Hrscheim+ t4<&. 4> Avonnemenls « ö ch c II» l i ch einmal A � �«■ werden NU« beim Verlag md W M W � XM A.-A� H � A yfc. a. H A."�U- deffen belannlen Agenten ent- rr' 1 � n& 11 Pill n Ii Im Siit: «. H-rt-r. H«tting°n.Znriq W B.. ML.>Stek X M. P B M Jfl. SL P B.. Z g W N W W N �. UM, R Ml. 8— siir Teutschland ICouv.rt »afinastrahe 8. W �'>> � fl. I. 70 für O-st-rrei»«jaud.rt - Fr. 8. SO llir alle übrigen Länder diS �Zksellduilgkll /» W-ltv°ft»ereinS liireujband». traneo gegen franko.» Gewöhnliche Briefe../ i /* f* y*'• /chi ft /• Inftlttlt - nÄ'•"• �entrat-Hrgan der deutschen Sozialdemokratie..... R? Sl» Donnerliag, 15. Dezember. 1881. MMf Ali««» die ßorresvondeate« und Aboaurattn de«„Aoziiidemoilrat"."M» Da der.Coiialdemolrat' sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten ist, bezw.»erfolgt wird, und die dortigen il als möglich an den.Soiialdemolrat', refp. desten Verlag selbst adresfiren, sondern fich möglichst an irgend eine unverdächtige Behörden fich alle Mühe geben, unser- Verbindungen nach jenen Ländern möglichst>u erschweren, resv. Briese von dort an uns Adresse außerhalb Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche fich dann mit uns in Verbindung seht; anderseits aber, daß und unsere Zeitung», und sonstigen Sendungen nach dort absufangen, so ist die äußerste Vorficht im Postverlehr nothwendig und auch UN» möglichst unversänglicht ZustellungSadrefien mitgetheilt werden. In Iweifelhasten Fällen empfiehlt fich b-huss größer» dors leine VorfichtSmaßregel versäumt werden, die Brieimarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhal« Sicherheit Relommandirung. Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Muhe noch«often scheuen, um trotz aller ent- der Sendungen ,ll täuschen, und letztere dadurch ju schätzen. Haupterforderniß ist hiezu einerseits, daß unsere Freunde so selten>! gegenstehenden Schwierigleiten den. Sojialdemolrat' unsern Abonnenten möglichst regelmäßig zu liesern. Abonnements-Einladung. Mt Äcujahr beginnt ein neue» Quartalsabonnement auf den..Sozialdemolrat". Wir ersuchen unsere Leser, ihr Abonnement rechtzeitig zu erneuern, sowie sär Gewin- nung neuer Abonnenten unabläsfig thätig zu sein. Weder da« Abonnement aus den„Sozialdemokrat-- noch da« Empselzlen desselben ist in Deutschland strafbar, sondern lediglich die direkte Berbreitung. Es ist deshalb Pflicht wie Interesse jede» Parteigenossen, auf's eisrigste für die Berbreitung de».Sozialdemokrat- zu willen. Da der.Sozialdemolrat- in Deutschland bekanntlich auf Grund des Ausnahmegesetzes verboten ist, so muß die Verbreitung selbstverständlich mit größter B o r s i ch t geschehen! letztere angewandt, ist die Sache übrigens durchaus ungesährlich und leicht auisührbar. Das bloße Abonnement ohne Weiterver- breitung ist gesetzlich erlaubt. Der„Sozialdemokrat-- wurde vom letzten Parteikongreß einstimmig zum einzigen ossijiellen Organ der sozialistischen Arbeiterpartei Deutsch- lando erklärt. Der vorauSzahldare Abonnementspreis de».Sozialdem.- beträgt vierteljl. sär Deutschland und Oesterreich 8 Marl<1 st. 70 lr.>, wofür da» Blatt wöchentlich als verschlossener Brief versandt wird; sär die S ch w e i z 2 Fr., sär alle übrigen Länder des Weltpostvereins 2. Fr. SO Cts.(untn Bandj. Dieser Preis lann indessen, namentlich i» Deutschland, bedeutend ermäßigt werden, wenn sich die Genossen eines Ortes zum Bezug im Großen vereinigen. Wenn unverdächtige Empsangz. odressen gewählt werden und damit steis gewechselt wird, wenn serner die geheime Vertheilung an die abonnirten Genoffen vorsichtig geschieht i dann ist die Gefahr der Entdeckung beim Gesammtbezug weit geringer wie de den Briefsendungen. BiS zu 10 Exemplaren können in Doppelbrief übermittelt werden; bei größeren Be- stellungen ist die Zusendung in Packet vorzuziehen. Bei Bezug von zehn Exemplaren an ist der Preis per Quartal aus M. 1. 80. sranlo WS HauS festgesetzt, und ist der Betrag monatlich mit SO Ps. im Borau» einzusenden. Sämmtliche Sendungen werden gut verpackt, nicht in der Schweiz, sondern in Teutschlan» ausgegeben. Briesmarlen aller Länder werden sär voll angenommen j größere Beiträge in Papier- geld milleist eingeschriebenem Bries od» Post. Einzahlung. Da nicht unbedeutende liosten durch ungenügende» Frankiren entstehen, so machen wir darauf aufmerksam, daß einfache Briese ibiS 15 Gramms nach der Schweiz 20 Psg., rcsp. 10 Kreuz» ö. W. losten, bei schwereren Briefen je lö Gramm weitere 20 Psg., rcsp. 10 Kreuzer. Man wende sich bei Einzelbestellungen an den Verlag von A. Hertel, Kaflnostraße 8, Hottingen-Zürich, bei gemeinsamem Abonnement und um Ausschlüsse an die be- kann teil Agenten in Deutschland, oder an die Unterzeichneten durch Vermittlung in d» Schweiz oder sonst im Ausland lebender Freunde. Monatliche Borauobezahlung»c««bonnementSprelfe« an uns««««er- trauensmä»»«« und FilialevcrwalXr ist un«rlSßlich! Parteigenossen! Sammelt Euch um Eure Fahne und benutzt die Euch gegebene Waffe Mit Etz» und Geschick; seid rührig und thut Eure Pflicht! Redaktion und Srpedition»es„Sozialdemokrat--. „Entweder— oder!" Unler dem Drucke deS Sozialistengesetzes hat stch innerhalb der deutschen Sozialdemokratie hie und da eine Unsitte ein- gebürgert, in welche alle verfolgten Parteien zu verfallen ge- sährdet sind, welche aber für keine Partei so gefährlich ist als gerade für die Partei des Proletariats. Wir meinen die Unsitte des Opportunitätskultus. Wir gehören nicht zu denen, die fich vor einem Worte fürchten. Wenn uns die Anarchisten Opportunismus vorwerfen, so zucken wir höchstens mit den Achseln. Opportunismus, so weit das Wort keinen abgeleiteten Sinn hat, wie in Frankreich, treibt jeder vernünftige Mensch, welcher Partei er immer angehört. Opportunismus treiben auch die Anarchisten, indem sie für ihre fürchterlichen Weltumkrempelungspläne den geeignetsten Moment abwarten— er läßt beiläufig schon recht lange auf sich warten— kurz, der Opportunismus, d. h. das Handeln gemäß den Be- dürsnisien, beziehungsweise Verhältnisien des Augenblicks ist an sich nichts verwerfliches. Verwerflich aber, und zwar im höchsten Grade, wird er da- gegen da, wo er über das Prinzip gestellt wird, wo er— um ein nicht ganz zutreffendes aber doch analoges Bild anzuwenden— vom Regulator unserer Handlungen zum dirigirenden Faktor wird. Es gibt bestimmte Verhältnisse, wo es nicht nur erhaben, sondern auch Gebot der Pflicht ist, nicht opportun zu Handel». Niemand hätte es vielleicht einer Sophie Bardina, einer Marie Subotina verargt, wenn sie vor den Schergen des Zaren ihre Handlungen in Abrede gestellt, ihre Bestrebungen als harmloser geschildert hätten, als sie es in der That waren, wenn sie an die Gnade, an das Mitleid ihrer Richter appellirt hätten. Und doch verzichteten diese Heldinnen darauf, sie wußten, daß die Kämpfe, welche ihren Genossen bevorstanden, vor Allem Aus- dauer und Charakterstärke verlangten, deshalb gingen sie ihnen mit gutem Beispiel voran, durch ihr heroisches Verhalten Taufende begeisternd. Doch wozu in die Ferne schweifen? Opportun wäre es vielleicht gewesen, wenn das Gros unserer Genossen bei Beginn der Wahlkampagne sich gesagt hätten:„Ach wozu das Wählen? Wir sind und bleiben Sozialisten» wirken, wo wir nur können, im Stillen, und werden, wenn einst der Tag der Abrechnung kommt, sicher nicht die Letzten sein; aber das Wählen bringt uns nur Unannehmlichkeiten mit der Polizei und unsern Arbeitgebern, und kostet obendrein noch Geld. Bleiben wir lieber hübsch warm Tie deutschen Arbeiter aber dachten nicht so, trotzdem sie wußten, daß ihnen heute selbst der Wahlsieg keinen materiellen Vortheil bringen werde, trotzdem sie die Gefahren kannten, denen sie sich aussetzten, gingen sie muthig und entschlossen an die Arbeit und lieferten am 27. Oktober und den nachfolgenden Tagen eine Schlacht, welche ihnen die Bewunderung der Sozial- demokratie aller Länder eintrug. Die Masse unserer Genossen läßt sich nicht durch Phrasenhelden und Regierungsagenten zu dummen Streichen hinreißen, sie giebt sich nicht zu nutz- und zwecklosen Demonstrationen her, aber wo es gilt, Farbe zu oe- kennen, da ist sie unerschrocken am Platze, sie ist opportunistlsch im besseren, im besten Sinne des Wortes. Sie handelt den Bedürfnissen des Augenblicks enssprechend, stets aber geleitet von den Grundsätzen unserer hohen Sache. Das war bis jetzt der Fall, und soll auch in Zukunft so bleiben, und deshalb ist es Pflicht jedes Genossen, dem Oppor- tunismus im schlimmen Sinne, wo immer er sich zeigt, entgegen- zuwirken, vor ihm zu warnen, als dem zersetzenden Gift, das unsern Organismus, unsere Partei aufzulösen geeignet ist. Woran aber ihn erkennen? Die Aufgabe ist heute nicht immer leicht. Für den Satten ist es sehr einfach, Recht und Unrecht zu unterscheiden, für den Hungrigen dagegen sehr schwer. Derjenige, der im politischen Kampfe nichts zu riskiren hat, kann schnell sagen: Ich wahre mein Prinzip unter allen Umständen, wer aber mitten im Kampfe gegen einen übermächtigen Feind steht, wer jeden Augenblick seiner Haut sich wehren muß, der kommt auch in Situationen, wo es für seine und seiner Sache Vortheil ersprießlicher ist, das Visir herunterzulassen oder die Maske vorzubinden. Wer heute z. B. auf dem Lande agitiren will, der handelte sehr thöricht, wenn er ohne Weiteres unser Programm aus der Tasche zöge und es den Landleuten vorlesen wollte, sie würden ihn einfach nicht verstehen, er wird vielmehr durch eine geschickte Unterhaltung den Gedankengang des Bauern in unserem Sinne zu beeinflussen suchen und erst nach und nach unsere Grundsätze kundgeben. Da wir fernerhin wissen, daß die politischen Verfolgungen und Ein- sperrnngen unserer geschicktesten Agitatoren und Organisatoren für unsere Bewegung, wenn sie auch nicht so schädlich sind als unsere Gegner meinen, so doch auch keinesfalls von Nutzen sind, und da wir ferner heute noch bessere und wirksamere Propaganda- mittel als politische Prozesse haben, so werden wir Alles ans- bieten, solche Prozesse zu vermeiden, und wo sie doch stattfinden, den Richtern die Verurtheilung so schwer als möglich zu mache» suchen. Das öffentliche Rechtsgcfühl, soweit wir auf dasselbe einwirken können, d. h., soweit eS nicht vom Klasseninteresse ge- trübt ist, muß stets auf unserer Seite sein. Hier aber liegt die Grenze des berechtigten und des ver- werflichen Opportunismus. Unser Verhalten vor Gerichten darf nie so weit gehen, uiisere Bestrebungen zu verleugnen. Sobald wir uns vor Gericht als Sozialdemokraten bekennen, dürfen wir uns nicht dazu hergeben, unsere Ziele als unschuldiger dar- zustellen, als sie es in Wahrheit sind. Das Gesetz kennt keine strafbaren Ziele, es kennt nur strafbare Hand lungen, daß die deutschen Richter trotzdem in neuester Zeit den ersteren Begriff konstruirt und darnach verurtheilt haben, ändert daran nichts. Wenn die Richter verurtheilen wollen, so verurtheilen sie trotz der Abschwächungen, denen sie und das Publikum ohnehin keinen Glauben schenken, die Abschwächung und Ableugnung nützt für den konkreten Fall gar nichts, wirkt aber im höchsten Grade demoralisirend. Gilt das schon vom juristischen Tribunal, so gilt es in noch weit höherem Maße vom politischen. Was für uns da in erster Reihe, ja fast ausschließlich in Betracht kommt, ist der Reichstag. Im Reichstage soll und muß Farbe bekannt werden; da gibt es kein Ausreden. Wir meinen damit nicht, daß unsere Abgeordneten in jeder Rede die gewaltsame Revolution proklamiren sollen, damit würden sie nur sich und unsere Sache lächerlich machen, aber ihre Reden sollen dem Charakter und der Situation unserer Partei durchaus entsprechen. Unsere Abgeord- neten sind in den Reichstag geschickt worden, um dort die Stimme deS Proletariats zu erheben, die Stimme der Leidenden, der Ver- folgten und Unterdrückten. Sie sollen nicht jammern und klagen, sie sollen kennzeichnen und anklagen, sie sollen nicht Parlamentiren, sie sollen protestiren, die Stellung, die sie außerhalb des Parla- ments einnehmen, sollen sie auch drinnen innehalten, sie sind die Vertreter der Enterbten und Geächteten. Wir lieben es nicht, Versteckens zu spielen, wir haben diese Zeilen nicht aus müsstger Laune geschrieben, sondern der Roth gehorchend. Es sind von einzelnen unserer Vertreter in den jüngsten Verhandlungen Worte gefallen, die weder der Würde unserer Partei entsprechen, noch durch die Umstände geboten waren, sondern nur Opportunitätsrückstchten zuzuschreiben sind, für die aber die Partei, soll sie nicht ein bloßes Konglomerat zusammenhangsloser Elemente sein, nicht aufkommen darf. Wir sind keine Splitterrichter und daher auch nicht gesonnen, jedes Wort, das in der Hiye der Diskussionen fällt, auf die Goldwage zu legen. Es laufen jedem Redner, und je erregter, je leidenschaftlicher er spricht, desto mehr, Wendungen unter, die er bei ruhiger Uebcrlegung nicht gebraucht haben würde, wir haben daher zu manchem Wort, das von unserer Seite im Reichstag gefallen ist, geschwiegen. Wenn wir heute aber von dieser Gewohnheit abgehen, so geschieht es, weil wir es mit Aeußerungen zu thun haben, denen wir nicht zum ersten Male begegnen und welche System zu werden drohen. Die Abgeordneten Hasenklever und Blos haben in der Debatte über den Belagerungszustand ihrer Auffassung über das Verhältniß der Partei zum„Sozialdemokrat" in einer Weise Ausdruck gegeben, welche als eine formelle Desavouirung deS Letzteren angesehen werden muß, indem sie nicht etwa für ein- zelne Artikel, sondern für die ganze Haltung desselben die Ver» antwortung der Partei entschieden ablehnten. Eine solche Erklärung, an so hervorragender Stelle abgegeben, welche durch die ganze Presse des In- und Auslandes kolportirt wird, muß, insolange sie nicht richtig gestellt wird, als eine offizielle Erklärung der Partei betrachtet werden; von dem Augenblick an, wo- dies geschieht, hört der„Sozialdemokrat" auf, Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie zu sein, ist dieser Titel, auf den er bisher stolz sein durfte, eine leere Phrase. Wir sind nicht so charakterlos, ein solches Mißverhältniß aufrechterhalten zu wollen. Wenn die Partei mit der Redaktion des„.Sozialdemokrat" nicht einverstanden ist, so mag sie den Redakteur desselben absetzen, aber das Organ, das sie sich selbst geschaffen, so kurzweg verleugnen zu lassen, widerspricht den ein» sachsten Begriffen von politischer Ehre. Die Redaktion des„Sozialdemokrat" wird sich nicht einbilden von dem Augenblick an, da sie an ihren Posten gestellt wurde, plötzlich die Summe aller politischen Einsicht der Partei zu repräsentiren, so wenig über die Abgeordneten mit dem Reichs- tagsmandat die Gesammtintelligenz der Wähler sich ergießt. Weit entfernt, für jede Zeile oder jeden Artikel die Autorität der Partei zu beanspruchen, darf sie aber und muß sie auch die politische Verantwortung der Partei für ihre allgemeine prinzipielle Haltung verlangen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Diesen korrekten Standpunkt hat in der Reichstagssitzung vom 31. März dieses Jahres— es handelte sich auch um die Denkschriften den Belagerungszustand betreffend— Genosse Bebel in klarster und rückhaltlosester Weise vertreten. Wir bedauern sehr, daß uns der Raummangel zwingt, auf eine Wiedergabe seiner dahingehenden Ausführungen verzichte» zu müssen, wir wollen aber wenigstens nicht unterlassen, auf die- selben ausdrücklich zu verweisen. Die Erklärung,„wir sind nicht verantwortlich für die Schreib- weise des„Sozialdemokrat", sofern sie nicht ein Fußtritt für die Redaktion desselben sein soll, muß als ein höchst verwerflicher Opportunismus angesehen werden. In jedem Falle setzt sie die Partei dem berechtigten Spott unserer Gegner aus. Leo. Zum freien Wahlrecht. Unsere Genossen im Wahlkreise Frankenthal-Speyer haben an den Reichstag einen Wahlprotest eingesendet, der einen charakteristischen Beitrag zum Kapitel- vom„sreien Wahlrecht" liefert, und auch in an- derer Beziehung sehr bemerkenswerth ist. Wir lassen ihn daher hiermit dem Wortlaut nach solgen: „Protest gegen die Wahl de« Herrn Dr. Groß von Lambsheim zum Reichstagsabgeordneten im Kreise Speyer-Frankenthal. Bei der am 27. Oktober d. I. in rubrizirtem Kreise stattgehabten Wahl eines Reichstagsabgeordneten fielen aus den von nationalliberaler Seite ausgestellten Kandidaten Herrn Dr. Groß 6541 St. Der ultramontane Herr Dr. Jäger erhielt 317t)„ Der sozialdemokratische Herr Aug. Dreesbach 2312„ Der konservative Kandidat Herr Haas 289„ Die fortschrittlichen Herren(diverse) erhielten 102„ 13,014 St. Demnach war der nationalliberale Herr Dr. Groß mit einer Majorität von 34 Stimmen zum Reichstagabgeordneten gewählt. Das Resultat wllrde ein wesentlich Anderes geworden sein, wenn nicht Wahlbeeinslussungen der verwerflichsten Art vor- gekommen wären, welche in Nachstehendem erläutert werden solle». Die Badischc Anilin- und Sodasabrik in Ludwigshafen beschäftigt ca. 1600 Arbeiter, von denen die meisten in dem in Frage stehenden Wahlkreise stimmberechtigt sind. Zirca 5—600 haben allein in Ludwigs- Hafen zu wählen. Die Direktion obigen Etablissements befindet stch in den Händen der Führer der nationalliberalen Partei, und wenn die Chefs nationalliberal sind, so versteht es stch beinahe von selbst, daß da» Beamtenpersonal auch diese Farbe bekennen muß. Daß man aber auch die Arbeiter zwang, gegen ihre Ueberzengung für den nationalliberalen Herrn Dr. Groß zu stimmen, ist unerhört I Am Tage vor der Wahl bekamen die Werksührer von der Direktton die strengste Ordre, den Arbeitern unter Androhung der sofor- tigen Entlassung einzuschärsen, nur für Herrn Dr. Groß zu stimmen, und am Wahltage selbst wurden die Arbeiter, unter denen der Spruch kursirte: „Wer nicht wählt den Dr. Groß, Der ist morgen arbeitslos!" gruppenweise von ihren Werkmeistern zum Wahllokal geführt, in dem als Wahlkommissäre bezw. Beisitzende die„Herren" der Fabrik anwesend waren. An der Thüre des Wahllokals, also beinahe direkt vor der Wahlurne, bekamen die Arbeiter die Stimmzettel für Dr. Groß in die Hand und wurden, begleitet von den Werkführern, mit Argnsangen bewacht, zur Wahlurne geschleppt, allwo sie den empfangenen Wahlzettel abgeben mußten. Wehe dem Armen, der es gewagt hätte, sich renitent zu zeigen, oder diesen Stimmzettel zu vertauschen— er hätte sich der sofortigen Brod- losigkeit ausgesetzt, und hätte eventuell seine ganze Familie dem Hunger preisgegeben. Bis jetzt hat man folgende Fälle feststellen können: Georg Martin von Hemshos b. Ludwigshafen bekam von einem Aufseher der Badischen Anilin- und Sodasabrik einen Stimmzettel für Dr. Groß, woraus tr ihm erwiderte, daß er schon einen Zettel habe und sUr den sozialdemokratischen Kandidaten stimmen werde. Schon Mittags, als dieser Arbeiter, welcher sieben Jahre als Maschinen- fUhrer in genannter Fabrik thätig war, in seine Werkstätte gehen wollte, wurde er entlassen! Eine strafbare Handlung hat sich der Arbeiter nie zu Schulden kommen lassen. Schreiner Schmiedel aus Edigheim wurde am Montag den 24. Oktober d. I. aus mehrfach genannter Fabrik entlassen, weil er Tags zuvor ein sozialdemokratisches Flugblatt einem Nebenarbeiter in einer Wirthschast zeigte. Letzterer denunzirte ihn bei der Direktion, welche ihm, da er vermuthlich nicht sür Dr. Groß stimmen werde, die Arbeit sofort entzog, resp. ihn entließ. Ebenso erging es:'» Johannes Lauer von Freisenheim, wohnhast Quadrat I. Nr. 14 in Ludwigshafen, welcher erklärte, daß er für Herrn Dr. Groß nicht stimmen werde; auch er wurde sofort entlassen. Georg Keller, Taglöhner in Ludwigshafen a. Rh., wurde aus der Weinsteinsäurefabrik des Herrn Dr. Reimann(Beukisersche Fabrik) entlassen, nachdem er den erhaltenen Stimmzettel für Herrn Dr. Groß mit demjenigen für den sozialdemokratischen Kandidaten ver- tauscht hatte, und dies Manöver von Seiten seines Vorgesetzten bemerkt wurde. Karl Müller von Ohgersheim ist in der Sammtfabrik da- selbst beschäftigt. Im Wahllokal war dessen Fabrikdirektor, Herr Dietz, anwesend, und sah die Stimmzettel seiner Arbeiter nach! Müller hatte den Zettel für Dr. Groß ebenfalls sür den des sozialdemokratischen Kandidaten vertauscht und am 29. Oktober bekam er seine Entlassung, und zwar nur, weil er gegen Kommando gewählt hatte. Es kamen noch mehr Entlassungssälle vor, doch ist es schwierig bei der Ausdehnung des Wahlkreises alle einzeln zu rekognosziren. Die angeführten Fälle find sehr prägnant und gravirend, besonders aber heben wir nochmals hervor, daß die Arbeiter der Bad. Anilin- und Sodasabrik gruppenweise von ihren Werkmeistern zur Wahlurne geführt wurden und daß Allen sofortige Entlassung augedroht war, für den Fall, daß sie nicht für Dr. Groß stimmen würden. In Uebereinstimmung mit den Wählern des sozialdemokratischen Kau- didateu, Herrn A. Dreesbach, erheben wir daher Protest gegen die Wahl des Herrn Dr. Groß von Lambsheim und richten an den hohen Reichstag die ergebenste Bitte: die Wahl des Herrn Dr. Groß zum Reichstagsabgeordneten für den Kreis Speyer-Frankenthal wegen gröblicher Verletzung der Wahlsreiheit seitens des nationalliberalen Wahlkomites für nu- giltig zu erklären I Im Namen der sozialdemokratischen Wähler: Wilhelm Seel, Quadrat II. Nr. 35 Karl Qu eva aus Oggersheim. Peter Mosbache r." Soweit der Protest. Ob er zu einer Umstoßung der Wahl führen wird, ist selbst bei der Zusammensetzung des gegenwärtigen Reichstages zweifelhaft, denn wenn es sich um Sozialisten Handell, da finden die Herren, die sonst den Mund immer voll von ihrer Gerechtigkeitsliebe nehmen, sehr schnell eine Ausrede. Von einer Bestrafung der Hallunken, welche den Arbeitern, von deren Schweiß sie sich mästen, das Wahlrecht verkümmert haben, werden wir aber aus keinen Fall etwas zu hören bekommen. Und wäre Deutschland noch einmal so reich an Gefängnissen als es ohnehin ist, sie reichten nicht aus, wollte man in Wahrheit alle die bestrasen, welche das sogenannte freie und geheime Wahlrecht zu einer Lüge machen. Die Schuldigen werden frei ausgehen, die entlassenen Arbeiter bleiben entlassen, das ist der Refrain vom Liebe. Unsere Partei ist arm, wir können den Braven, welche so muthig ihre Nteinung bekannten, keine Eni- schädigungen, keine Ehrenposten bieten, aber unserere rückhaltlose An- erkennung wollen wir ihnen zollen, ihre Namen werden mit Achtung und Liebe genannt werden überall da, wohin nur das Parteiorgan dringt. Zum Schluß aber bitten wir die Genossen in Ludwigshasen, uns den Namen des schuftigen Verräthers, der seinen Arbeitsgenossen Schmiedel denunzirte, mitzutheilen, damit wir ihn der verdienten Verachtung preis- geben können. Hoffentlich wird ihm auch sonst der Lohn für seine Liebe- dienerei nicht vorenthalten werden. Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 14. Dezember 1881. — Die Debatte über die Denkschriften der preußisch- sächsisch-hamburgischen Regierungen über die Verhängung, bezw. Verlange- rung des kleinen Belagerungszustandes hat am 10. November stattgcfun- den. Von Seite unserer Abgeordneten hatte Hasenclever die Aufgabe übernommen, die verschiedenen Machwerke zu widerlegen. Was wir an seiner Rede auszusetzen haben, haben wir in unserem heutigen Leitartikel bereits dargelegt, im Uebrigen erfüllte dieselbe ihren Zweck, die Brutalität, mit welcher die Polizei in Deutschland verfährt, zu geißeln und nachzu- weisen, wie wenig alle Willkürmaßregeln gegen die Sozialdemokratie aus- zurichten vermocht haben und ausrichten werden. Wir kommen auf die Ausführungen Hascnklever's noch zurück, sobald wir den stenographischen Bericht in Händen haben. Die Antwort P u l t k a m e r's war, wie immer, äußerst matt und dürstig. Auf die Vorlesungen aus den sozialistischen Zeitungen, welche das Fiasko seiner letzten Rede über da« Sozialistengesetz wenigstens einigermaßen verdeckten, verzichtete Herr Pultkamer diesmal aus gutem Feuilleton. ZHe Abschaffung des Staates. Als nothwendige Konsequenz der Thatsache, daß der Staat nur existirt durch den Gegensatz zwischen der herrschenden und beherrschten Klasse, erscheint es, daß die erste Thal der kommenden Revolution,*) welche die Klassenunterschiede aufheben will, die Abschaffung des Staate« sei. Dies war auch die Ansicht BakuninS.„Die Revolution, wie wir sie verstehen", sagt er,„muß vom ersten Tage an radikal und vollständig den Staat und alle StaatScinrichtungen vernichten..... Wir sind die natürlichen Feinde dieser Revolutionäre— der Zukunftsdiktatoren, Gesetzgeber und Vormünder der Revolution— die, bevor noch die gegenwärtigen monarchischen, aristokratischen und Bourgeoisstaaten zerstört sind, bereit? an die Schöpfung neuer revolutionärer Staaten denken, Staaten, die ebenso zentralisirend und noch despotischer, als die heute exislirenden Staaten sind tc." Der Anarchist wird also, sobald die Revolution losbricht, die Abschaf- sung des Staates dekretiren, und, vorausgesetzt, daß er mehr Glück hat, als Bakunin am 28. September 1879 in Lyon, den Staat mit seinen Machtmitteln, Armee, Bureaukralie, Polizei»c. vernichten, und es hierauf jedem einzelnen Individuum überlassen, den Uebergang von der alten in die neue Gesellschaft so gut zu bewerkstelligen, als es eben kann. Was wird nun geschehen? Der Einfluß der Revolution wird sich natürlich im gegebenen Falle, wo ihr keine Machtmittel zu Gebote stehen, keine Armee, leine Bureau- kratie, keine Polizei, nur so weit erstrecken können, als die Revolution selbst. Jedes Land hat aber seine VenSee, sein Tirol, sein Pommern. Dort bleibt die staatliche Organisation bestehen, dort findet die Kontre- revolution einen festen Stützpunkt, indeß die Revolution Alles ausbietet, sich selbst zu desorganisiren. Die treuen Pommern, Tiroler und Vendeer rücken in geschlossenen *) Unter Revolution hier jede Gelegenheit verstanden, die uns an's „Ruder" bringt. Grunde— die Wirkung nach Außen war just das Gegentheil von Dem gewesen, was mit der Veröffentlichung der„umstürzlerischen" Artikel be- absichtigt war— nur eine Stelle aus unserem Artikel über die Tödtung des Leuteschinders S o t h e n mußte als Zeichen der Verworfenheit unserer Gesinnung herhalten. Herr Puttkamer hatte die Unverschämtheit, unseren Abgeordneten zuzumuthen,„solche Ergüsse ausdrücklich zu des- avouiren"— wir bedauern es lebhaft, daß die nachfolgenden Redner es nicht sür nöthig gehalten haben, die passende Antwort aus diese Unver- schämtheit zu ertheilen. Nach dem preußischen Junker der sächsische Bureaukrat, nach Puttkamer Herr v. N o st i z- W a l l w i tz, der es versuchte, die wuchtigen Hiebe, welche ihm Bebel im sächsischen Landtage versetzt hatte, nunmehr im Reichstage(in Abwesenheit Bebel'«) zu pariren. Der biedere Sachse that sich aus die„sächsische Gemüthlichkeit" viel zu Gute; nach seiner Darstelluug herrscht in Sachsen die reme Liebe und Güte. Die Arbeiter in Dresden, im Erzgebirge k. können von dieser Liebe und Güte ein Liedchen singen. Aus reiner Liebe und Güte sind die sozialisti- schen Arbeiter aus den Staatswerkstätlen entlassen worden, aus reiner Liebe und Güte schmachten die Opfer des 27. Oktober im Gesängniß. . Für die Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Leipzig mußte Bebel'« Rede vom 31. März herhalten. Sehr ängstlich suchte Herr von N ostiz über den Vorhalt, die sächsische Regierung habe den Belage- rungszustand über Leipzig nur aus den Druck von Preußen hin verhängt, um der Annexion zu entgehen, hinwegzugleiten. Dabei stolperte er aber mit dem Eingeständniß heraus, daß es„im Interesse des Ansehens de« Gesetzes liege, daß die Regierungen unter sich in Bernehmen treten", wer bei diesem„Vernehmen" den Ausschlag gibt, liegt aus der Hand. Daß es aber absolut keiner Pression bedurste, suchte Herr Nostiz mit der Erklärung zu beweisen: „Aber wenn ich die Wahl hätte zwischen der sozialistischen Re- publik und dem religiösen Atheismus einerseits und der Annexion anderseits, so würde ich diese vorziehen." Das glauben wir ihnen gern, Herr Nostiz. Aber wie fatal sür Sie, daß Sie diese Wahl nicht mehr haben! Sie werden nämlich annektirt werden und trotzdem die sozialistische Republik nicht verhindern. Da hört aber wirklich die Gemüthlichkeet uf, Gott Strambach! In seiner Rede hatte Hasenklever u. A. die Feigheit der liberalen Presse gerügt, welche die Aufnahme von nicht verbotenen Aufrusen zu Sammlungen für die Familien der Ausgewiesenen verweigerte. Der Fortschrittler H ä n e l wurde ob dieses Vorwurfe» so ausgebracht, daß er unserem Genossen das Wort:„Unverschämt" cntgegenrief, und Herr Sonnemann sekundirte ihm mit der charakteristischen Frage: „Von wem haben Sie die Beiträge bekommen?" Die Herren hatten bekanntlich, als der Belagerungszustand über Berlin verhängt worden war, sich freiwillig zu Unterstützungen angeboten und an F r i tz s ch e, der damals die Sammlungen betrieb, auch Beiträge entrichtet. Wie man sieht, war das in der edlen Absicht geschehen, sich dadurch von ihren politischen Verpflichtungen freizukaufen. Mit den„milden Spenden" be- mäntellen sie ihre politische Feigkeit. Es entspricht das übrigens voll- ständig den Grundsätzen des Liberalismus. Auch den staatssozialistischen Projekten gegenüber kennt er nur die Phrase, man dürfe dem Arbeiter nicht von einem Rechte auf Unterstützung sprechen, die Wohlthätigkeit müsse eine freiwillige sein. Was Herr Häuel sonst gegen die Handhabung des Sozialistengesetzes vorbrachte, wax mehr wie matt, Herr Laster, sonst bekanntlich nicht unser Freund, zog viel energischer gegen Herrn Puttkamer zu Felde.und setzte denselben in Bezug auf die Konfiszirung von Stimmzetteln und Wahlanzeigen ganz gehörig aus den Sand. Nach Puttkamer sprach von unserer Seite Blas. Mit Ausnabme der in unserem Leitartikel gerügten Stelle haben wir an seinen Aussühr- ungen nichts auszusetzen. Dieselben bestanden in dem Hinweis aus die absolute Wirkungslosigkeit aller gegen uns unternommenen Maßregeln. Da Herr Puttkamer auch den Leipziger Hochverrathsprozeß gegen uns auszuspielen versucht hatte, so nahm sich Genosse F r o h m e nun- mehr diesen beim Wickel und kennzeichnete die Manöver von Polizei und Richterthum bei der Konstruirung dieses Monstreprozesses mit scharfen Worten. Die Zeitungen gehen über Frohme'S Rede sehr kurz hinweg; daß dieselbe aber eingeschlagen hat, geht aus der sehr gereizten Antwort Puttkamer'« hervor. Die Mohrenwäsche, welche der Vizebismarck an dem edlen Rumps vorzunehmen versuchte, mißlang kläglich. Ob die Herren Reichsgericht«- räthe bei der Gelegenheit ihr Theil abbekommen haben, ist aus den Zei- tungsberichten gleichfalls nicht zu ersehen. Als Genosse Stolle sprach, vollführten die Herren Reichsboten einen Heidenlärm, so daß von seinen Anssührungen kein Wort an die Oeffentlichkeit gedrungen ist. Im Ganzen ist die Debatte sozialistischerseit« unserer Meinung nach nicht so geführt worden, wie es die Situation ersorderte. Es ist das wohl aus dem Umstand zurückzuführen, daß eigentlich Liebknecht von der Fraktion bestimmt worden war, neben Hasenklever den Kamps zu führen. Unglücklicherweise hatte nun Liebknecht, der jetzt abwechselnd in Berlin und Dresden(in der sächsischen Kammer) und aus einem Dorfe zwischen Dresden und Leipzig sich aushält, nicht rechtzeitig von der Festsetzung der Debatte aus den 9. November unterrichtet werden kön- nen und mußten daher die obengenannten Genossen, ohne mit dem ge- hörigen Material versehen zu sein, in die Bresche springen. Immerhin ist das Sündenregister, welches unfern Gegnern vorgehalten wurde, ein so großes, ihre Vertheidigung dagegen eine so hinfällige gewesen, daß der moralische Sieg trotzdem unzweiselhaft auf unserer Seite ist, denn die Thatsache ist von allen Seiten festgestellt worden, daß die deutsche Sozialdemokratie allen Verfolgungen ungeachtet noch ungebrochen dasteht. Massen au, eine„freie" Gruppe und Kommune nach der anderen ver- nichtend. Und zugleich erheben sich die Anhänger des gestürzten Systems und organisiren die Reaktion im Bereiche der Revolution. Was lhun? Man organisirt eilends, was man zerstört, eine Armee gegen den äußeren Feind, eine Polizei gegen den inneren und eine Bureaukralie, um die Mittel zur Erhaltung dieser beiden aufzubringen, man setzt einen Wohlfahrtsausschuß, oder wie mau das Ding heißen mag, also eine Regierung ein, kurz man lhut Alles, was eine herrschende Klasse thut, um ihre Herrschaft aufrecht zu halten und— der Staat ist wieder da. Wenn die erste That derRevolution darin bestände, den Staat zu vernichten, so würde ihre zweite im Interesse ihrer Selbsterhaltung darin bestehen müssen, den Staat wieder auszurichten. Nehmen wir an, ein Freischaarenkorps habe Alles, was es brauche, um siegreich zu sein, nur keine Artillerie. Endlich gelingt es, nach rie- sigen Verlusten, eine Batterie zu erobern. Was thut man? Anstatt die Kanonen umzudrehen und gegen den Feind zu richten, vernagelt man sie— damit sieNiemandem mehr schaden können! Diese vernagelte Logik ist Anarchistenlogik. Die proletarische Revolution wird nicht erst dann siegreich sein, wenn alle anderen Klassen neben dem Proletariat verschwunden sind und in Folge der Attraktionskrast der Kapitalien dem(zesammten Proletariat nur mehr ein einziger Kapitalist gegenübersteht, diese Revolution wird viel- mehr eintreten, sobald das Proletariat vermöge seines Opfermuthes, seiner Begeisterung, seiner Organisation und Disziplin das Uebergewicht über die andern Klassen erhält. Der Sieg des Proletariats involvirt noch nicht da« Verschwinden aller Klassengegensätze. Die kam- mende Revolution wird vorerst das Proletariat nicht zur einzigen, sondern zur herrschenden Klasse erheben; der Gegensatz zwischen Herrschern und Beherrschten wird bleiben, und daher wird das Prole- tariat auch eine Regierung nothwendig haben, welche als Werkzeug der herrschenden Klasse die beherrschten mir allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln im Zaume hält. — Klassenjustiz. Unsere„B e r u f S r i ch t e r" wetteifern mit den Bourgeois-Geschworenen, den Beweis zu liesern, daß die „Justiz" in Prozessen, welche das politische und soziale Gebiet berühren,! zu einem Mittel der Klassenherrschaft, zu einem Werkzeug brutalster Unterdrückung geworden ist. Das vorige Mal hatten wir das infame Verdikt der Dresdener Geschworenen— heute haben wir das infame Er- kennmiß des Reichsgerichts in dem„Hochverrathsprozeß" gegen Bünger! Ein„Hochverrathsprozeß"! Ter neueste ist fast noch skandalöser als der erste. Das Ankleben eines Flugblattes— denn um Weiteres handelt es sich selbst nach der Anklage nicht— soll Hochverrath sein! Das ist ja ein geradezu schamloses Attentat auf den gesunden Menschenverstand.! Im ersten Prozeß hatte man wenigstens die, freilich nebelhaften und vom Jnquifitionsrichter zurechtgemachten„Gruppen"; h i e r liegt aber absolut gar nichts vor, mit Ausnahme der Anklebung des Plakat«. Was auf dem Plakat gestanden, ist sehr gleichgiltig— mag der In- l halt noch so polternd, noch so„revolutionär" gewesen sein— allein wo steckt der„Hochverrath", wo kann er stecken.? Bei Hochverrath, soweit dieser Begriff überhaupt einer Definition fähig ist, muß eine konkrete, bestimmte That vorhanden oder beabsichtigt sein— die a l l g e m e i n e Aufforderung zum Sturz der Staatsgewall ec., die allgemeine Be- fürworMng der Revolution mag alles Mögliche sein, nur ist es kein Hochverrath. Hat also das Reichsgericht durch seine Verurtheilung des Bünger der Rechtswissenschaft in's Gesicht geschlagen, so hat es durch das Urtheil selbst auch die einfachsten Forderungen der Humanität und Ge- rechtigkeit schamlos mit Füßen getreten, indem es ans die unerhörte Strafe von drei Jahren Zuchthaus erkannte. Von der exorbitanten Höhe der Strafe sei hier gar nicht geredet. Aber Zuchthaus! Das heißt Ehrloserklärung. Denke man von Bünger was man wolle, wer hat ein Recht, ihm ehrlose Ge- j s i n n u n g zuzuschreiben? Da» angeklebte Flugblatt mag noch so albern, noch so geschmacklos, unseretwegen noch so roh gewesen sein— war das Ankleben eine ehrlose Handlung? Ist es nicht ganz willkürlich, vorauszusetzen, Bünger sei von anderen, als von ehrenhasten Motiven beseelt gewesen? Ist es denn etwa unnatürlich, daß ein Proletarier über die heutige Weltordnung empört ist und seiner Empörung in leiden- schaftlicher Weise Ausdruck gibt? Wir sollten meinen, das Gegen- theil sei unnatürlich. Die Ehrloserklärnng Bünger'« fällt auf das Reichsgericht zurück. Das Reichsgericht hat seine eigene Ehrloserklärung beschlossen. Nicht Bünger ist ehrlos, sondern das Reichsgericht. Jeder Mann von Ehre wird uns hierin beistimmen. Es zeugt von niederträchtiger Gesinnung, wenn man den politischen Gegtier, weil er Gegner ist, als ehrlos hin- stellt. Und wenn der oberste Gerichtshof des Landes, der vor Allem ein Hort des Rechts und der Gerechtigkeit sein sollte, dies thut, dann ist e« der Gipfel der Niedertracht. Das deutsche Reichsgericht scheint es wirklich daraus abgesehen zu haben, sich moralisch zu diskreditiren und vor Europa und der gebildeten Welt mit Schande zu bedecken. Verwunderlich ist das nicht. Der heutige Staat und die heutige Gesellschaft sind in solchem Widerspruch mit den Prinzipien der Gerechtigkeit, daß die„Gerechtigkeit", welche sie unter dem Nanien„Justiz" offiziell proklamircn und ausüben, das diametrale Gegen- theil der wahren Gerechtigkeit sein muß. Die Regierungen sind sich dessen auch vollkommen bewußt, und wo sich irgend ein Jurist findet, der durch Scrvilität uud Gemeinheit(Advokatur des Prügels durch einen Mittelstadt ec.) über das Gros seiner Kollegen hervorragt, so wird er an's— Reichsgericht berufen. Das Reichsgericht wurde bekanntlich nach Leipzig verlegt, um dem Einstuß der Berliner Hof- und Kriminalluft entrückt zu sein. Nun, diese Verlegung war eine höchst überflüssige Mühe. Die korrupte Lust der Höfe und Kabincte verpestet das ganze Reich und ist in der großen Seestadt Leipzig genau ebenso giftig uud übel- riechend wie in der Reichshauptstadt Berlin. Deshalb werden Diejenigen, welche die Uebersiedelung des Reichsgerichts nach Berlin fordern, auch schwerlich aus viel Widerstand stoßen. Schuftigere Hochverrathsprozesse, als die beiden, welche es bisher vei handelt hat, bringt da» Reichsgericht auch in Berlin, an der Quelle der Korruption, in der unmittelbarsten Nähe des Herrn Bismarck, nicht zu Stande. Das steht fest. — Preußisches au« Baden. G'nosse D. Lehmann in Pforzheim ist wegen angeblicher Verbreitung sozialistischer Flug- schriften am 19. Dezember zu fünf Monaten Gesängniß ver- urcheilt worden. Neber die fortgesetzte Infamie, mit welcher das Ord- nungsbanditenthum in Pforzheim gegen unfern Genossen vorgegangen ist, um ihn materiell zu Grunde zn richten, werden wir, sobald es der Raum unseres Blattes gestattet, einen eingehenden Bericht veröffentlichen. Er wird einen drastischen Beitrag zu dem Thema,„wie man den kleinen Belagerungszustand unnöthig macht", liefern. — Mit der Firma„A. Herker, Riesbach Zürich" war in Pirna (Sachsen) ein W a h l s l u g b l a t t gedruckt, welche« zur Wahl Bebels iu Dresden aufforderte und seinem Inhalt nach gesetzlich unangressbar* war. Die Regierung war nichtsdestoweniger oder vielmehr gerade des- halb sehr entrüstet, denn ihre Handlanger haben mit großer Müh« und mit den abgefeimtesten Spitzbübereien die Buchdruckerei von Zumbusch in Dresden zu Grunde gerichtet, damit keine Wahlaufrufe gedruckt werden können, und nun findet sich doch ein Geschäftsmann, der vie Sozial- demokraten für Geld bedient! Das verdiente Rache. Der Buchdrucker wurde dem Dresdner Landgericht zum Fräße vorgeworsen und es kühlte an ihm sein Müthchen, indem es ihn wegen der falschen Firma zu d r e i Monaten Gesängniß verurtheilte, während sonst iu gleichen Fällen stets nur aus 19 Mk. Geldstrafe erkannt wurde. Aus solche Weise Dies mag sehr undemokratisch klingen, aber die Nothwendigkeit wird uns dazu zwingen. Da» industrielle Proletariat als herrschende Klasse ist aber ein Wider- spruch, der selbst zu seiner Auslösung drängt. Das siegreich« Proletariat kann nur zweierlei thuu: cnttveder es eignet sich die Kapitalien an uud macht die bisher herrschenden Klassen zu seinen Knechten: dies wird von gelehrten und ungelehrten Eseln als das Ziel unserer Bewegung hin- gestellt, obgleich schon die geringe Zahl der Besitzenden im Vergleich zu der der Besitzlosen da« Absurde einer solchen Behauptung darlegen sollte. Die Unmöglichkeit dieses uns von unsern Gegnern untergeschobene» Zieles braucht hier wohl nicht weiter ausgeführt zu werden. Ist aber I die» unmöglich, so kann das siegreiche Proletariat seine Macht als Herr- schende Klasse nurdazubenuvcn.dieKlassenunter schiede möglichst rasch zu beseitigen. Ein- revolutionäre proletarische Regierung kann in ihrem Borgehen den anderen Klassen gegenüber also nur einen Zielpunkt haben■ den,' die- selben nicht zu knechten, sondern auszulösen. Die Klassen, deren\ Interessen denen de« Proletariats diametral entgegenlaufen das große Kapital und der große Grundbesitz, werden direkt vernichtet, d. h. ihr Besitz umiitttelbar zum Eigenthum der Gcsammtheil gemacht werden müssen, was auch ohne Köpsen der Besitzer möglich ist, da der Besitz die angenehm c Eigenschaft hat, mit der Person de« Besitzenden nicht un- zcrtrennlich verbunden zu sein. Mit dem kleinen Grundbesitz und dem kleinen Kapital wird man verfahren, je nachdem sie sich zu uns stellen, wahrscheinlich durch einen Kompromiß ihre Aufsaugung durch die Herr- schende Klasse anbahnen. Dieß wird die Ausgabe der revolutionären Regierung sein, welche sie erforderlichenialls wird mit Gewalt durchsetzen müssen. Daß diese Aus- gäbe nicht mit einem Schlag« gelöst werden kann, daß die Mittel zn ihrer Durchführung je nach den politischen, sozial n und technischen Ver- hällnissen wechseln müssen, ist klar. Wie aber auch immer diese Ver- Hältnisse sich gestalten mögen, eines ist sicher: Die Interessen des Prole- lariats ersordern es, daß es so schnell als möglich die anderen Klassen aussauge. Je länger da« Proletariat herrschende Klasse \j}' d est o weniger wird es herrschende Klasse sein, bis schlieylich alle Klassenunterschiede verschwunden sind. will man verhindern, daß sich nach Jemand findet, der für uns druckt, während man froh sein sollte, daß wir unsere Lettern noch immer nicht in Kugeln umgießen. — In Dresden und Chemnitz fanden dieser Tage die Stadt« verordnetenwahlen statt. Das städtische Wahlrecht sorgt selbst- verständlich dafür, daß fast nur Vollblut-Philister sich bethciligen dürfen bei der Wahl der Gemeindevertreter. Dennoch hatten unsere Chemnitzer Genossen eine Wahlliste aufgestellt und dieselbe hat trotz aller Klauseln und Beschränkungen des Wahlrecht« 750 Stimmen erhalten, während wir es in früheren Jahren, vor dem Sozialistengesetz, dort bei diesen Wahlen höchstens auf 200— 300 Stimmen bringen konnten. Das ist ein neuer Schlag gegen das Sozialistengesetz. In Dresden war unsererseits von Betheiligung an der Stadtver- ordnetenwahl abgesehen worden, da jeder positive Erfolg ausgeschlossen erschien. Die Dresdner Philister waren also unter sich. Und was thalen sie? Sie wählten neben einer Anzahl von Ihresgleichen auch den Staatsanwalt Lufst, den großen Sozialistensresser, und den Land« gerichtsdirektor Wengler, also zwei echte Blüthen der sächsischen Justiz, in das Kollegium. Staatsanwalt L u s f t ist derselbe, der den Genossen Kayser durch eine erlogene, völlig aus der Lust gegrissene Anklage vorigen Sommer ins Gejängniß brachte. Er log nämlich den Richtern vor, Kayser habe dürch Herausgabe einer Nummer des„Deutschen Tageblatt" die ver- botene„Dresdner Abendzeitung" sortgesetzt. Nach monatelanger Unter- suchung stellte sich heraus, daß ein solches„Deutsches Tageblatt" nie- mal« gedruckt worden und niemals erschienen war, und daß zwar ein„Dresdner Tageblatt" herauskommen sollte, aber diese« Projekt noch so fern von der Ausführung war, daß der Staatsanwalt mit dem besten Willen den Titel nicht erfahren konnte. Und er klagte an, daß das Blatt erschienen sei, blas um die Entsernung Kayser's von der Landtagswahlagitation zu bewirken. Und diesen Lügner wählt man als Stadtverordneten! — Noch einige„Pyrrhussieg e". In Sorau-Forst ist bei der Nachwahl unsere Stimmenzahl von 2050 auf 2381 gestiegen, in Iserlohn, wo wir bei der Hauptwahl noch nicht 200 Stimmen aus- zuweisen hatten, erhielt bei der Nachwahl Genosse Oppenheimer über 430 Stimmen. Das ist für einen so industriellen Kreis zwar nicht viel, aber es zeigt doch die erhöhte Stimmung unter den Genossen an. — Die Wahlakten des vierten Berliner Wahl- kre ises sind von unseren Abgeordneten geprüft worden. Da« Ergebniß ist: unter den für ungültig erklärten Stimmzetteln befinden sich etwa dreißig, die Bebel's Namen enthalten, und nach dem Wahlgesetz, sowie nach der srllheren Praxis des Reichstages für güllig erklärt werden müssen. Es befinden sich auf der anderen Seite unter den ungültig er- klärten Stimmzetteln aber auch mehrere sür Träger, die ans dem gleichen Grunde sür gültig erklärt werden müssen. Durch die Giltigerklärung der mit Unrecht kassirten Stimmzettel wird also die Differenz von 51 zwischen Bebel'« und Träger'« Stimmenzahl nicht ausgeglichen, und sür Bebel nicht eine Majorität«eschaffl. Ob sonstige Unregelmäßig- leiten, deren der Wahlprotest erwähnt, von so erheblicher Natur sind, daß sie zur U n g i l t i g k e i t s e r k l ä r u n g der Wahl führen müssen, muß erst untersucht werden. Unter solchen Umständen ist an die Ein- berusung Bebel's an Stelle Träger'« nicht zu denken und zunächst nur eine Beanstandung der Wahl im vierten Berliner Wahlkreis zu erwarten. Eine Beanstandung hat aber für den betroffenen Abgeordneten bis zur definitiven Beschlußfassung, die sich bis zum Ende der Legislaturperiode hinausziehen kann, absolut keine Folgen. — Die Nachwahl in Mainz ist sür uns anscheinend nicht sehr günstig ausgesallen, Genosse Bebel kommt mit dem Fortschrittler Philipp« in Stichwahl. Ersterer erhielt 5503, Letzterer«1485 Stim- men, der ultramontane Kandidat Frank 4304 Stimmen. Die national- liberal-sortschrittlich-volksparteiliche Kliqne ist uns diesmal im Vorsprung, indeß war ihre Agitationsweise eine so gemeine, daß die stark demokratisch gesinnten Mainzer Katholiken bei der Stichwahl schwerlich für die Herren in« Feuer gehen werden. Eine der gemeinsten Jntriguen dieser unter der Protektion des Herrn Sonnemann stehenden Klique war das Arrangement der angeblich von den Sozialisten gesprengten Wähler- Versammlung vom 4. Dezember. Der Saal, in welchem diese Bersamm- lung stattsand, ist Eigenthnm der Stadt Mainz und wird nur zu allge- meinen, nicht aber zu P a r t e i Versammlungen hergegeben, in Folge dessen halten sich unsere Genossen sehr zahlreich eingefunden, wie ja die sozialistischen Arbeiter überhaupt zehnmal mehr Interesse und Verständniß für das politische Leben haben als die Bourgeoisie. Die Versammlung war auf 2 Uhr Nachmittags einberujen, da der-Saal nicht beleuchtet wird, mußte sie also bei Eintritt der Dunkelheit, d. h. in der jetzigen Jahreszeit um 4 Uhr ungefähr, geschlossen werden. Daraus spekulirte nun die saubere Gesellschast und zog die Eröffnung so lange als nur möglich hinaus. P h i l i p P«' Kandidatenrede wurde von der Versammlung durchaus ruhig entgegengenommen, denn die Sozialisten, welche ihre Pappenheimer kennen, halten ausdrücklich sich da« Wort gegeben, auch nicht den Schein einer Störung auskommen zu lassen. Träger, der nach Philipps sprach, manifestirte aber so offen das Bestreben, die Versammlung hinzuziehen, indem er immer wieder von Neuem ausholte, daß schließlich seine eigenen Leute ungeduldig wurden. Als es endlich schien, daß er schließen wollte, stieg Bebel auf das Bureau und meldete sich zum Wort. Kaum war Bebel wieder herunter, so stand ein Herr vom Bureau aus, flüsterte Herrn Träger leise in'« Ohr und— dieser sing wieder von vornean. Die Absicht lag zu klar am Tage, Je mehr aber die Klassenunterschiede verschwinden, desto mehr schwindet auch die Macht der Regierung; sobald keine Klassengegensätze mehr existiren, ist auch die Regierung verschwunden und an ihre Stelle eine Verwaltung getreten. D i e ganze Thätigkeit einer prole- tarischenRegierungmuß daraushin zielen, sich selbst immer entbehrlicher zu machen. Gar Mancher hat freilich Angst vor einer solchen Regierung, welche dem„Volke" gegenüber ihre Macht ebenso mißbrauchen könnte, wie es alle andern bisher gethan." Möge sich die„Autorität" revolutionäre Diktatur nennen oder„Kirche, Monarchie, konstitutioneller Staat oder Bourgeoisrepublik"...„wir verabscheuen und verwerfen sie aus gleichem Grunde— als unfehlbare Quellen der Ausbeutung und des Despotismus." Diese Anschauung kann nur dort festen Fuß fassen, wo die irrige Ansicht herrscht, der Staat beruhe auf dem Gegensatz zwischen„Volk" und Regierung, einer Regierung, welche ganz wunderbare mystische Kräste besitzt, und einem Volke, welches ganz unglaublich seig und dumm ist, um sich von diesem geheimnißvollen Wesen Regierung knechten zu lassen. Wir wissen aber, daß die Regierungen ihren Stützpunkt in den herrschenden Klassen haben, als deren Werkzeuge sie dienen,- weshalb sie auch, nebenbei erwähnt, durchaus nicht so leicht zu stürzen sind, als Mancher glaubt; uur dort, wo mehrere herrschende Klassen nebeneinander «Pistiren, von denen keine stark genug ist, sür sich allein zu herrschen, kann die Regierung durch eine kluge Schaukelpolitik jeder derselben eine gewisse Autorität entgegensetzen, so lange sie die gemeinsamen Interessen der Herrschenden nicht außer Acht läßt. Eine Rasse oder Klasse dagegen, welche eben die Herrschast errungen hat, welche in ihrer vollen Jugendkrast dasteht, läßt eine solche Autorität nie aufkommen, bie Regierung bleibt stets ihr ergebenes Werkzeug. Die Furcht vor der Autori'ät ist ein Zeichen der Schwäche, sie Zeigt sich nur bei Klassen, welche fühlen, daß sie zur Herrschaft nicht wehr sähig sind. Wo die sozialistische Bewegung sich aus der Arbeiter- vewegung entwickelt hat, finden wir auch keine Spur der Furcht vor der Autorität. In lächerlichem Maße macht sie sich dagegen dort breit, wo als daß die Masse der Versammelten— die Mainzer sind ohnehin ein heißblütig Volk— nicht die Geduld hätten verlieren müssen, und ver- schiedene Schlußruse ertönten. Die Führer der Liberalen riefen„Weiter- reden", was ein kleines Durcheinander zur Folge hatte, welches indeß durchaus keine außergewöhnliche Dimensionen annahm. Herr Träger sprach weiter, die Versammelten hörten aber nicht mehr zu, sondern fingen an, leise mit einander zu dispuliren— so wurde Bebel von einigen Libe- ralen, die neben ihm saßen, interpellirt, als Plötzlich zu allgemeiner lieber- raschung der Ruf ertönte: Die Versammlung ist geschlossen! Die Libe- ralen halten ihr Ziel erreicht, ihre Redner hatten gesprochen, Bebel war nicht zur Antwort gekommen, und sie konnten durch die ihnen zur Ver- fügung stehende Presse— die saubcreFrankfurterinvoran— von Vergewaltigung durch die Sozialisten schreien, d. h. den Sachverhalt verdrehen, worin die Herren bekanntlich Meister sind. Und nun ging das Verläumden los, nach der bekannten Erfahrung, daß immer etwas hängen bleibt. Das ist der„loyale" Kampf der fortschrittlichen volkspar- teilichen Biedermänner, die mit der Versicherung, daß es unehrenhaft sei, Wehrlose anzugreisen, ihre Bauernsängerrede beginnen, um dann mit der Geschicklichkeit eines Basilio zu verdächtigen, zu verleumden und zu be- schimpfen. Ein Pfui über diese Gesellschaft! — Aus Oesterreich. U e b e r achthundert Menschen verbrannt, da« ist die Ichreckensnachricht, welche uns aus dem Lande der Korruption zugeht. Von einem„Unglück" kann man bei dem Brande des Wiener Ringtheaters nicht mehr reden, hier liegt ein Ver- brechen vor, wie es nur je eines gegeben hat, und wie der Massen- mord in der heutigen überaus moralischen Gesellschaft stets straflos ist, so werden auch diesmal die Verbrecher, welche den grausigen Tod auf dem Gewissen haben, straflos ausgehen; denn sie gehören ja nicht dem niederen Volke an, es sind Mitglieder der„guten", der „besseren" Gesellschaft, welche da» herzbrechende Elend verschuldet haben, es ist vor Allem die heilige Polizei, die stets bei der Hand ist, Staat und Gesellschaft da zu retten, wo sie die Rechte des Volkes mit Füßen treten kann, die aber ihre ganze Unfähigkeit und Kopflosigkeit an den Tag legt, wo es gilt, wirklich zu retten und Unheil zu verhüten. Und da« Unheil konnte verhütet, konnte auf den bloßen Verlust von Sachen reduzirt werden, wenn die Herren von der Polizei, die Herren Sach- verständigen ihre Schuldigkeit gethan hätten. Die Feuergefährlichkeit des Ringtheaters war bekannt, die Versicherungsgesellschaften hatten die Ver- sicherung des Inventars rundweg abgelehnt; die Baubehörden hatten es aber nicht für nölhig erachtet, in dem der Gründerzeit entsprossenen Gebäude die unerläßlichen Aenderungen vorzuschreiben. Hunderte hätten sich retten können, wenn die Ausgänge aus den Gallerien— wer denkt auch an das Gallericpublikum!— wo die Plätze am engsten, der An- drang daher am stärksten ist, nicht über alle Begriffe mangelhaft gewesen wären, ebensoviele gerettet werden können, wenn die ganze Weisheit der Polizei im entscheidenden Moment sich nicht lediglich darauf beschränkt hätte, unter dem Vorwande,„es ist Niemand mehr drinnen", diejenigen, welche retten wollten, zurückzuhalten, während drinnen die Roth am größten war. Die Herren Polizisten, welche amtlich im Theater waren, hatten es ja auch nicht der Mühe sür Werth gehalten, nach den Roth- lampen zu sehen! Mit einem Wort, wo so leichtfertig und sorglos das Leben vielen Hunderten preisgegeben wird, da ist es nicht erlaubt, von Unglück zu reden, da gibt es nur ein Wort: V e r b r e ch.e n! Jetzt wird aller Orten für die Hinterbliebenen der armen Opfer ge- sammelt, das Mitleid wird angerufen, manches materielle Elend wird gelindert werden, die gerechte Entrüstung aber, welcher anfangs allgemein Ausdruck gegeben wurde, wird verrauchen, die alte Wirthschaft wird nach kurzer Unterbrechung von Neuem beginnen, die Polizei wird wieder heilig und unantastbar erklärt werden und es als ihre Hauptmission betrachten, den freien Gedanken zu unterdrücken, die unabhängige Kritik der sozialen Schäden unmöglich zu machen, aus daß unsere herrliche Gesellschaftsordnung um keinen Preis erschüttert werde. Der Wiener Polizeipräsident, Ritter von Marx, ist ans Urlaub gegangen. Man mußte doch dem Unwillen des Volkes eine Konzession machen. — Ans Ungarn wird gemeldet, daß der radikale Deputirte Otto H e r r m a n n bei der Debatte Uber den Auslieferungsvertrag mit Serbien mannhast sür das Recht der unterdrückten Völker eingetreten sei, sich ihrer Tyrannen, wenn nöthig, mit Gewalt zn entledigen. In Zeiten, wo es Mode wird, ohne Roth Loyalität zu heucheln, ist so etwas sehr aiizuerkenneii. — Russisch-Irisches aus der„freien"Schweiz.„In der hiesigen Maschinenbauanstalt„zur Neumühle" gährt es unter den Arbei- lern", konnte man vor wenigen Tagen in der Züricher Lokalpresse lesen, es habe» Ansammlungen vor dem Fabrikgebäude stattgesunden und Droh- rufe gegen den Direktor der Fabrik wurden ausgestoßen. Die liberal- konservative Presse sügte noch einige Bemerkungen über die„übertriebenen Klagen der Arbeiter" hinzu, die demokratische schwieg. Ein Freund unseres Blattes nun hat am letzten Sonntag eine Privatenquete bei den Arbeitern des„weltberühmten" Institute«— Escher, Wyß und Kompagnie ist die Firma— nnternommcn, und die Thatsachen, welche er da zu hören bekam, sind allerdings geeignet, das lammfrommste Gemüth in Gährung zu versetzen. Die Lage der Arbeiter in dieser Musteranstall war nie eine besonders glänzende, als ein Beispiel, mit welcher Rücksichtslosigkeit gegen dieselben vorgegangen wird, mag die Thatsache dienen, daß man vor 4 Jahren die Vorsenster als ein überflüssige« Möbel verkaufte. Neuerdings scheint man auch die Heizung für überflüssig zu halten, denn schon zu Ansang die sozialistisch- Bewegung eine Fortsetzung des bürgerlichen Radikalismus bildet. Die Bourgeoisie hat allerdings Grund genug, die Autorität zu fürchten. Tie deutsche Sozialdemokratie zeigt deutlich, daß die Arbeiterklasse ihre „Führer" blo« als ihre Werkzeuge betrachtet. Den anderen Klassen gegenüber können sie mit der ganzen Wucht austreten, welche die orga nisirte Arbeiterklasse besitzt; innerhalb der Partei gilt ihre Autorität nür so lange, als sie den Willen derselben verstehen und zum Ausdrucke bringe». Wer behauptet, die„Führer" seien e«, welche die deutschen Arbeiter auf„falsche" Bahne» leiten— in zu„gesetzliche" oder zu„ungesetzliche" der spricht von Dingen, die er nicht versteht, oder er ist ein Schurke. Vom„Verführen" der armen„bethörten" Massen durch arglistige„Auto- ritäten" zu reden, die von den„Arbeitergroschcn" leben, ist eine echte Bourgeoisphrase, möge sie auch von noch so weit link« Stehenden nach- geplappert werden. Noch blödsinniger als die Angst vor der Autorität einer„Regierung" ist die Angst vor einer geistigen„Autorität", vor der Herrschaft des Genies. Daß das Genie einen Einfluß ausübt, welcher über den Ein- fluß gewöhnlicher Menschen hinausreicht, ist unleugbar, aber es ist ein grobe» Mißvcrständniß, wenn nicht schlimmeres, diesen Einfluß des Genie? gleichzusetzen dem Einflüsse einer kirchlichen Autorität, da« Genie mit dem Titel eines Papstes zu beehren. Bor der kirchlichen Autorität beugt sich der Mensch um so mehr, je unwissender er ist, wohingegen das Genie aui die Ignoranz nicht den mindesten Einfluß übt. Je mehr wir uns entwickeln, je mehr unser Wissen und unsere Krast des selbst- stündigen Denkens steigt, desto mehr sinkt der Einfluß der Kirche aus uns, desto mehr lernen wir das Genie achten und bewundern. Je höher wir selbst stehen, desto höher erscheint uns das Genie. Einen Göthe z. B. bewundern wir umsomehr, je reifer wir selbst werden. Aber diese Hochschätzung des Genie« ist keine sklavische, sondern eine freiwillige, eine freudige und selbstbewußte. Sie beruht nicht aus der Unter- w e r s u n g unter da» Genie, sondern aus der E r k e u n t n i ß desselben. Sein Einfluß wächst mit der sortschreilenden Intelligenz der Völker. Die geistige„Autorität" wird also durch den Sozialismus nicht zurück- g e d r-ä n g t, sondern gefördert; sie ist nicht ein Zeichen des dieses Jahres hatten die Arbeiter Uber Külte in den Arbeitsräumen bitter zu klagen, und Frostbeulen und dergleichen waren nicht Ausnahme, sondern Regel. Freilich, wenn die Herren im Paletot mit aus- gestülptem Kragen die Arbeitssäle betreten, dann spüren sie die Kälte nicht.— Das Fabriksstatut gleicht einem Zuchthausreglement auf ein Haar, es wimmelt darin von Strafen aller Art. Und nur dem Um- stände, daß es bisher in einzelnen Punkten etwas lax gehandhabt wurde, ist es zu verdanken, daß die Arbeiter nicht längst sich gegen das- selbe empört haben. Seitdem aber vor ca. 3 Monaten ein neuer Direktor, ein pensionirter preuß. Marineoffizier, angestellt worden ist, geht das Schuhriegeln doppelt und dreifach los. Den Geist dieses Chikaneurs kennzeichnet die Thatsache, daß eine seiner ersten Maßregeln die Ausdehnung des Rauchverbotes von den Fabrikgebäuden auf den Hofraum war, d. h. den Arbeitern, die sich vor Beginn der Arbeitszeit einstellen, wird es verboten, in der Zwischen- zeit ihre Zigarre oder Pfeife auszurauchen. Dabei ließ es sich der Herr nicht nehmen, in wahrhaft empörender Weise herumzuspioniren, ob auch ja mit dem Glockenschlag das Fabrikthor geschlossen und die Arbeit be- gönnen werde. Die Strafgelder, welche statutengemäß in die Kranken- unterstUtzungskasse fließen sollten, werden zum größten Theil als Schaden- ersatzgelder in die Kasse der Fabrikanten abgesührt, so daß in den letzten 14 Tagen nur 12 Franken in die erstere, dagegen über 80 Franken in die letztere geflossen sind. Die fast aus ein Minimum reduzirten Löhne (für Schlosser oder Dreher schwankt der Lohn zwischen 28 und 40 Cts. [23—32 Pfenniges per Stunde, die bestgestellten Akkordarbeiter stehen sich aus 5— 6 Franken per Tag) erscheinen dem Edlen noch zu hoch, ein Tag- löhner kann mit 1'/, Franken und ein Dreher mit 2'/, Franken ganz gut auskommen, soll er gesagt haben. Dann führte er neue Arbeitsbücher ein, welche das ganze Arbeitspersonal, die Techniker mit inbegriffen, er- bitterten. Als er nun noch, trotz de« flotten Geschäftsganges, eine Lohn- rcduktion von 10 Proz. ankündigte, da stieg die Wuth aus's Aeußerste, die Arbeiter sammelten sich vor dem Gebäude an und verlangten ihn zu sprechen, jetzt hielt er es aber sür gerathener, nicht zu kommen. Wenn das liberale Hauptorgan, die„Neue Züricher Ztg.", neuerdings behauptet, es seien nur„einige" unzufriedene Arbeiter gewesen, so ist das Flunkerei, es waren vielmehr alle Werkstätten vertreten. Der Herr Direktor weiß das auch und führt jetzt beständig Stockdegen und Revolver mit sich.„Aber davor fürchten wir uns ebensowenig als vor den drei Polizisten, die ihn stets begleiten", sagten die Arbeiter zu unserem Gewährsmann,„hinaus muß er!" Kommt es zu irgend welchen Exzessen, so sind die Besitzer der Firma Escher, Wyß u. Cie. selbst Schuld daran, indem sie jede Organisation ihrer Arbeiter verhindert haben. Die Abwiegelungsplakale aber, welche sie jetzt anschlagen, verfehlen ihren Zweck vollständig. — Im Kanton Zürich haben die Mitglieder des Grütlivereins und der sozialdemokratischen Partei der Schweiz nunmehr die Sammlung von Unterschriften zur Bolksiniziative für Reform der zürcherischen Kantonalbank in die Hand genommen. Die Initiative verlangt: 1. Wahl des Bankrathes durch das Volk anstatt wie bisher durch den Kantonsrath. 2. Ausgabe von Hypotheken bankscheinen, durch reale Werthhinderlage gedeckt, in Abschnitten von 100, 500 und 1000 Fr., vorläufig zu Fr. 3,65 vom Hundert verzinslich und unverzinsliche in Abschnitten von 5, 10 und 20 Fr., beide sollen bei den öffentlichen Kassen als obligatorisches Zahlungsmittel angenommen werden. 3. Ausdehnung des Hypothekarkredit« ans Pro- dukte und Waaren— die Kantonalbank hätte je nach Bedürfniß in allen Bezirken Depots zu errichten, Waaren, Produkte, Lebensmittel, Fabrikate bis höchstens zu zwei Drittel des Schatzungswerthe» zu be- lehnen und unter gewissen Bedingungen auch deren Verkauf zu besorgen." Von diesen Forderungen hat namentlich die zweite seitens der in Zürich weilenden deutschen Sozialisten starken Widerspruch erfahren. Auch unter den schweizerischen Sozialisten ist man, wie die„Arbeiterstimme" mittheilt, getheilter Meinung Uber die praktische Durchführbarkeit und den allfälligen Werth dieser Maßregel. Es ist nicht Sache de»„Sozial- demokrat", in die internen Angelegenheiten der schweizerischen Sozial- demokratie sich einzumischen, indeß glauben wir aus mehrsachen Gründen wenigstens von der obigen Thatsache Akt nehmen zu müssen. — Aus Frankreich. Die Egalit5, welche im Herbst vorigen Jahre« zu Gunsten der„E m a n z i p a t i o n" eingegangen war, erscheint seit dem 10. Dezember aus's Reue unter der Redaktion von Jules Guesde, Paul L a s a r g n e, Gabriel Deville u. s. w. Die Arbeiterpartei befitzt nunmehr zwei Wochenblätter, welche sich sehr gut ergänzen können und hoffentlich gute Kameradschaft halten werden, unbeschadet gewisser Differenzen Uber die einzuschlagende Taktik der Partei, wie sie bereit« auf dem Kongreß von Reims sich zeigten. Die erste Nummer der„E g a l i t i" enthält u. A. einen Artikel von Paul L a s a r g u e über die deutsche Sozialdemokratie, in welchem es am Schlüsse heißt: „Eine Partei, welche wie die deussche Arbeiterpartei unter der Ver- solgung nur ihre Kräfte vermehrt, beweist, daß sie sähig ist, die politische Macht in die Hände zu nehmen. Die wirthschaftliche und politische Lage Europa'« und Amerika'« ist sehr unsicher. Die allgemeine wirthschaftliche Krisi«, welche die Bourgeois- Oekonomisten bereit« Voraussühlen,*) wird *)„In dem Augustheft der„Revue des deux mondeg" hat ein Herr Cucheral-Clarigny einen bemerkenswerlhen Artikel über die finanzielle Lage veröffentlicht; er weissagt eine sinanzielle Krisi«; der„Economist" erwartet sie noch vor Ablauf der nächsten zwei Jahre. Diese Geldkrisi« wird lediglich der Vorläufer der allgemeinen Krisi« sein." Können sich verschiedene Leute ad notam nehmen. Rückschrittes, fondern des Fortschritte«; sie zu beneiden zu bekämpfen oder mit der Autorität der Kirche oder Regierung in einen Tops zu werfen, ist blos Sache der Ignoranz und derjenigen, welche selbst gern Autoritäten sein möchten, der verkannten Genies. Die Arbeiterklasse hat die geistige Autorität ebensowenig zu fürchten, als die der von ihr selbst eingesetzten Regierung. Die Abschaffung der Regierung und des Staates sind nicht die erste Thar des proletarischen Regimes, sondern die letzte Konsequenz desselben. Die Auslösung der verschiedenen Klassen in eine einzige Arbeiterklasse ist nicht das Werk eines Dekretes, sondern langer, mühevoller Arbeit; einer Arbeit, welche wiederholt aus heftigen Widerstand stoßen wird, und die demnach mit der ganzen Macht unterstützt werden muß, die dem Staate eigen ist. Wir haben in unserem ersten Artikel gesagt: Die Lösung der sozialen Frage durch den Staat bedeutet Selbstmord des Staates. Wir haben weiter gefunden, der Staatssozialismus sei Sozialismus durch die herrschenden Klassen und sür die herrschenden Klassen. Jetzt haben wir gefunden, daß ohne die Macht de« Staates die soziale Frage nicht gelöst werden kann: aus diesen Prämissen folgt: 1. E« ist die Auf- gäbe des Proletariats, den Staat nicht zu zerstören, sondern in die Hände zu bekommen. Das nächste Ziel de« Proletariats geht dahin, die herrschende Klasse zu werden. Alles andere muß diesem Zweck untergeordnet werden. Politische Macht haben wir vor allem zu erstreben, wirthschaftliche Verbesserungen nur in soweit, als sie der Erreichung dieses Zieles nicht im Wege stehe». I» den meisten Fällen fördert die materielle Besserstellung des Arbeiter« auch seine Un- abhängigkeit. 2. Die Herrschast de« Proletariats hat die Durchführung des Sozialismus, der Iozialisinus die Auslösung des Staates im Ge- folge. Welche Formen das Gemeinwesen nach dieser Auslösung an- nehmen wird, soll in einem Schlußactikel untersucht werden. Kyrnmaclios. mit einer politischen Krise verbunden sein. Der Tod des deutschen Kaisers oder des russischen Zaren kann sie in jedem Augenblick zur Folge haben. Die deutschen Arbeiter stehen auf dem Platze. Und wir? Wir drechseln Freiheitsphrasen." Um eine Demonstration fiir das Frauenstimmrecht zu veranstalten, hat die Arbeiterpartei bei einer Nachwahl zum Pariser Gemeinderath, die sehr begabte und verständige Propagaudistin Leouie Rouzade auf- gestellt, iudejj nur eine geringe Stimmenzahl erzielt. Ein besseres Re- sultat dürfte sie bei der Nachwahl zur Depulirtenkammer im lö. Arron- dissement von Paris erzielen, wo der Mechaniker I o f f r i n, Delegirter am Churer Sozialisteukongrejj, kandidirt. Derselbe hat bereits in mehreren allgemeinen Wählerversammlungen mit großem Erfolg ge- sprochen. Sein Hauptgegenkandidat ist der von Clemeneeau protegirte sozialistische Radikale L e f o n t. Die Wahl findet am 18. Dezember statt. Herr G a m b e t t a möchte gern Bismarck nachahmen und den Allmächtigen spielen, fällt aber dabei gewöhnlich'r:in. Seine Mameluken werden mißmuthig und wollen nicht mehr Ordre pariren. So feige sie sind, so fühlen sie doch, daß Gambetta ihr Geschöpf ist und nicht um- gekehrt. Und die Arbeiterpartei ist noch zu schwach, um ihnen Furcht einzujagen, weshalb sie sich ein bischen Radikalismus leisten können. — Aus Irland. 520„agrarische Gräuelthaten" sind im Novem- ber in Irland verübt worden, meldet der amtliche Bericht. Zu 72 dieser „Gräuelthaten", die näher bezeichnet werden, gehören auch 7 W a f f e n- d i e b st ä h l e. Was mögen erst die 448 nicht näher angegebenen„Gräuel- thaten" scheußlich gewesen sein! Uebrigens wollen wir damit nicht sagen, daß die Lage in Irland sür Johu Bull nicht mit jedem Tage ernster wird. Die Iren legen eine verteuselte Hartnäckigkeit an den Tag und zwingen Gladstone, eine immer größere Polizei- und Militärgewalt nach der grünen Insel zu senden. Keinen größeren Gefallen könnten sie jetzt den Engländern thun, als eine allgemeine Erhebung zu proklamiren, aber sie sind nun einmal nicht so„revolutionär", sich abschlachten zu lassen. Sie wissen, wie sie ihren Feinden am besten beikommen. Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Korrespondenzen. — Augsburg. Auch wir können einen Beitrag zur Geschichte der freien Wahl in Deutschland liesern. Kurz vor der Wahl wurde bei Genosse Merkel Haussuchung gehalten. Gefunden wurde gar nichts Verbotenes, doch ließ die Polizei sich die Gelegenheit nicht entgehen, 3000 vorgefundene Stimmzettel zu stehlen. Nach Beendigung des Haussriedensbruches kamen zwei Polizisten und forderten Merkel auf, zum Rechtsrath Metzger zu kommen. Auf seine Entgegnung, er werde im Laufe des Tages kommen, wurde ihm gesagt, daß er sogleich mitkommen müsse. Er wurde sodann verhaftet, ohne daß man ihm einen Haftbefehl gezeigt hätte und sitzt bis heute noch. Nachdem Merkel verhaftet war, fing die Haussuchung von Neuem an. In Abwesenheit seiner Frau wurde die ganze Wohnung umgekehrt und der später dazu kommenden Frau gedroht, daß man den Fußboden aufreißen würde, wenn sie den Versteck der Flugblätter ie. nicht angebe. Endlich wurden in einer der Wohnung Merkel'« gegenüberliegenden Brauerei zwei Poli- zisten einlogirt, welche auf Jeden aufpassen mußten, der im Hause aus- und einging. Erfolgen wird nach der ganzen Geschichte gar nichts. Die Polizei hat sich nur wieder einmal gründlich blamirt und in ihrer ganzen blödsinnigen Brutalität gezeigt. — ÄuS dem Wahlkreis Alzey- Bingen. Zum ersten Mal stellten wir hier einen eigenen Kandidaten, den Genossen Aug. Bebel, auf und vereinigten auf denselben 335 Stimmen. Unser Wahlkreis be- steht aus 99 Orten, welche in 95 Wahlbezirke eingetheilt sind. Wir standen nur in den Orten Wörrstadt, Heidesheim, Gau- Algesheim, Nieder-Jngelheim und G a u l s h e i m unter> einander in Verbindung. Wörrstadt lieserte 79, Heidesheim 36, Gau. Algesheim 25, Nieder-Jngelheim 8 und Gaulsheim 4 Stimmen. Gewiß von den drei erstereu Orten ein schönes Resultat, Außerdem lieferten uns Bingen, der größte Ort im Wahlkreis, 37 und ein anderer Ort, Welgesheim, 13 Stimmen. Wir'hatten keine Ahnung, daß uns von beiden Orten solch ein Zuwachs würde. Gegen die übrigen Wahl- kreise der Sozialdemokratie ist unser Ersolg freilich gering, doch ist Ans- ficht vorhanden, daß die Genossen in unserem Wahlkreis einander auf- suchen und mit einander in Verbindung treten werden, denn außer den sünf oben genannten Orten sind bereits weitere fünf der Verbindung beigetreten. In vielen Orten, wo eine, zwei oder drei Stimmen für Bt b e l abgegeben waren, wollten die Wahlvorstände keinen Sozialdemokraten im Orte haben und erklärten diese Stimmen sür zersplittert oder ungültig. Daher kommt es auch, daß in den hiesigen Blättern anfangs nur von 245 sozialistischen Stimmen die Rede war, während es thatsächlich, wie Eingangs erwähnt, 335 sind. In dem Dorfe Vendersheim be- haupten zwei Leute steif und fest, sie hätten Bebel gewählt und in den Blättern ist Vendersheim mit keiner sozialistischen Stimmen verzeichnet. In Wörrstadt hat ein Schullehrer vor dem Wahllokal einem sozialistischen Wühler den Zettel mit Gewalt abgenommen, zerrissen und ihm einen aus den konservativen Kandidaten lautenden in die Hand ge- drückt. Schulmeisterlein, Schulmeisterlein, das kommt ans's Kerbholz! Bei der Stichwahl haben wir uns der Abstimmung enthalten. Mit sozialdemokratischem Gruß! Fidelis. — Aus dem Reiche der Gottesfurcht und frommen Titte. Eine Haussuchung mit Hindernissen. In einem sriedlicheu Städtchen, das wir aus begreislichen Gründen nicht nennen wollen, sand jüngst eine Haussuchung statt. Der Hochwohllöblicheu war von einem„Pflichtgelreuen" Stephaiisknechl die entsetzliche Kunde berichtet worden, daß unter ihrer getreuen Heerde sich auch ein räudiges Schaf befinde, welches— dreimal wehe!— den Züricher„Sozialdemokrat" liest. Da machten sich denn aus Bürgermeister, Posthalter und Polizei- dien«, das Haus des Verruchten sorgfältig zu untersuchen. Es ist besser, wir sehen zu, daß wir das Weib des Gottlosen allein antreffen, sprach nachdenklich der Vater der Stadt,„denn in unserer verderbten Zeit haben wenigstens die Frauen noch Respekt vor der Obrigkeit, so von Gott eingesetzt". Gesagt, gethau; das würdige Dreigespann tritt mit finsterer Miene der überraschten Frau entgegen: Wo haben Sie das Schandblatt, den„Sozialdemokrat"? Den kenneich gar nicht, antwortete die Gesragte mit harmloser Miene. So? Aber wir kennen ihn und werden ihn jetzt suchen.— Bitte, geniren Sie sich gar nicht, ist die höfliche Antwort, worauf die Schnüffelei in Szene geht. Aber wer nimmt es mit Mutter Eva aus? Mit Blitzesschnelle find aus der Kommode die dort ausbewahrten Nummern des Umsturzblaltes heraus- gerissen, dem in der Wiege unschuldvoll ruhenden Säugling unter da« Leger geschoben— und ehrerbietig leiste' die brave Frau den eifrigst Suchenden die schuldige Hilfe. Als nun Kisten und Kasten vergebens durchwühlt worden waren, da fiel das Auge des gestrengen Bürgermeisters zum Schluß aus die Wiege. Sollte vielleicht dort——? Und entschlossen hebt er das Deckbett aus. Doch, o weh, dem Burschen in der Wiege war die Sache gleichfalls nicht geheuer vorgekommen. Berschmitzt lächelt er dem Fremdling entgegen, sein Respekt vor der Obrigkeit war nicht größer als der seines Vaters, und-- mit verhaltener Nase flüchteten die Gesellschaftsretler von der Wiege zurück. Am auderü Morgen erhielt aber jeder der drei Braven als Entschädigung für seine Mühe per Post— eine Nummer des „Sozialdemokrat", notabene eine reinliche. — Aus dem 18. sächsische» Wahlkreise. Nachdem nun der Wahlkamps vorüber, wollen auch wir wieder einmal einiges von uns hören lassen. Der Grund, warum bisher so wenig, ja fast gar nichts im Parteiorgan von uns gehört wurde, war der, daß wir beabsichtigten, unsere Gegner in Sicherheil zu wiegen. Es ist uns manchmal recht schwer geworden, anscheinend zu schlafen, wenn andere über ihre Thätig- keit berichteten, wiewohl wir seit unserer 1378 erlittenen Niederlage nie gerastet und geruht haben. Bekanntlich erwartete die Fortschrittspartei, den Sieg auch diesmal wieder au ihre Fahne zu heften. Berliner Blätter schrieben schon drei Wochen vor der ersten Wahl, daß der 18. sächs. Wahlkreis ihnen gehöre. Sehr zeitig begann auch schon die Agitation von Seiten der Fortschrittler. Ihre Versammlungen waren jedoch schwach besucht, gewöhnlich von 15 Fortschrittlern und eben so viel Sozialdemokraten. Die Gegner wünschten eine Debatte, wir aber verhielten uns bei so einer schwachen Betheiligung ruhig, die Versammlungen wurden infolgedessen langweilig und"man stellte sie schließlich wieder ein, bis der Wahlkampf seinen Anfang nahm. Da wir nun gar kein Lebenszeichen von uns gaben, glaubten die Kon- servativen den Wahlkreis den Fortschrittleru nicht zukommen lassen zu dürfen. Der bisherige Abgeordnete, Herr Oberbürgermeister Streit in Zwickau, wollte den Konservativen nicht recht passen, infolgedessen nahm derselbe die ihm angetragene Kandidatur nicht wieder an, und so begann denn der Kampf zwischen den beiden Parteien. Die konservativen und reichstreuen Vereine von Crimmitschau und Werdau stellten den Kommerzien- rath Kürzel aus Crimmitschau, die Fortschrittler und Reichstreuen in Zwickau dagegen Herrn Dr. Hermes au« Berlin aus. Herr Advokat Dr. Hempel, ein linksstehender Fortschrittler, eröffnete den Reigen, und hielt eine Versammlung mit der Tagesordnung:„Warum wir liberal wählen" im Namen des liberalen Wahlkomites im„Deutschen Kaiser" zu Zwickau ab. Dieselbe war höchstens von 200 Personen besucht und waren wenig Arbeiter vertreten, so hielten wir es auch hier sür nothweudig zu schweigen. Am darauffolgenden Sonnabend referirte ebenfalls Herr Dr. Hempel in Crimmitschau über dieselbe Tages- ordnung, da aber hier meistens Arbeiter vertreten waren und das liberale Wahlkomite den Borsitz schon im Boraus sür sich bestimmt hatte, ließen sich das die Crimmilschauer Genossen nicht gefallen, daß der Vorsitz der Versammlung aufoktroirt werde und verlangten und erzwangen auch die Bureauwahl, trotz des heftigen Sträubens des Vorsitzenden Bau- meister Wolf aus Zwickau, in der Weise, daß noch ein stellvertretender Vorsitzender gewählt wurde. Nun konnte endlich der Vortrag beginnen, welcher die Liberalen als die einzigen wahren Freunde des Volkes hin- stellte. Hierauf meldete sich unser bis jetzt noch ganz geheim gehaltener Kandidat Stolle zum Wort, kritisirte das Thun und Treiben der Herren Liberale», und leuchtete ihnen gehörig heim. Als seine Ausführungen großen Beifall fanden, hielten wir es nun an der Zeit, mit unserm Kandidaten nicht länger hinterm Berge zu halten. Genosse Seifert meldete sich zum Wort und wies den Herren Liberalen nach, daß ihre Worte mit der That sich gewöhnlich nicht im Einklang befinden. Hierauf erfolgte die Proklamation unseres Kandidaten Stolle, welche mit lautem Jubel begrüßt wurde; die Gegner sahen einander verblüfft au, als grusle es ihnen, hieraus versuchte es Herr Dr. Hempel, Stolle's Aussührungen zu wiederlegen. Stolle meldete sich hieraus wieder zum Wort, der Vorsitzende erklärte aber, er könne ihm das Wort nicht geben, weil um 12 Uhr die Versammlung geschlossen werden müsse und sprach den Schluß der Versammlung aus. Der stellvertretende Vorsitzende er- theille aber hierauf Stolle wieder das Wort, dieweil er auch mit sprechen müsse, bevor die Versammlung geschlossen werden könne. Da erhob sich, als rettender Engel für die Liberalen, der überwachende Beamte und verbot es, daß die Versammlung wieder eröffnet wurde. Den folgenden Tag, den 16. Oktober, hielt das liberale Wahlkomite wieder eine Ver- sammlung ab, in welcher Herr Ludwig Löwe ans Berlin referirte. Die- selbe fand im Schwanenschlößchen zu Zwickau statt und war von 600 Personen besucht. Gleichzeitig wurde in der Versammlung das Gerücht verbreitet, Bebel sei anwesend. Herr Löwe, ein gewandter Redner, hob alle die Nachtheile hervor, welche durch eine etwaige Wahl eines Konservativen dem Volke erwachsen, griff die Projekte des Reichs- kauzlers so heftig an, daß es manchen Spießer gruselte und empsahl sehr warm die Kandidatur Otto Hermes, als des rechten Vertreters sür den 18. sächsischen Wahlkreis. Nachdem Löwe seineu Vortrag beendet und der Rausch, den er erzeugt, etwas vorüber war, erhob sich der Vorsitzende Wolf und erklärte, weil der Herr Vortragende heute noch einen Vortrag in einem benachbarte» Kreise zugesagt habe, die Ber- sammlung für geschlossen. Der wahre Grund war der, daß sich während der Versammlung das Gerücht verbreitet hatte, Bebel sei anwesend. Ein wahrer Sturm der Entrüstung erhob sich jetzt. Die Genossen, welche dem Bureautisch am nächsteu saßen, schleuderten den Herren das Wort Feigheit entgegen, hundert Kehlen wiederholten das unliebsame Wort, einzelne Genossen setzten die Herren Uber ihre infame Handlungsweise zur Rede, ein allgemeine« Durcheinander im ganzen Saal folgte, mehrere Hochs aus die Sozialdemokratie, sowie auf Stolle wurden aus- gebracht und wir verließen den Saal. Geschadet hat uns die Erbärmlich- keit dieser Herren nicht, wohl aber so manchen dazu angeseuert, nun mit desto größerem Eiser für uns einzutreten. Den darausfolgenden Donnerstag endlich stellte sich Herr Dr. Hermes aus Berlin seinen Wählern im Deutschen Kaiser zu Zwickau vor. In der Annonee, welche dies ankündigte, war aber gleich gesagt, daß Sozialdemokraten wegen der Störung im Schwanenschlößchen keinen Zutritt hätten. Also wenn diese Herren aus infame Weise anders Denkenden das Wort abschneide» und ihnen dann ihre Handlungsweise beim richtigen Namen genannt wird, so nennen sie das Ruhestörung. Zwei Schutzleute waren an der EiugaugSthür postirt und wiese» alle bekannten Genossen oder wen sein Anzug als Arbeiter kennzeichnete, zurück. Die Konservativen sahen von öffentlichen Versammlungen ab. Wahlaufrufe, welche ganze Seiten der Lokalblätter füllten, sollten diese ersetzen. Uns wurde blas eine kleine Annonee im Zwickauer Tageblatt aufgenommen, die Expedition de« Wochenblattes wies eine solche höhnisch zurück. In Folge dieser Schweigsamkeit unserseits entbrannte der Kampf zwischen den gegnerischen Parteien um so erbitterter und ging schließlich so weit, daß sich dieselben Giftmischer titulirten, zu unserm Gaudium und zum Aerger so mancher Ordnungsseele. Wir blieben indeß nicht müßig, und rüsteten uns, unsere Gegner zu überfalle». Den Sonntag vor der Wahl früh um 7 Uhr rückten unsre Truppen mit Stimmzettel und Wahlausruseu aus, den Kreis zu er- stürmen. Aber o weh, kaum waren sie eine halbe Stunde lang au der Arbeit, da kamen schon mehrere Frauen von Schutzleuten in Zwickau aus die Polizeiwache gelaufen und zeigten die Zettel vor; auch ein sauberer Patron, Weichensteller oder vielmehr Schlagzieher, Klappenbach an der Schneebergerstraße, denunzirte unsre Zettelträger. Jetzt begann eine Razzia. All� Polizeimannschaft wurde aufgeboten, wenigsten« in Zwickau, so daß bis Mittag ll Manu hinter Schloß und Riegel saßen. Die Schutzleute gaben sich damit aber noch nicht zusrieden, es wurde in die Häuser gegangen und Wahlausruse und Stimmzettel für Stolle ab- verlangt und mitgenommen. Ueberall bei den erwischten und sonst be- kannten Genossen wurden Haussuchungen vorgenommen. Eine riesige Aufregung herrschte iusolgedessen in der Stadt, au allen Biertischen wurde blos von den Verhaftungen gesprochen; die einen ergrimmten "und beschlossen, nun erst rechk für den Sozialdemokraten zu stimmen, indeß die anderen sich freuten, weil die Ehrenmänner glaubten, nun würde niemand wagen sür Stolle zu stimmen. Die Frauen der Ver- hafteten liefen zu einander und berathschlagten, was nun wohl zu thun sei, bi« dieselben beruhigt wurden, daß ihre Männer doch am Nachmittag wieder herauskämen. Aber es kam anders. Dieselben wurden am andere» Morgen an das Amtsgericht abgeliefert; die Einen Montag Abend wieder entlassen, während die Anderen zwei Tage länger warten mußten. Ein unter ihnen befindlicher Oesterreicher wurde erst nach drei Wochen entlassen. Gegen zehn der Verhasteten wurde eine Anklage erhoben wegen Verächtlichmachung von Staatseinrichtuugen, Z 131, welche im Wahlaufruf enthalten sein sollte. Montag, den 24. Oktober begab sich ein Genosse auf das Polizeibureau, um gegen die Wegnahme von Stimmzetteln in den Wohnungen der Austräger sowohl als au« den Häusern der Wähler Beschwerde zu sichren, woraus Seitens des Herrn Stadtraths erwiedert wurde, es sei kein Schutzmann beauf- tragt gewesen, Stimmzettel wegzunehmen, blos Wahlaufrufe sollten dieselben abholen.(Auch da« war ungesetzlich. D. R.) Es wurde nun in Gegenwart unseres Genossen der Polizei-Jnspektor beaustragt, beim Rapport zu fragen, ob Jemand Stimmzettel weggenommen habe; die Schutzleute hatten angegeben, die Wähler hätten de» Stimmzettel freiwillig mitgegeben, wir haben aber viel Beweise, daß dieselben abverlangt wurde». Die Beschwerde half indeß; kein Schutzmann wagte es mehr, Jemandem einen Stimmzettel ab- znverlangen: zwar mußten wir unsre Arbeit wieder von vorn ansangen, aber unsre Träger wurden unbehelligt gelassen. In den Ortschaften ging die Vertheilung gut von Stalten, nur in Reinsdorf wurde ein Bertheiler abgefangen und vom GenSdarm nach Zwickau transporlirt, nach Verlauf von 2 Stunden aber wieder in Freiheit gefetzt. Die! konservative AmtShauptmaunschast entließ denselben, während die liberale! Polizeibehörde unsre Leute 24 Stunden laug behielt und dann noch an's Amtsgericht ablieferte. Erwähnen will ich noch, daß der in Reinsdorf Abgefangene ein Spinner, in Arbeit bei Patrikovsky und Comp, in Schedewitz bei Zwickau, ist. Der Gendarmeriebrigadier von Schedewitz begab sich den Tag nach der Verhaftung in die Fabrik, ließ den Spinner rufen und fragte ihn, in Gegenwart des Direktors, ob er ihn, den Brigadier, noch kenne, worauf er ihn wieder gehen ließ. Die Gememheit zeigte bald ihre Früchte: den nächsten Tag be- kam unser Genosse seine Kündigung. Derselbe ist noch dazu schon 10 Jahre in der Fabrik beschäsligt gewesen, hat ein Auge bei der Arbeit eingebüßt und ist ein hoher Fünfziger. In Wildenfels, Werdau und Crimmitschau(in letzterer Stadt wurde blos einer abgefangen) ging alles gut von Statten. Spaßeshalber will ich noch folgenden Fall mit-! theilen, welcher im Werdauer Landbezirk sich zugetragen hat. Ein Ge- nosse gibt einem biederen Landbewohner einen Stimmzettel in seine Wohnung, als der Genosse wieder auf der Straße ist, kommt der Land- bewohner außer Athem vor die Thür gestürzt, einen auf der Straße daher kommenden Chaussewärter anrufend:„He da, halten Sie doch ein- mal diesen Mann fest!" selbst hatte er wahrscheinlich keine Courage. Dieser ruhig seineu Weg fortsetzend, erwiderte:„Ich habe keine Zeil." Während dieser Zeit treten auf der anderen Seite zwei andere Genossen, welche ebenfalls Stimmzettel tragen, heraus, sofort ruft unser Land- bewohner:„Sie meine Herren, halten Sie doch einmal diesen Menschen dort fest, das ist ein Sozialdemokrat." Die beiden Augeredeten, ein paar Berliner Ausgewiesene, erwiedern:„Ja Männeken gleich wem m'rn haben", und sich eins in's Fäustchen lachend, gehen alle drei Genossen ruhig weiter. Unser biederer Landmann, seinen Reinfall gewahr werdend, tänzelte verwundert in's Zimmer zurück. Daß in Zwickau so viele Austräger abgefangen wurden liegt daran, daß zu wenig Genossen sich bekannt geben konnten, daher ein Jeder einen zu großen Bezirk über- nehmen mußte. Wir hatten sür Zwickau blo» 15 Träger, indeß wir wenigstens 50 gebraucht hätten.(Schluß folgt.) — Notiz<ür Silberarbeiter. In Wien liegen die Besteckarbeiter der Firmen Ecker, Dub und Kämpf im Streik, zu welchem sie von den Fabrikanten genöthigt wurden. Die Fachgenossen werden dringend gebeten, Zuzug fern zu halten und ihre kämpsenden Brüder durch Beiträge zu unterstützen. Unterstützungen sind zu senden an Anton Pfiel, Wien VII, Bezirk, Zieglergasse 53. Briefkasten derRedaktion: Wiederum mußte wegeuRaumman- gel« eingroßerTheilderEinsendunge n zurückgelegt werden.— F. Siegle: In nächster Nummer. der Expedition: H. N. H.: Mk. 5,— für Ab. pr. Dez. 81.— Ende Nkärz 82, sowie Usds. dkd. verwendet.— Brutus: Mit Nr. 50 Flugschr. abgg. V. vergriff.— Mich. Stieber:„Frau u. Ioz." von B. melden wir Ihnen nun zum xsten Male als vergriffen!— Rolhbart: Bf. v. 24/11 erh. Flgbl. je. mit 49 abgg.— L. St. Nku: Mk. 3,— Ab. 3 Mt. erh.— I. B. M.: Fr. 2,40(Mk. 2,-) Ab. pr. 2 Wlt erh.— G. Ravensburg: Mk. 4,50 Wsds. für Mz. dkd. erh.— Glüh« wurm Rß.: Alles nach Wunsch abgg. Photgr. hattenBerzögernng.— F. Z.: Dank!— X. 3: Fr. 27,— ä Cto. erh.— Bukarest: Fr. 50,— eingetroffen. Näheres erwartet.— H. L. P. i. S.: Mk. 3,— Ab. 4. Qu. n. Mk. 1,50 f. Schr. erh. Weiteres dkd. benlltzt. Gruß!— Ledtufl. Sttt.: Mk. 10,— f. Schft. nach Vorschr. verwendet. Wahlstatistik von □ noch nicht fertig. Weiteres siehe:„Itatist.-Tafel aller Länder der Erde." Otto Hübner, Berlin, zu bezieh, in jeder Buchhdlg. Briest. mehr.— Bukarest Aldpeo.: Fr. 5,— erh. Bf. erwartet.— Rother Franz: Fr. 15,— eingetroff.— W. L. Amsterdam: Fr. 11,— f. Mz. d. Wsds. dkd. einverleibt. Fdsquttg. später.— K. T. Paris: Fr. 50,—- erh. u. hievon Fr. 14,65 a. d. Vbhdlg. bez. Fr. 8,— pr. Flgfd«. dtd. vorgem. Fdsqttg. später. Weitere Fr. 70,— Zhlg. an L. verrechnen in Ihr Haben. Bfl. mehr.— Arm« in B: Mk. 20,— pr. W.- und Agsds. durch Schrg. dkd. erh. Fdsqttg. später.— Antwerpen: Fr. 125,— d. Wsds. dkd. zugew., desgl. Fr. 14,80 f. Quttgsmrk. re. Fdsqttg. später. Fr. 10,20 pr. Schst.-Cto. gutgebr.— O. P. R. L.: Mk. 1,15 f. Schst. erh.— Karl Lehmann:'Mk. 61,80 ä Cto. erh. Bf. erwartet. Weitere« dkd. benützt. Depesche hat Br. nicht«halten.— Sind. Bleibtreu: Jhrb. erh. Schft. v. L. abges. Weiteres betr. S. der Red. mit« getheilt.— H. P. London: Bestllg. abgg.„Börne" direkt im Verlag. Wörrlein u. Co. Nürnberg zu haben.— F. A. Brgle.; Fr. 4,— Ab. 4. Qu.«h. Versandt nach Borschrift.— Moritz: Franko für Rabatt. Bfl. Näheres.— Gebr. Hermghs. St. Louis: Fr. 51,80«h. Nachlfrg. v. weiteren 10 Expl. ab 45 bewirkt. Statist. Wahltafel von □ wird anuoneirt sobald fertig.— Shum. Eineinn.: 2 geb. Frmdw.-L. haben am 14./12. nach borten beordert.— Chlindersritze: Bf. v. 9./12.«h. — P. M. Loud. Sdg. wird fortan dem C. A.-B.-B. übermittelt. Ber- anlassen sie Weiteres.— A. Giller Rppwl.: Fr. 4,— Ab. 4. Qu. 81 n. 1. Qu. 82 erh.— H. Rßbrg. Courtn.: Fr. 5,— Ab. 1. u. 2. Qu. 82 erh.— L. Fr. 12,— a Cto. Ab. erh. Brief v. Z. nicht erh. Bfl. mehr. — Rother Hans E.: Mk. 11,40 Ab. Jan. 82 erh. Die 19 werden nach Vorschrift einmarschiren.— Schndrgew. W'thur.: Fr. 5,— d. dtsch. Agsds. dkd. zugewiesen. Fdsquttg. später.— Dtsch. Gen. Paris: Fr. 44,70 nach Vorschr. dkd. verwendet. Fdsquttg. später.— Ges. d. Mz.: Fr. 6,— f. d. Stichwahl i. M. d. 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