Erscheint wöchentlich einmal in Zürich(Schweiz). Derkag der Volksbuchhandlung Holling«»-Zürich. pnSsendimgell franko gegen franko Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz kosten Doppelporio. Der VoMldemckrat .entral-Argan der deutschen Sozialdemokratie. Abonnements werden bei allen schweijerlschen Postbureaux. sowie beim Verlag und dessen beiannten Agenten entgegengenommen, und zwar zum voraus zahlbaren Vierteljahrspreis von Fr 2—sür die Schweiz lKreuzband) Ml 3— sür Deutschland fl. 1.70 slir Oesterreich iCouver«) Fr. 2 so sür alle übrigen Länder de» Weltpostverein» lKreuzband). Illseraie die deeigespaltene Petitzeile 25 St». � 20 Psg. fll, Donnerstag, 13. Dezember >883. MC Avis an die Abonnenten»nd Korrespondenten des„Sozialdemokrat."'MW Da der.Sozialdemokrat' sowohl in Deutschland al» auch in Oesterreich verboten ist. bezw. verfolgt wird und die dortigen, al» m»glich an den.Sozialdemolrat', resp. besten Verlag selbst adrestiren, sondern fich mSglichst an irgen»«ine unverdächtiae BehSrden fich alle Müh« geben, unsere Verbindungen nach jenen Ländern mSglichst zu erschweren, resp Briese von dort an UN«< Adreste außerhalb Deutschland» und Oesterreich» wenden, welche flch dann mit UN» in Verbindung setzt; anderseit» aber daß und unsere Zeitung»- und sonstigen Speditionen nach dort abzusaugen, so ist die äußerste Vorsicht im Posiverlehr nothwendig und< auch UN» möglichst unverjängliche Zustellungsadrestcn mitgetheilt werden. In zweifelhasten Fällen empsiehlt fich Hehns» größerer darf keine DorfichtSmaßregel versäumt werden, die Briefmarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Jnh-ilt> Sicherheit R-lomiiiandirung. Soviel an UN» lieg«, werden wir gewiß weder Mühe noch Kosten scheuen um trotz aller entgegen- der Sendungen zu täuschen, und letztere dadurch zu schützen Hanptersorderniß ist hiczu einerseits, daß unsere Freunde so selten< stehenden Schwierigleiten den.Sozialdemolrat" unseren Abonnenten möglichst regelmäßig zu liefern Einladung zum Abonnement. „Der Sozialdemokrat," Aentral-Lrgan der deutsche« Tozialdemlokratte, erscheint wöchentlich einmal in Zürich. Auf dem Wydener Kongreß zum offiziellen Organ der sozialistischen Arbeitervartei Deutschlands erklärt, hat das Blatt eine Verbreitung gefunden, wie sie bei seiner Gründung kaum erhofft worden war. Auf dem Kongreß zu Kopenhagen konnte deshalb mit Genugthuung gesagt werden, daß die deutsche Sozialdemokr.ttie in ihrem Organ die mächtigste Waffe gegen das über fie verhängte Ausnahmegesetz besitze. Da» Abonnement auf das Blatt ist durch diese» Gesetz nicht verboten, sondern nur die Verbreitung, und zu letzterer haben fich fast allerorts energische und auf- opferungsfähige Genossen genug gefunden(und werden fich auch ferner finden), welche bereit find, eventuell ihre Freiheit zu wagen, um unserer gerechten Sache dienstbar zu sein— ebenso wie fie es auch vor dem Ausnahmegesetz gethan haben! Obwohl nun an den meisten Orten, wo der Sozialismus Boden gefunden, das Blatt eine durchaus befriedigende Abonnentenzahl hat, so gibt es doch noch eine Reihe anderer, wo bedeutend mehr geschehen könnte, und zudem eine weitere Anzahl, wo daS Organ noch gar keinen Eingang gefunden. ES ist daher Pflicht jedes Genossen, für die weitere Verbreitung de» Blatte» uner- müdlich thätig zu sein und besonders dahin zu wirken, daß an solchen Orten endlich der Bann gebrochen wird und das Parteiorgan die ihm gebührende Beachtung findet. Ueber die Bezugsarten deS Blatte» find die Genossen im Allgemeinen unter- richtet; selbstverständlich können wir hier keine spezi.llen Angaben über dieselben machen. sondern es müssen sich die Genossen, welche Näheres zu erfahren wünschen, an die be- kannten Vertrauenspersonen in Deutschland wenden. DaS Abonnement beträgt per Zustellung in Brief direkt aus der Schweiz pro Exem- plar und Quartal Vit. 4.30, bei Aufgabe in Deutschland Mk. 3,00. Die Zahlung kann per Einschreibebrief in Papiergeld und Briefmarken oder per Posteinzahlung geschehen. Für solche Einzeldestellungen kann folgende Adresse benutzt werden: Leonhard Hausiher in Kottingen(Kanton ZIlrich). Bci Bezug von zehn Exemplaren an wird da» Blatt franko für vir. 1.80 geliefert. Bezüglich größerer Bestellungen werden vorher brieflich genauere Mttlheilnngen gemacht und Verhaltungsmaßregeln angegeben. Für diesen Zweck ist sofortige Mittheilung fichercr Bries-Deckadrcsien hierher unerläßlich, Wohlan denn, Genossen und Freunde allerwärt», erhebt den Sammel- und Wcrberui zur fortgesetzt ausdauernden Arbeil, zum unbeugsamen Kampf, zum endlichen Siege! Mit sozialdemokratischein Gruß! lKevattion und»rpedition»e«..Sozialdemokrat". Nachruf. Am 8. Dezember starb in Frankfurt a/M. nach längerem Leiden unser tÄenofse Rudolf Döll, Schriftsetzer, im Alter von noch nicht 32 Jahren. Döll war bei den Reichstags- wählen von 1881 der Kandidat unserer Partei in Frankfurt a M. und brachte es in der Stichwahl gegen L. Sonnemann bis aus 8100 Stimmen. Unsere Frankfurter Genossen bereiteten ihm ein würdiges Begräbniß. Mehrere tausend Arbeiter, sämmtliche mit rothen Abzeichen, Blumen und Schleifen, versehen, folgten dem Sarge. Genosse F r o h m e legte im Namen der Parteivertretung einen mächtigen Lorbeerkranz auf das Grab des leider zu früh dahingeschiedenen Kämpfers. Eingehender Bericht in nächster Nummer. Nur zu, Exzellenz! Also auch das allgemkine Stimmrecht soll dem Volke genommen werden! Mittwoch den 5. und Donnerstag den 6. Dezember ds. IS. beschäftigte stch daS preußische Abgeordnetenhaus mit dem„Antrag Stern". Der Mann, welcher dem Antrag seinen Namen gegeben hat, ist Chefredakteur der„Frankfurter Zeitung", die fich gerne alö Organ der Demokratie, und zwar der reinen Demokratie, aufspielt. Da eS noch Leute gibt, welche an die Demokratie der „Frankfurter Zeitung" glauben, so bildete sich um den Antrag deS Redakteurs der„Frankfurter Zeitung" eine demokratische Legende: der Zweck des Antrags, so hieß eL, sei die Einführung deS allgemeinen gleichen direkten und geheimen Wahlrechts für die preußischen Landtags- und Gemeindewahlen. Jndcß die naiven Urheber und Gläubigen dieser Legende hatten mit dem realpoli- tischen Opportunismus der„Frankfurter Zeitung", ihres Eigen- thümers Sonnemann und ihres Chefredakteurs Stern nicht gerechnet. Herr Sonnemann und„seine"„Frankfurter Zeitung" leisten seit Jahresfrist der preußischen Fortschrittspartei Heeres- folge— wie hätte der Chefredakteur des Sonnemann'schen OrganS einen Antrag einbringen können, welcher den Fortschritt- lern so unsympathisch sein mußte, ihre politischen Zirkel so brüsk durchkreuzt hätte, wie ein Antrag auf Einführung deS allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für Land- tags- und Gcmeindewahlen! Wir wissen nicht, ob Herr Stern ursprünglich weitergehende Absichten gehabt hat— Thatsache ist. als nach vielem Gegacker das Antragsei gelegt war, ließ sich von allgemeinem, gleichem und direktem Wahlrecht nichts darin finden, nur etwas von ge- h e imem Wahlrecht. Herr Stern beantragte, daß die Abstimmung für die Wahlen zum preußischen Landtag und zu den preußischen Gemeindevertretungen nicht mehr öffentlich, sondern geheim zu erfolgen habe, wie bei der Reichstagswahl. In seiner— beiläufig überaus zahmen— Begründung führte Herr Stern aus, daß eine öffentliche Wahl keine freie Wahl sei, und es entspann sich eine Debatte, die manche charakteristische Momente zu Tage förderte. Auf die Gnzelheiten haben wir hier nicht einzugehen; wer sie kennen will, der lese die Kammerberichte. Was uns die Feder in die Hand gegeben hat, sind die Erklä- rungen des Ministers des Innern, unsere« allen Freundes Puttkamer, dessen Thätigkeit auf anderen Gebieten in diesem Blatt wiederholt beleuchtet worden sind. Herr v. Putikamer meinte, die geheime Abstimmung habe sich bei dem Reichstagswahlmodus, auf den Herr Stern verwiesen, keineswegs bewährt, und es frage sich nicht, ob das Prinzip der Oeffentlichkeit aus dem Wahlmodus für Landtags- und Gemeindewahlcn entfernt, sondern vielmehr, ob eS auch für die Reichstagswahlen eingeführt werden müsse. Die Ausdrücke des Herrn Puttkamer werden in den verschiedenen Berichten verschieden wiedergegeben— der Sinn steht aber fest: die Reichsregierung, d. h. Bismarck, welcher nach Puttkamer's Geständniß bei dem jetzigen Reichstagswahlverfahren seine Rech- nung nicht gefunden hat, denkt daran, die Abstimmung für die Reichstagswahl öffentlich zu machen. Die Geistreichigkeiten, mit denen Herr Puttkamer diese Absicht„begründete", entziehen sich vermöge ihrer bekannten(Puttkamer'schen) Qualität natürlich unserer Kritik. Sie haben nicht einmal das— allerdings höchst zweifelhafte— Verdienst, auf Puttkamer'schem Miste gewachsen zu sein; in E n g l a n d, wo die Aristokratie hartnäckig an der öffentlichen Abstimmung bei den Parlamentswahlen festhält, ist das Alles schon zehntausendmal gesagt und zehntausendmal als albern und erlogen widerlegt worden. Und wenn Herr Puttkamer meint» man müsse den„Bruder Wähler" gegen die fort- schrittliche Beeinflussung schützen, und dies könne nur durch Einführung des— öffentlichen Votums geschehen, so ist das ein ungefähr ebenso gutes Argument, als wenn man Jemand, der bei Wind und strömendem Regen unter seinem Regenschirm keinen vollständigen Schutz hat, anrathen wollte, um ganz trocken zu bleiben, solle er seinen Regenschirm zumachen. DaS ist nicht einmal ein schlechter Witz, das ist krautjunkerliche Frechhheit, getränkt mit krautjunkerlicher Dummheit. Mit Recht sagt die klerikale„Germania", gegen die Geheim- heit der Abstimmung gebe es überhaupt keine Gründe; wer die Unabhängigkeit und Freiheit der Wahl wolle, müsse nothzedrungen auch für die geheime Abstimmung jein. Und wer die geheime Abstimmung nicht wolle, der sei— welche Scheingründe er immer anführe— ein Gegner der freien und unabhängigen Wahlen. Wohl ist es wahr, die Freiheit und Unabhängigkeit der Wahl wird nicht blos durch die Regierungen und Behörden beschränkt und nach Kräften unterdrückt— auch die fortschrittlichen und nichtfortschrittlichen Privatpersa neu, die über Beeinflussungsmittel verfügen, leisten ein Erkleckliches in Wahlbeeinflussung, ja Alles in Allem gewiß nicht weniger als die Behörden. Eine absolute Garantie gegen politische und ökonomische Beeinflussung gibt es unter den heutigen Verhältnissen nicht; daS Uebergewicht der besitzenden und regiermden Klassen über die nichtbesttzenden ist so groß, daß es auch durch die strengsten Gesetze nicht paralyflrt, aufgehoben werden kann und bei den Wahlen zur Geltung kommen muß— umsomehr, da die nichtbesttzenden Klassen, in Folge ihrer wirthschaft- lichen und politischen Abhängigkeit, durchschnittlich nicht diejenige Charakter, und Geistesbildung haben, welche allein gegen moralische Beeinflussungen zu feien geeignet ist. Immerhin kann nicht geleugnet werden, daß die Geheim- heit der Abstimmung bis zu einem gewissen Grade gegen Beeinflussung schützt, indem sie den Wähler in den Stand setzt, sein Votum zu verbergen. Den Feinden der freien Wahl ist dies ist auch sehr wohl bekannt. Sonst würden sie nicht bei den ReichStagswahlen alle möglichen Kniffe und Pfiffe anwenden, um das verfassungsmäßige Wahlgeheimniß faktisch zu vernichten. Uno sonst würde Herr Puttkamer nicht, jetzt im Auftrage seines Prinzipals, die völlige Beseitigung der geheimen Stimm- abgäbe bei den Reichstagswahlen als Regierungsprogramm hin- gestellt und auf die politische Tagesordnung gestellt haben. Denn dies ist der Fall; und die Versicherung de«„nationalliberalen" Hobrecht, daß seine„Partei" zwar gegen den Anttag Stern stimmen müsse, aber nie und nimmermehr für die Abschaffung deS Wahlgeheimnisses bei Reichstagswahlen stimmen werde, ist ein gar schlechter Trost. Wäre es den Herren Rationallibcralen mit ihrer Liebe für das Wahlgeheimniß Ernst, so würden fie wahrhaftig nicht bei der Abstimmung über den Antrag Stern, wo es sich um die praktische Bethätigung dieser Liebe handelte, gegen den Gegenstand ihrer Liebe: das Wahlgeheim- niß gestimmt haben. Die Prinzipienfestigkeit der Herren Ratio- nalliberalen ist überdies ja sprichwörtlich. Genug— daS von Herrn Puttkamer angekündigte Attentat auf das allgemeine Wahlrecht wird unzweifelhaft verübt werden, und das Schicksal des Antrags Stern, der mit ziemlicher Mehrheit verworfen ward, zeigt, daß wir auf keine feste parlamentarische Mehrheit zur Vereitelung dieses Attentats rechnen können. Die Vernichtung des Wahlgeheimnisses wäre die thatsäch- lichc Vernichtung des allgemeinen Wahlrechts. Die große Mehrzahl der Wähler würde dann gegen ihre Ueber- zeugung stimmen oder sich der Stimmabgabe enthalten müssm. Insbesondere für die Sozialdemokratie, gegen welche das Attentat in erster Linie gerichtet ist, hätte das allgemeine Wahlrecht dann allen Werth verloren, und die Partei würde— unserer Ueber. zeugung nach— die weitere Bethe iligung an den Wahlen ablehnen müssen! Die deutsche Sozialdemokratie würde aufhören, parlamentarisch thätig zu sein, und ihre Taktik den Umständen gemäß zu ändern haben. Wenn unser Puttkamer, nebst Bismarck und dessen sonstigen „Leuten", es darauf ankommen lassen will— uns kann es gleich sein I Unsere Sache ist es nicht, die dabei zu kurz kommen soll. Wenn die enterbten Klassen nicht mehr durch den Mund ihrer Vertreter ihre Stimme erheben können, so werden sie andere Mittel finden, ihren Beschwerden und Forderungen Ausdruck zu geben! Wenn die Regierenden jedes Sicherheitsventil gegen elementare Eruptionen verschließen zu dürfen glauben, mögen sie es rhnn. Auf sie die Verantwortung! Rur zu, Euer Durchlaucht, nur zu, Exzellenz! Ihr wollt die Stimme des Volkes nicht hören? Sei's drum! Versucht Eure Künste! Aber damit Ihr nicht sagen könnt, Ihr wißt nicht, was Ihr thut, wollen wir doch nicht unterlassen, Euch als„gutes Wort" zu Eurem„guten Werk" ein Sprichwort mit auf den Weg zu geben. Es klingt etwas hausbacken, aber es hat sich auch noch stets bewährt. Es lautet: „Wer nicht hören will, muß fühlen!" Rur zu, Exzellenz! Briefe aus Rußland. (Originalkorrespondenz des„Sozialdemokrat".) l. Am 4/16. November 1883. Die Ruhe, welche jetzt in Rußland angeblich herrscht, ist nur eine scheinbare. In Wirklichkeit wird der revolutionäre Kampf mit noch ge- steigerter Energie fortgesetzt. Während einerseits die Sozialisten ihre geschwächten Kräfte wieder zu stärken suchen, um dem längstgerichteten Despotismus den— hoffentlich— letzten Schlag zu versetzen, fühlen auf der anderen Seite die Machthabenden das Unsichere ihrer Lage, erkennen sie, daß sie einem schrecklichen Abgrunde zusteuern, der sie verschlingen wird, und greifen darum naturgemäß zu Maßregeln, deren Greuel erst die spätere Geschichte aufdecken wird, auf die aber jetzt unsere Regierung all' ihre Hoffnung setzt. Was Grausamkeit anbetrifft, so hat man bei uns darin eine Virtuosität erreicht, die fast beispiellos in der Geschichte aller Länder dasteht. Daß ich nicht übertreibe, werden Sie aus den weiterfolgenden Zeilen ersehen. Früher pflegte man doch die politischen Verbrecher einem Gerichte zu übergeben, und wenn dies auch nichts als eine alberne Komödie war, so bewies sie doch, daß die Regierung sich ein wenig genirte, Leute so ganz ohne jede Zeremonie zu tödten oder zu verbannen; jetzt aber ist sie so baar jeder Rücksicht, daß nicht einmal diese dumme Komödie beobachtet wird. Auch früher wurden Tausende und Abertausende auf administrativem Wege nach Sibirien verschickt, doch wußten wenigstens deren Eltern oder Verwandte, wo ihre Angehörigen sich befinden und wie es mit ihnen steht— jetzt aber werden Söhne ihren Eltern, Brüder chren Schwestern, Väter und Mütter ihren Familien entrissen, ohne daß man weiß, wo sie hinkommen. Spurlos verschwinden sie, und kein Mensch weiß, warum und wohin! Ist das möglich? wird vielleicht ein optimistischer Leser fragen. Das ist ja unmenschlich!— Unmens chlich! Wer spricht hierzulande noch von Menschlichkeit? Wißt Ihr denn nicht, daß die Worte: Menschlichkeit und Gerechtigkeit in Rußland leerer Schall geworden sind? Wie sollen wir an menschliche Gesetze appelliren, wenn die juristischen Gesetze, die von den Herrschenden selbst zur Beschützung ihrer Ordnung geschaffen ivor» den sind, mit Füßen getreten w erden! In Rußland gibt es kein Gesetz, keine Gerechtigkeit, und wer sie hier sucht und zu finden glaubt, fit ein bedauenswerther Narr! In Ruhland gibt es nur eine rohe, grausame Gewalt, der man ebenfalls Gewalt entgegensetzen muß, wenn man etwas erreichen will. Kein anderer Weg, keine nutzlosen Illusionen! Die Ge- schichte der letzten Jahre hat es zu gut bewiesen.... Es ist Euch, Freunde, wahrscheinlich nicht entgangen, daß in der Taktik unserer Regierung eine Aenderu ng eingetreten ist: ein halbes Jahr schon hört man von keinen politische n Prozessen, von keinen administrativen Verschickungen mehr. Das könnte einen Leichtgläubigen glauben niachen, der Nihilismus sei völlig ausgerottet, und diese Wirkung wird auch von den Despoten bezweckt. Die faule Gesellschaft soll durch äußerliche Ruhe irregeführt werden, während ma n im Geheimen Dinge verübt, vor denen ein Torquemada zurückgeschreckt wäre. Aber ihr Ziel erreicht die Regie- rung doch nicht. So viel sie auch schreien mag, der Nihilismus sei ver- nichtet, zermalmt— die Sozialist en leben doch, ihre Reihen werden immer wieder ergänzt, und immer wieder verkünden sie der Welt die Wahrheit. So wollen jetzt die Henker noch einen Justizmord an den bei der Ent« deckung der geheimen Druckerei in Odessa Verhafteten verüben; die Leute werden keinem Gerichte übergeben, sondern werden angeblich auf administrativem Wege verbannt, in der That aber weiß kein Mensch, was man mit ihnen vorhat. Wenigstens weiß Niemand, wo G e o-r- giewski, Leonora S w i t y t s ch u. A. hingekommen sind. Das ist also die jetzige Taktik der ruffischen Tyrannei: äußerlich mild und ruhig zu verfahren, im Geheimen aber ihre bisherige Grausamkeit noch zu überbieten. Ich werde Ihnen in späteren Briefen über dieses Thema Dinge zu erzählen haben, über die Sie schaudern werden. Jetzt aber will ich Ihnen in Kurzem den Inhalt eines Briefes mittheilen, der aus der Peter Pauls-Festung geschrieben(im Juni 1882) und von der Druckerei der „Narodnaja Wolja" am 2. September 1883 abgedruckt worden ist. Der Brief trägt den Titel:„Von den Todten an die Lebendi- gen" und theilt Thatsachen mit, die zum Himmel schreien und gebieterisch Rache fordern. Hören Sie, was diese Lebcndigbegrabenen uns schreiben: „Festgekettet in den kaiserlichen Kasematten, mit Gewalt aus der West der Arbeit und des Kampfes herausgerissen, sind wir mit Geist und Seele bei Euch, unseren jungen Brüdern. In der Einsamkeit und Stille der ermüdend langen Nächte versetzen wir uns im Geiste aus diesen nasien, kalten Wänden dorthin, wo das Leben pulsirt, wo das Blut stießt, wo mit beispiellosem Muth opferwillige Leute mit fester Hand den wüthenden Despotismus untergraben. Unser Vaterland durchlebt jetzt ein erhabenes Stück Geschichte..... Wir sehen uns am Morgen eines großen Kampfes auf Leben und Tod. Die Regierung fühlt das und strengt ihre letzten Kräfte an, um die herannahende Revolution zu ersticken; sie ist so von der Angst überwältigt, daß sie über der polizeilich-henkerischen alle andern Staatsfunktionen vergessen hat, und in dieser Funktion be- gnügt sie sich nicht mehr mit den Traditionen des alten Spitzelthums, sie scheut sich nicht, dem Sohn des faulenden Westens, dem Dezember- Helden, nachzuahmen. „Allein selbst Napoleon ging in seiner Unverschämtheit nicht so weit, das ganze Land, alle Bürger zur Spionage aufzurufen. Dazu war er zu klug, er begriff, daß die Schmach, die ein solcher Aufruf enthält, auch die Ruhigsten empören, auch in die Herzen der Knechte einen Funken von Unzufriedenheit werfen muß. Die tausendjährigen schmachvollen Zustände in unserer Heimath mußten nothwendigerweise Kriecherei und Knechtsseligkeit erzeugen. Finsterniß und Dreck ist die Sphäre dieser Kriechthiere. „Jndeß sie begnügen sich nicht mit ihrem Element, sondern kriechen aus demselben heraus und schleichen sich in das gesellschaftliche Leben ein: in die Hörsäle der Studenten, in die Literatur, in die Kirche, selbst in den engen Familienkreis— überall, wo sie Beute spüren. Wie un- genirt sie mit menschlichem Blute und Thränen handeln!„Wein und Louisdors— das ist das Wesen einer solchen Politik", sagte Viktor Hugo von Napoleon III., und wir fügen hinzu, daß es das Wesen einer jeden Regierung, welche ahnt, daß ihre Tage gezählt sind, ist, daß sie sich nur auf korrumpirte Niedertracht stützen kann. Und so haben wir auch unsere„weißen Blousen". „Allein auch damit begnügte sich unsere Regierung nicht; und im Besitz von einer Million Soldaten, von hunderttausend Spionen, ging sie zu einer beispiellosen Niedertracht über, indem sie geheime Gesellschaften, wie die„heilige Liga", gründete, deren Ziel darin bestand, durch Be- stechung und geheimen Mord der Polizei in ihrer Hätz gegen alles Redliche zu helfen. Nichts kennzeichnet so die Regierung in ihrer ganzen Schwäche und Niedertracht, wie gerade diese Thatsache. Umgeben von Polizisten, Soldaten, Henkern, Kerkern, Galgen und drakonischen Ge- setzen, erklärt sie sich offen für besiegt, indem sie eine solche„heilige Liga" bildet und so selbst zum illegalen Mord schreitet. Vom illegalen Mord ist ja nur noch ein Schritt zur Folter, und auch das haben wir erlebt. Von den Erfahrungen der Geschichte belehrt, wiffen es unsere Inquisitoren, daß grobe physische Martern, diese ganz besonderen„chirurgischen Operationen", leichter zu ertragen sind als moralische Qualen, und in dieser letzteren Mechode haben sie das Ungewöhnliche, das Grausamste erreicht, so daß ihre niederträchtigen Prozeduren leider manchmal von Erfolg waren. „Diese Foltern sind sehr mannichfaltig und immer den individuellen Eigenthümlichkeiten jedes Opfers angepaßt. Wenn sie z. B. wiffen, daß der Eingekerkerte seinen Vater oder seine Mutter, sowie Schwestern oder seinen Bruder besonders liebt, so wird ihm mit dem Schicksal seines Lieblings gedroht, wenn er nicht„offenherzig" sein werde. Einem Andern wird Mißtrauen oder Wuth gegen die Partei eingeflößt, indem man ihm zu beweisen sucht, die Partei habe ihn als blindes Werkzeug durch Lüge, List, beinahe mit Gewalt in sein Verderben geführt. Andere, die noch jung und unerfahren sind, werden durch Drohungen und Ein- sperren in einsame dunkle Zellen gemartert. „Wenn Ihr Euch, werthe Brüder, dazu noch unsere physischen Qualen denket: Beständiger Hunger, nasse, stinkende Kerkerluft und schlechte Kleidung, was alles nothwendig eine Schwächung des ganzen Organis- mus zur Folge hat— Qualen, welche in der letzten Zeit zu einem System geworden sind, und wobei diejenigen, die kein Geld haben, im Verlauf von einem Jahre unbedingt sterben müffen, wenn Ihr Euch das Alles denkt, so werdet Ihr verstehen, wie groß die moralische Stärke eines Menschen sein muß, um ruhig dem langsam herannahenden Tode ins Auge zu schauen, einem einsamen Tode in den Mauern der Kase- matten! Feuilleton. Das HUcht auf Aautheit. Widerlegung des Rechtes auf Arbeit. In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Arbeit die Ursache des geistigen Verkommens und körperlicher Verunstaltung. Man vergleiche die von einer ganzen Schaar zweihändiger Knechte bedienten Vollblutpferde in den Ställen eines Rothschild oder Stollberg mtt den schwerfälligen normannischen oder pommerischen Gäulen, welche das Land beackern, den Mistwagen ziehen und die Ernte einfahren müssen! Man betrachte den stolzen Wilden, wenn ihn die Miffionäre des Handels und die Hand- lungsreisenden in Glaubensartikeln noch nicht durch Christenthum, Syphilis und das Dogma von der Arbett korrumpirt haben, und dann vergleiche man mit ihnen unsere abgerackerten Maschinensklaven! Oft sind die europäischen Forscher ganz betroffen vor der körperlichen Schönheit und der stolzen Haltung der Angehörigen primitiver Völker- schasten, welche noch nicht von dem„vergifteten Hauch der Zivilisation", um mit dem Dichter zu reden, befleckt sind. Von den Ureinwohnern der austtalischen Inseln schreibt Lord George Campbell:„Kein Volk der Welt frappirt mehr im ersten Augenblick. Ihre ebene und kupferfarben schim- mernde Haut, ihr gelocktes vergoldetes Haar, ihre schön« und anmuthige Figur, mit einem Wort ihre ganze Persönlichkeit stellte ein neues und glänzendes Muster der Gattung Mensch dar; ihre physische Erschei- nung machte den Eindruck einer der unserigen überlegenen Rasse." Mit derselben Bewunderung betrachteten die Zivilisirten des alten Rom, ein Cäsar und Tacitus, die Germanen der kommunistischen Stämme, die in das römische Reich eindrangen. Gleich Tacitus stellte S a l v i a n, der „Lehrer der Bischöfe", im 5. Jahrhundert den Zivilisirten und Christen die Barbaren als Muster hin:„Wir sind unzüchtig inmitten von Bar- baren, die keuscher sind als wir. Mehr noch; die Barbaren nehmen an unserer Unzucht Anstoß. Die Gothen dulden keinen Wüstling ihres Stam- nies unter sich; nur die Römer in ihrer Mitte haben Dank dem trauri- gen Privilegium ihres Namens und chrer Nationalität daS Recht, unrein zu sein.(Die Päderastie war damals bei den Christen stark in Mode.) —-- Die Unterdrückten gehen zu den Barbaren, Menschlichkeit und Schutz zu suchen."(De.gubematione Dei.) Die alte Zivilisation und das aufstrebende Christenthum korrumpirten die Barbaren der alten Welt geradeso, wie das altersschwache Christenthum und die modern« kapitalistische Zivttisation die Wilden der neuen Welt korrumpiren. Der auch in Deutschland bekannte katholische Schriftsteller, Herr F. L e Play, dessen Beobachtungstalent man anerkennen muß, selbst wenn man seine mit phttanthropischem und christlichem ProudhoniSmus versetzten soziologischen Schlüsse oerwirst, sagt in seinem Buch:„Die«uro- -äischen Arbeiter"(1855):„Der Hang der Baschkiren zur Faulheit(die Baschkiren sind halbnomadische Hirten im Ural), die mit dem Nomadenleben verbundene Muße, die Gewohnhett des Nachdenkens, welche dieselben bei den besserbegabten Individuen hervorrufen, haben bei diesen oft eine Feinheit der Manieren, eine Schärsung von Jntelli- genz und Urtheil zur Folge, wie man sie in einer höheren Zivilisation aus dem gleichen sozialen Niveau selten findet.... Was ihnen am meisten zuwider ist, sind die Ackerarbeiten; sie thun eher alles Andere, als daß sie wenn Bismarck sein bischen Mutterwitz, das er früher besaß, nicht ganz verloren hätte— er hätte der Sache der Demokratie keinen schlimmern Stteich spielen können als indem er den Anttag Stern annahm. Durch seinen plumpen Angriff hat er Herrn Stern eine große Blamage ersparet, und der Demokratte, der echten, wirklichen, wider Willen einen vorttefflichen Dienst geleistet. Wenn auch von ganz anderen Gesichtspunkten aus, sind wir diesmal doch mit Herrn G n e i st ganz einverstanden, daß es bei dem preußischen Wahlsystem„nicht blos auf den Wahlmodus der Stimmabgabe ankommt, sondern ebenso auf Zensus, ebenso auf die Klasseneintheilung der Wähler, ebenso aus direkte oder indirekte Wahlen, ebenso auf Diäten oder nicht Diäten", ic. tc., und bevor Putttamer der Abstimmung einen ganz anderen Charakter aufdrückte, hätten wir deshalb mit Gneist gegen den Antrag Stern gesttmmt. Aus Opportunitätsgründen. Wir halten es nämlich nicht für opportun, das Roß am Schwanz aufzuzäumen. Was ist denn nun jetzt thatsächlich erreicht? Daß die Regierung Farbe bekannt hat? Ei, das thut sie nun schon ziemlich lange, dazu brauchte es diesen jirastaufwand nicht! Daß„für die nächste Reichs- tagswahl jetzt„die Parole" ausgegeben" ist? Das ist nicht nur kein Erfolg, sondern ein kolossaler Mißerfolg. Denn die Parole lautet jetzt: Schutz des geheimen Wahlrechtes, eine so nichtssagende, zu nichts verpflichtende Parole, daß ein Stöcker, ein Cremer, ein Schor- lemer, ein Gneist, ein Hänel, kurz Jeder, der nicht gerade preußischer Landrath ist, dafür eintreten kann. Jeder dieser Helden kann sich jetzt das freisinnige Mäntelchen,„Abwehr des gegen das Reichswahlrecht ge- planten Attentats" umhängen, um unter dieser Flagge in den Reichstag hineinzuschlüpfen. Auf diese Weise kommt dann ein Reichstag zusammen, der das geheime Wahlrecht„rettet", sonst aber doch thut, was Bismarck will. Eine schöne Taktik! Nichts von Erweiterung der Volksrechte, nichts von Beseitigung ver- rotteter Jnstituttonen, nichts von wirklich durchgreifenden Reformen, nichts von einem ernsthasten Kamps gegen das infamste aller Regie- rungssysteme, sondern ein nach allen Regeln der Kunst betriebenes Ge- plänkel, bei dem derjenige Sieger bleiben muß, der sich aus den Spielregeln nichts macht. Und das sind nicht Herr Stern und seine sortschrittlich-sezessionistischen Freunde, das sind Bismarck und Puttkamer. So bodenlos plump und ungeschickt sie vorgegangen sind, so sind in Wirklichkeit doch sie die Sieger— Dank der fortschrittlich-volksparteilichen Staatskunst. — Vom sozialen Kriegsschauplatz. Die Assoziation der Baumwollspinner von Lancashire hat, wie man der „Franks. Ztg." schreibt, ein Rundschreiben an die Arbeiter gerichtet, in welchem der Zustand der T e x t i l- I n d u st r i e als sehr schlimm dargestellt wird. Der Absatz sei erschrecklich gesunken; die Haupt- abnehmer für die englischen Produkte seien bisher die Völker im südlichen und südöstlichen Asien gewesen, deren Konsum jedoch in Folge der unter ihnen herrschenden politischen Unruhen, dann durch Mißernten und ähn- liche Ursachen außerordentlich abgenommen habe. Der Markt werde aber außerdem durch die fremde Konkurrenz verschlechtert, welche von Jahr zu Jahr England gefährlicher werde und die englische Textil-Jndustrie gänzlich zu untergraben droht. Die wichtigsten Verbesse- rungen an den Maschinen seien während der letzten Jahre im A u s l a n d e gemacht; die Arbeiter würden dort gleichfalls immer geschickter und seien dabei billiger als die Arbeitskräfte in England. Die Aufschließung von Kohlenwerken und der Bau von Eisenbahnen spiele der ausländischen Industrie weitere Vortheile in die Hände und die Vereinigten Staaten, sowie viele europäische Staaten begännen Märkte an sich zu reißen, die bisher ausschließlich von Eng- land versorgt wurden. JnSüd-Afrika und China werde wieder Indien zu einem gefährlichen Konkurrenten. Trotz der sinken- den Nachfrage nehme aber die Prcduktion beständig z u, und dies habe eine Ueberfüllung des Marktes zur Folge, welche die Fabrikanten zwingt, ihre Waaren oft weit unter dem Erzeugungspreise zu verschleudern— ein System, das nur mit dem Ruin aller jener Fabrikanten enden kann, welche nicht kapital- stark genug sind, die gegenwärtige Krise zu überdauern." Di- Herren Fahrikanten mögen hier, wie gewöhnlich, wo es sich um so edle Zwecke wie Lohnherabsetzungen handelt, ein wenig flunkern, im im Grunde aber ist ihre Darstellung der Verhältnisse des Weltmarktes «ine richttge. Gleichzeitig aber ist sie eine Bestättgung alles dessen, was wir Sozialisten gegen das heuttge kapitalistische Wirthschaftssystem vor- bringen. Unterbietung aus dem Weltmarkt, Verschleuderung der Waaren und Herabdrücken der Löhne, immer weiteres Herabdrücken, bis die Ar- beiter das Konsumiren ganz verlernen. Besser als es hier von den Fabri- sich zum Berus des Ackerbauers entschließen." In der That ist der Ackerbau die erste Erscheinungsform knechttscher Arbeit in der Menschheit. Will man in unserem zivilisirtem Europa noch eine Spur der ursprünglichen Schönheit des Menschen finden, so muß man zu den Ratio- nen gehen, bei denen das ökonomische Vorurtheil den Haß wider die Arbeit noch nicht ausgerottet hat. Spanien, das jetzt allerdings auch aus der Art schlägt, darf sich noch rühmen, weniger Fabriken zu besitzen, als wir Gefängnisse und Kasernen; aber des Künstlers Auge weilt be- wundernd auf dem kühnen, kastanienbraunen, gleich Stahl elastischem Andalusier; und unser Herz schlägt höher, wenn wir den in seiner durchlöcherten„Capa" majestätisch drapirten Bettler einen Herzog von Ossuna mit„arnigo"(Freund) traktiren hören. Für den Spanier, in dem das ursprüngliche Thier noch nicht ertödtet ist, ist die Arbeit die schlimmste Sklaverei. Auch die Griechen hatten in der Zeit ihrer höchsten Blüthe nur Verachtung für die Arbeit; den Sklaven allein war es gestattet, zu arbeiten, der freie Mann kannte nur körper- liche Uebungen und Spiele des Geistes. Das war die Zeit eines Aristo- teles, eines Phidias, eines Aristophanes, die Zeit, da eine Handvoll Tapferer die Horden Asiens bei Marathon vernichtete, welches Alexander bald darauf eroberte. Die Philosophen des Alterthums lehrten die Ver- achtung der Arbeit, dieser Herabwürdigung des freien Mannes: die Dichter besangen die Faulheit, dieses Geschenk der Götter: O Melibäus, ein Gott schenkte uns diesen Müssiggang! singt Virgil. Christus lehrt in der Bergpredigt die Faulheit:„Sehet die Lilien auf d-m Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, auch spin- nen sie nicht, und doch sage ich Euch, daß Salomo in all' seiner Pracht nicht herrlicher gekleidet war."(Mathäi 6, 28 und 29.) Jehovah, der bärtige und sauertöpfische Gott, gibt seinen Verehrern das erhabenste Beispiel idealer Faulheit: nach sechs Tagen Arbeit ruht er auf alle Ewigkeit aus. Welches sind dagegen die Rassen, denen die Arbeit ein organisches Bedürfniß ist? Die Auvergnaten in Frankreich; die Schotten, diese Auvergnaten der brittischen Inseln; die„Gallegos"(Galizier) diese Auvergnaten Spaniens; die Oberschlesier, diese Auvergnaten Deutschlands, die Chinesen, diese Auvergnaten Asiens. Welches sind in unserer Gesell- schast die Klassen, welche die Arbeit um der Arbeit willen lieben? Die Kleinbauern und Kleinbürger, welche, die einen auf ihren Acker gebückt; die andern in ihren Läden vergraben, dem Maulwurf gleichen, der in seiner Höhl- herumwühlt, und sich nie aufrichten, um.mit Muße die Ratur zu bettachten. Und auch das Proletariat, die große Klasse der Produzenten aller zivilisirten Nattonen, die Klasse, die durch ihre Emanzipation die Mensch- heit von der knechtischen Arbeit erlösen und aus dem menschlichen Thier ein freies Wesen machen wird, auch das Proletariat hat sich, seinen historischen Beruf verkennend, von dem Dogma der Arbeit verdrehen lassen. Hart und schrecklich war seine Züchttgung. Alles individuelle und soziale Elend entstammt seiner Leidenschaft für die Arbeit. kanten geschieht, können die„Arbeiterführer" B u r n e t t und B r o a d- hurst mit ihrem Widerstand gegen den internationalen Normalarbeits- tag gar nicht widerlegt werden. Die Webereifabrikanten in Nord- und Nordost-Lancashire haben jetzt beschlossen, daß da, wo die Arbeiter nicht gutwillig streiken, Arbeitssperre eintteten soll. Die Herren sollen sich nämlich„eine wesentliche Besse- rung der Geschäftslage durch eine allgemeine mehr- wöchentliche Arbeitssperre verspreche n." Das heißt, den Arbeitern wird eine mehrwöchentliche Hungerkur auf- erlegt, während welcher Zeit sie die in ihren Kassen aufgespeicherten „Fonds" aufzehren dürfen. Hernach dürfen sie dann bei 10 oder 15% niedrigeren Löhnen wieder arbeiten. Und das so weiter, bis sie schließlich sächsische und schlesische Löhne erhalten. Dann werden sie allerdings auch einen internationalen Arbeitstag und internationale Arbeitslöhne haben, aus dem Weg der Selbsthilfe— wenn ihnen nicht früher über ihre Führer und deren Weisheit die Augen aufgehen. Hoffen wir Letzteres. — Kleptomanie, oder aus dem Griechischen in einfaches Deutsch übersetzt, Diebswuth, Stehlsucht, ist ein vor etwa 2 Jahrzehnten in Mode gekommener Ausdruck zur Bezeichnung einer sehr häufigen Krank- heit, welche sich darin äußert, daß der von ihr Ergriffene Alles, dessen er habhaft werden kann, in seine Taschen wandern läßt. Von dieser Krankheit— und das ist ihre merkwürdigste Eigenthümlichkeit— kann nur Jemand ergriffen werden, der reich ist. Ein armer Teufel, der ein Stück Brod wegnimmt, um seinen Hunger zu stillen, ist ein gemeiner Spitzbube; der reiche Mann aber, der einen Schmuck stiehlt, welcher ihm in die Augen sticht, ist ein Kleptomane,— denn er hat ja das Stehlen nicht nöthig. Kleptomanie heißt also Stehlen aus Neigung, aus un- widerstehlichem„Aneignungsdrang"; der Umstand, daß der Stehlende sich in günstigen Vermögensverhältnissen befindet und das Stehlen nicht nöthig hat, ist ein wesentliches Bestandtheil der Kleptomanie. Und noch ein zwettes Requisit gehört dazu, nämlich, daß der Stehlende die Sache etwas dumm ansängt und sich außerhalb der gewöhnlichen„Ge- schäftsusancen"— das Wort im weitesten Sinne genommen— stellt. Ein Strousberg, ein Herzog von Ujest, ein Baron Ofenheim und wie die Großen, die sprichwörtlich nicht gehängt werden, alle heißen mögen/ ist kein Kleptomane, sondern ein„Gründer" und nach dem bür- gerlichen Moralkodex ein Ehrenmann, vor dem die Göttin Justitia ihre Reverenz machen muß, und der höchstens einmal aus Mißverständniß mit ihr in Konflikt gerathen kann. Genug— der Diebstahl des Kleptomanen muß ein gemeiner Diebstahl im Sinne des Strafgesetzes sein: Alles was mit dem großen wirthschaftlichen Ausbeutungsprozesse der modernen Bourgeoisgesellschaft zu thun hat, gilt nicht für Kleptomanie— aus dem einfachen Grund, weil dieser Diebstahl im Großen und mit Methode für recht gilt und nicht für eine Verrücktheit(Manie), im Gegentheil für ein vernünftiges Handeln, auf welchem im Grunde die gesammte Bour- geoisgesellschast beruht. Genug dieser Betrachtungen. Vor einigen Tagen hat sich das Schöffen- gericht in B e r l i n mit einem Kleptomanen oommo il kaut zu beschäf- tigen gehabt(siehe„Berliner Volkszeitung" vom«. Dezember)— einem „rnarchand taillsur* R.(in solchen Fällen verschweigt die diskrete Presse den Namen), der in bester Form einen Taschendiebstahl oerübt hatte und mit dem oorpui delicti in seinem Besitze abgefaßt worden war. Der Mann machte geltend, daß er sehr reich sei und das Stehlen nicht nöthig habe; zwei Aerzte bezeugten ihm, daß er von Zeit zu Zeit „an einem unwiderstehlichen Aneignungsdrange laborire", und die biede- ren Schöffen sprachen den Spitzbuben frei, weil er reich sei und das Stehlen nicht nöthig habe. Wäre er nicht reich und hätte er zur Stillung seines Hungers das Stehlen nöthig gehabt, so wäre er unbarmherzig verdonnert worden. Die Moral ist: nur den Armen ist das Stehlen verboten, den Reichen ist es erlaubt— auch in der Form des allergemeinsten Diebstahls. Die Berliner Schöffen, die den in flagranti ergriffenen Taschendieb, den reichen marcband tailleur R. von der Anklage des Diebstahls freisprachen, hatten den richtigen Bourgeois-Klasseninstinkt und haben gezeigt, daß sie von dem Geiste unserer kleptomanischen Bourgeois- Gesellschaft voll- ständig durchdrungen sind. — Z u r R o h h e i t s st a t i st i k. Es ist bekannt, daß Fürst Bismarck, als er noch simpler Deichhauptmann war, einst in einem Wirths- Hause Jemandem, der eine dem Krautjunker mißfallende Aeußerung ge- than hatte, das gefüllte Bierseidel auf dem Schädel in Stücke schlug, so daß der Gettoffene blutend zusaminensank— eine That, die in dem famosen Buch des H e s e k i e l mit dem offiziellen Stempel versehen und gebührend verherrlicht worden ist. Die Geschichte passirte irgendwo in Hinterpommern— wäre sie in einem zivilisirten Landstrich passirt, so würden dem Deichhauptmann Bismarck damals von den mitanwesenden Gästen die Knochen so gründlich zerschlagen worden sein, daß uns der Fürst Bismarck wohl erspart geblieben wäre. Wie es scheint, war diese Bierseidel-Affaire kein Aloments-Ausbruch junkerlicher Bestialität, sondern eine ganz methodische Handlung. Es ist uns dieser Tage ein Buch in die Hände gefallen, welches schon im Jahre 1851(Breslau, Verlag von Joh. Urban u. Kern) gedruckt ist und eine aristo- kratische, für das preußische Junkerthum schwärmende Dame zur Ver- fasserin hat— die jetzt verschollene, damals aber vielgenannte Ida von Düringsfeld. Das Buch ist betitelt:„Eine Pension am Gevfersee. Zwei Romane in einem Hause", und enthält eine Masse Klatsch aus der sog. vornehmen Welt und darunter— schwer herauszu- finden aus dem Wust fader Geistreichigkeiten und müffiger Skandalchronik — auch einige interessante, und für gewisse Personen und Zustände charakteristtsche Anekdoten. Da wird(Bd. II, Seite 4) u. A. von„Baron Bismarck" erzähck: er habe„neulich" einer bürgerlichen Kanaille „auf eine Ergeiferung über den Adel ganz freundlich gesagt:„Ich pflege Leuten, mit denenmansichnichtschießenkann, bei solchen Aeußerungen Stühle an den Kopf zu werfen— fliegt also mal ein Stuhl, so wissen Sie seine Adresse." Wie gesagt, diese Mittheilung stammt aus den aristokratischen Kreisen, aus den Kreisen des Herrn Bismarck selbst— und diese Gewohnheit des Stühlewerfens zur Ausgleichung politischer Meinungsdifferenzen er- erscheint der aristokrattschen Erzählerin als etwas ganz Nattirliches, und obendrein sehr Ehrenvolles. Daß es wirtlich zum Stühlewerfen gekommen sei, wird zwar nicht gemeldet, aber die Drohung ist in einem solchen Falle ebenso roh wie die Ausführung; und daß„Baron BismardI" — wohlgemerkt, wo er einen Schwächern vor sich hatte und es ge- fahrlos thun konnte— vor der Ausführung nicht zurückschreckte, hat ja sein Hof- und Leibbiograph Hesekiel der Ntit- und Nachwelt überliefert. Ob's ein Stuhl ist, der einem politischen Gegner an den Kopf geworfen wird, oder ein gefülltes Bierseidel, das thut zur Sache nichts. Genug, „Baron Bismarck"„pflegt e", seiner eigenen Aeußerung nach in dieser handgreiflichen, seinen und seiner Sippe Bildungsstand kennzeichnenden Weise zu argumentiren. Wir sagten, daß er sich dabei freilich seine Leute ansah, und sorgfältig bedacht war, persönlich nicht zu Schaden zu kommen. Wir schließen dies aus seinem famosen Zusammenstoß mit dem ehemaligen hannöver'ichen Kriegsminister von Münchhausen, der, 1887 im Reichstag von Bismarck schwer beleidigt, diesen forderte, aber keine Genugthuung er- langte, weil der Reichskanzler sich beeilte, die gefährliche Aeußerung aus dem stenographischen Berichte zu entfernen. Der näm- liche Bismarck hatte kurz vorher den Fortschrittler V i r ch o w wegen einer im preußischen Abgeordnetenhaus gemachten Aeußerung gefordert und mit großem Lärm für die Nothwendigkett eines Duells plaidirt. Hier blutdürstiger Bramarbas, dort lammfrommer Friedensmann— er- kläre mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Statur? Nun, er ist leicht er- klärt: Herr von Münchhausen ist ein ausgezeichneter Pistolenschütze, und Virchow hat nie eine Pistole in der Hand gehabt. Ein paar Dutzend Seiten weiter(Band 11, Seite 38) schreibt der aristokratische Blaustrumpf: „Denken Sie, Bismarck hat, als er B l u m's Tod erfahren, Geld in die Armenkasse gegebe n". Eine Handlung, von der die aristokratische Versasserin sagt:„Ein gesunder Haß"— jedoch„etwas barbarisch." Ein anderes Epitheton wäre passender; der Leser, der keines Kom- mentars bedarf, wird es finden. Apropos, da wir gerade bei der Rohheitsstatistik sind, sei noch Fol- gendes erzählt. Der„Philosoph" des nackten Egoismus. Schapen- Hauer, der beiläufig manchen sonst ganz vernünftigen Menschen durch die Unverschämtheit seiner Phraseologie den Kops verdreht hat, war ein fanatischer Reakttonär und an Gemüths-Rohheit dem rohesten Kraut- junker ebenbürtig. Gleich„Baron Bismarck" hatte er eine maßlose Wuth aus die wahrhaftig doch höchst harmlosen„Revoluttonäre" von 1848 und namentlich auf Robert Blum. Ein Freund Schopenhauers— dieser selbst war freilich für Freundschaft unempfänglich und behandelte seine Freunde wie Hunde—, ein gewisser H o r n st e i n, hat soeben„Er- innerungen an Schopenhauer" veröffentlicht, die ein recht widerliches Bild enthüllen. Nur ein Pröbchen:„Wenn er sich in den bösen Buben (das bubenhafte Schimpfen ans die„Revolutionäre") hineingearbeitet hatte"— schreibt Hornstein—„konnte er Unglaubliches leisten, dann konnte er das Glas erheben und auch auf den„edlen Fürsten Windisch- grätz" ttinken, und dessen„zu große Empfindsamkeit" bedauern.„Den Blum hätte er nicht erschießen, sondern henken sollen u. s. w." Man sieht, Herr Schopenhauer verdient in unserer Statistik einen Platz neben„Baron Bismarck". In die Armenkasse hat er allerdings nichts bezahlt, als er die Freudenbotschaft von Robert Blums Stand- rechtlung durch den„edeln Windischgrätz" erfuhr— allein das unter- ließ er nur, weil er— zu geizig war, noch geiziger als ER! —„Auf der Höhe." In einem vortrefflichen Leitartikel, der diesen Titel führt, und der sich mit der Art und Weise beschäftigt, wie An st and und gute Sitte, deren Mangel man beim Volke so sehr beklagt, in den„höheren Regionen", in den Parlamenten rc. beobachtet werden, schreibt die demokratische„Züricher Post": „Und jetzt zum Schlüsse noch eine Geschichte, die eben gestern die „Kölnische Zeitung" veröffentlicht hat. König Alfons empfing drei deutsche Journalisten, unterhielt sie über den Zustand seines Reiches, von seinen königlichen Thaten und erzählte dabei frisch, fromm und fröhlich, wie er selbst während des Karlistenkrieges„Bataillone aus Sträf- lingen bildete, denen Mannszucht unbekannt war, die sich aber doch vorzüglich schlüge n." Sicherlich wird dieses allerhöchste Geständniß nirgends Anstoß erregen, man wird diese Enthüllungen sogar mit Befriedigung aufnehmen, als einen Beweis von der glänzenden Thatkraft des spanischen Herrschers, und am meisten ent- zückt werden Diejenigen sein, welche den Revolutionen nichts Gemeineres und Niederträchtigeres nachzureden wußten, als daß allerlei dunkle Existenzen und ge- meine Verbrecher in ihren Reihen gefachten hätten. Freilich, Alfons wollte ja nur seine Spanier glücklich machen, wie auch Ferdinand von Neapel seinerzeit sein Land mit Hilfe von notorischen Banditen beruhigte. Dem Reinen ist Alles rein, den Königen alles königlich. Darum Blumen auf ihr Haupt und dem Volke Koth in's Antlitz." Wo sind die Zeiten hin, da deutsche demokratische Blätter eine solche Sprache führten! Heute haben sie für Alles, was nach Revolution riecht, nur Spott und Verdächtigungen und sind entzückt, wenn irgend ein gekrönter Mordbube— wie Serbiens Milan—„liberale" Ansichten heuchelt. — Zur Bourgeoismoral. Vor einigen Wochen stellte das Reichsgericht bei Entscheidung eines Prozesses den Grundsatz auf, daß es Betrug sei, unter dem Namen„Baierisches Bier" Bier zu verkaufen das nicht in Baiern gebraut sei. Diese Entscheidung hat die deutsche Geschäftswelt in große Aufregung gebracht, und wer die Konsequenzen bedenkt, wird diese Aufregung auch sehr natürlich finden. Hören wir nur, was das Berliner Hauptorgan der Fortschrittspartei, die„Volks- zeitung", über das bedenkliche Thema sagt; und wie sie sich und ihre bürgerlichen Leser zu beruhigen sucht. Sie schreibt in einer ihrer letzten Nummern: „Die Reichsgerichtsentscheidung betreffend„echte Biere" hat begreif- licherweise in den weitesten Kreisen großes Aussehen erregt, und nur der Gedanke gibt eine gewisse Beruhigung, das es mit den Konsequenzen eines solchen Urtheils im praktischen Leben nicht so genau genommen wird. Denn ohne eine gewisse„Wurschtigkeit" in diesen Dingen würde es im Erwerbsleben nach diesem Gerichtsbeschluß ziemlich bedenklich aus- sehen, wenn man erwägt, wie viel gewohnheitsmäßige Bezeichnungen für Waaren vorhanden sind, von denen Käufer wie Verkäufer ganz genau weih, daß sie nur gewählt werden, weil dies gewissermaßen Mode ist. So z. B. dürste es wohl kaum einen vernünftigen Menschen geben, der nicht weiß, daß der„Magdeburger Sauerkohl", �welcher unter dieser Firma in Deutschland verzehrt wird, nur zum hundertsten Theile die Provinz Sachsen überhaupt gesehen hat. So verhält es sich mit der„Braun- schweizer Leberwurst", der„Gothaer Cervelatwurst", dem„Westphälischen Schinken" und der„Perleberger Glanzwichse", tausend anderer ähnlicher Bezeichnungen nicht zu gedenken. Alljährlich um diese Zeit erscheint an den Schaufenstern unserer Materialwaarenhändler„Schönstes türkisches Pflaumenmus", eine Ankündigung, von der jede Hausfrau weiß, daß Klappern zum Handwerk gehört und sonst weiter keinen Zweck hat. Wer schon einmal außerhalb seines Wohnorts gewesen ist, hat auch schon ein- mal Gelegenheit gehabt, zu beobachten, in welchen Massen bei uns im lieben Deutschland gleich unmittelbar neben der Zwetschgenplantage auf freiem Felde„schönstes türkisches Pflaumenmus" gekocht wird, um sofort, in Fässer geschlagen, nach allen Himmelsrichtungen verschickt zu werden. Welche ungeheuren blassen von Spiritus gehen nicht alljährlich aus allen Theilen der preußischen Monarchie nach Nordhausen, um von dort als„echter Nordhäuser Korn" das Licht der Welt zu erblicken. Jeder Geschäftsmann weiß das; er ist nicht sicher, daß er nicht seines eigenen Nachbars Waare von weit her zugeschickt erhält, aber es genügt ihm und auch seinen Gästen, daß er wie Shylock aus seinem Schein bestehen, das heißt den Frachtbrief über wirklich echte Waare vorzeigen kann. So geht es mit den smyrnaer Korinthen und den echten ungarischen Kur- traüben, die eben so echt sind als der westphülische Pumpernickel oder die gnadauer Bretzeln und holländischen Waffeln. Daß die Jauerschen Würste und Limburger oder Harzer Käse eben so echt sind als die Stettiner Fettheringe oder Spandauer Zimmetbrezeln weih Jedermann, und es fällt auch Niemanden ein, darin einen Betrug zu sehen. Jedenfalls würden alle Gerichtshöfe der Welt nicht im Stande sein, alle die Urtheile zu fällen, welche in richtiger Konsequenz des Reichsgerichts- spruches über alles Unechte gesprochen werden müßten. Schweinsurter Grün und Berliner Blau, Lyoner Seide und italienischer Salat würden täglich Gelegenheit bieten, die Thätigkeit des Strafrichters heraus- zufordern, wenn man nicht eben wüßte, daß hierbei der„Alumpitz" eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt." So das fortschrittliche Organ, welches sich sogar demokratischen An- strich gibt. Es fällt uns nicht ein, dem Kaufmann, welcher der allgemeinen„Ge- schäftsusance" folgend, eine Waare unter einem falschen Namen ver- kauft, für einen Betrüger schlimmster Sorte zu erklären— er kann un- zweifelhast mit. gutem Recht für„mildernde Umstände" plaidiren, allein das ändert nichts an der Thatsache, daß die fragliche Geschästsusance einen betrügerischen Charakter hat. Die beiden Kriterien des Betrugs sind vollständig vorhanden: in dem Kunden soll eine falsche Vorstellung er- weckt werden; und der Kaufmann thut dies, um sich einen Vortheil zu sichern. Die Entschuldigung, daß es wohl„keinen vernünftigen Menschen gebe", der nicht wisse, daß diese schönen Waarenbenennungen Schwindel seien, ist durchaus nicht zutreffend. Die Ges chäftsleute wissen es alle- sammt; und auch ein Theil des Publikums. Jedoch nur ein verhältniß- mäßig kleiner Theil. Und namentlich die Frauen, welche im Klein- geschäft bei Weitem die meisten Einkäufe besorgen, weroen durch diese „Geschästsusance" außerordentlich oft irre geführt und— betrogen. Es bleibt kein anderes Wort. Daß der Unfug ein ganz allgemeiner ist, ändert an dessen Verwerflich- keit ebensowenig wie der Umstand, daß die Meisten, welche ihn üben, sich nichts Böses dabei denken. Es läßt dies im Gegentheil nur um so deutlicher und handgreiflicher die Korruption der heutigen Gesellschaft zu Tag treten, die so durch und durch korrupt ist, daß sie das Bewußtsein der Korruption verloren hat und sich für außerordentlich„moralisch" hält, obendrein das Monopol der Moral und Tugend zu haben glaubt oder doch vorgibt. — lieber das„Recht auf Arbeit" haben sich neuerdings zwei hervorragende Genossen in öffentlichen Versammlungen geäußert, und zwar, was wir mit Genugthuung konstatiren, im Wesentlichen in unserem Sinne. Am 2. September sprach Genosse Hasenclever in Erfurt in einer sehr gut besuchten allgemeinen Arbeiterversammlung über dieses Thema. Man schreibt der„Volkszeitung" darüber:„Zum Schluß erklärte Redner es für eine Pflicht der Gesellschaft, der Arbeit zu ihrem Recht zu verhelfen. Die direkte Forderung:„Das Recht auf Arbeit" zu proklamiren, stellte er nicht, da diese Proklamirung schließlich doch nur eine Phrase bleiben würde, während die von ihm angeführten Mittel— Normalarbeitstag-c.— in der That das Recht auf Arbeit feststellten." Ebenso äußerte sich Genosse Geyer aus Großenhain in einer jüngst in Chemnitz stattgehabten Arbeiterversammlung. Das„Säch- sische Wochenblatt" berichtet über seine Rede: „Als nächste Aufgabe, die zu erstreben sei, bezeichnete Redner den Normalarbeitstag, dem nothwendigerweise eine Regulirung des Lohnver- hältnisses folgen müsse. Nachdem Redner noch viele andere Punkte er- örtert hatte, kam er auch auf die gegenwärtige Agitation, welche betreffs des Rechtes auf Arbeit getrieben würde, zu sprechen. Redner er- klärte sich nicht einverstanden mit dieser Agitation und führte aus, das Recht auf Arbeit sei in jeder praktischen Arbeiterforderung enthalten, und man brauche deshalb nicht zu Schlagwörtern aus früheren Zeiten zurückzugreifen. Wichtiger sei es, einfach die Pflicht zur Arbeit zu be- tonen.{? Red. des„S. W.") Er sei ein Gegner derartiger Agitation und er liebe es, praktische Anträge der Regierung zu unterbreiten." Wir begnügen uns damit, diese Erklärungen einfach zu registriren. — Genosse K a y s er erläßt in deutschen Blättern folgende Erklärung, von der wir Akt nehmen zu müssen glauben:„In Bezug auf das Reichskrankengesetz und überhaupt die Sozialreform der Reichsregierung st ehe ich genau auf demselben prinzipiellen Boden wie meine Fraktionsgenoffen, und verwahre ich mich ein für alle Mal gegen die hartnäckigen Versuche eines Theiles der Presse, mich in Gegensatz zu meiner Partei zu bringen. Dresden, den 7. Dezember 1883. Max Kayser, Reichstagsabgeordnete." — Heber den Verlauf, den die Affäre der auf der M ü l h e i m e r Haide angeblich überraschten Versammlung genommen hat, schreibt man uns aus Köln: „Die Geschichte von der Mülheimer Haide schläft noch und wird auch schwerlich erwachen, denn es ist mit dem bisher Ermittelten nichts zu machen. Der Arbeiter, welcher aus der Zentralwerkstätte entlassen wurde, ist wieder eingestellt worden. Der Ober-Maschinenmeister hatte schon gleich nach dem Vorfalle Austrag bekommen, den Mann wieder einzustellen, aber er that es nicht. Es war seine Absicht, daß der Mann demüthig zu Kreuze kriechen solle. Der Arbeiter that dies aber nicht, sondern ging drei Wochen nachher zum Bürgermeister sunserm Ex- genossen Becker?) und sagte ihm, daß er abreisen werde, der Bürger, meister möge nun für seine Frau und Kinder sorgen. Da erklärte ihm das Stadtoberhaupt, er solle wieder zum Ober-Maschinenmeister gehen, er würde jedenfalls wieder eingestellt werden. Als der Arbeiter hinkam, war schon sein Zettel zum Eintritt fertig. Beiläufig, der in in Nr. 40 des„Sozialdemokrat" gekennzeichnete Vikarius Li n d e n sitzt bereits im Loch. Der stamme Arbeiter im Weinberge des Herrn ward in München- Gladbach im Alexianerkloster verhastet. Ihr Arttkel, hat, wie es scheint, gewirkt!" N. A. — Von nah und fern. In Paris hatten einige Anarchistett aus vorigen Freitag ein Meeting auf den Börsenplatz einberufen, d. h. vor dem Allerheiligsten der Bourgeosie. Kein Wunder, daß die Polizei mit Massenaufgebot erschien, aber leider blieben die Massen aus. Die Einberufer wurden verhaftet, sind aber zum Theil bereits wieder auf freiem Fuße. Die anarchistischen Zirkel erklärten, mit dem Arrangement nichts zu thun zu haben. Einen ernsthaften Zweck hatte die ganze Sache nicht. Das serbische Standgericht hat die verhafteten„Rädelsführer" des Aufstandes zu mehrjährigen Kerkerstrafen, zwei derselben: T h e o d o- r o w i t s ch und Milosewitsch, zum Tode verurtheilt. Milan wandelte indeß diese Sttafe zu zehnjähriger Kerkerhast um. Welche Milde! — England. Patrik O'Donnel, der„Mörder" des Erzschuftes Carey, ist am 1. Dezember nach zweitägiger Gerichtsverhandlung zum Tode durch den Strang verurtheilt worden. Bei der Zusammensetzung der Jury war ein anderes Urtheil gar nicht zu erwarten, Richter und Geschworene haben einfach gethan, was„ihres Amtes" war. Anders als diese ehrenwerthen Herren urtheilt jedoch die öffentliche Meinung. Jeder, der noch einen Funken von Gerechtigkeitsgefühl in sich spürt» sieht in dem„Verbrechen" O Donnels nichts als einen Akt der berech- ttgten Nemisis, nicht nur in in Irland, sondern der ganzen zivilisirten Welt wurde die Kunde von der Ermordung Carey's mit den Worten auf- genommen: Der Hallunke hat nur geerntet, was er gesäet. Leidenschaftliche Bekämpfer der Todesstrafe, erbitterte Gegner des politischen Mordes, plädirten für mildernde Umstände für O'Donnel, Niemand fand sich, der ihn für einen gemeinen Mörder erklärt hätte. Und jetzt, nachdem das Todesurtheil gefällt ist, erheben sich allerorts Stimmen, welche die Begnadigung O'Donnels verlangen. Wer es ernst- Haft mit der Sache der Unterdrückten hält, schließt sich ihnen an. Um so skandalöser aber ist es, und verdient allgemeinste Brand- m a r k u n g, wenn ein Blatt, welches vorgibt, der Arbeiterklasse, der- jenigen Klaffe, welche die naturgemäße Vorkämpserin der Sache aller Unterdrückten ist, zu dienen, wenn ein solches Blatt sich nicht entblödet, rundweg die Ablhuung O'Donnels als einen Akt der Gerechtigkeit zu fordern! Und dieser schändlichen Verleugnung aller Tradittonen der Arbeiterklasse macht sich in seiner neuesten Nummer der Londoner „Labour Standar d", das Organ der englischen Gewerkvereinler, schuldig. Mit einer Rabulistik, welche einem Jeffreys, dem berüchtigten Oberrichter Jakobs IL, Ehre machen würde, leistet dieses„Arbeiterblatt" g den Harcourt und Konsorten den schmutzigen Liebesdienst, aus Gründen des öffentlichen Wohls die„e r n st l i ch e H o f f n u n g" auszudrücken, „daß der Staatssekretär auf keines der Gnadengesuche höre, die nun- mehr einlaufen werden, sondern im Gegentheil darauf bestehen möge, daß der Gerechtigkeit Genüge geschehe."...„Es ist eine absolute Nothwendigkeit, daß in solchen Fällen das Gesetz sich Genugthuung ver- schaffe, daß es mit ä u ß e r st e r S t r e n g e die bestrafe, die mittels Verbrechen die Bestrasting von Verbrechen unmöglich zu machen suchen." Dahin ist es also mit Herrn George Shipton gekommen! Wie doch Umgang bildet. Als der Herr in die Redaktion von„Labour Standard" eintrat, war er leidlich anständig, im Umgang mit dem ehrenwerthen Herren Broadhurst und Konsorten aber lernte er schnell, die Wurst nach der Speckseite zu'werfen. Schon als er im vorigen Jahre die berühmte Reise nach Paris aus Kosten der Kanaltunnelbaugesellschaft mitmachte, schrieb uns ein Kenner der englischen Verhältniffe:„Nun hat er Bourgeoisgeld gekostet, jetzt ist es aus mit ihm, jetzt hat ihn die Konsorterie geangelt!" Es hat sich schnell gezeigt, wie Recht unser Freund hatte, Herr Shipton übertrifft noch seine würdigen Lehrer. An- dere hätten vielleicht feige geschwiegen, wo ein mannhafter Protest am Platze war, er aber hat die Scham soweit abgestreift, daß er den Staatsanwalt überstaatsanwaltet. Das sind die guten Freunde des Herrn Brousse, die guten u n p a r- teiischen Engländer, die sich nicht erlaubt haben, sem Monopol auf den einzig waschechten Sozialismus anzuzweifeln! Vor solcher Konkurrenz streichen wir gern die Segel. Korrespondenzen. — Königsberg i. Pr., 2. Dezember. Zweier Vorfälle wegen, die in neuerer Zeit unser hiesiges Parteileben bewegten, erlaube ich mir, den Raum unseres Parteiorgans in Anspruch zu nehmen. Der eine davon, und mit ihm will ich beginnen, greift etwas weit zurück. Im April d. I. wurde eines schönen Tages um die Mittagszeit in der Wohnung des Schriftsetzers R. durch die Polizei gehaussucht. Obwohl nun auch nicht das geringste Verdächtige gefunden wurde, hielt die Hochlöbliche es dennoch für nothwendig, den K. bald darauf auf der Straße zu verhaften und einem Verhör zuzuführen. Und alles das, weil die Post der Polizei ein Packet zugestellt hatte, das durch die mangelhafte Emballage hindurch eine größere Anzahl des so gesürchteten „Sozialdemokrat" erkennen ließ, und das an den Erwähnten adressirt war. Es hätte nun für Letzteren ein Leichtes sein müssen, jeden Zu- sammenhang seiner Person mit dem Packet einfach in Abrede zu stellen, da er doch ernstlich nicht dafiir verantwortlich gemacht werden konnte, daß irgend ein Unbekannter ihm etwas zuschickte— und er hätte das mit gutem Gewissen thun können, da er nach meinem Wissen unserer Sache ziemlich fern steht. Indessen ließ sich R. durch die bekannte liebenswürdige Behandlung der Polizisten so außer Fassung bringen, daß er völlig den Kopf verlor, Alles ihm in den Mund Gelegte im ge- wünschten Sinne beantwortete, und so die schönsten„Enthüllungen" zu Wege brachte. Namentlich sagte er aus, daß der Schloffer Godau derjenige sei- der ihn als Mittelsperson benutze, und dem er schon verschiedene Male Packete mit verbotenen Schristen zugestellt habe. Eine hierauf sofort bei Genosse Godan, auf den es von vornherein abgesehen war, vorgenommene Haussuchung verlief resultatlos. Godan aber wurde mit R. konstontirt und hatte da Gelegenheit, erstens die gegen ihn gemachten Aussagen als Unwahrheiten zu bezeichnen, zweitens aber der Polizei unangenehme Wahrheiten über ihren Eifer zu sagen, ihr mißliebige Personen s y st e- matisch mit den Gesetzen in Widerspruch zu bringen. Nichtsdestoweniger erfolgte gegen Beide Anklage wegen Verbreitung verbotener Schriften und stand in dieser Sache Termin auf Donnerstag, den 23. August, an. Wegen Nichterscheinen des Polizei-Jnspektors Hirsch mußte die Verhandlung indessen vertagt werden, und so fand erst am 17. November die Angelegenheit ihre Erledigung. R. widerrief in diesem Termin natürlich seine sämmttichen damals gemachten Aussagen, und trotz des besten Willens konnte daher der Gerichtshof Godan nicht ver- urtheilen; es erfolgte Freisprechung. R. dagegen erhielt, wahrscheinlich als Strafe dafür, daß er sich im Polizeiverhör so leicht kopslos machen ließ s!) 50 ML Geldstrafe eventuell 5 Tage Haft zudiktirt. Aus der Vertheidigungsrede eines der beiden konservativen) Anwälte will ich nur eine Aeußerung hervorheben. Er sagte:„Mag man den Sozialdemo- kraten nachsagen, was man will, persönlichen Muth kann man ihnen nicht absprechen." Nun, das wollen wir uns auch ausgebeten haben. Von größerer Bedeutung als der ebenerwähnte Prozeß war für uns die behördliche Genehmigung einer von uns zum 21. November an- gemeldeten Versammlung mit der Tagesordnung:„Welche Stellung haben die Arbeiter und Kleingewerbtreibenden der Fortschrittspartei gegenüber einzunehmen?" Zur festgesetzten Stunde war der Saal des Kneiphöfchen- Gemeindegartens bis auf den letzten Platz gefüllt, und Genosse Godan begann sein Referat, in welchem er auseinandersetzte, daß der Kleingewerbtreibende seine Klafienlage vollständig verkenne, wenn er sich den Besttebungen der Arbeiter feindlich gegenüberstelle, sein Interesse erfordere gerade einen engen Anschluß an die Letztern. Er müsse begreifen lernen, daß das Großkapital, welches sich namentlich in den Händen liberaler Bourgeois befinde, und dem deshalb auch von allen Schattirungen der liberalen Partei die Wege geebnet würden, der natürliche Feind des Kleinbetriebs sei, dem der letztere erliegen müsse; schon jetzt befinde er sich in vollster Abhängigkeit von demselben. Roh- stoff-, Magazin-Genossenschaften u. s. w. seien nur Palliativmittelchen, die wohl vorübergehend einigen Nutzen schafften, aber nicht entfernt im Stande wären, die Aufsaugung des Kleinbetriebs durch das Großkapital zu verhindern. Den Arbeitern aber rief der Redner zu, selbst ihr Ge- schick in die Hand zu nehmen und sich ferner nicht mehr zum Stimmvieh der anderen Parteien herzugeben; nur durch einiges festes Zu- sammenschließen könnten sie ihren so gerechten Forderungen Nachdruck verleihen. Die hiesige Hochburg der Forffchrittspartei aber müsse von den Arbeitern erstürmt werden. Auf die von den Liberalen so hoch gepriesenen Konsumvereine eingehend, bemerkte er:„Nicht winzige Vor- theile als Konsumenten, sondern entschiedene Besserstellung als Pro- d u z e n t e n, das muß unser Ziel sein!" Der hierauf das Wort nehmende Genosse H e r b i g spann in gewandter Weise den Faden weiter, er schilderte das Entstehen der Fort- schrittspartei, ihre Inkonsequenz und Energielosigkeit, hob hervor, daß während der Jahre, in welchen sie die unbedingte Majorität in der Volksverttetting hatte, sie auch nicht das Mindeste für die Arbeiter gethan, sondern nur mit Phrasen und Versprechungen um sich geworfen, und betonte, daß diese Partei, die zwar die Harmonie zwischen Arbeit- geber und Arbeitnehmer predige, aber durch ihr thaffächliches Verhalten das gerade Gegentheil beweise, nie und nimmer die Interessen der Arbeiter vertreten könne: es existire eben keine Harmonie zwischen Kapital und Arbeit. Ueberhaupt müßten sich die Arbeiter bewußt werden, daß ihnen gegenüber alle anderen Parteien nur eine reaktiouäre Masse bilden. Nachdem dann auch dieser Redner ein geschlossenes Vorgehen den Anwesenden dringend ans Herz gelegt, und ihnen die Wahl eines Arbeiters zum Reichstagsabgeordneten empfohlen, schloß er mit einem herzhaft aufgenommenen Hoch auf die Arbeiter, dem ein kräfttges Hoch auf die beiden Redner und die von ihnen vertretene Sache folgte. Schließlich wurde nachstehende Resolution beinahe einstimmig an- genommen: „Die heutige Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden. Sie hätten es hiernach für die Pflicht der Arbeiter und Handwerker, ihre Interessen auf polittschem und ökono- mischem Gebiet allein zu vertteten und insbesondere bei der nächsten Reichstagswahl nur einem Kandidaten ihre Stimme zu geben, der das arbeitende Volk in diesem Sinne vertritt." Eine mehrfach wiederholte Aufforderung an die Gegner, ihre ab- weichenden Ansichten und Grundsätze zu vertreten, verhallte wirkungslos; keiner der Haupthähne der Fortschrittspartei war erschienen. Run, wollen die Herren nicht zu unS kommen, so werden wir sie in ihren Versammlungen aufsuchen und da mit ihnen ein Hühnchen pflücken, wie wir überhaupt in neuerer Zeit keine Gelegenheit vorübergehen laffen, den Glorienschein, den diese Manchesterhelden in den Augen der Spieß- bürger und gedankenlosen Nachbeter um sich zu verbreiten gewußt haben, auf seine Echtheit zu prüfen. Es bleibt nur zu bedauern, daß verschiedene brauchbare Kräfte unter uns mit Rücksicht auf ihre abhängige Stellung es sich versagen müssen, im Interesse der Partei öffentlich zu wirken. Doch das ist ja überall so, nicht blos hier.??? Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! — Im Wahlkreise Bielefeld-Herford findet demnächst eine Nachwahl zum Reichstags statt. Unsere dorttgen Genossen haben als Kandidaten D. Hegemann aufgestellt und rechnen bestimmt aus erheblichen Stimmenzuwachs. Glück aus! Trotz zweimaliger Warnung sin Nr. 23 des„Sozialdemokrat" 1882 und Nr. 20 von 1883) ist es dem Angeber und Schwindler Schriftsetzer Franz Haas aus Mähren(„Ausgewiesener" aus Leipzig) gelungen, verschiedene Orte in Deutschland abermals zu brandschatzen. Haas gibt an, jetzt nach Oesterreich zu gehen. Wir warnen also hiermit zum dritten Male vor diesem Hallunken unter speziellem Hinweis auf Nachfolgendes: Alle bisherigen Warnungen im„Sozialdemokrat" sollen thunlichst mit Anfang 1384 als Schwarze Liste zusammengestellt, im Separatabdruck erscheinen. Wir erbitten zu diesem Behuf allseitig— besonders auch von den Genoffen in O e st e r- reich— etwaiges Material zur Ergänzung und Klarstellung irgend bekannter Fälle. Interessenten mögen indeß wie bisher selber Namensliste mit kurzem Sachverhalt führen oder Ausschnitte mit Datumsvermerk aufbewahren, was auch behufs der späteren Ergänzungen der„schwarzen Liste" gehandhabt werden muß. Nur s o vermag die Partei sich Schurken und Freibeuter energisch vom Halse zu halten. Brieftasten der Redaktion: W. A. Chicago: Ihrem Wunsche soll, soweft es mit unseren sonstigen Ausgaben vereinbar, gerne entsprochen werden. In Beurtheilung der dortigen Verhättnisse müssen wir— leider!— Ihnen durchaus zustimmen. der Expedition: Steffel: Nach Wunsch besorgt.— Newyork: Gesammelte Briefmarken Hamburger Halle 178 East 3 Sh. dkd. erh.— Nother v. der Gera: Mk. 13,80 Ab. Okt. erh. Weiteres bfl.— F.©ch. Genf: Fr.—,45 f. Schst. erh.— H. Elbs.: Fr. 7,25 Ab. 4. Qu. und Nchlfg. erh.— I. Dis. Chur: Mk. 8,— f. K. W. Schst. erh. Sdg. expreß spedirt.— Z. Rtbr.: Mk. 6,— Ab. 4. Qu. erh.— Guill. Starke: Fr. 13,— ä Cto. Brüffel erh. Ihre sowohl als Hchhm's. Briefmarken sind eingetroffen. Letzter bereits früher quittirt.— A. B. Bern: Fr. 39,— Ab. 4. Qu. in Baar u. Ggrchg. erh.— I. W. Sion: Fr. 2,80 f. Schst. erh.— T. Lausanne: Fr. 13,30 f. Schst. ic. erh. M.-Bild nur in Größe des N. W.-Kalender als Holzschnitt vorh.— ö. I.-IV.: Mk. 360,— ä Cto. Ab. u. Schst erh.— Carlo: Mk. 50,— ä Cto. Ab. 3. u. 4. Qu. erh. Adr. geordn. Weiteres bett. Melr. notifizirt.— L. G. Hamburg: Fr. 5,— Ab. 4. Qu. durch S. H. erh.— Der Alte vom Berge: Fr.—,25 Porto pr. Agfd. dkd. restttuirt erh.— F. Drck. Biel: Fr. 4,60 Cto. Sttgt. und Fr. 1 ,20 pr. Agfd. dkd. gutgebr.— Hch. Z.: Fr. 2,20 Ab. 4. Du. erh.— C. Th. Sursee: Fr. 3,— h Cto. Ab. erh. Laffen Sie's ruhig beim Alten. Gruß!—(S.Shunt. Cincin.: Fr. 102,— ä Cto. erh. Marx'„Kapital" vom Verleger längst annoncirt, aber noch nicht versandtfertig. Will wahrscheinlich erst Bedarf absondiren und Auslage darnach richten. Weiteres«rbgesdt.— Zmnn.: Fr.—,30 für 1 Sd. erh.— Roland: Mk. 50,— ü Cto. erh. Das war aber ein� Generalpause! Also mehr Musik!— Rother in Z.: Mk. 25.20 Abon. 4. Qu. erh.— Lüttich:' Sie müssen ein vortteffliches Herz und einen sehr großen Geldbeutel haben, wenn es Sie so besonders freut, daß Kurbanoff dorten Fr. 50,— und Kleider erhielt. Aus Brüssel wird übrigens dieselbe Gabe gemeldet. Ob„Ihr dankbares Mitglied der Politik" Ihrer Huld ebenso werth ist, als wir Ihres besonderen Tadels, darüber in nächster Nummer. Als vorzügtiche Weihnachtsgeschenke für Krauen und Wädäien empfehlen wir: Fr.«t«. M.Pf. Bebel A., Die Frau in der Vergangenheit, GegenwartundZukunft 2 50 2— Die Neue Welt, Jllu striktes Unterhaltung s- b l a t t, 1876—82, brochirt pro Jahrgang komplet 8— 4 80 Deutscher Jugendschatz, hübsch gebunden(enthält be- lehrende Bilder und Erzählungen)— 80 1— Edelsteine deutscher Dichtung, Sammlung vorzüg- licher Gedichte tc., brochirt 1-- 80 — Dieselben in Prachteinband(selbstkostend) 2 50 2— Gcib A., Gedichte und Deklamationen je. brochirt— 40— 35 Hascnclever W., Erlebtes(Bilder aus Krieg und Frieden— 50— 40 Lebeu und Thaten des Kommune- Generals Dombrowski, intereffante Auszeichnungen aus der Zeit des Kommune-Kampfes 1-- SO Otto-Walster, Eine mittelalterliche Internationale, historische Novelle 1-- 80 — Allerhand Proletarier. Eine Hausgeschichte— 70— 55 — Rienzi Drama in 5 Aufzügen— 40— 35 Für Kinder: König Mammon und die IreiZheit. Sozialdemokrattsches Bilderbuch mit Text. Preis: 1 Fr.(80 Ps.) Porto extra. Dasselbe ohne Text mit Bildern und Reimen: 60 Cts.(50 Pf.) 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