erscheint wöchentlich Einmal in Zürich(Schweiz) Kerl»» KB o I t« b u ch» a»» l u» g H»tting«n-Zürich. (gfiftutnngea ircnco gegen franco Sewöhnliche Briese nach der Schweiz losten Topvelporto. Der SoMdeWkrat Aentrat-Grgan der deutschen Sozialdemokratie Abonnements werden nur beim Verlag und dessen bekannten Agenten entgegengenommen und zwar zum voraus zahlbaren Vierteljahrspreis von: Fr. 2.— für die Schweiz(Kreuzband) Mt. 3.— für Deutschland(Couvert) fl. I. 70 für Oesterreich(Couvert) Fr. 2.50 für alle übrigen Länder des Weltpostvereins(Kreuzband). Z i s e r a t e Tie dreigespalrenc Petitzeile •25 Cts.— 20 Pfg. R? 23. Donnerstag, 1. Juni. 1882. Da drr.Sozialdemolrat' sowohl in Druljchland a>S auch in Oestrrrrich orrbolen ist. dejw. versolgi wird, und dir dortigrn Brhördrn fich all- Müht gcdru, unsrrr Berdindungrn noch jrneu stündrrn möglichst zu«rschwrren, rcso, Brirs- von dorl an uns und uns-rc Ititung-- und sonftigrn krndungrn nach von abzusaiigtii, so ist dir üuß-rst- Bornchl im Postvrrlthr noihwendig und darf lrine Borstchlsmastrtgel versäuml wrrdrn, dir Brirsmardrr Uber den wahren Absender und Emviänger, sowie den Inhalt der Cendungen zu««uschen, und letztere dadurch zu schützen. Hauptersordernitz ist hiezu einerseits, daß unsere Freunde so selten Zui« an lic Abaaaratca Ulli korrcspouiellttll dk»„Slliiasdtlliokrllt"."WM als möglich an den.Sozialdemokrat", resp. dessen Verlag selbst adrcssircn, sondern sich möglichst an irgend eine unverdächtige Adresse außerhalb Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche sich dann mit uns in Verbindung seht; anderseits aber, daß auch uns möglichst unverfängliche Zustellungsadressen mitgetheilt werden. Zn zweifelhaften Fällen empfiehlt fich behufs größerer Sicherheit Rclominandirung. Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um troh aller entgegenstehenden Schwierigkeiten den.Sozialdemokrat" unfern Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern. Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Genossen! dir Ansprächt au den jlnterlilldllngsfouds haben sich bisher nicht vermindert, während dir Leiträge in der letzten Zeit etwas jurächgeblieben lind, ffg ist deshalb noihwendig, datz die Ke- Nossen au denjenigen Vrteu, wo es noch nicht geschehen, die Sammlung von Leiträgen energisch in die Hand nehmen! Formulare lind fär Lentschlaud durch die bekannten Nertrallellslente, fär das Ausland durch f.?au schrr in Hottingen, Hanton Zürich, in beliehen. Fonds zur Unterstützung der Opfer des Sozialistengesetzes. Im April gingen ein: Slutlgart Ml. 7,90. Jena atnd. phil. B. 5,—. Leipzig B. H. i),ü8. Leipzig 40,—. W. Leipzig 12,—. Cöl» 301,50. Zigarrenarb. Köln 8,50. 18. sächs. Wahlkreis 100,—. Zwickau 20,—. Alrenburg 17,—. Groitzsch 2,—. Leipzig, Ausflug am zweiten Osterseierlag 2,40. Delitzsch 6,50. Verde» 13,30. Striegau 5,—. Löbtau 9,75. Ronsdors 8,40. Mannheim 10,—. Karlsnihe 10,—. Karlsruhe 6,50. Leipzig 40,—. Plauen 7,80. Greiz 8,—. Mittweida 6,—. St. Jobann 15,—. Pols- dam 4,—. Mainz 6,70. Frankenthal 16,—. Frantcmhal 40,—. Hildesheini 3,—. Chemnitz 50,—. Herford 10,—. Erfurt„Das Vanner hoch 15,—. Großenhain 4,80. Großenhain 6,—. Harburg 9,20. Görlitz 11,-. Im Mai gingen ein: Solingen 20,—. Halle 10,—. Forst 10,—. Düsseldorf 5,—. Hannover 20,—. Halberstadl 5,—. Schwerin 2,—. Minden 9,—. Ernstthal 4,-. Siollbcrg 9,10. Lübeck 25,—. Forst 6,—. Neumiinster 5,—. Stuttgart 120,—. Creseld 10,—. Hamburg 60,—-. Oederan 9,80. S. Braunschweig 12,—. Altenburg 16,40. Karlsruhe �20,—. Mannheim 15,—. Greiz 10,—. Zeitz 9,—. Brandenburg 14,—. Kassel 10,—. Ferner gingen ein: Serlow(Fr. 2,16) Ml. 1,73. Pari« M. H.(Fr. 2,—) 1,60. Desgl. (Fr. 2,35) 1,88. Frankenthal 5,—. Lawrence, Reinertrag der Koni- muneseier(Dllr. 14,49) 58,68. Deutsch. Verein Winterthur(Fr. 15,—) 12,—. Thonberg-Leipziger Genossen in St. Loui« 3. Rate(Dllr. 10,—) 40,52. Rolhkragen a. d. Cislar 5,—. Drei Arbeiter der ichweiz. Bereinsbuchdruckerei(Fr. 3,—) 2,40. O. E. in B. 50,—. Basel (Fr. 30,—) 24,—. Zürich v. beul scheu Turnern d. T.(Fr. 5,—) 4,— m.] m ®. E. in K. 4,80. RobeSpierre 1,- Zusammen Mf. 1493. 24. Agitationsfonds. Pari«(Parlei-Beitr. Fr. 11,40) Ml. 9,12. Pari«(Fr. 7,70) 6,16. Znsammen Mk. 15. 28. Flugschriften-Fonds. Pari« E. P.(Fr. 2,—) Mk. 1,60. Vom Fliegenden(Rest aus Ab- gerundete«) 35.-. Zusammen Mk. 36. 60. Der wahre Jakob. Treppenwitze nennt man die guten Gedanken, die einem erst einfallen, wenn man die Treppe hinuntergeht oder hinunterfliegt — je nachdem—, und die große Anekdolensammlung, heutzutage Weltgeschichte genannt, wimmelt von solchen Treppenwitzen. Es gibt einige recht guie darunter, mit denen man sich des- halb auch gern aussöhnt, und von denen man nur bedauert, daß kl" Wahrheit zur gehörigen Zeit passirt sind. Um so aglicher aber nehmen sich die Treppenwitze aus, die eigentlich gar keine sind, wir meinen die Antworten auf oder unter der Treppe, denen der Witz fehlt. Und mit so einem witzlosen Treppenwitz haben wir es heule zu thun. LUs am 12. Mai Genosse Sottmar mit vernichtender öcharfe die Tabakmonopolvorlage bei" Regierung gekennzeichnet c' v Ii'""'L die, wie allseitig zugestanden wird, tiefen Eindruck im Reichstage machte, da war es Pflicht der Herren Rcgierungsverlieter, auszustehen und den Vorwurf des poli- tischen V lauern fangcs, mit welchem Vollmar die Bis- marckische., Sozialresorm" gekennzeichnet hatte, zurückzuweisen, die Vollmar'schen Argumente zu widerlegen. Aber den Herren Scholz, Meyer und Konsorten blieb das Wort im Munde stecken— sie schwiegen. Sie schwiegen auch noch am folgenden Tage, als der fort- 'chnttliche Phrasenheld Eugen Richter die Vollmar'schc Rede in seiner bekannten Manier als Beleg zu der fulminanten„Anklage" Feld führte, Bismarck sei der Pflegevater des Sozialismus. "vic schwiegen auch noch in der Sitzung der Monopolkommission, als ihnen direkt der Vorwurf gemacht wurde, sie, die Vertreter der Regierung, wären verpflichtet gewesen, Vollmar zu antworten. Endlich, nachdem sie glücklich auf der untersten Stufe der treppe angelangt sind— mit allerdings so rasender Eile, daß ___ — man es wohl begreift, daß sie dabei die Besinnung verloren— haben Bismarck und seine Leute sich zu einer Antwort auf- gerafft. Aber ach, welch lendenlahmer, krast- und sastloier— Treppenwitz! In der„Provinzialkorrespondenz" vom 24. Mai wird er uns aufgetischt, und zwar in Form einer Antwort auf— Eugen Richter. Ueber den abgetriebenen Manchestergaul zu witzeln, ist ja heutzutage das billigste Vergnügen, welches man sich leisten kann. Am Schluß wird dann folgender Trumpf ausgespielt: „Endlich behauptete der Redner, der eigentliche„Pflegevater des Sozialismus" in Deutschland sei der Reichskanzler. Ver- steht man unter Sozialismus ein System von Mitteln, um den Stand der Lohnarbeiter, den die bisher vorherrschende Lehre nach freihändlerischem Eingeständniß den Gesetzen des Marktes wie eine Waare überlasten wollte, vor der Uebermacht des Zufalls zu schützen, welcher so viele Arbeiter in die Arme der Roth treibt— so wird der„Pflegevater des Sozialismus" einst ein Ehrentitel des Kanzlers werden. Versteht man dagegen unter Sozialismus die ausschweifenden Zukunflsträume der Sozial- dcmokratie, so wird man den Urheber des Sozialistengesetzes von 1878 wohl schwerlich den Pflegevater eines solchen Sozialismus nennen. Der fortschrittliche Redner meinte freilich, die Grund- sätze der Sozialreform förderten die Macht des Sozialismus mehr, als das Sozialistengesetz diese Macht vermindere. Aber eine nicht ferne Zukunft wird erfahren, daß der falsche Sozialismus durch das Sozialistengesetz zurückgedrängt, durch die Sozialreform über- wunden worden ist." Das der reichskanzlerische Witz aus der Treppe. Also der Sozialismus, den alle Welt bisher dafür gehalten hat, ist gar kein Sozialismus, ist ein nachgemachter, ein falscher — den echten, den allein richtigen, den einzig wahren, den wahren Jakob— den verzapft in unverfälschter Reinheit und mit unfehlbarer Wirkung lediglich der Reichskanzler. Er ist der Pflegevater des„wahren Sozialismus". Betrachten wir uns diesen„wahren" daher etwas näher. Worin besteht er? „Den Stand der Lohnarbeiter—— vor der Uebermacht des Zufalls zu schützen, welche so viele Arbeiter in die Arme der Roth treibt", antwortet das Bismarck'sche Mundstück. Schön, eine Aufgabe des Schweißes der Edlen wcrth. Aus das Ziel, auf die„Absichten" kommt es aber gar nicht an, sagte Vollmar sehr richtig, sondern auf die Thai en, d. h. hier auf das Wie. Wie will nun Bismarck das schöne Ziel erreichen? Zwei Projekte liegen in dieser Beziehung vor: das Kranken- versichern»gsprojekt und das Unfallversicherungs- Projekt, welchen— in mehr oder weniger nebelhafter Zukunft— ein Altersversorgungsgesctz folgen soll. Was würde aber niit diesen Gesetzen, falls sie in der für die Arbeiter Vortheilhaftesten Weise ausgearbeitet wären, erreicht sein? Nichts anderes, als daß jeder Arbeiter im Falle der Krank- heit, der Verunglückung, der Arbeitsunfähigkeit, die unerläßlich noihwendige Pflege und die nothwendigsten Existenzmittel er- hielte. Nun gibt es aber kein zivilisirtes Land, in welchem nicht — mehr oder weniger human— für den Kranken- und Er- werbsunfähigen gesorgt würde. Der„wahre" hinkte also blos hinter der bisherigen Praxis her, und eS fragt sich sehr, ob er dieselbe wesentlich Verbeffert. Darüber indeß ein andermal. Aber, wird uns vielleicht eingewendet, zwischen der Bismar- ckischen Sozialreform und der bestehenden Armen- und Kranken- Unterstützung ist der wesentliche Unterschied, daß jene dem Arbeiter ganz bestimmte Rechte gewährt, während diese ihm Almosen spendet! DaS ist einfach unrichtig. Auch heute har der Arme und Kranke ein Recht auf Unterstützung, und wenn dieses Recht meist in der herabwürdigenden Form dcS Almosens erscheint, so ist das die Schuld der Behörden, die Schuld unseres Klassen- st a a tes. Und wer bürgt uns denn dafür, daß die Würde der Arbeiter unter der Bismarckischen„Sozialreform" bester gewahrt wird? Der Urheber des Sozialistengesetzes, der Zerstörer der selbst- ständigen Arbeiterorganisationen, der Mann, der die Arbeiter in jeder Beziehung von der Laune der Polizei abhängig gemacht hat, nun und nimmermehr! Die von ihm auSgeheckte Kranken- und Unfallversicherung läuft erwiesenermaßen darauf hinaus, den größten Theil der Unterstützungslast den Arbeitern aufzuhalsen, die Arbeiter aber vermöge der Organisation dieser Kassen unter das Joch deS Polizeistaates, beziehungsweise nach dem von Schäffle ausgeheckten Plane unter das Joch einer Koalition des Polizcistaals und der Ausbeuter- klaffe zu zwingen. Den freien Kasten der Arbeiter, in welche weder der Polizeistaat noch die Bourgeoisie hineinzureden hat, soll um jeden Preis der Garaus gemacht werden. Die Lasten aber sollen fast ausschließlich die Arbeiter tragen. Für das eine Drittel der Beiträge zu den Kranken- kassen, welche Bourgeoisie und Polizeistaat vorgeblich aus christ- licher Fürsorge sür die Arbeiter übernehmen, wird bei der Unfallversicherung, welche ausschließlich das Ausbeuterthum zu tragen hätte, eine dreizehnwöchentliche Karrenzzcit eingeführt, während die eisten 13 Wochen der Unterstützung bei Unfällen den Krankenkassen zur Last fallen. Was das bedeuten will, erhellt aus der in den Motiven zum Unfallgesetz zynisch zugestandene» Thatsache, daß die Zahl der Unfälle, die„blos vorübergehende Arbeitsunsähigkeit zur Folge" haben, über fünfzigmal so groß ist, als die Zahl derer mit dauernder Unfähigkeit(jährlich 85,058 gegen 1680 d. h. über 98 Prozent). Und die„vorübergehende Arbeits- Unfähigkeit" dauert wiederum nur in einer ganz winzigen Anzahl von Fällen über 13 Wochen. Es löst sich somit die Bismar- ckische Fürsorge sür die verunglückten Arbeiter auf in eine Ab- wälzung des Lberwiegkird größten Theilcs der Haftpflicht auf die Krankenkasse».' Die Ar b eit er- In va l i denv e rsi cherun g, d. h. die Sorge sür die im Dienste des Kapitals abgerackertcn Prole- tarier ist offiziell von der Tagesordnung verschwunden, in nebel- graue Ferne gerückt; nur in Baucrnfängerversammlungen dient sie noch als verlockende Spiegelfechterei. Und als man offiziell oder offiziös noch anscheinend ernst von ihr sprach, selbst damals gab man an, daß diese Jnvatidenverstchcrung erst in einem Lebensjahre in Wirksamkeit treten solle, welches die weitaus größte Anzahl der Arbeiter, Dank der Abrackere! in den modernen Zucht- Häusern, Fabriken genannt, und Dank ihrer jämmerlichen Er- »ährung— gar nicht erleben. Sind aber die kranken, verunglückten und invaliden Arbeiter heute die schtimmstgestellten? Wir behaupten nein! So jäm- merlich' heute für sie auch gesorgt wird, viel schlimmer als sie sind daran die gesunden, arbeitsfähigen Arbeiter, die keine Arbeit, keine ausreichende Arbeit, aus ihrer Arbeit keine ausreichende Einnahme haben. Da steckt der Kern der sozialen Frage, da müßte eine Sozialreform ansetzen, soll sie nicht eine miserable Pfuscherei oder frecher Humbug sein. Davon aber will Bismarck nichts wissen. Der gesetzliche Normalarbeits- tag, der in anderen Ländern schon besteht, ist ihm eine Schä- digung der Industrie, die Ausbeutung der Kinderarbeit findet in ihm und seinen großkapitalistischen Spießgesellen eifrige Anhänger, die Gewerkschaften aber, jenes einzige Kampfmittel der Arbeiter, mittels welchen sie noch auf dem Boden der heutigen Gesellschaft der Ausbeutungswuth der Kapitalisten einigermaßen Widerstand entgegenzusetzen, der Herabdrückung ihrer Klassenlage entgegenzuarbeiten im Stande sind, hat er aufheben lassen, das Koalitionsrecht den Arbeitern gewaltsam entrissen. Was bedeutet eigentlich das Wort Sozialismus? Die bloße Ucbersetzung desselben,„Gesellschastlichkeit, Bergesellschaftlichung" und dergleichen, geben uns noch keine hinlängliche Erklärung, es hat, wie eine ganze Reihe politischer Ausdrücke, eine ganz bestimmte historisch entstandene Bedeutung. Es bedeutet die gesell- schaftliche Befreiung des Proletariats durch Beseitigung der kapitalistischen Ausbeutung und der wirthschaftlichen ProduktionS- Anarchie. Beides ist nur möglich durch die Uebcrnahme der Gütererzeugung von Seiten der orgonisirten Gesellschaft, durch die Aushebung des Privateigcnthums an den großen Arbeits- Mitteln, mit einem Worte durch die gesellschaftliche Regelung der Produktion. Die Uebcrnahme irgend eines Produktionszweiges von Seiten des heutigen selbst ausbeutenden Staates ist an sich nichts weniger als sozialistisch. Der Sozialismus soll durch Regelung der Produktion und Beseitigung der Ausbeutung die Quellen des Elends ver- stopfen, die Arbeiter in den Stand setzen, weder gesellschaft- sicher Almosen noch staatlicher Bevormundung zu bedürfen. Und dieser Sozialismus ist es, der sich der allgemeinen Sympathie der Arbeiter erfreut, für den sie jedes Opfer zu tragen bereit, Gut und Leben in die Schanze zu schlagen, entschlossen sind. Nichts da, ruft Bismarck in der„Provinzialkorrespondenz", Beseitigung der Hungerlöhne, Abschaffung der Polizeifuchtel, das sind ausschweifende Zukunflsträume, das ist falscher Sozia- lismus. Stärkung der Polizeigcwalt, Preisgabe der Ar- beiter an die Unternehmerwillkür, und eine Sozialreform, die weder von Sozialismus noch von Reform die Spur an sich hat, das ist das einzig Richtige, daS ist gesunder Sozialismus, das ist der wahre Jakob. Ein„genialer" Treppenwitz, in der That! „Diener der Ordnung". Wenn aus dem Lande der barbarischen Zarentyrannei Rachrichreu über die Fäulniß und unsägliche Korruption de« Beamtenlhum« in unserer gleißnerischen, bismarck-frommen Presse verössentlichi werden, wenn ans Frankreich oder Nordamerika haarsträubende Beamtenschnrkereien a» die Oessentlichkeit gelangen, dann kommt gewöhnlich über unser denksanles Spießbttrgerlhum eine sclbstzusriedene Pharisäerstimmung, die in dem Ausrufe sich Lust macht:„Gott sei Dank, daß wir nicht sind wie jene Zöllner". Und alsbald beginnt die ganze servile Preßmenre im Choru« £tr:■' V'':£y,...> OB**-—'--________ ■Sobgefauge anzustimmen über die exeinplarjsche Pflichttreue unseres Beantteustandes, Uber die tradilionelle Tüchtigkeit der preußisch-deutschen „KöuigSdiener". Die Guten stecken den Kopf in. den Zand und behaupten dann mit staunenerregeuder Dreistigkeit, alle die Dinge, welche sie nicht zu sehen vermögen, seien gar nicht vorhanden. In Wahrheit liegt nämlich die Zache wesentlich anders. Auch bei uns, im„Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte", hat die Koxruption d«s-Bea«tinthums ihre Stätte, wächst mit erschreckender Schnelligkeit. Wir wollen heute nicht von der schmachvollen Thalsache reden, die bei so vielen politischen Prozessen handgreiflich vor Jedermann« Auge tritt, daß die deutsche Justiz zum großen Theile eine seile Dirne geworden, die um die Gunst der Mächtigen buhlt und nur ihrem K lafseninstinkt gehorcht bei Schöpfung ihrer drakonischen„Urtheile". Was uns heute die Feder in die Hand zwingt, das ist die Korruption in den Reihen der deutschen V e r w a l t u» g s b e a m t e n. Die liberale Presse erhob bekanntlich ein Zetergeschrei, als Herr von Puttkamer im Reichstage die Pflichten der Regierungsbeamten nach seiner und„seines königlichen Herrn" Auffassung auseiuaudersetzte. Als ob der fromme Junker den Leuten etwas Neues enthüllt hätte! Ist es nicht seit Menschengedenken und namentlich seit der Aera des neuen Pommer- schen Reichsheilandes Otto immer so gewesen? Im modernen Hohen- zollernreiche sind die Beamten stets nur nnterthänige Diener ihres könig- lichen Herrn, nicht Diener des Volkes. Dieses ist nur dazu da, fllr Diener und Herren mit seinem Schweiß und Blut die Zeche zu bezahlen. Die liberale Presse machte sich einfach lächerlich, als sie erstaunt und entrüstet that Uber die Enthüllung einer längst zum öffentlichen Geheimniß gewordenen Thatsache. Weiß man doch, was in Dentschland das Wort„Streberthum" bedeutet, daß nur dieienigen„Diener" aus Lohn und Auszeichnung zu rechnen haben, die nicht für die Sache des Volkes, sondern für ihren Herrn von Gottes Gnaden alle Kräfte anspannen. Und die„Diener" sind nicht die Letzten, die das begreisen. Ihnen wird(von oben) viel verziehen, wenn sie(ihren Herrn) viel geliebet haben. Und so wirthschajten sie drauf los, die Polizeidirektoren, Bürgermeister, Landräthe, Regierungspräsidenten und ivie da« Geschmeiß sich sonst be- titelt, schlimmer als die Paschas. Das Volk aber muß schweigen, es ist geknebelt. Wer immer die Gewalligen anzuklagen wagt, über den kommt unfehlbar der Staatsanwalt, und die„gutmüthigen" Richter thuu ihre Schuldigkeit. Wirst du von einigen besoffenen Polizisten geprügelt und bis aufs Blut mißhandelt, so schweige nnd dulde still, o deutscher Reichs- bllrger, wenn du nicht zuverlässige Zeugen aus dem Zivilstande hast, sonst gibt dir das Gericht einige Monate Zeit, über Beamtenbeleidigung und polizeiliche Meineide hinter Schloß und Riegel nachzudenken. Wagt einer dieser Paschas auf ein deiilsdjes Weib oder Mädchen einen gemalt- samen unsittlichen Angriff, so schweige auch da und verbeiße deine Scham und deinen heißen Zorn, es möchte Dir sonst ergehen, wie seinerzeit der Lehrerin Hessels mit dem uuschuldvollen Polizeiheros v. Wurmb. Merkt Alle: ein prenßisch-deutscher Beamter ist ein ehrenwerther Mann, wäre er auch der größte Schuft— so denken und urlheilen unsere wackeren Richter, wenn das Gegentheil nicht auf's Handgreiflichste bewiesen wird. Die Anwendnlig des Beleidiguugsparagraphen auf jede Kritik des Beamtenthums war ein Bismarckffches Meislerstlick der Reaktionskunst. Jetzt fühlen die Diener und Werkzeuge sich sicher; sie sind erhaben über das ganze Pack der Unterthanen. Und so regieren nnd amtiren sie drauf los, wie ihre glorreichen russischen Vorbilder. Nur wenn irgend ein tückischer Zufall einem Pascha unliebsam in die Quere kommt, passirt es, daß sein Treiben vor Gericht enthüllt wird. Alsdann aber blickt das Publikum in einen Abgrund von Schmutz und Verworfenheit. Solch« Prozesse enthüllen wie jähe Blitze das Dunkel, in welche sich die Korruption zu hüllen pflegt. So vor einigen Jahren der große Bestechmigsprozeß in Bochum gegen die Aerzte, welche als„Befreier vom Soldatenstaude" ihre Dienste ge- tha», so der Prozeß gegen die Millionendiebe bei der königlichen Bank in Bamberg, so der Prozeß gegen den Kriegsrath in Darmstadt, der jahrelang die öffentlichen Kassen bestohleu hatte, ebenso wie sein Kollege, der„slaatstreue" Steuereinnehmer G ü tz e r in Münstereifel, Kraitzer'scheu Angedenkens. Wir könnten noch mehr Beispiele ans den letzten Jahren anführen, nehmen aber als typisch schon eine Ende vorigen Jahres am Schwurgericht zu Duisburg stattgehabte Verhandlung heraus, welche den Stoff zu den anregendsten Betrachtungen bietet. Bor den Ichranken stand Adolf v o u Jüchen, Polizeikoinmissar in Mülheim a. d. Ruhr, Hauptmann a. D., der als Kompagniesührer in der Landwehr die Feldzüge von 13«!ti und 1870/71 mitgemacht. Jüchen war seit 1854 im Polizeidienste, seit 1855 in Mülheim a. d. R., wo er wie ein wahrer Pascha schaltete. Bon seinem„königlichen Herrn" war der würdige Diener mit folgenden Auszeichnungen beehrt worden: 1) Eisernes Kreuz zweiter Klaffe, 2) Landwehrdieiistanszeichnnug erster Klasse, 3) Er- innerungskreuz von 1806, 4) KriegsdenkniUnzeu von 1870/71 und 5) Erinnerungsmedaille des Hohenzollernschen Hansordens. Gewiß, ein wackerer und verdienstvoller Mann! Wir werden seine Verdienste, Dank der Oeffentlichkeit des Gerichtsverfahrens, bald näher kennen lernen. Neben von Jüchen befand sich auf der Anklagebank der„königliche Diener" H ch. S ch ü t t e l d r e i e r, ehemaliger langjähriger Drillmeister und Rekrutenschinder, der als Zivilanwärter entlassen und in Mülheim als Polizeisergeant und Gefängnißwärter„versorgt" wurde. Wilhelm der Milde hält ja bekanntlich sehr darauf, daß seine Braven gut versorgt werden. Mehr aber als ihr„oberster Kriegsherr" thaten die Beiden selbst für ihre„Versorgung". Seit vielen Jahren benutzten sie nämlich ihre amtliche Stellung dazu, um in der gemüthlichsten Weise von der Welt zu prellxn und zu annek- tiren— pardon, zu stehlen. Böse Beispiele von oben verderben natürlich die guten Sitten unten. Warum sollten auch Jüchen und Schöttel- dreier nicht nachahmen, was ihnen mit so glänzendem Erfolge vorgemacht war?! Jüchen war der Vorgesetzte, S. der Untergebene, da« Paar ver- stand sich aber darauf, nicht nur in brüderlicher Eintracht zu betrügen und zu stehlen, sondern auch den Raub friedlich zu theilen. War Jemand, der Geld hatte, in Mülheim zu Gesängniß verurtheilt, so brauchte er nur einen silbernen oder goldenen— Händedruck zu geben — und das„Brummen" war erspart. Der Gefängnißwärter trug die Strafe als verbüßt in sein Buch«in, der Polizeikommiffar übernahm die erforderliche Revifionsbescheinigmig, und die Sache war erledigt. Doch nein, nicht ganz. Ter wackere Schütleldreier liquidirte, unterstützt durch die Bescheinigung seines Spießgesellen, von der Stadtkasse auch noch die vorgeschriebenen Bertretungskosten. Aus den letzten zwei Jahren sind allein gegen 40 derartige Fälle zur Kennrniß de» Gerichtes gelangt; viel mehr noch sind wahrscheinlich verschwiegen geblieben. Auch noch in anderer Weise fälschte das saubere Pärchen die Bücher, um die Kaffe wirlsamer anzapfen zu können. Nebenher enthüllt« die Verhandlung, daß Jüchen eine Paschawirrhschaft sonder Gleichen durch willkürliche Verhaftungen, Einsperrung von Schul- lindern sc. ausgeübt hatte; er war der Schrecken seiner Stadt. Milde genug fiel der Richterspruch aus: zwei Jahre Zuchthaus für Jüchen, ein Jahr für seinen Kumpan. Sie hatten freilich auch keine hochverrätherischen Flugblätter angeklebt, sondern nur„ihrem Herrn" etwa« unregelmäßig gedient. Ob Jüchen seine Strafe absitzen muß? Wir bezweifeln es. Die könig- liche Gnade, welche dem Beruichter des„Großen Kurfürsten", dem Mörder von mehr als zweihnnderl Menschen, io huldvoll zu Theil ward, wird auch dieses erfinderische Genie bald dem Dienste„seines königlichen Herrn" zurückgeben. Ein« Veränderung des Ortes und des Namens— und der ehemalige Hauptwann und Hobenzollern- Hausordeusritier ist wieder verwendbar. Ha: er sich doch als findiger S�iali iteii Hetzer bewährt: und so sollte es uns gar uicht wundern, wenn er alsbald irgendwie als Spitzel Verwendung fände. Solche Schufte sind die rechten, passenden Werkzeuge fllr die Hohenzollern'sche Polizei unter Madai-Stieber'scher Leitung. Sie sind die geborenen Beschirmer der heutigen„Ordnung", die Stützen von Thron und Altar. Wie viel gleichwerthige Genossen das deutsche Beamtenthum noch in seinen Reihen birgt— wer mag das taxiren? Hier ist überall Fäulniß, Verwesungsgeruch, die Frucht des mit Heuchelei verbrämten Absolutismus. Und das Volk muß schweigend und knirschend diese Sippe ertragen bis zum Tage der großen Abrechnung, der die ganze Schandwirthschaft mit eisernem Besen hinwegfegt. Reformen— in diesem verfaulenden Beamten- körper eine reine Unmöglichkeit; hier sind Blut und Eisen die einzigen Heilmittel. Ehud. Sozialpolitische Rundschau. Z ü r i ch, 31. Mai 138L. — Unsere wackeren Berliner Genossen haben wieder bei ver- schiedeuen Gelegenheiten gezeigt, daß sie noch immer unverzagt aus dem Posten sind. Der jüngsten Flugblaltverbreitung haben wir im„Sozial- demokrat" schon gedacht. Ferner ist zu erwähnen die am 14. Mai statt- gehabte Demonstration in der von den Vorständen der Berliner Fach- vereine einberufenen großen Arbeiterversammlung auf Tivoli, in welcher über die Petition den Normalarbeilstag sc. betreffend berathen werden sollte. Es waren hierzu alle Abgeordneten, welche in der Arbeiterbewegung direkt thätig sind, eingeladen worden, unsererseits waren Frohme, Hasenklever, Grillenberger, Kayser und Kräcker er- schienen. Frohme und Hasenklever, welche sich an der Diskussion betheiligten, wurden mit stürmischem Applaus empfangen. Und al« Hasenclever aus- führte, er sei zwar mit dem Inhalt der Petition einverstanden, weniger aber mit der Adresse(Reichstag), und was die Regierung anbeträfe, so könne er an die Arbeitersreundlichkeit einer Regierung, welche den Be- lagerungszustand aufrechterhält, nicht glauben, da wollten die Beifalls- bezeugungen gar kein Ende nehmen. Die Auslösung der Versammlung durch den überwachenden Polizisten erhöhte nur den Charakter der Demo»- stration. Zum ersten Mal seit langer Zeit ertönte wieder die Arbeiter- Marseillaise im mächtigen Massenchor— es waren 3000—4000 Menschen anwesend. Am 18. Mai starb der Genosse D i t l m a r, einer unserer mit Recht beliebtesten Parteigastwirthe. Ditlmar war stets einer der Ersten, wenn es galt, Opfer zu bringen, er wurde auch bald nach BerhSngnng des kleinen Belagerungszustandes ausgewiesen, die Ausweisung später indeß mit Rücksicht auf Tiltmar's zerrüttet: Gesundbeit zurückgenommen. Bei seinem Begräbniß folgte ihm ein imposanter Zug von gegen 2000 Per- sonen, ein der Polizei„unbekannt gebliebener" Mann legte mit den Worten„Ehre dem Ehre gebührt" einen Kranz mit rolhen Blumen auf das Grab unseres Freundes und verschwand daraus sofort in der Masse, der Arbeiter Ewald(Vergolder) hielt eine kurze Ansprache. Diese Demonstrationen sind um so höher anzuschlagen al» jeder Theil« nehmer an derselben sich der Gesahr der Ausweisung aussetzte. Denn die Spitzelei ist in Berlin in einem Grade durchgeführt, wie es in Paris selbst unter Napoleon schwerlich der Fall gewesen sein dürfte. Deshalb: Hoch, Ihr furchtlosen Pionire in der Hauptstadt de» deutschen Reiches! — Auch e i n D o k u m e u l z u r Z e i l g e s ch i ch t e ist die v v l k s- parteiliche Rekurseingabe gegen das Verbot der Gedenkfeier des H a m b a ch e r Festes. Sie lautet: „Hambach, 18. Mai 1882. An hohe Königliche R-gieruug der Pfalz, Kammer des Innern, zu Speyer. Der a l l e r g e h o r s a m st Unterzeich- nete erlaubt sich, aus da« Reskript hoher königlicher Regierung vom 14. d.?N. Folgendes a l l e r g e b e n st zu erwidern. Hohe königliche Regierung lehnt den Rekurs gegen die Verfügung des königlichen Bezirks- amls in Neustadt a. H. vom 0. d. M. ab und motivirt die Abweisung des Unterzeichneten mit Momenten, welche denselben zwingen, nochmals in beregter Sache königlicher Regierung Mittheiluug zu machen nnd Auf- klärungeu zu geben, welche die wirklichen thatsächlichen Berhällnisse einer anderen Beurlheilung unterziehen dürsten. Fragliche Gedenkfeier an das erste Hambachersest 1832 sollte n u r(!) zu Ehren der Männer und ihrem Andenken gefeiert werden, welche damals den Gedanken der Einheit und Freiheit des deutschen Volkes verlraten, wie au« der betreffenden Einladung des Ausschusses der deutschen Voltspartei wiedergegeben wurde. — Der Unterzeichnete erlaubt sich, diese Einladung in der Anlage, Rum- mer 131 der„Pfälzischen Volkszeitung", d. d. 12. Mai 1382, hier bei- fügen, und geht-S daraus wohl zur Evidenz hervor, daß seitens des gedachten Ausschusses nichts(!) geplant wurde, was wie eine Recht«- oder G-setzesverletzung aufgefaßt und geahndet hätte werden können; niemals I> aber hat die Volkspartei der Pfalz irgendwo(!!) kundgegeben, daß dieselbe in irgend einer Weise(!!!) Stellung gegen die bayerische StaalSregierung oder hohe königliche Regierung der Pfalz einzunehmen gesonnen gewesen wäre oder sich Thatsächliches gegen dieselbe hätte zu Schulden kommen lassen! Wir achreu die Gesetze unseres Landes und anerkenuen die Pflichttreue und Humaniläl-!j unserer Regierung, und wenn wir gegen irgend etwas in dieser Richtung Front machten, so waren es nur(!) Momente, geschaffen durch das allzu in- t e n s i v e(Ach Herrjeh!) Vorgehen der Reichsregierung gegen uns lieb gewesene und lieb gewordene Verhältnisse in Bayern.(!!. Um so schmerzlicher mußte es uns berühren, daß man uns seitens des königlichen Bezirksamts in Neustadt in der Ver- fügung vom 6. ds. Mts. imputiren will, daß w i r eine„Massen- d e m o n st r a t i o n der extremsten Elemente" planten! (Schändlich!) Daß wir, die Volkspartei, die Schuld tragen sollen an „maßloseu Verhetzungen bei den letzten Wahlen"! Daß wir, die Volks- Partei, endlich eine Verantwortung übernehmen müssen fllr allenfalls zu Tage treten sollende„gemeingefähliche Bestrebungen der Sozialdemokratie"! Das ist z u v i e l(Hilfe, ein Glas Wasser!) und greift unsere Ehre(?!) im bürgerlichen Leben au— in einem Zeilungsartikel mögen solch' grave Beschuldigungen vielleicht erlaubt sein—, setzt uns in der öffentlichen Meinung herab(!) und ist die Wahrheit jener Behauptungen durch nichts be- gründet oder erwiesen! Der Ausschuß der Volkspartei wandle sich dem gegenüber beschwerend an Hohe Königliche Regierung der Pfalz und hoffte, er würde wenigstens von jenen graven Beschuldigungen sreiae- sprachen werden; dieses geschah jedoch nicht— im Gegentheil, man be- schuldigt die Volksparlei weiter, sie habe eine„Erinnerungsschrift" zur „Veröffentlichung" übergeben, welche„strafrichterliche Einschreitung" be- reit« nörhig gemacht habe. Auf diese verschiedenen Beschuldigungen hat der Unterzeichnete Folgendes ergebenst entgegenzuhalten: ——„Was dann endlich die Verantwortung anlangt, welche der Ausschuß der Volkspartei den vermeintlichen„gemeingefährlichen Bestre- bungen der Sozialdemokratie" gegenüber einnehmen soll, so kann man Derartige« von gedachtem Ausschuß nicht verlangen— denn dafür ist die Polizei da!(Pfui Teufel!)— Wofür der Ausschuß der Volkspartei die Verantwortung voll und ganz übernähme, das wäre für die Mitglieder der Volkspartei, deren gesetzlichen Sinn der Ausschuß kennt; denn die deutsche Volkspartei ist eine Partei des Frieden» und der Frei- heil, und daß der Ausschuß genannter Partei zweifelhafte(d. h. wirkliche! Tie Red.) Männer hätte zum Wort kommen lassen, ist bei seiner strengen Disziplin nicht denkbar(!!). Was aber jene angezogene„Erinnerungsschrifr" anlangt, so mag dieselbe wohl eine Zvekulation eine« Buchdruckers sein, geht aber die Bolksparlei in keinerlei Weise etwas an, und weist diese alle und jede Verantwortung dafür ab. Nach all' den angeführten Gründen oder Momenten w agt(!) es deshalb der allergehorsamst Unterzeichnete nochmals, hohe Königliche Regierung zu bitten(!!), es möge derselben gefallen(!!!), die Verfügung des Königlichen Bezirksamtes'Neustadt a. H. vom 0. Mai das„Verbot des Hanibachfestes" betreffend aufzuheben und besagtes„Er- innerungs- und Gedinksest" freizugeben. Einer hohen Königlichen Regie- rung der Pfalz allergehorsamster— Namens und im Auftrage des Ausschuffes der deutschen Volkspartei der Pfalz— Der erst« Bor- stand F. G. G r o h e, Gutsbesitzer in Hambach." Soweit das Doknment. Ist eine jämmerlichere, hundedemüchigere, niederträchlig-re Sprache denkbar? „Dafür ist die Polizei da",„zweifelhafte"— Nämlich zweifelhaft im Sinne der Polizei, auf gut Deutsch: wirklich radikale— „Männer nicht zum Worte kommen lassen"— für eine Erinnerungsschrift (welche aus den Bertheidigungsreden von Sieben Pfeiffer und Wirth besteht!)„all' und jede Berank- wortung ablehnen"—„wagt es"—„allergehor- s a m st"—„zu bitten"—. Und Das will das Hainbacher Fest feiern! Sich als Erben der muthi- gen Männer von 1332 aufspielen! Hinweg mit Euch, Ihr traurigen Gesellen, die Ihr nur den Hohn und Spott eines B ö r n e herausgefordert hättet! Lest nur, was er über Euresgleichen damals schrieb, und dann— wenn Ihr noch soviel Logik habt— sagt Euch: Diese Hambacher und ihre Freunde waren gemeingefährliche, extreme, Zweifel- hafte Leute, mit denen wollen wir allergehorsamsten Volks- parteiler nichts zu thun haben. ODeutschland, Deuschland, wie lange wirst du noch die Heimath der Philister bleiben! — Die„hohe" Königliche Regierung der Pfalz hat auf die„a l l e r g e h o r s a m st e" Eingabe des»olksparteilichen Komites die einzig richtige Antwort gegeben, indem sie nicht nur das geplante Fest, sondern auch die„akademische" Feier endgiltig verbot, letztere auf Grund de«— Sozialistengesetzes. Auf das knechtsselige Ge winsel der Herren gebührte sich ein gehöriger Fußtritt. Und sie haben ihn dankend akzeptirt. Nachdem sie ihre eigene Unmännlichkeit dargethan haben, suchen sie auch die Männer des Hambacher Festes herabzuwür- digen.„Es war im Grunde mehr ihre Form", schreibt die„Frankfurter Zeitung",„als der Inhalt ihrer Reden, der anstoßen konnte." Ist das erhört? Die trotzigen Angriffe auf die Fürsten, die„Hochver- räther an der Menschheit" nur„der Form nach" den Regierungen— denn um diese handelt es sich— anstößig! Die infamen Verfolgungen, welche nach dem Hambacher Fest erfolgten, waren also nur eine Strafe für die Formverletzung, deren sich die unbesonnenen Hambacher schuldig gemacht! O über diese Philisterhaftigkeit! Wie sie sich bemüht, an alles Groß- ihren kleinlichen Maßstab anzulegen! Schließlich war es auch nur eine Verletzung der Form, eine m-mque cl'etiquetto, als die Franzosen Ludwig XVI. köpften! Und nach dieser Entdeckung sucht das Frankfurter Organ der deutschen „Demokratie" nachzuweisen, daß die BoliSpartei den wenig anstößigen Inhalt von damals auch heute noch zum Programm habe— daß sie die anstößige Form verabscheut, zeigt die oben abgedruckte Eingabe. Die enthält in der That nichts Anstößiges für die— R e g i e r u u g en. —„Eine ungesetzliche Handlung an und für sich soll man einer Behörde nicht ohne Weiteres allzuhoch anrechuen."— Wo steht das? Welches Polizeiblatt stellt der Polizeigewalt einen so ungeheuer- lichen Freibrief für allerhand Schurkereien aus? Ist es die stiord- deutsche Allergemeinste, ist es die„Kreuzzeitung", ist es die Kölnische 'Niedertracht? Behüte, das steht in der„demokratischen" Frankfurter Zeitung" vom 28. Mai 1882, in einem Leitartikel zur Erinnerung an das— Hambacher Fest. Pfui! — Unser„Kleiner" muß verlängert w e r d e n— s chreibt man uns aus Leipzig— und die Polizei hat die„Gründe" zu schaffen. Das ist die Signatur unserer„seestädtischen" Verhältnisse. Und die Polizei gibt sich redliche Mühe. Nun sind zwar dem Shatespeare'scheu Wort nach Gründe„billig wie Brombeeren". Das trifft aber hier nicht zu und die Polizei ist hier nicht blos selber sehr theuer, sondern hat. auch ihre„Gründe" sehr theuer zu bezahlen. Einer dieser„Gründe" heißt H a a s e, ist Schriftsetzer seine« Zeichens, hatte Gelder für die Familien der Ausgewiesenen gesammelt, und dieselben unterschlagen. Seine Arbeitskollegen erfuhren es, und machten ihm Vorwürfe. In seiner Hasenangst nnd vielleicht auch ein Bischen aus Schamgefühl ging der Haase nicht wieder zur Arbeit, fiel aber einem Polizisten in die Hände, der nach„Gründen" suchte, und in ihm ein günstige« Versuchs- Objekt entdeckte nnd dasselbe vermittelst einiger„Töpschen" Bier zum Plaudern brachte. Den folgenden Tag fand bei dem plaudernden Haase eine Haussuchung statt; die Polizei fand das Manuskript eines Brieses vor, den der plaudernde Haase seinem Prinzipal geschrieben, und in welchem er gebeichtet hatte, warum er nicht mehr zur Arbeit gekommen. Hierauf Haussuchung bei dem Prinzipal, die jedoch erfolglos bleibt. Tie „Gründe"-braucheiide Polizei geht nun dem Haase zu Leib, bedroht ihn mir Ausweisung, fall« er nicht gestehe: verspricht ihm Geld, fall» er die „Wahrheit" sage. Der biedere Haase, der an da« nou olet— das Geld stinkt nicht— denkt, nimmt das Geld und— lügt. Er denunzirt ver- fchiedene Personen, u. A. den Schriftsetzer Höhne, von dem er die Sammelliste bekommen zu haben behauptet. Höhne wird natürlich sofort verhastet, und die Polizei steift sich darauf, er sei der Leiter und Orga- nisator der Sammlungen. Das war am 5. Mai. Am 6. Mai wird Genosse E n d e r s auf seiner Arbeitsstelle von der Polizei überfallen, sein Arbeitszeug durchsucht. Ohne Resultat. Hilst aber nichts. Enders wird verhaftet, auf die Polizei geschleppt und dort belehrt, daß er den „Sozialdemokral" verbreite und daß deshalb in seiner Wohnung eine Haussuchung vorgenommen werden müsse. Die Haussuchung wird vor- genommen; auch hier kein Resultat. Und da hat mau dann Enders ent- lassen müssen, nachdem er von' ,12 Vormittags bis 6 Uhr Abends im Polizeilokale gesessen. Mit den„Gründen" war es also diesmal nicht«. Die Polizei ist aber aus der Suche, und in der Bibel schon heißt es: „Wer sucht, der findet". Es werden demnächst„Gründe" gefunden werden, und wenn die„Gründe" verwünscht theuer sind,— so theuer, daß dem steuerzahleudeu Leipziger Sladtbürger die Augen übergehen werden, so ist daran einzig und allein die Bosheit der Leipziger Sozial- demokraten schuld, die der Polizei absolut keine„Gründe" für Verlänge rung des Belagerungszustands liefern wollen. — Leipzig, 26. Mai. Der See will sein Opfer haben— wieder zwei Ausweisungen. Die Genossen Enders und Rauscher, welche der Sammlung von Geldern„verdächtig" sind— gerichtlich nachzuweisen ist ihnen nichts„Strafbares", sonst hätte mau sie in Haft ge- nommeu— mußten die Nothwendigkeit der Verlängerung de«„Kleineu" „in corpore Tili"— mit ihren Personen demonstriren. Das ist der ganz- Zweck; und wenn zwei brave Menschen mit ihren Angehörigen zu Grunde gehen— was kümmert es die Polizti? Sie wird gut bezahlt, und die „Siaatsraisou" erheischt«S nun einmal, daß der Belagerungszustand ver- längert und diese Verlängerung dem„Publikum" plausibel gemacht wird. Ließ das am 13. Mär; vorigen Jahres Hingerichtete„Väterchen" Alexander vor Plewna 30,000 Soldaten todt oder zu Krüppeln schießen, nur um sich einen angenehmen Vormittag zu verschaffen, so ist unsere Polizei sicherlich außerordentlich genügsam und bumau, wenn sie, um unserer Bourgeoisie da« Vergnügen des Belagerungszustandes auf ein weiteres Jahr zu verschaffen, ein paar Individuen ruinirt, obendrein ein paar Sozialdemokraten, die ja doch blos Menschen zweiter Klasse sind, und deren es ja, wie männiglich bekannt, zu viele gibt— namentlich im„gemllthlichen" Sachsen.— Uebrigens mir zwei Ausweisungen ist'? nicht getban. S o billig ist die Verlängerung des„Kleinen" nicht zu haben. Tis Polizei hat noch drei weitere Genossen aus den Verdacht hin, den„Sozialdemokrat" verbreitet zu haben, arrelirl, und dieselben befinden sich noch im Ge- fängniß— da« sie nach 8 oder 14 Tagen»erlassen werden, um ihre A u s w e i s u n g s o r d r e in Empfang zu nehmen. Eine Ausweisung, nachdem das Objelr dieser hochpolitischen staats- und ge'ellschafrs- retterische» Maaßregel erst einige Wochen im GefSngniß geseffen hat, liefert ein weit gewichtigeres Argument als eine»»ns fa�on und ohne staatsanwaltliches Vorspiel verhängte einfache Polizei-Ausweisung.— Während die Polizei es sich unsägliche Mühe und— der Himmel weiß wie viel Geld— kosten läßt, die Verbreitung des fff„Sozialdemokrat" zu verhindern, zirkulirt dieser, vor der Nase, wenn auch nicht unter den Augen der Polizei mit einer Pünktlichkeit, die in„der guten, alten Zeit" des RUder-Ddbler'schen"Polizeiregiments niemal« auch nur annähernd erreicht worden ist. In dieser Beziehung sind wir wirklich unserem neuen Polizeidirektor, dem eifrigen Chemnitzer EpOberstaats- anwalt Richter, vielen Dank schuldig. Er hat sein bei seinem Amts- antritt dem Stadtrath gegebenes— Versprechen:„Leipzig von der Pest der Sozialdemokratie zu reinigen," mit solchem Er- folge gehalten, daß wir ihn wirklich zum Ehrenmitglied unserer Partei ernennen sollten. Es ist dies auch bereits ernsthaft in Erwägung gezogen worden, und wenn Herr Richter(der dies liest) nächstens ein„Ehrendiplom" in optima forma erhält, dann braucht er nicht überrascht zu sein. Er möge nur so fortfahren! Scher; bei Seite:„Gemüthlichkeit" ist das deutsche Nationallaster— auch unsere Partei krankte daran, und es war hohe Zeit, daß wir durch das Sozialistengesetz„u n gemüthliche" Zustände bekommen haben, durch welche dem„Gemnthlichsten" die„Gemüthlichkeit" ausgetrieben worden ist. Je„ungemüthlicher" die Zustände, desto strammer die Organisation, desto schneidiger die Stimmung. Das sehen wir Überall. Und den letzten Rest von„Gemüthlichkeit" ans unserer„Seestadt Leipzig" aus- getrieben zu haben, diese« unleugbare und wirkliche Verdienst hat der neue Polizeidirektor.— Daß der Lumpaciu« S P a r i g seine„Proscriptionsliste" richtig nach Dresden ans Ministerium geschickt hat, wisien Sie aus den deutschen Zeitungen. Dieses Individuum, bei dem man nicht weiß, wo der Hans- wurst aushörl und der Schuft ansängt, rühmt sich seiner Gemeinheit öffentlich. Nun— das ist seine Sache; aber Sache unserer Bour- g e o i s i e ist es, daß sie, statt jede Solidarität mit dem elenden Tropf von sich zu weisen, unverhohlen seine Infamie billigt, und Bravo dazu klatscht. Pfui der Schande! Wohlgemerkt: ich schrieb Bourgeoisie, nicht Bürgerthum. Unser Kleinburgerthum wendet sich immer mehr der Sozialdemokratie zu, in deren Sieg e« mit Recht seine einzige wirthschastliche Rettung erblickt.— Heut vor 8 Tagen stand Bebel vor dem hiesigen Landgericht, unter der Anklage, durch sein Leipziger Wahlflugblatt gegen§ 131 verstoßen und den— Bundesrath beleidigt zu haben. Die Oeffentlichkeit wurde trotz Einsprache unseres Genossen ausgeschlossen, und Bebel, obgleich er den Staatsanwall ack absurdum siibrte, zu 1 Monat Gesängniß verur- theilt. Er wird Revision beantragen. Das Erkenniniß beruht aus der landesüblichen famosen Interpretation de»„wissend, daß sie erdichtet oder entstellt find", und ans der Annahme, daß jede scharfe Kritik eines Gesetzes eine Beleidigung derer ist, die mit der Verfertigung und Er- laffung des Gesetzes eiwas zu thun gehabt haben. Nach dieser Annahme hätte Bebel ebensogut auch noch auf Beleidigung der Reichstags- Mitglieder, die sür das Sozialistengesetz gestimmt, und des Kaisers, der seinen Namen daruntergeschrieben und natürlich auch Bismarck'« angeklagt und vernrtheilt werden können, ja müssen. Das Gericht hatte nur nicht den Muth der Konsequenz: es schreckte offenbar vor deren Widerfinnigkeil zurück. Den entgegengesetzten Mnth der Konsequenz: ganz frei- zusprechen, hatte das Gericht aber erst recht nicht. „Die Jurisprudenz"— hat ein berühmter Man» gesagt— „tobtet die Fähigkeit logischen Denkens und gerech- t e n Handelns." Wahrhaftig, er hat den Nagel auf den Kopf ge- troffen! Nach diesem Erlenntniß gegen Bebel ist die Berurlhcilung Lieb- knecht's, Bebel's und Hasenclever'S wegen des bekannten Flugblattes über den Leipziger Belagerungszustand nicht mehr zu be- zweifeln, denn die Anklage hat genau die nämliche Basis. Dieser Prozeß, bei dem die Oeffentlichkeit sicherlich gleichfalls ausgeschlossen wird, durste etwa 14 Tage nach Schluß de» Reichstagssession, während deren Dauer er fistirt ist, zur Verhandlung kommen. — In M ü n ch e n hat am 24. Mai endlich die Prozeßverhandlung gegen unsere Ende Januar verhasteten Parteigenossen stattgefunden. Achtzehn brave Arbeiter sind aus die Denunziation des gewissenlosen Hallunken G e h r e t hin seit vier Monaten in Untersuchungshaft ge- halten worden, und in der Hauptverhandlung hatte der saubere GesellschaftSretter nicht einmal einen Zeugen für die Richtigkeit feiner Angaben aufzuweisen, sondern stützte sich auf den„großen Unbekannten". Jemand, den er nicht nennen könne, habe ihm mitgetheilt, daß am betr. Tage in Steinhausen eine VertrauenSmännerversammlung stattfinden sollte, und diese Angabe genügte Herrn Gehret, Jeden, der die S chwelle des Gastzimmers überschritten hatte, ver- haften und in Ketten nach München transportiren ZU lassen! Die Bertheidiger, die Doktoren Bernstein und Siegel, gingen mit anerkennenswerther Schärfe gegen den Polizeipascha von München vor. Dr. Bernstein prolestirte anfangs gegen die Vereidigung Gehret's, da diesem das bekannte„AmtSgeheimniß" verbiete, über interne Polizei- angelegenheiten zu berichten,«ine t h e i l w e i f e Enthebung aber un- zulässig sei. Da die Richter den„Meineidsmichel" trotzdem vereidet hatten, verlangte Dr. Bernstein nachher, Michel soll auch nunmehr g e- Z w u n g e n werden, seinen Zeugen zu nennen, was die edlen Richter aber nicht für nöthig befanden. Weiter rückte Dr. B. Gehret mit der Frage auf den Pelz, ob der Spion für die Denunziation bezahlt worden sei, worauf derselbe ausweichend antwortete. In seinem Plaidoyer erklärte derselbe Bertheidiger, der Spion habe auf jeden Fall aus schlechten Motiven gehandelt, denn sonst würde er seine Angaben vertreten. Ans die Angabe eines anonymen Schufte» hin sollen nun 18 Männer vernrtheilt werden, das sei das stärkste, was einem deutschen Gerichtshof je zugemuthet worden wäre. Nicht minder scharf ging Dr. Siegel mit Polizei und Staatsanwalt- fchaft ins Gericht. Sehr wacker benahmen sich die Angeklagte», die fämmtlich unumwunden ihre Angehörigkeit zur Sozialdemokratie be- kannten. Dem Gerichtshof, der schon durch seine Ablehnung der von der Ver- theidigung gestellten Anträge gezeigt hatte, weS Geisteskind er sei, schien die Untersuchungshaft noch nicht lange genug gedauert zu haben, er setzte deshalb die Verkündigung des Urtheils erst auf acht Tage später an, also über die V f i n g st f e i e r t a g e hin a u S, damit die Angeklagten, unter denen verschiedene Familienväter sind, ja nicht zu früh freikämen. Dabei besaß er noch die Unverfrorenheit, durch seineu Präsidenten gegen den von der Vertheidigung erhobenen Vorwurf der Verschleppung sich zu verwahren. Das„Urtheil" wird somit erst am 2. Juni bekannt werden. — Aus Dresden, 21. Mai wird uns geschrieben: Unsere famose Strafkammer bei dem hiesigen Landgericht, deren Vorsitzender der be- ruchtigte Herr v. Mangold ist, hat s-iteus des Reichsgerichts doch einen kleinen Ruffel erhallen, leider nur einen kleinen, einen solchen, der den Berurtheilten nichts nützt. Es handelt sich um die Revision de« Urtheils in dem Prozeß wider eine Anzahl unserer Genossen in Dresden- Neustadl, die wegen eines Wahlflugblattes auf§ 131 von 2—6 Monate Gesängniß erhielten. Die eingelegte Revision wurde vom Reichsgericht verworfen, und zwar, weil dasselbe an die„thatsächlichen Feststellungen" des urtheilenden Gerichts gebunden sei; jedoch führte da« Reichsgericht über das Urtheil selbst unter Anderem folgendes aus: „Ob die Auslegung, welche dieses Flugblatt, welches die Au- geklagten verbreitet haben, in den Urtheilsgründen erfahren hat, richtig ist, das entzieht sich der Nachprüfung der Revisionsinstanz. Es ist auch zuzugeben, daß in diesem Flugblatt verschiedene Sätze enthalten sind, welche ebensowohl als eine beleidigende Kritik als auch als t h a t- sächliche Behauptungen aufgestellt werden können; allein es kann dem Gericht erster Instanz ein Rechtsirrthum darum nicht zur Last gelegt werden, weil es in diesen Sätzen„thatsächliche Behauptungen", eine Entstellung von Thatsachen gefunden hat." Au» dem Preußendeutsch in gutes reines Deutsch übertragen, heißt das: Wir ReichsgerichtSlente sind zwar der Meinung, daß das Flugblatt nur eine beleidigende Kritik enthält, die nach dem Sinn und Wort- laut de« A 131 nicht straffällig sein kann, allein, da das erkennende Gericht darin„thatsächliche Behauptungen" zur Verächtlich- machung von Staatseinrichtungen erblickte und„thatsächlich festgestellt" hat, so können wir von nnserm Kompetenzstandpunkt nichts dagegen machen. Die Berurtheilten müssen ihre Strafe abbrummen. Das Reichsgericht gesteht also indirekt ein, daß seitens der zweiten Strafkammer am Landgericht zu Dresden eine schwere Beugung des Rechts vorgekommen ist, der eine Anzahl Menschen zum Opfer fielen, es erklärt aber, nichts dagegen machen zu können. Und das nennt man im deutschen Reich Gerechtigkeitspflege! — H u r r a h! Eine nationalliberaler seit« einberufene Versammlung der Tabaksintereffenten von S P e i e r ist aus Grund des Sozialistengesetzes verboten worden.— Das ist famos, nur immer so weiter! Die„heilsame Wirkung" des Sozialistengesetzes, von der die „Nationalliberale Korrespondenz" in einer ihrer letzten Nummern faselte, muß sich noch in ganz anderer Weise offenbaren. --„Mit Genehmigung des Kaisers ist der am 12. Mai d. I. geborene Sohn des Herzog« Paul Friedrich von Mecklenburg„als Soldat in die Armee aufgenommen" und dem ersten großherzoglich- mecklenburgischen Dragonerregiment Nr. 17 zugetheilt worden." Also zu lesen in der erleuchteten Presse des Denkervolkes. Wir nehmen von dem kolossalen Ulk Notiz und fragen bescheiden an, ob der qu. h u n d s g e m e i n e Soldat, wenn er seine Uniform, d. h. seine Windeln be— s ch m u tz t— auch mit Arrest bestrast wird, oder ob für ihn ein militärisches Ausnahmegesetz geschaffen wird, das ihm dergleichen Freiheiten gestattet? Uebrigen« dürfte e« der Soldat in Windeln an Berständniß für seine Pflichten und für die deutsche Grammatik mit seinem„erlauchten" Groß- oheim, Prinz Schnaps genannt, in jeder Beziehung aufnehmen. '—„D a s wäre heiter, wenn die Deutschen ihren geliebten Krön- Prinzen von Nihilisten in die Luft sprengen ließen"— schreibt die liberal- konservative„Züricher Freitagszeitung". Wir haben dem nichts hinzuzusetzen. — Anarchistisches. Ein lieber Kerl, der Revolte in Genf! Die Devise der Londoner„Freiheit":„Gegen die Tyrannen sind alle Mittel gesetzlich", übersetzt er seinen Gläubigen mit: Ccmtrs los tyrans tous les moyens sunt— b o n s. Gegen die Tyrannen sind alle Mittel— gut. Das bloße Wort„gesetzlich"—„ligal"— flößt ihm ein solche» Entsetzen ein, daß er es gar nicht zu drucken wagt. Er schämt sich der mangelnden Logik seiner Londoner Freunde. Es ist allerdings eine seltsame Logik, welche einen solchen Satz fertig bringt, nur ist die Logik des„Revolte" um kein Haar besser. Gegen die Tyrannen sind durchaus nicht alle Mittel gut, sondern nur d i e Mittel, welche ihnen in Wirklichkeit schaden und den Unterdrückten nützen. — Oesterreich. Au« dem Lande der flkiedertracht, schreibt man un«, ist diesmal eine Infamie zu melden, welche alles auf diesem Gebiete bei uns bisher geleistet« übersteigt, und das will viel heißen. „Es handelt sich um den„Prozeß Richte r". Richter, ein„Sozial- revolutionär", hatte einen Letlernsatz, � den er angeblich von einem ge- wissen Schäfer erhalten, einem Buchdruckereibesitzer iiberbracht und bei demselben 2000 Abzüge bestellt. Der Buchdrucker aber liefert, nach- dem er den Bürstenabzug gelesen, den Letternsatz der Polizei au«. Richter hinwiederum, anstatt seinerseits über die Verzögerung stutzig zu werden, richtete einen Brief an den Buchdrucker, in welchem er die Ausführung des Auftrags bettieb. Diesen Brief hatte er mit seinem v o l l e n N a m e n u n t e r z e i ch n e t, e« war also für die österrei- chische Polizei nicht schwer, den„Schuldigen" zu ermitteln, der vorgestern wegen„Hochverrathe«, Majestätsbeleidigung" und anderer kleinerer Delikte vor Gericht stand. Die Art und Weisd seiner Verantwortung, zusammengehalten mit der beispiellose» Naivetät seines Borgehen« bei Bestellung der Flugschriften, hätte genügen sollen, die Richter zu über- zeugen, daß sie ein bloßes Werkzeug vor sich hatten, welches sich der Trag- weite seiner Handlungen nicht bewußt war. Aber unsere RechtSbanditen wollten die Welt davon überzeugen, daß Schönerer Recht hatte, als er sie im Reichsrathe erbärmliche Subjekte nannte, die zu jedem Staatsstreich zu gebrauchen seien. Nachdem die Geschworenen ihn „schuldig" gesprochen, verurtheilten sie den Angeklagten zu der entsetzlichen Strafe von zwölf Jahren schweren Kerkers. „Zwölf Jahre wegen des Versuches, ein Flugblatt drucken zu lassen! Und das nicht im brutalen Rußland, sondern im„Rechtsstaat" Oesterreich! Gesetzlich kann auch die Todesstrafe über Hochverrälher verhängt werden; vielleicht erleben wir'« noch, daß Galgen sür uns errichtet werden. „Nun, die Herren vergessen, daß russische Zustände auf der einen Seite auch solche ans der andern provoziren. „Vorläufig wollen wir nur konstatiren, daß das Scheusal, welches dem Gerichtshof präsidirte, K a r a j an heißt. „Anderntheils wollen wir aber auch nicht vergessen, darauf hinzuweisen, welche Schuld den Herren in London beizumessen ist, welche die Revo- lurionsinachevei Spori betreiben um sich nicht scheuen, damit sie eine„Hetz" haben, in der frivolsten und leichtsinnigsten Weise diejenigen ihrer hiesigen Genossen, die noch etwas Kourage besitzen, an's Messer zu liefern. Der Inhalt de« Flugblattes, der den de«„Rebell" noch über- treffen soll, sowie das ganze Arrangement, waren derart, daß man sich wirtlich fragen muß, sind diejenigen, die dergleichen veranstalten, verrückt oder gekauft? Daß sie, ob mit Willen oder nicht, bisher für Niemanden gearbeitet haben, als für die Polizei, haben die Hochverrathsprozesse der letzten zwei Jahre zur Genüge bewiesen." B. J. — Frankreich. Vom 14.— 21. Mai tagte der Regionaltongreß von Mittelfrankreich, einberufen von der sozialistischen Arbeiterpartei, bezw. von der Majorität des, wie uiisere Leser wissen, gespaltenen Verbandes des Zentrums. Da f ä m m t l i ch e Arbeitervereine eingeladen waren, so hatten sich auch die zur Minorität zählenden Vereine eingefunden, und zum Zeichen, daß sie gewillt seien, ernsthaft an der Berathung der auf der Tagesordnung stehenden Fragen— Streiks, Gewerkschaftskongresse, Eroberung politischer Macht in Staat und Gemeinde— theilzunehmen, ihre Mandate den Einberuferu übergeben. Die Thalsache aber, daß auch die Minderheit den Titel„Verband des Zentrums" führte, wurde von der Majorität dazu benutzt, derselben die Theilnahine am Kongreß un- möglich zu machen, indem sie ihr die Bedingung stellte, diesen Titel ab- zulegen, d. h. sich ihre«— ob vermeintlichen oder wirklichen, bleibe da- hingestellt— guten Rechtes freiwillig zu begeben. Das war eine Aus- stoßung in bester Form, die Minorität und mit ihr 3 weitere Sektionen, im Ganzen 10 Organisationen, traten voui Kongreß zurück. Diese« Versahren der Majorität können wir umsoweniger billigen, als sie auf der anderen Seite in weilherzigster Weise sowohl Anarchisten wie Selbsthilfler zuließ. Unter den anSgeschloffeuen Sektionen befinden sich aber gerade die eifrigsten Verfechter des revolutionären wissenschaftlichen■ Sozialismus. Mit solchen Manövern gründet man keine kampffähige Partei. Ans verschiedenen Industriestädten in der Provinz liegen auch schon Proteste gegen das Verfahren vor, u. A. aus A l a i s(Gard), R o a n n e(7 Vereine), Reims(4 Vereine), Rochefort, M o n t- lu<;on, Angouleme ic. Ob dieser Konflikt, der zum größten Theil auf persönliche Rivalität zurückzuführen ist, bis zu einer vollständigen Spaltung der so viel ver- sprechenden Arbeiterpartei getrieben werden wird, wird sich auf dem im Herbst stattfindenden nationalen Kongreß zeigen. Was nun die Berathungen de« Kongresses selbst anbelangt, so können wir mit Genngthuung konstatiren, daß dieselben einen entschiedenen Fortschritt gegen den vorjährigen Kongreß dokumenliren. Es zeigt sich ein immer größeres Berständniß für den in der heutigen Gesellschaft herrschenden Klassenkampj zwischen Kapital und Arbeit und die au« dem- selben resultirenden Aufgaben des Proletariats. Wir bedauern sehr, daß un» der Raum mangelt, die höchst interessanten Voten über die oben- genannten Fragen im„Sozialdemokrat" zu veröffentlichen. In Bezug auf die Streiks und die Gewerkschaften gingen übrigens die Meinungen wenig auseinander, die Ersteren wurden fast allseitig als nothwendige Folgen des heutigen Kampfes zwischen Kapital und Arbeit anerkannt, sowie als Mittel, auf die große Masse der Arbeiter agita torisch einzuwirken. Betont wurde dabei, daß der Hauptwerth bei den Streits aus die Abkürzung der Arbeitszeit zu legen sei. Die Minorität legte in ihrem Votum einen Plan zur Organisation einer allgemeinen Streikkasse nieder, die Majorität hielt eine solche für noch nicht realisir bar und entschied sich für eine Unterstützung der Streik» nach den jeweilig vorhandenen Mitteln. Bezüglich der Organisation der Arbeiter in natio- nalen Gewerkschaften— bisher bestanden fast nur lokale Fachvereine— sprachen sich Minorität und Majorität bejahend aus und erklärten es für Aufgabe der Partei, diese Gewerkschaften in jeder Beziehung zu befördern, und die Initiative zu regionalen, nationalen und internatio- nalen Gewerkschaftskongressen zu ergreisen. In der Frage der Eroberung der politische» Macht in Staat und Gemeinden traten in Bezug auf die letzteren stärkere Differenzen zu Tage. Wir kommen daraus in nächster Nummer zurück. Streiks und Lohnkämpfe finden noch fortwährend statt. Der bedeutendste ist wohl im Moment der von un« vor einigen Wochen angezeigte Streik der Schuhmacher in Paris. Eine ganze Anzahl Meister haben die geforderte Lohnerhöhung bereits bewilligt, aber darum gebeten, daß diese Lohnerhöhung bis zur Beendigung des Streiks für die Streik- lasse verwendet werde. Dieser Wunsch wurde von einer sehr stark be- suchten Versammlung einstimmig bewilligt. Die Organisation scheint eine gute zu sein, so daß der Sieg der Arbeiter nicht unwahrscheinlich ist. Der Jahrestag der blutigen Maiwoche wurde von den Pariser Sozialisten in würdiger Weise begangen. Am 28. Mai versammelten sich eine große Anzahl Sozialisten auf dem Bastilleplatz und marschirten von da aus in einzelnen Gruppen zum Begräbnißplatz Pöre-Lachaise Letzterer war während des ganzen Tages überaus stark besucht. Die Stätte, wo die Ueberreste der niedergemetzelten Kommunard« eingescharrt liegen, war von Blumen, Kränzen, Schleifen»c. bedeckt. Eine ganze Anzahl von Sozialisten, u. A. LabuSquiöre, Digeon, Louise Michel, hielten auf da« Gedächtniß der Gefallenen feiernde Ansprachen. Am Abend fand eine Versammlung der Manifestanten statt, welche zum Zwecke hatte, ein Einverständniß zwischen den verschiedenen Frak- tionen der revolutionären Partei anzubahnen. Auf Vorschlag von Digeon wurde eine Kommission gewählt, um Borschläge zu einer Gegen- demonstratio» am sogenannten Nationalfest am 14. Juli(Bastillesturm) auszuarbeiten. — England. Die Anklage gegen den Schriftsetzer Mertens wegen des Artikels der„Freiheil" über die Ermordung von Cavendish und Burke ist vor die Assisen verwiesen worden. Mertens erklärte in der Borverhandlung, den qu. Artikel weder verfaßt noch auch gesetzt zu haben, nichtsdestoweniger wurde er sofort in Hast genommen, sein Gesuch auf Freilassung gegen Kaution aber rundweg abgeschlagen. Der Herausgeber der Londoner Wochenschrift„The Radieal", Herr Ben» et, hat die Vertheidigung Mertens übernommen. Bezeichnend ist es, daß„ L a b o n r Standard", das Organ der Trades-Unionificn, ausdrücklich die Verfolgung der„Freiheit" billigt. Dasselbe schreibt in seiner neuesten Nummer: „Wir halten nichts davon, Gewürm mit Dampfhämmern zu erdriicteu aber Leute, welche sich einbilden, die Sache der Demokratie mittelst Dolch und Kugeln zu befördern, verdienen, daß man Acht auf sie gibt"-- „Gerechte und ehrliche Kritik ist das Lebensblut des Jourualisinus, aber die von der„Freiheit" gepredigten Verbrechen erfordern strenge Gegenmittel. Kleine!) und rachgierige Tyrannen, welche von Freiheit deklamiren, sind soviel Werth wie ein Taschendieb, der für Ehr- lichkeit einttitt." Schöne Idee von Preßfreiheit, welche diese« Arbeiterblatt da entwickelt! Leider wird dieser Standpunkt, wie uns ein deutscher Arbeiter aus London schreibt, von einem großen Theil der englischen bezw. Londoner Arbeiter getheilr, so daß die sozialistischen deutschen Arbeiter in den eng- tischen Werkstätten neuerdings�sehr viel";» leiden haben. Korrespondenzen. — Flensburg, im Mai. Wir sind leider in die Nothwendigkeit versetzt, auch von hier au« über einen Todessall zu berichten: Am 5. April verschied plötzlich am Herzschlag der auch in weiteren Kreisen bekannte Gastwirth H. P. Z i m m e r in a n n im 42. Lebensjahr. Eine Anzahl Genossen begleiteten den Frühverstorbenen zur letzten Ruhestätte und legten einen Kranz mit rother Schleife und der folgenden Inschrift: „Sprich, Schicksal, sprich, was hast du diesen Tempel So früh in Schutt und Asche bingelegt?" Gewidmet von seiiieu Gesinuungsgenossen. auf den Sarg nieder, wogegen der anwesende Polizist ausfallenderweise nichts einzuwenden halte. Da der Verstorbene zugleich Dissident war, so unterblieb selbstverständlich die pfäffische Zeremonie, eine Musikkapelle spielte aus dem Wege bis zum Kirchhof einen Trauermarsch und am offenen Grabe sprach ein Genosse einen letzten Scheidegruß dem Heim- gegangenen nach, woraus die anwesenden Freunde als letzte Gabe rothe Blumen in die offene Gruft niederfallen ließen. Einen infamen Gaunerstreich hat die große Schiffbau-Gesellschafi hier- selbst zu Anfang dieses Monats gegen ihre 800—900 Personen zählende Arbeiterschaft ausgeübt, indem dieselbe die Kranken- und Sterbekasse, über welche bisher die Arbeiter zu gebieten halten, auflöste und damit zu er- kennen gab, welch schöne Harmonie zwischen Kapital und Arbeit in deutschen Landen zu herrschen hat. Sie gründete einfach eine neue Kasse, weil ihr die Staturen der alten nicht gefielen, strich die Bestimmungen über die Unterstützungen der Familien und becr. Verabreichung freier Medikamente an dieselben. Ferner schloß sie diejenigen Arbeiter, denen es nach zweijähriger Mitgliedschaft gestaltet war, der Kasse noch anzugehören, auch wenn sie nicht mehr auf der Werft beschäftigt werden, einfach von der weiteren Betheiligung an der Kasse aus; überhaupt ist das Statut der neuen Krankenkasse ein Monstrum in seiner Art: kein einziger Beschluß kann ohne Einwilligung der Direktion gefaßt werden. So knechtet man uns auf jede Weise, möchte der Tag bald kommen, wo wir unsere Kelten zerbrechen werden! Kilian. — Nürnberg Es ist schon ziemlich länge der, ieii von hier ein Bericht an den Sozialdemokrat eingesandt wurde: Unthäligkeit der Genosse» trägt nicht Schuld an der Bersäumniß. eber ist das Gegentheil richtig; der Unterstützungssond wird es von jetzt ab beweisen, daß wir auch nach der Wahl nicht muffig tuarcii. Tie schlimmste Zeil des Sjerfprcngtfeins der Geiiofseii ist uuu auch glücklicherweise hinter uns; die leyie Wahl ha: uns hiinderle von Genossen, die sich nach Erlaß des Zozialisteugeseyes still verhallen hatten, wieder zugeführt. Nicht minder hoch ist der Ge- wimt anzuschlagen, der uns durch Zuwachs junger frischer Kräfte ge- worden ist. Tie Wahlen sind hier wie allerorts verlausen; von Lersammlungen natürlich keine Rede; was von Flugblättern in die Hände der Polizei oder Gensdarmen gelangte— allerdings verflucht wenig— wurde kon- siszirt, sogar das Stimmzettelvertheilen wurde von den stupiden Tors- pascha's verboten und die Verbreiter unserer Stimmzettel arretirt, was aber trotzdem nicht verhinderte, daß Jedermann seine Zettel zugestellt erbielt. Uns zu beschweren hielten wir nicht für der Mühe werth, das Resultat einer solchen Beschwerde kennt man ja schon im Voran«; es dient ja doch meistentheils nur dazu, den Behörden die genauen Adressen der Verbreiter zu liesern, wie wir die« bei den Attentatswahlen 1878 beobachten konnten. Hier hilft nichts als Klugheit und List. Wenn die Gensdarmen auch aus dem Lande ihre Nachtruhe opferten und schon bei Tagesgrauen aus den Wäldern hervorkamen, um unseren daherziehenden Genossen die Taschen und Paqnete, in welchen die Stimmzettel lagen, nach Wahlaufrufen erfolglos zu durchsuchen, so mußten sie nachträglich doch erfahren, daß jeder Wähler außer seinen Stimmzetteln noch einen Wahlansruf erhalten hatte. Die Stimmung unter den Landlenten ist eine uns sehr günstige, in vielen rein bäuerlichen Gemeinden haben wir große Majoritäten erzielt, in den meisten der klebrigen starke Minoritäten. Zu verwundern ist es allerdings nicht, wenn unser Bauern' stand anfängt, unzufrieden zu werden; schon verschwindet allenthalben die kräftige Roggenbrodfnppe vom Tische, um der billigeren Cichorien- brühe und Kartoffeln Platz zu machen. Waldarbeiter, Holzfäller und Taglöhner— schwerschaffcnde Leute— erzählten, daß genannte Kost Morgenbrod, Mittag- und Abendessen vorstellt. Unsere Bauern, soweit sie nicht zu den wenigen Großbauern gehören, leben genau so. Hier blüht das Ideal unserer Individualisten: das Parzellensystem, das nach Aussage ihrer Gelehrten den höchsten Ertrag abwirft. Sie sollen sich aber einmal diese von früh bis spät sich abrackerndern, in Lumpen ein- hergehenden und oft in Höhlen von Wohnungen lebenden Häusler an- sehen, sie sollen sich mit ihnen zu Tische setzen, und sie werden bald von ihrer Schwärmerei für die Parzellenwirthschaft kurirt sein. In der Stadt sind die Verhältnisse nicht minder schlimm. Sind die Geschäfte, wenigstens in manchen Branchen, zum Theil wegeit der demnächst zu eröffnenden Landcsindustrie-Ausstellung�) etwas mehr belebt, so sind doch die Löhne um kein Jota gestiegen und wird deshalb allenthalben lieber- arbeit gemacht. Sticht nur in den Manufakturgeschästen und Klein- betrieben wird Abends bis 9 Uhr und Sonntag« gearbeitet, selbst in den größten Fabriken ist dies an der Tagesordnung, und die Arbeiter sind noch froh, die paar Groschen mitnehmen zu können, um nur einiger- maßen der Familie ein menschenwürdiges Dasein bereiten zu können. Von Lohnbewegungen hört man gar nichts, die letzten schlimmen Jahre haben die Arbeiter so weit gebracht, daß Jeder froh ist, wenn er über- Haupt mir Beschäftigung findet. Die Höhe der Löhne zu bestimme», ist ganz in das Belieben der Arbeitgeber gelegt, und doch würde es nichts schaden, wenn die Arbeiter versuchen würden, in Versammlungen diese« Thema zu behandelu. Allerdings würde unsere fortschrittliche Polizei auch hier wahrscheinlich reaktionärer sein als die Berlin«, der Stadt des Belagerungszustandes— doch könnte man es aus einen Versuch an- kommen lassen. Was sonst innerhalb der Partei Hierselbst geschieht, kann hier nicht erörtert werden; die im Auslande lebenden Genossen mögen sich wohl vorstellen, wir lägen auf der Bärenhaut oder hätten nicht den Muth, so auszutreten wie e« die Umstände erfordern; allein wa« bis jetzt geschehen konnte, die Leute wieder heranzuziehen, ihnen wieder Muth einzuflößen, ist geschehen. Demonstrationen in irgend welchen Versammlungen zu machen, ist uns deshalb unmöglich, weil es deren überhaupt gar nicht gibt; mehrere Versaminliingen, welche unser Reichstagsabgeordneter G r i l l e it b e r g e r persönlich anzeigte, wurden verboten, und die Fort- schrittler, die zwcitstärkste Partei hier, die so energisch gegen das Monopol wettern, haben nicht den Muth, auch nur eine einzige Versammlung zu diesem Zwecke zu arrangiren. Während wir»ach unserem glänzenden Wahlsieg, der den Genossen wieder netten Muth und Eifer für unsere Sache einflößte, versuchten, einen besseren Zusammenhalt anzubahnen uiid das Unterstützungswesen zu regeln, mußten wir die unliebsame Wahrnehmung machen, daß mehrere Genossen, die sich bisher eines ziemlichen Ansehens erfreuten, nicht nur diese« Bestreben als aussichtslos und undurchführbar er- klärten, sondern für ihren Theil, unter Anführung banaler Phrasen, jede Mitwirkung ablehnten. Wir waren darüber ninsomehr erstaunt, als der Eine dieser Leute, der so eigentlich als die Seele dieser Gruppe zu betrachten ist, seit Jahren aus die Nothwendizkeit dieses Schrittes hingewiesen hatte und namentlich verlangt hatte, daß die Unterstützungsgelder durch gewählte Genossen verwaltet würden, damit eine möglichst genaue Kontrolle zu jeder Zeit möglich wäre. Nu», da wir seinem Wunsche entsprechen und ihm nebst feinen Freunden den größten Einfluß auf die Kasse gestalten wollten, mußten wir aus seinem Munde hören, daß das über- flüssig wäre, daß die Sache ja bisher gegangen sei und nun auch weiter so gehen könne. Jahrelang hatte dieser Mensch unverholen sein Miß- trauen über die Berwaltnng der Partei- und Unterstützungsgelder hier- selbst ausgesprochen, weil eine so genaue Kontrolle, wie er sie wünschte, nicht vorhanden war. Bald sollte denjenigen, welchen die« zweideutige Benehmen ein Räthsel war, ein Licht darüber aufgehen. Sein intimster Freund hatte die Anregung zu einer Versammlung gegeben, deren Zweck war, für die Familien der am hiesigen Platze lebenden Ausgewiesenen die Mittel aufzubringen, um sie hier wieder mit Gatten und Vater vereinigen zu können. Obwohl wir einsahen, daß das eine Be- iiachthcilignng für diejenigen Ausgewiefenen, welche anderwärts lebten, in sich schloß, so wollten wir doch einen Streit verhüten und nahmen uns der Sammlungen an, so daß in kurzer Zeit die Summe von mehreren hundert Mark ausgebracht wurde. Mittlerweile hatte sich jedoch der Anreger dieser Sammlung, welcher auch die Gelder in den Händen hatte, mit einem der Ausgewiesenen überworfen und suchte nun durch Anschwärzen desselben eiueu andern Ausgewiesenen, der sich bei ihm besser einzuführen verstanden hatte, fast die ganze Summe zuzuwenden. Es würde zu weit führen, wollte ich alle Mittelchen, die dazu angewandt wurden, näher anführen, es genügt initzutheilen, daß ihm sein Zweck gelang, daß er seinem Freunde die ganze Summe bis ans 25 Mark, welche er einem hier längere Zeit bummelnden Mostianer, Namen« K o l d e r g, zukommen ließ, in die Hände spielte. Daß die Genossen, welche sich der Mühe des Sainmelns unterzogen hatten, hievo» nicht erbaut waren, läßt sich degreisen, doch wollten wir»m des Friede»? willen keine weiteren MißHelligkeiten auskommen lassen. Wir nahmen uns nun vor, in Zukunst nie wieder solche Bestrebungen zn unterstützen, unbekümmert um da« Geschwätz dieser Leute, die beständig herumschrien, daß die Unterstützungen ans der Zentralkasse nach Willkür und Gunst vertheilt iverden; jetzt hatten sie es uns selbst nck oeulos demonstrirt, w o Willkür und Begünstigung zu suchen ist. Daß besagte Personen sich nach der Wahl von uns absonderten und förmliche Kouventikel abhielten, ivoselbst obengenannter K o l b e r g das große Wort führte, ging uns nicht« an; daß sie aber in öffentlichen Wirthfchaften die in ihren Zusaminenküiiften ausgeheckten Verdächtigungen, Entstellungen und Per- läumdungen gegen hervorragende Parteigenossen breittraten, daß sie für die„Freiheit" in Wirthschafteu und Fabriken unter den Genosseu. die ihnen allerdings den Rücken kehrte», zu agitiren versuchten, konnten wir solange nicht dulden als sie sich als Parteigenossen aufspielten. Es wurde deshalb in einer Versammlung von Bertranensmännern beschlossen, diese Leute nicht mehr als zu uns gehörig zn betrachten und sie überhaupt mit Verachtung zu strasen. Darüber natürlich große Entrüstung unter den Leutchen, die gar zn gerne noch eine Zeitlang nuter falscher Flagge gesegelt wären, da sie wohl gesunden, daß für da« Heil von London kein rechter Boden hier vorhanden ist. Unbegreiflich ist nur, wie es aber Leute geben kann, es sind dies allerdings äußerst wenige, die der Ansicht sind, daß man zu rasch gegen diese Leute vorgegangen wäre; wir haben vielmehr uns viel zu lange gefallen lassen, daß dieselben systematisch Misere Führer als eine Bande von Beutelschneidern und die Partei genossen als die dummen betrogenen Schafe hiiistellten; jede Verläuindung, jede Lüge wurde mit wahrem Wohlbehagen weiter verbreitet, und mau hätte glauben könuen, e« wäre diese» Leuten erwünscht, wenn heute oder inorge» die Partei, wie sie besteht, in Trümmer ginge. Wir haben an diesen Schimpsbriidern nichts verloren, glauben aber bestimmt, wenn diese Leutchen jeden Fehler, der bei den Mostianerti vorkommt, so ge- *) Inzwischen et öffnet. Tie Redaktion. wiffenhast registriren und zu einem Verbrechen ausbauscheu, wie sie dies bei uns gethan, so werden sie nicht so lange zur„Freiheit" schwören, als sie uns angehörten. Bei einem hiesigen Handwerker wurde vor einiger Zeit eine Anzahl Nummern des„Sozialdemokrat" in Folge schuftiger Denunziation aus Privatrache beschlagnahmt, der einzige Fang, der bis jetzt unserer Polizei gelang; jetzt sucht man mit Hilse diverser Zeugen, unter denen ein Lehrjunge die Hauptrolle spielen soll, einen großartigen Prozeß zu arrangiren, Über dessen Verlaus seiner Zeit Bericht erstattet werden wird. Was die Haltung des„Sozialdemokrat" anbelangt, so ist wohl kaum ein einziger Genosse am Platze, dem die Schreibweise desselben zu re- volutionär wäre; doch hoffen wir, daß deshalb keine weiteren Streitig- leiten entstehen werden, und daß Jeder, mag er uun Führer oder einfacher Genosse sein, so viel Parteidisziplin besitzen wird, die Meinung der großen Majorität der Partei, welche klar zu Tage getreten ist, zu respektiren. Xoriceusi». — AuS Vem Wahlkreis Großenhain. Leider haben wir keinen Erfolg zu melden: wir kommen nicht in die engere Wahl. Zwar haben wir unseren alten Besitzstand gewahrt, allein nach den gebrachten Opfern hätte das Resultat ein besseres sein müssen und auch sein k ö n- neu. Wir dürfen uns diese Thatsache nicht verhehlen. Sich selbst be- lügen, ist das Unklugste, was eine Partei— wie ein Individuum— thun kann. Es muß zugegeben werden, daß unsere Stellmig eine sehr schwierige war. Die Fortschrittspartei, durch keine Ausnahmegesetz ge- hemmmt, trat mit aller Kraft in den Wahlkamps ein und hatte in der Person Kämpfer's zwar nicht ein Genie, aber unstreitbar einen an- ständigen Mann als Kandidaten aufgestellt, der sich in Dutzenden von Versammlungen den Wählern präsentirte, wohingegen wir n i ch t e i n e Versammlung abhalten konnten, nur in wenigen gegnerischen Bersamm- lungen reden durften, in allen unseren Bewegungen durch das schuftige Ausnahmegesetz gehindert wurden und obendrein den Nachtheil hatten, daß unser Kandidat, der brave Geher, imGesängniß sitzt, sich also den Wählern nicht zeigen konnte, was immerhin sehr viel ausmacht. Allein nichtsdestoweniger hätten wir mehr Stimmen haben müssen. Es fehlte aber— und dies darf nicht verschwiegen bleiben— an der n ö t h i g e n Organisation. Die von Außen herangezogenen Kräfte waren nicht im Stand, in der Eile das Versäumte ganz nachzuholen. Nicht daß wir hier nicht genug tüchtige, inuthige Leute hätten— daran hat die Partei nirgends Mangel; aber die in Folge von Gener's Einsperrung entstandene Lücke war nicht vollständig ausgefüllt worden. Und während der Wahlbewegung war es leider zu spät. Ferner ist in verschiedenen Orten de« Wahlkreises dadurch gesündigt worden, daß man die Fortschrittspartei mit Glaeshandschnhen anfaßte. „Der Kandidat ist so anständig!" sagte sich gar mancher Parteigenosse. Aber was hat das vom prinzipiellen Standpunkt zu bedeuten L In jeder Partei gibt es anständige Leute; wir bekämpfen die reaktiv- nären Parteien nicht au« persönlichen Rücksichten. Die Thatsache, daß Kämpfer ein anständiger Mensch ist, ändert nichts an der Thatsache, daß die Fortschritts Partei eine unanständige Partei ist, vielleicht die unanständigste aller Parteien, und obendrein die, welche unserer sozialistischen Weltanschauung am schroffsten und auch am gehässig- sten gegenübersteht. Doch, Geschehene« ist nicht ungeschehen zn machen. In Zukunft sollen ähnliche Fehler vermieden werden— da« ist der feste Entschluß aller Genossen, welche die Lehre der Wahlkampagne wohl begriffen haben. Für die kommende Stichwahl werben beide Kandidaten mit spaßhafter Beflissenheit um unsere Gunst und Stimmen. Da der konservative Kau- didat sich— komischer Weise— ebenso entschieden wie der fortschrittliche gegen das Sozialistengesetz erklärt hat, werden die Genossen vermuthlich das kluge Wort der Königin Blanka beherzigen nud zur Erkenn tniß gelangen, daß„beide(Parteien) stinke n." Den Dresdener Genossen, die uns am Tage der Wahlschlacht mit gewohnter Bereitwilligkeit und Kampffreudigkeit unterstützten, sei hiermit zum Schluß im Siameit der Sozialdemokraten unseres Wahlkreises von Herzen gedankt. — Au» dem säcltsischen Voigtlandc. Das ungünstige Wahl- refultat im 22. Kreise ist verschiedenen Ursachen schuld zu geben. Die traurigen Arbeitsverhältnisse, die polizeilichen Scheercreien haben manchen Arbeiter und sogar Parteigenossen des Boigtlandes kopfscheu gemacht, so daß ein großer Jndifferentismus Platz griff. Anderntheils haben sich unsere altbewährten Leiter nicht allenthalben genug angelegen sein lassen, unsere Ehre zu verfechten, so daß tu einige» Städten und vielen Dörfern die Wähler über die Ausstellung unseres Kandidaten wenig oder gar nicht unterrichtet waren. Zu alledem traten die Fortschrittler zum ersten Male auf. Mit aller Vorsicht gegen uns arbeiteten sie für ihre Sache sehr eifrig, so daß ihnen die Stimmen vieler Kleinbürger und Arbeiter zufielen, welche früher uns gehörten. So beschämend dies Refultat auch für unser» Kreis war, so läßt es sich doch nicht Einzelnen in die Schuhe schieben, sondern ist dem kam- binirten Zusammensallen obiger Gründe zuzuschreiben. Es muß unsere Ausgabe sein, diese Scharte wieder auszuwetzen durch rührige« Zusammenhalten und geeignete« Eintreten zn rechter Zeit. Mit Gruß! Einige R e i ch e n b a ch e r Parteigenossen. — PudwistSdurst, im Mai. Seit längerer Zeit haben die hiesigen Genossen kein Lebenszeichen von sich gegeben. Der Grund ist darin zu suchen, daß die Partei am hiesigen Orte nicht so zahlreich vertrete» ist, wie man es von einer Stadt mit nicht nnbedeutender Einwohnerzahl eigentlich erwarten sollte. Es ist zwar richtig, daß es eine ziemlich starke Arbeiterbevölkerung hier gibt, wobei hauptsächlich die Mctallbranche vertreten ist, aber ich glaube, daß nirgend« das arbeitende Volk eine so traurige Rolle spielt, wie gerade bei uns. Bei der letzten Reichstags- wähl haben diese Leute, die sich Arbeiter schimpfen lassen, durchweg den Gastwirth Retter gewählt, eine» sogenaiiuten Volksparteiler; in Wahr- heit aber ist dieser Mensch ein in der Wolle gefärbter Maiichestermann, ein schweifwedelnder Trabant Engen Richter'«, der mit seinen nichtssagenden Bierpauken in unserem Wahlkreis aus den Bauernfang ausging, welcher ihm leider nur allzugnt gelang. Nannte man den Arbeitern unfern Kanditate» Dr. D u l k, so bekam man nichts als Schimpsworte zu hören: ja einige unter ihnen hatten nichts Eiligeres zu thun, als unsere Flugschriften, Wahlzettel u. f. w. dem Polizeiobersten zu über- bringen. So entwickelte u. A. ein gewisser Hafner während der Wahl eine fieberhafte Thätigkeit, che sich eiiierfeits auf das Aufschnüffeln von sozialistischen Flugblättern erstreckte, anderfeit« auf das D enunzir en von Parteigenossen bei der Staatsanwaltschast. In ersterer Beziehung hatte der Mann auch voll und ganz zu thun, indem wir es an Verthei- lnng von Wahlflugblättern und Stimmzetteln nicht fehlen ließen; hunderte von solchen wurden in einer Nacht zum Schrecken unserer Spießbürger an allen Ecken und Enden verbreitet. Was das Deuuuziren betrifft, so bewirkte dieser saubere Patron die Verhaftung unsere? Genossen Bernhard Hammer, welcher auch wirklich im Januar d. I. wegen Untergrabung der militärischen Disziplin und Verhöhnung der äffe utlichenGeiv alt zu zwei Monaten Gefängniß verdonnert wurde. Der blaue Fritz, Herr Hasner, wird jetzt nicht mehr lauge auf sich warten lassen!— Sämmtlichen Angehörigen de« hiesigen Militärs wurde diese Verurtheilung bekannt gegeben, zum abschreckenden Beispiel für alle Zeiten. Der Staat war wieder gerettet. Noch ist zu erwähnen, daß vor einiger Zeit bei einem hiesigen Schneider eine vollständig refultat- lose Haussuchung stattsand. Die Schnüffler blamirten sich ungeheuer; außer einem Exemplar des unschuldigen„ReichsbürgerS" fanden sie gar nichts. Ein Jammer- und Weibergeheul entstand aber neuerdings, als eine Prinzessin Namen« Marie— sie soll au» Waldeck gebürtig sein— zu ihren Vätern versammelt wurde. Man hätte glauben können, diese fogenannte Prinzessin sei eine göttliche Erscheinung gewesen, die nach der Ansichi der hiesigen speichelleckenden Bevölkerung nie hätte sterben sollen oder können. Ihren Gemahl, der einst— hoffentlich kommt'« nicht so weit- die Krone Württembergs aus seinem Schädel tragen soll, soll der Verlust so schmerzlich berührt haben, daß er mehrmals in Ohnmacht fiel--- Wer« glaubt wird selig. Ein anderes Mal mehr. Tie r o t h e Pickelhaube. Letzte Nachrichten. — Ohne obrigkeitliche Bewilligung haben uitfere pfälzischen Genoffen zur Feier des Hambacher Festes einen offenen Brief unseres alten Johann Philipp Becker, der schon vor fünfzig Jahren dabei war, in mehreren taufend Exemplaren verbreitet. Genosse Ehrhardt aus Mannheim, sowie ein Genosse, denen Name utts bis jetzt noch nicht bekannt ist, welche in der Nacht vom 27. zum 28. Mai das Hambacher Schloß ersteigen wollten, fanden dasselbe von einem ganzen Trupp Gensdarmen besetzt und wurden von diesen verhaftet. Bei Ehrhardt fand man eine rothe Fahne, und schließt die Polizei mit gewohntem Scharfsinn daraus, daß Ehrhardt die teuf« tische Absicht gehabt habe, diese zur Feier de« Tages aufzuhissen. Welches Entsetzen für die volksparteilichen tc. Spießer, wenn da« Banner der r o t h e n Republik am 28. Mai vom Hambacher Schloß herab- geweht hätte! In Frankenthal, Mannheim>c. wurde sofort allgemein gehaussucht, denn— dazu ist die Polizei da, sagt das volksparteiliche Festkomite. — I u Dresden ist Genosse Bebel auf Befehl der Staatsanwaltschaft am Pfingstmontag plötzlich ver- haftet worden. Scheint ein Racheakt des Herrn von A b e k c n, des s S ch f i f ch e u I u st i z m i n i st e r s, zu sein. Warnungen. In Nr. 7 haben wir vor einem gewissen F. Schneivers(Schneider von Profession und bekannt in Aachen und Verviers) gewarnt, und werden veranlaßt, dessen Personalien genauer bekannt zu geben, oa der- selbe nach Amerika(nach anderer Angabe in Haft) verschwunden sein soll. Schneiders ist mittelgroß, pockennarbig, kahlköpfig. Er trägt gewöhn- l i ch eine Brille, hinkt und geht stet« an einem schwarzen Knotenftock. Spricht westphälischen Dialekt und sranzöfisch. Alter 30—37 Jahre. Es ist größte Borsicht nöthig, denn es ist demselben selbst bei seinen sozialrevolutionären Freunden nicht gelungen, sich zu reinigen, als er auf Grund unserer ersten Warnung es versuchte. Dagegen haben in Aachen zahlreiche Haussuchungen bei Personen feiner Bekanntschast stattgefunden. Einer wurde verhaftet, als er gerade mit dem Versandt der„Freiheit" beschäftigt war. Dessen Korrespondenzen mit der„Frei- heit" sollen zugleich gesunden worden sein. Benachrichtige man uns, wenn er irgendwo auftaucht, über sein Thun und seine etwaigen Angaben Alle Geuossen de« In- und Auslandes, insbefondere Dänemarks wer- den nachdrücklichst gewarnt vor dem Schneider August Härtung aus Kölleda(Provinz Sachsen). Derselbe gerirt sich theil« unter eigenem, theil« unter falschem Namen— in seinem dänischen Wanderbuch beißt er Harting, er selbst nennt sich auch Harting— als Aus- gewiesener au« Hamburg, um aus Kosten Anderer ein bequemes Nichts- thucrdasein pflegen zu können. Dank seiner Redegewandheit und seines überaus raffinirten Borgehen« ist ihm die« leider bisher besten« gelungen. Wir warnen alle Genossen nachdrücklichst vor diesem Schwindler. Die Flensburger Sozialdemokraten. Signalement: Härtung ist 31 Jabre alt(geb. 19. September 1851), von mittelgroßer, schlanker Statur, trägt einen Schnurrbart und spricht mit sächsischem Dialekt. Er sucht sich meist dadurch einzuführen, daß er Grüße von bekannteren Genossen au« der einen Stadt zur andern überbringt. „Balsam W aib lingcr" empfohlen! lVergleiche Nr. 15 des„Sozialdemokrat".) Briefkasten d e r Redaktion: New-Aork: In nächster Nummer. Desgleichen verschiedene Korrespondenzen. der Expedition. Dr. St. Ben.: Fr. 1,— s. 4 Expl. crh.— St. H. a. d. Eider: Mk. 61,71) Ab. 2. Qu. u. Schst. crh. Sdg. abgg.— Koinmerzieurath: Mk. 24,— Ab. 2. Qu. in div. Sorten am 24/5 ein- getr. Borbehaltl. Coursverl.— Weckuhr: Mk. 5,40 Ab. 2. Qu. Rest Mtrf. erh. Frdl. Dank f. Nachr. Begreisen Alles. Gruß!— E. Eb. K.: Fr. 18,37 Ab. ab Juni 82 bis Ende März 83 erh. Ufd«. mit Fr. 6,— dkd. bedacht.— Esph. Z.: Fr.—,20 f. 1 Expl. erh.— I. Gaardin. Kphg.: Fr. 18,— Ab. 2. Ott. erh. Fr. 2,50 Rest s. Charge.— C. W. Br. Mk.— ,80 d. H. Lp. crh. Wofür?— K. Werner; Bf. v. 22/5 erh. Alle« beachtet.— Schwbrg.: Mk. ll,— f. Ab. 3'/» Qu. (3., 4. Qu. 81 u. 1. Qu. 82) v. Z. erh.— Robespierrc: Mk. 1,— d. Ufds. dkd. zugew.— Nautchen; Mk. 15,— s. alle Sünden durch E. erh. Bolle Absolution bis Ende 3. Qu. u. Graß!— O. Eff. B.: Fr. 13,— f. Schst. erh.— t Vorwärts: öwsl. 4,— pr. Ab. 1. u. 2. Qu. verw. Noch 65 kr. pr. 2. Qu. zu zahlen. Wünsche berücksichtigt. Nota mit 23 beigelegt.— Merkurius: Fortgeg. ist Alle« p r o m p t e st. Liegt wahrscheinl. an Ihrer Addr.— Blli. Wthur.: Fr. 2,— Ab. 2. Qu. erh.— K. H. Pbg.: öwfl. 1,—» Cto. erh.— Agricola: Bds. hat aa Ihre Addr. 500 Expl. v. d. Nummer abges., welche die Angelegenheil behandelt.— O. Schreck: Der steckbrieflich verfolgte Urkunden- fälscher und Bankrotteur erhält unter feiner Adresse 2 Expl. Sozdkrt. »ach dorten. Wahrscheinl. für die Polizei, die ihn nicht zu sindeu ein gewisse« Interesse haben dürfte. Mehrbestllg. seit 19 abgesandt.— Schorfe: War irrig gezeichnet. Folgen ab Nr. 23 178 Expl. Bfl. Näheres betr. d. Ausgebliebenen.— E. Eitglbr. Brooklyn: Fr. 35,71 (Doll. 7,—) Ab. 2. Qu. erh. u. nach Vorlage gebucht. Bon Nr. 5, 6, 8, 10 zurücksenden, wa» vorhanden. Weitere« unter indifferente deutsch« Elemente zur Agitation gratis schwimmen lassen!— Ahasveru«: Warum kein Lebenszeichen! V— Peter C.: Mk. 12,— Ab. April erh. Erwartete« muß jetzt dort sein. Mehrbstllg. folgt. Weitere« besorgt.— P. M. London: Es floh der tapfere R i e s e n f r o s ch die blutgetränkte Pfütze. Au« Feigheit? Pah, die kennt e r nicht,-- bedenkt doch--- b e i die Hitze?— ' i Samstag, den 3. Juni, Abends 8 Uhr, im Oafi ZiUl'lCIl. Kessler Oeffentliche Versammlung der deutschen Sozialisten. Tagesordnung: Das Hambacher Fest und die„pemokraten" von heute. Referent: Rg. Tauscher. Jedermann hat Zutritt. Der L o ka I au ssc h u ss der deutschen Sozialisten. W Um zu räumen"JHI verkaufen wir einen Posteu unseres als Notizbuch während de« ganz« Jahres verkäuflichen, s e h r p r a k t i s ch eingerichteten Arbeiter» Notizkalender pro 1882, der uns iu Folge zu späten Abliefern» durch den Buchbinder, über di Kalendersaison hinaus liegen geblieben ist, zum halben PreiS; uämlid in Partien a 15 Pfg., in Einzelexemplaren zu 25 Psg. franko Bestellungen erbitten direkt, für die Schweiz werden solche durch dt Expedition de«„Sozialdemokrat" effektuirt. �„ Nürnberg. Worlein K Co. Gustav Faust, Schneider, gebürtig au« Greiz. Fürstenthnm Reuß sich aiiibaltend in England oder Amerika, ist gebeten, seme Adresse ai leinen Bruder Louis Faust, Weber, Schleifetobel, H° r g e: (Schweiz) zu senden. 3-2 Schwiiierischk«kreinibuchdriutertt HoNingen-Zilrich.