihn heute führen müsse», gibt Jedem, in welcher Position er auch immer sei, Gelegenheit, unserer Sache Dienste leisten zu können. Wer dies unterläßt, gehört nicht mehr zu uns. Roch einmal, wir wählen, um zu protcstircn, um unser Dasein den Gegnern und dem Volke zu manifestiren, wir wählen, um unsere Gegner zu schädigen,. um unfern Freunden und der Masse aufs Neue Muth und Selbstvertrauen einzu- flößen, wir wählen, um die Massen zu revolutioniren. Unser Wahlsieg heißt Sieg der Revolution. Das haben unsere Parteigenossen in Deutschland begriffen, Ehre den Braven, die so muthig an den Kamps ziehen. Ihr aber, Genoffen im Auslande, die Zeit ist kurz, thut auch ihr eure Pflicht: Schafft Munition! Leo, Die Unzufriedenheit. „Unzusriedenheit ist die Quelle vieler Uebel, sie führt zur Verzweiflung und bahnt den Weg zum Verbrechen"— so lasen wir vor Kurzem in einem uns gelegentlich in die Hände gefallenen frommen Erguß, dessen Autor, beiläufig bemerkt, als Mittel zur Lösung der sozialen Frage die Errichtung von Mäßigkeit« oereinen und die Unterstützung kinderreicher, armer Familienväter, außerdem aber, für den immerhin zu besorgenden Fall, daß Beides nicht helfen sollte,—-— eifrige« Bibellesen vorschlägt. Auf die Erörterung dieser geistreichen Borschläge treten wir selbstver- ständlich nicht ein, denn d i e stehen ja wolkenhoch erhaben über aller Kritik; nur den an die Spitze geste"u:tz Satz wollen wir ein wenig beleuchten.' „Die Unzusriedenheit führt zur Verzweiflung und zum Verbrechen." Wirklich? Allerdings, wenn wir lediglich nach dem Augenschein— ohne genaue Untersuchung— urtheilen wollen, so finden wir jeden Tag sozusagen auf der Straße die Bestätigung jenes Satzes. Oder liest man nicht in den Blättern nur allzuoft von irgend einem begangenen Verbrechen, von Raub und Mord, von Brandstiftung, Diebstahl, Betrug — um von anderen Freveln zu schweigen— und stößt man nicht, wenn man zurückgeht auf die treibende Ursache solcher Unthaten, fast immer auf eine bis zur Verzweiflung getriebene Unzusriedenheit des Thäter« mit seiner Lage? Die Gerichtsverhandlungen enthüllen ja stets, was ohnehin schon selbst- verständlich ist, daß— von Ausschreirungen des Uebcrmuths und Fällen der Idiosynkrasie abgesehen— es gewöhnlich nicht Zufriedene sind, welche Verbrechen begehen. In welchem Geisteszustand, in welcher Gemüthsversassung befindet sich denn gewöhnlich Der, welcher sich zu einem Verbrechen, zu einer das Leben, die Gesundheit oder das Gut eines Mitmenschen verletzenden Hand- lung sich anschickt? In neun unter zehn Fällen ist der Unglückliche vor seiner Unthat aus der Gesellschaft der Genießenden, ja wohl auch aus der Gesellschaft der Arbeitenden ausgeschlossen gewesen; die Möglichkeit des Fortkommens, ja der bloßen Existenz war ihm geraubt, die blasse Lkoth starrte ihm aus allen Ecken und Winkeln seiner dürftigen Wohnung wenn er eine solche besaß— entgegen; er irrte umher, immer suchend und nimmer findend, wovon er sich nähre, bezw. womit er sich Nahrung verdiene; dumpf brütet er nun über sein Elend, aus welchem er nirgend, nirgend einen rettenden Ausweg findet,— da» dumpfe, fruchtlose Hin- brüten raubt ihm zuletzt die Verstandeskrast, mindestens die Besinnung, und—„Kops verloren, Alles verloren"— er stürzt zu einer unseligen That, er rennt blindlings in sein Verderben. Da sieht man also klar— sagt der Weise, dessen Ausspruch oben zitirt ward—: seine verwünschte Unzufriedenheil mit der Lage, in welcher er sich befand, machte ihn zum Verbrecher und brachte ihn in eine noch schlimmere Lage. Er hätte eben nicht unzufrieden sein sollen, der Thor, sondern zufrieden! Ein kurioses Raisonnement, das! Als hinge des Menschen Zufrieden- heit oder Unzusriedenheit von seinem Willen, von seinem Belieben ab, als wäre sie nicht größtentheils durch seine Lage selbst, d. h. dadurch, daß diese günstig oder ungünstig ist, daß sie seiner anerzogenen, gewohnten Lebenshaltung entspricht oder nicht entspricht, bedingt! Als wäre das Wort:„Sei zufrieden!"— zu einem vielleicht nicht nur der Leben«- annehmlich leiten, sondern wohl gar der unentbehrlichsten Lebens- n o t h d u r s t Beraubten gesprochen— nicht der empörendste Hohn und ein Grund mehr für ihn zur Unzufriedenheit! Aber andererseits muß man sich doch auch noch die Frage stellen: war es denn jemals die Unzusriedenheit allein, an und für sich, welche einen Unglücklichen zur Verweislnng und zum Verbrechen getrieben hat? Wahrlich nein! Die Gerichtsverhandlungen Uber solche Fülle fördern gewöhnlich aus den Diesen eine« Verbrechergemüthes nicht allein einen großen Fond von Unwissenheit und Rohheit zu Tage, sie zeigen auch meist, daß eine völlige Hoffnungslosigkeit sich seiner zur Zeit der Unthat bemächtigt hatte, daß er in einer Stimmung war, in welcher er keine Möglichkeit redlichen Fortkommens mehr vor sich sah, jeder Weg zum Glück ihm verrammelt schien. Demnach also: n i ch t die Unzufriedenheit an sich, wohl aber die Unzufriedenheit, verbunden mit dem Glauben an die U n a b ä n d e r- lichkeit de« gegebenen schlechten Zustande«, sagen wir kurz: des Be� stehenden,— nur diese führt zur Verzweiflung, treibt zum Ver- brechen! Eine Quelle vieler Uebel soll die Unzufriedenheit sein? Aus der Kulturgeschichte erhellt das Gegentheil, aus ihr erhellt, daß gerade die Unzufriedenheit der Urquell, die Triebfeder, der Sporn alles Guten war und ist, daß sie den Menschen, diesen vom Assen stammenden Gott, in diesem „irdischen Jammerthal" erst zum Menschen gemacht hat, daß gerade sie der allmächtige Hebel ist, der unsere Gattung von einer Daseinsstufe zur andern gehoben hat. Daß wir heute in Wissenschaften und Künsten, in der Technik und im Verkehrswesen da stehen, wo wir stehen, verdanken wir großentheils der Unzufriedenheit Derer, die vor uns lebten, theilwcise der jetzt noch Lebenden, mit Dem, was sie als gegebenen Zustand vor- fanden, und daß auch wir wiederum mit Dem, was uns heute umgibt, nicht zufrieden, sondern unzufrieden sind, wird für unsere Nachkommen, theilweise gewiß noch sür uns selbst, zu einer Quelle erhöhten Lebens- glücke« werden. Doch auch diese segensreiche Wirkung übt wieder nicht die Unzufrieden- heit an und für sich, ganz gewiß nicht diejenige, die grämlich, dumpf, rath- und thatlos über sich selber brütet, sondern sie war und ist immer nur das Werk der Unzufriedenheit, die verbunden ist mit mehr oder minderer Einsicht in die Natur einerseits der äußeren Dinge, andererseits des eigenen inneren Krastsonds, die erleuchtet wird von dem Bewußtsein, daß und wie das Unangenehme, das Widrige geändert werden könne und welcher— last not least— der energische Wille, der freu- dige Entschluß zur Seite steht. Ringsum auf diesem Planeten, soweit er urbar gemacht und mit „Zivilisation" bedeckt ist, in allen Ländern unserer modernen Dreiviertels- kultur, gibt es heute Grund genug und übergenug zur Unzusriedenheit mit dem Gegebziien, mit dem Bestehenden, mit der Lebenslage, in welcher seine Bewohner sich befinden. Millionen Menschen, aus dem famosen modernen Arbeitsprozeß als überzählig hillausgeschleudert, auf das Straßenpflaster geworfen, leiden Mangel am Unentbehrlichsten, vege- tiren von einem Tage zum andern, wissen nicht, ob sie morgen etwas zu essen haben werden, wissen nicht, womit sie sich bedecken und wo sie woh- nen werden; andere Millionen, etwas„glücklicher" situirt als jene, haben noch eine Arbeitsstelle, an der sie ihr„tägliches Brod" verdienen, aber viel mehr als dieses, ein recht trockenes, hartes, kraftloses Stückchen Brod, erwerben sie mit all' ihrer Mühe nicht, von Alledem, was das Leben erst menschenwürdig und Werth macht, ist bei ihnen gar nicht die Rede, frühmorgens eilen sie in ihre Tretmühle, spät Abends schleichen sie lodr'müve nach Hanfe, so schleppen sie an der Last eines freudlosen Daseins, bis sie auf die Todtenbahre sinken. Und von diesen verlangt man, daß sie nicht unzufrieden sein sollen? Und man verwundert sich, wie Uber einen Blitzstrahl aus heiterem Himmel, wenn dann und wann, hier und dort ein Unglücklicher zu einer Berzweislungsthal schreitet? Man sollte sich vielmehr darüber wundern, daß nicht mehr dergleichen geschieht. Es ist der baarste Unsinn, und es zeugt von sehr wenig Urtheilsver- mögen oder von bornirtem, theilweise böswilligem Vorurtheil, wenn Un- zusriedenen zugerufen wird:„Seid doch zufrieden!" Ein Verständiger spricht zu Solchen ganz anders, er sagt:„Seht zu, denkt nach, woher die unbefriedigenden, schlechten Zustände, unter welchen ihr leidet, kom« men; unterrichtet und überzeugt euch, ob sie etwa unabänderliche seien, und wenn ihr gesunden habt, daß sie gar wohl geändert werden können, und wie Dieses zu machen sei, so fragt euch schließlich auch, ob ihr, Jeder für sich allein, Krast genug besitzt, die Veränderung vorzunehmen. Und wenn die Antwort aus diese Frage verneinend ausfällt— was, wenn ihr die Ursachen de» euch bedrückenden Uebels richtig erkannt habt, ohne Zweifel geschehen wird— so gebt euch nicht vereinzelt dem Brüten hin, dem hoffnungslosen, dumpfen Brüten, das euch nicht Hilst und nichts bessert, sondern gebt eure Unzufriedenheit euch wechselseitig kund, berathschlagt mit einander, vereinigt, organisirt euch, schließet euch Denen an, die, unzufrieden wie ihr mit Dem, was besteht, Zustände herbeiführen wollen, welche die Befriedigung Aller sichern." D i e Unzufriedenheit, die sich mit der Hoffnungslosigkeit und der Un- kennlniß der Gesellschastsbeziehungen und Wirthschaftsverhältnisse vereint und die— um unseren obigen Satz jetzt sachgemäß zu erweitern— individuell vereinzelt bleibt, kann freilich nur zur Ver- zweislung und, beim Vorhandensein roher Thatkrast, zum Verbrechen führen, aber die Unzufriedenheit organisirter und belehrter Massen führt zur Beseitigung des dem Gemeinwohl Hinderlichen, zur Umwandlung des Bestehenden und zur Schaffung eine« Gescllschastszu- standes, in welchem jede Ursache zu Verbrechen und Unrecht schwindet, weil sich in ihm Alle glücklich fühlen, und die Unzusriedenheit nur noch Quelle des Fortschritts nicht aber der Verzweiflung sein kann.?p. Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 28. September 1831. — Das Schweizerische Bundesgericht in Lausanne hat den Rekurs unserer Genossen Herter und Obrist mit sechs gegen drei Stimmen abgewiesen, weil das Verbot des Weltkongresses nur gegen Richtschweizer gerichtet, diesen aber in der Züricher Verfassung da« Ber- sammlungsrecht nicht gewährleistet sei, das heißt alle Richtschweizer dürfen sich nur von Kantonalpolizeignaden versammeln. Zum Glück gibt es noch Kantone in der Schweiz, in denen die R o r d o st b ah n nix tau seggen hat, wenn also das Schweizerische Parteikomite dennoch den Weltkongreß nach der Schweiz einberuft, so wird es schon wissen, wo es den Delegirten ein sicheres Unterkommen bereitet. Die„staatsrechtliche Bedeutung" des Bundesgerichtsentscheides findet in der demokratischen und Arbeiterpresse ihre gebührende Würdigung, auch die„Arbeiterstimme" wird es an einem kräftigen Sprüchlein nicht fehlen lassen. Wir können nur wiederholen, was wir gelegentlich des ersten Verbotes sagten: Der Gang der sozialistischen Bewegung wird durch derartige kleinliche Chikanen nicht ausgehalten, die Konsequenzen des Verbotes und seiner Bestätigung werden dagegen ihren Urhebern recht arge Kopsschmerzen bereiten. Vergleiche den Liberalismus und da« Ausnahmegesetz in Deutschland. — Aus dem G e s än g n i ß Deutschland, den 23. September, wird uns geschrieben: Wir sind mitten im Wahlkampf— nicht mehr volle stinf Wochen trennen uns von dem Tage der Entscheidung, und trotzdem hört man, außer in Berlin, wo die„Antisemiten" Leben in die Bude gebracht haben, fast nichts von Volksversammlungen. Der Grund ist im Sozialistengesetz zu suchen, das auch hier wieder seinen kultursördernden Charakter belhätigt. Ueberall, wo ein ent- wickeltes politisches Leben und folglich das Bedürfniß nach Bolksversamm� lungen vorhanden ist, hat auch die Sozialdemokratie bedeutenden Anhang. Den Sozialdemokraten ist aber das Versammlungsrecht durch das Sozia» listengesetz abgeschnitten, und die übrigen Parteien fürchten, daß ihre Versammlungen von den Sozialdemokraten, die selbst keine Bersamm- lungen abhalten dürfen, zu Demonstrationen benutzt würden, was ja in der That auch sicherlich der Fall wäre, und in Berlin wie anderswo wirklich vorgekommen ist. Namentlich in Sachsen wagen sich unsere Gegner nicht hervor, so daß man hier von einer Wahlbewegung fast nichts merkt. Die Angst der Gegner vor uns ist fabelhaft, und der Angsteiser der Polizei führt mitunter zu den komischsten Mißgriffen und Verwechslungen. Politisch Panz harmlose Personen entdecken plötzlich, daß sie einen „Schatten", in Gestalt irgend eines konfiszirt aussehenden Individuums hinter sich haben, das ihnen auf Schritt und Tritt folgt— bis besagtem konfiszirt aussehendem Individuum durch irgend einen Zufall klar wird, daß der„Bewachte" kein sozialdemokratischer Hochverräther, Königs- Mörder, Attentäter ist, sondern ein beliebiger, Zucker und Kaffee ver- kaufender Müller oder Schulze. Ein andermal kommt es vor, daß ein ganzer Trupp uniformirter und nicht uniformirter Polizisten zum Erstaunen eines Stadtviertels, in wilder Hast, als gälte es ein Halbdntzend Lustmörder auf einmal abzu- fasten, nach irgend einem abgelegenen Ort stürmt, wo die Herren Poli- zisten einander verblüfft ansehen und sich der höchst fatalen Wahrheit bewußt werden, daß sie von einem boshaften Sozialdemokraten, der wahrscheinlich von irgend einem Aussichts-Punkte in der Nähe die„Kata- strophe" beobachtet, schnöde genassührt worden sind. Ein andermal passirt es, daß die„Elite der sozialdemokratischen Führer" unter den Augen irgend eines gemüthlichen Landgensdarmen tagt, der telegraphische Ordre empfangen hat, auf die ihm signalisirten „Uebelthäler" Acht zu geben, in seines Herzens Unschuld aber an„ge- meine Verbrechen"— Diebstahl, Räuberei, Gewaltthat irgend welcher Art denkt und ganz erstaunt ist, daß die Herren Verbrecher weder rauben, noch morden, noch schänden, sondern auf die unverfänglichste Weise von der Welt— dem Sozialistengesetz eine Nase drehen! Und wieder ein andermal ereignet es sich, daß etliche Dutzend Polizisten, als anständige Leute verkleidet, unter Anführung irgend eines hitzigen Strebers(der zuweilen Paul heißt) sich wie ein Heuschreckenschwarm in irgend ein Lokal stürzen, wo Sozialisten zusammensitzen, und daß sie in der Meinung, eine geplante Umsturzversammlung zu verhindern, in stolzem Selbstgesühl ein paar Stunden lang dort auf Staatskosten kneipen und die Zeit rodtschlagen, während ganz in der Nachbarschaft eine wirkliche Umsturzversammlung in aller Ruhe tagt oder nächtet. Da ich gerade bei der heiteren Seite des deutschen Polizeiunfugs bin, sei hier noch ein lustiges Stückchen erzählt. In Würzen, einige Meilen von Leipzig, hat bekanntlich Hasen- clever sein neues Domizil aufgeschlagen. Dem Stadtrath und Bürger- meister von Würzen liegt die« schwer im Magen, und die braven Leutchen beschlossen, sich durch eine kleine Staatsrettung etwelche rothe Röcke, womöglich mit Knopflochgarnitur zu verdienen. Sie steckten die weisen Köpfe zusammen, und tüftelten einen Ukas aus, durch welchen, auf Grund des Sozialistengesetzes, für den Bezirk der Stadt Würzen, in Bausch und Bogen aus alle Zukunft„alle Versammlungen" verboten wurden,„von denen durch Thatsachen die Annahme gerechtfertigt ist, daß sie zur Förderung der vom Sozialisteiijpesetz getroffenen Bestrebungen bestimmt sind". Der Ukas erschien wirklich(unterzeichnet:„Der Stadt- rath daselbst. Sulzberger"), was aber ujcht erschien, das. waren die rothen Röcke nebst obligater Knopslochverzierung. Dagegen traf etwas ganz Unerwartetes ein, eine kolossale Nase, die noch obendrein, damit die Herren sie nicht bescheiden unter den Scheffel stellen könnten, im amtlichen Organ der sächsischen Regierung: der„Leipziger Zeitung" mit rücksichtsloser Grausamkeit aller Welt zur Schau gestellt wurde. Das amtliche Organ belehrt den ehrsamen„Stadtrath daselbst" und„Sulz- berger"(Bürgermeister), daß solche Generalverbote uugiltig sind, und daß nur b e st i m m t e Versammlungen verboien werden könnten, und auch das nur für den Fall, daß für das Verbot genugsam begründende That- fachen vorhanden seien. Freilich, solche„Thatsachen" sind immer vor» handen, wenn die Polizei sie finden will— und am Willen fehlt es ihr ja nicht— der„Stadtrath daselbst" und der„Sulzberger" haben jedoch ihre Nasen ab, und werden sie auch nicht wieder los. Natürlich hat das„Communiquä" der„Leipziger Zeitung" blas eine rein theore- tische Bedeutung. Die sächsische Regierung will der Welt zeigen, daß die Sozialdemokraten mit ihrer Anklage im Landtag, die Sozialdemokratie Feuilleton. Klassenkampf und Sojialismus. Mit der Entstehung des K l a s s e n st a a t e s beginnt eine neue Epoche für den Kampf um« Dasein des Menschengeschlechtes: die Epoche der Klassenkämpfe. Die Basis derselben ist natürlich verschiede» von der.der Stammeskämpfe: trotzdem sind die Erscheinungen in den einen Kämpseu wesentlich die gleichen, wie in den ander», wenn auch die Formen des modernen Klassenkampfes, den veränderten Anschauungen entsprechend, andere sind. Der Urmensch scheut sich nicht, dem Gegner des Stamme« mit Lüge und Verrath entgegenzutreten. Auch der Gegner der Klaffe gilt trotz der nationalen Zusammengehörigkeit als Feind, der auf jede Weise zu bekämpfen ist, und wo es nicht offen geschehen kann, geheim,- durch geheime Verbindungen ,c. Da? hat jede Klasse gethan, die nach Unabhängigkeit st eble, das ist nicht eine Eigenthllmlich- keil der Sozialdemokratie, sondern des Klassenkampfes. Die Klaffenkämpse sind stets erbitterter, als die dynastische» Fehden, in denen nian sich auf Kommando todtschlägt. Andererseits drängt der Klassenkampf, wie der Stammeskamps, den Individualismus zurück und erweckt wieder die kommunistischen Instinkte. Auch die Bourgeoisie hat, so lange sie um ihre Anerkennung kämpfen mußte, Beispiele großartiger Selbstverleugnung und Aufopferung für die Sache der Klasse aufzuweisen. Aber bei ihr hatten stets die individua- listischen Instinkte, wie sie das Prioatcigenthum hervorruft, mit den sozialen zu kämpfen. Gewöhnlich waren es die Deklassirten, unbemittelte Künstler und Literaten— von den Arbeitern natürlich abgesehen— oder junge Leute, aus die der individualistische Kampf ums Dasein noch nicht lange genug gewirkt hatte, um die sozialeu Instinkte zu ersticken, welche„Idealisten" waren. Sobald die jnngen Bourgeois älter wurden, hörten sie auf, Idealisten zu sein. Jetzt, nachdem die Bourgeoisie nicht mehr agressiv vorgeht, ist das Gegengewicht des Klassenkampfes vollkommen gewichen und der Individualismus äußert sich nun ganz frei mit seiner ganzen Folge der Feigheit und Niedertracht— auch bei ihrer Jugend. Bei den Arbeitern muß dagegen der Klassenkampf die sozialen Instinkte um so mehr erwecken, je weniger Privateigenthum sie besitzen, je weniger Macht also der Individualismus über sie hat. Und so sehen wir heute bei den organisirten Arbeitern die kommunistischen Instinkte bereits fast ebenso stark, wie beim Urmenschen, natürlich aus höherer, internationaler Basis, d. h. für die organisirten Arbeiter bedeutet das Individuum nichts, d i e K l a s s e A l l e s. Nicht für die individuelle Freiheit kämpfen sie, sondern für die Freiheit der Klasse, nicht für die Wohlfahrt des Individuums, sondern jür die Wohlfahrt der Klaffe. Mau betrachte die strengen Bestimmungen der englischen Trade Union«, in welchen Arbeitszeit, Intensität und Lohnhöhe genau verzeichnet sind: ein Maurer darf z. B. bei einem Schilling Strafe nicht mehr als acht Ziegeln auf einmal tragen; ein Kollege, der ihn sieht und nicht anzeigt, sei absolut rechtlos, ein schweres Unrecht an der braven sächsischen Re- gierung begangen haben. Wenn in der Praxis jede von Sozial- demokraten berufene Versammlung verboten wird, so ist das nicht die Schuld der sächsischen Regierung, welche sich, vom Geist des Selfgouver- nements durchdrungen,„prinzipiell" in die Aktion der Unterbehörden nicht einmischt, und ihnen nur dann und wann, in Fällen besonderer Ungeschicklichkeit, wie dem Wurzener, einen väterlichen Rüffel zu Thcil werden läßt! Wie die Genossen im Ausland sehen, sorgt unsere Polizei dafür, daß wir das Lachen nicht verlernen. Uebrigens glaube man nicht, daß wir diese Polizeiwirthschaft leicht nehmen. Das Lachen schließt keineswegs den Zorn und die Erbitterung aus. Die schuftige, mit offenbarer Methode befolgte Taktik, die Existenzen zu ruiniren, erzeugt in jeder Brust einen unbeschreiblichen Ingrimm. Von den A u S w e i- s u n g e n gar nicht zu reden, ist es ein gewöhnlicher Polizeibrauch, sozio- listische G esch äf ts leut e durch Haussuchungen und auffällige Beobachtung des Ladens, durch Befragen der Kunden u. f. w der- art in Verruf zu bringen, und gewissermaßen unter Quarantäne zu stellen, daß die Kunden sich allmälig verlieren und das vorher blühendste Geschäft rettungslos zu Grunde geht. Es werden im sächsischen Landtag mehrere solcher Fälle zur Sprache kommen. Verschiedene Parteigenossen sind schon, wie den Lesern bekannt ist, durch die Polizeiverfolgungen in den Tod getrieben worden, jüngst wieder ein Ausgewiesener aus Berlin, Wilhelm Kittel, der den Ruin seiner Existenz nicht überleben konnte. Fluch seinen Mördern! Stahl aus Berlin— das sei noch zum Schluß bemerkt—, der wegen seines Auftretens in der Ruppel-Bersammlung ausgewiesen wor- den ist, denkt nicht daran, nach Amerika auszuwandern, wie gegnerische Blätter behauptet haben. — Allerhand vom Wahlkamps e. In Magdeburg haben unsere Genossen der Polizei zum Trotz ihrem Kandidaten, Louis Viereck, einen glänzenden Empfang bereitet. Korrespondenz darüber in nächster Nummer. In Halberstadt wurde die Kandidatur unseres Genossen August Heine in einer sehr gut besuchten Versammlung zum großen Verdruß der anwesenden Fortschrittler mit erdrückender Majorität prokla- mirt. In Bockenheim trat unser Genosse F r o h m e mit großem Erfolg in einer liberalen Wählerversammlung seinem Gegenkandidaten entgegen. In Gera kommt bei der jüngst stattgehabten Ersatzwahl zum Landtage Genosse B r ä t t e r in die Stichwahl. Ein gutes Omen. — Die Demonstration unserer BerlinerlGenossen, gelegentlich der Kandidatenrede Trägers im vierten Berliner Wahlkreise, war, wie aus unserer heutigen Berliner Korrespondenz ersichtlich, noch viel großartiger, als es nach unserer Darstellung in der vorigen Nummer des Szdem. schien. Mit Vergnügen nehmen wir an dieser Stelle davon Notiz und rufen unfern braven Berliner Freunden zu: Nur immer so vorwärts, es muß durchgebrochen werden! — Wir werden von verschiedenen Seiten ersucht, die Genossen aus- drücklichst vor einem Manöver zu warnen, das unsere Gegner bereits früher wiederholt in Anwendung gebracht haben, und zwar nicht immer ohne Erfolg. Es betrifft dies das Nachdrucken unserer Stimmzettel unter Weglassung eines Buchstabens, wodurch diese Stimmzettel unser» Kandidaten ver- l o r e n gehen. Z. B. Grileuberger statt Grillenberger, Hasenlever statt Hasenclever und dergleichen mehr. Also Genosgen aller- wärt«, seid auf der Hut! —„Schlechter als jetzt kann es ja nicht werden", unter dieser Devise wird neuerdings unter den Tabaksarbeitern Hain- burg-Altona's für das Bismarck'sche Tabaksmonopol agitirt.„Schlechter als die Fabrikanten uns heute bezahlen, kann der Staat uns auch nicht auslohuen", sollen einige Arbeiter-jüngst in einer Tabakinteressenten-Ber- sammlung in Altona erklärt haben. Diese guten Leute befinden sich in einem ganz gewaltigen Jrrthum, was die nachstehenden Zahlen beweisen werden. Gegenwärtig gibt es in Deutschland mindestens 107,(XX) Tabak- arbeiter. Selbst wenn nun beim Monopol der Konsum auf gleicher Höhe als heute bleiben sollte— was mehr wie unwahrscheinlich ist— so würden durch die mit dem Monopol verbundene Zentralisation nur zirka 52,000 Arbeiter nothwendig werden— d. h. wenn man die österreichi- schen Einrichtungen zu Grunde legt. Legt man aber die vervollkommneteren französischen Einrichtungen zu Grunde, so würden zur gleichen Fabri- kation als heute in Teutschland nur 40,000 Arbeiter erforderlich sein, das heißt 67,0 00, inWorten sieben»ndsechszigtau send Arbeiter„üb erflüfs ig" werden. Noch mehr. In allen mit dem Monopol gesegneten Ländern stellt der Staat, bezw. die Regie mit Vorliebe weibliche Arbeitskräfte ein. Es waren in Frankreich 1872 von 16,000 Tabakarbeitern 13,770 erwachsene weibliche und nur 1,381 Männer, der Rest Kinder. In Oesterreich von 26,222 Tabakarbeitern 22,151 Frauen und nur verfällt in die gleiche Strafe. Bei dem letzten großen Bäckerstreik in Rew-Uork wurde von den Bäckergesellen beschlossen, keiner von ihnen dürfe Kost und Wohnung bei einem Meister annehmen. Kein Wunder, daß der„bürgerliche Demokrat" Walker in seinem Buche scionco of wealth S. 272, und viele andere„Demokraten" mit ihm ein solches Vorgehen als„Hochvcrrath gegen die republikanischen Einrichtungen" bezeichnen. In vielen Staaten des„demokratischesten Landes der Welt" verurtheilen auch Richter und Geschworene wegen dieses„Verbrechens" einen jede», der einen Strike organisirr. Und vom bürgerlich demokratischen Standpunkt aus nicht mit Unrecht. Denn die gewerkschaftliche Bewegung bedeutet allerdings eine enorme Einschränkung der persönlichen Freiheit, sie ist wirklich Hochverrath an den Prinzipien der bürgerlichen Demokratie, aber sie ist ganz im Geiste der sozialistischen Demokratie. Nicht die Freiheil, nicht die Wohlfahrt des Individuums, sondern die der Klasse ist das Ziel der heutigen sozialistischen Bewegung, das lehrt uns diese Bewegung selbst allenthalben. Wo wir die Geschichte der Arbeiterbewegung ausschlagen mögen, bei den kolossalen Lohnkämpsen Großbritanniens, bei den Arbeiter- Assoziationen Frankreichs im Jahre 1848*) oder bei den Befreiung«- kämpfen des Proletariats in Deutschland, überall tritt uns als charakteristisches Merkmal die Selbstlosigkeit entgegen. Was uns zur Partei treibt, was uns innerhalb derselben festhält, ist nicht Aussicht aus Gewinn, nicht Aussicht auf Ruhm und Ehre, auch nicht Aussicht auf Dank oder besondere Sympathie für die Individuen, welche die Partei bilden, es ist einzig und allein der k o m m u n i st i s ch e I n st i n k t, das Pflichtgefühl, welches uns lagt, daß die Klaffe der Enterbten Anspruch hat auf unsere ganze Persönlichkeit, nicht blo« auf ein Stückchen derselben, dessen Grenze die individuelle Freiheit ist. Der Partei gehören wir mit Leib und Seele, ihr gegenüber haben wir nur Pflichten, keine Rechte— außer einem: der Gleichheit. Wir sind verpflichtet, für die Partei Alles zu opfern, die Partei dagegen hat auch nicht das Geringste für uns zu opfern. Man mißverstehe mich nicht. Wenn wir unsere gemäß- regelten Parteigenossen unterstützen, so ist das nicht ein Opfer, welches die Partei uns bringt, sondern welches wir der Partei bringen. Wir unterstützen unsere Genossen, weil wir dadurch die Kampffähigkeit der *) lieber diese sagt Sigmund Engländer:„Die Geschichte der Arbeiter-Assoziaiionen in Frankreich besäße kein höheres geschichtliches Interesse, wenn es sich blos um die Anstrengungen einiger Arbeiter- Verbiudungeu handeln würde, welche nur den Zweck gehabt hätten, deren Mitglieder von der Herrschaft ihrer Meister zu befreien und selbstständig zu machen. Allein diese Arbeiter-Assoziationen hatten einen höhereu Zweck. Diese Arbeiter, welche so große Entbehrungen ertrugen, vergaßen nicht einen Augenblick, daß sie nicht für ihre individuelle Befreiung arbeiteten, sondern daß es sich darum handle, ein Beispiel hinzustellen, daß eine soziale Resorm möglich sei."(Geschichte der französischen Arbeiter-Assoziativnen, III. Bd. S. 83.) 3,098 Männer, in U n g a r n von 12,272 Arbeitern 1 1,526 Frauen und nur 7 4 6 Männer, in I t a l i e n sind von zirka 18,000 Tabak- arbeitern 15,000 Frauen und nur 3,000 Männer. In Deutschland war das Verhältniß am 1. Dezember 1378: 53,869 Männer und 48,154 Frauen 40,000, im günstigsten Falle 52,000 Arbeiter, werden beim Monopol angestellt werden, es ist somit bei den bekannten Unternehmermaximen in Preußen- Deutschland vorauszusehen, daß, um dem„armen Mann" seine Zigarre nicht zu vertheuern, nach Analogie der„Muster- länder" Frankreich, Oesterreich- Ungarn jc. weibliche Arbeitskräfte den Vorzug erhalten werden. Fast die gesammten männlichen Arbeiter wandern auf's Pflaster, und von diesen Männern verlangt man jetzt, sie sollen sich für den famosen Bismarck'sche» Staatssozialismus begeistern. Fürwahr, eine infamere Zumuthung ist noch nie gestellt worden. Schmach über Jeden, der es wagt, den deutschen Arbeitern mit derartigen Zu« muthungen zu kommen! Komme man uns nicht mit„Garantien" gegen unverhältnißmüßig große Einstellung von weiblichen Arbeitskräften, gegen übergroße Aus- beutung und politische Abhängigkeit der männlichen Arbeiter. Auf der artige Garannen hat man in Preußen noch nie etwas gegeben und wird nie etwas geben. Ueberhaupt handelt es sich nicht darum. Bismarck will das Monopol, um Geld herauszuschlagen, Geld, nicht für soziale Reformen, sondern für Militärzwecke. Was Bismarck von Garantien, gesetzlichen oder moralischen, hält, hat er schon oft gezeigt, abgesehen davon, daß er aus gesetzliche Einschränkungen sich auch gar nicht einlassen wird, so wenig er 1878 auf die„konstitutionellen Garan- tien" des Herrn von Bennigsen einging. Es heißt also Monopol»uns püraso oder kein Monopol. Monopol saus püraso heißt A u s b e u- tungsfreiheit des Staates, vollständige Knechtschaft des Arbeiter»— s o liegt die Sache, Ihr „Arbeiterfreunde", darum handelt es sich heute, die Knechtschaft soll noch verstärkt, das Elend noch verschlimmert werden. Und nun keine Flunkereien mehr, hier heißt es: Farbe bekennen! — Aus dem Reickissüllhorn. In Augsburg fand am 18. ds. bei achtzehn sozialistischer Gesinnung verdächtigen Personen Haussuchung statt. Einem der Oberverdächligen wurde seine ganze Bibliothek gestohlen. Was die Spürhunde aber suchten, haben sie nach den Worten der heiligen Schrift— nicht gesunden. Resultat ist so Rull wie immer. Ter Geist aber unter den Genossen ist famos. Derartige Polizei- hatzen bringen immer Leben und halten die Galle in nützlich augenebmer „Frische". In Frankfurt a. M. hatten unsere Genossen am 19. Sep- tember in einer Versammlung des demokratischen Vereins die Kandidatur unseres Genoffen D ö l l proklamirt. Da muß eine Organisation sein, denkt Stieber, der Schlaue, und läßt eine große Razzia bei säuimtlichen Abonnenten des—„Reichsbürger", deren Liste er bei einem Genossen ergattert, abhalten. Aber ach, der Liebe Müh' war vergebens, von Ver- botenem wurden nur„alte Sachen" gefunden, dal Neue wird stets in Sicherheit gebracht, und Stieber'S Schweißhunde mußten wie begossene Pudel heimlaufen.„Wir aber fahren mit desto größerem Eifer fort,"— schreibt unser Genosse—„für unsere Partei zu wirken, und diese letzte Razzia hat un« die Sache wesentlich erleichtert. Das Abonnement auf unser Parteiorgan hat sich erfreulich gehoben; Haussuchungen gibt's doch, sagen sich jetzt Viele, welche früher zurückhielten, kurz, es geht auch in der Festung der bürgerlichen Demokratie wacker vorwärts für den prole- tarischen Sozialismus". Fünf Deutschböhmen, die in Dresden wegen Verbreitung eines äußerst harmlosen Flugblattes für die Wahl Bebel« polizeilich sistirt wurden, sind„für ewige Z e i t e n" ans ganz Sachsen ausgewiesen worden. Da« heißt, so lange dieses„Neupreußen" noch vegelirt. Auf ebenso„geistreiche" wie infame Weise sucht die sächsische Polizei Genossen L i e b k n e.ch t au»- ihrem gesegneten Lande herauszugraulen. Die Wirrhe, bei denen Liebknecht Wohnung nimmt, werden so lange ohne Unterbrech- ung chikanirt, bis Liebknecht aus Mitleid mit den armen Teufeln von selbst seiner Wege zieht. Aber klein kriegen sie ihn doch nicht.— In Berlin wird die Spitzelei und Schnüffelei mit erhöhtem Eifer be- trieben. Neuerdings sind der Kistenmacher Müller, der Tischler H i l- l e r und der Kolporteur D u m o n t behaussucht worden, bei Hiller wurde ein staatsgejährliches Transparent mit dem entsetzlichen Namen Hasenclever gesunden, bei Dumont erwischte man zwei alte Rum- mern des Sozialdemokrat. Glücklicher waren die Banditen in D r e S- den, denen es bei einem Ueberfall in einer Privatdruckerei gelang, 15,000 Flugblätter zu stehlen. Kommt aus Konto. — Ein komisches Ereigniß, das vor wenigen Monaten noch für unmöglich gehalten worden wäre, hat eine gewisse Aufregung im liberalen Lager hervorgerufen. Ritter � Georg von B u n s e n, Sohn des *) Alle diese Zahlen sind entnommen dem amtlichen Bericht der deutschen Tabak- Enquete-Kommission. Partei erhalten, und deshalb ist es unsere Pflicht, die« zu lhun. Nimmermehr aber darf die Partei ein Opfer zu Gunsten ihrer Mit- glieder bringen. Unsere Partei ist uichts, als der organisirte und bewußte Theil der Arbeiterklasse, die Interessen der Arbeiterklasse find ihre Interessen. Wenn nun Jemand käme und darthäte, daß unsere Partei durch Konzessionen, welche das Klaffenintereffe schädigen, ihren Mitgliedern große Wohlfahrt erwerben könnte, dürfte sie diese Konzessionen machen? Sicher nicht, denn wir sind der Partei wegen, nicht aber die Partei unserNvegen da. Die Partei und die Klasse dürfen für ihre Mitglieder keine Opfer bringen. Es ist eine heilige Pflicht jeder Armee, ihre Verwundeten zu pflegen und zu schützen. Aber um der Verwundeten willen wird sich nie eine Armee vor dem Feinde zurückziehen, und ihm ihre Positionen preisgeben. Also nochmals: wir müssen kämpfen für die Partei, ob sie uns unterstützen kann oder nicht. Das Individuum hat der Gesammtheit gegen- über nur Pflichten, keine Rechte. Dieser Satz ist nicht eine Aufforderung, er ist blos die Kon- statirung einer Thatsache, die sich naturnothwendig aus dem Klassenkamps ergeben hat. Es handelt sich nicht um das, was sein soll, sondern um das, was i st, und das ist einfach folgendes: Die An- spräche der Klasse sind nicht beschränkt durch die Freiheil des Individuums, sondern im Gegentheil, d i e Freiheit des Individuums ist beschränkt durch die Ansprüche der Klasse. Die Einwände, die man gegen diesen Satz gemacht hat oder machen kann, sind nichtig. Man bat mir entgegengehalten, daß es eine Menge Fälle gebe, bei denen,„obgleich der Zwang für Alle gilt, also Gleichheit herrscht, doch thatsächlich nur für die Minorität dieser Zwang fühlbar und zu einer Unterdrückung ihrer individuellen Freiheit wird", und führte als Beispiel an: Wenn die Ansicht eines französischen Arbeiterblatte«, die Religio» zu verbieten, die Majorität erlange, so treffe dann die Minorität, die sich zur Religion bekenne, ein Zwang, sie sei ihrer Freiheit beraubt. Nun frage ich, ob das nicht bei jedem Majoritätsbeschluß der Fall ist? Ich möchte oeu Beschluß kennen— außer einstimmig gefaßten— bei dem kein Zwang aus die Minorität ausgeübt wird. Wollen wir diesen Zwang beseitigen, dann kommen wir einfach dahin, daß entweder Beschlüsse nur für die giltig sind, die ihnen zustimmen, oder daß gar keine Beschlüsse gesaßt werden, d. h. wir gelangen zur Anarchie, sobald wir annehmen, daß die individuelle Freiheit die Grenze de? Zwanges der Gesammtheit über den Einzelnen ist. Es gibt nur eine Grenze des Zwanges der Gesammtheit Uber das Jndivlduum, und das ist die Gleichheit: die Gesammtheit darf von keinem Individuum mehr fordern als von dem andern. Selbstverständlich gilt als Greuze dieses Zwanges auch die gesunde Vernunft. Und dies- ist es und nicht eine iinaginäre„Freiheit", welche mich bewegt, gegen eine Abschaffung der Religion aufzutreten: mich leitet ganz einfach die Erwägung, daß e« ein U n s i n n ist, die früheren berühmten preußischen Gesandten in England, also aus einer der „distinguirtesten" Beamten-Familien des alten Preußen stammend, selbst bekannt als gemäßigter liberaler Abgeordneter, Borstandsmitglied von zirka einem Dntz.ad gemeinnütziger Vereine, hochangesehen bei der Krön- Prinzessin von Preußen, ist wegen Bismarckbeleidigung, ver- krochen in einer Wahlrede, in Anklagezustand versetzt worden. Uns kann's recht sein— Bismarck soll sich nur in allen Kreisen abwirth- schasten. — Der deutsche Kaiser hat nach den Marinemanövern den Admiral Stosch umarmt; dasielbe that gleichfalls gerührt wegen des gelungenen Exerzitiums„unser Fritz" und zwar vor versammeltem Kriegsvolk. Ferner erhielt der Admiral, General und Marineminister den„hohen Orden vom schwarzen Adler". Das könnte uns nun alles recht gleichgillig sein, wenn nicht dadurch bewiesen würde, daß beim Kaiser und beim Kronprinzen die„Unterröcke" wieder an der Arbeit sind. Stosch ist ein erklärter Liebling der„Unterröcke". Bismarcks Wnth soll auch nicht gering sein— man sagt, er habe aus Aerger an jenem Tage eine Flasche Kognak mehr getrunken und einige höhere Lakaien, Geheim- räthe-c. jc. mehr geprügelt, als gewöhnlich. — Weitere Parteikandidaturen: In Hannover: Meister; in Gera:BrStter; in Plauen im Voigtland (Sachsen): wahrscheinlich Dr. O idtmann; in Lörrach-Mül- heim: August Dreesbach; in Freiburg(Baden): August Bebel; Rostok: Hasenklever; Schwerin in Mellen- bürg: Hasenklever; in Berlin, 2. Wahlkreis: Louis Viereck; 3. Wahlkreis: Heinrich Vogel. Im 1. und 5. Berliner Wahlkreis sollen unsere Genossen einen Kompromiß mit den Anhängern Most's abgeschlossen haben. Wir erwarten darüber noch näheren Bericht. i— Unser belgisches Bruderorgan, die„Voix de rouTrier", sieht sich gezwungen, ihr Erscheinen einzustellen und wird vom 1. Okiober ab durch eine Monatsrevue l'L.vönir Social"(die soziale Zukunft) ersetzt werden. In der Abschiedsnummer setzt ihr Redakteur des Näheren auseinander, weshalb dem Blatt die Lebenssähigkeit mangelte. Tie belgischen Arbeiter find politisch rechtlos und sozial bis aufs Aeu- ßerste ausgebeutet. Es fehlt daher der wesentlichste Faktor, der eine kämpfende Partei zusammenhält, der praktische Ansatzpunkt, der Hebel im politischen Kampf, der relative Erfolg. Die belgische sozialistische Be- weguug ist aus die Bewegung der großen Nachbarländer Frankreich uud Deutschland angewiesen, von diesen muß der Anstoß kommen, der auch dm belgischen Arbeitern wieder Vertrauen in ihre Kraft einflößen wird. — Am 17. September fanden in verschiedenen Städten Belgiens die Wahlen zu den Gewerbegerichten statt. In G e n t ist es den Machinationen der vereinigten Reaktion gelungen, die Kandidaten der Arbeiter mit einer allerdings sehr schwachen Majorität(307 Stimmen gegen 224) zu schlagen, in Vervier« dagegen erlangten die Sozialisten für ihre Kandidaten eine glänzende Majorität. s— Aus Verviers(Belgien) schreibt man un«: Die Reaktion arbeitet mit Tamps. Innerhalb acht Tagen sind hier drei Mann ausgewiesen worden, ohne daß Einer von ihnen sich Politisch kompromit- tirt hätte. Und nicht allein, daß man die Leute ausweist, ist die belgische Polizei noch so gemein, den Paß an die Grenze zu schicken und so der deutschen Polizei Gelegenheit geben, die Betressenden gleich kennen zu lernen. So ist es einem der Ausgewiesenen, Genossen Bach, gegangen, der seinen Paß in Herbesthal holen mußte. Weitere Aus w ei- sungen sind in Aussicht genommen. Dies allen Genossen, welche etwa nach Verviers zu gehen beabsichtigen, zur Warnung. Ans dauernden Aufenthalt ist für einen Sozialisten in Verviers nicht zu rechnen, — Aus Frankreich. Unsere Genossen erinnern sich der Affaire Walon-Lullier. Dieselbe ist jüngst zu einem definitiven Abschluß gelangt. Lullier hat sich schließlich doch gcnöthigt gesehen, auch seinerseits drei Schiedsrichter zu bestimmen, welche sich mit den von Malon Porgeschlagenen auf Eduard Lockroy als Obmann einigten. Dieses Schiedsgericht hat nun am 12. September unter Anerkennung sämmt- licher von Malon gegen Lullier vorgebrachten Thatsachen einstimmig dahin tntschiede», daß erstens, nachdem Lullier seinen Brief an Walon zurückgenommen, keine Veranlassung zu einem Duell wehr vorliege, und zweitens, es Sache der össentlichen Meinung sei, die im Protokoll erwähnten Thatsachen— das Verhalten Lullier« wäh- tend der Kommune— zu beurtheilen. ' Dieser Schiedsspruch wird am 30. September in einer großen Volks- dersammlung im Elysee Montmartre zur össentlichen Borlesung kommen. Unsere beste Gratulation unserm Freunde Malon zu dieser glänzenden G e n u g t h u n n g.— Ein Zirkulär theilt uns mit, daß die„E g a l i t e"(Gleichheit) in den ersten Tagen des Oktober wieder erscheint und ihre Existenz materiell Religion wegdekretiren zu wollen, so lauge sie in den Köpfen steckt. Anderseits frage ich, wie man die Religion anders verbieten könnte, als durch Ausnahmegesetze, also durch eine Verletzung der G l e i ch- h e i t. Dagegen lehrt uns ein Blick auf die Arbeiterbewegung, daß un- iähligemale Majoritätsbeschlüsse gesaßt wurden, welche die individuelle Freiheit ebenso stark beschnitten, als es eine Abschaffung der Religion lhäte. Alle Punkte unseres Programms sind einfach Majoritätsbeschlüsse, lifo vom individualistischen Standpunkte ebenso verwerflich, wie die Ab- Ichaffung der Religion. Vom kommunistischen Standpunkte dagegen ist das Benehmen derjenigen verwerflich, welche sich der Majorität nicht fügen und, indem ie ihr individuelles Belieben höher stellen als das Interesse der Klasse, ihre eigenen Wege verfolgen. Lächerlich ist es nun, zu behaupten, die Preß-, Rede-, Versammlungs- Wid Vereinsfreiheit sei bedroht, sobald die Gleichheit und nicht die indi- liduellc Freiheit die Grenze der Machtvollkommenheit der Gesammiheit ti. Wird es je der Gesammtheit einfallen, diese Freiheiten allen hreu Mitgliedern, also sich selbst nehmen zu wollen? Das wäre Blödsinn. Venn sie aber diese Freiheiten nur einem T h e i I ihrer Mitglieder nimmt, ist der Grundsatz der Gleichheit verletzt. Diese Rechte find Verhaupl nur in Gefahr im Stände- und K l a s s e n st a a t. Inner- Wb des Stamme« und der Klasse sind sie so selbstverständlich, >aß man es gar nicht für nöthig hält, sie zu diskutiren. Man frage linen Indianer, ob er nicht das Recht habe, am Bcrathungsseuer des Stamme» zu sitzen. Er würde die Frage für eine Beleidigung halten. lud andererseits wieder frage mau einen Arbeiter, ob innerhalb seiner Gewerkschaft jedes Mitglied da« gleiche Recht zu sprechen, zu berathen »id zu stimmen habe. Er wird verwundert fragen, ob es denn ander« ein könne. Ja, noch mehr. An den Beralhungen de« Stammes, tspektive der Klasse Theil zu nehmen, gilt nicht nur als Recht, ondern als P f l i ch t*) Man frägr da niemals, ob man einem Bruch- heile der Mitglieder dieses Recht nehmen dürfe oder nicht, wohl aber, >d die Säumigen nicht zu z w i n g e n wären, ihrer Pflicht nachzukommen. in Athen mußte jeder Bürger einer Partei augehören, in Arbeiter- �reinen müssen diejenigen, welche bei wichtigen Berathungen ohne Eni- lhuldigung fehlen, Buße zahlen. Preß-, Versammlungs- und ähnliche .Freiheilen" haben mit der individuellen Freiheit gar nichts zu lhun, ie sind Mitlei der P f l i ch t e r f ü l l u n g der Individuen gegenüber »er Gesammtheit. Man spricht und schreibt nicht zum i n d i v i- luellen Vergnügen, sondern um der Gesammtheit zu >üyen— oder es soll wenigstens so sein. Am meisten sind Preß- wd Versammlungsfreiheit gefährdet dort, wo der Individualismus, i. h. Hochschätzung des werthen Ich, Gleichgültigkeit gegen die Gesammt- leit herrscht. Am meisten blühen sie dort, wo die kommunistischen *) Der Klassenstaat hat hier und auch sonst das naturgemäße Ver- stltniß umgelehrt. So hat er andererseits aus dem urwüchsigen Wehr- i e ch t eine Wehrpflicht machen müssen. gesichert sei. Ferner soll der„P r o le t a i r e", der bis jetzt wöchentlich erschien, sobald als möglich in täglicher Ausgabe erscheinen. Man sieht, an Unternehmungslust fehlt es unfern französischen Brüdern nicht. Wenn es nur mit der Ausdauer ebenso bestellt wäre! Ein zwei- oder dreimal wöchentlich erscheinendes Zentralorgan würde, unserer Ansicht nach, vor- läufig den Bedürfnissen der französischen Arbeiterpartei vollständig Genüge leisten— abgesehen natürlich von der Lokalpresse. Diese vermehrt sich in erfreulicher Weise. So erfahren wir aus dem „Citoyen", daß auch in T r o y e s demnächst ein sozialistisches Blatt, „I/ISxpIoite"(Der Ausgebeutete), erscheinen wird. Dieser Titel macht jedes Programm überflüssig, setzt der Citoyen sehr richtig hinzu. Der Zimmer er streik dauert noch immer fort. Die Unternehmer machen Riesenanstrengungen, die Arbeiter unterzukriegen, aber alle ihre Machinationen scheiterten bisher an dem festen Zusammenhalt der Arbeiter. Am 21. September konnte das Streikkomite den belgischen Zimmerleuten, welche die Unternehmer nach Paris gelockt hatten, seinen Dank dafür sagen, daß sie, kaum vom Stande der Dinge unterrichtet, sofort Paris verließen. Gegen wortbrüchige Untkrnehmer wird die strengste Justiz geübt; selbst unter den glänzendsten Bedingungen wird bei ihnen nicht gearbeitet. In R o a n n e haben über 300 Weber der Fabrik Cherpen-Lapoire und Destre durch einen siegreich gesührten Streik die Unternehmer gezwungen, die Fabrikordnung gemäß den Forderungen der Arbeiter abzuändern. In Marseille streiken die Kesselarbeiter(Lohnerhöhung), die Töpfer (Wiederherstellung des früheren Tarifs); auch der Streik der Stein- haner dauert noch immer fort. In Angers streiken Maurer und Steinhaucr wegen Lohnerhöhung jc. sc. Die französischen Schriftsetzer, welche bisher nur lokal organisirt waren, haben sich aus einein Ende August stattgehabten Kongreß zu einem natio- nalen Verbände organisirt, der bereits gegen 6,000 Mitglieder zählt. Die wichtigsten Resolutionen des Kongresses betreffen die Herabsetzung der Arbeitszeit, die Regelung des Lehrlingswesens(Beschränkung der einzu- stellenden Lehrlinge im Verhältnis von 1 zu 10) und die Kontrole der Streiks durch das Zentralkomite. In den Debatten zeichneten sich namentlich unsere Genossen Adh. L e c l e r und Ach. L e r o y aus, deren Anträge fast sämmtlich zur Annahme gelangten. Der fünfte nationale Arbeiterkongreß findet am IS. Oktober in Reims statt. — Seit dein 24 September findet in Barcelona ein spanischer Arbeiterkongreß statt. Es steht zu hoffen, daß derselbe das Werk der Vereiuigung der spanischen Arbeiter zu einer kräftigen kampffähigen Organisation um ein Bedeutendes fördern werde. Wir werden in einer der nächsten Nummern einen Artikel aus kom- petenter Feder über die spanische Arbeiterbewegung, die einen erfreulichm Aufschwung zu nehmen scheint, zur Veröffentlichung bringen. — Der 14. englische Gewerkschaftskongreß, dessen wir schon in voriger Nummer gedachten, hat das damals über ibn ge- fällte Urlheil in seinen weiteru Verhandlungen bestätigt. Obgleich noch so manches Unerfreuliche auf ihm zu Tage trat, so manche alte Bornirt- heit und Illusion noch nicht gänzlich abgestreift war, in zwei Punkten zeigte sich ein gewaltiger Fortschritt. FUr's Erste waren alle Redner einig darin, daß die bisherige Taktik der Enthaltung der Gewerkschaften von allen politischen Fragen unhaltbar sei, uud daß in Sachen der Arbeitsgesetzgebung die Arbeiter, unabhängig von allen andern politischen Parteien, eine selbständige Stellung einzunehmen hätten. Dies führt aber naturnothwendig dazu, daß der Klassengegensatz auch auf's politische Gebiet übertragen uud einer Arbeiterpartei der Weg gebahnt wird. Weitere« aber wurde besonders die I n t e r n a t i o u a l i t ä t der Arbeiterklasse hervorgehoben. Unter Anderem bewies dies die Berhand- lung über eine Adresse des Schweizerischen Weltkongreß-Komites, in welcher der Trades-Union-Kongreß aufgesorderr wurde, den Weltkongreß zu beschicken. Entgegen dem Antrage eines Herrn Ashtoa, die Einladung einfach /(nr Kennlniß zu nehmen, wurde ein Antrag von Hams und Weiter angenommen, der das parlamentarische Komite beauftragte, die nöthigen Erkundigungen einzuziehen und d e u K o u g r e ß z u b e s ch i ck e n. Dies ist wohl der beste Beweis, daß die englischen Arbeiter ihre Vor- urtheile gegen den Sozialismus aufgegeben haben und daß sie in nicht allzulanger Zeit in Reih und Glied mit den Proletariern anderer Länder marschiren werden. Und wenn sie nur einmal mir uns marschircn— gut schlagen werden sie sich aus jeden Fall. — Wenn etwas geeignet ist, den r u s s i s ch e n D c s p o t i s m u s von seiner s ch e u ß l i ch st e n S e i t e zu kennzeichnen, so ist es das überaus feige Benehmen der russischen und polnischen Theilnehmer am internationalen literarischen Kongreß in Wien. Die ineisten unserer Leser werden bereits von jener Sitzung gelesen haben, in welcher der Pariser Journalist Ratisbonne den Antrag einbrachte, der Kongreß möge Instinkte stark sind, wo jeder die regste Theilnahme für das Gemeinwesen fühlt. Angesichts aller dieser unbestreitbareu Thatsachen bleibt dem Anhänger der individuellen Freiheit nur mehr eine Position übrig: Er kann be- haupten, was hier gesagt ist, gelte blas vom Klassen kämpf, nicht aber für die Zeit, wenn wir gesiegt haben und ruhigere Zustände eingetreten sein werden. Dann werde auch die Bedeutung des Individuums wieder mehr in den Vordergrund treten. Diese Kalkulation kann sich auf da« Analogon der Bourgeoisie stützen. Aber wir sind eben keine Bourgeois. Bei der Bourgeoisie waren selbst während des erbittertsten Klassenkampfes die kommunistischen In- stinkte nur mächtig in einer Anzahl von Individuen, welche vom korrum- pirenden Einflüsse des Privateigenthums unberührt geblieben waren. Da mußte natürlich nach erlangtem Siege schnell die Atomisirung der Bourgeoisklasse eintreten. Bei uns sind die kommunistischen Instinkte nicht nur in Allen mächtig, die den Klassenkampf überhaupt mitkämpfen, wir streben auch eine Form des Kampfe« ums Dasein au, welche aualog der urwüchsigen Form de«- selben, des Stammes-Kommunismus, ist, nur auf einer höheren Stufe, auf Grundlage der Errungenschaften der bisherigen Entwicklung, der Jnternationalität und der Wissenschaften und Künste. Wenn auch die von uns angestrebte Form de? Kampfes ums Dasein ihre Spitze mehr gegen die un« umgebende Natur richten wird, indeß der Stamm seine Spitze mehr gegen die ibn umgebenden Menschen richtete, am jeden Fall wird der Kamps ums Dasein hier wie dort ein kommunistischer sein und daher die im Menschen schlummernden kommunistischen Instinkte nicht schwächen, sondern stärken, damit aber auch die Bedeutung des Individuums zurückdrängen. Forlbestehen wird der Zwang der Majorität über die Minorität, der Gesammtheit über den Einzelnen, nur wird mit der fortschreitenden Entwicklung des Kommunismus und der Stärkung der kommunistischen Instinkte immer mehr an Stelle des physischen Zwanges der Zwang der ö f s e u t l i ch e n Meinung treten, der auch im urwüchsigen Stammeslehen eine so große Rolle spielt, und der heute schon innerhalb der Partei bewirkt, daß die Beschlüsse der Partei besser beobachtet werden als die Gesetze d e« K l a s s e n- st a a r e s, deren Befolgung durch Schergen erzwungen wird. Wenn noch manche unserer Genossen für möglichst große individuelle Freiheit schwärmen, so ist das nur ein Jdeenatavismus, den sie oft selbst durch die Praxis widerlegen. Der Schlachtruf der Bourgeoisie während ihres Kampfe« nach Herrschaft, der Ruf,„Freiheit, Gleichheit, Brüder- lichkeit", hat so mächtige Erfolge aufzuweisen gehabt, das Proletariat selbst hat mit diesem Rufe so viele Siege errungen— allerdings nur zu Gunsten des dritten Standes— daß es leicht begreiflich ist, warum derselbe heute noch in unseren Reihen eine solche Zauberkraft ausübt. Aber wir sind mehr als die Fortsetzer de« von der Bourgeoisie begonnenen Werkes, wir haben eine größere Aufgabe, als die, die Lücken auszufüllen, welche die bürgerliche Demokratie gelassen hat, wir sind Vertreter einer von der ganzen bisherigen Klasscnherrschast grundverschiedenen ein Gesuch an den russischen Czaren um die endliche Freilassung des edlen Denkers Tschernyschewski beschließen. Wie von einer Tarantel ge- stachen, sprangen die Russen und Polen auf und protestirten gegen diesen Antrag, dessen bloße Diskussion ihnen die Rückkehr in die Heimath un- möglich mache, und in der That gelang es ihnen, eine Beschlußfassung zu hintertreiben. Anfangs richtete sich unsere ganze Entrüstung gegen diese Feiglinge — denn gerade in diesem Falle hätten die Herren nichts zu fürchten gehabt. Die russischen Henker sind viel zu sehr auf die Unterstützung der europäischen Presse angewiesen, als daß sie ihr so direkt einen Schlag in's Gesicht gegeben hätten. Je mehr wir aber über den Vorfall nachdenken, um so kühler müssen wir über die Herren Krylow, Michelet und Konsorten urtheilen. So gering wir von den Journalisten zu denken gewohnt sind, eine derartige Versklavung der Geister, eine derartige hün- dische Unterwürfigkeit unter die Launen eines Despoten und seiner Günst- linge— sie sind die nothwendigen Folgen jenes infamen Systems, gegen welches sich die edlen und kühnen Geister in Rußland nur in der Ge- stall des vielgeschmähten„Nihilismus" zu erheben vermögen. Sklave oder Nihilist, das ist die Alternative, die heute jedem Russen gestellt ist. Und dieses hundsföttische System soll jetzt noch verschärft, die grausamsten Ausnahmemaßregeln in dauernde Einrichtungen umgewandelt werden. Und wie von jeher mit der Grausamkeit die Lüge Hand in Hand ging, so wird für diesen Verrath an der Sache der Menschheit das Wort„Reform" prostituirt, und an der Wiege dieser infamen „Reformen" stehen als Geburlshelfer Deutschlands genialer Kanzler und sein„milder" Kaiser, die ja auch in„ihrem Lande" unter dem Deckman« tel sozialer„Reformen" dem Volke das Fell über die Ohren ziehen. Ja, auch in Deutschland macht die Versklavung der Geister täglich Fort- schritte, das gegenseitige Ueberbieten an Loyalität, der Streit, wer die „treueren Diener der Hohenzollern" sind, müssen sie nicht jedes unab- hängige Gemüth empören? Auf, Deutschlands Proletarier, rettet euer Vaterland vor der Schmach, die das feige Bürgerthum ihm täglich und stündlich bereitet! Arbeiter Deutschlands, benutzt jede Gelegenheit, um zu zeigen, daß ihr nicht Fürstenknechte, sondern freie Männer seid, daß ihr euer Wohl nicht von FUrstengnaden erbetteln, sondern von Volkes Willen erkämpfen wollt! — UeberGarfields Tod schreibt uns ein amerikanischer Partei- genösse: Wir bedauern das Attentat, können uns aber nicht verhehlen, daß der Tod Garfield's einen klärenden Einfluß auf die politische Situation Ameskkäs haben wird. Daß der oberste Beamte der Republik als ein Opfer des wilden Haschens und Jagens nach Aemtern gefallen ist, wird die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Einführung von Gesetzen hinlenken, welche im Stande sind, diesen Fluch auszurotten. Zu lange schon haben Käuflichkeit, Korruption, Unfähigkeit und Betrug die BUreaukratie der Bereinigten Staaten beherrscht. Aber das ist noch nicht Alle«. Daß Arthur Präsident wird, bedeutet nichts anderes als die Herrschaft C o n k l i n g s und G r a n t s, den Jmperalismns und eine Kette von Jntriguen, deren Resultat die A u f l ö s u n g der republikanischen Partei sein wird. Welche Versprechungen Arthur auch abgeben mag, sie haben nur den Zweck, die Absichten der Granl-Partei zu verhüllen. Die besseren Elemente der Republikaner haben keine Sympathie mit Graut oder Arthur, und daher wird sich binnen Kurzem ein erbitterter Kampf zwischen den beiden Elementen entspinnen. Nur der Einigkeit dieser beiden ist es zuzuschreiben, daß die Republikaner bei der letzten Präsidentenwahl siegten. Ein Zwiespalt unter den Republikanern ermöglicht einen Sieg der Demokraten bei der Präsidentenwahl 1384. Eine einzige Periode demokratischen Regiments reicht aber hin, alle ge- sunden Elemente im Volke auf die revolutionäre Bahn zu drängen und sogar einen Theil der Republikalter und zwar die besten und radikalsten Elemente derselben in das s o z i a l i st i s ch e L a g e r zu treiben. Dann ist unser Sieg unausbleiblich. An unsere Parteigenossen in Deutschland. An die Spitze der sogenannten Reichskommission, d. h. derjenigen Behörde, welche die oberste Beschwerdeinstanz für Unterdrückungsmaß- regeln gegen die Sozialdemokratie bilde:, ist neuerdings der Unterstaals« sekretär von Schlickmann gestellt worden. Obgleich bisher schon die Reichskommission sich in jeder Beziehung reaktionär gezeigt hat, uud unsere Parteigenossen sich über diese Behörde keinerlei Illusionen hin- gegeben haben, veranlaßt uns die Ernennung des von Schlickmann zum Vorsitzenden derselben, hiermit doch unsere Parteigenossen noch ganz speziell aufzufordern, unter keinenUm ständen, mögen Ver- böte und Unterdrückungsmaßregeln noch so un- geheuerlich sein, sich beschwerdeführend an die Reichskommission zu wenden. Dieser sc. Schlickmann hat als ReichStagsmitglied sich ganz besonders durch reaktionären Eifer, sowohl bei Beralhung des� Ausnahmegesetzes, wie bei den verschiedenen Verhandlungen über den Belagerungszustand Weltanschauung. Wir streben nicht darnach, an Stelle der bis- herigen Herrschaft einer Klaffe die Herrschaft einer anderen Klasse zu setzen, sondern darnach, diese Herrschaft s e l b st zu vernichten. Die sozialistische Revolution bedeutet nicht, wie die große französische Revolution einen Schritt weiter in der Entwicklung der bisherigen Form des Kampfes ums Dasein, sondern die Einführung einer ganz neuen Form desselben. Die Umwälzung, der wir entgegen gehen, ist ebenso gewaltig und einschneidend als diejenige, welche den urwüchsigen freien Stamm in den Ständestaat verwandelt hat, ebenso gewaltig und ein- schneidend als die Völkerwanderung und deren Folgen, welche den aus der Abgeschlossenheit des Stammes beruhenden ständischen Staat in einen Klassenstaat verwandelten. Aber diese kommende Umwälzung wird b e- wüßt und nicht innerhalb Jahrhunderten, sondern innerhalb I a h r zehnten vor sich gehen, und darum wird sie noch weit groß- artiger sein als jede Umwälzung, die dasMeu scheu- geschlecht bisher erlebt hat. So großartig auch der Gedanke der bürgerlichen Demokratie im Gegen- satz zum Feudalismus und Absolutismus war, so ist er doch verschwin- dend kleinlich im Gegensatz zum sozialdemokratischen Gedanken. Der Grundgedanke der bürgerlichen Demokratie besagt nichts, als Beseitigung aller noch i» die Neuzeit ragenden Ueberbleibsel des Ständestaales, um den reinen Klassen st aat zu verewigen. Wir wollen den KlasseUstaat vernichten und darum haben wir unser Borbild nicht bei der bürgerlichen Demokratie, sondern bei den Gemeinwesen zu suchen, in welchen vollständige Gleichheit herrscht, bei den u r w U ch s i g e n Stämmen. Diese beruhen aber nicht auf dem Prinzip der F r e i h e i t, Gleichheit, Brüderlichkeit, sondern blos auf dem Grundsätze der Gleichheil und Brüderlichkeit. Zu diesem Resultate gelangen wir, wenn wir oersuchen, unsere Bewegung aus der bisherigen Entwicklung des Menschengeschlechtes zu er- klären— dem einzigen Wege, auf dem unsere Bewegung Uberhaupt verstanden werden kann. Bon aprioristischen Ideen einer höheren Gerech- tigkeit, unveräußerlicher Menschenrechte sc., welche auf ebenso sicherer Grundlage ruhen, als die Ideen vom Dasein Gottes uud der Unsterb- lichkeit der Seele, von denen kommt bei dieser Aufsassungsweise aller- ding« nichts vor. Das sind Dinge, welche die realistische, von Karl Marx begründete Geschichtsaussassung längst über Bord geworfen hat. Und wesentlich dem Umstände, daß der deutsche Sozialismus diese Ge- schichrsaussassung akzeptirt und das viele Phrasengeklingel verpönt hat, verdankt er seine heutige Stärke, seine Führerschaft im Klassenkampfe. Unsere Pflicht ist es, aus dem begonnenen Wege weiterzuschreiteu. Wir haben weder die Aufgabe, uns in Phrasen zu berauschen, noch die, mllssigen Träumereien über den Zukunftsstaat nachzuhängen. Unsere Ausgabe ist es, uns zur Klarheit emporzuringen und darum vor Allem Kritik, Kritik an den Gegnern, Kritik an un« selbst. Namentlich aber Kritik an der Phrase. Kyrniutieüos. mmm ausgezeichnet, es wäre schade um jeden Tropfen Tinte, wollte man durch Einreichung einer Beschwerde, bei diesem Menschen den Glauben er- wecken, daß man auf seine„Objektivität" vertraue. Die Ernennung des w. Schlickmann zum Vorsitzenden der Reiche kommisfion zeigt nur, daß die Reichsregierung selbst diese sogenannte Beschwerdekommission als Schwindel betrachtet. Parteigenossen! Vergeßtder Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Korrespondenzen. � Berlin, 21. Sept. Ein unterbrochenes Opscrsest. Sonnrag, den 18. Sept., Vormittags 11'/, Uhr, fand eine von ca. 2000 Personen besuchte Versammlung des Wahlvereins der deutschen Fort- schrittspartei im 4. Berliner Reichstagswahlkreise statt. Der Einberufer erklärte, daß er Ruhestörern gegenüber mit Hilfe der Polizeibeamten von seinem Hansrechte Gebrauch machen werde. Träger: Seit 1874 bin ich im Parlamente und in der parlamen- tarischen Carrierc. Sie hat mir Lasten auferlegt. Ich würde von ihr zurücktreten, aber ein Parteimann hat seiner Partei gegenüber Verpflich- rungen. Redner verwahrt sodann die Fortschrittspartei gegen die In- sinuation antimonarchischer Gefinnungen. Seine Partei habe die ihr von den Osfiziösen ausgehalste Parole:„Fort mit Bismarck!" nie- mals ausgegeben. Durch eine fortschrittliche Majorität könne der Kanz- ler nicht zum Gehen gezwungen werden, und selbst zu gehen fiele ihm, wie er bekanntlich gesagt, niemals ein. Echt fortschrittlich waren die Proteste gegen Bismarck. Redner erging sich mitunter in den servilsten Ausdrücken gegen den Kanzler und beschönigte, resp. dementirte so ge- wissermaßen das vorher Gesagte. Geistesprodukte, die der gesunde Sinn des Volkes mit dem Prädikat„faule Witze" belegt, wurden zu Tage gefördert.„Man werde die Fortschrittspartei, der man ja Alles in die Schuhe zu schieben bemüht sei, auch noch für das schlechte Wetter ver- antwortlich machen!"(Diese„satyrische" Aeußernng war 3 Tage vorher vom Rechtsanwalt Kausmann, Vorfitzendem des Vereins„Waldeck", in einer Wählerversammlung derselben Partei und desselben Wahlkreises ge- braucht und wahrscheinlich von Herrn Träger wegen ihres geistvollen Inhalts adoptirt worden.) Des Weiteren gab der Vortragende die all- bekannten Phrasen der Fortschrittspartei zum Besten. Nur in der freien Konkurrenz sei Abhilfe zu suchen, nur das„Hilf Dir selbst" dem Stolze des Einzelnen entsprechend. Die Bestrebungen der Sozialdemokraten seien neben einigen berechtigten Forderungen, die seine Partei in ihr Programm aufgenommen, Hirngcspinnste. Folgte dann Glorifizirung der Manchester- lichen Theorie und Lobhudelei der Fortschrittspartei als einer Partei, die sich das Wohl des Volkes am meisten angelegen sein lasse. Die Kandi- datenrede, ein Meisterstück von Volubilität und Gehaltlosigkeit, schloß mit Belheuerungen der bekannten Art.— Eine Interpellation folgenden In- Halts wurde eingereicht:„Warum hat der Kandidat im Erfurter Wahl- treise zu Gunsten eines Kompromißkandidaten ans eine Kandidatur ver- zichtet V" Etwas betreten antwortete Herr Träger: Der Umstand, daß der 4. Berliner Reichstagswahlkreis ihm sein Vertrauen schenke, habe ihn veranlaßt, seinen politischen Freunden in Erfurt zu rathen, sür einen Liberalen(Sezessionisten?) zu stimmen, um dem Freikonservativen— Dr. Lucius— den Wahlkreis nicht zu überlassen.— Der Vorsitzende ergriff hierauf das Wort, um ein Hoch auf Träger auszubringen, wurde aber von unfern Genossen, die 5/h des Auditoriums bildeten, mit ihren sich echoarlig im Saale fortpflanzenden Rufen„Bebel hoch" übertönt. Die Gesichter der Forrschrittshelden auf dem Podium wurden ob dieser unliebsamen Ovation um einige Nüancen bleicher. Unter fortgesetzten enthusiastischen Hochrufen auf Bebel wurde der Saal verlassen. Nachzu- tragen ist noch, daß sich der Schluß der Versammlung— Diskussion fand nicht statt— auffallend schnell, ja fieberhaft vollzog, jedenfalls um einer Auflösung vorzubeugen. Daß die Versammlung ein so vorzeitiges Ende erlebte, ist den Drohworten des Einberusers, durch welche dieser die in überwiegender Majorität, anwesenden Sozialisten einschüchtern wollte, zu verdanken. Ein einziger Zuruf bei Beginn der Versammlung hatee die großartige Wirkung gehabt. Die Drohung, mit Hilfe der Po- lizei einzuschreiten, kennzeichnet recht drastisch das Maulheldenthum der Fortschrittspartei mit ihrem„Hilf Dir selbst!" Salve! — Hamburg-Alt ona, 14. September. Einem Fremden müssen die Tage: Dienstag, der 13., und Mittwoch, der 14. September, in Hamburg nicht allein wunderbar vorgekommen sein, sondern er wird erstaunt sich gefragt haben: Sind das die Städte im Belagerungs- zustand? Ist das Volk von dem Flaggenschmuck berauscht worden, daß es dicht gedrängt zu Tausenden durch die Gassen strömt, um den Mann jubelnd zu empfangen, der sie knechtet und tyrannisirt, der jeden Arbeiter von Weib und Kindern jagt, welcher sich selbstständig zu denken erlaubt, — ist denn das Volk wirklich noch soweit zurück, daß es seine Peiniger anbetet? Man muß das Volk von Hambnrg-Altona erst kennen lernen, um ein Urlheil darüber fällen zu können. Die Neugier allein war es, welche das Volk von Altona bewog, die Straßen am Dienstag Abends zu durchstreifen. Dichtgedrängt, aber lautlos strömte es die Königsstraße und Pamaille auf und nieder. In dem Gedränge selbst aber hörte man öfters Aeußerungen wie: Das also ist der Götze, den man uns anzu- beten zumuthet! Das ist der Heldenkaiser Deutschlands von Gottes Gnaden, wie man ihn nennt! Das ist der Mann, der sich erfrecht, über Krieg und Frieden zu entscheiden, der es wagt, sich das Recht anzu- maßen, über Wohl und Wehe de« deutschen Volkes verfügen zu dürfen! Das ist der Mann, welcher 1848 die Kanonen gegen das Volk richten ließ, der ist es, der den Massenmord auf dem Gewissen hat und sich nur freuen kann, daß das Jenseits mit dem lieben Gott, auf das man uns vertröstet, nur Lug und Trug und nicht wirklich vorhanden ist, sonst müßte er, um seine gerechte Strafe zu empfangen, seine Ewigkeit in der Hölle unter Heulen und Zähneklappern, statt wie jetzt unter den Klängen einer auserlesenen Militärmusik, zubringen." Sehen wir aber selbst von den einzelnen Aeußerungen, die im Ge- dränge sich Luft machten, ab, und betrachten die Dekorationen, so wird es uns auf den ersten Blick klar, wie das Volk von Altona gesinnt ist. Nur vom Nobisthor längs der Königsstraße bis zum Bahnhos, und von der Mühlenstraße längs der Pamaille waren die Häuser zum Theil (meistens aber öffentliche Gebäude) mit Flaggen geschmückt und illuminirt. In der ganzen übrigen Stadt aber war, mir Ausnahme einzelner Häuser, deren Einwohner vielleicht ein persönliches Interesse daran haben, nicht als Reichs fein de ins Register eingetragen zu werden, finstere Nacht. Mit einem Wort, der ganze Aufwand, der gemacht worden ist, ist künstlich arrangirt, das Volk von Altona hat nichts damit zu schaffen, es war nur neugierig, um zu sehen, wie weit man die Götzenanbcterei treibt, die Reichstagswahl wird dies bestätigen. Es ist genügend Aussicht vorhanden, daß die Stadt Altona diesmal eine ausreichende Anzahl Stimmen mehr liefern wird, so daß, wenn das Landgebiet schlechter wählt, dadurch der Schaden ersetzt wird. Soll ich nun noch von der Ausweisung von hier berichten? Unfern Engel kennt Ihr ja.(Schluß folgt.) — AuS Westdeutschland, 1. September. Zur Parteitage. (Schluß.) Die große Mehrzahl des Mittelstandes befindet sich lediglich in Folge der verringerten Kaufkraft der Arbeiter im Fallirzustande, und tausendfach hörte man in diesen Volkskreisen den Ausspruch:„Jetzt sehen wir es ein, daß die Sozialdemokraten in jeder Beziehung Recht gehabt haben." Auch in politischer Beziehung ist die Situation in Deutschland eine unübertrefflich günstige. Um im nächsten Reichstage für seine famose Wirthschafts-Politik eine fügsame Majorität zu gewinnen, ist der„große Staatsmann" gezwungen, den Ultrareäklionären, den orthodoxen Muckern und Jesuiten Konzessionen über Konzessionen zu machen, und schon längst hat er seine„Kuirassierstiefeln" nach Kanossa vorausgeschickt. Während in den fast ausschließlich katholischen Ländern Frankreich, Belgien, Spanien und Italien mit dem schwarzen Gesindel labula rasa gemacht wird, bereitet Bismarck den menschenfreundlichen Henkersprößlingen der Inquisition und der„Kultur" der Scheiterhaufen im protestantischen Deutschland ein traute« Heim. Um die Lächerlichkeit der prahlerischen Phrase„nach Kanossa gehen wir nicht", abzuschwächen, mußte der neue Bischof von Trier, der Jesuitenpater Korum, nach Varzin kommen. Wie mögen die beiden edlen Brüder sich gegenseitig begrinst haben, als sie in Varzin das Bündniß zwischen Säbel und Kutte schloffen. In kindischer Freude über die gegen den„großen Kanzler" errungenen Erfolge erhebt bereits der „streitbare" Kaplan und Jesnitenknecht Majunke(richtig: Mai- Unke!) in allen katholischen Blättern das unbedachte Triumphgeschrei:„Eher w ir d es nun e in m al n i ch t b ess er werden, als bis wir wiederbekommen ein Regiment von— Junkern und Psafsen!--" Die so offenherzig ausgesprochene Absicht dieser bankerotten Firma, die Errungenschaften der großen französischen Revolution wieder zu ver- Nichten und das Rad der Weltgeschichte mindestens bis in das vorige Jahrhundert zurückzuschrauben, hat selbst viele„gläubige" Katholiken stutzig gemacht, und da« von Majunke angekündigte„Regiment der Junker und Pfaffen" wird in kurzer Frist auch bei den Katholiken Deutschlands das in den vorwiegend katholischen Ländern längst zur Geltung gelangte Sprichwort zur Wahrheit machen:„Je näher Rom, d e st o schlechter der Glaube!" Unter den verbündeten„Junkern und Pfaffen" und der„liberalen" Bourgeoisie ist der Kampf um das Privilegium der Volksknechtung bereits heftig entbrannt und bei der bevorstehenden Reichstagswahl wird dieser Kamp) an manchen Orten voraussichtlich mit Messer und Revolver ausgesochten werden. Die antisemitischen Judenkrawalle sind nur die Vorscharmützel der„Wahlschlacht".—„Mein Liebchen was willst Dn noch mehr?"— Zu allem diesem herrlichen Wirrwar kommt noch die tausendfache Un- Zufriedenheit, ja Erbitterung, der in Preußen„verstaatlichten" Eisenbahn- Subaltern- und Unterbeamten, deren früheres Einkommen, trotz der mehrfachen„loyalen" Versicherungen des Ministers Maybach im preußischen Landtage arg beschnitten worden ist, in einzelnen Fällen mit koloffaler Unverschämtheit. Und die Zustände im„herrlichen Kriegsheer"?— Nun, auch diese lassen nichts zu wünschen übrig. Schreibt doch selbst der Breslaner Professor Brentano in seiner allfälligen Kritik der reichskanzlerischen Ar- beiterfängerei: „Und die daraus hervorgehende Erbitterung der sich bekämpfen- den Klassen, welche die alte Gesellschaft zerriß und ihrer Gesittung den Untergang brachte, wird auch bei uns zu den gleichen Zuständen führen. Dabei ist das Heer gegenwärtig nicht mehr eine Heerde gemischler Fremdlinge, wie im alten Venedig. Unsere Armee geht aus der Mitte der Klassen, die sich alsdann bekämpfen, hervor und kehrt in dieselben zurück. Sie wird die Interessen und Leidenschaften der sich als- dann Bekämpfenden theilen. Damit scheint es unmög. lich, mittelst der Armee auf die Dauer das Gleichgewicht zwischen den Klassen aufrecht zu erhal- tcn. Auch sie wird denselben sich bekämpfen- den Gegensätzen verfallen. Statt den sozialdemokratischen Zielen entgegenzutreten, ebnet die neugeplante Organisation der Wirthschaft somit der Erreichung derselben den Weg." Dieser Professor hat den Nagel auf den Kopf getroffen, nur scheint er nicht zu wissen, daß es gerade die Sozialdemokratie gewesen ist und es noch ist, welche die übrigen Gesellschaftsklassen zwingt,„der So- z i a l d e m o k r a t i e d e n W e g zu ebne n".— Der beste„Pfadfinder", Chaussee-Aufseber und Agitator der Sozial- demokratie ist gegenwärtig unzweifelhaft unser„genialer" Freund Bismarck. Er und seine Helfershelfer haben es meisterhaft verstanden, im „heiligen deutschen Reiche Bismarckscher Nation" eine solche Menge Zündstoff anzuhäufen, daß der„durchlauchtigste Vater" sogar genöthigt war, einen seiner hoffnungsvollen Söhne mit dem unverantwortlichen Amte zu betrauen, ihm als Reichshundejnngc den„Reichshund Tiras" an der Leine nachzuführen, um dessen durchlauchtigsten Prinzipal in Ge- meinschaft mit einer zahlreichen Polizeibande vor„Attentätern" zu schützen.— Daß bei diesem ehrenvollen„Reichsdienste" der neuge- backen«„Graf" Wilhelm alle Ursache hat. sich über die Unannehmlich- leiten der Hundesperre zu beklagen, ist selbstverständlich. Wenn es noch eines Beweises von dem Vorhandensein massenhaften Zündstoffes bedürfte, dann würde er durch die Tyarsache erbracht sein, daß der deutsche und der russische Kaiser, die„Beherrscher" der mächiig- sten Reiche der Welt, durch die„Indiskretion" der„Danziger Zeitung", oder vielmehr durch ihre Angst vor ihren eigenen„Unter- t h a n e n" gezwungen sind, ihre beabsichtigte Zusammenkunft auf offener See stattfinden zu lagen oder aus Furcht vor„nihilistischen Torpedos" sogar ganz aufzugeben. Bei dieser Sachlage würde es eine unverantwortliche Thorheit sein, wenn die Sozialdemokratie selbst in die Entwicklung der in allen Richtungen unaufhaltsam fortschreitenden Auslösung der modernen Gesellschaft störend eingreifen wollte, was durch einzelne Putsche, zu denen man uns geradezu provoziren will, jedenfalls geschehen würde. Also ruhiges Blut und nur noch zwei bis drei Jahre Geduld, dann bricht mit Natnrnothwendigkeit die Katastrophe unfehlbar herein. Vor Allem muß die Auswandern ng der Ansgewie- senen unterbleiben, dann werden auch die massenhaften Aus- Weisungen von selbst ein Ende nehmen, durch welche man eben die„ge- fährlichsten Elemente" loszuwerden hofft. Die Ausgewiesenen müssen „im Lande bleiben— und nähren s i ch— r ö t h l i ch."— Dies ist ganz gut möglich, wenn die„sozialistische Vagabundage" organisirt wird. Ueberall, wo sich ein Ausgewiesener durch seine „Ausweisungs-Ordre" legitimirt, muß er mit offenen Armen und Herzen empfangen und ihm, falls keine Arbeit für ihn vorhanden ist, Wohnung und Beköstigung(„Wandertisch") gewährt werden, auch Reisegeld bis zum nächsten Orte, in welchem Sozialdemokraten hausen, sobald sich ein an- derer Ausgewiesener„zur Ablösung" meldet. Eine solche gesicherte Naturalverpflegnng unserer„Märtyrer" ist leichter zu ertragen und in jeder Beziehung zweckmäßiger, als jede andere Unter- stützung. Sollte die Polizei uns ab und zu einen ihrer„Galgenvögel" als„Ausgewiesenen" zusenden, nun— diese Sorte Menschen erkennt man bald an ihrer Galgen Physiognomie, und dann wird sicher d a f ü r g e s o r g t w e r d e n, daß es der Polizei bedenklich wird, ihre faulen Eier in ein sozialistisches Nest zu legen. Inzwischen entschädigt uns das interessante Schauspiel de« stetig fortschreitenden Zusammenbruchs der„alten Well" reichlich für alles Un- gemach. Mit Beharrlichkeit und Umsicht weiter vorwärts! Unser baldiger Sieg kann dann nicht zweifelhaft sein. — Hannover, im September.(Verspätet.) In einer früheren Nummer des„Sozialdemokrat" wurde von hier berichtet, daß unser Genosse S r u r m(der zu 3 Monaren wegen Widersetzlichkeit gegen einen im Dienste befindlichen Beamten, begangen in der bekannten Stöcker- schen Versammlung„verurtheil!" worden war,) Berufung gegen dieses Urtheil eingelegt habe. Heute kann ich nun berichten, daß Genosse Sturm am 4. v. M. kostenlos freigesprochen wurde, da den Aussagen der Be- lastungszeugen absolut keine Beweiskraft beigelegt werden konnte. Unsere Hochlöbliche hat sich bei dieser Gelegenheit schwer blamirl, ein„Schuldiger" war da, sie hat aber— leider!— den Unrechten erwischt. Am 7. August hatten wir eine sehr traurige Arbeit zu verrichten: die Frau eines unserer bravsten Genossen wurde zu Grabe getragen. Wohl an 700 Personen folgten dem Sarge. Fast alle Männer trugen rothe Blumen im Knopfloche, die Frauen und Jungfrauen Kränze mit rothen Schleifen. Am Grabe sangen 2 Gesangvereine passende Lieder und ein Parteigenosse sprach einige Trostesworte. Die Polizei hat sich passiv verhalten, das Gescheidleste, was sie nach unserer Ansicht thun konnte. Allein bald zeigte sich, wie sehr wir die Hochweise verkannt,— 2 Tage darauf ging's schon los. Vorladungen über Borladungen erfolgten. Die Polizei will mit Gewalt wissen, wer der Redner war, woher die rothen Blumen seien u. s. w. Man will nämlich jetzt eine Anklage gegen den Redner und verschiedene Genossen wegen Theilnahme an einer geplanten Demonstration erheben. Wird nicht viel Helsen. Ferner ist zu berichten, daß vor nicht langer Zeit hier ein Berliner Ausgewiesener Namens D a v e r« verhaftet wurde. Grund: wahrschein- liche Verbreitung sozialrevolutionärer Flugblätter. Daß„Se. Majestät" der Kaiser von Teutschland hier war, ist ja all- bekannt, weniger bekannt dürfte sein, daß man die Arbeiter förmlich zwang, an dem unvermeidlichen Fackelzuge theilznnehmen. Dabei sind ihnen, wie ich gehört habe, die Fackeln noch abgezogen worden. Von der Korruption der oberen Zehntausende haben wir hier auch recht nette Beispiele aufzuweisen. Es ist noch nicht lange her, daß die Gebr. E i ch w e d e(ein großes Bankgeschäft) unter Mitnahme verschie- dener Tausende das Weite suchten, jetzt ist ihnen der Senator R ü m p l e r, Kommerzienrath und Direktor der Zeitungsaktiengesellschaft Hannover, Eigenthümerin des„Hannöverischen Kourier", unter Mitnahme von 110,000 Mark aus den Lehensregistern(für Armen- und Wohlthättgkeits- zwecke) gefolgt. Ferner ist dieser Tage ein hoher Beamter einer Lindener Fabrik verschwunden, und so geht's lustig weiter. Die Hauptsache für uns Arbeiter muß die sein, daß wir einig und fest zusammenstehen, die Blößen, welche sich diese Herren geben, gehörig ausnutzen und immer weiter agitiren, damit wir am Tage der Wahl mit Stolz sagen können: Wir sind noch alle auf dem Posten! Mit Gruß! x. —" Zug. Situationsbericht. Eine Mitgliedschaft der soziali- stischen Partei gibt es hier nicht, eine solche existirt hier nicht mehr, wohl aber ein deutscher Arbeiterverein, der bunt in verschiedenen Schattir- ungen gruppirt ist. In demselben befindet sich in politischer Richtung eine Gruppe von Leuten, die sich der Londoner Richtung angeschlossen haben, etwa 10 bis IS Mann. Eine Agitation, in dem Sinn wie solche vor dem Ans- nahmegesetz in Deutschland betrieben wurde, findet jedoch nicht statt, überhaupt auch in keinem andern Sinn, denn der Verein schloß sich zu Neujahr besagter Richtung an und hält den Beschluß aufrecht, weil er nun einmal diese für die alleinseligmachende hält, eine Thätigkeil„gibt's nicht". Das ist sozialrevolntionär. Dann folgt eine Gruppe, die den Gesangverein bildet, in welcher auch ein halbes Dutzend Sozialrevolutionäre ihre Stimme erschallen lassen, im Ganzen aber höchst harmlose Lieder singen, wenn ich nicht geradezu bigott sagen will; ich speziell als Sozialdemokrat könnte mich nicht dazu verstehen, Lieder mitzulernen, wie sie jeder katholische Gesellenverein ab« leiert. Nun, jedes Thierchen hat sein Pläsirchen. Kuriose Sozialrevolu- tionäre das. Run die Uebrigen. Es sind größtentheils Arbeiter, die hier Unter- Haltung und Geselligkeit suchen, was auch ganz am Platze ist. Schade nur, daß die sogenannte Bibliothek sich in einem Zustande befindet, der wirklich traurig genannt werden muß. Bon sozialdemokratischen Schriften wenig, der Berein ist ja„sozialrevolntionär". So viel über das Lokale. Die allgemeine Lage eines Arbeiters ist hier in der freien Schweiz um kein Haar besser als in Deutschland, die besitzende Klasse hat das Ruder in Händen und regiert damit das Schiffchen gerade so und mitunter noch lustiger als die Staatslenker dies in Deutschland thun. Das Einzige, was ich rühme, ist: daß man hier wenigstens noch einigermaßen ohne Maulkorb gehen kann, und die Fußangeln, die in Deutschland bei jedem Tritt im Wege liegen, fehlen. Die Führer der Bolkspartci in Deutschland, die ihr demokratisches Programm verwirklichen wollen und dabei so eifrig auf das Mitthun der Arbeiter spekuliren, können sich hier praktisch überzeugen, wie gut der Arbeiter in einem demokratisch organisirten Staat lebt, und was ihm die politische Freiheit ohne die ökonomische Befreiung nützt. Er kann i sich seiner Lebtag abrackern, und wenn er alt geworden, ist er überflüssig. Mag er sich dann damit trösten, daß er wenigstens in einem demokra« tischen Staat gedarbt hat. Oder aber: möge er sich bei Lebzeiten für die Arbeitersache auch milrackern, so hat er wenigstens ein Bewußtsein bei seinem Tode: Er hat seinen Kindern ein Bäumchen milp stanzen helfen, das diesen Früchte verspricht. Mit sozialdemokratischem Gruß und Handschlag! G. Schön. Briefkasten der Redaktion: H. in— h.: Es ist zwar sehr tcostreich, zn wissen, daß unsere Genossen anständiger sind als die Fortschrittler und Aniisemilen, aber manchmal wär's uns schon lieber, unsere Freunde wären etwas weniger„anständig". Nichts für ungut.— Hr. in L.: Die Aehnlichkeit zwischen N. und G. ist unverkennbar. Beide ab- gewiesene Stellensucher, beide große Bibclkenner. Nachdem man aber den Ersteren in so infamer Weise gegen uns ausgenutzt, halten wir es nicht für angezeigt, uns, ohne durch den politischen Kampf dazu verau- laßt zu sein, aufs Neue gegen seine Zugehörigkeit zu verwahren. Lassen wir die Todten ruhen. der Expedition: Dr. E. Nath.-Gz. Balt.: Sdg. folgte ab Ztr. 39 direkt. Fr.—,60 Portozuschlag pr. 4. Ou. haben v. G. H. G. er- beten.— A. S. Ofldn.: Fr.—,70 f. Photgr. erh. Idg. abgg.— F. Pfl. v. d. Soz. Chur: Fr. S,— d. Wfds dkd. zugew.— Michel Sfieber: Für 38 bereits im Gang gewesen und zurückgezogen. Fortan senden 50. :: Serlow: Mk. 10,—(Gold) nach Borschr. verwendet. Bfl. am 24/9. mehr.— Rasi: Mk. 80,— ä Cto. erh. 10 mehr seit 37 abgeg.— Von einigen Soz. in St. Jmer: Fr. 4,— d. Ufds. dankend zugew.— Un- genannt: Fr. 2,— pr. Ag.- u. Usd. dkd. verw. Den„S." haben Sie bei der Bolksbuchhdlg. Hottingen bestellt, wohin Ihre Beschwerde von uns abgegeben ist, also auch d a zu reklamiren, wenn fernere Störung vorkäme.— Schnüruug: Nachricht v. 22 9. hier. Weiteres erwartend! — H- Z- H-: Bs. v. 24/9. erh.— Adr. Borgern. Weiteres erwartet. Benützte Adr. genügt sür solche Zwecke.— Cvlumbus: Photogr. inil 38 abgeg. Die„Rothen" mit 40.— ftthimmel---: Mk. 17,30 pr. Abrchg. gntgebr. Mit Fl.-Mskpt hat's den Teufel. 200 Expresse abgg- Ldb. u. Wm. folgen.— Sommerschwalbe i. Gbg.: Nachr. v. 21/9. hier und beachtet. Pr. 2. u. 3. Qu. v. N. Nichts erh. Wann und an ivea soll gesandt sein!?— Lausitzer Rothhaut: Mk. 112,30 ä Cto. 2. Qu- u. Schft erh. Brfl. am 24/9. Näheres. Schft. abgg.— Ferdinand: Bfl v. 21/9. am 26. beantw.- I. W. Gzr.: ö. fl. 1,70 Ab. 4. Qu. erh. — A. Bk. Par.: Fr. 4,— Ab. 4. Qu. k. erh. Fdsquittg. später. Nach' trag wird benützt.— I. H. Liestal: Fr. 4,— durch Vbhdlg. erh. FdSqn- später.— Wthur: Fr. 16,— erh. u. nach Borschr. verwendet.— E. R. C.: Mk. 2,80 Ab. 4. Qu. erh. Ersatzadr. i. Gebrauch.— K.£• Paris: P. K. u. unser Bf. kreuzten. Bestllg. Dienstag fort.— Besteller in R.: Mk. 3,— Ab. 4. Qu. erh. Neue Ordnung bewirkt.—— h- Nachr. v. Hermine am 27 noch nicht erh. Senden 10 St. an bekannte Adr. u. verrechnen Mk. 6,40.— F. Jonsch. N.-I.: Bestellg. v. 10/9- am 27. abges. 10 Mehrbestllg. pr. 4. Qu. vorgemerkt.— C. M. B.t Schftbstllg. abgg. Alles beachl.— O. H. Rdn.: Mk. 5,— für Ab. 4. Qu- zc. verwendet.— F. S. Kft.: ö. fl. 3,70 für Ab. 4. Qu. auf allen Rest abgeschrieben.— H. P. Lgtz.: Mk. 9,— Ab. 2., 3. u. 4. Qu. erb- Adr. solgt.— G. S. Lbch.: Mk. 3,— Ab. 4. Qu. erh.— Ph. Hdrch- Frtgn.: Fr. 4,— Ab. 4. Qu. Ufds. u. Wfds. dkd. erh. Der Kamps wird heiß, bringt er wenig oder viel, wir kämpfen, das ist die Hauptsache- — K. B. Wien: Der Polizeispion Zinner war allerdings auch ein- mal„wahrheitsliebender Gewährsmann" des„Buw- Bnm".— A. G. R.: Mk. 4,70 Ab. 4. Qu. u. Schft. erh. Bf. a. d R. abgg. worden. Weiteres demnächst.— In unserem Verlage ist soeben erschienen und durch uns, sowie durch die Expedition des„Sozialdemokrat" zu beziehen: Karl Fourier. Ei» Vielverkannter. Versuch einer Darlegung seines sozietärm Jdccngangcs im Lichte des modernen Sozialismus. Von Kerman Hreukich. (Separatabdruck aus dem„Jahrbuch sür Sozialwissenschast".) 72 Seiten 8°. Mit dem Bildnisse Fourier'« und einer Skizze semes Phalanstdre-Gebäudes- Preis: 50 Cts.--- 40 Pfg. Volksbuchhandlung Hottingen-Zürich Schweiz. LereinSbuchdruckerei Hottinaen-Zürich wir Gle NiUl in l daß sich: dida S