Krscheivt »»ii»«»tlich einmal in Zürich(Schweiz) 9tün »Oir»bn«handlnn« Haiti nsen-ASrich. fcanco gegen franco. Gewöhnliche Briese nach der Schweiz losten DoPPelhorlo. M:». Der SoMldemckrat .enlrat-Grgan der deutschen Sozialdemokratie. A�v.inements werden bei allen schweizerischen Postbureaux, sowie beim Beriag uae besten belannten Agenten entgegengenommen und zwar zum v o rn u K zahlbaren ViertcljahrSprcis von: Fr. 2.— für die Schweiz skreuzband) Ml. 3.— sür Deutschland ikouvertj st. l. 70 sür Oesterreich«louveri Kr. 3.50 sür alle übrigen Länder des Weltpostvereins Inserate Di« dreigespaltei» Petitzeit 25 S,S. � 20 Pfg. Donnerstag, 25. Januar. I88S. 4UKr Zilie«1 die Ikmrattn und KorreshSüdtllttll de«„Sosialdem-krat"."AS Da der.Sozialdemokrat' sowohl in Deutschland al» auch in Oesterreich»erboten ist, bezw. versolgt wird, und die dortigen ii alt möglich an den.Iozialdemolrat', resp. besten Berlag selbst adresstren, sondern stch möglichst an irgend eine unverdächtige BiHörden stch alle Mühe geben, unser- Verbindungen»ach jenen Ländern möglichst zn�erschweren, resp. �Briefe von dort an uns Adresse außerhalb DeutshlandS und Oesterreichs wenden, welche stch dann mit uns in Verbindung seht; anderseits aber, daß Rad unsere ZeitungS- und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äußerste Sorficht im Postverlehr nothwendig und darf kein» vorfichtimaßregel versäumt werden, die Briesmarder über den Wabren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt »er Sendungen zu täuschen, und leßtere dadurch zu schützen. Hauplersorderutß ist htezn einerseits, daß unsere Freunde so selten auch uni möglichst unversängliche ZustellungSadressen mitgetheilt werden. In zweifelhaften Fällen empfiehlt stch behuss größerer Sicherheit Rekomaiandirung, Soviel an uns liegt, werden wir gewiß weder Müh- noch Kosten scheuen, um trotz aller entgegen» stehenden Schwierigkeiten den.Sozialdemokrat» unser» Abonnenten möglichst regelmäßig zu liesern. Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Monarchische Wölfe und„demokratische" Schafe. Im selben Moment, da die Regierung der sranzösischen Republik in Lyon gegen eine Anzahl Anarchisten und Revolutionäre einen Tendenzprozeß schlimmster Art aufsühren ließ, hat einer der verschiedenen Gottesgnadenlümmel, welche nur darauf warten, im gegebenen Moment der Republik den Garaus machen zu können, eine Proklamation in Tausenden von Exemplaren an- schlagen lassen, in der er dem französtschen Volt mittheilt, daß die Ursache aller seiner Leiden der Mangel einer starken Regierung sei, und daß es daher nichts besseres thun könne, als stch eine solche zuzulegen, mit anderen Worten, ihn, den Prinzen Jerome Napoleon, genannt Plon-Plon, auf den Thron von Frankreich zu berufen. Nun ist zwar das französische Volk gewitzigt genug, auf faule Flausen nicht mehr hineinzufallen, und Plonplon, der seinen thron- lüsternen Konkurrenten zuvorkommen wollte, erntete daher all» seitig nur Hohn und Spott; immerhin aber hat sein Manifest den Franzosen gezeigt, daß der Bestand der Republik so lange nicht gesichert ist, solange noch ein Sprößling der monarchischen Sippen, die früher in Frankreich herrschten, auf französtichem Boden intriguiren darf. Denn dieies Gesindel, so hoffnungslos im Augenblick sein Treiben ist, wartet nur auf eine ernsthafte politische Verwickelung— sei es eine innere oder eine äußere— um sich als Staats- und Gescllschaftsretter aufzuspielen und die Republik zu erdrosseln. Deshalb haben, gewarnt durch Plonplons Manifest, alle auf- richtigen Republikaner dem Antrage Floqnets zugestimmt, die ganze Sippschaft, die sich der Abstammung von Herrscherfamilien rühmt, aus Frankreich auszuweisen. Dieser noch sehr rück- sichtsvolle Antrag hat die Franzosen aber sofort um die Achtung unserer guten deutschen liberalen und demokratischen Spießer ge- bracht. Ausnahmegesetze gegen Prinzen, das ist ja unerhört! Und auch die staatsmännische„Frankfurter Zeitung", die alles besser weiß, kanzelte die französischen Radikalen und Sozialisten mit bekannter Ueberlegenheit gehörig dafür ab, daß sie„mit Kanonen auf Spatzen schießen", die„Gleichheit vor dem Gesetz" nicht auch für die Thronprätendenlen gelten lassen wollen. Als wir diesen Artikel lasen, überkam uns ein Gefühl tiefster Rührung. Da ist sie ja wieder, die echte rührselige deutsche Objektivität, welche 18�8 vor lauter Bäumen den Wald nicht sah und so lange dem Reaktionsgestndel goldene Brücken ins Land der Freiheit baute, bis die Hallunkcn erstarkt genug waren, dem ganzen Freiheitsrummel ein Ende zu machen I Das ist die Pfiffige Dummheit, die, um die Sache der Freiheit nicht zu „kompromittircn", lieber die ganze Freiheit von einem gewissen- losen Schurken erdrosseln läßt, das ist die deutsche Gemüthlich- keit, der Heine in seinem satirischen Gedicht„die Britten zeigten stch sehr rüde" beinahe noch zuviel Energie zugetraut hat! Alleidings wird eine ähnliche Sprache wie die der„Frank- furter Zeitung" auch in Frankreich geführt; aber da sind e« die Halbrepublikaner, die verkappten Monarchisten, die nur deshalb nicht offene Monarchisten sind, weil die Monarchie oder vielmehr irgend eine bestimmte Monarchie noch keine genügenden Aus- sichten hat, die so reden. Die wirklichen Republikaner, von den Revolutionären ganz zu schweigen, reden eine ganz andere Sprache. So schreibt Camille Pelletan m der„Justice" von den Prinzen aus der Familie der Orleans, die in der Armee und in der Finanzwelt sich eingenistet haben:„Erinnert Ihr Euch der Zeit des Kaiserreiches? Sie waren gute Prinzen, sehr freisinnige, sehr republikanische Prinzen. Sie hatten nur einen Traum, dies« vorzüglichen Prinzen: ihr Vaterland wiederzusehen. Oh, eine Zigarre auf dem Boulevard des Italiens rauchen zu dürfen I— das war das Ziel ihrer Wünsche. ES erinnerte un Frau von Stadl, wie sie um den Rinnstein der Rur du Bac weinte.— Als der Feind unser Land überzog, kehlten sie zurück, republikanische Glaubensbekenntnisse auf den Lippen. Und noch hatten sie nicht eine Zigarre auf den Boulevards geraucht, als sie bereits konspirirten. In den Stunden deS schrecklichen Bürgerkrieges(der Kommune) vergifteten ihre Jntriguen die Wunden des Vaterlandes.(Die Kanaille Thiers arbeitete damals bekanntlich mit den Prinzen von Orleans unter einer Decke.(Red. des„Sozialdcm."). Und als unsere Freunde sich bemühten, Paris und Versailles zu versöhnen, noch ehe der schreckliche Kampf entbrannt war, scheiterte Alles an, ich weiß nicht welchem, Statthalterschafts-Projckt.— Alsdann wurden diese so zärtlichen Söhne des französischen Vaterlandes zunächst die unerbittlichen Gläubiger einer sehr zweifelhaften Schuld. Diese finanziellen Shylocks klagten von dem verwundeten, zur Zahlung von sünf Millarden gezwungenem Frankreich, ich weiß nicht wie viele Millionen') als ihren persönlichen Anspruch ein. Und seitdem haben sie keine Minute aufgehört, zu konspiriren."—— Stets bereit, zu schnappen, was die Gelegenheit bietet(Familien. instinkt!), königliche Prinzen und Soldaten der Repnblik, glauben sie die Stunde sei ihnen günstig— sie ist ihnen in der That günstig, um— nach England abzureisen. Mögen sie sich nur nicht beklagen! Mögen sie nur nicht sagen, daß im Präterdenten- leben nicht alles Gold sei. Sie genießen noch besondere Vor- rechte! Andere haben für viel weniger nach Neukaledonien reisen müssen." ———„Ihr verlangt, daß man auf die Prinzen das gemeine Recht anwende? Sie haben sich selbst außer- halb desselben gestellt. Ihr wollt sie als Bürger behandeln— sind sie Bürger? Sie sind reich, sie unterhalten mit ihrem Gelde Zeitungen, eine ganze Partei gegen Euch; sind ihre Güter gewöhnliche Besitzungen? O n.in, ei sind ehemalige Domänen für Prinzen von Geblüt. Sie betleiden militärische Grade in der Armee: haben sie dieselben nach den militärischen Vorschrifien erworben? Keineswegs, es sind Geburtsoorrechte. Ein Orleanist ist Hauptmann in der Armee. Sein Oberst nennt ihn Mon- seigneur(wörtlich gnädiger Herr, war srühcr der offizielle Titel der Brüder des regierenden Königs.)" Das ist natürlich in den Augen der Herren Doktrinäre gar nichts und zudem haben die Prinzen ja die Republik anerkannt. O gewiß, was kommt es diesen Thronräubern auf einen Meineid an! Hat doch auch Louis Vonaparte 1848 den Eid auf die Verfassung geschworen. Hat ihn das aber gehindert, als er ge- nug Streber in der Armee, im Beamtenthum K. für sich gewonnen halte, den bluugen Staatsstreich vom 2. Dezember auszuführen? Und wurde der woitbiüchige Schurke damit nicht sofort der liebe Bruder tai. ntlicher Kaiser, Könige ic. von Gottes Gnaden? Trau Einer' dieser Gesellschaft über den Weg! Als 1848 die französische Deputirtenkammer Louis Philipp und seinen Söhnen das Gebiet Frankreichs zu betreten verbot und ein Deputirter, Vignerte, die Aeußerung fallen ließ, vor- läufig w-rde die Familie Bonaparte noch zugelassen, da sie noch nicht gefährlich sei, da rief eben derselbe LouiS Bonaparte, damals noch„einfacher Deputirter", pathetisch aus: „DaS Völkerrecht, der gesunde Menschenverstand, erfordern, daß wenn ein Individuum sich, ich sage nicht eines Attentates, sondern eines Verbrechens, einer Frevelthat gegen die Republik schuldig macht, es mit der ganzen Strenge des Gesetzes be- straft werden muß; es wird mich freuen, wenn ich dieses Prinzip stets angewendet sehen werde; wir Alle müssen die Republik und das Selbstbestimmungsrccht des Volkes schützen; möge man wissen, daß wer dieselben anzutasten wagt, bestraft werden wird, der Bürger Vignerte so gut wie ich." Kann man republikanischer reden? Schwerlich. Und doch plante der Mann, der so sprach, bereits das Attentat, nein das Verbrechen, die Frevelthat gegen die Republik. Ebenso schreit Plon-Plon, daß er die Republik auf den Barikaden gegen die— orleanistischen Prätendenten zu vcrtheidigen bereit sei. und protestirt in demselben A hemzuge dagegen, daß man seinen Sohn Viktor als nächsten Erben der napoleonischen„Idee" be- zeichne. So bekannten sich die ritterlichen Prinzen von Orleans zur Republik und huldigten gleichzeitig in Froschdorf dem Grafen Chambord, dem idiotischen Abkömmling der„gesalbten" Könige Frankreichs, um ihrer Dynastie die Thronfolge zu sichern. Ihre Agenten wühlen in der Armee, und die Herren höheren Offiziere, meist selbst Abkömmlingk'blaublütiger Krautjunker, oder Söhne reichgewordener Bourgeois, halten es sür viel ehrenhafter, irgend einem Fürsten, und sei er ein noch so stumpfsinniger GeisteSkrüppel, zu dienen, als einer freien Repu-'' Sie lassen sich von den Strauchrittern der hohen Finan,.'reitS königliche Ehren erweisen, wie jüngst von„Baron" Roth i.ld in FerridreS— nein, hier ist nicht die Gleichheit vor dem Gesetz in Frage, eS handelt stch um das SelbsterhaltungSrecht der Republik. Die Republikaner in der Monarchie, die Revolutionäre in der Republik, sie kämpfen und wirken nicht für Vorrechte Einzelner, sondern für Abschaffung aller Privilegien, für die Erweiterung der Rechte des gesammten Volkes. Sic zu unter- drücken ist ein volksfeindliches Beginnen, die Unterdrückung der Thronräuber aber ist ein voltsbefreiendes Wert. Wir sagten oben, die Ausweisung der Prätendenten sei ein überaus mildes Verlangen. Die Gerechtigkeit verlangt, daß man außerdem mindestens ihre der Nation abgepreßten Millionen zum Vortheil des Volke« konfiszire— die Herren werden trotzdem nicht Hungers sterben. So lange sie aber die Mittel dazu haben, werden sie auch vom Ausland her das Konspiriren und Jntri- guiren nicht lassen und jeden Fortschritt in den republikanischen Einrichtungen zu verhindern suchen. Ja, in diesem Augenblick lassen sie durch ihre Handlanger, um das Ausweisungsdekret zu hintertreiben, einen Gesetzentwurf vorschlagen, der die Preß- *) Ueber 40 Millionen! und Redefreiheit bedroht—„zum Schutze der Republik"! O, sie verstehen ihr Handwerk! Man braucht später nur das Wort zu ändern. Jedes Mitleid mit diesen Gesellen ist Vcrrath am Volke. Sie mögen froh sein, wenn man ihnen ihr Leben läßt, denn hundert Gründe sprechen dafür, daß man auf sie das Wort des Giron- disten Brissot vom 16. Januar 1793 anwende: „Jeder Verschwörer gegen die Volksfreiheit, jeder Tyrann, jeder, der nach derTyrannei strebt, muß sofort zum Tode verurt heilt werden. Die Sozialdemokratie und die Ausnahme- Gesetze. Aus der Rede Liebknechts vom 11. Jattnar 188 3. (Dem stenographischen Bericht entnommen.) (Fortsetzung.) -- Einer unserer Abgeordnete» erklärte bei der ersten Berathung de« Sozialistengesetzes drastisch— es war ein etwas unparlamen- tarischer Ausdruck—: die Sozialdemokratie Pfeift auf das Gesetz. Run, meine Herren, Sie haben gesehen, das haben wir thatsächtich auch gethan und das thun wir. Die Sozialdemo- kratie ist trotz der schweren Opfer, die einzelneii Personen, die Dausen- den auserlegt worden sind, spielend Herr diese« Gesetzes geworden. De«- halb ist die Sozialdemokratie jetzt noch nicht soweit gekommen, daß sie sagen muß: wir wollen die Revolution, da» heißt den gewalt- samen Umsturz; Herr Stöcker hat sich wiederholt auf mich bezogen und hat gesagt, ich hätte mich im Gegensatz zu anoeren sozialdemokra- tischen Abgeordneten jllr die Reform erklärt. Da irrt sich Herr Stöcker vollständig. Ich glaube mich in vollständiger Ueberein- stimnmng mit meinen Parteigenossen und habe die« erklärt: die Ent- Wickelung der Dinge hängt av von unseren Gegnern. Wenn die Regierungen die sozialpolitisch ökonomischen Bitrhällnisse richlig verstehen, dem Zuge der Zeit folgen, das Werk ver sozialen Reform ernsthaft und ehrlich in die Hand nehmen, dann sind die Regierungen im Stande, einer sozialen Revolution im schlimmen Sinne des Wortes, in dem Polizeisinae, d. h. dem gewaltsamen Umsturz vorzubeugen. Das war meine feste Ueberzeugung, und das würde sie noch heute sein, wenn ich in den deutschen Regierungen auch nur die lei- feste Spur von Berständniß sür die Situation gefunden hätte. Das, was S i e Sozialreform»ennen, meine Herren, da« ist keine wirk- liche Sozialresorm, darüber wird in den Arbeiterkreisen der Kops geschüttelt. Das sind so ungenügende Maßregeln und Borschläge — und diesen Maßregeln und Borschlägeu trete» Tyalsachcn gegenüber, die ihnen noch vollends so gründlich jeden Werth nehmen—, daß in der deutschen Arbeiterwell der Glaube an die Absicht der Reichs- rcgieruug und der Regierungen Uberhaupt, eine ernsthafte Sozial- r e f o r m durchzusühren, gänzlich geschwunden ist. Darum bleibt immerhin das Wort wahr, welche« vor 11 Jahren in dem Leip- ziger Hochverralhsprozesse ausgesprochen, da» in hundert und aberhundert Zeitungsartikeln und Broschüren wiederholt und begründet worden ist, daß die Frage: Reform oder Revolution, d. h. friedliche Reform auf dem Wege der Gesetzgebung einersekl« oder gewaltsamer, blutiger Umsturz aus der anderen Seite— daß hie Entscheidung dieser Frage nicht bei den deutschen Arbeiter», nicht bei dem Volke, nicht bei den Sozialdemotwaten liegt, sondern bei Denjenigen, welche die ökonomischen und politi- scheu Macht in ittel in der Hand haben. Meine Herren, die Regierungen und die Regierungsparteien haben die Fähigkeit, der Revolution vorzubeugen, w i r haben sie nicht. Wenn auf dem Wege der Ausnahmegesetze fortgegangen wird, gut, meine Herren, dann verschließen Sie da» Sicherheitsventil, dann vev- hindern Sie die sozialresormarorischeu Bestrebungen der deutschen Arbeiterwelt; es wird schließlich ebenso, wie da« in anderen Ländern der Fall ist, wo die gesetzliche Reform durch reaktionäre Regierungen unmöglich gemacht wurde, die Revolution ausbrechen, und S i e werden dafür verantwortlich fein. --- Daß wir erklärt haben, wir bleiben unseren revolutio- nären Zielen treu, das ist allerdings vollkommen richtig. Zu gleicher Zeit haben wir aber gesagt, diese revolutionären Ziele bedeuten nicht, daß wir Barrikaden bauen und gewaltsam den Staat umstürzen wollen. Das heißt einfach, wir lassen un» nicht vom Boden unsere« Prinzip« und Programm» abbringen. Wir wollen die grund- stürzende Umgestaltung der h e u t i g e n B e r h ä l r n i s s e; wir lassen uns nicht kaufen. Wir nehmen die kleinen Reformen, die un« geboten werden, zwar al« Abschlagszahlung an, aber wir verschachern unsere Forderungen nicht um das Linsengericht so kleiner Resorme»; wir wissen, daß da» soziale Elend, die soziale Ungerechtigkeit nicht durch kleine Reformen au« der Welt geschasst werden kann; wir wissen, daß die Sozialreform, soll sie gründlich und— ich sage e«, ohne mich eine» Widerspruche» schuldig zu machen— soll s i e revolutionär sein, die Umgestaltung der heutigen Gesellschaft, d. h. die voll- ständige Umgestaltung unserer Produktionsverhält- nisse bedingt. Also mir partiellen Reformen, mit kleinen Maß« regeln, mit Palliativmitteln werden wir nie und nimmermehr zufrieden sein. Wir brauche» radikale Heilmittel, und vou dem revo- lutionären Ziele, welche» wir verfolgen, werden wir un» n i e abbringen lassen. Und ließen wir uns abbringen, so würden wir bloS unser Uuverständniß der Dinge beweisen und bald von dem Schauplatz verschwinden; denn der Logik der Thatsachen entsprechend, würden Andere kommen, welche die nothwendigen Forderungen stellen und verfechten würden. --- Meine Herren, wir haben einfach geantwortet, daß wir mit Herrn Stöck-r und Kompagnie uns nicht einlassen können. Wir sind zwar auch Staatssozialisten, aber in dem höhereu Sinne, wie�ein Lassalle, ein Marx, wie unsere Partei überhaupt den Begriff des Staates und de» Sozialismus aufgefaßt hat. Wir wissen, daß der Einzelne die soziale Frage nicht lösen kann; wir wissen, daß die Regelung der Produktion»- Verhältnisse, die Regelung der ganzen Arbeitsverhältnisse b l o v auf staatlichem Wege möglich ist. Wir sind Gegner der Manchester- lichen Richtung, des laisser faire, laisser aller, der absoluten individualistischen Selbsthilfe; wir glauben— und wirken in diesem Sinne—, daß der Staat die Ausgabe und die Pflicht hat, die Lösung der sozialen Frage in die Hand zu nehmen. Aber, meine Herren, diese Lösung ist blo» möglich in einem freien Staate, in einem Staate, in welchem da« Volk auch das Regiment in Händen hat, in einem Staat, dessen Grund- satz es ist,„Alles für da« Volk" und„Alles durch da» Volk". Ein da« Volk von Oben bevormundender Staat, ein Staat, der, wie ich dem Herrn Abgeordneten v. Kleist-Retzow vor einigen Jahren entgegenzuhalten halte, an die Stelle de« manchesterlichen Nacht- Wächter« den PolizeibUttel stellt, den wollen wir ebenso- w e n i g wie den andern. Diesen Staat verwerfen wir, und wenn ich im Augenblick zwingend vor die Wahl gestellt wiirde, dann wäre ich noch eher fllr denjenigen Staat, welcher aus den m odernen Verhältnissen hervorgegangen ist, für den modernen bürgerlichen Staat, als für den alten feudalen Junker« und Zunststaat. Aber, meine Herren, vor dieser Wahl stehen wir nicht, und wir kommen auch nicht vor sie. Da« Blirger- thun, in Deutschland hat zum Gliick für uns noch nicht so feste Wurzeln zu fassen vermocht, daß e« den Junker- und Militärstaat hat zerstören können, ähnlich wie in England und Frankreich; und so besteht zwischen diesen beiden Richtungen ein kräftiger Antagonismus, welcher schließlich unserer Partei zu Gute kommen muß; wir sind der tertius qui gaudet, wir ziehen au« dem Kampf dieser beiden Richtungen unseren Vortheil und stehen beiden feindlich gegenüber. Genug, wir können uns nie und nimmermehr bergeben zu einem Pakte mit jener Seite. Da« Anerbieten, von dem eben die Rede war. steht nicht vereinzelt da. Ich kann sagen, daß Personen, die vielleicht noch in näherer Berührung mit Regierungskreisen gewesen sind, in früheren Zeiten Fühlung mit uns gesucht haben, daß man zu jeder Zeit nn« die Aussicht eröffnet hat. freien Spielraum für uns zu erlan< gen, wenn wir die sozialdemokratische Bewegung in die Dienste der Re- aktion stellen würden. Das ist uns wiederholt angeboten worden in einer Form, welche die Möglichkeit einer Ableugnung absolut ausschließt, an- geboten worden von agrarischer und sonstiger verwandter Seite. Also ich begreise nicht, wie Herr von Puttkamer dazu kommen kann, zu erklären, eö sei ein Frevel, sich mit unserer Partei einzulassen. Ich wiederhole, keine Partei hat mehr versucht, sich mit un« einzulassen, hat mehr um unsere Gunst gebuhlt als die Parteien, welche an den Rock- schößen des Herrn von Puttkamer hängen. (Hört, hörtl link«.) Meine Herren, c« gibt blo« ein Mittel, um die soziale Frage au» der Welt zu schassen, um einer Revolution vorzubeugen, und diese« Mittel ist die Freiheit und die Anschmiegung der Gesetze an die Bedürfnisse der Gegenwart. --- Ich will Ihnen hier an einem denkwürdigen geschichtlichen Beispiel darlegen, wie jede Partei, jede gesellschaftliche Gruppe direkt aus den Boden der Gewaltthat, de« gemalt- samen Umsturzes gedrängt wird, wenn man ihr die Möglich keit der gesetzlichen Geltendmachung ihrer Forderungen raubt. Ich habe vorhin der englisdien Trade«- Unions erwähnt, mit denen, im Borbeigehen bemerkt, die deutschen„Gewerkvereine" absolut nicht das Geringste zu thun haben; denn die englischen Trade«. Union» sind aus der Mitte des arbeitenden Volkes selber hervorgezogene, au» den mitlclalterlichen Gilden hervorgcwachsene Organisationen, welche das K l a s s e n i n t e r e s s e der Arbeiter in bewußter und wahr- hast imposanter Weise, jetzt fast ein volle« Jahrhundert lang, vertreten. Die Thätigkeit der Trade« Union«, die beiläufig alle« Das thatsächlich geleistet haben, was unseren Herren Sozialresormern als Ideal vorschwebt: Krankenversicherung, Unsallversicherung, Jnvalidenkaffen u. s. w, die Thätigkeit dieser Arbeiterorganisationen wurde dem Großkapital, der Großprodukiion gegen Ende de« vorigen Jahrhunderts unbequem; die allen Koalitionsgesetze, die sich in gleichem Maße, wie gegen die Arbeiter, auch gegen die Arbeilgeber richteten, wurden abgeändert und in drako- nischster Weise einseilig gegen die Arbeiter verschärft. Es wurden die strengsten Slrase» gegen die Arbeiterkoalitionen gesetzt. Wa» war die Folge? Die englischen Arbeiter mußten ihre Organisationen in geheime Gesellschasten verwandeln und wurden auf den Boden der Gewalt gedrängt. Diese ruhigen Engländer, die heute al« da« Muster eine« resor- malorisch sriedlich-sortschreiienden Volkes vor un» dastehen, wurden zu den sogenannten„tradso outragea", diesen„gewerkschaftlichen Freveln" getrieben; sie orgaiiisirleu jörm iche Vehmgerichte, in welchen die- jenigen, welche den Arbeilerinteressen entgegentraten, seien es Fabrikanten, seien es Arbeiter, welche die Z recke der Trabes Union« zu vereiteln suchten, al« Verbrecher zu schweren Slrasen, häusig zum Tode verurcheilt wurden; und i» vielen, vielen Fällen ist das Todeeurtheil, unter ähnlichen Zeremonien wie die TodeSurtheile der alten deulschen Vehme, gefällt und vollstreckt worden. Wer die Geschichte jener Voikommnisse in den englischen diu« bonks, in den Berichten der parlamentarischen UntersuchungSkommissioiien, nach- liest, wird finden, daß ich nicht im Geringsten übertreibe; diejenigen, welchen die Quellen nicht zur Verfügung stehen, wie da« bei mir der Fall gewesen ist— ich habe in England mich ganz besonders mit dem Studium dieses Materials beschäftigt— verweise ich auf die Schrislen Brentauo'S, in denen Sie die«, wen» auch nicht vollständig pointirt, dargelegt finden. E« wurden— von den Verurtheilungeu zum Tode abgesehen— Häuser in die Luft gesprengt, Pulver- säcke an die Schlösser gehängt, welche die Fabriken zerstörten, es wurden Maschinen zerstört, Arbeiter und Vi eiste r, die sich mißliebig gemacht hatten, furchtbar mißhandelt u. s. w. Da» Gesetz wurde mit unerbitterlicher Strenge gehandhabt, e« wuroen Todesurtheile vollzogen, obgleich, ähnlich wie bei den„agrarischen Fre- veln" in Irland, nur äußerst selten die Urheber haben entdeckt werden können, weil das gesammte Volk, dessen Recht«- gejühl durch die Ausnahmegesetzgebung verletzt war, mit den Unterdrückten sympathisirte. Keine Unterdrückungsmaßregel, keine Versolgung, keine Bestrafung, nicht« hals; Stockprügel, die jetzt wieder als Universalmittel gelten, der Strick, der sich jetzt ebenfalls al« sittliches Heilmittel vielfacher Sympathien aus dieser(der rechten) Seite de« Hauses ersreut, Alle« ist angewendet worden, und das Resultat war, daß da« Uebel schlimmer und schlimmer wurde, bis dann endlich die staaismännische Klugheit die Oberhand gewann, und innerhalb der freisinnigen Elemente die Ueberzeugung zum Durchbruch kam, daß e« unmöglich sei, durch Unterdrückungsmaßregeln da« RcchlSgefühl in den Menschen zu vernichten, und den Arbeiterorganisationen, die in den sozialen Verhältnissen nothwendig begründet sind, ein gewaltsames Ende zu bereiten; man begriff die Nothwendigkeit, die Ausnahmegesetze, zu denen die Koalitionsgesetze ja eminent gehören, aufzuheben. Unter Leitung Hniue's, de« bekannten philanthropischen Freigeistes, kam dann auch die Bewegung für Aushebung der sogenannten Kombination Imwg zum Siege; im Jahre 1824 nahm das Parlament, Unterhaus wie Ober- haus, den Gesetzvorschlag, welcher die Ausnahmegesetze beseitigte, au, und von jenem Moment an sehen wir, wie die ge- sammte englische Arbeiterbewegung auf den Boden des Gesetzes kommt, denn kein Mensch— ich appellire hier an Jhie Menscheukeniitniß, meine Herren I— kein Mensch, der aus sriedtich�m Wege da« erreichen kann, wa« er in sei- ne ui Interesse sür nothwendig hält, wird frivoler Weise aus die Straße gehen, Barrikaden bauen, aus seine il menschen schießen und sein Leben aus'« Spiel setzen. Zu solche» Handlungen, wo nicht der Wahnsinn eine« Einzelnen sie bif. it, kommt eine Klasse, kommt eine Partei nur unter dem Gebote der eisernen Nothwendigkeit, die keine andere Möglichkeit offen läßt. Bergleichen Sie diese« Beispiel, wie die englischen Arbeiter durch Ausnahmegesetze aus den Boden der Gewaltthäiigkeit, des gewalt- saineii Umsturzes, de» Blutvergießen« gedrängt, durch jede weitere Ge- waltmaßregel aus dem Wege der Gewaltthat weiter vorangetrieben wer- den und dann nach Aushebung dieser Ausnahmegesetze aus den Boden der sriedlichen Reform. gelangt sind—, vergleichen Sie diese» Beispiel England« mit dem Beispiele Rußlands, wo aus jeden Freiheil« rus von Uulen heraus die briltilt Faust des Zarismus antwortet und sich um die Gurgel de«„Revolutionärs" krallt, der in irgend einem Gc fäugniß oder in Sibirien lebendig begraben wird— sehen Sn, wie dieses bis auf die äußerste Spitze getriebene System der polizeilichen Unterdrückung an seiner eigenen Ueberlreibung zu Grunde geht, wie die zarische Allmacht iu die äußerste Impotenz, in die vollständigste Macht lofigkeit umgeschlagen ist und den Nihilismus erzeugt, den Nihilismus zur Nebenregierung, ja zur Hauptregierung Rußland» erhoben hat—, vergleichen Sie jene« Bild und diese«, und, meine Herren, disoito woniti! Sie sind gewarnt, Sie sehen in dem Beispiele Rußland«, wohin die Unterdrückung führt. (Schluß folgt.) Briefe aus England. London, 20. Januar 1883. Die Zustände in Jrlan d verschlimmern sich von Tag zu Tag. Trotz- dem die englischen Grundrechte feststellen, daß Niemand inhastirt werden und gegen Niemand Untersuchung verhängt werden soll, ohne daß ihm der Anklagepunkt mitgetheilt wird, wurden in letzter Woche massenhaft Verhaftungen vorgenommen; und bis jetzt wissen die Verhasteten nicht, welchen Vergehens man sie beschuldigt. Die Regierung sprengt das Gerücht au«, sie wolle nicht nur beweisen, daß einige der Verhafteten an der Ermordung von Cavendish und Bourke in Phönix Park theil- genommen haben, sondern auch zeigen, daß ein enges BUndniß zwischen der„Mordgesellschast"(aasassination Society) und der Landliga besteht, und daß von den Lv.vlK) Psd St.(400,000 Mark), welche P a tr i k E g a n, der bisherige S chatzmeister der Landliga, unter dem Titel .�Organisations-Ausgaben" verwendete, ein Theil den Mördern über- mitlelt wurde. Doch scheint mir da« sehr unwahrscheinlich, weil ich nicht glaube, daß die Herren Parnell, Egan und Kompagnie so wahn- sinnig sind oder so aufopfernd, ihren Hals dem Henker preiszugeben. Ferner wird behauptet, daß ein Zusammenhang zwischen der„Mord- gesellschast" und der„irischen republikanischen Verbrüderung" nachgewiesen sei, aber auch da« kann ich nicht glauben, denn die irische republikanische Verbrüderung ist nicht zu dem Zweck gegründet worden, einzelne Jndi- viduen todtzuschlagen, sondern da« Volk zum offenen Kamps mit der englischen Regierung zu organisiren. In einigen Theilen Irland« wird das Zwangsgesetz mit drakonischer Härte gehandhabt. Bergangene Woche wurde ein Mann, weil er nach eingetretener Dunkelheit ausgegangen war, zu drei Monaten Gesängniß verurtheilt, obwohl nachgewiesen worden war, daß er nur für sein kranke« Kind einen Doktor geholt hatte. Eine Woche vorher waren alle Personen, welche an der Leitung einer Versammlung unter freiem Himmel Theil genommen, verhastet worden. Man trakiirte sie mit Püssen, transportirte sie zu Fuß meilenweit bis zum Sitz de« Regierung«- beamten, der jeden zu einem Monat schwerer Arbeit verurtheilte. Da« sind nur zwei Bilder von der englischen Ordnung in Irland unter der Herrschast de«„großen Greise«"(Spitzname Gladstone'S, Die Redaktion.) Das unbedeutende Unwohlsein Gladstone'S hat unsere Liberalen in große Aufregung versetzt, weil sie wissen, daß wenn er stirbt, die Tobten- glocke der liberalen Partei läuten wird. Nur sein Name hält dieselbe noch zusammen. Die Radikalen hassen die Whig« mehr al« die Torie«. Stirbt Gladstone, so werden Torie» und Whig« wahrscheinlich ein Bllndniß schließen, und unter Chamberlain'S und de« Exrepublikaner Dilke Leitung wird sich eine radikale Partei konflitniren, ebenso auch die Arbeiterpartei, doch haben wir un« noch nach einem tüchtigen Führer umzu- sehen.(? Redaktion.)— Es sind Unterhandlungen im Gange, daß der demokratische Verein Marlybone sein Domizil im kommunistischen Arbeiterbildungsverein, Toltenham Street 49, ausschlagen werde. Es würde die« eine inter- nationale Verbindung im kleinen Maße sein, die nur einen brüderlichen Verkehr zur Folge haben kann.— Herr Bradlaugh macht große Anstrengungen) um die Demon- stralion zu seinen Gunsten zu einer erfolgreichen zu gestalten, und ich muß gestehen, daß ich mich täuscht«, al« ich Ihnen schrieb, sie werde nicht sehr enthusiastisch sein. Sie wird es sein. Exlrazüge werden Tausende vom Norden und Westen Englands bringen, und wenn Brad- laugh von der Polizei au« dem Unlerhause herausgeschleppt werden wird, wie die» bisher der Fall war, so wird es zu einem Kamps kommen. So sehr ich Bradlaugh in vielen Fragen gegenüberstehe, glaubeich doch, daß man ihn diesmal unterstützen muß, weil 1) schon jede Agitation von Nutzen ist und 2) es sich um das Recht de« Volkes handelt, den Mann zu wählen, der ihm paßt. Wenn da« Unterhaus heute Bradlaugh« Auf. nähme verweigern darf, so wird es morgen dasselbe mit Dadson(ein englischer Sozialist) thun. Vor Kurzem war L o u i s e Michel hier und hielt während einer Woche täglich in Steinwoy Hall Vorlesungen über„Frauenrechte und Erziehung", leider vor sehr geringem Publikum. Die bestbesuchte Ver- sammlung zählte— 70 Theilnehmer. Zwei Ursachen sind an Letzterem Schuld. Erstens sprach sie französisch und zweitens war der Eintritt«- preis zu hoch. Eine Halle für 62 Pjd. Sterling(1260 Mark) zu miethen und zu hoffen, sie bei einem Eintrittsgeld von 7'/,, 5 und 2'/, Shilling für ersten, zweiten und dritten Platz zu füllen, war Wahnsinn. So über- trieben hoch der Engländer Musik bezahlt, so knauserig ist er iu Bezug aus Vorträge. Während der Jrländer die Reden seiner Leute gern theuer bezahlt, verlangen der Engländer, der Schotte und der Walliser die ihrer Vertreter umsonst. Die Bourgeoisie ist hier stet« so schlau gewesen, die Kosten ihrer Meeting« selbst zu bezahlen, dabei gewöhnlich auch alle Red- ner und die„Macher". Vor vier Jahren wurden sür ein Meeting in Exeter Hall 1000 Psd. St.(20,000 Mk.) ausgegeben. Der„Arbeiter" Broadhurst hatte einen Finger in dieser Pastete(will sagen: machte seinen Schnitt dabei. D. Red.). Jedenfalls hat Derjenige, der Louise Michel einlud, bewiesen, daß er die hiesigen Verhältnisse absolut nicht kennt. Im Lyoner Prozeß, dessen Ausgang wir mit Spannung entgegensehen, agte Fürst Krapotkin, es gebe in England keine Sozialisten. Da» ist durchaus nicht richtig. In London allein gibt es vier ausgesprochen sozia- listische Klub», abgesehen von der? demokratischen Federalion, die, wenn auch nicht ausgesprochen, so doch thatsächlich eine sozialistische Beweguu ist und in ganz England, sowie in Glasgow und Edinburgh in Schottland Sektionen zählt. E» ist sehr bedauerlich, daß Krapotkin diese Aeußerung that, ohne sich vorher besser zu insormireo. Eh. I. G a r c i a. Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 24. Januar. — Au« dem deutschen Reichstage. Am 18., 19. und 20. Januar wurde im Reichstag der Börsensteuergesetzentwurs der Herren von Wedell- Malchow u. Kompagnie berathen. Der steno- graphische Bericht ging un« leider zu spät zu, um noch sür diese Rum- mer eine gehörige Würdigung dieser sehr charakteristischen Debatten zu ermöglichen. Unsererseits sprach Genosse Ka y s e r und entwickelte den Standpunkt unserer Partei zur Börse und Börsensteuer mit ebcnsogroßer Schärfe wie Gewandtheit. Rechte und Linke, d. h. Krautjunker wie Börsenbarone, bekamen ihr gehörige« Theil bitterer Wahr- heilen zu hören. Aber auch die christlich konservative Regierung ging nicht« weniger als leer au«. Natürlich erklärte K a y s e r, trotz schärfster Kritik des Giftbaum« der Böise, von der er sihr richtig sa�te, daß „ein Giftbaum da wächst, wo auch ein Gissboden ist", daß unsere Genossen gegen die Börsensteuer stimmen werden, weil wir der Regierung ü b erHaupt keine Steuern bewilligen. Wie K a y s e r's Rede gesessen, zeigten die nachfolgenden Redner. Der ihm folgende klerikal- konservative Schorlemer-Alst konstatirte, daß„der Abgeordnete Kahler den Gegnern der Börseusteuer, iusbe- besondere dem Abgeordneten Sounemann— um mich der speziellen AuSdrucksweife de« Herrn Sonnemann zu bedienen— ein seine« Begräbniß bereitet hat" und der liberale Abgeordnete Meyer (Halle) sagte, daß er und seine Freund- in Kayscr'S Ausführungen„die erste und wahre Konsequenz der Angriffe gesehen haben, die gegen die Börse gerichtet sind."„Man kann kein gründlicher Feind der Börse und kein abgesagter Gegner des Kapitalismus sein, ohne zu denjenigen Konsequenzen zu kommen, welche der Herr Abgeordnete Kayser ge- zogen hat." Wir werden, wenn irgend möglich, auch die Rede Kayser's im Auszug bringen. — Konsequenz ist bekanntlich die S p e z i a l i t ä t der Herren Liberalen. In der jüngsten Berathung de« Börsensteuer- Entwürfe« haben die Leutchen da« wieder einmal in geradezu klas- sischer Weise bewiesen. Da« Streben de« Liberalismus geht nothwendig auf eine Stärkung de« Parlamentseinflusse«, bezw. auf das parlameu- tarische Regierungssystem, in welchem die Vertretungskörper der au«- schlaggebende Faktor sind, dessen Entscheidungen sich die Regierung unter- zuordne» hat. Von diesem Standpunkt au« ist der Liberalismus mit Recht ausgebracht, wenn die„starke monarchische" Regierung de« Reiche» einen Beschluß de« Reichstags dadurch vernichtet, daß sie ihm die Zu- stimmung verweigert. Welche sittliche Entrüstung über solche„Miß- achtung der Vertretung der Nation" geht da nicht durch die ganze libe- rale Presse. Aber wie schnell wendet sich da« Blatt, wenn da« liebe Interesse in« Spiel kommt I So schloß der liberale Abgeordnete BUsing seine Rede, in welcher er einen wahren LobhywnuS auf die„segensreiche" Thätigkeit der Börse anstimmte, unler demBeisall derLinken, mit den Worten: Ich bofle, der Reichstag wird diese ungeheuerliche Börsensteuer. Vorlage verwerfen; sollte jedoch auch das Gegentheil der Fall sein, so„habe ich doch noch das feste Vertrauen zu der R ich«. regierung, daß dieselbe einem Gesetz, welches eine so tiefe Schädigung unseres wirlhschastlichen Leben« enthält, und welches sie eine» so wesentlichen Machtmittel«(!!) beraubt, wie sie es an einer starken kräsiigen uud alle Zeit loyalen Börse besitzt, nimmer- mehr ihre Zustimmung geben wird". Das heißt zu deutsch: Der König absolut, sobald er unser» Willen thut! Und solche Leute wollen sich al« gefährliche Gegner der Regie- ruug ausspielen! — Aus gegnerischem Munde. Die neuest: Nummer de» „Christlich sozialen Korrespondenzblattes" bringt n. A. einen Bericht Uber die große Berliner Arbeiterversammlung vom 8. Januar, den wir gerade weil er von dieser Seite kommt, mindestens zum Theil hier wieder- geben wollen. Nach Konflatirung des kolossalen Besuche« wird die Rede de« Vergolder« Ewald mitgeheilt, in welcher dieser sich gegen den Vorwurf, die Arbeit der Konservativen zu verrichten, bezw. ein Ageut Stöcker« zu sein, energisch verwahrte. Hier vermissen wir folgende in der übrigen Presse mitgetheilte Episode:„Ewald: Al« im Jahre 1870 der gewiß von Jedermann hochgeachtete Dr. Johann Jakoby(Stürmischer, lang anhaltender Beifall)", die wir sür wichtig genug halten, von ihr besondere Kenntniß zu nehmen. Nach Ewald tritt ein Arbeiter K l i e m aus, der Ersterem den Vorwurf macht, nicht energisch genug gegen Stöcker einzutreten, woraus Herr S t ö ck e r, wie wir bereits mittheilteu und worüber sich da« christlich soziale Korrcspondenzblatl gar nicht de- ruhigen kann, von allgemeinem Zischen begrüßt, da« Wort nimmt. Au» dem Bericht über seine Rede interessiren un«, selbstverständlich nur wegen der Ausnahme, die sie bei den Arbeitern finden, folgende Stellen: „Da« Unvernünftige der Sozialdemokratie besteht in dem Haß gegen da« Königthum und das Christenthum.(Großer Tumult.) Die Vernünftigen suchen sich auszusöhnen mit den Faktoren, die da« Wohl der Arbeiter wollen. Da« ist zuerst da« deutsche K a i s e r t h u m.(Unruhe). Den Nachweis erbitte ich von Ihnen, welche moderne Regierung den Arbeitern mehr geboten hat. al« die deutsche. Wa» wollen Sie denn von der Revolution?(An- haltende Unruhe. Wiederholte Intervention de« Boisitzenden.) Wa« wollen Sie mitJhremAtheismu«, mit Ihrer Gottes- läugnung?(Unbeschreiblicher Lärm.) ES gibt kein Buch auf Erden, das dem gesunden Sozialismus günstiger ist und dem Wohle de« Arbeiters förderlicher, als die B i b e l(r a s e n d e r W i d e r- s p r u ch) und es gibt keinen Mann auf Erden, der mehr Ihr Freund ist, als der in Bethlehem geboren ist.(Miuutelange stür- mische Unterbrechung, Ermahnung de« bereit« heiseren Vorsitzende»). Sie haben keinen besseren Freund al« den Erlöser Jesu» Christu»! (Stürmischer Widerspruch.) Er sagt: Der Mensch ist nicht Eigen- thümer, sondern nur Verwalter seiner Güter, der Mensch solle nicht unablässig irdischen Gütern nachjagen, und Jeder soll seinen Nächste» lieben al« sich selbst. Wenn Reich und Arm diese Ideen halten, wäre die soziale Frage wenigstens nicht iu dieser schweren Form aus Erden, sondern es wäre sozialer Friede und e» wäre besser al» jetzt!(Beifall, Widerspruch, Zischen, anhaltende Bewegung.)—" Bekanntlich erhielt nunmehr, von stürmischen Beifall begrüßt, Genosse Kayser da« Wort. Aber kaum halte er einig« Worte gesprochen und Miene gemacht, Stöcker zu widerlegen, als die Versammlung aufgelöst wurde. Daraus konstalirt der Bericht: „Unbeschreibliche Bewegung. Durchdringende Psuiruse erschallen. Die M a r s e i l l a i s e w i r d angestimmt, und der Menschen- \ knäuel drängt unter anhaltenden Hochrufen aus Kayser dem Ausgange zu. Der Saal leert sich nur langsam unter energischer Intervention der Polizei. Bis aus die Straße hinau» pflanzt sich der Tumult, doch kamen keine ernstlichen Ruhe- störungen vor."— Ebenso interessant wie charakteristisch ist der Kommentar de» christlich- sozialen Blatte« zu dieser Versammlung: „Wir wollen unerörtert lassen", heißt es da,„ob die polizeiliche Auslösung iu jenem Moment geboten war— verdient hätte die tumultuarische Versammlung die Maßregel vollkommen, denn(I) sie artete au» in eine wüste sozialdemokratische Demonstration." Und nach dieser sehr ehreuwerthen Beschönigung der Auslösung wird über den Empfang Stöcker'» gejammert und Pfui! gerusen, dann den Leitern der Versammlung der Borwnrs gemacht, daß sie als Hausherren „zu schwach" seieu,„um stramme« Regiment zu üben", woraus e« zum Schluß heißt: „Da loben wir un« noch die alten Sozialdemokraten— damals im Eiskeller vor b Jahren gab'« auch einen heißen Kampf, eine« Kamps aus Leben und Tod, aber er wurde noch gesührt in gewissen ritterlichen Formen; obgleich Herr Hosprediger Stöcker damal« ' nichtalsGast, sondern al« E i u b c r u s e r in der Bersamm- lung austrat, und obwohl die Sozialdcmolrateu die ungeheure Majorität hatten, konnte man sich persönlich über unziemliche Be« Handlung nicht beklagen, Grotikau führte strenge« Regiment, e« ging alle« mit einer gewissen Noblesse her man merkt heute, daß den Arbeitern neben manchem Andern auch die parlamentarische Schulung sehlt. So ist mit ihnen nicht zu verhandeln." Wer kann, angefichl» diese« Zeilgiiisse« au« gegnerischem Munde, noch den leisesten Zwei, et hege» an der„e d u ka t o r is ch- u (erziehlichen) Wirkung de« Sozialistengesetze«"? Den Genossin aber, die sich so„unparlaoieularisch" aujjührteu, ei» kräslige« Bravo! —®« lebe n'n nsere Freunde, die Feinde! Einen grSße> ren Dienst konnten die christlich-konservativen Rlickschrittler unserer Sache gar nicht leisten, al» sie mit ihrem Antrag aus Einführung der Arbeits- blicher gethan. Wie ein Blitz hat diese« Attentat auf die Ehre der deutschen Arbeiter in den Reihen derselben eingeschlagen und selbst dem Vertrauensvollsten die Augen über die„Arbeiterfrenndlichkeit" dieser Herren geöffnet. Und so kräftig haben sich unsere deutschen Arbeiter gegen daffelbe zu wehren gewußt, daß den biederen Konservativen da» Herz darüber in die Hosen gefallen ist. Jeder Tag bringt uns Berichte von neuen Protefiversammlungen, eine immer zahlreicher besucht als die andere. In Gera gab Hasenclever in einer von mehr al» 2000 Arbeitern besuchten Versammlung der Entrüstung der Arbeiter kräftigen Ausdruck, in Hannover drängten sich gegen 3000 Arbeiter in einen Saal, au« dem Tische und Stühle entfernt werden mußten, um die Pro- testreden der Genossen Hasenclever und Meister zn hören. In München nahm eine gleichfalls von über 1000 Arbeitern besuchte Volksversammlung nach Anhörung einer mit stürmischem Beifall auf- genommenen Rede Grillenberger'S eine von Genosse B i e r e ck beantragte energische EntrüstungSresolution an. In R e n d s b u r g trat Genosse Frohme, in Wilhelmshaven Bios, in Großen- Hain und Meißen Geyer gleichfalls gegen die Arbeitsbücher öffent- lich auf, unsere wackeren B a r m e r Genossen setzten in einer von den Forlschrittlern einberufenen Volksversammlung zum Protest gegen die Arbeitsbücher ihre bei Weitem energischer gehaltene Resolution mit über- wiegender Mehrheit durch rc. tc. Wollten wir von allen Versammlungen in dieser Angelegenheit berichten, so müßten wir den ganzen Raum unseres Blattes nur diesem Zwecke widmen, kurz, eine so allgemeine Agitation hat der deuische Arbeiter- stand lange nicht zu verzeichnen gehabt. Die Regierung mußte eben die Arbeiter in dieser Frage zum Worte kommen lassen, ihre Arbeiter- freundlichkeit Härte sonst gar zu schäbig ausgesehen, die Arbeiter aber haben diese Gelegenheit benutzt, mit nicht zu verkennender Deutlichkeit ihr Verdikt über mehr als diese eine Frage abzugeben. Und sie haben Recht daron gethan. Im politischen Leben kommt Alles aus die Energie an, mit der eine Forderung, eine Sache vertreten wird. Wer sich in die Vertheidigung drängen läßt, der hat schon halb verloren. Angreisen, immer wieder angreifen, da« ist die Hauptsache. Der Erfolg ist auch diesmal nicht ausgeblieben, da« zeigt am deutlichsten Herr Stöcker. Dieser christlich-soziale Bauernfänger hatte sich bekanntlich erst für die Arbeitsbücher ausgesprochen, dann die Sache für»och nicht spruchreif erklärt, und neuerdings, am letzten Freitag, erklärte er nach dem„Deuschen Tageblatt" in einer Rede, in der er seinem Verdruß Uber die„neue Berliner Arbeiterbewegung" offen Ausdruck gab, sich„rück- haltlos gegendiejetzigeEinsührungobligatorischer Arbeitsbücher", weil seines Erachten» die Nach- theile und Gefahren derselben größer seien, al« der von ihnen zu erwartende Vortheil für die Arbei t er." Ist diese Erkenntniß dem frommen Herrn Hosprediger plötzlich aus der Lust,„vou Lbcn", gekommen? O nein! es waren die Geister der Unterwelt, die noch immer nicht vermuckertcn Berliner Arbeiter, welche dem Manne Gotte» diese« Licht aufgesteckt haben. Die„gottlose" Versammlung vom 8. Januar hat es bewirkt, daß Herr Stöcker nicht für die jetzige(!) EinsUhruiig ist— ein Hinterpförtchen muß er sich natürlich offen lassen, wofür wäre er sonst Hospredigerl Jndeß, mag er sich nur der Hoffnung hingeben, daß die Arbeiter schließlich doch auf den christlich-konservativen Köder anbeißen werden, Hoffen und Harren Macht Mancheu zum Narren, er wird doch immer weiter retiriren müssen, der brave Apostel des „sozialen Königlhums". Dafür bürgt uns die tapfere Haltung der deutschen Arbeiter. — Au« dem ari st o kr a ti s ch en„G e st U te". Man erinnert sich der komischen Entrüstung de« Tugendritlers Puttkamer über einen Zeitungsartikel, der die Ehe ein„Gestüte" nannte. Herr Puttkamer scheint nicht zu wissen, daß diese Bezeichnung von seinem biederen„Chef" herrührt, der in den Gesprächen mit„seinen Leuten"(siehe da« bekannte Buch unsere«„Büsch'chen") von der Zweckmäßigkeit der Vereinigung „christlicher Hengste mit jüdischen Stuten" sprach. Natürlich kann die Sache auch umgedreht werden; und so hören wir denn jetzt, daß die Tochter des Fürsten Hatzfeldt, notorischen Günst- ling's unsere« braven Reichskanzler«, als christliche„Stute" mit einem Sohne de» samoseu Bieichröder als jüdischem„Hengst" ver- einigt, bezw. gepaart werden soll. Wir sind überzeugt, daß diese Nach- richt aus dem aristokratischen Gestüte von unseren Lesern mit gebührender Andacht und Befriedigung ausgenommen wird. — Das Spitzelslugblatt, schreibt man un« au« D r e« d e n, hat hier kolossale Aufregung verursacht. Wir würden noch weitere 40,000 mit Leichtigkeit loswerden. Jeder will es lesen, Jeder will es haben, denu die Entrüstung über die Polizei ist allgemein. Selbst die Spießer, welche sonst alle Streiche gegen uns gutheißen, sind aufgebracht, daß der Betrüger— wir haben Schmidt'« Unterschlagungen und Be- trügereieu in dem Flugblatt vollzählig ausgeführt— außer Verfolgung gesetzt wurde, daß man ihm sogar noch Legitimationspapiere schickte. Allgemein verlangt man, daß gegen Kriminalrath Weller und Polizeikommissar Paul der§ 346 des Strafgesetzbuches in Anwendung gebracht werde, der da lautet: „Ein Beamter, welcher vermöge seines Amtes bei Ausübung der Strasgewalt oder bei Vollstreckung der Strafe mitzuwirken hat, wird mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft, wenn er in der Absicht, Jemanden der gesetzlichen Strafe zu ent- ziehen, die Verfolgung einer strafbaren Handlung unterläßt" tc.»c. Bis jetzt hat sich in dieser Beziehung noch nicht« gerührt, die beiden Herren amtireu ruhig weiter, hoffentlich werden unsere Abgeordneten im Landtage mit dem Herrn Minister, der in Berlin erklärte, mit Revolu- lionären diskutire er nicht, ein Irästiges Wort reden. Hier wird er ihnen nicht ausweichen können, im Landtage m u ß er diskutiren. Beiläufig hat die Polizei es bis heute noch nicht gewagt, unser Flug- blatt zu verbieten. Ihr Verbot würde einem homerischen Gelächter be- gegnen. Dagegen soll sie beabsichtigen, gegen unsere zwei Genossen, welche bei der Verbreitung abgefaßt wurden, auf Grund eine« Belei- diguagSparagraphen Anklage zu erheben. Da» würde eir» netter Prozeß werden. — EinHohenzoller weniger! Preußen« Lakaien haben einen großen Schmerz erfahren. Prinz Karl, der Bruder de« deutschen Kaiser«, ist am 21. Januar im Alter von 81 Jahren— diese„armen" FilrfUn haben trotz ihre«„schweren und sorgenvollen" Berufe« Alle ein katzeuartig zähe« Leben— zu seinen hochseligen Vätern versammelt war- den. Natürlich werden dem„hohen Verstorbenen" jetzt alle möglichen Tugeuden und schönen Züge nacherzählt, wir aber können uns nicht ent- schließen, das„von den Tobten soll man nur Gute« reden", einem Manne zu Gute kommen zu lassen, der bei Lebzeiten eine so überaus privilegirte Stellung einnahm, daß ihn selbst nicht die berechtigtste Kritik, geschweige denn die G e r e ch t i g k e i t hätte erreichen können; denn sonst wäre dieser vortreffliche Prinz schwerlich in seinem Palais, sondern wahrschein- lich in irgend einem Zuchthaus gestorben. Ez war Prinz Karl von Preußen, der ganz in der Nähe seine« am Wilhelmsplatz in Berlin ge- legeneu Palais— m der Kanouierstraße, hinter der DreisaltigkeitSkirche— eine separate Wohnung besaß, in welche ihm von einem ergebenen Dieuer halberwachsene Mädchen de« Quartier« gebracht wurden, damit ihnen dort von Er. königlichen Hohheit ein Kapitel Uber christliche Moral gelesen werde. Es gab Jahre hindurch kaum eine Konfirmandin in der Dreisaltigkeitsgemcinde, welche nicht die— Liebenswürdigkeiten de» Prinzen persönlich kennen gelernt hätte. Karl war auch derjenige Prinz von Preußen, dem da«„Unglück" pasfirte, seinen Kammerdiener mit dem Degen„aus Versehen" zu tödten. Warum der Prinz mi» dem bloßen Degen im Zimmer herumfuchtelte, wissen wir nicht. Prinzen haben eben andere Gewohnheiten als gewöhn- liche Erdensöhne. Vielleicht hatte der Kammerdiener mit Ausplaudern gedroht, vielleicht wollte der Prinz auch nur die Güte seiner Waffe er- proben I Am besten hat übrigen« sein„hochseliger" Bruder, der, eh« er über- schnappte, geistreiche Friedrich Wilhelm IV., den Prinzen Karl beurtheili. Zwei A-ußerungen mögen dafür zeugen: „Wenn unsere Eltern gebildete, wohlhabende Bürgersleute gewesen wäreu," sagte er einst,„so wäre ich jedenfalls Künstler, vermuthlich Bildhauer, geworden, Wilhelm wäre unter die Soldaten gegangen, Karl aber wäre jedenfalls Zuchthäusler geworden." Ein andermal, al« er Wilhelm und Karl miteinander im Gespräche sah, meinte er:„Ueber welchen Schurkenstreich mögen wohl die Beiden nachsinnen? Denn wo gäbe e« ein Verbrechen, das mein Bruder K a r'l nach nicht begangen hätte!" Genug; ein hohenzollerscher Prinz ist gestorben— legt deshalb Trauer an, gute und getreue Uuterthanen l — Aus Hannover wird uns geschrieben: Seit dem 28. Dezember ist L o g e s wieder in„Freiheit", nachdem er seine sechsmonatliche„Strafe" bis auf die letzte Minute„verbüßt" hatte. Er war in dieser Beziehung nicht so glücklich wie Genosse Liebknecht in Leipzig, den man eine halbe Stunde vor der Zeit„herausließ", damit er gleich mit dem nächsten Zug ab- dampfen konnte, und durch mehrstündige Anwesenheit auf dem Bahnhof die Sicherheit von„Kleinparis" nicht gefährdete. Loge« hat seine Hast ungebrochenen Körpers— daß auch ungebrochenen Geistes versteht sich von selbst— überstanden, und beschwert sich nicht Uber die Behandlung im Gefängniß, die er al« human bezeichnet. Ich hebe dies hervor, weil Gerüchte entgegengesetzter Art kurfirt hatten. ElwaS geschwächt ist er freilich, wie sich das nach so langer Hast von selbst versteht. Im Ge- sängniß wurden— wie die« ja lande«- und reichsüblich ist— mehrere B-kehrungSverfuche gemacht— im Ganzen fünf an der Zahl. Der letzte der fünf Versuche fiel für den Gefängnißpfaffen— Pfotenhauer ist sein Name— so unglücklich ans, daß dieser die Lust zu weiterer SysiphuS- Arbeit verlor, beim Abschied aber wie einen parthischen Pseil aus das undanlbare Objekt die Worte abschoß:„Und sie kriechen doch noch zu Kreuze!" Run— Loge« wird nicht„zu Kreuze kriechen"; sehr hübsch ist aber das Eingeständniß des Pfaffen, daß„christlich werden" und„zu Kreuz? kriechen", also Christenthum und Knechtsinn ein- und daffelbe ist. Da« Einzige, worüber— abgesehen von diesen Bekehrungsversuchen— unser Genosse sich beklagt, ist, daß er so schwer habe Schreibmaterial erhalten können. So bekam er z. B. am Donnerstag seine Vorladung zum Termin auf den folgenden Montag, erhielt jedoch erst am Sonn abend Schreibmaterial, um seinen Vertheidiger benachrichtigen zu können. Seiten« des Staatsanwalt« wurden ca. 170 Mark, die für Abonnementsgelder an Loge« geschickt waren, aus der Post mit Be- schlag belegt, und, obgleich diese Summe nicht das Eigenthnm von Loges ist, so hat die Staatsanwaltschaft sie doch, trotz wiederholter Rekla- mationen. nicht herausgegeben, und wird sie wohl auch nicht herausgeben. Die„Kosten" sollen davon gedeckt werden. Jedem das Seine— rauben ist die Devise, nicht blo« der preußischen Politik, sondern auch der preußischen Justiz.— Einer unserer Genossen hat eine Anklage wegen„Verbreitung des„Sozial- demokrat" erhalten. Bei einer Haussuchung wurde nämlich 1— schreibe ein Exemplar de«„Sozialdemokrat" bei ihm gefunden. Das genügt unserer unvergleichlichen Staatsanwaltschaft, von deren„Logik" und Scharssinn wir schon so wunderbare Proben gehabt haben, zu deduziren, dag„Angeklagter"„der Verbreitung verbotener Schriften dringend verdächtig" sei. Ein anderer Genosse, bei dem vor Kurzem ein Exem- plar de« so eifrig gesuchten Blatte« gefunden wordeu war, mußte drei Wochen in Untersuchung« hast sitzen, weil man von ihm heraus- bekommen wollte, bei wem er den„Sozialdemokrat" abonnnirt habe. Die Folter zur Erpressung von Geständnissen ist bekanntlich bei uns abgeschafft— auf dem Papier. In Wirklichkeit besteht sie in voller Kraft und heißt Untersuchungshaft. — Frankreich. Da« Urlheil im Lyoner Anarchisten- p r v z e ß übersteigt die kühnsten Erwartungen der Reaktionäre: seit den Prozessen der Kommunard« sivd derartige Verurtheilungen wegen poli- tischer Bergehen nicht vorgekommen. Und damals war ein erbitterter Kampf vorangegangen! Das Urtheil macht die Angeklagten für die Explosion im Cafe des Theater Bellecour verantwortlich, weil einer der Angeklagten nach B i e n n e gereist sei, um Dynamit zu kaufen, und weil bei einem anderen Angeklagten Lunte gesunden worden sei; ferner wird der Lyoner Anarchistenverband für schuldig befunden, der Londoner Internationale angehört zu haben. Es wurden auf diese„Gründe" hin verurtheilt: «rapotkin, Bernard, Bordat und Gautier zu fünf Jahren Gefängniß, 1000 Franken Geldstrafe, zehn Jahren Polizeiaufsicht und fünf Jahren Verlust der bürgerlichen Ehren- rechte. Drei weitere Angeklagte zu je vier Jahren Gefängniß, 1000 Franken Geldbuße, 10 Jahren Polizeiaussicht und fünf Jahren Verlust der bür- gerlichen Ehrenrechte. Und so weiter, und so weiter. Im Ganzen sind 46 Personen zu zusammen 82 Jahren Gefängniß nnd 14,200 F�- Geldstrafe verutheilt worden— abgesehen von den Kontumazial- verurtheilungen. Und doch hatte sich von Sitzung zu Sitzung immer deutlicher gezeigt, daß der Prozeß einreinerTendenzprozeß sei, dabei konnte keinem der Angeklagten Anderes nachgewiesen werden al« revolutionäre Artikel und Reden; Uber Gesinnungen saß man zu Gericht, nicht über Hand- l u n g e n. Und da« in einer Republik! Freilich, die Richter, der Gerichtsvorsitzende waren keine Republikaner — es find Monarchisten, meist ehemalige Subj-kte de« Kaiserreiches. Da» ist ja das Kernübel der gegenwärtigen französischen Republik, daß es in ihren Beamtenkreisea noch von monarchistischen Kreaturen wimmelt. Im Heer, im Richterstand, im Beamtenstand, Uberall nistet da« Gesindel noch, da» äußerlich natürlich die Republik anerkannt hat, im Herzen aber gut monarchisch gesinnt ist. Diese Elenden brauchen einen Regenten, denn sie fühlen, je mehr die Republik sich befestigt, um so mehr wackeln ihre Posten. Früher brauchten sie nur nach oben zu kriechen, um nach unten treten zu können. Darum rächen sie sich jetzt, wo sie nur können, rächen sie sich vor Allem an den wirklichen Kämpfern für die Republik! Das Urtheil wurde vom Publikum mit einem Schrei der Ent- r U st u u g begrüßt, der im ganzen Lande bei allen aufrichtigen Republi- kauern aufrichtigen Widerhall fand. Um so stärkeren Widerball, als es ganz eigenthümlich mit der wahrhaft kriecherischen Behandlung de« Prinzen Bonaparte kontrastirte, der in seinem„Gefängniß" Kammer- diener, Sekretär ic. zur Verfügung hat, kurz, buchstäblich wie ein Fürst lebt. Er wird mit einer lächerlichen„Buße" davon kommen, und die ein- zige Folge seine« frechen Manifestes wird möglicherweise eine Berschlech- terung der Preßgesetze sein, da ja zur großen Freude der„Franks. Ztg." — o Ihr„Staatsmänner" I— der S e n a t, diese Schöpfung der Orlea- nisten, auch ein Wort dreinzureden hat. Wenn also die Kammer auch wirklich den AuSweisungsantrag Floquets annimmt, dann wird er wahrscheinlich am Senat, diesem Hemmschuh de« Fortschritt», stolpern und das Genick brechen. Am Senat scheitert die Reorganisation de« Beamtenstande», das Gesetz über die Wählbarkeit der Richter, kurz alle», was die Republik au« einer nominellen zu einer wirklichen machen kann; Alles, was in Frankreich wirklich demokratisch denkt, hat die Abschaffnag de» Senate« auf dem Programm— aber„der Senat wird die Kammer vor Uebereilungea schützen", sagt die demokratische„Frankfurter Zeitung" I Die Wahl im S. Pariser Arrondissement ist so ausgefallen, wie wir voraussetzten. Der sozialistische Radikale Bourneville ist mit 2300 Stimmen im Vordertreffeu und wird bei der Stichwahl— sein Haupt- geguer ist der Opportunist Engelhard— wohl siegen. Der Kandi- dal der Arbeiterpartei Alle mann erhielt 837 stimmen; unter den in voriger Nummer entwickelten Umständen und wenn man bedenkt, daß das 5. Arrondissement da« Studentenviertel bildet, eine ganz respektable Zahl. Ein Gutes hat das Lyoner Urtheil doch zur Folge: e« macht sich unter den französischen Sozialisten allgemein das Streben nach Einigung bemerkbar. — Rußland. D i e Henker an der Arbeit. Eine von der Odeffaer Sektion der„Narodnaja Wolja" veröffentlichte Proklama- t i o n enthält haarsträubende Mittheilungen Uber die Behandlung ihrer dort in Untersuchungshast befindlichen Genossen. Am 12. Dezember sahen diese sich gezwungen, ihre Zuflucht zu einer Hungerrevolte zu nehmen, d. h. jede Nahrung auszuschlagen, bis die Verwaltung ihren nur zu berechtigten Forderungen Gehör verschaffe. Man höre nur: „Die meisten Gefangenen sind gezwungen, aus dem feuchten und kalten Fußboden ihrer kleinen und verpesteten Zellen, in denen selbst bei der größten Kälte kein Feuer angezündet wird, zu schlafen. Nur die dem Adel angehörigen Jnhastirten genießen den„LnxuS" eines Belle», d. h. eines elenden Lagers. Ein im letzten Stadium der Schwindsucht befind- licher Arbeiter wurde auf Befehl de« Gefängnißdirektors S o u b o t- s ch e w s k i. in eine dunkle Zelle geschickt, blo« weil er ein Unterbett ver- langt hatte. Schläge und dunkle Zellen, das sind Uberhaupt die einzigen Antworten der Verwaltung auf Beschwerden und Reklamationen, gleich- viel welcher Art. Die Nahrung ist eine elende, da die Regierung nur die lächerliche Summe von 15 Kopeken(30 Pfennige) für den Unterhalt pro Person und Tag ausgeworfen hat. Dazu stickige Luft und fast gar keine Spazier- gänge. Selbst die kräftigsten Naturen können dieser Behandlung keinen Widerstand leisten. Die meisten der Jnhastirten sind brustkrank, schwind- süchtig oder leiden an Blutfluß; viele versallen in Wahnsinn oder erliegen Selbstmordsvcrsuchen. Und alle« Das in Untersuchungshast! Der Gefängnißarzt, ein gewisser Rosen— dieser Name verdient dem öffentlichen Abscheu überliefert zu werden— verhöhnt die Gefanze- nen in brutalster Weise.„Saugen Sie nur Ihre Geschwulst aus, da« wird Ihre Muße verkürzen," sagte diese« Scheusal zu einem Gefangenen, der über eine rothlausartige Geschwulst klagte.„Krankenkost? Wo denken Sie nur hin? Das kostet 1 Mark 20 Pfennige pro Tag, und Sie sind nur ein Arbeiter!" antwortete er auf die Bitte eines anderen Kranken. Und als ihn irgend einer seiner unglücklichen Patienten in der letzten Roth um die Erlaubniß bat, einen anderen Arzt rufen zu lassen, da brüllte er los:„Sie brauchen einen Henker, aber keinen Arzt!" Einen Henker! O, er hat das Gefühl eines solchen und nimmt im geeigneten Falle durchaus keinen Anstand, auch das Amt eines solchen zu übernehmen. Sah man ihn nicht bei der Hinrichtung von C h a l t u r i n und S ch e l w a k o f s seinen Beruf entehren und mit lächelnder Miene der Unerfahrenheit de» Henkers zu Hilfe kommen, ihm helfen, den Knoten zu werfen, nnd denselben mit eigenen Händen kaltblütig den Ver- uri heilten um den Hals legen?! Die Brutalität der Unterbeamten, die heute in Odessa über Leben und Schicksal der polnischen Gefangenen entscheiden, wird aber nicht Wunder nehmen, wenn man erfährt, daß sie von Niemand anders angestellt wor- den sind, al» von dem berüchtigten General Strelnikofs. Und dieser rasfinirt grausame Mensch, der sich darin gefiel, die Herzen der Mütter zu foltern, indem er ihnen zynisch den Galgen für ihre Söhne versprach, dieser Hallunke wurde vom Zaren ausdrücklich ernannt, von ihm mit den höchsten Vollmachten ausgestattet und mit der Unter- suchung der sozialistisch revolutionären Bewegung beaustragt." Die Proklamation, der wir die vorstehenden Thatsachen entnehmen, schließt mit einem leidenschaftlichen Appell an die russische Gesellschaft. Sie beschwört sie, dem unerträglichen System, unter dem in Rußland Alle, Gefangene wie sogenannte Freie, gleichmäßig seufzen, endlich ein Ende zu machen. Die Gesellschaft! Leider ist von der blutwenig zu hoffen! Der in Gens erscheinende„Baltische Föderalist" entnimmt der radikalen Mo- natSschrist„Das gemeinschaftliche Werk"(„Obschtscheje Djälo") eine drastische Schilderung davon, wie die russische„Gesellschaft" ihre Freiheit vertheidigt: „Als bei uns der revolutionäre Kamps wüthete", heißt e« da,„klagten unsere gemäßigten Forlschrittler, daß der Radikalismus deffelben die Durchführung liberaler Reformen verhindere und dem„vernünftigeren" Theile der Gesellschaft keine Möglichkeil gebe, seine gemäßigten und g e- rechten Forderungen der Regierung gegenüber auszusprechen. Leute, die so sprechen, scheinen ihr Gedächtniß verloren zu haben. Sie haben zum Beispiel vergessen, daß der revolutionäre Terror nicht in einer Zeit der Hoffnung und fortschrittlichen Wehen, sondern gerade aus dem Höhepunkt der keinen AnSweg vor sich sehenden Reaktion begann; daß der renk- t i o n S r e Terror schon lange existirte, als der revolutionäre Terror noch nicht existirte; daß endlich die Regierung nur allein unter dem Eindruck der verwegenen Angriffe de» letzteren allmälig einige Zeichen de« Zweifels an der Richtigkeit de« von ihr eingeschlagenen Wege« von sich zu geben begann und die Gesellschaft die Möglichkeit erhielt, ihr einige, schon lange aus der Seele liegenden bitteren Wahrheiten zu sagen. Alle diese Thalsachen sprachen durchaus nicht zu Gunsten Derjenigen, welche da« Verstummen der Revolution wünschten; indessen hörten sie nicht auf, diese« herbeizurnfen, bi« endlich die ersehnte„Stille" eingetreten ist, die nun schon einige Monate andauert." In dieser Zeit aber hat die Reaktion nicht nachgelassen, sondern ist von Tag zu Tag frecher geworden. Die Presse ist rechtloser al« je, von Freiheit ist weniger als je die Rede, und die Stimme der Gesellschaft mir ihre»„vernünstig-liberalen Fordernngen" ist— gänzlich verstummt. Die Gesellschaft selbst scheint wie plötzlich in den Boden verschwunden zu sein. „Al» die Revolutionäre die Szene verließen, blieb auf ihr allein die Reaktion mit ihren Gendarmen und Druschinen; al« der revolutio- näre Kamps aushörte, hörte jeglicher Kampf auf; al» die„Stille" eintrat, erwie« diese sich al« ein„todter Stil", unter dessen drückendem Einflüsse es der russischen Gesellschaft ist, als befinde sie sich aus dem Boden eine» tiefen Grabe«, welches man sich zuzuschütten anschickt." Und diese Grabesruhe wird nicht eher aufhören, als bis die Revo- l u t i o n ä r e, die vielverschrienea und verlästerten„N hilisten", ihrer- seit« den Kamps mit dem Zarismus wieder aufgenommen haben. Und daß sie ihn wieder aufnehmen, nicht von ihm ablassen werden, deß sind wir gewiß. Sie aber mögen versichert sein, daß Alles, was in West- Europa ein Herz hat für Freiheit und Volksrechte, mit ihnen>st,�daß vor Allem das revolutionäre Proletariat ihnen seine rückhaltlose Sym- patdie enlgegentiägt— trotz W indthorst-Meppen nnd sonstiger Dunkelmänner! Korrespondenzeu. — Burgstädt, 1. Januar. Anknüpfend an meinen Bericht von Ende Oltober v. I. berichte ich zunächst, daß bei der Stadtverordneten- wähl die Kandidatenliste de« natianalliberalen Verein« gänzlich durchgefallen ist. Nun zur Erfüllung meines Versprechen«, über hiesige Industrie- und ArbeiterverhSlmisse zu berichten, wobei nicht nur der hiesige Ort, son- dern auch die Umgegend im Kreise von vielleicht zwei Stunden berück- fichtigen werde. Die Hauptbranchen sind die Fabrikation von Stoffhandschuhen und Strümp fwaaren. Die crfiere war bis jetzt noch Hau»- industrie, wurde aber ohngeslhr feit Ende der sechziger Jahre mit mecha- nischen Maschinen betrieben, vor dieser Zeit wurde der Stoff aus Hand« stühlen gearbeitet. Wo ein Arbeiter damals pro Woche höchsten« Stoff zu dreißig Dutzend arbeiten konnte, liefert jetzt eine solche Maschine, von zwei Arbeitern bedient, welche sich ablösen, d. h. Tag und Nacht arbeiten müssen, wenn der Artikel nur einigermaßen verlangt wird, Stoff zu zweihundert Dutzend pro Woche. Da nun selbstverständlich im Ueber- gangsstadium vom Handstuhl zur Maschine Jeder, der im Besitz einer solchen war, ein gut Stück Geld verdiente, suchte man möglichst vjel solcher Maschinen an sich zu bringen. Hierdurch wurde der Artikel g?- waltig herabgedrückt, denn die Kauflcute bekamen jetzt Angebot, während sie früher Nachfrage halten mußten. Ansang« waren die Kleinsabrikanten immer noch in der Lage, das Sinlen der Preise dadurch auszugleichen, daß sie die Löhne schmälerten, da bekam der Arbeiter weniger, der Spuler, der Nähter, die Färber, Presser-c. Heute aber ist»nn Alle« soweit heruntergedrückt, daß sich beim besten Willen nicht« mehr herausschinden läßt, denn ein Arbeiter, der eine solche Maschine bearbeitet, verdient, wenn er voll a beiten kann, höchsten» noch zehn Mark pro Woche, ein Spuler vielleicht fünf u. s. w. Trotzdem ist selbst dabei der Kleinfabrikant kaum im Stande, zu vege- tiren, da« beweisen schon die vielen Konkurse, die fast täglich mehr au« brechen. Hierzu kommt noch, daß die Grossisten oder Exporteure die Fabrikation selbst in die Hand nehmen, zum Theil auch schon längere Zeil in tie Hand genommen haben, und die besseren Sachen, bei denen noch elwa« hängen bleibt, selbst sabriziren lassen, und nur die geringeren Sachen und«iuderhandschuhe beim Kleinfabrikanten bestellen. Daß diese Großlapimlisten einen erdrückenden Bortheil haben, liegt für Jeden, auch wenn er nicht Kenner ist, aus der Hand. Ersten» bauen sie vortheil- haste EtablissemenlS mit Dampsbetrieb, in denen ein Arbeiter drei solcher Maschinen bedienen muß, zweiten» kaufen sie das Rohmaterial in großen Posten und billiger ,c. er. Soweit von der Fabrikation. Nun zu den K a u f l e u t e n, zu diesen edlen Seelen, diesen Wölfen im Schasspelz. Wir sind so glücklich, in Burgstädt so eine Musterfirma zu besitzen, nämlich die Firma W i n k l e r u. Gärtner; es würte aber der Wirklichkeit mehr entsprechen, wenn e« hieße Schinderhannes u. Comp.; ja, die Strauchritter de« Mittelalter« waren Engel gegen diese Blutsauger.„Wenn ein Fabrikant einen Austrag bekommt, so heißt e«: Regulirung gegen Kasse bei 6 Proz. Skonto, d. h., wer für IVO Thaler liefert, bekommt 9t baar. Mit dem Auszahlen ist e« nun aber den Herren durchaus nicht so eilig, sondern man behält stet« so einige hundert Mark im Faß. Wenn nun so ein Gcschäjt mit LVV- 300 Fabrikanten„arbeitet", so macht das jährlich wieder einige Tausende, was auf diese Art an Zinsen„verdient" wird. Ferner muß der Fabrikant die Waaren ohne Appretur, d. h. nicht gesormt, liesern, wosllr ihm pro Dutzend noch 10 Pfennige abgezogen werden, während es dem Kaujmann nur 5, höck stens g Psennige kostet. Das macht bei einem wöchentlichen Umsatz von 25,000— 30,000 Dutzend auch ein artige« Sümmchen— Entbehrungslohn. Wa« ich jetzt geschildert, ist bei allen solchen Geschäften Gebrauch. Nu» aber zurück zu unfern Strauchrittern. Der Begründer dieser ehrenwerlhe Firma ist der ehemalige Weberfattor Friedrich Winter, welcher im Berein mit seiner in dem Herrn entschlafenen Gattin schon in den 50er und 60er Jahren die Weber in Burgstädt gehörig geschunden hat, und aus diese Weise den Grund zu der heuligen Fwma legte. Die Gute schenkte z. B. zu Weihnachten 1356 dem Herrn Gemahl einen Pelz für 40 Thaler, aus dem Ertrag der Abzüge, die sie den Webern gemacht, und wovon der Herr Gemahl nichts wußte Nicht wahr, so etwas ist sehr erhebend und zeigt da» herrliche Gemüth einer sorgenden Gattin? I Als e« mit der Handweberei aufhörte, gründete der saubere Patron ein Haudschuhjabrikationsgeschäst, denn er hatte sich bei der Webersaktorei nach Glauchau vierzigtausend Thaler zusammengemaust, was nach den heutigen Begriffen„verdient" heißt. Er lieferte damals feine Handschuhe an Chemnitzer Exportcure, unter Anderem auch an die Firma Ed. Gnauck, bei der sein jetziger Kompagnon und erster Schwieger söhn Prokurist war; und ist es mehrmal« vorgekommen, daß dieser auch ihm einige Federn ausriß. Wenn dann Winkler erbost zu Hause an- langte, dann schimpfte und fluchte er unbändig über den„v-- ischeu Lausejungen", was ihn später aber durchaus nicht hinderte, als er das Spitzbubengenie desselben zu würdigen gelernt hatte, ihm seine älteste Tochter zur Frau zu geben und mit ihm ein Kompagniegeschäst zu gründen, das Aller Beschreibung spottet. Wie ich schon oben erwähnt, ist da« Angebot weit stärker al« die Nachfrage; aber wie diese« Kleeblait es versteht, diesen Umstand auszu- nutzen, davon macht sich Niemand einen Begriff. Sie schreiben den Fabrikanten die Größen vor, d. h. sie verlangen z. B., Nr. 3 muß die Weite und die Länge von so und so viel Centimeter haben, wa« aber dann in Wirklichkeit Nr. 9 und 10 repräsentirt, und sie verkaufen die- selbe auch dajür. Wird von einem auswärtigen Besteller ein Auftrag verändert oder gar annullirt, so tragen nicht sie etwa den Schaden— o, bewahre! Es wird einfach, wenn die betreffenden Fabrikanten die Waaren abliesern, auf jede» Fall etwa« daran auszusetzen gesucht, ent weder ist der Stoff nicht recht, oder die Farbe, und man bietet dann 30 oder 40 Pfennige weuiger pro Dutzend. Der Fabrikant denkt: Geld mußt Du haben, ehe du die Handschuhe wieder miMimmst, läßt du dir lieber die Schwauzjederu vollends herausrupsen. Aus diese Weise sind zahllose kleine Existenzen zu Gründe gerichtet worden, und ist e« so weit gekommen, daß Leute, die früher große Gegner von uns waren, heute mit uns sympathisireu. Denn gerade diese sind e«, die Ansprüche an da« Leben machen; der Brodkorb wird ihnen aber auch so hoch gehängt, daß sie denselben nicht mehr herablangen können. Hiervon nun vor der Hand genug. Ein Spitzbube und Hallunke gleicher Sorte ist der Kommerzienrath Bogel in Lünzen au. Dieser Elende beschästigl in seiner Fabrik eiuige hundert Menschen, welche gegen 600 mechanische Webstühle, aus denen Möbelstoffe aller Art, von der seinsteu orientalischen bi« zu deu ordinärsten Sorten hergestellt wer- den, in Betrieb setzen und bedienen müssen. Wie die Arbeiter in dieser Räuberhöhle behandelt und bezahlt werden, ist geradezu unglaublich. Die besten jArbeiter werden mit acht Mark pro Woche abgespeist; es gibt aber auch sehr Viele, die zwei, drei und vier Mark bekommen. Der Erzspitzbube von Kommerzienrath aber streicht jährlich mindesten» eine halbe Million ein und wird von oben herab noch mit Titeln und Ehren überhäuft, während in den matterhellle» Dachkammern, welche vielsach nicht einmal vor Wind und Wetter schützen, zahlreiche Thränen des Kummers und der Sorge fließen. An die genannten Ausbeuter reihen sich der Spinnereibefitzer Schwalbe in Stein und der Papiersabrikant Hertel ebendaselbst als Leuteschinder würdig an. Der Letztere, auch ein ehrenwerther Mann, gönnt seinen Leuten nicht einmal den Sonntag; in seinem Zuchthaus,„Fabrik" genannt, wird Tag und Nacht unuuterbiochen gearbeitet. Da bekümmert sich keine Behörde darum. Wa« hätte e« auch jllr einen Zweck I Es wird ja nur Arbeitervolk abgeschunden, und das wird schnell wieder ersetzt. Ein gleicher Patron ist auch der Fabrikant Scheerer in Göritz- Hain. All- diese Leute werden bei üppigster Lebensweise in kurzer Zeit steinreich, und den Arbeiter, den schafft man, wenn er abgerackert ist, aus die Bezirksarmenanstalt, wo er unter der Fuchtel ei»,« alten Unteroffizier« sein elende« Dasein Vollend« aushaucht. Warum hast du, elender Tropf, auch nicht verstanden, au« Anderer Taschen gehörig zu- sammenzuscharren? Die» die Sitnalio» in hiesiger Gegend. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Aber wartet nur, ihr Herren Gauner, euch wird e« einmal wie Schuppen von den Augen fallen. E« wird die Zeit kommen, und sie ist nicht mehr ferne, wo ihr sage» werdet: Ihr Berge fallet über»ns, und ihr Hügel decket uns I � Joses. — Greiz, Ende Dezember. Nachdem ich bi« jetzt vergeben« erwartet, daß von anderer Seite im Parteiorgan ein Bericht über unseren ver- unglückten Streik veröffentlicht würde, so fühle ich mich verpflichtet, selbst Einige« darüber zu schreiben. Als eine der schlechtest zahlenden Fabriken war die der Gebrüder Albert bekannt, denn die Löhne waren dort 16-25 Prozent niedriger al« in den anderen Fabriken, so daß der Arbeiter trotz zwölfstündiger Arbeit ohne Frühstücks- und Besperpause höchstenfalls ein Bischen Fett brod und Kaffee zu sich nehmen konnte. Au« purer Berzweislung schritten daher dort die Arbeiter zuerst zur Arbeitseinstellung uud forderten eine 25.prozentige Lohnerhöhung, die ihnen, da der Geschästsgang ein sehr flotter war, nach 3 Tagen auch gewährt wurde. Jetzt theille sich, da der Erfolg die Leute ermuthigte, die Bewegung auch anderen Fabriken mit. In Zeit von 1—2 Tagen war in 9 Fabriken und 2 Färbereien die Arbeit eingestellt. Bon Seiten der Herren Arbeit- geber aber begann ein raffinirtes. aus Ueberlistnng berechnete« Spiel: heute bewilligten sie 20, resp. 25 Prozent Lohnerhöhung und zeigten da- bei eine so freundliche Miene, als ob ihnen da« Wohl der Arbeiter mehr am Herzen läge wie ihr eigenes— wenn die Arbeiter aber diese Bewilligung sür baare Münze nahmen und Tag« daraus wieder in Arbeil tret.n wollten, zeigten sich die Arbeitgeber in ihrer wahren Gestalt. Sie zogen einsach ihr Wort wieder zurück, und wer die Arbeit»nter den alten Be- dingungen nicht wieder ausnehmen wollte, der konnte sehe», daß er ander- weilig verhungerte— wenn ein Arbeiter mit zwei Stühlen in der Fabrik vor Hunger umfällt, dann wird dieser Ausspruch wohl nicht über- trieben sein. Die Fabrikanten arbeiteten unter sich einen Normallohntarif au», der auf die Unkenntniß der Arbeiter berechnet war. Sie legten den Arbeitern ihr Machweik vor, und ihre Spekulation hatte sür sie auch das erwünschte Resultat, denn die Arbeiter nahmen, in dem guten Glauben, einen E-folz erzielt zu haben, die Arbeil wieder aus. Nach Verlaus von einigen Tagen wurde ihnen aber klar, daß sie von den Fabrikanten schändlich betrogen waren; denn nicht nur daß der Lohn in verschiedenen Fabriken der gleiche geblieben war, stellte sich sogar heraus, daß vermittelst obigen Tarife« der Lohn in vielen Fabriken noch reduzirt wurde, denn die Arbeitgeber in denjenigcn Fabriken, welche noch nicht mit im Streit begriffen waren, wollten ihre Arbeiterfreuudlichkeir an den Tag legen, und nahmen den sauberen Normallohntarif gleichsalls an. Die Erbitterung wuchs insotgedeffen immer mehr. Hauptsächlich die- jenigen Arbeiter, welche al« Sozialdemokraten bekannt waren, wnrden von allen Seilen bestürmt, die Lohnangelegenheit von Neuem in die Hand zu nehmen. Zunächst wurde eine allgemeine Arbeiterversammlung ein- berufen, für welche erst nach vielen Schwierigkeilen Erlaubniß erwirkt wurde. In dieser Versammlung wurde der Normallohntaris einer gebüh- renden Kritik unterzogen und derselbe schließlich einstimmig verworfen, dann eine Kommission von 10 Arbeitern gewählt. mit dem Auftrage, einen neuen Lohntaris auszuarbeiten und die Lohnsätze entsprechend zu erhöhen. Die Kommission arbeitete nun einen Lohntaris au», welcher von den Komitemitgliedern sämmtlicher Fabriken angenommen wurde; selbst einige Fabrikanten stimmten zu, daß der Tarif wohl anzunehmen sei. Dieser Tarif wurde den Arbeilgebern behuss Anerkennung vorgelegt. AI« Antwort wurde in sämmtlichen Fabriken durch Plakate bekannt gemacht, daß in Zukunft nur nach dem alten Tarife ausbezahlt würde. Hierauf wurde von der Arbeiterkommission beschlossen, Donnerstag, 5. Oktober, allenthalben die Arbelt einzustellen, wa« auch vollständig gelang, denn um 12 Uhr standen alle Fabriken still. Die ersten acht Tage wurde von den Arbeitern fest ausgebalten. In der zweiten Woche griff au« Mangel an Unterstützung und hauptsächlich weil sich die Fabrikanten einstimmig weigerten, die Forde ungen der Ar- beiler anzuerkennen, schon Entmuthigung Platz, welche noch dadurch ge- steigert wurde, daß die Regierung, wie sich da» ja von selbst versteht, die Herren Ausbeuter kräftigst unterstützte. Sämmtliche Fabriken wurden polizeilich besetzt, damit ja kein Arbeiter von der Arbeit abgehalten wer- den konnte. Den Gendarmen wurde, damit sie diesen Dienst auch gehörig versehen konnten, die Dienstzeit verkürzt; außerdem waren die Herren Ausbeuter so erkenntlich und honorirten diese Ordnungswächter mit süns Mail und mehr. Die Komitesiyungen wurden soviel wie möglich ringe- schränkt und polizeilich überwacht. Jider, der sich ein Wort gegen die Arbeitgeber, überhaupt gegen die heutigen Einrichtungen erlaubte, wurde unterbrochen. Au allen Ecken wurden die Zß 152 und 153 der Gewerbeordnung angeschlagen, wa« auch viel zur Einschüchterung der Arbeiter beitrug. Tie Fabrikanten drohten mündlich und schriftlich mit Entlassung. Hierbei zeichneten sich hauptsächlich die B-sitzer der größeren Fabriken au», u. A. Ernst Arnold, S ch i l b a ch u. C o m p. u. s. w. Ersterer äußerte unter Anderem, lieber 50 Särge sür seine verhun- gerte n Arbeiter macheu zu lassen, al« 50 Pfennige zuzulegen, erklärte seinen Bruder für verrückt, weil derselbe die For- derungen der Arbeiter anerkennen wollte, und wunderte sich Uber die „Schwachheit" seiner Frau, welche in dieser Beziehung seinem Bruder zu- stimmte. Herr Arnold, welcher in seiner Fabrik alle möglichen reli- giösen Sinnsprüche angebracht hat, beweist dadurch, welch' ein Heuchler und moralischer Lump er ist, er, der bei jeder Gelegenheit, wo der Name in die Oeffentlichkeit kommt, sich durch„Liebesgaben" hervor thutl Heuer entzog der christliche Herr seinen Arbeitern auch die sonst üblichen Weihnachtsgeschenke, weil sie sich erlaubt hatten, Forderungen zu stellen. Während de« Streiks wollte er seine Person durch Militär ge- schützt habe»; einige Arbeiter waren denn auch so mitleidig, ihm eine Schachtel Bleisoldaten al» Leibgarde zu verehren. Ferner bescheerten ihm einige seiner treueüen Anhäuger einen Thronfolger, weil er, wahrschein- lich infolge übergroßer Anstrengung, nicht im Stande ist, seinen Stamm- bäum fortzupflanzen. Heinrich Schilbach meinte, auf seinen vollen Bauch klopfend: „Jpr Arbeiter habt gar kein Recht, mehr Lohn zu verlangen! W i r sind die Herren, was w i r Euch aus gutem Willen geben, damit müßt Ihr zusrieden sein. I ch und mein Direktor Hönsch haben immer den Grund- satz gehegt: Leben und leben lassen." Der humane Mann verstieg sich in seinem Eiscr soweit, vor seinen Arbeitern eine Rede zu reden, wa« ihm aber leider nicht recht gelingen wollte. Er rechne, meinte er, auf den gesunden Sinn seiner Arbeiter, dieselben würden sich doch von einigen Unzufriedenen nicht zu einer Arbeitseinstellung verleiten lassen! Zu seinem Erstaunen mußte er aber die Ersahrung machen, daß an dem verabredeten Tage früh 6 Uhr auch nicht ein einziger Arbeiter erschien, welcher Lust gehabt hätte, sür den alten Lohn weiterzuarbeiten. Der Arme war also von seinen Arbeitern vollständig mißverstanden worden. Gottlob Knüpser, An 1400 Thaler Wär'n in der Kasse d'rein, Die nennt der fromme Prahler, Wie'» scheinen will, jetzt sein I___ einer der größen Betbrüder von Greiz, wollte sofort böhmisüje Arbeiter kommen lassen. Der Zufall wollte e«, daß selbigen Tage» gerade ein ug böhmischer Gänse Greiz passirten. Einige Arbeiter machten sich da» audiuin, dieselben Herrn Gotilieb Knüpser in den Hos treiben zn lassen, wa« in der ganzen Stadt allgemeine Heiterkeit hervorrief. Aehnlich wie die Genannten betrugen sich fast alle Fabrikanten, es würde aber den Raum diese« Blattes zu sehr in Anspruch nehmen, wollte ich alle diese arbeitersreundlichen Herren Ausbeuter der Reihe nach durch- nehmen. Da« Zusammel.halten der Arbeiter war im großen Ganzen ein vor- zügliche«. Imposant war z. B. der große Ausflug, welcher von den Komitemitgliedern arrangirt wurde und an welchem sich zirka 3000 Ar- beiter und Arbeiterinneu betheiligten. E« ist aber kein Wunder, daß die Arbeiter schließlich unterlegen sind. Wer die Arbeiterverhältniffe kennt, wird zugeben müssen, daß es von vorneherein gewagt ist, ohne Kasse und ohne jegliche Organisation eine Arbcilseinstellung in diesem Umsange mit Erfolg durchzusühren. Die hiesigen Genossen würden die Sache jedenfalls nicht in die Hände ge- nommen haben, wenn sie nicht gleichzeitig den Zweck verfolgt hätten, die Aibeitkeinstellung als Mittel zur Aufklärung ,u benutzen, denn darüber sind wir Sozialisten nn« doch alle klar, daß den Arbeitern mit einige» Prozent Lohne höhung nicht geholfen werden kann, sondern daß der Kamps zwischen Kapital und Arbeit erst dann aufhört, wenn dem Arbeiter der volle Ertrag seiner Arbeit gesichert wird. Kurz, die Sache war aus die Dauer nicht mehr zu halten und wurde deshalb vom Hauptkomite be- schloffen, die Arbeit bi« aus Weitere« wieder auszunehmen. Die Arbeitgeber al« Sieger zeigten sich nun selbstverständlich in ihrer gaiizen Unverschämtheit. Jeder, welcher sich etwa« hervorgelhan, wurde ans die Straße geworfen. Weit über hundert Arbeiter, fast sämmtliche Familienväter und hauptsächlich Parteigenossen, wurden aus diese Weise brodlo« gemacht; und noch jetzt suchen eine Anzahl derselben vergebens nach Arbeit. Auch an Prozessen fehlte e« nicht. Einige Arbeiter wurden nach § 152 und§ 153 zu einer, zwei, drei und sechs Wochen verdonnert. Ein Arbeiter, welcher sich bei seiner Zeugenaussage widersprach, wurde sofort wegen Meineid in llnterluchungshaft geschleppt. Die Familie de«- selben lebt in der bittersten Roth— und Alles nur in Folge der Au«- sagen einer gewissen Frau Riek, deren Ruf sehr zweifelhaft ist. Zwei Prozesse gegen die Mitglieder der Arbeiterkommission schweben noch vor dem hiesigen Landgericht. E« wurde von obengenanntem Ernst Arnold Strafanlrag gestellt wegen verleumderischer Beleidigung; ferner will e« derselbe nicht wahr haben, daß in seinen Fabrik ein Arbeiter vor Hunger umgefallen sei. Im Großen und Ganzen hat die Arbeitseinstellung unserer Sache keinen Schaden gebracht. Einige Genossen sind zwar durch die Maßrege- lungen sehr geschädigt worden; jedoch werden dieselben nicht zurückschrecken, sondern bei jeder Gelegenheit die Fahne de« Sozialismus hochhalten. Darum Arbeiter von Greiz und Umgegend, schließt Euch diesem Bau- ner an und der Sieg wird und muß unser werden! S t r e'i k i st Z e f i s e«. — AuS dem östlichen Mecklenburg. Während es sich an allen Orlen Deutschlands kräftig rührt, herrscht bei uns beinahe Kirch- hossruhe. E« könnte wohl besser sein, wenn nicht vielerseit«, nnd gerade von Personen, die in erster Reihe kämpfen sollten, ein bedauerlicher Opportunismus getrieben würde. Die Beschöniger desselben führen zwar an, daß wir infolge diese« Berhalteu« noch keine Verfolgungen zn erleiden hatten, aber wa« ist damit unserer Sache gedient, wenn Ein- zelne sich schonen und die ganze Bewegung rückwärts anstatt vorwärts geht? Möge e» daher im neuen Jahre anders und besser werden, namentlich was die Organisation anbetrifft. Welche« Resultat hätten wir z. B. erzielen können,>oenn die 42 Sozialisten, welche bei der ReichZtazSwahl in Malchow für unseren Kandidaten stimmten, vereint gewirkt hätten, statt daß man sie sich selbst überließ! Darum ans, Ihr Arbeiter Meck- lenburgs, rührt Euch! Die letzte Korrespondenz im„Sozialdemokrat" zeigt uns, daß wir, die wir diesen Appell an Euch richten, nicht allein dastehen. In Schwerin wird das Banner der Sozialdemokratie gleich- fall« hochgehalten. Wir müssen kämpfen, und daher auch Opfer bringen: ohne Kamps kein Sieg. Gedenkt auch Derer, die für uns leiden. Noch haben wir sür unsere Ausgewiesenen fast gar nichts gethan. Das muß ander« werden! Beweist, Brüder, daß Ihr von echt sozialistischem Geiste beseelt seid, daß Ihr erkennt, daß Diejenigen, die von unser» Unter- drückern gemaßregelt nnd verfolgt werden, für uns leiden. Unter- stützen wir ihre Familien und Ängchörigiit, als Anhänger der großen Sache der Befreiung des Proletariats von Tgeannei und Ausbeutung. Wacht aus, Ihr Arbeitsmänner! Aus, Proletariat! Fr. Franz. — Crimmitschau, Anfang Januar. Das Ccimmitschauer Streik- komite veröffentlicht hiermit den Empfang von folgenden bei demselben zur Unlerstüyung de« Streik« s. Z. weiter eingegangenen Gelder: Au« Philadelphia(Nord-Amerita): Am 25. November 1882 41 Mk. 17 Ps.- Am 3. Dezember 41 Mk. 22 Ps.— Am 18. Dez. 20 Mk. 60 Pf.; vorgehende Posten durch S. W. G.— Am 20. Dez. durch den Textil-Arbeiterverein in Philadelphia 103 Mk. An» Dedham(Nord Amerika): Am 3. Dezember 1832 durch Osk. H. 103 Mk. 75 Ps. Au» H o l y o k e: Am 3. Januar 1383 durch die dortige sozialistisch« Arbeitersektion 105 Mk. Aus Webster(Nord Amerika): Am 20. Dezember 1832 durch Wilh. Sch. 30 Mk. 39 Pf. An« Genf: Am 23. November 1882 vom Deutschen Arbeiterverein durch Ed. H. 60 Mk. Das Komite sagt hiermit allen nusern Brüdern nnd Genossen freund- lichsten Dank nnd spricht zugleich die Hoffniing vn», daß sich die Zihl Derer, die begriffen haben, daß die Interessen der Arbeiter aller Länder solidarisch sind, daß kein Recht zum Durchbrnch kommen kann, wenn nicht eine Macht hinter ihm steht, nnd dag die Macht der Arbeiter einzig und allein in ihrer Organisation besteht, sich mit jedem Tage vermehren möge zur Genugthuung unserer hilsebereiten Brüder. Mit brüderlichem Gruß und Handschlag! Da« Komite. Briefkasten der Redaktion: A. G. in H.: Wir bedauern, wiederholen zn müssen, daß auch Ihr zweiter Brief uns weder von der Zweckmäßigkeit noch von der Pflicht, Ihre Zuschrift zn veröffentlichen, überzeugen konnte. Derartige Tinge find nur im Zusammenhange mit den örtlichen Ber- hiltaissen zu bennheilen; au« diesen herausgerissen, müssen sie stet« ein falsche« Licht aus Einzelne werfen. Außerdem drehtejsich die ganze Frage nicht um diese« Thema. Die« unser letztes Wort— Republikaner in Berlin: Besten Dank. Um Fortsetzung gebeten.— Verschiedene Einsender; In nächster Nummer. der Expedition: Panzerschiff: Mk. 36.— k Et». Ab. erhallen. Bitten doch künstig Ortsnamen auf den Koupon zu schreiben, da sonst viel Weitläufigkeit.— PpxgrSsbiu: Unlösbar, da Ausgabeort unbekannt. — Zinnober: Mk. 56.— 4 Clo. Ab. erh. Neuorganisirle« eingereiht.— I H. Dßhsn.: Fr. 2.— Ab. 1. Qu. bez.— T. Mz. Z.: Fr. 6.- Ab. 1 On. und Fr. 1.— pr. Usd. dkd. erh.— Rebus: Mk. 6.— Ab. Januar 83 erh.— Bon 3 armen Teufeln Ohu: Mk. 3.50 sund per Jahresabschluß 1832 Mk. 11.30 pr. Usd. dk». erh.— Gebr. Hermgh«. St. Louis: Fr. 101.25 k Cto. erh.— Rother Hans: Mk. 40.79 Abon. Dez. 82 und Jan. 83 pr. Baar und Ggrchg. erh. Bstllg. folgt. Adr. geordnet. — A. G. Thür: Fr.—.40 Ab. Rest. erh.— Arb. Ber. Ollen: Fr. 5.— pr. Athl.-Cto. erb.— R. Meyer, Newyork: Fr. 8.86(Doll. 1.75)„für nicht gelrunkne« Bier" per Usd. dkd. erh.— Newyork: Ueberschuß von einer kleinen Gesellschaft: Fr. 25.34(Doll. 5.—) pr. Usd. dkd. erh.— Verein der Soz. der Südwestseite Chicago'?: Fr. 122.80(Doll. 24.25) per Usd. dkd. erh.— Moorbrenner: Mk. 40.— 4 Cto. Abon. und Bf. vom 11/1. erh. Antw. folgt.— Hxl. Amsterd.: Fr. 2 50 Ab. 1. Qu. erh.— Eintracht: Mk. 12.20 Ab. 1. Qu. und Schst. erb. Sdz. früher unmöglich.—©hör. Bukarest: Ft. 2.50 Ab. 1. Qu und Fr. 2.50 per Usd. dkd. erh.— I. B. W.: Mk. 3.— Ab. 1. Qu. 83 erh.—„Dap» durch Pip": Fr. 3.— pr. Usd. dkd. erh.— Tsp. u. S.: Fr. 2.- Ab. I.Qu. erh.- Carl Horn: Mk. 27.50 Pr. Ab. 4. Qu. Baar und Mk. 4.90 Ggnrchg. erh. und gebucht, für 50 Pfgmkn. haben Bewendg.— Halifax: Alle« erhallen und besorgt.— Reichsmaulwürse: Mk. 32.40 Ab. 3. nnd 4. Qu. erh. Slle« prompt abg.— Album: Mk. 85.60 Ab. 1. Qu. und Schstn. erh. Ihre Bermuthungen in betr. Angelegenheit find durchaus irrig. Bfl. Nähere«.— L. Sch. E.: Mk. 3.— Ab. 1. Qu. erh. S. g, löscht.— I. H. C.: Mk. 5.30 Ab. 1. Qu. und Schrstn. erhalten.— Rother Holländer: Ersatzadr. nolhwendig. Weitere» kopimt noch. Großer Stoffandrang bisher.— Rother Greis: Mk. 15.— 4 Nto. erh. Mehr- bestellung notirt.— G. Sch. DavoS Dfli.: Fr. 4.30 pr. schst. erh. Bf. an C. abgg.— H. L. P. i. S.: Mk. 6.— Ab. 4. Qu. erh. Nachlsrg. fort. � Rothbart: Mk. 220.— 4 Cto. erh. Bf. am 23/1. beantwortet. Bstllg. besorgt.— 631 U. a. D.: Spezialquittung folgt demnächst ge- ordnet. 1 dir. S. kostet Mk. 1,30 Portozuschlag zum Alten. 15 Spitzel- broschüren folgen billigst berechnet. Samstag, den 27. Januar, Abends 8 Uhr, im �,111 IQll. Cafd Kessler: Oeffentliche Versammlung der deutschen Sozialisten- Tagesordnung: Der Justiimord in Lyon. Referent; Bürger Fischer. Jedermann ist eingeladen. Der Lokalanssohnss der deutschen Sozialisten. S4nhimf4' 0» noßenlchaitsbuchdrmt-rei Hottwgm-ZIirich.