<1' Srscheikt » ä tf! r tt 1 1{ dl einmal Zürich i?chweiz) vtrleg tl. Herter. SattingemZüriih Kasmostraße 3. Potselldungk» franco gegen franco. Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz losten Doppelporto. R? Ä. Der SoMldtmokmt Jentral-Hrgan der deutschen Sozialdemokratie Avonnemenlü werden nur beim Verlag i»».d deffen bekannten Agenten ent- gegengenommen und zwar zum voraus zahlbare« Vierteljahrspreis von: Fr. 2.— fiir die Schweiz(Kreuzban Mk. 3— fiir Teutschland(Couvert fl. 1. 7V für Oesterreich(Couver Fr. 2. 50 für alle übrigen Land Weltpostvereins sKreuzband). Inserate Die dreigespaltene Petitzeile 25 Cts. 20 Pfg. —— Aonnerstag, 19. Januar. 1882. NW- Ani» an die Sarrespandeaiea und Da der.Sozialdemokrat' sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten ist, bezw. verfolgt wird, und die dortigen Behörden fick alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, refp. Briefe von dort an uns und unsere Zeitungs- und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äußerste Vorficht im Postverkehr nothwendig und darf keine Vorsichtsmaßregel versäumt werden. die Briefmarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt der Sendungen zu täuschen., und letztere dadurch zu schützen. Haupterforderniß ist hiezu einerseits. daß unsere Freunde so selten Adaaneatr» dea„Saiialdrmokrai".'WM als mdglich an den.Soilaldeinolrat', resp. dessen Verlag selbst adresstren, sondern stch mdglichst an irgendeine unverdächtig, Adresse außerhalb Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche stch dann mit uns in Verbindung setzt; anderseits aber, daß auch uns möglichst unverfängliche Zustellungsadressen mitzetheilt werden, Zn zweifelhaften Fällen empfiehlt stch behusS größerer Sicherheit Relonimandirung, Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um trotz aller enl- gegenfiehendcn Schwierigkeiten den. Sozialdemokrat" unfern Abonnenten möglichst regelmäßig zu lieser», Der„Sozialdemokrat" auf der Anklagebank. ü L Die Redaktion des„Sozialdemokrat" befindet sich heute auf der Anktagebauk. Und zwar angeklagt, nicht vom ersten besten hergelaufenen Staatsanwalt, sondern von dem Kandidaten der sozialistischen Arbeiter des dritten Hamburger Wahlkreises, Gen. Ernst Breuel, nicht wegen irgend eines Vergehens gegen das Strafgesetzbuch des heiligen preußischen Reiches deutscher ; Nation, sondern der Schädigung unserer Partei, der, wenn auch unbewußten, so doch nicht minder wirksame» Thätigkeit für Puttkamer und Konsorten. Das ist eine schwere Anklage für die Redaktion des Partei- organs, die schwerste, welche überhaupt erhoben werden kann. Es ziemt sich daher, sie mit voller Würdigung ihrer Bedeutung ernsthaft zu diskutiren. Hören wir also zunächst den Ankläger, Derselbe schreibt uns: „« o p e n h a g e n, 1. Januar 1682. „Geehrter Herr Redakteur! „Die Nr. 51 des„Sozialdemokrat" enthält einen mit„Entweder— Oder" iiberschriebenen Leitartikel, in welchem verschiedene Auslassungen der Genossen Hasenclever und Blas über das Berhältniß der Partei zur Redaktion des„Sozialdemokrat" einer scharsen Kritik unter- zogen werden. „Schreiber dieses hat die seste Ueberzeugung, dag es dringend geboten erscheint, die betreffende Angelegenheit gründlich zu diskutiren und zum Austrage zu bringen, und so erlauben Sie denn auch mir, dag ich Ihnen offen und ehrlich meine Meinung sage. „In der Sache selbst stelle ich mich aus Seiten der Genossen Blas und Hasenclever, die Form aber, in welcher dieselben der Sache näher getreten find, mug ich entschieden migbilligen. Uiimiiglich können die Benannten der Parteileitung so fern gestanden haben, als dag es ihnen uumöglich gewesen wäre, ihren Einfiuß in ihrem Sinne gellend zu machen, oder aber eine öffentliche Diskussion im„Sozialdemokrat" herbeizuführen. Im Reichstage hätte meiner Meinung nach so etwas nicht vorkommen dürfen. Doch ist diese« Sache der betreffenden Abgeordneten selber. „Was den Kern der Sache anbetrifft, so lebe ich der Ueberzeugung, dag die politische Haltung des„Sozialdemokrat" weder dem Charakter noch der Situation unserer Partei entspricht. Was die deutsche Sozial- demokratie groß und unüberwindlich gemacht hat, ist ihre Objektivität, eine Objektivität, welche durch nicht« sich von der vorgczeichneten Bahn abdrängen läßt, und welche selbst in den brulalsten Provokalionen des Gegners noch Produkte von Zeil und Umständen erblickt. Der„Sozial- demokral" neigt sich, so sehr derselbe auch Uber Most'schcn und ander- weitigen Anarchismus herzieht, immer mehr selbst Letzterem zu. Zahlreiche Leitartikel, Gedichte und sonstige redaktionelle Aufsätze legen ein beredtes Zeugniß hiervon ab. Ich erinnere nur an einen Leitartikel(die betr. Nummer ist mir nicht mehr zur Hand�, in welchem die Organisation von allen, selbst den schnapslrinkenden Vagabunden— eigene Worte des betr. Artikels— zur Gründung einer großen Revolutionsarmee gefordert wurde, serner an die zahllosen Rebellionslieder, sowie an die unzähligen Hinweise auf die demnächst einbrechende große Revolution. „Heißt da« dem Charakter und der Situation unserer Partei enr- sprechen? „Mit derartigen leeren Drohungen lockt man in Deutschland keinen Hund hinter dem Ofen hervor, denn jeder-insichtige Genosse sagt sich mir Recht, dag eine baldigst eintretende Revolution unserer Partei nur das Schicksal der Pariser Kommune bereiten würde. Was uns noth lhut, ist eine unablässig betriebene Aufklärung der Volksmassen und die deutsche Sozialdemokratie würde wahrhaftig ihren Namen nicht verdiene n, wenn sie dieser ihrer Aufgabe nicht auch unter dem Regime des Sozialisten gesetzes gerecht werden könnte. „Wer sich zu Ausschreitungen, wie sie im„Sozialdemokrat" dutzend- weise enthalten sind, durch Provokationen der Gegner hinreißen läßt, arbeitet bewußt oder unbewußt Letzterem in die Hände, liefert dem Herrn ' Puttkammer nur Material zur Begründung seiner Maßnahmen und nützt der großen Sache durchaus nichts. „An der Lauterkeit unserer Prinzipien und der Charakterreiuheil ihrer Träger wird der Widerstand der Feinde zerschellen, und das, wie ich hoffe, in nicht allzuserner Zeit. „Zum Beweise dafür, daß der von mir behauptete Standpunkt von sehr vielen Genossen akzeptirt wird, führe ich Ihnen als Faktum an. daß vor Jahresfrist in einer Konferenz, in welchen die Genossen von Hamburg-Altona und Ottensen vertreten waren, beschlossen wurde, die Verbreitung des„Sozialdemokrat" nicht mehr als Parteisache zu betrachten.*) „Zum Schlüsse resumire ich kurz wie folgt: „Genosse«los hat Recht, wenn er sagt:„Di- deutsche Soziatdcino- kratic hat dem Wesen nach kein Organ." „Es sind dieses weder der Züricher„Sozialdemokrat", noch jene hie und da auftauchenden von den Genossen stark gelesenen bürgerlich-demo- krattschen Blätter, wie z. B. die„Hamburger Bürgerzlg.", welch Letztere in ihrem arbeitcrfreuudlichen Eifer die braven Altonaer Genossen, welche trotz Belagerungszustand öffentlich für die Wahl Hasenclevers agitirten, als halbwüchsige stark angetrunkene Burschen aufmarschiren ließ. „Mögen die Genossen Bebel und Auer die politische Haltung des „Sozialdemokrat" mit ihrem Namen zu decken suchen, die Majorität der zielbewußten Genossen Deutschlands haben sie meiner festen Uebezeugung *) Dieser Beschluß war, wie uns damals mitgetheilt wurde,»ich l eine Folge der Schreibweise des„Sozialdemokrat", sondern durch interne Verhältnisse der Hamburg-Altonaer Genossen hervorgerufen. Geschadet hat er der Verbreitung de«„Sozialdemokrat" in Hamburg-Altona nur vorübergehend und die Thalsache, daß das Abonnement seitdem da- selb st ununterbrochen gestiegen ist, beweist nicht gerade, daß der„Sozialdemokrat" den dortigen Genossen zu roth ist. nach in dieser Frage nicht hinter stch. Auch ich lehne gleich Hasenclever jede Verantwortung für die Schreibweise des„Sozialdemokrat" hiermit auf's Entschiedenste ab und wünsche nichts sehnlicher, als daß Letzterer zum Besten der Partei baldigst das Berkehrte seiner bis dato inne- gehaltenen Agilationsweise korrigiren möge. „Mit sozialdemokratischem Gruß! Ihr E r n st Breuel, Hamburger Ausgewiesener." Das ist offen und rückhaltslos gesprochen, hat daher Anspruch auf eine ebenso rückhaltlose Erwiderung. Vorausschicken wollen wir indeß, daß wir auf die Frage: Angeklagter, bekennen Sie stch schuldig?, mit lauter und vernehmlicher Stimme antworten: Nein! Und dieses„Nein!" wollen wir jetzt begründen. Mit Genugthuung konstatiren wir zunächst, daß Breuel mit uns die Art, wie Bios und Hasenclever über die Stellung der Partei zum„Sozialdemokrat" im Reichstag gesprochen, für un- passend erklärt. Soweit formell, nun aber zur Sache. Der erste sachliche Vorwurf, den Genosse Breuel gegen uns erhebt, ist der Mangel an„Objektivität". Wenn wir ihn recht verstehen, so soll damit gesagt werde», daß wir uns von der rein sachlichen, alle Nebenumstände berück- sichtigenden Beurtheilung der Verhältnisse und Vorgänge auf die subjektive, persönliche, somit also einseitige Bekämpfung haben drängen lassen, daß wir nicht„in den brutalsten Provokationen unserer Gegner noch Produkte von Zeit und Umständen er- blicken". Was uns Genosse Breuel hier vorwirft, trifft im gewissen Sinne zu, aber, Genosse Breuel, wir rechnen es uns als ein Verdienst an, daß es zutrifft. Ja, wir haben mit vollem Be- wußtsein gegen die von Ihnen hervorgehobene Objektivität uns „vergangen". Denn diese Objektivität ist die Mutter des politischen In differ e n tism us. Wie�man jeden Satz durch Uebertreibung in's Unsinnige ver- kehren kann, so ist dies auch sozialistischerseits oft mit dem an und für sich unumstößlichen Satz geschehen, daß die Menschen Produkte der sie umgebenden Verhältnisse seien. Die logische Folge dieses Satzes ist nicht die Verneinung des freien Willens und der aus ihm resultirenden Verantwortlichkeit, sondern die richtige Abgrenzung derselben. Je weiter bie Erkenntniß-, die Unterscheidungsfähigkeit des Individuums vorgeschritten ist, je unabhängiger dasselbe seiner sozialen Stellung nach, um so größer seine Verantwortung. Wir beurtheilen den aus Noth begangenen Diebstahl, eine in der Erregung verübte Mißhand- lung deshalb auch viel milder als einen wohlgeplanten Betrug, eine mit voller Ueberlegung begangene Vergewaltigung. Gerade weil wir objektiv urtheilen, nennen wir den Richter, der mit vollständiger Erkenntniß dessen, was er thut, eine» unserer Ge- nassen verurtheilt, wo er ihn freisprechen müßte, einen Schurken, einen Verbrecher, für den keine Strafe zu hart ist. Die Richter des Reichsgerichts, die ja doch zum Mindesten die Grundsätze des gellenden Rechtes kennen und trotzdem die so- genannten„Hochverräther" auf mehrere Jahre ins Zucht- haus steckten, sind uns viel verächtlichere Hall unken als z. B. irgend ein Landgensvarm, der seine Befugnisse über- schreitet und auf einen Zivilisten mit der blanken Klinge drein- haut, für dessen Brutalität aber zum großen Theil das elende System, nach welchem er zum stupiden Vieh gedrillt worden ist, verantwortlich zu machen ist. Das System nun, welches wir bekämpfe», schwebt nicht in der Luft, es hat seine bestimmten Träger, die es stützen, die es um jeden Preis aufrecht erhalten wollen und zu diesem Zwecke vor der äußersten Gewalt nicht zurückschrecken, deshalb müssen wir nothwendigerweise auch jene Träger bekämpfen, und zwar mit äußerster Energie. Wir bekämpfen das heutige Lohnsystem und dessen Kon- scquenzen, ohne die einzelnen Unternehmer dafür verantwortlich zu machen. Wenn aber irgend ein Stumm aus Grund seiner Stellung als Arbeitgeber ditz Arbeiter, die er materiell ausbeutet, auch noch geistig zu knechten sich erstecht, wenn irgend eine Kapital- Hyäne die Opfer ihrer Ausbeutung noch bei jeder Gelegenheit rasfinirt bestiehlt, dann hört die„Objektivität" auf, dann be- kämpfen wir direkt das Individuum. Wir sind nicht nur die Partei des wissenschaftlichen Sozialismus, sondern wir sind als solche die Partei des modernen Klassenkampfes zwischen Kapital uud Arbeit, ein Kampf, der mit akademischen Diskus- sionen nicht ausgcfochten werden kann. Tie sind aus Hamburg, wo Sic seit Jahren ansässig waren und ein Geschäft betrieben, ausgewiesen worden, Genosse Breuel. Sagen Sie ausrichiig, als man Sie auswies, als man Sie von Frau und Kind forltrieb, wie einen Aussätzigen, haben Sie da gar nichts von Haß und Ingrimm gespürt? Hätten Sie nicht am liebsten die Gesellschaft, welche Sie ausgewiesen hat, zum Teufel gejagt? Versetzen Sie sich in Ihre damalige Stimmung zurück, und nun denken Sie, es besteht ein Blatt im Ausland, welches durch die elenden deutschen Preßgesetze nicht gebunden ist, soll dieses Blatt diesem Ingrimm nicht Ausdruck geben, soll dieses Blatt der Gesellschaft, welche Ihr Menschcnrecht mit Füßen getreten, nicht ein baldiges Ende mit Schrecken wünschen? O nein! das soll es nicht. Es soll fein„objektiv" sich damit begnügen, die Ungerechtigkeit, die inan begangen hat, zu konstatiren und den Machthaber» zu sagen, daß ihr Verfahren doch„recht inhuman" ist und möglicherweise eines Tages wohl üble Folgen zeitigen könnte. Den Teufel auch! Als ob die Gesellschaft nicht sehr gut wüßte, was sie lhut, als ob sie es nicht absichtlich darauf ab- gesehen hätte, uns durch ihre Verfolgungen mürbe, gefügig, zu guten, objektiv denkenden Unterthanen zu machen! Blicken Sie doch um sich, Genosse Breuel! Gehen Sie in welches Land Sie immer wollen, und dann sagen Sie uns, ob Sie noch ein zweites Volk in Europa gefunden, wo man Fußtritte so philosophisch, so„objektiv" aufnimmt als in Deutschland! Die gemeinsten Brutalitäten sind gegen unsere Genossen verübt worden, Infamien, die Jedem das Blut kochen machen müssen; und was ist von unserer Seite dagegen geschehen? Es find verschiedene revolutionäre Flugblätter verbreitet worden, und in zwei bis jetzt bekannt gewordenen Fällen hat man Spione gezüchtigt, aber die gemeinsten Hallunken, ein Engel in Altona z. B., laufen noch heute ungenirt herum. Nicht, daß wir unsere Genossen in Deutschland der Feigheit anklagen wollten. Im Gegentheil, die letzten Reichstagswahlen haben bewiesen, daß sie nichts weniger als Duckmäuser geworden sind, sondern ihrem Mann stehen so gut wie früher. Konnte uns doch einer unserer hervorragendsten Vorkämpfer, der von jeder nationalen Voreingenommenheit frei ist, mit Recht schreiben: So famos hat stch noch kein Proletariat benommen. Also nicht Feigheit werfen wir unseren Genossen in Deutschland vor. Was wir aber bedauern, das ist, daß sie sich daran gewöhnen, die Polizei- und Gerichtsinsamien als etwas selbstverständliches hin- zunehmen. Es sind vortreffliche Sozialisten, aber es fehlt ihnen das Gefühl für die Unbill, die sie erleiden, es fehlt ihnen der revolutionäre Geist. Nun werden Sie doch mit uns längst der Ueberzeugung sein, daß der Stimmzettel zwar ein vortreffliches Agitations- und Propagandamittel ist, aber auch nicht mehr. Daß wir unsere Bestrebungen auf parlamentarischem Wege durchsetzen werden, diese Illusion haben gewiß auch Sie längst abgestreift. Wenn dem aber so ist, wenn unsere Gegner uns täglich zeigen, daß wir auf eine friedliche, gesetzliche Erreichung unserer Bestrebungen nicht zu rechnen haben, wenn sich andererseits unsere wirthschaft- lich-sozialen Verhältnisse so zuspitzen, daß schließlich nur die Wahl bleibt zwischen einem Versinken unterer Arbeiter in die Stumpfheit der chinesischen Kulis oder einer revolutionären sozialistischen Erhebung, ist es dann nicht Pflicht des Partei- organs, der Idee der Letzteren in den Köpfen immer mehr Ein- gang zu verschaffen, den Geist des Widerstands, der Empörung oder, um das verpönte Wort zu gebrauchen, der Rebellion zu säen? Aber damit„arbeiten wir Herrn Puttkamer in die Hände!" O, lieber Genosse Breuel, womit arbeiten wir nicht Herrn Puttkamer in die Hände? Sollen wir, die unterdrückte, die außerhalb des Gesetzes gestellte Partei, der Welt das klägliche Schauspiel der Fortschrittspartei bieten, die fortgesetzt ihre Loyalität betheuert und je mehr sie dies thut, desto größere Tritte auf den Hintern erhält? Wir, die Partei der revolutionären Klasse par«jccelloiics? Einen V o r w a n d zur Aufrechthaltung des infamen Gesetzes werden unsere Feinde stets finden, selbst wenn der„Sozial- demokral" die Sprache der jüngst verbotenen„Deutschen Blätter" reden würde, des können Sie unbesorgt sein. Das Sozialistengesetz wird bestehen, so lange unsere Feinde Grund haben, es nicht aufzuheben, und die Kraft, es auf- rechtzuerhalten. Grund es bestehen zu lassen, haben sie, solange unsere Partei ungeschwächt und ungebrochen dasteht, so lange sie ihr Programm, Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Konsequenzen, seinem vollen Umfang nach aufrecht erhält. Und daß wir davon kein Jota aufgeben wollen, darüber herrscht unter uns keine Meinungsverschiedenheit. Die Kraft aber, das Sozialistengesetz aufrechtzuerhalten, werden unsere Gegner haben, solange in den Massen der Glaube an den Fortbestand der heutigen Zustände vorhält. Solange nicht die Massen zur Erkenntniß gekommen sind, auf wie schwachen Füßen heute unser ganzes gesellschaftliches Ausbeutungssystem desteht, solange das arbeitende Volk kein Vertrauen in seine eigene Kraft hat, so lange man mit dem Wort„Revoluffon" in der That„keinen Hund hinter dem Ofen hervorlockt", so lange wird man nicht ablassen, durch Verfolgungen uns todt- machen zu wollen, und schließlich auch Erfolge erzielen. Sind aber die Massen von dem Gedanken des Widerstandes durch- drungen, fühlen sie sich stark genug, im geeigneten Augenblick der Gewalt ihrer Unterdrücker auch ihrerseits die Gewalt ent- gegenzusetzen, dann sind auch die Tage des Sozialistengesetzes gezählt. Das ist wenigstens unsere Ueberzeugung, die wir nicht von gestern aus heute gewonneu haben, sondern aus der Geschichte, sowohl der allgemeinen, als auch der des Sozialisten- gesetzes im Besonderen. In diesem Sinne suchen wir die re- volutionäre Energie, das Selbstvertrauen und die Leidenschaft der deutschen Arbeiter zu stärken, und soweit wir aus den Zu» schriften, die wir erhalten, schließen können, haben wir die überwiegende Mehrzahl unserer Genossen dabei prinzipiell auf unserer Seite. Soviel im Allgemeinen. Auf die weiteren Vorwürfe und Einwände des Genossen Brcuel in einem zweiten Artikel. Briefe aus dem Reichstage. Berlin, 12. Januar 1882. Am Montag kam die zweimal vertagte Hertling'sche Interpellation glücklich zur Verhandlung. Bismarck hatte sich gestellt, und die Staats- aktion konnte vor sich gehen. Die Rede des Herrn Hertling ist schon mehrmals im Reichstage gehalten worden, und sie war diesmal gerade so langweilig wie früher. Interessant und amüsant war dagegen das Auftreten Bismarcks. Vor Allem Uberraschend. Ein rennomistischer Korpsbursch, der sich plötzlich als ängstlicher Stubengelehrter präsentirt. Nicht als ob ich Bismarck für einen Stubengelehrten, überhaupt für einen Gelehrten hielte,— das wäre ein groteskes Mißverständniß. Aber er hat an dem Baume, zwar nicht der Erkenntniß, aber der Wissenschaft zum ersten Male in seinem Leben gerochen, und der Geruch ist ihm in den Kopf gestiegen und hat lähmend auf ihn gewirkt. Der„eiserne Kanzler", der Uber der Nationalökonomie zu stehen wähnte, hat ei»e Ahnung seiner Unwissenheit bekommen und sein bisheriges Selbstvertrauen verloren. Er dachte mit dem Sozialismus spielen zu können, und siehe da, er hat gesunden, dag der Sozialismus eine Wissen- schast ist, und daß er, der„eiserne Kanzler", von dieser Wissenschaft nichts versteht. Welchen Einfluß die Privalissima des Herrn Exministers Schäffle an dieser merkwürdigen Wandlung gehabt haben, das will ich dahin gestellt sein lassen,— genug, als Fürst Bismarck am vorigen Montag, statt nach seiner bisherigen Weise, kühn wie ein Stier im Porzellanladen, die Gesetze der Nationalökonomie auf die Hörner zu nehmen und unter die Füße zu trampeln, zimperlich wie ein im Kloster erzogener Backfisch die wirthschaftlichen und sozialen Fragen vorsichtig- schüchtern anfaßte, als wäre es rothglühendes Eisen, da ging ein all- gemeines Ah I der Verwunderung durch den Reichstag, und die Herren Mauchestermänner, denen doch etwa« bang geworden war vor» dem grauen Gespenst des Staatssozialismus, sie aihmeten erleichtert auf. Der sozialistische Paulus ist aus dem besten Wege, zu einem manchesterlichen Saulus zu werden. Das unterliegt keinem Zweifel. Abgesehen von den unvermeidlichen Körper- und Satzverrenkungen, hätten Richter oder Rickert diese Rede des„eisernen" halten können— das heißt, wenn sie Minister wären und nicht in der Opposition. Summa Summarum— Bismarck hat gemerkt, daß die bürgerliche Gesellschaft etwas stärker ist als er sich vorgestellt, und daß er sich in ein hoffnungsloses Abenteuer gestürzt. Und zurück kann er nicht mehr. Aber auch nicht vorwärts— und das ist das Fatale. Wäre er ein Mensch von anderem Stdff, hätte er je einen edlen Gedanken, je einen Funken von Großherzigkeil gehabt— man müßte den verkrachten Anwalt des armen Mannes aufrichtig bemitleiden. So können wir nur Schaden- sreude empfinden. Wir haben es ihm vorausgesagt. Er war gewarnt. Und dann, was waren seine Motive? Hat er nicht blos aus demagogischer Ehrsucht und zu den gemeinsten reaktionären Zwecken gehandelt? Wo solch niedrige Beweggründe ob- walten und jedes ideale, echt menschliche Moment fehlt, da kann ein tragisches Interesse nicht aufkommen. Höchstens ein psychologisches. Der mit allen Hunden gehetzte Falschspieler, der am Ende seiner Kunst ist. Womit natürlich nicht gesagt sein soll, daß es mit dem Herrn Reichs- kanzler nun sofort zu Ende sei. So lange der alte Kaiser lebt, ist der Hausmeier sicher in seinem Posten; und wenn man die Hand an dem Knopf hat, durch dessen Berührung anderthalb Millionen Soldaten in Bewegung gesetzt und die ungeheuren Hülfsquellen eines Reiches von 45 Millionen Menschen auf den Präsentirteller gezaubert werden könne», dann läßt sich noch eine Zeitlang fortwirthschaften. Jndeß der Anfang vom Ende ist's doch. Die Rathlosigkeit Bismarck'« war sür uns ein großer Triumph. Sie bestätigt die Richtigkeit unserer Ausfassung: Daß die Staatsmänner des heutigen Klaffenstaares nicht im Stand sind, die soziale Frage zu lösen. Hätten sie selbst den besten Willen dazu, der Klassenstaat mit Allem, was druin und dran hängt, würde sie hindern. G r i l l e n b e r g e r, der von unserer Seite sprach, benutzte sehr gut „den manchesterlichen Hauch" der Bismarck'schen Rede und vertrat durch- aus korrekt und mit sichtlichem Effekt den Standpunkt der Sozialdemo- kratie mit Bezug aus die sogenannte Sozialresorm. Wir nehmen was wir bekommen; wir nehmen es nicht als Gnade, sondern als Recht— als kleine Abschlagszahlungen, der weitere folgen müssen, bis wir das Ganze erlangen können. In Details gehe ich nicht ein, da Sie ja die Rede nach dem steno- graphischen Berichte im Auszüge bringen werden. Genug, sie war taklisch ebenso geschickt als rhetorisch gelungen. Die Debatte ist so verlaufen, wie sie verlaufen mußte: im Sand. Ein paar nebelhafte Andeutungen von embryonischen Zukunftsplänen, ein nebelhafter Hinweis auf eine Frühjahrsseffion— das ist das praktische Ergebniß. Und darum Räuber und Mörder, ich wollte sagen:„Anwalt des armen Mannes", grimmer Ankläger des Kapitalismus, polternder Prediger des„praktischen Christenthums". Wahrhaftig, um zu diesem kläglichen Fazit zu kommen, brauchte der lange„Percy" nicht ein volles Jahr lang himmelstürmerischen Spektakel zu machen, den Olymp der Bourgeoisie-Götter zu bedrohen. Den alten Titanen ist der Olympsturm nicht gelungen— und auch Titane Bismarck ist aus dem Himmel seiner staatssozialistischen Utopien heruntergeworsen worden auf die harte reale Erde des manchesterlichen Bürgerthums. Er befühlt seine Beulen und sucht seine Gedanken zu sammeln. Lassen wir ihn bei dieser schweren Arbeit! Den Montag und Dienstag hatte die Interpellation Hertling in An- spruch genommen, die zwei folgenden Tage(gestern und heute) gehörten dem Antrage W i n d t h o r st, der aus Aufhebung des Ausnahmegesetzes vom 4. Mai 1874(des„Kirchenämtcrgesetzes") hinausläuft. Wir hatten die Absicht, hierzu ein Amendement einzubringen, welches den Windthorst- schen Antrag verallgemeinerte und die Abschaffung sämmtlicher Ausnahmegesetze bestimmte. Allein leider scheiterten wir mit unserem Vorhaben an der Geschäftsordnung, zmd wir mußten unseren Antrag als s c l b st st ä n d i g e n Antrag einbringen, was auch bereits geschehen ist. Der Antrag, welcher voraussichtlich nächsten Mittwoch aus die Tagesordnung kommt, wird von Liebknecht begründet werden, der ihn heute in der Debatte, wo er unsere Stellung zum Windthorst'schen Antrag präzisirte, schon ankündigte. Außer den gegen das Zentrum gerichteten Ausnahmegesetzen, einschließlich des„Kanzelparagraphen", umfaßt unser Antrag den Elsässischen Diklaturparagraphen und natürlich da« Sozia- listengesetz. Einen Antrag auf Abschaffung blos de» letzteren zu stellen, wie uns von verschiedenen Seiten geratben ward, schien uns aus taktischen und prinzipiellen Gründen unthunlich. Erwähnt muß hier werden, daß die„Volkspartei" ihre„wahre Demo- kratie" dadurch bewies, daß sie die Unterschriften zu unserem Antrage verweigerte; nur Köhl machte eine Ausnahme. 4 Mitglieder der Fort- schrittspartei beschämten die„wahren Demokraten" und gaben sofort ihre Unterschriften. _____ Am Montag beginnt vermuthlich die dritte Lesung des Etats: außer- dem wird uns die künftige Woche aller Wahrscheinlichkeit nach die De- batte über das Gesetz betreffs Berufsstatistii und den liberalen Gesetz- Entwurf eines revidirten Hastpflichtgesetzes bringen. Zu jenem soll Geiser, zu diesem K a y s e r sprechen. Sie wissen, daß die kleine Differenz, zu der einige im Reichstage ge- fallene Aeußerungen über unser Berhältniß zum„Sozialdemokrat" An- laß gegeben, vollständig erledigt ist; innerhalb der sozialdemokratischen Fraktion herrscht Meinungs-Uebereinstimmung in Bezug auf alle prinzipiellen Fragen, und nicht blos innerhalb der Fraktion, auch mit allen übrigen Genossen, auf deren Rath und Ansichten die G esammt- Partei besonderen Werth zu legen Ursache hat. Die Gegner, welche aus unsere Uneinigkeit spekuliren, werden bis zum St. Nimmerleinstag zu warten haben. Daß der„Sozialdemokrat" in so rapidem Aufschwung begriffen ist, macht uns viel Freude.*) Man dars aber nie zufrieden sein. Speziell in Amerika könnten unsere Genossen noch weit mehr Abonnenten stellen, als jetzt der Fall ist. Doch davon ein andermal. Mit sozialdemokratischem Gruß! L Aus der Rede des Abg. Grillenberger. Gehalten am 10. Januar 1882. (Nach dem amtlichen stenographischen Bericht.) Meine Herren, die Fragen, die durch die Interpellation des Herrn von Hertling hier im Hause angeregt worden sind, greisen so tief in das soziale Leben ein, daß ich, resp. meine Parteifreunde uns schon im Vorn- hinein veranlaßt gesehen haben würden, hierzu das Wort zu ergreisen. Wir sind aber dazu noch um so mehr veranlaßt worden durch das, was wir gestern und heute hier im Hause darüber gehört haben. Sowohl das, was der Herr Interpellant zur Begründung seiner Anfrage gesagt hat, als das, was seitens des Herrn Reichskanzlers und seitens der Herren Redner der verschiedenen Fraktionen hierüber gesagt worden ist, erscheint uns von unserem Standpunkt aus als durchaus ungenügend, und deshalb glauben wir die Angelegenheit noch direkt vom Arbeiter- standpunkt aus erörtern zu sollen. Ehe ich auf die Sache selbst näher eingehe, habe ich hier und zwar nicht bloß als Person, sondern im Namen meiner Parteigenossen eine Erklärung abzugeben betreffs der sozialpolitischen Reformpläne des Herrn Reichskanzlers. Es ist in den letzten Tagen eine Notiz durch die Zei- lungen gegangen, worin gesagt war, daß wir in einer Konscrenz zu Dresden beschlossen hätten, uns strikte ablehnend gegenüber den Plänen des Herrn Reichskanzlers zu verhalten, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil durch diese Pläne das„System Bismarck" gestützt werden sollte. Ich habe dem gegenüber die Erklärung abzugeben, daß daran kein Wort wahr ist; wir haben einen solchen Beschluß nicht gefaßt, sondern im Gegentheil beschlossen, bei unserem bisherigen Verhalten stehen zu bleiben, nämlich die Vorlagen des Herrn Reichskanzlers einfach abzuwarten, dieselben zu prüfen, und, wenn sie uns etwas zu taugen scheinen, ihnen zuzustimmen. Daß wir deswegen, weil wir das System Bismarck nicht stützen wollten, praktische Errungenschaften sür die Ar- beiter zurückweisen sollten, fällt uns nicht ein, namentlich, da wir gar keine Veranlassung haben, jetzt wenigstens, an Stelle des„Systems Bismarck" ein anderes System gesetzt zu sehen. Das System, welches wir bekämpfen, ist das System der kapitalistischen Aus- b e u t u n g; ob das repräsentirt wird durch den Herrn Reichskanzler Bismarck oder durch ein Konsortium Richter-Häncl. ist uns gleichgiltig, im wesentlichen würde ein anderes System uns nichts besonderes Gutes bringen. Die Herren von dem fortgeschrittensten Liberalismus ver- wahren sich dagegen, die Militärlasten wesentlich herabzusetzen, und können deshalb auch an den Sleuerverhältnisse» nichts ändern, sie sind vor allem nicht gegen die kapitalistische Ausbeutung, und deshalb sehe ich durchaus nicht ein, was ein solcher Systcmwechscl uns in der gegen- wärtigen Zeit nützen sollte. Das glaubte ich in Bezug aus die Zeitungs- notiz sagen zu sollen. Auf die einzelnen Punkte der Interpellation eingehend, habe ich zunächst zu bemerken, daß wir ein striktes Verbot der Sonntagsarbeit nur voll und ganz unterstützen können. Wir gehen dabei allerdings nicht vom religiösen Standpunkte des Herrn Interpellanten aus, sondern üon dem rein menschlichen; wir halten dafür, daß, nachdem der Arbeiter ohnehin in dem gegenwärtigen Jndustrialismus über Gebühr angestrengt wird, er einen Tag Ruhe haben muß, und da nun der Sonntag dazu bestimmt ist, so soll derselbe auch ganz strikte als Ruhetag eingehalten werden, und wir halten dafür, daß die gegenwärtige Bestimmung in der Reichsgcwerbeordnung durchaus ungenügend ist, weil darin nur gesagt ist, daß der Arbeiter zum Arbeiten am Sonntag nicht verpflichtet werden kann, und es ist schon vom Herrn Interpellanten bemerkt worden, daß die Verhältnisse so liegen, daß, wenn ein Arbeiter sich weigert, am Sonntag zu arbeiten, ihm dann ganz ruhig gesagt wird seitens inhumaner Arbeitgeber, daß er auch in der Woche nicht mehr zu kommen brauche. Wenn aber erklärt wird, die Sonntagsarbeit ist ein- sür allemal ver- boten, mit Ausnahme vielleicht derjenigen Werke, wo ein ununterbrochenes Feuer uothwendig ist, oder wo sonst die Verhältnisse derart gelegen sind, daß überhaupt Tag und Nacht gearbeitet werden muß— wenn mit Ausnahme dieser industriellen Unternehmungen gesagt wird, daß die Sonntagsarbeit ein- sür allemal verboten ist, dann können solche Sachen nicht mehr vorkommen, wie sie von dem Herrn Abgeordneten von Hert- ling geschildert ivorden sind, nämlich, daß die Zuchthäusler vor der Sonntagsarbeit geschützt sind, während die„freien" Arbeiter dazu g e- z w u n g e n werden können, diese freien Arbeiter, deren Berhältniß zu dem Arbeitgeber, wie mit besonderer Ostentation seitens der Liberalen immer betont wird, aus einem angeblich„freien" Vertrage beruhen soll. Bei der Gelegenheit erlaube ich mir hinzuzusetzen— und ich werde das bei dem Normalarbeitstag vielleicht näher begründen können—, daß, wenn man duldet, daß in einzelnen Industriezweigen, wo es unabweisbar erscheint, durchgearbeitet wird, und auch Sonntags, dann unter allen Umständen ein dreischichtiger(also achtstündiger) Arbeitstag ein- geführt werden müßte.------ ——— Die Schweiz ist bekanntlich nicht» weniger als sozialistisch und hat einen gesetzlichen Normalarbcitstag angenommen, allerdings einen llstündigen, von dem in Deutschland bei der kolossal vorhandenen Uebcr- Produktion nicht die Rede sein könnte. Wenn in Deutschland ein gesetzlicher Rormalarbeitstag eingesührt werden soll, dann kann es nach meiner Ueberzeugung nur höchstens der lOstündige sein. Ich sage also, die Frei- heil der Fabrikanten darf nicht so weit gehen, um die Freiheil der An- deren einzuschränken, sie darf nicht so weil gehen, um dadurch die Wohl- sahrt der Gesammtheit und namentlich das Wohlsein der arbeitenden Klasse derart zu schädigen, wie es gegenwärtig durch die schrankenlose Ausbeu- tung geschieht. Der Normalarbeitstag wird insoserne sein Gutes haben, als damit einem großem Uebel gesteuert wird, über welches gegenwärtig namentlich von konservativer Seile sehr viel geschrieben und gesprochen wird, gegen welches man aber nichts anderes ins Feld zu führen weiß als gewöhn- liche Polizeimaßregeln. Es ist überhaupt in der letzten Zeil in Deutsch- land und auch in anderen Staaten Mode geworden, gegen alle gesell- scffaftlichen Uebel als Universalkur nur Polizeimaßregeln vorzusühren. Ich meine die in großartigem Maßstabe überhandgenommene V a g a b o n- d a g e. Es ist vor allen Tingen zu erwähnen, daß infolge des Normal- arbeilStages solider gearbeitet wird. Es ist aber nicht ganz richtig, daß bei kürzerer Arbeitszeit ganz genau so viel hergestellt wird als bei längerer Arbeitszeit. Es wird wohl ein kleiner Ausfall an Arbeitsleistung *) Wir haben unfern Genossen im Reichslage die erfreuliche Mittheilung machen können, daß das Abonnement auf den„Sozialdemokrat" bis- her einen ganz außerordentlichen Ausschwung genommen hat, trotz Aus- Weisungen und Perhaftungen. Nicht nur ist das Abonnement an den Hauptorten in steter Progression begriffen, auch von den kleineren Orten lausen jede Woche Nachbestellungen ein. Bei dem umständlichen Verkehr mit Deutschland kann der dortig beste Abonnentenstand immer nur die Kosten decken, wen« jjber das Abonnement im Auslande, da« sich gleichfall» von Quartal zn Quartal gehoben hat, so forlsteigt, so wird der„Sozial- demokrat" bald eine Einnahmequelle sür die Partei bilden können. Anw. d. Red. _ >. villi. entstehen, und das soll nach unserer Meinung gerade durch den Normal- arbeitstag herbeigeführt werden. Es soll durch den Normalarbeitstag dafür gesorgt werden, daß von der gleichen Arbeiterzahl weniger produzirt wird als gegenwärtig, damit die riesenhafte i n d u st r i e l l e Reservearmee, die gegenwärtig immer bereit ist, ihren industriellen Kollegen Konkurrenz zu machen, und auf den Landstraßen zu vagabon- diren gezwungen ist, daß diese industrielle Reservearmee zum Produklions- � Prozeß herangezogen werden kann. Dann wird dieser Vagabon! dage in kurzer Zeit ein Damm und Ziel entgegengesetzt werden, die Leute werden dann Arbeit bekommen. Es ist in der letzten Zeit, kurz nachdem die Hertling'sche Interpellation bekannt geworden ist, in fortschrittlichen Blättern, unter anderen auch in dem in Nürnberg erscheinenden„Fränkischen Kurier", eine Berliner Waschzettel-Korrespondcnz zu lesen gewesen, welche sich abfällig gegen die Hertling'sche Interpellation aussprach und sich dahin äußerte, daß es irrthllmlich sei, in der gegenwärtigen Zeit die Arbeitszeit zu beschränken, die Arbeiter seien selbst dagegen, dieselben wären froh, wenn sie Arbeit haben. Ja, meine Herren, daß sie sroh sind, wenn sie Arbeit haben, das ist richtig, aber sie werden deswegen nicht die Arbeitszeit ins Unendliche verlängert haben, sondern einen Feierabend haben wollen, um sich als> Menschen bewegen zu können, um ein Familienleben zu haben, kurz und gut, um Menschen zu sein wie andere Leute. Der Normalarbeitstag, gesetzlich festgestellt, ist eine Nothwendigkeit; denn wenn auch von fortgeschrittener libe- l raler Seite uns entgegengehalten wird, das Alles könnte aus dem Wege des Koalitionsrechtes gemacht werden, so erlauben wir uns, das ganz entschieden zu bestreiten, denn erstens haben die Arbeiter auch unter einem annähernd freien Koalitionsrecht trotzdem nicht die nöthige finanzielle Macht, um das aus die Dauer durchführen zu können, weil bei jeder Krisis ihnen das Errungene wieder entrissen würde, und dann l ist es Thatsache, daß wir ein solches Koalitionsrecht überhaupt! nicht haben; wir hatten ein solche« Koalitionsrecht in Deutschland» nicht vor dem Ausnahmegesetze, und durch das Sozialistengesetz ist das- j selbe vollends illusorisch gemacht worden.—————— I ——— Meine Herren, wo derartige Zustände cxistiren, wo das Koalitionsrecht derartig illusorisch gemacht wird, da kann nicht die Rede davon sein, daß auf dem Wege der freien Vereinbarung der Normal« arbeitstag durchgesetzt werden kann. Der Normalarbeitstag wird aber! nicht blos von uns, sondern von den Sozialpolitikern der konservativen Richtung und überhaupt von Menschensreunden der verschiedensten poli- tischen Parteien sür n o t h w e n d i g erklärt, um der übermäßigen Aus- beutung ein Ziel zu setzen. Es ist vielleicht der Ausdruck„Normal- arbeitstag" nicht ganz richtig, es würde richtiger gesagt werden„Maxi-I m a l arbeitstag", denn es gibt eine ganze Reihe von Geschäften, in denen der Arbeitstag nicht länger dauert als 8— 9 Stunden, und die Arbeiter dieser Branchen würden sich selbstverständlich dasür bedanken, durch ein Gesetz an einen zehnstündigen Arbeitstag gebunden zu werden.—— I ——— Da wird uns von liberaler Seite entgegengehalten, wenn. ihr den Normalarbeitstag wollt, müßte konsequenter Weise auch ei» Nor malarbeitslohn festgesetzt werden. Ein Normal arbeitslohn! wird nicht nöthig sein, er wäre auch ein Ding der Unmöglichkeit, allein einen Minimal arbeitslohn einzuführen, wäre durchaus nicht so un- möglich, und Diejenigen, welche sich mit dem Studium der National- � ökonomie nur einigermäßen beschäftigt haben, werden sich erinnern, daß schon von Rodbertus eine derartige Forderung ausgestellt wurde,> und daß derselbe eine Skala dazu bekannt gegeben hat, die nach meiner Ansicht in sehr richtiger Weise die Schwankungen und Unterschiede zwi- 1 schen den verschiedenen Verdiensten einzelner Geschäftsbräuchen festgesetzt I hatte. Also, wenn man auch daraus kommen wollte, einen Minimalarbeits- lohn festzusetzen, so hätten wir dagegen nichts einzuwenden. Wenn da- gegen angesührt werden sollte, daß durch den Minimalarbeitslohn den schlechten Arbeitern Borschub geleistet werden sollte, so ist das durchaus j nicht der Fall. Eine der besten Arbeiterorganisationen in Teutschland, der deutsche Buchdruckerverband, hat schon seit vielen Jahren einen Mini-, malarbeitslohn festgesetzt, und ich habe von Prinzipalen der Buchdrucker brauche»och nicht darüber klagen gehört, daß ein gewisses Minimum des Arbeitslohnes cristirt, unter welche» sie bei Bezahtuiu; nicht herab( gehen sollen; es wird im Gegentheil nach meiner festen Ueberzeugung s durch einen derartigen Minimalarbeitslohn der Lehrling, der angehende Arbeiter angespornt werden, eine derartige Fertigkeit in seiner Branche zu erlangen, daß er diesen Minimalarbeitslohn unter allen Umständen, verdienen kann, weil er sonst gewärtig sein muß, in seinem Fache nir- � L gends Arbeil zu bekommen, und dadurch vielleicht zum Tagelöhner, zum �[ Arbeitsmann herabsinken muß.—————— ——— Der Herr Reichskanzler hat gestern mit einer gewissen> Wehmuth gesagt, daß es ihn so sehr betrübe, daß gerade in den großen I Industriezentren, in den großen Städten, wo viele Arbeiter vorhanden! sind, die Wahlen so oppositionell, so regierungsfeindlich ausgesalleu sind. Nun, meine Herren, wenn der Herr Reichskanzler dabei besonder» die| sozialdemokratischen Wahlen im Auge gehabt hat, so erlaube ich mir dar- aus zu bemerken, daß diese sozialdemokratischen Wahlen im Allgemeinen allerdings als oppositionell oder, wenn Sie das so nennen wollen, als regierungsfeindlich aufzufassen sind; sie sind aber nicht durchweg als feindlich gegenüber den sozialistischen Plänen des Reichs- kanzler» auszufassen. (Hört! rechts.) Im Gegentheil, ein Theil der sozialdemokratischen Wahlen ist geradezu als eine Demonstration der Arbeiter gegen das neutrale Verhalten der Herren Manchestermänner zu betrachten; die Arbeiter haben damit ausdrücken wollen, sie wollen, daß endlich etwas Positives geschehe, und weil dies seitens de« Liberalismus bisher nicht geschehen, darum haben sie Sozialdemokraten gewählt, welche erklärt haben, daß sie nich t abgeneigt seien, die sozialpolitischen Pläne des Kanzlers zu prüfen und, salls die selben brauchbar, sie zu akzeptiren. So liegt die Sache, und das ist hier ausdrücklich zu erklären. Wenn aber im Allgemeinen diese sozialdemokratischen Wahlen darthun, daß da« arbeitende Volk äußerst mißtrauisch gegenüber diesen Plänen des Herrn Reichskanzlers ist, so hat dies doch seine sehr begründeten Ursachen.———— Redner erwähnt die Auslösung von Gewerkschaften, die Beschlagnahme von Gewerkschastskasscn, und sährt dann sort: ——— Meine Herren, das hat so kolossale Erbitterung hervor- gerufen— man bezeichnet nämlich die Art und Weise, wie diese Gelder weggenommen worden sind, in Arbeiterkreisen mit einem viel drastischeren Ausdruck, den ich hier nicht vorführen will, weil ich mir keinen Ord nungsruf zuziehen will— das hat so kolossale Erbitterung hervorgerufen, daß die Regierung sich nicht wundern dars, wenn die Arbeiter ihr nicht mit offenen Armen entgegenfliegen wegeneinpaar Kleinigkeiten, die sie mit den Reformplänen uns entgegenbringen will. Als ich gelegent- lich einer Wählerzusammenkunst in Nürnberg meinen Parteigenossen den Vorschlag machte, daß man die kanzlerischen Pläne ruhig prüsen müsse, und sofern sie für den Arbeiter etwas Positives bieten, daraus eingehen, da ist mir von Arbeitern gesagt worden, diese Kanzlerpläne seien, wenn man das ganze Verhalten der Regierung gegen uns betrachte, als nichts anderes auszusassen als ein Wahlschwindel, an den nach den Wahlen nicht mehr gedacht werde. Soweit haben Sie es mit dem Sozialistengesetz und dessen Handhabung gebracht, daß das Vertrauen in den Arbeiterkreisen vollständig geschwun den ist. Und wenn nun die Interpellation des Abgeordnelen v. Hertling in einer Weise beantwortet wird, wie es gestern der Herr Reichskanzler gethan hat, der weit manchesterlicher gesprochen hat, als das seine zahlreichen Freunde aus sozialpolitischem Gebiete vielleicht erwartet haben dürsten, so wird man damit den Arbeitern dieses Vertrauen nicht erhöhen, sondern dieselben werden sich mehr als je überlegen, was sie gegenüher allen diesen Dingen zu thun haben. Man wird noch viel zurückhaltender in Arbeiterkreisen sein, wenn man hört, daß auch Fürst Bismarck der durchaus veralteten Anschauung huldigt, daß nicht zn sehr in die wirthschaftliche Freiheit em- gegriffen werde im Punkte der Arbeitszeit u. s. w., und daß derselbe sogar aus dem Standpunkt steht, die Industrie sei die Henne, welch- für den Arbeiterstand die goldenen Eier lege. Wir, meine Herren, und mtz un« noch verschiedene andere Leute, sind der Ansicht, daß gerade 2 a■ Umgekehrte der Fall ist, daß der Arbeiterstand es ist, welcher oeu Herren Industriellen die goldenen Eier legt, und daß deshalb von einen Schlachten der Henne, welche für die Arbeiter diese goldenen Eier leg- gar nicht die Rede sein kann..———■—-- ——— Man kann aber, wenn wirklich eine kleine Schädigung der Industrie eintreten sollte, hier vorbeugen, durch Anbahnung einer internationalen Fabrikgesetzgebung, eines internatio- nalen Schutzes für die Arbeit. Das ist von der Schweiz, die ihren Nor- malarbeitstag eingeführt hat, angeregt worden, hat aber leider bei der deutschen Reichsregierung sehr wenig Entgegenkommen gesunden. Man erzählt doch uns, die wir als Reichsfeinde und sogar als Vaterlands- feinde betrachtet werden, so viel in den patriotischen Zeitungen von der großen Macht und Herrlichkeit, die das deutsche Reich errungen hat durch seine militärischen Erfolge, daß es Überall im Auslande gefürchtet sei, wie man überall darauf achte, was Deutschland wolle, um dem entgegen- zukommen, und wie die schönen Dinge mehr heißen mögen. Meine Her- ren, wenn man zu diplomatischen Zwecken bald einen„kalten Wasser- strahl" nach Paris oder Rom schicken kann, so hätten wir nichts dagegen, wenn man einmal einen solchen kalten Wasierstrahl loslassen wollte, um einen kleinen Druck auf die fremden Regierungen zu Üben zur Anbahnung eines Arbeiterschutzgesetzes. Man gebraucht immer die Dienstleistungen der Diplomatie zu Kriegszwecken und ähnlichen Geschäften oder um Unter- Handlungen mit dem Papste anzuknüpfen; warum benutzt man die Diplo- matie, diese Verbindungen mit dem Auslande, nicht auch einmal dazu, um Schutzmaßregeln für die Arbeiter anzubahnen? Es wäre sehr am Platze, daß die Frage einer internationalen Arbeiter- schutzgesetzgebung ganz energisch und ernsthaft in Angriff genommen würde, davon habe ich aber gestern weder von dem Herrn Interpellanten, noch vom Herrn Reichskanzler, noch von Seite des Herrn Richter(Hagen) etwas gehört; das ist ein Ding, das in den Kreisen der Arbeiter jedenfalls eine größere Befriedigung hervorrufen würde, als wenn man ihre Gewerkschaften auslöst und sie dadurch zu Vagabonden macht und aus die Landstraße hinauswirft. Wir würden ferner vorschlagen, daß die Frage der A r b e i t e r k a m- m e r n wieder angeregt wird. Anstatt des total verpfuschten Volks- wirthschaftsrathes wäre es viel gescheidter, Arbeiterkammern zu errichten, wie sie von unseren Abgeordnelen gelegentlich der Einbringung des sog. Arbeiterschutzgesetzes im Jahre 1877 verlangt worden sind. Es existiren in Deutschland Anwaltskammern, Handels- und Gewerbekammern, warum sollen nicht auch die Arbeiter ihre Kammern haben? Derartige Arbeiter- kammern, hervorgegangen aus allgemeinen Wahlen, würden nicht auf ein solches Mißtrauen stoßen wie der Volkswirthschaftsrath, in dem«ine Masse Großgrundbesitzer, Fabrikanten und Kaufleute und nur drei oder vier Arbeiter sitzen, von denen einer sich„Webermeister" schimpfen läßt, während er thatsächlich Fabrikant ist, der 30—40 Arbeiter beschäftigt.— ——— Ferner ist von Herrn Richter gesagt worden, daß man dem Manchesterthum den Borwurf mache, daß es, oder die Richtungen, die ihm anhängen, für die Arbeiter nichts thue, und da glaubte er einen besonderen Trumpf auszuspielen, indem er daraus hinwies, daß gerade das Land des ausgeprägtesten Manchesterlhums, England, es sei, welches die beste der jetzt bestehenden Fabrikgesetzgebungen habe, und daß die deutsche Gewerbegesetzgebung eigentlich blas ein Abbild oder ein Extrakt der englischen Fabrikgesetzgebung sei. Ja, meine Herren, da« ist zum Theil richtig, aber ich erlaube mir darauf hinzuweisen, daß diese englische Fabrikgesetzgebung nicht von dem Kapitalistenparlament Englands frei- willig gegeben worden ist, sondern daß sie dem englischen Parlamente von den Arbeitern uuter den schwierigsten Verhältnissen abgerungen wer- den mußte mit Zuhilfenahme sogar von geheimen Gesellschaften, deren Angehörigkeit mit Zuchtshausstrafe bedroht war. Also die Manchestermänner als solche brauchen sich auf die englische Fabrik- und Gewerbegesetzgebung ganz und gar nichts zu Gute zu thun. Ich habe die einzelnen Punkte, welche in der Interpellation de» Freiherrn v. Hertling berührt werden, im Großen und Ganzen hier ausge- führt; ich habe mich ausdrücklich und absichtlich ent« halten, weitergehendeForderungen hier vorzubrin- gen, damit es nicht wieder heiße, wie das bei früheren Gelegenheiten der Fall gewesen ist, es sei uns nicht darum zu thun, etwas Praktisches, Positives für die Arbeiter zu erlangen, sondern blos,„die eine bekannte sozialdemokratische Rede" hier zn halten; ich habe Ihnen im Gegentheil nachweisen wollen, daß wir das, was man im landläufigen Sinne praktisch nennt, ebensogut find wie die anderen Parteien, daß wir nicht mit dem Kops durch die Wand rennen wollen und daß wir auch Ab- schlagszahlungcn unter den gegenwärtigen Verhältnissen recht gerne an- nehmen wollen. Zu gleicher Zeit habe ich aber die Erklärung abzugeben, daß wir damit von unserem Endziele auch keinJota abgehen�, daß wir diese Abschlagszahlungen entgegennehmen, um für die Arbeiter etwas Positives aus der gegenwärtigen Gesetzgebung herauszuholen, daß wir aber nach wie vor-darauf stehen bleiben, daß die soziale Frage mit derartigen kleinenMittelchen nicht gelöst werden kann, sondern nur mit Einführung des Sozialismus, an dem wir mit allen möglichen Mitteln seitens unserer Partei weiter arbeiten werden. Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 18. Januar 1882. — Das zweiteBlattausunserm„Verbrecheralbum" kam diesmal recht Apropos. An demselben Tage, an welchem unsere vorige Nummer in die Presse ging, haben die Stuttgarter RechtStreter unseren Genossen D i e tz in skandalösester Weise verhasten lassen. Da D i e tz ReichSlagsabgeordneter ist, so kam der mit gewohnter Frechheit verübte Gewaltakt diesmal direkt vor diese erleuchtete Körperschaft und somit auch zur allgemeinen Kennwiß des Publikums. G o t t l i e b K ö h n und sein Spießgeselle Schönhardt haben uns ans diese Weise wider Willen einen Dienst erwiesen, denn, um sich nicht gar zu sehr bloSzustellen, muß der Reichstag die„Angelegenheit Dietz" näher unter- suchen, und das gibt auf jeden Fall Gelegenheit, die unerhörte Willkür, mit der die sogenannten„Wahrer des Rechtes" heute gegen Alles vor- gehen, was nach Sozialismus riecht, an einem typischen Beispiel zu kenn- zeichnen. Daß Dietz widerrechtlich saß, steht schon fest. Wäre er aber nicht Abgeordneter und tagte nicht gerade jetzt der Reichstag, so säße er natürlich noch heute und wochenlang. Denn daß die Stuttgarter Rechts- Pfaffen sich um das geltende Recht, wenn es gegen uns geht, den Teufel scheeren, geht schon aus dem Umstände hervor, daß sie selbst den Berfas- sungsparagraphen, der die Abgeordneten schützt, mit Füßen treten. In wie weit bei den beiden Verbrechern am Rechtsgefühl überhaupt noch von Ehr gefühl gesprochen werden kann, daraus wollen wir uns hier nicht einlassen, gegen die Riesenblamage, die sie sich diesmal zuge- zogen, schützt auch das dickste Rhinozerosfell nicht. Die heutige Gesell- schast verträgt eine gute Portion Niedertracht, wenn sie nur mit der nöthigen Schlauheit und Frechheil gepaart ist; ist sie aber mit einer so bodenlosen Dummheit gepaart, wie bei dem obengenannten Brüderpaar, dann Herr Staatsanwalt und Mitglied de« Schillervereins Schön- Hardt, dann gibt es einen bösen Klang! Und Du alter Freund G o t t l i e b, mit dem Staatsxetten war's wieder einmal Essig, wie wäre es denn jetzt mit einem Plätzchen im„Pry- tanäum"? Winnenden ist nicht weit, uud an guten Douchen fehlte e« daselbst nicht. Also nur nicht blöde, ansonst Der Größenwahn, der Größenwahn Noch viel Verdruß Dir bringen kann! — Noch etwas vom„liberalen Kronprinze n". Unter den Arrangeuren des verunglückten Fackelzuges zu Ehren des Bismarck- Wilhelm'schen Ukases befindet sich auch der Versicherungsdirektor und frühere Pastor S ch i s s m a n n ans Stettin. Wenn wir uns nicht sehr irren, so ist die« der berühmte Freimaurer und Protestantenvereinler „Bruder" S ch i s s m a n n, der„freisinnige" Vertrauensmann des„freisinnigen" Kronprinzen. Seine ganze Rede lief auch darauf hin- aus, man solle fest zum Kaiser stehen, damit auch seinem Nach- solger das Amt nicht zu schwer gemacht werde. Der Knabe scheint sich schon zu fühlen und beginnt daher die Entpupvung. Das wird lange Gesichter geben, wenn aus der vielversprechenden krön- prinzlichen Chrhsalide ein ganz gemeiner Kohlweisling, auf Berlinisch „Kalitte" genannt, auffliegt! Uebrigens sind wir keine Unmenschen. Auch wir wollen unser Mög- lichstes thun, damit dem Kronprinzen sein Amt recht leicht gemacht werde. Es wird eine wahre Freude sein'! — Ausbeuterkniffe. Wenn zwei Spitzbuben sich streiten, so kommt der ehrliche Mann zu seinem Recht, sagt das Sprichwort. Die Reichstagsdebatten der letzten Tage hatten wenigstens das eine Gute, daß in dem unausgesetzt wogenden Kampfe zwischen Freihändlern und Schutzzöllnern, zwischen Sozialreformpfuschern und Manchestermännern sich die Herren gelegentlich gründlich die Wahrheit sagten und ganz gehörig aus der Ausbeuterschule schwatzten. Herr S ch o r l e m e r- A l st, der in Bochum Gewählte, erzählte bei der Hertling-Debatte einige recht artige Stückchen, wie man günstige Lohnstatistiken anfertigt. Die rheinischen Montanindnstriellen, welche den Löwenantheil der neuen Wirthschaftspolitik davongetragen haben, behaupten bekanntlich, daß auch die Arbeiter jetzt höhere Löhne beziehen(man vergl. die Statistik in Nr. 50 des„Sozialdem." vom vor. Jahre). Wie aber hat man diese Lohnstatistik gemacht? Man höre Herrn Schorlemer selbst: „Man hat sie gemacht, indem man erstlich einmal die durchschnitt- lich hohen Löhne der Beamten bei der Zusammenstellung mit- gerechnet hat; man hat sie gemacht, indem man die Doppelschichten und Ueberschichten nicht besonders angegeben hat—— (hört, hört!) wo im Lohnbuch 24 Schichten stehen, sind 23 und 30 gemacht, und nun ist der höhere Lohnertrag ausgerechnet, wie wenn er mit 24 Schichten erreicht wäre." Recht artig, nicht wahr? In den Gründerjahren machten bekanntlich die Liberalen ähnliche Witze, wenn sie über die hohen Löhne der Arbeiter lospolterten. Bei den Bauarbeitern, die in der Regel nur monatlich abrechneten und sich in der Zwischenzeit wöchentliche Abschlagszahlungen geben ließen, wurden die am Schluß der Abrechnungswoche ausgezahlten Beträge als Wochenlöhne ausgegeben und ähnliche harmlose Scherze mehr. Jetzt freilich haben die Herren ein Interesse daran, in Bezug auf die Lage der Arbeiter grau in Grau zu malen, d. h. einmal die Wahr- h e i t zu sagen. Diesmalzindeß noch etwas aus S ch o r l e m e r's Rede:„Wie„frei" die Arbeiter heute den Ausbeutern gegenüberstehen, zeigt sich ans der Art, wie man sie zu Ueberschichten mit zwingenden— Gründen„überredet". Entweder heißt es:„wenn Ihr nicht Ueberschichten machen wollt, werdet Ihr entlassen." Oder aber: „man greift zu deu kleinlichsten Mitteln, daß man den Leuten, die nach Beendigung der Schicht ausfahren wollen, sagt:„Ja, Ihr könnt aus- fahren, aber den Förderkorb könift Ihr nicht benutzen, dann müßt Ihr so weit gehea." Es kommt aber noch besser, oder vielmehr noch infamer: Durch Einführung der sogenannten Ausgleichungsmethode, d. h., daß die Arbeiter Prozentwagen liesern müssen, hat man erhebliche Lohn- Verkürzungen bewirkt. Und „die betragen ans einzelnen Zechen so viel, daß die Arbeiter statt 100 Wagen 109 bis 110 liefern müssen; ans einzelnen Zechen kommt es sogar vor, daß der Arbeiter den zehnten Wagen um- sonst arbeiten mu ß." (Hört! links.) „Dazu kommt ferner die Zurücksetzung von Wagen, weil einzelne Steine sich in der Ladung finden, oder die Ladung nicht eine vollständig richtige ist. Tie Brückenkontroleure haben allein das Recht, zu entscheiden, ob ein Wagen zurückgesetzt, d. h. gestrichen wird; der Arbeiter wird gar nicht gehört. Die Wagen werden messenhast den Leuten gestrichen, so daß ans eine Schicht 20 bis 40 Wagen kommen. Nun werden diese gestrichenen Wagen den Arbeitern einfach in Abzug gebracht, sie werden außerdem bestraft mit einer Strafe von M k. 1,50 für verkehrte Ladung, aber diese Wagen werden nachher von den Zechen doch sehr häufig mitverladen und verkauft oder wer- den für die Zeche benutzt; nur der arme Arbeiter geht leer bei der Geschichte au«. (Hört! links.)" So geht's lustig weiter. Wagen, die den Arbeitern von den Herren Kontroleuren als Klein kohle angerechnet werden, werden nachher ganz ruhig zur Wäsche geschickt und sortirt, d. h., der Arbeiter verliert aus den Wagen 25 Psg., die er sonst mehr verdient haben würde. Und bei alledem sind die Strafgelder, die früher nach Höhe der Löhne bemessen wurden, heute noch ebenso hoch als zur günstigsten Zeit. Die Kanaillen aber, die den Arbeiter so schinden, da? sind die guten Freunde, die eifrigsten Anhänger des großen Kanzlers, sie sind, wie er, gute Christen, schwärmen mit ihm für die christliche Grundlage des heutigen Staates, sie werden von ihm mit besonderer Vorliebe zu Rathe gezogen, wenn e« gilt, die soziale Frage im„christlichen Sinne" zu lösen, und ihrem Einfluß ist es auch zweifels- ohne zu verdanken, daß der„große Arbeiterfreund" bei der Interpellation Hertling plötzlich kalte Füße kriegte, und sich so überaus jämmerlich zurückzog, daß er keine der wirklichen Arbeiterforderungen erfüllen zu können erklärte, sqndern lediglich nebelhafte Versprechungen für eine noch nebelhaftere. Zukunft hatte. Wer nach- dieser Rede des mächtigen Kanzlers noch glaubt, von ihm auch nur einigermaßen nennenswerthe Maßnahmen im Interesse der Arbeiter erwarten zu dürfen, dem ist« allerdings nicht zu helfen, der ist Werth, von ihm an der Nase herumqeführt zu werden. Seht Euch die Rathgeber und Freunde Bismarck'« bei Lichte an, wie sie ihren Ar- heitern bei jeder Gelegenheit am Lehne abzwacken, wie schäm- und ge- wissenloS sie ihre Ausbeuterknisse�n'k: Werk setzen, und dann sagt uns: Kann, was von der Seite als Svnalresorm angepriesen wird, Anderes sein, als der elendeste Humbug, den je die Welt gesehen? Und ohne diese Herren oder gar gegen sie kann Bismarck, selbst wenn er es wollte, Nichts ausrichten. Aber er denkt, auch gar nicht daran. «— Wie unsere Leser unter England ersehen werden, finden daselbst fast auf der ganzen Linie L o h n be w c g u n g cn unter den Ar- heitern statt; die Arbeiter sind' auf dem Posten, um den besseren Geschäftsgang für sich auszunützen.'Wie sieht es dagegen in Deutsch- l a n d aus? Dort hält man die Arbeiter mit großen Worten von „sozialen Reformen" und dergleichen bin und übt dabei einen Druck aus, wie er infamer nicht gedacht werden kann. In Schalke war ein — klerikal-konservative«— Arbeiterblatt erschienen, sofort wurde, wie der„Allgem. Anzeiger für Rheinland und Westphalen" triumphirend mittheilt, dasselbe im„Interesse der öffentlichen Sicherheit" i n h i b i r t! Wer da inhibirt hat, ob die Polizei oder die selbstherrlichen Kapital- protzen, wird nicht gesagt, zweifelsohne waren es die Letzteren. Der „Allgem. Anzeiger" ist„gemäßigt liberal", wie man steht, war die Entrüstung der Herren gegen Ehren-Stumm seiner Zeit nur politische Heuchelei. — I st die Scham zu den Hunden entflohen? Folgende, die Verkommenheit unseres bürgerlichen Prcßbanditenthnms und die un- verhüllte Brutalität unserer Polizeischergen gleich bloßstellende Notiz durchlief in den letzten Tagen die rheinische Presse: „Von der reichsländischen Gensdarmeric wurde laut der„Saar- brücker Zeitung" am 4. Januar ein aus Frankreich- ausgewiesener Russe hier eingebracht. Derselbe soll wegen einer Majestät«- . beleidigung aus Rußland zur See nach Frankreich geflüchtet, von dort aber wegen gänzlicher Mittellosigkeit ausgewiesen worden sein. Die beleidigenden Aeußerungen will der Mann, der dem Arbeiterstande angehört, in der Trunkenheit gethan haben. Was die Herren Franzosen von fremden Gesindel nicht wollen, da« paßt uns auch nicht, und so wird denn der Mann von der West- an die Ostgrenze des deutschen Reiches dirigirt und über die russische Grenze gebracht werden." Das heißt, er wird den russischen Henkern über- liefert werden. Und kein Wort der Entrüstung— was sagen wir!— kein Wort des leisesten Tadels, des schüchternsten„Bedenkens" begleitet diese infame Polizeinotiz. Ja, als es sich noch um die Heroen ihrer Klasse, um die Kossuth, Mazzini ic. handelte, wie wäre damals die edle Bourgeoispresse übergeschäumt vor sittlicher Entrüstung! Aber hier handelt es sich nur um einen Arbeiter, einen Mann, den die ehren- werthe französische Bourgeoisrepublik wegen„gänzlicher Mittellosigkeit" abgeschoben hat! Um einen Habenichts. Was soll man mit ihm lange Umstände machen? Abschieben, abschieben, abschieben! bis hinein in die Bergwerke Sibiriens!--- Es ist ja nur ein armer Proletarier! Und so werden sie ihr schmachvolles System fortsetzen, die heutigen Machthaber, unbekümmert um die Entrüstung aller unabhängig Gesinnten bis eines Tages diese Entrüstung sich umsetzt in einen lebendigen Protest, in einen Protest, vor dessen Argumenten ihnen die Augen übergehen werden! Wir aber wollen unablässig Unterschristen sammeln für diesen Protest, jede Nummer unseres Blattes muß ein Sammelbogen sein in der Hand unserer Genossen, jeder Tag als ein verlorener gelten, der der Masse der Protestirenden nicht neuen Zuwachs liefert! — Nur ein„Vorfall". Am Samstag Nachmittag, kurz nach 3 Uhr, so erzählt die„Konstanzer Zeitung" vom 9. Januar, ereignete sich hier ein V o r f a l l, der in der Bevölkerung nicht ohne Ausregung zu verursachen vorüberging. Der ans dem Festungsgesängniß in Ulm entsprungene, zu mehrjähriger Festungsstrase verurtheilte Militärgefangene R i e g(ein Württemberger) war in der Gegend von Lörrach ausgegriffen worden und traf mit dem Gesangenentransportwagen am Samstag Nachmittag 2 Uhr 50 Min. von Lörrach kommend hier ein. Derselbe wurde durch den Sergeanten R u ck m i ch und einen Gefreiten, beide von der 2. Komp. des hiesigen Regiments vom Bahnhof abgeholt, um am Sonntag früh mit dem ersten Schiff über Friedrichshasen nach Ulm transportirl zu werden. Da der Arrestant als fluchtverdächtig signalisirt worden war, versäumte der Sergeant nicht, demselben mittelst eines Kettchens die Hände zu fesseln, auch lud er, sowie der begleitende Ge- freite vor seinen Augen das Gewehr. Bei der Petershauser Kaserne (gegenüber dem Osfizierkasino) angekommen, zerriß der Sträfling plötzlich die Kette und suchte zn entfliehen. Als, wie erzählt wird, der Sträfling auf dreimaliges Rufen nicht stehen blieb, gab der Sergeant Feuer und der Arrestant fiel, durch den Kopf getroffen, sofort todt zu Boden. Todt! Todt! Ein Menschenleben vernichtet. Und doch nur ein „Vorfall". Gerade so, als ob ein Pferd durchgegangen, oder ein Ober- biirgermeister wegen Unterschlagung in Untersuchung gezogen worden wäre. Eigentlich auch das nicht einmal, denn Letzteres verursacht wenigstens„große Aufregung". Uns aber schreibt ein Augenzeuge dieses„Vorfalls": „Der Soldat wurde in unmittelbarer Nähe der Kaserne erschossen. Hart an der Straße fließt der Rhein, auch war der Arme kaum 10 Schritt von seinem Verfolger entfernt, der ihn beinahe mit dem Gewehr hätte erreichen können; ein Entweichen war kaum möglich; da ziemlich viel Leute in der Nähe waren, war ein weiteres Unglück nicht ausgeschlossen. Einige Zivilisten, die ihrer Entrüst- nng offen Luft machten, wurden in die Kaserne geschleppt, wo man den Versuch machte, sie einzusperren. Daß R i e g die Fesseln zersprmgt habe, wird allgemein bestritten." Trotzdem ist der betr. Sergeant vom Kriegsgericht freigesprochen worden! Wahrscheinlich wird er noch wegen seiner Tapferkeit belohnt werden. Denn was er gethan, gehört zum System der heiligen Ordnung des Reiches der Gottesfurcht und frommen Sitte! Da heißt« für jeden Beamten: Fürchte Gotr, Ehre den König und trete das Volk! — Aus Sachsen, 13. Jan. Was in Berlin im Großen sich vollzieht, versucht man in Dresden im Kleinen nachzuahmen. Auch hier versuchen Angehörige reaktionärer Parteien die Arbeitersrage an die Hand zu nehmen, um sie zu Gunsten des Klasseninteresses der Bourgeoisie mit leeren Phrasen todt zu machen, und auch hier bildet sich ein kleiner, von maßloser Eitelkeit geplagter„Staatsminister,, zum absoluten Herrgott heraus. Seit langen Jahren hat die Sozialdemokratie ihre mahnende Stimme zum Hinweis auf das Bergarbeiter-Elend erhoben, welches in Sachsen noch verschlimmert wird durch eine miserable Knappschastskaffen- Gesetzgebung, die dem Bergmann das Geld aus der Tasche stiehlt und ihn zum Sklaven der Werkbesitzer macht. Die Stimme der Sozialdemo- kratie, welche Reform des Berggesetzes verlangte, ist nicht beachtet worden, selbst nach dem schrecklichen Zwickauer-UnglÜck nicht, da der Geldsack der Kohlen-Pascha's bei der bestehenden miserablen Wirthschaft am schnellsten gefüllt wurde. Nun ist endlich die Frage der Reform unabweisbar ge- worden, und es gilt, wirkliche Maßregeln zu treffen. Da wendet man sich nicht an die Vertreter der Arbeiter oder an die Bergarbeiter selbst, sondern es kommen zwei Vollblut-Bourgeois, nämlich der famose„Fort- schrittler" Streit, der Kneipkumpan der Zwickauer Kohlen-Barone, und Stephani, der Leipziger Schweinsknochen-Liberale, und stellen einen Re- form-Antrag, der so urkomisch bescheiden ist, daß man sich eigentlich wundern muß, wie er ernsthaft debattirt werden konnte. Der Landtag wird ersucht, die Regierung zu ersuchen, ob sie nicht vielleicht in Erwägung ziehen wolle, inwieweit es möglich sei, das Berggesetz dahin zu ändern, daß unverschuldet außer Arbeit gekommene Bergarbeiter einen Theil ihres in die Kassen eingezahlten Geldes entweder heraus- bekommen, oder wenigstens für ihre Invalidität oder für ihre Nach- kommen sichergestellt erhalten. Damit soll die brennende Bergarbeiter- frage gelöst werden! Die Landtagsdebatte bewies auch, wie wenig ernst man es mit dem Wohl der Arbeiter meint..Der Zwickauer Bürger- meister Streit sagte, es sei besser, den Arbeitern das Geld nicht in die Hand zu geben, denn sie wußten nicht mit Geld umzugehen. Gegen diese Beleidigung des Arbeiterstandes protestirte unser Genosse Bebel ganz energisch und entrollte die Forderungen, welche die Arbeiter in dieser Frage zu stellen haben, wie er auch rügte, daß die Sache so nn- verhältnißmäßig in die Länge gezogen werde. Unser kleiner Bismarck, Herr Hermann von Nostiz-Wallwiy, hielt den Augenblick für günstig, die atheistische Republik gegen die Reform der Bergarbeitersrage iu's Feld zu führen. Er sagte, für Arbeiter, welche diese Republik ein- führen wollten, habe er keine Sympathie. Als ob das Wohl des Volkes von den Sympathien des Ministers abhängen müßte! Nachdem Bebel ihn darauf aufmerksam gemacht, daß er hier als Minister und nicht als Partei-Agitator stehe, fühlte er sich auch noch beleidigt und klagte über die schlechte Behandlung, die ihm, als einem Minister, Bebel zu Theil werden lasse. Die beiden Clowns des Landtags, Dr. Heine und Roth, sprangen ihm auch bei und lamentirren über die Reden, die Bebel für die Arbeiter hält. Der Fortschrittler Streit that noch ein klebriges durch ehze Verdrehung. Bebel hatte gesagt, der Bergbau solle Staatssache werden. Er halte damit sich vollständig auf den Boden des heutigen Staates gestellt, indem er als Beispiel das heutige Eisenbahnwesen an- führte. Streit sagte aber, wenn Bebel die Bergwerke für den sozialen Staat reklamire, könne er sich freilich nicht wundern, daß die Werk- besitzer auf seine Reform nicht eingehen. Wo solle dann der soziale Staat da? Geld hernehmen, um alle Werke zu expropriiren. Unser Vertreter schlug jedoch alle derartigen Einwände nieder, zeigte den Klassen- Egoismus, der unter elenden Ausflüchten das bestehende Unrecht zu er- halten sucht und nahm die Bergarbeiter gegen die Beleidigungen Streit'« in Schutz, dabei die Manipulationen enthüllend, welche die Werkbesitzep it den Grllnderjahren vornahmen, um die Kohlenpreise in die Höhe zu treiben, während sie es den Arbeitern zum Verbrechen machten, wenn sie einen Lohn verlangten, der zu menschenwürdiger Existenz nothdllrftig zu« reichte. Der Streitsche Antrag wurde angenommen, weitere Anträge der Sozialisten stehen jedoch in Aussicht. — Am Montag, 9. Januar, halte die sächsische Justiz wieder ein großes Schlachtfest. Als Schlächter fungirte der bekannte und be- rüchtigre M a n g o l d l, angeklagt waren 39 Sozialisten, meist Großenhainer, darunter unser dortiger Reichstagskandidat F. Geyer. Die- selben hatten in Großenhain Flugblätter ausgetragen und sich dadurch gegen die konservative Partei in einer Weise versündigt, die schwere Ahndung verdiente. Die Verhandlung war wie gewöhnlich geheim, und man wußte also schon, was kommen würde. Die Formalitäten dauerten bis Abends 7 Uhr, dann wurde jeder, von dem festgestellt war, daß er Sozialist sei, verknurrt. Geyer, als Kandidat zum Reichstage, erhielt acht Monate Gefängniß, damit er sich nicht wieder eine solche Kandidatur zu Schulden kommen läßt. König, da er aus Berlin und Leipzig ausgewiesen, also ein sehr gefährlicher Mensch ist, muß vier Monate brummen. K ü h n e l, Kolporteur in Meißen, bekam auch vier Monate; man sah ihn für den Führer der aufgeklärten Meißner an und ärgerte sich, daß es solche Leute in der alten sächsischen Fürstenstadt geben kann. Nun marschirten eine Reihe von Angeklagten, die Flugblätter ausgetragen hatten, mit zwei Monaten Gefängniß auf, und zwei Monate erhielt auch der Maschinendreher Krü gel, der als Dreher einer in sozialistischen Händen befindlichen Maschine sehr verdächtig war, sich des strafbaren In- Halts dessen, was er gedreht hatte, wohl bewußt gewesen zu sein. Um da« Dutzend voll zu machen, wurden noch zwei Mann zn je 14 Tagen und Genosse Schatz, der ein verschlossenes Packet mit Wahlaufrufen an einen andern gegeben hatte, zu vier Wochen verurtheilt. Es war unbedingt anzunehmen gewesen, daß er das Innere dieses verschlossenen Packeis ganz genau gekannt hatte, denn die Sozialisten kennen ja Alles und Schatz ist ein Sozialist. Borwand zu Dieser Abschlachtung gab S 131. 27 Mann wurden Schandenhalber freigesprochen. — Den zw e i M o n st r e p r oz e ss en, die sich seit Beginn dieses Jahres in Dresden abgespielt haben, wird im Laufe der Zeit noch eine große Zahl von Wahl- und sonstigen politischen Prozessen nachfolgen. Außer dem bekannten Leipziger Prozeß gegen Bebel, Hasenclever und Liebknecht, schweben gegen Bebel wie gegen Liebknecht noch je 2 Prozesse, die sofort nach Schluß des Landtages wohl in Schuß kommen werden. Und weniger ernsthafte Prozesse, die in der Wahlbewe- gung ihre Wurzel haben, dürften noch zu Hunderten vorhanden sein Bei den zahlreichen politischen Prozessen der Gegenwart ist das Augen- merk aus die flagranten Schäden unseres Gerichtsverfahrens gelenkt wor- den: während es für untergeordnete Vergehen 3 Instanzen gibt, gibt es für die ernsteren Vergehen und Verbrechen, die vor das Landgericht kom- inen, nur eine Instanz. Wer vom Landgericht verdonnert ist, hat nur die Ehance der Revision beim Reichsgericht— eine Chance, die aber in politischen Prozessen gleich Null ist, weil das Reichsgericht nicht das Recht hat,„Feststellungen" des Landgerichts anzugreisen, sondern blos f o r- melle Mängel in der Urtheilsbegründuug. Thatsächlich„feststellen" kann das Landgericht Alles, denn zur„Feststellung" gehört nicht ein juristischer Beweis, sondern die„Ueberzeuguug" des Richters. Die „Ueberzeugung" braucht also nur korrekt, d. h. schablonenmäßig„festzu- stellen" und das Urtheil ist unanfechtbar. Die Schablone ist aber leicht zu beschaffen, und wer sie einmal hat, kann nie irren. Und da in unseren Richtern uns unsere politischen Feinde gegenüber- stehen, so sind solche Prozesse im Voraus entschieden. — Aus England. Die Wahlen in Deuschland scheinen auf die englischen Arbeiter einen tiefen- Eindruck gemacht zu haben. Im„Labour Standard" finden wir in fast jeder Nummer Einsendungen von Arbei- tern, welche auf ein selbstständige« Borgeben derselben bei den Wahlen hinauslaufen. So heißt es in einem Leitartikel in der letzten Nummer dieses Blattes unter direktem Hinweis auf die Vertretung der deutschen Arbeiter im Reichstag:„Es ist ein bedauerlicher Zustand, daß die kapi- talistischen und anderen Klassen so stark im Unterhaus vertreten sind, während die Arbeiterklasse, von der die Existenz aller anderen Klassen abhängt, kaum eine Stimme in den Angelegenheiten des Landes hat."-- „Statt aus die Anpreisungen der großen Parteien zu hören und für ihre Kan- didaten zu stimmen, mögen die Arbeiter jedes Distrikts sich verbinden, um in jedem größeren Industriezentrum einen Arbeitervertreter zu ent« senden. Wenn wir uns nicht darum kümmern, so werden die nächsten allgemeinen Wahlen da sein, ehe wir es merken; und ohne entsprechende Organisation ist die Durchsetzung von Arbeiterkandidaten unmöglich. Die Idee einer Arbeiterpartei ist eine berechtigte. Möge sie ins Werk gesetzt werden, solange noch Zeit dazu ist, damit die Arbeiter, wenn die allge meinen Wahlen da sind, vorbereitet sind, in jedem Distrikt ihren eigenen Kandidaten in's Feld zu fahren." In Manchester verlangen die Maschinenbauer angesichts der besseren Jndustrieverhältnisse eine Lohnerhöhung bis zur Höhe der vor drei Jahren gezahlten Löhne. Da die Unternehmer sich dagegen sperren, steht ein Strike in Aussicht. Aus demselben Grunde und nach demselben Maßstabe verlangen die Baum wollen weder von Zk o r d u n d N o r d o st- L a n k a s h i r e Lohnerhöhungen von 7 s ,, 10 und 15 Proz. In C l e v e l a nd haben die Verhandlungen zwischen den Unterneh- mern und Delegirten der Arbeiter der E i s e n d i st r i k t c bereits dahin geführt, daß die Unternehmer den Arbeitern 12 Proz. Lohn- erhöhung geboten haben. In O l d h a m haben die Spinner beschlossen, eine Lohnerhöhung von 5 Proz. zu verlangen. In den Jndustriebezirken von Staffordshire finden, namentlich in der Kohlen- und Eisenbranche, gleichfalls Verhandlungen wegen Lohnerhöhungen statt. Korrespondenzen. — Mülhausen i. Elsaß, 3. Januar. Wenn auch verspätet, sei Ihnen doch auch von hier aus ein Lebenszeichen zugesandt. Es mag das erste Mal sein, daß aus Mülhausen ein Bericht im Parteiorgan erscheint, ein Zeichen, daß das Sozialistengesetz auch in den neuen deutschen Reichslanden seine Wirkung ganz gut ersüllt. Wir hatten im Jahre 1374 bei den Wahlen allerdings auch zirka 300 Stimmen zusammengebracht, aber nach vorhergegangener öffentlicher Agitation, und die da- maligen Genossen traten nach vollbrachter Wahl zu keiner lhatkräftigen Organisation zusammen. Es mußte erst das Sozialistengesetz kommen, um auch hier der sozialistischen Partei einen festen Kern von Anhängern zu gewinnen. Für de» mit den politischen Verhältnissen Vertrauten bedarf es keiner weiteren Auseinandersetzung über die verschiedenen Hindernisse, die sich einem massenhaften Anschluß der elsäsfischen Arbeiter an die deutsche sozialistische Partei entgegenstellen. Wir sind auch weit davon entfernt, ähnlich den deutschen Industriezentren, unsere Anhänger nach Tausenden zu zählen. Wir sind erst in die Hunderte eingerückt. Aber wir sind da!— Jetzt, wo die sozialistische Partei von der Oessentlichkeit verdrängt, nur im Stillen und Geheimen sich äußern kan», legen nur die stattfindenden Verfolgungen und Prozesse von derem Dasein Zengniß ab. Und so sei den Lesern des„Sozialdemokrat" von unserem ersten Prozeß Bericht erstattet. Im vorigen Sommer wurde eines frühen Morgens Genosse Huber, der Tags zuvor in Basel zum Besuch war, behaussucht. Das Nämliche geschah den Genossen Hickel und Hirler. Die beiden Ersteren wurden von!,uttserm" Kaltenbach, der mir seiner Spitzelbande gar geschäftig thal, verhaftet.. Man halte bei Genossen Huber wirklich einige Briefe und Packete mit unserem Organ gesunden. Beim Genossen Hickel da- gegen nur seine Abonnementsnummer und ein Packet, dessen Inhalt ihm aber unbekannt war. Sieben Wochen schmachteten die Beiden in Unter- suchungshast. Natürlich hatte die Verhaftung unserer Genossen in deren Nachbar- schaft, wo sie als ruhige Leute sehr gut bekannt waren, großes Auf- sehen gemacht. Jedermann frug sich, weshalb kommen die Beiden ins Gefängniß? Unsere in Freiheit befindlichen Genossen versäumten natürlich nicht, darauf die Antwort zu geben, und so wurden denn Viele mit dem Sozialismus bekannt und— unsere Anhänger. Das zeigte sich übrigens bei den Wahlen. Hickel sowohl wie Huber wurden stets gefesselt aus dem Unter- suchungsgesängniß zum Untersuchungsrichter geführt. Man begreife das peinliche Aussehen! Frau Hickel war mehrere Mal Zeuge dieser Bruta- lität, und so entschlüpfte der hitzigen Elsässerin in gerechter Aufwallung die Bemerkung:„Seht, wie diese verf...... Schwaben meinen Mann behandeln."(Die Bewohner Schwabens mögen die Jdentifizirung mit preußischen Gensdarmen verzeihen. Aber die bepickelhaubten Sub- jekte dahier, die sich dem Volke so unsympathisch wie möglich machen, haben nun einmal diesen Namen. Er soll bezeichnen das Rohe, Protzen- hafte dieser Diener einer rohen protzenhaften Gewalt. Je mehr die schwäbischen Bürger sich vor dem„Verpreußeln" bewahren und eifrige Kämpfer der Freiheit werden, je mehr wird auch hier aufhören der schlimme Beigeschmack ihres Namens). Es kam endlich zur Gerichtsverhandlung. Ein bezeichnendes Kuriosum— einen andern Namen kann man füglich bei der Masse von Ichandthaten kleinen wie größeren Kalibers, in welchen sich unsere Gewalthaber gefallen, nicht anwenden— kam gleich anfangs vor. Genosse Hirler befand sich im Zuhörerraum, und ohne irgend welche Veranlassung wurde er von unserer edlen Polizeiseele Kaltenbach in einer Zelle des Gerichtsgebäudes inhaftirt, um nach beendigter Per- Handlung wiederum ohne irgend welche Veranlassung freigelassen zu werden. Die Theilnahme des Publikums war eine sehr rege, denn es galt ja zum ersten Male sozialistische„Verbrecher" aus den Reihen der Elsässer, zu denen das sozialistische Gift nach der Aussage unseres Statthalters Manteuffel noch nicht gedrungen ist, zu richten. Aber zu einer sehr groß- artigen Staats- und Gesellschastsrettung, zu welcher Kaltenbach alles Mögliche vorbereitet hatte, kam er, Dank der Festigkeit und Offenheit unserer beiden Genossen, nun doch nicht. Der Gang der Verhandlung unterschied sich jedenfalls wenig von den anderwärts vorkommenden. Es sei demnach nur einer interessanten Episode gedacht. Der damit beauf- tragte Beamte las die Untersuchungsprokokolle vor. Unser Hickel war gefragt worden, wie er als Elsässer sich der deutschen sozialistischen Partei anschließen könne. Die Antwort lautete kurz und bündig: Als ich im Jahre 1370 als Kriegsgefangener in den feuchten und dumpfen Kasematten Ra st atts lag, hatte ichZeit genug, um über das Elend und den furchtbaren Un- sinn des Krieges nachzudenken. Ich fand, daß nur die Soziali st en diesen Greueln ein radikales Ende machen können. Demnach wurde ich Sozialist. Und weil ich weiß, daß nur durch Zusammenhalten aller Gleichgesinnten, ohne Rücksicht auf Nationalität etwas erreicht werden kann, so schloß ich mich der deutschen sozialistischen Partei an!— Täuschte ich mich oder war es Wahrheit, der Vorlesende senkte seine Stimme zum kaum vernehmbaren Flüstern herab, und seltsam bedeutungsvolle Blicke tauschten die Gerichtsherren untereinander. Das Ende der sehr langen Berathschlagung war, daß Huber zu seiner siebenwöchentlichen Untersuchungshaft weitere zwei Monate erhielt, Hickel aber freigesprochen wurde. Zum ersten Male im Feuer stehend, haben sich unsere Genossen brav gehalten. Die ausgestandenen Leiden rechnen sie für Nichts. Konnten sie durch dieselben doch der Arbeiterpartei nützen— und Er- fahrungen für später sammeln. Bon der Frische und Energie unserer hiesigen jungen Garde legte Hirler ein gute« Beispiel ab, indem er, um den Genossen in Basel von den vorgekommenen Verhaftungen Nachricht zukommen zu lassen, den langen Weg von Mülheim nach Basel, da die Eisenbahnstationen von Kaltenbach besevt waren, in einem Tempo zu Fuß zurücklegte. Athemlos langje er in Basel an, um, ungleich jenem Griechen von Marathon, von einer— verlorenen Schlacht Meldung zu macken. Bei dieser Gelegenheit sei noch erwähnt, daß der Polizeimann Kalten- dach respektable Anstrengungen machte, um unseres Genossen G. in Bafel habhaft zu werden. Naiv unverschämt, bot er der Frau Hickel 100 Mark und— wer lacht da nicht!— dem Genossen Hirler als Vorschuß 20 Mark an, wenn sie den betreffenden Genossen nach Mül- hausen locken würden. G. in Basel erfreut sich des schlesischen resp. des deutschen Bürgerrechts. Schuld- und fehllos steht er da. Was zum Teufel hat denn da dieser Polizist ein Fanggeld auf seinen Kopf zu setzen? Aus welchem Fond werden diese Summen entnommen, Schuft von Kaltenbach?"«ffAZ Die Wahlen vom 27. Oktober gaben eine kleine Antwort auf den obigen Prozeß. Wir mußten natürlich mit der g r ö ß t e n V o r s i ch t zu Werke gehen und aus eben dem Grunde konnten nur 11 Mann mit dem Verlheilcn betraut werden, weshalb auch, besonders in der Stadt, die Verbreitung eine sehr mangelhafte war. Kaltenbach erklärte Mehreren, daß sie nur die Flugblätter zeigen möchten, die Wahl sei frei und das Flugblatt ja nicht strafbar, und trotzdem hielt der Gute drei Haussuchungen nach diesem Flugblatt ab. Jedoch— gerade als er beim besten Haussuchen war, klebte ihm ein Genosse mit dem klebrigsten Gummi ein solches Flugblatt an seine eigne Hansthüre an. Einschüchterungen fehlten auch nicht, trotzdem der Statthalter von Manteuffel sein Wort gegeben hatte, daß die Wahlen in Elsaß frei sein sollten. Ein Werkmeister in den Eisenbahnwerkstätten erklärte den Arbeitern:„Wer für Liebknecht oder Dollfuß stimmt, wird aus der Arbeit entlassen." Nicht wahr, Bürger Redakteur, das Elsaß wird von den Deutschen moralisch zurück- erobert?(Na, ob! D. Red.) Trotzdem min, wie gesagt, die Vertheilung noch eine mangelhafte zu nennen war, trotzdem wir aus dem Groß-Hüninger Kanton(Schweizer Grenze) gar keine Stimmen amtlich zugezählt bekamen, erhielt Liebknecht doch 478 Stimmen, meistenrheils am den Dörfern. Nun theilt uns aber ein Genosse aus Hägenheim mit. daß daselbst 3 Stimmen auf Liebknecht gefallen seien. Nach amtlicher Zusammenstellung liefert aber der ganze Gr.- HUninger Kanton gar keine Stimmen für Liebknecht, so daß da ein klein wenig corrüzer la fortune gespielt wurde. Liebknecht erhielt in Wahrheit bedeutend mehr Stimmen. Aber sind denn für den Anfang auch blos 478 Stimmen nicht genug? Boden ist für den Sozialismus vorhanden, und bearbeitet wird er werden. Jhr� aber, Arbeiter von Mülhausen, aufgewacht und dem Sozialismus die Augen zugewandt. Er allein kann uns be- freien vom Druck der Fabrikanten und der Gewaltherrschast. Reicht Euren Brüdern, den anderen Arbeitern, die entschlossene Bruderhand.� Gedenket der Worte Beranger'S: Die Menschen sind ja alle Brüder und unser Feind die Tyrannei! Sprechsaal. An die verehrliche Redaktion des„Sozialdeniokra t". Sie haben in mehreren Nummern des„Sozialdemokrat" die Rede ge- tadelt, die ich bei der Berathung der Denkschriften über die Berhängung des kleinen Belagerungszustandes im Reichstag gehalten habe. Ohne mich auf die von Ihnen beliebte Form des Ausdrucks näher einzulassen, bemerke ich zuvörderst, daß es Ihnen wohl besser angestanden haben würde, wenn Sic von mir eine Erklärung verlangt Härten, bevor Sie sich in so heftigen Angriffen gegen einen alten Parteigenossen ergingen. Zunächst sei positiv erklärt, daß ich keineswegs beabsichtige oder beab- sichtigt habe, den offiziellen Charakter des„Sozialdemokrat" anzufechten. Dieser offizielle Charakter gründet sich auf einen Beschluß des Wydener Kongresses, an dem ich zwar keinen Theil habe, den ich aber auch nicht umstoßen kann, selbst wenn ich die« wollte, woran ich in jener Rede nicht entfernt gedacht habe. Ich gebe zu— und dies ist der einzige Punkt, in welchem Sic Recht haben mögen— daß ich mich hätte deutlicher ausdrücken sollen. Hätte ich gesagt, wie ich sagen wollte:„Die einheimische Partei hat keine Organe mehr in Deutsch- l a n d"— hätte ich die Worte„in Deutschland" also hinzugefügt, so wäre kein Mißverständniß möglich gewesen. Die Scheidung in„ausländische und einheimische Partei" bezog sich doch blos auf die Verschiedenheit der Taktik, deren Vorhandensein Nie- mand bestreiten wird. Ein Gegensatz— und vollends ein prinzipieller— sollte damit nicht ausgedrückt sein; es kann ihn auch nur eine gewalt- same Interpretation aus meinen Worten herauslesen wollen. Wenn Sie verlangen, daß ich Artikel, wie den über Hietler, den der Minister des Innern vorlas, im Reichstage vertreten soll, so kann ich diesem Verlangen nicht stattgeben. Meine Wähler haben mich nicht nach Berlin gesandt, um Artikel zu vertreten, in denen ganz offen der Todt- schlag empfohlen wird, sondern um mich an der Gesetzgebung zu bethei- ligen und im Sinne des sozialdemokratischen Programms auf dieselbe einzuwirken. Ich habe nichts dagegen, wenn andere sich in„revolutio- nären" Krastphrasen überbieten; ich selbst aber finde keinen Geschmack daran, und meine Wähler wissen ganz gut, daß ihnen all die donnernden Revolutions-Pronunciamentos noch keine Suppe geschmalzt haben. Ich liebe nun einmal eine gemäßigte Form des Ausdrucks— was mit den Prinzipien gar nichts zu thun hat— und schätze es als eine glückliche Errungenschast, den journalistischen Flegeljahren entwachsen zu sein. Sie aber sind nicht berechtigt, mir in diesem Punkte Vorschriften zu machen. Die sozialdemokratische Fraktion wird eine Erklärung abgeben, in welcher sie die Grenzen ihrer Verantwortlichkeit gegenüber den einzelnen Artikeln des„Sozialdemokrat" bestimmen wird. Daraus wird sich von selbst ergeben, wie weit die Berechtigung der Redaktion in ihrer Kritik bezüglich der Thätigkeit der Abgeordneten geht, und ob wir Abgeordneten verpflichtet find, uns eine Kritik in der Form, wie sie mir gegenüber von Ihnen beliebt wurde, gefallen zu lassen. Wenn Sie schließlich auch an meinem journalistischen Beruf sich reiben, so erledigt sich die« für mich sehr einfach dadurch, daß ich mir wohl erlauben darf, auch die geehrten Herren Redakteure des„Sozial- demokrat" als Journalisten zu bettachten. Berlin, 12. Januar 1882. Wilhelm Blos. *** Wir haben zu dieser Erklärung folgendes zu bemerken: 1. Ob die vom Minister Puttkamer zitirle und von uns in Nr. 52 des„Sozialdemokrat" vom vor. Jahre auf's Neue abgedruckte Stelle aus unfern Leitartikel vom 28. Juli vor. Js. eine„offene Empfeh- lung des Todtschlags" enthielt, müssen wir dem Urlheil unserer Leser überlassen. Hätte der Abgeordnete Blos den Artikel selbst gelesen, was wir nach obigem Ausspruch zu bezweifeln allen Grund haben, oder hätte er, was im andern Falle sehr am Platze gewesen wäre, dem Minister zugerufen„Weiterlesen!" so hätte sogar ihn der unmittelbar folgende Satz: „Wie viel Grimm, wie viel Haß, wie viel Verzweiflung muß im Herzen des Volkes angesammelt sein, wenn es, die natürliche Scheu vor dem Tode überwindend, die Ermordung seines Peinigers feiert!" darüber belehrt, ob es sich da um eine„Empfehlung des Todtschlags" handelt. Wir wollen übrigens mit diesem Hinweis in keiner Weise ab- schwächen, was wir in jenem Artikel gesagt, sondern erklären nach wie vor, selbst auf die Gefahr hin, demnächst wieder desavouirt zu werden, daß wir uns voll und ganz dem Urlheil des Volkes in der Angelegenheit Hietler's anschließen, des Volkes, welches den„Mörder" des Scheusals Sothen freisprach. 2. Ob einer infam unterdrückten Partei und zudem der Partei des revolutionären Proletariats, eine„gemäßigte Form des Ausdrucks" besser ansteht als„revolutionäre Kraftphrasen", mögen gleichfalls die Genossen entscheiden. Wir sind vielleicht den journalistischen Flegeljahren noch nicht genug entwachsen, um für die weise Mäßigung des gereiften Alters das richtige Verständniß zu besitzen. 3. Werden wir uns unendlich freuen, wenn die gesetzgeberische Thätigkeit des Abgeordneten Blos den Erfolg haben wird, seinen Wählern die Suppe zu schmatzen, und dann nicht anstehen, ihm feierlich Abbitte zu thun. 4. Würden wir nicht unterlassen haben, den Abgeordneten Blos direkt über seine Rede zu interpelliren, ivenn wir uns nicht zu der Amiahme berechtigt geglaubt hätten, der den journalistischen Flegeljahren glücklich entwachsene Volksvertreter habe wohlüberlegt und mit dem vollen Be- wußtsein der Tragweite seiner Warte gesprochen. Wir mußten annehmen, der Fußtritt, den er in seiner Rede her Redaktion des„Sozialdemokrat" und den im Auslande weilenden Genossen errheilte, sei ein wohlbeabsichtigter gewesen. Daß dies nicht der Fall, konstatiren wir mit Genugthuung, und hoffen damit den Konflikt einst weilen beendigt. Ueber die Haltung des Parteiorgans wird sich hoffentlich in nicht allzuferner Zeil die Partei selbst auszusprechen.haben. Bis dahin werden wir bemüht bleiben, so zu schreiben, wie wir es vor der Partei glaube» verantworten zu können. Die Redaktion des„Sozialdemokra l". Brieftasten der Expedition. Marathon: Fr. 4,50 Ab. l. Qu. erh., fehlt noch Zhlg. für 3 Expl. Fr. 14,15 d. Vohdg. behändigt. Weiteres besorgt u. vorgem.— Ehd. Brm.: Mk. 5,— u. öwfl. 1,— Portozuschlag bis Ende April erh. All right.— Posen: Mk. 2,70 Ab. 1. Qu. erh. fehlten 30 Pfg. Ersatz abgg.— Agent d. Br. M.'pillcn: Mk. 14,— Ab. 1. Qu.:c, erh. Packetsdg. sehr zu empfehlen!——— g. Pdm.: Mk. 3,— Ab. 1. Qu. erh.— G. i. G.: Mk. 5,90 Ab. 1. Qu. u. 1 Phologr. erh. Bst. am 17/1 mehr.— F. Jonsch. i. N.-I.: Fr. 259,— ä Cto. erh. am 12/1 Schst. abgg.— I. Strauß N.'I.: Fr. 53,95 a Cto. erh. am 12 1.— U. a. D.: Fr. 30,— durch Freundeshand erh. u. k Cro. Ab. 1. Qu. benützt.— Hain. Sturmvogel: Mk. 3,— Ab. 1. Qu. erh.— B. Wien: öwfl. 3,60 Ab. 1. Ou. erh. Gewünschtes abges.— E. E. Ksen.: Fr. 6,12(Mk. 5.—) k Cto. Ab. erh.- A. K. Ga.: Mk. 3.- Ab. 1. Qu. erh. Weiteres nolirt.— Gen. Paris: Fr. 13,— Ab. Rest 4. Qu. erh. Entbehrliche« v. 4. Qu. retour erbeten!— Wallenstein: Bf. v. 2 1 am 5/1 beantw.—?). S. Bs. am 15/1 erh.— L. S. Paris: B. gestrichen. K. ist uns unbekannt.— H. K. Rh.: Mk. 6,— Ab. 1. u. 2. Qu. erh.—- I. I.: Mk. 12,60 Ab. 1. u. 2. Qu. u. Schst. erh.. E. bestellt. Weiteres d. Red. zugewiesen. Gruß!— C. The. S.' Fr. 2,— Ab. 1. Ou. erh. u. Ä. B. Bern: Fr. 2,— Ab. 1. Qu. erh. Nchn. war schon fort.— L. Paris; Fr. 5,— Ab. 1. Qu. erh.— R. Sch. f. G. Str.: öwfl. 2,— Ab. 1. Qu.-c. gutgeschr. Weiteres dkd. erh,— Ahasverus: Mk. 13,— st Cto. Ab. für 2 Expl. p. 4. Qu. 81 u. 2 Expl. 1. Qu. 82, sowie Phtgr. erh.— L. Sch. E.: Mk. 3.— Ab. I. Qu.:c. erh. u. dkd. verw.— Dornbusch Philadlph.: Fr. 51,80 k Cto. Ab. 1. Qu. erh. 11 Expl. mehr für Ich. beigelegt. Prosit n. I.!— Th. L. V.: Zu deutsch:„Geh' unbeirrel deinen Weg und laß die Leute schwatzen!"—„Zk." folgt. Sollte ja nicht eilen. Verspätung d. Brief- post haben d. Schuldigen gehörig monirt.— P.— S— a.: Wissen wir, daß Sie weg sind, wenn Sie Nichts melden? Sdg.„in Teufels Küche" kostet Ihr Geld!— Weckuhr;„S o schnell schießen die Preußen denn doch nicht." Bf. am 17. abgg.--- h.: Mehrbcstllg. angenehm, Geld nicht minder. Grnß!- PH. R. Nzwl.: Jrrthum berichtigt. Fr. 2,— d. rothen f zugew. Dank!— Hypokrates: Fr. 20,— ü Cto. gutgebr. Trotz höchst Sympal, f. d. Naturheilverf. können Aufrf. nicht unter- bringen.— Glühwurm Rß.: Fr. 7,36 k Cto. Ab. gutgebr.— Rasi: Mk. 80,— Ab. eingett.— Hansen: Fr. 2,— Ab. 1. Qu. erh. Nachn. auch für M. schon fortgewesen.— K. W. Kltn.: Mk. 3,— Ab. 1. Qu. erh.— Crimmitschau: Das Bad heizen, daß den Burschen die Haut „gelamber" wird. Hol; her!— K. T. Paris: Fr. 50,— Schrft. k Clo. d. Z. erh. Bf. v. 16. erst nach Schluß d. Bl. eingett. Bf. folgt. - C. D. C.: Mk. 3- Ab. 1. Qu. erh.- H.«. A.: Mk. 3,- Ab. 1. Qu. erh. 60 Cts. Bsm abges.„Frd. Spitzel" registrirt.— Seele: Bs. v. 15/1 nebst Beil. erh. Bestllg. folgt.— Ferd.: Abrchng. de« Alten in L. veranlassen. Sehr dringl. Bf- v. 10. u. an E. erh.— H. I. Paris: Fr. 5,— Ab. 3. u. 4. Qu. erh.— B.B. London: M. 6,— in Bsm. erh. Ausschluß brfl.— Dtsch. A.-V. Wädenswl.: Fr. 10,— v. d. Weihnachtsfeier d. Ufds. dkd. zugew. Fdsqttg. später.— Kleiner Schwarzkpf.:„Dem Manne kann geholfen werden". Echwetj. BereinSbuckidruckerei Hottinken-Zürich