Krscheint � � � � � � Äbonuemeats werden nur beim Verlag und desien bekannten Agenten ent» gegengenommen und zwar zum voraus zahlbaren «Schentlich einmal in Zürich(Schweiz) SnUg Der SoMemoKrat Vierteljahrsprcis von: Fr. 2.— für die Schweiz(Kreuzband) »«II«buchhan»lung 3? M> M F m U B B ML�B M M_P B_ B M B B W B B. M.. B B B Ml. 3.- sür Deutschland!S°uv-rtt Hot»ing«n-Aürlch.'�w' M � f- I'0 für Lrst-rr-ich(GouBect) Fr. 2.50 für alle übrigen Länder de» sltstllbllllgtl Wclipostbereins(ftteujbanb). franco gegen franc o. «ewdhnliche Briefe* fr t i i f O S*1* />/•|# f f t 8 t t nach der Schweiz losten»!? y*( � y+w\ /!<%• A /*■*■#• T I /tVf-f /Y I A /IW* A r> V /Yl't /i Tie dr-ig-spallene Petit, eile Zentral-Grgan der deutschen Sozialdemokratie R° 27. Donnerstag, 29. Juni. � 1882. A»i» an die Abonnenten und ßorresxondenien de»„Sojinidesokrat". Da der.Sozialdemokrat' sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten ist, bezw. verfolgt wird, und die dortigen Behörden fich alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp. Briefe von dort an uns und unsere Zeitungs- und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äußerste Vorsicht im Postverkehr nothwendig und darf keine Vorsichtsmaßregel versäumt werden, die Briefmarder über den wahren Absender und Empfäng.'r. sowie den Inhalt der Sendungen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen. Haupterforderniß ist hiezu einerseits, daß unsere Freunde so selten als möglich an den.Sozialdemokrat", resp. desien Verlag selbst adressiren, sondern sich möglichst an irgend eine unverdächtige Adresie außerhalb Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche sich dann mit uns in Verbindung setzt; anderseits aber, daß auch uns möglichst unverfängliche Zustellungsadressen mitgetheilt werden. In zweifelhasten Fällen empfiehlt sich behufs größerer Sicherheit Rekominandirung. Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um trotz aller entgegen- stehenden Schwierigkeiten den.Sozialdemokrat' unsern Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern. Unsern auswärtigen Abonnenten, Filialen, Vertrauensleuten zc. legen wir ans Herz, Ab« rcchnungen und Abonnementserneaerungen, soweit noch nicht erfolgt, ungesäumt zu bewirken, ebenso wollen alle A b o n- u e n t e n an unsere Vertrauensleute unbedingt während des ersten Monats im Quartal Zahlung leisten, damit keine Unter- brechung in der Lieferung eintreten muß. Unsere Bertranensadressen sind bekannt. Alle Lieserungen erfolgen nur aus Gefahr der Besteller. Briefmarken aller Länder werden sllr voll angenommen. Größe« Beträge in Papiergeld oder Post-Einzahlung. Da viele auswärtige Besteller, besonder« in Deutschland, sowie in Oesterreich, ihre Briefe immer wieder ungenügend frankiren, wodurch uns erhebliche Verluste durch Strafporti entstehen, so bemerken wir hiemit wiederholt: Einfache Briefe(bis zu 15 Gramm) nach der Schweiz kosten: au« Deutschland(und dem übrigen Ausland). 80 Pfg. au« Oesterreich-Ungarn....... 10 Krz. B e i schwereren Briefen kosten immer je15Grammweitere20Psg., bezw. 10 Krz. Die Genossen wollen hieraus in Zukunft um so mehr achten, a l s wir ungenügend frankirten Sendungen in der Regel die Annahme verweigern müssen. Die Kipeditilln des„Sizintde mitteilt". Eine falsche Parole. Heute, wo alle Welt in Sozialismus macht, wo derselbe fast zum Modeartikel geworden ist, müssen wir immer wieder auf den fundamentalen Unterschied aufmerksam machen, der zwischen unsern Bestrebungen und denen der auf dem Boden der heutigen Gesellschaft stehenden Sozialresormer herrscht. Wir unterscheiden da zunächst zwei große Gruppen der letztern Kategorie. Diejenigen, welche im Grunde nur einige Unbequem- lichkeiten der heutigen Ausbeutungsmethode ausmerzen wollen, denen es nicht um die Emanzipation des Proletariats, sondern nur um die Abfindung desselben zu thun ist, oft sogar nicht einmal darum, und diejenigen, welche theoretisch die letzten Konse- qumzen ziehen, aber nicht auf die revolutionäre Aktion des Proletariats rechnen und daher den Sozialismus stückweis ein- führen wollen. Die letzteren Leute sehen sich deshalb auf ein Zusammengehen mit bestimmten Elementen der bürgerlichen Gc- sellschaft angewiesen und auf Durchführung s»lcher, nach ihrer Meinung sozialistischer oder zum Sozialismus führender Reformen, welche von diesen Elementen akzeptirt werden. In diese Kategorie gehört die Mehrzahl aller ehrlichen Staats- sozialisten. Ihre Parole lautet: Schon in der heutigen Gesell- schafl soviel Sozialismus als nur immer möglich! Wir halten diese Parole für eine falsche, auf einem verhäng- nißvollen Jrrthum beruhende, dem nämlich, daß staatlicher oder kommunaler Betrieb und Sozialismus dasselbe seien. Da diese Ansicht aber auch in Arbeiterkreisen vielfach verbreitet ist, so halten wir es für unsere Pflicht, hier nachzuweisen, weshalb wir sie fstr falsch halten und bekämpfen. Wir lassen zu diesem Zweck zunächst wieder einmal Genosse L a f a r g u e sprechen, der «n der neuesten Nummer der Egalite einer ähnlichen Anschauung entgegentritt. m** 3" der kapitalistischen Gesellschaft, sagt Lafargue, ist die Um- Wandlung gewisser Industrien in öffentliche Betriebe �Service public) die letzte Form der kapitalistischen Ausbeutung. Da diese Umwandlung den Bourgeois vielfache und unbestrittene Bortheile liefert, so sehen wir die gleichen Industrien in allen kapitalistischen Ländern öffentliche Dienstleistungen werden(Polizei, Münze, Posten, Telegraphen:c.) Gewisse monopolisirte Industrien werden in den Händen großer Privatgesellschaften zu so mächtigen Mitteln der Aus- beutung anderer Kreise der Bourgeoisie, daß sie die ganze Bourgtoisorbming gefährden. So war z. B. der elektrische Tele- graph m Frankreich von Anfang an Staalsindustrie, daS politische Intere�e der� Regierung erforderte es. In England und den Bereinigten Staaten, wo daS Interesse nicht bestand, wurde er von Privatgesellschafren errichtet. Die englische Regierung mußte ihre Telegraphenlinicn im Interesse Aller, insbesondere der Spe ku- lanten, die dabei skandalöse Profite einheimsten, zurückkaufen. In den Vereinigten Staaten sind die Telegraphen noch Privat- 'ndustrie, sie sind das Monopol einer Bande von Spekulanten, �klche die gesammte Presse des Landes beherrscht. Diese Spe- • t onti" liefern nur den Zeimngen Telegramme, welche sich ihrer Macht fügen und ihnen einen so gewaltigen Satz bezahlen, aii viele Journale, welche ihn nicht erschwingen können, auf le �graphische Berichte verzichten. In Amerika sind letztere aber er wichiig�e Theil der Zeitungen, sie ihnen entziehen, heißt sie zum Tod oder zum Siechthum verdammen. In dieser republi- anischen Republik, welche das Ideal der kühnsten Träume unsrer iberalen ist, hängt die Freiheit der Presse von dem Belieben einer Handvoll Spekulanten ab, die weder Regierungsgewalt noch Verantwortlichkeit, sondern lediglich die Telegraphen im Besitz haben. Das Monopol der Eisenbahnen ist so ungeheuerlich, daß eine Gesellschaft nach ihrem Belieben mit Differential- oder Begün- stigungstarifen eine Industrie, eine Stadt ruiniren kann. Die Gefahr, der die Gesellschaft dadurch ausgesetzt ist, daß die Ver- kehrsmittel Privaten gehören, wird von den Bourgeois so sehr empfunden, daß in Frankreich, in England, in den Vereinigten Staaten Bourgeois in ihrem eigenen Interesse die Umwandlung der Eisenbahnen in öffentliche Betriebe(Staatsbetrieb) fordern.— Einen höchst charakteristischen Beleg hierfür finden wir in der uns heute zugegangenen Nummer der„New-Yorker VolkSzeitung". Unser amerikanisches Parteiorgan hat nach PittSburg h, dem Zentralort des hochinteressanten Riesenstreiks, der sich gegenwärtig in den Eisendistrikten Pennsylvaniens abspielt, einen Bericht- erstatter geschickt, der u. A. den dortigen„American Jron Works", dem größten Eisenwalzwerk der Vereinigten Staaten, einen Besuch abstattete. Er traf dort den Besitzer Tom Jones und schreibt über ihn u. A. folgendes: „Jones ist ein eifriger Antimonopolist(d. h. Gegner des Monopols der großen Privatgesellschaften). Wie ein Rohrspatz schimpft er auf Vanderbilt(den„Eisenbahnkönig"), der jetzt eine Eisenbahn den Monongahela River entlang baut. Vanderbilt berechnet Herrn Jones mehr für Fracht von Pittsburgh nach New-Aork als anderen Leuten von Chicago. Das ist allerdings sehr Unrecht, und deshalb muß den Monopolisten, wie Mr. Jones sagte, eine Lektion ertheilt werden. Daß er selbst und seine Kompagnons indessen Monopolisten find, die den von ihren Arbeitern erzeugten Reichthum monopolisiren und den Arbeitern nicht einmal gestatten wollen, sich satt zu essen und in guten Häusern zu wohnen, daran dachte Mr. Jones nicht, als er auf Vanderbilt schimpfte." Wir könnten diesem Beispiel, das wir deshalb anführen, weil es durchaus aktuell ist, nicht minder drastische aus unserer eigenen Erfahrung aus Deutschland anfügen, es gäbe das ein sehr lustiges Kapitel, wir verzichten aber darauf und fahren in unserm Thema fort. Noch ehe diese Umwandlung(der Eisenbahnen in Staats- betrieb) vollzogen wird, hat der Staat bereits im Interesse der von den Eisenbahnkönigen geschröpften Grundbesitzer und Industriellen bei der Festsetzung der Tarife interveniren und Normalsätze auf- stellen müssen. Obwohl diese Art, die Thäligkeit der Gesell- schaften zu kontroliren, wenig wirksam ist, stellt sie doch ein Eingreifen deS Staats in eine Industrie dar und ist eine Stufe ihrer Umwandlung in Staatsbetrieb. In der kapitalistischen Gesellschaft wird eine Privatindustrie nur Staatsbetrieb, um den Interessen der Bourgeoisie besser zu dienen; die Vortheile, welche diese davon hat, sind verschiedener Art, wir haben gezeigt, welche Gefahren gewisse, der individuellen Ausbeutung überlasscne Industrien, nach sich ziehen, die aber aufhören oder beträchtlich verringert werden, wenn der Staat dieselben leitet. Aber es gibt noch andere. Indem der Staat die Verwaltungen zentralisirt, verringert er die allgemeinen Kosten. Man beschuldigt den Staat, er kaufe theuerer als die Privatindustrie, es ist das nicht immer der Fall, wenn eS sich darum handelt, Verkehrswege einzurichten, eine der schwierigsten und komplizirtesten Unternehmungen der modernen Industrie. Die Eisenbahn von Alais bis zur Rhone kostet pro Kilometer zirka 700,000 Franken. Herr Freycine«, der nicht um eines Butterbrodes willen Leiter der Bourgeoisie ist, hat, auf positive Angaben gestützt, nachgewiesen, daß der Staat Eisen- bahnen um 250,000 Fr. pro Kilometer bauen könnte. Der Staat kann also die Kosten der öffentlichen Betriebe, die er ausbeutei, sehr merkbar vermindern. Den Hauptvortheil davon hat natürlich die Bourgeoisie, man vergleiche nur. wie stark sie die Post in Anspruch nimmi und wie wenig es der Proletarier im Allgemeinen thut. Tie öffentlichen Bettiebe werden für die Politiker ein Mittel. ihre Kreaturen unterzubringen und den Bourgeoissöhnchen gute und fette Sinekuren zu verschaffen. Herr Cochery z. B. hat lukrative Postämter an Orleanisten, u. A. dem Sohn des Senator Laboulaye veiliehen. Die Kämpfer der Arbeiterpartei sollen und müssen in ihren Debatten mit Bourgeoispolitikern und-Journalisten sich dieser Umwandlung ehemaliger Privatindustrien in öffentliche Dienste als Beweise dafür bedienen, wie die Bourgeoisie selbst durch die Macht der Thatsachen gezwungen wird, ihre eigenen Prinzipien zu bekämpfen, nach denen der Staat keinen Industriezweig der Privatindustrie entziehen darf; aber sie dürfen nicht wünschen und noch weniger verlangen, daß neue Industrien in öffentliche Betriebe umgestaltet werden, und zwar aus verschiedenen Gründen. Einmal hat die Arbeiterpartei kein Interesse daran, die Konflikte, welche die Bourgeoisie spalten, beizulegen, sondern eher sie zu schärfen; denn diese Kämpfe befördern die Desorganisation der herrschenden Klassen; dann aber vermehren die öffentlichen Betriebe den korrumpirenden Einfluß der Bourgeoispolitiker, denn die Staatsarbeitcr sind weit weniger als die Arbeiter der Privat- industrie in der Lage, Streik zu machen und mit ihren AuS- beutern Kämpfe einzugehen. Der einzige sozialistische Grund, den man sür diese Umwand- lung in's Feld führen könnte, wäre vielleicht der, daß sie die revolutionäre Expropriation vereinfachen würde. Wir haben be- reits in früheren Artikeln darauf hingewiesen, daß dieser Grund nicht stichhaltig ist. Die Konzentration der Betriebe geht auch ohne die Umwandlung derselben in staatliche mu Riesenschritten vorwärts, und zwar vollzieht sie sich in viel revolutionärer und revolutionirenderer Weise als sie der heutige Bourgeoisstaat be- wirken kann oder wird. Ob z. B. die Pferdeeisenbahnen, die Gas- anstallen«. Berlins Aktiengesellschaften sind oder der Stadt bezw. dem Staat gehören, ist für den Bourgeois— ob Groß-, ob Kleinbürger— eine viel wichtigere Frage als für den Arbeiter, für den die etwaigen Vortheile der Verstaatlichung bezw. Kommuna- listrung durch eine Reihe von Nachtheilen mindestens aufgehoben werden. Das stegreiche Proletariat aber wird mit den Herren Feig und Pinkuß oder den Direktoren der„International Eon- tinental-Gas-Association" keine Minute länger zu thun haben als mit dem Berliner Magistrat bezw. Herrn Maybach oder sonst einem Kommis Bismarcks. Es ist von unserer Seite hin und wieder der Ausdruck ge- braucht worden: wir nehmen auch Abschlagszahlungen. Das ist ein sehr bedenkliches Wort. Es gibt Abschlagszahlungen, die nur gegeben werden, um die eigentliche Schuldforderung nicht zahlen zu brauchen, und ebenso gibt es Abschlagsreformen, die nur den Zweck haben, einen winzigen Bruchtheil der arbeitenden Bevölkerung mit dem heutigen Zustand der Dinge auszusöhnen, die große Masse aber mit der trostreichen Hoffnung einzuschläfern, daß nun auch an sie bald die Reihe kommen werde. Die Verstaatlichung der den öffentlichen Dienstleistungen dienenden Betriebe ist aber lediglich eine Abschlagszahlung an den— Schuldner, sie liegt. wie oben gezeigt, im Interesse der Bourgeoisie, verstärkt deren Macht anstatt sie zu schwächen. Ist es unsere Aufgabe, für die Bourgeoisie die Kastanien aus dem Feuer zu holen? Herrn Vanderbilt zu beseitigen, damit Herr Tom Jones und dessen Spießgesellen noch protziger gegen die Arbeiter auftreten können? Wir denken, nein. Ueberlassen wir diesen„Sozialismus" der Bourgeoisie, und wenn wir Re- formen verlangen oder uns auf solche einlassen, dann sei unsere erste Bedingung, daß sie der Arbeiterklasse von direktem und nachweisbarem Nutzen sind. Leo. Klassenjustiz. „AlleReichslagsabgeordnete, welch eo erBismarck« beleidigung angeklagt wurden, wurden freigespro- ch e n", jubelt die liberale Presse aller Fraktionen und singt Päane auf den„unabhängigen Richterstand", der sich der anstürmenden Reaktion im Namen des Gesetzes entgegengeworsen und ihr siegreich Halt geboten habe. Komisch, diese Loblieder in einem Moment, wo die französische Nationalversammlung sich genöthigt gesehen hat, im Namen der Freiheit die Absetzbarkeit der Richter zu dekretiren, weil die„un- abhängigen Richter" Werkzeuge und Handlanger der Reaktion geworden waren. Komisch und— verlogen. Nicht alle bismarckbeleidigenden Abgeord- neten sind sreigesprochen worden, sondern nur die bismarckbeleidigcnden Bourgeois- Abgeordneten. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Der sozialdemokratische Abgeordnete Liebknecht hat bekanntlich sür Bismarckbeleidigung und ähnliche Verbrechen zwei Monate zudiktirt bekommen. Die Nicht verurtheilung der Bourgeois und die Ver urtheilung des Sozialdemokraten wegen einer und derselben Handlung ist so recht charakteristisch. Der Richter soll nicht nach der Person urtheilen, einzig und allein nach der H a n d l u n g, so lautet da« t.h e o- re tische Gebot; und es gibt Simpel, die da glauben, diesem Gebot nach werde Recht gesprochen. Bei sogenannten gemeinen Vergehen ist dies unzweiselhasl— soweit es sich um den Willen Handell— viel- sach der Fall. Jedoch auch nur bis zu einem gewissen Punkte. Und zwar hauptsächlich bei sogenannten Bergehen gegen die Person, wo die Klassenunterschiede und Klasseninteressen weniger ins Spiel kommen. Anders ist's schon bei Verbrechen gegen da« Eigen thum. Da da« Bourgeois- Eigenthum der Diebstahl ist, d. h. Fremd thum, einem Andern gestohlene« Eigenthum, so kann nach Bourgeoisbegrissen Mos diejenige Form des Eigenlhumsvergehens strafbar sein, welche gegen die Bourgeois praxi« verstößt. Jemand da« Taschentuch oder Porte- monaie aus dem Sack stibitzen, ist strafbar, denn in dieser Form stiehlt der Bourgeois nicht; aber Jemand durch Verkauf gefälschter Waaren, werthloser Werthpapiere, durch Gründungen u. s. w. um einen Theil seine« Vermögens oder sein ganze« Vermögen bringen, da« ist nicht strafbar nach Bourgeoisbegrissen. Und deshalb sprachen seiner Zeit die Bourgeoisgeschworenen in Wien den Millionendieb Ritter von O s e n h e i m frei, und wurde der Millionendieb Stroußberg in Berlin nicht einmal vor Gericht gestellt. Den» die Anschaunngen der Bourgeoisie sind die herrschenden in Staat und Gesellschaft, und sie gelten aus dem Sessel und aus dem Richterstuhl, ebenso wie auf der Bank der Geschworenen. Geht schon die sogenannte Unparteilichkeit bei den Eigenthumsvergehen in die Brüche, dann hört sie vollends aus bei den sogenannten p o l i- --------„„n,«v»' tischen Bergehen und Verbrechen, die ihrer Natur nach nur P a r t e i> fache sind. Was ein Diebstahl, ein Mord ist, läßt sich zur Noch allgemein ziltig definiren. Was ein politisches Bergehen oder Verbrechen ist, läßt sich iiherhaupt nicht definiren. Was der herrschenden Partei oder Richtung mißsällt, ist politisches Vergehen oder Verbrechen— jede andere Definition ist eitel Schwindel und Heuchelei. Da nun aber was der einen Partei m i ß fällt, der andern Partei g e fällt, so hängt es ausschließlich von der Parteistellung und-Anschauung des Richters ab, was ein poli- tische« Vergehen oder Verbrechen ist, und was nicht. Fürst Bismarck mit seiner antibürgerlichen WirthschaftS- und Sozial- Politik ist selbstverständlich der Bourgeoisie nicht nach dem Geschmack; während sie früher, solange Bismarck ihr Götze war, eine Bismarck- beleidigung für ein größeres Verbrechen hielt, als eine Majefiätsbelei- digung, erblickt sie heute in einer Majestätsbeleidigung etwas durchaus Gerechtfertigtes— und die Bismarckbeleidiger werden freigesprochen, gerade wie Ende der 40 er und Ansang der Sver Jahre jeder Gegner der„reaktionären" Regierungen von den Schwurgerichten und häufig auch von den Berussrichtern freigesprochen wurden. Nur darf der Bismarckbeleidiger kein Sozialdemokrat sein. Sozialdemokratische Gesinnung ist unter allen Umständen straf- bar; selbst wenn sie der Bourgeoisie das Vergnügen bereitet, sich in einer Bismarckbeleidigung Luft zu machen. So ist es dennoch durchaus logisch und natürlich, daß die von Bour- geoisideen durchseuchten Richter den Sozialdemokraten Liebknecht wegen der nämlichen Handlung verurtheilt haben, die ihnen bei den Bourgeois: Dohrn, Munkel, Mommsen u. s. w. straflos und ganz in der Ordnung erschienen ist. Unsere Justiz ist eben keine Recht sprichung, es ist mehr oder weniger verhüllte Klassenjustiz, eine mehr oder weniger verhüllte Form des Klassenkampfes! Unsere Vertretung im Reichstage. Rede des Genossen gafentltotr vom 14. Inni 1882 über das Tabakmonopol. Nach dem stenographischen Bericht. Abgeordneter Hasen clever: Meine Herren, schon bei der ersten Berathung hat der sozialistische Redner erklärt, daß wir gegen das Monopol stimmen werden. Der Herr Abgeordnete Richter(Hagen) hat nun vor einigen Tagen gesagt, daß wir eigentlich dem Monopol zu- stimmen müßten; blas aus Abneigung gegen den Reichskanzler würden wir dagegen stimmen. Der Herr Abgeordnete hat nicht Recht. Wir stimmen neben einigen anderen Gründen hauptsächlich deshalb gegen das Monopol, weil es eben nicht sozialistisch ist; denn wäre e« sozialistisch, würden wir keinerlei Bedenken tragen, für dasselbe zu stimmen, auch wenn Fürst Bismarck es ist, der es darbietet. Wenn der Herr Reichs- kanzler mit seinen staatssozialistischen Plänen, die er uns vorlegt, die Absicht hätte, die Interessen der Arbeiter zu wahren— er erklärte ja heute, er sei der Vertreter der Massen—, so würden wir dem schon zustimmen. Aber dem ist nicht so; wundern muß man sich vor allen Dingen dabei darüber, daß das e i n e Wörtchen, welches aus die Interessen- Wahrung der Arbeiter hinzielte, welches vorher so oft bei den Wahlreden gebraucht wurde: da« Monopol solle da« Patrimonium der Enterbten sein, der Ertrag des Monopols sollte für die Arbeiter, für die Alters- Versorgung derselben angewender werden,— au« dem Monopolentwurse weggebliebe» ist. Auch kein Redner der rechten Seite oder vom Regie- rungStische hat dessen Erwähnung gethau. Ja, meine Herren, vor den Wahlen sagte man den Arbeitern: die Erträgnisse des Monopols sollen für euch verwendet werden; und hoffte dabei die Arbeiterstimmen zu sangen; so hat man bei der Masse der Arbeiter allerdings kein Glück gehabt, jedoch einzelne Zigarrcnarbeiter z. B. in Hamburg haben aller- ding« erklärt, daß wenn die Erträgnisse de« Monopols zur Linderung der Leiden des Arbeiterstandes verwendet werden sollten, dasselbe dann allerdings einen sozialistischen Beigeschmack erhalte, und man für dasselbe zu stimmen habe. Da« Monopol ist aber schon deshalb nicht sozialistisch, weil die Er- träge im fiskalischen Interesse allein verwendet werden sollten, während überall, wo eine sozialistische Assoziation oder ein ZtaatSunter- nehmen auf sozialistischer Grundlage eingerichtet werden soll, die erste Grundbedingung sein muß, die Erträgnisse den Arbeitern in gerechter Vertheilung zukommen zu lassen. Darin liegt, meine Herren, der große Unterschied zwischen dem BiSmarckschen Sozialismus und unserem Sozialismus.--- -- Wenn nun der Fürst Reichskanzler zu gleicher Zeit darauf aufmerksam machte, daß er solchen Sozialismus immer treiben würde, wie in jener Zeit, als die preußische Regierung die Bauern emanzipirt hat, so ist doch der Unterschied zwischen Tabakmonopol und Bauern- emanzipalion wahrlich ein ungemein großer, und der Vergleich hinkt gewaltig. Wenn wir auch gern anerkennen, daß in der Bauern- emanzipalion ein Stück Sozialismus liegt, da eine große Klasse der Bevölkerung von den Banden der Leibeigenschast erlöst wurde, so ist doch das Tabakmonopol nicht die Konsequenz von solchem Sozialismus, son- dern diese Konsequenz wäre die allgemeine Ar b e i t e r e m a n z i p a- t i o n. Wenn der Herr Reichskanzler auf diesem Wege vorginge, dann würden wir gar keine Abneigung gegen ihn haben, wir würden ihm gerne folgen; er wäre aber dann wirklicher Sozialist und kein Bis- marckischer Sozialist. Meine Herren, der Herr Abgeordnete von Kardorff hat erklärt, wenn das Monopol dem Arbeiter das Rauchen erschwere, so sei da« eiue gute Erziehung, denn der Arbeiter könne durch die Beseitigung von Luxus- ausgaben ein Viertel seines Einkommens ersparen— aber außer einigen liberalen sogenannten Nationalökonomen haben sich die Männer der Wissenschast für die Richtigkeit des sogenannten ehernen ökonomischen Lohngesetze« erklärt. Ich will dafür drei Gewährsmänner nennen, einen liberalen, das ist der englische Oekonom Rikardo, einen Sozialdemokraten, das ist Lassalle, den der Herr Reichskanzler gerne zum Gulsnachbar haben wollte, und der dritte ist der Herr Rodbertus, der doch auch als Rationalökonom eine hervorragende Stellung in konservativen Kreisen einnimmt, und den auch jedenfalls Herr von Kardorff kennt oder kennen muß. (Zuruf: Das fragt sich l) Diese drei Männer, und, wie gesagt, fast die ganze nationalökonomische Wissenschast hat sich über die Tragweite des ehernen Lohngesetzes geeinigt; dieses Gesetz aber regelt den Lohn nach den landesüblichen Bedürfnissen der Arbeiterklasse, und wenn nun nach Herrn Kardorff die Leute ein Viertel des Lohnes durch Vermeidung von Luxus ersparen sollten— ach, so eine 3-Pfennigzigarre, ivaS das für ein Luxusgegenstand ist!—, dann tritt nach und nach die Thalsache ein, daß dieses Viertel Ersparniß ein- fach dem Unternehmer zugute kommt, und die Arbeiter haben ein Viertel weniger Lohn. (Sehr richtig! links.) Das hätte Herr Kardorff bedenken sollen; wenn die Arbeiter ihren „Luxus" einschränken, dann werden sie aus das Niveau solcher Völker- schaften hcrabgedrückt wie die chinesischen Kulis, die in Amerika arbeiten, wie die Italiener, die im südlichen Frankreich fortwährend von den jranzösischen Arbeitern ihrer wenigen Bedürfnisse halber und mit Recht bekämpft werden, und wir werden noch größeren Nothstand im Lande haben und nach Herrn Kardorff's Theorie immer ärmer werden. Es wird dadurch, daß die Bedürfnisse in der Weise noch beschränkt werden, weil die Arbeiter jetzt schon viel zu wenig zum Leben haben, Industrie und Handel immer mehr geschädigt, da die große Masse des Volkes durch ihr Verzehren, ihren Konsum allein, die Produktion aufrecht erhalten kanw Meine Herren, von Herrn Kardorff will ich gleich zu Herrn B a in- b e r g e r springen. Herr Bamberger hat mit ziemlich großem Pathos — er redet gewöhnlich nicht pathetisch—, vorgestern erklärt, daß sie, die Herreu Liberalen, durch Ablehnung des Monopols ein Stück bür- g etlicher Fr ei heil schützen wollen. Herr Bamberger ist sonst von alleu Manchesterleuten, die ich kenne, der alleroffenstc und allerehrlichste; er sagt und hat uns hier im Reichstag oft genug gesagt: wie jetzt das ganze wirthschaftliche Getriebe geht, so muß es fem, dadurch haben wir die schönste aller Welten, für den Einen oder Andern allerdings ist es traurig, wenn er bedrückt wird, aber dieser Eine oder Andere kann auch wieder einmal wohlhabend werden und umgekehrt ein oder der andere Wohlhabende wieder arm; darin, in diesem Konkurrenzkämpfe aber liegt die Bedingniß der Kultur und Zivilisation. Ja, meine Herren, wenn Herr Bamberger nach dieser seiner gewohnten Offenheit vor- gestern gesprochen hätte, dann würde er bei dieser Gelegenheit das Wort „bürgerliche Freiheit" nicht gebraucht haben. Ein Stück bürgerlicher Freiheit wird durch die Ablehnung de« Monopols nicht beschützt, aber es wird dadurch ein Stück privater bürgerlicher Ausbeu- tung in der heuligen Gesellschaft geschützt. (Sehr richtig! links.) Darin liegt doch ein großer Unterschied, derlei Ausbeutung aber ist keine bürgerliche Freiheit. Auch Herr Bambcrger hat für da« Sozialisten- gesetz gestimmt, dadurch aber Hai er ein Stück bürgerlicher Frei- hfeit vernichtet. Gewöhnlich nennt man alles da«„bürgerliche Freiheit", welches den persönlichen Intentionen entspricht, da« persön- ltche Wohlergehen heißt Volkswohl, die persönliche Freiheit Volks- sreiheit. So hätte Herr Bamberger den Ausdruck„bürgerliche Freiheit" umschreiben müssen. Doch weiter! Wenn Sie sich die Agitation gegen das Monopol ins Gedächwiß rufen, so erinnern Sie sich, daß von den liberalen Parteien bemängelt worden, daß nur II Mark Durchschnittslohn pro Woche auf die Monopolarbeiter— männliche, weibliche und jugendliche sind ge- meint— kommen sollen. Wenn Sie aber die gegenwärtige private Tabakindustrie betrachten, so bekommen in dieser die Arbeiter längst keine 11 Mark im Durchschnitt. Aber ich bin weit davon entfernt, den Arbeitern zu rathen, daß sie deshalb für da« Monopol sich erwärmen sollen, da ich weiß, daß die Regierung diesen Lohnsatz gar nicht inne halten kann. Auch muß ich erklären, daß ich zu dieser Regierung, be- sonders wie sie jetzt zusammengesetzt ist, nicht das geringste Ber- trauen habe. Bei einem solchen Lohnsatze, der ja auch nicht einmal genügend zu nennen ist, würden die Erträgnisse des Monopol« auf die Dauer zusammenschrumpfen, und da das Monopol lediglich dem fiska- lischen Interesse dienen soll, so kommt es der Regierung ja nur darauf an, recht viel Erträgnisse für den Staat respektive die Regierung zu er- zielen. Ich glaube deshalb, daß die 11 Mark, die im Monopolentwurs angesetzt worden sind, zu hoch angesetzt worden sind. Die Regierung hätte aber, wie schon gesagt, diese Lohnhöhe nicht beibehalten können. Das aber steht fest, daß jetzt im Durchschnitt in ganz Deutschland der Lohn einer Zigarrenarbeitersamilie, also Mann und Frau, oder aber eines Zigarrenarbeiters und einer Wickelmacherin aus 15, allerhöchsten« auf IL Mark sich beläuft, das wäre nur 7— 8 Mark für die Person, also noch nicht 11 Mark. Also diese Privat- industrie, das Stück bürgerliche Freiheit, was Herr Bamberger schützen will, ist auch nicht gerade zu loben vom Arbeiterstandpunkte aus. Das Monopol ist nicht schön, aber die Privatindustrie und die Verhältnisse in der Privatindustrie haben wahrlich auch viele Flecken und Makel. Wenn trotzdem die Zigarrenarbeiler den Verlockungen des Monopols in heroisch st er Weise Widerstand geleistet haben, wie ja auch die Petition von 80 oder 90,000 Unterschriften, die lediglich durch Zigarren- arbeiler aufgebracht sind, beweist, dann müßten die Beschützer der Privat- industrie sich auch dankbar den Arbeitern gegenüber erzeigen; ja, meine Herren, Sie sollten(nach links) Ihren liberalen Tabaksabrikamen auch sagen, daß dieselben etwas tiefer bei der Lohnzahlung in die Tasche zu greifen hätten, damit wenigstens im Durchschnitt für ganz Deutschland die Lohnhöhe erreicht würde, die die Herren vom Regierungslische den Zigarrenarbeitern im Monopolentwurs versprochen haben. Das wäre eine gute Agitation von Ihrer Seite und das würde zeigen, daß Sie es mit Ihrer Volksfreundschaft auch ein Bischen ernster nehmen, als dies durch Redensarten allein bestätigt werden kann. Weitergehend stimme ich den Behauptungen liberalerseit« zu, daß die Monopolarbeiter politisch abhängig von der Regierung würden, und»ach der bekannleu Erklärung des Herrn Minister von Puttkamer bin ich überzeugt, daß, wenn die Leute sozialdemokratisch wählten, sie sofort aus den Monopolwerkstätten entlassen würden, (Zuruf: selbstverständlich!) und zwar wäre das dann auch ein zutreffender Grund, der die Leute ohne Entschädigung au« Brod und Arbeit brächte. Die Zigarreuarbeiter in Deutschland sind aber nun fast alle Sozialdemokraten. Da würden Sie(zum Regierungstisch gewendet) gar keine Arbeiter für die Monopol- Werkstätten erhalten können oder Sie müßten mit lauter Sozialdemo- kraten arbeiten! (Heiterkeit. An diese Konsequenz haben weder Herr von Puttkamer, Fürst Bismarck und auch Herr von Mayr nicht gedacht. (Zuruf: die machen sich neue Arbeiterl) Das würde doch wohl zu lange dauern. Doch ich glaube, wie gesagt, daß die politische Abhängigkeit der Zigarrenarbeiter allerding» in hohem Maße stattfinden würde. Aber wie sieht es denn jetzt eigentlich au»? Es kommt nämlich auch bei der Privatindustrie vor, daß, wenn auch die Herren Fabrikanten selbst es nicht sagen, sie durch ihre Meister und Obermeister den Arbeitern sagen lassen: wenn ihr sozialdemokratisch wählt, macht euch nur aus etwa« gesaßt. Es wird aber nicht direkt mit Arbeitsentlassung gedroht; das wäre ja brutal, sähe bei Liberalen und FortschrittSleuten auch cigenthümlich aus, aber die Arbeiter haben ein feines Gefühl und merken, wohin solche Aeußerung zielt. So wird bei den Wahlen von der liberalen Bourgeoisie, um den alten Ausdruck wieder einmal zu gebrauchen, ebensogut gesündigt, al« von der konservativen Regierung. Ob aber die Regierung die Arbeiter zwingt, konser- vativ zu wählen, oder ob Sie(nach link«) die Leute zwingen, liberal zu wählen, ist doch schließlich ganz einerlei dem sozialdemokratischen Arbeiter gegenüber. Ich will Ihnen da eine sehr hübsche Illustration zum Besten geben. Einer meiner Parteifreunde stand in der Wahl mit einem Sezes- sionisten und einem Konservativen im Kampfe. In einer Fabrik erklärte öffentlich der Meister: wer für den Sozialisten stimmt— es war bei der ersten Wahl, wo die drei Herren zusammen konkurrirteu—, der wird entlassen. Nun kam aber der Sozialdemokrat nicht mit dem Sezessionisten, sondern mit dem Konservativen in die engere Wahl, und derselbe Obermeister erklärte nun im Auftrage de« sezesfionistischen Fabri- kanten: wenn ihr j e tz t n i ch t den Sozialdemokralen wählt, werdet ihr entlassen. (Heiterkeit.) Ja, meine Herren, das ist wörtlich wahr; aber bedenken Sie, wie ein derartiges Verfahren die Korruption ins Volk trägt! Das ist ein Schachern mit den Stimmen, mit der Ueberzeugung und ist wahrlich ebenso schlimm, als wenn Herr Puttkamer seine Beamten dazu zwingen will, nach seinem Sinne zu wählen. Sorgen Sie(links) deshalb auch dafür, daß vor Ihren eigenen Thüren auch einmal rein gekehrt wird. (Sehr gut! rechts. Zuruf.) — Herr Löwe, Sie meine ich persönlich nicht. Sagen Sie Ihren libe- ralen Fabrikanten: behandelt eure Arbeiter menschlich, saßt tiefer in eure Taschen, achtel die Ueberzeugung eurer Arbeiter, die eben so gute Men- scheu sind, wie Ihr. Angesichts des Heroismus, mit dem die Zigarren- arbeiler gegenüber den Versührungskünsten der Regierung gekämpft haben, sollten sie dankbar sein. Meine Herren, es hat der Herr Reichskanzler von Byzantinismus ge- sprachen, wie vor dem Volke die Fraktionen sich beugen müßten, um wieder gewählt zu werde». Der Herr Abgeordnete Richter hat daraus ganz richtig geantwortet, der schlimmste Byzantinismus wäre der, der nach anderer Richtung ausgeübt werde. Das ganze Auftreten des Herrn Reichskanzler« beweist, daß er sich sehr hoch und mächtig fühlt; aber wer ist Schuld daran? Jeder Mensch ist das Resultat seiner Erziehung, und Sie da(links), meine Herren, haben den Herrn Reichskanzler zu diesem Selbstgefühl erzogen. (Rufe: Sehr wahr!) Meine Herren, Sie sind es gewesen, jetzt müssen Sie darunter leiden. (Zuruf.) — Sic alle(links) find es mehr oder weniger gewesen, die deu Herrn Reichskanzler zum Halbgott gemacht haben durch Ihr fortwährendes Sichbeugen. (Große Heiterkeit.) Der sterbliche arme Mensch ist dann zu bedauern, wenn später dieser Halbgott mit der Keule kommt. Aber Sie müssen sich jetzt diese Keulen- schläge gefallen lassen. (Heiterkeit.) Wenn man sich also einen Halbgott erzieht, muß man auch über die Prügel nicht murren, die derselbe im Gefühl seiner Allgewalt austheilt. (Erneute Heiterkeit.) So ist es, meine Herren von der Linken! Ich will mich nun wieder zur rechten Seite wenden. Ich habe mich besonders gewundert Uber einen Ausspruch, den heute der Fürst Reichs- kanzler gethan hat, indem er meinte, daß in ganz Preußen keine Familie wäre, daß kein Haushalt wäre, welcher weniger als 140 Thaler Ein- nähme jährlich habe. Der Herr Abgeordnete Richter hat nach der einen Seite schon ganz treffend erwidert und auf die ländliche Bevölkerung hingewiesen, mich also deffen überhoben; aber ich will einen ander« Einwand hier machen. Als, es war am 25. Mai 1873, die Abänder- ung über da« Klassensteuergesetz im preußischen Abgeordnetenhause vor- geschlagen und genehmigt wurde, haben wir die weltbekannte Rede des damaligen Vizepräsidenten des preußischen Siaatsministeriums, des Herrn Camphausen, zu verzeichnen. Damals stand Herr Campbausen mit dem Fürsten Bismarck auf sehr vertraulichem gutem Fuß; es war noch nicht der kleine Zwiespalt zwischen den beiden Herren ausgebrochen. Herr Camphausen erklärte also als Vertreter der preußischen Regierung, daß durch die Annahme der Regierungsvorlage 7 bis 8 Millionen Menschen von der direkten Steuer befreit würden. Damit wurde anerkannt, wenn man die Familie zu drei bis vier Personen rechnet, daß es über zwei Millionen Haushalte in Preußen gab, die weniger Einkommen hatten als 140 Thaler. Sollte sich das jetzt so gebessert haben? Im Jahre 1878 hat man gesagt: der Freihandel hat alles verschlechtert! Also muß e» 1878 schlechter gewesen sein als 1873. Seit 1878 haben sich— da« können selbst die Herren auf der Rechten nicht anders sagen— die Verhältnisse in Preußen auch nicht so gebessert, daß die Bevölkerung viel mehr Einkommen hätte, und man kann daher wohl die Behauptung sich erlauben, daß, um etwa» rosig in Bezug auf die Nothwendigkeit neuer indirekter Steuern zu malen, der Herr Reichskanzler sich an die früheren Erhebungen nicht mehr erinnert hat. Wenn wir aber unsere Untersuchungen in der Lohnsrage und in dem Volkseinkommen hier mit- theilen würden— und da« wird ja bei anderen Gelegenheiteu des Näheren geschehen können—, dann werden Sie erfahren, daß ganze große Kreise existiren, in denen die Arbeiterfamilien im Durchschnitt wöchentlich nur 5 Mark haben. Um an Schlesien zu erinnern, so habe ich, bezüglich der dortigen Webergegenden, noch zu hoch gegrissen. Dorr sind Familien, die lediglich zur Miethe wohnen, die kein Häuschen, kein Gärtchen haben und von einem Durchschnittslohn von wöchentlich 4,30 Mark bis 4,80 Mark vollständig leben müssen. Das macht aber noch lange nicht die Summe von 140 Thalern aus, sondern ungefähr 300 bis 320 Mark. Es hat einer der Herreu Vorredner schon betont, daß da» abgeschlossene Wesen unserer büreaukratischen Elemente— je höher sie gestellt sind, desto abgeschlossener sind sie— Schuld daran ist, daß in jenen Kreisen so wenig Verfiändniß für die Lage des Volks zu finden ist. Darum wäre es gut, wenn jene Herren einmal den Harun al Raschid spielen möchten oder mit Sozialdemokraten auf Agitationsreisen gehen wollten; dann würden sie da« Bolkselend und die VolkSnoth richtig kennen lernen. (Herr v. Puttkamer schüttelt mit dem Kopf.) — Das ist allerdings kein großes Vergnügen, Herr Minister! Meine Herren, als der Herr Reichskanzler heute Ihnen mit großem Pathos erklärte, daß er die Massen vertrete gegenüber der Minorität, sagte er gleich darauf, er erkenne dadurch da« Prinzip der Majorität an, der Ackerbauer nämtich, aber er wolle auch da« Prinzip der Jntelli- genz, der Städte, und dann noch das Prinzip de« Einflusses d e r Wohlhabenheit mit anerkennen. Die großen Massen sind aber arm, und wenn man nun das Prinzip de» Einflüsse« der Wohlhabenheit anerkennt, dann ist man meiner Meinung nach nicht ein guter Vertreter der armen und enterbten Klassen, der Masse des Volks. Meine Herren, auch bat der Reichskanzler erklärt, daß die Klassen- steuer und die Kopfsteuer eine barbarische Einrichtung sei. Dabei hätte er sich bei Lassalle, den er ja, wie ich schon sagte, sich al« GutSnachbar wünschte, Raths erholen sollen und würde dann erfahren haben, was denn die indirekten Steuer» eigentlich seien. Lassalle hat das in seiner berühmten Rede„die indirekten Steuern" klar auseinander- gesetzt, daß die indirekten Steuern, besonders aus Lebensmittel u. s. w. gelegt, genau wie die K o p s st e u e r wirke», (sehr richtig! link«) und ich glaube, es wird da« nicht bestritten, von der Wissenschaft wenigstens bis jetzt nicht. Wenn aber die indirekten Steuern wie die Kopfsteuer wirken, so sind sie doch auch nach dem Ausspruch de« Herrn Reichskanzlers eine barbarische Einrichtung, und dafür er- kläre ich dieselben hiermit. Wenn dann Fürst Bismarck behauptete: lvährend die indirekten Steuern eine gleichmäßigere gerechtere Vertheilung der Besteuerung in sich selbst tragen— den Nachsatz habe ich mir nicht notirt—, dann möchte ich doch auf ein ganz einjaches Beispiel aufmert- sam machen, und zwar ein recht alles will ich herausgreifen, da« wirkt unter Umständen drastischer. Die Naturforscher haben ausgerechnet, daß eine Familie von fünf Köpfen ungefähr einen Zentner Salz im Jahre braucht; der Zenwer Salz wird aber mit K Mark besteuert, es zahlt also eine Arbeiterfamilie L Mark Salzsteuer jährlich. Rothschild und Fürst Bismarck, die vielleicht hundert Mal und noch viel mehr reicher sind, als ein niederer Lohnarbeiter, bezahlen aber auch nur L M. Salzsteuer, ich glaube sogar eher noch weniger, weil die Armen ihre Speisen mehr salzen müssen, da sie viele Kartoffeln essen müssen, die bekanntlich das meiste Salz bei der Zubereitung erfordern. Wie man da von einer gerechten Vertheilung der Steuern sprechen kann, und wie man da« sogar als„Anwalt des armen Mannes", als„Vertreter der Massen" aussprechen kann, das ist mir unbegreiflich. Es wäre jeden- falls vom Standpunkt des„Vertreters der Massen" und des„Anwalts des armen Mannes" viel besser, anstatt der indirekten Besteuerung die direkte, die progressive Einkommensteuer vorzuschlagen, die dann aber auch so zugespitzt werden müßt«, daß sie nach oben mit aller Schärfe wirkt. Meine Herren, wenn man sagt, daß Herr Rothschild drei Millionen Einkommen jährlich hat— was wä« denn daran ge- legen, wenn der Staat zwei Millionen davon für sich nähme? (Heiterkeit.) Hat der Mann denn mit einer Million nicht übergenug? Ich würde eine Million nicht auszehren können. Auch Fürst Bismarck würde bei einer solchen progressiven Einkommensteuer nicht gut wegkommen, er würde auch vielleicht einige hunderttausend Mark zahlen müssen von den Erträgnissen seiner Güter und seinem Gehalte; das wäre eines„Au- walts des armen Mannes" würdig, solche Vorschläge zu macheu. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Meine Herren, ich komme nun zum Schluß. Fürst Bismarck hat an den Patriotismus appcllirt in seiner vorgestrigen Rede und hat in war- men Worten an die liberale Seite des Hauses sich gewandt. Er hat dabei erklärt, daß die Kopfsteuer und die Klassensteuer die Auswanderung beförderten. Ich glaube, Fürst Bismarck bat Patriotismus, Vater- landsliebe verwechselt mit Liebe zur heutigen Regierung. Das Batcrlaod, je mehr es in Roth und Bedrängniß ist, liebe auch ich, lieben auch wir. Auf die Bemerkung des Fürsten Bismarck, daß die Klassensteuer viele Leute dazu treibe, dem Lande den Rücken zu kehren, erwidere ich, daß viel mehr Personen, und zwar mit die besten Söhne des Vaterlandes, vertrieben werden durch das politisch-reaktionäre Regiment, welches jetzt in Deutschland herrscht. (Sehr wahr!) Ich glaube, auch das deutsche Militärsystcni trägt mit zu der Auswan- derung bei; in jeder Zeitung lesen wir, daß man alljährlich einer großen Anzahl verschwundener Rekruren steckbrieflich nachstellt. Dann liegt eine Haupmrfache zur Ausivanderung in der P o l i z e i w i r t h s ch a s t, die jetzt in Deutschtand i n d e r unerhörtesten Weise herrscht, so daß viele Leute gern dem Vaterland den Rücken kehren. Aber glaubt I man durch solches Regiment Palriolismus erzielen zu können? Wie kann man erwarten, daß da« Balerland geliebt werden soll von ver- solgten und gehetzten Männern? Ein solches Baterland ist eine Raben- mutter für die Gehetzten und Verfolgten. So lange Sie das heutige Regiment und die jetzige Polizeiwirthfchasl nicht abschaffen, werden Sie keinen Patriotismus erwarten können. (Bravo!) Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 28. Juni 1882. — Willkommen! Willkommen dem Zuchthäusler, will- kommen dem Meineidigen! So rufe» wir au« vollem Herzen unseren wackeren Genossen Karl Ibsen entgegen, der am 2. Juli das Zuchthaus zu Kaffel verläßt, nachdem er daselbst zwei und ein halbes Jahr als„Meineidiger" ge- scheu. „Verlustig der bürgerlichen Ehrenrechte", tritt unser Genosse au» dem Zuchthaus in die„Freiheit", auf fünf Jahre hinaus hat man ihm das Brandmal der politischen Ehrlosigkeit aufdrücken wollen,— aber nicht e r ist e«, der fich an dem vergangen hat, was man die Gesetze der Ehre nennt, sondern diejenigen, welche über ihn zu Gericht saßen, die sich seme Richter nannten. Wir wollen dieses Schandstück deutscher Justiz, welches fich„Prozeß Ibsen" nennt und seinerzeit Hunderttausenden in Deutschland einen ge- rechten Schrei der Entrüstung entlockte, hier nicht noch einmal behandeln, aber wiederholen wollen wir hier znr Begrüßung Ibsens, was der „Sozialdemokrat" damals Uber sein Verbrechen schrieb:„Darum wird auch jeder vernünftige Arbeiter und Sozialdemokrat den„Verbrecher" nachverbüßtem Zuchthaus in seine Arme schließen— für uns j ist der Mann ein Märtyrer, kein Verbrecher!" Darum noch einmal: Willkommen dem Zuchthäusler! — A l s Gegenstück zu der in voriger Nummer mitgetheilten groß- artigen Demonstration der Berliner Arbeiter kann eine am 21. Juni stattgehabte Versammlung des„Verein« zur Wahrung der Interessen der Zimmerer Berlins" gelten. Ein Bortrag des Herrn H e n r i c i über „Herkunst und Sprache unseres Volkes" stand auf der Tagesordnung, und während die Judenhetze aus die„Gebildeten" unserer Nation noch immer ihre bekannte Anziehungskraft ausübt, blieben die rohen nnd un- gebildeten Arbeiter dieser Versammlung demonstrativ fern. Noch nicht 50 Mann hatten fich eingesunden, und selbst diese machten dem Vorstand nach stattgehabtem Vortrag, in welchem sich Herr Henrici mit Rücksicht aus sein Publikum jeder Abschweifung vom Thema enthalten hatte, leb- hafte Vorwürfe über Wahl de» Referenten und de« Thema'«.„Der Borfitzende", heißt es im Bericht der Berliner Zeitungen,„beklagte tief die außerordentliche Lauheit der Zimmerer, und meinte, daß wenn ein Vortrag Hasenclevers angekündigt wäre, der Saal die Zahl der Theil- nehmer kaum gefaßt haben würde." Dieser Vorwurf ist eine Ehre sür die Berliner Zimmerer. — E« lebe der Exekutor! Das ist unsere Losung im Gegensatz zu Bismarck, der dem Steuerexekutor den Krieg bis auf'« Messer erklärt hat. Der Steuerexekutor ist gewissermaßen der Gradmesser des öffent- lichen Wohlstands, wo selbst er nichts findet, da herrscht sicherlich Roth und Elend, und, wa« auch die Liberalen dagegen schreiben mögen, Bis- marck hat ganz Recht, wenn er aus der ungeheuerlichen Summe fruchtloser Exekutionen, beziehungsweise Pfändungen in Preußen den Schluß zieht, daß große Massen des Volkes so arm find, daß sie die Steuern nicht zahlen können. Da er die Armuth des Volkes weder abschassen kann noch will, so will Bismarck wenigstens den Steuerexekutor abschassen, «ine Maßregel, so schlau, als wollte Jemand den Thermometer abschaffen, w eil ihn die große Hitze plagt. Es ist etwas Fatales mit der direkten Steuer, das begreifen wir sehr wohl. Sie zeigt dem Volk, wa« ihm seine theuere Herren Regierer kosten, und den Herren Regierern zeigt sie mit unverkennbarer Beweiskraft, wo etwa« saul ist im Staate Dänemark; sie benimmt ihnen das bequeme„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß". Darum weg mit dieser„barbarischen" Steuer, ziehen wir lieber als zivilisirte Bolksaussauger dem armen Mann da» doppelte und drei- fache auf indirektem Wege au» der Tasche! Das ist der Grundtext zu Bismarcks rührender Melodie, mit welcher sich übrigens seine Standes- genossen mastbürgerlicher Linie— auch ich bin ein Schnapsbrenner!— immer mehr aussöhnen. Die großprotzigen Organe,„Kölnische Ztg.", „Augsburger Allgemeine",„Hamburgischer Korrespondent" rücken eine« nach dem andern mit der Erklärung herbei, es sei wirklich kein schönes Bild, welches die Steuerlabellen ausweisen, darum also nieder mit dem — Thermometer! W i r haben natürlich keinen Grund, den Thermometer de« öffentlichen Wohlstandes oder richtiger de« öffentlichen Roth standes beseitigt zu sehen: so lange der Nothstand besteht, soll und muß er auch aller Welt zum Bewußtsein gebracht werden. Betrachten wir daher das Bild, welche« unfern Staatsweisen, und mit Recht, heut so viel Kopfschmerzen macht, gleichfalls etwas näher: »Im vcrstossenen Jahr 1881", heißt es,„gliederte» sich die Einkommen der Erwerbenden, Selbstthätigen(in Preußen) so, daß unter den letzteren waren: Erwerbende Prozent der Gesammt- zaht. Sleucrbejreite*) 3,931,231= 42*94 klassensteuerpflichtig; 1. Stufe: 420- 660 Mk. 2,709,972— 29,60 zusammen dürstige 6,641,203-- 7�54 kleine: 660—1500„ 1,959,866= 21,41 mittlere: 1500—3000„ 376,827--- 4,11 einkommensteuerpflichtig: gute 3000—9600„ 155.394= 1,69 reichliche: 9600—36000„ 20,124— 0,22 sehr große über 36000„ 2,471— 0,03 9,155,885= 100. Also die dürstigen und die kleinen Einkommen zusammen machen schon 93,95 Prozent der gesummten Erwerbenden au«. Nicht wahr, das sind häßliche Zahlen sür die Vertreter der heutigen besten aller Welten? Vorsichtigerweise unterlassen sie dabei noch die Summe des Einkommen« der 2471„sehr Großen" anzugeben, dieselben würden nicht nur einen hübschen Kontrast zu der ungeheuerlichen Zahl der kleinen und dürftigen Einkommen abgeben, sondern auch zeigen, wie lächerlich gering diese„sehr Großen" im Berhältniß zu den Kleinen und TUrstigen besteuert sind. Und nun bedenke man, daß die halbe -Million jährlicher fruchtloser Exekutionen, die schlechtest Situirten, die 42,94 Prozent der selbstthätigen Staatsbürger, da dieselben über- h