Erscheint Wöchentlich einmal in Zürich(Schweiz). Mertag der kolttbuchhandlung Hottinge«-Zürich. Loiseudllllgeil franko gegen franko Gewöhnliche Briefe nach der Schweiz kosten Doppelporio. Der SoMeMrat 6 Zentra5chrgan der deutschen Sozialdemokratie. Abonnements werden bei»llen schw-üerlsche» Poftbureaux, sowie beim Verlag und dessen bckannien Azenten entgegengenommen, und zwar zum voraus, ahl bare« VierieljahrZpreiz von � 5r 2— für dieSchweiziKreuzband) im 3— für Deutschland sCouv'rt) fi. 1.70 für Oesterreich(Couvert) Fr. 2 50 für alle übrigen Länder de> Weltpostvereins iilreuzband) ?»serate die dceigeipaltene Petitzeile 25 CtS.--- 20 Psg. JtS 23 Aonnerftag, i9. Juni 1881. Avis a« 61« KS all» Parteigenossen! Vergeßt der Verfolgten und Gemaßregelten nicht! Fata morgana. Man kann heute kaum eine deutsche Zeitung in die Hand nehmen, ohne auf Artikel zu stoßen, in denen für irgend welche Kolonialprojekte Reklame gemacht, die Gründung und Förderung don Kolonien als eine der hehrsten Aufgaben Deutschlands hingestellt und empfohlen wird. Jede« Schlagwort, da» nur irgend geeignet ist, der großen Masse zu imponiren, muß dafür herhalten, die Stimmung für die zu eröffnende Aera einer deutschen Kolonialpolitik zu erhöhen. DaS wirthfchaftliche, das Politische, das nationale Interesse Deutschlands erheischen es an geblich, daß überall auf der Erde, wo noch ein Fleckchen koloni fationssähigen Bodens vorhanden ist, die deutsche Flagge auf Sehißt werde, deutscher Unternehmungsgeist Gelegenheit erhalte, Üch zu bethätigen. Man weist auf Frankreich, auf England hin; und zu keiner Zeit ward im tugendhaften Deutschland mit tugendhafterer Eni- rüstung über die englische Ländergicr hergezogen, als just in dem Moment, wo die Ländergier in Deutschland einen geradezu fieber haften Charakter angenommen hat. Wie allgemein diese KolonisationLsucht ist, ersteht man auS der Thatsache, daß sich in den Kolonialvereinen und-Gesellschaften Männer aller Parteischattirungen— die Sozialisten natürlich ausgenommen!— zusammenfinden. Da tagt eine fortschrittliche Größe friedlich neben einem hochkonservativen Aristokraten, ein Leopold Sonnemann neben einem Fürsten von Hohenlohe. Auf welches empfängliche deutsche Gemüth sollte da» keinen sEin druck machen? Es ist unter solchen Umständen wohl nicht ungerechtfertigt, denn sich auch der„Sozialdemokrat" mit dieser allgemein erör irrten Frage beschäftigt— jzum wenigsten soviel daL in seinem Gahmen möglich ist. Denn eS handelt sich da, wie wir sehen derden, allerdings um eine Sache von verhängnißvoller Trag- deite. Alle Kolonisationsbestrebungen gehen von Voraussetzungen auS, die sich in die Worte zusammenfassen lassen: Uebervölke« iung und Ueberproduktion— zwei Dinge, welche fich iagischerweise ausschließen sollten. Denn wenn ein Land mehr produzirt, als eS zu verbrauchen im Stande ist, so kann von einer Uebervölkerung keine Rede sein; und wenn ein Land über dölkert ist, d. h. seine Bevölkerung nicht mehr ernähren kann dann kann von Rechtswegen von keiner Ueberproduktion die Rede sein. Nun hat eS aber überhaupt noch nirgends eine absolute Überproduktion gegeben, sondern lediglich relative— und zwar Elativ nicht in Bezug auf die ProduktionS- und Konsumtions- liihigkeit überhaupt, sondern nur insoweit dieselben durch die be- stehende Produktionsweise und den ihr entsprechenden Vertheilungs- Uwdus eingeschränkt würden. Wer die Kolonisationsbestrebungen unterstützt, setzt somit— diwußt oder unbewußt— die heutige, bürgerliche, auf AuS- diutung deS Menschen durch den Menschen beruhende Produk- st«nsweise als erhaltenSwerth voran», will ihren Bestand dadurch .verlängern, daß er Abfluß für den Ueberfchuß des kapitalisti- lchen Deutschlands an Menschen und Produkten sucht. Wenn süss die Kapitalistenklasse für Kolonien schwärmt, so ist daS ganz � der Ordnung oder mindestens begreiflich, was aber die Ar- Güterklasse für ein wirkliches Interesse an denselben haben soll, 'st unS bis heute noch ein Räthfel. Ja, wird man unS entgegnen, auch die Arbeiter haben ein Interesse daran, daß durch Kolonien der Absatz und damit die Produktion gesteigert wird. Freilich, freilich, wenigsten» soweit e« fich für ihr Leben und sterben handelt. Aber damit muß man uns nicht in einem Moment kommen, wo in dem Lande, das die meisten und größten Kolonien hat, in England, trotz dieser Kolonien die Ueber- Produktion chronisch geworden ist; wo die Produktion fich B. eri). In einem Grade entwickelt hat, daß die Vermehrung des Ab- Bruno: llltzes, die durch die in Ausflcht genommenen oder überhaupt !. Bern:,viöglichen Kolonien bewirkt werden kann, bereits vor ihrer Reali- wck �ii!�ung vorweggenommen wird. Man überlege sich nur, was e« ts!— eine absatzfähige Kolonie errichten! lfd. von Die intelligenteren Elemente der Kapitalistenwelt find fich dessen "Mrer- �»ch klar, sie haben aber ein drittes Moment im Auge: die :en 20 �erwerthung de» überschüssigen Kapital». __ Ja, wir haben auch Ueberproduktion an„Kapital". DaS erscheint {stcht so plausibel, wie die Ueberproduktion an Maaren und Menschen, ist aber doch wahr. Man höre nur die armen Kapita- 'stin, wie sie klagen, daß sie gar nicht mehr wissen, worin sie ihr Geld anlegen sollen. Ueberall reduzirt man den Diskont— von rechtschaffenen Zinsen ist nirgends mehr die Rede. Der einsige Lichtblick in dieser kostlosen Situation sind die— I lonien. Da find noch Profite zu erzielen, daß Einem das Herz im Leibe lacht, da lohnt eS sich noch, sein Geld in spekulativen Unternehmungen anzulegen, besonders wenn der Staat als Pro tektor und Bürge dahintersteht! Für das nothleidende Kapital sind neue Kc lonien allerdings etwas sehr WünschenSwerthe«. Und ist eS kein Vortheil für die Arbeiter, hören wir weiter fragen, wenn selbst auf diese Weise Geld auS den Kolonien in« Land gebracht wird? Mögen die Kapitalisten in den Kolonien wirthschaften, wie sie wollen, wenn sie nur daS Erworbene später daheim verzehren und Geld unter die Leute bringen. Auch daS ist eine Illusion. Einmal fehlt es gar nicht, wie wir eben andeuteten, an Geld im Lande, vielmehr gerade weil das Land, d. h. die Kapitalisten- klaffe, so reich ist, ist daS Volk so arm; denn eben solche Geld-unter-die-Leute-Bringer wirken im höchsten Grade schädlich auf den Wohlstand deS Volkes ein. Auch von diesem Gesichtspunkte aus haben die Arbeiter kein Interesse an Kolonien. Kommt schließlich da»„nationale" Interesse. Sollen denn wir Deutsche, heißt es, immerund ewig Andern da? Feld überlassen? Erheischt eS nicht schon daL Ansehen der Deutschen im Auslände, daß Deutschland Kolonien besitzt oder Kolonien unter seinen Schutz nimmt? Und hat nicht der deutsche Arbeiter in dieser Beziehung das gleiche Interesse wie der deutsche Bourgeois? Wer so fragt, stellt die Frage falsch. Er sagt Kolonie und meint Marine. Die Kolonie trägt nichts dazu bei, daS An- sehen der Deutschen im Ausland zu heben, wenn nicht hinter ihr eine Marine steht. Aber die Marine braucht keine Kolonien. Sie ist längst das Schoßkind der deutschen Bourgeois- welt. Für die Marine wird Alles bewilligt— ja noch mehr, apportirt. So wurde z. B. für die letzthin neben den Summen deS ordentlichen Etat geforderten 20 Millionen für die Marine schon Wochen vorher Reklame gemacht— in der volksparteilichen„Frankfurter Zeitung"! Zudem steht da« Ansehen, welche» die Marine in fremden Erdtheilen verschafft, auf derselben Höhe wie da« Ansehen, welches das herrliche Kriegsheer in Europa verschafft. Und wer dieses für entbehrlich hält, der wird auch die Marine in ihrer heutigen Form für nicht unentbehrlich ansehen. Die Frage deS „Ansehens" steht und fällt mit der Herrschaft der Bourgeoisie, ist eine eminent bürgerliche Frage; der Arbeiter spürt von ihr sehr wenig; er wird mit oder ohne Marine, mit oder ohne Kolonie geschunden. Ob deutsche oder englische Kapitalisten die Kolonien aussaugen, kann der Arbeiterschaft gleich sein, sie hat nur ein Interesse: Beiden das Handwerk so bald alS möglich zu legen.* Vergißt sie da», läßt sie ihre Blicke durch irgend welche Ver- sprechungen, Vorspiegelungen von diesem Ziel ablenken, dann trägt sie selbst dazu bei, die Stunde ihrer Befreiung zu ver» zögern. Wer A sagt, muß auch B sagm. Wer heute Kolonien sagt, sagt auch Kolonialkriege, sagt Panzerschiffe, sagt Kolonial- armee und stehendes Heer, sagt mit einem Wort Militarismus I Die bürgerliche Welt hofft durch Kolonialunternehmungen ihr wankendes Reich noch auf einige Zeit halten zu können; für die arbeitende Welt bedeutet da» soviel wie Verlängerung ihrer Knechtschaft. Alle die schönen Dinge, die man ihr vorhält als wohlchätige Folgen der Kolonisation find nichts als Luftspiege- lungen— Fata morgana! Die Theorie des Klassenkampfes. Vortrag von Paul Lafargue. II. In den Ameisenkolonie herrscht der absoluteste Kommunismus. Die Arbeit ist ohne Zwang und wird mit unermüdlichem Eifer verrichtet. Solomon stellte die Ameisen seinen jüdischen Unterthanen als Muster hin:„Faullenzer, geh' hin zu der Ameise, betrachte ihre Wege und werde verständig. Sie hat keinen Vorgesetzten, keinen Anführer, keinen Statt- Halter, und doch sorgt sie im Sommer für ihr Brod und sammelt wiih- rend der Ernte Nahrungsmittel."") In der Ameisenkolonie geHort Alles Allen. Das kommunistische Gefühl der Ameisen geht soweit, daß sogar die bereits genossenen Nahrungs- mittel noch eine Zeit lang der Gemeinschaft zur Verfügung stehen. Ihr Berdauungskanal ist in zwei Theile getheilt; der eine, und zwar der vordere, ist eine Art Speisekammer für die Kolonie; die Speiseröhre ist tark ausgedehnt und bildet eine Art Kropf, der eine große Menge von lüsstgen Nahrungsmitteln in sich zu halten vermag. Wenn es nöthig st, werden die darin befindlichen Flüssigkeiten regurgitirt(wieder aus- gebrochen), zum Zwecke der Ernährung ausgehungerter Kameraden: der Larven, der Männchen und der Weibchen, welche nicht ,m Stande sind, Ich ihre Nahrung zu verschaffen. Bei gewissen australischen Arten ist diese Eigenthumlichkett benutzt worden, eine gewisse Anzahl Ameisen in wirkliche Konsekttöpfe zu ver- wandeln; man stopft sie mit Säften voll, welche aufzubewahren und zur gewünschten Zeit zurückzugeben ihre Aufgabe ist. Sprüche, Kap. VI, V. 6, 7 und 8. Nicht nur in den einzelnen Ameisenhaufen herrscht Ordnung und Harmonie, dieselben unterhalten sogar manchmal friedliche Beziehungen zu benach- barte» Haufen, obzwar sie sich im Allgemeinen im heftigsten Kriege mit einander befinden. F o r r e l hat in einer Ebene in der Umgebung von Genf, der Petite-Salöve, eine Ameisen-Nation beobachtet, die aus mehr als hundert Kolonien bestand, welche im tiefsten Frieden mit einander lebten; in einer nordamerikanischen Ebene, im Bezirk des Alleghany- Zuges, hat Mc' Cook 1600—1700 kegelförmige Ameisenbauten von zwei bis fünf Fuß Höhe gefunden, deren Bewohner sämmtlich mit einander verbündet waren; sie griffen sich niemals an, vereinigten sich zur Ver- drängung der äußeren Feinde(Spinnen, Schlangen u. f. w.) nnd halfen sich gegenseitig bei dem Bau und der Ausbesserung ihrer Nester. Es war eine Art Ameisen-Föderation. Die erwähnten Thatsachen— ich könnte deren noch sehr viele an- führen— zeugen von einer so hohen geistigen Entwickelung, daß Dar- win mit Recht ausrufen konnte:„Das Gehirn einer Ameise ist eines der wunderbarsten Theilchen der organischen Materie, und vielleicht noch wunderbarer als das Gehirn des Menschen." Diese unvergleichliche geistige Entwickelung kann man nicht der Lebens- Konkurrenz der Herren Darwinianer zuschreiben, wohl aber der beschützen- den und erziehenden Wirkung der künstlichen, durch die Ameise selbst geschaf- fenen Verhältnisse; Verhältnisse, welche im Innern des Haufens jeden Kampf, jede individuelle Konkurrenz unterdrücken, um einzig und allein den Kollektiv-Kampf der gesammten Kolonie gegen die umgebende Natur fortbestehen zu lassen. Wie die neuesten historischen Forschungen beweisen, war der Kommu- nismus die erste ökonomische Form, in welcher menschliche Gesellschaften auftraten. In Asien, Australien, Afrika, ja selbst in Europa findet man noch heute Völker, welche kein individuelles Eigenthum an Grund und Boden kennen, ausgenommen demjenigen des Hauses(der Hütte) und des dazu gehörigen Gartens. Das ganze Land befindet sich im Kollektiv- Besitz des betr. Stammes; der pflügbare Boden wird gemäß dem lokalen Herkommen entweder jährlich oder alle drei oder sieben Jahre unter den Familien vertheilt; Wälder und Weideland bleiben ungetheiltes (Gesammt-) Eigenthum. Diese Kollektivform des Eigenthums gestattet eine Organisation von Gesellschaft und Familie, wie wir sie bei keiner der auf anderen Eigenthumsformen basirten Gesellschaften antreffen. Man findet bei allen Völkern mit Kollektiveigenthum, trotz der Unter- schiede der Rasse und des Klimas, die nämlichen Laster, Leidenschaften und Tugenden, nahezu gleiche Gewohnheiten und Denkweise; die künst- lichen Bedingungen rufen bei den durch die natürlichen Verhältnisse ver- schiedenartig gestalteten Rassen die nämlichen Erscheinungen hervor. So ist der Diebstahl, die hervorragendste Tugend des zivilisirten, unter der Herrschaft des individuellen Eigenthums stehenden Bourgeois, in den ursprünglichen Gemeinwesen völlig unbekannt; alle Mitglieder derselben arbeiten; nicht ein einziges lebt davon, daß es ein anderes arbeiten läßt und ihm einen Theil seiner Arbeitsprodukte entzieht; sie leisten ohne Zwang einander Dienste und denken nicht daran, eine Belohnung zu beanspruchen. Wenn in Rußland oder in Indien eine Familie ihre Ernte nicht rechtzeitig einbringen kann, so helfen ihr die anderen Familien, und erwarten anstatt irgend welchen Lohnes höchstens ein Gelage, wo man in vollen Zügen trinkt. In diesen ursprünglichen Gemeinschaften gibt es keine Gesetze; das, was wir Gerechtigkeit, Recht und Pflicht nennen, kennt man nicht; es gibt nur Gewohnheiten, Ueberlieferungen. Die ein- zige Strafe für Denjenigen, der das Herkommen verletzt, ist die allge- meine Mißbilligung; hin und wider ist in gewissen indischen Gemein- schasten der Schuldige zur Bezahlung einer bestimmten Menge WeineS verpflichtet, die dann bei den öffentlichen Lustarkeiten vertrunken wird.") Ohne Zuhilfenahme irgend welcher Unterdrückungs-Einrichtungen der sogenannten zivilsirten Nationen(Polizei, Gerichte, Strafanstalten n.) herrscht beständige Ordnung und vollkommene Harmonie in den ursprüng- lichen Gemeinwesen, obschon sie, gleich den Ameisenhaufen, gewöhnlich Krieg gegen einander führen. Alles Fremde gilt ihnen als feindlich; dieses Gefühl findet seinen klassischen Ausdruck in dem lateinischen Worte dostis, welches sowohl Feind als fremd bedeutet. Die französischen Wörter düto(Gast, Fremder) und doetilite(Feindseligkeit) sind von dostis abgeleitet. Und gerade dadurch, daß die ursprünglichen menschlichen Gesell- schasten sich unter künstlichen Bedingungen in der Weise entwickelten, daß jeder individuelle Widerstteit, jeder individuelle Kampf um's Dasein — um mit D a r w i n zu sprechen— unterdrückt wurde, ist es dem Menschen gelungen, sich in seiner Entwickelung über das Thier zu er- heben. Die Kämpfe innerhalb der menschlichen Gesellschaften kommen erst da zum Vorschein, wo die Kollektivform des Cigenthums verschwindet und die Gesellschaft sich in Klassen mit entgegensetzten Interessen scheidet; indeß nimmt der Kampf um's Dasein innerhalb der menschlichen Gesell- schasten niemals die Form an, welche er bei den Thieren und Pflanzen aufweist, und vor Allem führt er nicht zu denselben Resultaten. In den Ameisenkolonien theilen sich die Ameisen, um die für den Bestand der Gemeinschaft unbedingt erforderlichen Leistungen zu ver- richten, in Kategorien, Klassen: in die Klasse der zeugenden(Weibchen und Männchen) und in die Klasse der Geschlechtslosen, welche wieder zerfallen in die Klasse der Krieger und die der Arbeiter; der letzgenannten liegen alle Arbeiten ob, die übrigen Klassen haben nur für die Fort- Pflanzung und Vertheidigung der Gemeinschaft Sorge zu tragen; diese verschiedenen Ameisenkategorien spielen eine wesentlich nützliche Rolle.— Die Eintheilung der Mitglieder ein und derselben Gemeinschaft in Kate- zorien und Klaffen vollzieht sich auch in den menschlichen Gesellschaften; diejenigen Klassen, die von der Sorge um ihre Ernährung und ihren Unterhalt befreit sind, haben ursprünglich immer eine nützliche, für den Bestand der Gemeinschaft, die ihnen ihre Existenzmittel schaffte, unent- behrliche Funktion erfüllt. Während der Priesterherrschaft bei den Juden, Jndiern, Egyptern, Galliern u. s. w. waren— so lange die ")„In Indien", schreibt der berühmte englische Jurist H. S. Mayne, „ordnet der Aeltestenrath der Dorfgemeinden nie etwas an, er thut ein- fach das kund, was immer gegolten hat.... Recht und Pflicht im juristischen Sinn des Wortes gibt es nicht: wenn in einer indischen Gemeinschaft Jemand verletzt wird, so beschwert er sich nicht über eine individuelle Ungerechtigkeit, sondern über die in die ganze Ordnung der kleinen Gesellschaft hineingetragene Störung; und was noch merkwür- diger ist, das herkömmliche Gesetz steht in Kraft, ohne irgendwie sank- ttonirt zu sein. In dem beinahe undenkbaren Falle von Ungehorsam gegen die Entscheidungen des Rathes würde vermuthlich die einzige sichere Strafe in der allgemeinen Mißbilligung bestehen."— Mayne, Die Dorfgemeinschaften des Ostens und Westens, 1871. Buchstabenschrift noch nicht erfunden war— die Priester die Verwahrer der Ueberlieferung und der erworbenen Kenntnisse; sie waren mit der Verwaltung der Gemeindegüter und der Generalleitung der Arbeit be- traut. Ebenso hat die Feudalherrschaft in Europa und Asien ursprünglich ihren Nutzen gehabt. Der Bauer stellte sich unter die Schutzherrschaft eines Feudalherrn und verpflichtete sich, ihm einen Tribut in Natural- abgaben(Zehnten) und Arbeit(Frohne, Dienst) zu zahlen, unter der Be- dingung, dafür gegen die zahlreichen Feinde geschützt und vertheidigt zu werden, denen er ausgesetzt war. Der Lehnsherr mußte ein Kastell be- besitzen, wo der Bauer im Falle eines Angriffs sein Vieh und seine Ernte in Sicherheit bringen konnte, er war serner verpflichtet, eine ge- wiffe Anzahl Bewaffneter zu unterhalten, um die Angriffe zurückschlagen zu können.„Aus dem Gesetz der Arbeitstheilung", sagt Engels,„be- ruht die Theilung der Gesellschaft in Klaffen."*) Allein die von der Arbeit befreiten Klassen haben ihre soziale Ueberlegen- heit noch stets gemißbraucht, und der Mißbrauch, den sie mit ihren Privile- gien trieben, wurde um so schädlicher und unerträglicher, als die nütz- lichen Funktionen, die sie erfüllt hatten, in Folge der Veränderung der sozialen Verhältnisse, aus denen sie herausgewachsen waren, immer mehr an Bedeutung verloren. Alle haben sie zur Gewalt und zum Raube, zur List und zum Betrüge ihre Zuflucht genommen, um ihre Herrschaft auf Kosten der arbeitenden Klasse zu erweitern und zu be- festigen, und die Leitung der Gesellschaft in Ausbeutung der Massen zu verwandeln. So nützlich und wohlthätig die von der Arbeit befreiten Klassen ursprünglich auch waren, so sind sie schließlich doch immer schädliche Unterdrücker geworden. Um sich als Unterdrücker zu behaupten, bedienen sich die emanzipirten Klassen, sobald sie zu herrschenden geworden sind, sowohl der geistigen wie der wohlorganisirten brutalen Gewalt. In meinen früheren Vor- trägen habe ich gezeigt, wie die Bourgeoisie, so lange sie gegen den Adel kämpfte, für Voltaire schwärmte, sich aber, sobald sie herrschende Klasse geworden, verpfaffte, wie sie die liberale Religion mit ihren Göttern„Fortschritt, Freiheit, Arbeit, Natur- Gesetze der politischen Oekonomie u. s. w." erfand, und wie sie schließlich den Versuch machte, die gesellschaftliche Unterordnung der arbeitenden Klaffe im Namen der Naturwissenschaft zu dekretiren. Die Aristokratie hat den gleichen Entwicklungsgang durchgemacht: es gab eine Zeit, wo zwischen Papst und Kaiser, Baron und Bischof, Schloß und Kirche offener Krieg geführt wurde; und doch verbanden sich schließ- lich die feindlichen Brüder miteinander zum Zwecke der intellektuellen und physischen Unterdrückung der Arbeiter in Stadt und Land. Die brutale Unterdrückungsgewalt(Armee, Polizei, Gerichte, Staats- anstalten u. s. w.), deren sich die herrschenden Klassen bedienen, wächst in dem Maße, als sie selbst unnützer werden, und als die unterdrückte Klasse größer wird und für ihre entgegengesetzten Interessen eintritt. Die unteren Klassen können ihre Emanzipation nur dadurch herbeiführen, daß sie sowohl die intellektuelle als die physische Uebermacht der Herr- schenden Klasse vernichten, dem Kampf mit bewaffneter Hand einen vor- bereitenden, theoretischen Feldzug vorangehen lassen. Wenn es gilt, den Forderungen oder Gewaltstreichen der unterdrückten Klasse Widerstand zu leisten, so bildet die herrschende Klasse eine ge- schlossene Phalanx, obschon in ihrem Schooß die größte Uneinigkeit herrscht; 1848 und 1871 haben wir gesehen, wie sämmtliche politische Fraktionen der Bourgeoisie ihre Händel einstellten und sich zur Unter- drückung der Volkserhebung verbanden. Die politischen Fraktionskämpfe der herrschenden Klasse sind indeh nur äußerlich und geben nur ein mangelhaftes Bild von den inneren Kämpfen, die sich fortgesetzt inner- halb derselben abspielen. In der That, um mit Marx zu reden:„wenn alle Mitglieder der herrschenden Klaffe insoweit die nämlichen Interessen !aben, als sie eine Klasse bilden gegenüber einer anderen Klasse, so haben ie entgegengesetzte, feindliche Interessen, sobald sie sich selbst einander gegenüberstehen. Für die Bourgeoisie ist dieser Gegensatz die Folge ihrer bürgerlich-ökonomischen Lebensbedingungen.**) Wer ist Kapitalist? In Nr. 23 unseres Blattes veröffentlichten wir unter dem Titel: „Eine bemerkenswerthe Epistel" einen Brief eines„Bour- geois an seinen Sohn" und knüpften daran eine kurze Erörterung. Als Erwiderung auf dieselbe geht uns heute eine Zuschrift mit dem Ersuchen um Abdruck zu, der wir gern nachkommen. Der Einsender schreibt: „Marx spricht von„Aneignung" fremder Arbeit und nicht von„ge- stohlener" Arbeit— gut! War die Aneignung eine ungerechte, unmoralische— und diesen Sinn unterlegt der Verfasser des„Kapital"—, so ist zwischen dem„juristischen" Begriff„gestohlen" und dem sozialpolitischen„Aneignung" von„Frem- dem" kaum ein Unterschied. Sagt doch Jean JacqueS Rousseau irgendwo: daß die Gesetze von den Reichen gemacht seien als Schutz gegen die gerechten Repressalien der Armen! Ich irre also nicht gewaltig, wenn ich Marx das Wort:„gestohlene Arbeit" unterstellt habe. Dagegen finde ich die eigenthümliche und willkürliche Erklärung des Begriffs„Kapitalist" von Seiten der Redaktion des„Sozialdemokrat" durch nichts gerechsertigt, wenn er sagt: „Sein Holzfäller ist deshalb kein Kapitalist, weil ihm ein noth- wendiges Möbel dazu fehlt: der Lohnarbeiter. Der Mann mag noch soviel„Kapital" aufhäufen— er ist doch kein Kapitalist, denn sein Geld„arbeitet" nicht." Diese Auffassung von„Kapitalist" ist höchst einseitig, weil die„Lohn- arbeit" nicht den Kapitalisten zum Kapitalisten macht. Der Kapitalbesitz des Einzelnen ist eine soziale Ungerechtigkeit und daher zu bekämpfen, mit oder ohne Lohnarbeit! Bei der Anarchie, die in unseren Gesellschaftszuständen herrscht, kann ein Besitzer von Werthgütern leben, schwelgen, faullenzen, Lebensmittel vernichten— ohne zur Mitwirkung neuer Sachgüter beizutragen. Darin besteht die Ungerechtigkeit. Es ist kurz gesagt: der Lebensgenuß ohne entsprechende gesellschaftliche Gegenleistung. Es läßt sich ein Kapitalbesitzer denken, der sein Kapital nicht arbeiten läßt; so kenne ich einen hiesigen jungen Mann, der sein ererbtes Ver- mögen zu baar Geld machte, es in seine Kommode verschloß, davon zehrte und lange davon zehrte, weil es ein sehr bedeutendes Vermögen war. War das nicht ein Kapitalist? Er besaß Kapital, und doch fehlt der Lohnarbeiter! Es ist unrichtig zu sagen: Erst das„Arbeitenlaffen" der Kapitals stempele den Besitzer zum Kapitalisten. Das Lebenkönnen aus aufgehäuften Sachgütern, ohne gesell- s ch a s t l i ch e G e g e n l e i st u n g, ist die wahre Erklärung des Begriffs „Kapitalist." Daher war mein Holzfäller, als er sich aus seiner jahrelangen Arbeit einen Haufen Dollars ausgespeichert hatte, aus denen er später ohne Arbeit essen konnte, ein Kapitalist im vollen Sinne des Wortes, und doch hatte er sich keine fremde Arbeit angeeignet."— So der Einsender. Wir glauben, die beiden Streitfragen sind interessant genug, hier noch einmal erörtert zu werden. Aus den ersten Blick könnte es höchst gleichgiltig erscheinen, ob man beim Kapital von„gestohlener" oder angeeigneter fremder Arbeit spricht, denn im Grunde läuft ja die Sache aus das Gleiche hinaus: der Ar- beiter wird vom Kapitalisten ausgebeutet. Thatsächlich aber ist es von ganz besonderer Bedeutung für die Beurtheilung der gesellschaftlichen Einrichtung, daß wir uns dieses Unterschiedes recht klar werden. Stehlen heißt Aneignen im Widerspruch mit den geltenden Rechtsanschauungen. Davon kann aber bei der Aneignung des M e h r w e r t h e s der Arbeit gar keine Rede sein— sie geschieht in vollkommener Uebereinstim- m u n g mit den Gesetzen und Rechtsbegriffen der modernen bürgerlichen, waarenproduzirenden Gesellschaft. Nicht nur der Kapitalist, sondern auch der Arbeiter, soweit letzterer nicht durch den modernen Sozialismus über das Wesen des modernen Produktionsprozesses aufgeklärt ist— hält die Sache für ganz in der Ordnung. Er verlangt möglichst günstige *) F. Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. **) Karl Marx, Miaöro de �Philosophie, rdponse ü la Philosophie de la Misere de M. Proudhon, 1847. Arbeitsbedingungen— a fair pay kor a fair work(für rechtschaffene Arbeit rechtschaffene Bezahlung), wie der englische Gewerkschafter sagt— versteht aber keineswegs darunter, daß der Kapitalist überhaupt auf den Mehrwerth verzichten soll. Er will den„Werth" seiner Arbeit erhalten, und das Großartigste des Marx'schen Kapitals ist eben der Nachweis, daß der Arbeiter den Werth seiner Arbeit*) erhalten kann und doch der Geprellte ist, daß es eben derWaarencharakter der Arbeit ist, der Fehler liegt. Die Arbeitskraft ist eine Waare, deren Preis durch Angebot und Nachfrage regulirt wird und deren Werth wie der jeder anderen Waare durch die zu ihrer Herstellung nothwendigen Kosten, in diesem Falle also durch die nothwendigen Unterhaltsmittel, bestimmt wird.„Preis der Arbeit" und„Werth der Arbeit" können gleich sein, ja der Preis kann sogar den Werth der Arbeit noch um ein Beträchtliches übersteigen, und doch der Arbeiter ausgebeutet werden, denn die menschlicheArbeit ist die einzige Waare, die in ihrem Verwerthungsprozeß Mehrwerth erzeugt. Das erscheint auf den ersten Blick ganz selbstverständlich, und doch haben sich die Ge- lehrten, Sozialisten und Nichtfozialisten, den Kopf zerbrochen, bis Marx die Lösung fand und in glänzender Weise wissenschaftlich begründete. Vor ihm hatten die Sozialisten nach dem Mittel gesucht, der Arbeit ihren„vollen Werth" zukommen zu lassen, jetzt aber war der Beweis geliefert, daß der Liebe Mühe zwecklos, daß nicht im Werthverhältniß, sondern im Produktionsverhältniß der Kern des Uebels liege, und daß die Produktionsweise umgestaltet werden müsse, soll die Aus- beutung des Arbeiters ein Ende nehmen. Vor Marx operirten die Sozialisten mit dem Begriff des Diebstahls, suchten sie die Lücken ihrer Beweisführung durch moralische oder juristische Erörterungen auszufüllen. Marx aber konnte auf dieses billige Auskunsts- mittel verzichten, und darum spricht er nirgends von Diebstahl oder „gestohlener" Arbeit, nennt auch die Aneignung der„fremden Arbeit" weder ungerecht noch unmoralisch, weil diese Begriffe selbst höchst wandet- bare sind, sondern er weist die Art der Aneignung, die W i r k u n g derselben auf die Enteigneten und die Gesellschaft selbst nach; und da stellt sich denn heraus, daß diese Wirkung einer ursprünglich durchaus moralisch erscheinenden, von aller Welt als recht und billig betrachteten Sache dieselbe ist, ja noch schlimmer, als würde das geschehen, was die heutige Gesellschaft Diebstahl, Unrecht, unmoralisch nennt. Und nun zur Frage des Kapitalisten. Hier zeigt sich der Einsender vollständig in der Denkweise der bürger- lichen Vulgärökonomie befangen, gegen deren Konsequenzen sein Gefühl in so anerkennenswerther Weise sich empört. Ihm ist der Holzfäller, der „sich aus seiner jahrlangen Arbeit einen Hausen Dollars aufgespeichert", sich aber„keine fremde Arbeit angeeignet" hat, ein„Kapitalist im vollen Sinne des Wortes",— wem ist dieses Beispiel nicht von den Lobrednern der heutigen Gesellschaft in ähnlicher Weise vorgehalten worden? Auf diese Art erklären sie uns ja in ihren Fibeln, volkswirthschastliche Kom- pendien genannt, die Entstehung des Kapitals. „Solche fade Kindereien", sagt Marx im„Kapital"(„Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation" S. 742 u. ff.)„kaut Herr Thiers z. B. noch mit ftaatsfeierlichem Ernste zur Vertheidigung der propridtc(des Eigenthums) den einst so geistreichen Franzosen vor. Aber sobald die Eigenthumsfrage in s Spiel kommt, wird es heilige Pflicht, den Stand- punkt der Kinderfibel als den allen Altersklassen und Entwicklungsstufen allein gerechten festzuhalten." Nein, der Holzfäller mag noch soviel Holz fällen und anhäufen, er wird doch sein Lebtag kein Kapitalist werden, wenn er nicht gesellschaft- liche Einrichtungen vorfindet, die ihn in den Stand setzen, dieses Holz gegen die Produkte der Arbeit Anderer, bezw. den gesellschaftlichen Repräsentanten aller Produkte: Geld, umzutauschen, und vermittelst dieses Geldes von dem Ertrage der Arbeit Anderer zu leben. Das Beispiel, das auf den ersten Blick so ungeheuer einfach erscheint, ist ein sehr kom- plizirtes, seine Analyse würde uns aber hier zu weit führen; es genügt, denken wir, sie anzudeuten. Auch das Beispiel des jungen Menschen, der sein ererbtes Vermögen zu Geld machte und lange davon zehrte, ist in keiner Weise geeignet, die Behauptung, daß zum modernen Kapitalisten der Lohnarbeiter gehört, umzustoßen. Wir wollen die Frage ganz unerörtert lassen, woher dieses ererbte Vermögen stammt, sondern annehmen, es sei ohne Lohn- arbeit vom Himmel herabgefallen. In dem Augenblick nun, wo der junge Mann es zu baarem Geld machte und in seine Kommode verschloß, raubte er ihm eben die Kapitaleigenschaft, machte er es der Fähigkeit„baar", Mittel der Ausbeutung zu sein, verfuhr er mit ihm wie der Schatzbild- ner, dem wir, um wiederum mit Marx zu reden, bei Völkern begegnen, „wo der traditionellen und auf S e l b st b e d a r f gerichteten Produk- tionsweise ein fest abgeschlossener Kreis von Bedürfnissen entspricht." Das ist z. B. in Asien, besonders aber in Indien der Fall, und findet sich sogar noch in einigen von dem„verpestenden Hauch der Zivilisation" nicht angesteckten Distrikten Europas. Solche Leute Kapitalisten zu nennen, heißt die aus der heutigen Produktionsweise resultirende Kapitaleigen- schaft des Geldes auf das Geld schlechtweg überttagen, d. h. alle charak- teristischen Merkmale des modernen Kapitals verwischen, ein Verfahren, das wir, wie gesagt, der Vulgärökonomie überlassen können. In der heutigen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, und es handelt sich für uns doch um diese und nicht um irgend eine frühere oder auf irgend einer Südseeinsel herrschende Gesellschaftsform, ist Kapital die Summe angeeigneter fremder Arbeit— gleichviel ob diese Aneignung direkt oder mittelbar(durch Spekulation, Schenkung, Betrug».) vor sich ging, — die ihren Besitzer, den Kapitalisten, in den Stand setzt, den M ehr- Werth der Arbeit Anderer sich anzueignen. Ohne Lohnarbeit kein Mehr- werth, ohne Mehrwerth kein Kapital, kein Kapitalist. Sozialpolitische Rundschau. Zürich, 18. Juni 1884. — Auch ein Beitrag zur Parteimoral. Ein unter natio- nalliberaler Flagge segelndes Reptil, als dessen Chefredakteur Herr Cajus Möller— bekannt durch seine Todtredigirung der Bismarck- schen„Süddeutsche Presse"— figurirt, die biedere„Elberfelder Zeitung", benutzt unseren letzten Artikel:„Zur Taktik der Sozialdemokratie" zu einem allerliebsten journalistischen Taschenspielerstückchen, im gewöhnlichen Leben Fälschung genannt. Weil wir die verschwommene, sozialistisch schillernde Phrase als einen noch schlimmeren Feind als das sogenannte Manchesterthum bezeichnet haben— einen Satz, den wir in jeder Bezieh- ung ausrecht erhalten—, deduzirt das Bismarck'sche Reptil, wir hätten das Manchesterthum unter unsere Fittige genommen; und aus der That- fache, daß wir die Nothwendigkeit betonen, den wahren polizeilich-reak- tionären Charakter der Bismarck'sche»„Sozialreform" zu denunziren, liest es das„indirekte Geständniß von der für ihr(d. h. der Sozialdemo- kratie) Ansehen bedrohlichen Bedeutung der Sozialreform" heraus. Welche beiden Entdeckungen natürlich zum größeren Ruhme des Reichskanzlers und zu einem der berühmten Fußtritte auf den armen„Freisinn" be- nutzt werden. In unserem Artikel liege die„tiefste Geringschätzung für den deutschen Freisinn." Nun, was wir von dem„deutschen Freisinn" halten, darüber hat der „Sozialdemokrat", dächten wir, sich von jeher so unzweideutig ausgedrückt, daß man schon ein„doctor philosophiae" sein muß, um in besagtem Artikel irgend etwas Neues über diese traurige Mischung von hyper- loyalem Hohenzollernthum und liberaler Phraseologie zu finden. Ja, wenn der„Freisinn" die Titel, die ihm von Bismarck und seinen Or- ganen angehängt werden, wirklich verdiente, das wäre etwas Anderes! Da könnte man unter Umständen wirklich„ein Wahlbündniß nut ihm eingehen"; aber—„in dieser Beziehung ist der Satz nicht mehr zeitgemäß", heißt es in besagtem Leitartikel. Der Bismarck'sche Polizeisozialismus könnte unserer Partei allerdings gefährlich werden, darin hat das Amphibium von der Wupper Recht. Nämlich dann, wenn wir uns durch die„verschwommene sozialistisch-schil- lernde Phrase" verführen ließen, für ihn„auch nur zum Schein" ein- zutreten. Dann wäre es um das Ansehen unserer Partei geschehen, bei den Arbeitern! Denn der Bismarck'sche Polizeisozialismus, diese Karrikatur des wissenschaftlichen Sozialismus, erfreut sich zwar des Beifalls aller arbeiter feindlichen Kreise, die Arbetter selbst aber danken für dieses Obst. *) d. h. seiner verkauften Arbeitskraft. Wäre dem nicht so, dann wäre es eine sehr dumme Taktik, gegen jede Verwechselung unserer Besttebungen mit denen des Sozialreformeri der Elberfelder und sonstigen Korruptionsblätter zu protestiren. Nicht im Interesse unserer Partei, sondern im Interesse der Arbeiter bekämpfen wir die Bismarck'sche» Projekte. Wir wollen die Verantwor- tung für diesen Humbug nicht auf uns nehmen. Werden sie gegen uns durchgesetzt— gut! Unsere Partei wird dann nur gewinnen! Die Redensart, daß„die Sozialdemokratie das Manchesterthum unter ihre Fittige" nimmt, ist eigentlich zu albern, als daß wir darüber noch ein Wort verlieren sollten. Da nun aber„kein Ding so dumm" ist, daß es nicht doch„sein Publikum" fände, so sei hier noch einmal wiederholt, was wir des Oefteren ausgesprochen: daß es eine alberne Fäl> schung ist, erfunden von den Freihändlern älaBastiat, daß Alles, was nicht manchesterlich ist, was gegen das heilige„laissei faire" verstößt, Sozialismus sei. Nur ein seichter Nachschreiber wü B a st i a t konnte eine Broschüre„Zollschutz und Kommunismus" schrei- ben. Wenn jetzt die Schutz- und andere Zöllner den Spieß umkehre» und sich den Freihändlern gegenüber mit der ihnen entlehnten Phrase«- logie Sozialisten nennen, so ist das zwar für uns sehr lustig mitanzu- sehen, wir haben aber alle Ursache, jeder Verwechselung mit dieser Sorü Sozialisten rechtzeitig vorzubeugen, die aufdringlich hergestreckte„Bruder- Hand" ganz entschieden abzulehnen. Wer sich uns und aller Welt osfe» als Gegner der sozialistischen Bestrebungen zu erkennen gibt, der ist- und sei er noch so stark, uns allerdings lieber als der Schleicher, de« sich in einen, nach dem Schnitt des unsrigen verfertigten Rock hüllt, ui» mit uns verwechselt zu werden. Ihm den nachgemachten Rock vom Leib« zu reißen, jeder Verwechselung mit ihm dadurch vorzubeugen, daß«i« stärker als je die charakteristischen Merkmale unseres Sozialismus hervor- heben, energischer als je jeder Abschwächung, jeder Verwischung unser« Grundsätze entgegentreten, das ist allerdings heute eine der Hauptaufgaben unserer Taktik. Daß aber ein Organ dieser Fälschergesellschaft sich dieser gegen st« ergangenen Warnung noch rühmt, das ist allerdings„auch ein Bei- trag zur deutschen Parteimora l." — Was der Telegraph nicht Alles weiß. Während die europäische Spießbürger- und Polizistenwelt jüngst durch die Mittheiluni von� einem„Revoluttonskongreß" in London alarmirte, aus dem Liebknecht präsidirt habe(zu derselben Zeit befand sich Liebknecht in dem revolo- tionärer Umtriebe gewiß nicht verdächtigen deutschen Reichstage), Niel- dete er über den atlantischen Ozean an den„New-Iorker Herald" so!' genden lustigen Blödsinn, den die„New-Aorker Volkszeitung" seh« richtig mit„Korrespondenten-Phanlasie" abfertigt: „London, 1. Juni. Herr Wilhelm Liebknecht, der Sozialist aid Sachsen, welcher am 18. Mai in Paris eintraf, hat an eine dortig« revolutionäre Zeitung geschrieben, daß er von jetzt ab extremere Mast regeln als bisher empfehlen werde. Cr sagt, die Zeit sei gekommen und das Volk sei dazu reif,„daß jene verborgenen Waffen der Zerstörung- welche die moderne Wissenschaft den Unterdrückten in die Hand gibt"- zur Anwendung gebracht werden können. Die jetzt in Paris versain melten, leitenden Sozialisten haben diese Erklärung des Magdeburgers!! Revoluttonärs gutgeheißen und bereiten sich aus eine Blut- und Donnen Kampagne vor. „Vorgestern Nacht fand in Paris eine geheime Zusammenkunft stast an welcher Männer wie Jules Guesde, Paul Lasargue und ein Dutzend Anderer Theil nahmen, auf deren Köpfe die Hälfte de« Regierungen von Europa Belohnungen ausgesetz haben(!). Bei dieser Zusammenkunft wurde die Abhaltung ein« internationalen� Kongresses avancirter Sozialisten beschlossen. D>« Zeit und der Ort des Kongresses werden absichtlich geheim gehalten- aber das Gerücht sagt, er solle im September zu Antwerpen stattfinde� Trotzdem ist es mehr als wahrscheinlich, daß die Veröffentlichung dies« Arrangements eine Aenderung des Planes herbeiführen werde und d«! der Kongreß nach der Schweiz oder nach Amerika verlegt werdet wird." Punktum. So fruktifiziren hinter's Licht geführte Spitzel ih«« Reinfälle. — Die Vertheilung des Grundbesitzes in Preuß«� stellt sich nach der mit der allgemeinen Berusszählung vom Jahr 188' verbundenen landwirthschastlichen Betriebs st ati st ik f«" gendermaßen: Zahl der Land- In Proz. der wirthschaftsbetriebe Gesammtzahl Größenklassen der Anbaufläche unter 2 Ar bis (>.20 Hektar bis 2„„ ö„„ tü„„ 20„ ,, 20„„ 100„„ 200 ,, ,, 600„„ über 5 20 1 2 S 10 20 so 100 200 500 1000 1000 Ar Hektar 33,491 133,848 445.6SS 843,732 408,434 493,254 278,937 197,450 155,128 31,830 8,537 8,281 3,133 483 1.10 4.10 14.88 27.78 13.43 18.22 9.11 6.50 5.10 1.05 0.28 0.27 0.10 0.02 Zusammen: 3,040,198 100. Unter Bezugnahme auf diese Zahlen weist die„Freihandels-Korrespo" denz" darauf hin, daß nach dem Verhältniß, welches in Deutschland durchschnittlich zwischen der mit Brodkorn bestellten Fläche und d««« übrigen Ackerland besteht, ein Landwirth, der dauernd 20 Zentner Br«� korn, den Bedarf für eine Familie von fünf Köpfen, selbst produzir«« will, mindestens 5 Hektar in landwirthschaftlichem Betriebe Hab«« muß;„auch die Besitzer von 5— 10 Hektar werden in vielen Fäll«« wenig oder gar kein Brodkorn zum Verkauf bringen können, weil st mit der Produktion und dem Verkauf anderer Erzeugniffe ihren Bebte an allerlei Gebrauchsgegenständen, Kleidung». decken." „Blickt man", heißt es dann weiter,„nach diesem Ergebniß auf b>« oben zusammengestellten Zahlen zurück, so kommt man zu dem Schlub daß in Preußen 77.57 Prozent aller landwirthschastlichen Betrieb« unter 5 Hektar Anbaufläche haben, also nicht entfernt oder kaum g« nug für den Bedarf einer Familie von fünf Personen produziren; 9.l! Prozent, zwischen 5 und 10 Hektar, produziren im Durchschnitt ein au� reichendes Quantum, im Einzelnen einige Zenwer mehr oder weniges nur 13.32 Prozent aller Betriebe produziren üb«« den eigenen Bedarf hinaus. Ihretwegen allein st»« die Getreidezölle da, die angeblich im solidarischem Jntereffe der Lanb wirthschaft liegen sollen. Von diesen 13.32 Proz. sind nun noch wied«« 11.80 Proz. mtt einer Anbaufläche von 10— 60 Hektaren, also mit ein«� Verkaufsquantum von Getreide von 1—6 Tonnen. Die heuttgen Getteid«' zölle würden diesen Bettieben also ein Plus in der Roheinnahme v»« 10—80 Mk. verschaffen. Für andere Theile Deutschlands, in weichend«« Getteidebau vor dem Bau von Handelsgewächsen, Weinbau u. s. � weit mehr zurücktritt als in Preußen, wird der Prozentsatz der Begib« sttgten noch geringer sein. Zur Kennzeichnung des angeblich für d<« „Stand der kleinen Grundbesitzer" ersonnenen Planes einer Erhöi.« ung der Getreidezölle sind diese Zahlen unzweifelhaft rein schätzenswerth." Freilich sind sie das. Der„Bruder Bauer", dem Bismarck so wost! wollende Briefe schreibt, ist der Geleimte. Für die Herren Großgruv� besitzer und den Nimmersatten Steuerfiskus sind die Getreidezölle gemw worden, und nicht im Jntereffe des armen Landvolks, das zum größt«' Theile noch Brod oder Brodkorn zu dem geernteten hinzukaufen muh wird die wettere Erhöhung derselben, d. h. weitere Vertheuerung b«* Arodes, geplant, sondern im Jntereffe eben dieses Fiskus und dq Großgrundbesitzer, deren Söhne zudem aus eben diesem Fiskus gefütttn werden. Das mögen unsere Genoffen, wenn sie auf dem Land« agitiren, d« Bauern recht eindringlich vorhalten. — Der deutsche Reichstag hat, neugestärkt durch die Rust der Ferien, sein Werk der Volksbeglückung fortgesetzt. Die erste Sitzu«? nach den Ferien war dem famosen Antrag Ackermann gewidw«' nach welchem den Behörden die Befugniß ertheilt werden soll, Nilst innungsmeistern das Recht, Lehrlinge zu halten, zu entziehen; mit ob deren Worten, den Innungen das Monopol der Lehrlingsausbeutung r bH gewähren— eine weitere Etappe zur Erlangung der obligatorische» Innung. Der Antrag ward auch in sofortiger zweiter Lesung mit einer Majorität von lS7 Stimmen, bestehend aus Zentrum, Konserva- nven, Freikonservativen jc., gegen 144 Stimmen angenommen. Unsere Abgeordneten stimmten— wie wird Dir, Elberfelderin?— mit den Manchesterleuten. Sie thaten das in der sehr richtigen Erkenntniß, daß die ganzen Innungen nichts anderes sind als Organisationen zur Unterdrückung der Arbeiterklasse, ihre staatliche Privi- iegirung nur den Zweck hat, sie in dieser polizeilichen Thätig- '« i t zu unterstützen. Was heute im Rheinland, in Oberschlesien ic. die ßsvßen Werks- und Hüttenbesitzer gegen ihre Arbeiter thun, das wollen die biederen Jnnungsmeister ihnen gern nachmachen— weil sie n~� oben nichts ausrichten können, wollen sie gern nach unten drücken._ det Petition des Schuhmacher- Jnnungsbundes wird es mit dürren Worten gesagt: «Wenn bei den Jnnnungsmeistern Zucht und Ordnung gegew Uber den Gesellen und Lehrlingen aufrecht erhalten wird, wie es di< Standesehre erfordert," ,c. ic. und„nur dadurch, daß den Innungen die nöthigen Rechte eingeräumt werden,.... werden„Ausnahme- besetze, wie sie die Neuzeit geschaffen, in Zukunft überflüssig sein." Herr Majunke, der diese Petition vorlas, setzte erläuternd hinzu:„Es >st dies eine Anspielung auf das Sozialistengesetz." Nun, das brauchte nicht erst gesagt zu werden, die Stelle ist deutlich genug. Nur täuschen sich die biederen Jnnungsmeister. Trotz aller Privilegien werden sie das schöne Ziel, die„Gesellen" wieder in„Zucht" »u bekommen, nicht erreichen, so wenig sie das Handwerk überhaupt durch dieses Mittel retten werden. So edel die Absicht ist, so unwirksam �st das Mittel, und von diesem Standpunkt aus ist es uns ziemlich „Wurst", ob das Gesetz in dritter Lesung angenommen werden wird t* n'�' Ersteres wäre vielleicht ganz wünschenswerth, um so schneller würde der den Jnnungsagitatoren auf Treu und Glauben Nachlaufende Troß der„Krüppelschützen" geheilt werden.— Der zweite Tag galt dem Antrag Windthor st auf Aufhebung des sogenannten Expatriirungsgesetzes, eines der verhaßtesten «ulturkampfgesetze, vermöge deffen die Regierung Geistliche, die„unbe- fugter Weise" Kirchenämter ausüben, außer Landes weisen,„expatriiren" kann. Mit allen gegen die Stimmen der zwei preußischen Minister, die Zugleich Abgeordnete sind, und der Nationalliberalen stimmte der Reichstag dem Antrag Windthorst zu. Da aber Bismarck dieses besetz zu weiteren Tauschgeschäften braucht, so wird dasselbe fortbestehen, Und wem das nicht paßt, der kann— sein Mandat niederlegen. Exininister Hobrecht, der jetzige Führer der Nationalliberalen, be- gründete die Haltung seiner tapferen Schaar damit, daß er den Aus- u>eisungsparagraphen für das„mildeste und humanste Mittel" gegen widerhaarige Geistliche erklärte. Glänzender konnte er seine Qualifikation Zum Führer der„ Gemäßigten" im Lande allerdings nicht doku- wentiren. Am gleichen Tage gelangte ein weiterer Antrag des handwerkrettenden Herrn Ackermann auf Errichtung von G e w e r b e k a m m e r n zur Verhandlung. Der Zweck desselben liegt auf der Hand. Das Handwerk uls„konservativer" Faktor soll größeren Einfluß auf die Gesetzgebung erlangen. Unsere Abgeordneten hatten zu diesem Antrag einen Unterau- "ug auf Errichtung von A r b e i t e r k a m m e r n eingebracht, welchen Genosse K a y s e r in ausführlicher Rede sehr richtig dahin begründete, baß dje Sozialdemokratie die Gewerbekammern der Handwerker auf Grund der Erfahrungen der Staaten, wo solche oder ähnliche Einrich- tungen bestehen, für arbeiter feindlich erkannt hat, auch ihren angeb- lichen Nutzen für die Handwerker bestreitet, und daher gegen sie stimmen Müßte. Für den Fall aber, daß sie angenommen würden, sei eine ent- sprechende Organisation der Arbeiterklasse die nothwendige Ergänzung dieses Gesetzes. Der Antrag Ackermann wurde hinterher von den Antragstellern zurück- llrzogen, nachdem ihnen Herr v. Bötticher in huldvollster Weise versichert, daß die Regierung auf dem besten Weg sei, ihren Wünschen zu entsprechen. Zu einem heißen Redekampf gab am 14. Juni der Gesetzentwurf auf Subventionirung überseeischer Postdampferlinien Veranlassung. Ohne daß von irgend einer Seite ein Wunsch danach geäußert worden war, fiel es Bismarck plötzlich ein, jährlich 4 Millionen Mark aus dem Staatssäckel für Unterstützung von Postdampfern nach Asien, Australien— womöglich nach dem Monde auszusetzen. Auf diese Weise soll der Export- Handel nach überseeischen Ländern, dem es gar Nicht an Verbindungen fehlt, staatlich befördeit werden. Großer Jubel darob bei allen Staatshilflern, sowie bei Allen, die für überseeische Ko- konien w. schwärmen. Daß diese 4 Millionen viel zweckmäßiger verwendet werden könnten, siel keinem dieser Herren ein— je nebelhafter der in Aussicht gestellte Nutzen, desto erstrebenswerther erscheint er ihnen. Ihre schönen Träume wurden durch das von Bamberger ins Feld geführte Zahlenmaterial arg erschüttert, und die Antworten von Bis- marck und Stephan auf die Einwände des freihändlerischen Redners waren so Nichtssagend, daß in der That ein starker Glaube dazu gehört, noch daran festzuhalten, daß diese Subvention in selbstloser Weise im Jnter- �sse des deutschen Handels angeboten worden sei. Dahinter steckte eine andere Absicht:dieVerstaatlichungderDampfschifffahrt soll auf diese Weise ang.bahnt werden— nach demselben Muster, wie dw Verstaatlichung der Eisenbahnen: Bestechung der Einen und Druck wit Hilfe der Bestochenen auf die Andern. Und wie bei den Eisen- bahnen, so findet Bismarck auch hier seine diensteifrigen Leute. Herr jj- I. Meier, Abgeordneter für Bremen, großer Freihändler vor dem Herrn, trat für die Subvention ein, denn— Herr Meier ist Direktor des„Norddeutschen Loyd" und diesem soll der Auftrag werden, die neue Dainpferlinie einzurichten! So wird's gemacht, sagt Bismarck— unser unermüdlicher Maulwurf! � Etwas vom Weltmarkt. Wie überladen der Weltmarkt wrt allen Produkten der Großindustrie, der eigentlichen Exportindustrie kst. und wie jeder neue Markt, der sich öffnet, jedes neue Absatzgebiet, das sich neu oder auf's Neue erschließt, sofort von allen Seiten mit Waaren überschwemmt wird, geht aus einer Zusammenstellung der Zeit- Ichrist„Export" hervor, der wir einige besonders charakteristische Stellen entnehmen wollen: »In Chile", heißt es,„sind in Folge des Sieges über Peru, durch welchen Chile ein gutes Absatzgebiet wurde, so große Massen europäischer Waaren eingeführt worden, daß die noch jetzt vor- pandenen großen Vorräthe einen weiteren Aufschwung des Exportes nach Ghile verhindern."— „Aus Argentinien, welches übrigens als sehr kauffähig geschildert wird, lauten die Berichte dahin, daß der Markt mit europäischen Waaren überfüllt ist und unsolide Elemente den Handel ae- schädigt haben." .„Auch Afrika", heißt es weiter,„wird von europäischen Waaren wicht allzuviel aufnehmen können", und zum Schluß: „Unsere Quelle knüpft an diese für den diesjährigen deutschen Export nichts weniger als günstige Schilderung die Mahnung an die deutsche Industrie, die Zeit wirthschaftlicher Depression zur Anbahnung guter Verbindungen zu benützen, um nach Eintritt besserer Marktverhältnisse sofort mit Offerten und gut ausgewählten Mustern auf dem Markte zu �scheinen." So gescheidt werden natürlich andere Leute auch sein, so daß die „besseren Marktverhältniffe", wenn sie überhaupt eintreten, sehr bald «Wer neuen„Depression" Platz gemacht haben werden. Und so mit Grazie fort in infinitum, d. h. bis die Blase endlich platzt. — Wer ist der Schuft? Außer den Briefen an Kaltenbach, die wir in voriger Nummer zum Abdruck gebracht, hatte Stellmacher «inen an den österreichischen Gesandten in der Schweiz, Baron von vttensels, geschrieben. Dieser, vom 13. Januar 1883 datirt, lautet: „Unterzeichneter erlaubt sich, Eurer Exzellenz Nachstehendes zur Kennwiß zu bringen, in der Voraussetzung, dem österreichischen Staate Dienste damit zu leisten. Ein österreichischer Unterthan hat das sozialrevolutionäre Organ„Freiheit" redigirt, und zwar vom 8/7. bis 12, 8. 1882. Derselbe befindet sich gegenwärtig in Oesterreich, ebenfalls für die„Freiheit" thätig, und zwar schon sett sechs Monaten. Er hat die Redaktion nur dadurch ausgegeben, weil er zur Ordnung seiner Vermögensverhältnisse nach Hause mußte. Wenn dem österreichischen Staate daran gelegen ist, dieses Mannes habhaft zu werden, so bin ich bereit, gegen Gratifika- Ü tion den Namen zu nennen, mitzutheilen, wo er sich aus hält, ebenso die Beweise zu verschaffen, daß er die„Freiheit" redigirt hat. Diese Angelegenheit müßte jedoch schnellstens erledigt werden, weil mir sonst Gelegenheit genommen wäre, bestimmt zu sagen, wo er sich aufhält. Wenn Eure Exzellenz Nachricht von Oesterreich haben, mit mir in Verbindung zu treten, so bin ich bereit, nach Bern zu kommen; jedoch müßte ich Gewißheit haben, daß mir Reisekosten vergütet werden. Ebenso möchten mir Eure Exzellenz mittheilen, wie hoch die Gratisikation ist, die mir zugesichert wird, und wann ich dieselbe erhalte. Ich mache Eure Exzellenz daraus aufmerksam, daß, wenn ich gut honorirt werde, noch mitttheilen kann, wer die„Freiheit" nach Oesterreich spedirt und auf welchem Wege. Ebenso könnte ich dafür sorgen, daß jede Sendung des sozialistischen Organes„Sozialdemokrat" in die Hände der Regie- rung fällt; der österreichische Staat würde an mir einenzu- verlässigen Agenten haben. In Erwartung, daß Eure Exzellenz die Güte haben werden, mich baldmöglichst zu benachrichtigen, zeichnet sich achtungsvoll H. Stellmacher, Cordonnier, Reserve-Unteroffizier des königlich sächsischen 2. Grenadier-Regiments. NB. Bitte, haben Sie die Güte, kein Kouvert zu nehmen, worauf der Gesandtschaftsstempel ist, ebenso wird es mir sehr angenehm sein, wenn Cure Exzellenz die Güte hätten, in dieser Angelegenheit selbst zu schreiben, da dann Gewißheit vorhanden ist, daß über diese Angelegenheit nichts verlautet." Als dieser Brief oerlesen ward, und Stellmacher auf die Anfrage des Präsidenren, was er dazu sage, in sehr unsicherem Tone er- widerte, er habe diesen Schritt gethan, weil er und seine Freunde aus der Affäre Schmidt gesehen, daß man„durch Derartiges" Manches erfahren könne, ertönte aus dem Publikum mit lauter Stimme der Ruf: Schuft! Und eine Schufterei liegt hier in der That vor. Die Briefe an Kalten- bach lassen noch die Deutung zu, als habe es sich ausschließlich um eine Nassührung der Polizei gehandelt; in dem obigen Briefe aber sind so spezifizirte Angaben über die Dienste, die gegen Gratifikation geleistet werden sollen, gemacht— die Persönlichkeit, die der österreichischen Polizei für baares Geld in die Hände gespielt werden soll, ist für jeden nur einigermaßen Unterrichteten so unverkennbar gekennzeichnet, daß an dem guten Willen, das Geld zu verdienen, nicht gezweifelt werden darf. Dabei handelte es sich hier um einen Genossen, um einen Anhänger der eigenen heiligen Sache, um einen Mann, der, nachdem er die„Freiheit" redigirt, noch in Oesterreich für dieselbe thätig war. Die„Gemäßigten" wußten das Alles ebensogut, sie wußten, daß dieser Mann in Oesterreich gegen sie wirkte, die Beschimpfungen gegen ihre Partei kolportirte— wer von ihnen wäre aus die infame Idee gekom- men, ihn der Polizei zu denunziren? Eine solche Schufterei blieb seinen anarchistischen, seinen radikalen Freunden überlassen. Wer aber ist der Schuft? Die„Gruppe" Zürich der famosen„Internationalen Arbeiter-Affoziation" hat selbst erklärt, sie habe von diesen Briefen Stellmacher's vor deren Absendung Einsicht genommen und sie gebilligt. Sie wäre also zum Mindesten Mitschuldige an dieser Schufterei, Mitschuldige in jeder Be- ziehung. Man könnte demnach eigentlich fragen: wer sind die Schufte? Nun weiß man aber, daß ein Mitglied dieser sehr, sehr kleinen „Gruppe", der Gründer derselben und ver Mentor Stellmacher's, gerade mit dem in dem Brief bezeichneten„Genoffen" persönlich über- warfen war. Er hat um diesen Brief gewußt, er hat ihn nach eige- nem Eingeständniß gebilligt.— Wer ist der Schuft? Diese Frage mögen sich diejenigen Anarchisten beantworten, die noch nicht jedes Gefühl für Ehre und Pflicht verloren haben. — Volksparteiliche Gesinnungstüchtigkeit. In seinem Bericht über die so jämmerlich in's Wasser gefallene militärisch- dynastische Feier zur Grundsteinlegung des Reichstags bemerkt ein Ber- liner Denunzianten- und Polizeiblatt, nebenbei auch Leiborgan des Herrn Bismarck:„Natürlich fehlten die Abgeordneten der Volkspartei." Der Moniteur der Volkspartei, die„Frankfurter Zeitung", druckte in seiner folgenden Nummer die Notiz ab und machte dazu die Bemerkung:„Na- türlich hat das Blatt gelogen." Wir waren in der That etwas überrascht, denn wenn auch das besagte Blatt das Lügen geschäfts- und handwerksmäßig treibt, so hatten wir doch jene Notiz„natürlich" für richtig gehalten. Wir haben, wie unfern Lesern bekannt, zwar sicherlich keine Illusionen hinsichtlich der„ d e m o- kratischen" Gesinnungen unserer Herren Volksparteiler, allein daß sie die Verleugnung der demokratischen Prinzipien so weit treiben wür- den, sich an einem Feste zur Verherrlichung des Junker- und Militär- staates und zur Degradirung des im Parlamentarismus, trotz alledem und alledem, steckenden Prinzips der Volkssouveränetät zu betheiligen — das hielten wir— offen gestanden— nicht für möglich; und wir zogen sofort Erkundigungen an geeignetster Stelle, d. h. bei einem Mitgliede der Volkspartei, ein. Der Bescheid lautete zu unserem Er- staunen: „Ja, die„Frankfurter Zeitung" hat Recht. Es waren fünf von uns bei der Feier zugegen. Und warum hätten wir wegbleiben sollen, da wir in Berlin waren?" Also die Thatsache steht fest. Ein Kommentar ist überflüssig. Wir wollen blos noch erwähnen, daß nicht einmal von der konservativen Fraktion sich relativ so viele Mitglieder eingefunden hatten, wie von den gesin- nungstüchtigen„Republikanern" der Volkspartei, und daß unter den fünf Anwesenden die Herren Payer, der Staatsmann der„Partei", und Mayer, der Mirabeau und Volkstribun der„Partei", sich be- fanden. Wer weiß, am Ende avancirt der Letztere demnächst zum Sprechminister und der Erster« zum Oberstaatssekretär und- Stellver- treter des großen Otto. Und noch vor wenigen Jahren wollten die Beiden den bösen Reichs- kanzler zum parlamentarischen Frühstück aufspeisen! So ändern sich die Zeiten, und die nicht waschechten Menschen. — In Bezug auf die Affaire Rittinghausen haben wir unseren durchaus korrekten und authentischen Mittheilungen in der vorigen Nummer des Parteiorgans nur noch Folgendes ergänzend hin- zuzufügen: Die Abgeordneten Hasenclever und K r ä ck e r, welche sich im Auftrag der Fraktion in den Solinger Wahlkreis begaben, haben dort nicht das Mindeste erfahren, was aus die Absicht einer Auflehnung von Genossen gegen den bekannten Fraktionsbeschluß schließen ließe. Bedauern wurde von Einzelnen wohl geäußert, daß es zum Eklat gekommen, allein nach Anhören der Fraktionsdelegirten mußte von den Genossen auch zugestanden werden, daß die F r a k t i o n an dem Eklat unschuldig sei. Eine neue Kandidatur ist noch nicht aufgestellt, auch noch nicht vor- eschlagen worden. Die Fraktion überläßt die Kandidatenfrage der nitiative der Genossen im Solinger Wahlkreis. Nur soviel ist gewiß, daß Rittinghausen für die nächste Reichstagswahl nicht Kandidat der sozialdemokratischen Partei sein wird. - Wiederum durchläuft eine grausige Attentats- g e s ch i ch t e die deutsche Presse; in Elberfeld soll eine von Amerika herübergekommene Dame mit vier Koffern voll Sprengstoffen verhastet worden sein. Ausgeheckt ist diese Geschichte von dem freisinnigen „Berliner Tageblatt", demselben Blatt, das im Attentatssommer 1878 durch seine fortgesetzten Lügenberichte am meisten Reklame für das Sozia- listengesetz machte. Dieses Blatt ist überhaupt ein Polizeiorgan schlimmster Sorte. — Die A r b eit e r f r e u nd l i ch k e i t der konservativen Landjunker, auch Agrarier genannt, wird durch einen in der deutschen Presse zirkulirenden Bericht über eine Sitzung des land- wirthschaftlichen Vereins des Riesengebirges" vortrefflich illustrirt. Da wurde weidlich überJndustrie und Eisenbahnen hergezogen, weil sie den Landwirthen die nothwendigen Arbeitskräfte entziehen. „Als ein besonders schlimmes Ding", heißt es wörtlich,„wurde die Festsetzung derLöhne und der Arbeitszeit bei den Eisen- bahnbauten und Bahnarbeiten bezeichnet, die einen deprimirenden Einfluß aus die Landarbeiter ausüben müsse. Wenn die Eisenbahn- arbeiter bei höheren Löhnen schon Feierabend machen dürften, wenn der landwirthschaftliche Arbeiter erst recht zu schwitzen anfange, so müsse das Unzufriedenheit erregen. Der Verein will deshalb bei der königlichen Eisenbahn-Direktion vorstellig werden, daß sie in dieser Richtung Aen- derungen eintreten läßt, damit die ländlichen Arbeiter keinen Grund mehr haben, die Eisenbahnarbeiter zu beneiden." Sehr liebenswürdig, nicht wahr? Die Eisenbahnarbeiter, die in Preußen bekanntlich ganz miserabel bezahlt werden, ein Gegenstand„depri- mirenden(niederdrückenden) Neides für die Landarbeiter, die„dann erst recht zu schwitzen beginnen", wenn der Eisenbahnarbeiter Feierabend macht,— was für reizende patriarchalische, fast hätten wir gesagt para- diesische Zustände! Da begreift man den Widerstand dieser Herren gegen die Ausdeh- nung der Krankenversicherung auf die Landarbeiter, die nach Bismarck nicht nöthig ist, weil der Gutsbesitzer„ohnehin für seine Tagelöhner sorgt"— nämlich so gut sorgt, daß ein Vergleich ihres Looses mit dem der schlechtestgestellten Jndustrieproletarier„einen deprimirenden Einfluß ausübt!" Das sagt mehr als ganze Bände. — Reichstags-Kandidaturen. Mannheim: Aug» st Dreesbach; Bielefeld-Wiedenbrück: D. Hegemann. — Logik?! Die„Neue Zürcher Zeitung", das Hauptblatt der Liberalen im Kanton Zürich, benutzt die Stellmacherbriefe und unsere Kritik derselben zu folgenden Freibrief für die Bismarckische Polizei: „Nur Eines wollen wir hervorheben: die Sozialisten und An- archisten und wie sie alle heißen mögen, sollen nicht mehr kommen und über Agents provocateurs schreien! Wenn man nach den Enthüllungen des Stellmacher-Prozesses nicht mehr weiß, was ein wirklicher und ein scheinbarer Polizeiagent ist, so wird auch der Unterschied zwischen einem von der Polizei und einem von der Partei angestellten Agent provocateur schwer zu erkennen sein. Es bürgt uns Niemand dafür, daß die Partei, um die Polizei zu dis- kreoitiren, nicht auch Agents provacateurs von sich aus anstellt? Die Sozialisten' und Anarchisten haben ja offen erklärt, daß sie zur Erreichung ihres Zweckes vor keinem Mittel moralische Bedenken hegen." Weil also e i n Anarchist sich der Polizei als Denunziant an- bietet, sollen„die Sozialisten und Anarchisten uud wie sie alle heißen mögen"— dieses„wie sie alle heißen mögen" ist reizend!— nicht mehr über Agent provocateurs, auf deutsch Hetzagenten,„schreien"! Die „Neue Zürcher Zeitung" wird ihnen keinen Glauben schenken. Es bürgt ihr Niemand dafür, daß nicht der Agent die Polizei blos diskreditiren wollte. Der„Neuen Zürcher Zeitung" ist gar nichts von einem„Zeugen" Henze, von einem Horsch, einem Schmidt, einem Friedemann bekannt. Wahrscheinlich hatte die demokratische Partei seinerzeit Ohm und Henze angestellt, um Stieber zu diskreditiren, wahrscheinlich die„Partei" Horsch an Rumpf, Schmidt an Weller, Friedemann an Madai empfohlen. Die arme, unerfahrene Polizei ist die Verführte und die„Sozialisten und Anarchisten und wie sie sonst heißen mögen", sind die bösen Ver« f üh r e r! Einem Schweizer, der nie Gelegenheit hatte, die Praktiken der preu- ßisch-deutschen Polizei, das System S t i e b e r, kennen zu lernen, könnte man diese vorsündfluthliche Naivetät allenfalls noch verzeihen— sie würde nur seiner Urtheilskraft ein schlechtes Zeugniß ausstellen—, aber die„N.Z.Z." wird von einem Manne redigirt, der in diesen Dingen kein Neuling ist, der als jahrelanger Präsident der„internationalen Friedens- und Frei- heitsliga", als Bundesbruder Mazzini's, als Dutzfreund Bakunins, reiche Erfahrungen in diesem Artikel gesammelt hat, bei ihm kann von Un- kenntniß der Verhältnisse oder mangelndem Verständniß für dieselben gar keine Rede sein. Herr Professor Gustav Vogt kennt den Unter- schied zwischen Anarchisten und Sozialisten„und wie sie alle heißen mögen" sehr gut, er kennt auch das internationale Hetzagententhum, und wenn er trotzdem hergeht und vor seinem Publikum Alles miteinander in einen Topf wirst, so ist das eine Handlungsweise, für die uns jeder parlamentarische Ausdruck fehlt. Herr Professor Vogt meint in derselben Notiz in Bezug auf unser Verfahren: dem auf Korruptionsversuche ausgehenden Kaltenbach einen gehörigen Reinfall zu bereiten, und dem Denunziationsanerbieten Stellmacher's, bezw. der anarchistischen„Gruppe", daß nach seiner Ansicht „alle beide stinken!" Wir beneiden den Herrn Professor um diese Subtilität der Geruchs- nerven. Wie sehr ist er doch über jenen römischen Kaiser erhaben, der in Bezug auf das durch die Vermiethung der Kloaken eingeheimste Geld vergnügt ausrief:„nov oletl"„Es stinkt nicht!" Der Polizei einige zu Korruptiovszwecken angebotene 2V-Frankenstücke abnehmen und zur Unterstützung der von eben dieser Polizei aus Erwerb, von Weib und Kind weggejagten Arbeiter verwenden— Pfui Teufel! Wie reinlich dagegen die über jeden Zweifel erhabene Stellung eines ChesredakteurS an einem Organ von so zahlungsfähiger Moral wie die„Neue Züricher Zeitung"! Oe st erreich. Der Prozeß Stellmacher, so sensationell er auch auf- gebauscht wurde, bietet eigentlich kein hervorragendes Interesse, er schrumpft, wenn man die Verhandlungen genauer durchliest, gegenüber dem, was vorher offiziös darüber geschrieben wurde, erheblich zusamnien. Abgesehen von der Ermordung Blöch's, bei der Stellmacher in üazravti ertappt wurde, war das Beweismaterial für die Anklage doch ein mehr wie nothdürftiges; bezüglich der Betheiligung am Eisert'schen Raubmorde war das einzige Beweismittel der in der Eisert'schen Wechselstube auf- gefundene Messingslist. Stellmacher selbst gestand gleichfalls nur die Ermordung Blöch's zu, welche übrigens allein schon hinreicht, ihm in Oesterreich ein Todesurtheil zu erwirken. Sonst stellte er alle gegen ihn erhobenen Beschuldigungen in Abrede und ließ es auf die Beweissührung ankommen. Bei der Motivirung seiner That wies Stellmacher auf die Sünden der heutigen Gesellschast wider die Kinder der Armen hin und brach dabei wiederholt in Schluchzen aus. Auch während der Rede von An- kläger und Vertheidiger ward er vom Weinen übermannt. Als er zu seiner eigenen Vertheidigung das Wort erhielt, beschränkte er sich darauf, noch einmal aus die Vernachlässigung der Kinder des Proletariats hinzu- weisen. Im Ganzen machte er den Eindruck eines unselbstständigen, allen Gesühlswallungen leicht zugänglichen Menschen, den Erziehung, Lebensschicksale und schließlich die Lektüre der anarchistischen Blätter zum Fanatiker gemacht haben, zum blinden Werkzeug in der Hand Derer, denen er vertraute. Zweifelsohne ist er überzeugt, der Sache der sozialen Revolution einen großen Dienst geleistet zu haben; und in dieser Ueberzeugung— oder wenn man will, in diesem Wahne, wird er wohl auch das Henkergerüst besteigen.— — Belgien. Die Wahlen zur Deputirtenkammer haben eine voll- 'tändige Niederlage des Liberalismus gezeitigt, die Klerikalen eine o bedeutende Majorität erlangt, daß das bisherige liberale Ministerium Fröre-Orban— in Belgien herrscht bekanntlich der konstitutionelle Parla- mentarismus— sofort einem ultramontanen Ministerium Malou Platz gemacht hat. In der deutschen Presse werden alle möglichen Gründe für die Nieder- läge des Liberalismus aufgetischt. Je nach dem Standpunkt der betreffenden Blätter werden die gemäßigten oder die radikalen Elemente der liberalen Partei, d. h. im Allgemeinen die Spaltungen in den Reihen dieser selbst als Ursache angeführt, gegenüber der Geschlossenheit der katholischen Partei. Nun ist aber unseres Wissens überall die liberale Partei mit einer geschlossenen Liste vorgegangen; speziell in Brüssel, wo die Nieder- läge am größten, hatten die Radikalen mit den gemäßigt Liberalen-inen Kompromiß geschlossen und die äußerste Linke ihre Kandidaten zurückgezogen — der Hinweis auf die Spaltung ist also nach unserer Ansicht durchaus nicht geeignet, eine so eklatante Niederlage zu begründen. Weit plausibler erscheint dagegen eine andere Lesart, nämlich die, daß die Ultramontanen ihren Sieg nicht ihrem kirchlichen Programm, das sie hübsch in der Tasche behielten, sondern ihrer wirthschaftlichen Parole: Reduzirung der Steuern, zu verdanken haben. Das ist auch die Ansicht der in Gent erschemenden sozialistischen " �,D« abgelaufene Wahlkampf", schreibt sie,„war kein politischer, sondern ein Kamps materieller Interessen." Di- wirthschaftliche Krisis ist es, welche nach der Ansicht unseres Bruderorgans große Massen des Bürgerthums, dem die Regierung— d. h. die liberale Partei— statt Entlastungen neue Belastungen auf- erlegte, in die Arme der„Vorkämpser der materiellen Forderungen", wie sich die Klerikalen nennen, getrieben haben. Nicht der Syllabus und die Enzy klika, die sie so hübsch in der Tasche behielten. Das Bürger- thum kann den großartigen Gedanken von der Nothwendigkeit der sozialen Umgestaltung nicht fassen, und daher wirft es sich vor Angst Jedem in die Arme, der ihm Rettung, wenn auch nur zeitweilige, aus der jetzigen fatalen Situation verspricht. Ganz gewiß. Um aber den Sieg der Klerikalen nach seiner ganzen Tragweite beurtheilen zu können, muß man sich noch Folgendes ver- gegenwärtigen: Die Wahlen erfolgten nach dem alten Zensussystem, welches nur Denen Stimmrecht gewährt, die mindestens zwanzig Gulden (34 R!k.) direkter Steuern bezahlen. Das arbeitende Volk, die sogenannte ungebildete Masse, der man aus Furcht vor dem Ultramon- tanismus das Stimmrecht vorenthält, hat an dem Sieg des Pfaffenthums keinen Antheil. Es ist das„gebildete, aufgeklärte Bürger- thum", welches den Gegnern des obligatorischen Unterrichts den Sieg erringen half. Denn die Ausgaben für die Volksschule sind es, welche das Geschrei wegen Ueberlastung des Budgets hervorriefen. Alle anderen Ausgaben verzeiht das„gebildete Bürgerthum"! Heer, Büreaukratie— Alles, aber die Volksschule schlug dem Faß den Bode» aus. Es hieße die elende Fahnenflucht beschönigen, wollte man dieses Moment außer Acht lassen. Die Jndustriebarone wollen keine unterrichteten Arbeiter, sie wollen Lohnsklaven, sie haben trotz Schiller mehr Furcht vor dem freien Mann als vor dem„Sklaven, wenn er die Kette bricht". Denn um diesen zur Raison zu bringen, haben sie ja ein vortreffliches Heer! Ja, die wirthschaftlichen Fragen stehen im Vordergrund des öffent- lichen Lebens! Das ehedem himmelstürmende Bürgerthum denkt heute nur noch daran, seine irdischen Habseligkeiten zu retten, und, weiland Träger des öffentlichen Lebens, verkündet es jetzt das Dogma von der Verderblichkeit der politischen Parteiung. Immer deutlicher vollzieht sich vor unserem Auge dieser Prozeß der politischen Abdankung des Bürgerthums— es kämpft natürlich noch um die Macht— aber ver- drossen, halb widerwillig, und seine erleuchteten Geister ertheilen ihm Absolution unter der Parole: die Politik verdirbt den Charakter! Für eine im Verfall begriffene Klasse ist das auch richtig,— die Noblesse des vorigen Jahrhunderts durste mit Ausnahme der wenigen auf die Seite des aufstrebenden Bürgerthums getretenen Adligen das gleiche Wort auf sich anwenden,— aber sür eine vorwärtsstrebende Klasse hat das Wort keinen Sinn. Die Arbeiterklasse, der Löwe des IS. Jahrhunderts, läßt sich durch dasselbe nicht beirren. Sie, die zu einer Zeit, wo alle Welt in politischen Freiheitsphrasen schwelgte, die Untrennbarkeit der wirthschaftlichen und politischen Frage proklamirte, hält auch heute an ihrem Grundsatze fest, daß die politische Freiheit die unentbehrlichste Vorbedingung der ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen, die soziale Frage untrennbar von der politischen ist, sie kämpft unentwegt weiter sür die Erringung der politischen Emanzi- p a t i o n. — Sozialistische Presse und Literatur. I-auronco Gronlund, The cooporative commonwealt, in its ouilinea; an exposi- tion of modern sooialism.(Grundzüge der genossenschaftlichen Republik, eine Darlegung des modernen Sozialismus.) Boston, Lee und Shepard's Verlag.(Wird besprochen.) Korrespondenzen. — Barmen, 25. Mai. Vor einigen Wochen hielten die Genoffen des Wupperthaler Wahlkreises in einem benachbarten Gehölz eine zahlreich besuchte Zusammenkunft ab, in welcher der Genosse Fritz Harms definitiv als Kandidat sür die bevorstehende Reichstagswahl proklamirt wurde. Wir glauben mit dieser Kandidatur einen glücklichen Griff gethan zu haben; Genosse Harm steht seit den ersten Ansängen der Arbeiterbewegung in derselben und erfreut sich außerdem im ganzen Wahlkreise großer persönlicher Beliebtheit. Daß er auch fest und unent- wegt zur Partei steht und deren Prinzipien nach jeder Richtung hin vertritt, ist selbstverständlich und braucht nicht erst erwähnt zu werden. Die Wahlbewegung kommt auch hier allmälig in Fluß. Bereits in den ersten Tagen des Jahres hielten die Nationalliberalen des bergischen Landes einen sogenannten Parteitag ab, natürlich hinter sorgfältig ver- schlossenen Thüren; am verslossenen Sonntag traten die Christlich-sozialen, die etwas spekulativer sind und Jedermann gegen Erlegung eines Nickels Eintritt zu ihren Vorstellungen gewähren, in Aktion. Die from- men Herren hatten sich den Adlatus Stöckels, Herrn H ap ke, zu einem Vortrag verschrieben. Wir hatten uns auch den Nickel nicht gereuen laffen und waren am Platze. Nachdem Herr Hapke unter großem Aufwand von frommen Phrasen sich, und die Versammlung über das„schreckliche Verbrechen", am„Tage des Herrn" einen politischen Vortrag zu halten, beruhigt hatte, begann er auf die Sozialdemokraten zu schimpfen, warf ihnen mordbrennerische Agitationen vor u. s. w., und war'sehr erstaunt, als wir kräftig dagegen opponirten, da er augenscheinlich nicht vermuthet hatte, daß auch etwas sozialdemokratischer Sauerteig unter sein christlich- soziales Gemengsel gerathen. Er änderte auch sofort seine Thätigkeit und fing nun ganz fürchterlich auf die unglücklichen Nationalliberalen zu schimpfen an. Zum Schluß brachten wir eine Interpellation ein, betr. das„Recht auf Arbeit", die nach einem durchaus vereitelten Versuch des biederen Vorsitzenden, dieselbe zu unterschlagen, glücklich in Hapke's Hände ge- langte. Sie schien dem Pfaffen aber sehr ungelegen zu kommen, denn er ging nicht darauf ein, erklärte uns aber privatim, er werde sie am Mittwoch in Elberfeld beantworten. Man hätte nun von einem Prediger des Wortes: Eure Rede sei„Ja, ja! Nein, nein!" erwarten sollen, daß er schon der äußeren Reputation halbersein feierlich verpfändetes Wort halten werde. Aber weit gefehlt! Hapke verduftete schleunigst wieder an den grünen Strand der Spree, ohne uns seine Ansicht über das Recht auf Arbeit mitgetheilt zu haben. Wie es scheint, hat den Oberbonzen Stöcker, der sonst jeden vom Kanzler hingeworfenen Happen gierig auf- schnappt, der neueste Bismarck'sche Luftsprung derart verblüfft, daß er den diis minorum gentium noch keine Weisung hat ertheilen können. Zu Anfang dieses Jahres gelang es den uniformirten Schnüfflern, E h r e n- W i l s i n g an der Spitze, in dem benachbarten R o n s d o r f eme Kiste, enthaltend eine größere Anzahl Exemplare der Nr. 3 des „Sozialdemokrat", zu ergattern. Der Kommissar Wilstng, dessen Nieder- tracht glücklicherweise durch eine respektable Dosis Dummheit paralysirt wird, hat dabei ein wahres Kabinetstückchen von polizeilicher Jnquirungs- kunst geliefert. Er haussuchte in der Wohnung eines dortigen Genossen, stellte sich bei dessen Frau als„R e g i e r u n g s r a t h" vor und drohte ihr, als sie die Qualifikation des ehemaligen Bäckergesellen Wilsing als Regierungsrath nicht anerkennen wollte, mit Verhaftung. Die Drohung verfehlte ihren Zweck vollständig, die Arbeiterfrau ließ den Pseudo-Regierungsrath absallen, und Herr Wilsing mußte unverrichteter Sache wieder abtrotten. Bei der vor kurzem stattgehabten gerichtlichen Verhandlung wurde einer der wegen Expedirung der Sendung, resp. Verbreitung des„Sozialdemokrat" angeklagten Genoffen nach neun- wöchentlicher Untersuchungshaft freigesprochen, der andere zu zwei Monaten Gefängniß, und zwar— wie das uns gegenüber üblich— nur auf Indizien hin verurtheilt. Am Jahrestage der Revolution, sowie am Geburtstage Lassalle's wehten sowohl hier wie in Elberfeld die rothen Banner zum großen Mißvergnügen der armen Polizei. Im Hinblck auf die bevorstehenden Wahlen möchten wir den Genossen noch das Wort des alten Montecucculi einschärfen: Zum Kriegführen gebraucht man erstens Geld, und zweitens Geld und drittens viel Geld! Wir befinden uns im Kriege, soll derselbe mit Erfolg geführt werden, wird es auch materieller Mittel bedürfen, und darum muß es unsere nächste Aufgabe sein, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, mag es in der Fabnk oder Werkstätte, mag es im geselligen Kreise, mag es bei Familienfesten oder wo sonst immer sein, Beiträge zum Kriegs-, d. h. für jetzt Wahlschatz zu sammeln. M a r a t. — Dortmund, 8. Juni. Ein großartiger Leichenzug bewegte sich heute Mittag 12 Uhr von der Kampstraße nach dem Westenthor-Fried- Hofe. Es galt unserm Genossen Otto T ö l k e, Sohn des C. W. Tölke, die letzte Ehre zu erweisen. Deputationen von Iserlohn, Hagen und Marten eröffneten den Zug, Lorbeerkränze mit rothen Schleifen tragend. Der Leichenwagen war mit Blumen, Kränzen, Schleifen, meist in roth und weiß, dekorirt; 800 Genossen, rothe Blumen und Schleifen im Knopfloch, folgten dem Sarge. Ausfälliger Weise verschonte uns die Wohllöbliche mit ihrer Begleitung bis zum Friedhofe. Dort aber kam sie plötzlich in Sicht, begleitete uns nach der Grabstätte, woselbst Kom- missar M a i e r sich postirte und die Trauerfeierlichkeit überwachte. Mehrere Polizisten hatten sich unter die Menge vertheilt. Am Grabe trug der Gesangverein„Dortmunder Männerquartett" das Lied vor:„Am Grab der Todten", und zwar in vorzüglicher Weise. Alsdann bestieg Genosse B r a ch w i tz den Hügel, um unserem dahin- geschiedenen Genossen einen würdigen Nachruf zu widmen. Kaum aber begann er zu sprechen, so trat auch schon Polizeikommissar Maier vor und verbot das Reden. Brachwitz fuhr jedoch ruhig fort, und ließ sich auch nicht beirren als er noch zweimal aufgefordert wurde, nicht zu sprechen, bis ihm von den Genossen einige zuriefen, er möge abtreten. Diesen leistete er Folge, um keine weitere Störung zu verursachen. Darauf übergab ihm ein Genosse den von uns Dortmundern gewidmeten Kranz. Brachwitz ergriff ihn und verlas mit donnernder Stimme die auf der Schleife gedruckte Inschrift: Ich lege den Kranz auf das Grab des Verstorbenen nieder, gewidmet von der Sozialdemokratie des Wahlkreises Dortmund. Hast frei gelebt, bist frei im Tod, Uns naht der Freiheit Morgenroth. Dann legten die übrigen Deputationen Iserlohn, Marten und der Gesangverein Männer-Quartett, ebenfalls mit kurzer Ansprache, ihre ge- widmeten Kränze nieder, worauf nach Vortrag eines weiteren Liedes die Genoffen den Sarg mit Erde bedeckten. Ein Zwischenfall darf hier nicht unerwähnt bleiben; wie gewöhnlich bei solchen Handlungen betrifft es den Pfaffen. Herr Hornung, dies der Name unseres Biedermannes, lief die ganze Zeit über wie eine Furie auf und ab, da er die Zeit nicht erwarten konnte, seinen Sermon zu beginnen. Wurden doch von diesem edlen Herrn die Todtengräber dazu angehalten, beim Kommiffar zu bitten, Platz zu verschaffen— nämlich beide offene Gräber waren dicht nebeneinander, und wir umstanden selbige fest. Jedoch hatte er kein Glück damit, denn wir setzten unsere Handlung unentwegt durch. Erst als sie vorüber, konnte Hornung be- ginnen, was auch geschah, und er verstand es prächtig, den Friedhof zu leeren. Gleich nach der Beerdigung versammelte sich der größte Theil der Genossen in einem bestimmten Lokale, woselbst die verbotene Leichenrede doch gehalten wurde; der Inhalt derselben war ungefähr Folgender: Verehrte Leidtragende, Freunde und Genossen! Wir stehen am Grabe des sür uns so früh dahingeschiedenen Freundes und Genossen. Die Eltern betrauern den Sohn, die Geschwister den Bruder, wir betrauern in ihm den Freund und Genossen, welcher alle Zeit bereit war, sür die Ideen der Sozialdemokratie zu kämpfen. Unentwegt war er bemüht, für die Verbesserung der Lage der arbeitenden Klasse zu wirken. Er hatte seine Klassenlage erkannt, so daß wir ihm nachrufen können: Er hat nicht umsonst gelebt, denn er wußte wohl, daß noch viele Millionen in Roth und Elend schmachten, als Enterbte der Gesellschaft. War es ihm auch nicht vergönnt, die Saat, die er ausgestreut, reifen zu sehen, so müssen wir uns an seinem offenen Grabe geloben, von Neuem das Bruder- band zu knüpfen, bis auch diese Saat Früchte trägt, bis der Tag kommt, wo in Süd und Nord, in Ost und West sich vereint die Arbeiter be- freien von dem Druck des Kapitals. Wollen Sie das Andenken des Todten ehren, dann tragen Sie diese Ideen hinaus in alle Kreise. Wenn dann auch unsere Uhr abgelaufen sein wird, so wird man auch uns nachrufen können: sie haben nicht umsonst gelebt! Stehen wir treu zu der Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und somit lege ich den Kranz auf das Grab des Verstorbenen nieder: Hast frei gelebt, bist frei im Tod, uns winkt der Freiheit Morgenroth!— Wir waren den ganzen Tag über beisammen, und gelobten uns von Neuem Treue zur Fahne, mag kommen, was da will! Den auswärtigen Genossen statten wir nochmals unseren Dank ab. Den Genossen aber, welche sich uns noch nicht angeschlossen haben, rufen wir zu: Säumet nicht, tretet ein in unsere Reihen mit dem Motto: „Frisch auf zum Kampfe!" 3. P. — Bom Neckar. Wenn nicht allzuoft von hier aus der Raum unseres Parteiorgans beansprucht wird, so dürfen die Genossen deshalb nicht glauben, daß hier alles in Ordnung sei und Württemberg etwa zu den„besten Staaten" zu zählen sei. Korruption und Niedertracht, seit Jahrhunderten das Prinzip der schwäbischen Herzoge, haben sich nicht minder als anderswo bei uns eingebürgert und gewissermaßen„demo- kratisirt", sofern sie nämlich von den Höfen aus in's Volk gedrungen sind, wenn auch zunächst nur in dessen„oberes Drittel". Der Belege über diese Verhältnisse gibt es gerade genug. Für heute will ich aus einigen schwäbischen Prachtexemplaren ein Sträußlein winden, und den Genoffen spenden; wenn dessen Duft gerade mcht sehr angenehm sein sollte, so wird man die Ursache nicht mir zuschreiben dürfen. In der Käthchenstadt, dem„goldenen" H e i l b r o n n, starb vor nicht langer Zeit der dortige Bürgermeister W ü est. Der Mann erfreute sich bei den Fabrikpaschas großen Wohlwollens; verstand er es doch trefflich, auf Kosten des Gemeindesäckels deren Interessen wahrzunehmen. Im Uebrigen war besagter W ü e st auch zum Landtagsabgeordneten ge- wählt worden, was ihn jährlich mehrere Monate vom Rathhaus der alten Reichsstadt am Neckar fernhielt. Es bildete sich nach und nach in der städtischen Verwaltung ein Schlendrian aus, der sich bis zur perma- nenten Mißwirthschaft entwickelte. Der Tod Wüest's ließ die Schönfärber verstummen. Und wie gewöhnlich in solchen Fällen, nun ging der Tanz los, nun wurde die Mißwirthschaft auf dem Rathhause täglicher Gesprächsstoff der Gevatter Schneider und Handschuhmacher. Wir wollen aber der Sache nicht vorgreifen. Zunächst mußte eine Ersatzwahl in den Landtag stattfinden und einigten sich hiebet alle„Ordnungsparteien" auf e i n e n Kandidaten, eine polittsche Null, aber ein Fabrikant, sehr reich und ein„Sohn der Stadt!" Hieran ist nur das eine bemerkenswerth, die Volksparteiler, d. h. unsere Demo- kraten, haben hiebet den eifrigsten Reaktionären Heerfolge geleistet,! und zwar unter bewährter Führung ihres lokalen Häuptlings, des Reichs- tagsabgeordneten Härle. Diese polittsche Wetterfahne und personifizirte Charakterlosigkeit hat allerdings damit dem Faß den Boden ausgestoßen, und jede andere Partei als die demokratische hätte ihn schleunigst aus ihren Reihen heraus- befördert; allein Pack schlägt sich und verträgt sich. Natürlich wurde der Kompromißkandidat gewählt; unsere Genossen erzielten aber mit ihrem Kandidaten, Genoffen Apotheker Lutz, einen immerhin bedeutenden Erfolg. Nun kam die Neuwahl eines Bürgermeisters, die im Schwabenlande bekanntlich auf Lebensdauer angestellt sind. Die Volkspartei stellte einen Amtsrichter auf, noch kandidirten zwei Amtmänner und ein Staats- a n w a l t. Letzterer errang den Sieg, und zugestandenermaßen deshalb, weil die lüderliche Wirthschaft auf dem Rathhause bereits so arg war, daß die Wähler meinten, nur ein Staatsanwalt könne diesen Augiusstall reinigen. Besagter Staatsanwalt aber, der neue Schultheiß von Heilbronn, der ehrenwerthe Herr Hegelmaier, verdient es, daß wir ihn den Ge- »offen vorstellen. Daß er der Sohn eines Vaters, der sich im Wahn- sinn erhängte, könnte ihm nicht angerechnet werden, wenn nicht die un- heilvolle Annahme so viel Rechtferttgung fände, daß in seiner Familie der Wahnsinn erblich sei; hat doch die berufliche Thätigkeit des Staatsanwalts schon oft Spuren davon aufgewiesen, daß des Vaters trauriger Zustand an dem Sohne nicht glücklich vorüberging. Seine Freunde behaupten und gedankenlose Schwätzer plappern es nach, daß er „unparteiisch" sei. Wir wissen aber, daß dies nur dann der Fall ist, wenn Hegelmaier selbst oder seine intimen Freunde nicht betheiligt sind. Für seine Unparteilichkeit spricht allerdings folgende Episode: Der Gerichtsnotar Bach, ein Schwiegersohn unseres Kultusministers G e ß l e r, und Besitzer einer halben Million, war wegen Unterschlag- ungen im Amte in Untersuchung gezogen worden, und gewährte der Untersuchungsrichter demselben verschiedene außerordentliche Vergünstig- ungen, so z. B. jene des Spazierensahrens. Als Hegelmaier hievon er- fuhr, äußerte er, Bach müsse wie ein anderer Häftling behandelt werden, was dann auch geschah. Natürlich verschnupfte dies höheren Orts und Hegelmaier wäre jetzt nach Ellwangen versetzt worden, wenn nicht seine Wahl zum Bürgermeister ihn davor bewahrt hätte. Daß aber dennoch meine Zweifel an der Unparteilichkeit Hegelmaier's berechtigte sind, möge nachstehende �Episode beweisen: Die jetzt in Stuttgart erscheinende „Württembergische Landeszeitung"(Organ der Nationalliberalen in Württemberg und der Polizei in Berlin) war früher im Be- sitze eines Herrn H a a g e n, eines gewesenen Auditeurs, der vom Militär deshalb gegangen wurde, weil er eine adamitische Tanzunter- Haltung so ungeschickt arrangirt hatte, daßsie zur Kenntnißder Behörden kam. Haagen glaubte dem Wunsche seiner Berliner Auftraggeber(die „schwäbischen Mostköpfe" für das Borussenthum zu gewinnen) besser entsprechen zu können, wenn er einen Ableger(mit eigener Druckerei) in Neckarsulm gründete. Dies geschah, und ein Schriftsetzer machte den„Verantwortlichen". Haagen und Hegelmeier waren gute Freunde; Letzterer schrieb auch für des ersteren Blätter. Hegelmaier ist der Schwiegersohn des Oberamts' richters in Neckarsulm und dieser, der übrigens lieber dem jungen lebensfrohen Bachus als der ernsten Themis dient, ein Feind des Stadtschultheißen Fischer in Mundelsheim. So geschah es denn, daß in der Neckarsulmer Zeitung mehrere Artikel gegen genannten Stadt- rezenten erschienen, worauf letzterer klagbar wurde und der„Verant wortliche" vier Monate brummen mußte für die Arbeiten Hegelmaier's und Haagen's. Nach erstandener Haft strengte der„Verantwortliche" eine Klage wegen falschen Eides gegen den als Zeuge in dem betr. Prozesse auf- getretenen Oberamtmann von Neckarsulm an, die letzterer mit einer Klage auf falsche Anschuldigung erwidert. Unser braver Hegelmaier nimmt jedoch diese Klage nicht an, und erst im Instanzenweg kann der Oberamtmann seine Klage durchsetzen. Nun wird der„Verantwortliche" wieder in Haft genommen, wo er auch neun Tage bleibt, während dieser Zeit aber in drei Audienzen bei dem Staatsanwalt Hegelmaier bearbeitet wird, seine Klage zurückzuziehen, indem er wahrscheinlich den Amtmann „mißverstanden" hätte und also nichts erreichen und nur„Andere hineinreiten" würde. Bezüglich der Klage wegen falscher Anschuldigung wurde der„Verantwortliche" genau instruirt, was er vor Gericht aus- sagen müsse. Und richtig, in öffentlicher Verhandlung, nachdem der „Verantwortliche" seine Lektion hergesagt, beantragt der unparteiische Hegelmaier Freisprechung„wegen Beschränktheit" des Angeschuldigten!! Kommentar überflüssig.— Zur Vervollständigung des Bildes sei noch erwähnt, daß der mehr-< erwähnte Haagen, der Arrangeur adamitischer Bälle, nach kurzer aus- hilssweiser Beschäftigung aus der Stuttgarter Stadtdirektion nunmehr Amtmann in Schwäbisch-Gmünd wurde, während der Schwiegervater Hegelmaiers disziplinarisch versetzt worden ist. Und eine solche korrupte Bande urtheilt über Recht und Unrecht, und faselt von göttlicher Ord- nung und ähnlichem Blödsinn! Nicht wahr, im Schwabenlande, ist's gemüthlich? Nächstens ein an- deres Bild, aber auch aus dem Rlchterstande, der hierzulande am wurm> stichigsten zu sein scheint. O d y s s e u s. Partei-Archiv. Quittung. Für das Parteiarchiv gingen ferner ein: Von C. Lübeck, Oberstraß: Demokratische Zeitung 1871 Oktober— Dezember. 1872 Januar bis Juni. Von e. A. Basel: 1 Bericht über den Nürnberger Arbeitertag 1883. 1 C. A. Schramm: Offener Brief an Dr. Max Hirsch. 1 Böhmert: Der Sozialismus und die Arbeiterfrage. 1 Thomaichewsky: Statistische Notizen für das deutsche Reich. 1885 1 kl. Staatshandbuch d. Reichs 1883. 1 I. Huber: Die Freiheiten der französischen Kirche. 1 Bericht über die Verhandlungen des zweiten Vereinstags deutscher Arbeitervereine. Von S. München: 1 Münchner Polizeizustände. Von Bertrand in Brüssel: Histoire de �Internationale. L'Amdriquo. Seances du Congrös Ourrier sooialiste de France. Von Joh. PH. Becker in Genf: Nr. 51. Ein Manuftript. Von L o tz in London: 1 La Femme au dixneuvieme Sifeole. 1 A. Clömenoe: L' Amnestie au Parlement. 1 Lettre ä Victor Hugo sur la question sociale. Von L. in Riesbach: 1 Herwegh: 21 Bogen aus der Schweiz. 1 Philosophische Bettachtungen über Pfaffen, Wunderwerke und Teufel. Rom 1790. 1 Alexander Herzen: Rußlands soziale Zustände. 1„„ Aus den Memoiren eines Ruffen. 1 Lippert: Die Prostitution in Hamburg. I Strauß und seine Lehre. Ein freies Wort an die freien Bürger in Zürich. 1839. 1 Kreisschreiben Gregor XVI. an die Bürger Zürichs. 1839. Die Archivverwaltung. Brieflastm der Cxpeditron: Schwarzer Taugenichts: Mk. 25 50 Ab. 2. Qu. U. Schft. und Mk. 8 80 Abon. 2 Qu. 2 Einsp. erh. Bstllg. folgt.— Ch. Pommer, Limeira: Bstllg. fort. Bbl.„Die Frau jc.", sobald Neuauslage fertig. Fehlends abgeg. Gruß!— Gänseleber: Mk. 50— Ab. 2. Qu. erh. Bstllg. folgt. Zwischenhand wird stets instruirt, genauest zu adressiren.— Schwäb. Heiland: Mk. 14 40 Ab. 1. Qu. in erh. Bfl. Weiteres.— Anzeigen. Gesucht für sofort ein tüchttger ZletallSriivIi.ei'. Dauernde Arbeit. Hoher Lohn. Reisekosten werden vergütet. Wegen näherer Auskunft wende man sich an K. Zimmermann, 1.40 Deutscher Verein Genf, me Ouillanme Teil 5. Sozialistische Aröeiterpartet Amerika. Tektto« Rew-Aork. Sitzung de« Zentralkomites jeden Dienstag«bendS 8 Uhr in Lincoln Hall, Ecke M-n und Houston Stteet. Jeden Samstag finden Versammlungen statt. Näh-reS steh« „New-Yorker Volks, ettung". Sozialistische Arbeiterpartei. Sektion Philadelphia. Unser Auskunstsbureau befindet sich: 1,25) Callowhill Sttee 325 in F. W. Fritzsche's Lokal. «»wei,eris»e«-n-ff-nichaftSbuchdruttrU H»Mngen.Ziktch.