Erscheint »Schentltch einmal in Zürich(Schweiz) Ytdag «olktbuchhandiung Hottingen-Züri». N»itseil!>llllgtll franco gegen franco. Gewöhnliche Briese nach der Schweiz loste» Doppelporto. Der SoMemckmt Kentrat-Hrgan der deutschen Sozialdemokratie Avonnements werden nur beim Verlag und dessen bekannten Agenten ent- gegengenommen und zwar zum vorau» zahlbaren VierteljahrSpreis von: Fr. 2.— für die Schweiz(Kreuzband) Ml. 3.— sür Deutschland(Souvert) st. 1. 70 für Oesterreich(Couvert) Fr. 2.50 sür alle übrigen Länder de» Weltpostverein?(Kreuzband). Zuseratt Die dreigespaltene Petitzeile 25 Cts. � 20 Pfg. R: 30. Zlonnerftag, 20. Juli. 1882 Ali»«, die Ad«i»tiic««nd A»rres?iudtlltell de»„Zosialdemodrai". Da der.Sozialdemokrat� sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich verboten ist. bezw. verfolgt wird, und die dortigen Behörden sich alle Mühe geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp. Briefe von dort an uns und unsere Zeitungs- und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äußerste Vorficht im Postverkehr nothwendig und darf keine Vorsichtsmaßregel versäumt werden, die Briefmarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt der Sendungen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen. Haupterforderniß ist hiezu einerseits, daß unsere Freunde so selten als möglich an den.Sozialdemokrat-, resp. desien Verlag selbst adresstren, sondern sich möglichst an irgend eine unverdächtige Adresse außerhalb Deutschlands und Oesterreichs wenden, welche sich dann mit uns in Verbindung setzt; anderseits aber, daß auch uns möglichst unverfängliche Zustellungsadressen mitgetheilt werden. In zweifelhaften Fällen empfiehlt sich behufs größerer Sicherheit Rekommandirung. Soviel an unS liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um trotz aller entgegen» stehenden Schwierigkeiten den.Sozialdemokrat- unfern Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern. Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Nachtrag zu den Fondsquittungen. In der vorigen Quittung find unter UntersttitzungS-Fond« Mk. 66.67 von Dr. M. Fürth gebucht; dieser Posten ist indessen sür Nürnberg und dem Wahlfonds zu quittiren. Zum selben Fonds ist nachzutragen: Dr. M. Fürth Mk. 30.—. Ferner sind für den U n t erst ll tz u n g? f o n d s noch zu quittiren: Cassel Mk. 10,—. Erfurt,„Da« Banner hoch!" 20,—. Görlitz 5,—. Nürnberg 38,—. K. Braunschweig S0,—. Zum W a h l f o n d«: Mainz durch Kr. Mk. 100,—. Wie schaut's aus? Die europäische Zivilisation hat einen ihrer schönsten Siege errungen: Alexandrien liegt in Asche und Trümmern, die Zahl der von hüben und drüben Ermordeten beläuft sich nach Tau- sende». Die Bourgeoisiepresse ist voll des Gezeters über die Greuelthaten, welche die eingeborene Bevölkerung Alexandriens gegen die zurück- gebliebenen Europäer verübt haben soll. Selbst abgesehen von den gewohnheitsmäßigen Uebertrelbungen sind ja sicher Bruta- litäten entsetzlichster Art verübt worden, haben aber diejenigen, welche den Fanatismus bis aufs höchste gereizt haben, ein Recht, sich über den Ausbruch desselben zu beschweren? Fest steht, daß die englischen Bomben nicht nur die Forts von Alexandrien demolirlen, sondern gerade im egyptischen Theile der Stadt ge- waltige Verheerungen anrichteten. Nun, wo finvet sich eine Be- völkerung, welche ein Bombardement mit philosophischer Seelenruhe erträgt, welche nicht auf's Aeußerste angestachelt wird, wenn die Bomben rings um sie herum einschlagen, Menschen und Menschen- werk vernichtend! Ist es nicht nur zu begreiflich, daß sie sich in ihrer Ver- zweiflung an den Bundesgenossen der Bombardircr zu rächen suchen wird, solange sie diese in der Gewalt hat? Und dabei ist es noch gar nicht feststehend, daß es wirklich Egypter waren, welche die Massakres verübten, oder ob diese nicht vielmehr lediglich auf Konto des aus den Gefängnissen ausgebrochenen Gesindels, zum größten Theil europäischen Ursprungs, zu setzen sind, dem sich die in Alexandrien massenhaft vertretenen berufsmäßigen Spitzbuben— d. h. die kleinen, die großen waren ja schon fort— aus aller Herren Länder zugesellten. Für den deutschen Militarismus ist es bezeichnend, daß selbst liberale und fortschrittliche Organe ohne jedes Bedenken für die Bombardirung Alexandriens eintraten und diese auch später mit wahrhaft frenetischem Jubel begrüßten. In diesen Leuten stecken die Traditionen der preußischen Zündnadelkultur noch so fest, daß sie für eine andere Aktion als die brutalmilitärische gar kein Verständniß haben. Daher wird auch Bismarck so leicht mit ihnen fertig. Während in England selbst dieministeriellen „Daily News" offen vor dem Bombardement warnten, behandelte man in Preußen dasselbe als ein harmloses Intermezzo.*) Von dem Gehetz der rein kapitalistischen, insbesondere der Börsen- presse sehen wir ganz ab. So widerlich es auch war, so liegt eS doch zu sehr in der Natur der Kapitalhyänen, als daß wir unS darüber verwundern sollten. Alexandrien liegt in Asche, die egyptische Frage aber ist damit nichts weniger als gelöst. Die Herren von der Konferenz haben Uch natürlich mir süßsaurer Miene in die von England geschaffene vollendete Thalsache geschickt, und, wie es heißt, wollen sie auch den Wünschen Englands entsprechen, diesem nebst Frankreich die „Wiederherstellung der Ordnung" in Egypten auftragen. Mit anderen Worten heißt das die Theilung Egyptens, bezw. die Annexion von Suez durch die Engländer. Letztere hätten als- dann ein glänzendes Geschäft gemacht. Halten sie Suez besetzt, so haben sie natürlich die 176,602 Suezkanal-Aktien nicht mehr nöthig, welche fie im Jahre 1875 dem verschwenderischen Khedive Ismail um 100 Millionen Franken abkauften, d. h. um ca. 566 Franken pro Aktie. Heute stehen dieselben ca. 2540— die Börse hat beiläufig die Einäscherung Alexandriens durch eine kleine Hausse gefeiert— schlägt England dieselben aber nur zu 2000 los, so kann es nicht nur die Kriegskosten, voraus- gesetzt, daß die Sache glatt abläuft, herausschlagen, sondern uoch einige Millionen baaren Profit einsacken. Einige Millionen Profit— was heißen da die lumpigen paar tausend Leichen! Jndeß, mögen sie nicht zu früh frohlocken, die schlauen Rechen- l»! der Themse! Noch ist die Möglichkeit nicht aus- ener � die Egypter unter Arabi Pascha zu einem den �'derstand aufraffen; und gelingt es denselben gar, > erftand auf die übrige muhamedanische Bevölkerung S>mi5 Heulmeiern dieselben Schreier allerding«, daß e« einen dement r mächte. Aber wa« sie bejammern, ist nicht das Bom bar- völkerung. dessen üble Folgen sür die- Europäische- Be- Afrika's auszudehnen, dann heißt es für England nicht nur Profit, sondern noch etwas ganz Anderes Ade!— Das neue Unterdrückungsgesetz gegen Irland ist mittlerweile glücklich fertiggestellt und verkündet worden, der Vizekönig von Irland hat denn auch sofort über dm größten Theil Ost- und Südirlands den Belagerungszustand verhängt, in 17 Graf- schaffen kommt das neue Zwangsgesetz bereits zur Anwendung. Mit der Pachtentschädigungsbill, die gleichzeitig mit dem ZwangS- gesetz in Kraft treten sollte, haben es die Herren Gesetzgeber weniger eilig. Tont corame chez nous! würden wir sagen— denn bei uns lassen die als Pflaster auf das Sozialistengesetz versprochenen arbeiterfreundlichen Maßregeln noch immer auf sich warten— wenn diese letzteren überhaupt mehr wären als purer Schwindel. In Frankreich ist der Jahrestag des Bastillesturms als ein wirkliches Volksfest von der gesammten republikanischen Be- völkerung gefeiert worden. Die Proletarier vergaßen für einige Tage ihr Elend und freuten sich der wenigstens auf politischem Gebiet gemachten Fortschritte. Einige von den Anarchisten und Blanquisten, die zu immer größerer Bedeutungslosigkeit zusammen- schmelzen, verbreitete Revolutionsplakate, fanden die Beachtung, welche sie verdienten nämlich keine; die Arbeiter haben keine Lust, ihr Organisationswerk durch kindische Putsche zu unterdrücken. Gerade am 14. Juli fand in Paris ein von 40 Delegirten besuchter Kongreß der Hutmachergehilfen statt, auf welchem eine Organisation der über ganz Frankreich ausgedehnten Hutmacher- gewerkschaft begründet wurde. Hocherfreuliche Fortschritte macht die Gewerkschaftsbewegung in Spanien. So bestand vor nicht allzulanger Zeit im Buch- druckergewerbe in ganz Spanien nur ein Verein, und zwar der Madrider; seit etwa Jahresfrist aber sind jetzt auch die Buch- drucker von Saragossa, Barcelona, Valencia, Lerida, Huesca und verschiedenen anderen Orten organifirt, in anderen wie Granada, Malaga, Sevilla, Valladolid sc. sind Organisationen in Vorbe- reitung, und im September dieses Jahres, soll ein allgemeiner Kongreß der Buchdrucker stattfinden zur Gründung eines spanischen Buchdruckerverbandes. Eine mächtige Förderung erhielt diese Organisationsbewegung durch den Streit oder vielmehr durch dm versuchten Arbeitsausschluß in Madrid. Das Austreten der Prinzipale und die schamlose Unterstützung derselben durch die Regierung, welche das Komite der Arbeiter verhaften ließ, er- regten im ganzen Lande einen Sturm der Entrüstung. Von allen Seiten flössen Unterstützungen nach Madrid, so daß der Streik heute als gewonnen betrachtet werden kann. Die meisten Druckereien haben dm Tarif der Arbeiter akzeptirt. Aehnliche Nachrichten liegen von anderen Gewerbsbranchen vor. Die Bauhandwerker, die Schuhmacher, die Metallarbeiter, die Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter besitzm ganz stattliche nationale Gewcrkschaftsorganisationen, in denen ein durch und durch sozialistisch-revolutionärer Geist weht. Im Nachbarlande Spaniens, im industriell wenig entwickelten Portugal, macht neben der sozialistischen, nammtlich die politisch- radikale Bewegung starke Fortschritte. Die Entrüstung über die Regierung, welche sich von der gefügigen Kammer jüngst eine Reihe indirekter Steuern bewilligen ließ, wächst von Tag zu Tag. So wollte der König, um die Bevölkerung der Provinz Porto zu beruhigen, am 9. Juli dorthin reisen, aber angesichts der tiefen Gährung im Volke hat er, wie der„Egalitü* von dort geschrieben wird, diesen Plan aufgegeben. In Malgaza, Monsoa, Villa-Verde, Barcelos und Braga hat das Volk die Kornwucherer zur Herabsetzung der Kornpreise mit Gewalt gezwungen. In Lissabon fand jüngst anläßlW der Freilassung einiger Sozia- listen eine großartige Demonstration statt. Seitdem ist das Singen der Marseillaise in Lissabon verbotm. In Italien nimmt die Landarbeiterbewegung immer größere Dimmstonen an, so daß in neuerer Zeit die Regierung zur Erkenntniß gekommen, daß mit dem einfachen Auseinanderjagen der wehrlosen Arbeiter durch Truppen die Frage in keiner Weise gelöst wird. Sie beginnt also, dieselbe zu„studiren", was indeß wenig helfen wird, da es der Ausbeutungssippschaft weniger an Erkenntniß des Uebels als am guten Willen zur Abhilfe mangelt. Freiwillig werden dieselben auch niemals auf ein Titelchen ihres heiligen Ausbeuterrechtes verzichten, und einen Zwang auf fie auszuüben, dazu ist das gerade auf die Bour- geoiste angewiesene„parlamentarische Königthum" absolut außer Stande, das vermag nur eine auf die große Volksmasse gestützte Regierung, d. h. die siegreiche Revolution. Die revolutionäre Propaganda greift daher aller Verfolgungen ungeachtet, immer mehr um sich. Der Feldzug, welchen unser wackeres Bruderorgan, der „Avanti" von Jmola, gegen die italienischen Ausnahmegesetze untemommm hat, hat bereits bedeutende Erfolge aufzuweisen. Am 25. Juni fand eine große Voltsdemonstration gegen dieselbe in Jmola statt, zu welcher aus allen Theilen Italiens Delegirte oder Zustimmungsschreibm eingeiroffen waren. Die Zahl der vertretenen Vereine belief sich aus mehrere Hunderte. Einstimmig jubelte die Kopf an Kopf gedrängt stehende Menge unserem Ge- nossen Andreas Costa zu, als er am Schluß der Versamm- lung fragte, ob sie die Ausnahmegesetze und die Ursache der- selben: das Elend, die Unwissenheit und die Ausbeutung ab- geschafft haben wolle. Die gesammte Presse Italiens war gezwungen, von dieser Massmversammlung Kenntniß zu nehmen und in immer weitere Kreise der Bevölkerung dringt die Mißstimmung gegen das be- rüchtigte Verwarnungs- und Polizeiaufstchtsgesetz. Aus Oesterreich-Ungarn liegen zwar, was die innere Parteibewcgung anbetrifft, wenig erfreuliche Nachrichten vor; in den Hauptstädten Wien und Budapest liegen sich die Sozialisten in den Haaren, und zwar sind es in ersterer Stadt die bekanten „sozialrevolutionären" Phrasen, welche einzelnen Arbeitern noch immer im Kopfe spuken und so die Veranlassung zu immer neuen Konflikten geben. In der Provinz sind die Arbeiter fast durch- gängig vernünftiger, und wir hoffen, daß ihr Beispiel auch schließlich auf die Hauptstädte zurückwirken wird. Im Uebrigen herrscht in Oesterrcich-Ungarn soviel Roth und Elend auf der einen und soviel Korruption und Niedertracht auf der anderen Seite, wie wohl in gleichem Maaße in keinem anderen Lande. Wie es in Deutschland steht, wissen unsere Leser. Politisch sind die Arbeiter der elementarsten Rechte beraubt, wirthschaftlich wird ihre Lage von Jahr zu Jahr eine schlechtere. Angeblich beschäftigen sich zwar alle Parteien mit der sozialen Wohlfahrt des Volkes, aber weil sie es eben alle thun, richtet keine etwas ordentliches aus; die Arbeiter bleiben nach wie vor darauf an» gewiesen, ihre soziale und politische Befreiung aus eigener Kraft zu erringen. Und die Arbeiter sind sich auch zum größten Theil dieser Aufgabe bewußt und entschlossen, sie, komme was da wolle, mit Energie durchzuführen. Der Zerfahrenheit der Herr- schenden Klassen steht in Deutschland heute eine einheitliche kämpf- sähige Arbeiterpartei gegenüber. Und Rußland— was sollen wir noch von Rußland sagen, wo fast jeder Tag eine neue Unterdrücknngsmaßregel der Re- gierung meldet, das heißt, wo dieselbe jeden Tag ihre wachsende Unsicherheit bekundet? Jever Hinweis auf die bevorstehende oder vielmehr sich vor unfern Augen vollziehende Revolution in Rußland würde fast banal klingen, so sehr ist heute Jedermann von der UnHaltbarkeit der jetzigen Zustände in Rußland über- zeugt. Das ist das Bild, welches die sogenannten Großstaaten Europas im gegenwärtigen Moment darbieten. Je größer an- scheinend, d. h. der Form nach, die Macht und der Einfluß ihrer Regierer, um so gründlicher ist deren Herrschaft unter- graben. So mächtig sie sich auch nach Außen hin geberden, im Innern nagt uiiter verschiedenen Formen ihnen allen der gleiche Wurm am Herzen: das Streben der untern Volksmassen nach politischer, sozialer und intellektueller Befreiung. Dieses Streben ist-aber mit den heutigen Staatseinrichlungen nicht ver- träglich. Je offenbarer der Gegensatz, um so heftiger auch der Kampf der Volksmänner gegen die Machthaber. Dieser innere Kampf, das Bewußtsein, einen unversöhnlichen Feind im Innern zu haben, ist es auch, der die europäische Diplomatie heute so un- endlich schwächt, kein Staat wagt es heule, ernsthaft mit einem andern anzubinden, aus Furcht vor der Revolution zu Hause. Die Furcht vor der Revolution ist die Garantie des europäischen Friedens. Jndeß, der Frieden ist keine Garantie gegen die soziale Revo- lution. Sie ist unvermeidlich, denn sie ist zur Nothwcndigkeit geworden. Die Reformen, welche die herrschenden Klassen gut- willig den Arbeitern zugestehen, sind in jeder Beziehung unzu- reichend, mit derartigen Mitteln werden Roth, Elend und Un- wissenheit nicht aus der Welt geschafft. Zur irischen Bewegung. I Ist sie in der That aussichtslos V Kann sie nur entweder zu einem mehr oder weniger faulen Kompromiß mit dem englischen Liberalis- mns fuhren, oder zu einem Putsch, der unzweifelhaft ein klägliche« Ende nehmen würde? Wir glauben, daß e« einen dritten Weg gibt, und wir hoffen, daß er beschritten wird. Wa» ist das Ziel der irischen Beweguug? Dem Volt da» Land zurück- zuerobern, welche« ihm von den LandlordS, namentlich den englischen, geraubt worden ist. Nach dem Programm der Landliga sollte die« dadurch geschehen, daß den Pächtern mit Hilfe und Unterstützung des Staat« ihr Pachtland zu„freiem Eigenthum" gegeben, und aus diese Weise ein sogenannter„freier Bauernstand" gegründet würde. E« ist die« beiläufig eine alte Forderung de« englischen Liberalismus, mit dem Herr Parnell und Co. sich sonach iu vollständiger Harmonie befinden. „?lis land kor the people"— da« Land sür das Volk— da« Schlagwort der irischen Landliga war schon vor 30 Jahren das Schlagwort der englichen Liberalen vom Schlag de« Herrn Bright, die es ihrerseits den Chartisten entnommen oder gestohlen haben. Nur daß die Chartisten, wenn auch konfus, doch etwa« andere« darunter ver- standen, al» die englischen Liberalen, die, als gute Bourgeois, natürlich dem Volke blo« eine Lockspeise darreichen wollten, damit e« ihnen helfe, der Aristokratie da« Land abzujagen. Gehörte da« Land einmal dem �.Volk", so mußte es, nach dem Grundsatz der Bourgeoisökonomie, sehr bald in den Besitz der Herren Bourgeois kommen, denn wovon sollen die Proletarier sich Land kaufen oder es behaupten. Und Herr Parnell scheint uns ein ebenso guter Bourgeois zu sein wie Herr Bright. Doch lassen wir das— die Verwirklichung des Parnell'schen Plans konnte(oder kann) günstigstenfalls nur momentane Besserung schaffen: die in förmliche Eigenthllmer verwandelten Pächter würden sehr bald durch die Konkurren; der großkapitalistischen Agrikultur erdrllckt und in dasselbe Elend zurückgedrängt werden, in welchem sie jetzt versunken sind. Deshalb war es ein großer Fortschritt, daß Michael Davitt, der tüchtigste Agitator der Landliga und, wenn auch von Bourgeoisideeu angekränkelt, doch nicht ganz von ihnen durchseucht, vor Kurzem in seiner bekannten Liverpooler Rede ein weitergehendes Programm aus- stellte,«eine Ausführungen lassen sich in folgende Sätze zusammen- fassen: „Der Staat muß und wird der Verwalter de» nationalen Grund- eigenlhums werden: Farmer und Landarbeiter würden sicher sein, den vollen Ertrag ihrer Arbeit zu erhalten, und Nicht-Landarbeiter würden von aller Steuer befreit werden. Irgend einer Klasse von Menschen zu erlauben, da» Land als absolutes Eigenthum zu besitzen, ist unvereinbar mit der Freiheit und Wohlfahrt der Menschheit. Der Werth des Landes entspringt dem Anwachsen der Bevölkerung und der Industrie in der Allgemeinheit und sollte daher auch dieser letzteren und nicht einer ein- zelnen Klasse zugehören." Unmittelbar nach seiner Liverpooler Rede reiste Davitt nach den Ver- einigten Staaten, wo er jetzt agitirt. Obgleich fem Programm mit dem Parnell's, welches bisher das der Landliga war, unmöglich in Ueberein- stimmung zu bringen ist, so hat doch ein Bruch noch nicht stattgefunden; und Davitt, der in New-Iork von einem der Redakteure der„New-Dorker Volkszeitung"„interwiewt" wurde, bestreitet sogar, daß sein Pro- gramm mit dem Parnells in Widerspruch stehe. Hören wir zunächst die„New-Iorker Volkszeilung", die in einem Artikel betitelt„Zwei Seelen in einer Brust", über das Vor- gehen und die Stellung Davitt's sich also ausspricht: „Soweit das— in Liverpool entwickelte— Programm Davitt's von den Agrarforderungen des Sozialismus auch entfernt ist,— denn es weiß nichts von K o m m u n a l b e f i tz und läßt nach wie vor die Far- mer als Privat besitzer und die Landarbeiter als Proletarier bestehen, so lag doch in der Forderung der Nationalisirung des Landes an und für sich schon ein bettächtlicher Unterschied gegen den Sinn, den die Landliga Führer unter Paruell's Hegemonie bis dahin dem Schlag- Worte:„tho land for the people" beigemessen hatten. Parnell ver- steht darunter uneingeschränkten K l e i n g r u n d b e s i tz der Farmer, Davitt macht das Land zu S t a a t s e i g e n t h u m und die Farmer zu Pächtern des Staates, d. h. des g e s a m m t e n Volkes. Während also Parnell's Plan schließlich nur auf eine Substituirung der paar Hundert großen Landlords durch Tausend kleinere hinausläuft, liegt in dem Programm Davitt'» die Anerkennung de» Prinzips, daß, wie da« Land seinen Werth der Arbeit der Gesammtheit verdank!, so auch der Gesammtheit das Recht des Eigenthums aus da« Land, d. h. das Recht der Verwaltung und der V e r t h e i l u n g des Besitzes, wie es da» Jnter- esse der Gesammtheit erfordert, vorbehalten bleiben muß. „In diesem Kernpunkte seiner Rede mußte Davitt mit Parnell in Widerspruch treten— eine Thatsache, die Parnell selbst in seiner„Jnter- view" mit dem„Herald"-Korrespondenlen anerkennt. „Anderseits ttal Davitt ein anderes Dilemma entgegen. Der„Staat" in Irland ist vorläufig— die englische Regierung. Indem er die Ver- staatlichung des Landes befürwortete, muß er also entweder gleichzeitig mit dieser auch die nationale Unabhängigkeit Irlands sordern oder aber sich dem Vorwurfe aussetzen, er wolle die verhaßte englische Regie- rung zum einzigen irischen Landlord machen. „Während also Davitt eineStheils in dem BourgeoiSstügel der Land- liga in den Geruch des Kommunismus kam, mußte er anderntheils ent- weder mit den Nationalen in Kouslikt kommen oder sich als Hochverräther und Revolutionär erklären. „Davitt ist aber nicht nur Denker und Agitator, sondern auch prak- tischer Politiker. In letzterer Eigenschaft ist es ihm vor Allem darum zu thun, eine Spaltung in der Landliga zu verhüten. Es hat fast den Anschein, als hätte er ursprünglich selbst kaum die ganze Tragweite des von ihm in die Bewegung geschleuderten Grundsatzes, wie auch den Ein- druck, den derselbe aus die Masse ausüben würde, ermessen. Nun sucht er einen Weg, um den prinzipiellen Unterschied zwischen ihm und Parnell zu Überbrücken, alle anderen praktischen Schwierigkeiten, die ihm in den Weg treten, zu überwinden und die Widersprüche zu versöhnen. So kommt es denn, daß, während Partiell seine Ueberzeugung ausspricht, Davitt werde seinen Plan al«„unausführbar" ausgeben, Davitt die Zuverficht hegt, Paruell's Parzellenwirthschaft werde naturgemäß zur Nationalisirung de« Landes führen müssen. „Daraus erkläre» sich die scheinbaren Widersprüche, die ängstliche Ab- wehr aller„kommunistischen Theorien" in seiner Unterredung mit uns. Es„wohnen eben zwei Seelen in seiuer Brust". Der Politiker möchte Das retten, was der logische Geist des Denkers umstößt und zerstört, er möchte den gewaltige» Geist bannen, de» er selbst heraufbeschworen— den Geist des Sozialismus. „Dies wird ihm aber nicht gelingen. So wie es keine Macht gibt, die den Blitz, der zur Erde hernicderzuckt, wieder in die Wolke, der er ent- fahren, zurückzudrängen vermag, so kann auch eine erleuchtende Idee, nachdem sie eine gewallige Volksbewegung durchdrungen, weder zurückgenom- men noch verdunkelt werden. „Die Saat ist gesäet. Die Ernte wird nicht ausbleiben." So die„Newyorker Volkszeituug". E« ist vollkommen richtig, daß eine Versöhnung des Parnell'schen uud de» Davilt'schen Progammes nicht möglich ist. Eine» muß dem andern geopfert werden. Gelingt es nun Davitt, selber zur vollen Klarheit zu gelangen und die Massen iu Irland für seine Auffassung zu gewinnen, so wäre unserer Ueberzeugung nach die Mög- lichkeit einer radikalen und revolutionären Lösung der irischen Frage geboten. Wie das Parnell'sche Programm die englische liberale Bourgeoisie für sich hat, so würde das Davitt'sche Programm, konsequent ent- wickelt, das englische Proletariat für sich haben.„Nationa- lifirung des Lande»", d. i. Rückeroberung des Landes durch und für das Volk, das ist die immer und immer wieder auftauchende Forderung des englischen Proletariats. Wir wollen hier die Gründe nicht untersuchen, warum in England seit dem Fiasko des Chartismus keine große proletarische Bewe- guug gewesen ist— genug: die Elemente und die ökonomischen Bedingungen sind vorhanden, reichlich vorhanden, e« fehlt nur der A u st o ß, eine treibende Kraft,— und diese könnte durch Irland geliefert werden. Im Rahmen einer nationalen Bewegung läßt die„irische Frage" sich nun einmal nicht löse». Wird dies vom irischen Volt begriffen, werden die Bourgeois führer vom Ruder entfernt, bietet das irische Volk dem englischen Proletariat die Bruderhand,*) geht die irische Bewe- *) Auch in dieser Beziehung ist gerade Michel Davitt den übrigen Führern der irischen Landliga voraus. In N e w- A o r k hatte er sich u. A. auch gegen den Vorwurf der„Allianz mit England" zu verant- Worten. Er lhat die« nach der„New-Uorker VolkSzeitting" mit folgenden Worten: „Ich konstatirc, daß ich in dem englischen Arbeiterstande unseni Bundesgenosse», nicht aber unsern Feind erblicke. Wenn ich bestrebt war, die Sympathien der englischen Arbeiter zu gewinnen, so that ich dies, um Bundesgenossen zu gewinne», und zu keinem anderen Zweck." gung in die große proletarische Bewegung über, gestaltet sie sich, vom religiösen und nationalen Krimskrams befreit, zum Klassen- kämpf und wird der Schwerpunkt der Bewegung nach England verlegt, dann kann und wird der Sieg errungen werden. Vereint mit dem englischen Proletariate wird das irische Volk seine Emanzipation bewerkstelligen und gleichzeitig die Emanzipation des eng- lischen Proletariats bewerkstelligen helfen und damit, beider dominirenden ökonomischen Position Englands, Bahn brechen für die inter- nationale Berni chtung der Bourgeoisherrschaft! -mU lieber die gegenwärtige Stellung der Sozialdemokratie im Reichstag schreibt uns einer unserer Abgeordneten: Im Leitartikel der Nr. 29 de« Parteiorgans finde ich solgende Stelle: „Man frage unsere Abgeordneten! Noch nie, seit Sozialisten im deutschen Parlament sitzen, wurden sie von den verschiedenen Parteien desselben ohne Ausnahme mit so ausgesuchter Zuvorkommenheit behandelt, als iu der letzten Session— im vierten Jahre des Ausnahmegesetzes!" Ich kann diese Thatsache, ihrem Sinne nach, nur bestättgen, und dürfte es die Parteigenossen iuteresfiren, einige Einzelheiten in dieser Richtung zu erfahren. Man wird sich erinnern, daß die Stellung unserer Bertteter in den ersten Jahren des Parlamentes— vor 1870— als erst ein paar ver- einzelte Sozialdemokraten aus den Reichstagssesseln Platz genommen hatten, eine verhältnihmäßig günstige war. Man betrachtete sie wie eine Art Naturwunder, amüsirte sich an ihren„schwärmerischen",„gruseligen" und doch so„gefahrlosen" Reden und ließ sie deshalb ziemlich zum Wort kommen. Aber das änderte sich bald, al» das Häuslein der Sozialdemokraten mit jeder Neuwahl größer wurde. Mit der eingebildeten„Ungefährlich- keit" des Sozialismus hörte auch der Spaß auf, und die rothe Ecke be- kam die ganze Gewaltthätigkeit der durch die Bedrohung ihres Besitz- stände» gereizten herrschenden Parteien zu kosten. Da« Unterbrechen, Niederlärmen und Wortabschneiden kam in Schwung und wurde das beliebteste Kampfmittel gegen den Sozialismus. Bor allem zeichneten sich in der Handhabung dieser edlen Waffen die Herren Nationalliberalen au«, die damals noch nicht„an die Wand gedrückt" waren. Ihr Präsident Forcken deck gab selbst den Ton dazu an; er war das Muster eines parteiischen, die Minderheitsparteien und vor allem die Sozialdemokratie brutalisirendeu Vorsitzenden. Drei unter vier Malen schnitt er unsern Abgeordneten da« Wort ganz ab; konnte er es ihnen aber gar nicht verweigern, so stellte er sich, die Hand an der Glocke, drohend hinter ihnen auf und unterbrach sie bei jeder Gelegenheit unter den uichttgsten Borwänden. Und der Troß seiner Partei zeigte sich des edlen Führer» vollkommen würdig. Sobald ein sozialistischer Redner auf der Tribüne erschien, organifirte sich der wohlgeschulte Choru«, und nun begannen alle die manuichfaltigen Register der parlamentarischen Rohheit: rücksichtsloses Lantschwätzen, wieherndes Gelächter, Poltern und Trampeln, erheuchelte „Enttüstungs"-Ruse, Zischen, Unterbrechungen aller Art und natürlichst klingende lhierische Laute jeder Gattung in bunter Abwechslung zu spielen. Es war damals die Zeit, wo sich der besoffene Braun(„unser Braun") unmittelbar vor dem redenden Bebel auspflanzen, ihn auf's bübischste anblöken uud durch die verschiedensten Grimmassen und Zurufe systematisch zu stören und irre zu machen suchen konnte,— ohne daß der edle Präsident das Geringste dagegen einzuwenden hatte und unter dem Beifall der würdigen Volksvertretung. Beleidigungen und unverschämte» Benehmen gegen sozialistische Abgeordnete waren nichts Seltene«; wollte doch u. A. ein„liberales" Mitglied den Sozialdemokraten sogar da« Betreten des von seiner Fraktion eingenommenen Theiles de« Saales verbieten und Bebel gleich einem Bedienten wegjagen. Mau bezeichnete uns als vom Reichstag nur„geduldete Gäste", die baldmöglich wieder hinauszuwerfen seien, und der Dirigent der ganzen Komödie nannte uns geradezu„Banditen".- Und nun vergleiche man unsere heutige Stellung mit derjenigen von damals. In den beiden letzten Sessionen ist uns niemals das Wort wirtlich abgeschnitten worden; nur ein einzigcsmal machte man den Versuch dazu, der aber infolge unserer Haltung schnell wieder ausgegeben wurde. Sonst ist in jeder Diskussion Einer, bisweilen auch ein Zweiter von uns zum Worte gekommen. Und wenn der Reichstag auch noch himmelweit von einer wahrhasten, d. h. vollständigen Redefreiheit entfernt ist, so muß man doch zugestehen, daß der jetzige konservative(I) Präsident sich im Allgemeinen anständig und verhältnißmäßig unparteiisch gegen uns be- nimmt. Der Reichstag aber hört unsere Redner durchweg mit großer Aufmerksamkeit und lauscht ihnen eisriger als den meisten Rednern der anderen Parteien, die sogenannten„Größen" natürlich ausgenommen. Ja, e« geht selten eine sozialpolitische Rede vorüber, von der nicht ein Theil auf der rechten, ein anderer auf der Linken Zustimmung fände. Die Haltung der anderen Parteien und ihrer Mitglieder im offiziellen wie im persönlichen Verkehre mit uns„Gemeingefährlichen" ist zwar selbstredend eine ziemlich förmliche, aber höfliche, oft zuvorkommende. Ja, die„Kollegialität" geht sogar soweit, daß häufig, wenn eine Partei gegen einen unserer Anträge austtitt, ihr Führer vorher zu uns kommt und die ablehnende Haltung seiner Partei damit entschuldigt, daß dieselbe „auf sachliche Beweggründe, nicht auf persönliche Feindseligkeit gegen die Sozialdemokratie zurückzuführen" sei. So thaten nicht nur die Fortschritt». Partei und andere kleine Gruppen, sondern selbst Herr Bamberger („Hunde sind wir ja doch") und sogar der Erzreaktionär und Zukunft«- minister Baron Minnigerode kam zu solchen Zwecken schon nach der Sozialistenecke. Daß man uns bereit« den Eintritt in die Kommissionen, aus denen man uns früher hinauswarf, wieder augetragen, ist schon früher erwähnt. Ja, es ist sogar der Plan ausgetaucht, die Sozialdemokraten, Volksparteiler, Elsässer u. s. w.„zu �gemeinsamen OppofitionSzwecken" in einen weiteren Verband zu vereinigen. Natürlich haben wir beide „freundliche" Anerbieten kurzweg abgelehnt. Auch von noch anderen Anerbieten u. dgl. ließe sich noch manches Interessante erzählen; doch ckst das für den Augenblick nicht augezeigt. Woher nun diese Wandlung? Wie kommt e«, daß die parlamentarische Lage unserer Partei gerade zu einer Zeit soviel günstiger geworden, wo ein Ausnahme„gisetz" ihr sogar ihre Existenz absprechen möchte? Dies aus der gewachsenen Einsicht oder aus dem geweckten Au- st-ndsgefühl unserer Gegner, sozusagen au» ihrer Gutmüthigkeit herzu- leiten, wird keinem ersahrenen Sozialisten einfallen. Die Achtung vor der von der Sozialdemokratie bewiesenen Kampsestüchtigkeit uud Wider- standSsähigkeit spielt wohl mit, aber nicht an sich genommen, sondern blos insoferne sich unsere Partei dadurch al» eine Macht zeigt. Die bürgerlichen Parteien wie die Regierung kennen keine ethischen, sittlichen, prinzipiellen Beweggründe, sondern haben nur Berständniß für zwei Dinge: für ihr Interesse und die thatsächlichen Machtverhältnisse. Und diese beiden Dinge sind es. auch, welche uns unsere bedeutend günstigere Stellung im Reichstag verschaffen. — In einem neuern Artikel„Davitt, Parnell und Henry George" ent- wickelt unser New-Aorker Bruderorgan gleichfalls die Nothwendigkeit der Verlegung der Agitation auf den englischen Boden, welche erforderlich macht, daß die senischen Attentate enlmuthigt und verhindert werden, damit nicht das englische und schottische Arheitervolk gegen das irische unnöthig erbittert werde." Fenische Attentate und der urwüchsige Widerstand des irischen Volke« gegen die Landlords und deren Subjekte, sind, wie in voriger Nummer ausgeführt, nicht zu verwechseln. Redaktion de«„Sozialdemokrat". Einmal ist der Sozialismus heute in Deutschland ttotz aller Verfol- gung überall in Permanenz, und dieJnvasion des sozialistischen Gedankens in alle Verhältnisse ist— zum Theil auch Dank dem famosen„Sozialreform"-Spiel— eine so fortgeschrittene, daß die Parteien in allen und jeden Fragen unser Programm abwechslungsweise für und gegen anführen müssen, daß der Sozialismus immer mehr der Maßstab der Dinge wird. Das gouvernemental-konser- vativ-ultramontan-schützzöllnerische Bündniß einerseits und die liberal- sortschrittlich freihändlerische Opposition anderseits suchen sich an Fürsorge für den„kleinen Mann", an Arbeiterfreundlichkeit zu überbieten(selbstver- stündlich nur auf dem Papier uud in Worten), und uns muß dabei natürlicher- weise die Rolle des Sachverständigen und Kampfrichters zufallen. Jede der beiden Parteien ist gezwungen, uns zum Bundesgenossen zu suchen und ihre Argumente durch unsere Bestätigung zu stützen. Stellt ein sozialistischer Redner die Ausbeutungssucht der schutzzöllnerischeu Fabri- kanten an den Pranger, so klatscht die liberale Linke Beifall, obwohl die freihändlerischen Arbeitgeber es natürlich um kein Haar anders machen und daher mit gebrandmarkt find; wenden wir uns gegen das man- chesterliche laisser faire und zeigen dessen Widersinnigkeit und die Roth« wendigkeit der staatlichen Ordnung der Arbeitsbedingungen, so applaudirt die„staatssozialistische" Rechte, obwohl sie sich damit ebenfalls ins eigene Fleisch schneidet. Und so fort. Unsere Redner können der- malen in der Thal den bürgerlichen Parteien die derbsten Wahrheiten in'« Gesicht sagen und ihnen nach der Reihe den Text nach Noten lesen und find dabei noch sicher, daß ihnen abwechselnd die Hälfte der edlen Gesetzgeber laut zustimmt und sich Uber die Abkapitclung der anderen höchlich freut, ohne daß das Völkchen merkte, daß es der Teufel selbst beim Kragen hat. Es ist oft ein wahres Göttervergnügen, zu sehen, wie sich die beiden Parteien vor den lachenden Sozialdemokraten zu Schanden raufen und sich von den letzteren noch die Waffen dazu leihen. Und um das sonderbare Bild der mit der zunehmenden Verfolgung immer günstiger gestellten Sozialdemokratie zu vervollständigen, befindet sich nicht nur moralisch da» Zünglein der Wage zwischen den gegnerischen Parteien in unseren Händen, sondern vielfach auch selbst materiell. In den weitaus meisten Abstimmungen der letzten Reichstagssesfion betrug die Mehrheit 5 bis höchstens 15 Mann, so daß die Eni- scheidung osl genug bei den bis aus's Messer bekämpslen Sozialdemokraten lag. Dies war namentlich bei dem überraschenden und weiter wirkenden ersten Stoß gegen den Schutzzollschwindel(Zolllarisnovelle) der Fall, so- dann bei der bekannten Monopolresolution Lingen« u. s. w., wo wir jedesmal dem Anttage zur Annahme verhalfen, welcher der Herrschsucht der Regierung und der Belastung des Volkes durch neue Steuern am verhälwißmäßig kräftigsten entgegentrat. Warum ich mich nun über diese Dinge freue? Bin ich etwa auch von der„Parlamentskrankheit" angesteckt, die in dem ganzen reichstäglichen Thun und Treiben, üi semen erbärmlichen Schachereien und kleinlichen Winkelzügen lauter wichtige Staatsaktionen sieht und sich auf den eigenen Antheil an alledem und überhaupt auf die Zugehörigkeit zu dieser illustren Körperschaft weiß der Henker was zu Gute thut? Oder wäre ich gar von einem kindischen Reformdusel benebelt und bildete mir lächer- sicher Weise ein, daß die erhabene Sache des Sozialismus aus solch' kleinlichen Wegen groß gefördert werden könnte? Nicht« weniger al» das. Weiß ich doch, daß unsere Thäsigkeil im Reichstag eine nur vor- übergehende und lediglich vorbereitende, wenn auch dermalen nothwendige und gutwirkende ist, daß aber die wirkliche Entscheidung nicht im Parlament fallen wird, sondern auf einem Feld, wo das sich erhebende Volk seinen Machtwillen un- mittelbar zur Geltung bringen kann. Wenn ich mich trotzdem Uber die erwähnte Veränderung der Lag« unserer Partei in der„Volksvertretung" freue, so geschieht es deshalb, weil dieselbe sowie die Stärkung unsere« Einflusses nach jeder Richtung gerade zu einer Zeit erfolgt, wo die Sozialdemokratie„gesetzlich" vogelfrei ist und von allen politischen und ökonomischen Hunden gehegt wird. Vor vier Jahren verkündeten unsere blöden Feinde siegesbewußt, daß es nach 2'/, Jahren keine Sozialdemokratie mehr geben werde. Und heute ist die Sozialdemokratie stärker als je und man muß mit ihr wohl oder übel und mehr als jemals als mit einer vorhandenen unbeugsamen Macht rechnen und verhandeln und wird es weiter uud in immer verstärktem Maße müssen. Ich denke, oies ist wohl geeignet, uns zu befriedigen und unsere Zu- verficht auf die Zukunft zu stärken. Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 19. Juli 1882. — Deutschland« Schande. Au« Hannover wird uns ge- schrieben: Loge« ist nicht gegen Kaution in Freiheit gesetzt worden. Der Herr Staatsanwalt gälte zwar erklärt, er werde seiner Freilassung nicht widersprechen, fall« Loge« auf die Revision verzichte, allein, wie sich herausgestellt hat, war da» nur eine Falle. Unter allerhand Vor- wänden zog man die Entscheidung hinaus, und als die Zeit der Anmeldung der Revision verstrichen war, entschied das Landgericht— natürlich iu Uebereinstimmung mit dem sauberen Herrn Staatsanwalt, auf den es in solchen Fällen allein ankommt—, daß die beantragte Freilassung aus 14 Tage und gegen eine Kaution von 4000 Mark nicht bewilligt werden könne,— und zwar aus welchen Gründen? Erstens sei es auffallend, daß für Loge», der notorisch mittel- los sei— da» freilich konnten die Herren, welche ihn ruiuirt haben, wohl wissen— eine so hohe Summe geboten werde; das erhöhe den Fluchtverdacht!! Zweiten« liege e» im Interesse der öffentlichen Justizpflege, daß die Sache ihre prompte Erledigung finde. Und dritten» endlich habe die Freilassung überhaupt keinen Sinn, denn die Kinder des Loges seien ja versorgt. Wahr ist, daß die Kinder momentan bei Freunden untergebracht sind; aber das ist doch nur ein trauriger Nothbehels, und durch den Prozeß und die plötzliche Verhaftung sind die Verhältnisse unser» braven Genossen so zerrüttet worden, daß seine Anwesenheil zu Haus, zur Abwen- dung des Schlimmsten, dringend nothwendig wäre. Jeder Mensch mit fünf Sinnen, der nur einigermaßen nachdenkt, muß das einsehen; die biederen Herren Richter nebst Staatsanwalt sehen es auch ein, doch Loge« soll eben zu Grunde gerichtet werden. Und jetzt mit den Schuldigen an den Schandpfahl! Der saubere Staatsanwalt heißt I f e n b i e l. Der„Gerichtshof", welcher Loge« auf Kommando verurtheille, ist die Sttaskammer 1 de« hiesigen Landgerichts, und war am Tage jenes Justiz« Verbrechens wie folgt zusammengesetzt: Borsitzender: Landgerichtspräsident Haake; Richter: Land- gerichtsrath B u n s e n, Landrichter v. D e t t e n, Landrichter Linden- berg; Gerichlsassessor Reiff. Lindenberg hat seinerzeit den freisprechenden Beschluß betteff» unsere« Wahlflugblattes unterzeichnet, iu welchem Wahlflugblatt da« Sozialistengesetz ebensalls mit dürren Worte» ein„infames Gesetz" genannt war.(Jener Beschluß war unterzeichnet: Busse, Lindeu- berg, Hall,— Strafkammer IIa.) Deutlicher, handgreiflicher kann der Beweis, daß die sogenannte„U n a b« häng ig keit der Richter" ein reiner Humbug ist, und daß unsere Herren Richter aus Kommando verurtheilen, nicht geliefert werden, als durch die Handlungsweise diese« Lindenberg, der im Früh- jähr den Ausdruck„infames Sozialistengesetz" für straflos, und vier Monate später für eine Majestätsbeleidigung erklärt, die mit vier Monaten Gefängniß geahndet werden muß! Das Wort„infam" hat in diesen vier Monaten seine Bedeutung nicht geändert; was sich aber geändert hat, ist die„U e b e r z e u g u n g" der Herren Richter. Damals war der Besehl zum Verurtbeilen nicht gegeben, und jetzt w a r er gegeben— da« ist die einsache Lösung des Räthsels. Und da verlangt man noch von uns Achtung vor dem deutschen Richterstand! Leider ist es bisher nicht gelungen, eine Abschrift des Erkennt- niffes zu erlangen. Da« Gericht ist gesetzlich nicht verpflichtet, ein schriftliches Urtheil auszufertigen; und da die Richter alle Ursache haben, eioen Vergleich mit dem früheren Urtheil in Aachen des Wahl- flugblattes zu scheuen, so wird das Urtheil gegen Loge« wohl kaum an da» Tageslicht kommen. Loges, der durch die Perfidie der Staatsanwaltschast um die Revi- sion geprellt worden ist, befindet sich körperlich recht leidend; trotzdem ist ihm die Erlaubniß zur Selbstverköstigung nicht gewährt worden, und muß er die unverdauliche, fast ungenießbar e Gefangenenkost essen, was für ihn, wenn er die ganze Strafzeit in dieser Weise absitzen soll, sehr leicht den Tod zur Folge haben könnte! Politische Prozesse sind überhaupt prinzipiell zu verurtheileu; wenn sie aber einmal sür nothwendig erachtet werden, dann erheischt es der fim- pelfie Anstand, daß man die Politischen„Verbrecher" wenigstens nicht wie gemeine Verbrecher behandelt, sondern ähnlich wie Kriegsgefangene, da der politische Kampf ja t h a t- sächlich ein Kriegszustand ist. In den meisten Kulturländern ist dies auch wirklich der Fall, namentlich in Frankreich. Im„Intelligenz- staat" Preußen, der sich auf seine Bildung so viel zu Gute thut, ist das auders— da wird der politische Verbrecher als gemeiner Verbrecher behandelt, und wo möglich noch schlimmer. Psui über solche Zustände! Pfui über die Vertreter solcher Zustände! Daß die Genoflea hier empört find über diese Abscheulichkeiten, das brauche ich nicht zu versichern. Man will uns einschüchtern, und man säet nur die Drachensaat de« Hasses. Die Partei verliert dabei nicht. Im Gegenrheil. Nur weiter so! — Korruption und Fäulniß an allen Ecken und Enden. Aus Leipzig schreibt man uns: Sic wissen, ich bin kein Optimist, und traue unseren Richtern und unserer Polizei so ziemlich Alle« zu. Das hatte ich aber nicht erwartet, daß man Taute ver- urtheilen könne. Und noch dazu auf drei Monate— wegen Verletzung des s 130. Dieser Paragraph lautet: „Wer in einer den össentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung zu Gewaltthätigkeiten gegen einander öffentlich anreizt, wird mit Geldstrafe bis zu 200 Thalern, oder mit Gesängniß bi« zu zwei Jahren bestraft." Es liegt doch auf der Hand, daß dieser Paragraph nur auf Solche Anwendung finden kann, die selber irgend eine Handlung begehen, welche eine Anreizung zu Gewaltthätigkeiten im Sinne des Gesetzes be- deutet. Wohlan, betrachten wir den„Fall" Taute'«. Da« corpus ckslicti ist das schon mehrmal« erwähnte„Eingesandt"— in Str. 9 de« „Sozialdemokrat"(unterzeichnet„ein alter Kämpfer".) Dieses„Ein- gesandt" ist unzweiselhaft eine„Handlung", welche Taute begangen hat— denn er hat sich au« freien Stücken, muthig wie er ist, dazu bekannt. Aber wo steckt in diesem„Eingesandt" eine„Ausreizung zu Gewalt- thätigkeiten"? Man suche mit der schärfsten Lupe und dem besten Ver- größerungsgla«, und mau wird eine derartige„Anreizung" nicht finden. Und da« Leipziger Gericht hat sie auch nicht gesunden, obgleich es an Mühe es wahrhaslig nicht hat fehlen lassen. Aber es besitzt jedenfalls einen sinnreichen Kollegen, der sich von gewissen Hochverrathsprozessen her erinnerte, daß schon in der ausgesprochenen Sympathie mit„hoch- verrätherischen" Handlungen etwas Hochverrälherisches enthalten sei. Und da war man denn auf dem richtigen Weg. Hat Taute auch nicht selber zu„Gewaltthätigkeiten" angereizt, so hat er doch rückhaltlos seine Zu- st i in m u n g zu der Sprache und dem Inhalt de«„ S o z i a l d e m o. k r a t" ausgedrückt, und da der„Sozialdemokrat" notorisch(II) zu„Gewaltthätigkeiten" im Sinne de«§130„anreizt", so hat Taute, indem er durch diese s e i n e Z u st i m m u n g sich mit der „Anreizung" zu„Gewaltthätigkeiten" einverstanden und mit dem „Sozialdemokrat" solidarisch erklärte, wenn auch nicht direkt doch i nd i r e k t(!)zu„Gewaltthätigkeiten" angereizt, und, muß ergo verdonnert werden. Sie glauben, ich mache einen schlechten Spaß? suche durch Ueber« treibung unsere Gerichte lächerlich und verächtlich zu machen? Fällt mir nicht ein. Zu übertreiben ist Uberhaupt gar nicht möglich, denn die Herren von Richter leisten in praxi schon da« Mögliche und sogar da« Unmögliche. Kurz, ich mache weder einen schlechten Spaß, noch übertreibe ich: ich zitire einfach die Entscheidung«- gründe de« Erkenntnisse«, krast dessen Taute vor einigen Tagen zu drei Monaten Gesängniß verurtheilt worden ist I Diese« Urtheil zeigt, wie vollständig der Richterstand durch politische Prozesse korrumpirt wird. Eine Schuldsrage, eine Rechts- frage existirt nicht von dem Moment an, wo der Angeklagte sich als Gegner des Staats und der Gesellschaft, als deren Vertreter der Richter auf seinem Richterstuhle fitzt, bekannt hat— die S ch u ld besteht darin, daß er p o l i t i s ch e r G e g n e r ist; ihn zu verurtheilen ist nicht blo» ein Recht, sondern sogar Pflicht, und die juristische Ausgabe de« Richter» ist einzig: der Verurtheilung die richtige Form zu geben, sie in den Mantel de« Gesetze» zu hüllen. Und kinderleicht da«. Da» Strafgesetzbuch ist ja ein famose» ProkusteSbett— es kann immer so verlängert oder verkürzt werden, daß der„Patient" hineinpaßt, und wird er dabei auch verstümmelt oder zu Tode gereckt. O welch- schmachvolle Farce ist doch die Justiz in einer Gesellschas't und einem Staate, die auf der Verneinung alles Rechts und aller Gerechtigkeit beruhen! Und„Justiz" heißt doch auf deutsch:„Gerechtig- keit". Der Kontrast zwischen Wort und S a ch e bringt die infame Heuchelei, die heutzutage im„sozialen und politischen Reiche" sich auf dem Thron spreizt, zu drastischer Anschaulichkeit. Die Justiz, dem Namen nach Gerechtigkeit, ist in W ir k l i ch k e i t die U in k e h r u n g der Gerechtigkeit, ein Hohn auf Recht und Gerechtigkeit. Apitzsch, Künzel und Lauschte sitzen noch immer I— Am Sonntag hat sich der berüchtigte„Reichsverein für Sachsen" glücklich ausgelöst— das einzige vernünftige, was er je gethan. Im Attentatsdelirium de« Schandjahres 1378 von unserer uationalliberalen Klique gegründet, um eine Vereinigung aller Ordnung«- Parteien gegen die Sozialdemokratie zu bilden, ist er in den Bankrout dieser Klique hingerissen worden, und hat da« Zeitliche gesegnet. Um den Tod zu verbergen, haben die„Macher"— Stephauy und ein halb Dutzend ähnlicher Ritter von der traurigen Gestalt— ein„national- liberales" Kränzchen errichtet, in welche« der„Reichsverein"„auf- gehen" soll. Nun— tödter als todt kann man nicht sein, und ob das Ding nun„ReichSvereiu" heißt oder„nationalliberales" Kränzchen(den offiziellen Titel habe ich vergessen) ist ganz Wurst. Todt ist todt. Der Natioualliberalismu» mit Allem, was drum und dran, hängt läßt sich Usch kein biblische« und unbiblisches Wunder mehr ins Leben zurück- "Oen, am wenigsten durch ein Wunder de« Herrn Bennigsen, der N-Y-rlich kein Hexenmeister ist. Der Nationalliberalismus ist keine ni&t 1'' mef,r'" bloß noch ein C a d a v e r, und ein Tadaver, der ? gut riecht. Freilich, die Leichname von Feinden riechen immer gut meinte I-ner französische König. U1"erem..nationalliberalen" Ring gelegentlich vielleicht mehr— zur Abwechslung, die doch dem Sprichwort zusolge„sein muß". E» 9> t da manche» Spaßige und Erbauliche. Für heute nur, daß eine der journalistischen Säulen des Leipziger Nationalliberalismus in einem hiesigen Blatt— leider ohne Namensnennung— der gemeinsten Schwindeleien und Revolverpraktiken geziehen wird. Da der Herr sich wohl hütet, seinen Namen zu nennen, so sei erwähnt, daß der Erzhallunke Leonhard gemeint ist, ein Lumpazius, dem Liebknecht schon vor zehn Jahren gerichtlich nachwies, daß er ein Gauner niederster Sorte und aus dem Postdienst wegen gemeiner Betrügereien entlassen ist. Das hinderte natürlich unsere biederen Nationalliberalen im Allgemeiuen und die brave Redaktion des„Leipziger Tageblattes" im Besonderen nicht, diesen— Leonhard als Parteisäule und selbstverständlich als „GesellschastSstütze" beizubehalten. Wie der Herr so der Knecht und wie der Knecht so der Herr! — Wie lange noch? Den Zeitpunkt, wo die hohen und aller- höchsten Herrschaften zur Erholung von den„Anstrengungen"(Bällen, Soireen ic.) de« Winters in die Bäder eilen, hat Herr M a d a i für den geeignetsten gehalten, wiederum eine Anzahl ehrlicher Arbeiter, meist Familienväter aus Arbeit und Existenz heraus auf die Landstraße zu werfen. Eine ganze Serie von Ausweisungen ist wiederum„versügt" worden. Der Pascha von Berlin fühlt das Bedürfniß, zu demonstriren, daß er sich um die öffentliche Meinung, welche das Sozialisteugesetz und insbesondere den Ausweisungsparagraphen längst verurtheilt hat, den Teufel scheert, sein Wille, seine Lauue ist ihm Gesetz. Wie lange noch? Einer der Ausgewiesenen, der Maurer Gustav Lanke, soll ver- s ch w u n d e n sein. Wehe seinen Mördern, wenn er den Tod gesucht! Genosse S e n d i g, Maschinenbauer, wurde, weil er bei den Berliner Arbeitern sehr beliebt ist, 24 Stunden vor Ablaus der Ausweisungsfrist per Schub aus Berlin heraustransportirt. Bei der Abreise der übrigen Verheiratheten suchte die Polizei durch allerhand niederträchtige Chikauen eine Demonstration der sie zur Bahn begleitenden Genossen— es hatten sich gegen tausend Arbeiter, jeder mit einer r o t h e n Nelke im Knopfloch eingefunden— zu verhindern. Durch Lösung eines Billets nach der ersten Station(Lichterfelde) wußte aber ein großer Theil der- selben da« Polizeimanöver zu nichte zu machen. Energische Ansprachen wurden gehalten, die empörten Proletarier sprachen es offen aus, daß dieser Schandwirthschaft nur auf gewaltsamem Wege ein Ende gemacht werden könne, und wenn Herr Madai sich etwa einbildete, durch seine Ausweisungen und Verhastungen die Berliner Arbeiter eingeschüchtert zu haben, dann hat ihm das überaus mulhige Verhalten der wackeren Demonstranten gezeigt, daß er sich mit dieser Ansicht gewaltig auf dem Holzwege befindet. — Merkt's Euch, Arbeiter! In Bismarck's Leibblatt, der „Norddeutschen Allgemeinen", finden wir in der Nummer vom 10. Juli an hervorragender Stelle folgenden Erguß aus der schutzzöllner- ischen„Volkswirthschastlichen Korrespondenz" ab- gedruckt: „Welches sind denn die sozialpolitischen Abenteuer, gegen welche die Fabriksindustrie Front zu machen und sogar den Preis des Schutzzoll- system» an die Freihandelspartei zu zahlen haben soll? Aus dem Gebiete der Sozialreform stehen bis jetzt doch nur die Gesetzentwürfe über eine Arbeiterunsallversicherung und über die obligatorische Einrichtung von Arbeiterkrankcnkassen zur Verhandlung, Gesetzentwürfe, deren Prinzip letzterer Zeit unter dem Drucke der öffentlichen Meinung auch vom Liberalismus akzeptirt wurde, und bei denen es sich im Wesentlichen doch um nichts Anderes handelt als um eine von Recht«- und KlugheitS wegen gebotene Ver- besserung der Lage der arbeitenden Klassen. Letzteres Bestreben als„sozialpolitische Abenteuer" zu bezeichnen, ist nur erklärlich bei einer politischen Partei, welche sich in eine Regieruugsopposition um jeden Preis verbissen hat. Die Industriellen jedoch, wenigstens die Mehr- zahl derselben, dürften den in Rede stehenden Gesetzcsentwürsen denn doch ein anderes, besseres Verständniß entgegenbringen. Sie dürsten dieselben weniger als politische Parteifrage, als vielmehr aus dem Standpunkt ihres eigenen Wohlergehens und des Wohlergehens ihrer Arbeiter beurthcilen, dann aber auch zum Schluß kommen, daß es geradezu thöricht wäre, da« Entgegenkomiueu und den starken Arm der Regierung zur Verbesserung der Lage der arbeitenden Klasse, welche am Ende doch auch ihrem künf- tigen Fabriksbetriebe zu Gute kommen würde, von sich zu weisen und dadurch gleichzeitig die Arbeiterbevölkerung sich noch mehr zum Feinde zu machen. Denn mag die Sozialdemokratie sich heute auch noch so sehr als Gegner der Unfallversicherung und obligatorischer Krankenkassen aufspielen, dieses ist gewiß, daß die Ablehnung der Vor- lagen im Reichstage von eben dieser Sozialdemokratie als ein Beweis mehr sür die Behauptung gebraucht werde» würde, daß die Arbeiter- bevölkerung vom Kapitalismus auch nicht das Mindeste zur Verbesserung ihre» Loose» zu erwarten habe und nichts Heise« könne, als die Bernich- tung desselben." Um diese Standpauke ihrem vollen Werthe nach würdigen zu können, ist es nöthig, hinzuzufügen, daß sie sich indirekt gegen„da» Direktorium de« Zentralverbandes der Industriellen" richtet, welches sich von der „Volkswirthschastlichen Korrespondenz" der StaatSsozialisterei wegen loS- gesagt hat. Die Herren Schutzzöllner haben nämlich ihr Schäfchen in« Trockene gebracht und wollen, großprotzig wie diese Schornsteinbaroue nun einmal sind, von dem Feigenblatt, mit welchem die samose Zollresorm vor dem Volke ausgestattet werden sollte, nichts wissen. So unschuldig diese» Feigenblatt, die BiSmarck'sche„Sozialresorm", an sich auch ist, so paßt dieselbe den Herren schon deshalb nicht in den Kram, weil sie ihr heiliges, angebornes Ausbeuterrecht in Zweifel stellt. Und nun kommt die„Volks- wirthschaftliche Korrespondenz" und hinter ihr her die„Norddeutsche Allgemeine" gewackelt und beweist ihnen zum hundertsten Male, daß ja die ganze Sozialreform eine so unbedeutende, so wenig am Stand der Dinge ändernde Maßregel sei, so lediglich„von Klugheitswegen" diktirt, als es nur je eine gab. Natürlich fehlt bei keinem dieser Nach- weise die Phrase von der Fürsorge sür da« Wohl der Arbeiter, die Herren Industriellen wissen ja sehr gut, wem mit dieser Phrase Sand in die Augen gestreut werden soll. „ K l u g h e i t s r ü ck s i ch t e n" sind die wahren Motive für die Bis- marck'schen Reformen, nicht die vielgepriesene„Fürsorge für den„armen Mann". Diese„Fürsorge" ist in Wahrheit nichts anderes als die Furcht vor dem armen Mann, die F u r ch t vor der S o z i a l- d e m o k r a t i e. Wenn also aus der Berathung der Bismarck'schen Projekte wirk- lich etwas einigermaßen Nennenswerthe» für die Arbeiter herauskommen sollte, so ist dies einzig und allein die Folge der festen, entschlossenen Haltung der Sozialdemokratie. — Viehsutter sür Menschen!„Als zu Anfang de» Leipziger Belagerungszustandes," schreibt uns ein dortiger Genosse,„die Ersten aus der Liste ausgewiesen wurden, verlangten die Ausgewiesenen vom Stadt- rath zu Leipzig, daß er wenigsten« sür ihre Familien sorge, woraus der Stadtrath W o l s antwortete, sie sollten nur ruhig gehen, hier sei noch Niemand verhungert! Daß e« aber nicht weit vom Verhungern ist, das beweist folgende Thatsache: In dem 20 Minuten vou Leipzig entsernte» Oertchen S ch l e u ß i g wohnt der früher im städtischen Krankenhause beschäftigt gewesene Siechknecht Rommel. Derselbe tauft die Speise- reste aus dem Krankenhause und der Kaserne in Schloß Pleißenburg und pflegte dieselben bisher al« Schweinesutter zu verwenden. Doch in neuerer Zeit scheint der Mann dahinter gekommen zu sein, daß diese« Schweinesutter auch noch für arme Menschen genießbar sei, und verkaust er dasselbe nun in Portionen an die armen Leure in Schleußig und Um- gegend, welche noch froh find, wenn sie es bekommeu, und mißgestimmt nach Hause gehen, wenn es nichts gibt. Da soll man noch sagen, daß hier Niemand verhungere, wenn der Mensch seinen Hunger mit Schweinesutter au» einem schmutzigen Fasse stillt! Der Verkäufer sagt freilich, er gebe nur da» Kasernensntter für die Menschen aus, da« au« dem Krankenhause bekämen die Schweine; aber wer kann die» kontroliren? Und wie leicht können durch solche Manöver nicht Krankheiten unter die Menschen gebracht werden!" Daß Menschen in der heutigen Gesellschaft Schweine- und Hundesutter bekommen, ist noch ein großes Glück, für welches sie den trefflichen Welt- ordnung dankbar zu sein haben. Wie viele gibt es, die froh wäreu, wenn sie solch' Futter hätten! Betrachte Jemand einmal heutzutage die Vieh- ställe und wohne der Fütterung bei. Dann besuche er die Wohnungen de« Proletariats während der Essenszeit und stelle Vergleiche an. Er wird sofort finden, daß da« Vieh durchschnittlich ungleich bessere Woh- nung und Nahrung hat, als die arbeitenden Klassen. Und zwar sprechen wir da nicht von Ausnahmen, sondern von der Regel, vom Durchschnitt. Der Klassen-, Militär- und Polizeistaat bringt das mit sich." Und da gibt es noch gewissenlose Subjekte, welche diesen herrlichen Staat sobald als möglich umstürzen wollen! — Eine heilsame Lektion. Während die Selbstmorde im Militär, diese leider stummen und doch so beredten Anklagen gegen den preußisch-deutschen Militärmoloch, sich in unerhörter Weise häusen, wird uns aus der u r p r e u ß i s ch e n Festung Erfurt ein Faktum gemeldet, welches jeden Gegner der menschenherabwürdigendm Mililärdressur mit Freude erfüllen muß: Thatkräftiger Widerstand der „Gemeinen" gegen einen berussmäßigen Leuteschinder, Auflehnung des unterdrückten Selbstbewußtseins gegen die herrliche Subordinätiou— allen Kriegsartikeln und Henkerparagraphen zum Trotz. Lassen wir nunmehr unserem Berichterstatter das Wort: Am 30. Juni hatten die Landwehrleute hier Felddienstübung mit voll- ständigem Gepäck. Zurückgekehrt nach der hiesigen Martinskaserne und vom Regimentskommandeur zum Abtreten kommaudirt, wollten sie, er- müdet vom Dienst, ihrer Wege gehen, als ihnen der Lieutenant von Hahn, ein richtiger dummer Junge, der kaum die Schulbank abgesessen hat, mit höhnischem Lachen Hall gebot und sie noch 22 Minuten„Griffe machen" ließ. Infolge der übermäßigen Anstrengung brachen 3 Mann entkräftet zusammen, von denen einer, ein Vater von mehreren Kindern inzwischen.verstorben ist. Als nun mehrere Landwehrleute ihren ohnmächtigen Kameraden zu Hilfe sprangen, da versuchte der rohe Bursche ihnen unter den unverschämtesten und gemeinsten Schimpfreden die Waffen abzunehmen, weil sie es gewagt hatten, ohne seinen Besehl aus der Front zu treten. Jetzt endlich riß den Leuten die Geduld, und wie ein Mann drang die ganze Mannschaft mit Kolbenstößen auf ihren Peiniger ein, welcher unter dem Gejohle und Hurrahrufen der Landwehrleute schleunigst das Hasenpanier ergriff. Vor der Kaserne wurde der Bursche von Zivil- Personen nach Gebühr empfangen. Maurer warsen von nahegelegenen Bauten mit Steinen nach ihm, und wenn der rohe Patron auch leider noch viel zu gut davon gekommen ist, so hat er doch eine Lektion em- pfangen, an die er noch einige Zeit zu denken haben wird. Unsere Brüder im Soldatenkittel haben aber gezeigt, daß auch unter der eisernen Disziplin das Ordrepariren ein Grenze hat!" Das wollen wir meinen! Die Herren mögen nur immer auf die Macht ihrer Bajonette rechnen, sie werden eines Tage« mit Schrecken erfahren, wie sehr sie sich verrechnet haben. Je„strammer" die Disziplin, um so energischer werden sich die Mannschaften, wenn jene einmal einen Riß bekommt, gegen ihre Peiniger wenden und ihnen in ein- dringlichster Weise den Beweis dafür liefern, daß man die Bajo- nette zu Allein gebrauchen kann, blos nicht dazu, sich darauf zu setzen. — Belohnte Tugend. Da« biedere Reichsgericht hat sich nachgerade durch seine Erkenntnisse in politischen Prozessen so seiner ehrenwerthen Mission gewachsen, sich so unübertrefflich im Verdonnern aller mißliebigen Elemente gezeigt, daß die deutsche Reichsregierung, d.h. Bismarck, sich mit der Domizilirung desselben in Leipzig vollständig au«- gesöhnt hat und nunmehr mit Eifer daran geht, ihm in der Pleißestadt einen würdigen Palast zu bauen. Nun sage uns aber Niemand, daß die Tugend nicht schon ans Erden ihren Lohn findet. — In Sachen de« Parteikongresses gehen uns von v