ftföetat ••««atlift«inmal W Zürich(Schweiz) Sttlsi H»tti».g«n-Zarich. D»?se«d»»le« Iranco gegen seine». »ewihnliche Briefe »ach der Schweis loste» D»ppelpor«o. Der KmiMmokrat Aentral-Argan der deutschen Sozialdemokratie. Avonnements werden bei allen schweizerischen Postbureauz, sowie beim»erlag und dessen bekannten Agenten entgegengenommen und zwar zum vorau» zahlbaren Bierteljahriprei» von: Fr.!!.— für die Schweiz«sreuzbands Mk. sllr Deutschland llloudert st. l. 70 sllr Oesterreich(SouvRt i Fr. 2.60 für alle Kbrigen Länder bei Weltpostverein»< Kreuzband» Zllserite Die dreigespaltene Petitzeil e 26«lt».-- 20 Pfg. N: 37. Donnerstag, 6. September 4 1883. )ii« n lit i«k Imtrintoits»e«„Stsialiitmiktat", Da der.Sozialdemolrat- sowohl in Dentschlan» al» auch in Oesterreich vertotm i», bez«.»ersolgtwird, und die dortigen chehärden fich alle Mithe geben, unsere«erbindungen nach jenen Lindern«illlichst zu erschwere», resp. Briese von dort an un» «d«lsere Ze-iung». und sonstigen Sendungen»ach dort abzufangen, so ist die iußerste vorstcht im»ollverlehr nothwendig und kurs leine»orstchtdmastreael versäumt werden, die Briesmardcr äbcr den wahren Absender und Ampsanger, sowie den Inhalt � S�°»g-7?u!-usch-n und letztere dadurch ,» schsthm. Ha�tersordmsti ist hi-z» �n-�-tt». d.� anser. Freund- ,0 seit.» -i» möglich an den.Soztaldemolrat'. resp.»-Jen B-rlag selbst adr-sfiren, sondern fich möglichst an irgend-in- unverdächtig« Adresse außerhaib Deutschland» und Oesterreich» wenden, welche fich dann mit un» in Verbindung setzt; anderseits aber dast auch UN» möglichst unvrrsängliche ZuficliungZadressen mitgetheil» werden. In zweifelhaften Fällen empfiehl« fich dehuf» größerer Sicherheit«elommandiruug. Soviel an»n» liegt, werden wir gewiß weder Mäh- noch kosten scheuen, um trotz aller entgegen» stehenden Schwierigleiten den.Sozialdemokrat' unser» Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern. Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Gedanken eines Sozialilien im Gefängniß. Bon Janiet Lehmann. Gestorben am 2 4. August 18« Z. Fern von der Heimath, in des Kerker» Zelle, Sitz ich allein voll Kummer und voll Gram, Weil man mich von der heimathlichen Schwelle, Hinweg von Weib und Kind und Freunden nahm; Ein Urtheil hat man Uber mich gesprochen, Das von Gerechtigkeit trägt keine Spur: Nur von Gewalt, woraus die Gegner pocheu, Bon grenzenloser Willkltr zeugt es nur. So sitz ich hier in namenlosem Bangen— Da» Heimweh nach den Meinen packt mich an, Und sinnend Uber da», was ich begangen, Stell' eine Selbstbetrachtung ich jetzt an; Ich überschaue streng mein ganzes Leben, Werf prüfend einen Blick in meine Brust,, Worauf dieselbe mir den Trost gegeben: Du bist Dir keiner schlechten Thal bewußt. Rur weil dem Sozialismus Du gehuldigt, Weil D« betreten seine kühne Bahn, Hat man Dich de» Berbrcchen» angeschuldigt Und deshalb alles Leid Dir angethan; Nur deshalb haben freche Bösewichte Dich schon seit Jahren wie ein Wild gehetzt, Partei'sche Männer saßen zu Gerichte, Der Bosheit ward die Krone aufgesetzt. Denn diese Herren wollen nicht verstehen Da» Geisteswehen einer neuen Zeit, Sie wollen nicht die Aera kommen sehen, Der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Drum wird von ihnen der mit Gunst behaudelt, Der al» charakterloser schuft'ger Wicht, Den schmutz'geu Pfad der Denunzianteu wandelt Und treulos das Bertrau'u der Freunde bricht. Doch trotzdem darsst Du muthlo» nicht verzagen, Auch Dir wird die Befreiungsstunde nah'a, Mußt, muthig hoffend, Deine Leiden tragen, Wie vor und mit Dir Viele schon gethan. Noch ist der feste Glaube nicht entschwunden, Daß endlich siegt der Wahrheit helle« Licht, In Millionen Herzen wird'S empfunden, Wie e« sich Bahn durch finstre Wolken bricht. Darsst anch nicht lange zaudernd Überblicken, Die große Masse, die noch unbewegt, Gedaukensaul mit tiesgebengtem Rücken Da« unheilvolle Joch der Knechtschaft trägt. Nein! Trotz V-rsolgung mußt Du vorwärt» dringen, Da« Schwert de» Geiste» führen fest im Streit Und kühn der Wahrheit heil'ge» Banner schwingen, Für wahre Freiheit und Gerechtigkeit. So wird, wonach die edelsten der Geister Gestrebt, ein Freiheitsdrang im Boll erzeugt, Deß keine Macht der Erde je wird Meister, Vor dem fich selbst die stolze Herrschsucht beugt. So wird erlöst die längst enterbte Klasse, Die heut sich fügt dem rauhen Machtgebot, Und jubelnd wird die sesselsreie Masse Zujauchzen dann der Freiheit Morgenroth. Zwar wird die Macht der herrschenden Gewalten, Das Geld, im Bunde mit Altar und Throu, Noch möglichst lang die Freiheit niederhalten Und jeder freien That mit Strafe droh'n. Jedoch die Saat, die sie gesä't, wird reifen: Wenn brausend die Bergeltnngsstürme weh'n, Dann mögen sie nach allen Mitteln greisen, Sie werden doch im Sturme nutergehu. Dann wird ein neuer Bölterfrühliug kommen, Durch den mit der Erkenntniß Sonnenlicht Die starren Fesseln werden abgenommen, Die Trug und Herrschsucht um die Geister flicht. Daun wird die alte morsche Knechtschaft weichen, Denn gleiche Menschen keunt die Freiheit nnr, Und die erlöste Menschheit wird erreichen Endlich den Zustand wirklicher Kultur. Da» sei Dein Glaube selbst in Kerker» Nöthen, Das Deine Hoffnung iu der schwersten Pein. Daun ist in Dir der Eifer nicht zu tödteu, Zu treten für die Unterdrückten eiu. *) Der Berfaffer sandte uns das obige Gedicht mit folgendem Bc- gleitschreiben ein:„Berehrliche Redaktion! Borstehende» Gedicht ist al» erster poetischer Versuch während meiner Gefängnißhaft in Freiburg itber Pfingsten entstanden. Da ich es für zu mangelhaft hielt, unterließ ich bis jetzt, dasselbe einzusenden. Aber ans verschiedene Wünsche hiesiger und Badener Genossen sende ich c« ew, mit dem Wunsche, wenn es passend ist, dasselbe im Parteiorgan zn veröffentlichen. Die Vornahme einer Verbesserung ränme ich gern ein. Mit Gruß an alle Freunde Pforzheim, 19. November 1882. Dan. Lehmann. Und solltest Du auch keinen Dank genießen, Dich treffen auch der Menge Spott und Hohn, So wird Dich selbst der Undank nicht verdrießen: Im Selbstbewnßtseiu liegt dos Edlen Lohn. So spricht mein Jnn'reS, und mein Blick belebt fich Und leichter wird mir nun da« bange Herz; Bor meinem Aug' die HoffnungSsonn' erhebt sich Und auch gemildert ist des Heimweh'» Schmerz. Ja, ja l S'ist wahr! Ich will sie muthig tragen, Die mir jetzt zugefügte Tyrannei, Will zwischen Kerkerwänden nicht verzagen, Und weiter kämpfen, bin ich wieder sret! Inzwischen werden gute, treue Freunde Die Meinen schützen vor der größten Roth, Denn triumphiren sollen nicht die Feinde, Der„Meistverfolgte", er ist noch nicht todt. Aus'» Neu will ich bei meiner Rückkehr schwören Zur„rolhen Fahne", die ich mir erkor, Und bi» zum Tod dem Bunde angehören, Der trotz Verfolgung sie noch hält empor! Darf man sie jetzt nicht öffentlich enthalten In unsre» deutschen Reiches„Herrlichkeit", So soll sie heimlich ihren Umzug halten, Und heimlich Kämpfer werben für den Streit. Ihr Gruß soll helle» Zornesroth entflammen In jedes echten Manne« Angesicht, Daß es entfacht zur kühnen That die Mannen, Bi» jede« Schmachgesetz m Scherben bricht. Bi» gleiche» Recht und gleiche Pflicht für Alle Allüberall in voller Geltung steht, Und bei millionenfachem Jubelhalle Die r o t h e Fahne von den Thürmen weht, Bi» daß der Donnerruf der freien Brüder Dem Nachtgestndel in die Ohren gellt: Hier stehn von nun an wir, der Freiheit Hüter, Die Machtvollstrecker einer neuen Welt! Blut und Eisen. In der famosen, an anderer Stelle charakterisirten„Denkschrift", in welcher die sächsische Regierung die Verlängerung des über Leipzig und Umgebung verhängten kleinen Belagerungszustandes zu rechtfertigen versucht, oder sager wir lieber, sich den An- schein gibt, zu versuchen, heißt eS am Schluß: „Nachdem bereits durch frif we Enthüllungen die Augen darüber geöffnet worden waren, daß die Bestrebungen dieser Partei von atheistischem, republikanischem und kommunistischem Geiste erfüllt sind, hat eS dieselbe für vortheilhaft gefunden, noch bei der Berathung über die Denkschriften zur Rechtferti- gung des über mehrere Orte verhängten sogenannten kleinen Belagerungszustandes im ReichS.age in der Sitzung vom 13. Dezember 1882 durch einen ihrer Vertreter in unumwundener Weise verkünden zu lasten, daß das zielbewußte Streben der Sozialdemokratie nicht auf Reformen, sondern nur auf Revo- lution und nur auf dies« gerichtet ist." Dieser Satz stellt gewissermaßen den Haupttrumpf dar, den die sächfische Regierung auszuspielen hat, den einzigen, der einiger- maßen schlagkräftig wäre, wenn er nur leider nicht auf einer ganz gemeinen Verdrehung beruhte. Es ist unserem Genossen Vollmar, auf den hier angespielt wird, gar nicht eingefallen, zu behaupten, daß wir keine Reformen wollen, er hat nur konstatirt, daß unter dem Einfluß des AuS- nahmegefetzeS auch die Taktik unserer Partei naturgemäß eine immer revolutionärere werde, werden müsse. Daß das Ziel unserer Partei ein revolutionäres> i, daß wir einen GesellschaftS- zustand erflrpben, der eine vollstc.idige Umgestaltung, eine gänz- liche Revolutionirung der heutigen politischen und gesell« schaftlichen Verhältnisse in sich begreift, darüber bedurfte eS weder besonderer„Enthüllungen", noch brauchten Jemandem die„Augen darüber geöffnet" zu werden— abgesehen etwa von Leuten, die die letzten 20 Jahre über geschlafen haben. Aber selbst wenn Herr v. Rostiz-Wall lwitz nicht geflunkert hätte, wenn Vollmar wirklich erklärt hätte, daß unsere Bestrebun- gen nur auf die Revolution im Sinn« deS Gegensatzes zu Reformen, d. h. auf die gewaltsame, blutige Umwälzung gerichtet seien, so halten wir eS für unsere Pflicht, zu konstatiren, daß gerade die heutigen Machthaber kein Recht haben, über den Appell an die Gewalt in tugendhafte Enttüstung auszubrechen, und daß eS nichts wie grobe politische Heuchelei ist, wenn von dieser Seite her die Gewalt als Hebel polittscher und sozialer Neuerungen als verwerflich hingestellt wird. Wenn wir die Ueberzeugung hegen, daß die gesellschaftliche Reform, die wir erstreben, nur auf dem Wege der gewaltsamen Revolution erreicht werden kann, dann haben wir zu Meistern in dieser Theorie Niemand anders als die Männer, welche heute in Preußen-Deutschland das Heft in Händen haben. Es ist die christlich-konservative„Kreuzzeitung", das Organ des„historischen RechtS", welche in ihrem Artikel zum Sedan- tage einm wahren Lobgesang anstimmt auf Blut und Eisen, dvr-b die einzig und allein das deutsche Reich habe geschaffen können. „Nur durch Eisen und Blut", sagt das Organ der preußischen Hofpartei,„ist das große Werk gelungen, die Einigung Deutsch- lands und die Aufrichtung deL Kaiserthums, nicht in alter, sondern in ganz neuer Herrlichkeit. Jetzt erkennt Jedermann, daß dies Ziel auf anderem Wege nicht zu erreichen war, und die großen Kämpfe von 1866 und 1870 und 1871 erscheinen un« jetzt in ihrem innerem Zusammenhange und in ihrer Roth» wendigkeit. Darüber herrscht kein Zweifel mehr, Eisen und Blut haben das deutsche Reich geschaffen, und diese Mächte müssen dasselbe auch erhalten, das wissen wir und darnach muß unser Verhalten sich richten." Und unmittelbar vor diesem schönen Satz heißt es: „Auf parlamentarischem Wege konnte Oeutsch» land nicht geeinigt, konnte das Kaiserthum nicht aufgerichtet werden. Dazu hatder Parlamentarismus keine Kraft." Es fällt uns selbstverständlich nicht ein, mit der„Kreuzztg." zu polemisiren und speziell darüber zu polemi siren, auf welchem Wege Deutschland geeinigt werden konnte oder nicht. Mit einem Blatt, für da« Deutschland nicht anders denkbar ist wie als Kaiserthum, für das das Volk Nichts ist und die Regierung Alles, mit einem solchen Blatt diskutirt man nicht. Aber die„Kreuzzeitung" gibt dem Geist, welcher unsere preußisch-deutschen Machthaber erfüllt, den unverholensten Ausdruck, und deshalb gelten unL auch die oben zitirten Sätze als typisch für dieselben. Wenn wir die Einigung Deutschlands nicht so haben können, wie wir sie wollen, sagten die Herren— nämlich unter Anstecht- erhaltung der Fürstenherrlichkeit und aller sonstigen monarchisch. feudalen Traditionen, dann wollen wir sie entweder gar nicht oder nur durch Blut und Eisen, das heißt auf dem Wege gewaltsamer Revolution. Und 1866 und 1870/71 ward diese Theorie in Fleisch und Blut übersetzt, ward auf Blut und Eisen das unparlamentarische neudeutsche Kaiserreich errichtet. Revolution bleibt Revolution, ob fle von oben oder von unten gemacht wird. Wenn die deutschen Arbeiter sehen, daß ihren Forderungen keine Genugthuung wird, wenn ihre Ausbeutung ungehindert weiter bettieben wird, wenn man sie weiter in Abhängigkeit von den Schwankungen des Geschäftsmarktes beläßt, mit einem Wort, wenn man ihnen Reformen anbietet, welche sie nicht wollen, und ihnen die Rechte und Reformen vorenthält, welche sie erstreben, warum sollen die Arbeiter dann vor einem Mittel zurückschrecken, welches die christlich-konservativen Herren für so einfach und natürlich halten? Etwa weil die Arbeiter nicht für Sonderprivilegien und Sonder- interessen kämpfen, sondern für die Befreiung aller Unter- drückten? Ein solcher Grund mag in den Augen der Kreuzritter wirklich stichhaltig erscheinen, für jeden anderen Menschen, mag er nun Sozialist sein oder nicht, ist er einfach lächerlich. Freilich, es ist noch ein zweiter Unterschied da, der zu berück- sichtigen ist. Wenn die sozialistischen Arbeiter an die gewaltsame Revolution denken, dann sind sie entschlossen, ihr Leben für dieselbe in die Schanze zu schlagen; für die Revolution, welche sie erstreben, tragen sie ihre eigene Haut zu Markte. Mit der Revolution von oben verhält eS sich jedoch ganz anders. Als am 2. September 1870 die Sonne aufging, bedeckten 25,000 Leichen das Schlachtfeld von Sedan: 15,000 Franzosen, 10,000 Deutsche. Die beiden Monarchen aber wechselten noch am frühen Morgen folgende brüderlichen Briefe: „Mein Herr Bruder I „Da es mir nicht gelang, inmitten meiner Armee zu sterben, so bleibt mir nur übrig, meinen Degen in die Hände Eurer Majestät zu legen. „Ich bin Eurer Majestät lieber Bruder Napoleon." Antwort: „Mein Herr Bruder! „Obwohl ich die Umstände, unter denen wir uns treffen, bedaure, nehme ich den Degen Eurer Majestät an, und bitte Sie, einen Ihrer Offiziere zu ernennen, der mit allen Voll- machten versehen ist, die Kapitulation der Armee, die sich so tapfer geschlagen hat, abzuschließen. Von meiner Seite ist der General von Moltke mit diesem Auftrage bettaut. „Ich bin Eurer Majestät lieber Bruder Wilhelm." Während die„lieben Brüder" diese Briefe abfaßten, verbreitete fich vom Dorf Bazeilles jener historisch gewordene brenzlich« Geruch— ein ganzes Dorf ward mitsammt seiner Bevölkerung von bis auf's Aeußerste aufgestachelten Soldaten niedergebrannt! Aber all' Das war nützlich und nothwendig, weil die Eini» gung Deutschlands sich nicht von unten herauf vollziehen durfte: Gott war mit uns, Ihm sei die Ehre!" Wie man steht, ist sogar„Gott" für die Lösung gewisser Fragen durch Blut und Eisen." Warum soll„Gott" nun nicht auch dafür sein, daß die Arbeiterfrage auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege gelöst werde? Wir vermessen unS nicht, diese Möglichkeit zu bestreiten. Jedenfalls haben unsere gottesgläubigen Gegner kein Recht, die gewaltsame Revolution alS etwas Unerhörtes hinzustellen. Und wenn fie es im nächsten Jahr, wo die Verlängerung des Sozialistengesetzes zur Debatte stehen wird, doch wagen sollten, dann wird man ihnen entgegenrufen: Rur gemach, Ihr Herren! Denkt zunächst über Eure eigenen Lehren und Thaten nach! Eure ganze Herrlichkeit verdankt Ihr der gewaltsamen blutigen Revolution. 1866 war nichts Anderes als eine Revolution Preußens gegen den Bundestag, Ströme von Blut flössen, Throne wurden umge'stürzt, Verfassun- gm zerrissen. Ohne 1866 aber kein 1870, in welchem Jahre daS Werk der Revolution vollmdet wurde, d. h. Eurer Revo- lution. Wie Ihr da über uns zu Gericht fitzt, BundeSrath und Reichstag, Reichskanzler und Reichskommissäre— Ihr habt keine anderen Rechstitel vorzuweisen, alS die nackte Gewalt, als die brutale Theorie von Blut und Eisen! Mit welcher Stirn wagt Ihr es, dem Volke daS Recht auf Revolution streitig zu machen?! Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 5. September 1883. — Drei Tage Reichstag gespielt. Da« alte:„Schwer ist'S, keine Satire zu schreiben," ist zu schwach, um den Eindruck wiederzugeben, den die Berichte über die Reichstagsverhandlungen vom 3l>. August bis 1. September nebst ihrem Vorspiel, der Thronrede vom 29. August, auf jeden unbefangenen Leser hervorgebracht haben. Unmöglich ist'S, keine Satire darüber zu schreiben, oder vielmehr, der Bericht selbst ist die schärfste Satire auf das Jammergeschöpf, welche« man deutschen Par- lamentarismu» nennt. In der That, Bismarck hat nicht« Gescheidteres thun können, al» dem Reichstag die(Benugthuung zu verschaffen, ihm den deutsch-spanischen Handelsvertrag nachträglich zur Genehmigung vorzulegen. Natürlich wurde er genehmigt, und gerade das Wie ist der Humor davon. Die christlichen Schnapsbrenner beider Konfessionen stimmten natürlich dafür und erklärten, eine ausdrückliche Jndemnitätserklärung sei gar nicht nöthig, Bismarck habe von der„Klinke der Gesetzgebung" einen Gebrauch gemacht, wie er besser nicht gedacht werden kann. Die Nationalliberalen und ihre abtrünnigen Brüder, die Sezessionisten, waren so entzückt, der Regierung Indemnität(Straflosigkeit) ertheilen zu dürfen, daß sie für Alle» gestimmt hätten, wa» man von ihnen verlangte, und die Fortschrittler, als echte Berfassungshelden, stimmten gegen die Indemnität, wofür Bis- marck sich bekanntlich„nischt kooft", und sür den Bertrag, gaben also Bismarck äs kacto Recht. Desgleichen natürlich ihr rechter Flügel, die BolkSparteiler. Nur die Sozialdemokraten blieben konseqnent und versagten sowohl dem unrechtmäßig zu Stande gekommenen und die Interessen der Herren Schnapsbrenner ganz einseitig und nnter Verletzung verfassungsmäßig eingegangener Verpflichtungen bevorzugenden Handelsvertrag, als auch selbstverständlich der nachträglichen Billigung einer derartigen Manipula- tum mit der„Klinke der Gesetzgebung" ihre Stimme. Die schneidigen, rückhaltlosen Voten von Bebel und B o l l m a r bilden einen wohl- thuenden Gegensatz zu dem hohlen Pathos der FortschrittShelden Häuel und Richter. Es gab gar keinen anderen Weg, die Rechte der Bolksver- tretung zu wahren, al» einem unter Mißachtung derselben zu Stande ge- kommenen Gesetz die Zustimmung zu versagen, und es ist eine sehr schwächliche Politik, um eine» momentanen Bortheil« willen die wichtigere Sache preiszugeben. Die deutschen Arbeiter haben e» von jeher verschmäht, sür einen hingeworfenen Brocken ihr gutes Recht zu verschachern. Da» hat ihnen die Achtung selbst ihrer bittersten Gegner zugezogen— der hohe Reichstag zog es natürlich vor, den Brocken dank- bar anzunehmen, d. h. sich unsterblich zu blamireu. Aber mit dieser einen Blamage war es in den historischen drei Tagen noch nicht gethan. So billig thun es die deutschen Reichsboten nun ein- mal nicht. Sie mußten sich noch eine zweite holen. Eine der schönsten Pflanzen auf dem Sumpf des deutschen Parlameu- tarismus betitelt sich Interpellation. Jnterpelliren heißt zur Rede stellen. Eine Interpellation an sich wäre somit eine recht hübsche Sache: warum soll die Volksvertretnng nicht einen Minister gelegentlich zur Rede stellen? In der Theorie ganz recht, in der Praxi« macht sich die Sache aber anders. Wenn Hans dem Peter einen Fußtritt verabfolgt, so wird Peter in der Regel den Hans beim Kragen nehmen und Genugthuung verlangen, bezw. wenn er sie nicht erhält, dem Han« mit doppelter Münze heim- zahlen. Fühlt er sich zu schwach dazu und steckt er deshalb den Fußtritt ruhig ein, so ist da« zwar nicht gerade ehreovoll für ihn, aber auch just keme allzugroße Schande. Mehr al» er vermag, soll man von Niemand verlangen. Unendlich lächerlich wird stch jedoch Peter machen, wenn er al« Antwort auf den Fußtritt nun mit Hans einen Disput über Fuß. kitte im Allgemeinen, den ihm verabfolgten im Besonderen, über die Stärke diese« Fußtrittes u. s. w. anstellen wollte. Diese» letztere Versahren aber entspricht bis auf's Haar einer Juter- pellation im deutschen Reichstage. Und so bietet denn die Verhandlung über die Interpellation R i ck e r t, betressend die bekannte Verzögerung der Nachwahl im Lieben- werda-Tropauer Wahlkreise, da« erhebende Bild einer Disputation der Liberalen mit dem Minister, ob er ihnen einen Fußtritt versetzt habe, wie stark der Fußtritt gewesen sei, ob der Fußkitt überhaupt nöthig gewesen sei u. s. w. Dem Minister die einzig gebührende Antwort auf seinen Fußtritt zu geben, da» verbietet— die Praxi« de« deutschen Reichstages. Nicht einmal zu einer Resolution schwingen die Herren sich auf. D r e i m a ch e n e i» K o l l e g i u m. Und al» dritte„That" de» Reichstage« während der drei Tag- ist die Kenntnißnahme der Denk- schrift der sächsischen Regierung Uber die Verlängerung de« kleinen Be- lagerungszustande» Uber Leipzig und Umgebung zu verzeichnen. Diese „Denkschrift" ist ein wahre, Unikum, was bei den bisherigen Leistungen auf diesem Gebiet sicher etwa» heißen will. Die gute sächsische Regie- rung erklärt nämlich, daß die Leipziger Amtshauptmannschaft den Kleinen habe verlängern müssen, weil 1) im Lause des letzten Jahre« 13 Personen aus Leipzig und Umge- bung ausgewiesen worden sind l 2) 65 Gesuche um zeitweilige Rückkehr eingereicht wurden, wa« er- keunen läßt, daß die Ausgewiesenen alle Beziehungen zu dem Banubezirk nicht einmal aufzugeben versucht haben.— Es ist auch unerhört, daß die Ausgewiesenen nicht sofort jede Verbindung mit ihren Verwandten, Freunden sc. abgebrochen haben l 3) weil die Leipziger Polizei drei Sendungen des„Sozialdemokrat" abgefaßt Hab-, welche schon durch die„große Anzahl der Exemplare den Beweis lieferten", daß fie nicht für Leipzig und Umgebung berechnet sein konnten, und zeigten, daß die Partei in Leipzig über eine gr ößere Anzahl von Anhängern verfügt, die sich trotz der vor der Auswei. sung bestehenden Furcht mit dem Vertriebe von ver- botenen Parteischristen befaßt." Weil also trotz dem Be- lagerungSzustand in Leipzig der Weizen unserer Partei blüht, so wird deshalb der Belagerungszustand verlängert. Eine Logik, der Nicht» zu widerstehen vermag; 4) weil der„Sozialdemokrat" Uber alle in Leipzig pasfirenden Polizei- sc- Schurkereim prompt unterrichtet ist, was„nur durch weitverzweigte, in die verschiedensten Bevölkeruugskreise sich erstreckmde Verbindungen, vermittelt sein kann"; 5) weil Bebel und Liebknecht und neuerdings zwei der thätigsten Mit- glieder der Partei sich„in einem kleinen Dorfe unmittelbar au der Grenze de« Bannbezirts niedergelassen haben." T» ist auch unverzeihlich, daß die Genannten nicht sofort nach dem Nord- oder Südpol verzogm, sondern möglichst in der Nähe von ihren Familien blieben! 6) weil Vollmar im Reichstag erklärt habe, daß durch die Verfolgungen unsere Partei auch in der Wahl ihrer Mittel immer immer revolutionärer werde.(Siehe dm Leitartikel.) Bus diese« halbe Dutzend Gründe gabm unsere Genossen durch Voll- mar folgende vorkessliche Erklärung ab: „Die Unterzeichneten erklären, daß fie keine Veranlassung findm, auf eine nähere Erörterung der angeblichm Gründe«inzugehm, welche die königlich sächsische Regierung wegen der Erneuerung de« kleinen Belage- rnugSzustaude» über Leipzig und Umgegend in der gegmwärtigen außer- ordmtlichen Sessiou hatf- zugehen lassen— und zwar 1) weil diese sogenannten Gründe eine theilweise wörtliche Wiederholung frühner ähn« licher Kundgebungen über denselben Gegenstand find, welche die Unter- zeichneten niemal« al« eine Rechtfertigung für die vnhängten rigorosen, dem RechtSgefühl widnsprechenden Maßregeln anerkenneu wnden; 2) weil die sogen. Gründe, insofem sie neue Mommte mthalten, sich in viel bessner, gründlicherer und wirksamerer Weise beleuchten lassen, wenn in der nächsten ordentlichen Session die Verlängerung de« Ausnahmegesetze« vom 21. Oktober 1878 zur Berathung kommt; 3) weil dies nach Ansicht der Unterzeichneten auch die beste Gelegmheit ist, die auf Grund de«§ 28 de« Sozialistengesetze» wider eine Anzahl ihrer Partei- genossen seitens der sächsischen Regierung angewandten Maßregeln in da« rechte Licht zu setzm und gebührend zurückzuweisen. Im Uebrigen kon- stalirm die Unterzeichneten mit großer Genugthuung, daß der Inhalt dieser angeblichen Rechtfertigungsschrift unwiderleglich darthut, wie der über Leipzig und Umgegend verhängte Ausnahmezustand kotz seiner nun schon mehr als zweijährigm Dauer die von der königlich sächsischen Regierung beabsichtigte Wirkung verfehlt hat, in wie hohem Maße die sozialistische Bewegung in und um Leipzig aus der wider fie in Szene gesetzten Verfolgung neue Nahrung gesogen hat, wie sie heute inteusiverist, als je vorher. Die sächsische Regierung muß wider ihren Willen dieselbe Wirkung ihrer Ausnahmemaßregeln zugeben, welche der im März d. I. in Kopenhagen stattgefundene Kongreß der sozialdemokratischen Partei Deutsch- land» anerkannt hat, indem er denParteigenossen inLeip- zig und Umgegend, gleichwie denen in denBelage- r un g« z u st a n d s g eb iet en von Berlin und Hamburg sein e v o lle A n erkennun g für die vortreffliche Hal- tung ausgesprochen hat, durch die sie die Unter- drückungsmaßregeln der Regierungen wirkungslos gemacht haben." Die Vertreter de» Parlamentarismus aber nahmen die Denkschrift schweigend„zur Kenntniß". Alsdann erhoben fie sich und ließen den Kaiser, der fie durch seine Minister nach allen Regeln der Kunst zum Besten halten läßt, dreimal hochleben! Hieraus gingen sie befriedigt auseinander, denn dem deutschen Parla- mentarismu« war eine eklatante— Genugthuung widerfahren. Unverschämt sind die Herren, wie man sieht, gerade nicht. — Die prinzipienfesse Haltung der Sozi aide in o- traten gegenüber de nw sächsischen Landtagswahlen, schreibt man un« au« S a ch s e n, ist den Herren Bolksparteilern, und namentlich der„Frankfurter Zeitung", sehr unangenehm. Bon dem Be- schluß der sächsischen Landesversammlung, welcher die direkte oder indirekte Unterstützung von Kandidaten, die anderen Parteien angehören, grund- sätzlich verwirft, sagt da« Organ de« Herrn Sonnemann: „Gründe find nicht beigefügt; es dürste aber auch schwer gewesen sein, einen solchen höchst unpraktischen Beschluß nur dürftig zu motiviren. Durch denselben stellt sich die Sozialdemokratie da« entschiedenste«rmuths- zeugniß au«: sie dankt als Partei, welche die Beweggründe ihre» poli- tischen Handeln» au« politischen Gesichtspunkten schöpft, einfach ab, und deklarirt si» al« ein- lediglich durch den Fanatismus beherrschte Sekt e." Wenn die Sozialdemokraten in diesem Fall au« reiner„Prinzipien- reiierei", oder au«„Fanatismus", oder persönlichem Haß gegen einzelne Individuen diesen Beschluß gefaßt hätten, und wenn dieser Beschluß dem Interesse der Sozialdemokratie zuwiderliefe— dann— das geben wir unbedenklich zu— wäre das Unheil der„Frankfurter Zeitung" ein be- rechtigte«. Aber treffen diese Bedingungen denn zu? Unsere Partei hat bei tausend Gelegenheiten bewiesen, daß sie, trotz unbeugsamen Fest- halten» am Parteiprinzip und am Parteiprogramm, gegen die Erwägungen der praktischen Politik keineswegs taub ist; und die Fortschritte, welche die Partei seit ihrem Entstehen und eigentlich auch unter der, durch da» Sozialistengesetz geschaffenen überaus schwierigen Lage fortwährend ge- macht hat, liesern an sich schon-inen schlagenden Beweis dafür, daß die deutsche Sozialdemokratie die Verhältnisse richtig auffaßt und auSzu- nutzen versteht. Sollte fie hier auf einmal den Sinn für ihr eigenes Interesse verloren, und es in schnöder Verblendung unter die Füße getreten haben? Die„Frankfurter Zeitung" bejaht die«, weil fie annimmt, die Haltung der sächsischen Sozialdemokraten würde zur Folge haben, daß bei den bevorstehenden Landtagswahlen in mehreren Wahlkreisen statt der„fort- schrittlichen" oder demokratischen Kandidaten, die konservativen ge- wählt würden. Diese Annahme �st nun zweifellos richtig. Aber was haben w ir d e n n d a b e i z u v er l i e r e n? Die„ fortschrittlichen" Kandidaten würden für Beseitigung der Härten de« Sozialistengesetze«, sür gerechtere Vertheilung der Steuerlast gestimmt haben, und da« wäre doch entschieden von VortheU für die sächsischen Sozialdemokraten gewesen, meint die„Kranksurter Zeitung"; und sie meint weiter, die, Dank der„traurigen Perversität"(Verkehrtheit) der sozialdemokratischen Taktik gewählten Reaktionäre würden da» Wahlrecht beschränken, die Polizeizllgel noch strasser anziehen, kurz den thörichten Sozialde mokraten eine recht schlimme Simation schaffen. Nun— die„Frankfurter Zeitung" mag stch über unser bevorstehende« Unglück trösten— e« ist nicht so schlimm; fie befindet sich mit ihrer Ausfassung der Dinge und Personen vollständig auf dem Holzweg. Wie wir ihr bereit« früher gesagt haben, ist die Zahl derjenigen„Fortschrittler" oder„ Demokraten" in Sachsen(und in andern Ländern ist's ebenso), welchen e« mit den„freiheitlichen Forderungen" ernst ist, außer« ordentli ch gering. Wenn wir sagen, daß ihrer in ganz Sachsen drei Dutzend sind, so haben wir schon hoch gerechnet. In dem wirth- schaftlich so hoch entwickelten Sachsen ist der Zusammenhang der wirthschaftlichen und politischen Fragen dem Volke, den Massen klargeworden, und w er D e m o k r a t i st, i st auch Sozialdemokrat. Außerhalb der Sozialdemo- kratie i st in Sachsen kein Raum sür eine Partei mit wahrhaft„freiheitlichen Forderunge u". Die« wird un« von Jedem, der mit de» sächsischen Verhältnissen nur einigermaßen ver- kaut ist und nicht in einer Athmosphäre von Borurtheilen und Selbst- täusch ungeu lebt, rückhaltlos bestätigt werden. Es ist wahr— e» gibt auch außerhalb der Sozialdemokratie einige Leute, die sich für ehrliche Demokraten halten und e» vielleicht auch find— allein das sind doch blo« solche Leute, denen die Fähigkeit logischen Denken« abgeht, die von dem organischenZusammenhang der politischen und ökonomischenFormenundBildungen keinen Begriff haben. Und dies-„guten Menschen und schlechten Musikanten", die zum Glück sehr dünn gesät find, bilden nicht eine Partei, sondern nur— die„Frankfurter Zeitung" mag un» die „Retourkutsche" nicht übel nehmen!— eine winzige, sür den politischen Parteikampf und die gegenseitigen Stärkeverhältnisse gar nicht m Be- kacht kommende„Sekt e"— fall» nicht auch dieser Tadel noch etwa« zu schmeichelhaft sein sollte. Sehen wir aber von der Handvoll Leute ab, die sich in der au«- wältigen Presse in selbstgeschriebenenArtikeln al«„Partei" aufzuspielen lieben und iu Wirklichkeit Nicht« sind— so bleibe» nn» al«„Bekenner freiheitlicher Ideen" nur diejenigen Reichsbürger übrig, die unter dem Banner de« Nationalliberalismus, der Sezession und de« offiziellen„Fortschritt«" marsqiren. Daß die Herren National- li beraleu keine Ansprüche(praktischer oder theoretischer Art) ans sozialdemokratische Stimmen haben, da« wird die„Frankfurter Zeitung" un» wohl ohne Weiteres zugeben. Wa» die Sezessionisten bekifft, so haben wir noch keine Gelegenheit gehabt, sie im sächfischeo Landtag zu beobachten, wir wollen aber den günstigsten Fall annehmen: daß fie mit der Fortschrittspartei Hand in Hand gehen. Wohlan, weiß die „Frankfurter Zeitung" nicht, daß sich in der vorigen Landtagssesfion nicht ein einziger Fortschrittler auch nur für die Diskussion der sozialdemokratischen Interpellationen, bekeffend den Leipziger Belagerung«- zustand und die Polizeiwilllür(Ausweisungen sc.) im Allgemeinen erhob? Weiß die„Frankfurter Zeitung" nicht, daß die Fortschrittler im säch- fischen Landtag, seit Sozialdemokraten in demselben sind, sich einmülhig jeder von sozialdemokratischer Seite vorgeschla- geuen Maßregel zur Herbeiführung freiheitlicher Zustände(von sozial- d emo kr a tischen gar nicht zu reden) widersetzt haben, und— außer wo ihr eigene» bürgerliches Tafchenintereffe in Frage kam— mit der konservativen und„reaktionären" sächsischen Regierung durch Dick und Dünn gegangen sind? Wußte die„Frankfurter Zeitung" dies nicht, je nun, so weiß fie e» jetzt. Wußte fie es, so begreifen wir nicht, wie sie überhaupt uns nur zumuthen konnte, für solche Leute zu stimmen. Nein— die sächsischen Sozialdemokraten haben nicht bloß Prinzipien- richtig, sondern auch P r a k t i s ch- k orr e k t gehandelt, indem fie alle Gemeinschaft mit den„liberalen" Parteien(Fortschrittler und„Demo- kraten" mit eingeschloffen) von sich wiesen. Die„nachtheiligen" Folgen ihre« Handelns, welche die„Frankfurter Zeitung" voraussieht, existke» nur im Hirn der„Frankfurter Zeitung; dagegen würden die nachtheiligen Folgen einer prinzipwidrigen Haltung unserer. Partei sehr„realer Natur" gewesen sein, und wäre durch Ber« I schiebung der Parteigrenzliuien und kompromiß-I lichen Verwässerung de« Prinzip« und Programm« die intensive Fe st i g k e i t und Disziplin unserer Partei schwer geschädigt worden. Unsere Herren Gegner—„freundliche" und nnsreundliche— dürfen überzeugt sein, die deutsche Sozialdemokratie weiß, was sie will, und weiß, wa» ihr frommt. Die Rathschläge und guten Wünsche poli-: tisch er Gegner find aber immer verdächtig. — Runteä äovn— n i e d e r g e h e tz t, solange gejagt, bi« da« Wild aihem- und hilflo« am Boden liegt— ist der Titel einer bekannten Sensalioninovelle de« euglischen Novellisten Dicken«(Boz). Ein Verbrecher, der mit raffinirter Schlauheit alle Schuymaßregeln gc Kossen und sich vor Entdeckung vollkommen sicher glaubt, merkt bald» daß er sich in seinen Berechnungen getäuscht hat und ihm die Geheim« Polizei auf der Spur ist. Nun beginnt eine lange Hetzjagd, die schließlich, da alle Listen und Kniffe, die Bluthunde de» Gesetzes von der Spur ad« � zubringen, umsonst find, mit der Niederhetzung des Wilde« endet, da« sich den Verfolgern ergeben muß und der Strafe verfällt. Der„Held"! dieser Novelle ist ein Verbrecher— trotzdem fühlen wir Sympathie für ihn und empört un« diese grausame Jagd von Menschen auf Menscheu in innerster Seele. Wie nun aber erst, wenn da» gehetzte Wild unschuldig> ist, kein Verbrecher, sondern im Gegentheil ein Mensch, der nur deshalb verfolgt und gehetzt wird, weil er seinen unglücklichen, unterdrückten und ausgebeuteten Menschen hat Helsen wollen und dadurch den Zorn der Unterdrücker und Ausbeuter auf sich geladen hat? Namentlich seit, Inkrafttreten de« infamen Sozialistengesetzes haben wir zahlreiche Fälle| dieser Art erlebt, von denen auch manche im Parteiorgan veröffentlicht i worden find. Es ist aber nothweudig, daß jeder neue Fall solch' schwach- voller Menschenjagd aus Unschuldige an'« Licht gezogen werde, um glühen-! den Zorn und Durst nach Vergeltung in der Brust eine» Jeden, dessen Rechlsinn und Menschlichkeit noch nicht in Selbstsucht untergegangen ist, zu erwecken und zu nähren. Einen besonders empörenden Fall wollen j wir heute den Lesern vorführen. Ein sozialdemokratischer Arbeiter, fleißig und tüchtig in seinem Ge-! schäft, wird eine« Abends in Gesellschaft mehrerer anderer Arbeiter, mit denen er sich im WirthShau» unterhält, von der Polizei Uberfallen, die eine„geheime Versammlung" entdeckt zu haben behauptet. Nach obligater Untersuchungshaft konnnen die Leute vor Gericht. Den Behauptungen der Polizei wird geglaubt(natürlich l), das Gericht verurtheilt mehrere der Angeklagten, darunter auch unseren Arbeiter, zu einer Gesängniß- strafe. Nach„Berbüßung" derselben will er seine Arbeit wieder auf- nehmen— der Polizei paßt e« aber nicht(e» gibt ihr zu wenig„Vaga- buudeu")— sie weist ihn als„Ausländer" au». Nicht genug damit,! schreibt sie ihm aus seinen Heimathschein(dieser Akt der Polizeikagödie i spielt iu Bayern), daß er wegen Zuwiderhandlung gegen da« Sozialisten-! gesetz ausgewiesen sei. Und jetzt beginnt die Jagd. Unser Arbeiter ist geächtet, den sämmtlichen deutschen Polizeimeuten zur Hätz denunzirt. Wohin er kommt, muß er den Heimathschein vorzeigen, der ihm ein Uriasbries wird. Ist die Polizei gnädig, so geht sie blo« zu seinem Meister, warnt diesen vor dem bösen ausgewiesenen Sozialdemokrat, und da« hat unfehlbar zur Wirkung, daß der Gehetzte nach einem oder wenigen Tagen au« Arbeit und Brod ist. Ist die Polizei aber nicht gnädig, so weist sie sofort, nach Einsichtnahme de« Uriasbriefe«, den Geächteten au«. Manchmal macht fie freilich auch zur Abwechslung eine Ausnahme: fie wartet, bi« er Arbeit gefunden und sich sicher zu fühlen anfängt— dann schickt sie ihm eine Borladung zu und jagt ihn Knall und Fall zur Stadt hinaus. Da hilft keine Remonstration, kein Appell an da« famose „praktische Ehristenthum"— der Mann wird weitergehetzt, muß wandern und darf nur dann und wann einmal aus kurze Zeit im Polizei- g e s S n g n i ß ausruhen, wenn er sich beim„Betteln und Landstreicheu" hat erwischen lassen. Denn„betteln", d. h. sich auf seinen Märschen hier und da ein Stück Brod fordern muß er, weil er von der Luft nicht leben und, Dank der Polizei, auch nicht» verdiene» kann; und durch da» „Land streichen" muß er, weil die Polizei ihn»irgend« wohnen läßt, ihn gewaltsam zur„Landstreicherei" und zum„Bagabundenthum" zwingt. So geht es bereit» über 6 Monate. Der Unglückliche ist schii? verzweifelt. Wie da« enden wird? Je mm, aller Berechnung nach gibt e» nur zwei Möglichkeiten: entweder rafft da» gehetzte Wild seine letzte Kraft zusam- men, stellt sich seinen Verfolgern und begeht, was man ein„Verbrechen" nennt— oder er bricht zusammen— hunted down— und stirbt al« Landstreicher an der Landstraße oder in irgend einem Polizeigesängniß -der im Armenspittel. Wer ist aber Schuld daran, wenn der Mann zum Verbrecher wird oder dem Hunger und den Entbehrungen erliegt? Ist nicht die P o l i z e i die V e r b r e ch e r i n, die M L r d e r i u? Hand aus'» Herz, Ihr Gegner, wer von Euch will die» veruemen? Wir haben heute den Namen de« Gehetzten noch nicht genannt— es ist ja immerhin möglich, daß er den Bluthunden de«„Gesetzes" noch entschlüpft, und da wollen wir seine Chancen nicht durch vorzeitige Ber- öffentlichung mindern. — Polizeistlickcheu. Ju München wlre e« am 19. August beinahe zu einem veritablen Krawall zwischen< Arbeitern und Militär gekommen. Eine Landparthie von einigen hundert MUnchener Sozialisten hatte der Hochlöblichen Anlaß gegeben, einige Dutzend GenSdarmen auf- zubieten, zum Schutz der— Ausflügler. Natürlich ließen sich die Letz- teren durch die liebevolle Ueberwachung in ihrem Humor nicht stören, sie brachten vielmehr neben verschiedenen Hochs aus die Sozialdemokratie, den an der Parthie theilnehmenden Abgeordneten Bollmar:c. auch ein Hoch auf die gute Polizei aus. Je mehr aber die Abgesandten der staatlichen Ordnung merkten, welche lächerliche Rolle sie spielten, je mehr wuchs auch ihre üble Lanne, und alle Versuche, sie im Stoff zu erträn- ken, waren vergeblich. Auf dem Nachhauseweg aber übermannte ver- schiedene der Edlen die Wnth. Ganz unverrichteter Sache wollten sie doch nicht nach Hanse zurückkehren. Ohne jede Veranlassung stürzten bei der Sendlinger Kirche vier„Säuleu" auf den an der Parthie theil- uehmendeu Dr. S ch ö n l an k ein und erklärten ihn für verhaftet. Dann zogen zwei derselben blank und hieben wie rasend aus die Umstehende» «in. Genosse Ernst, der für Schönlank bürgen wollte, erhielt einen Plempenhieb unter dem Rufe:„Zurück, Kerl, ich renne Ihnen einen Säbel durch und durch 1" Die Münchener Arbeiter hatten nicht übel Lust, den Patronen More« zu lehren, indeß ließen sie sich von Gmosse Bollmar vor unüberlegten Streichen zurückhalten. Daß es auf eine Pro« vokation abgesehen war, geht daraus hervor, daß eine Schwadron schwereReiter und an» jedemJnfanteriebataillone 40 Mann in derKaserne k o n s i g u i r t waren. Man wollte also, wie e« scheint, den Staat retten. Jetzt haben unsere Genossen den Spieß umgekehrt und dringen auf Bestrafung der GenSdarmen wegen Laudsriedensbruch. Zu ähnlichen Auftritten wäre es beinahe am selben Sonntag bei Chemnitz gekommen, wo circa 1400 Sozialdemokraten einen Ausflug uach dem nahen Rabenstein gemacht hattem Doch auch hier blitzte die Polizei mit ihren Provokationen ab.— In Königsberg in Preußen standen in diesen Tagen zwei unserer Genossen vor Gericht, um sich wegen angeblicher Verbreitung sozialistischer Schriften zu verantworten. Der Termin wurde jedoch auf Antrag des Bertheidiger« de» einen der Angeklagten vertagt, da Kriminalinspektor Hirsch aus Reisen gegangen und zu dem Termin nicht erschienen war. In Berg bei Solingen sollte am Sonntag den 26. August eine Volksversammlung stattfinden mit dem ReichStagSabgeordneten R it. tinghausen als Referenten. Aber in letzter Stunde fiel es der Hochlöblichen doch noch ein, wie gefährlich e« wäre, wenn ein Abgeord« neter mit seinen Wählern in persönlichen Verkehr trete, und sie verbot die Versammlung. Dem Wirth de« betr. Lokals ließ der gestrenge Bür- germeister zur Strafe dafür, daß er seinen Saal den Sozialisten habe vermiethen wollen, für den Rest des Tage» das Lokal schließen. Als Ritttnghausen mit mehreren Genossen nach Solingen zurückkehren wollte, folgte ihm die Polizei auf Schritt nnd Tritt, wa« nun erst recht zur Folge hatte, daß sich immer mehr Arbeiter dem Zuge anschloffen. der schließlich weit über tausend Mann zählte. Alle Versuche der Polizei, Rittinghansea vou der Meoge, die sich im Uebrigen durchaus ruhig ver- hielt, zu trennen, schlugen fehl. Al» Rittinghansen, auf dem Bahnhof in Solingen angekommen, von dort abfuhr, erbrausten tausendstimmige Hoch« auf die Sozialdemokratte, worauf die Polizeibande, ohne vor- herige Aufforderung, mit blanker Waffe auf die Menge einhieb,„um den Bahnhof zu räumen". Diese Brutalitäten dürften der Gesellschaft noch einmal theuer zn stehen kommen. — In Berlin haben in der letzten Zeil wieder mehrere Versammlungen stattgefunden, in denen die Arbeiter ihre Stellung zu den bevorstehenden Kommunalwahlen klarlegten. Die bemerken«» wertheste dieser Versammlungen dürste die des fortschrittlichen Oranien- Platzbezirksvereins vom 30. August gewesen sein, in der es zu sehr leb- haften Auseinandersetzungen zwischen Fortschrittlern, Antisemiten und den Wortführern der Berliner Arbeiter kam. Das Resultat dieser Au». einandersetzung hat denn endlich auch der Berliner„Bolkszeitung" die Augen geöffnet, der nunmehr„ein Alp von dem Herzen genommen ist", weil sie dahinter gekommen ist, daß die Arbeiter nicht die Verbündeten der famosen BiSmarckischen Bürgerpartei sind. Um da« Zeugniß, welche« die„BolkSzeiwng" ihrem politischen Scharfblick dadurch ausstellt, daß sie zugibt, darüber überhaupt im Zweifel gewesen zu sein, beneiden wir da« Fortschrittsblatt allerding» nicht. Au» den Debatten heben wir folgende Aeußernngen eine« der Haupt- reduer der Arbeiter als besonder« charakteristisch hervor: „ES ist recht schön, wenu Herr T r-e g e r"— der sortschrittticherseit, da« Wort führte—„versichert, er werde dem Rufe seiner Wähler, Rechen- schaft abzulegen, stet» Folge leisten. Ich gebe jedoch Herrn Träger die Versicherung: die Arbeiter werden bei den nächsten Wahle» alle« Mög- liche thun, daß Herr Träger im vierten Berliner ReichStagSwahlkreise nicht mehr gewählt wird.(Lebhafte» Bravo und Zischen.) Für die sozial- Politische Freiheit, die keine Privilegien kennt, auch nicht die Privilegien de» Kapital», hat die Fortschrittspartei noch nichts gethan. Im Uebrigen will ich bemerken, daß zu einer Zeit, als die Fortschrittspartei die Flinte in« Koro geworfen hatte, die Arbeiterpartei e» war, die allein auf die Schanze ging und den Kampf gegen die Reaktion führte. E« ist de». halb geradezu ein Unsinn, wenn man glauben kann, wir würden die Schleppenträger einer Partei fein, die die Intoleranz in Permanenz er- klärt hat.-- Die Fortschrittspartei ist in kemer Weife für Besserung dieser Verhältnisse eingetreten, obwohl sie seit vielen Jahren die uube- schränkte Macht in der Stadtverwaltung gehabt habe. Deshalb wollen die Arbeiter diesmal bei den Städtoeror dnetenwahlen selbständig vorgehen." (Stürmischer Beifall.) Anch die Antwort de« Herrn Traeger ist charakteristisch. Sie lautete: Abg. T r a e g e r: Ich bin in den meisten Punkten mit meinem Vor- redner einverstandeu. Ich habe uicht die entferute Hoffnung gehabt, daß die Arbeiterpartei mich da« nächste Mal wählen wird; ich finde e» im Gegeutheil für durchaus berechtigt, wenn Sie mich mit allen Mitteln be- kämpfen. Ich habe e« häufig ausgesprochen, daß ich es sehr bedaure, gerade Herrn Bebel gegenüber ausgestellt zu sein. Ich habe vor Herrn Bebel, den ich seit vielen Jahreu kenne, die größte Hochachtung.(Stür- Mischer Beifall.) Die« Alle» kann uns jedoch nicht abhalten, dort gemein- sam den Kamps zu führen, wo e» in der That ein gemeinschaftliches Kämpfen gilt." In dieser Weise sprach der gewandte ForlschrittSredner noch eine Weile fort, bis er als höchste« Lob für die Fortschrittspartei anführte, daß dieselbe„bei allen sozial-resormatorischeu Gesetzen mit den sozial- demokratischen Abgeordneten zusammengestimmt habe". Da» trifft zwar nur auf da« Krankenkaffengesetz zu, indeß wollen wir darüber uicht rechten. Die Hauptsache ist, daß die Fortschrittler, die bis- her so stolz auf unsere Partei herabsahen und sie nicht oft genug als Vorarbeiterm für die Reaktion hinstellen konnten, sich heute gezwungen sehen, al» den Maßstab ihre« demokratischen Verhalten» ihr Verhalten zu nn« anzuerkennen. Die Festigkeit und Entschlossenheit trägt zuletzt doch den Sieg davon, und Eine« haben die Berliner Arbeiter heute schon erreicht: sie haben die Herreu Fortschrittler ein Stück nach vor- wärt» getrieben und ihnen einen Begriff von wahrer Demokratie bei- gebracht. Am Schluß der Versammlung wurde eine Resolution einstimmig au- genommen, in welcher ausgefordert ward,„die Wahl jede« Kandidat«!, welcher der konservativ-anttsemitischen Richtung angehört, mit aller Macht zu bekämpfen". � Zur Lohn- und Arbeiterbewegung. Der Streik der Stuttgarter Schreiner ist im Großen und Ganzen beendet, und wenn die Arbeiter ihre Forderungen auch nicht in ihrem volleu Umfange durchsetzten, so ist doch der Sieg ihnen geblieben. Vom Ausschluß ist natürlich gar keine Red-, mit diesem Plan sind die Herren Fabrikanten gründlich hereingefallen. Sie haben vielmehr alle wesentliche» Forderungen der Arbeiter bewillige» müssen. Gestreikt wird nur noch in der Fabrik von G e o r g S ch ö t t l e, u»d find noch 55 Mann zu unterstützen. Die Streikkommisfion ersucht indeß mit Rückficht auf die großen Geldsendungen, die von auswärt» eingelaufen sind, von weiteren Geldsendungen vor der Hand abzusehen, dagegen ist es noch immer dringend erforderlich, Zuzug fernzuhalten! „Kollegen! Arbeiter I" schließt der letzte Aufruf der Streikkommisfion, „Herzlichen Dank für die nn« so zahlreich zugewendete Unterstützung; wir wissen, was wir in ähnlichen Fällen Euch schuldig sind." — Schweiz. Auf seiner Agitationsreife sprach Grillenberge r, noch iu Lausanne, Bevey, Genf, Luzern, Zürich, F r a u e n f e l d und St. Gallen. Der Erfolg war überall ein guter und gewann Grillenberger nicht nur die Sympathie der deutschen Ar- beiter für unsere Sache, sondern auch die schweizerische Bevölkerung zollte seinem taktvollen Austreten alle Anerkennung. Wo die hie und da in der Schweiz noch vorhandenen Anarchisten ihm entgegentraten, wurde ihnen von Grillenberger so kräftig heimgeleuchtet, wie sie e« schwerlich erwartet hätten. Dabei zeigte sich denn die Anarchie in ihrer schönsten Beleuchtung: an jedem Ort wurde sie von ihren Anhängern ander» erklärt. Eine babylonische Sprachverwirrung herrscht unter diese» Welt- Umstürzlern, die selbst in dem Kopse ihre« Meister« nicht ärger sein kann. In Zürich sprachen in derselben Versammlung, in der Grillenberger austrat, noch A. Jona«, Redakteur der„New-Iorker Volkszeitnug", über„Kapital und Arbeit in Amerika" und Genosse C. T o n z e t t über den schweizerischen Arbeitertag. Genosse Jona« gab ein höchst inter- essante« Bild von der Konzentration und der Macht des Kapital» in den Bereinigten Staaten von Amerika, und wies zahlenmäßig nach, wie seit einer Reihe von Jahren die Lebenshaltung de» amerikanischen Arbeiter» im Sinken begriffen ist. Er zeigte ferner, wie trotz der gerühmten ame- rikanischen Freiheit der Arbeiter drüben oft in einer Weise Sklave der Kapitalisten sei, wie es schlimmer kaum in Rußland der Fall sein kann. Die» ist namentlich dort der Fall, wo Arbeiterwohnuugen mit der Fabrik verbunden find. Couzett referirte über den schweizerischen Arbeitertag, zu dem nun- mehr 150 Delegirte angemeldet sind. Der Regierungsrath de» Kanton» Zürich hat dem EinberufungSkomite für die Sitzungen des Arbeitertages den Schwurgerichtssaal bewilligt, wa» in gewissen Kreisen sehr unliebsam bemerkt wurde. Die Versammlung war glänzend besucht, sämmtliche Redner ernteten stürmischen Beifall. Ein gute« Omen für da» Werk der Reorganisation der Arbeiterschaft in der Schweiz. — Ungarn. Die antisemitischen Unruhen in Ungarn nehmen vielfach den Charakter eines Kampfes gegen die„Herren" über- Haupt an, was die ungarische Regierung nachgerade veranlaßt hat, ernst- Haft einzuschreiten. Es wäre aber durchaus verfehlt, diesen Bauern- unruhen einen sozialistischen Charakter beizulegen oder anzunehmen, daß sie unserer Sache unmittelbar nützlich sein könnten. Nicht» weniger al« das ist der Fall. E» fällt den ungarischen Bauern und ihren Anführern gar nicht ein, eine bessere Organisation der Gesellschaft zu erstreben, sie folgen nur einem Gefühl unklaren Hasse» und der Leidenschaft, da« sich meist gegen arme Teufel, die Niemanden etwa» zu Leide gethan haben, iu brutalster Weise Luft macht und nur ganz ausnahmsweise wirkliche Hallunken trifft. Wo die Bauern indeß b e w u ß t vorgehen, da sind ihre Motive im Grunde reaktionäre, gegen die moderne Gesellschaft gerichtete. Es zeigt sich hier deutlich, daß Brutalität noch lange nicht Revolution bedeutet. Aber wenn wir in diesen Unruhen auch nichts weniger als soziali- stische Erhebungen zu erblicken vermögen, so stimmen wir deßhalb doch keineswegs in das Geschrei der liberalen Presse ein, welche alle Schuld den antisemitischen Hetzern in die Schuhe schieben möchte. Nein, so ein- fach liegt die Sache denn doch nicht. Ohne eine tiesgehende Unzufrieden- heit mit den bestehenden Verhältnissen ist eine so umfassende Bewegung nicht zu erklären. Den Herren Antisemiten ist e« nur, Dank der U n- wissenheit, in der das ungarische Volk sich noch befindet, gelungen, die Unzusriedenheit de« unter dem Druck eine« schmählichen Ausbeutung»- fhstem« leidenden Volke« in ein falsche«, reaktionäre» Fahrwasser zu len- ken. E« wird der Militärgewalt vielleicht gelingen,„Ruhe und Ordnung" herzustellen, aber solange die wirklichen Ursachen der Tumulte nicht be- seitigt sind, solange bürgt nichts dafür, daß sich der Haß de» Volke» uicht eine« Tage« wiederum Luft macht— auch ohne antisemitische Hetzer. — Italien. Zur Taktik der italienischen Sozialisten erhalten wir mit Bezug aus unsere Notiz in Nr. 35 nachsolgeude Zu- schrift von dem daselbst angegriffenen Andrea Costa, der wir, trotz der nicht gerade feinen Ausfälle gegen unfern Korrespondenten, gern Platz gewähren. Werths Genossen! Daß Ihr Korrespondent an« Italien(der übrigen», was Sie berück- sichtigen wollen, kein Italiener ist) die Methode, sich mit den demo kratischen Parteien(Republikanern und Radikalen) zur Erreichung gemein- schastlicher Zwecke zu verständigen, für schlecht hält, begreise ich, daß er aber diese Methode als eine„Lossagung"«der„Aufgabe der Prinzipien" betrachtet, da« verstehe ich durchaus nicht und kann es mir nur mit jerer krankhaften Neigung erklären, mit der Leute von schwacher Ueberzeugnng bei jeder Gelegenheit Andere des Verzichte» auf deren Ueberzeugung anklagen. Seit mehreren Jahren schon haben die italienischen Sozialisten(wenig- sten« in unserer Region, welche fast die einzige ist, wo der Soziaiismus stark organisirt ist, der Regierung zu denken gibt und den Gegnern zu schaffen macht), seit mehreren Jahren schon, sage ich, haben die Sozia- listen gemeinsam mit den Republikanern und Radikalen und der großen Masse der städtischen und ländlichen Arbeiter für eine Reihe von allseitig gewünschten Reformen gewirkt, und sie haben nicht nur ein neue» politische» Wahlgesetz erlangt, welche« ihnen ermöglichte, zu kämpfen und Siege zu erringen, sondern sie haben auch in der Romagna die that- sä bliche Abschaffung der aus die Sozialisten gemünzten Polizeiausnaymc- gesetze durchgesetzt. Da« geschieht, wie gesagt, seit mehreren Jahren, nnd Niemand(selbst Ihr Korrespondent nicht) hat sich je veranlaßt gesehen, die Sozialisten oder die Republikaner anzuklagen, daß sie ans ihr Partei- Programm Verzicht leisteten. Was ist nun der„Demokratische Bund", von dem Ihr Korrespondent spricht, Andere«, al« die Regulirung und Verallgemeinerung dessen, wa« man bis jetzt gethan? Und weshalb sollte man in der Zukunft aus die respektiven Prinzipien verzichten, wenn bis jetzt Niemand auf sie verzichtet hat? Im Gegeutheil, Genossen, da» Erste, was der„Demokralische Bund" feststellte, war die volle Selbstständigkeit nnd Aktionsfreiheit der Parteien, au« denen er sich zusammensetzt, in Bezug aus ihre besonderen Parteiforderunjjen! Damit nicht genug, haben die Soziallsten, welche au dem Kongreß von Bologna theiloahmen(einige dreißig oder sogar mehr), dem Kon- greß eine sehr unumwundene Erklärung darüber abgegeben, daß sie, ob- wohl sie damit einverstanden find, sich mit den anderen demokratischen Parteien zu dem Zwecke zu verständigen, alle lebendigen Volk«- kräste gegen die bestehenden politischen und sozi- alen Einrichtungen sowohl zu den friedlichen als auch zu den revolutionären Agitationen zu vereint- gen, doch noch einmal die Selbstständigkeit ihrer Partei und deren Aktionsfreiheit betonen und sogar erklären, daß ihr Verhalten gegenüber dem„Demokratischen Bund" den Beschlüssen ihrer Parteikougresse untersteht! Und gerade i ch habe nicht ualerlaffen, mick mit der größtmöglichen Deutlichkeit über diesen Punkt auszulassen, und so haben e» alle Sozia- listen gethan, die da» Wort ergriffen. Wie mag man daher jetzt kommen und den ungerecht«! und unedlen Verdacht der„Lossagung" und„Aufgabe der Prinzipien" gegen so viele Genoffen schleudern? Hätte sich Ihr Korrespondent daraus beschränkt, die Organisatton de» „Bunde«" zu kritifiren, so wäre ich der Erste, der ihm Recht gäbe, da die Form dieser Organisation von nn» Allen bekämpft wurde. Aber wir waren in der Minorität und mußten für den Moment die Beschlüsse anerkennen, indem wir nn« vorbehielten, beim nächsten Kongreß ihre Ab- Änderung zu beantragen. Und da im Anschluß an jene Beschlüsse ein Zentralkomite ernannt wurde, so ist e« sehr klar, daß, wenn wir in irgend einer Weise von der eben geschaffenen Organisation Nutzen ziehm wollten, wir in dasselbe eintreten mußten. Da» ist der Grund, weshalb ich im Einverständniß mit den auf dem Kongreß anwesenden Genossen akzeptirte, iu da» Zentralkomite einzutreten. Es wäre iu der That zweck- lo«, den demokratischen Kongreß zu beschicken, wenn man nicht in die Organisation, die er schaffen würde, eintreten wollte, wie e« unnütz ist, sich an den Wahlen zu betheiligen, wenn man die Bortheile, die da« Parlament bieten kann, nicht ausnutzen will. Daß meine Annahme von einigen Genossen nicht verstanden worden sein kann, ist umjo eher möglich, al« e« in Italien wie in Frankreich und allerwärt« Sozialisten gibt, die a priori(von vorneherein) jede Theilnahme am politischen Leben verwerfen nnd sich stet« und überall der- selben enthalten. Wenn aber Ihr Korrespondent, der doch diese Theilnahme akzeptirt, Diejenigen bekämpft und schlechte Absichten bei ihnen vermuthet, welche logischerweise den größtmöglichen Nutzen daran» ziehen wollen, so kann die» nur durch die Annahme erklärt werden, daß er nicht verstanden hat, um wa« e« sich handelt. „Wir können", sagt er,„uns wohl mit anderen Parteien über be- stimmte Fragen verständigen, wohl mit ihnen zur Erreichung gleicher Zwecke Seite an Seite kämpfen." Nun wohl, was haben wir denn Anderes gethan, als an der Seite anderer Parteien Stellung genommen, um— sehr bestimmte—„gleicht Zwecke zu erreichen?" „Doch", fährt Ihr Korrespondent fort,„uns mit einer bürgerlichm Partei, und wäre e« auch die radikalste, zu verschmelzen, ist ohne Aufgabt unserer Prinzipien nicht denkbar." Danke vielmals! Wir haben nicht nöthig, die» von Ihrem Korrespon- denten zu lernen. Wir wissen e» seit lange. Und deshalb haben wir stets jede Idee einer Fufion(Verschmelzung) mit anderen Parteien ver- warfen und nn« nur zum Zweck de« Kampfe» gegen einen gemeinsamen Feind verbündet. „Da» Einverständniß", heißt e« Uber diesen Punkt im„Avanti!" vom 16. September 1882,„die Verbündung der verschiedenen demokratischen Parteien zum Zweck der unmittelbaren Verwirklichung aller Forderungen, welche da« VolkSbewußtsein gereift hat"(was genau der Zweck de» „Bunde«" ist)„diese« Einverständniß bedeutet nicht Fufion, und die Feststellung der gemeinschaftlichen Forderungen hat nie den Verzicht ans die besonderen höheren Forderungen jeder Partei bedeutet. Diejenigen, welche von Fusion und Konsuston reden, haben nicht verstanden oder wollen nicht verstehen. Di« Fusionen zurückzuweisen, waren wir die Ersten." Und damit würde ich schließen, wenn mir nicht eine Betrachtung iu die Feder liefe. Ihr wißt, Genossen, welche Beschuldigungen von gewissen Sozialisten gegen die Sozialdemokratie Deutschland« aufgetischt werden. Nun wohl, dieselben Beschuldigungen werden jetzt gegen nn« erhoben— mit derselben Begründung. Ich will Ihren Korrespondenten nicht mit diesen gemeinen Anklägern zusammenwerfen, aber Sie würden sich ein Verdienst um den Sozialismus erwerben, wenn Sie ihm den Rath geben wollten, ein wenig mehr die Menschen und die örtlichen Verhältnisse zu studiren, ehe er ein Urtheil fällt, nicht bei Anderen Beweggründe voran«- zusetzen, die er für sich al« schlechte anerkennt, und seinerseits für da» Uebergewicht des Sozialismus zu arbeiten, anstatt Andere, die dafür wirken, zu kritifiren und zu tadeln. In der That, wenn gewisse Sozia- listen ihre Delegirten nach Bologna geschickt hätten, anstatt grundlos zu schreien, so hätten wir die Majorität gehabt und das Ansehen und die Kraft unserer Partei hätten um so mehr gewonnen. Genossen, ich habe Ihnen diesen langen Brief geschrieben, um Ihnen die Thalsachen in ihrem wahren Lichte darzustellen und Ihnen gleichzeitig zu beweisen, welchen Werth ich Ihrem Urtheil beimesse. Gemeine Ankläger und Verläumder verachte ich, aber ich halte daraus, Leuten, die ich acht«, zn antworten. Genehmigen Sie, Genossen, meinen herzlichen Händedruck! Andrea Costa. Nachschrift Noch möchte ich bezüglich unsere» Kongresse» von R a v e n n a bemerken, daß derselbe, nachdem er von der bewaffneten Macht gesprengt worden war, nicht, wie e« in Ihrer Notiz heißt, unter Polizeiaufsicht, sondern geheim abgehalten wurde. Korrespondenzen. — AuS Schlesien, Ende August. Vor Kurzem hielten wir einen gutbesuchten Proviuzialtag ab mit der Tagesordnung: 1. Die Unterstützung der durch die großartigen Ueberschwemmungm Schlesiens zu Schaden gekommenen Anhänger der sozialistischen Partei. 2. Die nächste Reichstagswahl und die für dieselbe aufzustellend«! Kandidaten. 3. Innere Organisation»c. Zn Punkt 1 der Tagesordnung wurde ein Komite gewählt, welches die Aufgabe hat, die geeigneten Schritte zu thun, derartig geschädigte Genossen ausfindig zu machen und die Unterstützung nach Prüfung der Person und der Höhe de« Schaden» zu veranlassen. Außerdem wurde eine Resolution angenommen, wonach unsere Abgeordneten ersucht wer- den, die Regierung aufzufordern, Mittel und Wege zu schaffen, damit den so oft wiederkehrenden, greuzenlosen Verheerungen, durch welche Tausende vou Existenzen vernichtet werden, in jeder heute möglichen Weise gesteuert werde. Zu Punkt 2 wurde nach längerer Berathnng beschlossen, genau nach den Beschlüssen de« Kopenhagener Kongresses zu verfahren; die Beschluß« fassung über die aufzustellenden Kandidaten jedoch sür eine spätere Be- ralhung zu vertagen. Zu Punkt 3 war man allgemein der Ansicht, daß die geheime Agita- tion mit Rückficht aus die heutigen Verhältnisse wohl beibehalten werdeu müsse, und daß e» ein Hauplersorderniß sei, öfter derartige Zusammen- kllnfte zu veranstalten, damit die neugebildeten Organisationen dem großen Ganzen verbündet bleiben zum gemeinsamen Kampfe. Arbeiter Schlesien« I Wachet aus! Wohl wissen wir, daß Ihr au Eure schlechten Verhältnisse gewöhnt seid, wie der Bogel, der die Frei- heil nicht kennt, an seinen Käfig. Wohl wissen wir, daß Ihr zum großen Theil von uns sernbleibt, weil Ihr nicht den letzten Bissen Brod ver- lieren wollt. Kämpset deshalb im Geheimen, denn ohne Kamps kein Sieg I Schaar! Euch um unser Banner, unter welchem wir nn» be- freien wollen von politischer, sozialer und religiöser Knechtschaft! Ent« schuldige fich Keiner, daß ihm keine Gelegenheit geboten sei, sich uus an« zuschließen. Unsere Interessen sind solidarisch: ist e» dem Einzelnen nicht oergönnt durch Wort und Schrift zu agitiren, so mag er e» thun durch Einsendung von Geldmitteln. Jeder muß den Willen in fich tragen, da» bereit» eroberte Terrain zu behaupten, nene Positionen zu gewinnen, die BolkSmassen aufzuklären und anzuleiten. Vorwärts! fei unsere Losung! Mit Gruß I B I a u b l o u s e. — Bielefeld, 15. Juli.(Schluß.) Ein würdiges Seiteustück zu dem sauberen NiederSe ist der hiesige Polizeiwachtmeister U tz, welcher erst kürzlich, jedenfalls auch in Folge seiner verdienstvollen(?) Leistungen, vom Wachtmeister zum Polizei-Kommissar befördert worden ist. Wenn Utz z. B. ans den Wochenmärkten umhergeht und bei verschiedenen Verkäufern Einkäufe macht, dann wird gewöhnlich gesagt:„Bringen oder schicken Sie es mir nach meiner Wohnung," vom Bezahlen wird wohlweislich nicht gesprochen. Zu Hause sagt die Frau dann:„So, hat mein Mann das gekauft?" und bezahlt natürlich auch nicht. Und wen» diese Leute wirklich einmal Geld hingeben, al« ob sie bezahlten, dann er- halten sie gewöhnlich ebensoviel wieder zurück, als sie hingegeben haben, denn die Verkäufer sagen sich: bei und mit diesen Leuten dürsen wir das nicht so genau nehmen. Dajür wird dann ein Auge zugedrückt, und die Verkäufer können dann um so ungenirt« da» kausende Publikum aui- Beuten. Bei den W irtheu und sonstige» Händlern geht es ebenso. Bor einigen Jahren war in einem hiesigen Gemilseleller einer Frauensperson (wenn ich nicht irre, war es ein Dienstmädchen) ihr Portemonnaie ans der Tasche gekommen; als darauf hin die in dem Gemilseleller anwesenden Personen vifitirt wurden, wurde das Portemonnaie bei der Frau de« Polizeiwachtmeister Utz gesunden! Doch die Sache wurde unterdrückt. Auch das häusliche Leben des Utz soll gerade nicht das allerrnhigste sein, denn er hält e« selten lange in einer Wohnung ans. Wir werden gelegentlich die Heldenthaten des Utz noch näher beleuchten. Ein weiteres Musterexemplar der heutigen Gesellschaft ist der Raths- Herr Emil Wessel, Mttglied des Magistrats. Dieser Herr ist dem schönen Geschlecht sehr zngethan; wer eine hübsche Fran oder Schwester hat, welche Wessel gegenüber gefällig ist, oder ein im Dienste bei Wessel schwanger gewordenes Dienstmädchen heirathet, dem wird zn irgend einer Anstellung verholfen. Der Bademeister der Bielefelder Badeanstalt, Namens Kipp, soll seine Anstellung auch derartigen Umständen ver- danken. Kipp sucht sich außerhalb dem Hanse dafür Ersatz, indem er sich mit anderen liederlichen Frauenzimmern herumtreibt. Bei dem Bau der jetzigen Bielefelder Badeanstalt kam ein Maurer zn Tode. Die Sache wurde auch unterdrückt und es hieß, der Mann sei verunglückt, im Bolke sprach und behauptete man aber damals und auch heute noch, daß ein Mord vorliege, und wurden Wessel und Kipp damit in Znsammen- hang gebracht! Ich könnte noch eine ganze Menge derartiger Vorfälle anführen; aber der Raum des Blattes ist mir dafür zn kostbar. Jedoch eines andern Subjekte», das seine Schurkereien hinter der Maske der Frömmigkeit verbarg, sei noch erwähnt. Es ist dies ein Wirth, Namens Hüls mann, der vor lauter Frömmelei des Sonntags seine Wirthschast schließt und nichts verabreicht. Bei ihm hatte der hie- fige christlich-patriotische Männerververein sein Lokal. Die Frau diese« Hülsmann wurde vor einigen Wochen, ungefähr zwei Stunden entfernt, todt aufgefunden. Die hiesigen Blättter schrieben, dieselbe habe jeden- falls„Sonnenstich" bekommen; doch im Volke merkte man gleich, daß sich die Sache ganz ander« verhalten müsse, denn Hlllsmann soll mehrere Mädchen geschwängert haben; auch besucht Hlllsmann gerne Frauen, deren Männer krank sind,— ich könnte mehrere solcher Frauen nennen, die Hlllsmann mit seinem Besuche erfreute, um sie zn trösten, oder besser gesagt, um seinen Gelüsten zn fröhnen. Man munkelte zunächst von einem Selbstmord, denn die Fran soll nicht an der Straße, sondern im Wasser aufgefunden sein; jetzt heißt e« sogar, daß nicht ein Selbst- mord, sondern ein Mord vorläge!— denn Hlllsmann soll desselben TagS und in derselben Gegend, wo seine Fran todt gesunden worden ist, gesehen worden sein.-- Der christlich-patriotische Männerverein ist von Hlllsmann tisch einem andern Lokal verzogen, jedenfalls nm einer spätern diesbezüglichen Blöße zn entgehen. Ich will will für heute hierüber schließen, werde aber gelegentlich mit derartigen Enthüllungen fortfahren. Herrn Pnttkamer aber empfehle ich Vorstehende« zur ganz besonderen Beachtung; denn wenn demnächst dem Reichstag wieder die Verlängerung de« Sozialistengesetze» vorgelegt wird, dann mag er vorstehende» Material verwerthen, nm der Welt zn zeigen, wie gemeingefährlich die Sozial- demokratie sei, indem sie die heutigen GefellschaftSznstände mit all ihren Herrlichkeiten, wie hier vorstehend einige angeführt sind, umstürzen wolle, und wie nothwendig die Verlängerung de« Sozialistet.gesetzes sei. Wir aber rufen: Ja, wir wollen den heutigen Staat und die heutigen Gesellschaftsznstände, welche durch und durch faul und verderbt sind, nm- stürzen, und wollen aufbauen ein neues Reich und neue Gesellschaft»- zustände, in welchen dorartigeS unmöglich ist, und zwar aufbauen auf die eisernen Säulen der Freiheit, Gleichheit und der Brüder- lichkeit! Zum Schluß will ich noch erwähnen, daß in der schon früher in diesem Blatte erwähnten Bielefelder Nähmaschinenfabrik von Dürr- k o p P n. Comp, die Zustände derart unerträglich geworden find, daß sie jeder Beschreibung spotten. In dieser Fabrik werden jetzt auch Frauen»- Personen eingestellt, namentlich in der Ti s ch l er e i zum P o l i r en, auch werden dieser Fabrik jetzt Arbeiter, namentlich Tischler von ans- wärt», ganz besonders von Berlin nach hier zn locken gesucht, obwohl hier Arbeitskräfte genug vorhanden sind! Auch will man ein neue» Fabrikreglement einführen, welche» jeder Arbeiter unterschreiben soll, und wonach die Verpflichtung, daß wenn Arbeiter ohne Kündigung entlassen werden, der Arbeitgeber alsdann dem Arbeiter für 14 Tage Lohn zn zahlen hat, so gut wie aufgehoben wird— für die Arbeiter bleibt dagegen, wenn dieselben aushören wollen, die Kündigung bestehen. Wir w arnen Euch daher, Arbeiter von answärts, nicht blindlings diesen Lock- rufen zn folgen, sondern bedenkt, daß wenn man Euch hierherlocken will, die« nur geschieht, nm die Löhne, welche schon jetzt wahre Hnngerlöhne find, noch mehr herunterzudrücken, und nm wahrhaft chinesische Zn« stände einzuführen, nm die Arbeiter ans dieselbe Stufe zn bringen, auf welcher das chinesische Volk steht, nm die Arbeiter vollständig zn Kuli», zur Waare zn machen! Euch aber, Ihr Arbeiter, hier am Orte sowohl wie allerorts rufe ich zn: Tretet ein in unsere Reihen, in die Reihen der Sozialdemokratie, und werbt unablässig neue Kämpfer für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! Nieder mit der Ausbeutung und Knechtschaft in jeder Gestalt! Hoch die soziale Revolution! D. — Pforzh eint, 27. August. Ein Tag, reich an Schmerzen und Ehren, liegt hinter uns. Am vergangenen Freitag Abend starb nach kurzer Krankheit an einem Herzschlag unser tapfrer DanielLehmann. Seit seiner unverschuldeten Haft in Freibnrg i. SB. hatte er sich nie mehr recht wohl gefühlt. Auch die Zertrümmerung seiner bürger- lichen Existenz warf trübe Schatten ans seine sonst so heitere Sinnesart. Aber er wurde darum doch kein„stiller Mann", sondern noch ca. acht Tage vor seinem Tod hatte er in einer konservativen Versammlung mit gewohnter Meisterschaft den Gegnern heimgeleuchtet. Al« er sich auf's Krankenlager legte, mußte wohl der behandelnde Arzt den Fall al« einen „trostlosen" erkannt haben, denn er soll sich keine sonderliche Mühe nm den Patienten gegeben haben. Ein in letzter Stunde noch von einem Freund Lehmann'» gesendeter zweiter Arzt konnte nur noch die baldige Auflösung konstatiren. Lehmanns Tod, für unsere Partei ein schwerer Verlust, für seine zahlreichen Freunde ein schmerzliche« Ereigniß, war sozusagen ein histo- rischer Moment für die Stadt Pforzheim. Denn wie sehr Lehmann mit der Bevölkerung Pforzheim'« verwachsen war im Lauf der Jahre, die nur Kämpfe und dann und wann„gerichtlich" erzwungenen Waffenstill- stand sahen, konnte man an« der großen Theilnahme an seiner Beerdig- nng, die gestern stattfand, entnehmen. 1000 Männer, dazu die Depn- tationen von Stuttgart, Eßlingen, Baden- Baden, M a n n h e i m und die ganz besonders zahlreiche von Karlsruhe, schritten hinter dem Sarg her und zn Tausenden bildeten die Zuschauer Spalier. Ja selbst die„Wächter der öffentlichen Ordnung", die dem Lebenden fo manche Drangsal angethan hatten, grüßten mit Achtung«. Bezeugung den Toden. Sie enthielten sich jeglicher Einmischung und Provokation, ignorirten die rothen Blumen in den Knopflöchern und die rothen Schleifen an den Kränzen und hielten sich auch ans dem Friedhos in angemessener Entfernung. Da» thaten die nniformirten, daß natürlich eine Masse„Geheimer" dafür im Dienst war, wußte man wohl. Da« hinderte aber die Redner am Grab durchaus nicht, ihrer Ueberzengnng kräftigen Ausdruck zn geben, die an Lehmann verübten Unbilden zn rügen, und Propaganda für unsere Sache zn machen. Ganz besonder» erhöht wurde die Feier durch die Abwesenheit jegliche« Pfaffen, während dagegen die der Stadt gehörigen Glscken ihre ernsten Stimmen laut ertönen ließen. Nachdem ein Liederkranz einige passende Verse gesungen, sprach Genosse Lutz der dem Verstorbenen im Leben besonder» nahe gestanden war, einen von ihm verfaßten poetischen Abschiedsgruß. Alsdann legte der Reich«. taqsabgeordneteDietz im Namen der Sozialdemo- kratie Deutschlands mit warmen ergreifenden Worten dem Kämpf er für Freiheit und Recht einen prachtvollen Lorbeer- kränz ans« Grab. Ihm folgte mit einem zweiten Kranz der allzeit schlag- sertiae Genosse E b r h a r d t von Mannheim, der in eindringlicher Rede dem Proletariat das Beispiel des in seiner Pflichterfüllung gesal- leiten Genossen vor Augen hielt. Dann legten mit kurzen Widmung»- warten die Vertreter von Karlsruhe, Baden-Baden, Stuttgart und Eß- lingen ihre Kränze nieder, und nun folgte Namens der Sozialdemokratie Stuttgarts unser gemüthvoller Löbenberg, dessen Rede aber in verschiedene Ohren sehr nngemüthlich geklungen haben mag. Den Schluß der Kranzweihnng machte Genosse D i 1 1 n s von Pforzheim, der mit von Thränen erstickter Stimme ein von Genossen B e ck verfertigtes weihe- volles Abschiedsgedicht vortrug. Danach tiefe Stille, nur unterbrochen von dem Schluchzen vieler Umstehenden, unter denen namentlich auch Landlente bemerklich waren. Gesang beendigte die erhebende Feier. Plötzlich trat Lehmann'« Sohn, ein prächtiger braver Jüngling an da« Grab, ergriff eine Scholle und rief, indem er sie ans den Sarg warf, mit markerschütternder Stimme in da» Grab hinein:„Tausend Rächer solleiDan» Deinem Grab erstehen! Das griff selbst den Alten und Wetterfesten an« Herz, und hatte die Menge schon vorher bei den verschiedenen Rednern mit Beifallsbezengnngen nicht gegeizt, so erhob sich jetzt ein förmlicher Stnrm von Bravorufen, der die tapferen Worte de» wackeren Sohne» belohnte. Nun war's zn Ende; still ging's den Berg hinab, und der Abend sah dann noch die Genossen in einem Biergarten versammelt, wobei die Lust am Leben auch wieder ihre Rechte forderte. Die Errichtung eine» Denkmal« ans dem Friedhof wurde in Anregung gebracht und fand solchen Anklang, daß sofort ca. 60 Mark dafür eingingen. Spät in der Nacht erfolgte ohne polizeiliche Störung die Abfahrt der verschiedenen Genossen nach allen Seiten. Wie es scheint, weiß also auch die Pforzheimer Polizei, wie man ehrlichstrebenden Männern zn begegnen hat. Ob sie es dieses Mal vielleicht nur gethan hat an« Freude darüber, daß ihr gesürchteter Gegner vor der Zeit die Waffen strecken mußte?! Sprechsaal. Erwiderung. In Nr. 30 de» Parteiorgan« befindet sich eine Erklärung, von Barmer Genoffen unterzeichnet. Da sich dieselbe speziell gegen meine Person richtet, so fühle ich mich veranlaßt, die fragliche Angelegenheit etwas zn erläutern, nmsomehr da in der Erklärung der Borgang ganz entstellt erzählt ist, trotzdem ich einigen der Unterzeichner die Angelegenheit schon früher klargelegt hatte. Auf genannten Artikel im Ganzen will ich mich nicht näher einlassen, sondern überlasse dies dem Urtheil der Genossen. 1) Müßten die Barmer Genossen doch wissen, daß ich von den beiden Beamten speziell für den Elberfelder Sachsenverein, resp. dessen Mitglieder engagirt wurde(da ich in genanntem Berein Mitglied war). Trotzdem habe ich sämmtliche Genossen, wo es erforderlich war, von meiner„Mission" in Kenntniß gefetzt. 2) Habe ich es nicht auf so„einfältige" Weise, wie in der Erklärung gesagt wird, von der Polizei erfahren, daß H a m b l o ck, Mann und W i n t o l f mit der Polizei in Verbindung stehen, sondern s. Z. von Ham- block selbst, mit welchem ich auf freundschaftlichem Fuße stand. Der Hergang war folgender: am 15. Februar 1883 kam Hamblock zn mir in die Wohnung und machte mir die vertrauliche Mittheilung, daß er dem Wintols nicht mehr träne; derselbe käme alle Nächte erst spät nach Hanse und immer besoffen