Erscheint wöchentlich einmal in Zürich(Schweiz). Jertag der »«lktbuch Handlung Hotlingcn- Zürich. poliscllduuge» sranlo gegen sranlo Gewöhnliche Briese nach der Schweiz losien Doppelp�rto- Der AoMdeWkrat Jentral-Krgan der deutschen Sozialdemokratie. Abonnements werden bei allen schweizerische» Postbureaux, sowie beim Verlag und dessen belannlen Agenten entgegengenommen, und zwar zum voraub zahlbare« BierteljahrSpreiz von Fr L— siir die Schweiz lKreuzband) Ml Z— für Deutschland(Couverts sl. 1.70 sllr Oesterreich(llouvcrt) Fr. 2 50 für alle übrigen Linder de» Weltpostvereins«Kreuzband). Inserite die dceigeipaltene Petitzcil« Zö CtZ.--- 20 Psg. M'. 3 Donnerstag, 17. Jauuar i88a. IMK~ Avis an die Abonnenten und Korrespondenten des„Sozialdemokrat.""MM Da der Sozialdemolrat' sowohl in Deutschland al« auch in Oesterreich verboten ist, bezw. versolgt wird und die dortigen. als möglich an den.kozialdemolrat', resp. dessen Verlag selbst adressircn, sondern stch möglichst an irgend eine unverdächtige Behörden stch alle Muhe geben unsere Verbindungen nach jenen Ländern möglichst zu erschweren, resp Briese von dort an uns Adresse ausserhalb Deutschlands und Oesterreich« wenden, welche stch dann mit UN» in Verbindung setzt) anderseits aber, dass und unsere Zeitung», und sonstigen Speditionen nach dort abzusangen, so ist die Susserste Borsicht im Postv erlehr nothwendig und s auch UN» möglichst unverfängliche ZustellungSadresscn mitgeiheilt werben. In zweistlhaslen Fällen empfiehlt sich behufs grösserer dars leine Vorfichi-massreg-l versäumt werden, die Briefmarder über den wahren Absender und Empfänger, sowie den Inhal« s Sicherheit R-lommandirung. Soviel an un» lieg«, werden wir gewiss weder Miibc noch Kosten scheuen um trotz aller cntgegm- der Senduuge» zu täuschen und letztere dadurch zu schützen Hanptersorderniss ist hi-zu einerseits, d-ss unsere Freunde so selten/ stehenden Schwierigkeiten den.Sozialdemoirat' unseren«bonnemen möglichst regelmässig zu liesern Parteigenossen! Vergeht der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Wo stehen wir? Krisis allüberall. Aus allen Theilen Deutschlands dringen Hiobsposten über Stockung in den verschiedenen Industriezweigen in die Oeffenllichkeit, in Frankreich greift die industrielle Krisis in immer steigendem Maße um sich, aus den Jndustriebezirken Englands hören wir fortgesetzt von Lohnreduktionen und Arbeiter- entlassungen wegen schlechten Geschäftsganges, in Rußland liegen Handel und Industrie seit Langem vollständig darnieder, und auch von jenseits des Ozeans, aus dem„freiesten und reichsten Lande der Erde": aus den Vereinigten Staaten von Amerika, hören wir das gleiche Lied. „Die Liste der Lohnreduktionen, die wir nur in den letzten Tagen zu melden hatten," schreibt die„Newyorkcr Volkszeitung" vom 25. Dezember,„ist wahrhaft erschreckend. Cigarren- Macher und Buchbinder in Newyork und Albany, Arbeiter aller Branchen in Troy, die Weber in Neu-England, die Eisenarbeiter in Trenton, die Lokomotivführer in Manitoba, die Eisenbahn- arbeiter, die Kohlengräber, die Glasbläser, die Minenarbeiter in Pennshlvanien,— das ist eine nur beispielsweise zusammcnge- stellte Liste der Lohnreduktionen, die in den letzten Tagen be- richtet wurden. Wie viele blieben aber unberichtet? In wie vielen Industrien sind Massenentlassungen vorgenommen worden, weil immer mehr„Hände" überflüssig werden? Und wie es immer geht, das Elend erzeugt das Elend. Mit dem Sinken der Löhne sinkt die Kaufkraft des Volkes, die Waarenstockung wächst an, Bankerotte mehren sich und mit jedem Bankerott werden noch mehr„Hände" überflüssig und der Ozean des Elends schwillt immer mehr an, bis er überläuft." Krisis und Nothstand allüberall I KrifiS im Lande des Schutzzolls, Krisis im Lande deS Frei- Handels, KrisiS im Lande des Manchesterthums, Krisis im Lande des Staatssozialismus, Krisis im Lande des absolutesten Absolu- tismus, Krisis im Lande der Freiheit und der Menschenrechte I Keine politische Staatsform, keines der heutigen WirthschaftS- shstcme hat ihr Eintreten zu verhindern vermocht. Die Lobredner unserer herrlichen Gesellschaftsordnung können diese Thatsache nicht in Abrede stellen, denn ihre Sprache ist eine zu deutliche, aber sie suchen stch über sie hinwegzusetzen mit der Phrase, das sei immer so gewesen, gute Zeiten haben stets mit schlechten abgewechselt, während der letzteren müsse man sich eben, so gut es geht, nach der Decke zu strecken suchen. Das ist der Grundtext, welchen sie unS in allen Tonarten zu hören geben: die Einm in heuchlerische Jammerphrasen eingekleidet, die Andern mit gefühlloser Offenheit. Wir aber wissen, daß dieses„immer" nicht länger dauert als die bestehende Gesellschaft der kapitalistischen Produktion, wir wissen, daß diese furchtbaren Krisen, wo die wirklichen Produ- zenten, die Arbeiter, nicht in der Lage sind, zu konsumiren, weil es an zahlungsfähigen Konsumenten fehlt, allerdings heute periodisch mit der Nothwendigkeit eineS NaturerignisseS ein- treten, wir wissen aber auch, daß diese Krisen, je mehr der Ka- pitalismuS.fich ausbreitet, von um so einschneidenderer Wirkung, daß sie es sind, die den Höhegrad anzeigen, biS zu welchem das wirthschaftliche Ausbeutungssystem der modernen Industrie sich entwickelt hat, und somit auch die Nähe deS Moment«, wo dieses System an seinen eigenen Konsequenzen zusammenbrechen wird, zusammenbrechen muß: die Nähe der Umwälzung des ganzen wirthschaftlichen Gebäudes, die Nähe der sozialen Revo- l u t i o n. Und wenn wir daL Elend sehen, welche» die bestehende kapi» talistische Produktionsweise über Tausende und Millionen bringt, wenn wir unL den Jammer vergegenwärtigen, den jede Geschäfts- stockung gerade für die Klasse der Enterbten und Besitzlosen im Gefolge hat, wie will man es uns verargen, wenn wir jedesmal, wo eine neue Krisis heraufzieht, unS mit fieberhafter Erregung fragen: Wird sie die letzte ihrer Art sein, wird sie uns den Anfang vom Ende bringen, wird sie endlich das Signal geben für die„Expropriation der Expropriateur«", für hie Enteignung der Enteigner? Der Wunsch ist stets noch der Vater des Gedankens gewesen; wir und Alle mit uns, die daS Widerfinnige des bestehenden WirthschaftssystemL erkannt haben und daher keinen sehnlicheren Wunsch hegen, als es sobald als möglich stürzen helfen zu kön- nen, wir sind nur zu geneigt, alle Erscheinungen des öffentlichen LebcnS in unserem Sinne zu deuten, bereits da die Sturmboten der nahenden Revolution zu erblicken, wo vielleicht nur ein vor- übergehendes etwas stärkeres Unwetter heraufzieht. Wir find in gewissem Sinne fernfichtig geworden; gewohnt, un« nicht bei dem Naheliegenden zu beruhigen, haben wir den Blick für dasselbe überhaupt verloren, und unS erscheint ganz dicht vor den Augen liegend, waS vielleicht noch in ganz weiter Ferne sich befindet. DaS ist indeß eine so natürliche Erscheinung, daß wir weit davon entfernt sind, darin einen Fehler unserer Bewegung zu erblicken. Es wäre vielmehr schlimm, wenn es anders wäre. Die Leidenschaft mag uns immerhin zu verstühten Hoffnungen ver- leiten, so ist sie doch tausendmal jener spießbürgerlichen Engher- zigkeit vorzuziehen, die nur das Naheliegende sieht und stets von den Ereignissen„überrascht" wird. Nein, wir haben die Pflicht, in die Weite zu blicken, auf alle Erscheinungen zu achten, die dem Auge des Philisters entgehen, uns zwar vor Illusionen, aber mehr noch vor philisterhaftem Klcinmuth zu hüten. Wenn auch die große Masse, wenn auch Millionen und Aber- Millionen heute noch kein Verständniß haben für die Umwälzung, die sich im Schooße der bestehenden Gesellschaft vollzieht, wenn auch diese Umwälzung selbst in einer Weise vor sich geht, daß ihre revolutionäre Wirkung sogar oft nicht einmal den Bethei- ligten zum Bewußtsein kommt, so dürfen wir darin noch keinen Maßstab für die Nähe oder Ferne der Katastrophe erblicken. Diese kann trotzdem sehr nahe bevorstehen. Unzählige Faktoren sind es, die ihr Eintreten beschleunigen können, und unsere Losung muß daher sein: Allezeit auf Posten! Wir erfüllen somit nur unsere Pflicht, wenn wir uns die Frage vorlegen: Zeigen die Wolken, die sich im ganzen Umkreise deS Horizontes zu thürmen beginnen, bereits den Sturm an, der mit elementarer Gewalt hereinbrechen und das heutige Gesell- schaftSgebäude über den Haufen werfen wird, dürfen wir sie als die Vorboten des„reinigenden Gewitters" begrüßen? Wir haben es bereits deS Oefteren ausgesprochen, daß nicht erst die letzten Reste der Kleinproduktion vom Großkapital auf- gesaugt sein müssen, bevor die Htyialisirung per Produktionsmittel sich als nothwendig aufdrängen wird, noch daß Hunger und Elend an sich die Revolution machen werden. Gewiß, ohne Roth erhebt sich kein Volk, aber Hungerrevolten sind noch keine Revolution. Worauf es ankommt, ist, daß die Unhaltbarkeit des Bestehenden der großen Masse des Volkes zum Bewußtsein kommt. Und sehr viele Anzeichen sprechen dafür, daß daS in vielleicht nicht sehr ferner Zeit der Fall sein wird. Die gegenwärtige oder besser die im Anzug begriffene Krisis unterscheidet sich insofern von allen früheren, daß ihr kaum eine wirkliche allgemeine Geschäftsblüthe vorangegangen ist. Schon die letzte Krisi« der stebenziger Jahre war eine so intensive, hat so gewaltige Massen von ehedem selbstständigen Existenzen prole- tarisirt, zu einer so bedeutenden Steigerung der wirthschaftlichen Konzentration geführt, daß die kurze Zeit deS Aufschwunges nur begünstigten Elementen der Bevölkerung zu Gute gekommen ist; im Großen und Ganzen aber ist eine Besserung der Verhältnisse ausgeblieben. Heute ist die große Masse wirthschaftlich weit weniger widerstandsfähig als vor zehn Jahren; infolgedessen muß auch die Stockung eine noch größere werden als damals. Dazu kommt nun noch, daß Frankreich, welches vor zehn Jahren von der Krisis nahezu verschont blieb, diesmal um so schwerer getroffen zu werden scheint, und daß auf Amerika, welches durch seinen starken Bedarf an Eiscnbahnmaterial Ende der stebenziger Jahre gewissermaßen den Anstoß zur Besserung auf dem Gebiete der Berg- und Hüttenindustrie gab, diesmal nicht gerechnet werden darf, da, wie oben bereits„gesagt, dieses Land selbst am Vorabend einer großen industriellen Krisis steht und da ferner seit Vollend- ung der großen Verbindungslinien y?it dem Westen und dem Krach der Northern-Pacific-Bahp für größere Eisenbahn- Gründungen auch dort auf lange Zeit sich keine, Liebhaber finden dürften. So sieht es in wirthschastlicher Beziehung auS: überall Ueber- produktion, nirgends Aussicht auf neue Absatzquellen von Belang. Die politische Situation ist keineswegs rosiger. Trotz aller FriedenSbetheurungen ist die Atmosphäre so mit KriegSstoff an- gefüllt, daß jeder Tag eine Explosion herbeiführen kann,— ein Zustand, der nichts weniger als ermuthigend auf Handel und Industrie zurückwirkt. Dazu kommen die desolaten inneren Zu- stände in den verschiedenen Ländern. England wird durch Irland beständig in Aufregung erhalten, in Spanien wankt die Monarchie Alfonso's in allen Fugen, Fritzen» Besuch scheint Alfonso beim spanischen Volk den Rest gegeben zu haben, und in Rußland, das seinen finanziellen Bankerott mit äußerster Anstrengung nicht mehr verbergen kann, ist der politische Zusammenbruch de« Zaren- thums, d. h. der sozusagen offizielle Ausbruch der Revolution, kaum noch eine Frage von Monaten. In den übrigen Ländern ist der politische Nothstand weniger akut— der wirthschaftliche aber ist eS in allen. Je größeren Umfang nun die KrifiS annimmt, je deutlicher eS sich zeigt, daß Regierungen wie herrschende Klassen weder den Willen noch die Fähigkeit haben, durchgreifende Maßregeln zur Abhilfe der sozialen Roth zu treffen— und sie können sie nicht haben— um so mächtiger wird mit dem Nothstand die Erbitterung in den Massen stch steigern. Und eS braucht dann nur einen Anstoß von Außen, um der Masse deS Volkes den Gedanken nahe zu legen: Dir hilft kein Gott, kein Staat, kein Fürst, wenn Du Dir nicht selbst hilfst. Und daß dann das Proletariat nicht blo« Hungerrevolten machen, daß es dann sich nicht nur um Aenderungen von Staats- formen, sondern in erster Linie um gewaltig durchgreifende soziale und wirthschaftliche Maßregeln handeln, daß die kommende Re- volution eine soziale, eine sozialistische sein wird, darüber ist ein Zweifel kaum mehr möglich. Alle bürgerlichen Wirthschaftssysteme haben Bankerott gemacht, der Sozialismus liegt gewissermaßen bereits in der Luft, die Massen werden ihn schnell begreifen und die ruinirten bürgerlichen Existenzen ihn nicht fürchten; dafür aber, daß eine zielbewußte, geschlossene Partei da ist, die da weiß, wo zuerst Hand angelegt werden muß, dafür hat die sozialdemokratische Partei gesorgt. In allen sogenannten Kultur- staaten existirt heute eine entschlossene sozialistische Partei mit dem ausgesprochenen Programm: Uebersührung aller Arbeitsmittel, aller Mittel der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, in Besitz der Gesammtheit. Uebergang von der kapitalistischen zur kommunistischen Produktion. Von der Verwirklichung diese« Programmes hängt der Sieg der kommenden Revolution ab. Ob sie so nahe bevorsteht, wie oben entwickelt� das hängt, wie gesagt, von Umständen ab, die stch nicht vorher bestimmen lassen. Ein ausbrechender Krieg kann sie z. B. hinausschieben, vielleicht auch beschleunigen. Das sind Dinge, über welche es müssig ist, zu streiten. Worauf eS uns hier ankommt, ist, zu zeigen, was die nächste Zukunft uns bringen kann. Jedenfalls ist die Situation eine ernste. Möge sich unsere Partei ihr unter allen Umständen gewachsen zeigen. Möge sie ihre Disziplin, ihre Prinzipientreue, die sie bisher bei den Wahl- kämpfen so glänzend manifestirt hat, die sie bei den kommenden Wahlen- des sind wir sicher— auf's Neue glänzend bethä- tigen wird, auch dann an den Tag legen, wenn an sie der Ruf ergehe» wird: Hie lihodus, hie»nltu! Hier ist Rhodus, jetzt zeig', daß du tanzen gelernt! Astersozialisten-Z Ein Artikel, welchen der englische Handelsminister, Mr. Chamber- l a i n, vor Kurzem in einer radikalen Londoner Revue(„Forwightly Review") veröffentlicht hat und worin er der heutigen bürgerlichen Ge- sellschaft einige ihrer Sünden vorhält, ist in deutschen Arbeiterkreisen so aufgefaßt worden, als griffen in England unter der regierenden Klaffe, ja selbst im Schooße des Ministeriums, sozialistische Anschauungen um stch, und als sei in England die Aussicht vorhanden, daß die Regierung mit Ernst an die Beseitigung der gesellschaftlichen Mißstände, an die Lösung der sozialen Frage gehen werde. Eine irrigere Auffassung läßt sich nicht denken. In keinem Lande der Welt ist die Kunst der politischen Phrase und der politischen Heuchelei zu solcher Ausbildung gelangt wie in England; und in keinem Lande ist die Kunst des demago- zischen Regierens, d. h. der Ausbeutung und Unterdrückung des Volkes, ohne daß das Volk etwas merkt, auch nur annähernd zu ähnlicher Vollkommenheit gelangt. Jede Regierung weiß, daß sie mit sämMtlichen, der herrschenden Klaffe angehörigen Parteien eine absolute Jntereffensolidarität hat, und daß die Opposition, welche ihr von einer dieser Parteien gemacht wird, keine ernsthafte, keine prinzipielle ist, nur nebensächliche Punkte betrifft, und entweder von persönlichen Marotten oder von persönlichem Ehrgeize und persönlichen Interessen diktirt wird. Die Eugen Richter sind in England eine bekannte Parlamentariersorte. Sie sind in den letzten Jahrzehnten— um mcht weiter zurückzugehen — zu Dutzenden sowohl unter Tory- als unter Wigh-Regierungen auf- getaucht. Bald hießen sie W a l m s l e y, bald B r i g h t, bald anders. Sie fanden stets die gleiche Behandlung, das gleiche Ende. Statt nervös zu werden und ihnen init kindischer Flegelhaftigkeit den Rücken zu kehren, sahen die englischen Minister sich die üeutchen in aller Riche an, berechneten Charakter und Kaufpreis und— steckten sie in irgend ein mehr oder weniger gut bezahltes, mehr oder weniger einflußreiches Amt. War der Mann recht bissig und recht gefährlich, so machte man ihn zum Minister. Laborirte der so Beförderte an ideologischen Marotten, so stieß er auf so viel praktische Hinderniffe, daß er seine Piarotten entweder ganz fahren ließ oder blos für Versammlungsreden aufsparte; laborirte er aber an berechnendem Ehrgeiz und Eigennutz, so war ihin durch das fette, einflußreiche Amt der Mund gestopft, und statt gegen das Ministerium, kämpfte er jetzt für das Ministerium, dessen Stipendiat oder Mitglied er geworden. Wir wissen nicht genau, in welche der beiden Kategorien Herr C h a m- b e r l a i n zu verweisen— wahrscheinlich in beide, nur daß es sich sehr schwer feststellen läßt, wo die Marotte anfängt und wo die Berech- nung aushört,— so viel ist gewiß, er ist den Weg all' dieser radikalen Oppositionsmacher gegangen: er dient einer Regierung, die nichts weniger als radikal ist, und entschädigt sich dafür» daß er in der Praxis nicht radikal sein dars, durch verdoppelten Radi- kalismus in der Phrase— der geschriebenen wie der gesprochenen. Und glaube man ja nicht, dieser Radikalismus sei den nichtradikalen und antiradikalen Regierungskollegen des Herrn Chamberlain unangenehm. So krautjunkerlich bornirt, so bismarckisch kleinlich können englische Mi- nister nicht sein, die im Zentrum des Weltmarkts, auf der Höhe der modernen Gesellschaft stehen und den ökonomischen Entwicklungsprozeß aus der Vogelperspektive betrachten, statt mistkäferartig aus dem Dünger eines pommerschen Pferdestalles oder dem Kehricht einer Kaserne. Im Gegentheil— der Radikalismus des Herrn Chamberlain ist dem Mini- sterium sehr erwünscht und sehr nützlich, denn er streut Sand in die Augen der Dummen und verleiht der reaktionären Regierung einen demokratischen Anstrich, in dessen blendendem Glänze sie unbemerkt doppelt reaktionär sein kann. Der neueste Ausbruch des Chamberlain'schen Radikalismus hat obendrein den— unzweifelhaft beabsichtigten— Vortheil, daß er jetzt, wo die soziale Frage sich' in? England mit Elementargewalt in den Vorder- grund des politischen Lebens drängt, die öffentliche Aufmerk- samkeit von dem Kernpunkte ab- und auf eine falsche Fährte lenkt. Die Worte des Herrn Chamberlain lassen an Kraft und Schärfe gewiß nichts zu wünschen übrig, seine Kritik der heutigen Ge- sellschastszustände ist erbarmungslos— so weit sie geht, seine Schilderung des Elends, das aus den sozialen Mißständen hervorgegangen, ist er- greifend. Aber Herr Chamberlain hütet sich sorgfältig, die Ursache, die Basis der gesellschaftlichen Mißstände zu berühren, und richtet seine Entrüstung nicht gegen die Wurzel des Uebels: die kapitalistische Prodicktion mit ihrer Ausbeutung und ungerechten Gütervertheilung, sondern nur gegen den einen, allerdings häßlichen, aber keineswegs häßlichsten Auswuchs: die Wohnungsfrage, den schmachvollen Zustand der Wohungen eines großen Theils, vielleicht des größten, der arbeitenden Bevölkerung. Wenn man bedenkt, daß die Führer der Konkurrenzpartei, die Tories, die, gleich den aristokratischen Reaktionären anderer Länder, gern in „Sozialresorm" machen, schon seit Monaten auf der Wohnungsfrage herumreiten und politisches Kapital aus ihr zu schlagen suchen, so er- scheint das Chamberlam sche Pronunziamento als einfacher Gegen- Schachzug von liberaler Seite: man will„dem Plebs" etwas bieten, damit er den Tories nicht in's Garn geht und sich von den Liberalen hübsch fort nasführen läßt. Die liberale Regierung ver- steigt sich wohl auch zu„positiven Maßregeln": legt dem Parlament eine Bill zur Verbesserung der Arbeiterwohnungen vor, sorgt wirklich für den Bau einiger Musterwohnungen und schlägt tüchtig auf die Reklametrom- mel. So gelangt sie billig in den Ruf der Menschen- und Arbeiterfreund- lichkeit, und— im Grunde bleibt Alles beim Alten. Die Wurzel des Uebels wird nicht berührt, die Ausbeutung dauert fort, die Arbeiter leben nach wie vor im Elend und bereichern ihre Ausbeuter. Die Regie- rung sagt triumphirend: Wir haben die soziale Frage gelöst— nach dem Rezepte Chamberlain's! SS ozialpolitische Rundschau. Zürich, l 6. Januar. — Zur Kritik des neuen Unsallversicherungs- Gesetzentwurfs genügt mehr als alles Andere die Thatsache, daß die Organe des Bourgeoisliberalismus mit ihm zufrieden sind, und diesen dritten funter solchen Verhältnissen vielleicht auch wohl letzten) Unsall-Entwurs für einen„erfreulichen Fortschritt" gegenüber den früheren erklären. Und die Herren Bourgeois haben Ursache, sich zu freuen. Der biedere Otto, dem es mit seinem Staatssozialismus und seinem„Staats- Zuschuß" zu den Unfallversicherungskassen nur um gemeine Bauern- fängerei zu thun war, hat Staatssozialismus und„Staatszuschuß" ohne Gewissensbisse oder Herzbeklemmungen fahren lassen und sich mit seinem ganzen Entwurf auf den Standpunkt des bürgerlichen Liberalismus ge- stellt. Mit seinem ganzen Entwurf? Das war eine Ungenauigkeit des Ausdrucks, welche wir berichtigen müssen. Mit der Verfasserschaft des dritten Entwurfs hat nämlich der biedere Otto gerade so wenig zu thun, als mit der Verfasserschaft von Göthe's Faust— selbst wenn wir „seine" sämmtlichen Minister, Geheimräthe und sonstigen Hausknechte als leibeigen ihm angehörig betrachten wollten. Der Entwurf ist näm- lich im Wesentlichen dem von Vollblut-Bourgeois entworfenen Unfall- gesetz der österreichischen Regierung entnommen, oder zu gut deutsch abgeschrieben worden. Original, d. h. von„Bismarck und seinen Leuten herrührend", ist nur ein einziger Paragraph, und das ist zufälliger- oder auch nicht zufälligerweise der schlechteste des ganzen Entwurfs: wir meinen den bereits in voriger Nummer erwähnten Para- graph mit der 13 wöchentlichen Karenzzeit, welcher die Kosten für alle Unfälle, die bis zu 13 Wochen Arbeitsunfähigkeit zur Folge haben, den Krankenkassen, d. h. den Arbeitern aufwälzt. Die Voll- blutbourgeois des österreichischen Gesetzes begnügten sich mit einer Karenzzeit von 5 Wochen, und wälzten nur sür diese Frist die Last der Unfallversicherung den Arbeitern auf. Tie Nrbcitersreundlichkeit unseres selbsternannten �Anwalts des armen Mannes" und die der österrei- chischen Vollblutbourgeois drückt sich mit klassischer Deutlichkeit in diesen beiden Ziffern aus. Man muß nur die Ziffern umkehren. Die Arbeiter- sreundlichkeit des biederen Otto verhält sich zu der Arbeiterfreundlichkeit der österreichischen Gesetzmacher wie 5 zu 13. Der Polizei- und Junker- sozialismus drückt auf den Arbeiter niit beinahe dem dreifachen Gewicht wie die Arbeiterfreundlichkeit der Vollblut- Bourgeois. Damit ist der biedere Otto und seine Sozialreform sammt praktischem Christenthum zur Genüge charakterisirt und gerichtet. — Herrschen und Ausbeuten. Auf dem„nationalliberalen Parteitag" zu Barmen(am 6. d. M.) sagte der Abgeordnete Dr. Graf anläßlich des Antrags Stern:„Die geheime Abstimmung nehme dem Wähler das Gefühl der Verantwortlichkeit; sie gebe den ungebildeten und besitzlosen Nlassen die Herrschaft im Staate und bedeute die Aus- beutung der Minorität durch die Majorität." " Nageln wir diese Ausdrücke fest, welche die innersten Gedanken der Bourgeoisie verrathen. Ueber die Phrase von dem„Gefühl der Ver- antwortlichkeit" verlieren wir kein Wort. Desto wichtiger aber ist das Zugeständniß, daß das allgemeine Sttmmrecht mit geheimer Stimm- abgäbe schließlich zur Herrschaft der„ungebildeten und besitzlosen Masten", d. h. des Proletariats führen muß. Die Herren wisten recht genau, was die praktischen Konsequenzen des unbeschränkten und frei aus- geübten allgemeinen Wahlrechts sind. Gerade weil sie es wissen, sind sie auch Gegner des allgemeinen Stimmrechts. Wie Herr Graf, so denkt die gesammte liberale Bourgeoisie(Fortschrittler nalürlich mit ein- Feuilleton. Das Aecht auf Kaulhcit. IV. W o die Rettung liegt. Trotz der Uebel, welche ihr aus demselben erwachsen, gewöhnte sich die Bourgeoisie bald an ihr Parasitenleben und sah mit Schrecken jeder Aen- derung der Dinge entgegen. Angesichts der jammervollen Lebensweise, der sich die Arbeiterklasse resignirt unterwarf, und der organischen Verkümme- rung, welche die unnatürliche Arbeitssucht zur Folge hat, steigerte sich noch ihr Widerwille gegen jede Auferlegung von Arbeitsleistungen und gegen jede Einschränkung ihrer Genüsse.' Und just zu dieser Zeit setzten sich die Proletarier, ohne der Demoralisation, welche sich die Bourgeoisie als eine gesellschast- liche Pflicht auferlegt hatte, im Geringsten zu achten, in den Kops, die Kapitalisten zwangsweise zur Arbeit anzuhalten. In ihrer Einfalt nahmen sie die Theorien der Oekonomen und Moralisten über die Arbeit für baare Münze und gürteten ihre Lenden, die Praxis derselben den Kapitalisten zur Pflicht zu machen. Das Proletariat proklamirte die Parole: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Im Jahre 1831 erhob sich Lyon sür„Blei oder Arbeit"; die Juniinsurgenten von 1848 forderten das„Recht aus Arbeit" und die Föderirten voni März 1871 bezeichneten ihren Aufstand als die„Revolution der Arbeit".! Auf diese barbarischen Angriffe wider alles bürgerliche Wohlleben und alle bürgerliche Faulheit konnten die Herren Kapitalisten nur mit gewalt- sanier Unterdrückung antworten; aber wenn sie auch diese revolutionären Ausbrüche zu unterdrücken vermochten, so wisten sie doch, daß selbst indem Meere des vergostenen Blutes die absurde Idee des Proletariats, den Müssiggängern und Satten Arbeit aufzuerlegen, nicht ertränkt worden ist; und nur um dieses Unheil abzuwenden, umgeben sie sich mit Soldaten, mit Polizisten. Behörden und Kerkermeistern, die sämmtlich unproduktive Arbeiten verrichten müssen. Heute kann Niemand mehr über den Charakter der modernen Heere im Unklaren sein, sie sind nur deshalb„stehende", um den„inneren Feind" niederzuhalten. Ein Beispiel, gegen das es keinen Widerspruch gibt, ist Belgien, dieses Muster- land des' Kapitalismus. Seine Neutralität ist von den europäischen Mächten verbürgt,' und trotzdem ist seine Armee, im Verhältniß zur Be- gerechnet), und wo und wann— einzelne Ideologen zählen nicht— die liberale(fortschrittliche) Bourgeoisie sich für das allgemeine Wahl- recht erklärt, geschieht es aus politischer Heuchelei oder hat irgendwie sonst„den Schalk hinter ihm". Das allgemeine Wahlrecht, frei ausgeübt, ist— nicht sofort, aber mit der Zeit— die Herrschast des arbeitenden Volks, oder richtiger: das Aufhören der Herrschaft seiner Unterdrücker und Ausbeuter— also das wisten die Herren Bourgeois; aber sie wisten auch was„Herrschaft" bedeutet. Nicht aus Herrschsucht oder Ehrgeiz klammert die Bourgeoisie sich an die Herrschaft— solche ritter- liehen Laster liegen ihr fern, sie will Geld machen, und, wenn sie nur das Wesen und den praktischen Nutzen der Herrschaft hat, ver- zichtet sie gern auf die äußere Form und Ehre derselben, wie wir in Frankreich unter deni Kaiserreich des zweiten Bonaparte gesehen haben und jetzt in Deutschland unter der Bismarck'schen Kopie dieses zweiten Bonapartischen Kaiserreichs sehen. Auf das Wesen und den prakttschen Nutzen kommt es den Herren Bourgeois an:„D i e H e r r- schaft der besitzlosen Massen im Staate bedeutet die Ausbeutung der Minorität durch dieMajoritä t." Ein kostbarer Satz! Klarer konnte nicht ausgesprochen werden, was die politische Herrschaft in dem niodernen Klastenstaate bedeutet: die Aus- b e u t u n g der Beherrschten durch die Herrscher. Die ökonomische Aus- beutung ist der Zweck der politischen Herrschaft. Der heutige Staat gibt der besitzenden Minorität die Herrschast, und die Herrschaft wird von der Minorität dazu benützt, die besitzlose Majorität auszubeuten. Das ist in der Ordnung. Und daß diese Ordnung jetzt durch das all- gemeine Wahlrecht bedroht wird, bringt die Herren Bourgeois in Har- nisch. Wenn der Spieß umgedreht und die besitzlose Majorität sich der Herrschaft im Staat bemächtigen würde— welch haarsträubende Aus- sichten: die Minorität würde von der Majorität aus- gebeutet werden! O schauervoll! O schauervoll! Höchst schauer- voll! Die Minorität von der Majorität ausgebeutet, die Wenigen von den Vielen! Mit anderen Worten: Die beste der Welten auf den Kopf gestellt, alle Grundlagen der Gesellschaft um- gestürzt. Denn ist es nicht ewiges Gesetz, daß die Majorität von der Minorität ausgebeutet wird? Die Vielen von den W e- nigen? Nun, die Herren Bourgeois mögen sich beruhigen. Es ist in der That ein ewiges Gesetz— so„ewig" wie das Herrschen und Ausbeuten überhaupt—, daß die Majorität von der Minorität ausgebeutet wird, und nicht umgekehrt. Es ist nicht bloß ewiges Gesetz, sondern es hat auch allein Sinn, während das Gegentheil absoluter Unsinn wäre. Daß sich aus den besitzlosen und arbeitenden Massen etwas Tüchttges heraus- schlagen läßt, dafür legen die Milliarden beredtes Zeugniß, welche all- jährlich dem Nattonalreichthum der verschiedenen Kulturstaaten hinzu- gefügt werden und in die weiten Taschen der internationalen Bour- geoisie wandern. Was würden aber die arbeitenden und besitzlosen Masten herausschlagen, wenn sie unsere Herren Bourgeois und sämmt- liche Drohnen der Gesellschaft„ausbeuten" wollten! Ei, die verzogenen, verzärtelten Bürschchen würden meist gar nicht im Stande sein, durch ehrliche Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen und müßten von ihren„Ausbeutern" noch gefüttert werden. Dafür danken wir! Wir wollen nicht ausbeuten, schon weil wir es nicht können, und nie können werden. Wo nichts ist, da hat der Kaiser sein Recht verloren. Was die Herren von der herrschenden Minorität an aufgespeichertem Erttag fremder Arbeit besitzen, das wird ja nicht bis zum St. Nimmerleinstag in ihrem Besitz bleiben, allein vor unserer Herrschaft und Ausbeutung brauchen sie sich nicht zu fürchten. Wenn die jetzt Beherrschten und Ausgebeuteten nicht mehr beherrscht und ausgebeutet werden, ist's mit dem Herrschen und Ausbeuten über- Haupt Nlatthäi am Letzten. — Ueber den verstsorbenen Lasker haben wir uns zwar bereits in voriger Stummer geäußert, doch sehen wir uns veranlaßt, heute noch einmal auf den Mann mit der verunglückten„Mannesseele" zurückzukommen. Vor längerer Zeit schon hatten wir, auf Grund sorgfältiger Beobach- tung, mitgetheilt, daß Herr Lasker an Gehirnerweichung leide, und zwar im streng medizinischem Sinne des Wortes— moralische Gehirnerweichung hat er immer gehabt und war in Folge dessen der voll der Natur prädestinirte Führer des nationalliberalen Parteibreis. Diese Notiz ward uns damals von Vielen übel genommen. Jetzt hat sich herausgestellt, daß wir buchstäblich die Wahrheit gesagt. Es waren übrigens keineswegs gehässige Motive, welche uns zu dieser Notiz veranlaßt hatten. Herr Lasker hatte längst ausgehört, ein ernst- hafter Gegner für uns zu sein. Das Verbrechen dieses Mannes bestand in seiner Schwäche. Herr Lasker war schwach, aber ehrlich, soweit ein schwacher Alann ehrlich sein kann. Sozialdemokratischen Abgeordneten gegenüber gab er im Privatgespräch rückhaltlos zu, daß er sich in seinen Parteibestrebungen und seiner Partei geirrt.„Wenn ich einmal zu Ihnen komme, dann jagen Sie mich nicht fort. Ich fürchte, ich bin auf dem Wege, Sozialdemokrat zu werden", sagte er eines Tages; und er sagte es nicht im Scherz. Daß seine„besten Freunde" ihn schnöde bei Seite geschoben, das merkte er schon vor Jahren, wozu freilich kein sonderlicher Scharfblick gehörte. Und nach seinem Tode haben ihm die„besten Freunde" den Eselstritt gegeben. Der Nachruf des„Hannöver'schen Couriers", des Organs des Staatsmanns Bennigsen, ist das Per- fideste und Gemeinste, was uns seit langer Zeit vorgekommen. Nun, von der Sippe ist nichts Anderes zu erwarten. — Bravo, bravo, dreimal bravo! Die neu revidirte G e- werbeordnung, dieses Probestück konservativ-ultramontaner Gesetz- gebung, ist mit dem 1. Januar in Deutschland in Kraft getreten und zeitigt bereits ihre Früchte. Wie dem„Schwäbischen Wochenblatt" aus Frankfurt an der Oder mitgetheilt wird, hat die dorttge Be- Hörde den Kolporteuren unter Anderem:„Schorer's Familienblatt"(ein patriotisch- liberales Unterhalttingsblatt),„Stunden der Andacht" völkerungszahl, eine der stärksten. Ihre glorreichen Schlachtfelder aber sind die Ebenen des Borinage und von Charleroy: in dem Blute von un- bewaffneten Bergleuten und Arbeitern pflegt der belgische Ossizier seinen Degen zu„taufen" und seine Epauletten zu fischen. Die europäischen Nattonen haben keine Volks-, sondern Söldnerarmeen zum Schutz der Kapitalisten gegen das Volk, das dieselben zu zehnstündiger Gruben- oder Fabrikarbeit verdammen will. Aber so groß dieses Heer vo\ unnützen Mäulern, so unersättlich auch seine Gefräßigkeit ist, so genügt es noch immer nicht, um alle Waaren zu konsumiren, welche die durch das Dogma von der Arbeit verdummten Arbeiter erzeugen, ohne sie konsumiren zu wollen, noch sich darum zu küm- mern, ob sich überhaupt Leute finden, die sie konsumiren. Und so besteht, an- gesichts der doppelten Verrückthett der Arbeiter: sich durch Ueberarbeit abzurackern und in Entbehrungen dahinzuleben, das große Problem der kapitalistischen Produktion nicht darin, Produzenten zu finden und die Kraft derselben zu erhöhen, sondern Konsumenten zu entdecken, ihren Appettt zu reizen oder ihnen solchen anzuerziehen. (illnd da die europäischen Arbeiter, vor Hunger und Kälte zitternd, ich weigern, die Stoffe, die sie weben, zu tragen, das Korn, das sie bauen, zu verzehren, so sehen sich die armen Fabrikanten genöthigt, zu den Antipoden zu laufen und dort Leute zu suchen, welche die Erzeugnisse des Fleißes der europäischen Arbeiter brauchen können. Hunderte von Millionen und Milliarden an Werth sind es, welche Europa jährlich nach allen vier Enden der Welt für Völker ex- portirt, die nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Die erforschten Erdtheile sind ihnen nicht ausgedehnt genug, daher brauchen sie jung- sräuliches Land. Die Fabrikanten Europas ttäumen Tag und Nacht von Afrika, voni Saharameer, von der Sudanbahn; mit gespannter Aufmerksamkeit folgen sie den Reisen der Stanley, der de Brazza, d'r Nachtigall, der Holub; offenen Mundes lauschen sie den wunderver- heißenden Erzählungen dieser muthigen Forscher. Welch unbekannte Wunder verbirgt nicht dieser„dunkle Erdtheil" I Ganze Felder sind mit Elephantenzähnen besäet, ganze Flüsse von Palmöl fließen in einem Bett von Goldsand dahin, Millionen von schwarzen Hintern, nackt wie Bismarcks Schädel, harren des europäischen Kattuns, um den Anstand, des Schnapses und der Bibel, um die Tugenden der Zivilisation zu erlernen. Aber alles Das reicht noch nicht aus: Die Bourgeois, die sich anmästen, die Dienstbotenklass«, die zahlreicher ist als die" produktive Klasse, die (natürlich nicht die unseres alten Johann Philipp Becker, denn die sind in Deutschland längst verboten, sondern die Z s ch o k k e' schen), „500 Jahre Berliner Geschichte",„Buch der Erfindungen", „Vom Fels zum Meer"(eine nationalliberale Zeitschrift), als zur Kolportage ungeeignet von der eingereichten Liste g e- st r i ch e n. Wir können die brave Frankfurter Polizei zu dieser Entscheidung nur von Herzen beglückwünschen. So infame Gesetze wie diese Gewerbeordnung muffen stramm gehandhabt werden, sonst kommt ihre Niedertracht den Massen nicht gehörig zum Bewußtsein. Auch entspricht dieser Entscheid durchaus den Absichten der Macher des Gesetzes, die bekanntlich über- Haupt nur die Kolportage von religiösen Verdummungsschriften und Geschichtsfälschungen gestatten wollten. Ganz besonders billigen wir das Verbot des Buches der Erfindungen. Das ist ein durch und durch gottloses Buch. Anstatt die, ganzen Erfindungen als Teufelswerk hinzustellen, was sie doch mit Aus-- nähme der Krupp'schen Kanonen und des preußischen Schnapses sammt und sonders sind, werden sie dort als großartige Manifestationen des j menschlichen Geistes verherrlicht. Es ist ein aufrührerisches Buch, denn es verführt seine Leser zu der Frage: Wie kommt es denn, daß alle die herrlichen Erfindungen der Masse der Menschen bisher so wenig Nutzen gebracht? Es ist ein landesverrätherisches Buch, denn es zeigt seinen Lesern, daß die Völker auf den friedlichen Verkehr mit einander angewiesen sind, daß eines vom andern lernen kann, lernen muß, und es ist ein majestätsbeleidigerisches Buch, denn von Königen, die epoche- niachende Erfindungen gemacht, ist nichts darin zu lesen. So ein Buch muß also in Preußen verboten werden! — Z u r R o h h e i t s st a t i st i k. Durch die deutsche Presse lief jüngst die Notiz, daß ein Prinz des preußischen Königshauses im Begriff stehe, sich von seiner Gemahlin scheiden zu lassen. Hinterher ward dann mit- getheilt, daß der Prinz, auf den da angespielt wurde, Prinz Fried- r i ch Karl— der„rothe Prinz"— sei, daß derselbe zwar schon seit einiger Zeit von seiner Gemahlin getrennt lebe, daß aber eine Scheidung schon deshalb nicht erfolgen werde, weil das Familienoberhaupt— Kaiser Wilhelm— seine Zustimmung zu diesem Schritt nicht ertheilen mag. Diese Geschichte wäre an sich herzlich uninteressant, wenn sie nicht ein Streiflicht werfen würde auf die Sitten in den„besten" Kreisen der„besten" Gesellschaft. Wir haben da zunächst zu berichtigen, daß nicht Friedrich Karl, der würdige Sohn des Thalerprinzen, es ist, der die Scheidung begehrt, denn die hat ein Mann in diesen Kreisen nicht nöthig, wenn ihm seine Frau nicht mehr konvenirt, sondern seine-glückliche Gattin. Und zwar keineswegs aus Eisersucht oder dergleichen— deshalb läßt sich keine Fürstin von ihrem Manne scheiden, man müßte sonst fürstliche Ehepaare mit der Laterne suchen—, auch nicht wegen ehelicher Vernach- lässigung, denn auch Prinzessinen wissen sich schadlos zu halten, nein— die Ursache ist eine viel prosaischere: es ist die Tapferkeit des edlen Hohenzollern. Der heldenmäßige Prinz— Helden sind sie ja alle, alle!— liebt es nämlich, seiner Frau die Beweise seiner Tapferkeit Hand- g r e i f l i ch st zukommen zu lasten, deutlicher ausgedrückt, er prügelt sie, wie Prinzen sonst nur ihre Diener zu prügeln pflegen. Die sehr lebenslustige Frau mußte wiederholt von Hoffestlichkeiten wegbleiben, weil Arme und Hals mit Liebesbeweisen des hohen Gemahls übersäet waren. Was Wunder, daß sie jetzt, wo sie ihre Töchter an den Mann gebracht, den eignen Mann los sein möchte! Aber—„die Religion muß dem Volke erhalten werden", das Volk darf in seinem Regentenhaus nur den Inbegriff alles Hohen und Erhabenen sehen, deshalb Alles, nur keine öffentliche Scheidung! -„Die Strenge des Gesetze s". Unsere beste aller Gesellschaften kann gar nicht besser charakterisirt werden als durch nachstehende Rottz der Wiener„Allgemeinen Zeitung" vom 5. Januar; „Die Strenge des Gesetzes. Zupaffen ist ein Spiel, welches im Errathen der Lage eines mit der Hand verdeckten Geld- stückes durch Zulegen eines gleichen Geldstückes besteht. Gottfried B r a d l e r, Philipp Weiß und Heinrich Zucker, Knaben im Alter von 15 und 16 Jahren, hatten am 30. November nichts Besseres zu thun, als sich auf der Stiege des Börsen- g e b ä u d e s niederzuhocken und u m z w e i K r e u z e r„Zupaffen" zu spielen. Da nahten sich ihnen zwei Sicherheitswachmänner; diese saisirten den Einsatz, die zwei Kreuzer, und arretirten die Spieler. Das Gesetz qualifizirt„Zupasien" als Hazardspiel, und so standen denn die drei Burschen heute vor dem Richter des Wiener Bezirksgerichtes im Alsergrund, Dr. von Neubauer, unter der Anklage der Ueberttetung des Hazardspieles. Sie waren geständig und wurden verurtheilt, Jeder zu einem Gulden Geld st rase; Weiß aber, der ein Ungar ist, und Zucker, dessen Zuständigkeit in Rußland sich befindet, auch zur— Landes- Verweisung." Wegen Ausrathens von zwei Kreuzern Landesverweisung,— die Strafe ist hart, aber gerecht. Warum sind die Burschen nicht einige Stufen höher gestiegen, warum haben sie nicht dort, anstatt um zwei Kreuzer, um Tausende und Millionen„Zupaffen" gespielt! Da wäre der eine vielleicht Ritter pp., der andere Freiherr geworden, und sie könnten in Kasinos und Klubs mit Grafen und Erzherzögen, mit Justizministern und Polizei- direktoren hazardiren, daß es eine wahre Lust wäre. Um zwei Kreuzer spielen! Da ist ja weder Kurstreiberei noch Flaumachen von Nöthen, da braucht es ja weder falscher Telegramme noch„Informationen aus höchsten Kreisen". Um zwei Kreuzer spielen! Und es wurde nicht ein- mal Sekt dabei getrunken, ja das Geld war kein von armen Acker- und Fabriksklaven erpreßtes— so etwas mußte streng bestraft werden; und wer das nicht einsieht, der ist nicht werth, die Segnungen„der besten aller Welten zu genießen. — Klassenjustiz. Aus Westphalen geht der Berliner„Volks- zeitung" unterm 9. Januar folgende Zuschrift zu: wilden Völkerschaften, die man mit europäischen Waaren meuchelt')— 1 nichts, nichts vermag die Berge von Produkten zu erschöpfen, welche höher und gewaltiger als die Pyramiden Egyptens anschwellen: die Produkttvität der europäischen Arbeiter trotzt allem Konsum, aller Ver-. schleuderung. Die Fabrikanten wissen in ihrer Angst nicht mehr, wo den Kopf lassen, sie können nicht Rohstoffe genug austreiben, um die wahnsinnige Arbettssucht ihrer Arbeiter zu befriedigen. Gewiffe Wollen- fabrikanten kaufen schmutzige, halbverfaulte Wollenlappen ein und ver- fertigen daraus ein Tuch, das so lange vorhält wie Wahlvcrsprechungen oder königliche Eide, in anderen Industrien geht es ähnlich zu. Man fälscht die Produkte, um ihren Absatz zu erleichtern und ihre Existenz-� bauet zu verkürzen. Ignoranten zeihen unsere frommen Fabrikanten! darob des Betruges, während sie in Wahrheit nur der Gedanke beseelt,: den Arbeitern, die sich nicht dazu entschließen können, mit gekreuzten Armen sich ihres Lebens zu freuen, Arbeit zu geben. Diese Fälschungen,! die einzig und allein Humanitären Rücksichten entspringen, jedoch den; Fabrikanten, die sie praktiziren, famose Profite eintragen, sind zwar fürs die Qualität der Waaren von verderblichster Wirkung, sind zwar eine! unerschöpfliche Quelle von Vergeudung menschlicher Arbeit, aber sie kenn- zeichnen doch die geniale Philantropie unserer Bourgeois und die schreck- liche Verkehrtheit der Arbeiter, die, um ihre lasterhafte Arbeitssucht zu befriedigen, die Herren Industriellen veranlassen, die Stimme ihres Ge- Wissens zu ersttcken und sogar die Gesetze der kaufmännischen Ehrbarkeit zu verletzen.� Und doch, trotz aller Ueberproduktion, trotz Waarensälschung überfluthen die Arbeiter in immer wachsender Wenge den Markt und rufen flehent-! lich: Arbeit! Arbeit! Ihre' übergroße Zahl sollte sie veranlassen, ihre Leidenschast zu zügeln— statt dessen treibt sie sie bis zur Raserei. Wo, sich nur Aussicht aus Arbeit bietet, daraus stürzen sie sich. Sie arbeiten! 12, 14 Stunden, um sich nur so recht abschinden zu können; und Tags: daraus liegen sie wieder aus dem Pflaster und wisten nicht, wie ihre Arbeitssucht befriedigen. Jahr für Jahr treten in den verschiedenen In- dustrien mit der Regelmäßigkeit der Jahreszeiten Stockungen ein; aus die sür den Organismus mörderische Ueberarbeit folgt für drei bis sechs -) So müssen z. B. die Wilden Australiens, unbekümmert darum, daß es die Ursache ihres Aussterbens ist, sich englisch kleiden und auf englisch besausen, lediglich deshalb, weil die schottischen Brenner und die Industriellen Manchesters Konsumenten brauchen. ,„Zwei«Polizei-Sergeanten und ein Feldhüter l aus Langendreer im Kreise Bochum hatten sich gestern vor dem Schwurgericht in Essen zu verantworten, weil sie in Ge- 'i meinschast mit einem Gensdarmen einen Bergarbeiter der- artig mißhandelt haben sollen, daß er das rechte Auge verlor, die beiden Polizei-Sergeanten außerdem, weil sie als Zeugen gegen c den des Widerstandes gegen die Staatsgewalt angeklagten und des- halb auch verurtheilten Bergarbeiter einen Meineid geleistet haben sollten. Der Gensdarm ist dieser Sache wegen bereits > wegen Meineids und Körperverletzung vom Militär- gericht zu einjähriger Festungsstrafe verurtheilt worden und erschien >; als Zeuge. Die Verhandlungen entrollten ein grauenhaftes Bild der polizeilichen Zustände in jenem Orte; trotz der Thatsache, daß -, der Bergarbeiter sein Auge im Amtsgefängniß verloren hat, trotz > i der graoirenden Aussagen einer Anzahl Zeugen, und obwohl der Staatsanwalt die Anklage im vollen Umfange ausrecht hielt, kamen t aber zur größten Ueberraschung des anwesenden Publikums d i e GeschworenenzueinemfreisprechendenUrtheile. , Man klagt in unserer Provinz, namentlich in den industriellen Theilen derselben, mit Recht über die vielen Verbrechen und Ver- z, gehen gegen Leben und Gesundheit der Mitbürger, doch wird man t! sich darüber nicht wundern können, so lange die Gemeinden in der Wahl ihrer Polizeiorgane nicht sorgfältiger zu Werke gehen. So i> hat die Gemeinde Langendreer einen Polizeisergeanten angestellt, welcher, wie vor dem Schwurgerichte konstatirt wurde, , bereits wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit drei Jahren, wegen Mißhandlung und Miß- brauchs der Amtsgewalt mit drei Monaten und wegen t vorsätzlicher Körperverletzung mit tödtlichem Ausgange mit einem Jahr Gefängniß bestrast worden ist. Auch der angeklagte Feldhüter ist schon mit vier Wochen Gefängniß - wegen fahrlässiger Tödtung und mit sieben Tagen Ge- t sängniß wegen Körperverletzung bestraft worden. Solche Leute werden bestellt, um Zucht und Ordnung aufrecht zu erhalten, und vertreten die Staatsgewalt! Hier könnte man allerdings sagen: Kommentar überflüssig, wenn die „Volkszeitung" oder vielmehr ihr Korrespondent nicht zum Schluß den Ein- , druck dadurch verwischte, daß er von einem„sorgfältigeren Vorgehen '| bei der Wahl der Polizeiorgane" spricht. Damit ist der gute Atann , � völlig auf dem Holzwege. So brutale Bestien, wie die oben gekenn- , zeichneten Polizisten, sind gerade nach dem Herzen der Gemeinden, d. h. der Dorf- und Stadtprotzen, welche die Herrschaft in den Gemeinden ausüben. Sonst hätten die braven Geschworenen, das„Volks- \ gericht" nach dem Herzen der„Volkszeitung", sie nicht freigesprochen. Klassen- • justiz und Klassenpolizei gehören zu einander, und gegen das Arbeiter- - 1 pack braucht man„schneidige" Leute. i— Wieesge m achtwird. Daß die Einführung der Unfallver- ficherung an Stelle eines verbesserten Haftpflichtgesetzes weit mehr noch - j im Interesse der Unternehmer, als im Interesse der Arbeiter liegt, dar- t über besteht nachgerade kaum noch eine Meinungsverschiedenheit unter Kennern der Verhältnisse. Das Haftpflichtgesetz war den Herren Kapita- i 1 listen vielfach ein Greuel im Auge, und sie suchten es zu umgehen, wo [| sie nur konnten. Wie schamlos sie dabei vorgingen, kam uns jüngst i wieder recht deutlich zum Bewußtsein, als wir beim Durchblättern des z!„technischen" Kapitalistenblattes„Holz- und Jndustriezeitung", heraus- z! gegeben von C. F. Gruner in Leipzig, aus folgende Notiz, enthalten in - Nr. 17, Jahrgang 1882, stießen: „Unterhaltsrenten. Vielfach wird von Gewerbe-Unter- nehmern, um sich von den dauernden und hohen Schadenersatzoer- - pflichtungen in der Form von Unterhaltsrenten gegen die t bei ihrem Gewerbebetriebe Verletzten, resp. gegen deren Hinterblie- benen zu befreien, folgendes Atittel erfolgreich(!) zur Anwen- ,! dung gebracht: Der Gewerbeunternehmer verspricht aus freien Stücken, scheinbar aus Humanitätsrücksichten, ohne eine gesetzliche , Verpflichtung seinerseits anzuerkennen, dem Verletzten, resp. deflen l| Hinterbliebenen bis auf Weiteres eine sortlaufende Unterstützung, z womit der Verletzte, resp. dessen hilfsbedürftige Hinterbliebenen, - 1 das Sichere dem ungewissen Ausgange eines Prozesses vorziehend, sich zufrieden geben, gewährt diese freiwillige Gabe mehrere Jahre ;! hindurch, bis der gesetzliche Anspruch des Verletzten, e> resp. dessenHinterbliebenen aus eine da u e r n d e S Rente verjährt ist. und sistirt sodann plötzlich die z Unterstützung. Dem bisher Unterstützten ist sodann der Klage- , weg gegen den Gewerbeunternehmer auf weitere Unterstützung ent- ■x zogen, wie dies das Reichsgericht, V. Zivilsenat, in einem Urtheil > vom 25. März d. I. ausgesprochen hat." , Auf de» ersten Blick liest sich das ganz unschuldig, es erscheint eben - als eine Mittheilung wie viele andere, sieht man aber genauer zu, so wird man finden, daß hier rund und nett den Unternehmern eine Lektion e ertheilt wird, wie sie ihre verunglückten Arbeiter am besten um ihre a l gesetzmäßigen Ansprüche betrügen könnten. Es ist ein Rezept,„wie's gemacht wird", um sich vom Haftpflichtgesetz zu drücken, zwischen anderen e Rezepten über das„Füllen der Poren des Holzes" u. s. w. s Nun, nach der neuen Unfallversicherungsvorlage werden die Herren i- i es nicht mehr nöthig haben, solche Umwege ausfindig zu machen. Für r neun Zehntel der Unfälle haben die Krankenkassen aufzukommen, und a die für den Rest zu gründenden Unfall-Versicherungs- B e r u f s- G e- s nossenschaften sind ja nichts Anderes als eine Gegenseitigkeits- i- Versicherung der Unternehmer. Diese Herren bestimmen dann selbst d die Höhe der zu zahlenden Entschädigungsrente und werden schon däfür ; sorgen, daß ihre Gegenseitigkeitskasse nicht zu arg in Anspruch genommen n wird, soweit nicht das Gesetz selbst dafür sorgt, welches das Maximum der Ansprüche für den Fall, daß ein Beschädigter oder dessen Hinter- ! bliebenen wirklich einmal Beschwerde führen wollen, so niedrig bemessen H hat, daß, selbst wenn das sorgsam filtrirte Schiedsgericht des Reichsver- ficherungsamtes(4 ernannte Beamte, 2 Vertreter der Unternehmer und " Monate absolute Ruhe, und— keine Arbeit, keine Bissen! Wenn denn nun 'e die Arbeitssucht in den Arbeitern eingewurzelt ist, wenn sie denn alle ie anderen natürlichen Instinkte ersfickt, und wenn anderseits die von der CS Gesellschaft erforderte Arbeitsmenge nothwendigerweise durch den Konsum 'v und die Menge des Rohmaterials begrenzt ist, warum in sechs Monaten ie die Arbeit des ganzen Jahres verschlingen? Warum sie nicht lieber gleichmäßig auf die 12 Monate vertheilen, und jeden Arbeiter zwingen, x'' sich das Jahr über täglich mit fünf oder sechs Stunden zu begnügen, :n anstatt sich während sechs Monaten mit täglich 12 Stunden den Magen m vollzustopfen? Wenn ihnen ihr täglicher Arbeitsantheil gesichert ist, wer- lZ-, den die Arbeiter nicht mehr mit einander eifersüchteln, sich nicht mehr jn' die Arbeit aus der Hand und das Brod vom Aiund wegreißen, dann lt. werden sie, nicht mehr an Leib und Seele erschöpft, anfangen, die Tugen- eni den der Faulheit zu üben. Was die Arbeiter nicht einsehen wollen, haben sogar Industrielle im � Interesse der kapitalistischen Ausbeutung selbst verlangt: eine gesetzliche ur Einschränkung der Arbeitszeit. Im Jahre 1860 erklärte der Fabrikant ne B o u r c a r t von G e b w e i l l e r vor der gewerblichen Unterrichts- ? kommission, daß„die Arbeit von 12 Stunden übermäßig ist und aus 11 Stunden reduzirt werden, daß Sonnabends die Arbeit um 2 Uhr aufhören sollte. Ich empfehle diese Ataßregel, obwohl sie auf den ersten ■ Blick drückend erscheint; wir haben sie in unseren Etablissements seit 4 � Jahren versucht und stehen uns gut dabei; die Durchschnittsproduktion ist, anstatt zu fallen, gestiegen."— In seiner Abhandlung„die en Maschinen" zitirt Herr F. P a s s y folgenden Brief eines belgischen In- U- dustriellen, eines Herrn Ottevaere: >re„Obwohl unsere Ätaschinen dieselben sind wie die der englischen Spin- Lo> nereien, produziren sie doch nicht so viel als sie sollten, und als dieselben :eir Maschinen in England produziren, trotzdem dort täglich zwei Stunden gs weniger gearbeitet wird..... Wir arbeiten zwei volle Stunden Ire zuviel; ich bin überzeugt, daß wenn wir statt 1 3 Stunden nur 1 1 (rfi arbeiteten, wir ebensoviel und infolgedessen ökonomischer produziren." ms Anderseits konstatirt der liberale Oekonom, Herr P. Leroy- chs Beaulieu, daß„ein großer belgischer Manusakturist die Beobachtung gemacht hat, daß die Wochen, in welchen ein Feiertag fällt, keine ge- ringere Produktion aufweisen als die gewöhnlichen Wochen."(„Die Ar- lw, beiterftage im 19. Jahrhundert." Paris 1872.) >nd Ugz paß durch die Moralisten versimpelte Volk nicht gewagt hat, hat int«jne aristokratische Regierung gewagt. Unbekümmert um die hochmoralischen und wirthschastlichen Einwände der Oekonomen, die gleich Unglücks- 2 der Arbeiter) den Beschwerdeführern Recht gibt, die Unternehmerklasse immer noch besser fährt, als bei dem jetzigen Haftpflichtgesetz. — Für den Puttkamer'schen Tugendspiegel laufen uns noch immer Zuschriften in solcher Menge ein, daß wir schon mit Rücksicht auf den guten Geschmack sie unmöglich sämmtlich zum Abdruck bringen können; wo aber Puttkamer'sche Tugend sich in Amt und Würden spreizt, da halten wir uns für verpflichtet, solche Bedenken fallen zu lassen, denn da wird Rücksichtslosigkeit zum höchsten Pflicht- gebot. So wollen wir auch heute wieder einem Einsender das Wort geben. Man schreibt uns aus Großenhain: Der„Sozialdemokrat" hatte zwar schon mehrfach tressliche Gelegen- heit, dem erzsittlichen Minister von Puttkamer Proben der„noblen Passionen" und„kleinen Extravaganzen" seiner Standesgenossen zu Nutz und Frommen empfindsamer Reichsboten vor Augen zu halten und damit geeignetes Material für spätere Debatten über das Thema:„Wer unter- gräbt die Sittlichkeit?" zu liefern, doch dürfte ihm schwerlich ein drastischerer Fall obrigkeitlicher Sittlichkeitspflege zur Kenntniß gelangt sein, als der nachstehende, der hiermit zum Ruhme des betreffenden ehren- werthen Tugendhelden bekanntgegeben sei. Nicht nur, daß der saubere Kunde zur Zeit ganz unverfroren mit wohleinftudirter ehrwürdiger Miene in den Straßen der Stadt Großen- Hain in Sachsen, deren Bürgermeister er ist, einherstolzirt, nein, wir wissen, daß derselbe auch nach dem Bekanntwerden seiner Heldenthaten ebenso dreist unter der Elite unserer„guten" Gesellschaft einherspazieren wird als zuvor, ob auch jeder anständige Mensch in seiner gemästeten Person die Verkörperung des Ehebruchs und thierischer Gemeinheit er- blicken muß. Der Bürgermeister H e r r m a n n, der mit großem Enthusiasmus von den Großenhainer Bürgern in den sächsischen Landtag gewählt wurde, derselbe, der in„seiner" Stadt mehrere Versammlungen aus Grund des Sozialistengesetzes paschamäßig verbot— beiläufig ein Beweis, wie dies Gesetz gemeinen Charakteren und Strebern willkommene Handhaben bietet—, derselbe Bürgermeister hatte während seines Aufenthaltes in Stollberg unsittliche Attentate aas sein Dienstmädchen versucht, wes- halb letzteres den Dienst quittirte. In Großenhain nun unternahm dieser saubere Eheherr auf's Neue solche Attentate auf eines seiner Dienst- mädchen, ein braves, durch und durch ehrenhaftes Mädchen. Zurück- gewiesen, ließ aber der Patron nicht nach, und trat eines Atorgens sogar mit entblößten Geschlechstheilen in die Küche vor das Mädchen hin, es zur Berührung auffordernd. Das Mädchen kündigte darauf den Dienst. Trotz- dem ließ der„verwundete Stier" in seinen Verfolgungen nicht nach, und als derselbe eines Morgens in aller Frühe, nur mit dem Hemde bekleidet, abermals in der Küche das Mädchen nöthigen wollte, schrie dasselbe um Hilfe, worauf die Frau Bürgermeisterin, ebenfalls nur mit dem Hemde bekleidet, herbeigeeilt kam und durch ihr Erscheinen die Be- drohte erlöste. Die Gemahlin des würdigen Sladtvertreters bat nun das Mädchen, von diesen Vorgängen nichts zu erzählen, andernfalls es ihrem Manne die Stellung kosten würde. Auch richtete sie die bezeichnenden Worte an dasselbe:„Du brauchst nicht zu glauben, daß mein Mann dies aus Liebe zu Dir thut", woraus sie zur Antwort erhielt:„Ach nein, das weiß ich, daß er nur seine Gelüste bei mir befriedigen will." Nun, das Mädchen quittirte den Dienst, und damit glaubte der rohe Mensch Gras über die Geschichte gewachsen, denn sonst wurde er wohl schwerlich ein neues Bürgermeisterpalais für längeren Aufenthalt in Großenhain gebaut haben. Bei solcher Frechheit ist auch nicht ausgeschlossen, daß der Ehebrecher und Ehrabschneider Alles ableugnen und als Racheakt hin- stellen wird. Nun, wir erklären, daß man einen notorisch beschränkten Menschen, wie dies Herrmann ist, wegen seiner dummen Streiche, die nur er allein für politische Klugheit hält, nicht aus Rache angreift, da man über diese dummen Streiche nur mitleidig lächeln kann. Aber die berechtigte Ent- rüstung und unser gutes Recht als Bewohner der von diesem Wüstling „regierten" Stadt Großenhain verpflichten uns, seine Schandthaten der Oeffentlichkeit zu übergeben. Mag der Herr auch öffentlich noch so eifrig seine Unschuld betheuern, er und seine Frau wissen doch, dap das hier Gesagte aus Wahrheit beruht. So, Herr v. Puttkamer, dieser eine Fall mag Ihnen zur gefälligen weiteren Jnsormalion vorläufig genügen; wir können auch sonst noch mit einem hübschen Sträußchen solcher„Sitllichkeitsvlüthen" aus diesem einen Städtchen des schönen deutschen Reiches aufwarten. Den sächsischen r-anbtagsabgeordneten aber gratuliren wir zu dem neuen„Kollegen." — Fortschrittliche Krebse. Mit dieser Ueberschrist erhalten wir aus Sachsen die nachstehende Zuschrift. Obwohl wir das Thema, von dem es handelt, bereits besprochen, erscheint uns doch die Beleuch- tung desselben aus den Kreisen unserer sächsischen Genossen selbst so interessant, daß wir uns für verpflichtet halten, sie unverändert zum Abdruck zu bringen: Man weiß, daß die sächsische Regierung in Bezug auf Freiheit und Fortschritt in der Atanier des bekannten Kandwehrmannes:„nur immer langsam voran" marschirt. Demgemäß hinkt auch die ganze sächsische Gesetzgebung den thatsächlichen Verhältnissen weit hinten nach, und ins- besondere ist dies bei den politischen Gesetzen der Fall; hier wird das schon lange verfassungsmäßige„Gleiche Recht für Alle" noch heute auf das Gröblichste verletzt und geleugnet. Kein Wunder, daß unsere Ge- meindeordnungen auch nicht im Entferntesten den Anforderungen unserer Zeit entsprechen; am wenigsten ist dies der Fall mit dem Wahlrecht der Gemeindeordnungenz dasselbe weist auch nicht eine Spur von Ge- rechtigkeit und Billigkeit auf. Nun ist aber klar, daß selbst eine an und für sich gute Gemeinde- oder Staatsverfassung durch ein ungerechtes, willkürliches Wahlrecht verhunzt wird, den» das Wahlgesetz ist der eigentliche Nerv jeder Verfassung. So geht es auch mit unseren Gemeindeordnungen.„Erweiterung der Autonoinie und der Selbständigkeit der Gemeinden ist das Verlangen der Gegenwart und diesem Verlangen tragen die neuen Gesetze Rechnung", raben krächzten, daß die Fabriksarbeit um eine Stunde herabsetzen, den Ruin der englischen Industrie dekretiren hieße, hat die englische Regie- rung die zehnstündige Arbeitszeit gesetzlich eingeführt, und nach wie vor ist England das erste Industrieland der Welt. Die große Crsahrung Englands liegt vor, die Erfahrungen intelligenter Kapitalisten liegen vor: sie beweisen unwiderleglich, daß, um die menschliche Produktion zu steigern, man die Arbeitszeit herabsetzen und die Zahl der Ruhetage vermehren muß, und das französische Volk sieht es immer noch nicht ein.(Das deutsche leider auch nicht!) Können die Arbeiter denn nicht be- greifen, daß dadurch, daß sie sich mit Arbeit überbürden, sie ihre und ihrer Nachkommenschast Kräfte erschöpfen, daß sie, abgenutzt, vorzeitig arbeits- unfähig werden, daß sie alle schönen Anlagen in sich ertödten, nur um der rasenden Arbeitssucht willen? Ach, gleich Papageien plappern sie die Lektionen der Oekonomen nach: „Arbeiten wir, arbeiten wir, um den Nationalreichthum zu vermehren!" O ihr Idioten! Weil ihr zuviel arbettet, entwickelt sich die industrielle Technik zu langsam. Laßt euer Geschrei und hört einen Oekonomen— es ist kein großes Licht, es ist nur HerrL. R e y b a u d:„Im Allgemeinen richtet sich die Revolution in den Arbeitsmethoden nach den Bedingungen der Handarbeit. Solange die Handarbeit billig ist, wendet man sie im Ueber- maß an, wird sie theurer, so sucht man sie zu sparen."*) Um die Kapitalisten zu zwingen, ihre Maschinen von Holz und Eisen zu vervollkomm- nen, muß man die Löhne der Maschinen von Fleisch und Bein erhöhen und die Arbeitszeit derselben verringern. Beweise dafür? Plan kann sie zu Hunderten erbringen. In der Spinnerei ward die„Selfacting Mute" in Manchester erfunden und angewendet, weil die Spinner sich weigerten, solange zu arbeiten wie früher. In Amerika bemächttgt sich die Maschine aller Zweige der Ackerbau- Produktion, von der Butterfabrikation bis zum Getreidejätez». Warum? Weil die Amerikaner, frei und faul, lieber tausend Tode sterben als das Viehleben eines französischen Bauern zu führen. Die im glorreichen Frankreich so mühsame, nnt so vielem Bücken verbundene Arbeit ist im Westen Amerikas ein angenehmer Zeitvertreib in freier Lust, den man sitzend genießt und dabei gemüthlich seine Pfeife raucht. *) Louis Reybaud, Die Baumwolle, ihr Reich und ihre Fragen. (1863.) schreibt der ministerielle Popularisirer unserer Gemeindeverfassungen; wie das aber gemeint ist, gibt er uns durch folgende Worte zu ver- stehen:„Nur darf nicht die M a s s e das Uebergewicht in den Gemeinde- Vertretungen erhalten, da dann eine freie Gemeinde nicht mehr denkbar ist. Eine nette Begriffsverwechslung. Was nützen die schönen Worte von Selbstständigkeit und Autonomie der Gemeinden, wenn die Masse nicht das Uebergewicht in den Vertretungskörpern erhalten soll? Wie kann von Selbstverwaltung die Rede sein, wenn zwei Drittel der Steuerzahler über die' Verwendung der Steuern nichts zu sagen haben? wenn man 2 Drittel der Steuerzahler Gesetzen unterwirft, an deren Ab- fassung sie sich nicht betheiligen konnten? Wenn man zwei Drittel der Steuerzahler vom Wahlrecht ausschließt? Angesichts einer solchen skanda- lösen Mundtodtmachung der Massen ist es ein kolossaler Humbug, von Selbstverwaltung und Selbständigkeit der Gemeinden zu reden; das ist keine Gemeindeautonomie, nein, eine Minoritätsherrschaft, gebildet von einzelnen reichen Leuten, deren Interessen mit den Interessen der Ge- sammtheit im Widerspruch stehen. Bei einer solchen Bevormun- dung der Majorität und Bevorzugung der Minorität werden immer die Interessen der Minderheit auf Kosten der Mehrheit gefördert und unter- stützt, während die Interessen der Majorität in brutaler Weise vernachlässigt werden. Eine solche Selbstverwaltung ist eine Scheinselbstver- waltung, die schlechter ist als das alte Polizeiregiment. Bei diesem konnte ein einigermaßen geschickter Beamter bei gutem Willen noch das Ruder zu Nutz und Frommen der Gesammtheit führen; anders bei der Scheinselbstverwaltung, da kommt die große Masse gar nicht zur Berück- sichtigung, denn die die Herrschaft ausübende Minorität betrachtet die Masse als ihre Feinde, die sie unterdrücken muß, bei Strafe des Verlustes der Herrschaft. In Regierungskreisen kennt man die Willkür- Herrschaft der Gemeinderäthe und deshalb sieht man es nicht ungern, wenn einzelne Vertreter der Masse in die Gemeinderathskollegien gewählt werden, man weiß, daß erst die Sozialisten den Spitzbübereien in ver- schiedenen Gemeindekassen auf die Spur kommen; man weiß, daß die Vertreter der Masse es waren, welche der nackten Brutalität der Bour- geoisminoritäten entgegen traten; man weiß, daß die Sozialisten die umstürzlerischen Bestrebungen der reichen Fabrikanten auf dem Gebiete des Schulwesens vereitelten und gibt deshalb zu:„daß alle Parteien, sobald sie nur gesetzliche Mittel anwenden, um ihre Ueberzeugung zur Geltung zu bringen, das Recht haben, mit ihrer Ueberzeugung gehört zu werden. Dieses Recht darf auch den S o z i a l i st e n nicht vorenthalten werden, und wenn es Einzelnen gelingt, in der Gemeindevertretung Eingang zu finden, so wird dadurch nicht die Freiheit der Selbständig- keit der Gemeinden gefährdet, die Gemeindevertretung wird nur— und das ist ja auch bloß wünschenswerth— jederzeit daran erinnert werden, daß eine soziale Frage wirklich besteht, und daß es die Auf- gäbe jedes patriotischen Mannes ist, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie derselben zu begegnen sei." So schreibt der Amtshauptmann v. Bosse, und man merkt, daß seine Worte nicht blos von den berechtigten Bedenken gegen die Willkürherrschaft der Bourgeoisminoritäten, sondern, und vielleicht noch mehr, von der Furcht vor der Volksherrschaft diktirt sind. Und nicht ohne Grund. Die Volksherrschaft, mithin die wahre Selbstver- waltung, würde nicht nur den Minoritätsherrschasten in den Gemeinderäthe» ein Ende machen, sondern dem ganzen Bourgeoisstaat. Das ganze Heer der Beamten von Nachtwächter, Polizeidiener bis hinauf zu dem Ober- bürgermeister würde viel selbstständiger werden, nicht mehr in so hohem Niaße von der Regierung abhängig sein, und damit würde der Staat den größten und brauchbarsten Theil seiner Wahlagenten verlieren. Nehmen wir dann noch für den Landtag das allgemeine Wahlrecht, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die Masse in den Volksvertretungen die überwiegende Mehrheit gewinnt. Die Lösung der sozialen Frage auf friedlichem Wege wäre damit um ein erhebliches vorwärts gerückt, denn wer die Revolution, die blutige, die gewaltsame Revolution nicht will, wer— wie Bosse— auf friedlichem Wege eine Herstellung des sozialen Friedens erreichen will, muß die Massen zu der Volksvertretung lassen, muß die volle, die ganze Autonomie wollen. Ohne Volksherr- schaft keine friedliche Lösung der sozialen Frage! Ader unsere Bourgeoisminoritäten sind für Erwägungen solcher Art blind— wie Dame Justitia. In ihrer Angst vor Verlust der Allein- Herrschaft greifen sie zu den verbrecherischsten Tollheiten; anstatt die Ventile zu öffnen, sucht man sie noch mehr zu belasten, als dies schon jetzt der Fall ist. Sie verabscheuen die Revolution und provoziren die- selbe. Es ist dies eine keineswegs neue Erfahrung. Im Gegentheil, in ihrem Eifer um Erhaltung und Verewigung des Bestehenden und zum Theil bereits Angefaulten griffen die Herrschenden noch immer zu den verderblichsten Mitteln und verwerflichsten Waffen. Ein neues Beispiel: In den größeren ländlichen Gemeinden Sachsens gelang es der Alasse, Sozialisten in den Gemeinderath zu wählen. Sie konnten unter dem heutigen Wahl-Unrecht niemals den Herrschenden gefährlich werden, denn das Wahlrecht in diesen Gemeinden ist den Besitzenden bei weitem günstiger als den Unbesitzenden. Es beruht auf einem der un- verschämtesten Klassenshfteme, indem die Ansässigen zur Gesammtzahl drei Viertel, die Unanjässigen nur ein Viertel der Vertreter zu wählen haben. Das genügt, um zu begreifen, daß die Großen immer die Großen bleiben müssen, denn selbst wenn alle unansässigen Vertreter sozialistisch wären, haben sie immer nur eine winzige Minorität im Gemeindrath. Aber man fürchtet die Stärke unserer Sache, die Alacht der Wahrheit, die wir immer noch auf unserer Seite gehabt haben, und versucht des- halb, die große Masse des Volks absolut»»vertreten zu machen, einer noch bedeutend größeren Zahl, als jetzt schon, das Wahlrecht zu rauben. Und bezeichnender Weise ist es wieder der„Fortschritt", welcher den Herold im reaktionären Zuge macht. Dr. Götz, der ehemalige demo- kratische Reichstagsabeorvnete, später fortschrittlicher Agitator, an der Spitze, und hinter ihm folgen Schaffrath, Starke, Schreck u. s- w. u. s. w. Sie haben der Regierung eine Petition zur Kenntniß- nähme überwiesen, in welcher um Beschränkung des ländlichen Wahlrechts allerunterthänigst gebeten wird. Wir haben nichts dagegen, wissen wir doch, daß auch die reaktionären Bäume nicht bis in den Himmel wachsen und anderseits hat dieser neueste reaktionäre Vorstoß eine höchst intensive und allgemeine Bewegung ins Leben gerufen, welche die Verallgemeine- rung und Erweiterung der sächsischen Wahlgesetze zum Ziele hat. Den Stein ins Rollen gebracht zu haben, ist das Verdienst des Dr. Götz. Die Regierung mag sich bei diesem„Volksmann" für diese ihr sehr unlieb- same Bewegung bedanken, wir aber erinnern an das bekannte: Du wirst ein Esel bleiben von Ewigkeit zu Ewigkeit! — Die Schützlinge des Liberalismus. In Nürnberg ist der A n a r ch i st H o s f m a n n, der unser» Genossen Grillen- b e r g e r in einem als Beilage zu dem fortschrittlichen„Fränkischen Kourier" erschienenen Flugblatt unberechtigter Eingriffe in fremde, d. h. Genossenschastskassen geziehen hatte, der absichtlichen verleumde- tischen Beleidigung für schuldig erkannt worden, weil die Hand- lungsweise Grillenberger's in gar keiner Weise zu einem solchen Vorwurfe berechtige; er ward jedoch st r a s f r e i belassen, weil Grillen- berger ihn in seiner Entgegnung schwer beleidigt habe.(Grillenberger hatte u. A. gesagt, die Fortschrittspartei werde Hofmann nach dem Grundsatz behandeln: Man liebt den Verrath, doch nicht den Verräther.) Daß eine Verleumdung durch eine Beleidigung ausgeglichen wird, ist eine sonderbare Rechtsauffassung; dieselbe findet indeß ihre Erklärung in der Thatsache, daß Grillenberger der gehaßte sozialistische Abgeordnete Nürnbergs ist, während Hoffmann, natürlich aus Ueberzeugung, den Nürnberger Fortschrittlern den Gefallen er- weist, Wahlenthaltung zu proklamiren. Deshalb wird der Brave auch in der ganzen liberalen Presse als ein ehrenwerther Sozialdemokrat gefeiert, der sich nur gegen den„Terrorismus Grillenbergers" verwahrt habe. Dieses Eintreten der Bourgeoisie für die„Röthesten der Rothen" dürfte Manchem die Augen öffnen. — Wegen angeblicher fortgesetzter Verbreitung sozialistischer Schriften, insbesondere des„Sozialdemokrat", wurde am 10. Januar von der 2. Strafkammer des Landgerichts Stuttgart unser Genosse Ludwig Behr zur Maxi mal st rase von sechs Monaten verurtheilt. Für die zehnwöchentliche Untersuchungs- hast wurden Behr vierzehn Tage in Anrechnung gebracht. Außer- dem wurde gegen Behr auf Zulässigkeit der Aufenthaltsbeschränkung er- kannt. Ein Mitangeklagter, Karl Vogt, wurde mangelnder Beweise halber freigesprochen. Hat Behr die Verbrechen, so man ihm zur Last legt, wirklich began- gen, so hat er sich um unsere Sache wohl verdient gemacht und verdient in um so höherem Maße unsere Sympathie, als das Urtbeil w der krassesten P a r t e i j u st i z an der Stirne trägt. — Eine Berichtigung, bie zuviel berichtigt. In Nr- 48 unseres Blattes vom vor. Jahre hatten wir anläßlich einer Annonce im„Leipziger Tagebl.". in der es hieß, daß„Frau verwittwete Re- dakteur H ii t t n e r Aufträge zu Wäschestickerei antgegennimmt", einigeBetrach- tungen über die Dankbarkeit des Tageblattbesitzers Polz im Speziellen und der Bourgeoisie im Allgemeinen angestellt. Jetzt geht uns ein Brief der Frau ü t t n e r zu, worin diese uns mittheilt, daß besagter Polz „sich nicht nur gegen meinen Mann bei dessen Lebzeiten außer- ordentlich human und generös gezeigt, sondern er hat auch von dem Augenblick an, in dem mein Gatte starb, mir und meiner Familie die helfende Hand in einer Weise dargereicht, für die ich und die Meinigen ihm immer herzlich dankbar sein werden. Herr Polz hat außer anderen Unterstützungen, unter Anderen mir eine sehr ansehnliche Wittwenpension ausgesetzt, durch die ich im Stande bin, mit den Meinen anständig leben zu können." Die Annonce, belehrt uns Frau Hüttner weiter, habe sie nur für die Schwester ihres verstorbenen Mannes erlassen, eine ältere Dame, die, um ihre freie Zeit nützlich ausfüllen und sich„nebenbei" etwas zu verdienen, Aufträge für Wäschestickereien und dergl. suche. Soweit die Berichtigung. Der Umstand, daß sie erst jetzt erfolgt und gar so überschwenglich klingt, läßt sie uns etwas verdächtig erscheinen. Erfahren wir doch sogar, daß Herr Polz schon zu Lebzeiten des ver- storbenen Hüttner sich außerordentlich„human" und„generös" gegen denselben gezeigt hat— eine Ausdrucksweise, aus der hervorgeht, daß Frau Hüttner keine Vorstellung davon hat, welche Stellung der Chef- redakteur eines größeren Blattes einnehmen— sollte. Nicht berichtigt, sondern sogar indirekt bestätigt wird aber unsere Be- merkung, daß Hüttner, der den Arbeitern nicht heiß genug das Sparen anempfehlen konnte, so wenig selbst diesen Grundsatz befolgte, daß er, trotz seines Jahresgehaltes von 9000 Mark seine Frau in einer Situa- tion zurückließ, in welcher dieselbe auf die„Generosität" Anderer an- gewiesen war. Soviel sür diesmal. Vielleicht ist einer unserer Leipziger Abonnenten in der Lage„etwas mehr Licht" in diese Angelegenheit zu bringen. — Aufgepaßt! Aus Mailand wird vor einem gewissen Francesco Secchi gewarnt, der sich als großer Sozialist und Erz- revolutionär aufzuspielen liebt, thatsächlich aber ein gemeiner Schwindler und Lump ist, und auf dem der dringende Verdacht ruht, mit der Polizei in Verbindung zu stehen. Unsere Mailänder Genossen vermuthen, daß Secchi nach der Schweiz seine Schritte gewendet hat, da er früher einmal— er ist Maler und Anstreicher— in Winterthur und Grau- bünden gearbeitet hatte, und öfter den Wunsch äußerte, nach dort zurück- zukehren. Secchi ist unter dem Vorwand geflohen, ihm drohe Verhaftung wegen Verbreitung verbotener Schriften, die Oberdank gewidmet sind. Solche Schriften existiren aber gar nicht, der wahre Grund der Flucht ist in einer schmutzigen persönlichen Angelegenheit zu suchen. Secchi ist ungefähr 30 Jahre alt, etwas über mittelgroß und sehr mager. Sein Gesicht von krankhafter, graugelber Färbung und stark pockennarbig; er spricht nur italienisch. Wahrscheinlich wird Secchi auch seine Frau mit sich führen, eine junge hübsche Person von kleiner Statur. — Heiteres vom anarchistischen Kriegsschauplatz. Die Herren Anarchisten sind bekanntlich sehr thatendurstige Leute, und wer sich ihre ganz besondere Hochachtung erwerben will, der muß ihnen irgend ein neues Rezept zur„revolutionären" Kriegsführung liefern. Dies wußte der Schwindler Nathan Ganz und brachte in der Probenummer seines„An-archist" einen Artikel aus der Feder eines „höheren Militärs", der aus lauter Gemeinplätzen bestand, und dies hat wohl auch irgend einen Spaßvogel veranlaßt, in der St. Francisco „Truth"(Wahrheit) einen Artikel über revolutionäre Kriegskunst zu ver- öffentlichen, der zweifelsohne den vollen Beisoll der Großherzogin von Gerolstein gefunden haben würde:„hier steht der Feind und d a schlage ich ihn"—, kein Wunder, daß ihn General Bumbum sofort mit Entzücken in seinen Revoluttonsmoniteur aufnahm. Das aber ist noch nicht Alles. In dem Artikel des„amerikanischen Offiziers" heißt es schließlich:„Wenn die Barrikadenkämpfer mit der neuen International- Dtznamit-Flinte(die, wie ich höre, kürzlich erfunden wor- den ist) bewaffnet sind, können, meiner Meinung nach, 500 Mann nach dieser(der vorhergegangenen) Anweisung unter unerschrockenen und geschickten Führern eine aus 5000 volksfeindlichen Angreifern be- stehende Angriffskolonne vernichte n." Wenn!— dieses„wenn" in Verbindung mit dem„wie ich gehört habe" verräth mit unverkennbarer Deutlichkeit den Schalk, der sich über seine Leser lustig macht. Und er hat seine Leute richtig taxirt. General Bumbum ist vor Entzücken über diese neue Erfindung ganz weg. Jnternational-Dynamit-Flinte, das muß was Großarttges sein! Aber warum erfahre Ich, der große Bumbum, erst durch die Zeitung davon? Setzt sich also flugs hin und schreibt folgende Note: „Es wäre wünschenswerth, über dieses Gewehr Näheres zu hören. Uns ist nämlich leider noch nichts von demselben bekannt. D. R." Das ist in der That unverantwortlich. Jndeß, nur ein wenig Geduld und den Humor nicht verloren, General! In Dalldorf bei Berlin oder in irgend einer entsprechenden„Kriegs-Akademie" Amerika's wird Ihnen einst über das Geheimniß dieser Erfindung Ntittheilung werden. Korrespondenzen. — Vom Riederrhcin.(Deutsches P o l i z e i s i t t e n b i l d.) Von unserer Gönnerin, der Wohllöblichen, ist aus hiesigem Bezirke Folgendes zu berichten: Vor längerer Zeit wurde vom Schwurgerichte zu Duisburg der gestrenge Herr Polizeikommissar von Jüchen zu 2 Jahren Zuchthaus verdonnert, und zwar wegen einer Menge Amts- verbrechen und Unterschlagungen. Der edle Herr hatte sein Geschäft in einer Weise betrieben, wie man es eben nur in Preußen und Rußland von einem Offizier und Junker verlangen kann. Rein nach Willkür wur- den die Leute, mit Vorliebe jüngere Frauenspersonen, eingesperrt und entlassen, selbst schulpflichtige Kinder über Nacht im Polizeigewahrsam gehalten. Wer aber Gefängniß abzusitzen hatte und nicht wollte, konnte dies auch mit Geld abmachen, und es wurden dann obendrein noch die Berpflegungsgelder liquidirt. Dieses Geschäft war so einträglich, daß der Herr Hauptmann und ebenso auch der Gesangenwärter, Polizeisergeant S ch ü t t e l d r e i e r, sich eigene Häuser von ihren Ersparnissen anschaffen konnten. In einem Hause des Herrn Baron wurde sogar— freilich ohne Vorwissen des gestrengen Herrn Polizeikommissars— jahrelang ein Bordell betrieben und sollen der Herr Hauptmann und seine hoch- angesehenen Freunde dort Stammgäste gewesen sein. Bei der Schwur- gerichtsverhandlung konnte selbst die Staatsanwaltschaft die Bemerkung nicht unterdrücken, daß der Herr Kommissar eine reine Paschawirthschaft jahrelang ungerügt betrieben habe. Trotzdem wurden dem edlen Baron seine militärischen Orden und Ehrenzeichen, wie ausdrücklich im Tenor des Urtheils hervorgehoben ist, nicht aberkannt. Freilich alles Dies mit Rücksicht auf die Sr. Majestät dem deutschen Kaiser Wilhelm, dem Gerechten, und dem deutschen Vaterlande geleisteten Dienste. Jetzt führt der saubere Kunde, wie wir gehört haben, in der Strafanstalt zu Werden an der Ruhr ein seiner Stellung und seinen Titeln und Orden ent- sprechendes Dasein, wie sich das ja in Preußen-Deuffchland von selbst versteht. Und wo hat der Herr Kommissar jahrelang diese Paschawirthschaft geführt? In dem wegen seiner„patriotischen Gesinnung" so oft und so hoch gerühmten Städtchen Mülheim an der Ruhr: Das Treiben des Herrn Kommissars ist der beste Maßstab für preußisch- deutschen Patriotismus! Der erwähnte Polizeisergeant Schütteldreier wurde mit Rücksicht daraus, daß er unter dem Einfluß seines hohen Chefs gehandelt, zu anderthalb Jahren vcrlnurrt.**) *) Für Leute, welche nicht jede Woche einige Dutzend„Schurken" mit Dynamit in die Lust sprengen, sei hier bemerkt, daß die Sprengkraft des Dynamits so gewaltig ist, daß die„Jnternational-Dynamit-Flinte" allerdings die denkbar gefährlichste Waffe sein würde— für den betr. Schützen nämlich. **) Schütteldreier hat sein unfreiwilliges Asyl bereits verlassen und Ein anderes Bild bietet der Polizeisergeant Becker von Duisburg. Dieser Held und Inhaber des„Eisernen" erschlug seinen Schwager, welcher mit ihm unter einem Dache wohnte, auf offener Straße und am hellen lichten Tage, wurde aber von den Geschworenen zum Erstaunen Aller, die die Sache kannten, freigesprochen. Durch er- drückenden Zeugenbeweis ward festgestellt, daß der Mordbursche Becker seinen Schwager Nellen mit gezogenem Säbel verfolgte, so daß dieser zum Fenster hinaussprang, von dem„überaus tüchtigen Beamten im Dienste", wie das Zeugniß der vorgesetzten Behörde sehr bezeichnend lautete, aber eingeholt wurde, woraus ihm dieser dann von hinten den Kopf spaltete. Trotz dieser, wie gesagt, erdrückenden Beweise ward Becker von einem bürgerlichen Schwurgerichtshofe freigesprochen. Nun, mehr kann der Polizeistaat von der Kanaille Volk nicht verlangen! Seit Jahren wußte das Bürgerthum in Duisburg, daß Polizeisergeant Becker der gemeinste, liederlichste und schlechteste Kerl in der Stadt war, trotzdem stand der Kerl bei der Behörde und dem Gericht da wie:„kein Engel ist so rein". Dieser Mörder hat sein Opfer und die Geschwister desselben in seiner Eigenschaft als Vormund um ihr, wenn auch nicht bedeutendes Vermögen betrogen und bestohlen, und war es wiederum eine Geldangelegenheit, welche die Veranlassung zu der Mordthat war. Der liederliche Kerl war namentlich ein leidenschaftlicher Hazardspieler. Nächte und Tage hindurch spielte der Bursche, wiederholt deshalb de- nunzirt, selbst noch kurz vor der geschilderten Mordthat, wobei er einem angetrunkenen Handwerker seine Baarschast, etwas über 100 Mark, ab- nahm; trotzdem ist er aber immer noch der„tüchtigste Beamte im Dienst". Das Bürgerthum kann davon erzählen! Becker soll Anzeigen gemacht und sie vor Gericht durch Eide erhärtet haben, ungeachtet er zur selben Zeit beim Kartenspiel saß! Unter den Polizeikollegen ist es nämlich üblich, daß sie sich, wenn nöthig, mit Denunziationen gegenseitig aus- helfen! Herrliche Zustände im„Reich der Gottessurcht und frommen Sitte"! Und was glaubt nian wohl, daß dieser Mörder heute ist? Polizeisergeant in Ba rmen!' Von dort dringen in der letzten Zeit auch Geschichten von einem Bürgermeister Wegener, Stadtbaumeister Schülke u. s. w.— beide noch zu Duisburg in hochgefeiertem Andenken!— in die Oeffentlichkeit, welch auch wohl einer Beleuchtung im Zentralorgan unserer Partei werth wären, worauf die Barmer Genossen hiermit aus- merksam gemacht seien. Wir wollen heute nur die Frage an den Bau- meister stellen, ob er den Rohrlegermeister Lauterbach wegen seiner Tüchtigkeit oder wegen seiner liebenswürdigen Ehehälfte von Duis- bürg nach Barmen herübergeholt hat? Wir wollen aber unser eigentliches Thema nicht verlassen! In Düsseldorf traten zwei Polizeisergeanten aus C r e f e l d, R a u und Krüger, in einer Gastrolle vor der Strafkammer auf, wobei die Burschen sich in derartige Widersprüche verwickelten— was, nebenbei bemerkt, bei einem alten, gedrillten preußischen Unteroffizier nicht vorkommen sollte— daß der Gerichtshof zu der Ueberzeugung ge- langte, die Kerle haben wissentlich die Unwahrheit auf ihren geleisteten Eid gesagt. Freilich war die Sache sehr gravirender Natur, denn so leicht ist bekanntlich kein preußischer Gerichtshof zu dieser Ansicht gegen- über Polizisten, Nachtwächtern, Hundefängern und ähnlichem Gezücht zu bringen. Und trotzdem ließ man die Burschen ruhig ihres Weges ziehen\ Die erstaunte Welt erfuhr dann einige Zeit daraus, die Herren seien vom Dienst suspendirt. Daß die Staatsanwaltschaft rasch bei der Hand war, wie sie eS bei anderen Menschen, besonders aber bei Sozialdemo- traten zu sein pflegt, davon hat die Welt noch nichts erfahren. Wie viel Meineide, und infolgedessen Justizmorde, mögen diese Schufte wohl auf dem Gewissen haben? Seit Jahren herrschen in der Kunst- und Musen- stadt Düsseldorf Polizeikommissare, welchen man so mannigfaltige und interessante Geschichten nacherzählt, daß man fast glauben möchte, Recht und Gesetz seien für diese Leute außer Kurs gesetzt. In dieser berühmten servilen Kunststadt hat die Polizei das materielle und gewerbliche Geschäft so nett und proper mit ihrer Stellung zu verbinden gewußt, daß alle Beschwerden, Denunziationen und Gerichtsverhandlungen, die im Lause der Jahre mit Bezug hierauf statt hatten, so viel und so wenig an's Tageslicht förderten, daß die Sache immer wieder todtgeschlagen werden konnte. JTrotzden: aber bleibt die Thatsache bestehen und ist durch Zeugen vor Gericht eidlich erhärtet, daß Polizeikommissare als Nebengeschäft Schnapsagenturen innehatten, und gewisse Firmen(in Düsseldorf nament- lich die Firma Kraus und P r o s ch) ihr Geschäft durch die Protektion der Kommissare gemacht haben. Ganz besonders wurden die Geschäfte mit Wirthen gemacht, die keine Konzession zum Verkauf von Branntwein hatten. Ebenso wurde mit Wirthschaften von zweifelhaftem Ruf viel gemacht. Letztere erfreuen sich an sehr vielen Stellen der Gunst und Freundschaft der Polizeiorgane. Konzessionsvermittlung und allerlei gesetzwidrige Sachen liefern den schönsten Beweis, wie praktisch überhaupt das ganze Konzessionssystem sich entwickelt hat.— Ob der berühmte Wirthschafts- reformer nicht mal auf die Idee kommt, die Wirthshäuser zu monopo- lisiren? So alte Kasernenwärter, Arrestaufseher:c. würden sich ganz vorzüglich als Wirthe für das guttnüthige deutsche Volk qualifiziren! In Essen, der Domäne des Kanonenkönigs, sitzen ein paar Polizisten in Untersuchungsarrest, weil sie einen armen Arbeiter, welcher" von Berlin gekominen war, todtgeschlagen haben sollen. Ter Arbeiter war mittellos und hatten die Burschen denselben zum Transport erhalten, resp. per Schub fortzubringen. Todtschlagen war eigentlich das richttge Rezept nach Ansicht dieser Gesetz- und Ordnungswächter, und vielleicht auch vieler anderer Ordnungshelden.— Nun, wohl bekomm's! Das Volk wird auch hierüber dereinst sein strenges und gerechtes Urtheil zu fällen wissen. Ich könnte Ihnen nun noch eine ganze Menge über die Polizei, unsere liebe Freundin und Gönnerin, mittheilen, doch habe ich nur die Haupt- fachen herausgegriffen, um zu beweisen, welch reinlichen Händen die deutsche Reichsherrlichkeit anvertraut ist. Noch sei erwähnt, daß das Prügelsystem, ähnlich wie beim Militär, bei der Polizeigewalt im Schwünge ist. Ueberall hört man von Mißhandlungen der Bürger durch Polizeiorgane, aber trotzdem mehren sich die Strafdelikte bezüglich des Widerstandes gegen die recht nett benamsete Polizei, die Staatsgewalt. Wir brauchen fast kaum mehr zu agitiren. Das Beamtenthum und vor Allem die Wohllöbliche besorgen dies auf schlagendste. In Kürze wird nun eine Festwoche ihren Anfang nehmen, wo des deutschen Volkes Ausbeuter sich die Freude machen, ein Standbild zu enthüllen, welches Zeugniß ablegen soll für die Mordfähigkeit aus der einen, und die Knechtung auf der anderen Seite. Bei dieser Gelegen- heit wird es an Uebermuth und Spionenriecherei seitens der deutschen Reichsspitzel nicht fehlen. Wir icher erheben die Hand zum Schwur, mit dem heiligsten Gefühle der Menschenliebe und Bruderpflicht, mit dem unvergänglichen Gelöbniß, treue Wacht zu halten allüberall im weiten Erdenrunde, damit nicht untergehe der Geist der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! Soviel sür heute. Ein andermal wollen wir über die Beschützerin der Hochwohllöblichen, Staatsanwaltschaft, oder„Oeffentlicher Ankläger" genannt, sowie über den hochedlen preußisch-deutschen Richter- und Beamtenstand manch Interessantes berichten. Für heute sei nur bemerkt, daß der tradittonelle Nimbus, womit man seinerzeit den preu- ßischen Richterstand umgab, im Volke längst verloren gegangen ist. betteibt jetzt das Geschäft eines Gastwirths. Das Bemerkenswertheste an der Sache ist jedoch, daß diese Gastwirthschast mit einem Fremden- verkehr, sogenannter Herberge verbunden ist, welche vordem den Namen„Herberge zur Heimath" führte, den man wohl des etwaigen Anstoßes wegen einfach in„Herberge" abgekürzt hat, denn mit ist nicht bekannt, daß an Stelle der früheren eine andere„Herberge zur Heimath" entstanden ist. Es wäre übrigens nur logisch, wenn man un- seien Biedermann nun auch noch zum Kirchendiener in der unmittelbar angrenzenden Zionskirche machte, dann könnte man sehr gut reimen: Gesürchteter Sicherheitsbeamter, entlassener Zuchthäusler, Herbergsvater und endlich Kirchendiener— wie reimt sich das zusammen? Nicht weniger erwartungsvoll sind wir auf die demnächstige Stellung unseres bekannten Herrn Baron von Jüchen. Bei dieser Gelegenheit sei als drastisches Zeiche» bemerkt, daß, mit oder ohne Bedacht, ein hiesiger Gartenbesitzer das deutsche Bundesbanner als Sperlingsscheuche benützt. An die Parteigenonen. Mehrseitig ist schon seit langem der Wunsch ausgesprochen worden, daß die Ausgewiesenen eine allen Parteigenossen erkenntliche Legimatton besitzen möchten. Seitdem die Berliner Polizei Ausgewiesenen keinen schriftlichen Ausweis mehr einhändigt in der ausgesprochenen Absicht, „damit die Ausgewiesenen auf Grund eines solchen sich bei ihren Partei- genossen nicht mehr zu legittmiren vermöchten und keine Unterstützungen in Anspruch nehmen könnten", ist eine solche Legitimatton unumgänglich geworden. Die Genossen Bebel, Grillenberger, Hasenklever und Liebknecht haben sich verständigt und eine solche Legittmation an- fertigen lassen, welche aus einer Karte in gelb-blauer Farbe besteht, die nöthigen Personalien des Ausgewiesenen enthielt und eigenhändig von den vier genannten Personen unterzeichnet ist. Alle Ausgewiesenen, welche seit November 1883 aus- gewiesen wurden, müssen zu ihrer genügenden Legitimation bei den Genossen mit dieser Karte versehen sein, wenn sie anders auf Hülfe in ihrem Fortkommen rechnen wollen. Hiermit ist aber nicht gesagt, daß jeder Ausgewiesene,- der mit einer solchen Karte versehen ist, an jedem Ort auch finanziell unter- stützt werden soll. Dies würde zu Konfusion und großen Ungerechttg- leiten führen und sind die Ausgewiesenen, die finanzielle Hülfe brauchen, an die bekannten Unterstützungsstellen zu verweisen. Die ein- zelnen Orte sollten nur dann finanzielle Hülfe gewähren, wenn der Hülsesuchende dieselbe dringend st bedarf und keine Zeit vorhanden ist, eine der Unterstützungsstellen um Hülfe anzugehen. Brieftasten der Redaktion: Unogonitus: Schloffer war ein gewissenhafter Gelehrter, Corvin ist ein ziemlich unzuverlässiger Vielschreiber. Wenn er sich daher in seiner Weltgeschichte auch radikaler gibt als Ersterer, so ist noch kein Grund, ihn vorzuziehen. Der bürgerliche Vulgär-Radi- kalismus hat sich auf keinem Wissensgebiet unfähiger gezeigt, als gerade auf dem der Geschichte. Darüber gelegentlich ausführlicher im Text unseres Blattes. der Expedition: H. K. Mrsttt.: Fr. 2,— Ab. l. Qu. f. Bdr. erh.— Stbrg.: Mk. 28,— pr. Ab. Jan. erh.— V. G. Httg.: Fr. 4— Ab. 1. u. 2. Qu. erh/— I. 21. I. Sfl.: Mk. 8,70 Ab. 1. Qu. 84, I. u. K. 4. Qu. 83 erh.— v. W. M:: ö. fl. 1,— k Cto. Ab. 1. Qu.! erh.— R. K. B— pest: ö. fl. 3,— Zlb.-Zirchlag pr. 1. Qu. S. u. A.; erh. Weiteres folgt.— K. H. Pbrg: ö. fl. 6,— pr. 2. Ab. 4. Qu. 83 u. 1. Qu. 84 nebst Bldr. erh.— Sdg. folgt.— B. B. B.: v. P. i eingetr.— M. P. R.: Mk. 25.40 Ab. 1. Qu. erh.- Hlbr. a. N.:! Mk. 5,— 1. Qu. erh.— Y 3 Vrdn.: Fr. 60,40 k Cto u. Bf. erh. Bestllg. folgt.— P. G. Mtr.; Fr. 4,60 Ab. 1. Qu. u. Schft. erh.— Fr. W. H. Yverdon: Fr. 2.10 Ab. 1. Qu. erh.- Der Nordische: Mk. 5,— Ab. 1. Qu. u. Schft. erh., Mk. 5,— pr. Usds. dkd. gutgebr. Reklamirtes ist in Nr. 42 unter Kh. quittirt. Betr. Nr. hier vergriffen. Vielleicht kann in 2l— a ein Freund aushelfen.— Veilchenstein:! War für Nr. 3 zu spät.— Spglr. Ostraß: Fr. 12,75 Ab. 1. Qu. und � & Cto. Schft. erh.— Kilian: Mk. 39,60 ä Cto. Ab. erh. Zugesagtes| angenehm.— E. K. Z.: Fr. 4,— pr. Usds. durch N. dkd. erh.— C. W. Ann.: ö. fl. 2,75 2lb. 1. Qu. erh.— I. H. Crhe: Fr. 5,35 Ab. I 1. Qu. erh.— Der Alte v. Berge: Fr. 2,— Ab. 1. Qu. K.; Fr. 3,75 u. Fr. 5,40 Ab. 1. Qu. Sch. u. T.; 25 Cts. Porto Schw. u. Fr. 9,— Jahresab. 84 N. Z. erh.— Th. V. Castlefd: Mk. 8,— Ab. 1. Qu. erh. Ersatz 2 am 15/1. abgg. Was fehlt noch?— W. Adsn. Bern: Fr. 2,— � Ab. bis Ende Febr. 84 erh. 2. Aufl. Kapital v. Marx steht binnen 8 Tagen j zu Diensten gegen Baarsendung laut Katalog. Katalog folgt.— R. D.| Mbg.: M. 5,— Ab. bis Ende Mai erh.— H. B. Wge: Fr. 15,—| ä Cto. gutgebr.— Johannes B.: M. 3,— Ab. 1. Qu. Ser. Mschk. erh. — R. K. Ffld.: Fr.— ,65 f. Schft. erh. 20 Cts. p. Usds. u. 650 div. alte Bfm. pr. Usds. dkd. verw.— K. Werner; Mk. 5,— ä Cto. Ab. jc. gutgebr. Weiteres geordnet.— Ch. Pommer u. Gen. Limeira Brasil.: Mk. 11,36 Ab. ab 1. Mai 83— Ende Sept. 84 erh. Mk. 3,64 pr. Ufd. dkd. gutgebr. Derart disponirte Mk. 15,— reichen diesmal im 2lbonnement weiter, da Porto billiger ward. Herzl. Glückauf Allen!— R. K. N. a. S.: Mk. 6,— Ad. 1. Qu. 2. Ser. erh. Geht stets Alles prompt. — F. H. Pdm.: Mk. 19,80 Ab. I. Qu. erh.— F�Sch. Paris: Fr. 2,50 IIb. 1. Qu. erh. Münztabelle dort bei jedem Buchhändler zu haben, hier nicht.— O. B. Lyon: Fr. 5,— Ab. 1. u. 2. Qu. erh.— A. H. Bukarest: Fr. 10,— Ab. bis Ende 84 erh.— A. F. K. O.-Schl. ö. fl. 2,— u. Mk. I,— Ab. 1. Qu. u. Schft. erh. Adr. war Ihrerseits ver- hauen.— Dtsch. Ver. Zürich: Fr. 2,— Ab. 1. Qu. erh.— Wtt. Zch.: Fr. 2,— Ab. 1. Qu. erh.— M. u. Z. Z.: Fr. 6,— 2lb. 1. Qu.' erh.! — E. B. Kphgn.: Fr. 14,— für div. Schft. erh. Gen. Mllr. wird Ihnen � gewiß Sonstiges erörtern. Sdg. abgg.— Agst.: Mk 15,— f. Schft. i«rischilK«n°iffnschast»buchdruckern Hottingcn-Zürich.