Krscheiat »•«ttttli««inmul in Zürich(Schweiz) »»l»»b«chha«»lung K»tli»g«n-Zarick,. S«|frtiH«JtU (tnnco gegen franco. »ewihnlich« Briese »ach dir E ch w e i> losten Doppelporto. R' Der AoMIdemkrat Aentral-Hrgan der deutschen Sozialdemokratie. ASonnemeuts werden bei ollen schweizerischen Postbureaux, sowie beim Berloo und dessen bekannten Agentin entgegengenommen und zwar zum »orau« zahlbaren Bierteljahrsprei« von: Fr. 2.— für die Schweiz sareuzbond) Ml. 3.— sllr Deutschland«louvert st. l. 70 sllr Oesterreich«louvert Fr. 2.S0 sllr alle llbrigen Länder de» Weltpostverein»(Kreuzband) Inserite Die dreigespaltene Petitzeile 2b S»S.-- 20 Psg. Donnerstag, 27. September 1883. Ali» n M» ml ßirres»»»»t»t»» 1»«S-iiillmikrit". Da der.«ozialdemolrat- sowohl in Dintschland ali auch in Oesterreich virdotm ist, bez«. verfolgt wird, nnd die dortigen DihdrdiU stch alle Mühe geben, nnsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst ,n erschweren, r-sp. Briese von dort an UN» nnd unsere Zeitung», und sonstigen Sendungen nach dort abzufangen, so ist die äußerste vorficht im P-stverlehr nothw-ndig und darf leine vorfichtim-ßreg-l versäumt werden, die Briesmarder Iber den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhalt d» Sendungen zu täuschen, und letzter, dadurch ,» schützen. H-uplersord-rnt» ist hiezn einerseit». daß unsere Fr, und, so selten al» mbglich an den Sozialdemokrat- r-sp. d-ffen»erlag selbst-dr-sstren, sondern stch möglichst an irgend ein- unverdächtige Adresse außerhalb Deutschland, und Oesterreich» wenden, welch- stch dann mit un» in Verbindung setzt; anderseit, aber daß LZ U".?. möglichst unverfängliche Zustellungiadresten mitgetheili werden. Zn zweifelhaften Fällen empfiehlt stch behus» größerer Sicherheit«-lommandirung. Soviel an un» liegt, werden wir gewiß weder Mllh- noch Kosten scheuen, um trotz aller-ntae-en. stehenden«chwierigleitm den.Sozi-ld-molr-f unsern Abonnenten mSglichst regelmäßig zu liefen».-nig-ge». Einladung)um Abonnement. „per Sozialdemokrat," Aentral-Organ der deutschen Sozialdemokratie. erscheint wöchentlich einmal in Zürich. Auf dem Wydener Kongreß zum offiziellen Organ der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands erklärt, hat das Blatt eine Verbreitung gefunden, wie sie bei seiner Gründung kaum erhofft worden war. Auf dem Kongreß zu Kopenhagen konnte deshalb mit Genugthuung gesagt werden, daß die deutsche Sozialdemokratie in ihrem Organ die mächtigste Waffe gegen das über sie verhängte Ausnahmegesetz befitze. Das Abonnement auf das Blatt ist durch dieses Gesetz nicht verboten, sondern nur die Verbreitung, und zu letzterer haben sich fast allerorts energische und auf. opferungsfähige Genossen genug gefunden(und werden sich auch ferner finden), welche bereit find, eventuell ihre Freiheit zu wagen, um unserer gerechten Sache dienstbar zu sein- ebenso wie sie es auch v o r dem Ausnahmegesetz gethan haben! Obwohl nun an den meisten Orten, wo der Sozialismus Boden gefunden, das Blatt eine durchaus befriedigende Abonnentenzahl hat, so gibt es doch noch eine Reihe anderer, wo bedeutend mehr geschehen könnte, und zudem eine weitere Anzahl, wo daS Organ noch gar keinen Eingang gefunden..... �. Es ist daher Pflicht jedes Genossen, für die weitere Verbreitung des BlatteS uner- Müdlich thälig zu sein und besonders dahin zu wirken, daß an solchen Orten endlich der Bann gebrochen wird und das Parteiorgan die ihm gebührende Beachtung findet. Ueber die Bezugsarten des Blattes find die Genossen im Allgemeinen unter. richtet; selbstverständlich können wir hier keine speziellen Angaben über dieselben machen, sondern es müssen sich die Genossen, welche Näheres zu erfahren wünschen, an die be- kannten Vertrauenspersonen in Deutschland wenden. Das Abonnement beträgt per Zustellung in Brief direkt aus der Schwei, pro Exem- plar und Quartal Mk. 4�3«, bei Aufgabe in Deutschland Mk. 3,00. Die Zahlung kann per Einschreibebrief in Papiergeld und Briefmarken oder per Poftemzahlung geschehen. Für solche Einzelbestellungen kann folgende Adresse benutzt werden: Leonhard Lauscher in Kottingen(Kanton Zürich). Bei Bezug von zehn Exemplaren an wird das Blatt franko für Mk. K. 80 geliefert. Bezüglich größerer Bestellungen werden vorher brieflich genauere Mittheilungen gemacht und Verhaltungsmaßregeln angegeben. Für diesen Zweck ist sofortige Mittheilung sicherer Brief-Deckadressen hierher unerläßlich. Wohlan denn, Genossen und Freunde allerwärtS, erhebt den Sammel- und Werberuf Zur fortgesetzt ausdauernden Arbeit, zum unbeugsamen Kampf, zum endlichen Siege! Mit sozialdemokratischem Gruß! Redaktion und Expedition de», »Sozialdemokrat- An den Schandpfahl! Nachstehend bringen wir da« famos« Urtheil zur allgemeinen Kenniniß, ans Grund deffe> unserm Genoffen Lehmann fünf Monate Gefängniß aufdiktirt wurd die in ihm dann auch, Dank der vortreff» lichen Einrichtungen der., iburger Pesthöhle, Landesgefangenen- Anstalt genannt, den Kein m seinem nur allzufrllhen Tode legten. Jeder erklärende Zusc. unsererseits zu dieser Musterleistung der Gerechtigkeitspflege im Rt(,h"er Gottesfurcht und frommen Sitte würde den Eindruck nur abschwächen,> den dieselbe auf jeden rechtlich denkenden Menschen— ob Sozialdemokrat oder nicht— hervorbringen muß. Sie bedürfen in der That keine» Kommentar«, die„Indizien", aus welche hin die glücklichen Bürger des zweiten deutschen Kaiserreichs ihrer Freiheit beraubt werden können. Den Männern aber, welche dieses Urtheil gefällt, soll der gebührende Platz in unserem Verbrecheralbum nicht vorenthalten bleiben I An den Schandpfahl mit ihnen und ihrem Er kenn tni ß l * ** „In der Strafsache gegen den Daniel Lehmann an» Pforzheim wegen Verbreitung sozialistischer Schriften hat die II. Strafkammer de» Großh. Landgerichts zu Karlsruhe in der Sitzipg vom 10. Dezember 1881, an welcher theilgeaommen haben: 1. Gr. Landgerichtsdirektor Gerber, 2. Gr. Landgerichtsrath Martin, 3..... Fieser, 4.„» B o l d s ch in i d t, 5.„* Lors al« Richter, Gr. Staatsanwalt Arnold al« Beamter der StaatSawaltschaft RechtSpraktikant T h o m a al« Gerichtsschreiber für Recht erkaunt: Der Angeklagte Daniel Lehmann von Dobel, wohnhaft in Pforzheim, wird wegen Verbreitung verbotener sozialistischer Schriften im Siune de« Gesetzes über die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozial- demokratie mit f ü n f M o u a t e n G e f ä n g n i ß bestraft nnd hat die Kosten der Hauptverhandlung zu tragen und ein Drittel der Unter« suchungskosten. Die weitereu UntersuchungSkosten bleiben der Gr. Staatskasse zur Last. Bon Recht« Wegen. Gründe: Durch die eidlichen Angaben de« Polizeikommissär» H ä us e r, de« Geusdarmeriewachtmeificr« Guggenbühler und des Polizeisergeanten Stier ist die von dem Angeklagten Lehmann auch nicht iu Abrede ge- zogeue Thatsache festgestellt, daß in den Monaten August, Oktober und November 1830 eine ganze Masse von verbotenen sozialistischen Flug- blättern und Zeitschriften sowohl in der Stadt Pforzheim, al« in deu meisten Landorten de« Amtsbezirke« Pforzheim durch Auflegen auf den Straßen während der Nachzeit verbreitet worden find. E» find die« insbesondere folgende Druckschriften:„Ungeziefertod",„An da» deutsche Boll",„Die revolutionäre Sozialdemokratie",„Keine Schmarotzer mehr", »Da« Recht aus Revolution",„Der Sozialdemokrat", deren Verbreitung in den Nummern 232 de« Jahrgang« 1879 und Nr. 99, 121, 160, 172 de« Jahre« 1880 des„ReichSauzeiger," durch die zuständigen Be- Hörden nach deu Bestimmungen de« Reichsgesetze» über die gemeiugesähr- lichen Bestrebungen der Sozialdemokratie öffentlich verboten war. Da in Pforzheim, wie au» einer Reihe von Straffällen notorisch ist, "uch durch die oben erwähnten Sicherheilsbediensteten bestätigt wird, unter der Fabrikbevölkeruug zahlreiche Anhänger der sozialdemokratischen Theo- nm sich aufhalten und dieselbm auch eine sestgegliederte Organisation 'u, s» kanu e» keinem Zweifel unterliegen, daß eine derartige masseu- hafte Verbreitung verbotener Druckschriften, deren Verbreitung in größeren Quantttäten schon mit großen Schwierigkeiten verknüpft ist, ans eine förmliche Verbindung Mehrerer zur Beschaffung und Verbreitung solcher Druckschriften hinweist, und daß die Ausführung nicht von Einzelnen, auf eigene Rechnung dem verbotenen Treiben ergebenen und in ihren Mitteln beschränkten, untergeordneten Persönlichkeiten, sondern von solchen ausgeht, welche nach Bildung, Lebensstellung, Personen- und Lokalkenntniß vereigenschaftet find, sowohl den Bezug der verbotenen Druckschriften, al» Zeit, Art und Ort der Verbreitung zu bestimmen und zu leiten. Eine zur Leitung eines solchen Unternehmens vollkommen geeignete Persönlichkeit ist der Angeklagte Daniel Lehmann, gebürtig von Dobel (Württemberg), seit Jahren in Pforzheim ansäffig. Er muß selbst heute zugeben und wird die« auch von den Zeugen Häuser, Stier undGnzgen- bühler bestätigt, daß er offener Anhänger der Sozialdemokratie ist. Er ist vor Jahren häufig al« sozialdemokratischer Agitator in Versammlungen aufgetteten, war Borstandsmitglied de» sozialistischen Gewerkverein» der deutschen Gold- und Silberarbeiter und verwandter Berufsgenossen in Pforzheim, welcher Berein nach Erscheinen de» Sozialistengesetze» auf- gelöst werden mußte. Dabei betrieb er bis vor kurzer Zeit eine Wirth- schaft in Pforzheim, welche der Sammelpunkt sowohl der einheimischen, als fremder zureisender Sozialdemokraten ist, und befand sich sonach trotz der Ueberwachung durch die Polizei in der Lage, fich von allen Seiten verbotene sozialistische Zeitschriften zu verschaffen und die Zeit und Ort und die geeigneten Persönlichkeiten zur Weiterverbreitung herauszufinden. Nach allen diesen Umständen erklären die ein Eingangs genannten Polizei- bediensteten mit Bestimmtheit, daß Lehmann, der auch durch Intelligenz und Energie bekannt ist, allgemein al« da» Haupt der Sozialistenpartei, soweit dieselbe der sogenannten Zürcherischen Richtung huldigt, ange- nommeu wird. Nach diesen in der heutigen Haupwerhandlung festgestellten persönlichen Verhältnissen de« Angeklagten kann e» sonach einem Zweifel nicht unterliegen, daß er ein Manu ist, demdieThat, deren er angeklagtist, zugetraut werden darf, da er in seiner Person und in den von ihm unterhaltenen Verbindungen und in seinem Gewerbe die Eigenschaften vereinigt, welche sowohl für den Bezug, al» auch für die Verbreitung sozialistischer Schriften ihn al« die geeignetste Persönlichkeit in Pforzheim erscheinen laffen. Diese allgemeinen VerdachtSgründe, so nahe dieselben auch den Ver- dacht legen, daß Lehmann da« Haupt der Organisation ist, welche in Pforzheim und Umgebung die sozialistischen Zwecke auf jede Art, also auch durch Verbreitung sozialistischer Schriften zu fördern sucht, würden jedoch selbstverständlich zu seiner Verurtheilung nicht hinreichen. Die Hauptverhandlung hat aber auch noch eine Reihe von weiteren speziellen thatsächlichen Verdach tsgründen erbracht, welche bei dem Ge- richtshof die Ueberzeugung herv orrief, daß er der Haupturheber der oben erwähnten Verbreitung sozialistischer Zeitschristen ist. Ende November 1880 wurde in Pforzheim ein Sozialdemokrat Most'scher Richtung, Thristian Mayer au» Dagersheim, verhaftet, der zuerst wegen Theiluahme an dem von dem Reichsgericht verfolgten Hochverrathsprozesse angeschuldigt, von dieser Anschuldigung zwar lo«- gesprochen wurde, zur Zeit aber noch wegen Verbreitung sozialistischer Schriften in Untersuchung steht und seiner Aburtheilung entgegensieht. DieserMayer hat kurze Zeit nach sein er V er h a f- t un g d en P o liz ei k o m m iss är H äus er und später auch d en S er g e ant e» S tier in'« G es äu gni ß rufen lassen und hat denselben, wiesieheute eidlich versichern, Mittheilungen gemacht, welche den Angeklagten Lehmann schwer belasten. Nach den Angaben Häuser'« theilte er diesem mit, daß Lehmann mit einem Präzeptor Eitle in Neuenbürg, einer in der Nähe Pforzheim» gelegenen württembergischen Stadt, in intimer Beziehung stehe, daß Lehmann vor einiger Zeit einen Brief nach Neuenbürg mit einem Exemplar de« in Zürich erscheinenden„Sozialdemokrat" geschickt habe, der aber xovts rostants aufgegeben, nicht abgeholt und wieder an Lehmann zurück- gegangeu sei. Auch sei dem Chr. Mayer bekannt, daß Freunde, die zu Lehmann kommen, Schriften und Zeitungen mitbringen. Ferner habe er(Mayer) erfahren, daß Ende Oktober oder Mitte November die sogenannten Züricher, d. h. die Sozialdem-Zkraten Züricher Richtung, in Pforzheim einen Schlag durch Verbreitung von sozialistischen Schriften planten. Er(Mayer) sei an jenem Abend in die Lehmann'sche Wirrhschaft gekommen und dort sei von einem Freund de» Lehmann auch an ihn die Zumuthung zur Verbreitung sozialistischer Schriften gemacht worden, wa» er jedoch abgelehnt habe. Dem Polizeisergeanten Stier theilte Mayer die intime Berbindong de» Lehmann mit Präzeptor Eitle ebenfall« mit. Stier wurd« darauf- hin mit Vornahme einer Haussuchung nach sozialistischen Schriften bei Eitle beaufttagt und fanden fich richtig auch eine größere Anzahl verböte- ner sozialistischer Schriften:„Die Arbeitermarseillaise",„Der arme Kon- rad",„Herr Bastiat Schulze vou Delitzsch",„Ceternm censeo",„Vorwärts", Most'«„Proletarierliederbuch",„Der Sozialdemokrat" n. a. bei Eitle vor. Eitle verweigerte zwar dem Stier gegenüber jede Auskunft darüber, woher er die Schriften bezogen habe, allein es ist von Lehmann selbst zugegeben, daß er mit Eitle, der inzwischen gestorben ist und eidlich nicht vernommen werden konnte, in ganz regelmäßigen Beziehungen stand.' Ferner hat Lehmann zugegeben, daß er ein Exemplar de«„Sozialdemokrat" in einem verschloffenen Paket im Herbst 1880 nach Neuenbürg gesendet habe, daß dasselbe aber, weil e» povto rsstants abgesandt uud von dem Adressaten nicht abgeholt wurde, wieder in seine Hände gelangt sei. Lehmann behauptet, daß ein Unbekannter ihm anonym 2 Mark für sozialistische Zwecke Uoerscndet und dabei sich erkundigt habe, wo er deu �Sozialdemokrat" herbeziehen könne. Er habe ihm darauf unter dem verlangten Zeichen ein Exemplar de«„Sozialdemokrat" mit dem Bemerken zugesandt, daß er daran» ersehen könne, woher weitere Exemplare zu beziehm find. Schon diese letztere, von Lehmann zugestandene Absendung eine« Exemplar» würde genügen, den Lehmann gemäß§ 19 de» Sozialistengesetzes zu verurtheilen, da nach seiner Persönlichkeit und den oben ge- schilderten Umständen ebensowenig daran zu zweifeln ist, daß Lehmann da» Verbot de«„Sozialdemokrat" gekannt hat, al« daß er da» fragliche Exemplar in der Absicht der Post übergab, dadurch nicht nur da» abge- sendete Exemplar durch Vermittlung Dessen, für den es bestimmt war, weiter zn verbreiten, sondern insbesondere auch für die Weiterverbreituug der periodischen Druckschrift„Der Sozialdemokrat" zu sorgen. (Bergleiche die Entscheidungen des Reichsgericht« in Strafsachen, herausgegeben von den Mitgliedern der Reichsanwaltschaft, 3. Band, Seite 370 ff.) Der Gerichtshof hat aber diesen nachgewiesenen Fall der Verbreitung des„Sozialdemokrat" auch al« wesentliches Indizium für die nach der Anklage weiter erfolgte Verbreitung verbotener Druckschriften durch Leh- mann betrachtet und auf Grund dieses Indizium» in Verbindung mit den Angaben, welche Christian Mayer den Zeugen Häuser und Stier gegenüber machte, und der Eingangs dargestellten allgemeinen Verdachtsgründe gegen Lehmann, den Letzteren gemäß der Anklage wegen der, wie oben erwähnt, im August, Oktober und November 1880 ver- breiteten verbotenen sozialistischen Druckschristen verurtheilt. Christian Mayer, für dessen Betheiligung an den dem Lehmann zur Last gelegten Vergehen keine thatsächlichen Anhaltspunkte hervortreten, und der deshalb heute beeidigt wurde, stellt zwar seine dem Polizei- kommissär Häuser und dem Sergeanten Stier ge- machten Mittheilungen(Angaben) heute in Abrede und erklärt, dieselben beruhen auf Erfindung und Un- Wahrheit; da Mayer aber zugestandenermaßen auch Sozialdemokrat ist, so wurde seinen heutigen Angaben keinGewicht beigelegt, vielmehr die den Zeugen Häu ser und Stier gegenüber gemachten frühe- ren Angaben für wahr gehalten, da dieselben durch da» Zu- geständniß Lehmann'« über den Verkehr mit Eitle, über Absendung de« Brieses nach Neuenbürg und durch den Umstand, daß in jener Zeit, über welche Mayer Angaben macht, wirklich eine sehr große Zahl verbotener sozialistischer Schriften von der Züricher Partei in Pforzheim und Um. gebung verbreitet worden sind. Darnach ist erwiesen(I), daß Lehmann, wenn nicht der Anführer, so doch eine« der Häupter der sozialistischen Liga ist, welche in Pforzheim und Umgegend die Massenverbreitung verbotener sozialistischer Schriften im August, Oktober und November 1880 betrieben hat, und daß er, wenn er auch nicht alle die in Pforzheim und Umgebung de» Amtsbezirke« zu jener Zeit verbreiteten Drucks christen selbst herumgelegt hat, doch vor- zugsweise emer Derjenigen ist, welche diese« Herumlegen durch dritte, als Wertzeuge der Anführer handelnde Personen veranlaßt hat. Unter dieser Voraussetzung ist er aber selbst al» Verbreiter strafbar, obwohl die Mit- Urheber und Gehilfen nicht ermittelt sind, da Jeder, der an der Berbrei- tnng der verbotenen Druckschriften in Folge eine» mit Andern getroffenen Komplott» fich betheiligt, beziehungsweise Dritte veranlaßt, solche Druck- schriften herumzutragen, Miturheber der Verbreitung und nicht blas An- stister der strafbaren That eine» Andern ist, und die Uebergabe verbotener sozialistischer Druckschristen an Dritte zu dem Zwecke, daß diese dieselben weiter geben, gerade eine Verbreitung in dem Sinne des§ 19 s enthält. Daß Lehmann die Verbote der sämmtlichen verbreiteten Druckschriften gekannt hat, hat er selbst nicht in Abrede gestellt und ist au» der Art der Verbreitung und der Persönlichkeit Lehmann'« als unzweifelhaft an« zunehmen. Mit Rücksicht auf die große Zahl der verbreiteten Schriften und die sich au» der Art der Verbreitung ergebende besondere Thätigkeit de« Angeklagten schien eine höhere Strafe verschuldet und wurde daher und nach§ 497 ff. Strafprozeßordnung wie geschehen erkannt. Die Kosten der Untersuchung, soweit sich dieselben auf frühere Mit- angeklagte beziehen, mußten der Großherzoglichen Staatskasse zur Last bleiben. Gezeichnet: Gerber, Martin, Goldschmidt, Loo«, Fieser. Zur Beglaubigkeit: Der Gerichtsschreiber: T h o m a." Sozialreform. ES ist seit dem Bestehen unserer Partei wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die Sozialreform— das heißt die friedliche und gesetzgeberische Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft in die sozialistische Gesellschaft— nur unter der Bedingung möglich ist,'daß die herrschenden Klassen entweder freiwillig oder unter moralischem Druck sich auf den Boden des sozialdemokratischen Programms stellen und die ihnen jetzt als Schreckgespenst vorschwebende soziale Revo- lution bewußt zum Ziel nehmen. Wir haben aber auch, im Hinblick auf die bisherigen Ersah- rungen der Geschichte und auf die Kurzsichtigkeit, welche die zeitgenössischen Regierungen und Vertreter der herrschenden Klassen bei jeder Gelegenheit zur Schau tragen, unsere Ueberzeugung dahin aussprechen müssen, daß die Wahrscheinlichkeit einer friedlichen und gesetzgeberischen Lösung der sozialen Frage außer» ordentlich gering sei. Und unsere Delegirten auf dem Kopen- Hagener Kongreß haben dieser Anschauung in einer ein- stimmig gefaßten Resolution Ausdruck gegeben und erklärt, daß sie den Regierungen und herrschenden Klassen weder den guten Willen noch die Fähigkeit zur Durchführung der Sozialreform zutrauen. Jeder Tag bestärkt uns mehr in unserer Auffassung, deren Richtigkeit zu beweisen unsere Gegner sich mit anerkenncnswerther Offenheit bemühen. Die brutalen und zugleich kindischen Ver- folgungen, denen unsere Partei in allen Staaten des europäischen Kontinents ausgesetzt ist— die lächerliche Angst vor jeder Kund- gebung sozialistischer Prinzipien— das theils absichtliche, theils unabsichtliche Neben-die-Scheibe-Schießen, wenn man sich anschickt, irgend eine„sozialpolitische" Maßregel zur Abhilfe oder Linde- rung eines sozialen Mißstandes in's Leben zu rufen— das Alles verräth auf Seiten unserer Gegner, oder sagen wir lieber der Regierungen und Vertreter der herrschenden Klaffen einen so hohen Grad von bösem Willen oder Unfähigkeit oder Beidem zugleich(was wohl das Richtigere), daß ein noch höherer Grad von Leichtgläubigkeit dazu gehören würde, die Versicherungen der Regierungen und herrschenden Klassen, sie beabsichtigten wirk- lich die Sozialreform, auch nur einen Augenblick ernst zu nehmen. Die Frage des guten oder bösen Willens wollen wir für heute links liegen lassen. Wir wollen uns ferner nicht in Untersuchungen ergehen, ob es überhaupt psychologisch denkbar ist, daß die heuti- gen Machthaber soviel Vernunft und Selbstlosigkeit haben kön- nen, als zu dem Entschluß einer ehrlichen Sozialreform nöthig wäre. WaS wir wollen, ist, an einem alltäglich uns vor Augen tretenden, jedoch in seiner Bedeutung nur selten gewürdigten Beispiel die absolute Unfähigkeit der Machthaber zur Lösung der einfachsten sozialen Probleme zu demonstriren. Wir meinen den Krieg, welchen die Gesellschaft gegen die Verbrecher führt: das sogenannte Kriminal- und Ge-> fängnißwesen. In der»guten alten Zeit" machte man mit den Verbrechern nicht viel Federlesens— man hängte oder köpfte den einen Theil, und den anderen sperrte man ein, ohne sich weiter um die Gefangenen zu bekümmern, als daß man sie nicht verhungern ließ. Der Verbrecher war einfach der Feind, der auf die eine oder andere Weise unschädlich gemacht werden mußte. In unserem „humanen" und„intelligenten" Zeitalter wollte der Staat, wollten die Regierungen aber die Sache von einem„höheren Gesichts- punkte" auS behandeln, und die Folge war, daß das Gefängniß- nißwesen einer vollständigen Revolution unterworfen ward. Statt Käfige zur Einsperrung und Unschädlichmachung der — wilden Thiere, hätten wir fast gesagt— der Verbrecher, sollten die Gefängnisse Besserungsanstalten werden. Indem der Staat den Gefängnissen diese Aufgabe zuwies, begab er sich, ohne es zu merken, auf das Gebiet der sozialen Frage. Er mochte den Fuß hinsetzen, wohin er wollte— überall die soziale Frage. Und doch sah er sie nicht! Und weil er sie nicht sah, mißglückte das Besserungsexperiment. Eine Umgestaltung deS Gefängnißwefens folgte auf die andere, mit den verschiedensten Hastsystemen wurde experimentirt— das Resultat blieb dasselbe. Die erstrebte Besserung wurde nicht erreicht und wird bis auf den heutigen Tag nicht erreicht. Nach wie vor füllen sich die Gefängnisse, nach wie vor sind die Gesängnisse, statt Besserungsanstalten, nur Schulen des Ver- brechenL, nach'wie vor werden, namentlich die Eigenthums- verbrechen, gewerbs- und geschäftsmäßig betrieben; nach wie vor besteht ein furchtbarer Prozentsatz sämmtlicher Gefangenen aus rückfälligen Verbrechern. Trotz aller Revolutionen und Systemwechsel im Gefängniß- Wesen ist der Staat von der Lösung des Problems, wie die Ver- brecher zu bessern sind, eingestandenermaßen gerade soweit entfernt, wie vor 100 Jahren. Und das ist nicht zum Verwundern. Denn das Problem an sich ist seiner Natur nach ebenso unlösbar wie das der Quadratur des Zirkels. Dem Staat erging es gleich den Schauspielern in gewissen Lustspielszenen— er stolperte sozusagen über die Beine der sozialm Frage, aber— berührte sie nicht. Sonst hätte er begriffen, daß die Verbrecher nicht gebessert, aber die Ver- brechen verhütet werden können und verhütet werden müssen. Wir sagten: Der Verbrecher kann nicht gebessert werden. Selbstverständlich meinen wir: innerhalb der heutigen GesellschaftSorganisation. Der Verbrecher, d. h. nicht der Gelegenheitsverbecher, sondern der geschäftsmäßige Verbrecher, stiehlt, raubt, betrügt, um sich z u ernähren— das Verbrechen ist sein NahrungSzweig, feine Erwerbsquelle. Wäre ihm die Möglichkeit ehrlichen und auskömmlichen Verdienstes geboten, er würde sicherlich nicht das mit sehr viel Unannehm- lichkeiten verbundene und sehr wenig lohnende Verbrecher» geschäft betreiben. Wird ein solcher Verbrecher gefangen und empfängt er im Gefängniß die schönsten Predigten und Lehren— sobald er wieder frei ist, beginnt er wieder das alte Geschäft— und zwar aus denselben Gründen, warum er es überhaupt ergriffen hat: er muß leben. Und daran hat der Staat bis zur Stunde nicht gedacht. Wohl haben wir ein paar Pri- vatges ellschaften, die für die Unterkunft entlassener Sträf- linge sorgen wollen, jedoch aus Mangel an Mitteln und noch mehr auS Mangel an richtiger Sachkenntniß nichts leisten— der Staat hat sich um diese so einfache, handgreifliche Frage nicht bekümmert. Er„bessert",„bessert",„bessert", und unter den Sträflingen, die seine Gefängnisse und Zuchthäuser füllen, befinden sich Jahr für Jahr mit erschreckender Regelmäßigkeit 25— 30 Prozent Rückfällige l Daß der Staat hier eine Arbeit verrichtet, so zwecklos und unfinnig, wie das Dreschen von leerem Stroh, das fällt den erleuchteten Geistern nicht ein, welche heute an der Spitze des Staate« stehm. Furcht vor der sozialen Revolution ist es nicht, was die Macht- Haber gehindert hat, am Boden der Verbrecher- und Gefängniß- frage die soziale Frage zu entdecken. Es ist die Binde deS VorurtheilS und der Beschränktheit, welche ihnen dick vor dm Augen liegt und die Fähigkeit nimmt, die soziale Reform zu erkennen, geschweige denn, sie durchzu- führen. Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! ___ „Warum es in England keine Sozial- demokraten gibt?" Also betitelt sich ein Anssotz, welchen ein christlich-sozialer Anonymus ans Grund der Ausführungen von L. B r e n t a n o und Gustav Cohn im Schmoller'schen Jahrbuch versaßt hat und welcher jetzt durch einen Theil der reaktionären deuischen Presse die Runde macht. Wir könnten nun zunächst uns gegen die Frage selbst wenden, die dm Titel des Aussatzes bildet, und sie einfach durch die Behauptung der Thalsachen über den Hausen werfen, daß e» in England Sozialdemokraten gibti— aber lassm wir das und gehen wir in die Entwickeluug und Ausführungen des Verfassers ein. Er beginnt damit, feine Frage von den verschiedenen Parteien beant- Worten zu lassen. „Warum es in England keine Sozialdemokraten gibt? „Weil England da« klassische Land der freien Konkurrenz, de« Gehen- und Geschehenlassens ist— wird die deutsche Mauchesterschule sagen. „Weil in England zuerst unter allen Ländern der Grundsatz der Gleich- berechligung aller Staatsbürger und der sozialistischen Assoziation zur praktischen Verwirklichung gekommen ist— wird vermuthlich die kon- tinentale Sozialdemokratie antworten. „Weil in England die unterm Klassen die Nothwmdigkeit der höheren begreifen und nicht schon im Prinzip die Regierung bekämpfen— werdm vielleicht ko uservative Vertheidiger der bestehenden Ordnung, der bestehenden GesellschastSgliederung, erklären. „Weil das Volk Englands auch in seinen unteren Schichten dem christ- lichen Gedanke», von welchem die englische Sozialreform ausging, nicht prinzipiell feindlich gegenübersteht— ist vermuthlich die Ansicht streng kirchlich gesinnter Kreise." Nachdem der Verfasser so alle Parteien hat antworten lassen— die „koutineutale Sozialdemokratie" antwortet beiläufig nicht, wie er ver- muthet—, erklärt er, daß alle Recht und Unrecht haben, und ver- kündigt dann seine— natürlich unfehlbare— Weisheit: „Alle(in diesen Antworten angeführten) Thatsachen find richtig, ohne daß die daraus gezogenen Schlußfolgerungen ohne Weiteres zutreffen. Denn 1) bildet nicht da» Prinzip der freien Konkurrenz, sondern die Bekämpfung desselben als eine« unchristlichen den Ausgangspunkt der Sozialreform Englands und 2) bezog sich die proklamirte Gleichberechtigung, da auch jetzt noch die äußere Ungleichheit in der Vertheilung des Besitzes nirgends größer ist als in Englaud, niemals auf dm Besitz an weltlichen Gütern; auch nicht durch staatlich organistrte, sondern durch freiwillige Assoziation unter prinzipieller Verwerfung aller StaatShilfe suchte die englische Sozialreform ihre Ideale zu erreichen. Endlich hat auch 3) weder das gegenwärtige befriedigende Berhältniß der Gesellschaftsklassen zu ein- ander, noch 4) der spezifisch religiöse Ausgangspunkt der englischen Sozialreform verhivdert, daß die große Masse der englischen Arbeiter noch jetzt, und jetzt wieder, politisch und kirchlich genau so liberal, ja radikal denkt, wie irgendwo auf dem Kontinent. „Und doch haben wir in dieser christlich-sozialen Bewegung Englands den nächsten Grund dafür, daß es dort gegenwärtig eine eigentliche Sozialdemokratie nicht gibt(wir sprechen von England, nicht auch von Irland) zu suchen." Und nun schildert uus der Verfasser in grellen Farben, wie„bereits seit dem Schluß des vorigen Jahrhunderts(mit Verlaub, Herr Christlich- Sozialer, es war schon ein bischen früher) der Großbetrieb die gewerb- liche Ordnung aufzulösen begann", wie„die Handwerker in verwilderte Proletarier verwandelt" wurden und sich eine„Kluft zwischen Arm und Rtich austhat." Staat und Kirche traten aus Seiten der Reichen gegen die Armen, der Fabrikanten gegen die Arbeiter. Die schlimmen Folgen blieben nicht au». „Die Arbeiter suchten ihr Heil in der Zerstörung der Maschinen und Erstürmung von Fabriken: al« dies, wie die Gewalt bisher stets, nicht» half, in der Bildung von Gewirkvereinen, nnd da auch dieses Mittel ver- sagte, in der Lehre der Gütergemeinschaft. Die Arbeiter wurden, wie erst Jahrzehnte später in Deutschland, der großen Mehrheit nach Sozialdemo- kraten und bekannten sich zu den Chartisten." Diese christlich-soziale Geschichtschreibung ist so wunderbar, daß sie uns vortrefflich auf das Wunder vorbereitet, das sich jetzt zuträgt. Als Alle« in Nacht und Verzweiflung war— wie zur Zeit, wo dem in Eleud und Sünden verkommenen Menschengefchlechte der Heiland geboren ward—„erhob sich völlig vereinzelt die Stimme des Theologen Frederic Donison Maurice als des ersten Vorkämpfers einer neuen Lehre, die von einem kleinen, aber entschlossenen Häuflein von A p o st e l n aller Berufsarten, namentlich RechtSgelehrter, bald weit ge- nug hinausgetragen werden sollte in da» Baterland Adam Smith'». Die Welt, so lehrten dieselben, ist von Gott geschaffen, die christliche Lehre ist von Gott offenbart, zwischen beiden, der thatsächlichen Weltordnung und der christlichen Weltanschauung, kann somit kein Widerspruch stattfiuden. Die Nothwmdigkeit, die hieraus folgt, besteht darin, die Gesellschaft entsprechend der christlichen Lehre zu ordnen, die Grundsätze des Christm- thums anzuwenden auf Ackerbau, Handel und Gewerbe. Diesen Grundsätzen steht die gegenwärtige WirthschaftSordnung, welche die Selbstsucht und die ihr entsprungene Konkurrenz für die oberste Triebfeder jedes gesunden Fortschritt» erklärt, direkt entgegen. Die Bekämpsung dieser Selbstsucht, diese« Konkurrenzpriuzips, bildet daher den Ausgangspunkt jeder vernünftigen Reform der Gesellschaft. Nicht durch Konkurrenz, sondern durch Zusammenwirken ist die Wirthschaft, ist die Gesellschaft zu resormiren, da« Prinzip der Assoziation ist nothwendiger Ausfluß des Christmthums selbst. „Die Forderungen, welche die sozialen Reformer an die einzelnen Gesellschaftsklassen zu stellen hattm, ergaben sich hiernach von selbst." Die sich von selbst ergebenden Forderungen— der Leser wird von seinem Erstaunen, daß die Existenz de» wunderthätigm Messias ihm trotz der llberbiblischen Wunder desselben ein tiefes Geheimniß geblieben, sich Hoffmtlich genügend erholt haben, um da» Folgende zu lesen— also: „die sich von selbst ergebenden Forderungen" find, daß„Freiheit, Gleich- uud Brüderlichkeit" eine durchaus berechtigte„Devise" ist. Aber„nur iu der gleichen M ö g l i ch k e it Aller, ihre besonderen Gaben zu entfalten, besteht die wahre Gleichheit, nur iu der B e h e r r s ch u n g der thierischen It. stinkte, die im Menschen rühm, besteht die wahre Freiheit, nur in dem gemeinsamm Empfinden und Wirken für da« Allen gemeinschaftliche Gute, in der Regelung des KlassenverhältnisseS aus brüderlicher Grundlage die Brüderlichkeit. Niemals ist Volkspolitik mit bloßer Arbeiter- Politik identisch: die erstere besteht vielmehr in der Erfüllong der jeder Klasse gegeu die andere obliegenden Verpflichtungen und für die arbei- tende Klasse heißt sie: Einfachheit, Ansprueblosig- keit, Ehrlichkeit, Treue gegen die Kunden und gegeu einander, Unterordnung de» einzelnenJch« unter da« Ganze, Assoziation statt Konkurrenz." Uud für die Klaffe der Besitzenden heißt die„VolkSpolitik": daß sie die Arbeiter„wie ältere Brüder die jüngeren unterstützen und führen, nicht unterstützen in der Form der Gnade und mit dem ausgesprochenen Zwecke, die Armen in ihrer Lage als Arme zu erhalten, sondern mit der Abficht, sremde Hilfe künftig entbehrlich zu machen, daß sie nicht mit falscher Vornehmheit, sondern vertrauend ihnen entgegeukommen, daß sie die soziale Führung übernehmen und durch täglich neue Verdienste be- weisen sollen, daß sie in der That die erste Klaffe de» Lande» und ihre Klasseoausprüche berechtigt find." Die« da« welterlösende(und die Arbeiterfrage lösende) Programm. Und nun die Ausführung. E» wurden Artikel in einem Londoner Blatt (und vermuthlich auch mehreren anderen) geschrieben. Es wurden Pro- duktivaffoziationen gegründet. E« wurden Musterlogirhäuser errichtet. ES wurden Predigten gehalten. Es wurde für die armen Nähterinen da« öffent- liche Mitleid erregt. Es wurde eine„Gesellschaft zur Förderung von Arbeiter- Assoziationen" gegründet. ES wurde eine ZentralgenossenschastSbank ge- stiftet. Uud noch verschiedenes andere Erstaunliche wurde geleistet. Da» Alles war aber nicht genug. Die Arbeiter mußten„gebildet" wer- deu. Die christlich-sozialen Wundermänner schufen das„WorkingmenS College"(Arbeiter Hochschule), wo Unterrichtsstunden ertheilt und von verschiedeneu berühmten Professoren Vorträge gehalten wurden. Jedoch— der christlich-soziale Anonymus hat wieder das Wort— „mit all' diesen Mitteln haben die christlichen Sozialisten Englands ihr nächste» praktisches Ziel, die Verwirklichung des Christenthums im Asso- ziationsprinzip nicht erreicht, ja sie find demselben gegenwärtig ferner al» je. Die Produktivgenossenschasten sind bis auf verschwin- dende Ausnahmen zu Grunde gegangen, und die Konsumvereine blühen und gedeihen zwar, aber Überbielen sich in jenem kleinlichen, dem Konkurrenzkampf und KlassenegoiSmuS entsprungenen Krämergeist, deu sie selbst und ihre christlich-sozialistischen Förderer bei ihren Gegnern in erster Linie bekämpften. Auch dem Christenthum, geschweige denn der Staat»- kirche ist die Arbeiterbevölkerung England» innerlich kaum in höherem Grade zugeneigt, al» früher. „Aber Eines haben unsere christlichen Sozialisten erreicht. Die ganze Haltung der oberen Klassen Englands gegenüber den Arbeitern hat sich geändert, sie haben iu hohem Grade die Lehre der christlichen Sozialisten beherzigt, daß es ihre vornehmste Aufgabe sei, die Führung der Arbeiter- klaffe zu übernehmen. Und nicht al« selbstsüchtige Agitatoren haben sie diese Führung übernommen, sondern al» treue, oft warnende und zür- nende Freunde. Iu fast allen großen Arbeiterstreitigkeiten Englands haben sich aus ihren Kreisen Männer gefunden, die aller ihnen daran» erwachsenden Nachtheile nicht achtend, für die Arbeiter eintraten, wo sie in ihrem gnten Rechte waren. Da« WorkingmenS College besteht und ent- faltet seine reiche SegenSlhätigkeit noch jetzt; auch die großartigen, der materiellen und sittlichen Hebung des Arbeiterstaude« dienenden sonstigen Anstalten, die alle der freien Initiative der höheren Stände entsprangen, sind zu bekannt, al» daß e« ihrer Aufzählung nnd Beschreibung an dieser Stelle bedürfte. „Uud die englischen Arbeiter haben die» erkannt. E» gibt heute that- sächlich in England keine Chartisten mehr." Also da« Praktische, wa« die christlich-sozialen Tausendsasas er- strebten, die Verwirklichung de» Assoziatiousprinzip» u. s. w., ist ihnen mißglückt, aber das Hauptziel haben sie dennoch erreicht. Um so größer da» Wunder. „Ts gibt keine Chartisten mehr in Englan d." Da« ist allerdings richtig. Schade uur, daß Leute, die— vermuthlich weil ihnen der rechte Glaube fehlt— keine Wunder bemerkt haben, der Memung sind, die englischen Christlich-Sozialen seien hieran ebenso un- schuldig, wie da» Heupserd der Fabel an der Fortbewegung de« Wagen«. Uud da» Wunderbarste an dem christlich- sozialen Wunder ist, daß die englischen Arbeiter, an denen da« Wunder doch geübt worden ist, gar nichts davon verspürt haben. Es wird keine hundert englischen Arbeiter geben, die den Namen de» Messias Maurice je gehört oder in dm Mund genommen haben. Um einmal au» dieser christlich-sozialm Wunderwelt iu die wirkliche (süudhaste) Welt zurückzukehren, von der wir uns leider nicht zu trennen vermögen, sei kurz bemerkt: Obgleich in England seitens der Pfaffen uud überhaupt der oberm Klassen hundertmal mehr als in irgend einem anderen Lande geschehen ist, um die Arbeiter sromm und konservativ zu machen(unser Christlich- Sozialer hat freilich kolossal aufgeschnitten), sind all' dieseVersuche aus'» Kläglichste gescheitert. Die englischm Arbeiter find durch die Bank entweder bewußt atheistisch oder religiös in- differeut: und in der Politik radikal.„Revolutionär" sind sie seit dem Erlöschen der(an ihrer eigenen Unklarheit und ihren mueren Widersprüchen gescheiterten) C h a r t i st e n b e w e g u n g bi« auf den heutigen Tag a l« Klasse nicht gewesen, und zwar aus dem sehr einfachen Grund, weil der Staat ihnen nicht feindlich entgegentritt— wie da» in Deutschland der Fall ist— und weil die Freiheit, deren sie genießen, ihnen die Hoffnung eingeflößt hat, durch Ausübung de« Assoziation«- und KoalitiouSrechte» in dem heutigen S t a at e d a« Ar beit S v er h ä ltui ß und d i e G e s e l l s ch a f t in ihrem(der Arbeiter) Sinn umgestalten zu können. Das ist eine Jlluston. Die Masse der englischen Arbeiter ist, trotz empfindlicher Lehren, noch nicht von ihr geheilt. Die Logik der Thatsachen wird aber, vermittelst noch empfindlicherer Lehren und Ersahrungen, die Heilung bewerkstelligen. E« sind schon tüchtige Kräfte für die Sozialdemokratie gewonnen. Die „Demokralische Föderation" arbeitet tapser am Propagandawerk. Kein Wunder der christlich-sozialen Wunderthäter wird verhindern können, daß eines schönen Tage« die gesammte Arbeiterklasse England» sich zur Sozial- demokratie bekennt. Und wenn den englischen Arbeitern die Binde von den Augen gefallen ist, dann haben sie auch vermöge ihrer kolossalen, unvergleichlichen Gewerkschaftsorganisationen(die nicht„versagt" haben) sofort die Macht zur Durchführung ihrer Ideen. Am Tage, wo die englische Arbeiterklasse sich von der Nothwmdigkeit de« demokratischen Sozialismus überzeugt, gibt e» in England nicht blo« Sozialdemokraten, dann gehört England der Sozial- demokratie! nri. Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 26. September 1883. — Liberale Weisheit. Herr Georg v. Bunfeu, Freund und Vertrauter des Kronprinzm und Führer der sezesfionistischen Libe- ralm, der e« nicht verschmäht hat, die famose Reklamereise zu Ehren de« Hrn. Billard und auf Kosten der„Northem Pacific Gesellschaft" al«„Free- Luncher", aus deutsch Fr eib erger, mitzumachen, dieser Herr Bunsw ist bei seiner Anwesenheit in C h i c a g o von einem Berichterstatter der dortigen„Times"„interwiewt" worden und ließ sich u. A. folgender- maßen Uber dm Sozialismus au«: „Der Sozialismus ist keine prominente*) Frage. Wir haben da» allgemeine und freie Wahlrecht in Deutschland, welche« Jedem ge- stattet, seineu Ansichten freien Ausdruck zu verleihen. Die Sozialistm haben auch hiervon Gebrauch gemacht und einige Vertreter erwählt. Ob der Sozialismus ab- oder zunimmt, kann ich Jhnm nicht sagen. Sie wissm, daß da» Sozialistengesetz die Agitatoren in sehr wirk- samer Weise ausgerottet hat. Sobald ein Redner in einer Versammlung über sozialistische Lehren spricht, nimmt ihn die Polizei sofort beim Kragen und sprengt die Versammlung. Damit bin ich nun eigentlich nicht einverstanden. Meine Ansicht ist die, daß der Sozialismus eine Krankheit ist, die auSzurottm es nur zwei Mittel gibt: 1) Systematische Gesetzgebung, die alle» Da» beseittgt, wa« den Mm- scheu verhindert, fortzukommen. 2) Die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den gebildeten uud ungebildeten Klassen sollten zu engeren und brüderlicheren umgestaltet werden. England und Amerika haben nicht« vom Sozialismus zu befürchten. England hat ihn durch weise Gesetzgebung vor 35 Jahrm vernichtet. Amerika bietet ihm nicht den geringsten Boden." *) hervorragend, wichtig. Wenn man dieses widerspruchsvolle Gefasel liest, setzt der„Chicagoer Vorbote" hinzu,„so sollte mau meinen, daß Bunsen ein beschränkter Schafskopf sei, und doch ist er einer der bedeutendsten Diplomaten Deutsch- laods. Man stelle die folgenden AuSziige neben einander und vergleiche sie: „Wir haben das freie und allge-„Sobald ein Redner in einer meine Wahlrecht, welches Jedem Versammlung Uber sozialistische gestattet, seinen Anschauungen freien Lehren spricht, saßt ihn die Polizei Ausdruck zu verleihen....." beim Kragen und hebt die Ber- sammlung auf.. Woher weiß denn der Herr, daß der Sozialismus keine prominente Frage ist?(Für ihn, den wohlgenährten Bourgeois, ist er es freilich nicht.) Gibt es wohl überhaupt eine prominentere Frage als die Lebensfrage?... Sie erscheint uns sogar noch„prominenter" als das Drei Idioten- oder Kaiser-BUndniß, oder die orientalische und ähnliche „Fragen". Dann sagt der Ausbund von Weisheit, der Sozialismus sei eme Krankheit, die sich dnrch die oben bereits angeführten Mittel kuriren lasse. Wir verzeihen ihm diese BegriffSverwechSlnng. Die Krankheit, von der er spricht, heißt Armuth! Der Sozialismus ist das Heilmittel gegen diese allgemeine und furchtbare Seuche. Wenn der Herr dann zum Schlüsse sagt, daß in Amerika kein Boden für den Sozialismus ist, so ist das von einem Menschen, der kaum eine Woche im Lande ist und sich während dieses Zeitraumes unter unfern Dickbäucheu herumgenassauert hat, eine unverschämte und anmaßende Be- hauptung. Nachdem er oben das Vorhaudenseiu einer gesellschaftlichen Krankheit, die wir Armuth nennen, zugestanden, fragen wir ihn, ob diese Krankheit auch in Amerika existirt. Wenn hier Armuth herrscht, dann ist auch dos Heilmittel dagegen, der Sozialismus, berechtigt. Diese Berechtigung kann überhaupt nicht mehr, am wenigsten aber von einem „Greenhorn", in Frage gezogen werden, denn der Sozialismus hat in dem amerikanischen Volke bereit» tiefere Wurzeln geschlagen, al« vielleicht in irgend einem anderen, trotz aller gegenlheiligen Behauptungen I— Jenen Frei- Lunch-Gardisten möchten wir anrathen, Uber die Billard'sche Speise- und Weinkarte, statt über Dinge zu sprechen, von denen sie einfach nichts verstehen." Sehr derb gegeben, aber sehr berechtigt. Wenn Herr von Bunsen da» Glück haben sollte, seinen Busenfreund Fritz noch einmal auf dem Thron zu sehen und alsdann eine maßgebende politische Rolle zu spielen, dann werden wir gespannt sein, zu ersahreu, wie er e» ansängt, in der Aera der kapitalistischen Riesenproduktiou„alles zu beseitigen, was das Fort- kommen der Menschen hindert". Wenn da«„Fortkommen" nur nicht >m Sinne de« wegkommen zu verstehen istl — Das Fiasko der Hirsch- Dunker'schen Gewerkvereine ist vollständig. Nicht genug, daß für die famose„Berbands-Jnvaliden- lasse" die Karreuzzeit von 2 aus 15 Jahr erhöht worden ist, haben die Mannen de« Herrn Hirsch jetzt noch beschlossen, den nach diesem Beschluß (dem bekanntlich rückwirkende Kraft verliehen ward) peusionsberech- tigten„Invaliden" ihre Pension bis auf Weiteres auf die Hälfte zureduziren. Abgesehen von dem Nachweis erbärmlicher Verwaltung, die durch ein solch willkürliches Experimentiren er- bracht wird, liegt in diesem Verfahren auch ein Bertrauensbruch schlimmster Art,— ein Bertrauensbruch, der an das Strafgesetzbuch an- streift. Daß e« mit der Hirsch-Dunker'schen Gewerkvereinsbewegung nun zu Ende geht, und daß der„Harmonieapostel" auch in den ihm bisher wohlgesinnten Arbeiterkreisen jeglichen Kredit verloren hat— da» bedarf keiner besonderen Erwähnung. Die Hirsch-Dunker'schen Gründungen waren Schwindel, und die Zeit de« Krachs, die für jeden Schwindel kommt, ist jetzt für sie gekommen. Nicht ganz so rasch vollzieht sich der Bankrott eine» anderen Schwin- dels ähnlicher Art und ähnlichen Ursprung»: wir meinen die S ch u l z e- scheu Genossenschaften. Wie die Hirsch-Duncker'schen Gewerk- vereine die Arbeiter, so sollten die Schulze'schen Genossenschaften die Handwerker und kleinen Geschäftsleute in das Garn der fortschrittlichen Bourgeoisie locken. Ueber die Einrichtungen und das Wesen dieser Genossenschaften brauchen wir uns nicht auszulassen, da unsere Leser zur Genüge unterrichtet sind. Bisher hieß es nnn immer, trotz einzelner Krachs stände es im Ganzen mit den Schulze'schen Ge- nossensch asten vortrefflich, und dehnten dieselben sich immer mehr aus. Jetzt erfahren wir aber von Seilen der nächst Betheiligten selbst, daß dieß nicht der Fall ist, und daß„zwar die Zahl der Genossen- s ch a f t e n zunimmt, jedoch nicht die Zahl der Mitglieder"— mit Einem Wort, daß eS mit den Schulze'schen Genossenschaften nicht mehr vorwärtsgeht. Die liberale Presse zerbricht sich den Kops über diese„ausfällige Erscheinung". Nicht im Geringsten ausfällig. Das eim zige Auffällige ist, daß die kleinen GeschästSleute und Handwerker nicht eher hinter den Schwindel gekommen sind. — Was in Deutschland noch möglich ist. Die„Kreuz- zeitung", von der man allerdings viel gewohnt ist, bringt in ihrer Rum- mer vom 24. September im redaktionellen Theil folgende iuteressante Nachricht: „Meerholz, 21. September. Heute verschied hier die erlauchte Gräfin Bruuhilde zu Ysenburg und Büdingen nach l'/�jäh- rigem schweren Leiden im Alter von— was meinen unsere Leser?— von 10 Jahren und 9Monateu. Die junge Gräfin war die dritte Tochter au« zweiter Ehe S r. Erlaucht des Grafen zu Isenburg und Büdingen mit dessen durchlauchtiger Gemahlin Agnes, geb. Prm- zesfin zu Isenburg und Büdingen." Und da gibt e» noch Leute, die sich über die Chinesen lustig machen! In der That, wenn Deutschland nicht das Land ist, wo der Zopf„immer hinten" hängt, so sind e« nur die deutscheu Arbeiter, welche da« „Reich der Mitte" Europa'« vor diesem Fluch bewahren. Sie allein find frei von jener elenden Spießbürgerei, die uns überall entgegentritt, und die sich namentlich in der Presse aller bürgerlichen Parteien breit macht. Freut sich doch sogar die„republikanische"„Frankfurter Zeitung" anläßlich der Kaisermauöver über das gut« Aussehen„unseres" Krön- Prinzen. Die Arbeiter Frankfurts aber haben durch Aushissen der rothen Fahne zu Ehren der 48er Freiheitskämpfer gezeigt, daß sie ihrer Ausgabe sich bewußt sind. — W e n g e h t's a n?„.... Sie bekennen sich zu dem Grund- satz: Wo mir'« wohl geht, ist mein Vaterlaud, find fremd jedem uatio- ualen Gedanken: international. Sie... hängen vielfach nicht mehr am Glauben ihrer Väter." Also zu lesen in Nr. 37 de«„Christlichsozialen KorrespondenzblatteS" in einem Artikel Uber„Sozialdemokratie und Juden". E» ist nöthig, da« hinzuzufügen, sonst sollte mau meinen, es wären die Vertreter des Gottesgnadenthum« gemeint, etwa die Koburg-Gothaer, die in allen möglichen Ländern gegen gute Bezahlung Landesvaler spielen, oder die Hohen zoll er n, die in Rumänien gute griechisch. katholische, irgendwoander«, wie etwa in Spanien, römisch-katholische, Gläubige werden, wenn'« nur einen Thron, und sei er noch so klein, einbringt. — Ein charakteristischer Nothschrei. Folgende Notiz durchläuft gegenwärtig die deutsche Presse: „In dem„Oberschlesischen Anzeiger" hat ein genauer Kenner der ober- schlefischen Verhältnisse, Geh. Rath v. Selchow auf Rubnik, einen Artikel verössentlicht, in dem er ausführt, daß in Oberschlesien mit wenigen Aus- »ahmen Alle« stiehlt, ja ganze Gemeinden fast ausschließlich vom Dieb- stahl leben und Hehler zu Tausenden bereit sind, das Gestohlene anzu- kanfeu. Nicht der tausendste Theil der verübten Diebstähle, behauptet V.Selchow, komme zur amtlichen Anzeige und mit Vorliebe werde der Sonn- und Feiertag zum Feld-, Garten- und Forstdiebstahl benutzt. Er erklärt diese soziale Kalamität au» der mangelhaften Jugenderziehung, welcher die Grundlage der Wahrheitsliebe und des gefun- den Menschenverstandes fehle.„Die Allermeisten halten den unerlaubten kleinen Di-besvortheil gar nicht für Diebstahl. Kinder be- stehlen ihre Eltern; Eltern, die ihre Söhne zu Lehrern erziehen, bestehleu ihie Herrschaft! Bauern fahren mit Wagen zum Getreide, oder Holzdieb- stahl au», Heuer, Maurer, Zimmerleute sehen es für ihr Recht an, etwa« Verwerthbares von der Arbeitsstelle mitzunehmen, selbst das Gemeindeamt hielt schon hier und da nicht vom Stehlen ab." Gegenüber Zweifeln au der Richtigkeit dieser Schilderung, die man für übertrieben zu halten ge- neigt ist, tritt der Verfasser mit seinem Namen für die Wahrheit seiner Darstellung ein." Ueber diesen Schmerzensschrei sind sich zunächst die Liberalen und Ultra- montanen in die Hände gerathen, indem die Ersteren sofort ausriefen: Da seht Ihr die Früchte der Herrschast de» Ultramontanismus I und die Letzteren die Richtigkeit der Behauptungen des Herrn von Selchow be- stritten. Unsere« Wissens nach hat der Herr von Selchow nicht geflun- kert! die Oberschlesier haben in der That keinen großen Respekt vor der Heiligkeit de» Eigenthum. Wie sollten sie auch dazu kommen, wenn sie darüber nachdenken, wie das Eigenthum der Magnaten, deren Schlesien sich erfreut, entstanden ist und noch entsteht? Sie sehen, wie im Großen gestohlen wird, und machen es nun im Kleinen nach. Was speziell den Holz- ic.-Diebstahl anbetrifft, so ist beim Volke eben, und mit Recht, die Anficht gäng und gäbe, daß der Wald der Allgemein- heit gehöre und Niemand Anderem. — Auch ein Beitrag zur Frauenfrag e. JnDresdeu erscheint seit einiger Zeit eine Wochenschrist„Für'S Haus", heraus- gegeben von Clara von Stübnitz— vermuthlich die Gattin des be— rühmten Sozialpolitikers Arthur von Stübnitz. In einem Reklame- Prospekt dieser Zeitschrift finden wir unter der Rubrik„Für den Erwerb" folgenden niedlichen Beitrag zur Frauensrage: „C o m p t o i r i st i n n e n.(An A. H. in N.) Sie wünschen eine Anstellung in einem größeren kaufmännischen Geschäfte und fragen, ob Ihre Kenntnisse Sie hierzu befähigen würden. Ich glaube, da« Letztere nach Ihren Mittheilungen bejahen zu dürfen, mache Sie jedoch darauf merksam, daß in keinem Berufe das Angebot von Stellensuchenden ein so große« ist, wie im kaufmännischen. Immerhin werden in gewissen Geschäften im Comptoir Frauen den Herren vorgezogen, weil Comp- toiristinnen in der Regel Männern an Pünktlichkeit und Ordnung nicht nachstehen und geringeren Gehalt beanspruchen. Sollte Ihnen eine Stelle mit auch nur 600 Mark jährlichen Ge- h alt an g eb o ten w er d en, so nehmen Sie diese getrost an. Es ist der erste Schritt für künftige bessere Stillungen." Schamloser kann man wohl für das System der Unterbietung der männlichen Arbeit durch Frauenarbeit nicht eintreten, und da« in einer Zeit, wo Tausende und Abertausende stellenloses�KomPtoiristen beschäftig- ungslo» umherlungern. Der liebenswürdige Ralhgeber betitelt sich dabei noch selbst als„ein Buchhalter". Ob er wohl seine Weisheit aus der schönen„Sozialkorrespeudenz" geschöpft hat? Natürlich findet„Für's Haus" den Beifall der gesammten deutschen Presse. Es ist ja ein Organ, welches die„Weiblichkeit" seiner Leserinnen bewahren will und dort eine Stätte sucht,„wo an dem Rocken emsig spinnt die Maid". Schade nur, daß die spinnende Maid schwerlich die Mittel hat, da» vortreffliche Blatt zu abonniren. Frau von Stübnitz frage nur ihren Mann nach dem Einkommen der Arbeiterinnen in den Spinnereien. — SchamloseFörderung derAgrarinteressen. Nach- dem Bismarck kürzlich erst durch die berüchtigte Spritklansel im spanischen Handelsvertrag sich und seinen schnapsbrennendcn Kollegen in den Ostprovinzen namhafte Persönliche Bortheile gesichert hat, benutzt er seine Stellung weiter, um dem Agrarierlhum noch größere Vortheile zu verschaffen. Laut einer Verordnung des Eisenbahnministers Mai- dach sind für den Sprittransport aus den Bahnen au« den Ostprovinzen nach Hamburg sehr billige AuSnahmetarife in Kraft ge- treten, eine Maßregel, welche die Spiritusfabrikation aus Kartoffeln und Getteide in noch höherem Grade als bisher fördern muß und die deutsche Jndustriebevölkerung für den Bezug von Lebensmitteln immer mehr vom Auslande abhängig macht. Andrerseits muß dann die nothwendig gewordene Mehreinsuhr von Lebensmitteln herhalten, das Gelüst der Agrarier nach höheren Zöllen auf Korn, Weizen, Fleisch ,c. zu recht- fertigen. Das ist die Zwickmühle, in die das deutsche Volk unter dem Feld- geschrei:„Schutz der nationalen Arbeit" genommen wird. Die Lebens- mittel werden im Interesse einer Klasse reicher Grundbesitzer stetig ver- theuert und die angekündigten Lohnerhöhungen bleiben au« oder der Lohn geht gar rückwärts. Es geht nicht« über eine schöne Phrase, aus die stets eine gr ße Zahl Dummer hereinfällt. Die„Proviuzial-Korrespondenz", da» hochofsiziöse Organ des Herrn von Puttkamer kündigt den Antrag auf Verlängerung de« Sozialistengesetze« an, sie thut endlich, was wir längst erwartet haben. Da das nächste Mal da» Zentrum zu dreiviertel seines Bestandes für die Ver- längerung stimmen wird, so ist eine Majorität für den Antrag im Reichstag gesichert. Da» Zentrum will sich dem Fürsten Bismarck dankbar erzeigen, e» kommt schließlich unter Führung de« Herrn Windthorst dort an, wo dessen Landsmann Bennigsen die Nationalliberalen hinführte. Die Sozialdemokratie ist der Fels, an dem schließlich alle Parteien zerschellen. — Heilig i st das Eigenthum. Die Stadt Wien schenkte im Jahre 1683 dem Polenkönig Sobieski einen prachtvollen Sieges- wagen, der 3000 Dukaten gekostet haben soll. Etwa sechzig Jahre später befand sich diese« Werthstück auf einem der weiblichen Nachkommen de« König« gehörigem Gute in Oberschlesien. Dort nahm es der preu- ßische Generallieutenant Henning Alexander von Kleist während de« ersten schlefischen Krieges 1742 al» Beute„in Beschlag"(da» heißt, es wnrde gestohlen), und schickte es mit Erlaubniß de« Königs Friedrich II. nach Pommern, wo es zu einer Kanzel für die Dorfkirche zu Raddatz bei Neustettin verarbeitet wurde, da man sich wahrscheinlich mit dem Herrgott wegen de» Massenmordes aussöhnen zu müssen glaubte. Die Diener Gottes nahmen natürlich das Gestohlene als Geschenk an und predigen noch heute von dem siebenten der zehn Gebote und von einem glücklichen Jenseits von dieser„historischen" Kanzel. — Lahme Justiz. In Glogau(Schlesien) spielt jetzt ein großer„G r ü n d erp r o z e ß" gegen vier Gründer, Namen» Förster (2 Brüder), L e f> e l und T r i e p e l. Diese guten Leutchen hatten— da« Beispiel anderer Ehreuwerther, darunter hohe und höchste Herrschaften, befolgend in der Gründerzeit ihr Schäfchen in« Trockne zn bringen gesucht, und es glücklich fertig gebracht, die Taschen de» Publikums um da» bescheidene Sümmchen von etlichen 20 Millionen Mark zu erleichtern. Wenn es arme Teufel gewesen wären, die ein paar Mark gestohlen hätten, so würde die Justiz sie schnell am Kragen gehabt haben — s o hat e» 10— wir schreiben zehn ganze Jahre gedauert, ehe die Dame Justiz hat begreifen können, daß, wer etliche 20 Millionen stiehlt, auch ein Spitzbube ist. Besagter Millionen- Diebstahl wurde nämlich im Jahre 1873 verübt. In der That, die Justiz scheint am Hirn und au den Beinen recht lahm zu sein. — Au« Sachsen. Die Nolhwendigkeit, Material für die Begründung de« dem Reichstag in seiner nächsten Session vorzulegenden Gefetz- entwürfe« Uber die VerlängerungdesSozialistengesetzes zu beschaffen, legt unserer sächsischen Polizei ähnliche Verpflichtungen auf, wie die periodische Nothwendigkeit, die Verlängerung de«„Kleinen" über Leipzig und Umgegend zu begründen. Ja, noch größere, sintemalen e» sich jetzt um Sein oder Nichtsein für da» Polizeiwillkür- und Spitzel- regiment handelt. Nicht als ob ich sagen wollte, daß mit dem Fall des Sozialistengesetzes das Polizeiregiment in Deutschland zu Ende gehen würde. Bewahre. Ich weiß sehr wohl, daß die Polizei auch außerhalb des Gebiet», welches ihr durch da« Sozialistengesetz eingeräumt wird, im Reich der Gottesfurcht und frommen Sitte noch sehr viel Spielraum hat. Was hat z. B. nicht die neueste Gewerbeordnung«. Novelle zur Ausbildung de« Polizeistaats gethan! Jndeß, wie dem sei, da« Sozialistengesetz hat der Polizei einen Tummelplatz gegeben, wie sie ihn vorher niemals gehabt, selbst in den Zeiten der schwärzesten Reaktion— und diesen Tummelplatz will sie nicht verlieren. Es gilt also ihre Unentbehrlichkeit und die Nothwendigkeit de« Sozialistengesetzes nach- zuweisen; und da muß denn Material herbei. Und die edlen Brüder von der Hermandad(das heißt ja auf deutsch: Bruderschaft) geben sich seit einiger Zeit weidlich Mühe. Namentlich im lieben Leipzig, wo auch der Belagerungszustand zu konserviren ist, sucht sie im Schweiße ihre» Angesichts nach„Material"— sucht, sucht, sucht— und findet—. Je nun, wenn sie es nur selber wüßte, die liebe Polizei.-- An anderen Orten wird die Polizei da« gleiche wohlberechligte Bedllrsuiß verspüren und es ist gut, wenn die Genossen demselben überall in möglichst geeig-, ueter Weise entgegenkommen. Die Landtagswahlen betreffend habe ich noch zu bemerken, daß für das P a r t e i e n v er h ä l t n i ß im Landtag die Vermehrung der konservativen Mandate ganz gleichgültig ist— die Konservativen hatten bereits früher die Majorität, und da die Liberalen in allen wichtigen Fragen, d. h. in allen Fragen, welche die R e g i e r u n g als wichtig betrachtet, mir den Konservativen für die Regierung zu stimmen pflegen, so wird die Regierung in der bevorstehenden Landtagssesfion über genau so viel Stimmen verfügen, wie in der vorigen und vorletzten— nämlich über sämmtliche, mit Ausnahme der vier sozialdemokratischen. Was unsere Partei anbelangt, so thnn die Gegner, als seien sie sehr vergnügt, daß wir auf dem alten Stand geblieben sind und„folglich keine Fortschritte gemacht" hätten. Da« ist aber eitel Flunkerei. Vergnügt sind die Gegner allerdings, daß wir ihnen nicht verschiedene Mandate entrissen— diese vergnügte Stimmung verräth uns, welche Angst sie ausgestanden— allein, daß wir keine Fortschritte gemacht hätten, da» zu glauben, sind die Herren doch nicht ganz dumm genug. Ein ver- gleichender Blick auf die Stimmenzahlen der früheren Landtagswahlen und der letzten zeigt, daß wir diesmal im Ganzen bedeutend mehr Stimmen bekommen haben, als bei den Wahlen von 1881 und 1879 — den einzigen, an welchen sich die Gesammtpartei bethciligt hat. Da» Borgehen der Stollberg-Lugauer Genossen im Jahre 1877, welches erst zur Wahl Liebknecht'«, und hernach, da diese für ungültig erklärt ward, zu der Wahl Freytag's führte, war ein vereinzelte» und aus der I n iz i a t i v e der Stollberg-Lugauer(und benachbarten) Ge- nassen entsprungen, die durch ihren Sieg der Partei die vorher ziemlich allgemein bezweifelte Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit der Betheiligung an den sächsischen LandtagSwahlen nä üominsm demonstrirten. Ich bin augenblicklich nicht in der Lage, die vollständigen Ziffern der bei den drei letzten LandtagSwahlen sozialdemokratischerseit« abgegebenen Stimmen mitzutheilen, so viel steht aber fest, daß die Vermehrung eine sehr be- deutende ist. Die Gegner haben da« Wachsen des sozialdemokratischen Einflusses auf da» Wahlresultat auch thatsächlich anerkannt, indem sie in denjenigen Kreisen, wo sie die Sozialdemokraten stark wissen, sich alle gegen uns zu verbinden suchten, und in den meisten auch wirklich ver- Kunden haben. Daß in Chemnitz das Wahlresulat für uns so viel günstiger war, als in anderen Orten des Erzgebirges, wo unsere Partei eben so zahl» reich vertreten ist: z. B. in Crimmitschau, Wersau, Meerane k.— das hat seinen Grund in dem Zensus. Nur wer mindestens 3 Mark (ohne Zuschlag) an direkten Stenern bezahlt, kann— vorausgesetzt, daß er den sonstigen Bedingungen entspricht— für den Landtag wählen. Nun sind aber die L o h n v e r h ä l t n i s s e in den Weberbezirken de» Erzgebirges so erbärmliche, daß die größere Hälfte unserer Genossen die 3 Mark nicht bezahlt, während in Chemnitz momentan bessere Arbeitsverhältnisse herrschen. Zum Schluß sei noch bemerkt, daß, wenn wir nicht— des hohen Wählbarkeits-Zensus halber(30 Mark direkte Steuern)— eine große Kandidatennoth gehabt und nicht noch im letzten Moment in dieser Beziehung unerwartete Schwierigkeiten gehabt hätten, mindesten» drei Mandate uns sicher gewesen, und— was schon vorige Woche ge« sagt ward— Stollberg nicht verloren gegangen wäre. Es ist aber Thatsache, bei den sächsischen LandtagSwahlen macht un» der Zensus der Wähler weniger Kopsschmerz als der Zensus der zu Wählenden. — Serbien. Das Resultat der Wahlen für die Skupschtina ist ein überaus günstige» für die Sache der Demokratie. Trotz der brutal- sten Verfolgungen, trotz Verhaftungen sc. hat die radikale Opposition die überwiegende Mehrheit unter den gewählten Abgeordneten, so daß, trotz de« Rechtes der Ernennung eine» Viertel« der Mitglieder der Skupschtina die Regierung Milan» keine Majorität zusammenbringen wird. „Diese Resultate", schreibt ein Serbe in der Pariser„Justice",„sind in mehrfacher Hinsicht beachtenswerth: 1) Sie zeigen vor Allem, wie mißbeliebig die Regierung Milan'» I. geworden ist— 94 Stimmen; 2) sie lassen uns die wahren Gesinnungen des serbischen Volke« er- kenneu— 79 Stimmen; 3) sie sind gegen die deutsch-österreichische Politik gerichtet— 36 Stimmen, d. h. nur 36 Stimmen dafür; 4) sie sind für die russische Politik ungünstig— nur 15 Stimmen dafür." Man muß sich daher aus die allergrößten Verwicklungen gefaßt ma- chen; da» Ministerium wird mit Sicherheit schon nach der ersten Sitzung gestürzt werden. Die Monarchie selbst ist kompromittirt und man hat keine Veranlassung anzunehmen, daß Milan I. e« verstehen wird, einer Situation Herr zu werden, die er seit 5 Jahren immer mehr verschlim- mert hat, gerade als ob er es darauf abgesehen hätte." — Amerika. In Pittsburg(Pensylvanien) findet am 14. Okt. ein„Kongreß der Sozialisten Nordamerikas" statt. Derselbe ist ein- berufen von mehreren au« der sozialistischen Arbeiterpartei Nordamerika's" theil« ausgetretenen theils ausgeschloffenen Mitgliedschaften, denen sich mehrere anarchistische und sozialrevolutionäre Bereine angeschlossen haben. ES soll eine Organisation dieser verschiedenen Gruppen auf fördera- listischer Basi» und unter Anerkennung der vollen Autonomie jeder Gruppe herstellen. Da alle sozialistische Organisationen Zutritt haben, so wird e« an lebhasten Auseinandersetzungen wohl nicht fehlen. Da wir uns grundsätzlich in die Zwistigkeiten der Sozialisten Amerika'» nicht einmischen, so senden wir denjenigen Theilnehmern de« Kongresses, welche zu der deutschen Sozialdemokratie im besreundeteu Verhältniß stehen, unfern brüderlichen Gruß I In N e w- I o r k tagte Mitte August eine Kommission de» Bunde»- Senats der Vereinigten Staaten, bezw. eine Abtheilung dieser Kommission, zur Untersuchung der Arbeiterfrage. Jeder« mann, der sich als Sachverständiger anmeldet, Delegirte von Arbeiter- vereinen, Schriftsteller, Gelehrte:c. werden zur AuskunstSertheilung zu- gelassen bezw. zum Verhör, denn die Kommissionsmitglieder stellen nicht blas bestimmte Fragen, sondern lassen sich auch aus detaillirte Erörte» ruagen ein. Die Sitzungen sind natürlich öffentlich. Die un« bi» jetzt zugeganzenen Berichte— die„New Dorker BolkS- zeitung" schenkt den Sitzungen ihre volle Aufmerksamkeit— bestätigen vollkommen die vou Gen. A. Jona« in seinem Bericht an den Kopen- Hagener Kongreß festgestellte Thatsache, daß der sozialistische Gedanke iu der amerikanischen Arbeiterbevölkerung ganz außerordentliche Fortschritte gemacht hat. Die Arbeiter, welche bi« jetzt vor der Kommisfion er- schienen sind, haben fast durch die Bank in mehr oder minder entschie- dener Weise den sozialistischen Standpunkt vertreten. Einzelne mit be- werkenswerthem Geschick und seltener Klarheit. Auch Henry George der bekannte Verfasier von„Progress and Povcrty"(Fortschritt und Armuth) gab vor der Kommission sein Gutachten ab, welche« darauf hinausläuft, daß mit der Nationalisirung de« Grund und Boden» Glück und Segen wieder Einkehr halten würde. Unsere amerikanischen Bruder- organe weisen mit Recht die Halbheit dieser Auffassung nach. Korrespondenzen. — Köln, Mitte September. Erbauliche« au« dem Psaf- feu- und Militärstaat. Bor einigen Wochen erhielt ich au» dem Dorfe Niehl bei Köln folgende Zuschrift zur Veröffentlichung im „Sozialdemokrat":„Ein netter„Diener de» Herrn" ist unser Bikariu» Ludwig Linden. Dieser Prediger der christlichen Tugend und Eni- haltsamkeit nolhzüchtigte vor einiger Zeit ein Schulkind, Namen« Brüen, und gab später dem Vater de« Kinde« 13 Thlr. für sein Schweigen. Nach der Ueberschwemmung war dem Vikar Linden die Bertheilung von Geldern und Bekleidungsstücken anvertraut worden, wa» denselben in die Lage versetzte, seine Sympathie für junge Wittwen zu bethätigen. So erhieltjleine derselben, die Wittwe S ch o r nj, bei dieser Gelegenheit vier Decken und Geld, wogegen Familienväter mit vier bi« sechs halb- nackten Kindern nicht« erhielten. Bon der Zeit besuchte der Herr Vikar die Wittwen fleißig Nacht«, und so kam es, daß eine seiner Freundinnen, die Wittwe Hundegeburt, eine« schönen Tage« sich Mutter fühlte. Die Vaterschaft soll jetzt einem gewissen Schimmelpfennig, einem Schulmeister, der wegen Schulden flüchtig ist, an die Rockschöße gehängt werden. Da» Dienstmädchen de« Herrn Vikar« entlief demselben und erzählte den Leuten, sie könne e» nicht aushalten, weil der Herr Vikar die Finger nicht bei sich halten könne. Das Mädchen ist 17 Jahre alt und heißt Gertrud Kluth. Auch geht der Herr viel baden, und zwar an einem viel begangenen Fuhrwege, wo er sich ganz nackt auszieht uud, unbekümmert um die Kinder>der die de« Wege« kommenden Leute dem Rheiue zuschreitet. Der Pastor Wolff erklärte der Gemeinde auf der Kanzel, aus seine Anzeig« an da« Generali ikarial sei der Herr Vikar wegen einem groben Verbrechen gegen die Sittlichkeit zehn Tage uach Holland in die Strafanstalt*) geschickt worden, dieß sei schon das zweite Mal. Karten und Kegeln ist Hauptvergnügen de« Vikar«, bei seinen Predigten aber gedenkt er immer der Entsittlichung der Jugend und Schlechtigkeit der Menschen. In der Nähe der Kirche ist ein Wirthshaus, welches er von der Kanzel herab die Teufel»kapelle nennt und Jeden verflucht, der dieselbe besucht,— wenn nämlich der Wirth nicht Alles glaubt, was der Vikar sagt." Soweit diese Zuschrift. Jetzt erfahre ich noch Folgende«: Als der saubere Vikar au« Holland zurückkehrte, war sein erster Gang zu der Wittwe Hundgeburt. Vier Frauen hatten die« gemerkt und hielten Wache bi« der Herr Seelsorger gegen halb 12 Uhr.herauskam. Alsdann traten ihm die Frauen iu den Weg und sagten: Herr Vikar, so ist e» also doch wahr, was die Leute sagen— sie konnten aber nicht weiter zu ihm redeu, denn er machte sich so schnell als er nur konnte, au« dem Staube. Er zog e« nunmehr vor, zu verreisen und schrieb an seinen Borgesetzten, den Pfarrer Wolf, einen Brief, worin er meldete, daß er vom Erz- bischos auf längere Zeit beurlaubt sei, jedoch erhebe er auf sein volle« Gehalt Anspruch. Der Pfarrer jedoch las den Brief von der Kanzel herab der Gemeinde vor, und erklärte, daß es eine Lüge sei, was in dem Brief stände. Denn wenn der Erzbischos den Vikar beurlaubt hätte, so wäre die Meldung doch zunächst an ihn(den Pfarrer) gekommen. Auf Gehalt könne der Vikar keinen Anspruch machen und er stelle somit das Behalt der Gemeinde zur Verfügung. Sie können sich denken, wie er- baut die ehrsame Christenheit von diesem„unliebsamen Borfall" ist. Nun aber eine Geschichte mit etwa« weniger„versöhnlichem" Aus- gang: Vorigen Freitag passirte hier im Sicherhenshafen am THUrmchen ein „Unglück". E« ertranken bei einer Schwimmprobe fünf Soldaten von der 11. Compagnie des 6S. Regiments. In diesem Hafen, welcher fast gar nicht mehr für Schiffe gebraucht wird und seit Jahren nicht mehr aus- gebaggert wurde, ist überhaupt das Schwimmen verboten. Der Hauptmann der betr. Kompagnie, Meining, brütet aber immer die waghalsigsten Pläne aus, und so hatte er denn Denjenigen, die tüch- tige Freischwimmer waren, zugemulhet, sie sollten sich vorstellen, sie seien aus der Flucht und müßten, um sich zu retten, einen Fluß oder dergl. überschreiten, und sie sollten nun hier die Probe machen und mit der Kleidung und den langen Stieseln durchschwimmen. Wenn er sie mit demselben Zumuthen an den offenen Rhein gestellt hätte, wären vielleicht Alle hinüber geschwommen, ohne zu ertrinken. Aber durch ein ganz still ste h e n d e« W as s er v o ll er S ch l am m zuschwimmen, da hört alle Vernunft arf. Die Sache wurde soviel wie möglich beschwich- tigt, die Zeitungen verdrehten sie ganz und gar, kurz da« Volk wurde belogen. Die Verunglückten waren ein Unteroffizier und vier Ge- meine, welche am Montag beerdigt wurden. Die Leute dienten im letzten Jahre und wären 14 Tage später in die Heimath entlassen worden. Das Begräbniß fand unter großer Betheiligung de« Militär» nnd von mindesten« 10,000 Personen au« dem Bllrgerstande statt, natürlich fehlten die Pfaffen beiderlei Sorte nicht. Am Grabe hielt auch der katholische Kaplan eine ziemlich aufreizende Rede, er konnte froh sein, daß er nicht Sozialdemokrat war, sonst wäre er sofort abgeführt worden. Der preußische Garnisonprediger aber hielt al« Soldat«ine echt preu- ßische Leichenrede, indem er sich selbst als Kamerad hinstellte. Vor zwei Jahren hat der obenerwähnte Hauptmann einen ähnlichen Streich begangen, indem er seine Leute aufforderte, einen steilen Wall zu erklimmen, wobei einer derselben rückwärts fiel, da» Rückgrat brach und daran starb. Dieser Hauptmann ist sehr reich und grenzenlos ehrgeizig, und bei unseren herrlichen Einrichtungen müssen sich die Söhne de« Vol- te« dazu hergeben, solchen Ehrgeizigen ihr Leben al« Staffel zum„Ruhme" preiszugeben. Kobe« vom Rhein. — Freiburg iu Baden, Ende September. In unserem Muster- laude fanden Mitte September die Wahlen zum Landtage statt. Die Wähler haben nur die Wahlmänner zu wählen, welche dann au« ihrer Mitte die Abgeordneten bestimmen. Die Arbeiter hielten sich deshalb fern vom Wahlkampf, welcher nur die beiden herrschenden Parteien inter- esfirt. Unsere Nationalliberalen ahnten wohl ihre Niederlage, daher ließen sie unter dem Schutz der Regierung einen jämmerlichen Wahlaufruf von Stapel.„Nur liberale Fürsten, Staatsmänner und Volksvertreter haben Baden zu dem weithin hochgehaltenen Staate de« freisinnigen Bürger- thum« gemacht."„Der Frieden zwischen Staat und Kirche ist wieder hergestellt."„Der edle Fürst Baden« und seine freisinnige Regierung sind bemüht, alle diese Segnungen zum Wohle Aller zu erhalten nnd zu mehren", deshalb wählt liberal! Hohngelächter darauf im badischeo Volte. Herr Kiefer, Landgerichtsdirektor, sprach in einer Wähler- Versammlung in der GambriuuShalle, daß das allgemeine Wahlrecht nicht auf die LandtagSwahleu ausgedehnt werden solle, denn sie, die Liberalen, habengenugan d e m s ch ä n d li ch e n Tr e i b e n und Wüh. len de» Pöbel« bei den Reichstagswahlen!— Ei, ei, Herr Kiefer, Sie ärgern sich wohl, daß die Bauern im badischen Unter- land Sie bei den letzten Reich»tag«wahlen durchfallen ließen? Man solle ein Wahlgesetz schaffen, fuhr der„liberale" Herr fort, wo der Großgrundbesitzer und Fabrikant besser vertteten sei, z. B. wie die preu- ßischen LandlagSwahlen. Recht so, Herr Landgerichtsdirektor, da« ist viel gemüthlicher als iu Volksversammlungen den Arbeitern Rede und Antwort stehen zu müssen! *) Der betr. Vikar ist ein großer starker Beuget und über alle Maßen liederlich. Er schlägt auch die Bauern um die Ohren, wenn sie nicht zur Kirche kommen. Wir möchte» gerue wissen, wa» da« für-ine Strafanstalt" in Holland sein mag. Vielleicht ein Nonnenkloster, wo er Angesichts de« Himmels„Entsagung" studireu soll? Die schwarzen„VolkSmänner", die Ultramontanen, waren nicht so heikel, sondern versprachen da« allgemeine Wahlrecht zum Landtag ein- zuführen, und die indirekten Steuern abzuschaffen. Da» wirkte kolossal; gewählt wurden dann mit 1300 Stimmen 48 liberale und mit 2150 Stimmen 128 ultramontane Wahlmänner. Werden die Ultramontanen ihr Versprechen halten? Nein! Bereit» haben die schwarzen Stadt- väter da» Oktroi auf sämmtliche Lebensmittel eingeführt, und ähnliche Verordnungen tauchen im Hintergrunde auf. Herr Röttinger, der hiesige Bürgermeister und Landtagskandidat, ist als ein roher Patron be- kannt. Wenn ein Arbeiter seinen Meister wegen rückständigen Lohn oder wegen Mißhandlungen verklagt, so hält e« Herr Röttinger für seine Aufgabe als Friedensstifter und gläubiger Christ, die Arbeiter in folgender Weise anzubrüllen: Halten Sic das Maul, sonst lasse ich Sie einsperren I Einem jungen Arbeiter, welcher seinen Lohn für vier Wochen nicht er- halten hatte und bei ihm sein Recht verlangte, erwiderte er:„Ihnen gehört der A... verschlagen!" Aehnliche Fälle kommen so oft vor, daß viele Arbeiter sich fürchten, ihr Recht zu suchen. Da« ist auch ein Bei- trag zum„praktischen Christenthum". Auch der Vertreter der Stadt Freiburg, Herr Wänker, ultramontan, hat im Reichstag seinerzeit für die 200 Millionen indirekten Steuern gestimmt. Seht, Ihr Arbeiter und kleinen Handwerker, da« find die BolkSbetrüger unter christlichem Deck- mantel. Wollt Ihr Söhne der Hecker, Struve, und Nachkommen der Revolution von 1848/49 ruhig zusehen, wie man Euch in die Pfaffen- kutte steckt? Wollt Ihr Euch in der Kaserne noch länger von einer Heerde Faullenzer schinden lassen? Wollt Ihr Euch noch vollends von Hau» und Hof vertreiben lassen? Ihr Landleute, seid Ihr noch nicht genug von Evern christlichen und jüdischen Wucherern ausgesogen? Wie zum Hohn auf Eure Armuth, werdet Ihr noch von Denjenigen be- schimpft, welche Ihr erhalten müßt, von den Herren ä la Kiefer, dem liberalen Beamtentrotz mit fetten Gehältern. Wollt Ihr Euch da» gefal- len lassen? Nein und abermals nein! Zeigt, daß in Baden der freie Volksgeist noch nicht todt ist, sondern mit kühnem Muth die Volksrechte hochhält. Organifirt Euch, tretet mit Genoffen in Verbindung, kämpft gemeinsam mit der einzig wirklichen und fortgeschrittenen Demokratie, der Sozialdemokratie, welche m Deutschland durch ein schänd- liches Ausnahmegesetz unterdrückt wird. Deiner Dränger Schaar erblaßt, Wenn Du, müde Deiner Last, In die Ecke lehnst den Pflug, Wenn Du rufst: E« ist genug! Die rotheu Markgräfler. Sprechsaal. Mailand, 9. September 1883. Werth« Genossen! Die Ausführungen de« Genossen Costa in Nr. 37 in Antwort auf meine letzte Korrespondenz nöthigen mich, etwa« ausführlicher, al» die» dort geschehen ist, auf die Frage der Taktik der italienischen Sozialisten zurückzukommen. E» thut mir leid, hierbei zunächst ein wenig die persönliche Seite der Frage berühren zu müssen; doch wie die Sache nach der Art und Weise, wie Costa sie in seinem Briese behandelt hat, steht, bleibt mir kaum etwas Anderes übrig. Costa versucht meine Kompetenz zu bestreiten, indem er daraus hinweist, daß ich kein Italiener sei. Wie? Ein Sozialist zieht die Nationalitäten- frage hervor? Au« dem einfachen Grunde, daß meine Wiege in Pommern und nicht in Italien gestanden, sollte ich unfähig sein, die Lage unserer Partei diesseits der Alpen beurtheilen zu können? Ja, wenn wenigstens anzunehmen wäre, daß Costa die Art und Dauer meiner Theilnahme am politischen Leben in Italien unbekannt sei! Aber auch diese Eni- schuldigung kann ich nicht gelten lassen. Ganz unmöglich und auch überflüssig erscheint es mir ferner, auf alle persönlichen Ausfälle Costa'» einzugehen, vou denen sein hitziger Brief übervoll ist. Nur kurz will ich bemerken, daß e» mir durchaus ferne lag, ihm Lehren ertheilen zu wollen, wie er dies behauptet. Meine Abficht ist einfach die, frei meine Meinung auszusprechen, einzig geleitet von dem Interesse für unsere Partei. Ich werde mich hiebet auch nicht durch die hochmüthige Art stören lassen, mit welcher mich Costa abzufertigen sucht. In der That, was bedeutet e», wenn Costa meinen persönlichen Werth oder Uuwerth abmißt, meine Tendenzen„krankhafte", meine Ueberzeug- ungen„schwache nennt, ohne sich im Uebrigen weiter mit Beweisen hie- für auszuhalten? Eine derartige persönliche Bekämpfung eine« prinzipiellen Gegners sollte für Genosse Costa wahrlich als zu kleinlich gelten. Wenn ich mewirfeilS Costa kritifirt habe und noch ferner zu kritisireu gedenke, so geschieht die» einzig und allein, um die Bedeutung der von ihm und seinen Freunden beliebten politiscken Holtungin Bezug aus die Ausgaben unserer Partei zu beleuchten. E» ist hierbei durchaus nicht nöthig, ihm „schlechte Beweggründe" zu unterschieben, wie er die» annnimmt. Ich bin im Gegentheil durchaus der Ueberzeugung, daß Costa in gutem Glauben handelt. Es thut mir nur leid, dies nach dem, wie mich Costa kennt, noch ausdrücklich bezeugen zu müssen. Costa und seine Freunde glauben ohne Zweifel dem Sozialismus durch ihren Bund mit den Republikanern große Dienste zu erweisen. Aber nicht alle Sozialisten in Italien find dieser Meinung. E« sind auch nicht nur die Anarchisten par eieellenos, die hierin der Gruppe Costa gegen- überstehen, sondern(was Costa übrigens unmöglich unbekannt sein kann) auch ein namhafter Theil derjenigen Sozialisten, die bisher mit ihm einig gingen. Um die Bedeutung de« vorgehen« der Gruppe Costa für den Sozialismus richtig würdigen zu können, ist e» jedoch nothwendig, einen Blick auf die Lage der sozialistischen Partei in Italien überhaupt zu werfen. Die schwache Seite derselben ig die mangelnde Organisation. Eine eigentliche organisirte sozialistische Partei existirt überhaupt noch nicht. Alle Versuche, eine solche herzustellen, sind bisher noch immer mißlungen. Auch der kürzlich auf dem Kongreß in Ravenna unternom- mene Versuch, die Sozialisten Mittelilalien« zu organifiren, ist, allerding» zumeist Dank der polizeilichen Einmischung, al» nur sehr unvollkommen verwirklicht zu betrachten. Der mangelnden Organisation der sozialistischen Partei in Italien liegen jedoch zumeist nur innere Ursachen zu Grunde. Einerseits steht ihr entgegen der, der langsamen uud zähen Ausdauer, wie sie die Arbeit iu den Organisationen erfordert, widerstrebende Charakter der Italiener, anderseits aber die mangelhaste Ausbreitung de« Sozialismus in der eigentlichen Arbeiterklasse. Die sozialistische Partei in Italien stützt sich nicht wie die anderer Länder aus die Arbeiterorganisationen, repräsentirt daher auch nicht wie in Frankreich nnd Deutschland das seiner Klassenlage sich bewußte, organisirte Volk. Die sozialistische Partei in Italien rekrutirt sich zum großen Theile au», aus dem Mittelstande Ausscheidenden, sog. spostati, Unzufriedenen. Während nun diese Elemente in Deutschland bereit» eine fertige sozialistische Arbeiterpartei vorfinden und deren Pro- gramm annehmen, in der Folge meisten« auch der Partei durch ihre Intelligenz sehr nützlich werden, bilden diese selben Elemente in Italien au» Mangel einer sozialistischen Arbeiterpartei selber die Partei, reden und handeln im Namen der Arbeiterklasse und bilden sich ein, da» eigentlich arbeitende Volk zu vertreten. Daher rühren auch die vielen Mängel der italienisch sozialistischen Partei, ihre langsame Ausbreitung, die mangelnde Organisation; daher die nicht enden wollenden gelehrten und ungelehrten Zänkereien über Anarchismus, Kollektivismus, Kommu- nismu«, Kommunalismu» u. s. w., die persönlichen Angriffe und Schmähungen aus alle diejenigen, die nicht zur betreffenden SektionSfahne schwö- ren, und da« ganze überaus traurige Bild einer ungefügigen, zerfahrenen und unorganifirlen Masse, die sich Partei nennt. Unsere besondere Ansmerksamkeit erfordert noch die Lage der soziali- stischen Partei in Bezug aus ihr Verhältniß zu den bürgerlichen Parteien. Bon derjenigen der sozialistischen Partei Deutschlands unterscheidet sich dieselbe ganz besonders durch da« Borhandenfeia starker republikanischer Parteien, welche in Deutschland gänzlich fehlen. Die sozialistische Partei Italien» hat es deshalb auch weit mehr als die Deutschland» noth- wendig, ihr w i r t h s ch a s t l i ch e S Programm zu betonen, will sie an- der« nicht mit den Republikanern verwechselt werden. Also Pflege der Arbeiter-Organisationen, deren Ausbreitung und allmälige Umwandlung in sozialistische Bereinigungen d. h. möglichst ausgedehnte Organisation de« seiner Klaffenlage sich bewußten arbeitenden Volke« und ein ausschließliches wirthschaftliches Programm. Da« ist die Taktik, welch- die Sozialisten in Italien einzuschlagen haben, wollen sie ihrer Partei zum Siege verhelfen. Aus allem diesem resultirt nun leicht, weßhalb viele Sozialisten die Haltung der Gruppe Costa verurtheilen. Costa hat sich zur Erreichung illusorischer politischer Forderungen mit bürgerlichen Parteien verbunden und dadurch bewiesen, daß ihm die zunächst liegende Ausgabe des Sozi« alismus, d. h. die Befreiung der Gesellschaft vom Joche der Kapitalherr« schast durch Niederwerfung aller bürgerlichen Parteien, unverständlich ge- blieben ist. Er begreift nicht die Nothwendigkeit einer einigen Zusam- menfassung der arbeitenden Klassen(deren Mangel die Hauptursache der Übeln Lage des Sozialismus in Italien ist) auf Grund besonderer, von denen der Bourgeoisie scharf sich trennender Interessen. Im Gegentheil, in einer Zeit, wo eine starke Organisation aller sozialistischen Elemente das Ziel der Thitigkeit eines bedeutenden Theils der italienischen So- zialisten bildet, hat Costa die Verwirklichung einer solchen Idee aus'» Neue hinausgeschoben(natürlich wider seine Absicht) durch sein« Abweich- ung von dem für eine solche Organisation allein möglichen Programm. In diesem Sinne sprach ich in meiner letzten Korrespondenz, iu Bezug aus das neueste Borgehen von Costa, von einer„Anfgabe der Prinzi- piea", und in diesem Sinne bin ich auch heute noch der Ueberzeugung, ich wiederhole e«, daß Costa und seine Freunde den Standpunkt von sich ihrer Ziele klar bewußten Sozialisten verlassen haben. Um diesen Brief nicht noch mehr als schon geschehen auszudehnen, übergehe ich verschiedene Ausführungen Costa's. Nur in Bezug auf die UnabhängigkeitS-Erklärung der Sozialisten am Kongresse zu Bologna will ich bemerken, daß ich dieselbe nnr für das Feigenblatt betrachte, mit dem verschämte Sünder geschehene Thatsachen zu verdecken suchen. Emil K e r b S. Aufforderung. Schriftsetzer Huber, welcher vorigen Herbst au« Leipzig aus- gewiesen wurde, wird gebeten, dem unterzeichneteu seine gegenwärtige Adresse einzusenden. Borsdorf-Leipzig. A.Bebel. Geuosse Wiezel, Zinngießer, welcher dieses Frühjahr von hier abgereist ist, wird hiemit gebeten, seine Adresse an den Unterzeichneten einzusenden. Albert Vogel, Passage Rochebrune 8, Pari». Warnung. Die Parteigenossen von Leipzig und Umgegend werden wieder» holt vor dem Polizeispion N,t>xl gewarnt. Nebel steht, wie von ver- schiedenen Seiten bestätigt wird, fortgesetzt in intimem Verkehr mit Döbler und anderen Geheimpolizisten und hat neulich auch da« Sommersest der Polizei besucht. Daß Nebel bis gegen Ende vorigen Jahre» verbotene Schriften kolportirte, geschah mit Wissen der Polizei, welche ihm dies gestattete, damit er um so besser sich in da? Vertrauen der Genossen einschmeicheln konnte. Man gebe dem Kerl gelegentlich einen gehörigen Denkzetteln. Die Genossen werden dringend vor dem Schneider Reichelt aus Hannover gewarnt, der sich vor Kurzem auf eine„Pumpreise" begeben hat und zunächst die Lütticher Genossen heimgesucht hat. Der- selbe ist 43 Jahre alt, mittelgroß, ziemlich korpulent und trägt einen Kinnbart. Aufgepaßt! In der„Glacöleder-Fabrik Mühlburg in Baden" vormals R. Elstätter, ist Arbeitssperre ausgebrochen. Wir ersuchen unsere Kollegen, allen Zuzug streng fernzuhalten, sowie vor den prahlerischen Versprechungen zu warnen, welche von der Direktion in auswärtigen Blättern gemacht werden. Unterstützungsgelder find zu senden an Wilhelm Cosseck, Weißgerber iu Mühlburg in Baden. Näherer Bericht folgt. Brieftaften der Redaktion: Rother Teufel, Stötteritz ,c.: I» nächster Nr. — Ferdinand: Briese erhalten, auSfllhrliche Antwort erfolgt baldigst direkt. der Expedition: Ferd.: Bf. vom 21/9. hier. Weiteres pr. Ende Oktober angenehm. Ann. sobald Sdg. da.— W. u. M. B.: Fr. 5,40 Ab. 4. Qu. dir. erh.— Ch. Hadlich, St. Paul: Fr. 25,30(Doll 5,—) vom„rotheu Skatklub" pr. Usds. dkd. erh. Spezialqttg. folgt, später. Allseit« beste Grüße!— Ptschm. W'thur: Fr.—.60 f. Schsl. erh.— H. Sch. Sttg.: Mk. 4,30 Ab. 4. Qu. für 1 dir. erh. Stimmt.— Nordlicht: Mk. 50,— k Cto. pr. 3. u. 4. Qu. u. Schst. gnlgebr. Mehrbestllg.-c. notirt.— H. B. Liege: Fr. 25.— pr. Ab. Angnst u. Sept., sowie für Schst. erh. Lt. Ausstllg. fehlen 90 Ct«. Bs. hier.- M. P. Rdbg.: Mk. 25.20 Ab. 4. Qu. durch Br. erh. Adr. notirt.— E. Dktr. W.: öwst. 5,50 f. Schst. erh. Sdg. abgg.— P. K. Aa.: Fr. l,— f. Schst.« rh.— P.-G. CarlSruhe. Mk. 4,— pr. Cto. Athle. dkd. verrechnet.— v.Mühl- bürg: Mk. 0,— Ertrag einer Wurststeigerung p. Ufd. dkd. erhalten.— — b.: Auffillg. v. 12/9. vorgemerkt. Bestellung fort.— I. B. Bafel: Fr.—,45 f. Schst. erh.— Roland: Mk. 50,— h Cto. erh. Weitere» angenehm. Adr. notirt.— Ruprecht: Mk. 27,—& Cto. Ab. 3. Qu. erh. — Sindbad der Seefahrer: Mk. 50,— ä Cto. Ab. zc. gutgebr. Weitere» notirt. Bfl. mehr.— F.B.Wien: Fr. 2,74 f. Schr. erh. Sdg. fort.— Der schwarze Rothe: Bs. v. 20/9. erh. Alle« beachtet.— M. Ratzel in Mishawaka: An nu» find keine Gebühren gekommen. Aufforderung direkt nach Bk. besorgt.— A. Höhne N.-?).: Fr. 202,75 k Cto. erh— Eh. B. L'Jsle Adam: Fr. 2,20 pr.„N. W." ausbezahlt und Fr. 2,50 Ab. Sept., Okt., Nov.«rh.— Blanc: Nachr. v. 23/9. und Bstllg. erhalten. Lbg. pr. 1. Okt. gesperrt.— Otto Borw. Jammerthal: Mhrbstg. notirt. Bfl. Weiteres.— Johanne» B.; Mk. 9,— Ab. 3. n. 4. Qu. erhalten. Mk. 2,— pr. Ufd. dkd. verw.— Bustel: Fr.—,40 f. Schst. erh.— S. St. D— A.: Fr. 9,— f. Schst. erh.— F. R. Hull: Mk. 7,50 Ab. 3. Qu. erh. Nicht nachlassen. Der Tropfen höhlt den Stein. Most uud Hassel mann wurden übrigen« nicht ausgewiesen, sondern hiben hch gedriiikt. Letzterer, nachdem er an der Partei zum Berräther geworden. Ihre Begensüßler find nelte Kenner, wie Sie sehen.— Chr. Wblg. Ffld.: Bf. enthielt nur Mk. 1,60 f. K. in Marken. Weitere» notirt.— Cd. Glh. Aga.: Mk. 4,30 Ab. 3. Qu. erh.— Der Alte vom Berge: Fr.—.65 f. Schst. erh.— G. R. Pari»: Fr. 1,— f. Schst. erh.— Zinnober Zs.: Fr. 5,— f. Schfl. erhalten. Gewünschte» folgt.— Rolher Greis: Mk. 20,— k Cto. erh. Adr. notirt.— Fr. Stklbg. Nzza.: Bf. und Borlage erh. Bescheid demnächst.— Rosa Beck: Mk. 106.25 Ab. 2. u. 3. Qu. erh. Adr.-c. notirt.— Speyer: Mk. 6,— pr. Ufd. dkd. erh., desgl. Mk. 3,— von Frankeuthal u. Mk. 4,75 v. Friesenheim. — H. L. P. i. S.: Mk. 15,55 Ab. 3. Qu. u. Schst. erh. Mehrbstllg. notirt. Weitere« folgt mit.— E» leben die Rothen: Mk. 3,70 Ab. 4. Qu. 2 Expl. dir. erh.— HmghS. St. Louis: Fr. 101,25 k Cto. erh. — N e w Y o r k und Brooklyn: Zur zweijährigen Pump- Jubelfeier am 3 0. September 1883: Peter Knauer heißt der Eine, wie der And're Emil Klässig, Kommt der Eine n i e in'« Reine, pumpt der And're unablässig. Denn nach Beiden kor- rumpiret stets präzise« Zahlung-Stellen, Und„zur That" nur iuflam- mirer„für die Freiheit"— F-indeprelleu. Da gut Ding braucht lange Weile, haben Beide nnterdessen Seit 2 Jahren in der Eile mit dem Geld die„That" ver— gesseu! luutag, den 27. Septbr. Abends 8 Uhr, im„Cafd lOIT. Kessler, Stüssihofstatt Geschlossene Versammlung der deutschen Sozialisten. Der Lokalaassc hass der deatsohen Sozialisten.