Srlchewl sv ö ch entlich einmal in Zürich iSchweiz) Ycrlsz Volksbuchhandlung Hottingen-Zürich. VoSsenduugeu franco ge�en franco. Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz kosten Toppelporto. Der AoMemckmt Jentrat-Argan der deutschen Sozialdemokratie ÄöonnemeulL wtrden nur beim Verlag l»>b desleii belannten Agenten rnt- gegengenommen und zwar zum voraus zahlbare» Vierteljahripreii von: Fr. für die Schweiz Kreuzband Ml. 3— für Teutschland(Couvert fl. I. 7b für Oesterreich(Couveit Kr. 2. Sb für alle übrigen tjänt er des Weltpostvereins llkreuzband». Jllserate Die dreigefpalten« Petit, eile 25 CtS. � 20 Pfg. R? 1«. Donnerstag, 13. April. 1882. mu- Ali» ti die ßirresstslldtlliell»nd Adiullk-ieu de«„Äoiiaidemokrit".'MM Da der.Soiialdeinolrat- sowohl in Deutschland al, au» in Oesterreich»erboten ist. bezw. verfolgt wird, und die dortigen als mdglich an den.Sozialdemolrat' resp. dessen«»lag selbst adresfiren. sondern sich möglichst an irgend eine unverdächtige «-Hörden fich alle. Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschwere», resp. Briese von dort an und Adresse außerhalb Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche sich dann�mä uns in B-rbmdung seht; anderseits aber, dag und unsere ZeitungS- und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äusterste Vorsicht im Vostverkehr nothwendig und auch uns möglichst unverfa darf keine Vorsichtsmaßregel versäumt werden. die Briefmarder über den webr der Sendungen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen. Haupterforderniß Bekennt Farbe! Nichts ist für eine Partei wie die Sozialdemokratie schädlicher als diplomatische Bemäntelungs- Kunststücke. Niemals mehr als heute und in keinem Lande mehr als in Deutschland ist für die Kämpfer der Sache des arbeitenden Volkes die Parole geboten: Bekennt Farbe! Niemals mehr als heute! Denn mit allen möglichen Lock- mittein suchen heute die Anhänger der bestehenden Ausbeuter- gesellschaft das arbeitende Volk von dem einzig-richligen Weg zur Verfolgung seiner Interessen abzulenken, mit allen möglichen Versprechungen es einzuschüchtern, mit allen möglichen Jntriguen es zu entzweien. Es gibt nur ein Mittel, ihren Bemühungen erfolgreich entgegenzutreten, und das heißt: Farbe bekennen! In keinem Lande mehr als in Deutschland! Deutschland genießt schon von langer Zeit her und mit nur zu großem Recht den Ruf, das Vaterland der Philisterei zu sein. In keiner Nation mehr als in der deutschen findet sich der Hang, allen ernsthasten Konflikten meilenweit aus dem Wege zu gehen, die Sucht anstatt die realen Verhältnisse mit offenen Augen zu be-- trachten, sich in irgend eine holde Traumbelrachtung zu ver- senken, nach der sich dann die Welt und noch einige Dörfer mehr zu richten haben. Thun sie das nicht, und kommt der echte Philister dann in eine unangenehme Kollision mit der wirk- lichen Welt, so kann er für einen Moment recht böse werden, auf seine Traumwelt verzichtet er aber nicht, jondern sucht die entstandene Lücke mit einer neuen Illusion auszustopfen, worauf er sich wieder der süßen Gewohnheit des Träumens hingibt. Ein klassisches Beispiel lieferte uns in der neueren Zeit der liberale Philister mit seiner Bismarckischen Zweiscelentheorie, seinem Hohenzollernkultus, insbesondere seinem Märchen vom „liberalen Kronprinz". Bisher hat sich die Philisterei, Dank der sozialistischen Agita- lion, aus das Bürgerthum beschränkt, alle Versuche, die pfiffige Selbsttäuschung in die Reihen des klaffenbewußten Proletaiiats hineinzuschleppen, mißlangen gründlich. Die Krankheit wurde stets im Keime erstickt. Wir erinnern nur daran, mit welcher Energie auf dem letzten öffentlichen Sozialistenkongreß(Gotha, 1877) die Delegirten Bebel, Eckert(Kalk), Most, Otto(Ottensen) den Versuchen entgegentraten, unser Programm bei den Wahlen dem Philisterthum zu Liebe abzuschwächen. Heute nun, wo die sozialistische Agitation so außerordentlich erschwert ist, wo Dank dem Ausnahmegesetz, die Genossen in Deutschland sich nothgedrungcn oft der Sprache bedienen müssen, um ihre Gedanken zu verbergen, ist die Gefahr eine viel größere. Dank dem oben geschilderten Nationalhang haben sich manche Leute schon so daran gewöhnt, ihren Gldanken nur in ver. steckter Form Ausdruck zu geben, daß es ihnen schließlich un- möglich geworden zu sein scheint, rund heraus zu sagen, was sie denken und für Recht halten. Wir haben schon Anfang dieses Jahres gelegentlich der Reichstagsdebatte über den Belagerungs- zustand aus diesen Krebsschaden aufmerksam gemacht, aber noch immer stoßen wir, und gerade bei sogenannten Führern unserer Partei, auf die schon damals von uns gerügte Sucht. Polizei und Philisterei zu Liebe Dinge abzuleugnen, die thalsächlich das Wesen unserer Bewegung ausmachen. . Das ist, gerade herausgesagt, ein Unfug, der hart an Berrath meist. Mjj solchen Ableugnungen täuschen wir nicht die Polizei, sondern die Masse deS Volkes, gewinnen wir nicht die Philister, sondern erziehen unsere eigenen Anhänger zu Philistern. Anstatt baß die Charaktere durch den Kampf gestählt werden, werden � sk"� b'e'e burt� unb burch korrumpirt. Wir verlangen ja nichts Unbilliges. Wer nicht reden will odei darf, wie es der Wüide unserer Partei entspricht, soll ruhig halten; wo aber in Wort und Schrift Jemand als Mitglied unserer Partei spricht, da erwarten wir von ihm, daß er das, was er sagt, unzweideutig sagt, für Freund und Feind gleich verständlich, daß er den Charakter unserer Partei in keiner Weise verleugnet, mit einem Wort: Farbe bekennt! Es gilt das nicht nur von Reichstagsreden und Erklärungen vor Gericht, es gilt das in ebenso hohem Grade von allen flugblätt�"®r"ärun9en, wie auch namentlich von unseren Wahl- Was die öffentlichen Erklärungen anbetrifft, so lief vor wenigen Tagen eine solche Erklärung des Genossen Geiser durch die Zeitungen, welche in hohem Grade unser Befremden erregt hat. Irgend ein schuftiger Esel hatte von New- York aus an Geiser, und zwar nach Leipzig folgenden offenbar für Stieb er bestimmten Brief geschickt: ,,N e w. U o x k, 15. März. Freund Geiser! Ich freue mich, zu porcn, baß Alles in Ordnung und der Tag zum Losschlagen festgesetzt ist. �.ic Zeitungen werden wie zuvor versandt und ich hoffe, in der gleichen Weise eingeführt.(Hier folgt ein nicht wiedergegeben'er Satz.) Gut Glück. �h,. treuer I. S." Wir sagten, irgend ein Esel, denn der Brief ist zu ungeschickt, als daß heute irgend Jemand auf solchen Schwindel hinein- fallen sollte. Geiser hat diesen Brief sofort der Polizei zur Recherchirung nach dem Ursprung desselben überschickt, selbstverständlich nur aus dem Grunde, um der Hochlöblichen ein Bein zu stellen. Das ist seine Sache und geht uns nichts an. Was uns aber in hohem Grade angeht, ist das Begleilschreibcn Geiser's. In demselben heißt es: „Der Absender dieses von Newhork aus dem für deu Zweck der Sen> dung charakteristischen Umwege über das im kleinen Belagerungszustande sich befindliche Leipzig an ihn abgeschickten Brieses kann nur eines von jenen verächtlichen Subjekten sein, welche als zum Theil frei- willige Xgsnt« provooateurs sich bemühen, für die lächerliche Univahrheit, in Deutschland bereite sich eine-Revo- lution vor und die deutsche Sozialdeinokratie suche eine solche Katastrophe herbeizusühren, das nöthige, aus andere Weise nicht zu beschaffende Beweismaterial zu fabriziren." Wir gestehen offen, daß wir eine solche Sprache von einem so langjährigen Genossen nicht erwartet hätten. Ein Mann wie Geiser, der doch die deutsche Sprache beherrscht, darf derartige, in so hohem Grade der Mißdeutung fähige Behauptungen nun und nimmer in die Welt hinausschicken. Denn wir können nicht annehmen, daß Geiser den Satz von der„lächerlichen Unwahrheit, in Teutschland bereite sich eine Revolution vor", ruhig überlegt, aufrechterhält. Wir sind mämlich sehr stark der Ansicht, daß sich in Deutschland eine Revolution vorbereitet, und der„Sozial- demokrat" hat für diese Ansicht in fast jeder Nummer Beweise geliefert. Unser ganzes Parteiprogramm beruht auf dieser Ansicht, in zahlreichen Brochüren und Reden unserer hervorragendsten Genossm ist sie offen ausgesprochen. Fast jede grundsätzliche Forderung unserer Partei setzt zu ihrer Verwirklichung eine revo- lutionäre Umwälzung der Heuligen Zustände voraus, und wenn wir dieselben nicht zuni bloßen Zierath aufgestellt haben, so müssen wir doch wohl von de»- Ansicht ausgehen, daß sich in Deutschland diese Revolution ihatsächlich vorbereite. Vielleicht hat Geiser die„lächerliche Unwahrheit" mehr oder nur aus die Worte„die deutsche Sozialdemokratie suche eine solche Katastrophe herbeizuführen" beziehen wollen. Aber auch in diesem Falle können wir den Satz nicht billigen. Wir sehen den Zweck solcher Berheuerungen der guten Gesinnung absolut nicht ein, halten sie vielmehr für sehr unzweckmäßig. Wir, die verfolgte und gehetzte Partei, und obendrein noch die Partei der Unterdrückten und Ausgebeuteien. w i r haben doch wahrlich keinen Grund, die revolutionäre Katastrophe n icht herbeizusühren, wenn Letzteres überhaupt von uns abhinge. Soweit dies aber in unserer Macht liegt, soweit wir die revolutionäre Umwälzung in politischer und sozialer Beziehung beschleunigen können, soweit ist dies nach unserer Ansicht die Pflicht und Aufgabe unserer Pnrtei. Und wir sehen absolut keinen Grund ein, dies ab- zuleugnen. Thatsächlich steht auch weder von dem Einen, noch von dem Andern etwas in dem oben zitirten sstew-Yorker Brief, derselbe setzt vielmehr die allerdings lächerliche Unwahrheit voraus, unsere Partei wolle die Revolution machen, bezw. bilde sich ein, sie auf den Tag bestimmen zu können. Das galt es nach unserer Ansicht zurückzuweisen, nicht sowohl um der Polizei, als um der eigenen Genossen willen. Eine solche Erklärung hätte Klarheit über unsere Partei verbreitet, während die von Geiser erlassene nur geeignet ist, in unfern eigenen Reihen Verwirrung anzurichten. Und warum? Weil der Grundsatz nicht festgehalten ist: Farbe bekennen! Wir sprachen ferner von Wahlflugblättern. In unserer Heu- tigen Korrespondenz aus Verden finden die Genossen-einen Beweis, wie schädlich auch in dieser Beziehung jede Verschwom- menhcit wirkt. Mit einem populären Kandidaten, bei überaus günstiger Stimmung in der Bevölkerung haben unsere Genossen in Bremen einen erheblichen Rückgang zu verzeichnen, trotz— nein, weil sie ihr Flugblatt so zahm hielten. Und mit Recht, denn wenn der Wähler es heute riskirt, für einen Sozialisten zu stimmen, so will er auch wissen, warum! Und er soll und muß es auch wissen. Sonst haben die Wahlen für uns überhaupt keinen Werth. Glücklicherweise können wir konstatiren, daß dieser Standpunkt von der über- wiegenden Masse unserer Genossen, und ganz besonders von den Männern, nach welchen man unsere Bewegung gern benennt, von Bebel und Lieb kn echt, entschieden getheilt wird. Freilich sind diese Männer gerade wegen der kühnen Sprache ihrer Wahlflugblätter unter Anklage gestellt worden und werden auch dafür ins Gefängniß wandern müssen, aber sie habe» die Ehre unserer Partei gewahrt, sie sind, wie es Parteiführern ziemt, den Massen mit gutem Beispiel vorangegangen! Vor unS liegt das Flugblatt, wegen dessen Liebknecht vorige Woche zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt worden ist. Wir glauben unser» Artikel nicht besser abschließen zu können. alS indem wir einige Stellen aus diesem Flugblatt zur Kenntniß der Genossen bringen. Dasselbe beginnt folgendermaßen: An d i e W! h l e r v o n N e u st a d t. D r e s d e n u. U m g e g e n d 1 Bon meinen Parteigenossen in Euerem Kreis bin ich als Kandidat für die bevorstehende Reichstagswahl aufgestellt worden, und ich habe mich für verpflichtet gehalten, die Wahl anzunehmen. Durch das Sozialistengesetz verhindert, in offener BolkSversaininlung mein Programm zu entwickeln, spreche ich durch dieses Flugblatt zu Euch. Biel brauche ich nicht zu sagen, da meine Grundsätze, meine Bestrebungen bekannt sind. Ich bin Sozialdemokrat und werde nach bestem Wissen und Gewissen, falls Ihr mich wählt, im Reichstag für Eure Interessen und die Interessen des Gesamintvolkes eintreten! Als Sozialdemokrat v e r u r l h e i l e ich die h e u t i g e O r d n u n g der Dinge in Staat und Gesellschaft und suche eine d u r ch g r e i s e n d e s o z i a l e und p o l i t i s ch e N m g e st a l t u n g herbeizuführen; mit Reformen, die sich auf Üt e b e n s ä ch l i ch e s be- schränken, ist nichts gethan; die Wurzel der Nebel, an denen wir kranken, muß ausgerottet werden. Die Anhänger der heutigen Ordnung, die uns als geschlossene Mächte gegenüberstehen, wollen diese Nebel erhalten,— das ist der Nnterschied zwischen uns und unfern Gegnern aller Parteisarben. Sie haben zwar auch verschiedene Wunderheilmittel, die sie Euch an- preisen, die aber sämmtlich bei näherer Prüfung sich werthlos erweisen. Dem„kleinen Mann", dem„armen Mann" kann nur durch den „k l e i n e n M a n n", durch den„a r m e n M a ii Ii" g e h o l s e n werden, das heißt, durch da« B o l k. Die Fürsten, Grafen,'Ritter- gutsbesitzer, Fabrikanten, kurz, die Privilegirten und ihr Anhang, welche den„armen Mann" jetzt umschmeicheln, beweisen schon durch ihre gesell- schastliche Stellung, daß ihre Sache nicht die Sache des„armen" und „kleinen Mannes" ist. Das erhellt auch ans ihren Heilsvorschlägen, welche die vollständige Unfähigkeit derselben bekunden, die Lage des„armen Mannes" zu bessern, sein Elend und die Ursachen seines Elend« zu begreisen. Rur eine vernünstige Regelung der Produktion und d e r gesammtenArbeitsverhältnisse auf genossenschaftlicher Grundlage, nur die systematische Pflege und Förderung der Industrie und des Ackerbaues durch den Staat, kann den A r b e i t e r erlösen, den Handwerker retten, der Massenvera rmnng st e u e r n. Es folgt nun eine glänzende Kritik des Bismarckischen Regierungssystems nach innen und außen, in politischer wie wirthschaftlicher Beziehung, dann heißt es: Bor dem„S t a a t s s o z i a l i s m u s" des Fürsten Bismarck brauche ich Euch nicht zu warnen. Die deutschen Arbeiter, deren Stimmen man sangen will, wissen, was sie von dem Köder zu halten haben. Die eine Thalsache, daß Fürst Bismarck der Urheber des Sozialisten- gesetzes ist, geniigt, den Staatssozialis in us des Fürsten Bismarck zu beurtheilen, und legt die innersten Beweggründe blas: der Arbeiter soll unter das Doppel- joch ökonomischer und politischer Sklaverei gezwängt werde n. Kein deutscher Arbeiter wird sich durch ein solche« Dauaer- gescheut bestechen lassen; und wenn wirkliche Bortheile geboten wer- den, so wird er sie zwar selbstverständlich nicht von sich weisen, allein auch die Motive und Zwecke nicht ans den Augen verliere». Zlls Wahlprogramm fignriren dann die bekannten Punkte unseres Programms und zwar in verschärfter Form. So z. B.: Beseitigung des Militarismus und E i n s ü h r n n g der allgemeinen Volksbewaffnung! Kein besonderer Wehrstand, dessen Existenz sich mit Friede und Freiheil nicht verträgt: Jeder Bürger Soldat, jeder Soldat Bürger! Das ist mein Programm. Meine Bergangenheit bürgt dafür, daß ich mit allein Ernst und aller Kraft für dieses Programm eintreten werde. Wer es billigt, wer die N o t h w e n d i g k e i t eine« Bruch« in i t d e m herrschenden System begriffen hat, der gebe mir ani L7. Oktober diese» Jahres seine Stimme! So Liebknecht. Sind nun die 6231 Stimmen, die er auf dieses Programm erhalten hat, nicht in jeder Beziehung mehr Werth, als irgend eine noch so hohe Zahl vermittels allerhand Vcrwässcrungen er- reichter? Darum noch einmal, Genossen: Wo immer Ihr Eure Stimme im Namen unserer Partei erhebt: Bekennt Farbe! Die Existenz unserer Partei hängt davon ab! Leo. Deportation. Die französische Regierung hat dieser Tage den Kammern einen Gesetzes-Entwurs auf Einführung der D e p o r l a t i o n von Verbrechern vorgelegt. Dieser Entwurf ist seinen Grundzügen nach schon von der vorigen Regierung ausgearbeitet, allein so wenig Herr Freycinet sonst von Herrn Gambella wissen will, und so konsequent er sämmtliche anderen'Projekte und Pläne desselben zurückgewiesen hat, dieser Entwurf har ihm so gefallen, daß er seine Antipathie überwunden und das Kind des verhaßten Vorgängers mit Freuden an Kindesstatt an- genoinnien hat. Und auch bei fast allen Parteien der Kammern hat der Entwurs die sympathischste Ausnahme gesunden. Das ist kein Zufall. Doch lassen wir zunächst den Urhebern und Freunden des Gesetz- Entwurfes das Wort. „Es ist, so sagt man uns, dringend nothwendig, endlich einmal der steten und bedrohlichen Zunahiiie der Verbrechen und der Verbrecher zu begegnen. Während in Frankreich seit etwa zehn Jahren Verbrechen und Vergehen Uberhaupt die Tendenz zur Abnahme zeigen, hat die Zahl der Rückjälligen in erschreckendem Maße zugenommen. In Paris gibt es gegenwärtig 20—25,000 projessionsmäßige Uebelthäter und die Hälfte aller Verbrechen jährlich werden von Rückfälligen begangen. Im Jahre 187!« wurden von 100 schweren Diebstählen 72 durch Rückfällige be- gangen; der Mord weist 42, Falschmünzerei 50, Brandstistnng 48, Todtschlag 47, Verwandtenmord 100, Nolhzncht 30 Prozent Rückfällige auf. Mit Rücksicht ans dies« Zahlen kann man wohl sagen, daß die Kriminalität sofort nm 80— 60 Prozent fallen würde, wenn sie sich von den Rückfälligen befreien könnte. Die Raschheit, mit welcher das Ver- brechen das Verbrechen erzengt, ist nicht minder erschreckend. Bon 18,000 Individuen, welche in den Jahren 1878 und 187S ans verschiedenen Zentralgesängnissen entlassen wurden, sind im Laufe derselben Jahre G3 Prozent wieder ergriffen worden. Noch mehr schädlich als durch ihre eigenen Verbrechen sind die Rücksälligen dadurch, daß sie eine förmliche Schule des Verbrechens, insbesondere für die Jugend, bilden. Die Halste der Verhaftungen in Paris wird an Minderjährigen vollzogen; seit drei Jahren hat sich das Verhältniß beinahe verdoppelt. Die Mädchen, welche sich vor ihrer Großjährigkeit freiwillig als öffentliche Dirnen einschreiben lassen, bilden die Hälfte aller der Kontrole Unter- worsenen. Die Gefahr ist nicht blas eine soziale, sondern auch eine politische. Unter den Kommnnegesangenen befanden sich 20 Proz. abgestrafte Verbrecher und 25 Proz. öffentliche Dirnen; unter 30,000 ge- saugeneu Insurgenten zählte der General Appert 7400 abgestrafte Ver- brecher und nach den Berichten der Generale Trochu und dÄnmale enthielt die Kommune-Armee 20,000 Rückfällige. Bon 1826—1879 ist die Zahl der Rücksälligen vor den Assisen von 16 ans SO und vor den Zuchtpolizeigerichten von 8 ans 40 Prozent gestiegen. Des entlassenen Sträflings nimmt sich Niemand an, so daß er in vielen Fällen, auch wenn er will, auf den Weg der Ehrbarkeit nicht mehr zurückkehren kann. Durch den ehemaligen Justizminister Cazot ist konstatirt, daß„die Rück- fälle hauptsächlich in den ersten Monaten nach der Entlassung aus dem Gesängniß stattfinden, woraus zu folgern ist, daß die Schwierigkeit für die Entlassenen, in die Gesellschaft wieder einzutreten, eine Hauptnrsache für die Zunahme der Rückfälle bildet." „Diesen Uebelständen mnß abgeholfen werden, und das geschieht am besten und sichersten, indem man für die entlassenen Sträflinge Arbeitsnachweise errichtet, und die Gewohnheitsver- brecher von der Stätte ihrer Verbrechen entfernt und nach irgend einer abgelegenen Kolonie d e p o r t i r f." Je weiter je besser! Ehe wir zur Kritik schreiten, müssen wir die von den Deportations- freunden wieder aufgetischte Lügenmär an« Schennenthor annageln, daß die Kommnne-Armee 25,000 rückfällige Verbrecher enthalten habe, und daß unter den gefangenen Kommunarden 7400 bestrafte Verbrecher ge- wesen seien. Diese Lügenmähr ist seinerzeit von den Versailler Mord- I' niditen zur Diskreditirnug der Kommune erfunden worden. Wahr ist umgekehrt, daß zu keiner Zeit die Verbreche» weniger häufig waren, als während der Kommune, und daß das Verbrechergesindel von Paris damals in Massen auswanderte, wohin es gehörte, nach Versailles zu den Ordnnngsbanditen. Nun zur Sache! Daß die Zahl der rifcksälligen Verbrecher beständig zunimmt, nicht blos in Frankreich, sondern auch in allen übrigen Kulturländern, das ist durch die Statistik über jeglichen Zweifel erhaben. Die moderne bürgerliche Gesellschaft steht eben den Verbrechern gegenüber rathlos da. Alle Versuche, sich derselben zu entledigen, sie vom Verbrechen abzu- schrecken oder sie zu bessern, sind kläglich gescheitert. Einzelhaft, Massenhast, Zellengejängniß, Pennsylvanisches System, Irisches System, und wie die„Systeme" alle heißen mögen— Nicht« hat geholfen, die Verbrechen sind nicht ans der Welt zu schassen und die Verbrecher lassen sich weder bessern noch ausrotten. Der Mißerfolg ist komplett. Und wie sollte es anders sein? Wenn Jemand sein Hans trocken haben will, und es inwendig zwar sorgfältig vor Feuchtigkeit behütet, aber für keine Drainirnng um die Fundamente herum sorgt, so wird man diesen Mann für sehr albern erklären, denn er vergißt, daß wer die Wirkungen beseitigen will, die Ursachen ans dem Weg räumen muß, und statt auf die Haupt fache sein Augenmerk zu richten, beschränkt er sich auf Nebenfächliches. Ganz ebenso ergeht es der bürgerlichen Gesellschaft mit dem Verbrechen und den Verbrechern. Ja sie treibt es noch schlimmer. Denn nicht genug damit, die Ursachen der Verbrechen bestehen zu lassen, fördert sie noch die Ursachen der Verbrechen. Die moderne bürgerliche Gesellschaft ist in der That im eigentlichsten Sinne des Worte« eine Gesellschaft zur Förderung des Verbrechens. Jeder Verbrecher— im Affekt begangene Handlungen machen nicht zum Verbrecher, gerade so wenig wie Handlungen, die ans krank- haften, außergewöhnlichen Körper- und Geisteszuständen resuttireu— jeder Mensch, dem der Name Verbrecher mit Fug zukommt, ist direkt oder indirekt das Produkt unserer ungesunden sozialen Verhältnisse, ist der Zögling der bürgerlichen Gesellschaft. Von Schriftstellern unserer Partei ist dies hundertmal nachgewiesen worden, und die Wissenschaft erkennt, soweit sie„frei" ist, die Richtig- keit dieses Satzes an. Die bürgerliche Gesellschaft verschließt aber Augen und Ohren: sie hört und sieht nicht, weil sie nicht hören und sehen will. Und sie will nicht hören nnd sehen, weil sie ihre eigene Schande hören und sehen würde. Sie streut mit vollen Händen die Saat des Verbrechens ans, und wundert sich, daß die Saat aufgeht. Oder vielmehr, sie wundert sich nicht, denn sie denkt gar nicht nach. Sie akzeptirt gedankenlos das Ver« Feuilleton. Aus der«euelten Wummer der„Marodnaja Wolja". i. Vorrede zu der zweiten russischen Auflage*) des „Manifestes der Kommunistiscken Partei" Von Kurl Zssa»»nd Friedrich ftnjels. Die erste russische Ausgabe des„Manifestes der Kommunistischen Partei" erschien Anfangs der 60er Jahre in der Ueberseyung von Bakimin(Verlag des„Kolokol" von Herzen). Damals konnte der Westen Europa'« eine russische Ausgabe des„Manifestes" nur als ein literarisches Kuriosum betrachten: heule ist eine solche Ansicht unmöglich. Wie beschränkt s. Z.(Dezember 1847) das Territorium der proletarischen Bewegung war, beweist am deutlichsten das Schlußkapitel des „Manifestes":„lieber da« Verhältniß der Komninnisten zu den ver schiedenen oppositionellen Parteien in den verschiedenen Ländern." In diesem Kapitel werden weder Rußland noch die Vereinigten Staaten er- wähnt. Es war das eine Zeit, in der Rußland die letzte sichere Stütze der europäischen Reaktion darstellte; in der die Bereinigten Staaten mittels der Emigration den Ueberstnß des europäischen Proletariats in sich ausnahmen und im Verein mit Rußland Europa mit Rohstoffen versahen, während sie selbst den Absatzmarkt der Jndnstrieprodnkte der Letzteren bildeten. So dienten in dieser oder jener Weise Rußland und Amerika zu Stützpunkten der bestehende» Ordnung in Europa. Wie ganz anders jetzt! Gerade die europäische Auswanderung macht in Nordamerika die Entwickelnng einer kolossalen landwirthschafllichen Pro- dnktion möglich, deren Konkurrenz den enropäischen Grundbesitz— den großen wie den kleinen— in seinen Grundfesten erschütterte. Ebenso hals die Auswanderung aus Europa den Vereinigten Staaten, ihre ge- waltigen Jndustrieqnellen mit solcher Energie und Schnelligkeit zu ver- arbeiten, daß dem bisher bestehenden Monopol des westlichen Enropa's und besonder« England« ein sicherer und baldiger Untergang bevorsteht. Diese beiden Umstände wirken ans Amerika selbst umwälzend. Das tleine nnd initiiere Farmerthum, welches die Basis'eines ganzen politischen Gebäudes sind, werden allmälig niiter dem Drucke der Konkurrenz des - Herausgegeben von der„Russischen sozialrevolutionären Bibliothek". brechen als ewige Natnrnothwendigkeil, wie sie gedankenlos sich selbst als ewige Naturnothwendigkeit akzeptirt. Bei jeder Gelegenheit, tausendmal jeden Tag mit der Nase daran gestoßen, daß Armuth, schlechte Erziehung, unnatürliche Gesetze, wider natürliche Einrichtungen, Zustände die Verbrechen und Verbrecher er zeugen, denkt die bürgerliche Gesellschaft keinen Moment daran, die Quelle der Armuth zu verstopfen, all' ihren Mitgliedern den Segen einer guten Erziehung zu Theil werden zu lassen, die unnatürlichen und widernatürlichen Gesetze, Einrichtungen und Zustände zu beseitigen. Sie denkt nicht daran— aus guten Gründen. Der Selbsterhaltnngs trieb verbietet es ihr. Die Beseitigung derUr fachen, ans denen die Verbrechen entspringen, wäre die Besei tignng der bürgerlichen Gesellschaft selbst. Und so ist die bürgerliche Gesellschaft absolut unfähig, mit dem Ber> brechen und den Verbrechern fertig zu werden. Der Stock, das Beil, die Guillotine, der Galgen, verbunden mit Ge fängnissen und Zuchthäusern aller„Systeme"— nichts hilft gegen das Hebel. Von tausend Strömen gespeist, die ihm den Schlamm und die Fäulniß der Gesellschaft zuführen, spottet der Ozean des Verbrechens dem kindischen Versuche, ihn mit philantropischen und nnphilantropischen Löffeln ausschöpfen zu wollen. Daß es nichts Hilst, sängt die bürgerliche Gesellschaft zu merken an. Sie kann die Verbrechen und die Verbrecher nicht ans der Welt schaffen, — so will sie sich wenigstens die Verbrecher ans dem Gesicht schaffen. Ans den Augen aus dem Sinn. Wie eine liederliche Hausfrau den Schmutz nicht beseitigt, sondern irgendwohin in einen Winkel kehrt, will die bürgerliche Gesellschaft die Verbrecher in irgend einen entfernten, abgelegenen Winkel fegen. Je weiter desto besser. Das nennt man Deporlat ion. Deportation ist nichts anderes als das Geständniß der bürgerlichen Gesellschaft, daß sie mit den Ver brechern nichts mehr anzufangen weiß, daß sie am Ende ihres Lateins ist. Für die nöthige Zufuhr und den ununterbrochenen Nachschub von Verbrechern wird sie schon sorgen! Doch nicht alle Verbrecher sollen veportirt werden. Für die nicht „gewohnheitsmäßigen" sollen Arbeits-Nachweisebnreanx eingeführt werden. Wie human! Und wie kunstvoll der Gaul am Schwanz aufgezäumt! Arbeitsnachweis nach verübtem und verbüßtem Verbrechen! Nachher! Warum nicht vorher? Hätten die Leute vorher Arbeit gehabt, wären sie keine Verbrecher geworden. So weit darf aber die bürgerliche Gesellschaft nicht denken, denn ist einmal das Prinzip anerkannt, daß durch geordnete Arbeitsverhältnisse dem Verbrechen erfolgreich vorgebeugt wird, und daß die Gesellschaft verpflichtet ist, ihren Gliedern das Arbeiten zu ermöglichen, dann ist es mit der ganzen bürgerlichen Gesellschaft vorbei. Daß unsere deutsche Bourgeoispresse für das französische Regiernngs- Projekt schwärmt, und die Deportation auch für Deutschland als staats- und gesellschaftsrettendes Heilmittel fordert, bedarf keiner besonderen Er- wähnung. Leider aber gehören zur Deportation Kolonien. Und woher Kolonien nehmen und nicht stehlen? Da« Koloniestehlen ist aber nicht so leicht wie das vulgäre bürgerliche Stehlen. Die Kolonien nimmt man nicht einfach wo man sie findet, wie gewisse Leute das Geld nehmen. Ob aber die Kolonien schließlich gesunden werden oder nicht, das kann uns gleich sein. Die edle Absicht steht fest, nnd das genügt uns. Denn mit der Deportation hat die bürgerliche Gesellschaft nicht blos i h r letztes Wort in Sachen der durch sie erzeugten Verbrechen und Verbrecher, sie hat damit auch ihren verbrecherischen Trägern und Stützen das U r t h e i l gesprochen. Ein„Rückfälliger". Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 12. April 1882. — Reptilienlogik. Ein offenbar dem Berliner Preßbnrean entstammender Leitartikel, der jetzt durch die gesammle reaktionäre Presse die Runde macht, führt aus, daß die beiden einzigen Länder Enropa's, welche im gegenwärtigen Augenblick aufrichtig den Frieden wollen und ihn auch verbürgen, zwei Länder mit konservativen Regierun- gen sind: Deutschland und Oesterreich; daß aber sämmtliche Länder mit demokratischen Einrichtungen und Bestrebungen, wie Frankreich, England, Rußland, entweder im Innern keinen Frieden hätten oder nach Außen den Frieden bedrohten. Man weiß, wenn man derartigen Blödsinn liest, wirklich nicht, ob so Etwas überhaupt ernsthast gemeint sein kann. Wenn der Konservatismus oder richtiger reaktionäre Absolutismus ä la Bismarck eine Bürgschaft des Friedens ist, dann müßte doch vor Allem Rußland an der Spitze der friedenverbürgenden Mächte stehen, denn in puncto des reaktionären Absolutismus ist Rußland doch unzweifelhaft dem Bismarck'schen Deutsch- (and weit über. „Aber Rußland hat den Nihilismus." Ganz recht. Allein warum hat es ihn? Eben weil es in puncto des reaktionären Absolutismus dem Bismarck'schen Deutschland weit über ist, und weil dort da« Polizeiregiment eine Ausbildung erlangt hat, die Bismarck für Deutschland vergebens erstrebt— vergebens in Folge der höheren Kultur Deutschlands. Großlandwirthschastsbetriebes zu Grunde gehen. Gleichzeitig damit beginnt in den industriellen Bezirken die Entwickelnng eines Massen- proleiariats und einer beispiellosen Konzentration des Kapitals. Und Rußland! Zur Zeit der Revolution von 1848/49 erblickten nicht nur die europäischen Fürsten, sondern auch die europäische Bourgeoisie in der russischen Einmischung den einzigen Rettungsanker gegenüber dem eben erwachten Proletariat. Der Zar wurde zum Ches der europäischen Reaktion proklamirt. Jetzt sitzt er als Gefangener der Revolution in Gatschina, und Rußland erscheint als die Avantgarde der revolutionären Bewegung Enropa's. Das Manifest der Partei bezweckt die unausbleiblich bevorstehende Liquidation des modernen bürgerlichen Eigenthums zu proklamiren. Aber wir finden in Rußland zu gleicher Zeit mit dem schnell an- wachsenden kapitalistischen Schwindel und dem eben beginnenden indivi- dnellen bürgerlichen Grnndeigenthnm, die größere Hälfte des ganzen Grund und Bodens im Gemeinbesitze-der Bauern. Es fragt sich nun: Kann der russische Gemeinbesitz, der eine, wenn auch stark erschütterte Form von Urgrundbesitz darstellt, unmittelbar in die höhere Form des kommunistischen Grundbesitzes Ubergehen? Oder muß er jenen Zersetzungsprozeß, in welchem gerade die historische Ent- Wicklung von Westeuropa besteht, durchmachen? Die einzige jetzt mögliche Antwort darauf ist folgende: Wenn die russische Revolution zum Signal einer Revolution des Proletariats im Westen wird und diese Revolutionen sich so gegenseitig ergänzen, so kann der in Rußland gegenwärtig vorhandene Ge- meingrnndbesitzznmAnsgangSpunktederkommnni- stifchen Entwicklung werden. London, den 21. Januar 1882. II. Kerker und Verbannung. „ Seit einigen Jahren sehen wir Taufende, die dem'Dienste der Freiheit zum Opfer gefallen find, in Tod und Verbannung gehen. Es sind das Leute jeden Alters und jeder gesellschaftlichen Stellung: Reiche und noth- leidende Arbeiter, 14 jährige Kinder und Greise, junge Mädchen und Familienmütter, Militärs und Handwerker. Sie Alle gehörten zu den beliebtesten und thätigsten Elementen im Volke. Aber von dem Augen- Daß der Nihilismus die russische Regierung abenteuerlustig gemacht, sie in die Stimmung versetzt hat, ein Ende mit Schrecken(das ein Krieg mit Deutschland ihr jedenfalls brächte) einem Schrecken ohne Ende vor- zuziehen, ist gewiß richtig; aber der Nihilismus ist doch gerade die nothwendige Folge des reaktionären Absolutismus der russischen Regie- rnng, und dieser hat folglich die Schuld daran, daß Rußland den Weltfrieden bedroht— soweit ein finanziell und politisch bankerotter, militärisch jammervoll gestellter Staat wie Rußland überhaupt den Welt- frieden bedrohen kann. Also gerade einer der drei Staaten, welche da» Berliner Reptil als Beweis für die Friedensgefährlichkeit demokratischer Einrichtungen oder Bestrebungen anführt, beweist umgekehrt aus's Schlagendste die Friedens- gesährlichkeit de« reaktionären Absolutismus. In Wirklichkeit ist es lediglich die Demokratie, und zwar die heute einzig konsequente Demokratie, die Sozialdemokratie, welche den Frieden verbürgt. Und zwar solange sie noch nicht zur Herrschaft gelangt ist, durch Lahmlegung des seiner Natur nach kriegerischen Abso- lutismns; und nachdem sie zur Herrschaft gelangt ist, durch Herste!- lung solcher Staats- und Gesellschaftseinrichtungen, welche den Frieden nach Innen und nach Außen, den nationalen und den internationalen Frieden ermöglichen und sichern. In Frankreich haben wir das recht deutlich gesehen. Im selben Maße, wie der„demokratische Gedanke" dort vorgeschritten ist, hat der chauvi- nistische Revanchegedanke zurückweichen müssen. Jeden Zoll breit, den jener gewonnen, hat dieser verloren. Wenn nun in dem erwähnten Reptilartikeb noch serner behauptet wird, die deutsche Reichsregiernng, soll heißen Bismarck, habe durch das Sozia listengesetz auf der einen und die Sozialreform aus der anderen Seite die Frage der Revolutionsbändigung vollkommen und mustergiltig gelöst, so ist das ein so schlechter Scherz, daß man fast meinen könnte, Bismarck, der ja weiland den„Kladderadatsch" mit derlei geistiger Waaree versorgte, sei der eigenhändige Autor. Das Sozialistengesetz ist durch die letzte Wahl ack absurdum rednzirt und höchsten« alte Weiber männlichen und weib- lichen Geschlechts glauben noch daran— sogar unsere Polizei, die wahr- haftig nicht durch phänomenalen Geist sich auszeichnet, fängt an, die Wnnderkraft des Sozialistengesetzes zu bezweifeln. Und was die Bismarck sche Sozialreform anlangt— wer lacht da? Genug— eine Bismarck'sche Sozialresorm gibt es nicht und wird es nie geben. Es gibt nur einen Bismarck'schen Schwindel mit Sozialresorm, und dieser hat, gleich dem Sozialistengesetz, der deutschen Sozialdemokratie nur genützt. Mit der Bismarck'schen Friedensliebe verhält es sich beiläufig genau so wie mit der Bismarck'schen Sozialresorm. Der Bien muß! Herr Bismarck liebt den Frieden, weil die Demokratie in Frankreich und in Teutschland und der Nihilismus in Rußland den Frieden zur Nothwen- digkeit machen— voiU tout! Kurz, das Bismarck'sche Reptil, dem dieser Artikel zu verdanken, hat die Wahrheit in der unverschämtesten Weise auf den Kops gestellt, was ja Reptilienarl ist. Er hat einfach gelogen, und statt von einer „Reptilienlogik" hätten wir vielleicht besser von der Verlogenheit der Reptilien geredet, denn sie nehmen sich nicht einmal mehr die Mühe, ihren Lügen das Mäntelchen sophistischer Schein-Logik umzuhängen. — Polizeiliche Schlauheit— sortsch rittliche Weisheiten. Aus Leipzig, Ansang April, wird uns geschrieben: Unser neuer Herr Polizeidirektor, der Ex- Oberstaatsanwalt Richter ans Chemnitz, hat sich die hehre Ausgabe gesetzt, das Berliner Spitzelthum verbunden mit Chemnitz-Siebdraht'scher Polizeibrutalität hier einzuführen; und man muß dem Mann nachsagen, an Eiser fehlt es ihm nicht. Ob die Geschicklichkeit mit dem Eifer gleichen Schritt hält, ist freilich eine andere Frage. Die Berliner Originalspitzel, die er sich verschrieben hat, laboriren unter dem unheilbaren Nachtheil so selbst polizeiwidrig konfis- zirter Gesichter, daß sie aus 100 Schritt sich selbst dennnziren. Und mit der famosen Chemnitzer Einrichtung, hinter jedem Mißliebigen einen Polizeischatten herzuschicken, ist au konck doch auch nichts andere« erreicht, als daß der betreffende Schatten auf Kosten des Steuerzahlers gesund- heitsstärkende Spaziergänge macht. Als neulich Bebel und Lieb- k n e ch t aus 60 Stunden hier waren, erftenten sie sich eines Ehrengeleites von je vier Mann— was gewiß ein starke« Gefühl des Stolzes und der Sicherheil in den so sorgsam und schmeichelhaft Geleiteten er- zeugen mußte. Im Laus des verflossenen Monats hatten wir hier und in der nächsten Umgebung drei große Versammlungen— das heißt unsere Gegner hatten sie für uns. In Lindenau und Reudnitz, wo die Fortschrittler im Trüben fischen wollten— dort Munkel, hier der psäffische Salbader Kalthoff— aber natürlich nur für uns die Fische ans dem Wasser holten, und in der Stadt selbst, in der Tonhalle, wo durch eine köstliche Ironie des Schicksals der Sozialistentödter Birnbaum einer Sozialisten- Versammlung Uber das Tabaksmonopol Vortrag halten mußte. Es war ein Schauspiel für Götter! Und das Geficht des armen Birnbaum mußte man sehen, als aus seine Bemerkung, daß das Tabaksmonopol zu dem sittlich verwerflichen Dennnziantenthnm und Spionirwesen führen werde— einer unserer Genossen sich erhob, und unter dem donnernden. Beifall der Kopf an Kopf gedrängten Menge erklärte: Das sittlich ver- wersliche Dennnziantemhum und Spionirwesen brauche nicht erst durch das Tabakmonopol herbeigeführt zu werden.— es sei seit 1878 vorhanden und eine Schande für Deutschland. blicke an, wo sie das Wort Freiheit ausgesprochen, erregten sie den bittersten Haß der Regierung, und dieselbe erklärte sie als die Feinde des Staats; sie wurden außerhalb des Gesetzes und des Rechts erklärt. Nur einmal wagte die Regierung, sich aus das öffentliche Gewissen zu verlassen, aber das unparteiische Urtheil(Prozeß Sassulitsch) erschreckte und entrüstete sie. Und nun begannen die Kriegsgerichte und die blutigen Urlheile. Erschießungen, Schandpsähle, Galgen einerseits, anderseits haufenweise Verschickungen unter gewaltiger Bedeckung(sUus Frauen, darunter Leschern, Armfeldt und Kowalewskaja wurden unter Bedeckung von 100 Soldaten geführt) und in Ketten nach taufenden von Werst entfernten Orten. Aber auch diese Scheingerichte waren der jetzigen Regierung noch zu ge- ährlich und Alexander III. befahl, daß die Gerichte und die Hinrichtungen ge- heim sein sollen. Jetzt wird man nicht einmal wissen, wer und weß halb abgeurtheilt worden ist... Ist das eine Verhöhnung der Gesell- chaft oder die nnverbefferliche Feigheil und Dummheit Alexander III.? In der Angst um sein eigenes Leben hat Alexander III. den Rest von Verstand verloren und vergessen, daß es in Rußland außer dem i Prawitelitwennu Wjestnik"(Regierungsbote) noch die„Narodnaja Wolja" gibt. Jedermann erinnert sich noch des Prozesses der 16 aus dem Jahre 1880(Kwiatkowsky— Schirajew— Sundelewitsch— Zuckermann— Figner— Presslijakow— das Attentat im Winterpalais— der Kongreß zu Lipezk— dos mißglückte Attentat zwischen Odessa und Kiew— der Verrath Goldenberg,). Was ist nun ans den damals Verurtheilten ge- worden? Fünf sind zum Tode verurtheilt worden(Kwiatkowsky— Preßnjakow— Tichonow— Okladsky— Schirajew), aber die letzten drei wurden von Alexander II. begnadigt, und die'Uebrigen sind zu leben« länglicher Zwangsarbeit oder zu längeren Terminen derselben Strafe verdammt worden. Damals machte man viel Ausheben« von der Milde des Zaren wegen dieser Begnadigungen. In der Tbat aber ist diese Begnadignüg nur ein Mißbrauch des Wortes. An Stelle des Todes durch den Strang ist der langsame Tod durch Gesängniß und Bergwerks arbeit getreten. So wurden diese Verurtheilten am 1. November nach der Peter Paulfestung abgeführt und dort in Jsolirzellen gebracht, die i durch feuchte Kälte und Finsterniß sich nicht viel von Gräbern unter- scheiden. Es herrscht dort eine solche Dunkelheit, daß das Licht erst um zwei Uhr Mittags ausgelöscht werden kann. Nahrung besteht au« Schlschi (Kohlbrühe), Brei und ein Stück Brod Morgen« und Abend«. Die Oese» werden nur einmal in drei Tagen geheizt, maiichma! noch seltener. Die Wände sind daher immer feucht, und der Boden mit richtigen Pfützen lieber die Munkel'sche Versammlung ist nicht viel zu sagen: Herr Munkel sprach anständig und wir ließen ihn reden; dem stechen Lokal- Patron Pache jedoch konnten' wir nicht erlauben, das Versammlungsrecht gegen uns zu mißbrauchen, und da er von keiner ehrlichen Debatte etwas wissen wollte, so mußte er einpacken, und mit seinen fortschrittlichen Mitftschern und Fischnetzen unverrichteter Sache abziehen. Leipzig und Umgegend gehört eben u n S; und wenn die Herren Fortschrittler im Schatten des Sozialistengesetzes fortschrittliche Knkukseier in das sozial- demokratische Nest legen zu können hoffen, so täuschen fie fich gründlich. Hinter verschlossenen Thllren mögen fie, mag jede andere Partei nach Herzenslust tagen; das geht uns nichts an, und nach der Gesellschaft solcher Feiglinge sehnen wir uns nicht. Wenn aber öffentliche Volksversammlungen ausgeschrieben werden, dann kommen wir, das eingeladene souveräne Volk, und verlangen steie Bureauwahl und steie Diskussion. Fügt man sich unserm gerechten Verlangen— gut; fügt man sich nicht, nun so findet einfach keine Versammlung statt. In Reudnitz haben wir dies vor drei Wochen den Herren Forffchritt- lern, die mit ihrem ganzen städtischen und dörflichen Generalstab erschienen waren— oder richtiger, deren Generalstab erschienen war, denn es war wie immer ein Generalstab ohne Armee— in nicht mißzuverstehender Weise begreiflich gemacht. Ihr Kalthoff wollte reden und wurde einfach kalt gestellt, weil er, nebst seinen biederen Kumpanen, fich gegen eine freie Bureauwahl sträubte. Die betrübten Fortschrittler reti- rirten dann in ein geheimes Gemach, wo dann auch der kaltgestellte Kalthoff sein Redebedürsniß ungestört befriedigen konnte. Wir sind keine grausamen Menschen und warum soll der Kalthoff nicht reden dürfen, vorausgesetzt, daß er seine zwölf Zuhörer und Zugähner nicht eine „Volksversammlung" nennt? Uebrigens sind wir dem Manne durchaus nicht gram. Er hat uns nämlich einen unbezahlbaren Genuß verschafft durch Veröffentlichung eines Referats seiner„Rede"(in der hiesigen fortschrittlichen, erxo an Abonnentenschwindsucht leidenden„Freien Bürgerzeitung"). Da sind gar erbauliche Dinge zu lesen. Schon der Titel des Vortrags ist köstlich:„Die reaktionären Parteien im Kampf mit dem Gewissen des Volkes. Der Fortschrittseunuch kennt keinen an- deren Kampf, als den sehr platonischen mit dem„Gewissen". Oder hat das Gewissen de« Herrn Kalthoff etwa Hände und Füße, und kann einen Schuft am Kragen packen? Die Kalthoff'sche Logik hat jeden- falls keine Hände und Füße; sie kriecht aus dem Bauch, sich schlangen- artig(jedoch nicht schlangen k l u g) bald nach rechts, bald nach links windend. Hören wir ihn selbst, wie er über sich referirt:„Redner (daß Kallhoff sich da« Epitbeton„Redner" verleiht, zeigt, daß er von Göthe wenigstens den Spruch:„Nur die Lumpe sind bescheiden", gelernt hat;) also:„Redner erörtert den Begriff„Reaktion" und knüpft daran die Betrachtung, daß es zwei Auffassungen im Staatsleben gebe: die des Alterthums, wonach das Ganze vor den Theilen, der Staat vor den Einzelindividuen kam, wonach der Einzelne kein Recht hatte, außer wenn «r im Staatsorganismu« existirte. Er weist an historischen Beispielen nach, wie der Staat vollständig über den einzelnen Staatsbürger domi- nirte. Im Mittelalter konnte der, welcher als höriger Bauer geboren worden, absolut aus seinem Stande nicht heraus. Allmälig erst sah man ein, daß der Mensch das Recht eigenartiger, freier Entwicklung haben müsse. Die fortschrittliche Auffassung des Staatslebens vindicire dem Menschen das Recht, sich eine Bildung zu suchen, wo und wie er wolle. Das Alterthnm mit seiner absoluten Regirung des Einzelnen gegenüber dem Staate weise ja manche geradezu heldenhafte Erscheinungen auf diesem Boden vor, wie z. E. die That jener ZOOköpfigen Spartanerschaar unter Leonidas. Der moderne Freiheitsgedanke ziehe den einzelnen Men- schen in Rechnung und wolle die Zustände derart geordnet wissen, daß der Einzelne zu seinem Rechte gelangt. Der moderne Gedanke de« Staats konstruire die Tüchtigkeit des Staates aus der Tüchtigkeit des Einzelnen, der alle Staatsgedanke kenne nur den Gesammtwohlstand de« Staate«. Deshalb könne die freie Entwicklung de« Einzelnen nicht scharf genug in den Bordergrund gestellt werden." Halt! Für einen Augenblick. Wie gefällt Ihnen die„iJOOköpfige Spartancrschaar", dieses naturhistorische Monstrum, welches wir der Aufmerksamkeit aller Musenmsbesitzer empfehlen? Und die famose Definition vom antiken und modernen Staat. Pardon, nicht„modernen", sondern fortschrittlichen Staat. Und was ffir ein Musterstaat dieser fortschrittliche Staat ist, welcher dem Menschen „das Recht, sich eine Bildung zu suchen, wo und wie er will",„vin- dizirt". Hat der Mensch kein Geld, so kann er sich seine Bildung auf dem Mond suchen, der ja auch eine schöne Gegend sein soll. Daß der Mensch von„Rechten" nicht satt wird, daß es wirthschaftliche, meinetwegen Magenfragen gibt, davon hat dieser fortschrittliche Kalthoff gar keine Ahnung. Nun weiter:„Redner" kommt nach längerer Einleitung(zu welcher der zitirte Passus gehört) zu dem„Bündniß der reaktionären Parteien", das seiner scharssinnigen Entdeckung zufolge„eine Versündigung am Geiste der Menschheit involvirte".(Der„Geist der Menschheit" ist ein anderer mehr vergeistigter Ausdruck sllr das„Gewissen des deutschen Bolkes", mit dem die reaktionären Parteien im Kampf find.)„Die Aeaklionsparteien wollen da« moderne Freiheitsbewußtsein vernichten, und darum lautet ihr erste« Feldgeschrei: Nieder mit der Frdizügigkeit." 'Da« zweite, dritte ic. Feldgeschrei lautet: Nieder mit der Gewerbe- Freiheit! Nieder mit dem Freihandel! u. s. w. Nach Auszählung der Feldgeschreie fährt der Kalthoff fort:) „Das Prinzip der freien Konkurrenz wird nicht bloß von den reak- tionären Konservativen, sondern auch von den Sozialdemokraten bekämpft. Ohne dieses Prinzip aber wären unsere Zustände nicht erträglich, und gerade wegen der Angriffe, die sie erfährt, muß die Freizügigkeit uns heilig sein: ist ja die gesammte Kultur ans die freie EntWickelung des Individuums basirt!" Schrnmm! Da hätten wir den ganzen fortschrittlichen Plunder— wollte sagen die ganze fortschrittliche Weisheit. Auf der freien Eni- wicklung des Individuums beruht unsere Kultur, und deshalb brauchen wir die freie Konkurrenz! Was versteht der Herr Kalthoff unter„freier Entwicklung des Jndivi- duums"? Daß das Individuum durch nichts in seiner Ent- wicklung gehemmt wird? Gut, dann sind wir einig. Aber dann müssen auch die H i n d e r n i s s e der freien Bewegung aus dem Wege geräumt werden, und das kann das einzelne Individuum nicht; da« kann nur eine zu dem Zweck, überhaupt zur Ermöglichung eines menschenwürdigen Daseins für jedes Individuum vereinigte Gesellschaft oder Gemeinschaft von Menschen. Auf sich allein angewiesen, bei durchgeführter„freier Konkurrenz" geht jedes einzelne Individuum unrettbar zu Grunde, oder genauer ausgedrückt: kann überhaupt gar kein Individuum leben. Was würde aus Herrn Kalthoff, wenn sein Ideal heute verwirklicht und er einzig auf sein eignes „fteies" Individuum angewiesen wäre? Er würde sehr bald so„frei" sein, Hungers zu sterben. Und krast der„freien" Konkurrenz würde er vermuthlich sogar, noch ehe er Zeit hat, Hunger« zu sterben, von irgend einem andern„freien" Individuum, das ihn an körperlicher Kraft über- trifft, todtgeschlagen und aufgespeist werden. Doch nein— davor ist er durch seine Ungenießbarkeit und Unverdaulichkeit geschützt. Zum Schluß kommt der Kalthoff �raf die— pfäffischen Geistern unvermeidliche—„Erbsünde": „Was die Reaktion wolle— so führte„Redner" ans—, liege in der Lehre von der Erbsünde, welche jedem Menschen das Gefühl seines Nu- Werths predigen solle,— der Sozialismus gehe von einer ähnlichen Grundvoraussetzung au«, er sage:„Mensch, du kannst nicht auf eignen Füßen stehen, wirf dich darum dem Staate in die Arme!" Ter Sozia- lismus nehme dem Menschen den Glauben an sich selbst, und darum sei er eben reaktionär. Er wolle den Staat als die allgemeine Krippe hin- stellen und zu dem Einzelindividuum sagen:„Da, friß!" Der Mensch von freier Vernunft und freier Ueberzeugung werde aber lieber für sein Brod selbst arbeiten und seine eigne Ueberzeugung sich wahren und der- selben Ausdruck leihen, als für die Gewährung des Essens den Mund halten." Dieser schlaue Kalthoff! Der Sozialismus nimmt dem Menschen den Glauben an sich selbst, und stellt das Jndividnum vor die„allgemeine (Staats)krippe", und sagt zu ihm„friß!" Wir hatten uns gar nicht gedacht, daß die Sache so leicht wäre. Hoffentlich verräth Herr Kalthoff uns das Geheimniß, wie die„allgemeiue Krippe" gefüllt wird, und wie der„Sozialismus" es fertig bringt, die Einzelindividuen militärisch zu kommandiren? Der„Sozialismus" kann doch nicht als selbständige« Individuum herumlaufen, sondern lebt blo« in den Individuen, die vor die„allgemeine Krippe" gestellt we»en sollen. W e r stellt sie denn davor? Der in ihnen lebende Sozialismus? Also sie selber? Merken Sie, Herr Kalthoff, welches Blech Sie geschwätzt haben? Und wenn s i e s e l b e r sich vor die Krippe stellen, ist da ihre„Freiheit" mehr beschränkt, als die des Herrn Kalthoff, wenn er einen Vortrag über„die reaktionären Parteien im Kampfe mit dem Gewissen des deutschen Volkes", hält, statt für die„Gewährung des Essens den Mund zu halten", was seinen Mitmenschen vielleicht zuträglicher und gewiß angenehmer wäre. Ob die zwölf Fortschrittler, die das Unglück hatten, ihn anhören zu müssen, nicht zur nämlichen Ansicht gelangt sind? Run— es muß auch solche Käuze geben, und wir haben vor der„freien Entwicklung des Individuums" einen so hohen Respekt, daß wir sogar einem Kalthoff das„Recht"— Kalthoff zu sein, nicht absprechen. —„Esel" und„Bande". Aus E h r e n s r i e d e r s d o r f im Erz- gebirge, den 5. April, schreibt man uns: Heute stand Genosse Liebknecht vor dem hiesigen Schöffengericht unter der Anklage, am 27. Sept. v. I. zu Geyer in einem Wirthshausgesprüch die Polizei und Gensdarmerie„Esel" und eine„Bande" genannt zu haben. Ein anwesender Polizist wollte die Aeußerung gehört haben und einige ehrsame Bürger sozialistenfres- serischer Art zeugten für den Polizisten. Liebknecht bestritt nicht, den Ausdruck„Esel" mit Bezug auf einen bestimmten Fall von der Polizei gebraucht zu haben; versicherte aber— und dies wird ihm durch Zeugen bestätigt— daß er mit dem Ausdruck„Bande" die nichtswürdigen De- nunzianten und Sozialistenhetzer gemeint habe, welche seil dem Attentats- jähr in Deutschland ihr Wesen trieben. Er fllbrte mehrere sehr drastische Beispiele an und geißelte diese« gesinnungslose Pack in einer Weise, die auf Richter, Schöffen und Staatsanwalt sichtlichen Eindruck machte. Der Staatsanwalt gab ausdrücklich zu, daß bei einem Mann, der wie Lieb- knecht von der Polizei verfolgt werde, eine„Erregung gegen die Polizei" ganz natürlich sei; was die Denunzianten betreffe, so verdamme jeder anständigeMensch dasDennuziantenthnm. Aber der„Esel" müsse gesühnt werden. Und er wurde gesühnt mit 30 Mark Geldstrafe. Bon der„Bande" ein andermal. — Die Infamie zu in System erhoben. Au» Mann- heim wird uns geschrieben:„Im Verlage des durch seine Denunziation der Einjährigen, welche sich s. Z. mißliebig über ihre Borgesetzten äußerten, noch in verächtlichem Andenken stehenden Buchhändlers F. Nemnich erschien am 3. April ein„Handbuch für Lehrer", herausgegeben von einem gewissen Lehrer Klein in Weingarten, enthaltend Aussätze, Formulare, Schema« für Anzeigen ,c., in welchem auf Seite 272 Nr. 333 folgende«„Zeugniß" zu lesen ist: „Dem Johannes Arnold von Eislingen, O.-A. Göppingen, welcher acht Monate bei mir in Arbeit stand, bezeuge ich gerne, daß er ein geschickter und fleißiger Arbeiter ist. Dagegen kann ich nicht verschweigen, daß erals ein eifriges Mitglied der hiesigen sozialdemokratischen Vereine die staatsgefähr'lichen Bestrebungen derselben wesentlich unterstützt und auch unter seinen Mitarbeitern in meinem Geschäfte störende Umtriebe gemacht hat. Dies ist auch der Grund seiner heute erfolgten Eni- lassung. Eßlingen, 24- Mai 1331. Emil Meier, Drechsler." Soweit ist es also schon im heiligen deutschen Reiche gekommen, daß sogar Schulbücher zur Sozialistcnhetze verwendet werden! Wie viel Haß und Zwietracht werden durch solch gemein infame Machwerke den Kin- dern eingepflanzt! Da heißt es immer, daß politische Streitfragen nicht in die Schule hincingehören, und nun kommt so ein fanarischer Kriecher und will den Kindern mit Gewalt den rohesten Parteihaß einimpfen. Welchen Eindruck muß es auf ein Kind machen, wenn es derartige Schema'« abschreiben und sich dann«ch sagen muß: mein Bater gehört auch zu dieser Partei! Pfui Uber derartige niederträchtige Mittel!" Wir theilen die Entrüstung unsere« Genossen über die infame Gesin- nung, die au« diesem Machwerk herausschaut, aber im Grunde ist diese Art der Agitation doch zu dumm, als daß wir sie tragisch nehmen könnten. Solche Mittel verfehlen vieltziehr erfahrungsgemäß erst recht ihren Zweck. — Aus Dresden. 3. April, wird uns geschrieben: Heul- wurde Liebknecht wegen seine«, an die Wähler von Neusladt-Dresden gerichteten Flugblattes in öffentlicher Urtheilsverkundung der Vergehen gegen§§ 131, 185 137 u.\. w. sür schuldig erklärt und in eine Gesammtstrafe von zwei Monaten verurtheilt. Die eigentliche Prozeßverhandlung hatte zwei Tage zuvor— am 4. ds.— stattgefunden und zwar unter Ausschluß der Oeffentlichkeit. Liebknecht vertheidigte sich selbst in längerer Rede. Der Mitangeklagte Vetter, welcher der Verbreitung des sträflichen Flugblattes angeklagt war, wurde freigesprochen. So wären denn die Dresdener Richter die ersten deutschen Richter, welche in der neuesten Serie von Bismarck-Beleidigungsprozessen gegen Reichstagsabgeordnete dem Herrn Reichskanzler die Freude einer Verurtheilung bereitet hätten. Die preußischen Richter, die über Dohrn und Bnnsen zu richten hatten, waren nicht so willfährig. Die bei der UrtheilSverkündung anwesenden Reporter der reaktionären hiesigen Zeitungen waren etwas enttäuscht, daß da« Strafmaaß nicht höher ausgefallen ist. Ihr Erstannen ist nicht ganz unberechtigt, wenn man bedenkt, daß in den beiden früheren hier abgeurtheilten Prozessen wegen Flugblättern sür die letzte Wahl, das erste für Dresden-Neustadt, und da« Großenhainer, Verurtheilungen in der Höhe von sechs und neun Monaten vorgekommen waren, und zwar n u r� auf Grund des§ 131, während Liebknecht sich auch die Ehre einer Bismarckbeleidigungsanklage zu erfreuen hatte. Die Sache ist: Liebknecht wurde nicht vor die von dem berüchtigten Mangold kommandirte Strafkammer gestellt; und die schmachvollen Verurtheilungen zu Anfang dieses Jahres haben, nach- dem unsere Genossen sie im sächsischen Landtage gebührend gekennzeichnet, eine so allgemeine Entrüstung im Publikum hervorgerufen, und zu einer solchen Diskreditirung der Dresdener Richter geführt, daß man auf dem bisherigen Wege nicht fortfahren konnte. Der Liebknecht'sche Prozeß war der schwerste der nach der Landtag«- sesfion noch übrigen sächsischen Wahlprozesse. Liebknecht wird beim Reichsgericht die Revision des Urtheil» beantragen, welche« in juristischer Hinsicht ebensoviel Blößen darbietet, wie in logischer.— — Spanien. Die Unruhen in Barcelona sind zum großen Theil beigelegt. Nach inzwischen eingetroffenen Nachrichten hat nur ein Bruch- theil der Arbeiterbevölkerung an denselben Theil genommen. Gerade die klassenbewußten Arbeiter hielten fich fern, da die ganze Bewegung von den schutzzöllnerischen Fabrikanten ausging und die Arbeiter, durch Er- sahrung gewitzigt, keine Lust hatten, sür ihre Ausbeuter die Kastanien aus dem Feuer zu holen. 47 Gewerkschaften von Barcelona erklären in der „Revista social", daß sie mit den Krawallen nichts zu thun haben ,und geißeln das Verfahren der Fabrikanten, die Fabriken zu schließen, um blutige Konflikte, bei denen die Arbeiter es. natürlich find, die ihr Blut lassen, um jeden Preis herbeizuführen. Ein Manöver, das die Herren Schutzzöllner mit Vorliebe in Barcelona aufgeführt haben und nach dessen Gelingen regelmäßig s i e es waren, welche die Arbeiter am schamlosesten ausbeuteten und unterdrückten. Diese Berichtigung unserer in voriger Nummer gebrachten Notiz än- derr natürlich nichts an der Tharsache, daß die revolutionäre Bewegung in Spanien große Fortschritte macht. Die Gewerkschaftsbewegung, welche eine großartige Ausdehnung gewinnt, steht z. B. vollständig auf sozia- listisch-revolutionärem Boden. Darüber indeß ein andermal mehr. — Rußland. Die neueste Nummer der„Narodnaja Wolja" (8 und 9) kündigt in ihrem Leitartikel eine wesentliche Veränderung der Taktik der revolutionären Partei Rußlands an, und zwar im jakobi- nistisch-blanquistischen Sinne. Wir kommen auf diesen bemerkenswerthen Artikel, sowie aus den sonstigen Inhalt der„Narodnaja Wolja" in nächster Nummer. — Abfertigung. Herr Deichsel, dessen wir in Nr. 14 de» „Sozialdemokral" gedachten, trat, als er nach London kam, in den Kom- Arbeiterbildungsverein, Tottenhamstreet 49, ein. Knrze Zeit darauf ge- langte nach London die Nachricht, daß Deichsel in Berlin gesammelte Gel- der veruntreut habe; natürlich ernannte der Verein sofort eine Unter- suchungskommission, um diese Angelegenheit zu prüfen. Von diesem Tage an verduftete Herr Deichsel— ein Zeichen seines reinen Gewissens— spurlos aus dem gedachten Verein und lief mit vollen Segeln in den, Leuten zweifelhasten Kaliber« so zugänglichen Sicherheitshasen der Lon- doner Revolutionsmaulhelden ein, wo er als Matador glänzt. Die erwähnte Untersnchungskommission hat die Anklage gegen Deich- sel als durch vo llgültige Beweise begründet gefunden. Die» zur Abfertigung auf die entrüstete„Verwahrung" des gedachten Herrn. Auf seinen Wust von Schimpfereien und Verdächtigungen zu antworten, haben wir keine Veranlassung. Laß sie dreh'n und stäuben! — Der in Nr. 14 des„Sozd." in der Korrespondenz ans Darmstadt als Polizeispion hingestellte Georg LudwigSeibert bestreitet in einer Zuschrift an uns lebhaft, daß diese Bezeichnung auf ihn zutreffe und fordert von unserm Korrespondenten Beweise, wann und wo er mit der Polizei in Verbindung gestanden haben soll. Da es unser Grundsatz ist, Niemanden ungehört zu verdammen, so nehmen wir hiermit öffentlich von der Zuschritt Notiz, unser Genosse in Darmstadt, dessen Zuverlässigkeit zu bezweifeln wir keinen Grund haben, wird den Beweis für seine Angaben nicht schuldig bleiben. Nachruf. Wieder hat der unerbittliche Tod einen treuen Kämpfer für unsere Sache aus unserer Mitte abgerufen. Der auch in weiteren Kreisen be- kannte Genosse Philipp Ludwig Paulus, im Leben städtischer Einnehmer in S p e y e r, ist am 1. April d. I. einer 14tägigen Lungenentzündung im Alter von 30 Jahren erlegen. Wie schmerzlich und schwer besonder« uns und die Genossen des Speyer- Frankenthaler Wahlkreises der Tod des treuen Freundes berührte, können nur die voll und ganz verstehen, welche ihn kannten. Er strebte, wie sogar der Geistliche am Grabe hervorhob, einem hohen Ideale zu, er diente in der uneigennützigsten Weise der Sache des arbeitenden Volkes. Leider sollte er die Verwirklichung seiner Ideale nicht mehr erleben. Ab- gesehen von den großen materiellen Opfern, welche er unserer Sache freudig darbrachte, verlieren die Speyerer Genossen in ihm einen der hervorragendsten Leiter der dortigen Bewegung. In seiner bürgerlichen Stellung bekleidete Paulus 25 Jahre lang das Amt eines städtischen Ein- nehmer« und erwarb sich die hohe Achtung nicht nur seiner Genossen, sondern seiner sämmtlichen Mitbürger. Von hier aus. gingen eine Anzahl Genossen nach Speyer, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, und verdient ein kleiner Zwischenfall noch der Erwähnung. Wie jedem Genossen, den wir zu Grabe geleiten, widmeten wir auch unserem Freunde Paulus einen Lorbeerkranz mit rother Schleife. Doch kaum waren wir im Trauerhause angelangt, als auch schon einer der Ordnungshelden, ein gewisser Polizeiasseffor Gres, die Wegnahme der Schleife anordnete und somit den Staat für diesmal rettete. Auf dem Friedhose gaben wir unserm Freunde die verbotene Schleife ins Grab— zum großen Aerger der zahlreich vertretenen Bourgeoisie, und der vier Polizisten sammtJJlnhängsel. Genosse Dreesbach sprach einige herzliche Worte, indem er den'Kranz auf'» Grab niederlegte. Am 14. März d. I. geleiteten wir einen anderen Genossen, der nicht in den guten Verhältnissen wie der andere Verstorbene gelebt hatte, der sich im harten Kampf ums Dasein in seinem Berufe opferte, zur ewigen Ruhe. Es war dies der Schreiner Jakob Mauser. Wenn es ihm auch nicht gegeben war, in der Oeffentlichkeit eine große Rolle zu spielen, so war er dock ein tüchtiger und braver Ge- nosse und hat der ca. 250 Personen zählend- Leichenzug bewiesen, daß der Verstorbene von seinen Genossen geachtet und geliebt gewesen. Die Beerdigung fand diesmal ohne Beisein eine« Pfaffen statt. Genosse bedeckt. Die Sträflinge tragen nur Leibwäsche und eine Sträslingskutte. spazieren führt man sie nur einen Tag um den andern, und auf die Dauer «ner viertel Stunde. Nicht nur Bücher, sondern Alles, was nur im -rtande ist, Sträfling irgendwie zu zerstreuen, wird ihm abgenommen. Mit der Außenwelt und den Mitgefangenen ist jeder Verkehr absolut unmöglich. Es jst wörtlich ei» Grab. Da nun die Behörden wissen, •ay ein solche« Leben nolhwendig zum Selbstmord führen muß, so wird Ul jede Zelle ein Gendarm und ein Soldat gesetzt, die dem Gequälten das Leb« vollständig verbittern. Sieht derselbe etwas aufmerksamer an, hu, x.1"«« k" �udarm sofort ans und untersucht den Gegenstand, auf sck, ritten lÄ"!?«"x Aufmerksamkeit gerichtet, ob da nicht welche Aus- cde ioo.m?nxnn"x t i'" ih""»fach„ich! aus den Augen, versolgl und h sein Innerstes durchdringen �elbe Mendorl 1 �ö'Jchttl�ensftärte,„m das ans,»halte». Der- und h?v x", Taschentuch und Handtuch in Verwahrung, «.„„-x'T'g l,n,tnt ö* Gegenstände aus seinen Händen, um sie nach gemachtem Gebrauch sofort zurückzugeben. Da« mindeste 3». wtderhandeln gegen diese bestmlifchen Regeln führt zu Anschnautzen, Karzer "."ö Schlägem Dieses Strafsystem ist viel schrecklicher als der Tod. und als fix x- ia9tl1 auch Abhast, daß sie begnadigt wurden und mußten, A r» t Begnadigung erfuhren, thatsächlich vom Staatsanwalt Majestät verm 00. lfttröstet-werden.„Gegen den Befehl seiner sie die Freuden"?«»* fa9te er al8 er bemerkte, wie„freudig" mal« abnlen Iial entgegennahmen. Was die Vernrtheilten da- gv&g Agjjw»«**.. w» aeworden ift weift qtie,n„.Vx>� Unsinnig und was seitdem aus ihm E bot wo»?b» bei«mnx' T'chonoff bekam Skorbut. Ungeachtet deyen hat man ihn bei Abführung nach Sibirien in Ketten aeleat und von-,nem Ort zum-ndern buchstäblich-ragen müssen Fetzt ist er w �raßnojarsk, wo er nicht lange mehr m leben iSngmß hat'mit diesen drei dasselbe in e.nem Fabre ZlT'.T. � Galgen mit jenen Beiden in einer Viertelstunde und blC ,n 8ro65n Strafmaßen Verurtbe,lte„ Martinowsky sich AL-T"w.-r'«i Symptome des Wahnfinnl.wob�N rettete ikm bo? �x aber&er J3o|teu bemerkte es noch rechtzeitig und .-w.« w r"'""" (Schluß folgt.) Drcesbach hielt am Grabe eine ergreisende Ansprache an die zahlreich Bersammellen. Noch eines Freundes und Genossen sei hier gedacht. Es ist dies der Anfangs Dezember v. I. verstorbene Schneider Heinrich Schäfer, der ebenfalls ein treuer Mitkämpfer für unsere Sache war. Seine fieberhafte Thä'igkeit bei der letzten Reichstagswahl trug wesentlich zu seinem leider so sriihen und schnellen Tode bei. Er hat allezeit treu und fest zu unserer Fahne gehalten und wird auch ihm, wie den beiden andern Genossen, ein treues Andenken bewahrt bleiben. So haben wir in kurzer Zeit drei Genossen zu Grabe geleitet, drei Freunde, die wir tief und ausrichtig betrauern. Möge ihnen die Erde leicht sein, und mögen sie in Frieden ruhen! Mannheim, den S. April 1882. Die Mannheimer Genossen. »V- fi* n t t• 7„.nyir,.-!. j./o.'-. 10'J mit:'.I'i Parteigenossen! Vergeßt der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Korrespondenzen. �— Leipzig, Situationsbericht.(Fortsetzung und Schlnst./ To hat der S l ö t t e r i tz e r P s a f f e eine Handlung gegen einen unserer Genossen begangen, die Alles bisher von Seiten der Pfaffen in dieser Richtung Geleistete übersteigt. Der Genoffe ist ein Ausgewiesener, er befand sich zur Trauung seiner Schwester bei seiner Familie. Kaum hatte er sich au« dem Hause entfernt, um die Zurückkunfl seiner Schwester aus der Kirche im Gasthof zu erwarten, so laust ihm der Pfaffe seine beiden Kinder zu Hause, natürlich im Einverstäudnist mit der Frau des Aus- gewiesenen, der er vorgeschwindelt, daß es ihr dadurch möglich sei, ihren Mann wieder zurückzuerhalten. Der Genoffe ist heute noch draußen und hat seine Kinder zum Austritt aus der Landeskirche angemeldet, der Pfaffe aber geht ungestraft einher, denn für derartige Verbrechen, Zwietracht in die Familien zu tragen, kennt die heutige Gesellschaft keine Strascn.— Die Leipziger Polizei ist gleichfalls nicht unthätig gewesen, Haussuchungen gab es hüben und drüben, in der Stadt und auf dem Lande, natürlich immer erfolglos; wenn nichts gefunden, wurden Bücher, Einzelexemplare gestohlen, au eine Wiederherausgabe ist natürlich nicht zu denken; ver- langt Einer seine Sachen zurück, so antwortet man ihm: ja, dann werden Sie ausgewiesen. Also wenn man sein rechtmäßiges Eigenthum zurück verlangt, fliegt man hinaus! Für die Sozialdemokraten gibt es eben kein Recht. Kleinere Strafen wegen Vergehen gegen das Sozialistengesetz wurden mehrere verhängt, so hatten fünf Genossen je sv Mk. zu zahlen, weil sie am Tage vor der Wahl mittels Schablonen und Oelfarbe „Wählt Bebel", auf dem Lande„Wählt Dietzgen", an Plakatsäulen, Trottoirs, Häuser, Mauern, Planken u. s. w. angestrichen hatten, und zwar weil Plakate von der Polizei stets heruntergerissen wurden. Ein anderer Genosse erhielt drei Tage, weil er für die Familien der Aus- gewiesenen gesammelt, während ein anderer zwei Tage erhielt für Hoch- rufe auf Bebel, die er gar nicht verübt hatte. Der Polizist beschuldigle ihn, beschwor es uud damit Basta. Dem Anerbieten de« Genossen, mehrere Zeugen nachzuweisen, welche eidlich erhärten konnten, daß nicht er gerufen habe, wurde mit dem Hinweis nicht Folge gegeben, daß es ja doch Sozialdemokraten seien, sie folglich zu Gunsten des Angeklagten aussagen würden und somit ihrer Aussage kein Glauben beizumessen sei. Eine weitere Gemeinheit, welche die Polizei gegen uns ausübt, ist, daß sie die Genossen bei ihren Arbeitgebern denunzirt. Dies scheint man auch zur loyalen Handhabung des Sozialistengesetzes zu rechnen, man erreicht dadurch, daß der Betreffende eventuell in Leipzig keine Arbeit mehr erhält. Wenn es der Polizei trotzdem nicht gelang, jeden brodlos zu machen, den sie denunzirte, so ist dies nicht ihre Schuld.— Noch Einiges zur Charakteristik unserer Gegner: Ist da zunächst Herr S p a r i g in Reudnitz, wer kennt S P a r i g nicht? Diesen Fallstaff in ureigenster Gestalt, dieses Diminutivum unter den Politikern, den Macher der Wahl im 13. Wahlkreise! Man sollte ineiueu, daß derartige Leute, welche sich doch brüsten, die verwerflichen Ideen der Sozialdemokraten zu bekämpfen, zum Mindesten in Punkts der Moral über allen Zweifel erhaben sein müßten! Fehl geschossen! Dieser S p a r i g, der eine zweite junge Frau hat, treibt sich des Nachts mit Anderen aus der Straße herum. Als er einmal des Nachts von einem Schutzmann in einem zärtlichen tote ä tete gestört wurde, bot er demselben Maulschellen an. Sparig ist natürlich Gemeinderathsmitglied, hat sich von einem Schutzmann nichts sagen zu lassen, zumal in solch einer Situation. Andern Tags wird der Schutzmann zum Gemeindevorstand zilirt uud gefragt, ob er denn Sparig nicht kenne, wie er es überhaupt wagen könne, diesen anzuhalten, Sparig hätte ganz recht gelhan, wenn er ihm, dem Schutzmann, ein Paar„reingehauen" hätte! Diese Sprache des Gemeiudevorstandes ist nicht zu verwundern, wenn man weiß, daß er es selbst nicht besser treibt. Ist da ein junges Dienstmädchen, welches ihr Dienstbuch verlangt, der Herr Gemeindevorstaud bestellt das Mädchen in seine Wohnung, dort solle sie ihr Buch abhole». Diese Gelegenheil läßt der Gemeindevorstaud nicht unbenützt vorübergehen. Die Eltern machen Anzeige, es findet eine Vernehmung statt, die Sache wird be- glichen, da der Skandal auf alle Fälle vermieden werden muß, und Chetzer, so ist sein Name, bleibt Gemeindevorstand, und hat auch die Ausficht, noch Bürgermeister zu werden, denn— Reudnitz petitionirt mit Einführung der Städteordnung! Neuerding« macht die Fortschrittspartei ganz gewaltige Anstrengungen, um Boden im Landkreise zu gewinnen; so fand bereits eine Versammlung in P l a g w i tz statt. Die Genossen waren schwach vertreten und ließen die Herren Fortschrittler gewähren. Rechtsanwalt M u n k c l reserirte über„Au» dem Reichstage", sprach aber mehr über Außerhalh des Reichstages, als über das, was sich im Reichstag zugetragen hat. Nun, sie haben wohl auch Ursache über die Vorgänge im Reichstag zu schweigen, denn sie siud vom„großen Kanzler" tüchtig abgekanzelt worden. Ge- schieht ihnen ganz recht, Loyalitätsduselei wird vor wie nach getrieben, bi» das Volk den Fortschrilllerschwindel erkannt hat und sie zum Teufel jagt! Eine andere Versammlung fand in Reudnitz am 8. März statt. Dr. K a l t h o f s aus Berlin sollte reseriren über„Das Bündniß der reaktiouären Parteien im Kampfe mit dem Gewissen des deutschen Volkes." Die Versammlung, umsassend 800— 700 Personen, war von uns sehr gut besucht, und verlangten wir, nachdem die Versammlung eröffnet, „Büreauwahl". Einer der Unsrigen verlangte das Wort zur Geschäfts- ordnung und erklärte, daß es zum Mindesten der Anstand und die Frei- finnigkeit, die, wie es ja scheint, die Fortschritller in Generalpacht ge- nommen haben, gebiete, daß die Einberufer die Versammelten frage, ob sie damit einverstanden seien, daß der Vorstand des Fortschrittsverein den Vorfitz in der Heuligen Versaivmlung sühre. Dies wurde aber nicht gethan. Es entspann sich darnach eine, eine Stunde lang währende Ge- schüstsordnungsdebatte, in der die Fortschrittler behaupteten, daß ihnen das Recht zustehe, ihr Büreau mitzubringen, zumal es eine Versammlung des Fortschrittsvereins sei und keine Wählerversammlung. Die An- wesenden waren jedoch anderer Meinung..Wenn die Fortschrittspartei öffentliche Versammlungen abhält, zu welchen„alle Wähler" ein- geladen werde», verliert die Versammlung den Charakter einer fort- s ch r i t t l i ch e n Vereinsversammlung, wird zur öffentlichen Wähler- Versammlung, bei der die Fortschrittler nur als Einberuser fungiren, im klebrigen aber sich den Forderungen der Versammelten zu sügeu haben. Uud wenn sie das nicht thun, wie in Reudnitz und in Dresden, dann geschieht ihnen ganz Recht, wenn sie heimgeschickt werden. Dieses Recht der freien Selbstbestimmung lassen wir uns auf keinen Fall nehmen, auch nicht durch die Erklärung, die Polizei habe die Mittheilung gemacht, wenn Sozialdemokraten in da« Büreau gewählt werden, wird die Ver- kammlung ausgelöst. Ihr sollt die Wucht des Ausnahmegesetzes mit fühlen! Da unsere Redner ausgewiesen, meinte die Fortschrittspartei, saß sie sich breit machen könne, ist doch Niemand da, der die Phrasen der Herren gehörig beleuchtet; und so poltert sie in die Welt hinaus, daß sie die alleinige Partei sei, welche die Sache des Volke« vertrete. Die Versammlung fand also nicht stall, die Herren Fortschritller zogen sich zurück in einen lleinern Saal, dort hielt Nachts um die elfte Stunde Herr Kalthoff seine» Bortrag vor etwa 100 Personen. Ueber die erlittene Niederlage erbittert, fiel Herr Kalthoff ganz gewaltig über die Sozial- demokraten her. Innerhalb der Reaktionsparteien habe auch die Sozial- demokratie ihren Platz, deshalb erblickt sie in der Fortschrittspartei ihren ärgsten Feind und liege es ihr im Blute, daß sie mit jeder andern Partei eher paktire, als mit der Fortschrittspartei, begann der Herr nach dem Bericht der Leipziger„Freien Bürger-Zeitung" seinen Vortrag. Doch darüber ein andermal. E. — Flensburg. 8. März. Mitte vorigen Monats wurden wieder einmal zwei Genossen mit Haussuchungen beglückt; jedoch— wie immer— mußten die Herren Polizisten abziehen ohne etwas Verdächtiges gefunden zu haben. Sie waren beaustragt gewesen, nach dem angeblich in der „Ersten Freien Druckerei" hergestellten, in Stettin verbotenen„Rebell" zu schnüffeln, wovon übrigens nicht eine Nummer nach hier gekommen war; man harte einfach, wie gewönlich in Altona die Briese beschlag- nahmt. Jnteressirt hätte uns die Ausstattung des betteffenden Blattes übrigens sehr, da wir jedenfalls nicht sehlgreisen, wenn wir annehmen, daß dasselbe von Londoner Sozialrevolutionären verbreitet worden ist. Unsere Polizei hatte an dem Tage entschiedenes Pech, denn anstatt zu einem Dritten, den sie behaussuchen sollte, gelangte sie zu einem Namens- vetter desselben, der nur einige Häuser neben dem Betreffenden wohnte, einem Landbriesttäger, den die heilige Hermandad natürlich nicht an- wesend traf. Sie ließ sich nun pstichreisrigst in der Wohnung des ver- meinllichen Umstürzlers häuslich nieder, uni feine Zurückkunft abzuwarten, aber wer nicht kam, das war unser Landbrieflräger: er halle es vor- gezogen, nach desTages Last und Mühen das Theater zu besuchen, ohne zu ahnen, daß inzwischen seine Wohnung einen unfreiwilligen Gast be- herbergte. Erst spät Abends stellte es sich heraus, daß die Polizei an einen Unrechten geratben war! Anläßlich der letzten Reichstagswahl hatte der in der Stichwahl durch- gedrungene Kand bat der Dänen.für unfern 2. schleswig-holsteinischen Wahlkreis, Redakteur G u st a v I o h a n n s e n, aus eine anonyme brief- liche Anfrage in den„Flensb. Nachr." n. A. erklärt, daß er„prinzipieller Gegner aller Ausnahmegesetze" sei, selbstverständlich in der Hoffnung, damit die Stimmen der Sozialisten zu fangen. Dieselben kannten jedoch zum großen Theil die Politik des Herrn Johannsen uud rechneten ihu mit zu der„einen reaktionären Masse", indem sie sich bei der Stichwahl der Abstimmung enthielten. Wie recht sie damit halten, hat uns nun der„Sozialdemokrat" in Nr. 8 mitgetheilt: Herr Johannsen hat sich geweigert, seine Unterschrist unter den von unseren Abgeordneten im Reichstag eingebrachten Antrag aus Aufhebung aller Ausnahmegesetze zu setzen. Demnach hat dieser Herr ja sehr schnell seine„prinzipielle Gegnerschaft" aufgegeben! Vor Kurzem lasen wir in einer hiesige» Zeitung einen schwulstigen Artikel über die große Arbeiterfreundlichkeit der Besitzer der Eisengießerei von A n l h o u u. S ö h n e, in dem in Weiterem ausgeführt wurde, daß jetzt neben dem Bestehen einer Kranken- und Sparkasse seitens der Besitzer daran gedacht würde, billige Arbeiterwohnungen herzustellen. -Nun hat sich jetzt der ganze Schwindel aufgeklärt; die Anthon u. Söhne haben wohl zwei Häuser bauen lassen, aber nicht deshalb, um sie ihren Arbeitern gegen geringe Miethe zu überlassen, sondern um sie an zwei besser salairirte Angestellte ihrer Fabrik zu verkaufen. So wird's gemacht! Die Beiträge für die Unsallversicherung müsse» die Arbeiter der ge- dachten Fabrik auch aus ihrer Tasche bezahlen, da dieselben jedoch pränu- merando entrichtet werden müssen, hat die arbeiterfreundliche Firma den Betrag von einigen hundert Mark nicht etwa aus ihrer Kasse vor- geschossen— bewahre!— aus den zinstragend angelegten Fonds der Krankenkasse wurde der Bettag entnommen! Sie sind sich doch alle gleich, diese Kapitalisten, im Norden wie im Süden! Des neuesten Kuriosums will ich zum Schluß noch gedenken. Wie besorgt die Königliche Regierung um das Wohlergehen der Sozialisten ist, erhellt daraus, daß laut höchster Verfügung die Polizisten sich nur noch der Pickelhaube als Kopfbedeckung zu bedienen haben, so lange.sich dieselben im Dienst befinden. Und warum?'Nun natürlich nur deshalb, daß die Spitzel aus 50 Schritt schon zu erkennen sind. Weiter hat's keinen Zweck! C-o. — Verde». Auch wir müssen uns herausnehmen, eine kleine Aus- nähme zu machen und nicht zu den Tausenden zu gehören, in deren Na- meu Herr Breuel glaubt, gegen die Schreibweise des Sozialdemokrat protestiren zu sollen. Es existirt hier nur eine Meinung unter den Genossen, daß die Schreibweise des„Sozialdemokrat" unserer augeu- blicklichen Situation vollständig entspricht, und in dieser Ueberzeugung sind wir durch die Diskussion dieser Frage noch bestärkt worden. War es bei uns schon vor dem Ausnahmegesetz Sitte, die Dinge beim rich- tigen'Namen zu nennen, so machen die Verhältnisse heute eine viel schär- fere Kritik nöthig, und Herr Breuel müßte nach dem Grundsatz, der Mensch ist das Produkt seiner Verhältnisse, welchen er ja als Grundlage seiner Anschauungen angibt, dies am ehesten einsehen und es als ein müßiges Geschwätz betrachten, ein für allemal Regeln festzustellen über die Frage der Taktik. Unsere Taktik wird durch die Handlungen der Gegner bedingt, aber bei Herrn Breuel sind nur die Gegner und deren Schurkereien nach obigem Grundsatz zu entschizloigen. Wir würden gegen- über einer so köstlichen Logik dieser Sache keinen Werth beigelegt haben, wenn man aus dem Stillschweigen nicht vielleicht Kapital schlagen könnte, darum wollen wir die Gelegenheit gleich benutzen und dem Wunsch Aus- druck geben, daß der nächste Sozialistenkongreß seine Zustimmung zur Schreibweise des Sozialdemokrat ausspreche, und schließen uns auch dem Wunsch anderer Drle an, das Parteiorgan durch eine Beilage zu ver- größern. Ob die Beilage dann nur einen wissenschaftlichen Charakter haben soll, wollen wir dem Kongreß gern zur Entscheidung Uberlassen. Und nun wollen wir eine Illustration liefern, welche Berechtigung manch- mal die abfälligen Kritiken über die Schreibweise des„Sozialdemokrat" haben. Schreiber dieses hat häufig Gelegenheit, mit Bremer Genossen zu verkehren, und dort habe ich die gehässigsten Kritiken über die Schreib- weise de»„Sozialdemokrat" gehört, die stets in dem Satz endeten, daß der„Soz." mit seinen Dynamit- Artikeln nur die Genossen unglücklich mache, daß es besser sei, gar kein Parteiorgan nn Auslande zu haben, da man von dort aus die hiesigen Verhälrniffc doch nicht beurtheilen könne, u. dgl. mehr. Wenn ich nun diese Biedermänner interpellirte, welche Artikel sie denn eigentlich dabei im Auge hätten, dann wurde mir aus mein Drängen eingestanden, daß sie den„Soz." überhaupt nicht lesen, und daß sie in diese r Beziehung die Wahrheit sagten, sah ich so- fort ein, als ich erfuhr, daß in gan, Bremen bis zu den Reichstags- wählen nicht ein einziges Exemplar des„Sozialdemokrat" gehalten wurde. Da« geht noch über die Logik de« Herrn Breuel, eine Kritik über ein Blatt zu sällen, welche« mau gar nicht kennt! Wir wollen dieses Bei- spiel mit einer Betrachtung Uber die Bremer Parteiverhältniffe verbinden. Es muß jedem Genossen sonderbar vorkommen, daß in einer Stadt wie B r e m e n, wo schon 7000 sozialistische Stimmen abgegeben worden find, die Genossen jahrelang ihre Pflicht, das Parteiorgan zu unterstützen, vergessen konnleii, daß Sozialisten nicht einmal das Bedllrfniß hatten, das Parteiorgan zu lesen. Ich habe in Bremen, abgesehen von den letz- ten drei Monaten, wo es in dieser Beziehung, besser geworden ist, keinen Genossen gesunden, der für da« Parteiorgan agitirt hätte, hingegen gibt es Leute in Bremen, die wenigstens bei unseru Gegnern als Führer der Sozialisten gelten und trotzdem systematisch nicht nur gegen unser Partei- organ, sondern auch auf Kosten unserer bewährtesten Führer gegen unsere Taktik agiliren. Einzelne gingen so weit, zu sagen, wüide sich unsere Partei der Fortschrittspartei anschließen, dann würde das Ausnahmegesetz wieder ausgehoben werden. Warum diese Leute nicht anrathen, uns an die konser- vative Partei anzuschließen! Dann würde doch das Gesetz noch sicherer wieder aufgehoben werden. Dann heißt es wieder: Wenn die Lassalle'sche Organisation beibehalten worden Wäre, so hätten wir das Ausnahmegesetz gar nicht bekommen. Diese Leute, die einen Lassalle immer im Munde haben, scheinen seine Schriften am Wenigsten zu kennen, sonst müßten sie sich des Ausspruches Lassalle'» erinnern, mit den Ersolgen wachsen die Verjolgungen. Tann werden noch allerhand übertriebene Schreckensbilder über die Folgen der sozialistischen Bewegung ausgelischt. Es könnte fast eine Beleidigung der Bremer Genossen sein, wenn ich folgerte, daß der- artiges Geschwätz eine Einwirkung auf sie habe, aber verleiten die Hand- lungeu der Bremer Genossen nickt zu solchen Bettachtungen? In Bremen war bei der letzten Reichstagswahl ein ausgezeichnete» Feld für uns, durch die Zollpolitik, durch das Tabaksmonopolprojekt und die Hand- lungsweise des Abgeordneten Mösle war in Bremen die Unzusriedenheit so groß, wie vielleicht in keiner Stadt in ganz Deutschland, und wie haben die Bremer Genossen da» gute Feld ausgenutzt? Eine Abnahme von 2000 Stimmen sagt Alles! Um das zu begreisen, muß man die Flugblätter gelesen haben, welche die Bremer Genossen an die Wähler vertheillen; so wässerig find nicht einmal die Fortschrillsflugblätter ge- wesen! Hätte man in Bremen anstatt 10,000 solcher Wische 1000 gut sozialistisch gefärbte Flugblätter vertheilt, wenn auch nicht durch Dienst- leute, sondern wie anderwärts durch Genoffen, im Nothfalle in Nacht und Nebel,— ich bin fest überzeugt, wir hätten ein günstigeres Resultat gehabt. Einzelne Personen, die mir als Verttauenspersonen bezeichnet worden sind, geben die Mißstände zum Theil selbst zu, man will aber alles aus lokale Mißstände zurückführen: die Verunglückung der Genossen- schasl in Bremen, durch welche viele Genossen um ihre Einlagen kamen, ferner habe man kurz nach Inkrafttreten des Sozialistengesetzes eine Ver- nrtheilung von Genossen wegen Verbreitung der„Freiheit" gehabt u. s. w. Dem gegenüber möchte ich doch behaupten, daß man anderwärts auch solche Mißstände hat und dazu noch ein bischen Belagerungszustand, und doch entschuldigt man sich an solchen Orten nicht, sondern sucht die Miß- stände zu überwinden und macht es bei größerer Gefahr möglich, daß der„Sozialdemokrat" in Hunderten Exemplaren gehalten wird! Gerade die Bremer Vertrauensmänner haben nicht da« Recht, sich über den Jndifferentismus ihrer Gesinnungsgenossen zu beklagen, denn sie selbst haben sich ja jahrelang um das Parteiorgan nicht gekümmert. Wenn sie es nicht verstehen, eine günstige Einwirkung auf die Genossen auszuüben, so mögen sie ihre Trägheit oder Unfähigkeit nicht auf Kosten ihrer Gesinnungsgenossen zu entschuldigen suchen. Infolge der Einbil- dung, sie wären die einzigen richtigen Sozialisten, schließen sie sich miß- trauisch anderen Genossen gegenüber ab, dadurch entsteht ein arges Kliauen- wesen, und der Umstand, daß man heute leider der persönlichen Sicher- heil wegen einzelnen Personen viel anvertrauen muß, setzt die Herren in den Stand, eine Art kleiner Diktatoren zu spielen; in bureankratischer Weise werden dann die Geschäfte erledigt, und so werden die Herren unfähig, ehe sie sich dessen recht bewußt werden. Diese Mißstände müssen um so mehr befremden, wenn man bedenkt, daß in Bremen außer andern Führern auch der Abgeordnete Blos wohnhast ist. Ich bin weil entfernt, den Führern, die ihre Stunden geistiger Arbeit opfern müssen, auch die Handlanger-Arbeiten aufzuladen, aber das sollte man verlangen können, daß ein Führer in seiner Umgebung die wichtigsten Parteiinteressen wahr nimmt und vertritt. Ich habe wenigsten» immer gesunden, daß da, wo ein guter Säemann war, es auch gute Saaten gab; wir wollen es dann gern Jedem überlassen, welche Agitationsmelhode er, so weit unser Prin- zip nicht verletzt wird, anwendet; in diesem Punkte schließen wir uns Genosse Dietzgen an, lassen es uns aber nicht nehmen, die Herren nicht nur nach ihren Worten zu beurtheilen, sondern auch, wo es darauf ankommt, nach ihren Thaten. So viel für heute! Vorus. Briefkasten der Redaktion: Raummangels halber mußte wie- der einmal ein g r o ß e r T h e i l u n s e r e r R u n d s ch a u u. s. w. für die nächste Nummer zurückgelegt werden.— Roth- bart in Scranton: Einsendungen dankend empfangen, sollen bal- digst Ausnahme finden.— Freunde in Paris: Die Reden von S. und I. kommen in nächster Nummer zum Abdruck. Besten Dank und Gruß! der Expedition: F. Bloch: Bs. v. ö. erh. Auszg. an W. gegangen. — A. Lanf. Chicago: Auftrg. an B besorgt. Reo. 8 total vergriffen. „Frau u. Soz." v. Bbl. nicht mehr zu beschaffen.— Strauß N.-A.: Mehr- bestcllung vorgem.„Rb." für uns unerreichbar.— A. Hhne. R A.: Mehr- bcstellung notirt. Nachlfrg. fort. Rro. 14 vergriffen.— F. Jonsch. Rew- Aork: Schflbstllg. v. 18/3. am 4/4. fort.— Ungcmaschnitr HilfSmann: Unregelmäßigkeit liegt wahrscheinl. an Ihrer Adresse. Alle» prompt abgeg. — C. R. C.: M. 3.— Ab. Q n erh.— Ein alter Kämpfer: Sdg. durch R E. eingctr. u. weitei besorgt.— G. L. London:. AU riglit.— — R. Tiedt R A.: Bs. v. 27/3. erh.— A. Sch. Bex: Fr». 2.— Ab. 2. Qu. erh. und nach Wunsch verfahren.— X. 3. V.: M. 24— ä Clo. Ab. erh. Bff. am 4./4. mehr.— A. T. Tfkn.: öw. st. 10.— Ab. 1. u. 2. Qu. ii. Schft. erb. Sdg. folgt.— E. P. Paris: Fr. 134.25 Abon. 1. Qu. tc. erh. n. Fr. 5.— an S. dehändigt. Weiteres besorgt.— B. ZustiniiS: Fr. 2.— Ab. 2. Qu. erh.— Der alte Rothe: M. 8.60 p April erh. Brfl. mehr.— K. Kpsch. Lond.: öw. st. 3.—(Fr. 6.30) vr. Abon. 2. Qu. u. Schft. erh.— I. Klp. Wthur: F. 2. Ab. 2 Qu. erh. durch O. — C. K. Kbg.: M. 6.— Ab. 2. u. 3. Qu. erh.— E. B. Kbg.: M 3.— Ab. 2. Qu erh. Addr. war richtig.— C. Wmgh». Rimes: Fr. 2.50 Ab. 2. Qu. erh. G. restirt noch März u. I. Qu. 32.— B. Brl. London: M. 2.94 u. Fr. 50.40 Ab. I.Ou. erh.— 3. Ggh. London: Fr. 2.50 Ab. 2. Qu. erh.— Fldhptm: M. 4.— p. Neberrchug. erh. FdSyttg. sp.— P. B. Anvers: Fr. 25 Ab. l. Qu». ä Cio. erh.— Der Beobachter G.: Mehrbestcllung folgt, — Dtsch. Verein Genf: Fr. 33.— durch H. erh. u. d. Ufd. dkd. zugew. Aachen f. d. Famil. d. Ansgew. M. 14 durch G. dkd. erhalt. Bfl.. mehr.— Rother Franz: Fr. 18.— angebl. v. H. abges. nicht erh. Bfl. am 12. Näheres.— S. Winterthur: Fr. 11.80 erh. u. nach Borschr. pr. P. B., Ab. 1. Qu. u. UfdS. verwendet. Kdsqitg. folgt.— H. K. R. i M. 3.— Ab. 2. Qu. bez.— A. L.«.: M. 24.— p. Ad. 2. Qu. gm gebr.— Gracchus W.: M. 33.— Ab. März u. 2. Qu. erh. Bfl. mehr. Morgenroth: öw. fl. 10.— ä Cto. Ab. ic. gutgebr. Rota ic. folgt.— Ch. Wblgr. Ffld.: K besorgt.— Ehur Soz-Sekt.: Sdg. geht a. d. Frhf.— A. B. Pari«: Bf. v. 9/4. erh. u. Alles notirr.— Dtsch. Gen. Amsterdam: Fr. 22.— d. G. erh. u. pr. Ufd«. dkd. verwendet.— K. Wormser: M. 209.4') erh. Bf. am 12/4. noch erwartend.— Gen. Pari«: Fr. 60.20 p. Ufd«. dkd. erh. Fdsqttg. folgt.— Jugendlicher: Fr. 1.— f. Schft. crh.— F. Schm. D.: M. 5.— a Cto. Ab 2. Qu. erh.— L. Paris: Kr.. 7.60 Ab. 2. Qu. erh. Brief u. s-bd. vorgem.— J. B. Cfld.; M. 14.40 Ab. 1. u. a Cto. 2. Qu. gutgebr.— Bon II. u. B. durch T. o_ f. f