Ktsch-Wt »»»««tlich«in;««! in Ziirtch(Schweiz) Verl», »»l»»d»chha>»l!»»n« Hsttixgen-Aari». D»tse»>»»it» srane» gegen sranco Gewöhnliche«rief, noch her Schwei, losten Dophelporio. Der Soiialiicmolirfl t Jentrat-Hrgan der deutschen Sozialdemokratie. Äövanemeuts werdni bei ollen schweizerischen Postbureau;, sowie beim«erlog und besten belannten Agenten entgegengenommen und zwar ,um »«taust, ahlbar. u «ierteljohrtprei» Bon: gt. 2.— für die Schwei,(Kreuzbands Ml. Z.— für Deutschland(CouBerts Ii. 1. 70 für Oesterreich«louBert Kr. 2.50 für alle übrigen Länder de» weltpostderein»(Kreujband) ?»seriit Die dreigespaltene Petit, eil 2» St».— 20 Pfg. R: 16. Zsonmrstag, 12. April. 1883 Da der.«oiialdemolrat' sowohl w Dentschland al» auch im Oesterreich Berbotm ist, b«,«. Bersolgt wird, und die dortigen »«Hörden stch all, Müh» geben, unsere«erbindnngen nach jenen Ländern möglichst ,u erschweren, res».Briese Bon dori an un» Mld unsere Zeitung», und sonstigen Sendungen na«»ort abiusangen, so ist die»usterste vorficht im PastBerlehr nothwmdig und »ars lein, varfichtimastregel Bersäumt werden, die«r esmarder über den Wabren Absender und Ampfänger. sowie den Inhalt der Gmdnngen ,u täuschen, und letztere dadurch>u schützen. Hauptersordernitz ist hiezn einerseit», datz nnser« Freunde so selten l»i»«» kit llmnüt« B«i Imtfiratnle« de»„S«iiilde«-krit"."M> al» möglich au den.Eoiialdemolrat'. res», desten Verlag selbst adresfiren. sondern stch möglichst an irgend eine unverdächtia «dreste außerhalb Deuischland» und Oesterreich» wenden, welche stch dann mit un» in Verbindung setzt; anderseit» aber daß au» un» möglichst unnersängliche Zustellungtadressen mitgetheilt werden. In zweifelhasten Fällen empstehlt stch behuf» größerer Sicherheit Aelommandirung. SoBtel an un» liegt, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen, um trotz aller entgegen- stehenden Schaierigleiten den.Soiialdemolrat' unfern Abonnenten möglichst regelmäßig ju liefern. Unser« Abonnenten in der Schweiz zur gef. Kenntniß, daß wir diejenigen bisherigen Abonnenten, welche die Annahme unseres Blattes seit Beginn dieses Quartals nicht ablehnten, auch für das laufende Quartal als Abonnenten vortragen und Nachnahme mit Nr. 17 erheben werden, sofern bis zum 15. ds. M. die betreffenden Abonnementsbeträge nicht eingesandt wurden. Die Expedition des„Sozialdemokrat". Trotz alledem! Zum zweiten Male seit Inkrafttreten des verrufenen Ausnahme- gefetzes hat die deutsche Sozialdemokratie ihren Kongreß im Auslände abgehalten, zum zweiten Male haben stch nach vorher- gegangener öffentlicher Einladung auS allen Gauen Deutsch- lands die berufenen Vertrauensmänner der deutschen Sozialisten zur gemeinsamen Berathung ihrer Angelegenheiten zusammengesun- den, unbemerkt von der.allwissenden" und„allmächtigen" deutschen Reichspolizei, die seit Wochen ihre Kundschafter aufge- boten hatte. den Ort der geheimen Berathung ausfindig zu machen. Sie hat bis zum letzten Augenblick nichts, absolut nichts erfahren, obwohl die Zahl der Wissenden eine sehr große war; und als ste endlich dahinter kam, war eS zu spät— trotz ihreS enormen Heeres von Spitzeln und Denunzianten. Unbemerkt von der deutschen RcichSspitzelei sind die Männer, welche an den Berathungen theilzunchmen hatten, am 29. März in Kopenhagen zusammengetreten. Nicht um Verschwörungen auS- zuHecken, nicht um Putsche vorzubereiten, handelte eL stch, waS in Kopenhagen von unseren Genossin verhandelt wurde, konnte jeder anständige Mensch hören, aber gerade deshalb durften die deutschen Reichsschnüffler nicht dabei sein. Wir haben gegenüber anständigen Leuten keine Geheimnisse, unsere Bestrebungen haben daS Tageslicht nicht zu scheuen, offen und frei, ohne jeglichen Rückhalt, treten wir jederzeit und an allen Orten für ste ein, aber wir lassen uns auch daS Recht nicht nehmen, unsere eigenen Angelegenheiten unter unS zu beralhen und zu diesem Zwecke zusammenzukommen, wo und so oft es uns für zweamäßig er- scheint. Wir find keine Freunde der Geheim.rißkrämerei, aber nachdem man sie uns bei Strafe der Selbstvernichtung ausgenöthigt, hat die deutsche Sozialdemokratie wieder einmal in glänzender Weise den Beweis geliefert, daß sie daS, was ste für nothwendig er- kannt hat, auch durchzuführen weiß— trotz alledem 1 Und das ist die Hauptsache. Richi tolle, aufsehenerregende Aktionen bekun- den die Stärke einer Partei, sondern energisches, thatkräftiges Auftretm allüberall da, wo es gilt, auf den Plan zu treten. Keine hochtönenden Phrasen, sondern beweiskräftige Argumente, keine leeren Drohungen, sondern Wort und That im Einklang, keine Verschwörungsspielerei, aber um so entschiedenere Verschwie- genheit da, wo sie unumgänglich geboten ist, daS find die Grund- lagen der Taktik der deutschen Sozialdemokratie, und ste haben sich bewährt— uns und unseren Freunden zur Genugthuung, unseren Feinden zum Verdruß. Wir sind keine parlamentarische Partei— in dieser Beziehung müssen wir den Referenten unseres dänischen Bruderorgans berich- tigen— wir sind aber auch keine Revolutionsmacher. Die deutsche Sozialdemokratie ist stolz darauf, in ihrem Verhalten stets den Grundsätzen ihres großen Meisters Marx gefolgt zu sein, der weder vom Parlamentarismus noch von der Revolutions- macherei etwas wissen wollte. Wir sind eine revolutionäre Partei, unser Ziel ist ein revolutionäre«, und wir geben un« über seine Durchführung auf pailamentarischem Wege keinen Illusionen hin. Aber wir wissen auch, daß die Art, in der e« zur Verwirklichung gelangen wird, nicht von unS abhängt, daß wir die Bedin- gungen, unter denen wir kämpfen, nicht machen können, sondern sie zu studiren haben, und daß unsere Aufgabe neben dieser Erkenntniß darin besteht, lediglich dem Erkannten gemäß zu handeln. Nicht in« Blaue hinein experimentiren, sondern, die realen Verhältnisse im Auge, erst prüfen und dann handeln ist unsere Losung. Und daß ste es nicht philisterhaft beim Prüfen bewenden lassen, sondern auch, wo e« am Platze, entschlossen zur That geschritten sind, das haben— allen Verächtern sei es zugeiufen — dir deutschen Sozialdemokraten in den vier Jahren seit Be- stand de« Sozialistengesetzes zur Genüge bewiesen. Kräftig und ungebrochen steht unsere Partei da, daS hat sich auf dem Kongreß in Kopenhagen aus'S Neue gezeigt. Einzelne Personen find abgefallen, die Einen vom Kampfe ermattet, die Anderen aus Feigheit, aber die Armee als Ganzes hat darunter mcht gelitten. Es war durchaus kein schlechtes Zeichen, daß eS zum großen Theil„neue" Männer waren, denen man in Kopen. Hagen begegnete. Sie lieferten den Beweis, daß trotz Sozia- llstengesetz eS an Nachwuchs nicht fehlt, daß die Gefahr eines Piandarinemhums für unsere Partei nicht besteht. WaS der Kongreß geleistet, darüber haben wir hier nicht zu reden. Die Genossen werden es aus dem Bericht, den wir zur Veröffentlichung bringen, selbst ersehen und mögen auch selbst urtheilen. Nur eine Bemerkung sei uns noch gestattet. Wie der Kongreß ein vortreffliches Bild gab von der AuS- breitung unserer Partei, so mußte jeder Theilnehmer desselben auch den Eindruck gewinnen, daß auch die verschiedenen, im enge- ren Rahmen der Partei vorhandenen Strömungen auf ihm ge- bührend ve- lreten waren. Wir haben keinen Grund, eS zu verhehlen, daß in manchen Fragen die Meinungen der Genossen auseinandergehen, denn es ist gerade ein Zeichen der Stärke unserer Partei, daß sie trotzdem nach Außen hin als ein ge- schlosseneS Ganze dasteht. So hart auch die Geister aufeinander- platzten, so offen und rückhaltlos man stch auch gegenseitig die Meinung sagte, so trat doch andererseits deutlich das allgemeine Bestreben hervor: Nicht Majorisirung, sondern Auseinandersetzung und Verständigung. Nichts von Kliquen, die mit einander rivali- sirten, sondern Genossen, die in der einen Frage stch gegenüber- standen, und in der anderen wiederum zusammen stimmten, un» beeinflußt durch persönliche Beziehungen. Und dieser lebhafte Meinungsaustausch bei dm verschiedenen Fragen der Taktik rc. zeigte, daß unsere Partei in keiner Weise der Gefahr der Ver- knöchcrung ausgesetzt ist, daß eS in ihr kein Papstthum gibt und keine Orthodoxie, sondern daß sie innerhalb der in unserem Pro- gramm niedergelegten Grundsätze Raum hat für jede ehrlich ver- fochtene Ueberzeugung. Nicht allen Wünschen, die an ihn gestellt waren, tonnte der Kongreß in der kurzen Zeit seines Zusammenseins gerecht werden, aber man wird ihm das Zeugniß nicht versagen können, daß er die ihm zur Verfügung gestandene Zeit nach Kräften aus- genützt hat. Wenn er nicht alle Fragen der Tagesordnung er- ledigt hat. so hat er doch ihr�r s�rsidipuna wirksam vorgearbeitet. Und darauf kommt e« ja'vor Allem an. Was nützen die schönsten Beschlüsse, wenn sie nicht dem lebendigen Bedürfniß des Tages entsprechen?. Genug. Der Kongreß hat trotz Puttkamer, Madai und Ge- nossen stattgefunden und, wie wir oben sagten, durch sein Tagen und seine Beschlüsse gezeigt, daß die deutsche Sozialdemokratie in jeder Beziehung ungebrochen dasteht, daß sie, von der Richtigkeit ihrer Bestrebungen durchdrungen, allen kommenden Ereignissen mit Ruhe und Siegeszuversicht entgegensieht, daß sie entschlossen ist, den Kamps, den ste begonnen, unentwegt fortzusetzen, und nicht eher ruhen noch rasten wird bis der Sieg errungen ist. Kampf bis zum Sieg, das ist unsere Losung. Hoch die Sozialdemokratie! Kongreß der deutschen Sozialdemokratie. Adgehalttil m K-penhageu vom 29. März bis 2. April 188 3. Auf Grund der durch den„Sozialdemokrat" erfolgten Einladung trmen am 29. März, Nachmittags 5 Uhr, die bis dahin in Kopenhagen eingetroffenen 54 Delegirten zur Vorversammlung zusammen. Die dänischen Parteigenossen hatten den Vertrauens- leulen der deutschen Sozialdemokratie ihr ständiges Vercinslokal, einen großm, geräumigen Saal mit geeigneten Nebenlokali- täten, in der freundlichsten und bereitwilligsten Weise zur Verfügung gestellt. So fühlte man sich rasch heimisch und vergaß, daß man in fremdem Lande und unter einer anderen Nationalität zusammengetreten war. um Berathungen zu pflegen, welche die Erbärmlichkeit der heimischen Zustände unmöglich machte. Die Vorversammlung wurde durch einen der Reichstags- abgeordneten eröffnet, worauf unser dänischer Parteifreund Böhm daS Wort nahm, um die Anwesenden im Namen der dänischen Gesinnungsgenossen auf's Herzlichste zu begrüßen und ihren Be- rathungen besten Erfolg zu wünschen. Alsdann schritt man zur Bureauwahl. Nach kurzer De- batte, die entstanden war, weil man von einer Seite wünschte, daß der Vorsitz nicht ausschließlich von parlamentarischen Ver- treiern der Partei versehen werden soll— ein Antrag, welcher abgelehnt wurde— wählte man zwei Vorsitzende, vier Schrift- führer und einen Führer der Rednerliste. Hierauf ordnete das Präsidium die gegenseitige Vorstellung der Anwesenden und die Feststellung der Präsenzliste an. Ein Antrag, lautend: Parteigenossen, welche kein bestimmtes Mandat haben und weder Vertreter des„Sozialdemokrat" noch parlamentarische Vertreter der Partei sind, vom Stimmrecht aus- zuschließen, wird einstimmig angenommen. Die hiernach gewählte, auS drei Personen bestehende Mandatprüfungskommission war in der angenehmen Lage, bei ihrer Berichterstattung am nächstfolgenden Tage konstatiren zu können, daß gegen die Zulassung keines der mittlerweile auf 69 Köpfe angewachsenen Delegirten ein Bedenken zu erheben sei.'wir werben 69 Vertretern seien im Besitz von 69 Voll- ma oekennen übrigen vier seien Personen, die kraft ihrer Parteistellung zuzulassen seien. Weiter wurde seitens deS Be- richterstatters der Mandatprüfungskommisston hervorgehoben, daß er, der seit dem Jahre 1872 alle Kongresse besucht, noch keinem beigewohnt habe, auf dem eine so vollkom- men gleichmäßige Vertretung aller Bezirke, in denen die Partei Anhänger besitze, vorgekommen sei. Früher habe man erlebt, daß die dem Kongreßort zunächst liegenden Bezirke außer- gewöhnlich stark, dagegen die entfernten dünn und mangelhaft, oft gar nicht vertreten gewesen seien. Dies sei diesmal ganz anders. Die ärmsten Bezirke Schlesiens und Sachsens, wie die entferntesten SüdwestdeutfchlandS seien gleich dem Norden und Westen vertreten, und gewähre die Gesammtvertretung ein sehr erfreuliches Bild von dem vortrefflichen Geiste, der die Parteigenossen in Deutschland be- herrsche. Von den Parteigenossen im Auslände hatten die Londoner Lemke, die Pariser Thies und die Organisation der deutschen Sozialisten in der Schweiz Fischer alS Delegirte gesandt. Von den Newyorker Sozialisten war der nach Europa gereiste Redakteur unseres dortigen Parteiorgans, der New Aorker Volkszeitung, Alex. JonaS, ersucht worden, dem Kongreß als Vertreter beizuwohnen. I o n a s, in der Meinung, daß der Kongreß wieder in der Schweiz sei, hielt sich in Mentone auf, al« er erfuhr, daß derselbe ziemlich am anderen Ende Europa's stattfinde, und war so infolge der Kürze der Zeit und der Weite der Reise verhindert, denselben besuchen zu können. E« wurde beschlossen, das von ihm eingegangene aus- führliche Memorandum über die Newyorker, resp. amerikanischen Parteiverhältnisse, soweit thunlich, im„Sozialdemokrat" zu veröffentlichen. Die Tagesordnung für die Verhandlungen wird von der Versammlung in folgender Weise festgesetzt: 1) Allgemeiner Bericht über die Situation der Partei und daran unmittelbar anknüpfend Bericht süber die gesammelten Unterstützungsgelder und deren Verwendung. 2) Mittheilungen über den materiellen Stand deS„ Sozialdemokrat". 3) Bericht über die Thätigkeit der Reichstagsabgeordneten. 4) Die Stellung der deutschen Sozialdemokratie zur Sozial- Reform. 5) Die Verlängerung des Sozialistengesetzes. Die Taktik der Partei und die Haltung des„Sozialdemokrat". 6) Die ReichStagswahlen. 7) Organisation und Agitation für dieselben. 8) Besondere Anttäge der Kongreßmitglieder. Bezüglich einer genauen Revision der Einnahmen und Aus- gaben wünschen die Sammler, daß dieselbe in Zürich vorgenom- men werde, da diese Arbeit sicher mehrere Tage in Anspruch nehme und gründlich vorgenommen werden müsse. Man kommt über» ein, die Revisoren zu wählen, nachdem man den Bericht gehört. Nach verschiedenen geschäftlichen Mittheilungen erfolgt Schluß der Vorversammlung kurz nach 8 Uhr Abends und wird die erste Sitzung für die Hauptverhandlung auf nächsten Morgen 8 Uhr anberaumt. Erste Sitzung am 39. März, Morgens 8 Uhr. � Die Sitzung wird um 8 Uhr Vormittags eröffnet und ergibt die Verlesung der Präsenzliste die Anwesenheit von 59 Delegirten. DaS Protokoll der Vorversammlung wird verlesen und genehmigt. Der Wunsch eines Redners, die Protokolle etwas ausführlicher zu behandeln, wird der Berücksichtigung der Schriftführer über- wiesen. Alsdann wird zum ersten Punkt der Tagesordnung geschritten: Allgemeiner Bericht, Sammlungiwesen. Der Berichterstatter erörtert zunächst die Gründe, welche es der Mehrheit der Parteivertreter unthunlich erscheinen ließ, dem vielfach geäußerten Wunsche, schon vorige« Jahr einen Kongreß abzuhalten, zuzustimmen. Dagegen hätte im letzten Herbste eine dreitägige Konferenz der Reichstagsabgeordneten unter Hinzu- ziehung mehrerer anderer VertrauenSpersonen in Zürich stattgefunden, in ver alle auf die Partcilage bezüglichen Gesichtspunkte und Ereignisse einer sehr gründlichen Erörterung unterzogen worden seien. Ueber- gehend zur Kennzeichnung der gegenwärtigen Situation konstatirte der Redner zunächst, daß sich die Gesammtlage der Partei wie die Lage der Verhältnisse überhaupt seit dem Wydener Kongreß sehr zu Gunsten der Partei in Deutschland ver- bessert habe. Die Partei stehe, wie schon«in Blick auf die Zusammensetzung dieser Versammlung lehre, ungebrochen da, sie habe an Selbstvertrauen und ZukunstShoffnung ungemein gewonnen. Ganz wesentlich hätten dazu die allgemeinen Wahlen deS Jahre» 1881 beigetragen, bei welchen zum ersten Male seit dem Ausnahme- gesetz die Gesammtpartei sozusagen im Feuer exerzirtc und da- durch überall die Erkenntniß ihrer Stärke und der einzuschlagen- den Agitations- und Organisationstaktik erlangt habe. Sei nun der Ersolg der letzten Wahlen in Bezug aus daS Resultat der gewonnenen Sitze ein erfreulicher gewesen, so dürfe andererseits nicht verkannt werden, daß die Partei seit 1878 an Stimmen nicht unerheblich eingebüßt habe, und gelte es jetzt, zu untersuchen, welchen Ursachen dies zuzuschreiben sei und durch welche Mittel man ähnliche Verluste für die Zukunft verhüten könne. Zunächst sei zu konstatiren, daß bei Beginn der Agitation für die allgemeinen Wahlen die Organisation in einzelnen Wahl- kreisen, namentlich in solchen, wo schon früher die Parteigenossen schwach waren, oft mangelhaft war, theilweise gänzlich fehlte. Daß demnach dort auch die Mittel für die Agitation mangelten, sei klar, und in einer sehr erheblichen Anzahl von Wahlkreisen auch vielfach die geeigneten Kräfte. Der ökonomische Druck, der seit dem Ausbruch der Krise in stets steigendem Maße die meisten unserer Parteigenossen betroffen, habe naturgemäß vielfach depri- mirend gewirkt. Die Maßnahmen des Sozialistengesetzes und die daraus folgende Vernichtung zahlreicher Existenzen, wie die Un- Möglichkeit, sich eine neue Existenz zu schaffen, habe die Miß- stimmung und vielfach die Muthlostgkeit verschärft und zur Aus- Wanderung einer großen Zahl tüchtiger Parteigenossen geführt, deren Fehlen stch namentlich in der Wahlagitation bemerklich gemacht habe. Der Verlust mehrerer Bezirke könne wesentlich auf dieses Konto geschrieben werden. Der ökonomische Druck habe auch vielfach die Genossen ver- hindert, in gewohnter Weise stch an der Agitation zu betheiligen, weil dies gleichbedeutend mit Vernichtung der Existenz gewesen sei. Zu diesem ökonomischen Druck kamen die vielfach fast uner- hört und schamlos zu nennenden polizeilichm Machinationen und Verfolgungen, namentlich im Königreich Sachsen, denen die Ge- nossen nicht immer entsprechend gerüstet entgegentteten konnten. Ferner dürfe nicht außer Acht gelassen werden, daß in vielen Kreisen der Genossen angesichts der wilden Polizeihetze und unter dem Eindrucke des Ausnahmegesetzes der Glaube an den Er- folg bei den Wahlen fehlte, der aber— wie die Stichwahlen zeigen— sofort nach der ersten Bethätigung zurückkehrte. Ein Hauptgrund aber sei gewesen, daß man in vielen Be- zirken nicht in der Lage war, rechtzeitig oder überhaupt das ge- nügende Druckmaterial zu beschaffen. In vielen Wahlkreisen hätte man nur Stimmzettel vertheilen können und nicht ein einziges Flugblatt; daS sei z. B. in nicht weniger als fünf sächsischen und in mehreren rheinischen Wahlkreisen der Fall ge- wesen. Es sei die Pflicht der Genossen, diesen Uebelständen künftig in erster Linie vorzubeugen, und er glaube, daß sich die« machen lasse. Redner gibt eine Reihe von Rathschlägen, die seiner Meinung nach geeignet seien, diesem sehr wesentlichen Uebeistand künftig abzuhelfen. Konfiskationen von Flugblättern und Stimmzetteln, Verhaf- tungen, Verbote von Versammlungen, häufig im Widerspruch mit den bestehenden Gesetzen, hätten ebenfalls vielfach einschüch- ternd oder schädigend gewirkt, und so müßte für daS nächste Mal und rechtzeitig eine alle möglichen Vorkommnisse berücksich- tigcnde genaue Wahl- und Agitationsinstruktion ausgearbeitet werden, welche die Parteigenossen allerwärts in die Lage setze, zu wissen, wie sie stch in allen vorkommenden Fällen zu ver- halten hätten und wie sie sich gegen Gewaltthätigkeiten und Uebergriffe der Behörden am besten schützen könnten. Wie während der Wahlagitation und namentlich bei den Nachwahlen der Muth und das Selbstvertrauen der Partei- genossen gestiegen sei, habe Jeder mit Genugthuung begrüßen können, ja man dürfe ohne Uebertreibung sagen, daß der vor- treffliche Geist, der heute die Genossen überall beherrsche, ganz wesentlich im Wahlkamps und durch den Wahlkampf geboren worden sei und dadurch sei auf's schlagendste die Ansicht Jener widerlegt, die fortgesetzt predigten, stch der Betheiligung bei den Wahlen zu enthalten. Hätten also in Folge der aufgeführten ungünstigen Ursachen vielfach starke Stimmenaussälle stattgefunden, wäre unter dem Druck der Gewalt in anderen Wahlkreisen das Resultat gegen früher das gleiche geblicbm, so ließ sich anderseits auch in manchen Wahlkreisen ein glänzender Aufschwung konstatiren. So insbesondere am Mittelrhein und Main, in der Pfalz, in ver- schiedenen sächsischen Bezirkm. Gegenüber der Behauptung, wir hätten unsere Siege nur der Hilfe eines Theils der Gegner zu verdanken, müsse darauf hingewiesen werden, daß dies z. B. bei den glänzenden Stichwahlresultaten im Chemnitzer und ,m Zwickau-Crimmitschauer Wahlkreis nicht der Fall gewesen sei. Dort hätten unsere Kandidaten sehr wenig gegnerische Stimmen erhalten und diese Siege seien um so bemerkenSwerther, als man für die Nachwahl fast ausschließlich nur mit Vertheilung von Stimmzetteln agitirt habe. Wesentlich förderlich den Wahlen sei die Hilfe gewesen, welche aus den Erträgnissen der Reise von Fritzsche und Viereck nach den Vereinigten Staaten geflossen sei, die ein Reinerträgniß von über 13,()()() Mark ergeben habe. Man sei den amerikanischen Ge- nossen, die dieses Unternehmen gefördert, lebhaften Dank schuldig, und er spreche diesen hiermit, wie er glaube im Namen aller Anwesenden aus.(Zustimmung.) Eine besondere Anerkennung ver- dienten auch die Parteigenossen derjenigen Orte und Bezirke, die seit Jahr und Tag dem kleinen Belagerungszustand verfallen sind. Niemand werde glauben, daß dort die Polizei mit besonderer Schonung vorgegangen sei. Alles was an bekannten einfluß- reichen Personen vorhanden war, habe man ausgewiesen; wo eine solche Person so zu sagen übersehen sei, wäre dieselbe ge- zwungen, sich ruhig zu verhalten, und obgleich man somit ge- glaubt habe, der Partei in jenen Bezirken den Lebensnerv zu unterbinden, müsse die erfreuliche Thatsache konstatirt werden, daß gerade in den B elagerung sz ustan dSg e b iet en der Geist der Partei am ausgezeichnetsten sei, die Genossen am großartigsten opferten und, wie der Vertreter des.Sozialdemokrat" berichte, das Blatt die größte Verbreitung besitze. Dort hätten heute Männer in der großen Mehrzahl die Führung in der Hand, die vor wenigen Jahren Niemand nur dem Namen nach gekannt, die auch heute weiteren Kreisen unbekannt wären und so recht aus der Mitte der Partei herausgewachsen seien. Dort habe sich gezeigt, daß alle Führerschaft ersetzbar sei, die Partei nicht von Einzelnen ab- hänge. Er schlage vor, den Parteigenossen der unter dem Be- lagirungszustand stehenden Bezirke für ihre tapfere und hingebende Haltung die Anerkennung des Kongresses auszusprechen.(Allge- meine Zustimmung). Hervorzuheben sei ferner, daß, wie der spätere Bericht noch des Näheren zeigen werde, die Verbreitung des. Sozial» demokrat" von Monat zu Monat die erfreulichsten Fortschritte mache, und derselbe heute fast überall gelesen werde, wo die Partei nur Anhänger besitze. Um für den Druck dcS Blattes eine sichere Stätte zu haben und auch andere Drucksachen, die das Sozialistengesetz zu scheuen hätten, ungehindert he' stellen zu können, hätten sich eine Anzahl Zürcher Parteigenossen veranlaßt gesehen, im Verein mit dem Genossen Co nz ett, früher in Chur, jetzt in Hottingen, die ehemalige schweizerische VereinSbuchdruckerei und Volksbuchhandlung käuflich zu erwerben. Conzett sei als Miteigenthümer zugleich Leiter derselben. Hervorzuheben sei ferner, daß die sächsischen Parteigenossen unmittelbar nach Berhängung des Leipziger Belagerungszustands einen erfreulichen Erfolg bei den Landtagswahlen davongetragen und es sei anzunehmen, daß wenn eL gelinge, die Kandidaten- noth zu überwinden, weitere Erfolge bei dm dieses Jahr statt- findenden Landtagswahlen zu erlangen sind. Die Agitation werde den Parteigenossen künftig durch die Bc- schlüsse erleichtert, welche nammtlich in der gegenwärtigen Session der Reichstag mehrfach gefaßt habe. Nachdem früher schon der Paragraph des Sozialistengesetzes bezüglich der Sammlungen dahin interpretirt worden sei, daß Sammlungen zu Gunsten der Familien von Ausgewiesene» und politisch Gemaßregelten nicht verboten werden könnten, ist der kürzlich gefaßte Beschluß, daß Stimmzettel nicht als Drucksachen im Sinne des Sozialisten- gesetzes aufgefaßt werden dürftm, von besonderer Wichtigkeit. Wichtig seien auch die Beschlüsse der ReichstagLwahlkommissioi', daß Wahlversammlungen, weil sie von Sozialisten einberufen würdm, nicht ohne Weiteres auf Grund des Sozialistengesetz's verboten werden könnten. Es sei Sache der Parteigenossen, diese dem Sozialistengesetz zugefügten Löcher nach Kräften zu er- weitern. Habe er(Referent) bisher meist nur Erfteuliches zu melden gehabt, so müsse er jetzt auch eines tief traurigen Ereignisses gedenken, das erst in dm letzten Wochen nicht bloS die deutsche Sozialdemokratie, sondern die Sozialdemokratie aller Länder bc- troffen habe. Dies sei der unerwartete und zu frühe Tod des Begründers des wissenschaftlichen Sozialismus, des Gründers der Internationalen Arbeiter-Assoziation, Karl Marx. Die deutsche Sozialdemokratie habe in erster Linie sein Andenken zu ehren und so möge die Versammlung als Ausdruck des Schmerzes über den erlittenen unersetzlichen Verlust und als Zeichen der Anerkennung für die Leistungen des Verstorbenen für die Sache des arbeitenden Volks sich von den Plätzen erhebm, eine Aufforderung, der Alle nachkommen. Wie daS Andenken von Karl Marx auch äußerlich am besten geehrt werden könne, darüber würden der Versammlung noch Vor- schlüge zugehm. An dieses Referat über die Lage der Partei schloß sich unmitte' bar der Bericht der mit dem SammlungSwesen betrauten Personen. Derselbe ergab, daß innerhalb Deutschlands die Gesammt- einnahmen der Sammelstellen vom 5. Aug. l881 bis 28. Febr. 1883 sich auf rund 95,000 Mark beliefm, die Ausgaben auf 92,100 Mark und am 1. März ein Bestand von 2,900 Mark vorhanden war. Hierzu kommen die Gesammteinchmen, die für die verschiedensten Zwecke nach Zürich gesandt wurlm und die sich auf 20,429 Franken in Einnahmen und 16,933 Franken in Ausgaben belaufen, sowie die Opfer, welche die Parteigenossen in dm einzelnen Orten und insbesondere in oen Belagerungsbezirken innerhalb dieser Zeit für Unterstützurge» Wahlen jc. aufbrachten. Diese ließen sich nicht genau sestst-stm, man könne sie aber ohne Uebertreibung auch auf n.mdestms 150,000 Mk. veranschlagen. Hier sei an den Beschluß des Reichsgerichts erinnert, daß nur solche Sammlungen strafbar sind, die von der Landespolizei- behörde ausdrücklich untersagt wurden. Im Anschluß hieran berichtet der schweizerische Delegirte über die Bewegung in der Schweiz, resp. die Organisation der deutschen Sozialisten, die, getrennt von den politischen und gewerkschaftlichen Landesorganisationen, in 17 Mitglied- schaffen 600 Genossen vereinige, um neben der möglichsten mate- riellm Unterstützung der Partei in Deutschland auch den geistigen Zusammenhang unter den deutschen Genossen mit der Bewegung in Deutschland aufrechtzuerhalten und sich mit der Multerpartei zu jeder Zeit und bei allen Kämpfen als ein untrennbares Ganze zu fühlen. ■*-*» Zweite Sitzung am 30. März, Nachmittags 3 Uhr. Vor Einttitt in die Tagesordnung wird zunächst festgestellt, daß sämmtlichen Reichstagsabgeordneten der Partei Zeit und Ort des Kongresses bekannt war, und baß eine letzte, rein formelle Einladung an einige derselben nur in Folge eine« Versehens unterbliebm sei. Hierauf wird in der Diskussion der Tagesordnung fortgefahrm. Dabei werden zunächst verschiedene Wünsche laut, welche eine einheitliche Regelung des UnterstützungSwesmS verlangen, urd wird besonders darauf hingewiesm, daß es bisher nicht seilen vorgekommen, daß wirklich unwürdige Individuen verhälwißmäßig bedeutende Hilfe empfangen haben. Es wird zur Abhilfe dieses Uebelstandes unter Anderem auch vorgeschlagen, Unterstützungen nur mehr von einer Zentralstelle aus zu zahlen. Dieser Antrag wird abgelehnr. Ebenso ein Antrag, welcher festsetzen wollte, daß, außer an der Zentralstelle, nur Mk. 5,00 Unterstützung an einen Gemaßregelten zu bezahlen seien. Angenommen dagegen wurde folgender Antrag: „Geldunlerstützung zur Weiterreise sollen die in'S Ausland gehenden gemaßregelten oder flüchtigen Genossen nur dann erhalten, wenn sie entweder einen genügenden Ausweis mitbringen oder binnen acht Tagen von einem Vertrauensmann ihres letzten Wohnortes oder einem Vertreter der Partei einen solchen beibringen." Es wurde»un der Wunsch ausgesprochen, zur Orientirung der Genossen in bestimmten Z rischenräumen im„Sozialdemokra," die N�men der Personen zu veröffentlichen, welche wegen Mißbrauchs der Hilfe oder auS anderen Gründen nicht mehr als Partei- genossen anerkannt werden. Bei der Debatte hierüber wurde von den versck�."�.i Seiten hervorgehoben, wie häufig die Parteigenossen c,"5' 0 j,"* �zelnen Orten durch ihre Gutmüthigkeit und Nichtbeachtung der i« „Sozialdemokrat" erlassenen Warnungen selbst daran schuld seien, daß Gelder an Unwürdige flößen. Seitens dcS Londoner Vertreters wurde bei dieser Gelegenheit beklagt, daß der Londoner Verein übermäßig von Auswanderung�- lustigen belästigt worden sei, infolgedessen man ca. 1500 Marl für Auswanderer bezahlt habe, wodurch die Existenz des Verein» in Frage gestellt worden sei. Auch von mehreren anderen Seiten wurde über die übergroß« AuSwanderungslust seitens der Ausgewiesenen geklagt und der Vorwurf erhoben, daß die Parteivertretung die Auswanderunz eher befördert als zu hindern versucht habe. Dagegen wurde geltend gemacht, daß die Parteivertreter nur in den Fällen ihre Zustimmung zur Auswanderung gegeber habe, wo zweifellos feststand, daß die betr. Personen nicht ia Stande waren, sich in Deutschland eine Existenz zu schaffen. Di« wegen politischer Vergehen Flüchtigen aber seien fast ausnahmslo» ohne Vorwissen irgend eines Vertreters der Partei ausgewandert. Nachdem noch konstatirt wurde, daß viele der im Ausland lebenden Genossen, welche dort in der thatkräftigsten Weise für die Partei wirken, in Deutschland sich in einer Lage befanden. daß sie ohne Unterstützung der Partei nicht leben konnten, wird der Beschluß gefaßt, in geeigneten Zwischenräumen die Name» der Personen zu veröffentlichen, die sich Mißbrauch der Hilfe z« Schulden kommen ließen. Von einer größeren Anzahl Redner wurde während der Debatte auch des Sammlungswesens gedacht, und war besonders eine größere Zahl von Anträgen gestellt, welche sich darauf bezogen, de» Parteigenossen einen detaillirten Einblick über die Verwendung der eingegangenen Gelder zu verschaffen. Es wurde zunächst von verschiedenen Seiten hervorgehoben, daß durch eine detaillirte Abrechnung, welche Vertrauens leuten zuzustellen wäre, der mißbräuchlichen Ausnützung der Partev Hilfe vorgebeugt werden könnte. Dann glaubte man in eint solchen Abrechnung ein Mittel zu haben, dem hie und da vo> zweifelhaften Elementen angefachten Mißtrauen besser begegnen zr können, weiter wurde von einer Seite besonders auch daran' hingewiesen, daß in einer solchen Abrechnung ein wesentliche« Sporn und Antrieb für die Aufbringung weiterer Mittel lägt Diesen verschiedenen Anträgen wurde indeß entgegengehalten daß nach Lage der Dinge, wie sie in Deutschland durch da» Ausnahmegesetz geschaffen sei, es ganz unmöglich und für db betreffenden Personm nachcheilig wäre, eine solche Abrechnun« zu geben. Die Erfahrung habe gelehrt, daß selbst, wenn solch« Mittheilungen nicht bereits während der Versendung durch di« Post in die Hände der Polizei geliefert würden, eine große Zahl unserer Genossen, trotz aller schlimmen Erfahrungen, noch immt nicht die genügende Vorsicht in Bezug auf Verwahrung ode« Vernichtung von Briefen:c. walten ließen. Eine zahlreich« Reihe von Verfolgungen, Jnquirirungen jc. wäre davon d» Folge. Der dadurch aber angerichtete Schaden stände in go> keinem Verhältniß zu dem Nutzen, den solche Mittheilunge» etwa bringen könnten. Die Polizei verfahre sehr willkürlich uni bei den Gerichten fände man theilweise auch gar merkwürdig« Auffassungen und Auslegungen, so daß selbst Verurtheilungt» auf Grund des Sozialistengesetzes nicht ausgeschlossen selen. In der eingehenden Debatte über diesen Punkt wurde vo« den verschiedensten Seiten hervorgehoben, wie es ja ganz selbst verständlich wäre, daß die Genossen ein Recht darauf Habel«, über die Verwendung der von ihnen, theilweise unter de« schwierigsten Verhältnissen, aufgebrachten Gelder orientirt z< werden; daß es aber unter den heutigen, ohne unser Zuthun g» schaffenen Verhältnissen, eine Unmöglichkeit sei, diesem Rechte ii» vollen Unfange Genüge zu leisten. Die Genossen müßten si� deshalb zufrieden geben, wenn für eine genügende Kontrolc g� sorgt werde; anderseits aber muß es ihnen überlassen bleibe« in Spezialfällen, sich Auskunft und Aufklärung zu holen. In Bezug auf den Umstand, daß in Folge dee Nichtveröffent lichung einer deiaillirten Abrechnung, Mißtrauen entstehen könnt« wurde allerseits konstatirt, daß die bis jetzt mit dem Sammeb wesen betrauten Personen sich des unbedingtesten Bertraueni erfreuten und daß die Wünsche nach ciner anderen Form dt« Abrechnung nicht dem Mißtrauen, sondern dem Wunsch na«> AufNärung entspringen. Der Hoffnung gegenüber, daß die Veröffentlichung der AuS gaben ein neuer©"porn zur Aufbringung von Geldmitteln wärt wurde auf die Thatsache hingewiesen, daß die Sammlungi erwäge seit Bestehen des Ausnahmegesetzes eher zu als abg.' nommen hätte. Bedenkt man, daß im Laufe der letzten 2«/� Jahre zirk« 95,000 Mk. zur Verfügung gestellt wurden, und erwägt ma» daß durch die Proklamirung des kleinen Belagerungszustände» in den Zentren unserer Bewegung die letzteren durch die Unter stützung der am Orte verbliebenen Angehörigen der Ausgewiesene» verhindert wurden, in derselben Weise, wie eS sonst wohl g« schehen wäre, die von ihnen aufgebrachten Mittel zur VerfügunS zu stellen, so ergibt sich daraus, daß die Opferwilligkeit de« Genossen stch in großartigster Weise bethätigt hat. Die« ver diene um so mehr hervorgehoben zu werden, als seitens de« meisten Polizeibehörden in Deutschland in infamster Weise di« Versuche, für die Opfer deS Sozialistengesetze» Hilfe zu schaffe» zu verhindern gesucht wurde. Von verschiedenen Rednern wurde besonder» auch auf di hervorragende pekuniäre Unterstützung hingewiesen, welche die i» Ausland und besonder» in Amerika lebenden Genossen der Part» haben angedeihen lassen. Es gelangten folgende Anträge zur Annahme: u)„Der„Sozialdemokrat" soll vierteljährlich mit der Quid tung der eingegangenen Gelder zugleich auch die Gesammt summe der Ausgaben angeben. Spezialiflrte Abrechnungo sind nur den Kongressen resp. Konferenzen vorzulegen." 5)„Eine Kommission von drei Mann zur Prüfung über d« Einnahmen und Ausgaben der Untcrstützungsgelder d« letzten 2'/, Jahre zu ernennen. Eine solche Prüfu»! soll künftig' halbjährlich stattfinden und kurzer Bericht i» „Sozialdemokrat" erfolgen." c)„Die Versammlung möge den amerikanischen Genosse« besonderen Dank für die Sammlungen zur Unterstützung unserer Partei, sowie der unserer Partei angehörigen Uebe« schwemmten auszusprechen." d)„Die Versammlung spricht den Personen, die sich der Ver- waltung der Unterstützungsgelder unterzogen haben, für ihre mühevolle Thätigkeit ihren Dank aus." Im weiteren Verlauf der Debatte wurde von mehreren Seilen hervorgehoben, daß in Deutschland einige Zeitungen beständen, welche von den Genoffen durch Abonnement unterstützt würden, und wurde daran von einer Seite der Wunsch geknüpft, in Zukunft davon abzusehen. Gegen diese Ansicht wurde geltend gemacht, daß in Wirklichkeit Parteiblätter in Deutschland nicht bestehen und nicht bestehen könnten, die Blätter seien Privateigenthum. Wenn aber das eine oder andere dieser Blätter uns gegenüber keine feindliche Haltung einnehme, so sei das kein Unglück. Entschieden ver- urtheilt freilich müßte werden, wenn ein Genosse an einem Orte daS Parteiorgan, den„Sozialdemokrat", über einem solcken Lokalblatte vernachlässigte obtr gar zu Gunsten des letzteren gegen daS erstere agitire. Soweit solche Fälle konstatirt werden konnten, fanden dieselben den herbsten Tadel. Recht lebhaft trat im Anschluß an diese Debatte auch der Wunsch zu Tage, durch Beschaffung von gut geschriebenen Bro- schüren und Flugblättern die Agitation zu unterstützen. Eine ganze Reihe von darauf bezüglichen Wünschen wurden den schriftstellerischen Kräften zur Berücksichtigung empfohlen. Unter Hinweis auf den bezüglichen in Wyden seiner Zeit auS- gesprochenen Wunsch, wurde dem Bedauern Ausdruck gegeben, daß dem Partci-Archiv in Zürich seitens der Genossen nicht die genügende Aufmerksamkeit geschenkt werde. Es wurde, um diesem Uebelstande abzuhelfen, folgender Beschluß gefaßt: „Die Redaktion des„Sozialdemokrat" möge in geeig- neten Zwischenräumen zur Sammlung für das Parteiarchiv auffordern." Eine während der Debatte erfolgte Anfrage, ob es richtig sei, daß zwischen der im„Sozialdemokrat" gegebenen Abrechnung und den diesbezüglichen Angaben in der„Rew-Aorker Volksztg." über die Einnahmen von der Fritzsche-Viereck'schen Agitationsreise eine Differcni bestehe, fand durch die hierauf abgegebenen Erklä- rungen eine vollständig beffiedigende Beantwortung. Zum Schlüsse wurden drei Züricher Genossen für die Revi» fion gewählt. Die Mark. (Fortsetzung.) Wenn ein Gutsherr— geistlich oder weltlich— ein Bauerngut erwarb, so erwarb er damit auch die zum Gut gehörige Gerechtigkeit in der Mark. Die neuen Grundherren wurden so Markgenossen, den übrigen freien und hörigen Genossen, selbst ihren eigenen Leibeigenen, innerhalb der Mark ursprünglich nur gleichberechtigt. Aber bald erwarben sie, trotz des zähen Widerstands der Bauern, an vielen Orten Vorrechte in der Mark, und konnten diese letztere oft sogar ihrer Grundherrschaft unterwerfen. Und dennoch dauerte die alte Markgenossen- schaft fort, wenn auch unter herrschaftlicher Obervormundschaft. Wie unumgänglich nöthig damals noch die Markverfassung für den Ackerbau, selbst für den Großgrundbesitz war, beweist am schlagendsten die Kolonisirung von Brandenburg und Schlesien durch friesische, niederländische, sächsische und rhein- fränkische Ansiedler. Die Leute wurden vom 12. Jahrhundert an, auf Herrenland dorfweise angesiedelt und zwar nach deut- schem Recht, d. h. nach dem alten Markrecht, soweit es sich aus herrschaftlichen Höfen erhalten hatte. Jeder bekam Haus und Hof, einen für alle gleich großen, nach alter Art durch's Loos bestimmten Antheil in der Dorfflur und die Rutzungs- gcrcchtigkeit an Wald und Weide, meist im grundherrlichen Wald, seltener in besondrer Mark. Alles dies erblich: das Grundeigenthum verblieb dem Herrn, dem die Kolonisten be- stimmte Zinse und Dienste erblich schuldeten. Aber diese Leistungen waren so mäßig, daß die Bauern hier sich besser standen als irgendwo in Deutschland. Sie blieben daher auch ruhig, als der Bauernkrieg ausbrach. Für diesen Abfall von ihrer eigenen Sache wurden sie denn auch hart gezüchtigt. ' Ueberhaupt trat um die Mitte des 13. Jahrhunderts eine entschiedene Wendung zu Gunsten der Bauern ein; vor- gearbeitet hatten die Kreuzzüge. Viele der ausziehenden Grund- Herren ließen ihre Bauern ausdrücklich frei. Andere sind ge- storben, verdorben, Hunderte von Adelsgeschlcchtern ver- schwunden, deren Bauern ebenfalls häufig die Freiheit erlangten. Nun kam dazu, daß mit den steigenden Bedürfnissen der Grundherren das Kommando über die Leistungen der Bauern weit wichtiger wurde, als das über ihre Personen. Die Leib- eigenschaft des stüheren Mittelalters, die noch viel von der alten Sklaverei an sich hatte, gab den Herren Rechte, die mehr und mehr ihren Werth verloren; sie schlief allmählig ein, die Stellung der Leibeignen näherte sich der der bloßen Hörigen. Da der Betrieb des Landbaus ganz der alte blieb, so war Vermehrung der gutsherrlichen Einkünfte nur zu er- langen durch Umbruch von Neuland, Anlage neuer Dörfer. Das war aber nur erreichbar durch gütliche Uebereinkunft mit den Kolonisten, gleichviel ob sie Gutshörige oder Fremde waren. Daher finden wir um diese Zeit überall scharfe Fest- setzung der bäuerlichen, meist mäßigm, Leistungen und gute Behandlung der Bauern, namentlich auf den Herrschaften der Geistlichkeit. Und endlich wirkte die günstige Stellung der neu herbeigezogenen Kolonisten wieder zurück auf die Lage der benachbarten Hörigen, sodaß auch diese in ganz Norddeutsch- land bei Fortdauer ihrer Leistungen an den Gutsherren ihre persönliche Freiheit erhielten. Allein das Alles sollte nicht lange dauern. Im Id. und 15. Jahrhundert waren die Städte rasch emporgekommen und reich geworden. Ihr Kunstgewerbe und LuzruS blühte namentlich in Süddeutschland und am Rhein. Die Ueppigkeit der städtischen Patrizier ließ den grobgenährten, grobgekleideten, plumpmöblirteft Landjunker nicht ruhig schlafen. Aber woher die schönen Sachen erhalten? DaS Wegelagern wurde immer gefährlicher und erfolgloser, zum Kaufen aber gehörte Geld. Und das konnte nur der Bauer schaffen. Daher er- ueuerter Druck auf die Bauern, gesteigerte Zinse und Frohnden, erneuerter, stets beschleunigter Eifer, die freien Bauern zu Hörigen, die Hörigen zu Leibeignen herabzudrücken, und das gemeine Markland in Herrenland umzuwandeln. Dazu halfen den Landesherrn und Adligen die römischen Juristen, die mit ihrer Anwendung römischer Rechtssätze auf deutsche, meist nn- verstandene Verhältnisse eine grenzenlose Verwirrung anzurichten, aber doch so anzurichten verstanden, daß der Herr stets dadurch gewann und der Bauer stets verlor. Die geistlichen Herren halfen sich einfacher: sie fälschten Urkunden, worin die Rechte der Bauern verkürzt und ihre Pflichten gesteigert wurden. Gegen diese Räubereien von Landesherren, Adel und Pfaffen erhoben sich seit Ende des 15. Jahrhunderts die Bauern in häufigen Einzelaufständen, bis 1525 der große Bauernkrieg Schwaben, Baiern, Franken bis ins Elsaß, die Pfalz, den Rheingau und Thüringen hinein überfluthete. Die Bauern erlagen nach harten Kämpfen. Von da an datirt das er- neuerte allgemeine Vorherrschen der Leibeigenschaft unter den deutschen Bauern. In den Gegenden, wo der Kampf gewüthet hatte, wurden nun alle noch gebliebenen Rechte der Bauern schamlos zertreten, ihr Gemeinland in Herrenland verwandelt, sie selbst in Leibeigne. Und zum Dank dafür, daß die besser gestellten norddeutschen Bauern ruhig geblieben, verfielen sie, nur langsamer, derselben Unterdrückung. Die Leibeigenschaft deutscher Bauern wird in Ostpreußen, Pommern, Branden- bürg, Schlesien, seit Mitte, in Schleswig-Holstein seit Ende des 16. Jahrhunderts eingeführt und immer allgemeiner den Bauern aufgenöthigt. (Schluß folgt.) SozialpolMsche Rundschau. Zürich, 11. April 1883. — Vorsicht! In ihrem blindwüthigen Eifer wird die deutsche Polizei in nächster Zeit allerhand tolle Streiche begehen. Man muß daraus gefaßt sein. Stamentlich gilt es die größtmögliche Vorsicht in der Korrespondenz. Ohne daß Briefe widergesetzlich eröffnet(gestiebert) zu werden brauchen, kann die Polizei durch heimliche Verhängung der Briessperre förmliche Korrespondenzsallen stellen und sich ganz in Form Rechtens der Briese, nach denen sie strebt, bemächtigen. Also B o r s i ch t und nochmals B o r s i ch t I — Au« dem Reichstage, Ansang« April, schreibt man un«: Die kolossale Blamage unserer sogenannten„politischen" Polizei steht, um mich„stylvoll" auszudrücken,„im Vordergrund de« politischen Jnter- esse»". Wozu die Tausende von Spitzeln, und die Millionen von Mark für diese Tausende von Spitzeln, wenn es der Polizei nicht einmal möglich ist, einen großen Parteikongreß zu verhindern, dessen Verhinderung die „politische" Polizei unseres Nationalzuchthauses, genannt deutsche« Reich, seit anderthalb Jahren als ihre Hauptaufgabe betrachtet hatte? Wozu die Taufende von Spitzeln und die Millionen vou Mark für diese Tau- sende von Spitzeln— wenn die bezahlten Spitzel ,,pour le roi de Pnisse" bezahlt und für die Staat«- und GesellschastSrettung so gar nicht« zu leisten im Stande sind? Da« ist der allgemeine Gedanke auf neutraler Seite, nnd Herr von Puttkamer ruft, wie weiland Kaiser Augustu« nach der Niederlage des Baru«:„Madai, Madai, gib mir meine Millionen zurück! Wohl niemals ist der Beweis für die absolute Unfähigkeit und Nicht«- Würdigkeit der„politischen" Polizei im Allgemeinen und der preußisch- deutscheu Spitzelpolizei im Besonderen, so schlagend, so drastisch geführt worden, als durch den vorliegenden Fall oder richtiger Reinsall— nämlich der Polizei. Und da« ist ein Sieg unserer Partei, der nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Wohlgemerkt, ich rede hier nicht von einem„moralischen" Sieg! Mit allen„moralischen" Siegen der Welt lockt man keinen poli- zeilichen und nichtpolizeilichen Hund hinter dem Ofen hervor; und „moralischer" Sieg ist in neuerer, d. h. parlamentarischer Zeit bekanutlich ein euphemistischer Beschönigungsausdruck für„Niederlagen" und„Fuß- tritte" geworden. Nein, ein ganz realer, materieller Sieg unserer Partei ist diese pyra- midale Polizei« Blamage, denn sie bildet die denkbar wirksamste und glänzendste rsduetio ad absurdum de« Sozialistengesetze«,— diese« rohesten, dümmsten und niederträchtigsten aller Polizeigesetze. Wer heute noch glaubt, daß die Sozialdemokratie durch Büttel und Spitzel unterdrückt oder auch nur„niedergehallen" werden kann, gehört in eine Jdiotenanstalt. E« zeigt sich bei dieser Gelegenheit wieder einmal die Macht der Thatsachen. Thatsachen find nicht au« der Welt zu lügen, nicht wegzu- deuteln. Und eine so harte, massive und handgreifliche Thatsache wie der Kopenhagener Kongreß imponirt auch dem stumpfsten uno trübsten Gehirn, und drückt seine Logik mit unwiderstehlicher Gewalt Jedem aus, auch dem Denkfaulsten und Dentschwächsten. Kolossale Blamage der deutschen Polizei, kolossale» Fiasko de« Sozia- listengesetze«— da» ist die„Moral" de» Kopenhagener Kongresse», und sie wird ihre Früchte tragen. Nicht, daß ich an die sofortige Abschaffung de« Sozialistengesetze«, überhaupt an seine Abschaffung glaubte I Aber die Autorität der Polizei hat einen mächtigen Stoß erhalten, und auf die Polizeiautorität stützt sich wesentlich unsere heutige Staat«, und GesellschastSordnnng. Kolossale Blamage der deutschen Polizei! Vor allem der B e r l i n e r I Die Berliner Polizei hat sich allmählich zur deutschen Zeotralpolizei gemacht,— sie dirigirt, und kommandirt. S i e ist in erster Linie an der Nase geführt und dupirt worden. Wäre mir der Mund nicht geschlossen, ich könnte ein zwergfellerschllt- ternde» Beispiel vou Berliner Polizeistupididät erzählen! Genug— nie- mal« sind Gimpel mit argloserer Naivität auf den Leim und io die Falle gegangen, al« diesmal Herr von Madai, sammt seinen Spitzeln und Oberspitzeln. Entsprechend dem Umfang der Blamage hatte auch die Wuth und der Aerger ungewöhnliche Dimensionen, sobald der heiligen Hermandad da» Schreckliche klar ward und sie sich von tosendem Gelächter umbraust fand. Blindlings schlug sie draus lo«, und da blinder Eifer nur schadet, so verletzte sie bei ihrem DrausloSschlagen nur sich selber, und die Ber- liner„Beamten", welche die verspätete und arg verunglückte Razzia gegen die heimkehrenden Kongreßmitglieder veranlaßt, werden noch einen harten Stand haben. Nach dem Reichsstrasgcsetzbuch haben sie, durch Verhaftung von drei aus dem Weg nach Berlin befindlichen Reichstag«- abgeordneten den Z 106 de« Reichsstrafgesetzbuche« verletzt, der also lautet: „Wer ein Mitglied einer der vorbezeichneten Versammlungen (gesetzgebende Versammlung de« Reich« oder eine« Bundesstaat»»c.) durch Gewalt oder durch Bedrohung mit einer strafbaren Handlung verhindert, sich an den Ort der Versammlung zu begeben, oder zu stimmen, wird mit Zuchthau« bi« zu 5 Jahren oder mit FestüngShaft von gleicher Dauer bestraft. Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Festungshaft bis zu zwei Jahren ein." Die sozialdemokratischen'Abgeordneten haben einen Antrag gestellt, welcher die �Anwendung diese« Paragraphen verlangt. Die diplomati- sirenden Herreu vom Zentrum möchten un« nun allerdings zum Auf- geben diese« Antrags bestimmen, der ihnen jetzt unbequem ist— indeß wir werden den Leutchen nicht den Gefallen lhun. Sie sollen Farbe betenneu— gerade wie seinerzeit bei dem Ausnahmegesetz. Daß die Polizisten, welche die Verhaftung Frohme'«, Bollmar'« und Dietz'« anordneten, gegen diesen angezogenen Paragraphen de« Reich«- strafgesetzbuch« sich vergangen haben, ist über jeglichen Zweifel erhaben. E» steht sogar fest, daß die Abstimmung über die Holzzölle am Mittwoch (5. d. M.) durch die Verhaftung de»«inen der genannten Abgeordneten positiv alterirt und gefälscht wurde. Wäre nämlich Dietz nicht auf der Fahrt angehalten worden, so hätte er Berlin rechtzeitig erreicht, um noch gegen die Regierungsvorlage zu stimmen, die dann statt mit 136 gegen 135 Stimmen an eine Kommission verwiesen zu werden, sofort mit 136 gegen 136 Stimmen— Stimmengleichheit gilt al« Ablehnung— verworfen worden wäre. Im Reichstag schwanken die Parteigruppirnngen. Weder für noch gegen die Regierung eine feste Majorität. Da« gegenseitige Zahlenverhältniß verschiebt sich flugsandartig von Minute zu Minute. Bei der„Holz- debatte" und in der Bewerbeordnungsdebatte tritt die« recht deutlich zu Tage. Nach dem Muster der alten Götter gehen auch die alten Parteien zum Teufel. Inzwischen wird der oppositionelle Zug im Volke immer kräftiger, und ist sogar bi» nach Pommern, in» Herz der„deutschen Bendee", ge- drungen. Die Wahl de« Fortschrittler» Gamm im Stralsunder Reich«- tagswahlkreise ist ein bemerkenSwerther Erfolg de» mehr und mehr um sich greifenden Oppositionsgeistes, und Herr von Bismarck wird sich, Angesichts dieser fatalen Schlappe, welche der„konservative Gedanke" (lucus a non lucendo) erlitten, wohl zweimal besinnen, ehe er seine auf die schwachen Nerven der Natioualliberalen und Sezesstonisten berech- neten Auflösungsdrohungen wahr macht. N'est pas si böte. So dumm ist er nicht. Am Donnerstag trat der Reichstag in die Berathung der reaktionären Borschläge bezüglich Abänderung der Gewerbeordnung ein. Die„große liberale Partei" hatte sich im Prinzip geeinigt, dem reaktionären Ansturm zu widerstehen und gegen die Regierungsvorlage, resp. die Kommissionsbeschlüsse Front zu machen. Da auch ferner noch feststand, daß einzelne rheinische Zentrumsmänner sich au» Utilität»-, d. h. Feigheitsrücksichten drücken, daß serner die bayrischen Ultramontaneu durch den Landtag in München zurückgehalten würden, so hörte man allgemein, daß die Gewerbeordnung, die schon einmal bedenkliche Löcher erhalten hat, diesmal ohne schwere Bleffurm au» dem Austurm der Re- aktion hervorgehen würde. Die„große liberale Partei" inklusive der Nationalliberalen hatte diesen Ausgang durch die liberale Presse in'» Land posaunen lassen und d e« h a l b hatte sie sich auch bemüht, die Gewerbeuovelle vor dem Krankenkassengesetz zur Berathung zu bringm. — Aber welche Täuschung! Die vertrauenSduseligeu Fortschrittler und Sezesfionisten, die sich schon hundertmal durch die Nationalliberalen hinter da« Licht hatten führen lassen, wurden— und e« geschieht ihnen recht I— zum hundertundeinten Male angeführt. Die Nationalliberalen stimmten nämlich mit ganz geringen Ausnahmen mit der Reaktion. W i r wundern un» darüber selbstverständlich nicht. Die National- liberalen haben ja zur Genüge bewiesen, daß sie der Gewalt gern Büttel- dienste leisten. Uebrigen» zeigen sich die Herren hier in ihrer ganzen Größe. Da» einzige relativ Gute nämlich, wa» die Natioualliberalen in der neueren Gesetzgebung geleistet haben, ist die G e w er b e s r e ih e it, wie sie in dem Gesetz die Gewerbeordnung betreffend enthalten war. Und nnn zerstören dieselben Herren diese eine Leistung selbstmörderisch wieder. Bislang hat man vielfach noch geglaubt, daß die Nationalliberalen nur in poiitifcher Beziehung in'« Lager de« Polizeistaates übergelaufen feien; man sieht, daß sie auch in wirthschaftlicher Hinficht Polizeiverehrer geworden find. Da« Politische läßt sich eben nicht vom W i r t h- schastlichen trennen. Die Debatten selbst waren im Allgemeinen nicht lebhaft— einige konservative Streithähne wurden mit einigen fortschrittlichen handgemein; e« flogen einige Federn in der Luft herum, doch beklagte keiner der Kämpfer ein- Krone oder gar ein paar Sporen. Erst al» unser Genosse Stolle in die Debatte eingriff, kam Leben in die Reichstagsbude. Die Herren von der Rechten hatten bei Gelegenheit der KonzesfiouSer- theilung für Schaustellungen u. s. w. wieder einmal über die große Un- fittlichkeit gejammert, wie sie im Volke, unter den niederen Schichten herrsche, woraus Stolle antwortete, daß die vornehme Gesellschaft vor ihrer eigenen Thüre kehren möge. Man brauche nur an die Orgien zu denken, die in Kasernen und OfsizierSkasino» vorkämen, wobei junge Mädchen von den champagnertollen Offizieren gezwungen würden, nackt allerlei Tänze auszuführen und allerlei Stellungen ein- zunehmen. Darob furchtbare« Halloh und Geschrei aus der Rechten; sittliche Entrüstung am RegierungSlische— Puttkamer bekreuzte sich! Man rief, nach Beweisen. Juristische Beweise lassen sich da nicht führen, aber Jedermann weiß, daß bei den Offizieren,„die au» mora- tischen Gründen in der Kaserne wohnen müssen", allnächtlich sich bei der Wache„Kousineu" und sonstige„Verwandte" weiblichen Geschlechte« anmelden und durchgelassen werden müssen und dort bi« zum frühen Morgen verweilen. Und Jedermann kennt die Geschichte von de« deutschen Kronprinzen Kammerherrn, dem Prinzen von S a l m- D Y ck, der mit verschiedenen Freunden aus dem OsfizierSstande die Mädchen au« einem in Berlin sehr bekannten Zirku» zu sich lud, welche dann nackt vor den vornehmen Augen diejenigen Sprünge wiederholen mußten, die sie angekleidet dem Volke einige Stunden zuvor vorgeführt hatten.„Unser" Fritz, der bekanntlich unter dem Pantoffel seiner häuslich erzogeneu und sehr sittenstrengen Gemahlin steht, erfuhr den Skandal und jagte den Prinzen Salm au« seiner bisherigen Stellung, was allerdings nicht ver- hindert hat, daß selbiger Prinz noch immer eine Zierde der preußischen Aristokratie ist. Aehnliche Fälle wären noch zu Dutzenden zu erzählen. Kurz und gut: die Anregung, die Genosse Stolle gab, hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Verblüfftheit der Herren aus der Rechten wurde nur durch die P s e r d e r o h h e i t derselben übertrvffen— die„väterlichen Ochsen" dieser Junker konnten kein größere» Gebrüll anstimmen in den heimischm Ställen, wie die aristokratischen Herren die» im Reichstag thaten. Besser aber konnte Genosse Stolle nicht belohnt werden— er hatte eben den wundestenPunkt dieserheuchle rischeu, verputtkamerten Gesellschaft getroffen. — Briessperre. Einige deutsche Zeitungen bringen die Nachricht, über die wirklichen oder vermeintlichen Theilnehmer am Kopenhagener Kongreß sei die Briessperre verhängt worden. In dieser Ausdehnung ist die Nachricht jedenfalls nnrichtig. Ueber diesen oder jenen der Theil- nähme am Kongreß Verdächtigen mag wohl Briessperre verhängt sein, allein diese Maßregel setzt voraus, daß gegen die Betreffenden gericht- liche Untersuchung und Strafverfahren eingeleitet sei. Ju einzelnen Fällen ist die« auch geschehen; jedoch, soviel bi« jetzt bekannt, nicht de« Kon- gresse« wegen. Wa« speziell die sozialdemokratischen Abge- ordneten angeht, so steht keiner derselben unter Briessperre und wird auch keiner während der Dauer der Session unter Briessperre gestellt werden, da der Reichstag unter keinen Umständen die dazu uner- läßliche Genehmigung ertheilen wird. Di« Korrespondenz an die Reich«- tagsabgeordnelen ist also keinen auSnahmSweisen Beschränkungen unter- worsen. Daß im Lande der Briesstieberei B o r s i ch t beim Schreiben Roth thut, versteht sich von selbst und braucht nicht besonder» eingeschärft zu werden. — Zum Thema der Beamtenkorruption schreibt man un» abermals au« K a u f b e u r e n, Ende März: Wir haben in Nr. 6 de« Parteiorgan» schon da» Treiben de« AnstallSbausührer« Becker gekennzeichnet, und ging Regierungsrath P f e ute r in Folge dessen nach Äaufbeuren und Jrfte, um„Untersuchung" einzuleiten— aber beileibe nicht, um die Redlichkeit de» Gutedel Becker zu erproben, sondern lediglich diejenigen ausfindig zu machen, welchedessenWirth- schaft in weiteren Kreisen bekannt gemacht und end- lich in diese» Wespennest gestochen haben, damit an den- selben gehörig Rache genommen werden könnte. In dieser Beziehung blieb nun dem Herrn RegierungSrath der Schnabel ebenso sauber, wie die gravirenden Aussagen einer Reihe von ganz unbescholtenen Leuten in Jrsee gegen Becker einfach unbeachtet geblieben find, trotzdem dieselben eidlich abgegeben sein sollen. Wir wetten den bayrischen Löwenorden gegen einen bleiernen Hosenknops: Der zehnte Theil der Energie aus Ausfindigmachung der Aufdecker der Wahrheit verwendet, Hütte, auf Untersuchung der Becker'schen Geschäftsführung gerichtet, ein Resultat ergeben, welche« diesen Menschen in'« Zuchthau», pardon, in Peofion k la Gröfchel, zu geleiten im Stande war. Man hat dann die Sache als grobe Berläumdung bezeichnet, nachdem man noch ein paar Kreaturen de« Becker gefragt hatte. Berläumdung soll sein, was in Nr. 6 de«„Sozialdem." gesagt ist, und wa« ebenso der ganze Bezirk längst weiß und glaubt, wie e» auch Becker» Vorgesetzte wissen müssen. Berläumdung soll e« sein, wenn wir sagen, dieser Becker hat da« Gerüstzeug vom Anstaltsbau durch vom Kreise bezahlte Arbeiter für stch zu Brennholz machen lasten und verbraucht, trotzdem er gehalten ist, da« FeuerungSmaterial selbst zu schaffen. Berläumdung soll e» sein, daß er immer ein« Frau oder ein Mädchen für seine Haushaltung al» Magd verwendete und als Handlangerin am Anstalt«- bau in den Listen führte und bezahlte,(was auch von dem Schreiner- lchrling gesagt wird). Daß er da« Geld der Weißputzer dem Kalk- lieferanten unterschlug und dasselbe dann, al« die Sache ruchbar wurde, von einem in Jrsee ansässtgen Anstaltsarbeiter in Jrsee entlehnte, um e» an die rechte Adresse gelangen zu lassen. Her mit den Beweisen, daß da» Berläumdung ist! Ist es vielleicht nicht auch Berläumdung, wenn man sagt, daß Becker einen beim AnstaltSban beschäftigten Jrseer Oekonomen veranlaßt«, mit seinem Kuhsuhrwerke beim dortigen Ziegler die schlechtesten Steine zu holen unter dem Borgebeu, fie gehörten für ihn selbst zu seinem Stalle. Die Steine wurden dann in die Anstalt gefahren, und al« Beschwerde erhoben wurde, al« vom Ziegler zum Anstalts bau gelieferte Steine gezeigt. Der Ziegler gab wahrscheinlich keine„Provifion", oder hatte einen zu steifen Buckel oder auch beide«. Man bezog dann die geringeren Steine mit großen Kosten von weiter her. Die Jrseer Bodenplatten waren erst gut genug, nachdem fie von zweiter Hand um den doppelten Preis bezogen waren. Ist e« wirklich auch Berläumdung, daß Becker bei Jrseer Gewerb«- meistern für seine Privatzwecke arbeiten ließ und denselben zumuthete, diesem„Kinde" einen anderen Namen zu geben und e« der Kreisrech- rechnung zu unterschieben? daß er mit Hilfe von Helfershelfern(worunter stch ein„Diener Gottes" befinden soll) einen eichenen, der Gemeinde Jrsee gehörigen Beichtstuhl au« der Kirche stahl und sich daran» in der Anstaltsschreinerei einen Schrank für Hosen und Röcke machen ließ. Un« können alle Beichtstühle der Welt gestohlen werden, nur möchten wir da» Holz nicht in Spitzbubenhänden wissen. Auch eine Partie Pelzwaaren bat Herr Becker in München bezogen und dieselbe den Frauen der momentan von ihm abhängigen Arbeiter um Gott weiß welchen Preis angehängt. Ist es ferner auch Berläumdung, wenn gesagt wird, daß Becker einen Arbeiter„ersuchte", in der Jrseer Ortskirche vergoldete Rosetten für ihn zu„nehmen" und stch heimlich in den Besitz der Sakristeischlüssel zu setzen. Ob das wahr ist, kann in Jrsee draußen, wie gesagt, leicht er- fragt werden, man weiß es sogar weit Uber diesen Ort hinaus, da Ar- beiter au« aller Herren Länder dort waren. Also ungenirt'rrann, meine Herrschaften, immer'rrrrau mit dem Untersuchen! Wenn wir nicht überzeugt wären, daß e« in der jetzigen durch und durch verfaulten und korrumpirten höheren Gesellschaft, be- sonder» für Sozialisten, kein Recht gibt, so hätten wir mit unserem Namen nicht hinter dem Berge gehalten, aber wir haben, wie Figura zeigt, klug gehandelt, da wir uns nutzlos der Rache dieser Herren aus- gesetzt hätten, obwohl wir die Wahrheit bieten. Wenn e« in Preußen- Deutschland noch ein Recht gäbe, könnte man ganz unbescholtene Bürger, welche thatsächlich mit der Sozialdemokratie nie etwa» zu thun hatten, auf die Denunziation eine« Menschen, wie Becker, al« sozialisten- verdächtig behaussuchen und stundenlang durch vier Mann Alle» von Unten bi« Oben durchschnüffeln lassen, während man notorische Hallunken ungestört weiter langfingern läßt? l— Um nun schließlich mit Becker zu fingen: „Euch Herren sei'« hiermit in'« Gedächtniß gerufen." Besser hättet ihr euch dem Volke gegenüber nicht kennzeichnen können, al« durch diese „Untersuchung", mit der dem Rechtsgefühl dess Iben wieder ein gründlicher Schlag beigebracht wurde. Ueberall herrscht nur die eine Stimme hier: Die„Herren" beißen einander nicht, da hält einer den andern; die würden ohne Gewissen«- skrupel die Männer, welche die Wahrheit sagen, in» Unglück bringen, um einen der Ihrigen, und wär'S der größte Schuft, zu halten. Wenn ein halbverhungerter Handwerksbursche ein Stück Brod bettelt, so kommt der„Strolch" hinter Schloß und Riegel; dem Becker aber, dem werden nach seinen verübten Lumpereien noch die Magazine der Anstalt' anvertraut. Und da« Boll hat Recht! Wenn aber dieser Lumpazi- Magazinverwalter, welcher sich gerühmt hat, daß er früher beim Auszahlen der Arbeiter stet« e in en Re v o lv er aufdemTiiche l i e g« n h a b e n m u ß t e, später noch geadelt werden sollte, so möchten wir zum Schluß noch den unmaßgeblichen Borschlag machen, demselben den Namen„Frech von SchustieSki" zu verleihen.— Die« den hohen Landräthen dieser schönen Gegend zur Beachtung, dem Volke aber zur gründlichen Betrachtung darüber gewidmet, wie man in unserer erleuchteten Zeit„Untersuchungen" veranstaltet.—???— — Polizeilogik. Da» Leipziger Polizeiblatt, alias„Tageblatt", enthält(in der Nummer vom 7. d».) au« Polizeifeder solgende Polizei- Notiz: »Leipzig, 6. April. Der jüngst hier ausgewiesene Drechsler Unglaube, dessen Ueberfiedelung nach BorSdorf bekanntlich dazu benützt wurde, daß ihm eine größere Anzahl von Sozialisten dorthin da« Geleite gaben, hat nach einer uu» zugehenden Miuheilung an dem Kongreß der sozialdemokratischen Parteiführer in Kopenhagen Theil genommen. E« dürft damit erwiesen s e i n, daß die Behörde, al« sie gegen Unglaube die Maßregel der Ausweisung er- griff, wohl wußte, daß damit keineswegs eine politisch so harmlose Persönlichkeit getroffen wurde, al« in einigen extrem liberalen Blättern zu lesen war." Ob Unglaube aus dem Kopenhagener Kongreß war oder nicht, da« ist un» unbekannt. Für die Ausweisung Unglaube'« ist e» aber auch vollkommen gleichgiltig. Wenigsten« nach gewöhnlicher Logik. Die gewöhnliche Logik erheischt nämlich, daß die Handlung, um derentwillen Jemand bestrast wird, vor der Bestrafung begangen sei. Die Polizei logik dagegen stellt die gewöhnliche Logik auf den Kops und erheischt, daß Jemand für eine Handlung bestraft werde, welche er erst nach der Bestrafung begehl. — Nuu, die Logik ist Berstande«- uud Bernuustsache, und gelegentlich de« Kopenhagener Kongresse« hat die Polizei-in- so wunderbare Abweich- ung von gewöhnlichem Berstand und gewöhnlicher B-raunst bekundet, daß diese Abweichung von der Logik uu« nicht wunderbar erscheinen kaun. — Ein„gut kaiserlicher" Polizeiwachtmeister hilft auch in W i e» l o ch d ie„ganze Schwere de« Sozialistengesetze«" fühlbar machen. Am 22. Februar wurden nämlich infolge auswärt« praktizirten Briesdiebstahl»„auf Befehl de» Großherzoglich Badischen Ministermm«" einige Haussuchungen veranstaltet. Gefunden hat man etliche alte Nummern der„Berliner Freien Presse" und de« Leipziger „ B o r w ä r t»" vom Jahre 1376, welche sofort mitgenommen, aber bi« heute(Ende März) nicht zurückgegeben wurden. Eine Eingabe aus AuSsolgung de« KonsiSzirten soll gemacht worden sein. Damit aber diesem weltbewegenden Ereigniß die Weihe de» Humor« nicht fehle, zog der dienstthoende Herr Schandarmericwachtmeister während einer der Haussuchungen eine Rede unsere« Abgeordneten M. K a h s e r an'« Tageslicht, überflog einen Augenblick mit prüfender Miene den Titel, sah hinein, la« und sprach sodann ehrfurchtsvoll und strahlenden Angesicht«: „Ah— eine Rede von unserem Kaiser,— die suchen wir nicht!" Sprach'«, legte da» Büchlein wieder sorgfältig in die Schublade zurück und verließ getrost und beutelos den„gut kaiserlich" befundenen Behau«- suchten. Auch in W i e» l o ch hat sonach die kaiserliche Botschaft— denn diese glaubte der Herr Wachtmeister offenbar vor sich zu haben— ihre Wunder gewirkt und wir Sozialdemokraten find mit unserem M. K a y s e r um einen bewährten Schutzgeist reicher geworden. Korrespondmzen. — Werdau(Sachsen), im Februar. Die Leser de« Sozialdemokrat werden glauben, in unserm Werdau gehe e« recht gemüthlich, weil wir lange in diesem Organ nicht» von un« haben hören lassen; dem ist indeß nicht so. Ob wir gleich von Polizeischuhrigeleien bis jetzt verschont ge- blieben find, so haben wir dock mit einem nock größeren Feind zu kämpfen, und zwar wie allerwärt« mit dem Kapitalsack, mit unseren Fabrikanten. Denn sobald der Arbeiter Miene mackt, an deren Geldsack zu rütteln, heißt e« bekanntlich einfach: Was wollt Ihr? Nicht arbeiten wollt Ihr, wie wir wollen? Wartet, wir wollen« Euch lehren, Ihr Faullenzer! Wer nur im Geringsten an unserer Fabrikordnung rüttelt, wird auf die Straße geworfen. Diese Erfahrung sollten wir in Werdau besonder« machen. Als nämlich der Crimmitschauer Strike mit einem kleinen Sieg geendet hatte, glaubten auch unsre Fabrikarbeiter hier eine bescheidene Forderung stellen zu können, hier, wo die Arbeitszeit im Sommer von Früh 5 Uhr bis Mittag« 12 Uhr und von 1 Uhr Nachmittags bis Abends 7 Uhr, inklusive eine halbe Stunde Frühstück und Vesper, dauert. Im Winter geht» von Früh 6 Uhr bis Mittag» 12 Uhr und Nachmittags von 1 Uhr bis Abends 8 Uhr, Frühstück und Besper wie oben, ähnlich wie früher in Crimmitschau. Nun kommt aber noch die Ueberarbe'tSzeit. Da muß oft bi» Nachts 12 Uhr, Sonnabend« oft ganze Nächte, gearbeitet werden, wa» doch sehr gesund- heitsschädlich für dieJugend von 12 bi«14Jahrenist. Und wer nicht mitmachen will, kann gehen, denn da wird nicht„gevogt- ländert", wir brauchen keinen Faullenzer, heißt es da. Da nun die lange Arbeitszeit in den dumpfigen Fabrikräumen die Gesundheit sehr mitnimmt, so wurde denn der Wunsch der Arbeiter- schaft laut, wenn wir n u r E i n e Stunde Arbeitszeit täglich weniger hätten! Wir wollten gar keine Lohnerhöhung jetzt verlangen, trotzdem daß jetzt ein flotter Geschäftsgang ist, aber wir haben jetzt keine günstige Jahreszeit dazu, um Lohnerhöhung zu fordern. Gesagt, gethau. Es wurde zu diesem Zweck eine allgemeine Fabrikarbeiterversamm- l u n g in der Zentralhalle am 9. Dezember 1882 einberufen, mit der Tagesordnung:„Die Arbeitszeit von Früh 6 Uhr bis Abend» 7 Uhr, inklusive eine halbe Stunde Frühstück und Besper und eine Stunde Mittagspause, und zweiten«: Abschaffung sämmtlicher UeberarbeitSzeit. Al« Referenten waren erschienen: Robert Müller au» Reichenbach und einige Genossen au« Crimmitschau. Kops an Kopf gedrängt standen Arbeiter sowie Arbeitgeber in dem großen geräumigen Saal der Zenttal- Halle und lauschten dem Referat unsere« Genossen Müller. Derselbe wie« nach, wie die lange Arbeitszeit vor Allem dem höchsten Gut der Arbeiter, der Gesundheit, nachtheilig sei, und wie dadurch un« Arbeitern selbst die schlimmste Konkurrenz geschaffen würde. Ebenso daß in keinem Lande so viel gearbeitet würde, als hier in Werdau. Er verwies auf England, Amerika, Belgien, Frankreich u. s. w. Mit einem stürmischen Bravo begrüßten die Arbeiter die Worte ihre« Fürsprech«. Al« nun aber der Vorsitzende die Versammelten zur Debatte über da« Referat aufforderte, hatte kein hiesiger Arbeiter den Muth, Etwa« zu sagen. Denn die reine Wahrheit öffentlich sagen, heißt hier, sich aus Gnade und Ungnade au» der Arbeit gejagt sehen. So steht e» bei un», und ein kleine« Ab- schreckuugsbeispiel wurde uns auch sofort geliefert: dem Genoffen T r o m b o l d wurde, weil er die Versammlung, und zwar zu unserer größten Zufriedenheit, leitete, sofort mit dieser Motivirung die Arbeit gekündigt. Trombold ist Eisendreher, der biedere Arbeitgeber heißt Krauß und ist Maschinen-Fabrikant. Aus die Frage, warum er au» der Arbeit entlassen werde, sagte man ihm, die Fabrik bekomme keine Aufträge mehr von den Spinn- und Web-Fabrikanten, wenn Trombold behalten werde.— Da nun, wie gesagt, kein hiesiger Fabrikarbeiter sich in unserer Versammlung zum Wort meldete, so meldete sich ein Fabrikant. Unser Genosse Müller au« Reichenberg und unsre Crimmitschauer Genossen vertheidiglen die Arbeiter-Angelegenheit dem Fabrikanten gegenüber so geschickt und überzeugend, daß sogar in gegnerischen Kreisen gesagt wurde, die Männer haben doch Recht, und allgemeiner Beifall wurde ihnen feiten« der Arbeiter zu Theil. Der Raum de« Blatte« erlaubt nich», Alle» wörtlich zu geben, wir wollen uu» daher blo« daraus beschränken, noch mitzutheilen, daß zur Abstimmung ein Wald von Händen sich erhob. Alle stimmten s U r die Tagesordnung, mit Au» nähme der Fadnlanten. Dann wurde bekannt gegeben, daß da« Resultat in den Lokalblättern veröffentlich werden solle. Die versammelten Arbeiter gingen auseinander mit den größten Hoffnungen, überzeugt, daß eine so vernünftige Forderung, wie die heute gestellte, auch erfüllt werden könne. Den Fabrikanten wurde der Beschlnß der Versammlung schriftlich mitgetheilt, und gleichzeitig gebeten, den Bescheid unserem Genossen Trombold zukommen zu lassen. Nach vier bi« fünf Wochen erhielten wir dann die„höfliche" Antwort, daß der„Jndustrieverein" aus unsre Forderung der Konkurrenz wegen nicht eingehen könne, er habe aber den Beschluß gesaßt, Sonnabend« eine Stunde weniger arbeiten zu lassen, und Freitag» den Lohn auszuzahlen. Also eine Stunde in einer ganzen Woche um der Konkurrenz willen, und wie wird diese Stunde inne gehalten? Fein! T» wird nämlich jetzt blo« 2V Minuten zu Beiper und zu Frühstück gemacht? Also zweimal 10 Minuten täglich weniger gegen früher, wo 30 gemacht wurden. Fazit: 120 Minuten die Woche an der Besper- und Früh- stückSzeitdemArbeiterabgeknappst, gegen eise Stunde angeblich kürzere Arbeitszeit! Nicht wahr, eine„freie Vereinbarung" ist besser,-l« wie ein zehnstündiger Normalarbeit». tag, denn diese bringt»un den Raubrittern— halt, wollte sagen In duftrierittern— jährlich 15 00 Mark mehr ein, al« wie da» „Zwang«gesetz" mit einem zehnstündigen Normalarbeitstag. Hat es doch jüngst ein solcher Raubritter selbst gesagt, diese Stunde Arbeitszeit, die die Arbeiter in einer Woche weniger arbeiten, würde ihm 150t) Mark jährlich schaden. Nun haben sie'« herauSgetiftelt: Eine Stunde Arbeit». zeit haben sie den Arbeitern mehr aufgebrannt, während man sie glauben machen wollte, daß sie nun weniger zu arbeiten haben. Aber der Arbeiter hat auch rechnen gelernt und weiß, daß die Jndustrieverein«-Katze da» Mausen nicht läßt. Diese Früchtcheu paßten in den reich»kanzlerischen „Bolk«wirthschastSrath", sie»erstehen stch auf soziale Reformen zum Wohle der Enterbten!— Im Stadlver- »rdnetenkollegium und Stadtrath oder aus dem Landtag spielen diese Strauchdiebe„Arbeilervertreter", während nieder